Adam Smith
Adam Smith - Carl Jentsch Inhalt

Adam Smith

Titelseite

Adam Smith

Adam Smith

Adam Smith

Mit Bildnis

Ernst Hofmann & Co.
Berlin

1905

Geisteshelden
(Führende Geister)

Eine Sammlung von Biographien.
Neunundvierzigster Band

Besitzvermerk

Vorwort

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Die gebildeten Zeitungleser kennen Adam Smith fast nur als den von den einen gepriesenen, von den andern verwünschten Vater der Freihandelsschule – mit gleichem Recht könnte man ihn den Vater der Agrarier nennen –: dieses Büchlein zeigt ihnen den wirklichen und den ganzen Smith. Den Studierenden aber bietet es eine vollständige und von den überlieferten Irrtümern gereinigte Biographie des großen Schotten. Um die Smithbiographik steht es folgendermaßen. An zwei Abenden des Winters 1793 hat Dugald Stewart, Professor der Mathematik und Moralphilosophie zu Edinburgh, vor der Royal Society ein memoir gelesen, das der Lage der Dinge nach um so weniger eine ausführliche Biographie sein konnte, da es auch eine Würdigung seiner Werke enthält. Die späteren englischen und deutschen Biographen haben, höchstens einige Anekdoten beifügend, Stewarts Vortrag mit Variationen abgeschrieben, und diese waren meistens freie Phantasie, herausgesponnen aus einigen ungenauen und irreführenden Ausdrücken und Wendungen Stewarts. Emanuel Leser hat auf die in Briefsammlungen und Biographien von Zeitgenossen Smiths, namentlich in Burtons Hume-Biographie enthaltenen Korrespondenzen Smiths und gelegentliche Nachrichten über ihn hingewiesen und auf Grund dieser Quellen mehrere Irrtümer zu berichtigen versucht, und einige der von ihm bezeichneten Quellen sind dann auch von Delatour und Haldane benutzt worden. Aber erst Rae hat die Biographie Smiths geschrieben; die wirkliche, wahrheitsgetreue und richtige Biographie, auf Grund der Urkunden, die er den Archiven der Universitäten Glasgow und Edinburgh, der Royal Society und einer Anzahl von Familienarchiven entnommen hat. An Raes Hand können wir Smiths Lebensgang von Jahr zu Jahr verfolgen und lernen wir den Mann aus den geistigen Strömungen seiner Zeit und aus seinem Verkehr mit ihren Repräsentanten verstehen. Jede deutsche Smithbiographie kann der Hauptsache nach nichts anderes als ein Auszug aus Raes Buch sin, wenn man auch zur Vervollständigung des Bildes der einen oder der anderen älteren Schrift einen nebensächlichen Zug entnimmt. Leser sieht seine Vermutungen durch Rae glänzend gerechtfertigt und wird ja in der neuen Ausgabe des Handwörterbuchs der Staatswissenschaften (die ich nicht besitze) den biographischen Teil des Artikels Smith nach dem nunmehr maßgebenden Werke umgearbeitet haben.

In der Inhaltsangabe der Werke Smiths, an denen die meisterhafte und originelle Form nicht das am wenigsten wertvolle ist, lasse ich den Autor soviel wie möglich selbst sprechen; meine eingeschobenen Erläuterungen und kritischen Bemerkungen schließe ich in eckige Klammern. Die Stellen, an denen sich die Inhaltsangabe nicht bloß nach Möglichkeit dem Original anschmiegt, sondern Übersetzung des Wortlauts ist, durch Anführungszeichen kenntlich zu machen, habe ich nur bei dem nationalökonomischen Werke für nötig gehalten, dessen einzelne Sätze noch heute Gegenstand lebhaften Streites sind und das noch lange bleiben werden.

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Benutzt wurden:

The Theory of Moral Sentiments; or: an Essay towards an analysis of the principles by which men naturally judge concerning the conduct and character, first of their neighbours, and afterwards of themselves. To which is added: A Dissertation of the Origin of Languages, by Adam Smith, LL. D., F. R. S. New edition. London, Henry G. Bohn, York Street, Covent Garden, 1853.

Essays on Philosophical Subjects. By the late Adam Smith, LL. D., Fellow of the Royal Societies of London and Edinburgh etc. etc. London, printed for T. Cadell jun. and W. Davies in the Strand; and W. Creech, Edinburgh, 1795.

Dieses Buch wird in allen Literaturnachweisen unter dem falschen Titel: Posthumous Essays, published by Dr. Black and Dr. Hutton, angeführt. Infolgedessen bekommt man überall, auch auf der königlichen Bibliothek in Berlin, den Bescheid: nicht vorhanden. Der Freundlichkeit eines der Herren an der Breslauer Universitätsbibliothek verdanke ich es, daß ich das Buch trotz des falschen Titels schließlich noch bekommen habe.

An Inquiry into the causes and nature of the Wealth of Nations by Adam Smith, LL. D. Edited by James E. Thorold Rogers. Two Volumes. Oxford, at the Clarendon Press, 1869.

Untersuchung über das Wesen und die Ursachen des Volkswohlstandes von Adam Smith. Deutsch von F. Stöpel. 4 Bände 8°. Berlin 1878. (Vom ersten Bande ist soeben, mit der Jahreszahl 1905, eine zweite Auflage erschienen, durchgesehen und verbessert vom Verleger Robert Prager in Berlin.)

The Collected Works of Dugald Stewart, Esq., F. R. SS., edited by Sir William Hamilton Bart. Vol. X. Edinburgh, 1858. Biographical memoirs of Adam Smith, William Robertson, Thomas Reid.

Stewarts Memoir ist auch der Theorie der moralischen Empfindungen und den Philosophischen Essays vorgedruckt, aber ohne die nicht ganz unwichtigen Notes and Illustrations.

Life and Correspondence of David Hume by John Hill Burton, Esq. Advocate. Edinburgh, 1846.

Treatises and Essays on subjects connected with Economical Policy; with biographical Sketches of Quesnay, Adam Smith and Ricardo, by J. R. Mc. Culloch, Edinburgh, 1853.

The Fortnightly Review, edited by John Morley. Vol. XX, New Series, July to December 1876. Adam Smith as a Person by Walter Bagehot.

Untersuchungen zur Geschichte der Nationalökonomie von Dr. Emanuel Leser. I. Heft. 1. Aus der Lebensgeschichte des Adam Smith. Jena, Gustav Fischer, 1881.

Adam Smith, sa vie, ses travaux, ses doctrines par Albert Delatour, membre de la société d'économie politique. Ouvrage couronné par l'Académie des Sciences morales et politiques. Paris, 1886.

Great Writers, edited by Professor Eric S. Robertson, M. A. 9. Life of Adam Smith by R. B. Haldane, M. P. London, 1887.

Untersuchungen über Adam Smith und die Entwickelung der Politischen Ökonomie von Dr. Wilhelm Hasbach. Leipzig, 1891.

Life of Adam Smith by John Rae. London, Macmillan & Co. and New York, 1895.

The Fable of the Bees or: private vices, public benefits. Two Volumes. Edinburgh, 1772.

Neiße, Juni 1904.
Der Verfasser.

1. Jugend und akademische Wirksamkeit.

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I.
Lebensgeschichte

Der Vater unseres Helden, der ebenfalls Adam getauft war, wurde 1707 in die Körperschaft der Writers of the Signet ausgenommen (so hießen die Advokaten, die am höchsten Gerichtshöfe praktizieren durften) und bald zum Judge Advocate (Generalauditeur oder Oberkriegsgerichtsrat) für Schottland ernannt. Die genannte Korporation pflegte die Angelegenheiten des schottischen Landadels zu besorgen; das mag ihn dem Earl of Loudon nahe gebracht haben, der als Minister für Schottland ihn zu seinem Privatsekretär machte und, als er 1713 sein Amt niederlegte, ihm die Stelle des Zollkontrolleurs in Kirkcaldy verschaffte, die gegen viertausend Mark brachte; sein Advokatenamt verlor er dadurch nicht. Das Zollamt hat später ein Vetter bekommen, der ebenfalls Adam hieß. Die Gattin holte sich Adam der Vater aus dem nahen Strathendry: Margarete Douglas, unter deren Verwandten mehrere Offiziere waren. Adam Smith der Vater starb im Frühling 1723, und einige Monate darauf ward unser Adam geboren. Er war ein schwächliches und sinniges Kind. Die Mutter pflegte und erzog ihren Einzigen mit einer Zärtlichkeit und Nachsicht, die ihr von den puritanischen Bekannten übel genommen, vom Sohne mit gleicher Zärtlichkeit vergolten wurde, die er ihr sechzig Jahre lang erweisen zu können das Glück hatte. Drei Jahre alt, wurde er einmal in Strathendry von Zigeunern gestohlen, vom Oheim aber, der ihnen nachsetzte, errettet; welchen unschätzbaren Dienst dieser damit der Menschheit erwies, hat der Mann damals nicht ahnen können.

Die aus einer einzigen Gasse bestehende Hafenstadt Kirkcaldy in der Grafschaft Fife zieht sich gegen eine Stunde lang am Nordufer des Firth of Forth hin. Ihre Bewohner, damals nicht mehr als 1500 (heut 27 000), trieben lebhaften Seehandel, im Zollamte wurden hübsche Schmugglergeschichten erzählt, und in den Nagelschmieden des Örtchens, die Adam fleißig besucht haben soll, konnte er die Arbeitteilung beobachten und ein merkwürdiges Stück Naturalwirtschaft: es kam vor, daß die Arbeiter ihren Lohn in Nägeln ausgezahlt bekamen und im Kramladen mit Nägeln ihre Lebensmittel bezahlten. Die Lateinschule des Orts, in die Adam mit zehn Jahren eingetreten zu sein scheint, hatte durch ihren damaligen Leiter, Millar, Ruf erlangt; mehrere von Adams Mitschülern sind in Wissenschaft, Literatur und Politik bekannt geworden. Der erste lateinische Autor, der gelesen wurde, war Eutrop, und Adams Exemplar mit seiner eigenhändigen Namenseinzeichnung und der Jahreszahl 1733 ist (im Besitz des Professors Cunningham) noch vorhanden. Seiner Konstitution nach war Smith zu Bewegungsspielen wenig aufgelegt; seine Mitschüler fanden, daß er sich durch die Leidenschaft für Bücher und durch wunderbare Gedächtniskraft auszeichne; aber sie liebten ihn wegen seiner Gutmütigkeit, Freundlichkeit und Hochherzigkeit. Nicht selten vergaß er seine Umgebung und sprach zu sich selbst.

Vierzehn Jahre alt, kam er auf die Universität Glasgow, die eben damals eine Leuchte für ganz Europa geworden war. Aus tiefer Finsternis brach dieses Licht hervor. Die Wurzel des Aberglaubens ist die Unwissenheit. Er nimmt einen düsteren Charakter an, wenn sich der Unwissende beständig von feindlichen Gewalten bedroht sieht, deren Natur er nicht zu durchschauen vermag. Schottland ist ein nordisches, wenig fruchtbares, von einem stürmischen Meere umbraustes Land, das einem unzivilisierten Volke wenig Lebensfreude gönnt, harte Arbeit und schwere Kämpfe aufzwingt und es mit tausend Gefahren bedrängt. Die Clanhäuptlinge hatten in unaufhörlichen Fehden miteinander gelegen, die Bewohner des etwas weniger unfruchtbaren Niederschottland waren in der friedlichen Arbeit bald durch Eroberungszüge der Engländer, bald durch räuberische Einfälle der Hochländer gestört worden, und die durch keine unserer modernen Veranstaltungen erhellte lange Winternacht hatte die Phantasie der Schotten wie die aller Nordländer mit Schreckgestalten erfüllt.

Was Wunder, daß die Greuel der Hexenprozesse wüteten! Den Calvinismus in seiner härtesten und düstersten Form fanden die Schotten ihrer Gemütsstimmung entsprechend, und als sie die Episkopalkirche abgeschafft hatten, ihre Prediger nur noch aus den untersten Volksschichten hervorgingen und in der Verteidigung der bürgerlichen Freiheit gegen die tyrannischen letzten Stuarts treu zum Volke hielten, da kannte die Ergebenheit dieses Volkes gegen seine demokratischen Prediger keine Grenzen mehr, und diese richteten jene entsetzliche geistliche Tyrannei aus, die der freilich aus Effekthascherei übertreibende Thomas Buckle so erschütternd geschildert hat. Sie beherrschten das Volk mit unumschränkter Gewalt, drangen spionierend in jede Familie ein, züchtigten jede Abweichung von der Orthodoxie mit der unter diesen Umständen furchtbaren Strafe der Exkommunikation. Eine Askese, die im Katholizismus nur die Religion der wunderlichsten unter seinen Heiligen ist, wurde in Schottland die allgemeine Volksreligion, natürlich ohne den Zusatz römischer Dogmen. Armut, Schmutz, Hunger, Peinigung des Leibes und Gewissensängste galten als die einzigen Mittel für den durch die Sünde verderbten und von bösen Geistern umlauerten Menschen, der ewigen Höllenqual zu entgehen. Die Ausmalung dieser Qualen machte den Hauptinhalt der sieben- bis zehnstündigen Predigtgottesdienste aus und versetzte die Zuhörer in wahnsinnige Angst, und in diesen Gottesdiensten bestand die einzige Erholung von der Arbeit, denn alle wirklichen Erholungen waren als sündhaft verpönt, und nicht allein sie, sondern alle sanften Empfindungen, vor allem die Liebe in jeder ihrer Gestalten. Es war, als Sabbatschändung, verboten, am Sonntag Schiffbrüchige zu retten, es war verboten, einem Ketzer in Todesgefahr zu Hilfe zu kommen, und wenn der Sohn wegen eines Vergehens gegen den Glauben exkommuniziert war, mußte ihn die Mutter nicht allein aus ihrem Hause, sondern auch aus ihrem Herzen aussperren. Am Anfange des 18. Jahrhunderts nun hatte die Union mit England dem Volke Ruhe verschafft, Ordnung gestiftet, durch die Wegräumung einiger Zollschranken Gewerbe und Handel ermöglicht, in Niederschottland einigen Wohlstand geschaffen, eine kleine Minderheit in behagliche Lage versetzt, und der Geist des in seinem Kerne edlen Volkes fing an, sich von den Schreckgespenstern seiner Einbildungskraft zu befreien.

Seine angeborene Tüchtigkeit war durch harte Arbeit, durch das Ringen mit einer kargen Natur und durch die tapfer geführten Kriege und politischen Kämpfe gesteigert worden, und dieser tüchtige Geist warf sich jetzt, da ihm die Bahn geöffnet war, mit seiner ganzen Energie auf Gewerbe, Handel und Wissenschaft. In der Wissenschaft hielt er an der von seinen Theologen, bis dahin den einzigen geistigen Arbeitern in Schottland, gepflegten deduktiven (spekulativen, scholastischen) Methode fest, die nicht mit der Sammlung von Erfahrungstatsachen beginnt, sondern aus vermeintlich unbezweifelbaren Grundwahrheiten Folgerungen ableitet. Formal war der schottische Geist gut geschult, denn die Theologen, die Prediger waren alle scharfe Logiker gewesen. Also die Denkmethode blieb, aber die Stimmung hatte sich in der obersten Volksschicht geändert, und diese geänderte Stimmung ließ die Welt in einem freundlicheren Lichte erscheinen. Nun konnte aus der häßlichen Wurzel die schöne Blüte der Humanität hervorbrechen, die Francis Hutcheson hieß.

Hutcheson war Professor der Moralphilosophie in Glasgow. Sein Vorgänger hatte noch lateinisch gelesen; er las nicht, sondern sprach frei, mit warmer Begeisterung, in der Muttersprache der Studenten. Der Vorgänger war ein finsterer Calvinist gewesen und hatte nach Zeichen des göttlichen Zorns ausgeschaut. Hutcheson verhieß, lange vor Bentheim, die größte Glückseligkeit der Mehrzahl der Menschen als Ziel der menschlichen Entwicklung. Aus dem, was er in seinem eigenen Gemüte fand, deduzierte er die Güte der Menschennatur, das Recht der Vernunft auf ihre eigene, von jeder Orthodoxie unabhängige Erkenntnis, den Wert der Liebe, des Wohlwollens, der schönen Künste, des Reichtums, den göttlichen Ursprung der Schönheit; Cousin hat ihn den ersten Begründer der Ästhetik genannt. Das Presbyterium der Stadt erhob die Anklage auf Ketzerei gegen ihn, weil er zwei falsche und gefährliche Sätze lehre: 1. daß die Beförderung des Glücks anderer der Maßstab für den sittlichen Wert eines Menschen sei; 2. daß man, ohne Gott zu kennen, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden vermöge. Die Studenten – es ereignete sich das in den ersten Jahren von Smiths Studienzeit – erschienen vor dem kirchlichen Tribunal und verteidigten leidenschaftlich ihren geliebten Lehrer. Die Moralphilosophie umfaßte damals auch die Jurisprudenz und als einen Zweig davon die Nationalökonomie. In seinen Vorträgen über diese Gegenstände pflanzte Hutcheson seinen Schülern die Liebe zu vernünftiger Freiheit ins Herz. Er lehrte, daß Arbeit die Quelle alles Reichtums und der einzige wahre Wertmesser sei, und verteidigte das natürliche Recht eines jeden Menschen, seine Fähigkeiten nach eigenem Belieben für selbstgewählte Zwecke in Arbeit oder Erholung zu verwenden, sofern er dadurch weder Person oder Eigentum eines Privatmanns noch ein öffentliches Interesse schädigt. Von diesem Hutcheson also hat Smith Ziel und Richtung seines Entwicklungsganges empfangen, oder wenigstens die Aufklärung darüber, was in seinem eigenen Busen nach Entfaltung rang. Übrigens beschäftigte er sich auch eifrig mit Mathematik und Naturwissenschaften, und der Mathematiker Simson, eine Hutcheson ebenbürtige Berühmtheit, gab ihm Gelegenheit, seinen Scharfsinn an besonders schwierigen Aufgaben zu üben. Ein Brief Humes an Hutcheson vom 4. März 1740 betrifft einen Herrn Smith, der kaum ein anderer als unser Smith gewesen sein kann. Wenn er es war, dann hat der damals Siebzehnjährige eine Rezension über Humes Treatise of Human Nature geschrieben, die dem Philosophen so gut gefiel, daß er sie in einer Zeitschrift veröffentlichte und dem Verfasser zum Dank ein Exemplar seines Werkes übersenden ließ.

In Glasgow gab es zwei Stiftungen, die Stipendien zum Studium in Oxford gewährten. Die eine, die Snellstiftung, war ursprünglich dazu bestimmt, in Schottland die englische Episkopalkirche auszubreiten; ihre Stipendiaten mußten sich unter einer Strafe von zehntausend Mark verpflichten, sich ordinieren zu lassen und in Schottland für die genannte Kirche zu wirken. Nachdem jedoch die Presbyterialkirche über ihre Nebenbuhlerin gesiegt hatte, wurde die beschränkende Klausel aufgehoben und den Stipendiaten die Wahl des Berufes freigegeben. Die Verleihung des Stipendiums galt zugleich als Belohnung für ausgezeichnete Leistungen. Adam Smith erhielt eins davon – es wurden fünf zu je achthundert Mark auf elf Jahre verliehen – im Jahre 1740. Er machte die Reise zu Pferde und war als aufmerksamer Beobachter erstaunt, beim Überschreiten der Grenze einen so gewaltigen Unterschied im Aussehen der Landschaft zu bemerken. Zu Schottland trieb man nur wenig und primitiven Ackerbau, in England war dieser schon rationell geworden. Und was für ein Unterschied im Aussehen des Viehes! Als er bei einer der ersten Mittagmahlzeiten in Balliol Hall – die Snellstipendiaten waren Mitglieder von Balliol College – in einem Anfall von Geistesabwesenheit zu essen vergaß, weckte ihn der Aufwärter und sagte: »Langen Sie nur zu! Solches Rindfleisch haben Sie in Schottland noch gar nicht zu sehen bekommen!« Bei dergleichen harmlosen Sticheleien, zu denen außer der schottischen Armut auch die schottische Aussprache Anlaß gab, ist es damals nicht geblieben. Die acht Schotten (vier von der Snellstiftung und vier von einer anderen) klagten über schlechte Behandlung, und noch als Smith schon Professor war, hatte die Universität Glasgow mit Balliol College darüber zu verhandeln. Dazu kränkelte Smith beständig; er wird sich also wohl in Oxford nicht sehr behaglich gefühlt haben. Was den Betrieb der Wissenschaften betrifft, so kann man kurz sagen: es gab keinen, wenigstens keinen von seiten der Anstalt. Die Professoren beschäftigten sich mit nichts als mit Klatsch und Intriguen; die Fellows von Balliol College, die meistens fanatische Jakobiten waren, trieben Straßenunfug und prügelten Hannoveraner durch, und die Tutors teilten mitunter, wenn sie zufällig einmal nicht zu faul dazu waren, ihren Zöglingen einige Brocken des scholastischen Unsinns mit, der in Oxford für Wissenschaft galt. Denn in diese reich dotierte Universität halten sich nach Smiths Zeugnis alle widerlegten Systeme und veralteten Vorurteile geflüchtet, nachdem sie aus jedem Winkel der übrigen Welt verjagt worden waren. Nicht bei den kolossalen Lendenbraten des reichen Oxford, sondern bei der Hafergrütze der armen Schotten erstarkte der britische Geist, der von da ab den britischen Reichtum durch Denkkraft, Wissen und vornehme Gesinnung adeln sollte. Wie verwerflich nun auch das Treiben der Oxforder Pfründner erscheinen mag, für einen Geist wie Smith war der bestehende Zustand der beste. Balliol College hatte eine gute Bibliothek (die Bodleiana war damals nur den Graduierten, den B. A., bachelors of art, zugänglich, und diesen Grad erlangte Smith erst kurz vor seinem Weggang) und kein langweiliges Zwangskolleg, keine unfruchtbare Einpaukerei für zwecklose Prüfungen störte ihn in ihrer Benutzung. Sie mag wenig oder gar keine mathematischen und naturwissenschaftlichen Werke enthalten haben, besaß aber ohne Zweifel die alten Klassiker vollständig. Zu Glasgow hatte sich Smith die Elemente des Griechischen angeeignet, und hier nun machte er sich mit den Werken der Alten in einem Grade vertraut, der noch in seinen letzten Jahren, wo er gern zu den Lieblingen seiner Jugend zurückkehrte, die Philologen in Erstaunen setzte; nicht allein zitierte er die Klassiker häufig, sondern erörterte auch bisweilen Feinheiten der griechischen Grammatik. Außer den Alten las er englische, französische und italienische Dichterwerke mit solchem Eifer, daß er in seinem späteren Leben lange Abschnitte daraus auswendig vortragen konnte. Das schriftliche Übersetzen betrieb er zur Vervollkommnung seines Stils. In all diesen nützlichen Beschäftigungen hat ihn niemand gestört. Aber einmal überraschte ihn ein Vorgesetzter über Humes oben erwähntem Treatise. Beschäftigung mit moderner Philosophie – das war ein Verbrechen. Kurz vorher waren drei Studenten relegiert worden, weil sie Vertrautheit mit deistischen Gedanken verraten hatten. Smith kam glimpflicher weg: er erhielt einen Rüffel, und das schlechte Buch ward konfisziert. Ob es gerade, wie Bagehot meint, die Annehmlichkeiten seines Aufenthalts in Oxford gewesen sind, was ihn von den Vorurteilen der Schotten gegen England, die Hume bis zu seinem Tode festhielt, geheilt hat, darf nach solchen Erlebnissen bezweifelt werden. Aber er wird die Beobachtungen, die er auf der Hinreise machte, fortgesetzt haben, und die Engländer mochten ihm sympathisch sein oder nicht, daß sie den Schotten wie den Franzosen wirtschaftlich überlegen waren, konnte ihm nicht entgehen, und das genügte, ihn später vor Irrtümern aus Parteilichkeit zu bewahren. Übrigens entsprach das englische Phlegma seinem Temperament besser als das schottische Feuer, und auch insofern anglisierte er sich, als er, im Gegensatz zu Hume, der übrigens ebenfalls phlegmatisch veranlagt war, seinen schottischen Dialekt ablegte.

Den Wunsch und die Hoffnung seiner Verwandten, daß er sich durch Eintritt in die Kirche sein Brot sichern werde, erfüllte er nicht. Nachdem er vom 4. Juli 1740 bis zum 15. August 1746 Fellow der vornehmen Alma mater gewesen war, kehrte er in die Heimat zurück, die er in diesen sechs Jahren nicht ein einziges Mal besucht hatte, wohl weil die Reisekosten mindestens die Hälfte eines Jahrgeldes verschlungen haben würden. Bei seiner Mutter in Kirkcaldy sah er sich zwei Jahre lang nach einer Stellung um. Am liebsten wäre ihm eine Professur gewesen, doch hätte er sich auch mit der Stelle eines Hofmeisters und Reisebegleiters begnügt; indes für eine solche waren seine wenig elegante Erscheinung und seine öfteren Anfälle von Geistesabwesenheit schlechte Empfehlungen. Da wurde er im Herbste 1748 von einem Gönner auf die vorteilhafteste Weise in die ihm am meisten zusagende Laufbahn eingeführt. Ein hervorragender Edinburgher Jurist, Henry Home, der damals schon zweiundfünfzig Jahre alt war, aber noch keines seiner philosophischen, juristischen und landwirtschaftlichen Werke veröffentlicht hatte, die ihn später als Lord Kames – den Titel erhielt er 1752 – berühmt gemacht haben (das bekannteste ist The Gentleman Farmer), dieser Home also lud ihn ein, in Edinburgh Vorlesungen über englische Literatur zu halten. Er hat das drei Winter hintereinander getan und dafür jährlich etwa zweitausend Mark eingenommen. Zugleich ergab sich ihm eine Gelegenheit, seine Liebe zu dieser Literatur praktisch zu betätigen. Der Dichter Hamilton of Bangour hatte wegen seiner jakobitischen Gesinnung ins Ausland flüchten müssen, und seine Freunde, zu denen Smith gehörte, beschlossen, eine Ausgabe seiner Dichtungen zu veranstalten; Smith übernahm die Redaktion. Er war ein so leidenschaftlicher Freund der Poesie, daß man ihn im Verdacht gehabt hat, selbst ein großer Dichter werden zu wollen. Aber er hat offen seine Unfähigkeit bekannt. In Blankversen (ungereimten Jamben), sagte er, könne er beinahe so leicht wie in Prosa sprechen, aber sein Lebtag habe er noch nicht einen einzigen Reim finden können, und reimlose Verse seien seiner Ansicht nach gar keine Poesie. Auch Vorlesungen über Nationalökonomie hat er gehalten und sich später auf das im Jahre 1749 verfaßte Manuskript dazu berufen, aus dem hervorgehe, daß er damals schon den Grundsatz der wirtschaftlichen Freiheit verkündigt habe, was ja auch bei einem Schüler Hutchesons nicht wundernehmen kann. Solche Grundsätze lagen damals in der Luft. Nicht etwa, meint Bagehot, daß ihnen die Angelsachsen von Natur zuneigten. Kein Vater würde damals bei seinem Sohne freihändlerische Ideen geduldet haben, und die Angelsachsen der Vereinigten Staaten, der Kolonien sind noch heute extreme Schutzzöllner. Nicht aus angeborenem Liberalismus sind die Engländer in den letzten sechzig Jahren Freihändler gewesen, sondern weil das in diesem Zeitraum für sie die einzige praktisch mögliche Politik war. Der ökonomische Liberalismus war vielmehr nur (immer nach Bagehot) die Ketzerei der geistigen Aristokratie Schottlands, deren strenge Logik nach der Seite der Freiheit denselben energischen Radikalismus bewährte, mit dem sie sich vorher in die starrste Orthodoxie verbohrt hatte. Gerade damals arbeitete Hume an seinen Essays of Political Economy (sie erschienen 1752), deren Tendenz aus seinem vom 1. November 1750 datierten Briefe an Oswald hervorgeht. Er behauptet darin u. a., der Geldreichtum eines Landes hänge ganz allein von seinem Volks- und Güterreichtum ab; komme durch einen Zufall mehr Geld ins Land, als der Kopfzahl seiner Bewohner und dem Stande seiner Industrie entspricht, so fließe das übrige ab, sofern es nicht etwa als toter Schatz eingeschlossen wird, und keine Staatsgewalt könne den Abfluß hindern. Zwischen den verschiedenen Ländern glichen sich die Preise aus, soweit nicht der Ausgleich durch die [heute nicht mehr bestehenden] Verkehrsschwierigkeiten verhindert werde. Läge uns, schreibt er, China so nahe wie Frankreich, so würden wir bei der Niedrigkeit der chinesischen Arbeitslöhne in England so lange nur chinesische Waren verbrauchen, bis wir gleich wohlfeil produzierten. »Meine Absicht ist, den Leuten die Furcht zu benehmen, das Land könnte einmal sein Bargeld verlieren, solange weder die Bevölkerung noch das Gewerbe abnimmt, und zu zeigen, daß es sinnlos ist, dieses Bargeld auf andere Weise als durch Aufrechterhaltung der Volkszahl und des Gewerbefleißes festhalten zu wollen. Die Geldausfuhr und die Wareneinfuhr verbieten ist eine schlechte Politik, und es freut mich zu vernehmen, daß Sie derselben Ansicht sind.« Oswald of Dunnikier, damals Parlamentsmitglied, später Mitglied mehrerer Ministerien und eine Zeitlang Lord des Schatzamts, war zwar acht Jahre älter als Smith, aber mit diesem als Nachbar befreundet: Dunnikier liegt bei Kirkcaldy. Von der Korrespondenz Smiths mit Hume, soweit sie noch vorhanden, ist das erste Stück ein vom 24. September 1752 datierter Brief Humes, aus dem wir erfahren, daß ihm Smith geraten hat, sein Geschichtswerk mit Heinrich VII. zu beginnen. Aus einem Schreiben Humes vom 20. Mai 1757 an seinen Verleger Millar ersehen wir, daß er es später bereut hat, Smiths Rat nicht befolgt zu haben.

Die Edinburgher Vorträge machten Smith so rühmlich bekannt, daß er, als in Glasgow, wo er ohnehin noch von der Studentenzeit her in gutem Andenken stand, der Professor der Logik starb, auf dessen Lehrstuhl berufen wurde. Die Wahl fand am 1. Januar 1751 statt; da ihn aber seine Verpflichtungen noch in Edinburgh festhielten, wurde er beurlaubt und erst am 10. Oktober in sein Amt eingeführt. Damit beginnt der Lebensabschnitt, den er später für den nützlichsten, darum glücklichsten und ehrenvollsten erklärt hat. Er übernahm zugleich die Vertretung des erkrankten Moralprofessors. Für beide Lehrämter konnte er seine Edinburgher Manuskripte benutzen, denn die Logik schloß damals die Rhetorik und die schöne Literatur ein, und die Moralphilosophie umfaßte, wie schon bemerkt wurde, auch die Jurisprudenz und die Politik. Am 27. November starb der kranke Professor Craigie, und Smith wurde durch die am 29. April 1752 vollzogene Wahl auf seinen Stuhl, den für Moralphilosophie, versetzt, womit eine Verbesserung des Einkommens verbunden war. Smith hatte vierzehnhundert Mark Gehalt und etwa zweitausend Mark Collegienhonorare, außerdem ein Haus. Das Haus hat er dreimal gewechselt; bei der Erledigung von Professuren nämlich durfte der dem Alter nach nächste das freigewordene Haus beziehen, wenn er es für besser hielt, als sein bisheriges. Rae meint, zu den drei Umzügen möchten wohl Smith die Mutter und deren Schwester bestimmt haben, die zu ihm gezogen waren. Die Honorare waren starken Schwankungen ausgesetzt, weil jede schlechte Ernte die Zahl der Studenten verminderte. Auch schlechtes Geld verursachte Verluste; der Chemiker Black pflegte die Goldstücke (das gewöhnliche Honorar war eine Guinea) zu wiegen und nicht vollwichtige zurückzuweisen. Nach damaligen schottischen Verhältnissen waren die Professuren nicht schlecht; von den Geistlichen kamen nur neunundzwanzig auf zweitausend Mark und darüber, und das bestdotierte Kirchenamt brachte nur zweitausendsiebenhundertachtzig Mark. Um den freigewordenen Lehrstuhl für Logik bewarb sich Hume. Smith schrieb einem Kollegen, er für seine Person würde ihn jedem anderen Bewerber vorziehen, aber das Publikum würde [wegen Humes religiöser Skepsis] wahrscheinlich anderer Meinung sein, und die Fakultät habe auf die öffentliche Meinung Rücksicht zu nehmen. Die übrigen Professoren waren der Mehrzahl nach derselben Ansicht, und statt des großen Hume wurde ein unbedeutender Mann gewählt.

Der Universitätskursus dauerte vom 10. Oktober bis 10. Juni. Smith hielt sein Publikum des Morgens um 7½ Uhr. Publika hießen, im Gegensatz zu unserem heutigen deutschen Sprachgebrauch, die mit dem vollen Preise bezahlten Pflichtkollegia. Um 11 Uhr examinierte er über das Vorgetragene; dazu pflegte sich nur etwa ein Drittel der Zuhörer einzufinden; und zweimal in der Woche hielt er ein Privatum ab. Außerdem scheint er einer kleinen Anzahl Auserwählter Privatissima gespendet zu haben, in denen disputiert wurde; mit tiefer Dankbarkeit haben später angesehene Männer von diesen lehr- und genußreichen Unterhaltungen gesprochen.

Von seinen Publicis berichtet Millar, einer seiner liebsten Schüler, später intimer Freund und berühmter Lehrer der Rechtswissenschaft: »In der Logik ging er vom Programm seiner Vorgänger ab und lenkte die Aufmerksamkeit seiner Zöglinge auf interessantere und nützlichere Gegenstände, als sie die alte Logik und Metaphysik der Schulen bot [mit Metaphysik meinen die Schotten gewöhnlich die Psychologie]. Nach einer kurzen Übersicht über die alte Lehre von den Seelenvermögen teilte er aus der alten Schullogik so viel mit, als nötig war, die Neugier nach dieser künstlichen Denkmethode zu befriedigen, und widmete den Rest der Zeit der Rhetorik und der schönen Literatur. Da man die Seelenkräfte am besten kennen lernt, wenn man beobachtet, wie sie sich in Worten äußern, so gibt es für die Jugend keinen bequemeren Eingang in die Philosophie, als die Betrachtung von Literaturwerken, die Unterhaltung und Überredung zum Zweck haben. Das Pensum der Moralphilosophie teilte er in vier Teile: 1. Natürliche Theologie. 2. Ethik; diesen Teil hat er im ersten seiner beiden berühmten Werke veröffentlicht. 3. Das Recht. Nach einem Überblick über das positive Recht zeigte er, wahrscheinlich von Montesquieu angeregt, wie sich die Rechtsformen vom rohesten Zustande stufenweise bis zum verfeinertsten entwickelt haben, und wie die Künste, welche die Erwerbung des Lebensunterhalts und die Vermehrung der Gütermasse befördern, entsprechende Änderungen und Verbesserungen im Recht und in den Staatsverfassungen zur Folge haben [Erster Keim von Marxens und Engels materialistischer Geschichtskonstruktion!]. Im vierten Teile endlich erörterte er solche Maßregeln, die vom Staate getroffen werden nicht nach Rechtsgrundsätzen, sondern um des Nutzens willen, und die darauf berechnet sind, seinen Reichtum und seine Macht zu vermehren. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtete er Handel und Gewerbe, Finanzen, kirchliche und militärische Einrichtungen, kurz, die Gegenstände seines zweiten Hauptwerks. Bei keiner anderen Tätigkeit kam Smiths Begabung in dem Maße zur Geltung, wie in dieser akademischen. Er sprach fast ganz frei. Sein Vortrag war nicht elegant, aber schlicht, ohne alle Affektation; und weil er selbst augenscheinlich von seinem Gegenstande erfüllt war, interessierte er auch die Zuhörer dafür. Dem eigentlichen Vortrage schickte er die Thesen voraus – sie kamen uns manchmal paradox vor –, die entwickelt und bewiesen werden sollten. Anfangs schien er den Gegenstand nicht völlig zu beherrschen, er sprach zögernd und stotterte. Nach und nach aber strömte ihm der Stoff zu; sein Vortrag wurde fließend, er selbst warm und lebendig. Bei streitigen Punkten merkte man, wie sich in seinem Innern die Opposition gegen seine eigene Meinung regte und ihn drängte, diese seine Ansicht mit desto größerer Entschiedenheit aufrecht zu erhalten. Durch die Fülle und Mannigfaltigkeit der den Gegenstand beleuchtenden Beispiele, die ihm einfielen, schwoll ihm der Stoff unter den Händen an, und der Vortrag wuchs ohne lästige Wiederholungen zu bedeutendem Umfange an. So gesellte sich zum Nutzen der Hörer der Genuß, wenn er uns den Gegenstand von allen Seiten und unter verschiedener Beleuchtung beschauen ließ und uns zuletzt zu der Proposition zurückführte, von der diese schöne Wanderung ausgegangen war.« In welchem Grade Smith das Gegenteil von einer professoralen Lesemaschine gewesen ist, mag man aus dem Umstande ermessen, daß er während des Vortrags in lebendiger Fühlung mit seinen Zuhörern und von deren sympathischer Gegenwirkung abhängig blieb. Er erzählt: »In dem einen Kursus hat mir ein Student mit seinem offenen und ausdrucksvollen Antlitz gute Dienste geleistet. Er saß mir gegenüber vor einem Pfeiler. Wenn er nach vorn geneigt lauschte, dann wußte ich, daß ich das Ohr der Klasse hatte; lehnte er sich mit gleichgültiger Miene an den Pfeiler, so wußte ich, daß ich entweder mit dem Gegenstande wechseln oder die Vortragsweise ändern mußte.«

Bald wurde es bekannt: ein zweiter, ein größerer Hutcheson ist in Glasgow erstanden! Von fern her kamen Lernbegierige, ihn zu hören, und bei den Studenten, die hier, nicht von Smith allein, vor allem selbständig denken lernten, sah man lebhaften Wahrheitsdrang, schönen Wetteifer im Forschen sich regen. Die Themata, die Smith behandelte, kamen in die Mode; man disputierte in Gesellschaften darüber, und für die Verkehrsfreiheit machte er Proselyten unter den Geschäftsleuten Glasgows. In der ökonomischen Gesellschaft – vielleicht dem ersten derartigen Klub, den es in der Welt gegeben hat – sprach er im Jahre 1755: »Staatsmänner und Projektenmacher pflegen den Menschen als Material für ihre politische Mechanik anzusehen und zu behandeln, und greifen störend in den Lauf der Natur ein. Läßt man der Natur freies Spiel, so erreicht sie ihre Zwecke. Um einen Staat aus dem Zustande der Barbarei zum höchsten Wohlstande zu erheben, wird wenig mehr erfordert als Frieden, mäßige Steuern und eine erträgliche Rechtspflege. Alles übrige findet sich von selbst. Alle Regierungen, die der natürlichen Entwicklung eine andere Richtung geben oder ihren Fortschritt hemmen wollen, sehen sich durch die Unnatur ihres Beginnens zu tyrannischer Unterdrückung genötigt.«

Glasgow hatte damals zwar erst 23 000 Einwohner, aber es war nicht allein eine durch schöne Lage und stattliche Gebäude ausgezeichnete Stadt, sondern auch ein wichtiger Handelsplatz. Seine Schiffe schwammen auf allen Meeren, seitdem ihnen die Union mit England die britischen Kolonien erschlossen hatte. Eigentümlichen Zollverhältnissen hatten es die Glasgower Kaufleute zu verdanken, daß ihnen beinahe ein Monopol zufiel: drei Viertel des amerikanischen Tabaks passierten ihre Lager, und die Virginia-Dons und Tabak-Lords im roten Staatskleid, Dreistützer und mit dem Goldknopf am spanischen Rohr schmückten ihre Wechselstuben. In einer großen Gerberei fabrizierte man Sättel und Schuhe für die Kolonien. Man legte Teppich-, Krepp-, Seidenwebereien an, dann Handschuhmachereien, Leinwanddruckereien (die Leinenweberei war bis dahin die einzige, ziemlich kümmerlich betriebene Industrie Schottlands gewesen), Kupfer- und Zinnwerke, ein Trockendock, begann den Bau eines Kanals vom Clyde zum Firth of Forth und gründete Banken. Nicht ein Bettler war in den Straßen der Stadt zu sehen, alles war geschäftig, und schon die Kinder griffen mit an. Glasgower Bürger besaßen amerikanische Plantagen im Werte von acht Millionen Mark. Das war damals eine große Summe, und man fand beim Vergleich mit London, daß einige Dutzend rührige Kaufleute dem Volke mehr Nutzen schafften, als ein prunkvoller Hof. Gewerbe, Handel, die Universität und die Verbesserung der Landwirtschaft durch die Gentlemen Farmer arbeiteten in lebendigster Wechselwirkung an der Hebung des Landes.

Einer der zwei größten Glasgower Kaufherren, Andrew Cochrane, Leiter einer Bank, war Smiths spezieller Freund. Smith hat bekannt, daß er diesem erfahrenen Geschäftsmann wichtige Aufschlüsse und reichliches Material verdanke, die Kaufleute aber verdankten Smith Aufklärungen über den Zusammenhang der Erscheinungen, wie sie nur der geschulte Denker zu gewähren vermag. Er wurde Mitglied ihres ökonomischen Klubs, in dem damals besonders lebhaft die Belastung der Glasgower Manufakturen durch Zölle auf Rohmaterial und Halbfabrikate: auf Eisen und Leinengarn, erörtert wurde. Die Aufhebung der Garnzölle setzten sie 1756 durch. Das beweist, wie Rae richtig bemerkt, nicht etwa, daß sie Freihändler waren. Geschäftsleute fordern immer nur, was ihnen im Augenblick Nutzen verspricht, gleichviel, ob es die Einführung oder die Abschaffung von Zöllen ist; aber solche Diskussionen waren doch für Smith ein praktischer Unterrichtskurs.

In einer Zeit, da man noch arm an brauchbaren Büchern war, gewerbliche Lehranstalten und Volksschulen nicht existierten und die Zeitungspresse noch in den Windeln lag, hatten wissenschaftliche und Disputiervereine eine ganz andere Bedeutung für die Volksbildung als heute. Smith war ihr eifriger Förderer. Die »Literarische Gesellschaft von Glasgow« hat er mitbegründen helfen. Ihr haben auch James Watt und der Drucker Foulis angehört. Erst die Bedeutung dieser Namen macht uns völlig klar, was damals Glasgow der Welt gewesen ist, und in welchem wahrhaft liberalen Geiste seine Professoren gewirkt haben. Einige Jahre vor Smiths Eintritt ins Professorenkollegium hatte dieses dem Chemiker Black ein Laboratorium eingerichtet, in dem er unter anderen wichtigen Entdeckungen die der latenten Wärme machte. Im Jahre 1756 kehrte der zwanzigjährige James Watt aus London in seine schottische Heimat zurück, um in Glasgow ein Instrumentenmachergeschäft zu begründen. Aber die Korporationen der Kaufleute und der Schmiede verwehrten ihm die Niederlassung auf Grund ihres Privilegiums, das ihnen jeden Konkurrenten auszuschließen gestattete, der nicht Sohn oder Schwiegersohn eines Glasgower Bürgers war. Die Universität jedoch hatte ihrerseits Privilegien, in welche die Stadt nicht eingreifen durfte: sie baute auf ihrem eigenen Grund und Boden Watt eine Werkstatt und wies ihm einen Raum am Eingang zu ihrem Gebäudekomplex als Verkaufsladen an. Auf dieser Stätte seines Wirkens war es, wo ihm an einem Morgen des Jahres 1764, als er gerade über die Vervollkommnung der Dampfmaschine von Newcomen grübelte, beim Waschhause im Vorübergehen die Idee des Kondensators kam, durch deren Ausführung er die Dampfmaschine aus einem bloßen Wasserhebewerkzeuge in einen allgemein verwendbaren Motor verwandelte. Smith besuchte oft Watts Werkstatt und unterhielt sich gern mit dem lebhaften jungen Manne. Und Watt hinwiederum erinnerte sich mit Dank der von Smith empfangenen Anregungen. Als er 1809 zum Zeitvertreib seine Modelliermaschine erfunden hatte und sich seinen Freunden als jungen Künstler von dreiundsiebzig Jahren vorstellte, war eine der ersten Proben seiner Kunstfertigkeit, die er ihnen vorlegte, ein Köpfchen Adam Smiths in Elfenbein. Ferner gründeten die Professoren eine Druckerei und übergaben sie dem regsamen und geistvollen Foulis, dessen schöne Drucke bald mit den alten Elzeviren wetteiferten, was nicht möglich gewesen wäre, wenn die Universität nicht noch eine Schriftgießerei hinzugefügt hätte, die auch griechische Lettern lieferte. Smith interessierte sich lebhaft dafür, denn schöne Bücher waren sein einziger Luxus, und er empfahl den Gießer Wilson, den die Universitätsdruckerei doch nicht hinlänglich mit Aufträgen versorgen konnte, an den gerade in London weilenden Hume, der (nach seinem Briefe vom 28. Juli 1759 an Smith) den Künstler, den ersten seiner Art in Britannien, an seinen Verleger Millar wies. Dieser wendete ein, griechische Texte herauszugeben sei gewagt, weil nicht leicht ein Korrektor aufzutreiben sein würde, aber Wilson besorgte ihm einen. Dieser Wilson war von Haus aus Arzt gewesen, hatte sich aber auf die Schriftgießerei geworfen und betrieb nebenbei Astronomie; die Universität baute ihm ein Observatorium und errichtete für ihn einen Lehrstuhl der Astronomie. Auf seine Bitte wurde ihm neben die Sternwarte, die von der Gießerei ziemlich weit entfernt lag, ein neues Gießhaus gebaut, wofür er Pacht zahlte, während die Universität alle vorhergenannten Einrichtungen aus ihren eigenen bescheidenen Mitteln bestritten hatte, ohne Gegenleistungen zu fordern. Dem Drucker Foulis wurden auch einige Zimmer eingeräumt für eine Kunstakademie, in der das Zeichnen, Modellieren, Radieren und Gravieren betrieben wurde. Es ist dies die erste derartige Anstalt in Britannien gewesen; England hatte damals noch nicht seine Königliche Akademie, seine Nationalgalerie, sein South-Kensington-Museum und auch keine technischen Unterrichtsanstalten. Smith, dessen Kunstgeschmack man schätzte, stand Foulis in der Auswahl von Vorlagen für Schüler und beim Entwerfen von Titelbildern und Vignetten bei, gab auch geschäftliche Ratschläge.

Der Historiker Dalrymple hat uns, ohne daran zu denken, einen Beitrag zum Bilde der Persönlichkeit Smiths geliefert, indem er in einer Verlagsangelegenheit an Foulis schrieb: was die Auswahl unter den Entwürfen betreffe, so sei in Beziehung auf Schönheit Foulis selbst wohl der beste Richter; aber was sich am leichtesten verkaufe, darüber möge er Black und Smith befragen. Smiths praktischen Geschäftssinn wußten auch seine Kollegen zu schätzen. Er war jahrelang Quästor und wurde gewöhnlich zum Geschäftsführer erwählt, wenn Kaufgeschäfte abzuschließen, Grenzfragen zu erledigen, mit Behörden, Korporationen oder Privatleuten Rechtshändel auszufechten waren. Ein kulturgeschichtlich interessanter Fall mag erwähnt werden. Der arme schottische Student pflegte von Hause einen Sack oder einige Säcke Hafermehl und Grütze, seine Hauptnahrung, mitzubringen. Für diese nur zum eigenen Gebrauch der jungen Leute bestimmten Vorräte sicherte ihnen das Universitätsprivileg Zollfreiheit zu. Im Jahre 1757 aber wurde ihnen Zoll abgenommen. Sie beschwerten sich. Im Auftrage der Universität verhandelten die Professoren Smith und Muirhead mit dem Bürgermeister und setzten die Rückzahlung des Zolls an die Studenten durch.

Sehen wir demnach die Universität auf allen Gebieten an der Spitze des Fortschritts marschieren und im liberalen Geiste wirken, so ist doch ein Fall zu verzeichnen, wo sie einen Paradeparagraphen des heutigen liberalen Programms verletzt hat. In einem Glasgower Kaufmann Robert Bogle hatten die damals üblichen Schulkomödien eine solche Liebe zum Theater entzündet, daß er vier Standesgenossen für den Plan gewann, auf ihre eigenen Kosten ein Schauspielhaus zu bauen. Der Gemeinderat verbot den Bau auf städtischem Grund und Boden, und man war genötigt, sich in eine Nachbargemeinde zurückzuziehen, wo ein Mälzer namens Millar das Baugrundstück hergab. Das Volk war aber im ganzen noch puritanisch gesinnt, und, entflammt durch eine aufreizende Predigt, steckte es das Theater am Abend vor der angekündigten Eröffnung in Brand. Der Prediger hatte u. a. eine Vision erzählt: er habe gesehen und gehört, wie in der Hölle eine Versammlung abgehalten, von Herrn Millar in den schmeichelhaftesten Ausdrücken geredet und ein Hoch auf ihn ausgebracht worden sei. Es war das 1764. An der vorhergehenden Bewegung gegen den Theaterbau hatte sich auch die Universität beteiligt; zusammen mit dem Gemeinderat rief sie die Gerichte an, und in einem der Agitationsmeetings führte Smith den Vorsitz. Daß diese seine Haltung nicht im Widerspruch steht mit seiner später zu erwähnenden Schätzung der Bühne, daß er auch nicht in den dazwischen liegenden Jahren seine Ansicht geändert hat, geht aus dem Anteil hervor, den er nach einem Schreiben Humes einige Jahre vor diesem Theaterstreit an der Aufführung des Dramas Douglas genommen hatte, eines Werkes ihres beiderseitigen Freundes John Home. Rae erinnert zur Erklärung des scheinbaren Widerspruchs daran, daß Smith seine warme Empfehlung der Volkslustbarkeiten und Unterhaltungen an die Bedingung knüpfte, sie dürften nicht anstößig und indezent sein. Soweit waren auch die erleuchtetsten Schotten noch Puritaner, daß sie in einem Konflikt zwischen Freiheit und Sitte gegen die Freiheit entschieden. Bei der Roheit des damaligen englischen Theaters nun bot ein privates Theaterunternehmen keine Bürgschaft gegen Verletzungen der guten Sitten, denen selbstverständlich bei Schulaufführungen keine Gefahr drohte.

Wir hatten die im Jahre 1752 gegründete Literarische Gesellschaft erwähnt, deren Mitglieder auch Watt und Foulis waren, und uns durch diese Namen bestimmen lassen, der großartigen Förderung des Kulturfortschritts zu gedenken, die nach Raes Bericht damals von der Universität Glasgow ausging. Auch Hume war Mitglied; diese Mitgliedschaft knüpfte das Band der Freundschaft zwischen ihm und Smith noch enger, und er hat sich mit diesem wie mit Oswald über seine politischen Essays beraten. Die Debatte wurde im Verein manchmal sehr lebhaft, besonders wenn philosophische und religiöse Themata vorlagen; einmal stand Smith ganz allein gegen alle übrigen; nach Schluß der Debatte hörte man ihn murmeln: »Überstimmt zwar, doch nicht überzeugt!« Gemütlicher ging es in Mr. Robin Simsons Klub zu. Simson, der schon erwähnte Mathematiker, war zwar ein wenig Pedant – er soll jeden Tag dieselbe Zahl von Spazierschritten im Universitätsgarten gemacht und sich dabei niemals verzählt haben – aber der liebenswürdigste aller Menschen. Jeden Freitag Abend versammelte er seine Freunde um sich in der Gastwirtschaft am College-Tor, und jeden Sonnabend zu einem Mittagessen im benachbarten Dorfe Anderston. Das Mittagessen war natürlich sehr einfach; die Chronik von Glasgow verzeichnet 1786 als das Jahr, in dem die Stadt zum ersten Male den Luxus eines aus mehreren Gängen bestehenden Diners gesehen habe. Bei den Abendversammlungen wurde manchmal ein Robber Whist gemacht, an dem aber Smith nicht teilnehmen durfte; denn wenn er einen seiner Anfälle kriegte, vergaß er auszuspielen oder anzusagen, und Simson, der wohl auch seine Anfälle hatte, nur niemals beim Whist, und der sonst niemals übellaunig wurde, verlor die Geduld. Manchmal sang Simson auch mit seiner schönen Stimme griechische Oden auf moderne Melodien, und als er einmal eine von ihm selbst gefertigte lateinische Ode auf den göttlichen Euklid anstimmte, ward er von seinem eigenen Gesange zu Tränen gerührt. Auch an diesen Unterhaltungen, bei denen der Zankapfel Religion verpönt und Heiterkeit die Grundstimmung war, durfte der junge »Handwerker« Watt teilnehmen.

Im Jahre 1752 wurde Hume Bibliothekar der Advokatenbibliothek in Edinburgh, und Smith wohnte von da ab in seinem Hause, so oft er seine Edinburgher Freunde besuchte, was er ziemlich oft getan zu haben scheint, obgleich die Fahrt dreizehn Stunden dauerte. Mehr und mehr nahm im weiten Freundeskreise Smiths den seinem Herzen nächsten Platz Hume ein. In ihrer Korrespondenz weicht das Dear Sir zum ersten Male in einem undatierten Briefe des Jahres 1757 dem vertraulichen Dear Smith, und später reden sie einander »teuerster Freund« an. Die Freundschaft der beiden beruhte nicht auf dem Ergänzungsbedürfnis entgegengesetzter Naturen, noch weniger auf Übereinstimmung der politischen Überzeugungen – Smith blieb zeitlebens extremer Whig mit Hinneigung zum Republikanismus, während Hume Tory war und je älter desto grimmiger jede Art von Volksherrschaft haßte –, sondern sie wurzelte in ihren gemeinsamen wissenschaftlichen und gemeinnützigen Bestrebungen und in der Gleichartigkeit ihres heiteren Gemüts. Sie hatten das Mißgeschick, daß zwar jeder einen bedeutenden Teil seines Lebens in Edinburgh, in London und in Paris zubrachte, daß sie jedoch niemals gleichzeitig an einem dieser Orte wohnten; aber dieses ihr Mißgeschick ist ein Glück für uns, denn ihm verdanken wir ihre, als biographisches Material wichtige Korrespondenz. Unter den Urteilen des Bekanntenkreises über die beiden Freunde ist das des exzentrischen Dichters Wilkie merkwürdig (seinem bürgerlichen Beruf nach war Wilkie ein armer Landgeistlicher, der seinen Acker eigenhändig bestellte): Hume sei nur fleißig und habe einen scharfen Verstand, Smith dagegen sei genial und originell, er habe Erfindungsgabe und Schöpferkraft. Hundert Jahre später hat Thomas Buckle über Hume allerdings günstiger geurteilt, Smith aber doch ebenfalls über ihn gestellt. »Hume war zwar ein ausgezeichneter Denker, tief und dabei kühn, aber sein Geist hatte keinen so großen Umfang wie Smiths Geist, und es fehlte ihm die Phantasie, sich in vergangene Zeiten zu versetzen, eine Gabe, ohne die man den Zusammenhang der Zeiten und den schwankenden aber doch im ganzen stetigen Fortschritt des Menschengeschlechts nicht wahrzunehmen vermag.« In Edinburgh lernte Smith auch den jungen Juristen Johnstone kennen und empfahl ihn seinem Freunde Oswald in London. Johnstone hatte die Empfehlung nicht nötig, denn er wurde durch seine Vermählung mit einer Erbin der reiche Sir William Pulteney. Unter diesem Namen hat er 1797 in einer Debatte über die Suspension der Zahlungen der Bank von England den Ausspruch angeführt, dessen Urheber unbekannt ist, daß Smith es sei, der das lebende Geschlecht von der Richtigkeit seiner Grundsätze überzeugen und die nächste Generation beherrschen werde.

Hume war Sekretär der Philosophischen Gesellschaft in Edinburgh, die später, 1784, in der Royal Society aufgegangen ist. Auch dieser trat Smith bei, und begründete außerdem 1754 zusammen mit dem Maler Allan Ramsay, der auf einer Reise durch Frankreich die dortigen Akademien schätzen gelernt hatte, die ebenfalls in Edinburgh residierende Select Society, die eine Zeitlang alle anderen Gelehrtenvereine überstrahlte. Die Mitglieder debattierten über Tagesfragen und setzten sich die Förderung der Künste, Wissenschaften und der Industrie in Schottland zum Ziele. In der zweiten Sitzung, am 19. Juni 1754, präsidierte Smith und verkündigte als von der Mehrheit vereinbarte Themata für die nächste Sitzung: 1. Ob eine allgemeine Naturalisation ausländischer Protestanten für Britannien vorteilhaft sein würde; 2. Ob Prämien für den Getreideexport dem Handel und den Manufakturen nicht weniger nützlich sein würden als dem Ackerbau. In späteren Sitzungen wurden u. a. folgende Themata erörtert: Was bringt Graswirtschaft, was der Körnerbau dem Volte und dem Staate ein? Sind große oder kleine landwirtschaftliche Betriebe vorteilhafter fürs Land? Womit kann ein Gutsbesitzer auf seinen Landgütern die Industrie fördern? Welche Vorteile und Nachteile erwachsen dem Besitzer daraus, wenn er die Landwirtschaft selbst betreibt? Was für Leistungen sind außer dem Pachtzins dem Pächter aufzulegen? Höhe des Pachtzinses? Natural- oder Geldzins? Soll das Getreide nach Maß oder nach Gewicht verkauft werden? Wie kommt man am besten zu Landstraßen? Welches ist die beste Form der Gesindemiete und des Dienstvertrags? Diese Themata sind natürlich in der landwirtschaftlichen Abteilung verhandelt worden: die Select Society hielt nämlich gemeinsame und Sektionssitzungen ab. Von anderen Gegenständen der Tagesordnungen werden genannt: Ob die schottische Praxis, die Armen in ihren Wohnungen zu lassen und mit Geld zu unterstützen, oder ihre Unterbringung in Armenhäuser vorzuziehen sei? Ob die Gründung von Banken den Wohlstand Schottlands vermehrt habe? Ob es bei den Ausfuhrprämien auf Leinwand verbleiben solle? Ob ewige Fideikommisse dem Wohle der Familien wie dem des Landes dienen? Ob man eine Junggesellensteuer einführen und damit ein in Edinburgh zu errichtendes Findelhaus dotieren solle? Ob das Institut der Sklaverei für die Freien vorteilhaft sei? Smith soll sich an den Debatten nicht beteiligt haben, aber er hörte doch alle damals brennenden praktischen Fragen von Fachleuten durchsprechen.

Die Select Society sonderte als einen Zweig von sich ab die Edinburgher Gesellschaft zur Beförderung der Künste und Wissenschaften, der Gewerbe und der Landwirtschaft in Schottland (die Absonderung dürfte darin bestanden haben, daß sich die Sektionen als eine besondere Gesellschaft konstituierten), und Smith gehörte dem Fünfmännerkollegium an, das die Mitglieder der vier Exekutivkomitees zu ernennen hatte, welche die Preise ausschrieben und verteilten. Idealere Leistungen, wie Erfindungen, Entdeckungen und Abhandlungen, wurden mit Medaillen, gewerbliche Leistungen mit Geld prämiiert. Unserem Adam gefiel diese Wendung aufs Praktische sehr gut, desto weniger dem Maler Ramsay, der die Gründung der Select Society angeregt hatte. Er war außer sich, als er vernahm, daß man der Papierfabrikation wegen das beste Bündel Lumpen prämiiert habe, und schrieb von Rom aus an Hume, man solle lieber untersuchen, wie das Bier stark und die Nation reich gemacht werden könne, ohne daß ihr Geist verarme. Die glänzende und gemeinnützige Gesellschaft starb schon im Jahre 1765 – an einer boshaften Bemerkung Townshends. Dieser sagte, als er einer Sitzung beigewohnt hatte, er habe kein Wort verstanden; »die Herren haben ja schon englisch schreiben gelernt, warum lernen sie nicht auch englisch sprechen?« Einige Mitglieder nahmen sich diese Rüge so zu Herzen, daß sie einen Verein zur Förderung reiner englischer Schreib- und Sprechweise gründeten und einen Londoner Sprachmeister bestellten. Dadurch aber verletzten sie die schottische Nationaleitelkeit um so empfindlicher, weil gerade wieder einmal der Haß gegen England in helle Flammen ausgebrochen war; die Select Society verlor ihre Popularität und ging aus Mangel an Teilnahme ein.

Noch viel kurzlebiger war ein literarisches Unternehmen: die Edinburgh Review. Die erste Nummer erschien im Juli 1755, die zweite und letzte im Januar 1756. Für jedes der beiden Hefte lieferte Smith einen Beitrag; es waren das seine ersten Veröffentlichungen. In einer Rezension von Johnsons englischem Wörterbuch tadelt er, daß die verschiedenen Bedeutungen jedes Wortes in willkürlicher Reihenfolge angegeben würden; sie müßten in Klassen geordnet und die Grundbedeutung müsse kenntlich gemacht werden. Er zeigt, wie er es meint, an den Wörtern Witz und Humor. Der zweite Beitrag behandelt in der noch heute in England üblichen Form einer Zuschrift an den Herausgeber die neuesten Erscheinungen der festländischen, das bedeutete dem damaligen Briten der französischen Literatur. Smith vergleicht sie mit der englischen und sagt, sie zeichne sich vor dieser aus durch Geschmack, Urteil, Korrektheit und wohlgeordnete Darstellung, während die englischen Dichter Shakespeare, Milton und Spencer durch ihre Genialität, durch die Großartigkeit und Kraft ihrer Phantasie den Leser hinrissen, so daß er es für kleinlich halten würde, die Kompositionsfehler ihrer Dichtungen zu kritisieren. Er geht dann zur Philosophie über, rezensiert die Enzyklopädie, die neuesten Werke von Buffon und Réaumur und sagt von Rousseaus eben erschienener Abhandlung über den Ursprung der Ungleichheit der Menschen untereinander: mit seiner schönen Darstellung und ein bißchen philosophischer Chemisterei lasse er die abscheulichen Lehren Mandevilles als reine platonische Moral und ein wenig zu weit getriebenen, aber echten Republikanismus erscheinen. Mandeville hatte in seiner Bienenfabel gezeigt, wie die Laster der Bürger das Gemeinwohl förderten. 1818 wurden Smiths Beiträge in der zweiten, heut noch bestehenden Edinburgh Review abgedruckt. Dabei wurde hervorgehoben, daß Smith darin Hinneigung zum Republikanismus verrate. Bei einer anderen Gelegenheit äußerte einer seiner Schüler, der Earl of Buchan: »Er sah die Republik für die Grundlage der Monarchie an und hielt die Erblichkeit des höchsten Staatsamts nur aus dem Grunde für notwendig, weil sonst der Streit darum das Gemeinwesen erschüttert, und die Parteikämpfe zur Diktatur führen.« Jedes der beiden Hefte der Review hatte einen harmlosen theologischen Artikel enthalten. Harmlosigkeit genügte aber den Zeloten nicht. Einer von ihnen denunzierte die Mitarbeiter, daß sie das Geschöpf über den Schöpfer stellten, die Bibel lächerlich machten, die Lüge für erlaubt erklärten und daß der Atheist Hume zu ihnen gehöre. Das letzte war eine doppelte Unwahrheit. Hume war Deist. Bei einem der berühmten Diners, die der Baron Holbach allwöchentlich gab und deren Teilnehmer für die höchste philosophische Instanz Europas galten, sagte Hume einmal, er glaube nicht, daß es Atheisten gebe; er wenigstens habe noch keinen gesehen. Holbach erwiderte: »Hier an meinem Tische sehen Sie vorläufig siebzehn.« Und die Schwester eines seiner intimsten Freunde, des Baron Mure, nennt Hume den abergläubischsten Menschen, den sie kenne. Er war auch weder Mitarbeiter noch Mitbegründer der Review, deren Existenz er zu seiner großen Überraschung erst durch den Anblick eines Exemplars der ersten Nummer erfuhr. Weil seine Freunde die Stimmung der Kirchenmänner gegen ihn kannten, hatten sie ihn nicht eingeladen, ja ihr Unternehmen ihm verheimlicht. Auf der Kirchenversammlung der Jahre 1756 und 1757 wurde seine Exkomunikation beraten. In dem schon erwähnten undatierten Briefe des zuletzt genannten Jahres an Smith schreibt er: »Ist Ihnen je einmal eine solche Tollheit vorgekommen, wie die unseres Klerus? Ich erwarte bestimmt, daß die nächste Assembly die feierliche Exkommunikation über mich aussprechen wird, befürchte aber keine üblen Folgen davon für mich. Wie denken Sie darüber?« Der Antrag erlangte nicht die Mehrheit, aber das Publikum wurde doch in dem Grade aufgeregt, daß die Review vor dem Sturm die Segel streichen mußte. Hume wollte Smith gern nach Edinburgh haben und schmiedete laut seinem Briefe vom 8. Juni 1758 an Smith folgenden Plan. Die Professur für Natur- und Völkerrecht in Edinburgh war bis dahin als Sinekure behandelt worden. Wenn man den Stadtrat, der amtlichen Einfluß hatte, bewegen konnte, von dem Inhaber, Professor Abercromby, die Erfüllung der Pflichten seiner Stelle zu fordern, so werde dieser bereit sein, sie Smith um 2000 Mark zu verkaufen. Daraus ist nichts geworden. Leser meint, der Plan setze voraus, daß Smith einiges Barvermögen gehabt habe; das Haus in Kirkcaldy gehörte wohl seiner Mutter.

Das oftmalige Reisen nach Edinburgh muß für Smith freilich unbequem gewesen sein. Auch dem dortigen, 1762 gegründeten Pokerklub gehörte er an. Aus einem Epigramm des Dichters Home (die Engländer wollten den Schotten ihren Claret entziehen, um ihren Geist mit schlechtem Portwein umzubringen) hat man geschlossen, dieser Klub habe außer der Vertilgung von Claret (französischem Rotwein) keinen Zweck gehabt und sei eingegangen, als England einen Prohibitivzoll auf den französischen Wein legte. Merkwürdig ist immerhin, daß der Klub gerade im Jahre 1786, wo ein Handelsvertrag mit Frankreich den Weinzoll ermäßigte, wiedererstanden ist. Aber »das Schüreisen« hatte einen höheren Zweck. Es sollte die öffentliche Meinung aufregen und die Einführung einer heimischen Miliz durchsetzen, die man für nötig hielt zum Schutz der Küsten vor feindlichen Einfällen. England, das den Schotten noch nicht traute, ging auf diesen Wunsch nicht ein. Im Wealth hat sich Smith gegen Milizen ausgesprochen. Entweder hat er in der Zwischenzeit seine Meinung geändert, oder er hat damals der Forderung beigestimmt, weil er die Einrichtung in Notfällen für zulässig hielt und aus schottischem Patriotismus.

Bei so vielseitiger und hervorragender öffentlicher Tätigkeit konnte es nicht fehlen, daß Smith in seiner Heimat hohes Ansehen genoß; die Herausgabe seiner Theorie der moralischen Empfindungen (1759) machte ihn mit einem Schlage auch im Auslande berühmt. Wie das Werk in England aufgenommen wurde, erfahren wir aus dem Briefe Humes, der damals in London weilte, vom 12. April 1759.

»Lieber Herr! Ich danke Ihnen für das angenehme Geschenk! Wedderburn und ich haben mit den uns zugeschickten Exemplaren Ihrer Theorie einige Personen beschenkt, die wir für gute Richter halten, und von denen wir glauben, daß sie für die Verbreitung des Buches wirken werden. Ich wollte Ihnen nicht eher schreiben, als bis ich prognostizieren könnte, ob es zu schließlicher Vergessenheit verdammt ober in den Tempel der Unsterblichkeit aufgenommen werden wird. Obwohl nur erst ein paar Wochen seit seinem Erscheinen vergangen sind, machen sich doch schon Symptome bemerkbar, die eine Voraussage ermöglichen. Es ist, kurz gesagt – Hier bin ich von einem unverschämten Narren unterbrochen worden. [Er berichtet lang und breit über die Unterhaltung mit dem Narren und erörtert im Anschluß daran Glasgower Universitätsangelegenheiten.] Aber um zu unserem Buche zurückzukehren, so muß ich Ihnen sagen – die Pest auf diese Unterbrechungen! Ich hatte mich verleugnen lassen und trotzdem bricht dieser Mensch bei mir ein [er bringt Anekdoten aus Frankreich mit, die Hume erzählt]. Aber was hat das mit meinem Buche zu tun, höre ich Sie rufen. Geduld, mein lieber Smith! Fassen Sie sich! Zeigen Sie, daß sie nicht bloß Philosophieprofessor, sondern ein wirklicher Philosoph sind! Denken Sie an die Schwachköpfigkeit und Leichtfertigkeit des Publikums, an die Wertlosigkeit des Urteils der Menge! [Er führt klassische Beispiele dafür an, wie die Weisen immer die öffentliche Meinung verachtet haben]. Indem ich glaube, Sie damit hinreichend auf das Schlimmste vorbereit zu haben, rücke ich nun endlich mit der traurigen Mitteilung heraus, daß Ihr Buch das große Unglück gehabt hat, vom Publikum mit allgemeinem Beifall aufgenommen zu werden. Dieses alberne Volk hatte es schon mit Spannung erwartet, und nun, da das Buch erschienen ist, wird es vom Literatenpöbel laut gepriesen. Drei Bischöfe haben es gestern in Millars Laden gekauft und sich nach dem Autor erkundigt. Der Bischof von Peterborough erzählte, er habe es am Abend vorher in einer Gesellschaft über alle Bücher der Welt erheben hören. Der sonst so zurückhaltende Herzog von Argyle lobt es entschieden; entweder sieht er es für eine Kuriosität an, oder er spekuliert darauf, daß ihm der Verfasser bei der Glasgower Wahl behilflich sein werde. Lord Lyttelton erklärt Robertson, Smith und Bower für die drei größten Sterne am englischen Literaturhimmel. Oswald beteuert, er wisse nicht, ob er mehr Belehrung oder Unterhaltung aus dem Buche geschöpft habe; na, Sie wissen ja, was auf dessen Urteil zu geben ist; er kümmert sich um nichts als um Politik und hat die Eigentümlichkeit, an seinen Freunden keinen Fehler zu sehen. Millar [der Verleger] jubelt und prahlt: schon zwei Drittel der Auflage seien verkauft; Karl Townshend, der als der gescheiteste Kerl in ganz England gilt, ist so entzückt davon, daß er Oswald gesagt hat, er wolle dem Verfasser den Herzog von Buccleugh anvertrauen. Sobald ich das erfuhr, bin ich zu ihm gelaufen, um ihm zuzureden, daß er den jungen Herrn nach Glasgow schicken möge; denn daß er Ihnen Bedingungen vorschlagen werde, die Sie zum Verzicht auf Ihre Professur veranlassen könnten, wage ich nicht zu hoffen. Ich habe jedoch Townshend, auch ein zweites Mal, nicht getroffen; er soll sehr unbeständig sein, Sie werden also wohl auf seinen Einfall keine Pläne bauen. Als guter Christ, der Böses mit Gutem vergilt, werden Sie für diese vielen kränkenden Dinge, die nur die Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit mir abpressen konnte, mich hoffentlich dadurch belohnen, daß Sie meiner Eitelkeit ein wenig schmeicheln und mir erzählen, wie mich wegen meiner Darstellung der schottischen Reformation alle Frommen in Schottland herunter reißen. Sie werden froh sein, zu sehen, daß das Papier zu Ende ist und ich darum schließen muß.«

Es gehört die ganze Verbohrtheit eines Eugen Dühring dazu, diesen köstlichen Scherz – Hume, der immer Heitere und Witzige, scherzt fast in jedem seiner Briefe – für einen Erguß ernsten Mißfallens und häßlicher Mißgunst zu halten. Die Männer der Wissenschaft, bemerkt Haldane, hatten damals noch Zeit, ihren Briefen Form zu geben. Am 28. Juli berichtet Hume über weitere Erfolge, u. a., daß Lord Fitzmaurice einige Exemplare nach dem Haag mitgenommen habe. Für die bevorstehende zweite Auflage schlägt er einige Verbesserungen vor. Der Grundgedanke der Theorie, daß alle Sympathie angenehm sei, scheine ihm nicht deutlich genug hervorzutreten, und die schwierige Frage, wie das Trauerspiel Genuß bereiten könne, nicht befriedigend beantwortet zu sein. Burke, der damals noch nicht als Staatsmann berühmt war, schrieb eine unbedingt anerkennende Rezension und fand namentlich die Beobachtungsgabe des Verfassers, der mehr male als schreibe, bewunderungswürdig.

Der in Humes Briefe und schon vorher einmal erwähnte Townshend war ein durch Geist blendender Staatsmann, der Augenblicksimpulsen zu folgen pflegte und dadurch viel Unheil angerichtet, oder, wie man's nimmt, wider Willen Segen gestiftet hat. Als Kolonialminister beraubte er die Neuenglandstaaten des Rechts, ihre Richter selbst zu wählen, und als Schatzkanzler legte er ihnen 1767 den Theezoll auf und gab dadurch den unmittelbaren Anstoß zur Revolution. 1754 hatte er eine Witwe, Erbin von einem Vierteldutzend Adelstiteln, geheiratet, von denen der eine, der ihres ersten Gatten, des Herzogs von Buccleugh, auf den ältesten ihrer beiden Söhne erster Ehe überging. Der Knabe war damals in Eton. Townshend verdiente nun zwar den Namen Wetterhahn, den man ihm beilegte, aber in der uns interessierenden Angelegenheit hat er seinen Entschluß nicht geändert. Er besuchte Smith in Glasgow (dieser zeigte ihm u. a. die große Gerberei und fiel im Demonstrationseifer in eine Lohgrube) und lud ihn nach Dalkeith House ein (seine Gemahlin nannte sich Gräfin Dalkeith). Smith blieb von da ab mit der Familie in freundschaftlichem brieflichem und persönlichem Verkehr und übernahm vorläufig die Mühe, die Lektüre seines zukünftigen Zöglings zu leiten und ihn mit Büchern zu versorgen.

Schon 1760 erschien die zweite Auflage der Theorie. Smith hatte eine Anzahl Zusätze geschickt, die aber erst 1790, in die sechste Auflage, aufgenommen worden sind. In einem nicht völlig verständlichen, aber charakteristischen Briefe vom 4. April 1760 an Millars Kompagnon Strahan gibt Smith diesem Verleger das Recht, Verbesserungen vorzunehmen. Seine (Strahans) Vorschläge auf einen Bogen zu schreiben und diesen ihm zuzuschicken, werde wohl zu viel Mühe verursachen. Strahan möge nur die Änderungen, die er für nötig halte, selbst ausführen. Ein spanisches Sprichwort laute: besser, ein Hahnrei sein, ohne es zu wissen, als sich für einen halten, ohne es zu sein. So sei es für einen Autor manchmal besser, im Unrecht zu sein und zu glauben, er sei im Recht, als sich selbst ohne Grund eines Unrechts anzuklagen. Wenn demnach der Verleger die Änderungen ohne Smiths Mitwirkung ausführe, werde diesem nicht bloß eine Mühe erspart, sondern dieser wahre sich dabei auch das Recht des eigenen Urteils, »um dessen willen unsere Väter den Papst und den Prätendenten aus dem Lande gejagt haben«. Bei der Erwähnung dieser beiden fällt ihm ein soeben erschienenes Memoirenwerk ein, das ihn zu der Bemerkung veranlaßt: das Widerstreben der Schotten gegen die Vereinigung mit England am Anfange des Jahrhunderts sei erklärlich und verzeihlich; denn die Wohltaten, die daraus mit der Zeit für das Land entspringen mußten, seien damals noch nicht sichtbar gewesen, dagegen hätten darunter vorläufig die Interessen aller Stände gelitten. In diesem Briefe läßt Smith Benjamin Franklin und seinen Sohn grüßen, die ihn auf ihrer Reise durch Schottland besucht hatten.

Im September des nächsten Jahres, 1761, kam Smith das erste Mal nach London. Er hatte im Auftrage der Universität eine Anzahl Geld- und Rechtsgeschäfte zu erledigen, und wir erfahren bei der Gelegenheit, daß die Anstalt in den letzten Jahren £ 2631.6.5 11/12 über den Etat ausgegeben hatte. Auf dem Hinwege bekehrte er einen zukünftigen Premierminister zum Freihandel: den Lord Shelburne, der später, als Marquis von Lansdowne, an Smiths Biographen Dugald Stewart geschrieben hat: »Ich verdanke einer Reise, die ich mit Herrn Smith nach London gemacht habe, die Fähigkeit, im wichtigsten Abschnitt meines Lebens zwischen Licht und Finsternis zu unterscheiden. Die Neuheit seiner Grundsätze hinderte zwar mit meiner Jugend und meinen Vorurteilen zusammen das sofortige Verständnis, aber seine liebenswürdige Beredsamkeit prägte sich mir so fest ein, daß sie sich mit der Zeit entfalteten; sie haben das Glück meines Lebens begründet und die bescheidene Geltung, deren ich mich zu erfreuen gehabt habe.« Ein kleiner Wortwechsel, den er in einer Londoner Gesellschaft mit dem Lexikographen und Dichter Johnson gehabt zu haben scheint, ist deswegen der Erwähnung wert, weil er Anlaß gegeben hat zu einer Geschichtslüge, die unzähligemal nachgedruckt worden ist. Drei Autoritäten, unter denen Walter Scott die berühmteste ist, erzählen, Johnson habe Smith wegen einer Angabe in seinem Berichte über Humes Tod einen Lügner, Smith aber den Johnson einen Hurensohn geschimpft. Die Autoritäten haben, obwohl sie den Ereignissen der Zeit noch nahe standen, nicht überlegt, daß Hume erst 1776 gestorben ist. Am 22. Februar 1763 kündigt Hume dem Freunde einen Besuch an. Im Mai will er sich eine Chaise anschaffen, und einer der ersten Ausflüge, die er damit zu unternehmen gedenkt, soll Glasgow zum Ziele haben. Es wurde jedoch nichts daraus, und am 9. August nimmt Hume, den der Gesandte in Paris, Lord Hertford, zu seinem Sekretär erkoren hatte, schriftlich Abschied von Smith. Am 26. Oktober – er hatte erst drei Tage in Paris und zwei in Fontainebleau zugebracht – schreibt Hume seinen ersten Brief in die Heimat, und zwar an Smith, berichtet über die erstaunlich ehrenvolle Aufnahme, die er gefunden: beim König, beim Dauphin, sogar bei der Pompadour, über die Maße von Schmeichelei, die er »erduldet« habe und erzählt, der Baron Holbach habe ihm gesagt, daß einer seiner Bekannten die Theorie der moralischen Empfindungen übersehe.

2. Aufenthalt in Frankreich und in der Schweiz.

Unmittelbar vor diesem Briefe hatte Smith folgenden erhalten:

»Lieber Herr! Da die Zeit nahe rückt, wo der Herzog von Buccleugh ins Ausland zu gehen beabsichtigt, so nehme ich mir die Freiheit, unsere Unterhandlungen wieder anzuknüpfen. Sind Sie noch geneigt, mit ihm zu reisen, so werde ich die Genugtuung haben, Lady Dalleith und Seine Gnaden zu benachrichtigen und beiden zu einem Erfolg Glück zu wünschen, der ihnen ebenso sehr wie mir am Herzen liegt. Der Herzog will bis Weihnachten in Eton bleiben, dann sich in London bei Hofe vorstellen, aber ein langer Aufenthalt in London würde jetzt, wo sein Charakter noch nicht hinlänglich gefestigt ist, nicht erwünscht sein. Differenzen über die Bedingungen sind nicht zu befürchten, denn Sie werden finden, daß ich das Verhältnis so vorteilhaft für Sie zu machen bemüht bin, wie es für den jungen Herzog wohltätig fein wird. Dieser hat in den alten Sprachen und im schriftlichen Ausdruck bedeutende Fortschritte gemacht, und das hat natürlicherweise seine Lust zum Lesen und Lernen verstärk. Er ist hinreichend begabt, von männlicher Gemütsart, lauteren Herzens und wahrheitliebend, hat also die Eigenschaften, die einer Persönlichkeit von seinem Rang und Vermögen Gewicht und Grütze verleihen. Willigen Sie ein, dieses vortreffliche Material zu einem festen Charakter zu bilden und seine Erziehung zu vollenden, so wird er in sein Land und zu seiner Familie als der Mann zurückkehren, von dem unsere liebende Hoffnung träumt.

Ich bin, lieber Herr, mit aufrichtiger Zuneigung und Hochschätzung Ihr getreuer und ergebenst gehorsamer Diener

C. Townshend.

Lady Dalkeich empfiehlt sich Ihnen.

Smith nahm um so lieber an, da er zu seiner eigenen Belehrung einen längeren Aufenthalt im Auslande und namentlich in Frankreich wünschen mußte. Die Bedingungen waren glänzend: 6000 Mark jährlich auf Lebenszeit. Für 2½ Jahre eines leichten, angenehmen und ihm selbst weit mehr als seinem Zöglinge vorteilhaften Dienstes hat er bis zu seinem Tode gegen 160 000 Mark bezogen. Die Auslandsreise galt damals als Ersatz fürs Universitätsstudium. Auch der junge Buccleugh hat keine Universität bezogen, sondern gleich nach seiner Rückkehr geheiratet. Die eigene Mitwirkung zu solchem Ersatz hat Smith nicht abgehalten, die Sitte in seinem großen Werke zu tadeln.

Da er sich auf plötzliche Abberufung gefaßt machen mußte, eröffnete er am 8. November 1763 der Fakultät, daß eine wichtige Angelegenheit ihn nötigen werde, im bevorstehenden Winter das College zu verlassen, und bat um Urlaub unter folgenden Bedingungen: 1. Wenn er vor Beendigung seines Kursus abreisen muß, wird er den Studenten das Honorar zurückzahlen; sollte es einer nicht annehmen, so erhält die Universität das Geld. 2. Den fehlenden Teil der Vorlesungen bekommen die Studenten gratis von einem Dozenten, den die Fakultät bestimmt, und dem Dr. Smith die von ihr für angemessen erachtete Entschädigung auszahlt. – Die Fakultät bewilligte den Urlaub unter den vorgeschlagenen Bedingungen. Anfang Januar 1764 kam die Berufung nach London. Am 9. meldete Smith der Fakultät, daß er seinem Vertreter (einem jungen Theologen Thomas Young, der auf seinen Vorschlag bezeichnet worden war) den am vorigen 10. Oktober empfangenen Semestergehalt auszahlen werde, übergab die Bibliothek der Moralklasse, empfing den Rest seines Quästorgehalts und ein Exemplar von Foulis' großem Homer, das er als Geschenk für Seine Sizilische Majestät mitnehmen sollte. Den Abschied von den Studenten erzählt Tytler im Leben des Lord Kames. »Nachdem er seinen Zuhörern Lebewohl gesagt und das getroffene Abkommen mitgeteilt hatte, zog er die Honorare aus der Tasche, jedes in ein Papier gewickelt, und fing an, die Namen aufzurufen. Der zuerst Gerufene weigerte sich entschieden, das Päckchen zu nehmen, und alle riefen: sie hätten längst mehr von ihm empfangen, als sie jemals vergelten könnten. Smith dankte ihnen herzlich für die Gesinnung, die sie ihm bezeugten, sagte aber, das sei für ihn eine Gewissenssache; »beim Himmel, meine Herren,« rief er: »diese Gewissensberuhigung dürfen Sie mir nicht verweigern!« Und er faßte den Zunächststehenden am Rock und steckte ihm das Geld in die Tasche; die übrigen fügten sich, da sie sahen, daß er unbeugsam blieb.«

Nicht weniger ehrenhaft handelte er der Fakultät gegenüber: er resignierte auf seine Professur, was nicht jeder in ähnlichen Fällen getan hat. Es geschah dies erst von Paris aus in einem vom 14. Februar 1764 an den Lord Rektor Miller gerichteten Schreiben. Dessen Schluß lautet: »Nie war ich um das Wohl des College besorgter als in diesem Augenblick, und ich wünsche aufrichtig, daß mein Nachfolger, wer er auch sein möge, nicht allein durch Tüchtigkeit dem Lande Ehre mache, sondern auch die ausgezeichneten Männer, mit denen er wahrscheinlich sein Leben zubringen wird, durch einen rechtschaffenen Charakter und gute Gemütsart erfreue.« Der Senat genehmigte die Resignation am 1. März und schrieb in der Urkunde: »Die Universität kann nicht umhin, ihr aufrichtiges Bedauern über den Rücktritt des Dr. Smith auszusprechen, der sich durch seinen vortrefflichen Charakter und seine Liebenswürdigkeit die Hochachtung und Zuneigung seiner Kollegen erworben, durch ungewöhnliche Genialität, Tüchtigkeit und ausgebreitetes Wissen diese Körperschaft geehrt und sich durch seine Theorie der moralischen Empfindungen der literarischen Welt von ganz Europa empfohlen hat. Seine glückliche Gabe, abstrakte Gegenstände durch Beispiele zu erläutern, und sein treuer Eifer in der Mitteilung nützlicher Kenntnisse zeichneten ihn als Lehrer aus und gewährten der ihm anvertrauten Jugend zugleich mit wertvoller Belehrung den größten Genuß.« Mit der Würde eines LL. D. (Legum Doctor) hatte ihn der akademische Senat kurz vor seinem Abgange geschmückt. Indes hat weder er in seinen Unterschriften noch haben seine Freunde in der Anrede von diesem Titel Gebrauch gemacht, und Dugald Stewart mußte sich nachträglich entschuldigen, daß er ihn in seinem feierlichen Nachrufe auf Smith ausgelassen habe, weil er sozusagen verschollen gewesen und ihm gar nicht eingefallen sei.

Anfang Februar reisten Smith und sein damals siebzehnjähriger Schützling von London ab und langten am 13. in Paris an, wo sie kaum zwei Wochen geblieben sein können, denn am 4. März waren sie schon in Toulouse, und die Reise dahin dauerte damals sechs Tage, so daß sich Hume und Smith des ersehnten Wiedersehens nicht lange erfreut haben. Um sich in der Pariser Gesellschaft bewegen zu können, mußten Smith und der junge Buccleugh erst französisch sprechen lernen, und für diesen Zweck eignete sich Toulouse vorzüglich. Es war die zweite Stadt des Königreichs, hatte eine Universität, eine Akademie der Künste und Wissenschaften, ein Parlament, d. h. nach vorrevolutionärem französischem Sprachgebrauch einen höchsten Gerichtshof, und eine zahlreiche englische Kolonie. Die Adelsfamilien der Umgegend hatten ihre Häuser in der Stadt, die Gesellschaft war die feinste nach der Pariser, und nach Maßgabe ihrer Fortschritte im Französischen konnten die beiden Reisenden allmählich aus der englischen in die französische Gesellschaft übergehen. Den Führer machte der Abbé Colbert, ein Sprößling der schottischen Familie Cuthbert, von der auch der berühmte Colbert ab stammen wollte. Dieser war so versessen gewesen auf sein zweifelhaftes Schottentum, daß er allen vermeintlichen Vettern des Namens Cuthbert, die als arme Teufel nach Frankreich kamen, einträgliche Ämter verschafft hatte, und die Begnadigten hatten dann wieder andere Vettern nach sich gezogen. Der Toulouser Abbé hatte es damals, erst 28 Jahre alt, schon zum Generalvikar gebracht und wurde 1781 Bischof von Rodez. Er bemühte sich um die Verbesserung der Landwirtschaft und der Industrie. Nach Rae hat er im Mai 1789 als erster die Vereinigung der Geistlichkeit mit dem dritten Stande beantragt und ist zum Dank dafür auf den Schultern des Volkes durch die Straßen von Paris getragen worden. Von Smith und seinen volkswissenschaftlichen Grundsätzen war der Abbé entzückt. Sein Wunsch, ihn mit dem ebenfalls freihändlerischen Erzbischof und späteren Minister Loménie de Brienne zusammenzubringen, scheint an der fortwährenden Abwesenheit des Kirchenfürsten gescheitert zu sein.

Am 5. Juli schreibt Smith seinem Hume:

»Mein liebster Freund! Der Herzog von Buccleugh schlägt vor, daß wir nächstens einmal nach Bordeaux fahren und dort 14 Tage bleiben. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie uns Empfehlungsbriefe schickten an den Herzog von Richelieu [den Feldmarschall], den Marquis de Lorges und den Intendanten der Provinz. Herr Townshend versicherte mich, der Herzog von Choiseul würde uns allen Spitzen der französischen Gesellschaft, auch der hiesigen, empfehlen, aber wir merken nichts davon und haben uns mit Hilfe des Abbés, der ebenfalls hier noch fremd ist, unseren Weg selbst suchen müssen. So haben wir denn noch keine großen Fortschritte gemacht; der Herzog verkehrt noch nicht mit Franzosen, und ich kann die wenigen Bekanntschaften, die ich gemacht habe, nicht pflegen, weil die Leute nicht zu uns kommen, und ich nicht oft in der Lage bin, sie besuchen zu können. Mein Leben in Glasgow ist, verglichen mit dem, was ich hier führe, das eines Genußmenschen gewesen. Natürlich habe ich auch wenig zu tun, und, um mir die Zeit zu vertreiben, fange ich an, ein Buch [den Wealth of Nations] zu schreiben. Wenn Sir James einen Monat seiner Reisezeit mit uns zubringen wollte, so würde er damit nicht allein mich erfreuen, sondern auch durch seinen Einfluß und sein Beispiel dem Herzog von großem Nutzen sein.«

Sir James Macdonald, ein junger Mann von vielbewunderter Begabung und ausgezeichnetem Charakter, war ihr Reisegefährte von Dover nach Paris gewesen, und ist schon 1766 gestorben. Aus dem Ausfluge nach Bordeaux, den sie in Gesellschaft des Abbés machten, hat Smith u. a. beobachtet, wie sich Fabrik- und Handelsstädte von Residenz- und Parlamentsstädten unterscheiden, und wie mäßig die Bevölkerung der südlichen Weinländer im Trinken ist. Am 21. Oktober schreibt Smith an den Freund:

»Mein lieber Hume! Ich nehme die Gelegenheit wahr, daß Mr. Cook [ein Diener des Hauses Buccleugh] nach Paris geht, und danke durch Sie dem Gesandten herzlich für die ehrenvolle Empfehlung an den Herzog von Richelieu, der mich, ehe er den Brief gelesen hatte, Herr Robinson anredete. Er hat uns sehr freundlich ausgenommen und unseren Herzog mit Auszeichnung behandelt. Den Intendanten trafen wir nicht, aber wir werden den Brief nächstens abgeben, da wir nach Bordeaux zurückkehren, um des Herzogs Bruder dort zu erwarten [den Cook abholte] … Unser Ausflug nach Bordeaux hat zusammen mit einem zweiten nach Bagnères de Bigorre eine vorteilhafte Änderung im Herzog hervorgebracht. Er fängt an, in französischen Gesellschaften zu verkehren, und ich schmeichle mir, daß wir den Rest unseres Aufenthalts nicht allein zufrieden und in Frieden miteinander verleben werden [der junge Herr scheint, solange er sich unbehaglich fühlte, manchmal unangenehm geworden zu sein], sondern in Heiterkeit und Amüsement. Wenn Mr. Scott [der jüngere Bruder Buccleughs] kommt, wollen wir die Ständeversammlung der Languedoc in Montpellier besuchen. Können Sie uns Empfehlungen an den Grasen d'Eu, an den Erzbischof von Narbonne und an den Intendanten verschaffen? Diese Ausflüge, finde ich, sind von großem Nutzen für Mylord.«

Die Stände der Languedoc waren der einzige Überrest ständischer Verfassung in Frankreich. Sie beschäftigten sich mit der Anlegung von Kanälen und Häfen, der Austrocknung von Sümpfen und anderen gemeinnützigen Unternehmungen, die sie ausführten, ohne das Volk mit Fronarbeiten zu plagen. Um der Ausplünderung der Provinzen durch die Intendanten vorzubeugen, hatten sie die Steuern selbst gepachtet und repartierten sie gerecht. Der Adel genoß keine Vorrechte; allgemeiner Wohlstand blühte, es gab kein Armenhaus in der Provinz. Deren Kredit war so fest begründet, daß der König einigemal, um Anleihen zu bekommen, die Stände der Languedoc ersuchen mußte, für ihn Bürgschaft zu leisten. Von hier ist der Gedanke ausgegangen, dem zerrütteten Staate durch die Wiederbelebung der Stände aufzuhelfen. Smith hatte also guten Grund, mit seinen Zöglingen einer Sitzung dieser Ständeversammlung beiwohnen zu wollen. Den Vorsitz führte der Erzbischof von Narbonne, Kardinal, später Minister Dillon, ein Mann britischer Abstammung und strammer Verteidiger der ständischen Rechte gegen die Krone, dazu Freihändler. Nicht weniger lehrreich war der Verkehr mit den Herren vom Toulouser Parlament, nachdem das Sprachhindernis einigermaßen überwunden war. Diese Herren hatten Einfluß auf die Gesetzgebung; königliche Edikte erhielten für eine Provinz bekanntlich erst dadurch Gesetzeskraft, daß sie das Parlament dieser Provinz registrierte. 1756 hatte das von Toulouse dem Könige Vorstellungen wegen der Fronden gemacht und erklärt: die Lage der französischen Bauern sei tausendmal schlimmer als die der Negersklaven in Amerika, und gerade um die Zeit, da Smith nach Toulouse kam, hatten sämtliche Parlamentsräte Hausarrest, weil sie sich weigerten, eine neue Steuer zu registrieren. Kurz vorher hatten sie sich durch die Verurteilung des Calas einen schlimmen Ruf zugezogen. Zu ihrer Entschuldigung muß jedoch angeführt werden, daß, wie der Abbé Colbert an Hume berichtet hat, die ganze Bevölkerung der Stadt von der Schuld des grausam Hingerichteten überzeugt war und fortfuhr, gegen ihn zu wüten, auch nachdem auf Betreiben Voltaires seine Unschuld erwiesen und feierlich anerkannt worden war.

Ende August 1765 verließ Smith mit seinen beiden Zöglingen Toulouse und reiste über Marseille, wo der Herzog in der Porzellanfabrik zwei Service um zusammen 3000 Mark kaufte, nach Genf, wo sie im Oktober ankamen. Sie haben sich also Zeit genommen und unterwegs ohne Zweifel Land und Leute gründlich studiert. In Genf konnte Smith die von ihm hochgeschätzte Republik von nahem beschauen. Er verkehrte mit dem Arzte Tronchin, dessen Sohn in Glasgow sein Schüler gewesen war, und besuchte einigemal Voltaire in Fernay. Smith schätzte den großen Spötter, obwohl dieser strammer Absolutist war, sehr hoch. Als später einmal in seiner Gegenwart ein schottischer Freund von einem gewissen Voltaire sprach, schlug Smith mit der Faust auf den Tisch und rief, es gebe nur einen Voltaire; dieser habe der Vernunft unschätzbare Dienste geleistet; er habe mit seinem Spott die Menschen daran gewöhnt, das Licht zu vertragen; ernste Philosophen würden nur von wenigen gelesen, Voltaire lese jedermann; von Josefs II. Verstande könne man nicht viel halten, da dieser Kaiser angeblich als Philosoph gereist, aber bei Ferney vorbeigegangen sei. Die Reisenden verkehrten auch bei der Herzogin d'Enville, die sich damals von Tronchin behandeln ließ. Ihr Sohn aus erster Ehe war der edle und menschenfreundliche Herzog von Larochefoucauld, den 1789 ein Steinwurf getötet hat. Dieser nun hat später, am 3. März 1778, aus Paris an Smith geschrieben:

»Der Wunsch, mein Herr, sich Ihnen ins Gedächtnis zurückzurufen, wenn man die Ehre gehabt hat, Sie kennen zu lernen, muß Ihnen sehr natürlich erscheinen. Gestatten Sie daher, daß wir, meine Mutter und ich, die Gelegenheit dazu, die sich uns darbietet, benutzen, indem wir Ihnen ein Exemplar der neuen Ausgabe der Maximen von Larochefoucauld darbieten. Sie sehen zugleich daraus, daß wir Ihnen wegen des Bösen, das Sie diesem Werke in Ihrer Theorie der moralischen Empfindungen nachgesagt haben, nicht grollen. Beinahe hätte ich noch mehr getan; ich wäre vielleicht so kühn gewesen, eine Übersetzung Ihrer Theorie herauszugeben, aber als ich den ersten Teil vollendet hatte, erschien die Übersetzung des Herrn Abbé Blavet, und so mußte ich dem Vergnügen entsagen, eines der besten Werke Ihrer Sprache in die meinige zu übertragen. In der Übersetzung hätte ich eine Rechtfertigung meines Großvaters versuchen müssen. Vielleicht wäre es nicht schwierig gewesen, ihn damit zu entschuldigen, daß er die Menschen meistens nur bei Hofe und im Bürgerkriege beobachtet hat, also aus zwei Schauplätzen, auf denen sie ihre schlechtesten Eigenschaften zu entfalten pflegen, und dann ihn durch seinen persönlichen Wandel zu rechtfertigen. Er hat zu sehr generalisiert, den Teil fürs Ganze genommen; weil er die Menschen, die er vor Augen hatte, von der Selbstsucht beseelt sah, so hielt er diese für die Haupttriebfeder des menschlichen Handelns im allgemeinen.«

Es ist nicht bekannt, was Smith hierauf geantwortet hat. In der Ausgabe von 1781 wurde die Larochefoucauld betreffende Stelle noch nicht geändert. Aber als Dugald Stewart 1789 nach Paris ging, trug ihm Smith auf, dem Herzog sein Bedauern darüber auszusprechen, daß er irrtümlich die Maximen auf eine Stufe mit der abscheulichen Schrift Mandevilles gesetzt habe; in der bevorstehenden neuen Ausgabe werde die Stelle gestrichen werden. Das ist denn auch geschehen.

Um Weihnachten 1765 kam Smith, von Hume sehnlich erwartet, in Paris an, aber wieder genossen die Freunde einander nur wenige Tage, denn durch Hertfords Ernennung zum Lordleutnant von Irland hatte er sein Amt als Gesandtschaftssekretär verloren (er wurde bald darauf zum Unterstaatssekretär ernannt), und hatte es überdies eilig, seinen Schützling Rousseau nach England zu bringen, wo er bald schlimme Erfahrungen mit ihm machen sollte. Er reiste am 3. Januar 1766 ab, nachdem er Smith in die Pariser Gesellschaft eingeführt hatte. Dessen Theorie der moralischen Empfindungen war schon viel gelesen worden, teils im Original, teils in der 1764 unter dem Titel: Métaphysique de l'Ame erschienenen schlechten Übersetzung von Dous, und das Lob, das sie geerntet hatte, erschloß ihm zusammen mit der Einführung durch den vergötterten Hume alle Türen. Smith hat leider kein Reisetagebuch geführt und war hier so faul im Briefschreiben wie überall, aber zufällig weiß man, daß er am 21. Juli 1766 bei Mademoiselle d'Espinasse, am 25. bei der Gräfin Boufflers und am 27. beim Baron Holbach gewesen ist, und man darf diesen kleinen Ausschnitt aus seinem Pariser Leben für typisch halten. Selbstverständlich hat er auch an den oben erwähnten Diners bei Holbach teilgenommen, und bei Helvetius traf er den Abbé Morellet, der gleich ihm Philosoph und liberaler Ökonomist war, und der uns mitteilt, daß Smith ein schlechtes Französisch gesprochen habe, und daß sie miteinander Bank- und Kreditfragen erörtert hätten, »kurz die Gegenstände des großen Werkes, das Smith damals im Geiste entwarf«. Beim Abschiede gab ihm Smith seine Brieftasche zum Andenken, deren sich Morellet zwanzig Jahre lang bedient hat. Bei der d'Espinasse, in deren Hause auch einer der intimsten von Smiths Pariser Freunden, d'Alembert, wohnte, traf er öfter Turgot, der gerade an einem ähnlichen Werke arbeitete. Es erschien 1766 unter dem Titel: Réflexions sur la formation et la distribution des richesses. Turgot war damals noch Intendant der Provinz Limousin, kam aber oft nach Paris. Beide Männer hegten die lebhafteste Sympathie für einander, denn auch auf Smith paßte, was Turgot nachgerühmt worden ist: il ne cherche le vrai que pour faire le bien. Smith urteilte über Turgot: für einen Staatsmann sei er zu einfältigen Herzens gewesen, zu geneigt, die Selbstsucht, die Bosheit, die Vorurteile, die sich jeder Reform widersetzen, zu unterschätzen; so wenig kenne er die Welt und die Menschennatur, daß er sich einbilde, alles als recht Erkannte könne verwirklicht werden.

Hume hatte dem, vom Strafrichter verfolgten, Rousseau ein Asyl verschafft, was wegen der unberechenbaren Launen des Flüchtlings sehr schwierig gewesen war, und außerdem eine Pension vom Könige, die Rousseau zuerst nur annehmen wollte, wenn sie geheim gehalten, dann, wenn sie öffentlich bekannt gemacht würde; beidemal ward seinen Wünschen Erfüllung zugesichert. Zuletzt beschuldigte er Hume einer abscheulichen Verschwörung gegen ihn: alle seine Wohltaten seien nichts als listig gelegte Fallen. Hume teilte das Unerhörte in großer Aufregung seinem Freunde mit. Smith antwortete am 6. Juli 1766:

»Mein lieber Freund! Ich bin ebenso wie Sie und hier in Paris jedermann überzeugt, daß Rousseau ein Schurke ist. Aber ich bitte Sie, denken Sie nicht daran, seine unverschämten Briefe zu veröffentlichen! Daß er die Pension zurückweist, die ihm Ihre Güte verschafft hat, mag Sie bei Hofe und im Ministerium ein wenig lächerlich machen. Lassen Sie das über sich ergehen! Zeigen Sie seinen letzten Brief, aber geben Sie ihn nicht aus der Hand, damit er nicht etwa durch den Druck veröffentlicht wird, und lachen Sie sich selbst mit aus; dann, ich wette mein Leben, wird diese kleine Affäre, die Ihnen jetzt so viel Ärger verursacht, binnen drei Wochen zu Ihren Gunsten ausschlagen. Wollen Sie diesen heuchlerischen Pedanten vor dem Publikum entlarven, so können Sie sich damit Ihr ganzes Leben verderben. Überlassen Sie ihn sich selbst, so ist nach 14 Tagen der Ärger ausgestanden. Gegen ihn schreiben – verlassen Sie sich darauf! – das ist es gerade, was er erstrebt. Er will der Vergessenheit, die ihm in England droht, dadurch entgehen, daß er einen berühmten Mann herausfordert. Kommt die Sache in die Öffentlichkeit, so wird er eine große Partei haben: die Kirche, die Whigs, die Jakobiten, die ganze weise englische Nation, alle werden wetteifern, den Mann zu feiern, der eine königliche Pension ausgeschlagen hat. Vielleicht zahlen sie ihm sogar reichlichen Ersatz, und es ist nicht unmöglich, daß er auch darauf spekuliert hat. Alle Ihre hiesigen Freunde: Holbach, d'Alembert, Madame Riccoboni, Mademoiselle Rianecourt, Herr Turgot, – sie alle wünschen, daß Sie nichts veröffentlichen. Mr. Turgot, ein Freund, der Ihrer in jeder Beziehung wert ist, hat mir aufgetragen, Ihnen meinen Rat als seinen eigenen zu empfehlen. Gleich mir fürchtet er, englische Literaten von der Sorte, die gewöhnt ist, ihren persönlichen Klatsch in die Zeitungen zu bringen, möchten Einfluß auf Sie gewinnen und Sie schlecht beraten.«

Smith täuschte sich in zwei Stücken. Zunächst waren keineswegs alle Pariser Freunde der Meinung, es dürfe nichts veröffentlicht werden. Die Sache war ja schon durch mündliche Mitteilungen in die Öffentlichkeit gedrungen und erregte ungeheures Aufsehen. Rousseau triumphierte: sein Gegner wage nicht, gegen ihn zu schreiben. Hume schickte deshalb d'Alembert die Schriftstücke, und dieser veröffentlichte sie. Dann aber hielten die Franzosen Rousseau nicht für einen Schurken, sondern für einen Geisteskranken (als einen interessanten Fall von Paranoia in der Form des Verfolgungswahns hat neuerdings Möbius den unglücklichen Rousseau behandelt, seinem Charakter aber das beste Zeugnis ausgestellt). So dachten besonders Turgot und die Gräfin Boufflers. Diese, die Geliebte des Fürsten Conti, der den aus England zurückgekehrten Rousseau auf einer seiner Besitzungen aufgenommen hat, schrieb an Hume: »Glauben Sie doch nicht, daß Rousseau fähig sei, zu lügen und eine künstliche Intrige einzufädeln, daß er ein Betrüger, ein Verbrecher sei! Seine Wut ist grundlos, aber sie ist aufrichtig. Warum haben Sie nicht, anstatt über einen Unglücklichen zu zürnen, der Ihnen nicht schaden kann und der nur sich selbst zugrunde richtet, das hochherzige Mitleid walten lassen, für das Sie so empfänglich sind? Sie hätten dadurch einem Skandal vorgebeugt, der Ärgernis und Spaltung verursacht, der Bosheit einen Gefallen erweist, auf beider Kosten die Gedankenlosen amüsiert und zu Betrachtungen einladet, die den Philosophen und der Philosophie nicht eben zur Ehre gereichen.« Die Dame hat also die schließlich erfolgte Veröffentlichung zwar ebenfalls gemißbilligt, aber aus anderen Gründen als Smith.

An der Riccoboni hatte dieser geradezu eine Eroberung gemacht. Sie war Schauspielerin gewesen und wurde damals als Novellistin gefeiert. Sie empfahl Smith aufs wärmste ihrem Garrick, »dem Liebling ihres Herzens«, in zwei Briefen; den einen schickte sie mit der Post, den anderen übergab sie Smith. Der zweite lautet: »Ich bin eitel darauf, mein teurer Herr Garrick, daß ich Ihnen etwas schenken kann, was ich mit lebhaftem Bedauern verliere: das Vergnügen, Herrn Smith zu sehen. Dieser bezaubernde Philosoph wird Ihnen selbst sagen, wie viel Geist er hat, denn er ist gar nicht imstande, zu sprechen, ohne welchen zu offenbaren. Leider nötigt mich ein höflicher Brauch, ihm diesen Brief offen zu übergeben, so daß ich ihm nicht volle Gerechtigkeit widerfahren lassen kann; dem bescheidenen Manne würde die schlichte Wahrheit als grobe Schmeichelei erscheinen. Ich könnte Ihnen sagen, was er selbst einmal von einem anderen gesagt hat: Die Berufstätigkeit dieses Mannes besteht darin, liebenswürdig zu sein; ich würde nur noch hinzufügen: und die Achtung aller zu verdienen, die das Glück haben, ihn zu kennen. O diese Hunde von Schotten! Sie gefallen mir und bereiten mir Betrübnis! Ich bin wie ein junges, verliebtes Mädchen, das an nichts als an ihren Liebsten denkt. Zanken Sie mich aus, prügeln Sie mich, töten Sie mich – ich liebe einmal diesen Smith! Ich wollte, der Teufel holte alle unsere Literaten und brächte mir Herrn Smith wieder usw.« Auch an Burke empfahl sie ihn auf seinen Wunsch, er ließ aber das Schreiben bei ihr liegen. »Mein Schäfchen, der Philosoph« schrieb sie Garrick am 3. Januar 1767, »ist abgereist, ohne den Brief zu holen.« Eine französische Marquise, die ihn auf einem Ausfluge nach Abbeville für sich in Beschlag nehmen wollte, stieß auf kalte Zurückweisung, weil der Philosoph dort eine Engländerin getroffen hatte, für die sein Herz erglüht war. Ob es dieselbe ist, von der Dugald Stewart berichtet, daß sich ihre geplante Verheiratung mit Smith zerschlagen habe, und daß sie ebenfalls ledig geblieben sei, läßt sich nicht ausmachen; Rae hält es für wahrscheinlich, daß die beiden Personen nicht identisch sind. Smith besuchte auch fleißig das Theater und bildete durch Anschauung und in Gesprächen mit der Riccoboni seine Theorie der dramatischen Kunst aus. Auch die Oper, die ernste wie die komische, liebte er sehr, was nicht der Fall gewesen sein würde, wenn ihm, wie der Earl of Buchan behauptet hat, der Sinn für Musik gefehlt hätte.

Die wichtigste seiner Pariser Bekanntschaften nach Turgot ist Quesnay gewesen, das Haupt der Physiokraten. Von Smiths Verhältnis zu dieser ökonomischen Schule wird an seinem Ort zu sprechen sein; hier mag nur daran erinnert werden, daß Quesnay, der Leibarzt des Königs, gleich Turgot ergriffen von dem Elend der Bauern und dem kläglichen Zustande der Staatsfinanzen, sein berühmtes Tableau économique entworfen hat, dessen Motto lautet: pauvre paysan, pauvre royaume, pauvre royaume, pauvre roi. Quesnay hatte eine Wohnung im Entresol der Pompadour inne, und da er nicht zu bewegen war, zu ihr hinunterzukommen und an den Staatsratssitzungen teilzunehmen, denen sie präsidierte, so stieg sie manchmal hinauf zu ihm und hörte ihn mit seinen Schülern über den Reinertrag der Landwirtschaft disputieren. Die Physiokraten standen im schärfsten Gegensatz zum ancien régime und wurden trotzdem gehätschelt; Turgot sollte als Finanzminister ihre Grundsätze durchführen. Was sie dem Könige und der Pompadour empfahl, das war ihre Vorliebe für den Absolutismus: alles für, nichts durch das Volk war ihr Wahlspruch. Sie wollten die ökonomische Freiheit, aber sie brauchten – das ist echt französisch – einen Despoten, der diese Freiheit durchsetzte, ohne Rücksicht auf die entgegenstehenden Überzeugungen und Interessen.

Gegen Ende der Reisezeit bereiteten dem guten Smith seine beiden Zöglinge großen Kummer. Buccleugh erkrankte, und Smith mußte Quesnay in seiner Eigenschaft als Arzt in Anspruch nehmen. Es kostete große Mühe, den alten Mann, der selbst kränkelte, in Bewegung zu setzen, gelang aber zuletzt. Smith bewährte sich auch in dem neuen Amte eines Krankenpflegers, und der junge Herzog genas. Am 18. Oktober 1766 aber wurde dessen Bruder, der 19jährige Hew Campbell Scott, in Paris auf der Straße ermordet. Da verstand sich die augenblickliche Heimkehr für den Rest der Reisegesellschaft von selbst, und die Sehnsucht nach der Heimat, die Smith trotz der glänzenden Aufnahme in Paris und trotz den dort genossenen Annehmlichkeiten und Vorteilen in einem Briefe an Millar ausspricht, wurde rascher gestillt, als er vermutet hatte. Er war darin Hume unähnlich, der England verabscheute, an Schottland nicht allzusehr hing und sein Leben am liebsten in dem schönen Frankreich beschlossen hätte, welchen Plan Smith dringend widerriet. Am 1. November trafen die Heimkehrenden laut Zeitungsmeldung in Dover ein. Es gehört zu den schönen Zügen der Familie Buccleugh, daß Smith für das Unglück, von dem sie betroffen worden war, nicht verantwortlich gemacht und das freundschaftliche Verhältnis zwischen beiden nicht getrübt wurde. Nach Smiths Tode schrieb Buccleugh an Dugald Stewart: »Im Oktober 1766 kehrten wir nach London zurück, nachdem wir gegen drei Jahre zusammen gelebt hatten, ohne daß je die geringste Mißhelligkeit oder auch nur Kälte zwischen uns obgewaltet hätte, und was mich betrifft, mit dem Nutzen, der vom Umgange mit einem solchen Manne erwartet werden konnte. Unsere Freundschaft hat bis zu seinem Tode fortbestanden, und nie wird mir das Bewußtsein entschwinden, daß ich in ihm einen Freund verloren habe, den ich nicht allein um seiner großen Talente willen geliebt und geschätzt habe, sondern auch, weil ihn alle Tugenden schmückten.« Der Herzog Heinrich hat sich gegen den Willen seines Stiefvaters von der Politik fern gehalten und ist auf seinen Gütern geblieben, als ein Vater und Wohltäter seiner Untertanen und Förderer der Landwirtschaft und der Wissenschaften. Gewiß sind seine Vorzüge guter Anlage entsprossen, aber er hätte auch in den entscheidenden Jahren der Reife keinen geeigneteren Hüter und Pfleger seiner natürlichen Gaben finden können als Smith. Dessen Freundschaft mußte namentlich das Verhältnis Buccleughs zu seinen Pächtern beeinflussen. Die Familie stand in dem Rufe, daß sie gegen ihre Untertanen Gerechtigkeit und Milde walten lasse, aber Herzog Heinrich soll seine Vorfahren darin noch übertroffen haben. Smith war ein leidenschaftlicher Feind jeder Inhumanität und Ungerechtigkeit und brandmarkte sie, wo immer er darauf stieß. Als einmal aus der Gesellschaft ein Herr fortgegangen war, der eine Ungerechtigkeit zu beschönigen gesucht hatte, sagte Smith: »Jetzt können wir wieder frei atmen; dieser Mensch hat keine Entrüstung in seinem Herzen.«

3. Geschichte der Entstehung des »Wohlstandes der Nationen«.

Die nächsten sechs Monate blieb Smith in London, zunächst mit der dritten Ausgabe der Theorie der moralischen Empfindungen beschäftigt, und zugleich Hume in Briefen zur Fortsetzung seiner englischen Geschichte aufmunternd. Die neue Auflage wurde bei Strahan gedruckt, der damals noch Millars Kompagnon und später Chef der Firma war. Aus einem Schreiben Smiths an Strahan ersehen wir, daß auch auf dem Titel dieser Ausgabe, der, wie der zweiten, die Abhandlung über den Ursprung der Sprachen beigegeben wurde, nur »Adam Smith«, ohne irgend welches Anhängsel davor oder dahinter, gesetzt werden sollte. Er besuchte fleißig das Britische Museum, um Stoff für sein größeres Werk zu sammeln, und studierte besonders eifrig die Verwaltung der Kolonien, die damals, wo der Abfall der amerikanischen drohte, die brennendsten Fragen lieferten. Am 12. Februar 1767 berichtet er dem Staatssekretär Lord Shelburne, was er über die Verfassung und Verwaltung der römischen Kolonien ermittelt hat, und empfiehlt ihm zugleich den aus Ostindien zurückgekehrten Alexander Dalrymple, der später zum Hydrographen der Admiralität und der Ostindischen Kompagnie ernannt wurde, damals aber ein Schiff zur Erforschung der Südsee verlangte. Smiths Anfälle von Geistesabwesenheit hatten sich auf der Reise, wo er überhaupt mehr weltmännische Manieren angenommen hatte, vermindert, doch wird auch aus der Londoner Zeit ein Fall berichtet. Beim Frühstück einmal, erzählt ein Herr Damer, nahm er ein Butterbrot, rollte es zusammen, warf es in den Teekessel, goß das heiße Wasser darauf und murrte dann beim Trinken, so schlechter Tee sei ihm noch nicht vorgekommen. Ja, sagte der Besucher, Sie haben eben statt des Tees Butterbrot hineingetan.

Im Sommer kehrte Smith zu seiner Mutter, die wieder nach Kirkcaldy gezogen war, zurück und schrieb an seinen Dioskuren Hume, der nun gerade wieder als Unterstaatssekretär, in London wohnte, er habe sich nie so glücklich gefühlt wie jetzt bei seinen ungestörten Studien; seine Erholung seien lange Spaziergänge. Er empfiehlt ihm einen Grafen Sarsfield, der irischer Abstammung war und zum Kreise Turgots gehörte. Der Schluß des Briefes lautet: »Was ist aus Rousseau geworden? Hat er Britannien wieder verlassen, weil es ihm nicht gelungen ist, in dem Grade verfolgt zu werden, wie er es wünscht? Was hat der Zwist zwischen dem Ministerium und der Ostindischen Kompagnie zu bedeuten? Daß deren Privileg, wie es scheint, nicht verlängert werden soll, ist gut.« Am 13. September empfiehlt er einen Vetter an Hume von Dalkeith House aus, wo er sich aufhält, um dem jungen Paare – der Herzog hat mittlerweile geheiratet – bei der Einrichtung behilflich zu sein. Er ist entzückt von der Liebenswürdigkeit der Herzogin. Ein unberühmter Namensvetter des großen Carlyle, ein Dr. Carlyle, der bei jeder Gelegenheit an Smith etwas auszusetzen findet, bedauerte, daß man bei dem für die Honoratioren der Nachbarschaft gegebenen Feste keinen geschickteren Arrangeur gehabt habe als den täppischen Smith; das Fest sei steif und kalt verlaufen, weil das junge Paar allen Gästen unbekannt war (der Herzog hatte nie in Dalkeith gelebt) und Smith nicht geeignet gewesen sei, die Annäherung zu erleichtern. Jedenfalls ist es interessant, zu erfahren, daß unserem vielseitigen Professor auch einmal zugemutet worden ist, in einem herzoglichen Schlosse den Wirt und den Zeremoniar zu spielen. Smith hat von da ab oft wochenlang in Dalkeith House gewohnt. Einmal passierte es ihm dort, daß er den augenblicklich leitenden Staatsmann einer vernichtenden Kritik unterwarf, bis ihn ein freundschaftlicher Rippenstoß daran erinnerte, daß der nächste Verwandte dieses Staatsmannes ihm gerade gegenüber saß. Smith kam zwar zu sich, murmelte aber in seinem schottischen Dialekt: »Zum Teufel, 's ist doch mal wahr!« Sollte er nicht ein wenig Schalk gewesen sein und die Geistesabwesenheit manchmal nur geheuchelt haben? Allerdings ist seine Schwäche auch gewöhnlichen Leuten aufgefallen; ein Gärtner, an den er ungereimte Fragen stellte, wunderte sich, daß dieser Mann gelehrte Bücher habe schreiben können.

Aus einer Korrespondenz Smiths mit dem Anwalt des Herzogs erfahren wir, daß er das Familienarchiv der Buccleughs, wohl zu praktischen Zwecken im Interesse seines jungen Freundes, durchstöbert hat, und mit Lord Hailes, der ein tüchtiger Jurist war, korrespondiert er über die Gesetze Jakobs I. und über die Douglas-Affäre. Zum ersten Gegenstand schreibt er in dem Briefe vom 5. März 1769 u. a.: »Euer Lordschaft Bemerkungen werden mir mehr nützen als die meinigen Ihnen. Ich habe die juristische Literatur nur in der Absicht studiert, einen allgemeinen Begriff davon zu bekommen, nach welchen Grundsätzen die Rechtspflege in verschiedenen Zeitaltern und bei verschiedenen Nationen ausgeübt worden ist, mich aber sehr wenig in die Details eingelassen, in denen, wie ich sehe, Euer Lordschaft Meister ist. Die einzelnen Tatsachen, die Sie anführen, werden viel dazu beitragen, meine allgemeinen Begriffe zu berichtigen, diese dagegen sind, fürchte ich, zu unbestimmt und oberflächlich, als daß sie Euer Lordschaft einen wesentlichen Nutzen gewähren könnten.« Beim Douglasfall handelte es sich um folgendes. Des kinderlos verstorbenen letzten Herzogs Douglas Schwester hatte, 50 Jahre alt, auf der Reise eine heimliche Ehe mit Sir John Stewart of Grandtully geschlossen. Ihr Sohn Douglas war der gesetzliche Erbe, vorausgesetzt, daß er wirklich ihr Sohn war; aber die Agnaten – der Nächstberechtigte hieß Hamilton – behaupteten, er sei der untergeschobene Sohn eines armen Franzosenweibes. Der Fall wurde leidenschaftlich erörtert; jedermann in Schottland war entweder ein Douglas oder ein Hamilton, und die große Mehrheit schwärmte für den jungen Douglas. Smith und Hume, im Politischen Gegner, stimmten in dieser öffentlichen Angelegenheit überein: beide waren von der Unterschiebung überzeugt. In dem Briefe nun spricht Smith seine Entrüstung darüber aus, daß die beiden Lord-Richter des höchsten Gerichtshofes, der sentimentalen Stimmung des Publikums nachgebend, für Douglas entschieden hätten. »Der eine ist immer der Gunst des Pöbels nachgelaufen, und der andere ist zwar bedeutend intelligenter, hat aber zeitlebens nichts so sehr gefürchtet, als den Haß des großen Haufens, und diesem ist er trotzdem nicht entgangen.« Dieser zweite Lord war, weil er anfangs auf der Gegenseite stand, auf dem Wege zum Gerichtshofe beschimpft und in seinem eigenen Hause bedroht worden. Smith mußte zu seinem Ärger die Freudenfeuer sehen, mit denen des jungen Douglas Sieg gefeiert wurde.

Damals wohnte Hume wieder in Edinburgh. Am 20. August 1769 schrieb er: »Lieber Smith, es freut mich, Sie jetzt wieder in Sehweite zu haben; von meinem Fenster hat man die Aussicht auf Kirkcaldy. Aber ich möchte Sie gern auch in Sprechweite haben und zu diesem Zweck etwas mit Ihnen vereinbaren. Mich nimmt nun die Seekrankheit scheußlich mit, und ich kann den Golf, der zwischen uns liegt, nicht ohne Schauder und eine Anwandlung von Wasserscheu sehen. Zudem bin ich reisemüde. Ich schlage Ihnen deshalb vor, hierher zu kommen und einige Tage mit mir in meiner Einsamkeit zu verleben. Ich muß wissen, was Sie treiben, und werde strenge Rechenschaft darüber fordern, wie Sie Ihre Zeit angewandt haben. Ich weiß gewiß, daß Sie mit vielen Ihrer Spekulationen daneben schießen, besonders in solchen Fällen, wo Sie das Unglück haben, anderer Meinung zu sein als ich. Das sind gewichtige Gründe für eine Zusammenkunft! Machen Sie also einen Vorschlag. Wenn es auf der Insel Inchkeith ein Wohngebäude gäbe, würde ich vorschlagen, daß wir uns dort treffen und nicht eher fortgehen, als bis wir uns in allen strittigen Punkten geeinigt haben.« Ob es damals zu einem Besuch gekommen ist, wissen wir nicht. Am 6. Februar 1770 schreibt Hume: »Was soll das heißen, daß Sie nach London gehen wollen, ohne mir auf der Durchreise ein paar Tage zu schenken? Und wie können Sie daran denken, für dieses verfluchte Narrenvolk ein mit Vernunft und nützlichem Wissensstoff angefülltes Buch zu veröffentlichen?« Smith scheint mit seinem Werke so weit fertig gewesen zu sein, daß es allenfalls hätte gedruckt werden können, aber er schob die Veröffentlichung auf, weil ihm immerfort noch Stoff zufloß für Verbesserungen und Zusätze. Im Juni 1770 war er in Edinburgh und wurde durch das Bürgerrecht dieser Stadt ausgezeichnet. Wahrscheinlich hatte er diese Ehre seinem Verhältnis zum Herzoge von Buccleugh zu verdanken, denn dieser, dessen Schwiegervater, der Herzog von Montagu, und ein kirchlicher Würdenträger, der Buccleughs Tutor in Eton gewesen war, empfingen gleichzeitig mit ihm das Bürgerdiplom. Aus einem Briefe Humes vom 28. Januar 1772 erfahren wir, daß die Erkrankung von Humes Schwester den Plan einer Zusammenkunft an Weihnachten vereitelt hatte. Hume bittet Smith, den Besuch nachholen zu wollen, sobald die Schwester vollkommen wieder hergestellt sein wird, und fährt fort: »Wenn Sie sich dann etwa mit Ihrem eigenen Gesundheitszustande entschuldigen wollen, so werde ich diese Entschuldigung nicht annehmen; das sind bloß Vorwände, mit denen Sie Ihre Trägheit und Ihre Liebe zur Einsamkeit bemänteln. Wirklich, lieber Smith, wenn Sie solchen Neigungen nachgeben, werden Sie sich von der menschlichen Gesellschaft ganz ausschließen – zum großen Schaden für beide Teile.«

Schlechte Gesundheit war jedoch kein bloßer Vorwand. Am 5. September desselben Jahres schreibt Smith an Pulteney, sein Buch würde vor dem Winter fertig geworden sein, wenn nicht teils Kränklichkeit, die vom anhaltenden Nachdenken immer über denselben Gegenstand komme, teils die Sorge für Freunde, von denen er die Wirkung des allgemeinen Unglücks abzuwehren suche, ihn aufgehalten hätten. Das Unglück war ein Bankkrach infolge einer Handelskrise, und mit den Freunden sind ohne Zweifel hauptsächlich die Buccleughs gemeint, denn der Herzog war mit sechzehn Millionen Mark an einer Bankgründung beteiligt. Im selben Briefe dankt Smith Pulteney dafür, daß er ihn den Direktoren der Ostindischen Kompagnie empfohlen habe als einen Mann, der ihnen nützen könnte. Wahrscheinlich hat Pulteney vorgeschlagen, ihn zu einem Mitglieds der Kommission zu ernennen, die damals zu dem Zwecke eingesetzt werden sollte, die Kompagnie von ihrem lebensgefährlichen Defizit zu kurieren; sie sollte aus drei Männern bestehen, an Ort und Stelle, also in Indien, die Lage untersuchen und die weitere Geschäftsführung überwachen. Das Parlament hat jedoch die Einsetzung dieser Kommission nicht gestattet. Nach Rae irrt Rogers, wenn er (nicht in der Vorrede zu seiner Ausgabe des Wealth) äußert: diese Verhandlungen hätten den vierjährigen Aufschub der Veröffentlichung verschuldet, und falls Smith ernannt worden wäre, würde das Buch, in dem die Kompagnie scharf kritisiert werde, überhaupt nicht erschienen sein. Den Aufschub haben die Verbesserungen und Zusätze verschuldet, zu denen sich Smith veranlaßt sah, das Manuskript hat nicht, wie Rogers glaubt, vier Jahre lang unverändert in Smiths Pulte gelegen, der Kommissionsplan scheiterte noch vor Ablauf des Jahres 1772, in der ersten Auflage endlich stehen nur ein paar scharfe Bemerkungen über die Kompagnie, die leicht weggelassen werden konnten; die ausführliche Kritik des Instituts ist erst den späteren Ausgaben eingefügt worden.

Am 23. November 1772 schreibt Hume: »… Kommen Sie um Weihnachten hierher; erholen Sie sich ein paar Wochen; kehren Sie dann nach Kirkcaldy zurück, beenden Sie Ihr Werk vorm Herbst, gehen Sie nach London, besorgen Sie den Druck, und lassen Sie sich dann in unserer Stadt nieder, die Ihren Neigungen und Bedürfnissen noch besser entsprechen würde als selbst London.« Dieses Programm ist genauer befolgt worden, als die beiden Freunde damals ahnen konnten. Um dieselbe Zeit wurde Smith eine zweite Hofmeisterstelle angetragen: er sollte den jungen Herzog von Hamilton, den Prozeßgegner des kleinen Douglas, auf Reisen begleiten; die Verhandlungen zerschlugen sich jedoch. In Kirkcaldy hat Smith damals mancherlei Anlaß zu Anekdoten gegeben. Eines Morgens, heißt es u. a., ging er im Schlafrock in den Garten, geriet ins Freie, lief in Gedanken immer weiter und kam erst zu sich, als er Glockengeläut hörte; da fand er denn, daß er nach Dunfermline fünfzehn (englische) Meilen von Hause, geraten war, wo die Leute eben in die Kirche gingen. In seinem Arbeitszimmer zeigte man nach seinem Tode in der Nähe des Kamins einen Fettfleck auf der Wand, der dadurch entstanden war, daß er sich mit dem pomadisierten Haupte an die Wand lehnte, wenn er seinem Sekretär diktierte. Seine von Hume öfter gerügte Faulheit im Briefschreiben hing damit zusammen, daß ihm das Schreiben schwer fiel, und daß er gewohnt war, zu diktieren, was bei Briefen bedenklich ist. Smiths Garten erstreckte sich bis an den Strand; das Haus ist 1844 niedergerissen worden, ohne daß man den Platz, auf dem es gestanden hat, für die Nachwelt kenntlich gemacht hätte.

Im Frühjahr 1763 reiste Smith mit seinem Manuskript nach London, über Edinburgh, wo er die folgende Urkunde in der Form eines Briefes an Hume aufsetzte.

»Mein teurer Freund! Da ich Ihnen die Obsorge für alle meine literarischen Papiere anvertraut habe, so muß ich Ihnen sagen, daß, abgesehen von denen, die ich mitnehme, nichts darunter ist, was der Veröffentlichung wert wäre, ausgenommen etwa eine Geschichte der Astronomie, die ein Fragment eines in jüngeren Jahren geplanten größeren Werkes ist. Ob dieses Fragment vielleicht veröffentlicht werden sollte, überlasse ich ganz Ihrem Urteil, obgleich ich jetzt vermute, daß es stellenweise mehr Spekulation als positives Wissen enthält. Dieses kleine Werk, einen dünnen Folioband, finden Sie in meinem Schreibpult in der Bücherstube. Die losen Blätter, die Sie teils in demselben Pult, teils hinter den Glastüren eines Bureaus in der Schlafstube finden werden, samt den achtzehn dünnen Foliobänden in demselben Glasschrank, sollen ohne Durchsicht vernichtet werden. Wenn mich nicht ein plötzlicher Tod überrascht, so werde ich [ohne Zweifel meint er, im Fall er vor der Drucklegung tödlich erkranken sollte] dafür sorgen, daß die Papiere, die ich bei mir führe, Ihnen in guter Verpackung übersendet werden. Ich bin allezeit, mein teurer Freund, getreulich der Ihre.

Edinburgh, 16. April 1773.
Adam Smith.«

Verschiedene Erwähnungen Smiths in den Korrespondenzen hervorragender Zeitgenossen beweisen, daß er reichlich drei Jahre ununterbrochen in London geblieben ist und u. a. mit dem Maler Sir Joshua Reynolds, dem Lexikographen Johnson, mit Burke und Gibbon verkehrt hat. Hier ergaben sich ihm nun so viele Anregungen zu weiteren Verbesserungen und Ergänzungen, daß der Druck von Jahr zu Jahr verschoben wurde; ganze Partien des Werkes sind erst in London entstanden. Ein Amerikaner, Watson, berichtet: »Dr. Franklin hat erzählt, daß der berühmte Adam Smith, der gerade an seinem Wealth of Nations arbeitete, Kapitel für Kapitel zu ihm und zu anderen Autoritäten gebracht, ihre Bemerkungen und Kritiken geduldig angehört, mit ihnen darüber diskutiert und dann manchmal ganze Kapitel umgeschrieben habe, mitunter in einem dem ursprünglichen entgegengesetzten Sinne.« Das mag zu stark ausgedrückt sei, bemerkt Rae, aber daß der beständige Verkehr mit Politikern, Nationalökonomen und Historikern bei der dreijährigen sorgfältigen Überarbeitung von Einfluß gewesen sein muß, läßt sich nicht bezweifeln. Besonders über die Kolonien wird er viel erfahren haben und, schreibt ein Biograph Franklins: »die amerikanischen Kolonien liefern den Tatsachenbeweis dafür, daß der Autor des Buches im wesentlichen das Richtige getroffen hat; ohne diesen Beweis würden viele seiner Behauptungen wenig mehr als Theorie sein.«

Die Arbeit hielt ihn auch damals nicht ab, die Geselligkeit zu pflegen; dazu gaben ihm besonders zwei Klubs Gelegenheit, in denen die Genies einander Gedankenblitze entlockten. Auf Garrick scheint Smith die Wirkung verfehlt zu haben, die beider Pariser Freundin erwartet hatte, denn er erklärte, was ja bei einem Schauspieler nicht Wunder nimmt, Smiths Äußerungen für Blech. Dagegen stellt ein anderes, heute vergessenes Klubmitglied (Dean Barnard) in einem Epigramm den großen Denker Smith mit Gibbon, dem Meister der schönen Darstellung, und dem redegewaltigen Burke zusammen. Wie Gibbon hörte auch Smith Dr. William Hunters Vorlesungen über Anatomie. Hunter, der über 500 Tierarten seziert und eine Sammlung von über 10 000 Präparaten hinterlassen hat (falls diese Angabe nicht auf einer Verwechselung Williams mit seinem Bruder John beruht) – Buckle feiert ihn als einen Harvey ebenbürtigen Physiologen – hatte keinen akademischen Grad, und seine Leistungen bestärkten Smith in seiner Abneigung gegen das Prüfungs- und Berechtigungswesen, die kräftig auszusprechen sich ihm gerade damals eine Gelegenheit darbot. Zwei kleinere schottische Hochschulen verkauften den medizinischen Doktortitel jedem, der ein Zeugnis von einem beliebigen praktischen Arzte vorlegte. Die schottischen Ärzte agitierten deshalb gegen die Kurpfuscher, »die kaum eine Arterie von einer Vene zu unterscheiden vermöchten«, und der Herzog von Buccleugh, den die medizinische Fakultät von Edinburgh zu ihrem Ehrenmitgliede ernannt hatte, erbot sich, der Regierung eine Denkschrift dieser Fakultät zu übermitteln, worin vorgeschlagen wurde, daß in Zukunft nur solche Personen berechtigt sein sollten, den Doktortitel zu führen, denen er auf Grund eines zweijährigen medizinischen Studiums an einer Universität und einer bestandenen Prüfung verliehen worden sei; könne man sich nicht sofort zu dieser Maßregel entschließen, so möge eine königliche Kommission die Sache untersuchen. Buccleugh sandte die Denkschrift zunächst an Smith und bat ihn, sich in einem Briefe an (den berühmten Pathologen) Dr. Cullen darüber zu äußern. In seinem langen Gutachten vom 20. September 1774 verwirft Smith beide Vorschläge der Fakultät. Die schottischen Universitäten seien die besten der Welt, und wenn sie auch noch der Verbesserung fähig seien, und Untersuchung durch eine königliche Kommission an sich das beste Mittel dazu sein würde, so bürge doch unter den gegenwärtigen Umständen nichts dafür, daß die geeigneten Männer in die Kommission gewählt würden. Das Monopol sodann, das man der Universität verleihen wolle, würde sich gleich allen Monopolen schädlich erweisen. Deswegen eben seien alle Universitäten in Verruf gekommen, weil sie durch ihre Privilegien reich an Studenten und an Geld, dadurch unabhängig von den Leistungen der Professoren, diese darum faul und dumm geworden seien. Und gerade deswegen seien die beiden vomehmsten schottischen Hochschulen weniger der Korruption verfallen, weil sie weniger Geld und weniger Privilegien besäßen, auch wenig Stipendien zu vergeben hätten, somit die Studenten nicht durch materielle Vorteile, sondern nur durch tüchtige wissenschaftliche Leistungen anziehen könnten. Der Doktortitel sei ganz bedeutungslos; kein verständiger Kranker wähle einen bestimmten Arzt dieses Titels wegen, sondern weil er Grund habe, den Mann für tüchtig in seiner Kunst zu halten. Der jetzige Lärm der Ärzte sei bloß ein Lärm der großen Quacksalber gegen die kleinen. Alle alten Weiber kurierten; warum lasse man die ungeschoren? Nur darum, weil sie keinen Bart haben? Wohl darum, weil sie sich nicht bezahlen lassen und den privilegierten Quacksalbern ihren Gewinn nicht kürzen. Der geforderte Studienzwang sei ein Lehrlingsgesetz für die Ärzte, das die Medizin schädigen würde, wie die alten Lehrlingsgesetze das Handwerk geschädigt hätten. Es würde nur dazu benutzt werden, talentvolle und tüchtige Menschen, die den vorgeschriebenen Lehrzwang nicht durchgemacht haben, an der Entfaltung ihrer Talente zu hindern und für schlechte Arbeit hohe Bezahlung zu erzwingen. Ein akademischer Grad könne höchstens für die Kenntnisse des Geprüften einige Gewähr leisten, auch für diese nur sehr unsichere, für seine Gewissenhaftigkeit aber und seine praktische Tüchtigkeit gar keine. Der Mißbrauch, den ein paar arme schottische Hochschulen mit dem Verkauf des Doktortitels treiben, sei harmlos im Vergleich mit den großen Übeln, welche die Durchführung des Berechtigungswesens zur Folge haben werde; wenn auch ein Quacksalber den Doktortitel kaufe, vergifte er nachher nicht mehr Menschen als vorher. – Welche Wirkung dieses Gutachten gehabt hat, weiß man nicht; die Bewegung ist bald darauf eingeschlafen.

Am 8. Februar 1776 erkundigte sich Hume, ob das Werk nicht endlich erscheinen werde, und berichtete über seinen schlechten Gesundheitszustand; er magere ab. »Der Herzog von Buccleugh,« fährt er fort, »sagt mir, daß Sie sich lebhaft für die Verhältnisse in Amerika interessieren. Meiner Ansicht nach ist die Sache gar nicht so ungeheuer wichtig. Sollte ich mich täuschen, so werden mich ja wohl Ihre mündliche Belehrung und Ihr Buch über meinen Irrtum aufklären. Schiffahrt und Handel dürften durch den bevorstehenden Verlust der Kolonien mehr leiden als unsere Manufakturen. Sollte infolge des Krieges London, dieser Schweinestall, in demselben Maße abnehmen wie ich gegenwärtig, dann um so besser.« Damals gab es noch keine Polizei, die sich des körperlichen und des moralischen Unrats angenommen hätte, der sich in der großen Residenzstadt ansammelte; Räuberbanden z. B. betrieben ihr Handwerk offen und beinahe ungestört. Am 9. März 1776 erschien endlich das 1759 verheißene und 1764 begonnene Werk über den Reichtum der Nationen in zwei kartonierten Quartbänden zum Preise von 36 Mark. Auf dem Titel nennt sich der Verfasser, abweichend von seiner bisherigen Gepflogenheit: Adam Smith, LL. D. und F. R. S. (Fellow der Royal Society), ehemaliger Professor der Moralphilosophie an der Universität Glasgow. Das Buch ging besser, als Strahan erwartet hatte, der mit Hume in der Befürchtung übereinstimmte, daß es nicht so gut gehen werde, wie Gibbons Geschichtswerk (dessen erster Band erschien gleichzeitig mit dem Wealth), weil seine Lektüre mehr Nachdenken erfordere als dieses. In sechs Monaten war die erste Auflage, von der man allerdings nicht weiß, wie stark sie gewesen ist, vergriffen. Am 13. November 1776 quittierte Smith über eine Teilzahlung von 6000 Mark. Rae vermutet, daß das ganze Honorar 10 000 Mark betragen haben werde; bei den späteren Auflagen wurde nach Smiths Vorschlag kein festes Honorar gezahlt, sondern der Reinertrag zwischen Autor und Verleger gleich geteilt. Hume, dem Smith natürlich ein Exemplar geschickt hatte, schrieb ihm am 1. April:

» Euge! Belle! Ich bin sehr zufrieden mit Ihrer Leistung, und die Lektüre hat mich aus großer Angst erlöst. Sie selbst, Ihre Freunde, das Publikum, alle hatten so große Erwartungen gehegt, daß ich zitterte; aber nun fühle ich mich beruhigt. Freilich fürchte ich, daß es im Anfange nicht populär werden wird, weil die Lektüre mehr Anstrengung erfordert, als das Publikum auf ein Buch zu verwenden geneigt ist, aber es ist tief, gehaltvoll und scharfsinnig und enthält so viele merkwürdige Tatsachen, daß es mit der Zeit allgemeine Aufmerksamkeit erregen muß. Ihr Aufenthalt in London hat wahrscheinlich viel zu seiner Verbesserung beigetragen. Wenn Sie hier an meinem Kamin säßen, würde ich über einige Ihrer Ansichten mit Ihnen disputieren. Ich kann nicht glauben, daß die Landrente den Preis der landwirtschaftlichen Produkte beeinflußt; dieser wird ganz allein durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Daß der König von Frankreich acht Prozent Schlagschatz nehmen soll, scheint mir unmöglich. Niemand würde ihm in diesem Falle Metall in die Münze liefern; jedermann würde seine Barren nach England oder nach Holland schicken, von wo er sie ausgemünzt mit zwei Prozent Unkosten – Schlagschatz und Transportkosten zusammengerechnet – zurückbekäme. Demgemäß sagt auch Necker, der König nehme nur zwei Prozent. Aber dieser Punkt und hundert andere Sachen kann man nur mündlich diskutieren. Hoffentlich geschieht das bald, denn mein elender Gesundheitszustand verträgt keinen langen Aufschub. Wahrscheinlich verkehren Sie mit Herrn Gibbon. Mir gefällt sein Werk außerordentlich, und ich habe ihm geschrieben, daß, wenn ich nicht persönlich mit ihm bekannt wäre, ich es nimmermehr für möglich gehalten haben würde, daß ein Engländer ein so ausgezeichnetes Werk verfassen könne. Es ist kläglich zu sehen, wie tief diese Nation literarisch gesunken ist. Hoffentlich nimmt er diese Bemerkung nicht übel.«

Unter demselben Datum schreibt Gibbon an Ferguson: »Was ist das doch für ein ausgezeichnetes Werk, mit dem unser gemeinsamer Freund Adam Smith das Publikum bereichert hat! Ausgebreitetes Wissen, in ein einziges Buch zusammengedrängt, und tiefe Ideen in verständlicher Sprache dargelegt!« In späterer Zeit hat Buckle – stark übertreibend – erklärt, es sei das wichtigste aller Bücher und habe mehr zum Glück der Menschheit beigetragen, als die Arbeit aller bekannten Staatsmänner und Gesetzgeber zusammengenommen. Im Unterhause wurde es zum ersten Male erst 1783 zitiert, und zwar von Fox, einem entschiedenen Gegner der Grundsätze Smiths. Der vierte von denen, die es im Parlament angeführt haben, war Pitt. Er sprach am 17. Februar 1792 von der Kapitalvermehrung, die bei jedem Kulturvolke von selbst vor sich gehe, wenn sie weder durch Unglücksfälle noch durch verkehrte Gesetze gehemmt werde, und fuhr dann fort: »So einfach und selbstverständlich diese Wahrheit ist, und obgleich man sie gewiß schon in den ältesten Zeiten bemerkt hat, ist sie doch erst von einem Autor unserer Zeit vollständig entwickelt und hinreichend erklärt worden, der leider nicht mehr lebt – ich meine den Verfasser des berühmten Werkes über den Reichtum der Nationen – dessen ausgebreitete Detailkenntnis und philosophische Tiefe meiner Ansicht nach für jede mit dem Handel und der Volkswirtschaft verknüpfte Aufgabe die beste Lösung darbieten.« Im Hause der Lords erwähnte es der Marquis of Lansdowne, der frühere Earl of Shelburne, 1793, indem er sagte, die »französischen Prinzipien« stammten eigentlich aus England, und Smith sowie Dugald Stewart unter ihren Vertretern nannte. Der Lord-Kanzler Loughborough (früher Alexander Wedderburn) fand es nötig, berichtigend zu bemerken, daß Adam Smith und seine schottischen Gesinnungsgenossen nichts gelehrt hätten, was die Staatsordnung, die Religion und die Moral zu untergraben geeignet sei, und daß man darum die französischen Verirrungen nicht auf englische Grundsätze zurückführen dürfe. Dugald Stewart, der am 21. Januar und am 18. März desselben Jahres seinen Nachruf auf Smith vor der Royal Society of Edinburgh gelesen hat, bekannte 1810, er habe davon Abstand nehmen müssen, Smiths Ansichten ausführlich darzulegen, weil damals selbst wissenschaftlich gebildete Männer, erschreckt durch die französische Revolution, schon die Lehre der liberalen Ökonomisten für revolutionär und staatsgefährlich gehalten hätten. Als Dugald Stewart für den Winter 1801-02 Vorlesungen über politische Ökonomie ankündigte, freuten sich seine Gegner, weil sie hofften, das gefährliche Thema werde ihn in Fallstricke verwickeln. Doch tat diese Ungunst der Zeiten dem Absatz des Wealth keinen Eintrag. Wie in dem Dezennium 1776-1786, so erschienen auch im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts vier Auflagen. Von abfälligen Urteilen ist nur eins bekannt. Sir John Pringle, ebenfalls Moralprofessor und damals Präsident der Royal Society, äußerte: wenn ein Moralprofessor über den Handel schreibe, so sei das gerade so, wie wenn ein Jurist ein Lehrbuch der Physik herausgeben wollte. Johnson hat diese aprioristische Kritik mit den Worten abgefertigt: »Der Mann irrt sich. Wenn man unter Handel die Kunst versteht, für sich selber Geld zu machen, so versteht das ein Kaufmann natürlich besser als ein Philosoph; aber um zu beurteilen, wie der Verkehr der Nationen zum Wohle aller am besten organisiert werden könne, muß man sehr umfassende Kenntnisse haben und über seinen persönlichen Vorteil hinaussehen können, was der Kaufmann gewöhnlich nicht kann.«

Humes Zustand erregte die Besorgnis seiner Freunde, und Smith fuhr Ende April 1776 mit dem Dichter John Home nach Edinburgh, ihn zu besuchen und womöglich mit nach London zu nehmen, weil man von einem Ortswechsel Besserung hoffte. Sie trafen ihn schon unterwegs in Morpeth. Home kehrte mit Hume um, Smith dagegen fuhr weiter nach Kirkcaldy, um seine 80jährige Mutter, die leidend war, zu besuchen. Hume ging von London nach Bath zur Kur und kehrte nach einem vorübergehenden Scheinerfolg, von dem er sich nicht täuschen ließ, nach Hause zurück. Auf den 4. Juli lud er mit einem scherzhaften Billet seine Freunde zu einem Abschiedsessen ein. Smith blieb bis Anfang August bei ihm. Am 8. führte er noch ein längeres heiteres Gespräch mit ihm. Hume ersann, an einen Dialog Lucians anknüpfend, allerlei Ausreden, mit denen er das Einsteigen in Charons Nachen hinausschieben könnte, wenn er nicht Hume und zum Einsteigen völlig bereit wäre. Aber weil so lange Reden, deren sich Hume bei seiner Lebhaftigkeit nicht enthalten konnte, den Verbrauch des Restes seiner Lebenskraft beschleunigten, wurden seine Freunde von da ab nur noch selten zu ihm gelassen, und da unter diesen Umständen Smiths Verweilen keinen Zweck mehr hatte, bat ihn der Kranke, heimzureisen; der Arzt, Dr. Black, werde ihn auf dem Laufenden erhalten. Smith kehrte also nach Kirkcaldy zurück, und empfing dort außer mehreren Berichten Blacks einen Brief, den Hume am 23. August seinem Neffen diktiert hatte. Am 25. starb er. Hume hatte Smith zum Vollstrecker seines literarischen Testaments machen wollen, Smith aber hatte sich geweigert, das eine der ihm anvertrauten Manuskripte: Dialoge über natürliche Religion, zu veröffentlichen, und die Veröffentlichung überhaupt widerraten. Es wurde darum zuerst nur Humes Autobiographie herausgegeben, mit einem Anhange von Smith, in welchem er in Form eines Briefes an Strahan über die letzten Lebenstage des Freundes berichtet und u. a. auch das Gespräch mit Charon erzählt. Am Schlusse sagt er: »So starb unser unvergeßlicher Freund, dessen philosophische Meinungen von den einen gebilligt, von den anderen verdammt werden mögen, über dessen Charakter aber kaum gestritten werden kann. Ein so glückliches Naturell wie das seine habe ich bei keinem anderen Menschen gefunden. Auch in der Zeit, wo sein Einkommen sehr karg war, hat es ihm seine Frugalität, die nicht aus Geiz, sondern aus Liebe zur Unabhängigkeit entsprang, immer noch möglich gemacht, Wohltaten zu spenden. Die Zartheit seiner Empfindung schwächte niemals die Festigkeit seines Charakters und die Standhaftigkeit seiner Entschlüsse. Sein unausgesetztes Scherzen entsprang seiner gutherzigen, von Bosheit völlig freien Laune, und keine seiner übrigen ausgezeichneten Eigenschaften machte seine Unterhaltung den Freunden in gleichem Grade lieb. Ein heiteres Temperament und der Ruf eines angenehmen Gesellschafters erwecken die Vorstellung einer gehaltlosen Persönlichkeit; bei ihm waren diese Eigenschaften mit Gelehrsamkeit, Gedankentiefe, außerordentlicher Fassungskraft und strengem Fleiß verbunden. Alles in allem genommen ist er mir im Leben und nach seinem Tode immer als der Mann erschienen, der dem Ideal des tugendhaften Weisen so nahe kommt, als es die menschliche Gebrechlichkeit gestattet.«

Wegen der Weigerung, Humes Dialoge herauszugeben, hat man Smith Menschenfurcht und Charakterschwäche vorgeworfen, aber denselben Vorwurf müßte man Hume machen, der die Herausgabe des längst fertigen Werkes bis nach seinem Tode verschob, weil er sich den Frieden seiner letzten Jahre nicht wollte stören lassen, und der Smith die Weigerung gar nicht übel genommen hat. Er hat diesem ein Exemplar seiner Werke und 4000 Mark für die mit der Herausgabe der Lebensbeschreibung verbundene Mühe vermacht. Das Geld zu nehmen, weigerte sich Smith entschieden, Humes Bruder aber, Sir John Home of Ninewells, drängte es ihm auf. Was an der Sache unbegreiflich ist, das ist die Blindheit der beiden erzgescheiten Männer in der Beurteilung der Dialoge Diese sind nicht halb so schlimm wie die Abhandlung Humes über natürliche Religion, die damals längst bekannt war, ja sie sind gar nicht schlimm, sondern vom Standpunkte des aufgeklärten Gläubigen vortrefflich. Der alte Essan enthielt frivole Spöttereien, die allerdings meistens der katholischen Form des Christentums galten. Die Dialoge hingegen sind ein in die würdigste Form gekleideter ernsthafter Versuch, die dem Glauben an Gott entgegenstehen den Schwierigkeiten zu heben und die Religion vor der Gefahren zu schützen, in die sie der Aberglauben und der Mißbrauch der Religion gestürzt haben. Noch dazu wußten die Freunde, daß von den Personen des Gesprächs nicht die Skeptiker Philo und Demea, sondern der dem positiven Glauben am nächsten stehende Cleanthes Humes eigene Ansicht vertreten sollte. Und in der Tat haben die Dialoge, als sie 1779 Humes Neffe herausgab, gar keinen Anstoß gegeben, dagegen entfesselte Smiths Bericht über Humes Ende einen furchtbaren Sturm. Unter anderm gab Dr. George Horne, Präsident des Magdalen College in Oxford und später Bischof von Norwich, ein anonymes Pamphlet heraus unter dem Titel: »Ein Brief von Adam Smith, LL. D., über das Leben, den Tod und die Philosophie des David Hume, Esq., von einem der Leute, die sich Christen nennen.« Er entwirft eine abschreckende Schilderung von dem Mann, der die Schlechtigkeit begangen habe, den Atheismus im Lande zu verbreiten, und richtet an Smith die Worte: »Sie wollen uns durch das Beispiel des David Hume, Esq., überreden, daß Atheismus die einzige Herzstärkung bei Niedergeschlagenheit und das beste Mittel gegen die Furcht vor dem Tode sei. Nun, wenn man mit Befriedigung an einen Freund denkt, der seine Talente im Leben so angewendet, und der sich angesichts seines Todes so amüsiert hat mit Whist, Lucian und Charon, dann kann man ja wohl auch über den Fall Babylons lächeln, das Erdbeben, das Lissabon [1755] zerstört hat, für ein glückliches Ereignis halten, und dem verhärteten Pharao zu seinem Untergange im Roten Meere gratulieren.« Die Schrift erlebte rasch hintereinander eine Menge Auflagen, aber Smith hat öffentlich kein Wort erwidert.

Bis Ende Dezember hielt sich Smith teils in Kirkcaldy, teils in Dalkeith auf, und kehrte im Januar 1777 nach London zurück, um die zweite Auflage seines Werkes zu besorgen. Dieses erregte in der Öffentlichkeit weit weniger Aufsehen als der Brief an Strahan, wirkte dafür aber um so stärker auf die fachmännischen Kreise und auf die Politik ein. Anderson, der Urheber der nach Ricardo benannten Grundrententheorie, bekämpfte Smith in einer Schrift und wurde dadurch sein Freund; Bentham verständigte sich mit ihm über einige streitige Punkte, und Pownall, der Gouverneur von Massachusetts gewesen war und ein Buch über Kolonialverwaltung und amerikanische Zustände herausgegeben hatte, schrieb eine Kritik, die Smith zwar zu einer freundschaftlichen Auseinandersetzung, aber nicht zu Änderungen in der neuen Auflage veranlaßte. Von unmittelbar praktischer Bedeutung war das Werk für die englischen Finanzen. Der Schatzkanzler, Lord North, der sich dem wachsenden Defizit gegenüber keinen Rat mehr gewußt hatte, schöpfte aus Smiths Werke die Idee zu vier neuen Steuern (Bedientensteuer, Auktionssteuer, Malzsteuer und Steuer auf unbewohnte Häuser), deren Ertrag aus zusammen 14 Millionen Mark angeschlagen wurde, freilich zu hoch, wie sich später zeigte. Rae erklärte es als einen Akt der Dankbarkeit für diesen Dienst, daß das Toryministerium den Whig Smith zum Mitgliede der Edinburgher Zollkommission ernannte. Ohne Zweifel hat auch die Empfehlung Buccleughs mitgewirkt, aber es ist eine (unabsichtliche) Verleumdung, wenn Bagehot schreibt: der »Wealth« habe dem Herzog die Gelegenheit verschafft, sich seiner Zahlungspflicht gegen Smith zu entledigen. Dieser wollte in der Tat auf seine Pension verzichten, Buccleugh jedoch hielt es für Ehrenpflicht, die auf Lebenszeit versprochene fortzuzahlen. Smith hatte von da ab 18 000 Mark Einkommen (6000 Pension, 10 000 als Zollkommissar und 2000 für die mit dem Amte verbundene Aufsicht über die Salzsteuer); »ein fürstliches Einkommen für Schottland in einer Zeit, wo der bestdotierte Professor £ 300 und der Lord of the Session [der höchste richterliche Beamte Schottlands] £ 700 bezog.« (Rae.)

4. Letzte Lebensjahre.

Smith erwarb im vornehmsten Stadtteile Edinburghs, Canongate, ein vornehmes Haus, Panmure House (die Häuser hatten damals keine Nummern, sondern Namen), das nach ihm die Gräfin Aberdeen bewohnt hat, mit einem Garten, der jetzt Arbeitsstätte eines Böttchers ist, und prachtvoller Aussicht über Gärten und Wiesen, die jetzt natürlich bebaut sind. Im Januar 1778 siedelte Smith dahin über mit seiner Mutter und seiner Base, Miß Douglas; ein Neffe, für dessen Ausbildung Smith die Sorge übernommen hatte, ein Sohn des Obersten Douglas of Strathendry, vervollständigte die Familie. Sie lebten behaglich und glücklich miteinander und übten zwanglose Gastfreundschaft. Kaum ein Fremder von Bedeutung hat damals Edinburgh besucht, der nicht in Smiths Hause freundlich ausgenommen worden wäre, und Sonntags hatte man immer Tischgäste ohne förmliche Einladung. Diese Sonntagsgesellschaften blieben in gutem Andenken, bis das Puritanertum aufs neue erstarkte und die Sabbatarier jedes Sonntagsvergnügen als Sünde in Verruf brachten. Die Geselligkeit pflegte Smith auch außer dem Hause. Mit dem Chemiker Black und dem Geologen Hutton gründete er den Austernklub, aus dessen Namen man nicht auf Epikuräismus im schlimmen Sinne des Wortes schließen darf. Hutton war abstinent, Black Vegetarier, und Smiths einzige Delikatesse war Zucker. Walter Scott erzählt, vielleicht übertreibend oder eine scherzhafte Neckerei ernst nehmend, eine Teegesellschaft sei ihm unvergeßlich, wo sich die Dame des Hauses vergebens bemüht habe, Smith zum Sitzen zu bringen. Er sei, Zucker kauend, auf- und abgewandelt, und habe jedesmal, wenn er am Tische vorbeikam, ein Stückchen Zucker stibitzt; schließlich habe die Dame, eine ehrwürdige alte Jungfrau, die Zuckerschale auf ihren Schoß gerettet, um sie vor dem Räuber zu bergen. Die übrigen Mitglieder des Austernklubs haben immer bekannt, daß der größte Genuß bei ihren Zusammenkünften der gewesen sei, den sie aus den Unterhaltungen der gelehrten und geistreichen drei Gründer geschöpft hätten.

Die Mutter, die Freunde, die Bücher, das waren die drei Dinge, die Smiths Glück und Erholung ausmachten. Seine Bibliothek enthielt 3000 schön gebundene Bände; meine Bücher, sagte er einem staunenden Betrachter, sind das einzige, worin ich Eitelkeit entfalte. Keines seiner Bücher ist durch Randbemerkungen entstellt. Von 2200 Bänden ist ein Verzeichnis entworfen worden. Beinahe ein Drittel machen die französischen, ein zweites Drittel die lateinischen, griechischen und italienischen Werke aus; nur ein reichliches Drittel kommt auf die englischen. Dem Stoffe nach fällt ein Fünftel aus schöne Literatur und Kunst, ein Fünftel auf die lateinischen und die griechischen Klassiker (Horaz war in acht Exemplaren vorhanden), ein Fünftel auf Jura, Politik und Biographien, ein Fünftel auf politische Ökonomie und Geschichte, ein Fünftel auf Philosophie, Theologie und Naturwissenschaften.

Das Zollamt war im Oberstock der königlichen Börse, Exchange Square, untergebracht, und der Maler Kay, der an der Ecke von Parlamentsplatz und High Street (diese ist die Verlängerung der mittleren Canongatestraße) seinen Laden hatte, hat Smith dargestellt, wie er ihn oft des Morgens hat vorbeigehen sehen auf dem Wege dahin: in hellfarbigem Rock, Kniehosen, weißseidenen Strümpfen, Schnallenschuhen, niedrigem, breitkrämpigem Biberhut, in der Linken ein Blumenbukett und in der Rechten den in der Mitte gefaßten Spazierstock Gewehr über tragend. Er pflegte den Kopf abwechselnd nach der einen und nach der anderen Seite zu neigen und den Leib wurmartig zu winden, als wolle er bei jedem Schritt seine Richtung ändern, auch mit sich selbst oder mit einem unsichtbaren Gefährten zu reden und diesen anzulächeln. Die Marktweiber sprachen einmal ihre Verwunderung darüber aus, daß man den übergeschnappten Menschen allein herumlaufen lasse, besonders da er doch, seiner guten Kleidung nach zu urteilen, wohlhabenden Leuten angehöre. Auf dem Wege zu einer Sitzung soll er auch das stärkste in hypnotischem Gebaren geleistet haben. Den Sitzungen der Zollkommission hatte ein prachtvoll ausstaffierter Portier Feierlichkeit zu verleihen, der jeden der Herren Kommissare in der Weise empfing, daß er seinen sieben Fuß langen Zeremonienstab vor ihm präsentierte. Smith, der die Sache schon oft durchgemacht hatte, stellte sich ihm diesmal gegenüber und präsentierte seinen Spazierstock. Der Portier senkte vorschriftsmäßig seinen Stab und trat beiseite, um dem Kommissar den Vortritt zu lassen. Smith stellte sich auf die andere Seite. Dem verblüfften Diener blieb nichts übrig, als vorschriftswidrig die Türschwelle zuerst zu überschreiten, um seine Funktion weiter ausüben und dem Kommissar voranschreiten zu können, die Treppe hinauf bis zur Saaltür; Smith, genau Schritt mit ihm haltend, hinterdrein. An der Saaltür tritt der Mann beiseite, salutiert wieder mit dem Stabe und verbeugt sich tief; der Doktor tut mit feierlichem Ernst dasselbe. Nun weckt ihn Walter Scott, der zufällig Zeuge der seltsamen Szene gewesen und mit hinaufgegangen war. Derselbe erzählt auch, Smith habe einmal, als er ein amtliches Schriftstück unterzeichnen sollte, den Namen dessen, der vor ihm unterschrieben hatte, nachgemalt. Der phantasievolle Romancier hat möglicherweise in zu lebhaften Farben gemalt; nach dem früher Berichteten ist er überhaupt kein zuverlässiger Gewährsmann. Die Amtsgeschäfte der Kommissäre bestanden in der Prüfung von Reklamationen, in der Anstellung von Beamten, Entscheidung über allerlei Anliegen von Kaufleuten, über Leuchtturmangelegenheiten, Absendung von Truppen gegen Schmugglerbanden, in Gehaltszahlungen, Aufstellung des Etats und Übersendung der Überschüsse ans Schatzamt. Im März 1830 hatte in der französischen Akademie Flourens die Lobrede auf Benjamin Delessert zu halten und sagte darin: »Adam Smith hat ihn durch sein Buch gelehrt, verständlich über Nationalökonomie zu reden, und durch sein Beispiel, seinen eigenen Beweisführungen nicht zu trauen; ist doch der eifrigste Parteigänger des Freihandels als Zollkommissar gestorben.« Delatour bemerkt dazu, dieser Ausfall beweise, daß der berühmte Physiologe Smith nur sehr oberflächlich gekannt habe; bei genauerer Kenntnis würde er Ehrfurcht gehegt haben vor der großen und sympathischen Gestalt des bescheidenen und uneigennützigen Gelehrten, dem das Glück der Menschheit einziger Zweck seiner Tätigkeit gewesen sei. Die Zolleinrichtungen bestanden nun einmal, und Smith war ein entschiedener Feind jedes Versuchs radikaler und überstürzter Reformen. Übrigens habe er fiskalische Zölle ausdrücklich gebilligt und werde, als er das Amt übernahm, gehofft haben – freilich wohl vergebens – in diesem Verwaltungszweige Verbesserungen durchzusetzen, und durch liberale Handhabung der bestehenden Gesetze eine größere Reform vorzubereiten. Daß, wie seine Freunde klagten, die gewissenhafte Erfüllung seiner Amtspflichten ihn an der Ausführung seiner literarischen Entwürfe verhindert hat, ist richtig, ganz falsch dagegen die allgemein verbreitete Ansicht, seine praktische Tätigkeit habe in gar keinem Zusammenhange mit seinen Studien gestanden; die älteren Biographen scheinen sein Amt für ein subalternes gehalten zu haben. In Wirklichkeit waren die Kommissare hohe Finanzbeamte. Sir John Sinclair wollte einmal von Smith die Mémoires concernant les impositions geliehen haben. Diese Denkschriften waren für den Gebrauch einer französischen Finanzkommission in nur hundert Exemplaren gedruckt worden, und von diesen waren vier nach Britannien gekommen; Smith hatte das seine von Turgot erhalten. Er schrieb nun dem Bittsteller, er könne den Band nicht fortschicken, denn er ziehe ihn häufig zu Rate sowohl bei seinen Studien als auch bei der Erledigung von Amtsgeschäften; und Sinclair bemerkt bei der Mitteilung des Vorfalls, Smith habe aus seiner Amtstätigkeit viel Belehrung geschöpft; ohne sie würde er niemals erfahren haben, in welchem Grade praktische Tätigkeit zum Verständnis der Politik notwendig ist. In der Tat betreffen die meisten Zusätze und Berichtigungen der dritten Ausgabe des Wealth das finanzielle Gebiet. Derselbe Sinclair war ein eifriger Förderer der Landwirtschaft und schrieb eine Abhandlung gegen die puritanische Sabbathfeier, die schriftwidrig sei und die landwirtschaftlichen Arbeiten störe. Smith, dem er das Manuskript zeigte, sagte ihm: »Ihr Werk, Herr Sinclair, ist sehr geschickt abgefaßt, aber ich widerrate Ihnen die Veröffentlichung; denn seien Sie versichert, der Sabbath ist, abgesehen von seinem Anspruch auf göttliche Einsetzung, eine politische Institution von unschätzbarem Werte.« Das ist richtig, wenn man soziale Institution für politische setzt. Freilich wird die von den Puritanern wieder eingeführte pharisäische Form der Sabbathfeier im Neuen Testament ausdrücklich verurteilt, aber Smith wird geglaubt haben, daß durch die Gefährdung ihrer puritanischen Form sie selbst gefährdet werde, wie denn die Menschen im allgemeinen das Vernünftige nicht ohne einen Zusatz von Unvernunft zu tun vermögen. Demselben Sinclair hat Smith eine lange steuertechnische Abhandlung geschickt, von der nur noch der Schluß vorhanden ist: »Ich verwerfe alle Auflagen auf Lebensbedürfnisse der Armen. Je nach Umständen bedrücken sie entweder diese oder die Reichen, die den Arbeitslohn entsprechend erhöhen müssen. Steuern auf den Luxus der Armen dagegen, auf Bier und Spirituosen, zu mißbilligen, bin ich so weit entfernt, daß ich sie für die besten aller Luxussteuern halte, wenn sie nur nicht so hoch sind, daß sie zum Schmuggel verleiten. Ich könnte einen Band über die törichten gesetzlichen Maßregeln schreiben, mit denen man die Leinwandmanufaktur und die Fischerei zu fördern versucht hat, und über die schlimmen Wirkungen dieser Maßregeln.«

Im Jahre 1779 waren wieder einmal irische Fragen brennend geworden, und die Regierung wandte sich an Smith um Rat. Die Engländer hatten bekanntlich durch eine jahrhundertelange unter dem Vorwande der Religion verhängte grausame Verfolgung die Iren ausgeplündert und zu bettelhaften Pächtern des Grund und Bodens der grünen Insel, ihres früheren Eigentums, herabgedrückt. Dann hielten sie jeden Versuch der Geknechteten, sich durch Verwertung ihrer landwirtschaftlichen Produkte und durch Gewerbtätigkeit wieder hinaufzuarbeiten, mit eiserner Konsequenz darnieder. Irland hatte gute Viehweiden – die Ausfuhr lebenden Viehs wird ihnen verboten. Sie versuchen es mit geschlachtetem Vieh – die Ausfuhr von Pökelfleisch wird verboten. Sie verlegen sich auf die Schafzucht – die Wollausfuhr wird verboten. Sie verarbeiten ihre Wolle selbst – die Tuchausfuhr wird verboten; und so wird jede Industrie, mit der sich das unglückliche Volk zu helfen versucht, in der Wiege erstickt. Die Folge davon war, daß es für Hunderttausende an Beschäftigung fehlte – denn Irland hatte damals über eine Million Einwohner mehr als heute und konnte bei vorherrschender Graswirtschaft, wie sie das Klima fordert, in der Landwirtschaft so viel Menschen nicht unterbringen – und daß die Pächter zugrunde gingen, weil die jedes Einkommens beraubten Massen die spottbilligen Nahrungsmittel nicht kaufen konnten und Ausfuhr unmöglich war. In Dublin hielten die Arbeitlosen Umzüge mit einem schwarzen Schaffell als Fahne. Nun würde diese Not die Engländer so wenig gerührt haben wie der Schrei nach Gerechtigkeit, aber man lag damals im Kriege gegen Frankreich, Spanien und die amerikanischen Rebellen, viele Iren wanderten aus und traten ins Heer der Freiheitskämpfer ein; die protestantische Minderheit aber, die eingewanderten Engländer, beschwerten sich, daß ihre Häfen ohne Schutz blieben, und brachten eine nationale Küstenverteidigungsmannschaft auf die Beine, die wohl auch zu anderen Zwecken verwendet werden konnte. Überall im Lande entstanden revolutionäre Vereine, und französische Emissäre schürten den Brand. Unter diesen Umständen fragten zwei Mitglieder der Regierung, Henry Dundas und der erste Lord des Schatzes, Earl of Carlisle, bei Smith an, ob es seiner Ansicht nach ratsam sei, die den Iren auferlegten Handelsbeschränkungen aufzuheben. Der Hauptinhalt der beiden Gutachten, die Smith abgab, ist folgender. Da er den Wortlaut der irischen Forderungen nicht kenne, so könne er nur bedingungsweise antworten. Die Iren können mit dem Freihandel, den sie fordern, viererlei meinen. 1. Daß ihre Ausfuhr keinen anderen Beschränkungen unterworfen werde als solchen, die ihr eigenes Parlament [sie hatten es damals noch; es ist erst 1801 durch die Union mit England beseitigt worden] ihnen auflegt. Diese Forderung ist gerecht. Das sehr geringfügige Interesse unserer Fabrikanten ist die Ursache der jetzt bestehenden Ungerechtigkeiten. Die immer wachsame Eifersucht dieser Herren wird erregt durch die unbegründete Furcht, die Iren, die noch niemals ihren eigenen Bedarf an Fabrikaten aus eigener Kraft haben decken können, möchten ihnen auf ausländischen Märkten Konkurrenz machen. 2. Können sie freie Einfuhr verlangen; jetzt dürfen sie ausländische Waren nur über England beziehen. Auch diese Forderung ist gerecht, und ihre Erfüllung würde kein großbritannisches Interesse ernstlich schädigen. »Mit allen Beschränkungen der irischen Aus- und Einfuhr haben wir nicht die wirklichen Interessen, sondern nur die Unverschämtheit unserer Kaufleute und Fabrikanten gefördert.« 3. Können die Iren freie Aus- und Einfuhr nach und aus unseren Kolonien fordern. Weil sie zur Gründung und Verteidigung dieser Niederlassungen wenig beigetragen haben, würde dieser Anspruch weniger begründet sein, aber schaden würde es uns nichts, wenn wir sie an unserem Monopol des Kolonialhandels teilnehmen ließen. 4. Endlich fordern sie vielleicht, daß ihre Erzeugnisse bei der Einfuhr nach Großbritannien keinen anderen Steuern unterworfen werden als die britischen Erzeugnisse. Diese Forderung würde die am wenigsten vernünftige sein. Aber auch ihre Erfüllung würde uns nichts schaden. Im Gegenteil: die irische Konkurrenz würde dazu beitragen, das Monopol zu durchbrechen, das wir törichterweise unseren Gewerbetreibenden verliehen haben. Doch würden Jahrhunderte vergehen, ehe sich diese Konkurrenz bemerkbar machte, schon aus dem Grunde, weil Irland weder Holz noch Kohle hat, und es ihm außerdem an einer Bedingung fehlt, die noch wichtiger für das Gewerbe ist als Holz und Kohle: an einer guten bürgerlichen Ordnung und Rechtspflege; und diese wird es nicht haben, so lange das Volk in zwei einander bekämpfende feindliche Nationen: Unterdrücker und Unterdrückte, Protestanten und Papisten gespalten ist. »Sollte sich aber Irland in Zukunft einmal der Freiheit und einer guten Regierung erfreuen und seine Industrie mit der englischen an Tüchtigkeit wetteifern – dann desto besser fürs ganze britische Reich und für England im besonderen! So wenig der Wohlstand und die Industrie von Lancashire Yorkshire schädigen, so wenig würden der Wohlstand und die Industrie Irlands England schädigen; vielmehr würden dadurch Englands Wohlstand und Industrie befördert werden.« – Einige Korrespondenzen dieser Jahre beziehen sich auf Übersetzungen des Wealth in fremde Sprachen. In einem die Übersetzung ins Dänische betreffenden Briefe an Strahan bittet Smith, ihm eine Wattsche Kopiermaschine, die mit Kiste 125 Mark koste, samt Kopiertinte, einem Ries Kopierpapier und sonstigem Zubehör zu schicken, und mit dem, was von der beiliegenden Anweisung auf 160 Mark übrig bleibe, einen Schneider zu bezahlen, dem er einige Schillinge habe schuldig bleiben müssen, weil er vor der Abreise die Rechnung nicht habe bekommen können. Er habe beinahe vergessen gehabt, daß er der Verfasser des Wealth sei, da habe ihn ein Schreiben des Sekretärs des neu errichteten Handelsamts in Kopenhagen, der das Werk übersetzen wolle, daran erinnert. Smith war ein guter Kunde seiner Bücher, indem er oft Exemplare kaufte, um sie zu verschenken; mehrere Briefe haben solche Bestellungen zum Inhalt. An Cadell, Strahans Kompagnon, schreibt er am 7. Dezember 1782, er müsse wegen seiner Faulheit um Entschuldigung bitten; er habe aus London eine Menge Bücher mitgebracht, die teils neu, teils wenigstens ihm neu gewesen seien, und diese hätten ihn von seiner literarischen Aufgabe: der Vorbereitung einer neuen Ausgabe des Wealth, so lange abgezogen. [Er scheint in dieser Zeit in den Mußestunden, die ihm das Amt und die Geselligkeit übrig ließen, ausschließlich Belletristik und alte Klassiker, besonders Sophokles und Euripides, gelesen zu haben.] Jetzt aber habe er sich daran gemacht und hoffe in zwei bis drei Monaten die Neubearbeitung schicken zu können. Er habe viele Verbesserungen vorgenommen und drei oder vier beträchtliche Zusätze gemacht. Darunter sei eine kurze, aber wie er sich schmeichle vollständige Geschichte aller britischen Handelskompagnien; von diesen Zusätzen solle auch eine Sonderausgabe für die Besitzer der alten Auflagen des Werkes veranstaltet werden. Sie erschienen 1783 in Quart, die dritte Auflage selbst aber aus buchhändlerischen Rücksichten erst Ende 1784 zum Preise von 20 Mark. Die Zusätze betrafen Gegenstände, die damals höchst aktuell waren. Von den Handelskompagnien war natürlich die ostindische die wichtigste, und Pitt setzte gerade damals, 1784, die Einsetzung eines Board of Control durch; mit seinem weitergehenden Plane, die Regierung Indiens von der Kompagnie auf Regierungskommissare zu übertragen, ist er gescheitert. Ein anderer Zusatz betrifft die Wirkung der schottischen Fischereiprämien, die damals Gegenstand einer parlamentarischen Untersuchung waren. Ferner wird – im Widerspruch zum radikalen Freihandelsprinzip – zweierlei empfohlen: ein Finanzzoll auf die Wollausfuhr, der sehr einträglich sein werde; der Vorschlag war insofern liberal, als der Zoll an die Stelle des damals bestehenden Ausfuhrverbots treten sollte. Und zweitens werden auf begrenzte Zeit verliehene Monopole für Handelsgesellschaften gebilligt in Fällen, wo ein Unternehmen dem Publikum bedeutenden Nutzen verspricht, aber des großen Risikos wegen ohne Monopol nicht gewagt wird.

Im Jahre 1780 suchte ein junger Mann Smith auf, um ihn, wie wir heute sagen, zu interviewen. Man war jedoch damals weder so fix noch so indiskret wie heute: der Interviewer hat seine Niederschrift erst nach Smiths Tode, 1791, in der Zeitschrift »Die Biene« veröffentlicht und Amicus gezeichnet. Er fand Smith außerordentlich mitteilsam, offenherzig und liebenswürdig. Dieser erzählte ihm viele Anekdoten von literarischen Personen und charakterisierte einige Größen. So stellte er z. B. Swift als Dichter sehr hoch und erklärte Livius für den größten aller Geschichtschreiber. Was Shakespeare betrifft, so schien er Voltaires Urteil zu billigen, der den großen Dramatiker einen trunkenen Wilden genannt hatte; er habe gute Szenen aber kein gutes Stück gemacht. Als sich jedoch Amicus selbst abfällig über Hamlet äußerte, sagte Smith: ja, aber er ist voll von schönen Stellen. Smith meinte eben mit vielen seiner Zeitgenossen, Shakespeare habe zwar zehnmal so viel dramatisches Genie gehabt als Dryden, aber dieser übertreffe ihn in der dramatischen Kunst Heute spricht man Drydens Dramen jeden Wert ab. Amicus erwähnte das Gerücht, daß Burke eine junge Dame verführt habe. Smith erwiderte: »Diese schöne Geschichte haben Sie wahrscheinlich einem Magazin entnommen [so wurden damals auch in Deutschland die Wochen- und Monatschriften genannt]. Alle diese Blätter haben ein sehr niedriges Niveau. Sie haben einmal einen Gentleman beschuldigt, seine eigene Schwester entehrt zu haben, und als man nachforschte, stellte es sich heraus, daß er gar keine Schwester hatte. Burke ist in jeder Beziehung ein Ehrenmann; er hat ein hochgebildetes Mädchen geheiratet, das keinen Pfennig Vermögen besaß.« Unter den politischen Anekdoten, die er zum besten gab, war die wichtigste, daß Georg III. Minister, die nicht seiner Meinung waren, durch ein Jahrgeld von je 2000 Pfund zu bekehren pflegte; es sei sehr unpolitisch von Lord Bute gewesen, den oppositionellen Staatsmännern diese Einkommenquelle zu verstopfen, dadurch habe er die Opposition bösartig gemacht. Man hat diese Veröffentlichung getadelt: Smith, sagte man, würde eher in die Ausstellung seines mumifizierten Leichnams in einem Raritätenkabinett als in die Veröffentlichung seiner intimsten Äußerungen eingewilligt haben. Rae indes meint, man könne gegen diese Ansicht Smiths Ausspruch anführen: an einem bedeutenden Manne sei nichts so unbedeutend, daß sich seine Kenntnis nicht lohne; ihm für seine Person sei es immer angenehm gewesen zu wissen, daß Milton seine Schuhe nicht mit Schnallen befestigt, sondern mit Riemchen gebunden habe; und hier, schreibt Rae, handle es sich nicht um Schuhriemen, sondern um reife Urteile über Dinge, die er gründlich durchdacht und zum Teil in Werken und Vorträgen bearbeitet hatte. Die Authentizität dieser Aufzeichnungen ist übrigens von niemand angefochten worden. Ein französischer Professor der Geologie, Faujas Saint Fond, der ihn 1782 besuchte, erzählt: von Rousseau habe Smith mit einer beinahe religiösen Ehrfurcht gesprochen. »Voltaire,« sagte er u. a., »bekämpfte die Laster und Torheiten der Menschen, indem er sie schonungslos rügte und lächerlich machte; Rousseau führt seine Leser zur Vernunft und zur Wahrheit durch die Anziehungskraft, die er aufs Gefühl ausübt, und durch die Kraft der Überzeugung. Sein Sozialkontrakt wird ihn eines Tages für alle Verfolgungen rächen, die er erduldet hat.« Vielleicht hat die immer ernster werdende Lage Frankreichs Smith veranlaßt, den ehedem verachteten pathetischen Propheten jetzt höher zu schätzen als den frivolen Spötter; vielleicht auch darf man an das Urteil Stewarts denken, in seinen mündlichen Äußerungen sei Smith stark von Augenblicksstimmungen beeinflußt worden. Den genannten Professor fragte er, ob er Musik liebe, und da dieser bejahte, führte er ihn in einen Konzertsaal, wo acht nacktbeinige Hochländer einen Kriegstanz aufführten, den sie selbst mit ihren Dudelsäcken begleiteten. Der Franzose fand die Musik gräßlich, aber die schottischen Zuhörer spendeten, von patriotischem Hochgefühl geschwellt, stürmischen Beifall, und beim letzten Teile, der dem Franzosen nicht weniger bärentanzmäßig vorkam als der vorhergehende, der aber, wie Smith erklärte, die Klage um die Gefallenen bedeutete, schwammen die Augen der schönen jungen Damen in Tränen. Auch an anderen volkstümlichen Veranstaltungen nahm Smith teil. So war er, und zwar mit dem Titel Hauptmann, Ehrenmitglied der Bürgerwehr; am 4. Juni 1781 wurde er feierlich aufgenommen. Am 8. September 1784 ist diese Mannschaft aufgeboten worden, um die Obrigkeit bei einer Exekution zu schützen: zwei bei einem Krawall verhaftete Burschen sollten gepeitscht werden, und man fürchtete dabei eine Wiederholung des Aufruhrs; die martialische Haltung der Bürgerwehr jedoch, heißt es in einem Bericht, hielt den Pöbel in Schranken. Rae schreibt, er wisse nicht, ob in solchen Fällen auch die Ehrenmitglieder hätten antreten müssen, aber im Protokoll seien die Namen derer verzeichnet, die an dem Tage gefehlt hätten, und da Smith nicht genannt werde, so scheine er der Exekution beigewohnt zu haben – in Uniform doch jedenfalls.

1783 wurde die Royal Society von Edinburgh gegründet. Sie hatte eine wissenschaftliche und eine literarische Abteilung; Smith war einer der vier Präsidenten der literarischen Abteilung, und der Herzog von Buccleugh war Präsident der ganzen Akademie. Smith hat in dieser Gesellschaft niemals eine Abhandlung vorgelesen. In der Ministerkrisis von 1782 schrieb er, ungeachtet seiner Freundschaft mit Shelburne, einen aufmunternden Brief an dessen Gegner Burke, weil er dem Whiggismus Shelburnes nicht traute und dessen Verbleiben im Kabinett, nachdem sich die Whigs strengster Observanz zurückgezogen hatten, als einen Verrat ansah. Smith war eben entschiedener Gegner jeder Vermehrung der Macht der Krone. Wiederholt wurde er angegangen, Projekte von Patrioten zu begutachten, die den Staat aus seiner gefährlichen Lage retten wollten. In der Antwort auf einen Vorschlag Sinclairs schreibt Smith, Aufgabe der Publizistik sei es im Augenblick, den Völkern klar zu machen, wie töricht es sei, überseeische Besitzungen zu erwerben, die nichts brächten, die aber mit großen Kosten verteidigt werden müßten. Die Besitznahme von Gibraltar habe die Spanier und die Franzosen zu einem ihren natürlichen Interessen wie ihren alten Vorurteilen zuwiderlaufenden Bündnis getrieben, habe England die schwerwiegende Feindschaft Spaniens und die wertlose Freundschaft Portugals eingebracht; »und um diesen kahlen Felsen zu verteidigen, lassen wir unsere eigenen Küsten schutzlos.« Der Friede von Versailles 1783 hatte Handelsverträge mit Frankreich und den Vereinigten Staaten im Gefolge, die, wie Lord Shelburne an den Abbé Morellet schrieb, »vom großen Prinzip des Freihandels inspiriert« waren. William Eden, einer der Friedensunterhändler, muß in einem Briefe an Smith die Besorgnis ausgesprochen haben, daß der englischen Fischerei und Hutmacherei Gefahr drohe, wenn den Vereinigten Staaten freier Verkehr mit dem bei England verbleibenden, an Pelztieren und Fischen reichen Kanada gestattet werde. Smith schreibt ihm am 15. Dezember 1783: »Wenn die Amerikaner wirklich die Produkte der verschiedenen Nationen denselben Zöllen unterwerfen und allen dieselben Vergünstigungen gewähren wollen, so geben sie damit ein Beispiel verständiger Politik, das alle anderen Staaten nachahmen sollten. Jedenfalls ist es gerecht, daß ihre Handelsgüter bei uns denselben Zöllen unterworfen werden, denen wir die von Rußland, Schweden und Dänemark unterwerfen, und daß wir die Amerikaner so behandeln, wie sie selbst uns und die anderen Nationen zu behandeln gedenken. In welchem Grade wir unseren amerikanischen und westindischen Kolonien den Verkehr mit den Vereinigten Staaten gestatten sollen, mag manchen Leuten schwer zu entscheiden scheinen. Meiner Ansicht nach sollten wir den Verkehr so fortgehen lassen wie bisher; Nachteile, die etwa daraus entstehen, werden sich mit der Zeit von selbst heben. Westindien braucht das Bauholz und die anderen Rohstoffe, die es aus den Vereinigten Staaten bezieht, viel nötiger, als diese den westindischen Rum und Zucker brauchen, so daß Störung dieses Verkehrs unsere treu gebliebenen Untertanen mehr schädigen würde als die abgefallenen. Aber ich traue den Versicherungen der Vereinigten Staaten nicht. Ich habe einen Tarifentwurf gesehen, nach dem Rohzucker aus unseren Kolonien höher besteuert werden soll als der aus anderen Kolonien. Übrigens bin ich nicht besorgt wegen unseres Verkehrs mit Amerika. Wenn wir alle Nationen gleich behandeln, so muß mit unseren europäischen Nachbarn ein Verkehr in Gang kommen, der unendlich vorteilhafter ist als der mit dem viel weiter entfernten Amerika. Ich will Sie nicht mit einer langen Abhandlung belästigen, sondern bemerke nur: jede ungleiche Behandlung anderer Staaten, jede Vergünstigung oder Erschwerung, die den einen zugewendet oder auferlegt wird, den anderen nicht, ist eine Übertölpelung des Staates, bei der einer Klasse von Händlern das Interesse der Nation geopfert wird.« Zum Schlusse gratuliert er ihm und Fox dazu, daß das Unterhaus die Ostindia Bill angenommen hat, nach der die Regierung Ostindiens von den Direktoren der Kompagnie auf eine von der Krone zu ernennende Behörde übergehen sollte. Er hofft, das Oberhaus werde zustimmen. – Für das Jahr 1784 war Burke zum Lord Rektor der Universität Glasgow ernannt worden und kam Ende 1783 nach Schottland, um sich installieren zu lassen. Bei dieser Gelegenheit stattete er Smith einen Besuch ab, und beide beklagten gemeinsam den Niedergang der Freiheit, womit sie den der Whigs meinten. Bekanntlich ist Burke nicht lange darnach durch die französische Revolution in einen wütenden Reaktionär umgewandelt worden.

Einige Monate darauf wurde Smith in tiefe Betrübnis versetzt: am 23. Mai 1784 starb seine Mutter im neunzigsten Lebensjahre. Seine Freunde fanden, daß er diesen Schlag nicht zu verwinden vermocht habe und von da ab ein anderer geworden sei. Drei Zugänge, hat Earl of Buchan einmal geäußert, gab es zu seinem Herzen: seine Mutter, seine Bücher und Übereinstimmung mit seinen politischen Überzeugungen. Die tiefe Niedergeschlagenheit, der er verfiel, gab zu der Vermutung Anlaß, daß er nicht an die Unsterblichkeit glaube, denn er traure wie jene, die keine Hoffnung haben. Zwei Briefe der folgenden Zeit, einer vom 22. Dezember 1785 und einer vom 3. Januar 1786, beschäftigen sich mit der Bevölkerungsfrage, die durch eine Schrift von Dr. Richard Price angeregt worden war. Dieser hatte aus Angaben über den Ertrag der Herdsteuer geschlossen, daß die Bevölkerung Englands seit der Revolution um dreißig Prozent ab genommen habe. Smith nennt Price einen faktiösen Bürger, einen oberflächlichen Denker, einen schlechten Rechner; seine Berechnungen verdienten seine Beachtung. Was Schottland betreffe, so seien die Zollerträge seit acht Jahren auf das Vierfache gestiegen. Die Bevölkerung scheine stationär geblieben zu sein, nach den Listen der Examinanden, die Dr. Webster angelegt habe. Jeder schottische Pfarrer hatte nämlich alljährlich einmal seine sehr zerstreut wohnenden Schäflein aufzusuchen und sie, auch die ältesten Personen, im Katechismus zu prüfen; von den Prüflingen mußte er eine Liste führen. Dr. Webster hatte diese Listen der Regierung auf deren Ansuchen eingesandt, und Smith hatte mit ihm die Angelegenheit besprochen. Jener hatte ihm mitgeteilt, die städtische Bevölkerung sei im letzten Jahrzehnt bedeutend gewachsen, aber dieser Zuwachs werde durch die Entvölkerung des Hochlands und der Inseln aufgewogen; auch im Unterland habe die ländliche Bevölkerung abgenommen infolge der Vergrößerung der landwirtschaftlichen Betriebe. 1786 erschien die vierte Ausgabe des Wealth, in deren Vorwort Smith dem Bankier Henry Hope dankt für die Informationen über die Bank von Amsterdam.

Die große Änderung, die man an Smith wahrnahm, ist wohl nicht durch den Tod der Mutter allein verursacht worden. Er litt an Unterleibsbeschwerden, alterte augenfällig und magerte zum Skelett ab. Doch fühlte er sich im April 1787 genügend erholt, eine Reise nach London zu unternehmen, wo er den Dr. Hunter konsultieren wollte. Der jüngere Pitt nahm die Gelegenheit wahr, ihm seine Verehrung zu bezeugen. Smiths Buch war sein erster Lehrmeister in ökonomischen Dingen gewesen, er war also kein Bekehrter, sondern von Haus aus Freihändler. Smith wurde zu einem Mahle in Dundas Haus in Wimbledon geladen, zusammen mit Pitt, Addington, Wilberforce, Grenville und anderen politischen Größen. Er kam zuletzt an und entschuldigte seine Verspätung. Die ganze Gesellschaft empfing ihn stehend. Auf seine Bitte: »Setzen Sie sich doch, meine Herren«, erwiderte Pitt: »Nein, wir bleiben stehen, bis Sie sitzen, denn wir sind alle Ihre Schüler.« Nach einem anderen Diner, bei dem sich Smith mit Pitt unterhalten hatte, äußerte jener zu Addington: »Was für ein außerordentlicher Mann ist doch Pitt! Er versteht meine Ideen besser, als ich sie selbst verstehe.« Aus verschiedenen Mitteilungen erfährt man, daß sich Smith einen Abszeß am Halse aufschneiden lassen mußte, und daß alle Staatsregistraturen angewiesen waren, ihn ihre Akten durchsuchen und für ihn kopieren zu lassen, was er wünschen werde. Wahrscheinlich hatte er im Auftrage des Ministeriums Nachforschungen nach irgend etwas anzustellen. Wilbersorce, der bekanntlich für die Aufhebung der Sklaverei agitierte, war unzufrieden mit Smith, weil dieser einen anderen philanthropischen Plan »mit charakteristischer Kälte« behandelte. Um der Entvölkerung des schottischen Hochlands zu steuern, sollten an dessen Küste vierzig Fischerdörfer angelegt werden. Der schottische Hochadel wurde dafür gewonnen, und man gründete eine »Gesellschaft zur Beförderung der Fischerei« mit einem Aktienkapital von 2 700 000 Mark. Smith urteilte, die Gesellschaft werde ihr Geld bis auf den letzten Pfennig verlieren; glücklicherweise werde das Publikum dadurch nicht zu Schaden kommen, denn die Wohltäter würden doch hoffentlich bloß in ihre eigenen Taschen greifen. Smith hatte richtig prophezeit. Nicht ein einziges neues Dorf kam zustande; alle verlockenden Angebote vermochten nicht, Ansiedler anzuziehen. Und wenn die Gesellschaft von den eingezahlten 700 000 Mark 300 000 rettete, so hatte sie es dem Umstande zu verdanken, daß sie sich von der Philanthropie zur gewöhnlichen Boden- und Bauspekulation bekehrte und Grundstücke in der Nähe eines aufblühenden Hafens bebaute, der ohne ihre Hilfe entstanden war. Dagegen begrüßte Smith mit herzlichem Beifall die Bewegung für Sonntagsschulen; seit den Tagen der Apostel, äußerte er, habe kein Unternehmen eine so wohltätige und mit so einfachen Mitteln zu bewirkende Sittenänderung versprochen.

Nach einer Mitteilung des Earl von Buchan soll Smith von der Aufnahme, die er bei dem Toryministerium gefunden hatte, so entzückt gewesen sein, daß er als ein Tory nach Hause zurückkehrte; nach und nach habe sich freilich die neue Tünche abgenutzt und sei die Naturfarbe wieder zum Vorschein gekommen. Bald nach seiner Rückkehr im November 1787 wurde er fürs nächste Jahr zum Lord Rektor von Glasgow gewählt. Professoren und Studenten hatten gleiches Stimmrecht, aber jene hatten Smith vorgeschlagen, und unter den Studenten war ein kleiner Krakehler, der den Kommilitonen predigte: wenn sie den Kandidaten der Professoren annähmen, so gefährdeten sie ihre Unabhängigkeit. Der große Nationalökonom war jedoch so beliebt, daß die Aufhetzung nicht zog: Smith wurde beinahe einstimmig gewählt. Der Rektor hatte früher die Disziplinargewalt über die Studenten geübt und den Verkehr der Studenten mit den Staatsbehörden vermittelt; seit der von Jakob VI. 1577 vollzogenen nova erectio war er nur noch ein repräsentierender Würdenträger. In einem Schreiben an den Prinzipal – so wurde der Vorsitzende der Fakultät tituliert – vom 16. November sagt Smith, er nehme mit Dankbarkeit und Freude die große Ehre an; keine andere Auszeichnung würde ihm solche Genugtuung bereitet haben. »Niemand kann einer Körperschaft so viel schulden wie ich der Universität Glasgow. Sie hat mich erzogen, sie hat mich nach Oxford geschickt, sie hat mich dann zu einem ihrer Mitglieder erwählt und bald darauf zu einem anderen Amte berufen, dem die Fähigkeiten und Tugenden des unvergeßlichen Dr. Hutcheson höheren Glanz verliehen hatten. Der dreizehn Jahre, die ich als Mitglied dieser Körperschaft verlebt habe, erinnere ich mich als der nützlichsten und darum glücklichsten und ehrenvollsten Periode meines Lebens.« Den Termin der Installation möge man nach Gutdünken anberaumen. Wolle man sie an Weihnachten vornehmen, so habe er da ja fünf oder sechs Tage Ferien. Aber er warte seines Amtes im Zollhause so regelmäßig, daß er auch zu jeder anderen Zeit, ohne Anstoß zu erregen, eine Woche Urlaub nehmen könne. Die Feierlichkeit fand schon am 12. Dezember statt, und beim Ablauf seines Amtsjahrs wurde er wiedergewählt, so daß er die Würde eines Lord Rektors vom Dezember 1787 bis Dezember 1789 bekleidet hat. Ein großer Teil der Briefe Smiths enthält Empfehlungen von Schützlingen, denen er Unterstützung oder Förderung verschaffte. In die letzte Zeit seines Lebens fällt ein unvollständig datierter Brief, in dem er den Tutor seines Neffen, einen talentvollen und fleißigen jungen Mann, dem berühmten Reisenden und Naturforscher Sir Joseph Banks empfiehlt. Der Empfohlene hat später als berühmter Physiker Sir John Leslie seinen Patronen Ehre gemacht. Am 18. Dezember 1788 dankt er Gibbon für die drei letzten Bände seines Geschichtswerks; dieses erhebe den Verfasser zur ersten unter allen literarischen Größen Europas. Im selben Herbst starb seine Base, Miß Douglas, so daß nun sein Haus ganz verödet war, da er den Neffen, der in Glasgow studierte, nur in den Ferien bei sich hatte.

Im folgenden Jahre kam der damals 23jährige Dichter Samuel Rogers auf seiner »Home Tour« – diese Art Reisen war eben Mode geworden – nach Edinburgh; seinen Aufzeichnungen nach zu urteilen hat er seine Aufmerksamkeit vorzüglich Smith zugewendet als der Hauptmerkwürdigkeit des Ortes. Er traf ihn beim ersten Besuche, am 15. Juli 1789 (dem Tage nach dem Sturm auf die Bastille, von dem man natürlich in Schottland noch nichts wußte) beim Frühstück. Smith hatte eine Schüssel Erdbeeren vor sich stehen. Das ist mein Lieblingsobst, sagte er; es ist eine nordische Frucht; sie gedeiht am besten auf den Orkneys und in Schweden. Edinburgh, äußerte er, verdiene eigentlich keinen Besuch; es habe Schottland in Verruf gebracht (durch seinen Schmutz wohl, meint Rae); das einzige, was ihm einige Bedeutung verleihe, seien die königlichen Behörden. Dagegen pries er Loch Lomond als den schönsten aller britischen Seen. Der Boden Schottlands sei gut, aber das Klima sei so rauh, daß die Landleute oft vom Winter überrascht würden, ehe sie die Ernte eingebracht hätten. Er erinnerte sich daran, mit welcher Verwunderung er als Student auf der Reise nach Oxford in der Gegend von Carlisle bemerkt habe, wie anders dort die Felder aussahen. Smith lud den jungen Mann mehreremal zu Tische, nahm ihn mit in den Austernklub und in eine Sitzung der Royal Society. Dr. James Anderson hielt eine lange und langweilige Vorlesung über das gesetzliche Verfahren gegen Schuldner. Die Zahl der Anwesenden betrug sieben, einschließlich der vier Gäste, die Smith vom Mittagtisch mitgebracht hatte; Smith erfreute sich, wie öfter bei solchen Vorlesungen, eines gesunden Schlummers. Eines Sonntags vormittags, als gerade zur Kirche geläutet wurde, traf Rogers den Kommissar vor der Haustür, wie er eben eine Sänfte bestieg, um sich spazieren tragen zu lassen. Smith lud ihn zum Abendessen ein. Bei diesem wurde über den mutmaßlichen Verfasser der Juniusbriefe disputiert. Smith erklärte, er halte den Single Speech Hamilton (so genannt, weil er im Parlament nur einmal gesprochen hat) dafür. Eines Tags habe dieser zum Herzog von Richmond gesagt: Heut steht wieder ein verteufelt schneidiger Juniusbrief im Public Advertiser, und habe den Hauptinhalt angegeben. Als aber der Herzog das Blatt bekam, stand statt des Briefes eine Entschuldigung der Redaktion darin, daß sie den fälligen Brief nicht bringen könne. Infolge dieses Vorfalls sei Hamilton natürlich für den Verfasser gehalten worden, und sobald sein Name öffentlich genannt wurde, hätten die Briefe aufgehört zu erscheinen. Solange auf Männer geraten wurde, die nicht die Verfasser waren, sei die Veröffentlichung ungestört weiter gegangen. Das klingt überzeugend; die Mehrzahl der Kritiker hat sich trotzdem für Sir Philip Francis entschieden. Auch Rogers rühmt Smiths Mitteilsamkeit, kühne Offenheit und die herzliche Vertraulichkeit, mit der er ihn, den noch unbekannten jungen Mann, behandelt habe. Bei dieser Gelegenheit wollen wir der fable convenue gedenken, die über Smith hundert Jahre lang umgegangen ist. Auf Grund einiger ungenauer Äußerungen Dugald Stewarts hat man Smith als einen ganz unpraktischen, weltfremden Bücherwurm geschildert und es als ein Wunder dargestellt, daß dieser Stubengelehrte in der Einsamkeit von Kirkcaldy, abgesperrt von allem Verkehr, nicht allein ein Werk über den Verkehr habe schreiben, sondern sogar als reiner Theoretiker das praktisch Richtige habe treffen und praktisch Wertvolles habe leisten können. Namentlich das zehnjährige Anachoretenleben in Kirkcaldy hat man, in Antithesen schwelgend, mit dichterischer Lebhaftigkeit geschildert. Ein paar Beispiele. Buckle schreibt: »Es ist höchst merkwürdig, daß Hume und Adam Smith, die unsere Wissenschaft vom Handel so unendlich bereichert haben, keine praktische Bekanntschaft mit dem Handel hatten … Die zehn Jahre, die Smith auf das Niederschreiben seines großen Werkes verwandte, wurden nicht auf einem der Tummelplätze des Verkehrs zugebracht, wo er die Phänomene des Geschäftslebens hätte beobachten können. Er begab sich auf keinen dieser großen Märkte, wo die Ereignisse vor sich gingen, die er zu erklären suchte. Das war nicht seine Methode. Im Gegenteil: die zehn Jahre, die er daran arbeitete, das lebhafteste Schaffensgebiet zu einer Wissenschaft zu erheben, wurden in völliger Abgeschiedenheit zugebracht.« Und Bagehot, der übrigens wenigstens weiß, daß Smith von Kaufleuten viel gelernt hat, phantasiert: »Der Gründer der Wissenschaft vom Geschäft war einer der fürs Geschäft Untauglichsten aller Menschen. Er war ein linkischer schottischer Professor, allem Anschein nach mit Büchergelehrsamkeit vollgestopft und in Abstraktionen vertieft. Er hat niemals Handelsgeschäfte betrieben, und hätte er es einmal getan, so hätte er sicherlich keine vier Groschen verdient.« Wo von seiner Anstellung als Zollkommissar die Rede ist, meint Bagehot: »Eine für den öffentlichen Dienst ungeeignetere Person konnte nicht gefunden werden; aber im Zeitalter der Sinekuren und Pensionen hat man wohl auch nicht erwartet, daß er irgendwelche Amtsverrichtungen ausüben werde.« Unsere Erzählung, für die Rae den bei weitem größten Teil des Materials geliefert hat, zeigt, daß die englischen Biographen vor Rae ein total falsches Bild von Smiths Person und Lebensweise und von der Entstehung des Wealth gezeichnet haben, und es gereicht dem deutschen Gelehrtenfleiß und Scharfsinn zur Ehre, daß schon, ehe der neueste englische Biograph die Quellen erschlossen hatte, Emanuel Leser das Märchen von dem reinen Theoretiker und von der zehnjährigen Einsamkeit in Kirkcaldy zerstört hat. Was die Anfälle von Geistesabwesenheit betrifft, so sind sie sehr erklärlich bei einem Manne, der gewöhnt ist, sein Denken energisch auf einen Gegenstand zu konzentrieren. Der »zerstreute Professor«, wie der Deutsche fälschlich sagt (das englische absent schließt wenigstens das Wesen der Sache, die Konzentration, nicht aus) kann ganz praktisch handeln, wenn er seine Aufmerksamkeit vom Gegenstande seiner Forschung abwendet und, sich wirklich zerstreuend, sein Wahrnehmungsvermögen und seinen Willen den äußeren Dingen zuwendet. Auch die Bemerkung Stewarts, Smith sei Fremden gegenüber befangen gewesen, und in Gesellschaft sei es zu keinem richtigen Dialog mit ihm gekommen, weil er, wenn er einmal in der Unterhaltung das Wort ergriff, Vorträge, allerdings glänzende, gehalten habe, dürfte eine unberechtigte Verallgemeinerung sein.

Im selben Jahre 1789, dem letzten seines Lebens, veranstaltete Smith eine neue Auflage der »Theorie« mit bedeutenden Zusätzen und Änderungen; daß er den Ausfall auf Larochefoucauld strich, ist bereits gesagt worden. Im Vorwort bemerkt er: Von dem in der ersten Ausgabe, 1759, dargelegten großen Plane sei nur ein Teil – der auf Politik, Finanzen und Kriegswesen bezügliche – ausgeführt worden (im Wealth), weil Amtsgeschäfte und später Krankheiten ihn abgehalten hätten; doch habe er die Stelle, wo er mehr verspricht, nicht ändern mögen. Im Februar 1790 besuchte ihn der Earl of Buchan und sagte beim Weggehen: »Lieber Doktor, wenn ich im Februar des nächsten Jahres in die Stadt komme, gedenke ich Sie öfters zu sehen.« Smith erwiderte: »Mein lieber Ascanius [Buchans Schriftstellername], am Leben sein werde ich ja vielleicht noch manchen Februar, aber Ihren alten Freund bekommen Sie trotzdem nicht mehr zu sehen; ich fühle es, daß die Maschine zusammenbricht, und ich werde dann nicht viel mehr als eine Mumie sein.« Eine seiner letzten Handlungen bestand darin, daß er die Kinder seines Freundes und Hausarztes Cullen der Fürsorge des Herzogs von Buccleugh empfahl. Die Mühewaltung, die er einst dem nun längst verstorbenen Hume zugedacht hatte, übertrug er den Professoren Black und Hutton, die ihm jetzt am nächsten standen. Wie ein dritter Freund, der dem Autodafé beiwohnte, erzählt, äußerte Smith sein Bedauern darüber, daß er so wenig geleistet habe. Er habe mehr zu veröffentlichen beabsichtigt, und das Material dazu sei in seinen Papieren vorhanden, aber davon könne nun keine Rede mehr sein. Als sie die zum Flammentode verurteilten sechzehn Bände verbrannt hatten, ohne zu wissen und zu fragen, was sie enthielten, schien er sich erleichtert zu fühlen. An dem Sonntage, der sein letzter sein sollte, kamen seine gewöhnlichen Gäste zum Abendessen. Er empfing sie heiter, stand auf und wollte sich mit ihnen zu Tische setzen, aber sie bewogen ihn, sich wieder zu legen. Beim Verlassen des Speisezimmers sagte er: »Ich liebe Ihre Gesellschaft, meine Herren, aber ich glaube, ich muß Sie verlassen, um in eine andere Welt zu gehen.« So erzählt einer der Tischgenossen, Henry Mackenzie. Nach Huttons Bericht lautete sein Abschiedswort: »Ich glaube, wir müssen die Sitzung verschieben und an einem anderen Orte anberaumen.« Sonnabend darauf, am 17. Juli 1790, starb er, 67 Jahre und anderthalb Monate alt. Black und Hutton haben dann als Vollstrecker seines literarischen Testaments 1795 die nicht verbrannten Abhandlungen veröffentlicht. Universalerbe war Smiths Neffe David Douglas, der später Lord Reston hieß. Das hinterlassene Vermögen war kleiner, als man bei seinem Einkommen erwarten durfte. Er war sehr wohltätig gewesen – nur Bettlern gab er nichts, weil seiner Ansicht nach Almosen den unteren Klassen die Faulheit stärkten – und er verstand seine Wohltaten so sinnreich zu verbergen, daß ihnen seine Freunde, die sie vermuteten, trotz aller Mühe nicht auf die Spur kamen. Aber Dugald Stewart hat erfahren, daß Smith in Fällen, wo er einer Vermittelung bedurfte, eine Freundin, Miß Roß, ins Vertrauen zu ziehen pflegte, und diese hat ihm mitgeteilt, Smiths Gaben seien unverhältnismäßig groß gewesen und in einer Form gespendet worden, die seinem Zartgefühl nicht weniger Ehre machten als seiner Freigebigkeit. Mackintosh hat einmal geäußert: »Ich habe Smith oberflächlich, Ricardo gut, Malthus intim gekannt; ist es nicht ein gutes Zeugnis für eine Wissenschaft, daß ihre drei größten Meister die besten Menschen gewesen sind, die ich in meinem Leben kennen gelernt habe?«

Smiths Freunde fanden es auffällig, daß die Zeitungen von seinem Tode wenig Notiz nahmen. Sein Leichnam wurde auf dem Kirchhofe von Canongate beerdigt; ein einfacher Denkstein macht das Grab kenntlich, das von Studnitz, wie er in der Gegenwart vom 26. Februar 1876 berichtet, mit Küchenabfällen bedeckt fand, die aus einem Fenster des Hauses geworfen wurden, an dessen Wand das Grab liegt. Zu einem aller Welt zugänglichen Denkmal hat es der Begründer der Nationalökonomie nicht gebracht. Rae zählt vier Porträts auf, die angefertigt seien, ohne daß er dem Künstler je eine Sitzung bewilligt hätte. Kay hat außer dem oben erwähnten 1790 noch eins gemalt, das ihn beim Eintritt in eine Amtsstube darstellt. Tassie, Zögling der Zeichenakademie zu Glasgow, der auch eine Büste oder Statuette modelliert haben soll, fertigte 1787 zwei Medaillons an. Auf einem trägt das Reliefbild eine Perücke, das andere ist in antiker Manier gehalten. Nach diesen vier Originalen sind alle späteren Bildnisse angefertigt. Sie müssen nicht sehr häufig sein, denn Delatour hat trotz aller Nachforschungen keines zu sehen bekommen. Man hatte ihm gesagt, daß die von Kay 1790 angefertigte »Silhouette« in der Randolph Galerie zu Oxford hänge, allein sie war nicht aufzufinden; ferner daß in einem Winkel des Stadthauses zu Kirkcaldy eine kleine Marmorbüste, ein Werk Maricottis, stehe, und daß die Universität Oxford bei einem österreichischen Bildhauer eine Statue bestellt habe, aber er hat nicht erfahren können, ob sie ausgeführt worden ist und wo sie steht. Einige Jahre vorher wußte man beides noch. Thorald Rogers schreibt: Die Bildnisse von Tassie und Kay dienten Gasser als Vorlagen für die prachtvolle Statue, die jetzt, 1869, in der Randolph Galerie in Oxford steht.« Rae erwähnt diese Statue nicht; er schildert nur Smiths Äußeres: mittlere Größe, fleischig aber nicht fett, gerade Haltung, große hellblaue Augen, die unaussprechlich gütig strahlten; immer sorgfältig und fein, aber niemals auffällig gekleidet.

Die hohe soziale Stellung Smiths und überhaupt der schottischen Gelehrten, die den Lesern aufgefallen sein muß, wenn sie dabei der gleichzeitigen kläglichen Lage der deutschen Magister gedacht haben, erfordert eine kurze Erläuterung. In England hat sich nach der Reformation der Begriff der respectability gebildet, der bis zum Beginn der sozialen Bewegung im vorigen Jahrhundert eine unübersteigliche Scheidewand aufrichtete zwischen den besitzenden und gebildeten Ständen und den labouring poor, wie die Lohnarbeiter amtlich genannt wurden; im Fabrikzeitalter wurde der noch rohere und höchst charakteristische Ausdruck hands üblich. Es ist sehr natürlich, daß diese Scheidung in die zwei Völker, die einander nicht kennen, wie Disraëli sagt, im Norden eintrat in einer Zeit, wo die Technik weit genug fortgeschritten war, um den Besitzenden einen für die Armen unerreichbaren Komfort zu schaffen, wo der Kapitalismus anfing, die geistige und die körperliche Arbeit, die in der früheren Landwirtschaft und im Handwerk in einer Person vereinigt gewesen waren, auseinander zu reißen und zwei verschiedenen Volksschichten zuzuteilen, und wo die in geschlossenen Räumen vor sich gehende geistige und gewerbliche Arbeit in immer weiterem Umfange den Verkehr zwischen den Angehörigen verschiedener Stände aufhob, während der Handwerker südlicher Länder im Freien oder in einer nach der Straße hin offenen Werkstatt arbeitet und dadurch mit den höheren Ständen in lebendiger Berührung bleibt. Die Religionsänderung verstärkte diese Scheidung, nicht in dem Sinne, daß das lutherische oder das calvinische Dogma zur Verachtung der Armen geführt hätte (obwohl die Beseitigung der »evangelischen Räte« und der Lehre von der Verdienstlichkeit des Almosens die Bahn nach dieser Seite hin frei machte), sondern so, daß die aus der ökonomischen Entwickelung entspringende Verachtung der Armen die Kirchenmoral beeinflußte; diese bequemte sich der Ansicht der Reichen an, daß die zum Reichtum führenden und das Vermögen erhaltenden wirtschaftlichen Tugenden die höchsten, die entgegenstehenden Laster die schlimmsten seien, und daß man aus der Armut eines Menschen auf Lasterhaftigkeit und verächtlichen Charakter schließen dürfe. Es kommt dazu, daß sich im Süden auch der Besitzlose seines Lebens freuen, Mensch bleiben, geistig geweckt sein, die ästhetische Anlage entwickeln und ästhetische Bedürfnisse befriedigen kann, während der in eine schmutzige Wohnhöhle oder nicht viel weniger traurige Arbeitsstätte eingesperrte nordische Arbeiter leicht zum schmutzigen und stumpfsinnigen Vieh wird.

Aber während sich so die den Gebildeten vom »Mob« – Smith gebraucht das Wort oft – trennende Scheidewand mehr und mehr befestigte, blieben die höheren Klassen ein durch keine Standesprivilegien gespaltenes Ganzes. Bekanntlich ist der englische Adelstitel an den Grundbesitz gebunden. Es gibt keine Grafen ohne Grafschaft, keine Herr von's, die von nichts Herren wären. Die jüngeren Söhne eines Grafen oder Marquis, die die Grafschaft oder Markgrafschaft nicht erben, heißen bloß Herr oder Frau Müller oder Schulze und müssen sich als Beamte, Offiziere, Literaten, Gelehrte, Kaufleute, Gewerbtreibende ihr Brot verdienen. Fällt ihnen durch Erbschaft ein Landgut oder ein Güterkomplex zu, so werden sie je nach dessen Größe und Rang Ritter, Barone, Grafen, Herzöge. So machen der Hochadel und die Gentry, zu der die Gelehrten, Künstler, Beamten und gewerblichen Unternehmer gehören, einen einzigen Stand aus, den Stand der Gentlemen, der respektablen Leute. Auch die Gutspächter gehören dazu, denn in England gibt es nach der Vernichtung des Bauernstandes nur noch »kapitalistische« Großpächter. Diese Abwesenheit scheidender Privilegien und angeborener Rangunterschiede hindert natürlich die reicheren und vornehmeren Mitglieder des herrschenden Standes nicht, die armen Mitglieder zu verachten und sich vom Leibe zu halten; Burton meint sogar im »Leben Humes«, gerade das Fehlen jeder gesetzlichen oder sozial anerkannten Scheidewand habe die damalige Londoner Gesellschaft exklusiv gemacht, während sich der Pariser Hofadel, eben weil er ein geschlossener Stand war, durch den ungenierten Verkehr mit Gelehrten und Künstlern nichts zu vergeben glaubte. Und Hume selbst, der überhaupt die Engländer im allgemeinen und die Londoner im besonderen für Barbaren erklärt, sagt einmal: in London könne sich ein der Gentry angehörender Gelehrter nur durch die Beteiligung an politischen Ränken Beachtung verschaffen; als bloßer Gelehrter bleibe er unbeachtet, und sei er arm, so werde er verachtet.

Für das damalige Schottland aber kommen noch vier Umstände in Betracht, die den armen Gelehrten vor Verachtung schützten. Erstens war die dort Clanverfassung genannte Gentilverfassung noch nicht in Vergessenheit geraten. Die Clanleute fühlten sich als zur Familie ihres Häuptlings gehörig, des Laird, wie in Schottland der Landlord heißt, und sie waren, da der Adel in nichts als in der Freiheit bestand, alle gleich adelig. Diese Clanleute waren im Hochland Hirten, an der Küste Fischer, in Niederschottland kleine Pächter, und unter diesen gab es nicht wenige nachgeborene Söhne von Lords. Zweitens war, wie das schottische Volk im ganzen, so auch mancher Lord sehr arm. Die in England damals schon vorhandene Bourgeoisie fehlte in Schottland noch; es gab wenig Kaufleute und Fabrikanten, und mancher Lordsohn schlug sich kümmerlich als Dorfkrämer oder Schankwirt durch; ein Professor brauchte sich also vor einem Lordsohn nicht allzutief zu verbeugen. Drittens herrschte in Schottland noch die Landwirtschaft vor, und zwar deren Betrieb durch kleine Pächter; sind doch die armen Studenten, die ihren Proviant in Gestalt von Hafergrütze aus dem Vaterhause mitbrachten, Söhne von solchen Kleinpächtern gewesen; und herrschte demnach ziemlich allgemein die Gleichheit der Armut, so ließ auch die Arbeit im Freien, die der Landwirtschaft eigentümlich ist, keine strenge Absperrung zu. Die Gleichheit reichte darum in Schottland bis in die untersten Schichten, so daß die eben beschriebene Scheidewand damals erst in England, noch nicht in Schottland aufgerichtet war, wo zudem die demokratische Presbyterianergeistlichkeit die höheren mit den niederen Schichten verband, besonders auch durch die Pfarrschulen; Smith rühmt: in ihnen lernten fast alle lesen, viele auch schreiben und rechnen; in England hat bis in die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts das ganze niedere Volk aus Analphabeten bestanden, und da dem Arbeitervolk auch keinerlei mündliche Belehrung zufloß, so vertierte es in haarsträubender Unwissenheit. Viertens endlich hatte ganz Schottland damals höchstens anderthalb Millionen Einwohner. Bei der oben beschriebenen Lage der Dinge war akademische Bildung die einzige soziale Scheidewand; die oberen Zehn- oder vielleicht bloß Fünftausend waren eben die Akademiker. Der akademisch gebildete Schotte gehörte also ohne weiteres der höchsten Gesellschaftsschicht an und war schon durch seinen Stand eine hervorragende Persönlichkeit, die nicht übersehen werden konnte, während im heutigen Deutschland der akademisch gebildete Mann nur einer unter vielen Tausenden ist, eine Alltagserscheinung, die im Gewühl der Standesgenossen verschwindet und im Kreise ihrer nächsten Umgebung nur dann hervorragt, wenn sie auf einem entlegenen Dorfe – als Arzt oder Geistlicher – einsam glänzt. Daher kommt es, daß, auch nachdem die große Umwälzung den deutschen Magister von der Verachtung erlöst hat, mit der ihn in Rabeners Zeit der Junker behandeln durfte, nachdem die Industrie hoffähig geworden ist, dem Erbadel der Geldadel und die Intelligenz als Rivalen gegenübergetreten sind und die Politik den Gelehrten aus dem Dunkel des Studierzimmers und der Schulstube ins Licht der Öffentlichkeit, in die Zeitung und ins Parlament geführt hat, daß auch nach allen diesen Veränderungen der Besuch einer Universität für sich allein noch keine Bedeutung verleiht, und daß nur verhältnismäßig wenige von den auf der Universität gebildeten Männern entweder durch außerordentliche Leistungen oder durch die Beförderung zu einem hohen Staats- oder Kirchenamte, in weiteren Kreisen bekannt werden. Noch weniger zahlreich als der akademische Stand im allgemeinen, dessen Masse die Ärzte und die Geistlichen ausmachten, war natürlich im damaligen Schottland der Stand der höheren Akademiker: der Universitätsprofessoren und der Richter. Bei jenen war von der Spezialisierung der Wissenschaften, die heute bei uns nicht bloß die unnatürlich angeschwollenen philosophischen Fakultäten, sondern auch mehrere Arten technischer Hochschulen mit Tausenden von Dozenten bevölkert, noch keine Rede, und die Richter sind in Britannien bis auf den heutigen Tag ein sozial hochgestellter, hoch besoldeter und wenig zahlreicher Stand geblieben. Heute beziehen die dreizehn Mitglieder der Edinburgher Gerichtshöfe jeder 60 000 Mark Gehalt, mehr als der höchstbesoldete preußische Minister, die beiden Präsidenten 90 000 und 96 000 Mark.

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1. Die Theorie der sittlichen Gefühle.

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II.
Die philosophischen Werke

Wie lebhaft ethische Fragen die Briten im achtzehnten Jahrhundert bewegt haben, weiß der Kenner der schönen Literatur aus den moralisierenden Romanen von Richardson, Fielding, Sterne. Die wissenschaftliche Ethik wurde, als ein Teil der Philosophie, natürlich in deren Geiste bearbeitet. Der Geist der Philosophie aber war kritisch, der Theologie feindlich, empiristisch und arbeitete in inniger Wechselwirkung mit den Naturwissenschaften, deren große Vertreter: Kopernikus, Kepler, Galilei, Newton die mechanistische Weltauffassung begründet hatten: das Universum war ihnen eine ungeheure Maschine, ein Uhrwerk, das im Gange blieb und sich selbst regulierte, nachdem der Weltmechanikus es eingerichtet und dem Pendel den ersten Stoß versetzt hatte. Die Psychologen, die in Schottland Metaphysiker genannt wurden, und die Ethiker versuchten, die Menschenseele und die menschliche Gesellschaft in dieses Uhrwerk einzufügen und die besonderen Triebfedern aufzudecken, von denen sie in Bewegung gesetzt und im Gange erhalten werde. Und sie verfuhren, im Gegensatz zur dogmatischen Scholastik, empirisch, wie es dem englischen Naturell entsprach und die von Baco begründete Methode forderte; es kam ihnen weniger darauf an, aus irgend einem angenommenen göttlichen, logischen oder Naturgesetz diese oder jene Pflichten abzuleiten, zu zeigen, wie der Mensch handeln soll, als aus der Erfahrung zu ermitteln, wie er wirklich handelt, und wie diese Art zu handeln zustande kommt. Mandeville erklärte, wie 50 Jahre vor ihm Hobbes getan hatte, den Menschen für rücksichtslos selbstsüchtig, die Tugenden und Pflichterfüllungen für Ergebnisse kluger Berechnung der Wölfe in Menschengestalt, die, wollten sie nicht sich selbst vernichten, davon abstehen mußten, einander gegenseitig aufzufressen; durch Vertrag regelten sie die Befriedigung ihrer Bedürfnisse, und ein dieser Regelung angemessenes Verhalten, bei welchem jeder einzelne durchschnittlich besser fährt und angenehmer lebt als im Kriege aller gegen alle, oder bei der Auflehnung gegen die getroffenen Vereinbarungen, wird nun moralisch genannt. Nur der kleinere Teil der Menschenwölfe ist so klug, die Notwendigkeit und Nützlichkeit solcher Regelungen einzusehen, aber es gelingt ihm, durch allerlei Kunstgriffe die dumme Masse dahin zu bringen, daß sie sich ihnen fügt. Diese Richtung gewann nicht viele Anhänger, weil der Brite noch mehr als andere Menschenkinder auf den Schein hält und krasse Selbstsucht nicht gern eingesteht, auch wenn er wirklich von ihr beherrscht wird. Weit allgemeiner gefielen Systeme, die das sittliche Verhalten nicht auf äußeren Zwang, sondern auf eine ursprüngliche Einrichtung der Menschennatur zurückführten und dieser außer der Selbstsucht auch altruistische Triebe – wie man das heute nennt – zuerkannten. Shaftesbury nahm soziale, egoistische und menschenfeindliche Triebe an und setzte die Moralität in die Harmonie zwischen den sozialen und egoistischen und den Ausschluß der bösartigen Triebe. Hutcheson lehrte, daß dem Menschen uninteressierte Sympathie mit dem Nächsten angeboren sei, und zugleich der Trieb, das Gute, den Sieg der uneigennützigen Liebe über die Selbstsucht, zu billigen. Zwischen jener Zwangsmoral und dieser Gefühlsmoral steht die Nützlichkeitsmoral Lockes und Humes: die Erkenntnis der Nützlichkeit moralischer Handlungen erzeugt Wohlgefallen an ihnen, also moralische Triebe. Adam Smith verschmilzt die Grundgedanken seiner Vorgänger zu einem schön durchgebildeten System, dessen anziehender Reiz in der Fülle scharfsinniger und feiner psychologischer Beobachtungen besteht, auf denen es ruht. Wir lassen ihn im folgenden selbst sprechen.

Wie selbstsüchtig ein Mensch auch sein mag, so liegt doch ein Etwas in seiner Natur, das ihn für das Schicksal anderer interessiert und deren Glück zu einem Bedürfnis für ihn macht, mag er auch weiter nichts davon haben als das Vergnügen, es zu schauen. Ein solches Etwas ist das Mitleid, die Erregung durch das Unglück anderer, die wir erleiden, wenn wir es entweder sehen oder veranlaßt werden, es uns lebhaft vorzustellen. Daß uns die Sorge anderer oft Sorge bereitet, ist eine so offenkundige Tatsache, daß sie keines Beweises bedarf, und diese Art zu empfinden ist gleich allen anderen Urtrieben der Menschennatur keineswegs auf die tugendhaften und humanen Personen beschränkt, obwohl diese dergleichen am lebhaftesten empfinden mögen; der ärgste Schurke entbehrt nicht ganz solche Empfindungen. Da wir keine unmittelbare Erfahrung von dem haben, was andere Menschen fühlen, so können wir uns nur dadurch eine Vorstellung von ihren Zuständen verschaffen, daß wir uns ausmalen, was wir an ihrer Stelle empfinden würden. Mag unser Bruder auch auf der Folter liegen, solange wir selbst wohlauf sind, künden uns unsere Sinne nichts von dem, was er leidet; nur unsere Einbildungskraft kann uns einen Begriff von seinen Empfindungen vermitteln. Und das kann sie auf keine andere Weise, als indem sie uns vorstellt, was wir an seiner Stelle empfinden würden. Unsere Sinneserregungen, nicht seine, stellt uns die Einbildungskraft vor. Sie versetzt uns an seine Stelle; wir bilden uns ein, daß wir dieselben Martern litten; wir schlüpfen in seinen Leib und werden eine Person mit ihm. Von da aus machen wir uns einen Begriff von seinen Empfindungen, ja wir fühlen etwas, was zwar dem Grade nach schwächer, aber ihnen nicht unähnlich scheint: seine Todesangst befällt uns, wir zittern und schaudern; wir empfinden eine wirkliche Pein, deren Grad von der größeren oder geringeren Lebhaftigkeit unserer Vorstellungen abhängt. Daß es dieser in der Einbildung vorgenommene Rollentausch ist, was unser Mitgefühl erregt, ließe sich an mancherlei Wahrnehmungen nachweisen, wenn es nicht so auf der Hand läge, daß es gar keines Nachweises bedarf. Wenn wir jemand mit einem Stock auf dem Arm oder das Bein eines anderen zielen sehen, fahren wir zusammen und ziehen unwillkürlich unseren eigenen Arm oder unser Bein zurück, und fällt der Streich, so fühlen wir ihn einigermaßen mit. Das Volk, das einem Seiltänzer zuschaut, macht ähnliche Körperbewegungen wie dieser: man sieht, die Leute versetzen sich in die Lage des Künstlers und fühlen sich genötigt, mit ihm zu balancieren. Wenn sehr nervöse Personen Bettler sehen, die ihre Wunden und Eiterbeulen zur Schau stellen, so fühlen sie ein Jucken an den entsprechenden Stellen ihres Leibes.

Aber nicht bloß Körperverletzungen erregen unser Mitgefühl, sondern alles, was eines anderen Gemüt bewegt. Unsere Freude über die Errettung eines Romanhelden aus großer Gefahr ist so aufrichtig wie unsere Betrübnis über seine Leiden. Mit ihm sind wir den treuen Freunden dankbar, die ihn in der Not nicht verlassen haben, mit ihm zürnen wir seinen grausamen Feinden. Was auch einen Menschen im Innersten erregen mag, der Zuschauer versetzt sich an seine Stelle und macht des andern Empfindungen zu seinen eigenen. Das Wort Mitleid bezeichnet unser Mitgefühl mit den Leiden anderer; Sympathie hat vielleicht ursprünglich dasselbe bedeutet, soll uns aber das Mitempfinden aller Affekte des Nächsten bezeichnen. Dieses Mitfühlen entsteht, wie es scheint, manchmal durch den bloßen Anblick der Äußerungen von Affekten bei anderen; man wird von der Erregung angesteckt, ehe man ihre Ursache kennt. Drückt sich auf dem Antlitze eines Menschen Betrübnis oder Freude aus, so wird dadurch auch der Beschauer traurig oder heiter gestimmt. Doch gilt das nicht von allen Affekten. Es gibt welche, die nicht Sympathie, sondern, wenigstens solange man ihre Ursache nicht kennt, Widerwillen erregen. Das wilde Gebaren eines Erzürnten bringt uns mehr gegen ihn selbst als gegen seinen Widersacher auf. Solange wir die Ursache seiner Erbitterung nicht kennen, vermögen wir diese nicht zu teilen. Dagegen sehen wir, daß der von ihm Bedrohte in Gefahr schwebt, sympathisieren mit dessen Furcht oder Unwillen und fühlen uns bereit, für ihn wider den Wütenden Partei zu ergreifen. Mit Betrübnis und Freude sympathisieren wir, weil sie die Wirkung eines Unglücks oder Glücks sind, das ein anderer erlebt hat. Dieses Glück oder Unglück liegt in der Person dessen beschlossen, dem es widerfahren ist, und erweckt nicht die Vorstellung einer dritten Person, deren Interesse dem des Erregten entgegengesetzt wäre, wie das der Fall ist, wenn wir einen Zornmütigen sehen. Doch auch das Mitgefühl mit Freude und Betrübnis bleibt unvollkommen, solange wir nicht die Ursache der Erregung kennen. Wehklagen, aus denen wir weiter nichts erfahren, als daß der Klagende leidet, erregen zunächst nur das Verlangen, über die Art seines Leidens unterrichtet zu werden, und machen uns zwar willig zu sympathisieren, aber erfüllen uns noch nicht mit wirklicher Sympathie. Wir fragen: Was ist dir geschehen? Die Sympathie entspringt nicht sowohl aus dem Affekt des anderen, als aus seiner Lage. Wir fühlen sogar manchmal für den anderen eine Erregung, deren er selbst unfähig ist, weil wir sie an seiner Stelle empfinden würden. Wir erröten statt des Unverschämten, der die Ungeschicklichkeit seines Benehmens nicht selbst empfindet, weil wir nicht umhin können uns vorzustellen, wie wir uns schämen würden, wenn wir selbst uns so schlecht benommen hätten. Verlust des Verstandes ist das Schrecklichste, was einem Menschen widerfahren kann, und wer dieses äußersten Menschenelends Zeuge wird, der fühlt tiefes Erbarmen. Der Wahnsinnige selbst aber empfindet sein Elend nicht, er lacht und singt vielleicht. Diese Pein des Beschauers entspringt also nicht aus einem Schmerzgefühl des Unglücklichen, sondern aus der Vorstellung von dem, was wir empfinden würden, wenn wir an seiner Stelle und imstande wären, unseren Zustand vernünftig zu beurteilen. Eine Mutter sieht ihr krankes Kind weinen, das nicht beschreiben kann, was es leidet. Mit der Vorstellung von diesem Leiden und von seiner Hilflosigkeit verbindet sich in der Phantasie der Mutter die Vorstellung von den möglichen zukünftigen Wirkungen des Übels; das alles zusammen bereitet ihr die größte Qual. Das Kind dagegen fühlt nur seine eigenen augenblicklichen Schmerzen, die vielleicht nicht sehr bedeutend sind. Die Furcht vor der Zukunft, diese größte Peinigerin des Menschengeschlechts, bereitet ihm gar keine Sorge. Ja wir malen uns die Lage des Toten, nicht etwa das mögliche Schicksal seiner Seele, sondern die Lage seines im kalten Erdboden liegenden und von Würmern benagten Leichnams als etwas Schreckliches aus, während doch der Tote in Wirklichkeit gar nichts leidet. Aber wir sperren mit unserer Einbildungskraft unsere lebendige und bewußte Seele in den Leichnam ein. Aus solchen Einbildungen entspringt die Furcht vor dem Tode, die so viel Glück vergiftet, freilich aber auch von Übeltaten zurückhält; indem sie das Individuum peinigt, schützt sie die Gesellschaft.

Aus wie verschiedenen Quellen auch immer unsere sympathischen Erregungen entstehen mögen, darin bleiben wir uns stets gleich, daß uns nichts angenehmer ist, als bei anderen Menschen Mitgefühl mit unseren eigenen Affekten zu bemerken, und daß uns nichts mehr verdrießt als das Gegenteil. Wer jedes Mitgefühl für verfeinerte Selbstliebe hält, glaubt von jenem Genuß und diesem Verdruß leicht Rechenschaft geben zu können. Da der Mensch, meint er, sich seiner eigenen Schwäche bewußt sei und wisse, wie unentbehrlich ihm der Beistand seiner Mitmenschen ist, so freue er sich über das Mitgefühl anderer mit seinen Schicksalen, weil es ihm ihre Hilfsbereitschaft verbürgt, und betrübe sich im entgegengesetzten Fall über die schlechte Aussicht, die ihm die Gleichgültigkeit der Zuschauer eröffnet. Aber jenes Lustgefühl oder Mißvergnügen stellt sich so augenblicklich und bei so gleichgültigen Anlässen ein, daß ihm unmöglich eine solche selbstsüchtige Berechnung zugrunde liegen kann. So fühlt man sich schon verletzt, wenn man einen Witz gemacht hat, und niemand in der Gesellschaft darüber lacht, im anderen Falle ist man erfreut. Haben wir ein schönes Buch so oft gelesen, daß uns die nochmalige Lektüre kein Vergnügen mehr bereiten würde, so lesen wir es wohl einem anderen vor, der es noch nicht kennt, und empfinden das Vergnügen mit ihm, das er dabei empfindet. Bemerken wir jedoch, daß ihn unsere Vorlesung langweilt, so verdrießt uns das, und wir brechen ab. Ähnlich verhält es sich mit den Stimmungen in einer Gesellschaft, wo immer einer den anderen ansteckt mit seiner Heiterkeit oder seinem Verdruß.

Jedoch würde man das Wesen der Sympathie nicht genau beschreiben, wenn man sagte: die Gefühle anderer rufen in uns ähnliche Gefühle hervor und verstärken die schon erregten. Die Mitfreude anderer erhöht zwar unsere eigene Freude, aber das Mitgefühl mit unseren Schmerzen vermehrt diese nicht, sondern lindert sie. Geteilte Freude ist doppelte Freude, geteilter Schmerz ist halber Schmerz. Freilich: in dem Augenblick, wo wir einem Freunde unser Herz ausschütten, scheint sich der Schmerz zu verstärken; wir empfinden ihn lebhafter, und unsere Tränen fließen reichlicher; aber dennoch! Wie drängt es uns zu einer solchen Mitteilung! Weit mehr, als zur Mitteilung eines Glücks, das uns zuteil geworden. Das Bewußtsein, daß ein anderer an unserer Pein, an unserer Sorge teilnimmt, ist etwas so Süßes, daß dadurch die vorübergehende heftigere Aufwühlung unseres Schmerzgefühls reichlich aufgewogen wird, und daß wir uns dann erleichtert fühlen. Dagegen hält es ein Unglücklicher für die grausamste Beleidigung, wenn andere sein Unglück leicht nehmen. Bei der Freude des Nächsten Gleichgültigkeit zeigen, ist bloß Mangel an Höflichkeit, über sein Elend lachen, ist unmenschlich. Liebe ist eine angenehme, Erbitterung eine unangenehme Empfindung; darum haben wir es weniger eilig mit dem Wunsche, unsere Freunde möchten sich unsere Freundschaften, als sie möchten sich unsere Feindschaften aneignen. Wenn sie unsere Vorliebe für einen Menschen nicht teilen, so nehmen wir das weiter nicht übel und lassen es uns sogar recht gern gefallen; aber wenn sie es mit unseren Feinden halten, dann werden wir ernstlich böse [der eigentliche Grund des Unterschieds hat mit der Sympathie nichts zu schaffen; zur Bekämpfung eines Feindes brauchen wir Bundesgenossen, und die Freunde unserer Feinde sind eine Gefahr für uns; den intimen Freund dagegen möchten wir, wie die Geliebte, allein besitzen; ihn mit anderen teilen zu sollen, bereitet uns nicht Vergnügen, sondern erregt unsere Eifersucht]. Und wie uns anderer Sympathie wohltut, so ist auch unsere eigene eine angenehme Empfindung. Wir freuen uns, wenn wir Sympathie empfinden können. Wir beeilen uns, zu gratulieren und zu kondolieren, und bereitet des Freundes Kummer uns eigenen Kummer, so überwiegt diesen doch der Genuß, den uns seine vertrauensvolle Mitteilung gewährt. Können wir mit eines anderen Schmerz nicht sympathisieren, so sind wir nicht etwa froh darüber, daß uns ein Kummer erspart bleibt, sondern empfinden unser Unvermögen peinlich; so wenn uns das laute Gejammer einer Person durch den Anlaß ihrer Betrübnis nicht gerechtfertigt erscheint und wir sie wegen ihrer Schwäche verachten; ähnlich ergeht es uns, wenn sich einer vor Freude über ein Nichts wie toll geberdet.

Volle Sympathie stellt sich eben nur dann ein, wenn der Beschauer die angenehme oder unangenehme Erregung des Affizierten vollständig gerechtfertigt, ihrer Ursache entsprechend findet. Sympathisieren bedeutet also, von dieser Seite gesehen, so viel wie billigen. Wer ein Gemälde genau so bewundert wie ich, der billigt meine Schätzung; wer über einen Witz so laut lacht wie ich, kann nicht leugnen, daß meine Heiterkeit angemessen war. Wer dagegen anders empfindet als ich, der mißbilligt meine Art zu empfinden. Wenn mein Unwille über eine erlittene Beleidigung so hoch steigt, daß mein Freund nicht mehr mit kann, wenn ich mich in einem Grade gräme, den sein Mitleid nicht zu erreichen vermag, wenn ich mehr oder weniger als er bewundere, wenn ich lache wo er bloß lächelt, oder lächle, wo er herzlich lacht – so kann ich seiner Mißbilligung nicht entgehen, denn seine eigene Empfindung ist der Maßstab, an dem er die Angemessenheit der meinen prüft. Anderer Meinung billigen heißt sie annehmen. Dasselbe gilt von den Affekten. Fälle, wo wir sie billigen, ohne sie mit zu empfinden, sind nur scheinbare Ausnahmen. Es kommt z. B. vor, daß wir einen Witz ganz vortrefflich und das Gelächter der Zuhörer angemessen finden, selbst aber nicht mitlachen, weil wir gerade ernst gestimmt sind, oder ein anderer Gegenstand unsere Aufmerksamkeit fesselt. Wir wissen in diesem Falle, daß wir bei anderer Stimmung mitlachen würden. Sehen wir einen Fremden von Betrübnis über den Tod seines Vaters ergriffen, so billigen wir seine Empfindung, ohne sie zu teilen; indes wir wissen, daß wir sie teilen würden, wenn uns der Mann näher stände; wir haben aber nicht Zeit und Kraft genug, uns die Schicksale aller Menschen zu Herzen zu nehmen.

Darauf, daß die Erregung im richtigen Verhältnis zu ihrem Anlaß steht, beruht die Angemessenheit, die Schicklichkeit des Verhaltens des Affizierten. Das Verdienst oder Mißverdienst aber, die Lobwürdigkeit oder Sträflichkeit eines Affekts hängt davon ab, ob die Handlung, die er hervorruft, wohltätiger oder schädlicher Art ist. Die Fälle, in denen wir über die Angemessenheit von Affekten urteilen, sind von zweierlei Art. Gegenstände des ästhetischen Genusses berühren kein Interesse weder des Affizierten noch dessen, der über den Affekt urteilt. Billigen wir die Bewunderung oder das Mißfallen des anderen, so sprechen wir ihm richtigen Geschmack zu. Ein besonderes Lob scheint er uns nicht zu verdienen. Wir halten es für selbstverständlich, daß alle Menschen von gesunder Geistesbeschaffenheit so urteilen, ebenso wie alle Menschen wissen, daß zweimal zwei vier ist. Bemerken wir jedoch, daß uns ein anderer in Geschmack und Wissen überlegen ist, daß er tiefer in die Schönheiten eines Kunstwerks, in die Schwierigkeiten einer Wissenschaft eindringt als wir, uns Verborgenes enthüllt, unser Führer wird, dann bewundern wir ihn und preisen ihn seiner intellektuellen Vorzüge wegen. Nicht ihres Nutzens wegen bewundern wir diese Vorzüge – obwohl sie nützlich sind –, sondern weil sie uns an sich gefallen; die Erwägung des Nutzens stellt sich erst nachträglich ein. Bei solchen Gegenständen eines Affekts, die das Wohl oder Wehe des Affizierten oder unser eigenes betreffen – damit kommen wir auf die zweite Art von Fällen –, ist das richtige Urteil schwieriger zu treffen und dabei viel wichtiger. Mein Unglück berührt mich selbst viel näher als meinen Freund; wir beschauen es nicht wie ein Gemälde vom selben Standpunkte aus. Und sollten wir auch bei Kunstwerken oder Naturschönheiten im Geschmack oder im Urteil nicht übereinstimmen, so ist das kein Anlaß zur Feindschaft für uns; dazu sind uns solche Dinge nicht wichtig genug. Wenn dagegen der Freund meinen Schmerz, meinen Unwillen gegen einen Beleidiger nicht teilt, dann hat unsere Freundschaft ein Ende. Soll keine Entzweiung eintreten, so muß der Beschauer den Fall des Betroffenen so viel wie möglich zu seinem eigenen machen, sich ganz in des andern Lage zu versetzen suchen. Das gelingt nun freilich niemals ganz; auch ist ein solcher eingebildeter Platzwechsel immer nur auf Augenblicke möglich: das behagliche Bewußtsein des Beschauers, daß ihm selbst nichts fehlt, beschwichtigt bald wieder den sympathischen Schmerz oder Unwillen. Will der Leidende nicht das Gegenteil von dem erreichen, was er ersehnt, Mitgefühl, so muß er seinen eigenen Affekt so weit mäßigen, daß der ins Vertrauen Gezogene etwas Ähnliches zu empfinden vermag. So wird beider Bemühen zuletzt nicht Gleichklang, aber doch Zusammenklang der beiderseitigen Empfindungen zuwege bringen. Es muß sich also der Zuschauer an die Stelle des Leidenden, der Leidende an die Stelle des Zuschauers versetzen, damit dieser Zusammenklang herauskomme. Der Leidende weiß außerdem, daß seine Bekannten und ganz fremde Personen noch weniger als der Freund imstande und willens sind, die ganze Heftigkeit seines Schmerzes zu empfinden. Vor Bekannten mäßigen wir uns darum noch mehr als vor Freunden, vor Fremden mehr als vor Bekannten. Und diese Mäßigung bleibt kein angenommener Schein; das gefaßte äußere Verhalten beruhigt uns innerlich. Gesellschaft und Unterhaltung sind die besten Mittel, das durch einen heftigen Affekt gestörte Gleichgewicht der Seele wieder herzustellen und dem, der sich eines gleichmäßig heiteren Temperaments erfreut, diese wichtigste Bedingung des Glücks zu erhalten. Einsam lebende Denker mögen humaner, hochherziger, von feinerem Ehrgefühl sein, aber weil sie über ihren Kummer und ihren Groll brüten, eignen sie sich nicht so leicht gleichmäßige Heiterkeit an wie der Mann von Welt.

Auf die beschriebenen Anstrengungen des Affizierten und des Beschauers läßt sich eine Einteilung der Tugenden gründen. Wer sich bemüht, sich in die Lage der Erregten zu versetzen und sich zur Höhe ihrer Freude oder ihrer Betrübnis emporzuschwingen, der erscheint liebenswürdig. Wer sich bemüht, seine Affekte so weit zu bändigen, daß ein Zuschauer daran teilzunehmen vermag, der erscheint uns achtunggebietend, verehrungswürdig, erhaben, ein Held, während wir den Jammernden, den Tobenden verachten. Viel für andere, wenig für uns selbst fühlen, unsere selbstsüchtigen Affekte zügeln, den wohlwollenden weitesten Spielraum lassen, das macht die Vollendung der Menschennatur aus. Den Nächsten wie uns selbst zu lieben, das ist das große Gebot des Christentums; ihm entsprechend heißt uns die Natur uns selbst nicht mehr lieben als den Nächsten, oder anders ausgedrückt: uns selbst nur in dem Maße lieben, als der Nächste uns zu lieben vermag. Wie wir guten Geschmack und wissenschaftliches Urteil nur dann bewundern, wenn sie einen das Gewöhnliche übersteigenden Grad erreichen, so verhält es sich auch mit den sittlichen Eigenschaften, und nur wo wir bewundern können, sprechen wir von Tugend. Gewöhnliches moralisches Verhalten ist keine Tugend. Unter Tugend verstehen wir etwas Hervorragendes, etwas ungewöhnlich Schönes und Großes. Die liebenswürdigen Tugenden setzen eine jede Erwartung übertreffende Zartheit des Empfindens, die ehrfurchtgebietenden eine erstaunliche Beherrschung der undisziplinierbarsten Leidenschaften voraus. Angemessenes Verhalten ist noch lange nicht Tugend. Essen, wenn man hungrig ist, gehört zum angemessenen Verhalten, aber es eine Tugend nennen wäre höchst ungereimt. Andererseits kann es sogar dem Tugendhaften begegnen, daß er nicht einmal die Grenzen der Angemessenheit inne zu halten vermag, wenn z. B. sein Leiden so furchtbar ist, daß völlige Selbstbeherrschung die Menschenkraft übersteigen würde. Am Maßstabe absoluter Vollkommenheit gemessen, erscheinen alle Menschen unvollkommen. Was den Grad mittlerer Güte übersteigt, mag es auch noch weit unter der höchsten Vollkommenheit bleiben, verdient Lob; was den mittleren Grad nicht erreicht, verdient Tadel.

Sollen wir einen Affekt billigen, so darf er weder zu stark noch zu schwach sein im Verhältnis zu seiner Ursache. Bei den unangenehmen Affekten nennen wir das Übermaß Schwäche [bei Schmerz] und Wut [beim Zorn], das Zurückbleiben hinter der Normalstärke Unempfindlichkeit, Stumpfsinn, Geistlosigkeit. Der angemessene mittlere Grad liegt bei verschiedenen Affekten verschieden hoch. Bei solchen, mit denen wir schwach sympathisieren, liegt er, mögen sie noch so gerechtfertigt sein, sehr niedrig; bei den sympathischen, auch wenn sie uns nicht hinlänglich gerechtfertigt erscheinen, ziemlich hoch, so daß uns ihr lebhafter Ausdruck angenehm berührt. Affekte, die aus dem Körper entspringen, lebhaft kund zu geben, gilt allgemein für unanständig. Mag der Hunger eines Menschen noch so groß sein, ihn gierig essen zu sehen, ist ekelhaft. Noch weniger deutlich darf sich der Geschlechtstrieb äußern, mag es auch zwischen zwei Personen geschehen, die dazu sittlich berechtigt sind. Doch macht es uns Vergnügen, unsere Freunde mit gutem Appetit speisen zu sehen, und wenn ein Mann durch sein frostiges Benehmen bei Frauen verrät, daß er ganz unempfindlich ist gegen das schönere Geschlecht, so finden wir ihn sogar verächtlich. Man hat geglaubt, die lebhafte Äußerung leiblicher Affekte werde darum gemißbilligt, weil uns diese mit den Tieren gemein seien; aber auch Zorn, Anhänglichkeit und Dankbarkeit kommen bei den Tieren vor, und wir schämen uns trotzdem dieser Regungen nicht [weil sie, obwohl bei den höheren Tieren, nur bei diesen vorkommend, doch nichts animalisches, sondern etwas geistiges, dem Menschenwesen Verwandtes sind; das übersieht Smith; doch verdient sein Erklärungsversuch Beachtung]. Der Grund ist vielmehr, daß wir jene Affekte nicht mitzufühlen vermögen; wir werden nicht hungrig mit dem Hungrigen. Es ist mit anderen aus dem Körper stammenden Affekten, mit körperlichen Schmerzen z. B., nicht anders. Wir verachten den Mann, der aus Schmerz schreit. Nur die Affekte, die aus der Einbildungskraft stammen, vermögen wir mit zu empfinden. Der Verlust eines Beines ist gewiß ein ernstliches Unglück, aber eine Tragödie, die ihn zum Gegenstande hätte, wäre lächerlich. Eigenen Körperschmerz vergessen wir, sobald er vorüber ist, das unbedachte kränkende Wort eines Freundes kann uns lange peinigen. Körperschmerzen rufen lebhafte Sympathie nur dann hervor, wenn sie Symptome einer ernstlichen Gefahr sind. Zahnschmerz, gichtisches Reißen kommt uns ein wenig lächerlich vor. Eigene solche Schmerzen pflegen wir mit Humor zu besprechen, wohl wissend, daß wir uns unausstehlich machen würden, wenn wir sie im Gespräch tragisch nehmen wollten. Dagegen empfinden wir bei einer Krankheit, die das Leben bedroht, ernstliche Teilnahme, auch wenn der Kranke gar keine Schmerzen leidet. Daß uns äußerliche Verletzungen und chirurgische Operationen lebhaftes Mitgefühl abnötigen, kommt bloß von der Ungewohntheit des Anblicks; wer dergleichen oft sieht, ist unempfindlich dagegen. So erwecken überhaupt körperliche Zustände und die unmittelbar aus ihnen hervorgehenden Affekte nur Teilnahme, wenn sie mit anderen, auf unsere Phantasie wirkenden Affekten wie Furcht und Hoffnung verbunden sind. Die Liebesleidenschaft eines Roman- oder Theaterhelden interessiert uns nur deswegen, weil sie ihn in Situationen bringt, wo wir mit ihm fürchten, verzweifeln, auf idyllisches Glück hoffen können. Ebenso verhält es sich mit der Beschreibung der Leiden einer vom Hungertode bedrohten Schiffsmannschaft; ihren Hunger empfinden wir nicht mit, wohl aber ihre Verzweiflung, ihre Furcht und Hoffnung, ihren Stimmungswechsel bei wechselnden Aussichten. Nur durch solche Ideenverkettung wird eine Tragödie wie Philoktet erträglich – hier besteht das Elend des Helden in seiner Verlassenheit –; wie lächerlich wäre eine Tragödie, deren Held an der Kolik litte! Und doch gibt es kaum eine größere Pein. Von den Leidenschaften, deren Stärke in keinem Verhältnis zu ihrem Gegenstande zu stehen pflegt, und die darum eigentlich lächerlich sind, ist die Liebe die einzige, die niemals widerwärtig, immer liebenswürdig erscheint, auch wenn ihre Wirkungen widerlich sind.

Affekte einer anderen Art entspringen zwar aus der Einbildungskraft, müssen aber stark herabgedrückt werden, wenn wir imstande sein sollen, sie zu empfinden. Es sind dies die unsozialen Affekte Haß und Rachsucht. Jedem solchen Affekt gegenüber ist unsere Sympathie geteilt zwischen der Person, die ihn empfindet, und der Person, die sein Gegenstand ist. Was wir aus Sympathie für den Erregten zu wünschen geneigt sind, fürchten wir aus Sympathie für den Bedrohten. Unsere Besorgnis wegen des dem zweiten drohenden Leidens dämpft unseren Unwillen über das, was der erste erlitten hat. Dieser Unwille bleibt also nicht bloß aus der oben angeführten allgemeinen Ursache hinter dem des Grollenden zurück, sondern auch noch wegen der Zwiespältigkeit unserer Sympathie. Der Zornige muß darum seine Erregung sehr bedeutend herabstimmen, wenn er uns Sympathie abgewinnen will. Im allgemeinen empfindet der Mensch Unbilden, die einem anderen zugefügt werden, sehr lebhaft, wie der Unwille des Publikums über Theaterbösewichte beweist. Wir verabscheuen den Jago nicht weniger als wir Othello schätzen, und freuen uns über jenes Züchtigung, während wir uns des anderen Verzweiflung zu Herzen nehmen. Aber unser sympathischer Unwille hält keineswegs mit dem nach Rache Durstenden gleichen Schritt. Im Gegenteil werden wir unwillig gegen diesen, wenn wir sein Opfer ruhig, gefaßt und geduldig sehen, vorausgesetzt, daß nicht Furcht oder Stumpfsinn die Ursache dieser Ruhe ist.

Zorn und Vergeltungstrieb sind nämlich notwendige Bestandteile der Menschennatur, und wir verachten einen Mann, der sich Angriffe gefallen läßt, ohne sie abzuwehren oder nachträglich zu rächen. Solche Mattherzigkeit bringt uns nicht weniger auf als die Unverschämtheit des Angreifers. Sogar der Pöbel wird wütend, wenn er sieht, wie sich ein Mann geduldig beschimpfen läßt. Verliert dieser endlich die Geduld und setzt sich zur Wehr, so applaudiert ihm der Mob. Diese Leidenschaften werden gebilligt, weil sie sowohl dem Individuum als der Gesellschaft nützen; jenem, indem sie den Angriff auf ihn zu einem gefährlichen Wagnis machen, dieser, indem sie als Hüterinnen der Gerechtigkeit walten. Trotzdem bleiben sie uns unangenehm, und ihr starker Ausdruck in Worten, Mienen und Geberden wird nicht allein als Bedrohung einer anderen Person, sondern auch als eine Roheit gegen die Zuschauenden empfunden. Nur die Erwägung ihrer nützlichen Wirkungen läßt sie uns schätzen. Ein Gefängnis ist ein nützlicherer Gegenstand als ein Palast [das wird heute stark bezweifelt], aber sein Anblick ist desto widerwärtiger, je besser es seinen Zweck erfüllt [je mehr es durch Peinigung der Verbrecher abschreckt, meint Smith ohne Zweifel]. Ein Palast, seine prächtige Ausstattung, die Heiterkeit seiner Bewohner sind immer angenehm zu schauen, während uns Überlegung lehrt, daß er möglicherweise durch die Förderung des Luxus und durch die Sittenlosigkeit seiner Bewohner dem Volke schadet [hier schaut der puritanische Philister heraus, von dem damals in jedem Schotten ein Stückchen steckte. Es folgen noch mehr Beispiele von unangenehmen nützlichen und weniger nützlichen angenehmen Dingen.] So nun verhält es sich auch mit den unsozialen Affekten. Und weil ihre unmittelbare Wirkung unangenehm ist, sympathisieren wir nicht eher mit ihnen, als bis wir wissen, was sie erregt hat. Während uns ein Klageruf sofort zur Hilfeleistung in Bewegung setzt, ein lächelndes Antlitz uns sofort erheitert, erregt uns das mißtönende Gebrüll und Gekreisch des Zornigen entweder Furcht oder Widerwillen. Der Haß flößt allenfalls gegen den Hassenden, nicht gegen den Gehaßten Haß ein. Die Natur hat es weise eingerichtet, daß Affekte, welche die Menschen trennen statt sie zu vereinigen, sich nicht leicht und nicht oft mitteilen. Und nicht dem Zuschauer allein sind diese Affekte unangenehm, sondern auch der Person, die sie empfindet.

Das gerade Gegenteil von ihnen sind Hochherzigkeit, Menschenfreundlichkeit, Güte, Mitleid, Freundschaft, Hochschätzung. Bei ihnen wird die Sympathie durch den Gedanken an die dritte Person, die ihr Gegenstand ist, nicht gespalten, sich selbst entgegengesetzt, sondern verdoppelt, denn der Gegenstand des Affektes hat ja von diesem nur Gutes zu erwarten. Wir freuen uns nicht bloß um des Affizierten willen, den diese Affekte liebenswürdig machen, sondern auch um dessen willen, dem sie gelten. Liebe ist eine an sich selbst angenehme Empfindung; sie erhöht unser Lebensgefühl, fördert die Gesundheit, und wird noch genußreicher durch das Bewußtsein, daß sie uns den Dank und das Wohlwollen dessen einträgt, der ihr Gegenstand ist. Das Bewußtsein eines solchen Verhältnisses macht jeden im anderen glücklich, und Sympathie macht beide dem Beschauer angenehm. Welchen Genuß bereitet der Anblick einer glücklichen Familie, deren Mitglieder einander lieben! Selbst das Übermaß dieser Affekte berührt uns nicht unangenehm. Sehen wir vollendete Humanität, so bedauern wir nur, daß die Welt ihrer nicht wert ist.

Zwischen den sozialen und den unsozialen Affekten stehen der Verdruß über eigenes Unglück und die Freude über eigenes Glück. Sie sind egoistisch, aber nicht unsozial. Sie sind sogar sympathisch, nur nicht in dem Grade wie die verschiedenen Arten des Wohlwollens, weil die Verstärkung durch die Rücksicht auf den beglückten Dritten fehlt. In unserer Sympathie mit ihnen waltet ein Unterschied ob. Bei Freude stellt sich die Sympathie leichter ein, wenn sie klein, bei der Betrübnis, wenn sie groß ist. Wird jemandem plötzlich großer Reichtum oder eine außerordentliche Rangerhöhung zuteil, so berührt uns das meistens nicht angenehm. Der Erhöhte weiß das auch; wenn er klug ist, mäßigt er den Ausdruck seiner Freude und sucht seine Neider durch Bescheidenheit zu versöhnen, was fast niemals gelingt. Am glücklichsten ist, wer so langsam vorwärts kommt, daß ihm die Öffentlichkeit jede nächste Beförderung schon zuerkannt hat, ehe sie ihm zuteil wird. Aufrichtiges Mitgefühl haben wir nur für unsere kleinen Freuden zu erwarten, die aus unbedeutenden Anlässen hervorsprießen, aus jenen Nichtigkeiten, die das Alltagsleben ausfüllen. Nichts macht den Menschen seiner Umgebung angenehmer, als gleichmäßige, gewohnheitsmäßige Heiterkeit, und diese beruht darauf, daß man die kleinen Annehmlichkeiten, die jeder Tag bringt, schätzt und genießt. Solche Heiterkeit eines anderen erfüllt uns mit derselben Heiterkeit; wir betrachten die Kleinigkeiten, die jenen erfreuen, mit denselben Augen wie der mit einem so glücklichen Temperament Begnadigte. Kindern und jungen Leuten ist dieses Temperament eigen. Gesundheit, Lebensdrang, Spannkraft machen, daß ein Nichts, das bloße Dasein sie beglückt. Deswegen lieben wir die Jugend; der Anblick ihrer Gesundheit und Schönheit und der daraus erblühenden Freude läßt den Greis auf Augenblicke seines Elends vergessen.

Mit der Betrübnis verhält es sich umgekehrt. Kleiner Verdruß erregt gar kein Mitgefühl, großer das allergrößte. Wer über seine Köchin oder über das Wetter verdrießlich ist, oder weil man ihm nicht zugehört hat, als er eine seiner Meinung nach interessante Geschichte erzählte, der würde nur ausgelacht werden, wenn er erwartete, daß man sich mit ihm betrüben oder ärgern werde. Das bißchen Bosheit, das in jedem steckt, reizt uns sogar, uns über die kleinen Ärgernisse unserer Bekannten zu freuen und uns darüber lustig zu machen. Es gehört zu den sonderbaren Widersprüchen der Menschennatur, daß man sich selber so unangenehme Empfindungen wie Ärger und Betrübnis bei jeder Kleinigkeit bereitet; aber sollen wir uns einem anderen zu Gefallen betrüben, so muß eine wichtige Ursache vorhanden sein. Dafür ist dann aber auch unsere Betrübnis aufrichtig und tief; weinen wir doch über die erdichteten Leiden eines Theaterhelden. Das Mitgefühl mit Leiden ist auch allgemeiner als das mit Freuden. Zwar bei heftigen Äußerungen des Schmerzes steigert sich unser Mitgefühl nicht bis zur völligen Übereinstimmung; wir schreien und jammern nicht mit, mißbilligen im Gegenteil solches Gebahren eines Menschen, aber wir sind nicht unempfindlich gegen seinen Schmerz. Dagegen verachten wir einen Mann, der vor Freuden hüpft und tanzt. Ferner wird leibliche wie seelische Pein stärker empfunden als irgend ein Lustgefühl. Schon darum ist unser Mitleid, so weit es auch hinter der Empfindung des Leidenden zurückbleiben mag, weit lebhafter als die Mitfreude, die sich übrigens, wie gezeigt werden wird, der Stärke des ursprünglichen Empfindens mehr nähert als das Mitleid. Endlich ist zu bemerken, daß wir allzu lebhaftes Mitleid zu bekämpfen pflegen, niemals aber eine lebhafte Mitfreude. Ist Neid im Spiele, so freuen wir uns überhaupt nicht mit; im anderen Falle geben wir uns der Mitfreude widerstandslos hin. Oft schämen wir uns, daß Neid die Mitfreude nicht aufkommen läßt und heucheln sie wenigstens. Es scheint also, daß wir von Natur mehr zum Mitleid als zur Mitfreude gestimmt seien. Trotzdem dürfte das Gegenteil stattfinden. Wofern sich nicht Neid einmischt, sind wir nicht allein zur Mitfreude mehr geneigt als zum Mitleid, sondern jene kommt auch in weit höherem Grade der wirklichen Freude gleich als dieses dem wirklichen Leiden. Zwischen diesem und dem durch bloße Vorstellung erzeugten Mitgefühl liegt eine ungeheure Kluft, die durch keine Anstrengung ausgefüllt werden kann. Dagegen kann sich jeder leicht in das Glückgefühl eines anderen versetzen, weil, wenn ein Glückfall solches erzeugt, das nur eine ganz unbedeutende Steigerung des gewöhnlichen Gemeingefühls ist. Wer gesund ist, keine Schulden und ein gutes Gewissen hat – und in dieser Lage befinden sich die meisten Menschen – dem können alle Reichtümer, die ihm zuströmen, nichts wesentlich Besseres verschaffen, als was er schon hat. Weil sich demnach alle verständigen Menschen ohnehin schon in derselben behaglichen Stimmung befinden, kann es keinem schwer fallen, sich in die durch einen Glücksfall ein klein wenig gesteigerte des Nächsten zu versetzen. Aber wenn dem durchschnittlichen Wohlbefinden wenig hinzugefügt werden kann, so kann doch sehr viel davon hinweggenommen werden. Zum Gipfel irdischer Glückseligkeit hat man von der Durchschnittslage aus nicht mehr weit, dagegen ist der Abstand zwischen ihr und der Tiefe des Elends ungeheuer. Darum drückt Unglück das Gemüt viel weiter unter seine normale Stimmung hinab als Glück es darüber emporhebt. Und so kommt es, daß der Zuschauer in diesem Falle leichter folgen kann als in jenem.

Man hat gegen diese Theorie eingewendet, daß, wenn Sympathie die Billigung einschließt, unangenehme sympathische Empfindungen überhaupt nicht vorkommen können. Zu diesen Empfindungen sind jedoch zwei Elemente zu unterscheiden: der sympathische Affekt an sich, und der Affekt, der aus dem Bewußtsein der vollständigen Übereinstimmung zwischen meinem Mitgefühl und dem Affekt des anderen entspringt. Dieser zweite Affekt, in dem allein eigentlich die Billigung liegt, ist immer angenehm. Der andere ist angenehm oder unangenehm je nach der Beschaffenheit des ursprünglichen Affekts, von dem er nur ein Abbild ist. Wenn wir uns von einem Trauerspiel zu Tränen gerührt fühlen, schämen wir uns und suchen die Tränen zu verbergen. Warum? Weil wir fühlen, daß unsere Mitmenschen an dem unangenehmen Affekte der Trauer nicht gern teilnehmen. Dagegen sucht niemand seine Freude zu verbergen, weil an dieser jedermann gern teilnimmt. Mit wie herzlichen lauten Freudenbezeugungen begrüßt der Mob, der die Großen niemals beneidet, deren Triumphe und feierliche Einzüge! Wie zurückhaltend äußert er seine Betrübnis bei einer Hinrichtung! Bei Beerdigungen beschränkt sich unsere Trauerkundgebung auf einen häufig erzwungenen Ernst; dagegen brauchen wir uns bei Hochzeiten und Kindtaufen zur Lustigkeit nicht zu zwingen.

Auf dieser Empfindungsweise nun, auf dieser Geneigtheit, mit den Glücklichen zu sympathisieren, sich dagegen von dem Unglücklichen desto entschiedener abzuwenden, je auffälliger er sein Unglück kund tut, beruht der Ehrgeiz. Nichts demütigt uns mehr, als wenn wir genötigt sind, unser Unglück, unsere Armut zu offenbaren, da wir wissen, daß wir dadurch entweder der Nichtachtung oder der Verachtung verfallen. [Hier haben wir einen Versuch, die moderne englische Empfindungsweise zu begründen.] Daraus entspringen die Gier nach Reichtum, nach Macht, nach Rang und Würden; darum unterziehen wir uns den Mühen des lärmenden Erwerbslebens. Denn zum Wohlbefinden ist das alles nicht notwendig. Was dazu gehört: ein Haus, Nahrung und Kleidung, das hat der geringste Arbeiter, ja er erfreut sich meistens auch noch einiger überflüssiger Annehmlichkeiten. Reichtum, Macht und Rang werden nicht darum geschätzt, weil sie glücklich machen, sondern weil sie die ehrfurchtsvolle Aufmerksamkeit auf den wenden, der sie besitzt. Des armen Mannes Aus- und Eingang bleibt unbeachtet, aber der wache Traum unserer müßigen Stunden, das Ziel unseres Strebens ist eben, beachtet, bewundert, umschmeichelt zu werden. Mit dem Glück der Großen sympathisieren wir; wünschen, daß ihre Wünsche in Erfüllung gehen; widerfährt ihnen ein Unglück, so empfinden wir das zehnmal stärker, als wenn es einem gewöhnlichen Menschen begegnet wäre. Der Verbrecher, der das Leben eines Monarchen bedroht, erscheint uns nicht als ein gewöhnlicher Mörder, sondern als ein Ungeheuer. Auf dieser Schätzung einer hohen gesellschaftlichen Stellung beruhen die Rangunterschiede, beruht die bürgerliche Ordnung. Die Großen finden willigen Gehorsam, nicht etwa, weil das Volk den Nutzen schätzte, der aus der bürgerlichen Ordnung entspringt, sondern weil es Ehrfurcht vor der Größe hat. Das Verhalten der Großen muß den gemeinen Mann schon zu blinder Wut gereizt haben, wenn dieser etwas gegen sie unternehmen soll, und auch dann, tritt er einem Großen persönlich gegenüber, so fällt er leicht unwillkürlich in seine gewohnte unterwürfige Haltung zurück. Deshalb bedarf es für den jungen Mann von hoher Geburt weder anstrengender Studien und Arbeiten noch tugendhafter Selbstverleugnung; um sich die Gunst des Volkes zu sichern, braucht er nur die kleinen Pflichten der Konvenienz zu erfüllen, seine Worte und seine Bewegungen so abzumessen, wie es sein Rang erfordert. Dem Manne niederen Standes dagegen können anmutige Formen wenig nützen. Ahmt er als Stutzer die Großen nach, so macht er sich nur lächerlich. Niemand achtet darauf, ob der Arme den Kopf so oder so trägt, seine Gliedmaßen so oder anders bewegt, und es wäre eine ganz überflüssige Mühe, wenn er auf solche Äußerlichkeiten Aufmerksamkeit und Sorgfalt verwenden wollte. Wenn er nur bescheiden und einfach ist, darf er sein Äußeres vernachlässigen, soweit er dadurch nicht eine seiner Umgebung schuldige Rücksicht verletzt. Will er sich auszeichnen, so kann er das nur durch tüchtige Leistungen. Er muß lernen, arbeiten, entschlossen in Gefahren, unerschütterlich im Unglück sein. Er wünscht sich Gelegenheit, diese Eigenschaften geltend zu machen. Krieg und Aufruhr, Verwirrung und Blutvergießen entzücken ihn, weil sie ihm Gelegenheit darbieten, sich bemerkbar zu machen. Daher kommt es, daß wichtige Staatsämter, die ja Tüchtigkeit fordern, gewöhnlich nicht Männern von hoher, sondern von mittlerer oder niederer Abkunft anvertraut werden.

Der Gesundheit des sittlichen Empfindens bereitet die allgemeine Hochschätzung des Ranges und des Reichtums keine geringen Gefahren. Freilich wünschen wir, nicht allein geachtet, sondern auch achtungswert zu sein; aber da wir die Erfahrung machen, daß es nicht eben Tugenden und nützliche Leistungen sind, was am raschesten zu Ehren und zum Ruhme verhilft, so fühlen wir uns stark versucht, die Anerkennung unserer Mitmenschen aus dem leichteren Wege zu erstreben, indem wir um jeden Preis Reichtum und Rang haben wollen, die höher geachtet werden als Wissen und Tugend. Der Große muß schon sehr lasterhaft sein, wenn seine Schlechtigkeit der Ehrfurcht, die man ihm zollt, Eintrag tun soll. Glücklicherweise liegt jedoch diese Versuchung nur den Hochgeborenen nahe. Für die Menschen mittleren und niederen Standes fällt der Weg zu Wohlstand und Ansehen gewöhnlich mit dem Wege der Tugend zusammen; für sie gilt das gute alte Sprichwort: Ehrlichkeit ist die beste Politik.

Jede Gemütserregung, die zum Handeln treibt, kann von zwei Gesichtspunkten aus beurteilt werden: in ihrer Beziehung zur Ursache, zu dem Gegenstande, der sie hervorruft, und in ihrer Beziehung zu dem Ziele, dem sie zustrebt, zu der Wirkung, die sie hervorbringt. Von dem Grade also, in dem der Affekt seiner Ursache angemessen ist, hängt seine Schicklichkeit oder Unschicklichkeit, von dem wohltätigen oder schädlichen Charakter der daraus hervorgehenden Handlung hängt, wie schon bemerkt wurde, sein Verdienst oder Mißverdienst, seine sittliche Güte oder Schlechtigkeit ab. Belohnung verdient eine Handlung, wenn sie die zum Belohnen treibende Empfindung erregt, Strafe verdient sie, wenn sie die Empfindung erregt, die da drängt, zu strafen, einem anderen ein Übel zuzufügen. Das Gefühl nun, das am unmittelbarsten zum Belohnen treibt, ist die Dankbarkeit; das Gefühl, das zum Strafen treibt, ist das Rachegefühl. So erscheint uns denn eine Handlung, die Dankbarkeit hervorruft, verdienstlich, eine, die Rache herausfordert, strafbar. In beiden Fällen wird Vergeltung gefordert; in jenem soll Gutes mit Gutem, in diesem Böses mit Bösem vergolten werden. Andere Affekte mögen uns für das Glück oder Unglück eines Menschen interessieren, aber sie erzeugen nicht den Wunsch, der Belohnung oder Bestrafung als Werkzeug zu dienen. Liebe und Achtung lassen uns einem anderen alles Gute wünschen, erzeugen jedoch nicht das Verlangen, ihm selbst Gutes zu erweisen. Den Hassenden freut es, wenn dem Gehaßten ein Übel zugefügt wird, aber er würde es für ein Verbrechen halten, selbst Hand an ihn zu legen. Der Dankbare dagegen wünscht, das Werkzeug der Beglückung, der Rachsüchtige wünscht, das Werkzeug der Züchtigung eines anderen zu sein, und der Beschauer sympathisiert mit beiden, billigt beider Verhalten, vorausgesetzt, daß ihr Empfinden gebilligt werden kann. Die aus verschwenderischer Laune gespendete Gunstbezeugung eines Großen verdient wenig Dank, und wer durch eigene Ungerechtigkeit den erlittenen Schlag verschuldet hat, der hat kein Recht, den Schlagenden zu strafen. Entspringt demnach unser Urteil über die Schicklichkeit eines Affektes aus der unmittelbaren Sympathie mit dem Affekt und den Beweggründen der handelnden Person, so entspringt das Urteil über Verdienst oder Mißverdienst aus der indirekten Sympathie mit der Dankbarkeit oder dem Rachegefühl der Person, die Gegenstand einer Handlung gewesen ist. Den Begriff und die Empfindung des Mißverdienstes aus unserer Sympathie für das Rachegefühl eines anderen ableiten, das wird vielen als eine Herabwürdigung eines so lobwürdigen Gefühls erscheinen, wie die Mißbilligung des sittlich Bösen ist; dieses Gefühl, wird man einwenden, dürfe nicht aus der Rachsucht abgeleitet werden, die ja ein hassenswertes Gefühl sei. Eher wird man es billigen, daß ich den Begriff des sittlich Guten sich an der Dankbarkeit entwickeln lasse, da diese ja selbst ein liebenswürdiges und zweifellos sittlich gutes Gefühl sei. Indes: Dankbarkeit und Rachegefühl sind einander entgegengesetzt, und wenn man aus jener die Anerkennung des Verdienstes ableitet, so kann man der Ableitung der Anerkennung des Mißverdienstes aus diesem nicht wohl entgehen. Sodann: mag das Rachegefühl in seinen stärksten Kundgebungen noch so hassenswert erscheinen – auf das Niveau des Unwillens herabgedrückt, den wir als Zuschauer mitempfinden, erfährt es keine Mißbilligung. Wir selbst wünschen ja als Zuschauer, daß der Übeltäter bestraft werde, und dieser unser Wunsch rechtfertigt den gleichen Wunsch dessen, der die Übeltat erduldet hat. Und da die meisten Menschen solcher Mäßigung nicht fähig sind, so müssen wir den Mann, der einen der undisziplinierbarsten Affekte so weit beherrscht, sogar bewundern. Dessen Übermaß freilich treibt uns sofort auf die Seite der Gegenpartei, so daß uns Rachsucht, der Exzeß des Rachegefühls, als eine abscheuliche Leidenschaft erscheint, und darum sind wir geneigt, den Trieb, Böses mit Bösem zu vergelten, an sich schon für etwas Schlechtes zu halten. Indes handelt die Natur auch in dem gegenwärtigen verdorbenen Zustande des Menschengeschlechts nicht so ungütig mit uns, daß sie uns einen durchaus bösen Trieb eingepflanzt haben sollte. Gewöhnlich regt er sich ja zu stark, aber oft genug finden wir ihn sogar zu schwach, wie schon an einem Beispiel gezeigt wurde. Die inspirierten Schriftsteller würden nicht so oft vom Zorne Gottes gesprochen haben, wenn sie diesen Affekt für an sich verwerflich hielten. Endlich handelt es sich hier nicht um eine Rechtsfrage, sondern um eine Tatsachenfrage. Wir fragen nicht, aus welchem Grunde ein vollkommenes Wesen die Bestrafung einer schlechten Handlung billigen würde, sondern aus welchem Grunde der Mensch, dieses schwache Wesen, sie tatsächlich billigt. Niemand kann leugnen, daß ihn zu dieser Billigung hauptsächlich der Vergeltungstrieb, das Rachegefühl bestimmt, und daß es sich so verhält, scheint mir weise geordnet zu sein. Einschränkung des Hanges, anderen unprovoziert wehe zu tun, ist eine Daseinsbedingung der Gesellschaft; solche Bestrafung also löblich. Obgleich nun der Mensch von Natur die Erhaltung und das Wohlbefinden der Gesellschaft wünscht, hat es doch der Schöpfer nicht seiner Vernunft überlassen, die zur Erhaltung der Gesellschaft geeigneten Mittel durch Nachdenken aufzufinden, sondern ihn mit der unmittelbaren und instinktiven Billigung des geeignetsten Mittels ausgerüstet. Das entspricht der allgemeinen Ökonomie der Natur. Sie hat die Menschen nicht allein mit dem Streben nach den von ihr beabsichtigten Endzwecken, sondern auch mit der Begierde nach den Mitteln, die allein zum Zweck führen, ausgerüstet, und zwar mit dem Verlangen nach diesen Mitteln um ihrer selbst willen, ohne Rücksicht auf den Zweck. Erhaltung des individuellen Lebens und der Gattung sind Endzwecke der Natur. Aber die Natur hat dem Menschen nicht zugemutet, die Mittel für diese beiden Zwecke mit seiner Vernunft ausfindig zu machen; vielmehr hat sie dem Menschen den Hunger, den Durst und den Geschlechtstrieb eingepflanzt, die gebieterisch Befriedigung heischen, und durch deren Befriedigung der Endzweck erreicht wird, ohne daß der Mensch an diesen denkt. [Nicht selten sogar gegen seinen Willen.]

Wohltat verdient Belohnung, ungerechtfertigte Zufügung eines Übels Strafe. Wohltat ist frei, kann nicht erzwungen werden, und ihre Unterlassung ist nicht strafbar. Zur Selbstverteidigung und zum Schutze der Wehrlosen ist uns das Rachegefühl gegeben worden, aber daß wir eine Wohltat nicht empfangen, die wir erwarten durften, kann nicht als eine Unbill bezeichnet werden, gegen die wir uns zu verteidigen hätten. Dagegen gibt es eine Tugend, deren Ausübung nicht unserem freien Willen überlassen ist, sondern erzwungen werden kann und muß: die Gerechtigkeit; deren Verletzung bedeutet immer die Verletzung einer Person, ist also eine Unbill, die Strafe verdient, und entspringt aus Beweggründen, die immer gemißbilligt werden. Der, dem Unrecht geschieht, ist der Teilnahme aller Unparteiischen sicher, und wer ein Unrecht plant, der weiß, daß er damit nicht allein den Bedrohten, sondern auch die anderen zu gewaltsamer Abwehr herausfordert. Deshalb fühlen wir uns zur Beobachtung der Regeln der Gerechtigkeit weit strenger verpflichtet als zur Ausübung der übrigen Tugenden; wir wissen, daß wir zu jener unter dem Beifall der Masse der Menschen gezwungen werden können, während uns niemand und nichts zur Wohltätigkeit zwingen kann. Vom Strafbaren ist das bloß Tadelnswerte zu unterscheiden. Tadelnswert ist die Unterlassung von Handlungen, die man vom Durchschnittsmenschen erwartet. Die Erfüllung des gewöhnlichen Maßes erscheint weder lobwürdig noch tadelnswert; Tadel verdient, was darunter bleibt, Lob dagegen, was darüber hinausgeht. Doch auch das gewöhnliche Durchschnittsmaß kann und darf nicht erzwungen werden. Nur wenn Handlungen, die, ohne auf Rechtspflichten zu beruhen, zur Förderung des Gemeinwohls von der Obrigkeit vorgeschrieben werden, ist ihre Unterlassung strafbar; Doch soll sich die Obrigkeit beim Erlaß solcher Vorschriften großer Zurückhaltung befleißigen. Sie ganz unterlassen, würde das Gemeinwesen der Gefahr der Zerrüttung aussetzen; geht man jedoch zu weit darin, so vernichtet man die Freiheit, die Sicherheit und die Gerechtigkeit. Die Erfüllung der Rechtspflichten verdient keine Belohnung; wenn wir anderer Rechte achten, so haben wir weiter nichts zu beanspruchen, als daß die anderen auch unsere Rechte achten. Dagegen hat der hochherzige Wohltäter auf hochherzige Vergeltung und außerdem auf Hochachtung und Bewunderung Anspruch.

Außer dem gerechten Unwillen über erlittene Unbill gibt es keinen zu billigenden Beweggrund, anderen Übles zuzufügen. Kein unparteiischer Zuschauer wird es billigen, wenn wir des Nächsten Glück bloß darum stören, weil es unserem eigenen im Wege steht. Allerdings ist jedes Menschen Los zunächst seiner eigenen Fürsorge anvertraut, und da er geeigneter ist als jeder andere, seine eigenen Angelegenheiten wahrzunehmen, so soll er dieses auch tun. So nehmen wir denn an dem, was uns selbst angeht, ein tieferes Interesse, als an dem, was die anderen betrifft, und der Tod einer Person, zu der wir in keiner Beziehung stehen, stört unsere Verdauung und unsere Nachtruhe weniger, als der unbedeutendste Geldverlust, der uns selbst trifft. Aber obwohl uns der Untergang unseres Nachbars weniger schmerzt als ein eigener kleiner Verlust, so dürfen wir doch nicht, um einem solchen vorzubeugen, den Nachbar zugrunde richten. Wir müssen hier wie in allen anderen Fällen uns selbst nicht in dem Lichte betrachten, in dem wir uns selbst zu erscheinen pflegen, sondern so wie wir anderen erscheinen. Mag auch jedermann sich selbst die ganze Welt sein, der gesamten Menschheit ist er nur ein verschwindendes Teilchen ihrer Masse. Mag ihm sein eigenes Glück wichtiger erscheinen als das der ganzen übrigen Welt, allen übrigen Personen gilt es nicht mehr als das jedes anderen Menschen. Obwohl es also wahr sein mag, daß jedermann im Innersten seines Herzens sich selbst allen Menschen vorzieht, darf er doch nicht anderen ins Gesicht eingestehen, daß er nach dieser Schätzung handelt; er fühlt, daß niemand diese Schätzung teilt, daß, so natürlich sie ihm selbst ist, sie allen anderen übertrieben erscheinen muß. Will er also, was er doch vor allem begehrt, die Billigung der anderen erlangen, so muß er die Schätzung seiner eigenen Person so weit herabsetzen, daß die anderen damit übereinstimmen können. Sie werden das so weit vermögen, daß sie ihm erlauben, um sein eigenes Glück mehr besorgt zu sein als um das irgend einer anderen Person, und es mit ernstlicherem Eifer zu erstreben. Auf der Jagd nach Wohlstand, nach Ehren, nach Auszeichnung mag er aus Leibeskräften rennen und jeden Nerv anspannen, um seine Konkurrenten zu überholen; aber stellt er einem von diesen ein Bein oder stößt er ihn nieder, so hat er sich einer Verletzung der Spielregeln schuldig gemacht, welche die anderen nicht dulden können; der Niedergestoßene ist in ihren Augen so viel wert wie er. Mit diesem und seinem Rachegefühl sympathisieren sie, der Übeltäter aber wird der Gegenstand ihres Unwillens. Er weiß es, daß dem so ist, und daß ringsum der Haß bereit ist, gegen ihn loszubrechen. Je größer und irreparabler ein zugefügtes Unrecht ist, desto höher steigen natürlich das Rachegefühl des Geschädigten, der sympathische Unwille der Zuschauer und auch das Schuldbewußtsein des Übeltäters. Darnach stuft sich die Schätzung der Verbrechen ab. Als die schwersten gelten die gegen Leib und Leben, dann folgen die gegen das Eigentum, zu dritt die gegen persönliche Rechte des Angegriffenen, und im entsprechenden Maße pflegen die genannten drei Arten von Gütern durch die Gesetze geschützt zu werden. Hat der Verbrecher seine Leidenschaft befriedigt und denkt er nüchtern über das nach, was er verübt hat, so sieht er sich genötigt, die Empfindungen der anderen gegen ihn zu teilen: er wird Gegenstand seines eigenen Hasses und Abscheus und fühlt sich von Gewissensbissen gepeinigt.

Diese Einrichtung der Empfindungsweise befähigt den Menschen dazu, ein Glied der Gesellschaft zu werden, ohne die er nicht bestehen könnte; selbst Räuberbanden sind nur dadurch existenzfähig, daß ihre Mitglieder wenigstens darauf verzichten, einander gegenseitig zu morden und zu berauben. Obgleich also die Natur zum Wohltun ermuntert, hat sie es doch nicht für notwendig erachtet, dieses dadurch zu erzwingen, daß sie die Unterlassung bestraft. Wohltätigkeit ist ein Schmuck, nicht die Grundlage des Gesellschaftsgebäudes. Darum ist es auch nicht Unterlassung der Liebespflicht, was die Schrecken des Gewissens erweckt, sondern nur die Verletzung der Gerechtigkeit. In jedem Teile des Universums bemerken wir, wie sinnreich die Mittel zur Erreichung des Zwecks eines jeden Geschöpfs angeordnet sind, wie z. B. durch den Mechanismus des Pflanzen- und des Tierleibes die zwei Zwecke: Erhaltung des Individuums und der Gattung, erreicht werden. Nur müssen wir stets bei Betrachtung der Organisation und der Funktionen dieser Geschöpfe die bewirkenden von den Zweckursachen unterscheiden. Die Verdauungssäfte wirken nicht, und das Blut zirkuliert nicht mit der bewußten Absicht, den Tierleib zu erhalten. Die Räder der Uhr sind für den Zweck, die Zeit anzuzeigen, vortrefflich gebaut und angeordnet; hätten sie das bewußte Streben, diesen Zweck zu erfüllen, sie könnten sich selbst nicht besser einrichten und erhalten; alle ihre Bewegungen wirken auf das sinnvollste zusammen. Aber nicht ihnen, sondern dem Uhrmacher schreiben wir die Absicht zu. Was sie bewegt, das ist eine Feder, die aber so wenig wie die Räder den Endzweck beabsichtigt. Während wir jedoch so bei allen körperlichen Vorgängen diese beiden Ursachen wohl zu unterscheiden verstehen, begegnet es uns bei den geistigen leicht, daß wir sie vermischen oder verwechseln. Weil eine verfeinerte und erleuchtete Vernunft die Endzwecke empfiehlt, die wir, von der Natur getrieben, verwirklichen, so schreiben wir dieser Vernunft unsere zweckmäßigen Handlungen zu, und halten für eine Frucht menschlicher Weisheit, was in Wirklichkeit durch die Weisheit des Schöpfers bewirkt wird. Weil ohne Gerechtigkeit keine Gesellschaft bestehen kann, hat man geglaubt, die Einsicht in diese Notwendigkeit sei es, was uns bewegt, die gesetzliche Bestrafung des Übeltäters zu billigen. Davon ist nur so viel wahr, daß nachträgliche Überlegung uns die Nützlichkeit und Notwendigkeit der Rechtspflege einsehen läßt; ursprünglich jedoch ist diese weiter nichts, als die Regelung der Befriedigung des Vergeltungstriebes. Nur wenn wir die Bestrafung von Übertretungen der militärischen, der Polizeigesetze und ähnlicher um des Staates willen erlassener Verordnungen billigen, spielt die bewußte Rücksicht aus das Wohl der Gesellschaft eine Rolle, und die Billigung ist dann gewöhnlich durchaus nicht von Abscheu gegen den Täter begleitet. Wird ein militärischer Posten erschossen, weil er auf der Wache eingeschlafen ist, so mißbilligen wir das zwar nicht, weil wir einsehen, daß beim Militär ein so hartes Verfahren notwendig ist, aber wir beklagen das arme Opfer. Ganz anders empfinden wir, wenn ein Mörder hingerichtet wird. So weit sind wir davon entfernt, die Bestrafung des Ungerechten bloß der Gesellschaft wegen zu wünschen, daß uns die Natur lehrt, zu hoffen, und das Christentum ermächtigt, zu erwarten, der Übeltäter werde auch im Jenseits seiner Strafe nicht entgehen. Jedes Ding, auch das leblose, erweckt den Vergeltungstrieb, so oft es die Ursache von Lust und Schmerz wird. Das Kind schlägt den Stein, an dem es sich verletzt hat, der Hund bellt ihn an, der cholerische Mann verflucht ihn. Ebenso hegen wir Dankgefühle gegen Dinge, die uns wohltun. Überlegung indes leitet uns mit der Zeit an, diese Gefühle auf die beseelten und bewußten Urheber unserer Freuden und Leiden einzuschränken.

Hat jedoch der Wohltäter seine gute, der Übeltäter seine böse Absicht nur unvollkommen oder gar nicht erreicht, so empfinden wir die Dankbarkeit und die Rachsucht schwächer, und umgekehrt entstehen beide Empfindungen auch dann, wenn wir Gutes empfangen oder Übles erfahren haben, ohne daß den Urheber eine gute oder böse Absicht geleitet hätte. So modifiziert also die Wirkung unsere Empfindungen. Deshalb wird die verbrecherische Absicht selten, und wenn überhaupt, dann niemals streng bestraft. Anderseits bleibt die Strafe nicht ganz aus, wenn jemand nicht durch den bösen Willen, sondern nur durch die Nachlässigkeit eines anderen zu Schaden gekommen ist. Daß die Welt nicht nach der Gesinnung, sondern nach der Wirkungen und Erfolgen richtet, haben die Tugendhaften, die hierdurch oft entmutigt wurden, zu allen Zeiten beklagt; jedermann hat in dieser Beziehung die richtigen Grundsätze, keiner befolgt sie. Doch auch bei dieser Regelwidrigkeit, die von der Natur selbst in unser Herz gepflanzt wird, beabsichtigt diese das Glück und die Vervollkommnung unserer Gattung. Wenn die böse Absicht das einzige wäre, was den Vergeltungstrieb erregte, so würden wir alle Wut leidenschaftlichen Hasses gegen jeden kehren, dem wir eine arge Gesinnung gegen uns zutrauen, möchte er sie auch niemals durch Handlungen geoffenbart haben. Empfindungen, Gedanken, Absichten würden unter Strafe gestellt, und jeder Gerichtshof würde ein Inquisitionstribunal werden. Der schuldloseste und vorsichtigste Wandel würde vor diesem Tribunal nicht schützen. Darum hat der Urheber des Weltalls nicht die bösen Absichten, sondern die schädlichen Handlungen zum eigentlichen Gegenstande des Rachegefühls und der Strafgerechtigkeit gemacht. Die Gefühle, Affekte und Absichten hat er der menschlichen Jurisdiktion entzogen und seinem eigenen irrtumslosen Tribunal vorbehalten, obwohl sie es sind, aus denen die Vernunft das Verdienst und das Mißverdienst aller Handlungen ableitet. Und auch jene andere Regelwidrigkeit entbehrt nicht des Nutzens, die uns wirklich empfangene Wohltaten weit höher schätzen läßt als den besten Willen. Der Mensch ist zum Handeln geschaffen; er soll alle ihm verliehenen Fähigkeiten dazu anwenden, solche Veränderungen in den äußeren Dingen hervorzubringen, die sein und aller übrigen Menschen Glück befördern. Darum dürfen wir uns nicht mit müßigem Wohlwollen begnügen und uns nicht schon darum für Menschenfreunde halten, weil unser Herz von den besten Wünschen für das Gedeihen des Menschengeschlechts erfüllt ist.

Bis jetzt ist nur von der Beurteilung der Handlungen anderer die Rede gewesen; es fragt sich nun, wie kommen wir dazu, uns selbst zu beurteilen? Die Antwort lautet: wir verfahren dabei ähnlich wie bei der Beurteilung anderer. Wir billigen oder mißbilligen die Handlungsweise anderer, je nachdem wir fühlen, daß, wenn wir uns in ihre Lage versetzen, wir mit den Beweggründen, die sie zum Handeln bestimmen, sympathisieren können oder nicht. Ähnlich nun billigen oder mißbilligen wir unsere eigene Handlungsweise in dem Maße, als wir fühlen, daß, wenn wir uns mit den Augen eines anderen beschauen, wir mit unseren Beweggründen sympathisieren können. Wäre der Fall denkbar, daß ein Mensch ohne Verkehr mit Menschen in völliger Einsamkeit zum Manne heranwüchse, so könnte ein solcher so wenig über seinen eigenen Charakter nachdenken, so wenig von seinem eigenen Verdienst oder Mißverdienst, von der Beschaffenheit seiner Gefühle, von der Schönheit oder Häßlichkeit seiner Seele eine Vorstellung haben, wie man ohne Spiegel die Schönheit oder Häßlichkeit des eigenen Antlitzes zu erkennen vermag. Der Spiegel unserer Seelenzustände ist die menschliche Gesellschaft. Nur in der Gesellschaft kann der Mensch Gegenstand der eigenen Beurteilung werden, indem er bemerkt, daß sein Verhalten bald Billigung, bald Unwillen hervorruft. Dabei nun erwacht in seinem Herzen ein zweifaches Verlangen. Er wünscht nicht allein geliebt zu werden, sondern auch der Liebe würdig zu sein, er fürchtet nicht allein, gehaßt zu werden, sondern auch, ein des Hasses würdiger Gegenstand zu sein. Er begehrt nicht allein das Lob, sondern auch die Lobwürdigkeit; fürchtet nicht allein den Tadel, sondern auch die Tadelnswürdigkeit. So nahe verwandt und so eng verbunden diese beiden Triebe sein mögen, fallen sie doch keineswegs zusammen. Wollen wir der Liebe und Bewunderung, die uns zuteil wird, froh werden, so müssen wir als unparteiischer Beobachter unseres Charakters und unserer Führung urteilen können, daß wir diese Liebe und Bewunderung auch verdienen. Ist das der Fall, dann erhöht allerdings der Preis anderer, als Bestätigung unseres Urteils, das Bewußtsein unserer Würdigkeit, so daß die Liebe zum Lob mehr Wirkung als Ursache des Verlangens nach Lobwürdigkeit zu sein scheint. Verbrecher haben sich oft gedrängt gefühlt, Verbrechen zu bekennen, die niemals entdeckt worden sein würden. Durch Erleidung der verdienten Todesstrafe hofften sie ihr Verbrechen zu sühnen und so ihren eigenen Augen minder hassenswert zu erscheinen. Zu diesem Zweck enthüllten sie ihre Hassenswürdigkeit der Welt. So scheint unter Umständen selbst in Personen, bei denen man kein besonders feines Empfinden voraussetzen kann, der Abscheu vor der eigenen Abscheulichkeit die Furcht vor dem Abscheu der Menschen vollständig zu besiegen. Ungerecht Beschuldigten, die Gegenstand des allgemeinen Abscheus werden, wie Calas, dem unschuldigen Opfer eines berüchtigten Justizmordes, gewährt einzig nur die Zuversicht Trost, daß ihnen der höchste Richter im Jenseits Genugtuung verschaffen werde. Eine eigentümliche Erscheinung ist die Verschiedenheit des Verhaltens gewisser Berufstände gegenüber öffentlichem Lob und Tadel. Dichter und Novellisten sind äußerst empfindlich, Mathematiker und Naturforscher ziemlich gleichgültig gegen beides. Daher kommt es, daß jene, weil sie mit aller Gewalt Anerkennung erzwingen wollen, oft einen reizbaren, unliebenswürdigen Charakter haben, Cliquen bilden und Intrigen spinnen, um sich Lob zu sichern und die Konkurrenten verächtlich zu machen, während die Gelehrten der genannten Klassen heiter, gleichmütig und liebenswürdig sind und nicht gegeneinander intrigieren. [Er belegt diese Behauptungen mit seinen persönlichen Erfahrungen, sowie mit den Lebensbeschreibungen von Gelehrten der französischen Akademie der Wissenschaften, die Fontenelle, und denen von Belletristen, die d'Alembert verfaßt hat.] Der Grund dieses verschiedenen Verhaltens ist, daß die gelehrten Forscher genau wissen, was sie geleistet haben und was ihre Leistungen wert sind, darum der Beistimmung des Publikums, das zudem gar nicht fähig ist, sie zu beurteilen, nicht bedürfen, während bei der großen Unsicherheit der Geschmacksurteile die Dichter niemals mit sich selbst zufrieden sein können, solange ihnen nicht das Publikum ein glänzendes Zeugnis ausstellt.

Auch in dieser Verteilung richterlicher Funktionen haben wir eine weise Einrichtung der Natur zu sehen. Die Menschen richten einander, aber nur in erster Instanz. Von dieser appellieren wir an unser eigenes Gewissen, an den unparteiischen und wohlunterrichteten Beobachter unseres Verhaltens, den Mann in unserer eigenen Brust. Die Jurisdiktion der beiden Tribunale ist auf Triebe gegründet, die verwandt und doch verschieden sind, die des äußeren Gerichtshofes auf unser Verlangen nach Lob, die des inwendigen auf unser Bedürfnis, unsern eigenen Augen lobwürdig zu erscheinen. Verdammen draußen uns alle, dann freilich wagen wir kaum, uns selbst loszusprechen. Sich nur um die Lobwürdigkeit, gar nicht um das Lob kümmern, ist göttlich. Darum kann in Fällen, wo uns alle verdammen, uns nur noch eines aufrecht erhalten: der Appell an das höchste Tribunal, an das des allwissenden Weltenrichters. So hängt unsere irdische Glückseligkeit in schwierigen Lagen von der demütigen Hoffnung auf ein zukünftiges Leben ab. Daß in diesem jenseitigen Leben die Gerechtigkeit voll verwirklicht werden werde, ist eine so ehrwürdige, so tröstliche, zugleich unserer hohen Vorstellung von der Erhabenheit der Menschennatur in solchem Grade schmeichelnde Lehre, daß der tugendhafte Mann, der das Unglück hat, daran zu zweifeln, nicht umhin kann, ernstlich und angstvoll zu wünschen, er möchte sie glauben können. Freilich haben sonderbare Anwendungen diese schöne Lehre vielfach in Mißkredit gebracht. Wenn man lehrt, daß sinn- und zwecklose Selbstpeinigungen unnützer Mönche diesen die ewige Seligkeit sichern, die großen Männer dagegen, die sich durch Heldentaten, durch weise Gesetzgebung oder durch Erfindungen und Entdeckungen verdient gemacht haben, der Höllenpein verfallen sollen [Smith führt als Beweis solcher Verschrobenheit die Rede an, die Massillon bei der Weihe der Standarten des Regiments Catinat gehalten hat], so darf man sich nicht darüber wundern, daß der an sich ehrwürdige Unsterblichkeitsglaube von denkenden Männern verachtet und verspottet wird.

In der Schätzung unserer eigenen Handlungen und Schicksale sowie der unserer Mitmenschen waltet ein ähnliches Gesetz, wie das der Perspektive beim leiblichen Sehen: das Nahe erscheint uns groß, das Ferne klein. Erziehung muß zur richtigen Schätzung anleiten, deren Hauptergebnis ist, daß wir niemals unseren Vorteil auf Kosten eines anderen suchen. Zwei Philosophensekten machen sich in dieser Beziehung einer Übertreibung schuldig. Gewisse weinerliche und melancholische Moralisten stempeln jeden Genuß zur Sünde, weil, meinen sie, so viele Menschenbrüder im Elend schmachteten. Diese übertriebene Sympathie mit einem Unglück, von dem wir nichts wissen, erscheint unvernünftig. Bei einem Überblick über die Erde wird man finden, daß auf einen Menschen, der leidet, zwanzig kommen, die ihres Daseins froh werden oder deren Los wenigstens erträglich ist. Warum sollten wir lieber mit dem einen weinen, als uns mit den zwanzig freuen? Dieses künstliche Mitleid ist nicht allein unvernünftig, sondern unmöglich; wo es sich findet, ist es affektiert. [Durchaus nicht! Buddha und viele Heilige der christlichen Kirche, viele Philanthropen, haben es wirklich empfunden. Smith offenbart hier die Unempfindlichkeit seiner Rasse. Das Mitweinen ist deswegen wichtiger als das Mitfreuen, weil der Glückliche unserer Mitfreude nicht bedarf, wohl aber der Unglückliche unserer Hilfe, welche die Frucht unseres Mitleids sein soll. Echt englisch ist es auch empfunden, wenn es bald darauf in einem anderen Zusammenhangs heißt: den Bettler verachten wir, den von der Höhe Herabgestürzten bemitleiden wir; und an einer früheren Stelle: der Arme schämt sich seiner Armut, denn er weiß, daß sie ihn entweder vor den Blicken der Menschen verbirgt, oder daß sie, falls sie ihn bemerken, mit seinem Elend kein Mitleid haben.] Anderseits haben die Stoiker die Natur in der Weise zu korrigieren versucht, daß sie uns unempfindlich gegen unsere eigenen Leiden machen wollen; doch das ist eben unnatürlich.

Bei der Unklarheit und Unsicherheit der Empfindungen würden die meisten Menschen das richtige Verhalten schwer finden, wenn uns nicht die Natur noch eine andere Hilfe darböte. Aus der Beobachtung der Handlungsweise der Menschen abstrahieren wir Regeln. Sie gründen sich auf die in gewissen Fällen regelmäßig eintretende Billigung oder Mißbilligung. Diese gründet sich nicht etwa darauf, daß das gebilligte Verhalten einer Regel entspricht, das gemißbilligte eine solche verletzt, sondern umgekehrt wird die Regel aus der Gewohnheit des Billigens und Mißbilligens abgeleitet. Sind jedoch die Regeln fertig und allgemein anerkannt, dann berufen wir uns auf sie und benutzen sie als Richtschnur unseres Handelns, besonders in schwierigen und verwickelten Fällen. Das hat dazu verführt, zu glauben, das sittliche Urteil komme so zustande wie das Urteil eines Gerichtshofes, der eine allgemeine Regel auf einen besonderen Fall anwendet. So aber sind, wie wir gesehen haben, die ursprünglichen sittlichen Urteile nicht entstanden. Seitdem jedoch die Regeln vorhanden sind, helfen diese allerdings das Richtige leichter finden, und namentlich die Täuschungen der Selbstsucht überwinden. In der Ehrfurcht vor diesen Regeln besteht das Pflichtgefühl, und dieses bildet eine unschätzbare Ergänzung des in den meisten Menschen schwachen und unsicheren sittlichen Empfindens; für die Masse ist es die einzige Richtschnur des Handelns. Viele Menschen wandeln unsträflich, ohne in bemerkbarem Grade zu empfinden, was sittlich gut und was böse ist, nur, weil die Regel es vorschreibt. So manche Frau führt einen korrekten Wandel und erweist ihrem Manne alles Liebe, obwohl sie ihn nicht liebt; aus Pflichtgefühl benimmt sie sich so, als würde sie von einer Empfindung geleitet, die ihr in Wirklichkeit abgeht. Die Ausbildung des Pflichtgefühls ist von der größten Wichtigkeit im Leben. Ein Mann vom Pflichtgefühl ist ein Mann, der nach Grundsätzen handelt, und auf den man sich verlassen kann. Wer sich nur von Empfindungen leiten läßt, handelt launenhaft und ist nichts wert. Die Ehrfurcht vor diesen Regeln wird durch den Glauben erhöht, daß sie Gebote Gottes seien. Die Natur hat uns diesen Glauben eingepflanzt, und die Philosophie hat seine Vernünftigkeit nachgewiesen. Die Natur leitet den Menschen an, den geheimnisvollen Wesen, die Gegenstand des religiösen Kultus sind, die eigenen Empfindungen und Affekte beizulegen, und wir müssen natürlich der Gottheit vorzugsweise solche Gefühle zuschreiben, die der größte Schmuck der Menschennatur sind. Die Vernunft aber bestätigt diesen Glauben. Worauf auch immer den mancherlei Meinungen nach unsere moralische Anlage beruhen möge: auf einer besonderen Funktion unserer Vernunft, oder auf einem ursprünglichen Instinkt, den man moralischen Sinn nennt, oder auf irgend einem anderen Naturtrieb, daran kann man nicht zweifeln, daß uns diese Anlage zur Regelung unseres Verhaltens von der Gottheit verliehen ist. Darum werden die aus der Anlage abgeleiteten Regeln mit Recht als Gebote Gottes betrachtet, als seine Statthalter sozusagen, die uns an seiner Stelle regieren. Das Glück der Menschheit scheint der Zweck der Schöpfung zu sein. Kein anderer Zweck wäre der Weisheit und Güte würdig, die wir Gott zuschreiben müssen. Die Einrichtungen der Natur bestätigen diesen Glauben. Und zu ihnen gehören eben auch die Moralgebote, durch deren Befolgung wir den genannten Zweck am wirksamsten fördern, deren Verletzung seine Verwirklichung hindert.

Sollen nun unsere Handlungen ausschließlich durch die Regeln, durch die Moralgebote bestimmt werden, oder sollen wir unseren Affekten Einfluß auf unser Handeln gestatten? Das hängt von der Natur dieser Affekte ab. Wohlwollende Affekte dürfen, ja sollen die Pflichttreue unterstützen, die unsozialen dagegen sollen bekämpft werden. Belohnen sollen wir ohne Widerstreben, aus Güte und ohne an das zu denken, was uns die Pflicht vorschreibt; strafen mit Widerstreben, nur aus Pflichtgefühl. Die egoistischen Affekte nehmen auch hier wieder eine mittlere Stellung ein. In kleinen Dingen sollen wir sie durch die Moralgesetze regeln; große und wichtige Angelegenheiten aber sollen unsere Leidenschaft erregen, so daß wir das Ziel um seiner selbst willen erstreben, ohne daran zu denken, ob dieses Streben pflichtgemäß sei. Wer nicht – selbstverständlich ohne Ungerechtigkeit – nach Vermögen, Rang, hoher Stellung strebt, der verdient wenig Achtung. Der kühne Unternehmer steht uns höher als der korrekte Alltagsmensch. Den Helden, den Eroberer, den großen Staatsmann bewundern wir sogar dann, wenn er seine großen Ziele mit Verletzung der Gerechtigkeit verfolgt. Zum Teil hängt es von der Beschaffenheit der Regeln selbst ab, wie weit wir uns von ihnen leiten lassen können: desto mehr, je klarer und bestimmter sie sind. Nur die Pflichten der Gerechtigkeit sind genau umschrieben, so daß wir einen ganz sicheren Halt an ihnen haben; dagegen läßt sich nicht genau angeben, zu was uns die Dankbarkeit und die übrigen wohlwollenden Empfindungen verpflichten; die Gebote der Gerechtigkeit gleichen darin den Regeln der Grammatik, die übrigen Gebote denen der Ästhetik.

Das ist der wesentliche Inhalt der ersten drei Teile, die den Kern des Systems der moralischen Empfindungen enthalten. Aus den übrigen vier Teilen heben wir nur ein paar charakteristische Stellen hervor. Der vierte Teil handelt vom Einflusse des Nutzens auf die sittliche Billigung und beschäftigt sich viel mit ästhetischen Fragen. Smith gesteht Hume zu, daß das Schöne das Zweckmäßige sei, ergänzt aber diese Begriffsbestimmung mit der Bemerkung, daß es nicht der durch die Zweckmäßigkeit gestiftete Nutzen sei, was unser Gefallen erregt, sondern die Zweckmäßigkeit selbst, die Angemessenheit des Gegenstandes für seinen Zweck, die sinnreiche Anordnung seiner Teile. Und die Liebe zum Schönen nun ohne Rücksicht auf den Nutzen der schönen Gegenstände erzeugt den Luxus. Dieser aber, die Liebe zu dem an sich Nutzlosen, schafft wiederum den größten Nutzen. Diese Begierde treibt den Menschen zu unermüdlichen Anstrengungen, nötigt ihn, Urwälder in Wohnstätten und Fruchtfelder umzuwandeln, zwingt die Erde, ihre Frucht zu verdoppeln. Der Magen des Unternehmers wird dadurch nicht größer, den Überschuß muß er unter die Arbeiter verteilen, die ihm Gegenstände des Luxus und der Bequemlichkeit anfertigen. Und nicht bloß der einzelne schöne Gegenstand reizt unsere Begier: die Gesamterscheinung des prächtig ausgestatteten Lebens eines Großen, dieser Häufung von Glücksmitteln, erzeugt den Wunsch, dasselbe zu haben. Mit ihm ist freilich die Vorstellung verbunden, daß diese Glücksmittel wirklich glücklich machen, und das ist Täuschung, aber wiederum eine wohltätige Täuschung der Natur, indem sie Reichtum zu schaffen treibt. Der Reiche kann, wie gesagt, nicht viel mehr verbrauchen als der Arme, muß seinen Überfluß mit denen teilen, die für ihn arbeiten, und so wird der Habgierige von einer unsichtbaren Hand geleitet, fast dieselbe Verteilung der Güter vorzunehmen, wie sie herauskommen würde, wenn diese planmäßig unter alle Landeskinder gleich verteilt würden. Die ästhetischen Regeln finden nicht bloß auf körperliche Dinge Anwendung: auch eine zweckmäßige Staatsverfassung, ein wohlgeordnetes Gemeinwesen finden wir schön, ebenso einen guten und tüchtigen Charakter; und beider Erscheinungen Schönheit beruht wieder darauf, daß sie nützlich sind, und daß ihr Gegenteil schadet. Die uns selbst nützlichsten Eigenschaften sind überlegener Verstand und Selbstbeherrschung; beide zusammen machen die Klugheit aus. Durch Menschenfreundlichkeit, Gerechtigkeit, Hochherzigkeit, Gemeingeist nützen wir unseren Nebenmenschen. Soweit sich unsere Billigung eines Charakters auf seine Schönheit bezieht, wurzelt sie nicht in unseren Gefühlen für andere. Und so könnte denn ein von allen übrigen Menschen abgesondert lebender Einsiedler, wenn ein solcher möglich wäre, seine eigenen Handlungen und seinen Charakter billigen oder mißbilligen, schön oder häßlich finden, je nachdem er sich selbst durch Klugheit und Mäßigkeit nützt oder durch das Gegenteil schadet, gerade so wie man eine gut arbeitende Maschine schön findet. – Der fünfte Teil behandelt den Einfluß von Sitte und Mode auf das sittliche Urteil und die daraus entspringenden Verschiedenheiten dieses Urteils in verschiedenen Zeiten, sowie bei verschiedenen Völkern und Ständen. – Der sechste Teil enthält eine Tugend- und Pflichtenlehre. Es wird darin wieder sehr stark betont, daß jeder sich selbst der Nächste ist, und das Lob des klugen Mannes gesungen, der für sich selbst gut zu sorgen versteht. Auch der Nutzen der Ehrfurcht vor Personen von hohem Range wird noch einmal beleuchtet. Diese Ehrfurcht erhalte die bürgerliche Ordnung aufrecht, und diese sei wichtiger als die Linderung des Elends. Daher komme es, daß der Respekt vor den Großen meistens übertrieben werde, die Barmherzigkeit oft hinter dem, was die Pflicht gebietet, zurückbleibe. Moralisten tadeln beides, meint Smith, und an sich ist es ja auch Wirklich tadelnswert, daß man den vornehmen und mächtigen Mann höher schätzt als den weisen und tugendhaften. Aber auch dieser Trug der Natur wirkt wohltätig. Wenn man nur den Weisen und Tugendhaften gehorchen wollte, würde es um die bürgerliche Ordnung übel bestellt sein, denn die sittlichen Vorzüge richtig zu schätzen, fällt schon dem erleuchteten Manne schwer genug; der Pöbel vermag das gar nicht; er muß, wenn er in Ordnung gehalten werden soll, vor sichtbaren und greifbaren Vorzügen Respekt haben, vor der hohen Geburt und dem Glanze des Reichtums. In dem Kapitel über die Pflichten gegen Gesamtheiten ( societies) kommt eine merkwürdige Mahnung an die Staatsmänner vor, die, wie Hasbach wohl richtig vermutet, durch die sich in Frankreich ankündigenden Umwälzungen veranlaßt worden sein mag, denn sie gehört zu den in die Ausgabe von 1789 neu eingefügten Abschnitten. Der Politiker, schreibt Smith, den menschenfreundliches Wohlwollen leitet, wird die bestehenden Gewalten und Privilegien sogar von Privatpersonen achten, wie viel mehr die der großen Stände, aus denen der Staat besteht. Hält er einige der Privilegien für Mißbräuche, so wird er sich darauf beschränken, zu mildern, was ohne Anwendung von Gewalt nicht beseitigt werden kann. Vermag ein solcher Staatsmann eingewurzelte Vorurteile nicht durch vernünftige Überredung zu überwinden, so wird er nicht Gewalt gegen sie anwenden, sondern gewissenhaft den Grundsatz Platos – Cicero nennt ihn göttlich – befolgen: daß man gegen sein Vaterland so wenig Gewalt gebrauchen dürfe wie gegen seine Eltern. Der Systemmensch dagegen [Prinzipienreiter, Doktrinär nennen wir ihn heute] pflegt so weise in seinen eigenen Augen und so verliebt in die Schönheit der Idealverfassung, die er ausgeheckt hat, zu sein, daß er nicht die kleinste Abweichung von dieser zu dulden vermag. Er geht daran, sie vollständig und in allen ihren Teilen zu verwirklichen, ohne Rücksicht auf die entgegenstehenden großen Interessen und starken Vorurteile. Er bildet sich ein, mit den Mitgliedern eines großen Gesellschaftskörpers umspringen zu können wie mit den Figuren auf dem Schachbrett. Diese werden freilich von keiner anderen Kraft als von der Hand des Spielenden in Bewegung gesetzt, die Menschen aber haben ein jeder seinen eigenen Kopf und Willen. Ein Ideal, einen leitenden Plan mag der Staatsmann nötig haben; aber diesen allgemeinen Plan in allen seinen Einzelheiten vollständig und augenblicklich durchführen wollen ohne Rücksicht auf die ihm erwachsenden Widerstände, ist der Gipfel der Anmaßung. Es folgt dann noch eine theologische Erwägung unter der Überschrift: vom Wohlwollen gegen die Gesamtheit. Die Kraft des Menschen ist beschränkt, und er kann den Kreis seiner Pflichten nicht weit über seine nächste Umgebung ausdehnen. Aber das Wohlwollen des edlen Menschen umfaßt freilich das Universum, und da er für das Glück der gesamten Menschheit so gut wie nichts tun kann, so würde sein Wohlwollen ihn unglücklich machen, wenn er nicht an die alle Geschöpfe umfassende wirksame Fürsorge Gottes glaubte. Der Gedanke einer vaterlosen Welt, der Gedanke, daß es ihm unbekannte Gegenden der Welt geben könne, die mit Elend ohne Aussicht auf Rettung erfüllt wären, müßte ihm entsetzlich sein. Er ist überzeugt, daß Gott kein individuelles Übel zuläßt, das nicht für das Wohl des Ganzen notwendig wäre, und darum unterwirft er sich dem Willen Gottes, wie ein guter Soldat den Befehlen seines Generals. Sehr hübsch ist der Gedanke: das große Geheimnis der Erziehung liege darin, die Eitelkeit des Zöglings auf geeignete Gegenstände zu richten. Ein sehr erhabenes Erziehungsideal ist damit freilich nicht aufgestellt, aber eine unter Umständen brauchbare Praxis angeraten.

Im siebenten und letzten Teil kritisiert Smith die damals vorhandenen Moralsysteme. Wir erwähnen daraus nur zweierlei: daß er die Kasuistik richtig charakterisiert und sie als vernunftwidrig und schädlich zurückweist, und daß er sich auch mit Mandeville auseinandersetzt. Dieser hatte im Kommentar zu seiner Bienenfabel nachzuweisen versucht, daß die ganze Kultur aus den lasterhaften Begierden der Menschen hervorgehe, und daß wir wieder wilde und nackte Eichelfresser werden würden, wenn wir vollkommen tugendhaft lebten. Der Irrtum Mandevilles, sagt Smith richtig, besteht darin, daß er gleich den Asketen die Naturtriebe an sich für sündhaft hält, während doch nur ihre übertriebene oder rücksichtslose Befriedigung und ihre Verirrung in falsche Bahnen sündhaft sind; aber er würde nicht verhältnismäßig lauten Beifall geerntet haben, wenn nicht ein Wahrheitskern in seinen Übertreibungen steckte. Lasterhafter möge er wohl niemanden gemacht haben, aber er habe das vorhandene Laster ermutigt, sich frech zu brüsten.

Im einzelnen und im ganzen läßt sich gegen Smiths Ethik unendlich viel einwenden. Hasbach hebt unter anderem hervor, daß man nicht einsieht, wie die Gerechtigkeit eine Tugend sein könne, wenn nur die das gewöhnliche Maß übersteigenden Grade sittlicher Kraft, die wir bewundern, Tugend genannt werden sollen, die Erfüllung der Pflichten der Gerechtigkeit aber von allen in gleichem Maße gefordert wird und kein Lob verdient. Man kann hinzufügen, daß sich die verteilende Gerechtigkeit, deren Pflichten das Zivilrecht regelt, aus dem Rachegefühl nicht ableiten lasse. Man müßte denn resentment, das sowohl Rachegefühl als Vergeltungstrieb im allgemeinen bedeuten kann, bei Smith immer mit Vergeltungstrieb übersetzen; dann könnte man allenfalls auch das Vertragsrecht darin unterbringen, sofern es sich bei Verträgen um das richtige Verhältnis von Leistung und Gegenleistung handelt. Die Anfechtbarkeit nun hat Smiths Ethik mit allen Systemen dieser Wissenschaft gemein, aber große Vorzüge lassen sich ihm nicht absprechen. Wir wollen vier solche hervorheben.

Erstens ist es ein Muster psychologischer Erklärung der sittlichen Erscheinungen, das auch heute noch keiner, der sich mit dieser Wissenschaft beschäftigt, ohne Nutzen studieren wird. Kant freilich hat die psychologischen Erklärungen entschieden verworfen. Dafür hat auch noch kein Mensch die transzendentale Freiheit verstanden, die er für die Wurzel der Sittlichkeit hält, und ist ihm der Versuch gänzlich mißlungen, die Sittlichkeit von den Naturtrieben abzulösen, einen guten Willen zu konstruieren, der etwas anderes sein soll, als die Herrschaft der höheren Triebe über die niederen.

Zweitens hat Smith die Nützlichkeitsmoral mit der idealistischen oder Prinzipienmoral versöhnt. Das Sittliche ist im allgemeinen, nicht in jedem besonderen Falle, das Nützliche. Aber der gute Mensch tut das Gute nicht, weil es nützlich ist, sondern weil es gut ist, weil er sich durch seine Naturanlage bewogen, ja gedrängt und genötigt fühlt, es zu billigen. Den Nutzen der guten Handlungen vermögen wir in vielen Fällen gar nicht einzusehen, und keinesfalls ist es die Erwägung des Nutzens, was die Wahl des Guten bestimmt. Das Nützliche und das Gute sind unlöslich miteinander verbunden, aber die Billigung des Guten und des Schönen geht der Erwägung des Nutzens beider voraus, wie Smith gegen Hume beweist. Das Gesagte gilt auch für die heute üblichen biologischen Ableitungen der sittlichen Urteile. Die herrschenden ethischen Grundsätze, Anschauungen und Gewohnheiten mögen biologisch vorteilhaft und durch biologische Auslese entstanden sein, aber das Ethische in ihnen, ihr sittlicher Wert, liegt nicht in ihrem biologischen Nutzen, der übrigens vielfach recht zweifelhaft ist, sondern darin, daß sie die Anerkennung des an sich Schönen und Guten einschließen.

Drittens meidet Smith die einseitige Altruismusmoral, die heute so allgemein herrscht – natürlich bloß theoretisch – und der auch sein Lehrer Hutcheson huldigte. Diesem hatte Hume (in dem Briefe an ihn vom 17. September 1739) entgegnet: auch die Geschäftstüchtigkeit und Energie des lasterhaften Alexander VI. nenne er mit Guicciardini Tugenden; wäre Wohlwollen die einzige Tugend, dann könne es keine gemischten Charaktere geben – die man loben dürfte, müssen wir ergänzen. Man müßte dann gutmütige Tröpfe höher stellen als alle die großen Männer, bei denen das Wohlwollen von der Klugheit, von der rücksichtslosen Energie, von Ehrgeiz und Ruhmsucht oder vom Forscherdrang überwogen wird. Der einzige Philosoph, der die Grundgedanken Smiths, vielleicht ohne sie zu kennen, nach dieser Seite hin fortgebildet hat, ist Herbart. Er läßt die Sittlichkeit in dem Walten der fünf Grundideen: Freiheit, Vollkommenheit, Wohlwollen, Recht und Billigkeit bestehen, und spricht dem die Sittlichkeit nicht ab, den eine dieser Ideen stärker beherrscht als die übrigen, z. B. die der Vollkommenheit, die zur Entfaltung aller vorhandenen Anlagen, sei es auch auf Kosten des Wohlwollens oder der Gerechtigkeit, drängt. Es gibt eben nicht ein sittliches Ideal, und die Unterschiede der Sittlichkeit sind nicht bloß Verschiedenheiten des Grades der Annäherung an dieses Ideal, sondern die sittliche Anlage des Menschen erzeugt mehrere verschiedene sittliche Typen, also verschiedene sittliche Ideale, deren Verwirklichungen überdies noch durch die verschiedenen Umstände von Ort und Zeit, durch Rasseneigentümlichkeiten und Standespflichten, sowie durch religiöse Anschauungen modifiziert werden. Auch darin stimmt Herbart mit Smith überein, daß beide die Verwandtschaft der sittlichen Urteile mit den ästhetischen erkennen und hervorheben. Auch das Verhältnis der Selbstliebe zur Nächstenliebe hat Smith richtig und in Übereinstimmung mit dem Evangelium bestimmt: wir sollen den Nächsten lieben wie uns selbst; sittlich ist eine Selbstliebe, welche die Nächstenliebe einschließt, so daß dem einzelnen das Glück des Nächsten Bedürfnis und wesentlicher Bestandteil seines eigenen Glückes ist.

Viertens endlich hat Smith richtig erkannt, daß das Pflichtgefühl nicht etwas Urwüchsiges ist, sondern von außen in den Menschen hineingetragen wird: es besteht in der Anerkennung des Gesetzes und in der Ehrfurcht vor diesem, im Gehorsam gegen es. Die Pflichtmoral ist also nichts weniger als autonom, wofür Kant sie gehalten hat. Der kategorische Imperativ, das: du sollst! du sollst nicht! ertönt in keines Menschen Brust von selbst; kein unerzogener Mensch vernimmt diese Stimme. Von außen wird sie in den Heranwachsenden hineingerufen: von Vater und Mutter, von den Lehrern, vom Meister, vom Unteroffizier, von sonstigen Vorgesetzten; so anhaltend und so kräftig hineingerufen, bis ihr Widerhall im Erzogenen und Gedrillten anhaltend forttönt. Die Pflichtmoral ist durchaus heteronome Moral; ihre vollkommenste Verwirklichung ist die preußische Unteroffizier- und Beamtenmoral. Diese durch den Preis der aufopfernden Pflichttreue, durch seine ernsten und strengen Grundsätze mächtig gestützt und gefördert zu haben, ist das große Verdienst Kants, denn diese für die Masse der Menschen zuträglichste Moral trägt das meiste dazu bei, den Volkskörper gesund zu erhalten und den Staat stark zu machen. Aber sie ist, wie gesagt, das Gegenteil der Autonomie. Nicht mit seinem selbstherrlichen Willen unterwirft der Pflichtgetreue seine Leidenschaften, so daß er gegen seine Neigungen zu handeln imstande ist, sondern auf fremdes Gebot und aus Furcht vor Strafe und Schande tut er es. Das Autonome im Menschen besteht in dem, was Kant verwirft: in seinen Neigungen, seinen Trieben. Autonom ist die Sittlichkeit der schönen Seele, die das Gute aus eigenem Antriebe, aus Neigung tut, die damit ihr Glückbedürfnis befriedigt, die von einem »du sollst!« nichts weiß. Paulus und Johannes schildern diesen Zustand als eine Frucht der Gnade der ins Menschenherz eingegossenen Liebe Gottes. Diese autonome Sittlichkeit ist aber ein zartes und feines Pflänzlein, das nur in wenigen Auserwählten gedeiht. Die Masse bringt es höchstens bis zur Pflichtmoral, die nicht wenig von der Nützlichkeitsmoral unterstützt wird. Die Wichtigkeit und Notwendigkeit jener erkennen wir also mit Smith vollauf an, die hohe Würde dagegen, die Kant ihr zuspricht, als der höchsten und edelsten Blüte und Frucht der Menschennatur, erkennen wir nicht ihr zu, sondern der Tugendmoral der schönen Seele, die das Gute keine Überwindung kostet, weil es ihre Natur ist. Verdienstlicher freilich erscheint das Gute, wenn es mit Selbstüberwindung vollbracht wird; und hat der Pflichtgetreue das Anfangsstadium der Furcht überwunden, hat er »die Gottheit aufgenommen in seinen Willen«, so hat auch seine Tugend ihre eigentümliche Würde, die sich in der Selbstopferung aus Pflichtgefühl zur Erhabenheit steigert.

Von Kritiken der Zeitgenossen Smiths erwähnen wir nur die eine, über die Rae berichtet. Lord Kames, damals dreiundachtzig Jahre alt, wollte einer neuen Ausgabe seines Werkes über die Grundsätze der Moralität und der Religion eine Widerlegung von Smiths Theorie einfügen. Er bekämpft Smiths Ansicht, unser Mitgefühl mit den Leiden anderer entspringe daraus, daß wir uns in ihre Lage versetzten. Das Mitgefühl, behauptet er, werde ohne Reflexion durch die Schreie, Tränen, Gesichtsverzerrungen und Gliederverrenkungen verursacht, in denen sich der Schmerz kundgibt. Wenn wir uns in die Lage des Leidenden hineindenken, so werde dadurch unser Mitgefühl nicht geweckt, sondern vermindert, indem uns das Bewußtsein, daß wir tatsächlich frei von Schmerzen sind, Genugtuung bereite. Zweitens wirft Kames ein, daß, wenn Smiths Theorie richtig wäre, die Menschen in dem Maße moralisch sein würden, als sie sich einer lebhaften Phantasie erfreuen, was offenbar nicht der Fall sei. Drittens endlich erkläre Smiths Theorie nur die Entstehung unserer sittlichen Empfindungen in Betreff anderer Personen, nicht die uns selbst angehenden. Unsere Betrübnis über den Verlust des einzigen Sohnes und unsere Dankbarkeit für einen uns geleisteten Dienst bedürften überhaupt keiner Erklärung, und könnten am wenigsten dadurch erklärt werden, daß wir uns an eines anderen Stelle setzten. Ehe Kames diese Polemik veröffentlichte, übersandte er sie Smith zur Begutachtung. Dieser antwortete am 16. November 1778:

»Mein lieber Lord! Ich bin Ihnen sehr verbunden dafür, daß Sie mir die Einwürfe gegen mein System mitteilen, die Sie in Ihre neue Ausgabe aufnehmen wollen. Nichts kann freundschaftlicher und artiger sein, als die Form, in die Sie Ihre Polemik gegen mich einkleiden, und ich müßte ein sehr empfindlicher und übellauniger Mensch sein, wenn ich gegen die Veröffentlichung auch nur das Geringste einwenden wollte. Natürlich betrübt es mich, mit einem so alten und so guten Freunde, der zugleich ein so kompetenter Beurteiler des Gegenstands ist, nicht übereinstimmen zu können; allein dergleichen Meinungsverschiedenheiten sind unvermeidlich und überdies: partium contentionibus respublica crescit. Ich hätte Eure Lordschaft längst besuchen sollen, aber die Nachwirkungen einer Erkältung haben mir in den letzten Tagen nicht verstattet, abends auszugehen.

Empfehlen Sie mich, mein teurer Lord, Mrs. Drummond [Kames' Gemahlin] und halten Sie mich für Ihren sehr verbundenen und ergebenen Diener

Adam Smith.«

2. Die kleinen Schriften.

Die »Theorie« schließt mit folgenden Worten: »Von Plato und Cicero hätte man erwarten dürfen, daß sie in ihren Büchern über die Gesetze die Regeln der natürlichen Gerechtigkeit und Billigkeit anführen würden, denen Geltung zu verschaffen die Aufgabe der positiven Gesetzgebung jedes Landes ist, aber sie haben nichts dergleichen getan: ihre Gesetze dienen der Politik, nicht der Gerechtigkeit. Grotius scheint der erste gewesen zu sein, welcher der Welt so etwas wie ein System der Grundsätze gegeben hat, die den Gesetzgebungen aller Nationen zugrunde liegen und sie beherrschen sollten, und so unvollkommen seine Abhandlung über das Recht des Krieges und des Friedens sein mag, ist es doch bis heute das vollständigste aller Werke, die diesen Gegenstand behandeln. Ich gedenke in einem anderen Werke Rechenschaft zu geben von den allgemeinen Prinzipien der Gesetzgebung und der Staatsverfassungen, und von den Umwälzungen, die sie in den verschiedenen Perioden der menschlichen Gesellschaft erlitten haben, nicht allein in Beziehung auf das Recht, sondern auch in Beziehung auf Politik, Einkommen und Krieg und was sonst Gegenstand der Gesetzgebung ist. Deshalb gehe ich an dieser Stelle auf die Geschichte der Jurisprudenz nicht näher ein.« In Beziehung auf Politik, Einkommen und Militärwesen hat Smith seine Verheißung im »Wealth« erfüllt. Die Geschichte der Jurisprudenz ist unausgeführt geblieben, und noch viel anderes, denn seine Pläne gingen weiter. Black und Hutton sagen in einer Vorbemerkung zu den von ihnen herausgegebenen Abhandlungen, diese seien Teile eines geplanten großen Werkes, das die Geschichte der schönen Künste und der Wissenschaften im Zusammenhange darstellen sollte. Die verbrannten Papiere werden das unverarbeitete Material zu dem Fehlenden enthalten haben. Und Dugald Stewart führt bei Erwähnung der als Anhang zur »Theorie« in deren zweiter Ausgabe veröffentlichten Abhandlung über die Sprache folgendes aus. Dieser geistvolle Essay sei weniger seines Inhalts wegen beachtenswert, als weil man in ihm eine Probe von einer ganz neuen Art von wissenschaftlichen Untersuchungen habe. Beim Vergleich unserer heutigen Sprache und unserer heutigen Kultur mit der Sprache und den Zuständen der in ursprünglicher Roheit verbliebenen Völker entstehe die Frage, auf welchen Wegen die zivilisierte Menschheit zur Vollkommenheit ihrer heutigen Einrichtungen gelangt sei. Die Geschichte gebe darüber keinen Aufschluß, denn in der Zeit, da die Menschen zu denken anfingen, waren sie noch nicht in der Lage, über die Entwickelung ihrer Denktätigkeit in Aufzeichnungen zu berichten. Man sehe sich also auf Konjekturen angewiesen, für welche die Berichte der Reisenden über die Zustände der Naturvölker einiges Material lieferten. Eine solche Geschichte, die nicht erzähle, was man als sicherlich geschehen verbürgen könne, sondern wie, nach den bekannten Anlagen der Menschennatur zu schließen, die Entwickelung wahrscheinlicher- oder möglicherweise verlaufen sei, pflege er theoretische (wir würden lieber sagen philosophische) oder Konjekturalgeschichte zu nennen. Eine solche habe Hume in seiner natürlichen Geschichte der Religion geliefert. In Frankreich nenne man das histoire raisonnée. D'Alembert habe die natürliche Aufeinanderfolge der Erfindungen und Entdeckungen der Beachtung empfohlen und die Geschichte der mathematischen Wissenschaften einschließlich der Astronomie von Montucla als ein Muster solcher Behandlungsweise gelobt. Aber auch die politische Geschichte könne auf diese Weise geschrieben werden. Alle älteren Historiker hätten sich damit begnügt, Begebenheiten zu erzählen und die Staatseinrichtungen auf die Weisheit einzelner Gesetzgeber oder auf schlecht beglaubigte zufällige Umstände zurückzuführen. Montesquieu sei der erste gewesen, der die Entstehung der Gesetze und ihre Wandlungen aus den sich wandelnden Zuständen der menschlichen Gesellschaft erklärte. Nicht aus dem verwirrenden Gelehrtenkram der Scholiasten, sondern aus den Berichten von ungelehrten Weltreisenden hole er das Licht, womit er das römische Recht durchleuchtet. Dieses nun war, schließt Stewart, die Erklärungsweise, die Smith zu befolgen pflegte, die er in den geplanten Werken: einer Rechtsgeschichte und einer Geschichte der Künste und Wissenschaften durchzuführen gedachte, und die er nicht bloß in den vollendeten Teilen seines Planes, sondern auch im Gespräch angewendet hat. Daß er den gewöhnlichen Gegenständen der Unterhaltung durch seine philosophische Auffassung ganz neue Seiten abgewann, bei deren Beleuchtung die unzähligen an sich unbedeutenden Tatsachen, die er gesammelt hatte und zur Erklärung benutzte, Bedeutung erhielten, das gab dem Umgange mit ihm einen so großen und so eigentümlichen Reiz.

Wir sehen: was Smith erstrebte, war nichts Geringeres als eine die ganze Entwickelung des Menschengeschlechts umfassende philosophische oder Kulturgeschichte: das, wovon später in England Thomas Buckle, Hartpole Lecky und Herbert Spencer größere Bruchstücke als er geliefert haben, was in Deutschland noch vor Smiths Tode Herder begonnen hat und womit bis auf den heutigen Tag unzählige Geschichtsphilosophen, Kulturhistoriker, Ethnologen und Soziologen sich abmühen. Smiths Freunde haben bedauert, daß sein Staatsamt ihn gehindert habe, seinen Plan auszuführen. Bagehot jedoch dürfte, abgesehen von dem geringschätzigen Tone, in dem er von Smiths Plänen spricht, recht haben mit der Ansicht, daß der Abbruch seiner Lehrtätigkeit durch die Festlandsreise und das Zollkommissariat ein Glück für ihn gewesen sind, nicht bloß wegen der Informationen für sein Hauptwerk, die ihm die Berührung mit der lebendigen Wirklichkeit zuführte, sondern auch weil er auf diese Weise verhindert wurde, seinen Nachruhm zu beeinträchtigen durch ein unreifes Werk; denn ein solches hätte herauskommen müssen, wenn ein universell gerichteter Geist wie der seine sich über alles und jedes verbreitet hätte mit dem unzulänglichen Material jener Zeit; erst im neunzehnten Jahrhundert hätten die Fachwissenschaften das Material gesammelt, das für eine solche Geschichtsphilosophie die Grundlage abgeben müsse.

Das gilt nun ganz besonders auch von der Abhandlung, die Smith betitelt: Betrachtungen über die Entstehung der Sprachen, und über den verschiedenen Genius der ursprünglichen und der Mischsprachen. Aber es lohnt doch hervorzuheben, daß Smith zwei Grundwahrheiten gefunden hat, die auch das neueste monumentale Werk über Sprachwissenschaft: der erste Band von Wundts Völkerpsychologie, (1. Teil S. 560 und 2. Teil S. 10) entwickelt: daß das ursprüngliche Sprachgebilde der Satz gewesen sein muß, und daß bei dessen allmählicher Auflösung in Worte sich zuerst das Substantivum als selbständiger Teil abgesondert hat. Diese beiden Gedanken spricht Smith auch aus in einem Briefe vom 7. Februar 1763 an Georg Baird, anläßlich einer Rationellen Grammatik, die soeben erschienen war.

Die erste der von Black und Hutton veröffentlichten Abhandlungen führt den Titel: »Die Prinzipien, von denen philosophische Untersuchungen geleitet werden, beleuchtet durch die Geschichte der Astronomie«. Smith beginnt mit einer Erörterung der Begriffe Verwunderung, Überraschung und Bewunderung. Das Ungewöhnliche erregt Verwunderung, das Unerwartete Überraschung, das Große und Schöne Bewunderung. Die Worte werden oft nicht am richtigen Orte angewandt. So läßt Milton seinen Satan den zum erstenmal geschauten Tod bewundern, statt sich über ihn wundern. Psychologisch und physiologisch wahr beschreibt Smith sowohl die Bedingungen, unter denen die drei Affekte einzutreten pflegen, wie ihre Wirkungen. Unerwartete Freude tötet nach ihm leichter als eine plötzliche Trauerbotschaft, weil sich die Seele gegen das Schlimme wehrt, es nicht sofort glaubt, es nur zögernd einläßt, während sie sich dem Glück sofort ganz öffnet, sodaß die ungeheure Expansion im Nu vor sich geht, und die inneren Organe, die nicht Zeit haben, sich ihr anzupassen, verletzt worden. Die Verwunderung ist nun die Mutter der Philosophie. Der Mensch klassifiziert die Dinge, die er gewahr wird, und ein Gegenstand, der sich in keine der ihm bekannten Klassen unterbringen läßt, z. B. ein noch nie gesehenes und allen bekannten Tieren unähnliches Tier, setzt seine Denktätigkeit in Bewegung, die sich bemüht, den neuen Gegenstand in einen der vorhandenen Begriffe einzufügen oder einen neuen Begriff zu bilden, in welchem es mit den Vertretern eines alten Begriffs zusammen Platz hat. Der Mensch wird den gewöhnlichen Verlauf der Veränderungen inne, und wenn sich etwas ereignet, was diesem gewöhnlichen Verlauf widerspricht, so sieht er sich gezwungen, nach einer Erklärung zu forschen. Wo die Verknüpfung nicht sichtbar gemacht werden kann, muß eine Hypothese die fehlenden Glieder der Kette ersetzen. Auch in der Oper wundert sich der Unerfahrene über die schönen Erscheinungen, aber er braucht nur hinter die Kulissen in den Maschinenraum zu blicken, so hört seine Verwunderung auf. Dem Schauspiel der Natur gegenüber ist die Sache nicht so leicht, und über dem vergeblichen Bemühen, das Unzusammenhängende, scheinbar Unvereinbare zu verknüpfen, hat schon mancher den Verstand eingebüßt. Gewohnheit und Stumpfsinn ersparen der Masse der Menschen solche Qualen. Der gemeine Mann wundert sich nicht darüber, daß das Brot, welches er ißt, zu Fleisch wird, obwohl diese Verwandlung doch wahrlich Verwunderung verdient. Aber wie das feinere Ohr des Musikalischen die Dissonanzen heraushört, die dem gewöhnlichen Hörer eines Musikstücks entgehen, so bemerkt der feinere Sinn des Denkers die Lücken und Widersprüche im Universum. Freilich kann sich dieser feinere Sinn erst entfalten, wenn der Mensch nicht mehr mit der Not des Lebens ringt: bei den wohlhabenden kleinasiatischen Griechen, bei den vor kriegerischen Einfällen sicheren Inselgriechen ist die Philosophie entstanden. »Die Philosophie nun ist die Wissenschaft von dem, was die Naturerscheinungen verknüpft. Viel geht in der Natur vor, was in keinem Zusammenhang mit dem übrigen zu stehen scheint, und was den ruhigen Ablauf unserer Vorstellungen (Smith sagt: die bequeme Bewegung unserer Einbildung) stört. Indem nun die Philosophie die unsichtbaren Kettenglieder nachweist, welche die vereinzelten Erscheinungen verbinden, beschwichtigt sie den Aufruhr des Gemüts (der Imagination, sagt Smith wiederum) und verhilft ihm dazu, auch beim Anblick der großen Umwälzungen des Universums die ihm angenehme und seiner Natur bekömmliche Ruhe und Fassung zu bewahren. Die Philosophie darf daher zu den Künsten gerechnet werden, die sich an die Einbildungskraft wenden. Versuchen wir also zu beschreiben, wie sie von ihrem ersten Ursprung an allmählich zu ihrer heutigen Vollendung gelangt ist! Sie ist die erhabenste und erfreulichste aller Künste, und ihre Umwälzungen sind häufiger und wichtiger gewesen, als die aller anderen Künste, darum muß auch ihre Geschichte die unterhaltendste und lehrreichste sein. Prüfen wir demnach die verschiedenen Systeme der Naturphilosophie, die nacheinander von den Denkern dieser unserer westlichen Welt, der einzigen, die wir genau kennen, angenommen worden sind, und zwar nur von unserem eigentümlichen Standpunkte aus, indem wir untersuchen, wie weit jedes von ihnen geeignet war, die Einbildungskraft zu befriedigen; die Natur zu einem zusammenhängenderen und darum prachtvolleren Schauspiele zu machen, als sie uns ohne dieses Hilfsmittel erscheinen würde.« Von diesem Gesichtspunkte aus nun erzählt er die Geschichte der Astronomie, zeigt, wie jede Hypothese nur kurze Zeit zu befriedigen vermochte, weil neu beobachtete Himmelserscheinungen mit ihr nicht erklärt werden konnten, wie die falsche Grundanschauung, zu welcher der Augenschein verleitet hatte, zu immer verwickelteren und darum unbefriedigenderen Konstruktionen nötigte, bis endlich Kopernikus den richtigen Standpunkt fand und damit ein völlig befriedigendes Weltbild schuf, das später von Newton vollendet worden sei. Dieser habe die letzten Schwierigkeiten gehoben und von allem, was vordem beunruhigte, genügenden Aufschluß gegeben. »Wir selbst,« schließt Smith seine Betrachtungen, »indem wir die philosophischen Systeme nur als Erfindungen der Einbildungskraft auffaßten, die zu dem Zwecke ausgesonnen wurden, scheinbar widerspruchsvolle Naturvorgänge miteinander in Einklang zu bringen, sind bei der Darstellung der Lehre Newtons unvermerkt in eine Redeweise hineingeraten, als hätten wir es mit den wirklichen Ketten zu tun, deren sich die Natur bedient, ihre mannigfaltigen Wirkungen miteinander zu verknüpfen. Können wir uns darüber wundern, daß diese Lehre allgemeine Zustimmung erlangt hat? Ja wir dürfen von diesem System wohl sagen: es ist nicht mehr ein bloßer Versuch, die Himmelserscheinungen in unserer Einbildung zu verknüpfen, sondern es ist die größte Entdeckung, die jemals gemacht ward, die Entdeckung einer ungeheuren Verkettung der wichtigsten und erhabensten Wahrheiten durch eine Grundtatsache [die Schwerkraft], von deren Wirklichkeit uns die tägliche Erfahrung überzeugt.«

Auch der Laie bemerkt in dieser Geschichte der Astronomie Lücken und Ungenauigkeiten. So kennt Smith zwar die stoische Ansicht, nach der sich die Erde um ein Zentralfeuer bewegen sollte, weiß aber noch nicht, daß Aristarch die Bewegung der Erde um die Sonne gelehrt hat. Das Verdienst, die kugelförmige Krystallhülse, von der man sich das Weltall umschlossen dachte, durchbrochen und dem Blick die Unendlichkeit der Fixsternwelten geöffnet zu haben, hat sich der unglückliche Giordano Bruno erworben. Smith nennt nur Cartesius als einen der ersten unter denen, welche »die Grenzen des Universums aufgehoben« hätten, weist aber dem anderen großen Italiener den ihm gebührenden Ehrenplatz ein, indem er zeigt, wie vor der Begründung der modernen Mechanik durch Galilei und vor dessen teleskopischen Entdeckungen die gegen das kopernikanische System erhobenen Bedenken nicht völlig beseitigt werden konnten. Und mit seiner anmutigen, bis auf den Grund durchsichtigen Darstellung macht er auch manche dem Laien gar nicht leicht verständliche Dinge wie die alte Lehre von den Epizyklen und Newtons Anwendung der Fallgesetze auf den Mond so klar, wie es nicht jedem modernen Popularisierer gelingt. Wenn sich ein Astronom der Mühe unterzöge, Smiths Abhandlung von etwaigen Irrtümern zu reinigen, ihre Lücken aufzufüllen und durch Anfügung der Geschichte seiner Wissenschaft in den seitdem verflossenen anderthalbhundert Jahren zu ergänzen, so würde er damit ein originelles, unterhaltendes und auch heute noch nützliches Büchlein liefern. Da Smith S. 90 erwähnt, daß im Jahre 1758 ein Komet erwartet werde (es war der Halleysche), muß seine Schrift vor dem genannten Jahre fertig dagelegen haben.

Es folgt die Beleuchtung der die philosophische Untersuchung leitenden Prinzipien durch die Geschichte der Physik des Altertums. Sie ist Fragment geblieben. Sie legt dar, wie sich bei dem Bemühen, den Wandel der Dinge, das Entstehen der einen aus anderen, ihnen ganz unähnlichen, die Notwendigkeit ergab, die unendliche Mannigfaltigkeit der Dinge auf einfache Elemente und deren Mischung zurückzuführen, wie sich da einerseits die sogenannten vier Elemente darboten, andererseits die Hypothese von einer qualitätlosen Materie und der diese Materie gestaltenden substantiellen Form zu Hilfe genommen wurde. Smith urteilt abfällig über Platos Ideenlehre, glaubt, daß Aristoteles mit deren Deutung das richtige getroffen habe, und stellt den Schüler über den Meister. Sehr gut zeigt Smith, wie der aus einer naiven Naturbetrachtung hervorgehende Polytheismus den Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnis aufgehalten hat, weil die Götter, selber nur Produkte der Natur, für die Störer der Naturordnung gehalten wurden und der Glaube an sie das Forschen nach den wirklichen Ursachen der scheinbaren Störungen überflüssig machte, und wie der Gedanke einer die ganze Natur durchwaltenden, mit sich selbst übereinstimmenden Gesetzlichkeit zum Theismus, zur Annahme eines einzigen vernünftigen Ordners aller Dinge führen mußte, daß also die Philosophie den Griechen in religiöser Hinsicht dasselbe leistete, wie den Juden ihre Offenbarung. – Eine kurze und unbedeutende Abhandlung ist der antiken Logik und Metaphysik gewidmet.

Bei der folgenden Abhandlung: »über jene Nachahmung, die in den sogenannten nachahmenden Künsten angewendet wird«, rechtfertigt sich eine vollständige Inhaltsangabe. Die vollkommenste Nachahmung, führt er aus, besteht darin, daß ein zweiter Gegenstand derselben Art hergestellt wird, der dem ersten, dem Urbilde, vollkommen gleich ist. Mag nun auch der zweite Gegenstand so schön sein wie er will, darum, weil er Nachahmung ist, wird er nicht höher geschätzt. Bei einem Gegenstande für den Alltagsgebrauch, z. B. bei einem Zimmerteppich, begründet es wenigstens keinen Tadel, daß er nicht Original ist. Hätte aber ein Architekt eine zweite St. Peterskirche oder eine zweite St. Pauluskathedrale gebaut, die ein sklavisches Nachbild des Originals wäre, so würde man ihn wegen seines gänzlichen Mangels an Genie und Erfindungsgabe verachten. Vollkommene Gleichheit zweier Gegenstände wird mitunter als ein wesentlicher Bestandteil der Schönheit geschätzt, wenn nämlich diese Gegenstände die rechte und die linke Hälfte eines Organismus, eines Leibes sind, und durch die Gleichheit die Symmetrie hergestellt wird. Ähnlich verhält es sich mit den zwei Pferden eines Gespanns. Betrachtet man jedes der beiden Pferde für sich, so gewinnt seine Schönheit dadurch nichts, daß es einem anderen gleicht; anders ist es, wenn sie zu einem Ganzen vereinigt sind. Beim Schmuck eines Zimmers lieben wir ebenfalls Symmetrie; wir hängen z. B. in gleicher Entfernung von der Mitte einer Wand Bilder von gleicher Gestalt und Größe auf, womöglich auch Bilder, die verwandte Gegenstände darstellen: zwei Landschaften, zwei religiöse Bilder, zwei Bacchanale; nur darf hier die Übereinstimmung nicht zu weit gehen; niemand wählt für die linke Seite eine Kopie der die rechte Seite schmückenden Landschaft. Kopien werden überhaupt um ihrer Ähnlichkeit mit dem Original willen gewöhnlich nur dann geschätzt, wenn es sich um die Nachbildung von Werken berühmter Meister handelt.

Zuweilen liegt der Wert einer Nachahmung darin, daß sie einen Gegenstand der einen Art einem Gegenstand ganz anderer Art ähnlich erscheinen läßt, z. B. Leinen so färbt, daß es wie Wolle aussieht. Darauf nun beruht die Schätzung der Nachahmung bei den nachahmenden Künsten. Der Maler ahmt auf einer Fläche Gegenstände nach, die drei Dimensionen haben, und der Bildhauer stellt die abgebildeten Gegenstände zwar körperlich dar, aber aus einem Stoff, der von dem des Urbildes durchaus verschieden ist. Gerade diese Verschiedenheit scheint das zu sein, was unser Wohlgefallen erregt, oder vielmehr die Überwindung der Schwierigkeit, die sie dem Künstler bereitet. Bei Gemälden kann die Nachahmung auch dann gefallen, wenn der abgebildete Gegenstand unbedeutend oder sogar häßlich und anstößig ist. Skulpturen gefallen selten, wenn der Gegenstand weder erhaben, noch schön, noch interessant ist. Küchengeräte sind kein Sujet für den Bildhauer. Der Maler mag einen buckligen Äsop darstellen, und auch die Niederländer machen uns Vergnügen, die uns gemeines Volk bei gemeinen Verrichtungen zeigen; dem Bildhauer ziemen nur Götter und Göttinnen, vollkommen schöne Menschenleiber in edler Haltung oder malerischer Stellung. Der Gegenstand der Skulptur bringt es mit sich, daß, wenn überhaupt eine, keine andere Draperie angewandt werden darf, als nasse Leinwand, die sich den Gliedern so anschmiegt, daß der Bekleidete so gut wie nackt ist. In Wirklichkeit würde das eine sehr unzweckmäßige Kleidung sein, und auch für die Malerei paßt sie nicht; auf Gemälden würde das so aussehen, als stellten die Figuren bettelhafte Menschen dar, die kein Geld hätten, sich ordentliche Kleider zu kaufen. Weil auf Gemälden auch Gegenstände ohne Bedeutung gefallen, und der Maler seinem Bilde alle Pracht geben soll, deren es fähig ist, so soll er seine Figuren mit reichlichen, wallenden Gewändern von schönem Faltenwurf bekleiden, die nicht alle Glieder deutlich hervorzuheben, sondern nur die hauptsächlichsten anzudeuten brauchen [Smith hätte diesen Grund des Unterschieds genauer angeben müssen: der Maler wirkt durch die Farbe, darum wäre es töricht, wenn er bei Figuren nur das Inkarnat benutzen wollte, während ihm, wenn er sie bekleidet, alle sieben Farben des Regenbogens mit allen ihren Schattierungen zur Verfügung stehen; der Maler kann im Unterschiede vom Bildhauer die ganze sichtbare Wirklichkeit, alle Erscheinungen der Weltgeschichte und der Gegenwart darstellen; darum wäre er sehr töricht, wenn er sich auf mythologische Gegenstände und Badeszenen beschränken wollte.] Moderne Bildhauer haben die Kleidung auch in der Skulptur einzuführen versucht; indes sehen alle solche Werke ungeschickt und uninteressant aus, wenn sie auch nicht alle so lächerlich sind, wie die marmornen Perücken in der Westminsterabtei. Durch Bekleidung und Färbung können Statuen dem lebenden Menschen zum Verwechseln ähnlich gemacht werden; aber eben diese Art Täuschung ist unkünstlerisch und soll vermieden werden. Bildtapeten sind mehr Prunkstücke als Kunstwerke; was ihnen Wert verleiht, ist weniger ihre Schönheit – sie können niemals so vollkommen wie Gemälde sein – als ihre Kostbarkeit. Obwohl der Teppichweber weit schlechter bezahlt wird als der Maler, kommt seine Arbeit doch, weil sie viel länger dauert, viel teurer zu stehen.

Die wahre Kunst also geht niemals auf Täuschung aus; die perspektivischen Kunststückchen mancher Maler, daß sie uns z. B. verleiten, eine gemalte Treppe für eine wirkliche zu halten, sind eben Kunststückchen, nicht Kunst im höheren Sinne des Wortes. Deren Wirkung besteht, wie gesagt, in der Erregung unserer Verwunderung darüber, daß es dem Künstler gelungen ist, einen von der Natur gesetzten Unterschied zu überwinden und uns mit einem Gegenstande der einen Art einen Gegenstand ganz anderer Art vorzuzaubern. Von den Naturwundern unterscheiden sich die Wunder der Kunst dadurch, daß sie ihre Erklärung in sich tragen: auch der Laie erkennt auf den ersten Blick, mit welchen Mitteln der Künstler seine Wirkung erzielt.

Den ursprünglichsten Genuß spendet dem Menschen die Natur durch die Befriedigung seiner Bedürfnisse. Mit diesem Genusse begnügt sich aber der Mensch nicht; er verschafft sich noch dazu Genüsse eigener Erfindung. Die ersten solchen Genüsse sind Musik und Tanz. Es gibt kein Naturvolk, das nicht mit ihnen sein halbes Leben ausfüllte. Bei zivilisierten Völkern treten diese beiden Vergnügungen mehr zurück, weil die Armen keine Zeit dazu, die Reichen so viel andere Lustbarkeiten haben. Das beide Künste Verbindende ist der Rhythmus. Als natürliches Musikinstrument besitzt der Mensch seine Stimme. Anfänglich haben die musikalischen Laute nur den Zweck, einen Rhythmus kenntlich zu machen, und wenn sie artikuliert werden, dann kommen nur sinnlose Worte heraus wie unser Juwiwallera. Erst nach und nach werden statt solcher sinnvolle Worte eingeführt, die, um sich dem Rhythmus anschmiegen zu können, in Versform gebracht werden. Die Verse müssen natürlich einen Sinn haben, der dem fröhlichen oder traurigen Charakter der Melodie entspricht. Ist die Entwickelung so weit gediehen, dann wollen Musik und Tanz Schicksale und Leidenschaften darstellen, die eine heitere oder traurige Stimmung oder irgend einen anderen Affekt erzeugen. Das kann auch durch Pantomimen geschehen; aber die Poesie verfügt über einen größeren Reichtum von Ausdrucksmitteln; sie kann auch Gedanken, Ideen ausdrücken und ganze Geschichten erzählen. Zuletzt lösen sich Musik und Poesie aus der ursprünglichen Einheit los und bilden sich zu selbständigen Künsten aus; der Tanz kann niemals selbständig werden; er ist unausführbar ohne Musik, weil nicht das Auge, sondern das Ohr das Organ ist, das den Rhythmus wahrnimmt. Die Musik kann natürlich nicht als Vokal-, sondern nur als Instrumentalmusik selbständig werden.

Die Nachahmung besteht nun bei diesen drei Künsten darin, daß die Schicksale, Gedanken, Stimmungen, Gespräche, Taten von Personen dargestellt werden. Man hat die Oper unnatürlich genannt, weil in Wirklichkeit kein Mensch Gespräche und Monologe singt. Aber diese Abweichung von der Natur ist eben das, was das Wesen der Kunst ausmacht: die Nachahmung eines Dinges durch ein Ding von ganz anderer Art. Und nur die Arie, nicht das Rezitativ ist vollkommene musikalische Kunst. Gerade die Wiederholung derselben Tonfolgen nicht allein, sondern auch derselben Worte und Silben, und das lange Verweilen auf einem Ton, einer Silbe, drückt das aus, was dargestellt werden soll: die Leidenschaft; denn deren Eigentümlichkeit ist es, die Seele an einen Gedanken, an einen Gegenstand zu fesseln, von dem sie nicht los kann. [Ein sehr hübsches Argument gegen Wagners Bekämpfung der alten Oper!] Den geeignetsten Gegenstand für poetisch-musikalische Darstellung geben die sozialen Affekte ab, die die Menschen durch Sympathie verbinden: Trauer, die Mitleid, Freude, die Mitfreude erregt, Liebe, hochherzige Verachtung der Gefahr, Zorn über Ungerechtigkeit. Alle diese sozialen Affekte sind musikalisch, weil sie die Seele in rhythmische Schwingungen versetzen. Dagegen wirken die unsozialen, die die Menschen auseinanderreißen, wie Haß und Bosheit, stoßweise und bringen, wo sie sich durch die Stimme äußern, Mißtöne hervor. Solche dürfen in einer Symphonie vereinzelt vorkommen, sie können aber auch ganz fehlen. Dagegen würde ein aus lauter Dissonanzen bestehendes Konzert ein sonderbares Vergnügen sein. Die Musik leistet Höheres als die bildenden Künste. Diese fügen der Schönheit der Natur keine neue Schönheit hinzu: sie können nichts, als vereinzelte Naturschönheiten zu einem neuen Ganzen kombinieren. Musik dagegen gibt es nicht in der Natur, abgesehen von den doch sehr unvollkommenen Melodien einiger Vögel. Die Musik erschafft eine neue, in der Natur nicht vorhandene Schönheit. Die höchste Vollkommenheit erreicht die Nachahmung der tönenden Künste in der Oper, wo die Personen und Begebenheiten der Dichtung nicht allein mit Wort und Melodie, sondern auch mit körperlicher Aktion nachgebildet werden. Eine Verirrung ist es, wenn der Komponist für sich allein, ohne das hinzukommende erklärende Wort, Begebenheiten, Ereignisse, unmusikalische Geräusche nachzubilden versucht. Theaterdonner und dergleichen sind Kunststückchen untergeordneter Talente. Sparsam angewendet können sie eine gute Wirkung hervorbringen, wie der Lerchen- und Nachtigallenschlag in einer Komposition Händels zu einem Texte Miltons. Was die Musik darzustellen vermag, das sind nicht Begebenheiten und Gedanken, sondern Stimmungen. Hohe Töne und rasches Tempo drücken freudige Erregung, tiefe Töne und langsames Tempo Trauer aus, gemäßigtes Tempo und mittlere Töne eine ruhige Stimmung. Eine vollkommene Instrumentalmusik will keine Geschichte erzählen. Ihr Gegenstand liegt nicht außer ihr, wie der Gegenstand eines Gedichtes oder eines Gemäldes; ihr Gegenstand ist sie selbst: diese bestimmte Tonfolge in diesem bestimmten Rhythmus mit diesen Wiederholungen. Nicht vermittels irgend welcher Vorstellungen und Gedanken wirkt sie, wie die übrigen Künste, sondern unmittelbar: eine fröhliche Musik stimmt ohne jede Reflexion fröhlich, eine traurige traurig. Und zwar tut dies die Melodie. Harmonie verstärkt nur die Wirkung, aber Harmonie ohne Melodie ist keine Musik. [Man sieht hieraus und aus dem oben von der Arie gesagten, daß Smith, wenn er heute lebte, kein Bayreuther sein würde.] Instrumentalmusik gehört demnach streng genommen nicht zu den nachahmenden Künsten; ihr Vermögen, nachzuahmen, ist außerordentlich beschränkt.

In weit höherem Grade vermag der Tanz nachzuahmen; aber das Nachahmen ist ihm nicht wesentlich. Die Tänze der Alten waren meistens pantomimisch; sie begleiteten gewöhnlich einen Gesangsvortrag; heute tanzt man nach Instrumentalmusik, die keinen nachahmenden Charakter hat, demgemäß hat auch der Tanz den nachahmenden Charakter eingebüßt. Der Opernsänger, der ja zugleich Schauspieler ist, hat auch seine Bewegungen dem Rhythmus der Musik anzupassen, aber sein Schritt darf nicht Tanzschritt sein. Der Tanzschritt unterscheidet sich von dem zwar anmutigen, aber nicht affektierten Gehschritt, wie die Singstimme von der zwar angenehmen, aber nicht affektierten Sprechstimme. Der Tänzer will sich in anmutiger Stellung und Bewegung zeigen und will sonst nichts; der Gehende will nur den Zweck seines Ganges erreichen, und will er nebenbei noch den Zuschauern durch die Anmut seiner Bewegungen gefallen, so darf er das nicht merken lassen, wenn sich nicht das Wohlgefallen in Mißfallen verwandeln soll. Der Sänger will durch die Schönheit seiner Stimme Gefallen erregen, das ist der Zweck seines Gesanges. Der Sprechende will sich bloß verständlich machen; dabei absichtlich Melodie in die Stimme legen ist Affektieren. Durch die [damals] neuen Entdeckungen der Physiker ist es uns möglich geworden, den Unterschied der musikalischen von der unmusikalischen Tonfolge exakt anzugeben. Zwischen den Schwingungszahlen tönender Körper walten bei musikalischen Intervallen einfache arithmetische Verhältnisse ob. Die kleinen Intervalle in der Modulation der Sprechstimme lassen sich nicht durch einfache Verhältnisse der Schwingungszahlen ausdrücken.

Man sieht: Smith ist darin ganz Brite, daß für ihn die metaphysischen Fragen der deutschen Ästhetik, namentlich die nach dem künstlerischen Ideal, nicht existieren. Unseren Modernen wird gerade dieses an seinen übrigens nicht sonderlich modernen, aber unserer Ansicht nach meist zutreffenden Ansichten gefallen. Es folgt eine Abhandlung über die Verwandtschaft zwischen gewissen englischen und italienischen Versen: Bemerkungen über Metrum und Reim, die nur insofern interessieren, als sie von der Vorliebe Smiths für die Poesie zeugen. Bedeutender ist wieder die letzte Abhandlung: über die äußerlichen Sinne, eine Physiologie der Sinne, an der die heutige Wissenschaft wohl nur Unvollständigkeit, aber nicht Irrtümer auszusetzen finden würde. Smith entwickelt auch den von Locke begründeten Unterschied zwischen den primären Qualitäten der Körper: Ausdehnung, Teilbarkeit, Gestalt, Beweglichkeit und den sekundären: Farbe, Temperatur, Duft, Wohlgeschmack, aber er findet die Feststellung dieses Unterschieds nicht sehr verdienstlich, weil auch der gemeine Mann ganz genau wisse, daß die süßen Körper ihre Süßigkeit nicht selbst schmecken, die roten ihre Röte nicht selbst sehen, sondern daß mit diesen Worten Empfindungen bezeichnet werden, die wir selbst haben, und daß die äußeren Dinge nur die Kraft besitzen, diese Empfindungen in uns zu bewirken. Hier irrt Smith in doppelter Weise. Daß der Zucker seine Süßigkeit nicht selbst schmeckt, weiß allerdings auch der Ungebildete; aber wenn wir ihm sagen, daß der Ton nicht der Glocke und die rote Farbe nicht der Rose anhaftet, sondern jener nur in unserem Ohr, diese nur in unserem Auge, oder vielmehr beides vermittelst unserer Sinne nur in unserer Seele existiert, so schüttelt er den Kopf. Dann unterschätzt Smith die Wichtigkeit von Lockes Entdeckung für die Metaphysik: sie hat den Weg gebahnt zu der heut allgemein angenommenen Ansicht, daß die Materie ein System immaterieller Kraftpunkte sei. Sehr hübsch wird die biologische Bedeutung der Sinne dargelegt und der Unterschied zwischen dem Menschenkinds und dem Hühnchen beschrieben: jenes braucht lange Zeit, ehe es die Entfernungen der gesehenen Dinge abschätzen lernt, dieses läuft sofort, nachdem es aus dem Ei gekrochen, zu den Krumen und Körnchen, die ihm die Henne hinwirft; auch wie anders sich andere Vögel verhalten, wird gezeigt. In dem Abschnitt über den Geschmack wird bemerkt, man nehme an, daß eine die Haut durchdringende Flüssigkeit die Nervenenden in Bewegung setze und dadurch die Geschmacksempfindung erzeuge, aber wie die Flüssigkeit solche Bewegung, und wie die Bewegung eine Empfindung erzeugen könne, die weder selbst der Bewegung fähig ist, noch mit Bewegung die mindeste Ähnlichkeit habe, das werde wohl nie ein Philosoph erklären können. Das erste: die Nervenschwingung, haben die heutigen Hypothesen nicht bloß für den Geschmack, sondern für alle fünf Sinne erklärt, das zweite ignorabimus hat auch Herbert Spencer stehen gelassen. Auffällig ist, daß Smith nicht bei dieser Gelegenheit die Hypothesen über die Natur des Lichts erwähnt.

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1. Vom Fortschritt der Produktion, vom Tauschwert der Güter und ihrer Verteilung unter die drei wichtigsten Stände.

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III.
Die Untersuchung der Natur und der Ursachen des Wohlstands der Nationen

Die Einleitung beginnt mit einer falschen Definition: »Die Jahresarbeit eines jeden Volkes ist der Fonds, der es mit allen zum Leben notwendigen und allen wünschenswerten Gegenständen versieht, die es im Laufe des Jahres verbraucht, und die immer teils in dem eigenen Arbeitsprodukte bestehen, teils in dem, was dafür von anderen Völkern gekauft wird.« Einen Fonds kann man sowohl die Arbeitskraft der Natur und des Menschen nennen als auch die Gesamtheit der dadurch geschaffenen Gegenstände, die Arbeit aber ist die Tätigkeit, die den zweiten Fonds aus dem ersten hervorruft, und zu den Gegenständen gehören auch die durch die Arbeit früherer Jahre geschaffenen Werkzeuge und Vorräte. Das Maß der Güter, fährt Smith fort, das einer Nation zufließt, hängt erstens von der Geschicklichkeit und Tüchtigkeit in der Arbeit ab [man sieht aus dem Folgenden, daß er darin die erlangte Stufe der Produktivität der Arbeit mitbegriffen wissen will], und zweitens davon, wie groß die Zahl der in produktiver Arbeit Beschäftigten ist im Verhältnis zur Zahl der unproduktiven Personen, und zwar mehr von dem ersten als von dem zweiten Umstande. Demnach wird das erste Buch dieses Werkes die Fortschritte der Produktion und die Verteilung des Arbeitsprodukts behandeln, das zweite die Natur, Ansammlung und Wirkungsweise des Kapitals, denn von dessen Größe und Anwendung hängt die Zahl der produktiven Arbeiter ab. Die Regierungen pflegen die verschiedenen Produktionszweige ungleich und parteiisch zu behandeln. Wie die Politik der europäischen Staaten seit dem Untergange des römischen Reiches die Industrie und den Handel zum Nachteile der Landwirtschaft einseitig begünstigt hat, soll im dritten Buche gezeigt werden. Die verschiedenen Richtungen der Staatskunst haben zur Ausbildung verschiedener volkswissenschaftlicher Theorien geführt, die im vierten Buche besprochen werden sollen. Während endlich die ersten vier Bücher vom Volksvermögen und Volkseinkommen handeln, handelt das fünfte und letzte vom Einkommen des Staates.

Der Fortschritt der Produktivität der Arbeit beruht auf der Wechselwirkung von Arbeitsteilung und mit Hilfe der Wissenschaft fortschreitender Technik. Smith stellt zunächst nur die erste dar und erläutert sie, wie bekannt, an der Stecknadelfabrikation. Er bemerkt richtig, daß die Landwirtschaft keine so weitgehende Arbeitsteilung zu lasse wie das Gewerbe. »Die Viehwirtschaft kann unmöglich so vollständig vom Körnerbau getrennt werden, wie etwa das Zimmer- vom Schmiedehandwerk. Der Spinner ist fast immer eine vom Weber verschiedene Person, aber der Pflüger, der Egger, der Säemann und der Schnitter sind sehr oft ein und dieselbe Person. Das ist vielleicht die Ursache, weshalb der Fortschritt des Ackerbaues mit dem der Industrie nicht gleichen Schritt hält.« Die reichsten Völker, wird ausgeführt, übertreffen zwar ihre Nachbarn gewöhnlich auch in der Landwirtschaft, aber der Unterschied zwischen ihrer Landwirtschaft und der der zurückgebliebenen ist doch bei weitem nicht so groß, wie der zwischen den beiderseitigen Industrien. Der Ertrag ihrer Landwirtschaft übertrifft den landwirtschaftlichen Ertrag ärmerer Völker (als Beispiel werden England, Frankreich und Polen angeführt) nicht in dem Grade, wie der Ertrag ihrer Industrie den der anderen. Hier sehen wir schon einen Grundfehler der Smithschen Auffassung wirksam werden: Smith richtet seinen Blick zu ausschließlich auf die Arbeit und übersieht darum oft, nicht immer, die Natur. In der Industrie hat die Steigerung der Produktivität fast keine Grenzen. Zehn Stecknadelarbeiter, von denen jeder seine Stecknadeln von Anfang bis zu Ende allein fertig machen sollte, würden zusammen an einem Tage höchstens zweihundert Stück fertig bringen, während sie dank der Arbeitsteilung schon zu Smiths Zeiten 4800 Stück täglich fertig brachten, und es ist kein Grund vorhanden, warum sie verbesserte Maschinerie nicht mit der Zeit in den Stand setzen sollte, an einem Tage achtundvierzig Millionen Stück zu liefern. Dagegen wird sich ein Wiesenfleck, der jetzt einen Ochsen nährt, mit allen Düngkünsten niemals zwingen lassen, hundert oder gar tausend Ochsen zu nähren. Die Natur des Bodens setzt der landwirtschaftlichen Produktion Grenzen, von denen die industrielle nichts weiß.

Die Arbeitsteilung fördert, wie Smith weiter ausführt, die Produktion auf dreierlei Weise. Sie erhöht die Handfertigkeit des einseitig beschäftigten Arbeiters in dieser einseitigen Verrichtung; sie spart den Zeitverlust, der jedesmal mit dem Übergange von einer Verrichtung zur anderen verbunden ist (daß sich die Arbeiter bei solchen Übergängen auch jedesmal ein paar Minuten ausruhen, gewöhnt sie an Bummelei), und sie führt zur Erfindung von Maschinen, die den einzelnen Arbeiter in den Stand setzen, die Arbeit vieler zu verrichten. Den ersten Nutzen illustriert er mit der Nagelschmiedearbeit, die er schon als Kind beobachtet hat, den dritten zeigt er an der Erfindung der Steuerung der Dampfmaschine. Anfänglich waren Knaben angestellt, die die Ventile öffnen und schließen mußten, durch welche der Dampf bald oben, bald unten in den Zylinder eintritt, um den Kolben abwechselnd hinab und hinaufzutreiben. Ein Junge nun hatte herausbekommen, daß die Maschine das Öffnen und Schließen selbst besorgt, wenn die dazu benutzte Schnur an die Kolbenstange angebunden wird. Die Burschen taten das regelmäßig und konnten nun spielen, statt zu arbeiten. Smith will damit natürlich nicht behaupten, daß alle mechanischen Erfindungen von Arbeitern gemacht worden seien; er bestreitet weder den Ingenieuren, noch den Philosophen ihren Anteil am Verdienst, aber er hebt hervor, wie auch sie wiederum durch die Arbeitsteilung, durch die Verzweigung der Naturwissenschaften, im Erfinden geschickter geworden seien. Überhaupt habe erst die Arbeitsteilung die Ausbildung der verschiedenen Talente ermöglicht; von Natur seien die Menschen gar nicht so sehr verschieden, wie sich talentvolle Männer einbildeten, deren besonderes Talent meistens mehr Wirkung als Ursache ihrer Fachtätigkeit sei.

Was zur Arbeitsteilung geführt hat, das ist nach Smith – sehr charakteristisch für den Briten – die dem Menschen angeborene Neigung zum Tauschhandel. Es wirken da doch wohl alle menschlichen Fähigkeiten, Neigungen und Bedürfnisse zusammen. Richtig ist es jedoch, wenn er sagt: Der Mensch gerät im Unterschiede von den Tieren aller Augenblicke in die Lage, des Beistandes seiner Mitmenschen zu bedürfen, »und vergebens würde er diesen lediglich von ihrem Wohlwollen erwarten. Weit sicherer kommt er zum Ziele, wenn er ihren Eigennutz zu seinen Gunsten interessiert und ihnen klar macht, daß es ihr eigener Vorteil sei, ihm zu gewähren, was er von ihnen verlangt.« Es wird dann gezeigt, daß es doch umgekehrt auch wieder die Arbeitsteilung ist, was den Gütertausch sowohl möglich als notwendig macht, und daß sie durch die Ausdehnung des Marktes begrenzt wird; daß bei der Kostspieligkeit des Wagentransports – Eisenbahnen gab es damals noch nicht – nichts so sehr imstande sei, die Industrie zu weitgehender Arbeitsteilung aufzumuntern, als bequeme Wasserwege, und daß deshalb die höchsten unter den alten Zivilisationen in den Küstenländern des Mittelmeers entstanden seien, während Innerafrika und das nördliche Innerasien notwendig unzivilisiert bleiben mußten. Auch der Vorsprung, fügen wir hinzu, den das moderne England in der Industrie gewonnen hat, wird zum Teil der Lage und dem Bau des kleinen Landes verdankt, das keine unzugänglichen weiten Räume enthält, und dessen größere Städte durch das nahe Meer, dessen tiefeindringende Buchten und durch schiffbare Flüsse bequeme Verbindung miteinander genießen.

Je weiter nun, heißt es dann, die Arbeitsteilung fortschreitet, desto seltener trifft es sich, daß ein Mann alle seine Bedürfnisse mit seinen eigenen Erzeugnissen befriedigen kann. Nur dem Landwirt ist das annähernd möglich. Der Bäcker hat nur Brot, der Fleischer nur Fleisch, der Brauer nur Bier; alles, was die drei sonst noch brauchen, müssen sie von anderen eintauschen. [Smith hätte lieber den Schuster, den Bäcker und den Schmied nennen sollen; der Bäcker und der Fleischer brauchten ohne Tausch wenigstens nicht zu verhungern.] Und da es sehr unbequem wäre, wenn jeder Produzent mit seiner Ware herumziehen und fragen müßte, ob ihm jemand Lebensmittel dagegen eintauschen wolle, da es auch schwierig ist, festzustellen, welche Menge oder wie viel Stück einer Ware einer bestimmten Menge oder Stückzahl einer anderen entsprechen sollen (hier erwähnt Smith, daß es in Schottland noch ein Dorf geben solle, wo der Arbeiter Brot und Ale manchmal mit Nägeln bezahlt), so mußte ein Tauschmittel vereinbart werden, für das man alle Bedarfsgegenstände in beliebig kleinen Mengen eintauschen kann. Welche Eigenschaften der Edelmetalle es sind, die schließlich alle Kulturvölker bewogen haben, ihnen vor allen anderen Tauschmitteln den Vorzug zu geben, und wie die Entwickelung allmählich vom Abwägen der Metallstücke zur Münzprägung geführt hat, das ist heute allgemein bekannt. Durch das Geld wird der Tausch zum Kauf, und durch die allgemeine Regelung des im Kauf vollzogenen Gütertausches werden die Güter zu Waren und erhalten neben ihrem eigentlichen Werte, dem Gebrauchswerte, noch einen zweiten, den Tauschwert. Beide Werte fallen oft weit auseinander; Wasser z. B. hat einen sehr hohen Gebrauchswert, aber einen sehr geringen, oft gar keinen Tauschwert; für einen Diamanten dagegen, der sehr wenig nütze ist, kann man eine große Menge notwendiger Güter eintauschen. Smith will nun die Gesetze ermitteln, nach denen sich der Tauschwert bildet, und untersucht zu diesem Zweck: 1. woran der Tauschwert gemessen wird und worin der wirkliche Preis der Waren besteht; 2. aus welchen Teilen er sich zusammensetzt; 3. welche Umstände manchmal einen dieser Teile des Preises oder alle drei über das natürliche Maß erhöhen oder darunter drücken, mit anderen Worten, wie es kommt, daß der Marktpreis nicht immer mit dem natürlichen Preise zusammenfällt.

Der wirkliche Preis, erklärt Smith, wird an der Arbeit gemessen. »Ein Mensch ist reich oder arm in dem Maße, als seine Mittel ihm gestalten, die zum menschlichen Leben notwendigen, die geziemenden und die angenehmen Dinge zu genießen.« Da nun nach eingetretener Arbeitsteilung der einzelne nur einen sehr kleinen Teil dieser Dinge, wenn überhaupt einen, durch eigene Arbeit herstellt, so ist ein jeder reich oder arm in dem Maße, als er über anderer Leute Arbeit verfügen oder sie kaufen kann. Den Wert eines Erzeugnisses, das man nicht selbst verbrauchen will, bemißt man nach der Menge fremder Arbeit, die man damit kaufen kann; Arbeit ist darum das wirkliche Maß des Wertes aller Waren. Rogers meint, das sei ganz und gar nicht der Fall; der Ertrag einer Wiese könne in einem dichtbevölkerten Lande einen sehr hohen Wert haben, obwohl nicht mehr als eine eintägige Arbeit im ganzen Jahre darauf verwendet worden sei. Wenn Hobbes sagt, fährt Smith fort, Reichtum ist Macht, so hat es damit seine Richtigkeit. Politische Macht kann der Reichtum allerdings nur unter Umständen und mittelbar verschaffen, die Macht aber, anderer Menschen Arbeit oder Arbeitsprodukt sich anzueignen, gewährt er unmittelbar. Obwohl jedoch Arbeit der wirkliche Maßstab des Tauschwertes ist, wird sie doch nicht als solcher benutzt. Man kann einer Ware nicht ansehen, wie viel Stunden Arbeit darin stecken; auch leistet der eine in einer Stunde doppelt so viel als mancher andere, und qualifizierte Arbeit ist mehr wert als gewöhnliche grobe. Weit leichter, als den Tauschwert einer Ware an der auf ihre Herstellung verwendeten Arbeit zu messen, ist es, eine Ware mit der anderen zu vergleichen und so die eine zum Wertmesser der anderen zu machen. Das allerbequemste aber ist, alle Waren nach Geld abzuschätzen, was denn auch allgemein geschieht. Allerdings schwankt der Tauschwert von Gold und Silber selbst je nach der Ergiebigkeit der Minen und der zur Gewinnung dieser Metalle erforderlichen Menge von Arbeit (wozu Rogers bemerkt, der rasche Fall des Edelmetallpreises im sechzehnten Jahrhundert sei weniger der Reichtum der amerikanischen Erzlager zu danken gewesen, als dem Umstande, daß die Spanier das schon ausgegrabene Gold und Silber einfach raubten und später die Eingeborenen zur Zwangsarbeit in den Minen verwendeten). Andere Umstände treten hinzu, zu bewirken, daß der Gold- und Silberpreis nicht allein nach Zeiten, sondern auch nach Orten verschieden ist, eine Unze Silber z. B. in Kanton eine weit höhere Kaufkraft hat als in London. Der gewaltige Unterschied im Edelmetallpreise, den weit entfernte Jahrhunderte aufweisen, macht den Geldpreis der Waren ungeeignet, den Warenwert und die wirtschaftlichen Verhältnisse verschiedener Jahrhunderte miteinander zu vergleichen. Für diesen Zweck eignet sich Brotgetreide besser, das als Hauptnahrungsmittel der Massen immer ungefähr denselben Wert behaupten muß, weil ein Tagelohn immer hinreichen muß, den Hauptbedarf des Armen, eben das Brot, zu kaufen. Dennoch bleibt Edelmetall ein brauchbarerer Wertmesser als Brotkorn, weil sich sein Wert nur sehr langsam und ganz allmählich verändert (abgesehen von dem großen Preissturz im sechzehnten Jahrhunderts, während der Kornpreis, bei aller Beständigkeit im langen Laufe der Zeit, je nach Ernten und Verkehrsmitteln ungeheuren Schwankungen von Jahr zu Jahr und von Ort zu Ort unterworfen ist. [Unterworfen war, müssen wir heute sagen, weil seit Smiths Zeit die moderne Verkehrstechnik und die vielgescholtene Börse die Schwankungen auf ein sehr erträgliches Maß herabgemindert haben.] Für die Wissenschaft gilt demnach die Regel: Will man die Warenpreise benachbarter Jahre vergleichen, so geben Gold und Silber den besten Maßstab ab. Will man dagegen die heutigen Preise mit denen früherer Jahrhunderte vergleichen, so muß man nachforschen, wie viel Waren einer bestimmten Art man mit einer bestimmten Menge Brotkorn kaufen konnte. Und für die Praxis folgt: will man einer Rente, die einem Landgute für eine Privatperson oder für eine Stiftung auferlegt wird, auf Jahrhunderte hinaus ihren Wert sichern, so muß man festsetzen, daß sie in natura entrichtet werde, oder in so viel Geld, als zum Kauf der angegebenen Naturalienmenge erfordert wird. Da sich der Feingehalt der Münzen aus verschiedenen Gründen zu ändern pflegt und auch das Verhältnis des Goldwertes zum Silberwerte schwankt, so untersucht Smith diese Schwankungen, den Einfluß der Wahl eines Währungsmetalls und den Feingehalt der englischen Münzen.

Es folgt die Ableitung des berühmten Satzes, den wir später berichtigen werden, daß sich der Warenpreis aus Arbeitslohn, Unternehmergewinn und Grundrente zusammensetze. Im Urzustände, führt Smith aus, wo es noch kein Kapital und kein Landeigentum gab, scheint die auf einen Gegenstand verwendete Arbeit wirklich der einzige Maßstab für seinen Tauschwert gewesen zu sein. Wenn bei einem Jägervolke die Erlegung eines Bibers doppelt so viel Mühe kostete als die eines Hirsches, so ist dort jedenfalls ein Biber zwei Hirsche wert [auf die Wertbestimmung wird doch auch der Gebrauchswert einwirken; ehe die Biber durch den Verkehr mit europäischen Pelzhändlern Wert bekommen haben, werden sie den Indianern nicht viel gegolten haben]. Ferner wird von zwei Arbeiten, die gleich lange Zeit dauerten, die höher geschätzt worden sein, die unangenehmer oder anstrengender war, oder die ein größeres Maß von Geschicklichkeit und Kenntnissen erforderte. Jedenfalls gehört auf dieser Stufe dem Arbeiter sein ganzes Arbeitsprodukt, und beim Tausche bekommt er es voll ersetzt. Sobald Kapital in den Händen einzelner Personen angesammelt worden ist [über die häufige Vermischung und Verwechselung der verschiedenen Bedeutungen des Wortes Kapital bei Smith wird seinerzeit das Nötige gesagt werden], beschäftigt der Kapitalbesitzer Arbeiter, die er mit Materialien und Werkzeugen versieht. Beim Verkauf der Erzeugnisse muß dann also außer den Arbeitslöhnen auch noch ein Gewinn erzielt werden für den Unternehmer, der sein Kapital riskiert hat. Der Wert, den die Arbeiter dem Rohstoff zugesetzt haben, löst sich demnach in zwei Teile auf: Arbeitslohn und Unternehmergewinn. Der Kapitalist hätte kein Interesse daran, die Arbeiter zu beschäftigen, wenn ihm nicht der Verkauf des Produkts außer den Arbeitslöhnen und dem Kapitalersatz noch einen Vorteil abwürfe, und er hätte kein Interesse daran, lieber ein großes als ein kleines Kapital zu riskieren, wenn sein Gewinn nicht im Verhältnis zur Größe seines Kapitals stände. Der Unternehmergewinn, das hebt Smith ausdrücklich hervor und macht es an Beispielen klar, ist nicht etwa der Arbeitslohn des Unternehmers für die Beaufsichtigung und Leitung des Unternehmens; diese wird oft von Angestellten besorgt, deren Gehälter Arbeitslöhne sind. Aus dieser Stufe also gehört dem Arbeiter nicht mehr sein ganzes Produkt, sondern er muß es mit dem Unternehmer teilen, der ihn beschäftigt.

Sobald, fährt Smith fort, der Boden eines Landes vollständig in Privatbesitz übergegangen ist, »lieben es die Grundbesitzer gleich allen anderen Menschen, zu ernten, wo sie niemals gesät haben, und fordern eine Rente sogar für wildwachsende Bodenprodukte«, die nur eingesammelt zu werden brauchen. Die Erlaubnis zum Einsammeln läßt sich der Landlord bezahlen, und das ist nun die Grundrente, die den dritten Bestandteil des Preises der meisten Waren ausmacht. Smith zeigt an einzelnen Waren, was für verschiedene Arbeitslöhne, Unternehmergewinne und Grundrentenanteile in ihnen stecken, ferner, daß Fälle vorkommen, wo der dritte Bestandteil wegfällt; bei der Seefischerei z. B. sei selten Rente zu bezahlen; endlich, daß im Kleinbauern, im Gärtner, im kleinen Handwerker der Arbeiter, der Kapitalist und der Grundrentner in eine Person zusammenfallen. In jedem Gewerbe wirken seine eigene Natur, die Blüte oder der Verfall des Landes und andere Umstände zusammen, sowohl den Arbeitslohn als auch den Unternehmergewinn und die Grundrente auf einer gewissen durchschnittlichen Höhe zu erhalten, die man als die natürliche bezeichnen kann. Und der Warenpreis, der diesen angemessenen Arbeitslohn und Unternehmergewinn samt Grundrente abwirft, verdient ebenfalls den Namen des natürlichen Preises für den betreffenden Ort und die betreffende Zeit. Für eine solche Ware wird dann bezahlt, was sie ihrem Verkäufer wert ist oder was sie ihn kostet. Geringer Vorrat bei starker Nachfrage treibt den Marktpreis über den natürlichen Preis hinaus, wie das beim Getreide nach einer schlechten Ernte oder in einer belagerten Stadt der Fall ist, oder mit schwarzen Kleiderstoffen bei plötzlich eintretender Landestrauer. Politische Maßregeln und private Vereinbarungen können alle Waren einer bestimmten Art in wenige Hände bringen, die dann den Preis so hoch treiben, als es die Zahlungsfähigkeit der Käufer nur immer gestattet. Das ist dann ein Monopolpreis. Es gibt auch natürliche Monopole. Die sogenannte Blume der feineren Weinsorten rührt von einer eigentümlichen Zusammensetzung des Bodens her, auf dem sie wachsen, und der in dieser Beschaffenheit auf ganz kleine Bezirke beschränkt ist. Den Besitzern der berühmtesten Weinlagen am Rhein und in Frankreich kann daher niemand Konkurrenz machen; sie erzielen demnach von allen Grundbesitzern die höchste Grundrente. Übermäßiges Angebot drückt den Marktpreis unter den natürlichen Preis; die zu niedrigen Preise können sich nicht so lange halten wie die zu hohen, weil sie den Produzenten zwingen, sein Kapital einem anderen Produktionszweige zuzuwenden.

Die drei Leistungen, die vom Erlös aus der verkauften Ware zu bestreiten sind, werden nun einzeln besprochen. Zunächst der Arbeitslohn. Ursprünglich, wiederholt Smith, ist das ganze Arbeitsprodukt weiter nichts als die natürliche Vergeltung der Arbeit, also Arbeitslohn. Solange noch kein Kapital [im Sinne von Kapitalbesitz] und kein Grundeigentum [über die vom Besitzer eigenhändig bebaute Fläche hinaus) vorhanden ist, gehört das ganze Produkt dem Arbeiter; weder mit einem Kapitalisten noch mit einem Grundherrn hat er es zu teilen. Wäre es dabei geblieben, so würde der Arbeitslohn mit jeder Verbesserung der Produktion gestiegen sein. Alle Produkte würden ungeheuer wohlfeil geworden sein, weil sie jetzt in weit kürzerer Zeit hergestellt werden, als ursprünglich, und diese allgemeine Wohlfeilheit würde allen Arbeitern – und andere selbständige Männer als Arbeiter gäbe es nicht – gleichmäßig zugute kommen; jeder würde sich durch mäßige Arbeit alle notwendigen, geziemenden und angenehmen Dinge verschaffen können. [So würde die Sache nicht verlaufen sein, weil der technische Fortschritt ausgeblieben wäre, der heute die Waren verbilligt. Ohne die Versklavung unserer deutschen Vorfahren durch die großen Grundherrschaften, die mit Arbeiterbataillonen Rodungen vornahmen und die rationelle römische Landwirtschaft in Gallien fortführten, in Deutschland einführten, wäre der Ackerbau so primitiv geblieben, wie er noch heute in Rußland betrieben wird, und ohne große Fabrikanten wäre kein Maschinenzeitalter angebrochen: Lokomotiven kann der kleine Schlosser nicht bauen.] Es ist überflüssig, fährt Smith fort, sich auszumalen, wie dann alles geworden sein würde, denn es ist eben anders gekommen; indem der Boden Privateigentum [weniger! Smith denkt an England] wurde und das Kapital sich häufte [soll heißen: die Kapitalgegenstände in den Besitz verhältnismäßig Weniger gerieten], nahm dieser Zustand schon ein Ende, ehe die wichtigsten Verbesserungen der Produktion eintraten. Seitdem hat der Arbeiter sein Produkt mit dem Grundbesitzer und dem kapitalistischen Unternehmer zu teilen. »Nur selten kommt es vor, daß der Pflüger genug hat, davon bis zur Ernte leben zu können; der Pächter [die englischen Landwirte sind bekanntlich fast allesamt Pächter der großen Landlords und rangieren dem Ertrage ihrer Güter nach mit unseren Domänenpächtern und Rittergutsbesitzern] muß ihm seinen Unterhalt in Gestalt von Arbeitslohn vorstrecken; was dieser nicht tun würde, wenn er nicht vom Arbeitsprodukt so viel für sich abziehen könnte, daß ihm außer der wiedererstatteten Auslage noch ein Profit bliebe.« So hat der Arbeiter zwei Abzüge zu erleiden: Grundrente und Pächtergewinn. [Bei uns in Deutschland, wo wir Gott sei Dank noch kleine bäuerliche Besitzer haben, ist der Fall gar nicht selten, daß der Pflüger bis zur Ernte zu leben hat, und ihm niemand etwas vorzustrecken braucht.] Und ähnlich ists meistens im Gewerbe.

Die Höhe des Lohnes, heißt es weiter, hängt von einem Vertrage ab zwischen den beiden Parteien, deren Interessen keineswegs dieselben sind. Die Arbeiter wollen so viel wie möglich haben, die Unternehmer dagegen so wenig wie möglich geben; beide Teile sind beständig zu Koalitionen geneigt, jene, um den Arbeitslohn zu steigern, diese, um ihn zu drücken. »Es ist nicht schwer vorauszusehen, welche der beiden Parteien gewöhnlich im Vorteil sein und die andere zum Nachgeben zwingen wird. Die Meister [damals waren die Fabrikanten noch große Zunftmeister] können sich weit leichter verabreden, weil ihrer wenige sind, und zudem berechtigt sie das Gesetz zu Verabredungen, oder verbietet ihnen wenigstens solche nicht, während es die der Lohnarbeiter verbietet. Keine Parlamentsakte verbietet Koalitionen zur Erzwingung niedriger Löhne, viele verbieten die zum Zweck der Lohnerhöhung gestifteten Koalitionen. Und die Meister haben es, länger auszuhalten. Ein Grundherr, ein Pächter, ein Kaufmann, ein Manufakturist kann ein Jahr, zwei Jahre von seinem Vermögen leben, ohne einen einzigen Arbeiter zu beschäftigen; viele Arbeiter können ohne Beschäftigung nicht eine Woche, wenige können so einen Monat, kaum einer kann ein Jahr bestehen. Auf die Länge mögen die Arbeiter dem Brotherrn so unentbehrlich sein wie dieser ihnen ist, aber diese Notwendigkeit macht sich nicht sogleich fühlbar. Man hat wohl gesagt, von Koalitionen der Prinzipale vernehme man selten etwas, dagegen sehr oft von denen der Arbeiter. Aber wer sich daraufhin einbildet, daß die Prinzipale sich wirklich selten koalierten, der kennt die Welt und den vorliegenden Gegenstand nicht. Zwischen den Prinzipalen besteht immer und überall ein stillschweigendes, aber beständiges und gleichmäßiges Einverständnis, den Arbeitslohn nicht über seinen gegenwärtigen Stand steigen zu lassen. Verletzt einer dieses Einvernehmen, so gilt das bei seinen Standesgenossen als ein Makel und macht ihn unbeliebt. Wir hören selten von einem solchen Einvernehmen, weil es der hergebrachte und sozusagen natürliche Zustand ist. Zuweilen aber treffen die Prinzipale noch ein besonderes Abkommen, den Lohn unter den gegenwärtigen Stand herabzusetzen. Ein solches Abkommen wird immer streng geheim gehalten bis zum Augenblick der Ausführung, und wenn sich die Arbeiter, was manchmal geschieht, dem für sie sehr empfindlichen Abzug fügen, so erfährt die übrige Welt nichts von dem Vorgänge. Häufig aber organisieren sich die Arbeiter zum Widerstand gegen die Unternehmerkoalition, oder koalieren sich wohl auch ohne Herausforderung, um eine Lohnerhöhung durchzusetzen, mit der Begründung, daß die Lebensmittel zu teuer, oder daß die Unternehmerprofite übermäßig hoch seien. Um die Sache rasch zu Ende zu bringen, versuchen sie es mit lautem Lärm, und manchmal mit gewalttätigen Ausschreitungen. Sie sind verzweifelt und handeln mit der Tollheit von Verzweifelten, »die verhungern müssen, wenn es ihnen nicht gelingt, die Brotherren durch Schrecken zum augenblicklichen Nachgeben zu bewegen. Die Brotherren erheben in solchen Fällen ein nicht weniger lautes Geschrei, rufen die Obrigkeit zu Hilfe und fordern die strengste Anwendung der Gesetze, welche die Koalitionen von Gesinde, Lohnarbeitern und Tagelöhnern verbieten. Und so erreichen denn die Arbeiter selten etwas mit ihren lärmenden Ausständen; die Behörden schreiten ein, die Brotherren geben nicht nach, sie selbst sehen sich durch Not zum Nachgeben gezwungen, und so hat denn das Wagnis keinen anderen Erfolg als die Bestrafung oder den Ruin der Rädelsführer.« Seitdem sind in England wie bei uns die Koalitionsverbote aufgehoben worden; demungeachtet verläuft der Kampf zwischen Kapital und Arbeit in aller Welt noch heute so, wie ihn Smith beschrieben hat.

Obwohl also, fährt er fort, die Unternehmer im allgemeinen die Oberhand behalten, gibt es doch eine Grenze, unter die sie den Arbeitslohn nicht dauernd hinabdrücken können. Der Lohn muß mindestens so hoch sein, daß vom Arbeitsverdienste des Mannes und der Frau außer ihnen selbst noch vier Kinder leben können. Denn da die Hälfte der Arbeiterkinder in den ersten Lebensjahren stirbt, so müssen von jedem Ehepaare durchschnittlich mindestens vier Kinder erzeugt werden, wenn die Arbeiterbevölkerung nicht aussterben soll. Bei den schottischen Hochländern bringe eine Mutter manchmal zwanzig Kinder zur Welt, von denen sie nicht zwei am Leben erhalte. Nirgends sehe man mehr schöne Kinder, als in der Nähe von Soldatenbaracken, aber »mehrere erfahrene Offiziere haben mich versichert, daß sie weit entfernt davon, ihre Regimenter aus den Soldatenkindern rekrutieren zu können, mit solchen nicht einmal ihr Trommler- und Pfeiferchor vollzählig erhalten können.« Umstände können das Arbeitereinkommen über das »mit der Humanität gerade noch verträgliche« Existenzminimum erhöhen. Diese Umstände finden sich jedoch nur in fortschreitenden Ländern zusammen. Nicht die reichsten, sondern die reich werdenden Länder zahlen den höchsten Arbeitslohn. China sei ein sehr reiches Land, aber das Arbeiterelend sei dort entsetzlich. England sei reicher als Nordamerika, aber der Arbeitslohn stehe dort bei spottbilligen Lebensmitteln höher als in England. Den Hauptgrund des Unterschieds deutet Smith zwar an, hebt ihn aber nicht genügend hervor. China ist übervölkert, in Nordamerika war damals noch kostenloser Boden in unbegrenzter Ausdehnung zu haben, und England stand in dieser Beziehung mitten inne. Damit ist der Malthusianismus schon gerechtfertigt – nicht in seiner bekannten Formulierung, sondern nur im Prinzip – und Smith spricht ihn ausdrücklich aus in den Sätzen: Jede Tiergattung vermehrt sich im Verhältnis zu ihren Unterhaltsmitteln und kann sich nicht darüber hinaus vermehren. In einer zivilisierten Gesellschaft unterliegen jedoch nur die unteren Klassen diesem Gesetz. Wenn der Arbeitslohn unter das Maß dessen sänke, was erfordert wird, die Nachfrage nach Arbeitern zu befriedigen, so würde diese Nachfrage nach Händen ihn erhöhen. Und wenn er dauernd höher stiege, so würde ihn die übermäßige Vermehrung der Arbeiterbevölkerung wieder hinabdrücken. »Wie reichliche Belohnung der Arbeit die Wirkung zunehmenden Volkswohlstandes ist, so ist sie auch dessen Kennzeichen. Dürftiges Einkommen der labouring poor ist das Kennzeichen der Stagnation, und Hungerelend das Zeichen des Rückgangs.« Smith sucht nachzuweisen, daß in England der Arbeitslohn dermalen über dem Existenzminimum stehe, und weist mit edler Entrüstung die Behauptung gewisser Interessenten zurück, daß hoher Arbeitslohn die Arbeiter nur liederlich und faul mache. Das komme wohl in einzelnen Fällen vor, im allgemeinen aber sei das Gegenteil die Regel. Ein gut genährter, kräftiger und gesunder Arbeiter, den die Hoffnung belebe, durch guten Verdienst zu einigem Wohlstand zu gelangen, arbeite selbstverständlich besser als ein schwacher, mut- und hoffnungsloser. Es sei eine ganz allgemeine Erfahrung, daß sich die Leute bei gutem Stücklohn überarbeiteten. Das sei die Ursache, daß die Londoner Zimmerleute nicht länger als acht Jahre bei voller Kraft blieben; und obwohl Soldaten wahrlich nicht die fleißigsten Arbeiter seien, hätten sich die englischen Offiziere veranlaßt gesehen, beim Verdingen von Soldaten an Unternehmer, die guten Stücklohn zahlten, im Vertrage auszumachen, daß der Verdienst eine gewisse Höhe nicht übersteigen dürfe. Natürlich suche der Unternehmer so viel wie möglich zu sparen, und so dränge ihn die durch Mangel an Arbeitern bewirkte Erhöhung der Arbeitslöhne, die Maschinerie zu verbessern, um mit weniger Arbeitern auszukommen. Daß die Verbesserung der Lage der unteren Klassen nicht ein Schaden, sondern ein Vorteil für die Gesellschaft sei, müsse jedermann auf den ersten Blick erkennen. »Gesinde und Lohnarbeiter machen den größten Teil der Bevölkerung jedes Staates aus, und was die Lage des größeren Teils verbessert, kann unmöglich ein Schaden fürs Ganze sein. Wie könnte ein Gemeinwesen blühen und glücklich sein, wenn die Mehrzahl seiner Mitglieder arm und elend wäre? Zudem ist es billig, daß die Leute, welche die Gesamtheit des Volkes mit Nahrung, Kleidung und Wohnung versehen, von ihrem Arbeitsprodukt so viel bekommen, daß sie selbst leidlich genährt, gekleidet und behaust sind.« Rogers bemerkt, ein Volk sei wirtschaftlich verloren, wenn sich sein Arbeiterstand darein ergeben habe, von den wohlfeilsten und schlechtesten Nahrungsmitteln zu leben; in diesem Fall sei allerdings Hungersnot das einzige Mittel gegen Übervölkerung.

Hierauf wird untersucht, nach welchen Gesetzen der zweite Bestandteil des Warenpreises, der Kapitalertrag, auf und ab schwankt. Die Höhe des durchschnittlichen Unternehmergewinns für verschiedene Zeiten und Orte zu ermitteln, sei schwierig bis zur Unmöglichkeit. Dagegen lasse sich der landesübliche Zinsfuß für verschiedene Zeiten ziemlich genau angeben, und von diesem lasse sich auf jenen schließen. Es wird also bei dieser Gelegenheit darauf aufmerksam gemacht, daß sich in den Kapitalgewinn häufig zwei Personen, der Kapitalbesitzer und der Unternehmer, die nicht immer zusammenfallen, zu teilen haben. An der Hand der geschichtlichen Erfahrung wird nun gezeigt, daß es besonders zwei Umstände sind, die auf die Erniedrigung des Zinsfußes hinwirken: die gesetzliche Sicherung der Ansprüche des Gläubigers und der zunehmende Reichtum. Jene fehlt in barbarischen und halbbarbarischen Staaten, wo keine Behörde dem Gläubiger zu seinem Gelde verhilft, wenn der Schuldner sein Versprechen nicht halten will oder kann. Sie fehlt auch in solchen zivilisierten Staaten, die das Zinsnehmen gesetzlich verbieten oder einschränken. Deshalb war in Europa unter der Herrschaft des kanonischen Zinsverbots und ist noch heute im Orient der Zinsfuß übertrieben hoch. Nach Aufhebung der Zinsverbote und Wuchergesetze und Erlassung von Gesetzen, die den Gläubiger sicherstellen, sinkt er von selbst, weil nach Beseitigung des Risikos und der Unehre auch die vorsichtigen und anständigen Kapitalbesitzer ihr Geld auf den Markt werfen. Aus demselben Grunde sinkt der Zinsfuß bei wachsendem Kapitalreichtum; die Kapitalisten machen dann einander gerade so Konkurrenz, wie bei wachsender Bevölkerung die Arbeiter. Zu Smiths Zeit war Holland das reichste Land, und dort zahlte der Staat zwei, der kreditwürdige Privatmann drei Prozent. Auf Holland folgte England mit drei bis viereinhalb, dann Frankreich, wo der Staat vergebens eine Ermäßigung zu erzwingen suchte, mit fünf bis sechs Prozent. In einem sehr reichen Lande, sagt Smith, fällt der Zinsfuß so tief, daß nur die allerreichsten Leute von ihren Interessen leben können, alle bloß wohlhabenden aber arbeiten müssen, wenn sie nicht ihr Kapital aufzehren wollen. So sei es zurzeit in Holland; ein Mensch, der nicht arbeitet, falle dort so auf wie anderwärts ein Unbekleideter oder im Feldlager ein Zivilist. Die Erwerbung neuer Gebiete und die Schaffung neuer Produktionszweige, die beide Kapital erfordern, pflegen den sinkenden Zinsfuß reicher Länder von Zeit zu Zeit zu heben. [Außerdem die Kriege und Kriegsanleihen und in unseren Tagen die Kriegsrüstungen.] Das Verhältnis zwischen Kapitalzins und Unternehmergewinn schwankt natürlich; Smith hält es für normal, wenn der Geldverleiher und der Unternehmer jeder die Hälfte des ganzen Gewinns bekommen. Hoher Unternehmergewinn und Zins erhöhe natürlich ebenso wie hoher Arbeitslohn den Warenpreis. »Unsere Kaufleute und Fabrikanten klagen viel über die nachteilige Erhöhung des Warenpreises durch hohen Arbeitslohn, die den Absatz ihrer Erzeugnisse erschwere, aber sie sagen nichts davon, daß auch hoher Unternehmergewinn diese Wirkung übt. Den Schaden, den ihr eigener Profit anrichtet, verschweigen sie, nur über den schädlichen Gewinn anderer führen sie Klage.«

Bei vollkommen freiem Verkehr, fährt Smith fort, würden sich die Verschiedenheiten der Unternehmergewinne und Arbeitslöhne auf das vollkommenste ausgleichen; stände es jedermann vollkommen frei, sich seine Beschäftigung zu wählen und sie so oft zu wechseln als ihm beliebt, so würde sich ein jeder jederzeit der Beschäftigung zuwenden, die im Augenblick den höchsten Gewinn abwirft; durch das Zuströmen von Konkurrenten würde dieser höhere Gewinn bald wieder auf den Durchschnitt der Gewinne in den übrigen Geschäftszweigen herabgedrückt werden, und solchergestalt das Durchschnittsniveau immer erhalten bleiben. Die von Hertzka begründete sozialliberale Schule hat dieses Gesetz des steten Abflusses der Bevölkerung nach den Orten und Gewerben des minderen Drucks – hoher Gewinn oder Arbeitslohn bedeutet geringen Druck – zur Grundlage ihrer Theorie gemacht. Sie übersieht, daß der Mensch nicht immer eine bloße Gelderwerbmaschine ist, auch nicht ein Wassertropfen, der willenlos den Gesetzen des Druckes und der Schwere folgt, sondern sehr oft eine Persönlichkeit, eine Individualität, die sich durch eigentümliche Begabung, durch Neigungen, Gewohnheiten, Anhänglichkeit von anderen menschlichen Individuen unterscheidet. Ohne Zweifel gibt es Menschen vom Wassertropfentypus, Menschen, denen es gleichgültig ist, ob sie Maschinen, Schuhwichse, Damenhüte oder Zeitungsartikel fabrizieren, ob sie dieser oder jener Partei dienen, an diesem oder an jenem Ort, im Vaterlande oder im Auslande leben, wenn sie nur Geld verdienen, nicht an der väterlichen Scholle kleben, und die sich als Diener durch kein Band der Anhänglichkeit gefesselt fühlen, sondern fortlaufen, sobald ihnen in einem anderen Dienst ein paar Mark Lohnerhöhung winken. Es scheint auch, daß die Zahl der Menschen von diesem Typus wächst; indes eine Erhöhung des Typus Mensch und eine Vervollkommnung der menschlichen Zustände vermögen wir darin nicht zu sehen. Im großen und ganzen wirkt ja das Gesetz der kommunizierenden Röhren in der Gesellschaft, aber nicht ohne die angedeuteten Hemmungen.

Smith läßt seiner Regel fünf Ausnahmen folgen, die, obwohl sie das angedeutete ethische Gegengewicht gegen das soziale Gesetz der Niveauausgleichung noch gar nicht berühren, doch die Regel schon beinahe aufheben. Gewisse Umstände, führt er aus, entschädigen für einen niedrigen Lohn in manchen Gewerben, und andere Umstände wiegen den hohen Lohn auf, der in anderen Gewerben gezahlt wird. 1. Unangenehme, lebensgefährliche, ungesunde, übermäßig anstrengende Beschäftigungen müssen höher bezahlt werden als angenehme. Daher wird der Maurer z. B. meistens höher bezahlt als der Zimmermann. Das Jagen, das bei uns ein nobles Vergnügen geworden ist, wird gar nicht, die abscheuliche Arbeit des Henkers sehr hoch bezahlt. Lebensgefahr wirkt unter Umständen nicht abschreckend, sondern anziehend: mutige junge Leute drängen sich zu gefährlichen, besonders kriegerischen Unternehmungen und Abenteuern. 2. Müssen die Gewerbe höheren Lohn bringen, die schwierig zu erlernen sind oder die eine kostspielige Vorbereitung fordern. 3. Pflegt man den sicheren Verdienst einem unsicheren vorzuziehen; dieser Umstand erhöht die Löhne der Bauarbeiter, und zwar wiederum die der Maurer mehr als die der Zimmerleute. 4. Muß der Lohn um so höher sein, je mehr Zuverlässigkeit von der Person gefordert wird, die das Gewerbe betreibt. Dem Arzte vertrauen wir unser Leben, dem Advokaten unsere Rechtsansprüche und unsere Ehre, dem Juwelier unsere Kostbarkeiten an. Den Grad von Zuverlässigkeit und Ehrenhaftigkeit, den dieses Vertrauen fordert, meint Smith, könne man bei Personen niederen Standes nicht voraussetzen; deshalb müsse den Mitgliedern der genannten drei Berufsstände ein Arbeitslohn gewährt werden, der ihnen den angemessenen gesellschaftlichen Rang sichert. Diese Begründung beruht auf einer Ansicht, die sehr alt ist, denn die Reichen haben sich immer für die Besten gehalten und darum Aristokraten genannt, die aber erst durch die moderne englische respectability zum gesellschaftlichen Dogma geworden ist. Nach diesem Dogma gilt jeder Reiche für einen Ehrenmann, solange ihm nicht das Gegenteil bewiesen ist, jeder Arme aber für moralisch minderwertig und verdächtig. Ein fünfter Umstand, der sogar überfüllten Berufen Anwärter zuführt, besteht in dem, was wir heute die Chancen nennen. Laßt einen Jungen Schuster werden, schreibt Smith, und ihr seid sicher, daß er Schuhe machen lernen und sein Brot finden wird. Laßt ihn Jura studieren, und es ist zwanzig gegen eins zu wetten, daß Zeit und Geld verloren sein werden; denn von zwanzig Studenten bringt es nach Aufwendung ungeheurer Kosten immer nur einer so weit, daß er sich mit 40 Jahren als Advokat eine Kundschaft begründet hat. Das juristische Studium ist also ein Lotteriespiel, und die Lotterie ist nicht einmal reell; wäre sie es, dann müßte der Advokat nicht allein das Einkommen beziehen, das für die aufgewendeten Mühen und Kosten entschädigt, sondern außerdem auch noch das Einkommen der neunzehn, die Nieten gezogen haben; aber daran ist nicht zu denken. Immerhin ist der Advokat ein angesehener Mann und verdient ein schönes Geld. Eben deswegen drängen sich die Söhne wohlhabender und vornehmer Eltern zu diesem Fache, denn jeder einzelne hat ein so unbegrenztes Vertrauen zu seiner Begabung und ein noch unbegrenzteres Vertrauen zu seinem Glück, daß er sich einbildet, er werde der Gewinner in dieser Lotterie sein. Das Genie, meint Smith, müsse mit dem Ruhme statt des Geldes vorlieb nehmen; beim Arzte und Advokaten mache er einen Teil des Lohnes, in der Philosophie und der Poesie so ziemlich den ganzen und einzigen Lohn aus. Von der Philosophie, soweit sie nicht von besoldeten Professoren betrieben wird, gilt das noch heute, nicht jedoch von der Poesie, vorausgesetzt, daß unsere renommierten Dramen- und Romanfabrikanten zu den Dichtern gerechnet werden. Manche angenehme Talente, heißt es weiter, erzielen hohen Geldlohn, weil sie auf einer seltenen Naturgabe [wie die Kehle der Patti eine ist] beruhen, oder weil mit ihrer Ausübung eine Art Preisgebung der Person verbunden ist, die ihr Handwerk verächtlich macht; es gelte das von den Schauspielern, Opernsängern und Tänzerinnen. [Darin ist seitdem ein Wandel; wenn auch kein vollständiger, der öffentlichen Meinung eingetreten.] Den Kapitalzins berührten von diesen fünf Umständen nur zwei: die Annehmlichkeit oder Unannehmlichkeit des Gewerbes und die größere oder geringere Sicherheit; deshalb hielten sich die Kapitalgewinne der verschiedenen Erwerbszweige weit mehr auf einem gleichmäßigen Niveau als die Arbeitslöhne. Und die Lohnunterschiede, wird weiter ausgeführt, bedeuten noch keine Verschiedenheit der Gesamtlage, da ja der höhere Lohn durch Nachteile, der niedrigere durch Vorteile ausgeglichen wird. Außerordentliche Verhältnisse jedoch können dieses Gleichgewicht stören. Neue Gewerbe müssen durch außergewöhnlich hohe Löhne Arbeiter anlocken, außergewöhnliche Nachfrage nach Händen in einem Gewerbe steigert den Lohn, und wer eine Arbeit bloß um eines Nebenverdienstes willen verrichtet, wie der Ackerstellenbesitzer, der mitunter tagelöhnert, begnügt sich gewöhnlich mit einem geringeren als dem normalen Lohne. Der Umstand, daß der Londoner Geschäftsmann ein ganzes Haus mieten müsse und ein paar Zimmer darin zu vermieten pflege, bewirke, daß die Hausrente höher und die Zimmermiete wohlfeiler sei als in Paris oder in Edinburgh.

Das also seien die in der Natur der Gewerbe selbst liegenden Umstände, die auch bei vollkommener Gewerbefreiheit den Ausgleich der Löhne und Kapitalgewinne verhindern würden. Außerdem aber wirke noch die Politik der Regierungen ein, welche den natürlichen Lauf der Dinge störten und zunächst durch gesetzliche Einrichtungen, namentlich durch die Innungsprivilegien, die Konkurrenz zu beschränken pflegten. In England war z. B. die Lehrzeit auf sieben Jahre festgesetzt, und wie scheußlich diese Lehrlinge genannten unbezahlten Arbeiter ausgebeutet worden sind, haben wir aus Brentanos Geschichte der englischen Gewerkvereine erfahren. Gegen diese und ähnliche Freiheitsbeschränkungen schleudert Smith seinen berühmten Protest: »Wie das Eigentum, das jedermann in seiner eigenen Arbeit [kraft] besitzt, die Quelle jedes anderen Eigentums ist, so ist es auch das heiligste und unverletzlichste. Die Kraft und Geschicklichkeit seiner Hände ist das einzige Erbteil des Armen; hindert man ihn, diese Kraft und Geschicklichkeit in der ihm am geeignetsten scheinenden Weise ohne Beeinträchtigung seiner Nebenmenschen anzuwenden, so verletzt man dieses heiligste Eigentum. Sowohl die Freiheit des Arbeiters wie die des Unternehmers, der ihn verwenden möchte, wird dadurch vergewaltigt. Das Urteil darüber, ob der Arbeiter für die Verwendung geschickt sei, mag man ruhig dem Unternehmer überlassen, der allein dabei interessiert ist. Die vorgeschützte Besorgnis der Gesetzgeber, die Unternehmer möchten ungeeignete Personen verwenden, ist so unverschämt wie tyrannisch.« Weiterhin sagt er: »Lange Lehrlingsschaft ist ganz unnötig. Auch solche Gewerbe, die wie die Uhrmacherei hoch über den gewöhnlichen stehen, enthalten keine Geheimnisse, die man nur durch langen Unterricht bewältigen könnte. Die erste Erfindung solcher schönen Maschinen und auch die mancher zu ihrer Herstellung erforderlichen Werkzeuge hat ohne Zweifel tiefes Nachdenken und großen Zeitaufwand gekostet. Aber nachdem beide erfunden und begriffen sind, gehören nur wenige Wochen, vielleicht nur wenige Tage Unterricht dazu, einem jungen Manne zu erklären, wie er die Werkzeuge zur Herstellung der Maschinen zu handhaben hat. In den leichteren Handwerken genügen sicherlich wenige Tage. Die Handfertigkeit freilich kann auch in diesen nur durch längere Übung erworben werden; aber der junge Mann würde sich viel fleißiger und aufmerksamer üben, wenn er von Anfang an als Lohnarbeiter behandelt und nach Maßgabe seiner geringen Leistungen bezahlt würde, und seinerseits das durch Ungeschicklichkeit oder Unaufmerksamkeit verdorbene Material ersetzen müßte.« Smith unterschätzt die Notwendigkeit eines geordneten längeren Unterrichts in demselben Grade, wie sie der Handwerker zu überschätzen pflegt. Die Überschätzung ist oft nur scheinbar und soll die bekannten selbstsüchtigen Zwecke decken, um deren willen eine möglichst lange Lehrzeit gefordert wird. Vor allem muß man unterscheiden: Es gibt Gewerbe, z. B. das Gastwirtgewerbe, in denen gar keine Lehrzeit nötig ist und tatsächlich weder unterrichtet noch unterwiesen wird, und andere, wie das der Mechaniker und Optiker, in denen vier Jahre zu einer vollkommenen Ausbildung noch nicht genügen. Smith fährt fort: Der Meister würde allerdings verlieren – nämlich die Arbeit, die ihm der Lehrling sieben Jahre lang umsonst liefern muß, und vielleicht würde auch der Lehrling verlieren, denn der leichte Zugang zu dem Gewerbe würde seine Konkurrenten vermehren und seinen Lohn drücken, und derselbe Umstand würde die Meister schädigen. Aber das Publikum würde durch die Verbilligung aller Waren gewinnen. Ja, wer ist denn das Publikum? In der Stadt, wie sie vor hundert Jahren war, und wie sie hie und da heute noch ist, besteht es größtenteils aus Handwerksmeistern. Der Bäcker versorgt den Schuster, der Schuster den Bäcker. Von einem Gewinn des Publikums kann also nur dann die Rede sein, wenn entweder die Verbilligung der Waren sich auf einzelne Gewerbe beschränkt, oder wenn mit dem Publikum der Teil der Bevölkerung gemeint ist, der keine städtischen Gewerbe treibt, das sind die Beamten, die Akademiker, die Landwirte. In Smiths Zeit waren nur die letzten in ansehnlicher Zahl vorhanden, und sie meint er mit dem Publikum. Bisher sei das Land beim Austausch seiner Erzeugnisse mit städtischen von den Gewerbetreibenden immer übervorteilt worden, wie schon der Umstand beweise, daß man nur im städtischen Gewerbe, nicht als Landwirt, reich werden könne. Den Städtern sei das infolge der Gunst ihrer Lage gelungen. Da sie auf einem Haufen beisammen wohnten, könnten sie leicht geschlossene Vereinigungen bilden, hätten sich demgemäß als Korporationen organisiert, und nicht zufrieden damit wüßten sie eine Konkurrenz, der sie auf gesetzlichem Wege nicht beizukommen vermöchten, durch private Verabredungen sich vom Leibe zu halten. »Leute desselben Gewerbes kommen selten, sei es auch zu einem Vergnügen, zusammen, ohne daß ihre Unterhaltung in eine Verschwörung gegen das Publikum ausläuft.« Die Landleute, die weit zerstreut wohnen, könnten sich nicht verschwören. Nicht allein hätten sie keine Zünfte, sondern sie seien auch vom Zunftgeiste frei geblieben. Niemals sei für die Landwirtschaft ein Lehrlingsgesetz notwendig befunden worden, und doch gebe es, von den schönen Künsten und den akademischen Berufen abgesehen, kein anderes Gewerbe, das so viele und so mannigfache Kenntnisse und Fertigkeiten erforderte. Aus all den unzähligen Bänden, die darüber geschrieben worden seien, könne man es nicht erlernen, während sich ein Handwerk aus einer wenige Seiten umfassenden und mit Zeichnungen verdeutlichten Schrift ganz gut erlernen lasse. Nicht allein die Leitungsarbeit des Landwirts, sondern auch manche untergeordnete Verrichtung, meint Smith, erfordert mehr Kunstfertigkeit und Erfahrung, als die meisten Handwerke. Der Mann, der Messing und Eisen bearbeitet, hantiert mit Instrumenten und Materialien, die immer so ziemlich dieselbe Beschaffenheit haben. Der Mann dagegen, der mit Pferden und Ochsen den Boden pflügt, arbeitet mit Instrumenten, die je nach Gesundheit, Kraft und Temperament sehr verschieden sind. Der Pflüger wird für roh und unwissend gehalten, weil er sich die Umgangsformen und die Redegewandtheit des Städters nicht anzueignen vermag; in Wirklichkeit ist er, weil er es mit einer viel größeren Fülle der mannigfachsten Gegenstände und Verrichtungen zu tun hat, an Verstand und Urteil dem städtischen Arbeiter weit überlegen, der immer bloß dieselben paar Handgriffe zu wiederholen braucht. »Wie sehr die unteren blassen der ländlichen Bevölkerung denen der städtischen überlegen sind, weiß jeder, der von Berufswegen oder um seine Wißbegier zu befriedigen mit beiden verkehrt.« Rogers bemerkt hierzu, daß seitdem die landwirtschaftlichen Arbeiter stupider, die gewerblichen intelligenter geworden sind. Dieser hat sich eben der soziale Fortschritt angenommen, auf dem Lande dagegen sind die Reste der bäuerlichen Bevölkerung verschwunden, und es gibt nur noch kapitalistische Pächter und proletarische Lohnarbeiter.

Auf dreierlei Weise hat, sagt Smith, die europäische Politik den natürlichen Ausgleich der Vorteile und Nachteile der verschiedenen Gewerbe verhindert: sie hat die Zahl der Konkurrenten künstlich beschränkt, eben durch die Zunftgesetze. Zweitens hat sie in einigen Gewerben die Zahl der Konkurrenten künstlich vermehrt. Das ist besonders im geistlichen Stande der Fall gewesen. Die Stipendien und sonstigen Unterstützungen der Theologie Studierenden haben diesem Stande solche Massen zugeführt, daß jetzt mancher Seelsorggeistlicher in England nicht mehr als zwanzig Pfund bekommt, während es mancher Londoner Schustergesell auf vierzig bringt. [Die Seelsorggeistlichen der englischen Hochkirche sind schlecht bezahlte Lohnarbeiter der gut dotierten Pfründner.] Auch hat dieses Stipendienwesen jene unglückliche Menschenrasse geschaffen, die man Literaten nennt, denn diese sind meistens verdorbene Theologen. Ähnlich ist es mit den Lehrern, die noch schlechter als jetzt bezahlt werden würden, wenn nicht der Abfluß in die Literatur die Konkurrenz verminderte. Im klassischen Altertum sind berühmte Lehrer sehr gut bezahlt worden. [Die übrigen desto schlechter oder auch gar nicht, denn sie waren zum Teil Sklaven.] Für das Publikum, meint Smith, sei es ja vorteilhaft, wenn man eine so nützliche Ware wie Kenntnisse wohlfeil haben könne; freilich taugten die Schulen in ganz Europa nicht viel. Drittens hindere die europäische Politik die freie Zirkulation von Kapital und Arbeit aus einem Gewerbe ins andere, und zwar in ganz Europa durch die Zunftgesetze, in England außerdem noch durch die Armengesetze, die den Unterstützungswohnsitz regelten, was zur Folge habe, daß die Gemeinden von auswärts anziehenden Armen die Niederlassung verwehrten, so daß die Arbeiter nicht imstande seien, Arbeit zu suchen, wo sie welche zu finden hoffen könnten.

Die Landrente, der dritte Bestandteil des Tauschwerts der Waren, ist nach Smith die Bezahlung, die der Landlord vom Pächter für die Benutzung des Bodens fordert. Er sucht so viel herauszuschlagen, daß diesem vom Bruttoertrag nur bleibt, was zum Betrieb nötig ist: zur Instandhaltung des Inventars an Vieh und Werkzeugen, zum Kauf von Saatgut, zur Bezahlung der Arbeiter, und so viel Kapitalprofit, als die Pächter der Nachbarschaft durchschnittlich erzielen. Manchmal steckt in der Grundrente auch eine Bezahlung der durch Melioration auf den Boden verwendeten Arbeit; doch ist das nicht das Wesen der Rente; solche wird auch für ganz wüstes Land gefordert, ja sogar für Land, das gar keinen Ertrag bringt. Um die Fischerei in den Gewässern der Shetlandsinseln betreiben zu können, müssen die Fischer eine Wohnung dort haben; für die Erlaubnis, eine Hütte zu bauen, müssen sie dem Grundherrn Zins entrichten. Es sei das, meint Smith, einer der wenigen Fälle, wo in dem Preise der Ware Seefisch Grundrente stecke. Bekanntlich hat Ricardo erklärt, die Menschen fingen überall mit der Bebauung des besten Bodens an, und dieser werfe erst dann Rente ab, wenn die Volkszunahme zum Anbau des nächst schlechten zwinge, dieser hinwiederum bringe Rente, sobald noch schlechterer angebaut werde und so fort. Rogers hebt hervor, daß vor Ricardo Anderson, und vor Anderson Turgot diese Theorie aufgestellt habe, und erklärt sie für falsch. Das ist sie denn auch. Der Anbau fängt nicht immer auf dem besten Boden an, freilich auch nicht, wie ebenfalls übertreibend Carey gelehrt hat, immer auf dem schlechtesten; es hängt von vielerlei Umständen ab, wo der Anbau beginnt, und guter Boden kann mit der Zeit schlecht, schlechter gut werden. Grundrente entsteht auf allerlei Boden, sobald bei wachsender Bevölkerung durch Absatz der Bodenprodukte im In- und Auslande so viel gewonnen wird, daß vom Ertrage einer gepachteten Wirtschaft zwei leben können, der Besitzer und der Pächter, und die Rente steigt einmal durch weiteren Bevölkerungszuwachs und hierdurch gesteigerten Produktenpreis, zum anderen durch den Fortschritt der landwirtschaftlichen Technik, der bewirkt, daß der Mehrertrag den durch die Verbesserungen verursachten Kostenaufwand übersteigt. Smiths Ansicht ist also die richtige, wenn auch ihre Ausführung im einzelnen, auf die wir nicht eingehen können, ihre Mängel hat.

Er teilt die Bodenprodukte ein in solche, die immer Rente abwerfen, und in solche, die das nur unter gewissen Bedingungen tun. Die Produkte der ersten Klasse sind die menschlichen Nahrungsmittel. Er untersucht, wie sich die Gewinne von Getreidebau und Viehzucht unter verschiedenen Verkehrs- und Marktverhältnissen zueinander verhalten, und findet, daß im allgemeinen die Höhe der von der Viehweide stammenden Rente durch die des Kornlandes reguliert wird. Weiter wird untersucht, wie es sich mit Hopfen, Obst, Gemüse, Wein, Zucker, Tabak, Reis verhält. In einer Betrachtung über den Nährwert der verschiedenen Volksnahrungsmittel teilt er einige merkwürdige Beobachtungen mit, die er gemacht hat. Die Leute der unteren Volksklassen in Schottland, die sich von Hafermehl nährten, seien weder so stark noch so schön wie ihre Weizenbrot essenden Standesgenossen in England; die Iren aber nährten sich nur von Kartoffeln, und trotzdem seien die Kohlenauslader in London die stärksten Männer und »die unglücklichen Personen, die von Prostitution leben,« die schönsten Weiber im ganzen britischen Reiche, und beide seien Iren. [Den Einfluß der Rassenunterschiede auf die Körperbeschaffenheit der Menschen zu beachten hatte man damals noch nicht gelernt.] Bei allem übrigen, was nicht Nahrungsmittel für Menschen ist, hängt es von Umständen ab, ob Rente dabei herauskommt. Diese Umstände, die Smith erörtert, lassen sich in dem Worte Kulturfortschritt zusammenfassen. Und zwar sind die Fortschritte in der Landwirtschaft die wichtigsten. Sobald das Land so viel erzeugt, daß außer der Familie des Bebauers noch eine zweite davon leben kann, die eine Handwerkerfamilie sein wird, kann der Bauer auch die Stoffe für Kleidung, Hausbau, Werkzeuge, die sein Boden trägt, verwerten, und je mehr der Boden trägt, je mehr Menschen davon leben können, je weiter demnach die Arbeitsteilung fortschreitet, je größer der dadurch geschaffene Reichtum wird, desto mehr Nachfrage nach allen Arten über- und unterirdischer, organischer und unorganischer Bodenschätze entsteht. Nahrung, schreibt Smith, macht nicht allein den wichtigsten Teil der Reichtümer dieser Erde aus, es ist auch der Überfluß an Nahrung, was vielen anderen Bestandteilen des Reichtums erst Wert verleiht. Den an Nahrungsmitteln armen Ureinwohnern von Cuba und San Domingo galt, als sie von den Spaniern entdeckt wurden, ihr Gold nicht mehr als Kieselsteine. Die fortschreitende Kultur vermehrt die Nahrungsmittelmenge, ermöglicht die Hingabe von Nahrungsmitteln für Gegenstände des Luxus, und verleiht so den Metallen, den Edelsteinen, den Bau- und Pflastersteinen, den Kohlenlagern Tauschwert.

In einer langen Untersuchung des Verhältnisses zwischen den Werten der beiden Hauptklassen von Rente abwerfenden Produkten wird eine Geschichte der Silber- und der Kornpreise gegeben, und in einer weiteren Untersuchung der Preissteigerung durch den Kulturfortschritt (vielmehr durch die Volkszunahme) je nach den verschiedenen Graden der Vermehrbarkeit verschiedener Bodenprodukte werden über die Rentabilität der Rindvieh-, Geflügel-, Schweinezucht, der Produktion von Häuten und von Wolle Betrachtungen angestellt, die zum großen Teil heute noch zutreffen, und die beweisen, wie viel Smith von den Landwirten der wissenschaftlichen Vereine, denen er angehörte, gelernt hat. Zuletzt wird hervorgehoben, daß der Kulturfortschritt den Preis der Manufakturwaren ebenso [durch die verbesserte Technik] erniedrigt, wie er den der Bodenerzeugnisse zu erhöhen die Tendenz hat [durch die Volkszunahme, die er ermöglicht; dieser Tendenz wirkt jede Erschließung und Bebauung von Neuland entgegen]. Der Schluß des 120 Seiten langen elften und letzten Kapitels des ersten Buches lautet: »Das Jahresprodukt von Boden und Arbeit eines Landes, oder was dasselbe ist, der Geldpreis dieses Produkts, teilt sich, wie gezeigt worden ist, in Landrente, Arbeitslohn und Kapitalprofit, und bildet demgemäß das Einkommen dreier Stände: der Grundbesitzer, der Lohnarbeiter und der Kapitalisten. Diese drei sind die Grundbestandteile jeder zivilisierten Gesellschaft, und aus ihrem Einkommen fließt das aller übrigen Stände. Das Interesse des ersten dieser drei Stände ist unlöslich mit dem Interesse der ganzen Gesellschaft verbunden. Was diese fördert oder schädigt, das fördert oder schädigt auch ihn, denn je nach dem Zustande der Gesellschaft fließt ihm ohne eigenes Bemühen eine höhere oder geringere Grundrente ganz von selbst zu. Darum können, wenn politische Fragen, namentlich Handelsfragen, beraten werden, die Grundbesitzer den Staat niemals aus Selbstsucht mißleiten. Freilich macht sie der Umstand, daß sie keiner eigenen Anstrengung bedürfen, auch sorglos, faul und unwissend, so daß sie die Tragweite politischer Maßregeln oft nicht zu übersehen vermögen. Ebenso unlöslich ist das Interesse der Lohnarbeiter mit dem Gesamtwohl verknüpft. Je höher der Wohlstand steigt, desto mehr steigt die Nachfrage nach Arbeitern und entsprechend der Arbeitslohn. Stagniert ein Land, so sinkt der Lohn des Arbeiters auf das Existenzminimum, das gerade hinreicht, seine Rasse zu erhalten. Beim Verfall des Landes sinkt der Lohn noch tiefer. Bei fortschreitendem Wohlstande mag der Grundherr mehr gewinnen als der Arbeiter, aber kein Stand leidet so grausam wie der Arbeiterstand beim Rückgang der Gesellschaft. Obwohl sich indes das Interesse des Arbeiters mit dem der Gesellschaft deckt, ist er doch unfähig, dieses Interesse und dessen Zusammenhang mit seinem eigenen zu verstehen. Er hat keine Zeit, sich darüber zu unterrichten, und hätte er sie, so würde er infolge seiner mangelhaften Erziehung die empfangenen Informationen gar nicht verstehen. Deshalb wird bei öffentlichen Erörterungen seine Stimme wenig gehört und noch weniger beachtet, ausgenommen in den Fällen, wo seine Brotherren ihn, nicht in seinem, sondern in ihrem eigenen Interesse, laut zu schreien anreizen. Diese Brotherren nun machen den dritten Stand aus. Der Kapitalprofit ist das, was den größten Teil nützlicher Arbeit in Bewegung setzt. Aber der Kapitalprofit steigt und fällt nicht, gleich der Grundrente und dem Arbeitslohn, mit dem Wohlstand der Gesellschaft. Er kann hoch sein in armen Ländern, und pflegt in verfallenden am höchsten zu sein. Dieses dritten Standes Interesse hängt also keineswegs innig mit dem der Gesellschaft zusammen. Da die Kapitalbesitzer: Kaufleute und Fabrikanten, ihr ganzes Leben mit Projektenmachen zubringen, so sind sie scharfsinniger und verstehen sie ihr eigenes Interesse besser, sind sie auch geübter darin, es wahrzunehmen, als die Landedelleute, und auch wenn sie, was nicht immer der Fall ist, ihr Urteil ganz ehrlich abgeben, wird man sich nur soweit darauf verlassen können, als es ihr eigenes Interesse betrifft. Nicht in der Beurteilung des öffentlichen, sondern in der ihres Standesinteresses sind sie dem Landedelmann überlegen, und diese Überlegenheit haben sie oft dazu gemißbraucht, den hochherzigen Grundherrn zu überreden, seinen eigenen Vorteil und den des Landes ihnen zu opfern, indem er sich überzeugen ließ, sie verstünden das Gemeinwohl besser als er. Aber das Interesse des Händlers ist immer von dem des Publikums verschieden und ihm in gewisser Beziehung entgegengesetzt. Er will den Markt erweitern und die Konkurrenz einschränken. Das erste kann auch fürs Publikum von Vorteil sein, das zweite niemals; Einschränkung der Konkurrenz setzt den Händler in den Stand, durch künstliche Erhöhung seines Profits seinen Mitbürgern eine unvernünftige (absurd) Steuer aufzulegen. Darum muß man jeden handelspolitischen Vorschlag, der von seiner Seite kommt, mit Mißtrauen aufnehmen, und darf ihm nur nach sorgfältigster Prüfung zustimmen; ein solcher Vorschlag kommt von einer Menschenart, deren Interesse niemals genau mit dem des Publikums zusammenfällt, die gewöhnlich ein Interesse daran hat, das Publikum zu täuschen und sogar zu bedrücken, und die es demgemäß bei vielen Gelegenheiten wirklich getäuscht und bedrückt hat.« Über diese Philippika des vermeintlichen Vaters der Nichtsalsfreihändler Betrachtungen anzustellen und sie zu berichtigen, überlassen wir dem Leser.

Dagegen halten wir uns für verpflichtet, diesem bei der Berichtigung der Grundbegriffe, die im ersten Buche entwickelt werden, ein wenig zu Hilfe zu kommen. Die Nationalökonomik hat seit ihrer Begründung Fortschritte gemacht, und von List, Rodbertus und Marx belehrt, vermögen wir das Wesen des Tauschwerts, der Güterverteilung und des Kapitals, das im zweiten Buche behandelt wird, klarer zu erkennen, als Smith es vermochte. Voraussetzung des Tauschwerts ist der Gebrauchswert, dieses Wort im weitesten Sinne genommen, so daß als brauchbar auch das gilt, was nur der Befriedigung einer Laune dient. Wenn es Dinge gäbe – für die moderne Technik gibt es solche freilich nicht – die zu gar nichts nütz wären, so könnten diese keinen Tauschwert bekommen. Arbeit und Seltenheit schaffen den Tauschwert. Für den Ansiedler im brasilianischen Urwald ist der Mahagonibaum gleich allen übrigen Bäumen nur ein Hindernis, und jener bezahlt allenfalls noch einen Arbeiter dafür, daß er ihm hilft, das Hindernis zu vernichten. Will dagegen der deutsche Möbelfabrikant Mahagoniholz haben, so muß er die Leute bezahlen, die den Baum fällen und den behauenen Stamm mit ihrem Ochsen- oder Maultiergespann an den nächsten schiffbaren Fluß oder zur nächsten Bahnstation schaffen, die Leute sodann, die den Transport über See und auf den deutschen Bahnen besorgen, und die Agenten oder Händler, die diesen Arbeitskomplex organisieren. Diese Bezahlungen zusammen machen den Preis des Stammes aus. Der Boden eines unbesiedelten Landes ist umsonst zu haben. Ist der Boden eines Landes unter eine Anzahl von Besitzern verteilt, ist er also selten geworden, so kann niemand mehr ohne Bezahlung ein Stück davon bekommen, und da der Boden in Berlin seltener, das heißt hier seine Fläche im Verhältnis zur Zahl der darauf Lebenden kleiner ist als in Hinterpommern, so ist sein Preis natürlich höher. Kostenlos zu gewinnende Güter, wie wildwachsende Pflanzen und Früchte, erhalten Tauschwert, sobald die Seltenheit des Bodens die Eigentümer in den Stand setzt, Fremden den Zutritt zu dem Ort, wo sie wachsen, zu wehren. So erlangen bei zunehmender Volksdichtigkeit nach und nach alle sogenannten freien Güter, auch Wasser und Luft, Tauschwert; in der Großstadt muß die zum Atmen geeignete Luft meistens ziemlich teuer bezahlt werden. Was endlich die Höhe des in Geld ausgedrückten Tauschwerts, des Preises, bestimmt, das ist das Verhältnis des Angebots zur Nachfrage. Die Kosten der Herstellung oder Herbeischaffung der Ware kommen bei der Bestimmung des Preises nur insofern in Betracht, als eine Ware auf die Dauer unter dem, was sie kostet, nicht hergestellt, darum auch nicht angeboten werden kann. Will man von einem natürlichen Preise reden, um den der Marktpreis schwanke oder zu dem er gravitiere, so kann darunter nicht der Kostenpreis verstanden werden, sondern nur der wirkliche Marktpreis, wie er auf einem vollkommen offenen und entsprechend großen Markte entstehen muß, wo das wirkliche Verhältnis des Warenvorrats zum Bedarf deutlich zum Vorschein kommt. Die Abweichungen vom Normalpreise entstehen teils durch künstliche Verschleierungen und Verhinderungen, durch Trusts, Corner, Ringe, falsche Börsennachrichten, teils durch natürliche Hindernisse wie Entlegenheit des Marktorts und fehlende Konkurrenz. In Zeiten und Gegenden, denen es an Verkehrsmitteln fehlt, kann trotz guter Ernte ein einzelner Ort von einer Hungersnot heimgesucht werden, die den Getreidepreis hoch über den richtigen treibt. Diese Preisregelung durch Angebot und Nachfrage kommt jedoch nur bei den Waren des Massenverbrauchs zustande, und zwar am vollkommensten bei solchen von großer Gleichartigkeit wie Getreide, Zucker, Bier, Kohle, glatten Geweben, gewöhnlichen Kleidern. Wo Mode, Luxus, Phantasie, Affektion, Liebhaberei ins Spiel kommen, werden die Preise oft hoch über den Normalpreis hinaufgetrieben. Bei hervorragenden Kunstwerken ist der Preis überhaupt kein Marktpreis, sondern Kenner- oder Liebhaberpreis, und bei Luxusgegenständen wie Damenhüten, kostbaren Kleidern, Kunstmöbeln, Kunstgläsern, wo jedes Stück individuell und von den anderen verschieden ist, kann sich kein Marktpreis bilden. Der Fabrikant oder Händler kann bei solchen Gegenständen Forderungen stellen, die ihm einen hohen Gewinn sichern, und es hängt von der individuellen Schätzung des Kunden, von seiner Liebhaberei, seiner Eitelkeit und seinem Geldbeutel ab, ob er das Geforderte zahlt. Einen natürlichen Kostenpreis gibt es nicht, denn der läßt sich desto weniger ermitteln, je weiter die Arbeitsteilung fortschreitet, und je mehr verschiedene Arbeiter zum Entstehen einer Ware zusammenwirken. Der Leser möge sich selbst klar machen, welche Menge verschiedener Urproduzenten, Fabrikarbeiter, kaufmännischer und Transportarbeiter erforderlich sind, damit ein Frauenkleid entstehe, und wie unmöglich es ist, zu ermitteln, wie viel Arbeit eines jeden dieser Arbeiter darin steckt. Wenn der gelöste Preis die Herstellungskosten einer Ware nicht deckt, so stellt sich das gewöhnlich erst heraus, nachdem sie längere Zeit unter dem Kostenpreise verkauft worden ist, und es läßt sich nicht von vornherein ausmachen, welche der beteiligten Arbeiter dabei zu kurz kommen; zunächst muß gewöhnlich der letzte Verkäufer bluten. Schon deshalb kann die Arbeit niemals Wertmaßstab sein, auch dann nicht, wenn man darunter die »gesellschaftlich notwendige« Arbeit versteht, womit gemeint ist, daß z. B. nach Erfindung der Maschinenspinnerei die Radspinnerin keinen Anspruch mehr hat auf die Bezahlung der vielen Arbeitstage, die sie dazu braucht, eine kleine Menge Garn fertig zu bringen.

Und die drei Einkommenarten: Grundrente, Arbeitslohn und Kapitalgewinn, konstituieren nicht, bilden nicht den Preis, sondern fließen aus dem für die Ware gelösten Gelde. Das Verhältnis von Angebot und Nachfrage bestimmt, wie gesagt, mit den angegebenen Einschränkungen den Preis. Auf einen Teil des aus dem Produkte der Jahresarbeit jeder Nation gelösten Geldes legt der Staat durch Steuern Beschlag. Aus deren Ertrage zahlt er die Beamtengehälter, das heißt, er verleiht den Beamten die Macht, sich von den vorhandenen Gebrauchs- und Genußgütern so viel anzueignen, als sie mit ihrem Gehalt kaufen können; er zahlt ferner Kost, Kleidung, Ausrüstung, Wohnung der Soldaten und endlich die Löhne der Arbeiter, die ihm seine Kanonen gießen, seine Schiffe, seine Kasernen, seine Regierungs-, Gerichts- und Postpaläste bauen und schaffen, was sonst zum Staatshaushalt gehört. Ebenso verfahren die Kommunen und die Kirchengesellschaften. Wie sich dann die Produzenten einschließlich der Grundrentner und der Kapitalisten in das teilen, was ihnen die öffentlichen Gewalten übrig lassen, das hängt von Marktverhältnissen, von der Rechtsordnung und von Staatseinrichtungen ab. Der Arbeitslohn schwankt auf und ab, je nachdem sich wenig oder viel »Hände« und Köpfe anbieten. Die wechselnde Mode, wechselnde Verkehrsverhältnisse lassen den Goldstrom bald hierhin, bald dorthin fluten und bald diese, bald jene Gegend, bald dieses, bald jenes Gewerbe reich oder arm werden. Erbfolgegesetze sichern dem Ältesten oder dem Jüngsten eine hohe Grundrente und lassen seine Brüder und Schwestern leer ausgehen, antisoziale Gesetze und Richter helfen den Unternehmern, den Arbeitslohn drücken, soziale Gesetze wie die deutschen über Arbeiterversicherung führen Hunderte von Millionen aus den Taschen der Unternehmer in die der Arbeiter über. Die Verteilung der Geldsummen aber, die den Wert des vom Staate freigelassenen Jahresprodukts darstellen und zugleich zur Aneignung eines Teils davon durch Kauf ermächtigen, geht in der Weise vor sich, daß der letzte Verkäufer zuerst bekommt, dieser seinen Vordermann auszahlt, dieser den seinen und so fort, bis alle Beteiligten bezahlt sind. Der Kleiderhändler einer Provinzstadt bezahlt mit einem Teile von dem, was er von seinen Kunden einnimmt, den Berliner Konfektionär. Dieser bezahlt seine Angestellten, seine Nähmädchen, seinen Kattunfabrikanten. Dieser bezahlt die Weber, die Spinner, die Eisenarbeiter, die seine Maschinen gebaut haben, den amerikanischen Baumwollenlieferanten; dieser bezahlt seine schwarzen Arbeiter mit Geld oder mit Naturalien; und alle vorher Genannten bezahlen die in Anspruch genommenen Transportmittel: Fuhrleute, Eisenbahnen, Schiffe, die zum Transport erforderliche Kohle, die Bergwerksarbeiter und Beamten, die Eisen und Kohle geschafft haben. Daß die ersten Produzenten, die auf diese Weise die letzten werden, nicht wirklich bis zuletzt zu warten brauchen, ehe sie zu ihrer Sache kommen, beruht auf dem künstlichen Wunderbau unserer Wirtschaftsordnung, in dessen Getriebe die Kreditorganisation eine hervorragende Rolle spielt. Daß jeder Arbeiter sein volles Arbeitsprodukt, sei es in natura, sei es in Geld, erhielte, davon kann nach eingetretener Arbeitsteilung keine Rede mehr sein, schon deswegen nicht, weil sich keines einzelnen Anteil am Produkt aussondern läßt. Eine sozialistische Gesellschaftsordnung könnte wohl jedem seinen Anteil an der Gesamtgütermasse zumessen, aber nur nach willkürlicher Schätzung. Jeder würde, gerade so wie heute, überzeugt sein, daß er im Verhältnis zur geleisteten Arbeit zu wenig bekomme; aber während der Markt, der heute entscheidet, bloß verwünscht werden kann, würden die Behörden des Zukunftsstaates, denen das böse Geschäft der Verteilung obläge, nicht bloß verwünscht, sondern beim Kopfe genommen werden. Wie viel die Arbeit eines jeden wert sei im Verhältnis zur Arbeit eines anderen, kann niemals gemessen, niemals mathematisch bestimmt, sondern immer nur gefühlsweise und ungefähr geschätzt werden. Nur wenn die Größe oder Geringfügigkeit eines Lohnes exzessiv wird, wagen wir zuversichtlich zu urteilen: das ist ungerecht! Hier waltet ein Mißverhältnis ob zwischen Leistung und Belohnung! Allerdings gibt es auch heute Arbeitslöhne, die scheinbar nicht durch das Gesetz von Angebot und Nachfrage auf dem Markte geregelt werden: die Beamtengehälter. Aber diese Emanzipation vom Markte ist nur Schein. Der Staat gewährt den Beamten der verschiedenen Kategorien an Gehalt, Pensionsberechtigung und anderen Vorteilen zusammengenommen ungefähr so viel, als sie durch ähnliche Leistungen in freien Berufen, z. B. als Bankbeamte, Ingenieure und Direktoren eines privaten Eisenwerks, Beamte einer Versicherungsgesellschaft verdienen würden. Zahlt er bedeutend weniger, so sieht er sich bald durch Beamtenmangel genötigt, die Gehälter zu erhöhen. So regelt der Marktpreis von Waren, Leistungen und Diensten auch die Beamtengehälter.

2. Vom Kapital, von den verschiedenen Kapitalanlagen und dem Einfluß der Politik darauf.

Unter Kapital verstand man im Mittelalter, wie der nationalökonomische Laie meistens heute noch, eine auf Zinsen ausgeliehene Geldsumme. Das kanonische Zinsverbot, das sich auf die Ansicht von der Unfruchtbarkeit des Geldes stützte, veranlaßte Untersuchungen, die zu dem Ergebnis führten, daß die Möglichkeit, Zinsen zu zahlen und trotzdem durch das aufgenommene Kapital reicher zu werden, aus den Frucht tragenden oder Gewinn abwerfenden Gütern entspringe, die mit dem geliehenen Gelde gekauft werden, und Hume und Turgot sprachen es aus, daß man die Güter selbst Kapital nennen dürfe. Smith beschränkte die Bezeichnung auf solche Güter, die zur Produktion neuer Güter oder zur Vermehrung des eigenen Besitzes durch Kaufmannsgeschäfte verwendet werden, und schuf damit den heute in der Nationalökonomie herrschenden Kapitalbegriff.

Im ursprünglichen Zustande der Gesellschaft, so leitet er das zweite Buch ein, wo ein jeder seine Bedürfnisse unmittelbar mit dem befriedigt, was ihm die Natur an Lebensmitteln und an Material zur Bedeckung seines Leibes, zum Bau einer Hütte darbietet, bedarf er noch keines Vorrats. Nach Eintritt der Arbeitsteilung jedoch [und Übergang des Bodens samt seinen Erzeugnissen in Privatbesitz] vermag der einzelne nur einen kleinen Teil seiner Bedürfnisse mit den Erzeugnissen seiner eigenen Arbeit zu befriedigen [beim Kleinbauer ist dieser Teil durchaus nicht klein, sondern es ist der bei weitem größte Teil seiner Bedürfnisse]; den größeren Teil muß er mit Produkten seiner Arbeit oder mit dem daraus gelösten Gelde von anderen eintauschen, kaufen. Aber das kann er erst, nachdem er diese Erzeugnisse vollendet und verkauft hat. Bis dahin bedarf er eines Vorrats, aus dem er seine Bedürfnisse befriedigt, und außerdem braucht er einen Vorrat von Rohstoffen und Werkzeugen. »Ein Weber kann sich nicht ausschließlich der Weberei widmen, wenn nicht vorher irgendwo, sei es in seinem eigenen Besitz oder in dem eines anderen, ein Vorrat aufgehäuft worden ist, der hinreicht, seinen Unterhalt zu bestreiten, sowie ihn mit Rohstoff und Werkzeugen zu versehen, bis er sein Gewebe fertig und verkauft hat. Diese Anhäufung muß offenbar stattgefunden haben, ehe er sich so lange Zeit ausschließlich einer solchen speziellen Tätigkeit widmet. Wie die Ansammlung eines Vorrats der Arbeitsteilung vorhergehen muß, so kann diese auch nur in dem Maße fortschreiten, als der Vorrat wächst. Je weiter die Arbeitsteilung durchgeführt ist, eine desto größere Masse Rohstoffs kann von ein und derselben Arbeiterzahl verarbeitet werden; und je mehr sich dabei die Verrichtungen jedes Arbeiters vereinfachen, desto mehr Maschinen werden zur Erleichterung und Beschleunigung der Arbeit erfunden. Demnach erfordert jeder Fortschritt der Arbeitsteilung für die gleiche Anzahl von Arbeitern bei gleichem Vorrat von Lebensmitteln einen größeren Vorrat von Rohstoffen und Werkzeugen. Aber auch die Zahl der Arbeiter pflegt in jedem Produktionszweige mit dem Fortschritt der Arbeitsteilung in diesem Zweige zu wachsen, oder vielmehr: ihre zunehmende Zahl ist es, was die Verzweigung und Spezialisierung ihrer Verrichtungen ermöglicht.« Wie die Arbeitsteilung mit der Vermehrung des Vorrats oder Kapitals Hand in Hand fortschreitet, hat hier Smith richtig beschrieben, aber seine Darstellung leidet an Ungenauigkeiten, die Irrtümer veranlaßt haben. Daß der Arbeitsteilung Aufhäufung eines Vorrats vorhergehen müsse, gilt nur für den allerersten Anfang und nur in einem ganz unbedeutenden Maße. Der Jäger, der zuerst einen Bogen anfertigte, mußte von dem zuletzt erlegten Wilde ein paar Tage leben können, und er mußte ein schneidendes Werkzeug haben. Nachdem diese beiden »Kapitalien« ins Dasein getreten waren, hat es in der ganzen Wirtschaftsgeschichte niemals einen Augenblick gegeben, wo die Menschheit ohne Kapital gewesen wäre und solches hätte sammeln müssen, ehe sie mit der Arbeitsteilung beginnen konnte. Dem Landmann wachsen das ganze Jahr hindurch an Korn, Milch, Eiern und Früchten aller Art Lebensmittel zu, und auf dem Landgute sind alle Handwerke entstanden, ist demnach der wichtigste Schritt der Arbeitsteilung getan worden. Als sich der erste Bauernsohn ausschließlich dem Schmiedehandwerk oder der Wagenbauerei widmete, da brauchte für ihn kein besonderer Vorrat aufgehäuft zu werden; denn die Lebensmittel für doppelt so viel Menschen, als in der Landwirtschaft beschäftigt sind, liegen im Dorfe immer vorrätig da, wenn nicht die Natur eine Mißernte oder Unfähigkeit des Volkes oder seiner Regierung russische Zustände verschuldet. Sodann hat Smith zwar vom Weber ausdrücklich gesagt, die Vorräte müßten da sein in seinem eigenen Besitz oder in dem einer anderen Person, aber die Worte, die wir unterstrichen haben, sind von seinen unechten Jüngern übersehen oder unterschlagen worden, und infolgedessen hat sich in den Köpfen sowohl der Freunde des Kapitalismus, wie in denen ihrer grimmigsten Gegner, der Sozialdemokraten, die Vorstellung festgesetzt, es gehöre zum Wesen des Kapitals, daß es Eigentum einer vom Arbeiter verschiedenen Person, des Kapitalisten, sei. Einen Zustand anstreben, in welchem diese heute allerdings vorherrschende Scheidung nicht zwar ganz, aber zum Teil wieder aufgehoben wäre und der größere Teil des Volkes aus selbständigen kleinen Produzenten: Bauern und Kleinhandwerkern, bestünde (die jedoch mit den in der kapitalistischen Periode erfundenen vollkommenen Produktionsmitteln schaffen würden) das wird von beiden Parteien als romantische Phantasterei und Rückständigkeit verspottet.

»Reicht der Vorrat eines Mannes,« heißt es weiter bei Smith, »nur eben hin, ihn einige Tage oder Wochen zu ernähren, so denkt er selten daran, Einkommen davon zu ziehen; er verbraucht ihn so sparsam er kann und müht sich, durch Arbeit Ersatz dafür zu verdienen, ehe er völlig aufgezehrt ist. Sein Einkommen fließt dann ganz aus Arbeit, und in dieser Lage befindet sich der größte Teil der arbeitenden Armen in allen Ländern. Besitzt dagegen jemand Vorrat genug, Monate oder Jahre lang davon leben zu können, so sucht er natürlich vom größeren Teile Einkommen zu ziehen; für den unmittelbaren Verbrauch behält er nur so viel zurück, als zu seinem Unterhalt nötig ist, bis das Einkommen zu fließen beginnt. Sein Gesamtvorrat scheidet sich demnach in zwei Teile, und der Teil, von dem er Einkommen erwartet, wird sein Kapital genannt … Es gibt zwei verschiedene Wege, in denen ein Kapital dem, der es verwendet, Einkommen oder Profit abwerfen kann. Erstens kann es dazu verwendet werden, Güter [landwirtschaftlich] zu erzeugen, zu fabrizieren oder einzukaufen, und sie mit Profit wieder zu verkaufen. Ein solches Kapital bringt dem Unternehmer weder Einkommen noch Gewinn, so lange es in seinem Besitz bleibt, oder seine ursprüngliche Gestalt behält. Dem Kaufmann gewähren seine Kaufmannsgüter kein Einkommen, bis er sie für Geld verkauft, und das Geld wiederum verwandelt sich erst dadurch in wirkliches Einkommen, daß damit die Güter gekauft werden, die er verbraucht. So geht sein Kapital unausgesetzt in der einen Gestalt von ihm hinweg, und kehrt in einer anderen zu ihm zurück, und nur in solchem Kreislauf vermag es ihm Gewinn zu bringen. Solches Kapital wird darum passend zirkulierendes, umlaufendes Kapital genannt. Zweitens kann es dazu verwendet werden, Boden zu melioriren, Maschinen für die Fabrikation, Werkzeuge für den Handel zu kaufen und ähnliche Dinge [Gebäude z. B.], die Ertrag abwerfen, ohne umzulaufen und den Besitzer zu wechseln. Solches Kapital mag man stehendes (fixes) nennen. Verschiedene Gewerbe erfordern ein verschiedenes Verhältnis dieser zwei Kapitalarten zueinander. Das Kapital eines Kaufmanns ist umlaufendes Kapital; Maschinen und Werkzeuge braucht er nicht, man müßte denn seinen Laden und seine Speicher so nennen. [Großhändler, die man Reeder nennt, besitzen auch Schiffe, und der modern ausgestattete Laden eines größeren Detailisten enthält ein ziemlich bedeutendes Inventar.] Der Handwerker, der Fabrikant muß einen Teil seines Kapitals in Werkzeugen festlegen, einen sehr verschiedenen freilich je nach seinem Gewerbe. Der Schneidermeister braucht nur ein Päckchen Nadeln [doch auch Plätteisen und heut auch sonst noch manches]; der Schuhmacher etwas mehr, der Weber noch mehr. Doch der größte Teil des Kapitals aller dieser Leute läuft um in Gestalt von Materialien und Arbeitslöhnen. Dagegen erfordern Eisenwerke, Hochöfen, Walzwerke, die Wasserpumpen und sonstigen Maschinen der Bergwerke ein bedeutendes fixes Kapital.« [Von der Großartigkeit heutiger Lokomotivbau- und Eisenbahnwerkstätten, Eisenbahnen, Kanonengießereien und Werften hatte man damals natürlich noch keine Ahnung.]

Was im einzelnen zum Vorrat für den Verbrauch oder anders ausgedrückt zum Einkommen, was zum fixen und was zum umlaufenden Kapital zu rechnen sei, darüber streiten bis heute die Gelehrten. Smiths Verdienst ist es, als erster versucht zu haben, die Güter nach diesen Kategorien zu scheiden. Auch der Gesamtvorrat eines Landes, fährt er fort, der ja nichts anderes ist als die Gesamtheit aller im Privatbesitz befindlichen Vorräte, gliedert sich in diese drei Teile. Der für den Verbrauch bestimmte Teil des Nationalvermögens, der kein Einkommen abwirft, besteht in den Gebrauchsgegenständen, die von den Verbrauchern gekauft, aber noch nicht verbraucht worden sind. [Auch die noch in den Speichern und Läden der Produzenten und der Händler befindlichen gehören dazu.] Nahrungsmittel werden binnen wenigen Tagen, Kleider binnen wenigen Monaten oder Jahren, Möbel langsamer, Häuser noch langsamer verbraucht. Ein Mietshaus ist für seinen Besitzer Kapital; »der Mieter muß Zins dafür zahlen, den er irgend einer Einkommenquelle: Rente oder Arbeit, entnimmt. Obgleich darum ein solches Haus seinem Eigentümer Rente abwirft, wirft es doch für das Publikum keine ab, ist für diese kein Kapital, und kann das Einkommen der Gesamtheit niemals auch nur um das mindeste vermehren.« [Eine schiefe Gegenüberstellung! Die Hausnutzung ist ein Einkommenbestandteil des Mieters und darum auch der Gesamtheit. Vermehrt wird deren Einkommen allerdings nicht durch die Nutzung, wohl aber dadurch, daß ihr das Haus gebaut und zur Verfügung gestellt wird. Hier hätte Smith den Unterschied von Erwerbskapital und Produktivkapital klar machen können. In einer durchaus kapitalistischen Gesellschaft, die es niemals gegeben hat, würde zwar jedes Produktivkapital zugleich Erwerbskapital für den Eigentümer sein, aber niemals sind alle Erwerbskapitale Produktivkapitale; Miethäuser sind es nicht, und zum Konsum ausgeliehene Geldkapitale sind es auch nicht.] Der zweite Bestandteil des Nationalvermögens ist Einkommen schaffendes fixes Kapital. Es besteht erstens aus den Maschinen und Werkzeugen, zweitens aus den für den Gewerbebetrieb bestimmten Gebäuden: Wirtschaftsgebäuden der Landwirte, Werkstätten, Speichern, Läden; drittens aus den Bodenmeliorationen; viertens aus den erworbenen nützlichen Kenntnissen und Fertigkeiten der Bewohner des Landes. Der dritte Bestandteil ist das umlaufende Kapital. Dieses besteht seinerseits wieder aus folgenden Stücken: erstens den Geldmünzen; zweitens den noch im Besitz der Landwirte, Fleischer und Händler befindlichen Lebensmittelvorräte; drittens den Rohmaterialien der Fabrikanten; viertens den fertigen, aber noch nicht verkauften Fabrikaten. [Die ausgemünzten Edelmetalle sind, soweit sie im Inlande zirkulieren, fürs Volk nicht umlaufendes, sondern fixes Kapital; Nr. 2, 3 und 4 sind nur für ihre Besitzer umlaufendes Kapital; fürs Volk Gebrauchsgegenstände, also Bestandteile seines Einkommens; das Volk hat umlaufendes Kapital nur, soweit es Auslandshandel treibt. Smith korrigiert sich selbst, indem er fortfährt:] Die zuletzt genannten drei Bestandteile des umlaufenden Kapitals werden ihm binnen kürzerer oder längerer Frist entzogen und gehen in den zum Verbrauch bestimmten Vorrat über. Jedes fixe Kapital fließt aus dem zirkulierenden und wird aus ihm (durch Reparaturen und Ergänzungen) erhalten. Fixes Kapital kann Einkommen abwerfen nur mittels des zirkulierenden Kapitals. [Hier hat Smith wieder durch die englische Brille gesehen. Das Saatgetreide, mit dem der Bauer seinem fixen Kapital, dem Boden, neuen Ertrag entlockt, trägt nicht den Charakter eines zirkulierenden Kapitals; es ist niemals aus seinem Besitz herausgekommen, und der Dünger, mit dem er sein fixes Kapital repariert, braucht kein gekaufter Kunstdünger zu sein, sondern kann von seinen Leuten und Rindern geliefert werden. Was unbedingt erfordert wird, wenn das fixe Kapital Ertrag vermitteln soll, das ist menschliche Arbeit: die Nähnadel schafft keinen Rock ohne den Schneider, und der Dampfhammer schafft keine Panzerplatten ohne Krupps Kopf und die Arme seiner Arbeiter. Nur innerhalb der kapitalistischen Wirtschaftsordnung, und auch in dieser nicht allgemein, wird umlaufendes Kapital dazu erfordert, daß fixes Kapital entstehe und der Gesamtheit Produkte, dem Besitzer Profit liefere.] Das umlaufende Kapital selbst wiederum wird von der Urproduktion gespendet: der Landwirtschaft, Fischerei, Forstwirtschaft, dem Bergbau; der Erde werden alle Rohstoffe und Lebensmittel entnommen. In allen Ländern, schließt Smith, die sich erträglicher Sicherheit erfreuen, werden die Vorräte entweder zum Genuß verwendet oder dazu, ihrem Besitzer als stehendes oder umlaufendes Kapital Profit zu schaffen. Nur ein ganz verschrobener Mensch könnte alle drei Anwendungsarten unterlassen. In asiatischen Ländern freilich, wo die Herrschenden Räuber sind, werden die Vorräte vergraben. [Das ist wieder englisch; Smith denkt hier trotz seiner richtigen Ansicht vom Gelde nur an den einen Bestandteil des Vorrats, den Edelmetallschatz, und er denkt nur an den Profit. Die schlimmste Wirkung einer despotischen Regierung ist nicht, daß die Untertanen Gold und Silber vergraben, sondern daß das Arbeiten unterbleibt, daß man z. B. nicht mehr Korn baut, als man zum eigenen Leben braucht, weil der Überschuß geraubt werden würde; daß darum das Volk versumpft. Nicht der Profit der Unternehmer ist das Wesentliche im volkswirtschaftlichen Prozeß, sondern die Produktion für den Bedarf des Volkes. Dieses Wesentliche hat Smith kurz vorher selbst hervorgehoben:] Das fixe und das zirkulierende Kapital haben keinen anderen Zweck, als den Verbrauchsvorrat zu erhalten und zu mehren. »Dieser Vorrat nährt, kleidet, behaust das Volk. Dieses ist reich oder arm, je nachdem die beiden Kapitalien es reichlich oder dürftig mit Verbrauchsgütern versorgen.«

Um sich den Weg zu bahnen zur Erklärung der Natur des Geldes, greift er noch einmal auf die drei vermeintlichen Wertbestandteile und die ihnen entsprechenden drei Stände zurück und zeigt, wie der Landlord, um seine Rente zu ermitteln, den Nettoertrag aus dem Rohertrage auszusondern habe. So sei auch für das Volk Reineinkommen nur das, was nach Abzug der für das fixe und das umlaufende Kapital bestimmten Stoffe zum Verbrauch übrig bleibe. Indes gelte das in vollem Umfange nur vom fixen Kapital. Was in Maschinen oder in den Boden gesteckt wird, kann man nicht mehr zum persönlichen Genuß verwenden. Dagegen sind die drei letzten Bestandteile des umlaufenden Kapitals dem Verbrauch oder Genuß nicht verloren, sie gehen in diesen über [und sind, wie gesagt, eben deswegen in Beziehung auf die Gesamtheit nicht Kapital, sondern Einkommen zu nennen]. Hartgeld ist demnach der einzige Bestandteil des umlaufenden Kapitals, der eine Verminderung des Reineinkommens der Nation verursachen kann. Es hat eine große Ähnlichkeit mit dem fixen Kapital [und sollte darum, auf die Nation bezogen, ihm einfach zugerechnet werden]. Seine Anschaffung und Erhaltung verursacht gleich der von Maschinen Unkosten, die das Reineinkommen vermindern. »Eine gewisse Menge sehr wertvoller Stoffe: Gold und Silber und sehr künstlicher Arbeit wird, anstatt den für den Unterhalt und das Vergnügen der Individuen bestimmten Vorrat zu vergrößern, dazu verwendet, das große aber kostspielige Verkehrswerkzeug zu erhalten, durch dessen Vermittelung einem jeden Mitgliede der Gesellschaft sein Maß von Unterhaltsmitteln, Annehmlichkeiten und Genüssen zugeteilt wird. Und wie Maschinen keinen Bestandteil des Einkommens ausmachen, so macht auch das Geld, durch welches das Gesamteinkommen der Gesellschaft unter ihre verschiedenen Mitglieder verteilt wird, keinen Bestandteil dieses Einkommens aus. Das große Rad, das die Güter umtreibt, ist von den Gütern, die es umtreibt, durchaus verschieden. Das Einkommen der Gesellschaft besteht nur in diesen Gütern, nicht in dem Rade, das sie umtreibt. Wenn wir das Einkommen, das rohe oder das Nettoeinkommen, irgend einer Gesellschaft berechnen wollen, so müssen wir vom jährlichen Gesamtumlauf an Geld und Gütern den ganzen Wert des gemünzten Geldes abziehen, denn von diesem kann auch nicht ein Pfennig jemals einen Teil des einen oder des anderen Einkommens ausmachen.«

»Nur die Zweideutigkeit der gewöhnlichen Ausdrucksweise ist schuld daran, daß diese Behauptung manchem paradox erscheinen wird; gehörig erklärt, leuchtet sie von selbst ein. Wenn wir eine Geldsumme nennen, so meinen wir manchmal bloß die metallenen Münzen, die sie zusammensetzen, manchmal schweben uns dabei auch die Güter vor, die man damit eintauschen kann, oder die Kaufkraft, die der Besitz dieses Geldes verleiht. Wenn wir sagen, an zirkulierendem Gelde besitze England achtzehn Millionen Pfund [1868 berechnete Jevons die Masse des englischen Münzmetalls, einschließlich der Barren der Bank von England, auf 110 Millionen], so meinen wir damit nur den Betrag an metallenen Münzen, der nach der Berechnung oder vielmehr nur Vermutung einiger Sachkundigen in diesem Lande umlaufen soll. Sagen wir dagegen, Herr X. sei fünfzig oder hundert Pfund jährlich wert, so wollen wir gewöhnlich nicht die Anzahl von Münzen ausdrücken, die ihm jährlich ausgezahlt wird, sondern den Wert der Güter, die er jährlich kaufen und verbrauchen kann. Sprechen wir in diesem zweiten Sinne, dann ist das Einkommen, das damit angedeutet wird, nur dem einen der beiden Werte gleich, die in dem Ausdrucke zweideutigerweise zusammengefaßt werden, und zwar dem zweiten mehr als dem ersten, den geldwerten Dingen, nicht dem Gelde selbst. Bekommt jemand wöchentlich eine Guinea Pension, so kann er damit allwöchentlich eine bestimmte Menge Unterhaltsmittel, Annehmlichkeiten und Genüsse kaufen. Je nachdem diese Menge groß oder klein ausfällt, ist sein wirklicher Wohlstand, sein wirkliches Wocheneinkommen groß oder klein [kostet das Pfund Rindfleisch zehn Pfennige und eine Wohnung von fünf Zimmern hundert Mark, so ist er bei zweitausend Mark Einkommen wohlhabend; lauten die Preise eine Mark und tausend Mark, dann ist er arm]. Sein Wocheneinkommen besteht sicherlich nicht in der Guinea und in den Gütern, die er damit kauft, sondern nur in einem von beiden, und zwar in den Gütern. Würde dem Manne seine Wochenpension nicht in einer Goldmünze, sondern in einer Anweisung auf eine solche gezahlt, so bestände sein Einkommen sicherlich nicht in dem Papierstückchen, sondern in dem, was er dafür bekommen kann. So kann man die Goldmünze selbst als eine Anweisung auf die in der Nachbarschaft zu erlangenden Waren und Genüsse ansehen, und das Einkommen dieses Mannes besteht nicht sowohl in der Guinea als in dem, was er dafür bekommen kann. Wäre nichts dafür zu haben [z. B. in einer belagerten und ausgehungerten Stadt oder in der Wüste] so hätte sie, gleich dem von einem Bankrotten ausgestellten Wechsel, nicht mehr wert als ein unbrauchbares Stückchen Papier.«

»Obwohl also den verschiedenen Einwohnern eines Landes ihr Einkommen wöchentlich oder alljährlich in Gelde ausgezahlt werden mag, was ja tatsächlich oft der Fall ist, so hängt doch die Größe ihres wirklichen Einkommens nicht von dem Nennwert der Geldsumme ab, sondern von der Gütermasse, die damit gekauft werden kann, und ihr Gesamteinkommen besteht nicht in dem Gelde und den Gütern, sondern bloß in diesen. Bei der Gesellschaft ist das noch klarer als bei den einzelnen. Die Geldsumme, die ein einzelner jährlich einnimmt, kann dem Werte nach seinem Einkommen genau gleich sein, und ist darum geeignet, dessen Höhe kurz zu bezeichnen. Dagegen kann der Betrag der in einer Gesellschaft, einem Volke umlaufenden Münzen niemals gleich der Summe der Einkommen aller seiner Mitglieder sein. Dieselbe Guinea, die heute dem einen seinen Wochenlohn zuführt, verrichtet in den nächsten Wochen denselben Dienst bei mehreren anderen, so daß also die Gesamtsumme der Metallmünzen eines Volkes viel kleiner ist als die Gesamtsumme der Pensionen, Besoldungen, Arbeitslöhne usw., die alljährlich gezahlt werden. Dieser zweiten Summe ist die Kaufkraft des Volkes gleich, die Menge der Güter, die mit der ersten, wandernden Summe nach und nach erworben wird. [Nach Jevons hat in den sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts der Wert des in England zirkulierenden Geldes den sechsten bis achten Teil des Jahreseinkommens der Nation ausgemacht.] Obwohl demnach das Metallgeld einen und zwar sehr wertvollen Teil des Kapitals einer Nation ausmacht, so ist es doch kein Teil ihres Einkommens, und obwohl die umlaufenden Münzen einem jeden sein Einkommen zuführen, gehören sie doch nicht zu seinem wirklichen, seinem Sacheinkommen.«

»Die dritte Ähnlichkeit, die das Geld mit dem fixen Kapital, den Maschinen, hat, besteht darin, daß jede Ersparnis daran, die der damit zu vollbringenden Leistung keinen Abtrag tut, das Reineinkommen vermehrt.« Eine solche Ersparnis wird dadurch erreicht, daß man statt des Goldes oder Silbers Papier nimmt, und Smith handelt nun die Lehre vom Papiergeld und von den Banknoten ungefähr so ab, wie sie sich heute in jedem guten Handbuche der Volkswirtschaftslehre findet, weist u. a. nach, daß Vermehrung des Papiergeldes über den Bedarf das Metallgeld aus dem Lande treibt, erzählt die Geschichte einer durch Überspekulation verursachten schottischen Bank- und Handelskrisis, und wie Law mit seinem Vorschlage, dem schottischen Gewerbefleiß, der nach Geld lechze, mit Anweisungen auf den Gesamtwert des ganzen Bodens des Landes aufzuhelfen, in Schottland abgewiesen worden ist – er hat dann bekanntlich Frankreich mit seinen Mississippi-Aktien beglückt – und berichtet über die Praxis der Bank von England und über die Papiergeldverhältnisse der englischen Kolonien in Nordamerika. Smiths Lehre vom Gelde ist noch lange nicht genug Gemeingut des Volkes geworden. Wäre sie es, so würde jedermann sich vor Ankauf eines Wertpapiers davon überzeugen, ob es auch wirklich die Gütermenge verbürgt, die sein Nennwert angibt, man würde sich nicht so leicht beschwindeln lassen, und man würde sorgfältiger daraus achten, daß nicht bei der Berechnung des Vermögens oder Einkommens eines Volkes manche Güter doppelt gezählt werden, z. B. die Landgüter und die Hypotheken darauf, die freilich zum Vermögen des Gläubigers gehören, den Wert des Volksvermögens aber so wenig erhöhen wie den des Vermögens des Schuldners. Und diese Lehre vom Gelde ist vielleicht der einzige Abschnitt in Smiths Werken, der keiner Korrektur bedarf – alle vermeintlichen Korrekturen, die man anzubringen versucht hat, sind irreführende Pfuschereien gewesen – sondern nur einer kleinen Ergänzung. In der Ersparung von Bargeld hat man es am weitesten in England gebracht durch die Ausbildung des Wechsel-, Scheck- und Clearingverkehrs. Im Londoner Clearinghouse ist z. B. im Jahre 1902 die ungeheure Summe von 10 029 Millionen Pfund umgesetzt worden, während der gesamte Hartgeldverkehr der vereinigten Königreiche wenig über 130 Millionen Pfund beträgt, von welcher Goldmasse nur ein kleiner Teil im Clearinghouse gebraucht wird. Es wäre also denkbar, daß man im inneren Verkehr ganz ohne Hartgeld auskäme, und solches nur noch für die Ausgleichung internationaler Bilanzen brauchte. Auch dann jedoch – das ist die Ergänzung – würde das Metallgeld notwendig bleiben: als Wertmesser. Es möchte immerhin aus dem Verkehr verschwinden, aber irgendwo muß es noch vorhanden sein, um den papierenen Anweisungen – vielleicht nicht als Deckung Wert – aber einen Sinn zu verleihen. Heute weist jedermann, was ein Zwanzigmarkschein bedeutet, nämlich die Anweisung auf ein goldenes Zwanzigmarkstück. Gibt es kein solches mehr, dann gibt es auch keine Mark und keine Markwährung mehr, und das Papiergeld verliert Sinn und Bedeutung, Was will man dann auf die Zettel schreiben? Vielleicht: gilt ein Fünfpfundbrot? Das mag man dafür bekommen, aber wie soll ausgerechnet werden, wieviel solcher Zettel zur Bezahlung von ein Paar Schuhen nötig sind? Alle jene Verlegenheiten des ursprünglichen Tauschverkehrs, von denen uns das Geld erlöst hat, würden wiederkehren. Oder will man, meint Knies, irgend einen beliebigen Unsinn darauf schreiben, z. B. zehn Hoho oder fünf Sasa? Kein Mensch würde auch nur einen Apfel dafür geben. Daß aber die Arbeit zwar wirklich unter Umständen ein Wertmaß, als solches jedoch praktisch nicht zu gebrauchen, darum des Rodbertus und anderer Sozialisten Arbeitsgeld eine Utopie ist, geht aus dem oben über die Wertbestimmung Gesagten hervor.

Im nächsten Kapitel beginnt Smith, um das, was er Kapitalanhäufung nennt, zu erklären, mit der Unterscheidung der Arbeit in produktive und unproduktive. Der Fabrikarbeiter setze durch seine Arbeit dem Rohstoff den Wert seines Unterhalts und den Profit seines Brotherrn zu und müsse darum produktiv genannt werden, der Dienstbote füge keiner Sache irgend einen Wert hinzu. Hier muß zunächst wieder die englisch-kapitalistische Ausdrucksweise gerügt werden. Der Fabrikarbeiter schafft mit dem Kopfe des Leiters und den Maschinen zusammen neue Gebrauchsgegenstände, geradeso wie der Bauer mit dem Acker zusammen. Das ist das Wesentliche an der Sache: alle Arbeit dient der Bedürfnisbefriedigung, wie ja Smith selbst oft sagt. Daß der Arbeiter, der anderer Bedürfnisse befriedigt, von diesen anderen den Unterhalt bekommen muß, daß der Unternehmer auf etwas mehr als den bloßen Unterhalt Anspruch hat, und daß beider Ansprüche in der kapitalistischen Gesellschaft mittelst des Tauschwerts befriedigt werden, den die Arbeit dem Rohstoff zusetzt, ist nebensächlich und nicht notwendig; für den Bauer, der sein eigenes Korn ißt, die Milch seiner Kühe trinkt und das Fleisch seiner Lämmer und Schweine verzehrt, kommt der Tauschwert der Nahrungsmittel und Rohstoffe und der der durch Umformungs- und Pflegearbeit hinzugefügte Tauschwert gar nicht in Betracht. Zweitens verwechselt und vermischt Smith Rentabilität und Produktivität. Daß die Verwendung von Arbeitern, die den Herrn bereichern, rentabel ist, kann freilich niemand leugnen. Ob sie aber auch produktiv ist, d. h. ein dem Volke nützliches Gut schafft und so seinen Wohlstand vermehrt, das hängt von dem Fabrikationszweige ab. Tuch, Leinwand, gegerbtes Leder sind wirkliche Güter; ihre Herstellung ist eine sowohl rentable als produktive Arbeit. Ob aber die Kartoffelsubstanz dadurch, daß man sie in Fusel verwandelt, an wirklichem, an Gebrauchswert gewinnt oder verliert, das ist doch sehr zweifelhaft; rentabel sind allerdings die drei Gewerbe: Brennerei, Destillation und Ausschank in hohem Grade. Nicht weniger rentabel ist die Fabrikation von Hintertreppenromanen; Tauschwerte von Millionen werden durch ihre Abfassung dem Papier, der Tinte und der Druckerschwärze zugesetzt; ihr Gebrauchswert aber ist negativer Art: sie richten nur Schaden an. Dagegen ist der Diener, der einem mit der Abfassung eines nützlichen Buches beschäftigten Gelehrten oder Dichter oder einem Ingenieur oder Staatsbeamten die Stiefel putzt, den Ofen heizt und die Mahlzeiten bereitet, ein produktiver Arbeiter, denn wenn es sein Herr selbst tun müßte, würde er weniger produzieren; jener hilft also diesem produzieren. Zu den unproduktiven Klassen rechnet Smith ferner die Herrscher, die Beamten, das Militär, die Geistlichkeit, die Juristen, die Ärzte, die Schauspieler, die Musiker, die Tänzer usw. Er will mit dieser Zusammenstellung nicht beleidigen; er erkennt den hohen Wert der Beamten und Gelehrten und den Nutzen, den sie stiften, vollauf an; aber, meint er, sie bringen doch nichts hervor, womit man eine gleiche Menge Arbeit kaufen könnte. Gegen diese Auffassung richtet List seinen entrüsteten Ausruf: »Wer Schweine züchtet, ist nach jener Schule ein produktives, wer Menschen erzieht, ein unproduktives Mitglied der Gesellschaft. Wer Dudelsäcke oder Maultrommeln zum Verkauf fertigt, produziert; die größten Virtuosen sind unproduktiv, weil man das, was sie spielen, nicht zu Markte tragen kann.« Smith hat insofern recht, als man im strengen Sinne des Wortes nur solche Arbeit produktiv nennen kann, die körperliche Gegenstände hervorbringt. Seine häßliche und doch auch irreführende Ausdrucksweise aber kann man dadurch verbessern, daß man die übrigen nützlichen Gesellschaftsklassen, welche die Produktion ermöglichen, fördern, unterstützen, schützen, mittelbar produktiv nennt. Sie sind dieses in sehr verschiedenem Grade; der Ingenieur, der Techniker kommt dem unmittelbar Produktiven am nächsten, und sein Anteil an dem Geschaffenen – auch der manches Philosophen und Naturforschers – ist oft größer als der aller dabei beschäftigten Handarbeiter zusammengenommen.

Da alle Klassen, vernehmen wir weiter, auch die unproduktiv arbeitenden und die gar nichts tun, vom Arbeitsprodukt der Produktiven leben, so wird der Vorrat, über den ein Land zu verfügen hat, desto größer sein, je größer die Zahl der produktiv Arbeitenden und je geringer die Zahl der Unproduktiven und der Müßiggänger ist. [Smith läßt unerwähnt, daß die Größe des Jahreseinkommens noch von zwei anderen Ursachen abhängt: von der Fruchtbarkeit des Landes und von der Höhe der Technik. Je höher diese steigt, eine desto größere Zahl von mittelbar Produktiven und Unproduktiven kann mit dem, was die Produktiven erzeugen, erhalten werden, ohne daß diese Not leiden, wie das heute geschieht, wo die Zahl der Beamten, der Literaten, der im Handel und mit sonstigen Vermittelungen Beschäftigten stetig wächst.] Von dem Jahreseinkommen, das die Produktiven erzeugen, wird ein Teil auf die Ergänzung des stehenden Kapitals: der abgenutzten Maschinen, Gebäude usw., also produktiv verwendet. Der andere Teil, das Reineinkommen, kann entweder ganz zum Unterhalt und Genuß verbraucht, oder es kann ein Teil davon produktiv angelegt werden. Der Arbeitslohn für produktive Arbeiter wird zwar verbraucht, aber trotzdem produktiv angelegt, indem ja eben die Leute produzieren, die ihn verbrauchen. Zum Unterhalt der unproduktiven Klassen tragen die Arbeiter nur wenig bei, indem sie nur selten [heute nicht gar so selten] ein Schauspiel oder dergleichen besuchen. Höchstens als Steuerzahler helfen sie die unproduktiven Klassen ernähren. [Sie bringen heute bei uns durch indirekte Steuern den größten Teil des Militäretats auf.] Allerdings können nur die unter ihnen Steuern zahlen, die etwas mehr verdienen, als zum Lebensunterhalt unbedingt notwendig ist. [Die Grenze zwischen dem unbedingt Notwendigen und dem Überflüssigen ist sehr elastisch und in Rußland z. B. mit Hilfe der Knute unglaublich tief hinuntergedrückt worden.] Die Unproduktiven müssen demnach von denen erhalten werden, die Rente oder Kapitalgewinn beziehen, sowie von den hoch besoldeten Unproduktiven. [Das ist alles durch die kapitalistische Brille geschaut! Die Einkommenverteilung geht in der von uns beschriebenen Weise vor sich, und welche verschiedenen Abzüge die verschiedenen produktiven Klassen und Personen um der Unproduktiven willen zu erleiden haben, das läßt sich im einzelnen gar nicht ermitteln. Reicht das Jahreserzeugnis für alle reichlich hin, dann hat niemand einen Abzug zu erleiden; mehr als sich satt essen kann man nicht, wenigstens auf die Dauer.] Von dem Zahlenverhältnis zwischen den produktiven Arbeitern und den Unproduktiven oder Müßiggängern hängt der Reichtum eines Landes ab. England, meint Smith, sei jetzt reicher als ehedem, weil im Mittelalter die Arbeit zu wenig aufgemuntert, daher auch weniger gearbeitet worden sei. In Handels- und Fabrikstädten, wo die unteren Klassen produktiv beschäftigt werden, seien diese nüchtern und wohlhabend, wie in vielen englischen und in den meisten holländischen Städten. In Residenzstädten dagegen, wo der Hof müßiges Volk füttere, seien sie träg, liederlich und arm; so in Rom, Compiègne, Versailles. Ähnlich stehe es um die französischen Parlamentsstädte, ausgenommen Rouen und Bordeaux, die ihre Lage zu betriebsamen Emporien gemacht habe. Armut herrsche auch in Paris, Madrid und Wien. Von diesen drei Städten sei Paris noch die betriebsamste, doch fabriziere es fast nur für den eigenen Konsum seiner Bewohner. London, Lissabon und Kopenhagen seien vielleicht, dank ihrer günstigen Lage, die einzigen Residenzstädte, die nicht bloß für den Konsum ihrer Bewohner Handel trieben. So habe auch Edinburgh, dessen Bewohner zum Teil von dem dort residierenden schottischen Adel und den hohen Beamten erhalten würden, weit weniger Handel und Gewerbe als Glasgow. Man habe auch die Wahrnehmung gemacht, daß, wenn in einem gewerbtätigen Provinzorte ein großer Lord seine Residenz aufschlägt, die bis dahin fleißigen Einwohner Müßiggänger werden und verarmen. Smith folgert daraus, daß, wo das Kapital herrscht, der Gewerbefleiß vorwiegt, und daß die Menschen müßig gehen, wo sie von Rente und Besoldung, leben können (so muß hier revenue übersetzt werden, nicht mit Einkommen; Einkommen beziehen doch auch der Kapitalist und sein Fabrikarbeiter). Und hieran nun knüpft er die berühmte Lehre von der Entstehung des Kapitals, mit der er eine bis heute noch nicht geschlichtete Verwirrung angerichtet hat:

»Kapitale werden vermehrt durch Sparsamkeit, vermindert durch Verschwendung und Liederlichkeit. Wie das Kapital des Einzelnen nur durch das vergrößert werden kann, was er von seinem jährlichen Einkommen spart, so kann auch das aus den Einzelkapitalen zusammengesetzte Volkskapital nur auf dieselbe Weise wachsen. Sparsamkeit, nicht Gewerbefleiß ist die unmittelbare Ursache des Kapitalwachstums. Der Gewerbefleiß liefert allerdings die Dinge, welche die Sparsamkeit aufhäuft. Aber so viel auch der Fleiß erwerben möchte, wenn es die Sparsamkeit nicht erhielte und sammelte, so würde das Kapital niemals größer. Indem die Sparsamkeit den Vorrat vergrößert, der zum Unterhalt produktiver Hände bestimmt ist, strebt sie, die Zahl der Hände zu vermehren, deren Arbeit dem bearbeiteten Gegenstande Wert hinzufügt. Sparsamkeit hat also die Tendenz, den Tauschwert des Jahresprodukts zu vergrößern, das Arbeit und Boden eines Landes hervorbringen. Sie setzt eine neue Menge von Arbeit in Bewegung, die dem Jahresprodukt eine neue Wertmenge hinzufügt. Was alljährlich gespart wird, das wird so gut verzehrt wie das, was unproduktiv ausgegeben wird, aber nicht von derselben Menschenklasse. Was ein reicher Mann so ausgibt, das wird von müßigen Gästen und Bedienten verzehrt, die keinen Ersatz für das Verzehrte zurücklassen. Was er dagegen spart, um Profit davon zu ziehen, wird ebenfalls und fast in derselben Zeit verzehrt, aber von Arbeitern, die den Wert ihres Jahreskonsums mit dem Zusatz eines Profits wiedererzeugen.« Und es wird nun noch geschildert, was der Verschwender dadurch für Unheil anrichtet, daß er Kapitalien zerstört.

Zunächst ist zu bemerken, daß Smith das Kapital nicht, gleich seinen unechten Schülern, durch Sparen entstehen, sondern bloß vergrößert werden läßt; jenes konnte er nicht wohl, dazu hatte er doch den neuen Kapitalbegriff zu deutlich erklärt. Es wäre geradezu lächerlich gewesen, wenn er geschrieben hätte: Sparsamkeit, nicht Arbeit, düngt unseren Boden und baut unsere Maschinen; aber es ist klar, daß es dasselbe sein muß, was das Kapital schafft und was es vergrößert, und die Spartheorie, wenn sie konsequent sein will, die Entstehung des Kapitals durch Sparen lehren muß. Gespart werden kann nun in zweierlei Weise. Einmal so, daß jemand seinen Vorrat an Lebensmitteln, Kleidern und Hausrat schont, um lange damit zu reichen, wie der Geizige tut und der anständige Arme tun muß, die sich beide nicht satt essen. Diese Art des Sparens mag im allerersten Anfänge der Kultur hie und da von einiger Bedeutung gewesen sein. Es soll Indianer gegeben haben, die, wenn sie eine Kuh geschenkt bekamen, sie sofort schlachteten und nicht eher weggingen, als bis sie sie aufgefressen hatten. Solche konnten es natürlich niemals zu einer Viehherde bringen. Aber bei einem Kulturvolk spielt diese Art Sparsamkeit für die Kapitalschaffung keine Rolle. Die Bauernfamilie wäre gar nicht imstande, ihre Ernte und ihr Vieh auf ein Niedersitzen zu verzehren, wenn sie es wollte, und sie wird von solchen krankhaften Gelüsten gar nicht befallen. Noch weniger hat sie Appetit auf den Dünger, den wichtigsten Ersatz für die Abnutzung ihres Grundkapitals. Und am wenigsten kommt der Hauptbestandteil unseres Industriekapitals: das Eisen unserer Maschinen, Lokomotiven und Eisenbahnen, in Gefahr, von den Kapitalisten oder ihren Arbeitern verspeist zu werden. Smith meint natürlich die andere Art des Sparens: Daß ein wohlhabender Mann, ohne gerade zu hungern und zu entbehren, doch seinem Genuß engere Schranken setzt als sie ihm sein Einkommen zieht, und einen Teil von diesem kapitalisiert. Diese Art des Sparens: daß man Geld spart, um es zinstragend anzulegen oder selbst ein Unternehmen zu gründen oder ein schon gegründetes zu vergrößern, ist allerdings am einzelnen eine Tugend und für den Familienvater eine desto strengere Pflicht, je weniger er bemittelt ist, aber für die Gesamtheit ist es nur unter Umständen, die heute kaum noch vorkommen, ein Segen. Was die produktive Arbeit in Bewegung setzt, das ist nämlich nicht, wie Smith meint, das Kapital, sondern die Kundschaft, deren Verzehr und Verbrauch. Der Viehmäster muß auf die Vermehrung und Verbesserung seiner Herde verzichten, wenn sich die Bevölkerung mit trockenen Kartoffeln begnügt, anstatt Lendenbraten, Schinken und Butter zu speisen. Wird die Menschheit abstinent, so hört der Weinbau auf, und die Münchener Bierkrösusse machen Bankrott. Ohne Lebemänner, eitle Frauen und die viel beklagte Genußsucht der Arbeiter gehen alle Luxusindustrien ein. Der berüchtigte Götze »standesgemäß«, der so viele Offiziere und Beamte zwingt, sich zu ruinieren, ist nur die Maske der volkswirtschaftlichen Notwendigkeit, die Kunsttischlerei, das Tapeziergewerbe, die Konfektion, die Delikateßhandlung im Gange zu erhalten und die darin beschäftigten Hunderttausende nicht brotlos werden zu lassen. Daß alles Produzierte verzehrt werden muß, sagt ja auch Smith; was nicht Aussicht hat, konsumiert zu werden, das kann nicht produziert werden; nur soll es nach Smith von produktiven Arbeitern verzehrt werden. Also nicht der Verbrauch, die Verschwendung hindert die Kapitalbildung, sondern der Müßiggang. Das ist vollkommen richtig, und der Irrtum Smiths besteht nur darin, daß er meint, jeder Mann, der viel auf Luxus ausgibt, sei selbst ein Müßiggänger und füttere Müßiggänger. Er hatte eben den Gegensatz vor Augen zwischen den liederlichen englischen Kavalieren und den schottischen Puritanern, die schon aus dem Grunde fleißig und enthaltsam sein mußten, weil ihre Religion das Gegenteil verbot; aber es entging ihm, daß seine frommen Schotten und die von ihnen in Zucht genommenen Stadtbürger hätten aufhören müssen zu produzieren, wenn es keine liederlichen Kavaliere gegeben hätte und die wohlhabende Bourgeoisie nicht ein wenig von ihnen angesteckt gewesen wäre. Er wundert sich selbst darüber, daß England immer reicher werde, da doch Sparsamkeit durchaus kein Charakterzug seines Volkes, und sein hoher Adel geradezu liederlich, seine Regierung verschwenderisch sei. Aber es widerstrebte seinem sittlichen Gefühl und seiner Theorie von der prästabilierten Harmonie zwischen Sittlichkeit und Glück, anerkennen zu sollen, daß aus Bösem und Schlechtem Gutes hervorgehen könne, und er mag dem Mandeville darum so gram gewesen sein, weil er witterte, daß dieser scharfsinnige Mann tiefer in das Wesen der Dinge hineingeschaut habe, als er und den Optimismus der schottischen Philosophenschule ins Wanken zu bringen drohe. Mandeville spottete u. a.: er protestiere wahrlich nicht weniger energisch gegen alle Popery als Luther, Calvin und die Königin Elisabeth; aber trotzdem behaupte er, die Reformation habe zur Blüte der protestantischen Staaten nicht mehr beigetragen als die dumme und häßliche Mode der Reifröcke und der wattierten Unterröcke, jedenfalls habe jene nicht so viel produktive Hände in Bewegung gesetzt. Ganze Industrien würden zugrunde gehen, wenn einmal die Weiber anfingen, vernünftig und gewissenhaft zu werden, und sich mit ihren Ausgaben innerhalb der vom Einkommen ihrer Männer gezogenen Grenzen zu halten. Christliche Moral und Kultur vertrügen sich nun einmal nicht miteinander. Wollten wir von Sünden rein bleiben, so müßten wir Wüsteneinsiedler und Waldmenschen werden; die Größe, die Macht und der Reichtum der Nationen beruhe nicht auf ihren Tugenden, sondern auf dem, was die Religion als Laster verurteile. So Mandeville. In Wirklichkeit ist es eine Mischung sittlich guter und sittlich böser, schlechter oder weniger löblicher Eigenschaften, die ein begabtes Volk groß macht: Lebenslust und Genußsucht, die zur Gütererzeugung und zum Gütererwerb drängen, verbunden mit so viel Klugheit und Selbstbeherrschung, daß nicht Entnervung, Trägheit und Pflichtversäumnis die Produktion hemmen; rücksichtslose Härte und Ungerechtigkeit gegen die Schwachen, die man ausbeuten kann, und strenge Rechtschaffenheit und Zuverlässigkeit im Verkehr mit Starken, die erlittene Unbill rächen. Das Puritanertum hat in dem zu kavaliermäßiger Verlumpung neigenden England das unentbehrliche moralische Element verstärkt, und Smith hatte Mandeville gegenüber insofern recht, als er diese Unentbehrlichkeit betonte; nur hätte er sich dadurch nicht verleiten lassen sollen, die Sparsamkeit zur Mutter des Kapitals zu machen. Wie die Engländer nicht durch Sparsamkeit, sondern teils durch Ausraubung ihrer Kolonien, teils durch Übervorteilung anderer Nationen, teils durch scheußliche Ausbeutung ihrer Arbeiterschaft, namentlich durch den großen Fabrikkindermord im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts reich geworden sind – nicht ohne eigene energische Geschäftstätigkeit natürlich – das ist weltbekannt. Der vorläufig unlösbare Widerspruch zwischen dem Zwange zu einem Luxus, ohne den bei hochgestiegener Produktivität der Arbeit ein großer Teil der Arbeiterschaft brotlos werden und die Nation verarmen würde, und der Verpflichtung jedes weniger bemittelten Familienvaters zur Sparsamkeit ist nur einer der vielen quälenden Widersprüche des Menschenlebens, die noch kein Harmonieschwärmer aus der Welt zu schaffen vermocht hat. Smith, der solche Widersprüche nicht anzuerkennen vermochte, erklärt sich das Rätsel, wie ein genußsüchtiges Volk reich zu werden vermöge, damit, daß die Genußsucht, die Unfähigkeit, einer augenblicklichen Versuchung zu widerstehen, nur ein Fehler einzelner Individuen sei und nur zeitweise wirke, darum die Wirkung des allgemein verbreiteten und stetig Wirkenden Triebes, »unsere Lage zu verbessern«, nicht völlig zu vereiteln vermöge. Wir schließen: Nicht Sparsamkeit, sondern Arbeit schafft das Kapital. Sparsamkeit ist eine der Kräfte, welche die Anhäufung des Kapitals in den Händen einzelner fördern, also das Kapital im Sinne von Geldkapital, Kapital besitz schaffen, und kann, sofern der Kapitalismus die Produktivität der Arbeit fördert, auch zur Vermehrung des Sachkapitals beitragen. Aber als allgemein verbreitete Volkssitte hemmt die Sparsamkeit den Konsum und darum auch die Vergrößerung des Sachkapitals, und schreitet die Kapitalbildung so rasch fort, daß ihr sogar ein verschwenderischer Konsum nicht zu folgen vermag, so erzeugt sie Krisen.

Was meint denn Smith eigentlich mit der Akkumulation, der Anhäufung des Kapitals? Die Kapitalgüter, sagt er, würden freilich vom Gewerbefleiß geschaffen, aber um Kapital zu werden oder das Kapital zu vergrößern, müßten sie gespart und angehäuft werden. Wagte er nicht, es auszusprechen, oder ist ihm die Sache unklar geblieben? Wir haben es soeben ausgesprochen: Das Wort bedeutet: die zerstreuten Kapitalgüter in den Besitz eines einzelnen bringen. Seinem ursprünglichen Kapitalbegriff: Gesamtheit der Werkzeuge und Rohstoffe, schiebt sich ein zweiter unter: Besitz dieser Gegenstände. Die Verwechselung, Vertauschung und Vermischung einerseits von Gebrauchsgut und Geld (welche beiden Dinge Smith selbst doch so schön und reinlich geschieden hat) andererseits von Kapitalgegenstand und Kapitalbesitz zieht sich durch seine ganze Spartheorie und macht, wie jeder bei aufmerksamem Lesen merken muß, jeden Satz darin schief und zweideutig. Heute allerdings ist zur Produktion oft, nicht immer, großer Kapital besitz eines oder einiger Kapitalisten notwendig. Zu einem Eisenbahnbau gehören: Eisen, Holz, Werkzeuge, Ingenieure, Arbeiter, Nahrung, Kleidung und Wohnung für diese Ingenieure und Arbeiter. Alle diese Gegenstände und Personen sind vorhanden, aber solange sie nicht an einen Ort zusammengebracht und zum Schaffen organisiert werden, kann keine Eisenbahn entstehen. Das Organisieren kann ein kapitalloser Ingenieur besorgen, das Zusammenbringen nur ein Kapitalist oder ein Konsortium von Kapitalisten oder der Staat als Kapitalist. Wer durch Erbschaft, durch Geschäftsgewinn oder auch durch Sparen (bei bedeutendem Einkommen!) Herr einer großen Geldsumme geworden ist, d. h. einer Anweisung auf viele Güter und Dienste, welcher solchergestalt eine große Kaufkraft erlangt hat, Macht über Güter, die sich noch im Besitz anderer befinden, und über die Arbeitskraft Besitzloser zu verfügen, der kann die zum Bau der Bahn erforderlichen Materialien, Werkzeuge, Köpfe und Hände kaufen und an einen Ort zusammenführen, dann sie selbst organisieren oder einen Ingenieur anstellen, der sie organisiert. So ist nicht immer gebaut und produziert worden. Wenn der antike Oikenwirt einen Palast oder eine Straße bauen lassen wollte, entnahm er die Materialien seinem eigenen Grund und Boden, ließ seine Sklaven, die er mit den auf seinem Acker gewachsenen Früchten nährte und mit den von seinen Sklavinnen aus der Wolle seiner Schafe gewebten Gewändern kleidete, die Werkzeuge anfertigen und dann den Bau ausführen. Geldkapital brauchte er nicht. Ähnlich verfuhr der Großgrundbesitzer in der Zeit der Karolinger und der Sachsenkaiser, wenn er seine Bataillone von Hörigen einen Wald roden, eine Burg, eine Kirche, ein Kloster bauen ließ. Ähnlich sind die Obrigkeiten kommunistischer Dorfgemeinden in Indien verfahren und versuchen es kommunistische Gemeinwesen neuerer Zeit. Produktivgenossenschaften sind eine Vorübung für solche Organisation. Ihr schlechtes Gedeihen eröffnet den Sozialisten schlechte Aussichten, aber soviel steht fest, daß die kapitalistische Organisation der produktiven Arbeit keine absolute Notwendigkeit ist, weil die Weltgeschichte beweist, daß es Jahrtausende ohne sie gegangen ist; sie liegt nicht im Wesen der Sache, sondern ist im Verlaufe der geschichtlichen Entwickelung geworden und kann mit ihm wieder vergehen. In der Zeit ihrer Herrschaft hat sie sich zwei große Verdienste erworben. Sie hat die Aktiengesellschaft aus sich herausgeboren, welche die Vereinigung vieler kleiner Kapitalisten zu großen Unternehmungen ermöglicht, und die darum schon ein halb sozialistisches Gebilde ist. Und sie hat in den Fällen, wo der Kapitalist zugleich genialer Unternehmer war, oder wo ein genialer Unternehmer, ein Krupp, ein Werner Siemens, ein Edison, mit der Zeit Kapitalist wurde, den technischen Fortschritt unglaublich gefördert und die Produktivität der Arbeit in einem Jahrhundert mehr gesteigert, als es die Fortschritte der älteren Zeit in vier Jahrtausende getan hatten. Diese Unternehmer hatten das Glück, in der Zeit der großen naturwissenschaftlichen Entdeckungen zu leben, die sie sich, als Erfinder, aneigneten und zu Nutze machten. Die Materialien und Arbeiterscharen, die ihnen ihr Kapital zur Verfügung stellte, schufen sie mit ihrem organisierenden Genie zu lebendigen Organismen von ungeheurer Wirkungskraft um; daß sie völlig frei schalten durften, keiner Behörde in ihrer Produktion untertan, niemandem als sich selbst verantwortlich waren, ließ ihren Wagemut, ihre Tatkraft, ihr Genie zur vollen ungehemmten Entfaltung kommen, und nicht der letzte Vorteil war es für sie, daß ihre Arbeiter »frei« waren, denn diese sogenannte Freiheit nötigt teils, teils lockt und reizt sie die Leute, ganz anders energisch und umsichtig zu arbeiten, als es Sklaven zu tun pflegen, ein Umstand, den Smith wiederholt hervorhebt. Der Kapitalbesitzer an sich fungiert nur als Vermittler, und kann durch einen Feudalherrn, ein kommunistisches Gemeinwesen, eine Genossenschaft, ersetzt werden. Was nicht ersetzt werden kann, das ist der geniale Unternehmer, und was die Größe der kapitalistischen Periode, des neunzehnten Jahrhunderts ausmacht, das ist die Wirkungskraft, die der Kapitalbesitz genialen Unternehmern verliehen hat. Nicht dem Kapital, sondern der Vereinigung von Kapitalist und genialem Unternehmer in einer Person ist der gewaltige technische Fortschritt, den wir erlebt haben, zu danken. Daß auch heute diese Vereinigung nicht überall und immer, sondern nur für die Begründung neuer Unternehmungen und für die Eröffnung neuer Produktions- und Absatzwege nötig ist, beweisen die Aktiengesellschaften, bei denen die Kapitalbesitzer nicht als Unternehmer fungieren; ja die Aktionäre verstehen gar nichts von dem Unternehmen, das ihnen gehört, und sind gar nicht in der Lage, sich darum zu kümmern, fallen freilich deswegen oft arg hinein. Die Kartelle und Trusts anderseits berauben den kartellierten Unternehmer der Bewegungsfreiheit oder schalten ihn ganz aus und machen ihn zum müßigen Rentner. Aktiengesellschaften, Kartelle, Genossenschaften sind Ansätze zum Sozialismus. Dieser wird nicht die Alleinherrschaft erringen, am wenigsten unter sozialdemokratischer Führung. Man wird wahrscheinlich auch in Zukunft, wie jetzt, ein Gemenge haben von kleinen selbständigen Unternehmern, die nicht Kapitalisten sind, von kapitalistischen Großunternehmern, von genossenschaftlichen, Staats- und Kommunalbetrieben. Manche Gewerbe eignen sich mehr für die eine, manche mehr für die andere Betriebsart; das Export- und Importgeschäft unserer Seestädte z. B. wird niemals genossenschaftlich betrieben werden, niemals des kundigen, tatkräftigen, sich selbst allein verantwortlichen Einzelunternehmers entbehren können.

Smith untersucht dann die Produktivität und Rentabilität, beides fortwährend vermischend, der verschiedenen Kapitalanlagen. Er hebt die Nützlichkeit und Unentbehrlichkeit des Detailhandels (Kramhandels) hervor und meint, die übermäßige Vermehrung der Zahl der Händler könne wohl diese zugrunde richten, aber nicht dem Publikum schaden. Die Landwirtschaft erklärt er für die produktivste Kapitalanlage, denn in ihr arbeite die Natur mit. Die Natur allein schaffe neue Stoffe, die Landwirtschaft regle und fördere dieses Schaffen, die Gewerbe vermöchten nur das von der Natur geschaffene durch Umformung brauchbarer und wertvoller zu machen. Darum, weil in Nordamerika fast das ganze Kapital in der Landwirtschaft angelegt werde, schreite der Wohlstand des Volkes so rasch fort. Die Amerikaner würden, meint er, diesen Reichtumsfortschritt hemmen, wenn sie die Einfuhr von Industrieerzeugnissen durch Zölle verhindern, sich selbst auf die Fabrikation verlegen und zu diesem Zwecke der Landwirtschaft Kapital entziehen wollten, ehe ihr Land vollständig angebaut ist. [Die Amerikaner haben diese Torheit im neunzehnten Jahrhundert begangen.] Auf die anderen Erwerbszweige solle erst Kapital verwandt werden, wenn man mehr davon habe, als die Landwirtschaft brauchen könne; die Verwendung habe, je nach dem sich steigernden Reichtum, zu den immer unproduktiveren Gewerben fortzuschreiten: der Fabrikation, dem Inlandhandel, dann dem Auslandhandel, der notwendig werde, wenn man mehr hat, als daheim verbraucht werden kann, darum einen Teil davon ins Ausland schicken und Auslandsgüter dafür eintauschen muß, zuletzt zum Zwischen- oder Frachthandel, der darin besteht, daß z. B. die Holländer aus Polen Korn holen, es in Portugal verkaufen und den Polen portugiesischen Wein und Südfrüchte dafür bringen. In dieses Getriebe schiebt sich dann, da seine Räder fortwährend mit verzinslichem Gelde geschmiert werden müssen, die Finanz ( the moneyed interest) als ein besonderes Gewerbe ein. Smith rechnet überall nach, welche Kapitalien bei jeder Operation ersetzt werden, was an Profit hinzukommt, und welche Mengen produktiver Arbeit durch jede Art von Kapitalanlage in Bewegung gesetzt werden. Im einzelnen mag das meiste richtig sein; es ist z. B. wahr, daß die baltischen Provinzen mehr Hanf bauen konnten, seitdem ihnen englische Händler welchen abkauften. Im allgemeinen aber verhüllt auch hier der Geldschleier die volkswirtschaftlichen Vorgänge einigermaßen. Nicht um Kapital handelt es sich beim Fortschritt von der Urproduktion zu Fabrikation und Handel, sondern um Arbeit und Boden. Wo Boden im Überfluß vorhanden ist, braucht das Volk Exportgewerbe nicht zu betreiben; finden dagegen bei knapp gewordenem Boden nicht mehr alle seiner Arbeiter Verwendung in der Landwirtschaft, dann müssen die überschüssigen städtische Gewerbe treiben, und reicht bei weiterer Volksvermehrung ein Teil der Industriearbeiter hin, den heimischen Bedarf zu decken, so muß der andere Teil fürs Ausland produzieren. Daß der Auslandshandel wegen des langsamen Kapitalumschlags weniger profitabel sei als der Inlandshandel, trifft bei der heutigen Verkehrstechnik nicht mehr in dem Grade zu wie damals. Den Widerspruch zwischen seiner Behauptung, daß die Landwirtschaft das produktivste Gewerbe sei, und der Tatsache, daß man im Handel rasch, in der Landwirtschaft, wenn überhaupt, nur langsam reich werden kann, sucht Smith aus der europäischen Politik zu erklären, die Jahrhunderte lang die städtischen Gewerbe einseitig begünstigt habe. [Der Widerspruch erklärt sich daraus, daß Produktivität und Rentabilität ebenso wie Kapital und Kapitalbesitz verschiedene Dinge sind.] Das will er im dritten Buche zeigen.

Er stellt in diesem kurzen Buche den verschiedenen Fortschritt des Wohlstandes bei verschiedenen Nationen dar, von den Zeiten der Völkerwanderung angefangen. Seine Darstellung beweist, daß er gründliche historische Studien gemacht hatte, aber die Geschichtsforschung hatte damals noch nicht das Material gesammelt, auf das eine richtige Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters hätte gegründet werden können. Doch leitet er aus seinem mangelhaften und vielfach anfechtbaren Material wichtige und unanfechtbare Wahrheiten ab; vor allem die, daß unter allen Arten von Handel der Produktenaustausch zwischen Stadt und Land der fruchtbringendste ist, und daß ohne diesen Austausch, ohne städtisches Gewerbe und Handel die Landwirtschaft nicht verbessert, nicht rationell betrieben werden kann. So lange der Grundherr keine andere Verwendung für seine Bodenprodukte hat, als sie mit seinen Bauern, seinen Gästen, seinem Gefolge und Hausgesinde aufzuessen, hätte es keinen Sinn, dem Boden mehr abgewinnen zu wollen, als die Mäuler seiner Leute vertilgen können. Erst wenn er für einen Produktenüberschutz Industriewaren erhält, vermindert er die Zahl seiner unnützen Esser und wird er rationeller Landwirt. [Und, muß man hinzufügen, nur in der Stadt werden die wissenschaftlichen Entdeckungen gemacht, die den rationellen Betrieb ermöglichen.] Daß Smith den segensreichen Produktenaustausch zwischen Stadt und Land gerade mit einem Diamantschmuck anfangen läßt, ist zwar nur ein wunderlicher Einfall und entspricht wenig dem geschichtlichen Hergang, aber die Stelle ist so charakteristisch für den Verfasser, daß wir sie anführen wollen. »Indes was alle Gewalt der Lehnsordnung [die seiner Ansicht nach ein Versuch war, die unbotmäßigen Großen in die Staatsordnung einzufügen] nicht hätte bewirken können, das brachte allmählich die stille und unmerkliche Wirksamkeit des Handels zustande. Dieser lieferte den Großgrundbesitzern Gegenstände, für die sie den Überschuß ihrer Bodenprodukte austauschen, und die sie selbst verbrauchen konnten, ohne sie mit Pächtern und Dienstleuten teilen zu müssen. »Alles für uns selbst, nichts für andere«, scheint in allen Zeitaltern der häßliche Grundsatz der Gebieter der Menschen gewesen zu sein. Sobald sie daher in der Lage waren, den ganzen Wert ihrer Rente selbst genießen zu können, hatten sie keine Lust mehr, diese mit irgend jemand anderem zu teilen. Für ein Paar Diamantschnallen oder einen ähnlichen unnützen Tand gaben sie den Lebensunterhalt von tausend Mann hin« und verloren dadurch ihre politische Macht. Er kommt noch einmal auf das rasche Aufblühen Nordamerikas zu sprechen. In alten Ländern sei die Anlage eines kleinen Kapitals in ländlichem Grundbesitz unrentabel, weil Rente, Steuern, die Zinsen des Kaufpreises den Ertrag aufzehrten. In Nordamerika, wo der Boden fast kostenlos zu haben sei und auch sonst keine Lasten den Landwirt drückten, sei der Ankauf von Grundstücken zur Bebauung die allerbeste Anlage für den kleinen Kapitalbesitzer. Darum nehme dort auch die Bevölkerung so rasch, in Europa so langsam zu. Daß in Nordamerika Kinder, für die es in der eigenen Wirtschaft reichlich zu tun gibt, das wertvollste Kapital seien, hat er schon früher gesagt, und das Elend der armen Chinesen beschrieben, von denen manche sogar auf dem Wasser wohnen müssen, weil sie auf dem Lande nicht einmal Platz zu einer Hütte fänden. Und kultivierter Boden, meint Smith, sei auch das einzige dauerhafte Nationalkapital [mit der Volksbildung und der Tüchtigkeit des Volkes zusammen!]. In Industrie und Handel erworbenes Kapital werde erst dadurch einem Lande als sicheres Besitztum einverleibt, daß es zur Bodenmelioration verwandt wird. Der Kaufmann sei nicht notwendig Bürger eines bestimmten Landes; es sei ziemlich gleichgültig für ihn, an welchem Ort er sich niederlasse; gefalle es ihm in dem einen Lande nicht, so verlege er sein Geschäft in ein anderes und führe sein Kapital dahin über. Solches Kapital gehöre dem Lande nicht eher sicher an, als bis es sich in der Gestalt von Bodenmeliorationen und Gebäuden darüber verbreitet [und darin Wurzel gefaßt] hat. Keine Spur sei vom Reichtum der Hansestädte übrig geblieben. Und der Kaufmannsreichtum zerrinne leicht: Kriege und innere Unruhen trockneten seine Quellen aus. »Viel dauerhafter ist der Reichtum, der aus den haltbaren Bodenmeliorationen fließt. Er kann nur zerstört werden, wenn barbarische Nationen ein Land jahrhundertelang verwüsten, wie das den westlichen Gegenden Europas vor und nach dem Falle des Römischen Reiches widerfahren ist.«

3. Handelspolitik; Kolonien; Aufgaben des Staates; Steuern und Finanzen.

Um Smiths ökonomische Grundbegriffe klar zu machen und seine Darstellungsweise zu charakterisieren, sind wir ihm bis jetzt Kapitel für Kapitel gefolgt; da jedoch äußere Rücksichten uns Grenzen setzen, müssen wir uns bei den letzten beiden Büchern, deren Umfang den der drei ersten übertrifft, auf eine gedrängte Inhaltsangabe beschränken. Der verschiedene Reichtumsfortschritt in verschiedenen Zeitaltern und Ländern, leitet Smith das vierte Buch ein, habe zu zwei verschiedenen Systemen der politischen Ökonomie Anlaß gegeben, dem Kommerz- (Merkantil-) System und dem Agrikultursystem (dieses heißt heute das der Physiokraten). Diese wolle er nun darstellen. Das Merkantilsystem ist nicht von einem Gelehrten ausgeklügelt worden, sondern ging von selbst aus der mangelhaften Erkenntnis der Natur des Geldes und seiner dadurch verursachten Überschätzung hervor. Alle Regierungen des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts handelten nach seinen Grundsätzen: daß der Reichtum eines Landes hauptsächlich in seinem Edelmetallvorrat bestehe, daß man also diesen zu vermehren trachten müsse, daß zu diesem Zweck die Einfuhr, die dem Lande Geld entziehe, durch Verbote und Zölle gehemmt, die Ausfuhr, die Geld ins Land bringe, begünstigt, und die Industrie, welche die lohnendsten Ausfuhr-Artikel liefere, gefördert werden müsse. Der französische Minister Colbert († 1683) gilt als der Mann, der diese Grundsätze am folgerichtigsten durchgeführt habe, doch sind die englischen Staatsmänner und Friedrich der Große nicht weniger merkantilistisch gewesen. Smith widerlegt den Merkantilismus folgendermaßen.

Da Geld das Werkzeug des Handels ist, wer Geld hat, damit alle Güter leicht beschaffen kann, darum alle Welt nach Gelde giert, so lag die Versuchung nahe, die zwei Begriffe Geld und Reichtum zu verwechseln. Aber ein Sohn Dschingischans, der den französischen Gesandten fragte, ob sein Land viel Schafe und Ochsen habe, hatte eine richtigere Vorstellung vom Nationalwohlstande als die europäischen Staatsmänner. Die Kaufleute allerdings fanden bei der merkantilistischen Politik ihren Vorteil, und sie überredeten die Parlamente und die Räte der Fürsten, daß dieser ihr Vorteil auch der des Landes sei; die regierenden Edelleute aber glaubten ihnen als Sachverständigen. Daß Handel ein Land bereichere, das lehrte die Erfahrung; auf welche Weise jedoch er das Land bereichere, vermochte keine der genannten beiden Klassen zu erkennen; die Kaufleute wußten nur, auf welche Weise er sie bereichere. Allerdings muß ein Land, das keine Gold- und Silberminen besitzt, seinen Edelmetallbedarf im Auslande decken, aber es bekommt davon, wie von jeder anderen ausländischen Ware, jederzeit ohne besondere Regierungsmaßregeln so viel, als seine Nachfrage verlangt. Und sollte einmal Mangel daran eintreten, so wäre dieser leichter zu ertragen als jeder andere Mangel. Fehlt es an Rohstoffen, so steht die Industrie still; fehlt es an Brot, so stirbt das Volk Hungers; fehlt es bloß an Münzmetall, so ist dem Mangel durch Papiergeld leicht abgeholfen. Einen Kaufmann kann Geldmangel in große Verlegenheit bringen; sein Reichtum besteht in Gütern, die verderben oder an Wert verlieren, wenn er sie nicht beizeiten in Geld umsetzen kann. Die Nation dagegen besitzt den größten Teil ihrer Güter nicht als Handelsware, sondern verbraucht sie; nur ein kleiner Teil davon ist bestimmt, zum Austausch gegen andere Güter ins Ausland geschickt zu werden, und von diesem Teil dient wieder nur ein kleiner Teil dazu, Edelmetall einzutauschen. Im Augenblick freilich zieht das Geld rascher und leichter Güter herbei als die Güter Geld herbeiziehen, aber auf die Länge wird das Geld mit Notwendigkeit von den Gebrauchsgütern herbeigezogen, das Gebrauchsgut nicht so notwendig vom Gelde. Das Gebrauchsgut dient eben hauptsächlich zum Gebrauch und nur zufällig und vorübergehend als Handelsware, zum Eintausch von Geld; das Geld hat keinen anderen Zweck, als Güter einzutauschen. Drum läuft das Geld notwendigerweise den Gütern nach, aber die Güter laufen nicht immer notwendigerweise dem Gelde nach. Man hat den überwiegenden Wert des Geldes darin gefunden, daß Metalle dauerhafter sind als verzehrbare Güter. Nun, Eisenwaren sind auch dauerhafter als Wein, dennoch halten wir es für kein schlechtes Geschäft, unsere Eisenwaren gegen französischen Wein auszutauschen, anstatt sie zu behalten und einen ungeheuren Berg von eisernen Töpfen und Pfannen aufzutürmen, die ewig dauern könnten. Haben wir nur zu essen, so werden wir auch genug Töpfe und Pfannen haben, unsere Speisen darin zuzubereiten, denn wenn wir Arbeitern einen Teil der Lebensmittel geben, so werden sie uns gern so viel Töpfe und Pfannen anfertigen, als wir brauchen; es wäre höchst lächerlich, der Beschaffung von Küchengeschirr eine besondere Sorge zu widmen und mehr davon herstellen zu lassen als gebraucht wird. Gerade so ist es mit dem Gelde. [Diese Ansicht Smiths hat der Erfolg der Einführung der Goldwährung bei uns glänzend gerechtfertigt. Das deutsche Volk hat seit 1870 eine unglaubliche Menge von Gebrauchsgütern produziert, und die zu deren Umtrieb notwendige Menge Goldes hat sich, allen düsteren Prophezeiungen zum Trotz, ganz von selbst eingestellt.] Die Staatsmänner haben das jedoch nicht eingesehen, und, um den Gold- und Silberschatz des Landes besorgt, den Verkehr teils beschränkt, teils willkürlich zu leiten versucht. Sie haben zunächst die Einfuhr solcher Güter beschränkt, die im eigenen Lande erzeugt werden können. Wer unsere Zollgesetzgebung nicht kennt, der ahnt nicht, welche Mannigfaltigkeit von Gütern durch unbedingtes oder nur unter gewissen Umständen geltendes Verbot von der Einfuhr in England ausgeschlossen ist. Da jeder Unternehmer seinen eigenen Vorteil sucht, der Inlandsverkehr der vorteilhafteste ist und desto größeren Gewinn abwirft, je wertvollere Güter er liefert, so sehen sich die Unternehmer durch ihre Selbstsucht genötigt, den Wohlstand des Landes so viel wie möglich zu mehren. Verleiht ihnen jedoch der Staat durch Einfuhrverbote das Monopol des inneren Marktes, und bestimmt er sie dadurch, ihr Kapital in Industriezweige zu stecken, in denen sie es beim natürlichen Laufe der Dinge nicht angelegt hätten, so wird diese Anlage weniger vorteilhaft fürs Land ausfallen. Das Land verliert durch den Zwang, Dinge selbst anzufertigen, die es im Auslande billiger kaufen könnte, ebenso, wie der Schneider verlieren würde, den man zwänge, seine Schuhe selbst anzufertigen. Den Fabrikanten allerdings nützen Einfuhrverbote und Schutzzölle, denn bei freier Einfuhr könnten sie leicht von auswärtigen Fabrikanten unterboten werden. In Beziehung auf landwirtschaftliche Erzeugnisse ist das undenkbar; die Landwirte haben darum von auswärtiger Konkurrenz nichts zu befürchten. [Das ist seitdem anders geworden.] Übrigens haben sich die Landwirte vom Monopolgeiste frei erhalten; nicht sie, sondern die gegen das Publikum verschworenen Kaufleute und Fabrikanten sind die Erfinder der Schutzzollpolitik, und die Kornhändler fordern weit dringender Exportprämien auf Korn als die Landwirte. Von diesen gilt noch immer, was Cato gesagt hat: »Ihr Gewerbe ist schuldlos, beständig und wird ohne gegenseitigen Neid betrieben; die es ausüben, planen nichts Arges.« Doch sind von der hier aufgestellten Regel zwei Ausnahmen zuzulassen. Weil die Landesverteidigung wichtiger ist als die Reichtumsvermehrung, so ist die [von Cromwell 1651 erlassene] Navigationsakte, die den Verkehr ausländischer Schiffe in englischen Häfen außerordentlich beschränkt und dadurch den heimischen Schiffbau fördert, der Nation heilsam gewesen. Und wenn unter dem Zollschutze eine Industrie groß geworden ist, deren zahlreiche Arbeiter durch plötzliche Aufhebung der Schranken brotlos gemacht werden könnten, so fordert die Humanität, daß die Einfuhr nur ganz allmählich und in vorsichtiger Weise wieder frei gegeben werde. Indes zu glauben, Großbritannien werde jemals die allgemeine Handelsfreiheit wieder herstellen, das wäre so töricht, als wenn man die Einführung der Verfassung von Utopia erwarten wollte. [Nun, ein halbes Jahrhundert hat jetzt England doch Handelsfreiheit genossen, aber es ist ihrer schon überdrüssig.] Gerechtfertigt erscheinen Einfuhrzölle auch als Retorsion gegen Zollmaßregeln des Auslandes.

Wenn gewisse Einfuhrzölle damit verteidigt werden, daß sie notwendig seien, die Handelsbilanz mit dem davon betroffenen Staate wieder günstig zu gestalten, so ist darauf zu antworten, daß weder die Nachweise der Zolleinnahmen, noch die Wechselkurse [bei dieser Gelegenheit wird die Geschichte der Bank von Amsterdam erzählt] eine sichere Grundlage zur Berechnung der Bilanz abgeben, daß die Bilanz mit einem einzelnen Lande, wenn sie berechnet werden könnte, über die doch allein entscheidende Gesamtbilanz nichts aussagen würde, und daß die ganze Lehre von der Handelsbilanz Unsinn ist, weil jeder Güteraustausch beiden Tauschenden gleichen Vorteil bringt. [Jeder reelle und vollkommen freie zwischen gleich starken Parteien! Aber bei Nationen geschieht es wie bei einzelnen Personen, daß die klügere die einfältigere betrügt, die stärkere die schwächere ausnützt, was im Völkerverkehr u. a. in der Weise vorkommt, daß das industriell fortgeschrittene Volk durch Überschwemmung der Agrarländer mit wohlfeilen Industriewaren bei jenen die Entstehung einheimischer Gewerbe hemmt, oder in Ländern mit alter Kultur feinere Industrien durch wohlfeile grobe Ware erstickt; so haben die Engländer im neunzehnten Jahrhundert mit ihrem Kattun die schlesische Leinen- und die indische Musselinfabrikation vernichtet. Der Streit über die Handelsbilanz hat an Bedeutung verloren, seitdem man weiß, daß der Warenverkehr nur eines unter vielen Mitteln der internationalen Wertübertragungen ist, und daß gerade die reichsten Länder meistens eine passive Handelsbilanz haben.] Der Grundsatz, daß jeder Güteraustausch beiden Teilen nütze, gilt ganz allgemein, auch für das Geschäft, das der Arbeiter mit dem Bierhause macht, obwohl es zu der Art von Geschäften gehört, die leicht in Mißbrauch ausarten können. Doch ist an dem Mißbrauch, wo er vorkommt, nicht die verlockende Gelegenheit schuld: die große Zahl der Wirtshäuser und die Wohlfeilheit der berauschenden Getränke. Das Volk ist nirgends mäßiger als in den Weinländern, wo der Wein spottbillig ist. Wenn ein nordfranzösisches Regiment nach dem Süden verlegt wird, pflegen sich allerdings anfangs die Soldaten, durch die ungewohnte Billigkeit des Weins verführt, oft zu betrinken, aber nach einigen Monaten sind die meisten von ihnen so mäßig wie die Einheimischen. [Die Italiener und die Spanier verdienen dieses Lob noch heute, die Franzosen leider – seit etwa vierzig Jahren – nicht mehr.] Deshalb sollte auch der Handel mit Spirituosen und ihr Ausschank völlig freigegeben werden. Unter dem Einflusse der falschen Theorie hat sich jedes Volk daran gewöhnt, den Gewinn des Nachbars für eigenen Verlust zu halten; jede möchte darum die andere an den Bettelstab bringen [heute wissen wir, daß die reichsten Nationen unsere besten Kunden sind], und so ist der Handel, der die Nationen wie die Individuen mit Freundschaftsbanden umschlingen sollte, die stärkste Quelle der Feindschaft zwischen ihnen geworden. Der launenhafte Ehrgeiz der Könige und ihrer Minister ist in den letzten Jahrhunderten nicht so verhängnisvoll für die Ruhe Europas gewesen wie die unverschämte Eifersucht der Kaufleute und Fabrikanten. Die Gewalttätigkeiten und die Ungerechtigkeiten der Herrschenden nun sind alte Übel, gegen die es wohl keine Abhilfe gibt; aber die gemeine Raubgier und der Monopolgeist der Fabrikanten und der Kaufleute müßten doch zu zügeln sein. Eher als Schutzzölle und Ausfuhrprämien ließen sich Prämien auf die Fabrikation gewisser Waren rechtfertigen; diese würden das Volk mit Hilfe einer mäßigen Steuer bereichern, indem sie die Produktion förderten und die Güter der begünstigten Art wohlfeil machten. Aber eben dieses wollen die Kaufleute nicht; lieber zahlen sie Ausfuhrprämien aus ihrer eigenen Tasche, um den Warenvorrat in der Heimat zu vermindern und dadurch die Preise zu steigern.

So unverständig wie die Handelspolitik der neueren Europäer ist bisher auch ihre Kolonialpolitik gewesen. [Vor deren Darstellung überblickt er die Geschichte der griechischen, der römischen und der mittelalterlichen Kolonisation.] Obwohl Goldsucherei die riskanteste aller Lotterien ist, ließen sich nach der Entdeckung Amerikas die Europäer durch ihre unvernünftige Habgier verleiten, die Aussicht auf unermeßliche Beute an Gold und Silber für das Wertvollste an dem neuen Länderbesitz zu halten. Der wirkliche Wert dieser Kolonien besteht darin, daß sie uns mit Gebrauchsgütern bereichern, die vor der Entdeckung Amerikas unbekannt waren, und daß sie unsere Industrie anregen, Ausfuhrartikel für die neuen Länder zu erzeugen. Den Hauptnutzen, daß sie Millionen Sprößlingen Europas eine neue Heimat und ein glücklicheres Dasein gewähren, deutet Smith nur an, indem er noch einmal die Ursache des raschen Gedeihens der Kolonien: Arbeit mit europäischer Bildung und Technik auf kostenlosem Boden, erörtert. Von dem Druck der Übervölkerung, der durch den Abfluß der Auswanderer gehoben oder wenigstens gemildert wird, wußte Smith noch nichts. Er schildert das verschiedene Verfahren der kolonisierenden Nationen, u. a. auch die Raubwirtschaft der Holländer auf den Gewürzinseln, und gibt als Ursachen des alle anderen übertreffenden Gedeihens der Neuenglandstaaten an, daß England bei aller Engherzigkeit seine amerikanischen Kolonien immer noch liberaler behandelt habe als die übrigen Staaten die ihrigen, daß weise Gesetze und das Fehlen einer privilegierten Aristokratie die Aufsaugung des kleinen Grundbesitzes durch den großen verhütet hätten, und daß sich diese republikanisch organisierten Kolonien einer einfachen und wohlfeilen Selbstverwaltung erfreuten. Er ist jedoch gerecht genug, anzuerkennen, daß auch ein absolutes Regiment seine Vorzüge habe; auf den französischen Zuckerplantagen würden die Neger von der Regierung vor grausamer Behandlung geschützt; der amerikanische Bürger lasse sich über Gebrauch oder Mißbrauch seines Eigentums von Behörden, die aus seinen gleichberechtigten Standesgenossen bestehen, keine Vorschriften machen. So seien in Altrom die Sklaven unter der Republik grausam behandelt, von den Kaisern geschützt worden. [Wir Heutigen wissen außerdem: nur die starke Regierung eines Bismarck hat die neue Periode der Sozialpolitik zu inaugurieren vermocht.] Narrheit und Ungerechtigkeit sind nach Smith die zwei Ratgeber, welche die europäischen Regierungen bei der Gründung und Behandlung der Kolonien geleitet haben; das einzige, was diese Europa verdanken, sind die Menschen, die es ihnen liefert: Männer, die tüchtig sind, große Reiche zu gründen. Verdanken die Kolonien Europa sonst wenig, so verdankt dieses ihnen desto mehr, hat sich aber wiederum durch Unverstand eines Teils des Nutzens beraubt, indem jeder Staat, England voran, den Handel mit seinen Kolonien für sich monopolisierte, und dadurch in die natürliche Entwickelung seines Handels störend eingriff: dem ertragreicheren Nahhandel Kapitalien entzog, um sie vor der Zeit in den weniger gewinnreichen Fernhandel zu stecken. Da England noch dazu die Kosten der Verteidigung seiner Kolonien trägt und Kriege um sie führt, so hat es eigentlich nur Schaden von ihnen. Es ist verfahren, wie ein sehr dummer Kleiderhändler verfahren würde, der einem Manne ein Landgut schenkte gegen das Versprechen des Beschenkten, seine Kleider in keinem anderen Laden zu kaufen als in dem seines Wohltäters. Eine noch so lästige Provinz freiwillig aufgeben, das tut nun freilich kein Staat; daran hindert der Stolz. Könnte es geschehen, so würde England durch eine friedliche und freundschaftliche Trennung von seinen Kolonien nur gewinnen. Da daran nicht du denken ist, so wird es die Kolonien wenigstens zu den Kosten der Verteidigung des Reiches heranziehen, darum sie durch Zulassung ihrer Vertreter ins Parlament in das Reich eingliedern müssen. Das hat gar keine Bedenken; der römischen Republik freilich, die das Repräsentativsystem nicht kannte, mußte die Erweiterung des Kreises der mit dem Bürgerrecht Beschenkten zum Verderben gereichen. Sollten die Kolonien mit der Zeit das Mutterland in Einwohnerzahl und Steuerleistung überflügeln, so müßte der Sitz der Regierung dorthin verlegt werden. Wer bis jetzt keinen Vorteil, nur Elend von der Kolonisation geerntet hat, das sind die unglücklichen Eingeborenen. Vielleicht erstarken sie durch die Teilnahme an der europäischen Kultur mit der Zeit bis zu jenem Grade von Mut und Macht, der Furcht einflößt: das einzige Mittel, unabhängige Nationen zur Achtung der Rechte anderer zu zwingen. [Es wird dann noch die schlechte Wirtschaft der Ostindischen Kompagnie und ihrer Beamten beschrieben – Kaufleute seien eben unfähig, ein Land zu regieren – und die Grausamkeit der von Tuchfabrikanten erzwungenen, mit Blut geschriebenen Gesetze: Wollausfuhr wurde mit Handabhackung und dem Tode bestraft.]

Das von Quesnay begründete Agrikultursystem existiert nur in den Köpfen einiger gelehrten und genialen Franzosen und wird wahrscheinlich nirgends in der Welt Schaden anrichten. Colbert, ein Beamter von großer Rechtschaffenheit, Geschäftstüchtigkeit und Detailkenntnis, hatte sich eingebildet, Produktion und Verkehr so willkürlich regeln zu können, wie die Arbeiten eines Regierungsbureaus, und hatte es nach merkantilistischen Grundsätzen zu tun versucht. Namentlich Kornausfuhrverbote, die zum Nutzen der Industriearbeiter das Getreide wohlfeil machen sollten, erzeugten mit dem Steuer- und Frondendruck zusammen eine Not der Bauernschaft, die sich dem ganzen Lande fühlbar machte, und die auf Abhilfe Sinnenden überbogen nun, wie das zu geschehen pflegt, den Stab nach der anderen Seite, indem sie lehrten: die Landwirtschaft allein vermehre die Gütermenge, und alle anderen Stände außer den Grundbesitzern und Landwirten, auch die Kaufleute, Fabrikanten und Handwerker, seien unproduktiv. Das ist natürlich falsch, aber die Erfinder des Systems sind wegen ihrer hochherzigen Gesinnung zu loben, denn sie lehren, daß bei unbeschränkter Verkehrsfreiheit Ackerbauvölker im natürlichen Laufe der Entwickelung von selbst zu Gewerbe und Handel gelangen. Manche Ärzte glauben, der Menschenleib könne nur bei einer bestimmten Diät gesund bleiben. Quesnay war Arzt und ein philosophischer Kopf, und er mag diese Ansicht auf den Gesellschaftskörper angewandt und geglaubt haben, auch dieser könne nur bei der vollkommen vernünftigen Diät, bei voller Freiheit und Gerechtigkeit gedeihen. Die Erfahrung lehrt jedoch, daß die Menschen bei sehr verschiedener und manchmal recht unverständiger Diät gesund bleiben, weil, wie es scheint, dem Organismus die Kraft innewohnt, sich selbst zu regulieren, die schlimmsten Wirkungen störender Eingriffe zu mildern und zu heilen. So ist's auch mit dem Gesellschaftskörper: das von der Natur jedem einzelnen eingepflanzte Streben, seine Lage zu verbessern, erhält die Nation gesund trotz aller ökonomischen Mißhandlungen durch eine despotische Regierung. Könnten Nationen nur bei vollkommener Freiheit und Gerechtigkeit gedeihen, so würde es niemals eine gedeihende Nation gegeben haben.

Indem solchergestalt bewiesen worden ist, daß alle Beschränkungen und Begünstigungen nur schaden, so ergibt sich daraus das System der natürlichen Freiheit als das allein vernünftige von selbst: Jedermann muß es freistehen, solange er nur die Gerechtigkeit nicht verletzt, sein eigenes Interesse auf seine Weise zu verfolgen. Der Souverän ist von einer Pflicht entbunden, deren Erfüllung übermenschliche Weisheit erfordern würde: den Gewerbefleiß der Privatleute zu überwachen und ihn zum allgemeinen Besten zu lenken. Dem Souverän liegen nur drei Pflichten ob: er hat die Nation vor äußeren Feinden, durch die Justiz jedes Mitglied der Nation vor Ungerechtigkeiten anderer Mitglieder zu schützen, und für gewisse öffentliche Werke und Einrichtungen zu sorgen, die einzelne Personen oder Vereinigungen von solchen nicht besorgen würden, weil sie dabei nicht auf die Kosten kämen. Diese Pflichten und die Beschaffung der zu ihrer Erfüllung nötigen Geldmittel sind der Gegenstand des fünften Buches.

Smith handelt demnach zuerst von der Landesverteidigung, überblickt die Entwickelung des Kriegswesens von seinen ersten Anfängen an, nennt die Kriegskunst die edelste, aber auch auf dem dermaligen Stande ihrer Vollkommenheit die schwierigste, und folgert daraus, daß die Landesverteidigung nicht Milizen, sondern nur Berufssoldaten anvertraut werden könne. Er bekämpft das englische Vorurteil gegen stehende Heere; ein solches sei das einzige Mittel, barbarische Völker zu zivilisieren, und der Freiheit nicht im mindesten gefährlich. Die Rechtspflege habe besonders das Eigentum zu beschützen. Dieser Schutz werde in einer zivilisierten Gesellschaft durch die Vermögensungleichheit notwendig. Zivilisation hebe die ursprüngliche Vermögensgleichheit auf und schaffe Reichtum, und Privatreichtum sei nicht möglich, wenn nicht auf einen Reichen wenigstens fünfhundert Arme kommen. Diese aber beneiden den Reichen und begehren sein Vermögen. Wiederum wird die Geschichte der Institution im Abriß erzählt und als beste Art der Besoldung der Richter die durch Sporteln empfohlen; wenn die Richter ihr Geld jedesmal erst nach Beendigung des Prozesses ausgezahlt bekommen, werden sie diesen nicht verschleppen. Die Trennung der Justiz von der Verwaltung hat sich bei der Häufung der Geschäfte als unvermeidliche Arbeitsteilung von selbst ergeben. Öffentliche Bauten wie die von Straßen, Brücken und Kanälen und ihre Unterhaltung werden besser von den Provinzen und Gemeinden, die sie brauchen, als vom Staate besorgt.

Der Handel erfordert Schutz vom Staate, wenn er mit wilden Völkern getrieben wird. Handelsgesellschaften haben die Regierung zu überreden verstanden, ihnen diese Souveränitätspflicht samt den entsprechenden Rechten zu übertragen. Solche Gesellschaften nützen mitunter, indem sie auf eigene Gefahr und Kosten dem Handel neue Bahnen und Märkte erschließen, aber auf die Dauer werden sie alle schädlich, weil sie, vom Zunftgeiste beseelt, die Konkurrenz ausschließen. Smith erzählt die Geschichte einer Reihe solcher Gesellschaften, namentlich die der Ostindischen Kompagnie, die er wiederum scharf kritisiert. »Kein anderer Souverän,« schreibt er u. a., »ist jemals gegen das Wohl und Wehe seiner Untertanen, gegen den guten oder schlechten Zustand des Landes, gegen den Ruhm oder die Schande seiner Verwaltung so gleichgültig gewesen, als es die meisten Aktionäre einer Handelsgesellschaft sind, und es liegt in der Natur der Dinge, daß sie gar nicht anders sein können.« In Beziehung auf den Unterricht entwickelt Smith die Grundsätze, die wir schon kennen: der Unterricht wird am besten ausfallen, wenn die Lehrer nach ihren Leistungen bezahlt werden, und zwar von denen, die diese Leistungen fordern. Gegenstände, um die sich der Staat nicht kümmert, wie Tanzen und Fechten, werden am besten gelehrt. Für den Mädchenunterricht sorgt keine öffentliche Anstalt; darum werden die Mädchen von ihren Müttern vernünftig erzogen und bleiben von dem Zwange, unnützes Zeug lernen zu müssen, verschont. Die Universitätslehrer sind durch ihre reichen Pfründen faul und dumm geworden, und die Disziplin dient nur ihrer Bequemlichkeit. Die Studenten bedürfen keiner Strafgesetze und keines Zwanges, denn die Jugend ist von so edler Gesinnung beseelt, daß sie den Lehrer schon dankbar verehrt, wenn er seine Schuldigkeit nur halb tut und ihr etwas bietet. Es folgt ein Abriß der Geschichte des gelehrten Unterrichts in Europa. Weniger verderbt als die Universitäten, deren elender Zustand die schädliche Sitte, junge Edelleute auf Reisen zu schicken, einigermaßen entschuldigt, sind die Lateinschulen. Gäbe es keine privilegierten Unterrichtsanstalten, so würde kein Lehrer sein Brot finden, der entweder eine an sich nützliche Wissenschaft nach einem veralteten System, oder statt nützlicher Wissenschaft sophistischen Unsinn lehren wollte. Dagegen sollte der Staat dafür sorgen, daß die Kinder der arbeitenden Armen lesen, schreiben und rechnen lernen. Denn die Arbeitsteilung, welche die Arbeit auf die immerwährende Wiederholung weniger Handgriffe einschränkt, macht den Arbeiter stumpfsinnig, läßt ihn auch körperlich entarten und macht ihn unkriegerisch, während den Barbaren seine vielseitige Tätigkeit intelligent, körperlich rüstig und tapfer erhält; die armen Leute selbst aber haben weder die Mittel dazu, noch denken sie daran, der Verkümmerung ihrer Kinder durch einigen Unterricht vorzubeugen. In Schottland sorge die Geistlichkeit dafür, in geringerem Umfange versuchten es in England die von wohltätigen Vereinen unterhaltenen Schulen ( charity schools). Nur müßte in allen solchen Schulen statt einiger Brocken Latein Elementargeometrie und Mechanik gelehrt werden. Zu Leibesübungen müßte das Volk nach dem Vorbilde der Alten angehalten werden nicht allein der Sicherheit des Vaterlandes wegen, weil ein tüchtiges stehendes Heer ein wehrfähiges Volk als Grundlage vorausgesetzt, sondern auch um der schimpflichsten aller Verstümmelungen, dem Schwinden des militärischen Geistes vorzubeugen: ein Feigling, der sich weder zu verteidigen noch zu rächen vermag, ist nur ein elender Krüppel, und auch der Schwund der Geisteskräfte bei den Armen der zivilisierten Nationen ist Verstümmelung und Verkrüppelung. Der Verbreitung einer solchen hat der Staat ebenso zu steuern wie der Verbreitung des Aussatzes und ähnlicher ekelhafter Seuchen.

Die Menschen aller Lebensalter unterrichtet der Klerus, um sie für das Leben in einer besseren Welt vorzubereiten. Herrschende Kirchen wie die römische und die englische Staatskirche gleichen den wohlgemästeten Völkern Südasiens, die sich der hungrigen Tataren des Nordens nicht zu erwehren vermögen: sie rufen darum zu ihrer Verteidigung den Staat an und lassen durch diesen die Sekten verfolgen. Der Staat aber sollte die Kirche ganz sich selbst überlassen. Sie würde dann in eine Unzahl von Sekten zerfallen, deren jede zu schwach wäre, die übrigen zu verfolgen. So würden sie sich miteinander vertragen lernen, und aus ihrer Konkurrenz würde eine reine, von Aberglauben freie Religion hervorgehen. Neue Religionen pflegen ihre ersten Anhänger im gemeinen Volke zu gewinnen, darum müssen ihre Verkünder eine strenge Moral lehren. Denn während die Vornehmen einer laxen Moral huldigen, weil sie die Mittel haben, liederlich und lasterhaft zu leben, gilt beim armen Manne, der sich durch eine einzige liederliche Woche schon zugrunde richten kann, jede Art von Ausschweifung als etwas sehr Schimpfliches. [Natürlich hat hier Smith nicht das Lumpenproletariat im Sinn, sondern den anständigen Arbeiterstand, das Kleinbürgertum, die Kleinbauernschaft vom schottisch-puritanischen Schlage.] Eine je strengere Moral der Apostel predigt, desto mehr imponiert er den armen Leuten; diese, die kein anderes Mittel haben, Aufsehen zu erregen und Achtung zu erwerben, überbieten einander in Rigorismus, und der artet darum bei kleinen Sekten leicht in unsozialen Fanatismus aus. Diesen hat der Staat auf zweierlei Weise zu bekämpfen: indem er philosophische Bildung in den oberen und mittleren Schichten verbreitet, von denen die unteren ihre Ideen empfangen, und indem er öffentliche Lustbarkeiten dadurch begünstigt, daß er denen völlige Freiheit einräumt, die es im eigenen Interesse unternehmen, das Volk – ohne Ärgernis und Unziemlichkeit – mit Werken der bildenden Künste, mit Musik und Tanz, mit dramatischen Vorstellungen zu unterhalten und zu erheitern. Herrschende Kirchen werden leicht staatsgefährlich, aber noch gefährlicher und immer erfolglos ist der Versuch, sie mit Gewalt zu unterdrücken. In einer Übersicht der Kirchengeschichte wird die Kirche von Rom als die furchtbarste aller Verschwörungen gegen die Sicherheit des Staates wie gegen die Freiheit, Vernunft und Glückseligkeit des Menschengeschlechtes charakterisiert, und der schottischen sowie der schweizerischen Kirche großes Lob gespendet; in beiden Ländern sei das ganze Volk besonders deswegen einmütig der Reformation zugefallen, weil der Klerus arm und pflichteifrig sei.

Was nun die Beschaffung der für die Staatsausgaben nötigen Mittel betrifft, so soll der Staat nicht versuchen, durch industrielle und Handelsunternehmungen Geld zu verdienen; so wenig der Kaufmann zum Regenten taugt, so wenig taugt ein Regent zum Kaufmann; keine anderen zwei Berufsarten vertragen sich so schlecht miteinander als der Herrscherberuf und der Handel; das einzige Gewerbe, das der Staat ohne Gefahr und mit Nutzen auszuüben vermag, ist das der Post. Auch aus Domänen können die Staatsausgaben heute nicht mehr bestritten werden; die Bodenrente von ganz England würde sie nicht decken. Zudem werden Domänen schlecht bewirtschaftet; sie bestehen meistens aus sogenannten Forsten in denen man immer erst ein paar Meilen reisen muß, ehe man einen Baum sieht. [Smith müßte heute einmal die preußischen Staatsforsten inspizieren.] Es wäre darum vorteilhaft, die Domänen zu verkaufen. Die Staatsausgaben können demnach nur aus Steuern bestritten werden.

Für die Steuerpolitik stellt Smith vier Regeln auf. 1. Die Untertanen müssen möglichst im Verhältnis ihrer Leistungsfähigkeit zu den Staatsbedürfnissen beitragen. 2. Die Steuer muß nach Höhe, Zeit und Zahlungsart genau bestimmt, nicht willkürlich sein. 3. Die Zeit und die Art der Erhebung müssen so angeordnet werden, daß der Steuerzahler dadurch so wenig wie möglich bedrückt wird. 4. Die Erhebung muß so eingerichtet werden, daß sie so wenig wie möglich Kosten verursacht. Bei der Durchmusterung der verschiedenen Steuern und Zölle schöpft Smith offenbar vieles aus dem Schatze der Erfahrungen, die er als Zollkontrolleur gesammelt hat. Er schlägt u. a. die Errichtung von Lagerhäusern vor, in denen die Waren, von denen ja viele nur auf der Durchfuhr im Hafen weilen, zollfrei aufbewahrt werden könnten; der Zoll dürfe dann nur von dem Teile entrichtet werden, der in den inneren Verkehr übergeht. Die Maßregel sei aber nur durchführbar, wenn die Zollpflicht auf wenige Massenartikel beschränkt werde; die Verzollung einer Unzahl von Warensorten koste ohnehin mehr als sie bringe, und fördere teils den Schmuggel, teils vernichte sie die Einfuhr und damit die Zolleinnahme. Werde durch solche zweckmäßige Reformen Schmuggel unlohnend, der Zoll aber beweglich gemacht, indem man ihn bald erhöhe, bald herabsetze, je nachdem eine Änderung die Einnahme zu erhöhen verspreche, werde der Zoll überhaupt grundsätzlich als Finanzzoll, nicht als Schutzzoll behandelt, dann werde eine solche Reform Industrie und Handel fördern, ohne die Staatseinnahmen zu schädigen. Daß Smith die direkte wie indirekte Besteuerung des Arbeitslohnes für unzweckmäßig erklärt, weil eine solche den Arbeitslohn und damit den Warenpreis erhöhen, demnach aus der Tasche des Publikums und der Unternehmer bezahlt werden müsse, ist bereits erwähnt worden. Deshalb müssen also notwendige Lebensbedürfnisse steuer- und zollfrei bleiben. Zu diesen seien aber nicht allein die zur Erhaltung des Lebens notwendigen Gebrauchsgegenstände zu rechnen, sondern auch solche, auf die selbst der Ärmste nicht verzichten könne, ohne den Ruf eines anständigen Mannes zu verlieren. Das wechsele nach Ort und Zeit. Die alten Griechen trugen kein Leinenhemd. In England gilt jetzt der Mangel eines solchen »als das Kennzeichen jenes schimpflichen Grades von Armut, zu dem nach allgemeiner Annahme niemand hinabsinken kann, wenn er nicht einen schlechten Lebenswandel führt«. Schuhe gehören in England für beide Geschlechter zur Anständigkeit, in Schottland nur für das männliche; in Frankreich braucht sich weder Mann noch Weib der Barfüßigkeit zu schämen. Den Fleischgenuß hält Smith nicht für notwendig, dagegen fordert er die Aufhebung der Steuern auf Salz, Leder, Seife und Talglichter. Steuern auf den Luxus der Armen: Spirituosen und Tabak, lobt er als sehr nützlich; sie erhöhen den Arbeitslohn nicht, machen die Armen mäßig und fördern dadurch die Erzeugung und Aufzucht des Nachwuchses. Den Branntwein soll man teuer, das Bier wohlfeil machen, jedenfalls aber immer bedenken, daß nur Artikel des Massenkonsums, wie Rum, Tabak und Zucker, bedeutende Erträge abwerfen, und daß der Konsum des gemeinen Volkes nicht bloß der Masse, sondern auch dem Werte nach den der Reichen weit übertrifft. Indirekte Steuern werden am leichtesten getragen; sie entsprechen den ersten drei Regeln, jedoch nicht der vierten, da ihre Erhebung kostspielig ist, erzeugen den Schmuggel und hemmen mitunter die Produktion.

Weil die modernen Regierungen im Frieden nicht sparen – nur der König von Preußen sammle einen Staatsschatz – müssen sie im Kriege Schulden machen. Smith glaubt, daß die enormen Staatsschulden, wenn sie so weiter wachsen, mit der Zeit alle Nationen Europas ruinieren werden. Er stellt die Entwickelung des englischen Staatsschuldenwesens dar. Eine gründliche Steuerreform sei zwar sehr wünschenswert, aber nicht hinreichend, die Nation von der Schuldenlast zu befreien. Dazu könnte vielleicht die Besteuerung Irlands und der Kolonien verhelfen, die aber, wie gesagt, die Eingliederung dieser Länder in den Reichskörper zur Voraussetzung habe. Irland würde durch die Einverleibung auch von seiner ausbeutenden Aristokratie erlöst werden, »einer Aristokratie, die nicht, gleich der schottischen, auf dem natürlichen und achtungswerten Unterschiede von Geburt und Vermögen beruht, sondern auf jenen gehässigsten aller Unterschiede, die das religiöse und das politische Vorurteil erzeugt.« Auch das Gebiet der Ostindischen Kompagnie könnte zu einer reichlichen Einkommenquelle gemacht werden, nicht durch höhere Besteuerung der schon übermäßig belasteten Einwohner, sondern indem man den jetzt üblichen Veruntreuungen ein Ende machte. Der größte Teil der Staatsschulden sei durch die Verteidigung der Kolonien verursacht worden; könnten diese nicht zu den Verteidigungskosten herangezogen werden, so müsse man sie aufgeben; Provinzen, die nicht einmal; zahlen, was ihre Verteidigung kostet, seien keine Provinzen, sondern Prunkstücke. »Die Beherrscher Großbritanniens,« mit diesen Worten schließt Smith das Werk, »haben seit mehr als einem Jahrhundert das Volk mit der Einbildung ergötzt, es besitze jenseits des Atlantischen Ozeans ein großes Reich. Dieses Reich hat jedoch bis jetzt nur in der Einbildung bestanden. Es war nicht ein Reich, sondern der Plan zu einem Reiche; nicht eine Goldmine, sondern der Plan zu einer Goldmine; ein Projekt, das unermeßliche Auslagen gekostet hat, noch kostet und, wenn in derselben Weise weiter verfolgt, kosten wird, und zwar wahrscheinlich, ohne irgend einen Gewinn zu bringen, denn das Monopol des Kolonialhandels trägt, wie gezeigt worden ist, der Masse des Volkes nur Verlust ein statt Gewinn. Es ist wahrlich Zeit, daß unsere Herrscher entweder den Goldtraum verwirklichen, in dem sie selbst sich vielleicht nicht weniger gewiegt haben als das Volk, oder daß sie erwachen und das Volk aufwecken. Kann das Projekt nicht durchgeführt werden, so muß man es aufgeben. Lassen sich gewisse Provinzen des Britischen Reiches nicht dazu bringen, ihren Beitrag zur Erhaltung des ganzen Reiches zu zahlen, so ist es Zeit, daß sich Großbritannien von der Last befreie, diese Provinzen im Kriege zu verteidigen, und im Frieden einen Teil der Kosten ihrer Zivil- und Militärverwaltung zu tragen, und daß es seine zukünftigen Pläne und Entwürfe seinen bescheidenen wirklichen Mitteln anpasse.«

4. Würdigung des »Wohlstandes der Nationen.«

Bei Hasbach erfährt der Student – den Laien interessiert dergleichen nicht – wie sich die Nationalökonomik aus dem von Hugo Grotius, Pufendorf und Christian Wolff begründeten Naturrecht entwickelt hat (die Kameralisten kommen nur als Materialiensammler in Betracht), durch die Einzeluntersuchungen von Petty, Locke, Hume und anderen gefördert worden, von Ferguson schon zusammenhängend, aber noch wie in Smiths akademischen Vorträgen als Bestandteil der Moralphilosophie behandelt worden ist, endlich sich um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts als selbständige Wissenschaft losgelöst hat; zuerst in des deutschen Justi »Staatswirtschaft« (1755), dann um die Zeit, da Smith an seinem Werke arbeitete, in den Schriften der französischen Physiokraten und in der 1767 erschienenen Inquiry into the Principles of Political Econonomy von James Stewart. Selbstverständlich hat Smith diese Werke gekannt und benutzt. Verwunderlich erscheint jedoch, daß noch Hasbach ausführlich die Ansicht zurückweisen muß, Smith habe seine Grundlehren, namentlich die von der ökonomischen Freiheit, den Physiokraten entnommen, da doch schon Dugald Stewart in den Notes and Illustrations, die er seiner Biographie Smiths beigibt, diese Lehre in englischen und niederländischen Schriften aus dem Anfange des achtzehnten Jahrhunderts nachweist; wenn von Entlehnungen die Rede sein soll, so haben die Franzosen den Engländern entlehnt. Den Geist der Freiheit hat Smith, wie wir sahen, bei Hutcheson eingeatmet, der allerdings nach Hasbach, seiner eigenen Theorie zuwider, merkantilistischen Ansichten huldigte. Übrigens spricht Hasbach Smith die schöpferische Genialität ab und fällt folgendes Gesamturteil: »Sowohl das ethische wie das nationalökonomische Werk beweisen, daß sich Smith an Originalität des Geistes keineswegs mit Männern wie Descartes [wie kommt der hierher?] oder Hume messen kann. Er ist kein Pfadfinder der Wissenschaft [und doch wird vorher gesagt, Smith habe die Finanzwissenschaft in England geschaffen; ein Lob, das freilich sogleich wieder eingeschränkt wird: sein Verdienst sei lediglich formeller Natur], sondern ein im höchsten Maße rezeptiver Kopf, der sich von den verschiedensten Seiten anregen läßt, dem Fremden eine nicht gewöhnliche produktive Kritik entgegenbringt und die mannigfachen Elemente zu einem wohlgeordneten System zu vereinigen weiß. Die Gaben produktiver Kritik und schöner Systematik treten in dem Jugendwerke viel bedeutender hervor als in dem späteren. In diesem verrät sich die nachlassende Spannkraft. Er versteht es nicht mehr, die nationalökonomische Theorie des deutsch-englischen Naturrechts und diejenige des physiokratischen ohne Rest zu verschmelzen [hat das denn irgend ein Späterer verstanden, und ist es überhaupt notwendig oder Pflicht?]; er wird sich über die Ausgaben und die Methoden der politischen Ökonomie nicht völlig klar [manchem heutigen Nationalökonomen geht es darin nicht besser]; in seinen theoretischen Lehren finden sich nicht wenige Widersprüche [von denen einige unseren Lesern aufgefallen sein werden].« Aber gerade durch diese Unvollkommenheiten habe das Werk die stärkste Anregung zu weiterem Schaffen gegeben.

Viel uneingeschränkter klingt das Lob, das zwei andere deutsche Autoritäten spenden. Eisenhart schreibt in seiner Geschichte der Nationalökonomik: »Wenn von diesem einzigen Werke eine bildende Kraft wie in dichten Lichtstrahlen für die Umgestaltung der Wissenschaft und des Lebens ausgegangen ist, so wird man diese Erscheinung zum großen Teile in der glücklichen Begründung eines populären Prinzips zu suchen haben, mit der es sich nunmehr zum planmäßigen gemeinverständlichen Vorkämpfer der Aufklärung und Freiheit macht; zum anderen aber ebenso in der erschöpfenden Vollständigkeit, mit der er zum ersten Male alle Teile seines Gebiets umspannt, mit seinen Prinzipien durchleuchtet und in sinnlicher Anschaulichkeit zu einem überzeugenden Ganzen verknüpft. So hat es seinem Urheber zugleich den Ruhm des eigentlichen Vaters der Wissenschaft begründet, mit dem sie aus ihrem embryonalen Zustande ins wirkliche Dasein hervortritt. Und diesen Eindruck hat es sofort bei seinem ersten Erscheinen hervorgebracht.« Ist eine solche Leistung ohne Genialität denkbar? Wir wollen hier gleich noch bemerken, daß die Wirkung des Werkes nicht zum wenigsten aus der behaglich breiten, lichtvollen, klaren und verständlichen Darstellung beruht, die zusammen mit einer Fülle illustrierender Tatsachen aus der Weltgeschichte und aus der damaligen Gegenwart das Lesen zum Genuß macht. Roscher weist in seiner Geschichte der Nationalökonomik in Deutschland zwar die geradezu verhimmelnden Lobpreisungen Buckles und einiger anderen als übertrieben zurück, fährt aber fort: »Gleichwohl dürfte es in der Geschichte überhaupt wenig Beispiele geben, wo eine ganze Wissenschaft durch einen Mann und ein Buch desselben in so kurzer Zeit einen so großen und nachhaltigen Fortschritt gemacht hätte, wie die Volkswirtschaftslehre durch das Hauptwerk Adam Smiths: einen Fortschritt ebenso bedeutsam für den Umfang wie für die Tiefe, für die Methode wie für das System, für das Ganze wie für das Einzelne, für die Theorie wie für die Praxis der Wissenschaft. Man wird noch heutzutage nicht wesentlich fehlgreifen, wenn man die ganze Dogmengeschichte der Nationalökonomik in zwei Hauptmassen teilt: vor und seit Adam Smith; so daß alles Frühere als Vorbereitung auf ihn, alles Spätere als Fortsetzung von ihm oder als Gegensatz zu ihm erscheint.« Roscher zählt dann eine lange Reihe von Wahrheiten auf, die zuerst entdeckt oder wenigstens gebührend hervorgehoben und klar gemacht zu haben Smiths Verdienst sei, und stellt dar, wie das Werk (vorzugsweise durch Garves Übersetzung) in Deutschland verbreitet worden ist, und wie durch Christian Jakob Kraus in Königsberg, der für den bedeutendsten der dortigen Lehrer neben Kant galt, Smiths Lehre dem Kreise der um den Freiherrn vom Stein und Heinrich Theodor von Schön sich gruppierenden preußischen Staatsmänner vermittelt und dadurch in der deutschen Politik wirksam ward.

Smith hat, das schätzen wir als sein höchstes Verdienst, der Volkswirtschaftslehre eine vollkommen gesunde und haltbare Grundlage gegeben. Er hat das Wesen des Wohlstandes erkannt, der nicht in Geld, sondern in Gebrauchs- und Genußgütern besteht und in der diese schaffenden Menschenkraft (die er freilich nicht so deutlich hervorhebt wie später List) und damit den Götzen Mammon theoretisch erschlagen. Er hat die Bedeutung von Arbeit und Boden erkannt, die des zweiten zwar nicht besonders behandelt, aber durch die Gegenüberstellung des Elendes der Arbeiter in alten Ländern, besonders in dem übervölkerten China, und ihres Glücks auf kolonialem Neuland den Denkenden so nahe und in so gute Beleuchtung gerückt, daß er für das Übersehen der Naturbedingungen, durch welches sich spätere Nationalökonomen versündigt haben, nicht verantwortlich gemacht werden kann. Daß der Nahverkehr fruchtbarer als der Fernverkehr, der Austausch zwischen Stadt und Land der wichtigste ist, daß die Landwirtschaft ohne städtisches Gewerbe primitiv bleibt, daß Landwirtschaft und Industrie nur in steter Wechselwirkung miteinander gedeihen können, das macht den Kern des List-Careyschen Systems aus; nun, diese Wahrheiten hat Smith zuerst entwickelt. Lists ungerechter Angriff auf Smith, der an einzelnen unglücklichen Wendungen des Wealth eine Handhabe fand, entsprang dem gerechten patriotischen Unwillen darüber, daß sich Deutschland unter dem Vorwande der ökonomischen Freiheit von England ausbeuten ließ. Wie wenig Smith an die Möglichkeit einer solchen Ausbeutung gedacht hat, geht nicht allein aus seiner allerdings irrigen Überzeugung hervor, daß jeder Austausch für beide Parteien gleich vorteilhaft sei, sondern auch daraus, daß er ein freihändlerisches England für eine Utopie hielt. Smith ist überhaupt so wenig doktrinär gewesen wie List: beide Männer haben für das gekämpft, was in eines jeden Zeit und Vaterland das praktisch Richtige und Notwendige war. Wir haben gesehen, daß Smith keineswegs radikaler Freihändler gewesen ist; er billigt die Navigationsakte, Retorsionszölle, Finanzzölle und will, daß, wenn die heimische Produktion einer gewissen Ware besteuert ist, auf die Einfuhr dieser Ware ein Zoll in der Höhe der Steuer gelegt werde. Das Wesen des Kapitals hat er freilich nicht erkannt und dadurch sowie durch seine falsche Spartheorie einem ungesunden Überwuchern des an sich historisch notwendigen Kapitalismus Vorschub geleistet; aber er trägt keine Schuld an den Übertreibungen der Schule Ricardos, die darauf hinauslaufen, daß die Natur unproduktiv, das Kapital allein produktiv ist, die Kapitalisten die Nation ausmachen, und die Arbeiter nur als Arbeitswerkzeuge in Betracht kommen. Diesen theoretischen Übertreibungen gegenüber, die sich in dem furchtbaren englischen Arbeiterelend der Zeit von 1800 bis 1850 und in einer verruchten, in der ganzen Weltgeschichte ohne Beispiel dastehenden Kinderausbeutung verkörpert haben, war die sozialistische Opposition Notwendigkeit. Scharfe Kritik hatte an diesem modernen Industrialismus schon vor den Sozialisten Sismondi geübt, der hervorhob, daß das persönliche Wohlbefinden der Menschen wichtiger ist, als die Vermehrung der Sachgüter. Zu deren Überschätzung hat Smith allerdings schon dadurch Anlaß gegeben, daß er den Reichtum als das Ziel der Volkswirtschaft bezeichnet und seine Darstellung mit der Vermehrung der Güter durch Arbeitsteilung beginnt, anstatt das Volkswohl zum Ziele zu erheben, die Güterschaffung nur als Mittel zu behandeln und zu zeigen, daß die höchsten Zwecke des Menschenlebens bei mäßigem Wohlstände und gleichmäßiger Verteilung des Nationalvermögens leichter, vollkommener und allgemeiner erreicht werden können, als bei großem Reichtum, der, wie er selbst hervorhebt, die Armut der Mehrheit voraussetzt. Die Überschätzung der materiellen Güter liegt im modernen angelsächsischen Geiste und hat Smith, der sich dessen Einflüsse nicht zu entziehen vermochte, darniedergedrückt, so daß er seinen Flug nicht in die höchste Region zu nehmen vermochte, wo die großen Genien der Menschheit weilen. Er kennt nur das Gewerbe und das Geschäft, nicht den Beruf. Er ist überzeugt, daß alle Menschen ohne Ausnahme, so lange sie nicht in Stumpfsinn versinken, ihre Lage zu verbessern, das heißt mehr Geld zu verdienen bestrebt sind, und es kommt ihm nicht in den Sinn, daß es Menschen geben könne, die ihren Beruf bloß um des Berufes willen ausüben, die ihm treu bleiben, auch wenn er sie nur kärglich lohnt, ja Menschen, die eine gewinnbringende Tätigkeit aufgeben, um sich einem Apostolat zu widmen, das ihnen nichts als ein Martyrium einbringt. Gerade solche Menschen aber sind es, welche die Weltgeschichte machen, und weil Smith solche nicht versteht, versteht er auch die Weltgeschichte nicht, namentlich nicht die Religions- und Kirchengeschichte; hätte er beides nicht verstehen können, auch wenn er mehr und bessere Vorarbeiten zur Verfügung gehabt hätte. Von seiner Geschichts- und Lebensauffassung aus führt der Weg direkt zur materialistischen Geschichtskonstruktion von Marx und Engels. Dieser steht schroff gegenüber die Lebensauffassung des Evangeliums, der Glaube, daß das Leben mehr wert ist als die Speise, der Leib mehr als die Kleidung, und daß denen, die nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit trachten, das übrige zugegeben wird.

Jener Materialismus gibt zusammen mit der Scheu des respektablen Optimisten vor jedem unerschrockenen Blick in die schauerlichen Abgründe des Menschenlebens dem Werke einen Anstrich schwungloser Philisterhaftigkeit; aber es würde zu weit gehen, wenn man ihm Krämerhaftigkeit vorwerfen wollte. Ein Krämergeist ist Smith, trotz der sein System beherrschenden Tauschlehre, nicht gewesen, wie seine Zornesausbrüche gegen die Kaufleute und seine humanen Forderungen beweisen. Er ist auch in keinem Sinne das, was man heute einen Manchestermann nennt, obwohl sich die Manchesterleute mit einzelnen ihrer Forderungen auf ihn berufen können. Er liebt schwärmerisch die Landwirtschaft, die damals Modeleidenschaft des englischen und des schottischen Adels war und dadurch in die Bahn des Fortschritts zur Rationalisierung geleitet wurde. Er erklärt den Landarbeiter für intelligenter als den Handwerker und den Industriearbeiter, idealisiert den sittlichen Charakter des Großgrundbesitzers und des Gutspächters, schilt die Habsucht, Härte und Verschlagenheit der Kaufleute und Fabrikanten, denunziert ihre permanente Verschwörung gegen Staat und Volk und erniedrigt keineswegs den Staat zum Nachtwächter, sondern spricht ihm unter anderen hohen Aufgaben auch die zu, der Entartung des Volkes vorzubeugen, im Gegensatz zu einem Herbert Spencer, der im Namen der Freiheit, und zu einer neuen Schule von Sozialaristokraten, die im Namen Darwins fordert, daß der Staat dem die Minderwertigen vernichtenden Ausleseprozeß freien Lauf lasse. Diese Herren übersehen, daß die moderne Zivilisation die Entartung erzeugt, der Ausleseprozeß von der anderen Seite aus gesehen ein Entartungsprozeß ist. Smith hat das erkannt, doch auch den »Sozialaristokraten« Material geliefert, indem er der dem angelsächsischen Pharisäismus entspringenden Ansicht beizupflichten scheint, daß proletarisches Elend immer durch Laster selbstverschuldet sei.

Der höhere Schwung, der den Apostel beflügelt und emporträgt, mußte ihm auch darum fehlen, weil sein Individualismus die begeisterte Tätigkeit für andere grundsätzlich ausschließt. Er ist überzeugt, daß die Welt am besten fährt, wenn ein jeder nur für sich selbst sorgt, da ja ein jeder nichts genauer kenne und nichts besser verstehe als seinen eigenen Vorteil. Das trifft nun so wenig immer zu wie die prästabilierte Harmonie zwischen Privatvorteil und Gemeinwohl, an die Smith glaubt. Wie für das Kind gesorgt werden muß, so muß mitunter für die Massen der Erwachsenen gesorgt werden, die in manchen Beziehungen zeitlebens Kinder bleiben. Aber Smith war mit seiner Freiheitspredigt im Recht, weil sie die Zeitumstände forderten, gerade so wie fünfzig Jahre später List im Recht war, als er Aufhebung der Binnenzölle und eine gemeinsame Zollgrenze für die deutschen Bundesstaaten forderte. Innungen, Privilegien, Zölle, das waren alles ursprünglich berechtigte und notwendige Einrichtungen gewesen; aber im Laufe der Zeit war Vernunft Unsinn, Wohltat Plage, die Kraft verleihende Organisation Fessel der Volkskraft geworden. Diese Fesseln zu sprengen und durch Hinwegräumung veralteter Einrichtungen Raum zu schaffen für zeitgemäße Neubildungen, das war die Aufgabe des von Smith inspirierten Liberalismus im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts. Grundsätzlich aber haben Smith und der echte Liberalismus insofern recht, als das Größte nur geleistet wird, wo sich jede Kraft frei und voll entfalten kann. Das ist jedoch nur auf freiem, d. h. kostenlosem Boden in weiten Räumen möglich, und darum hat Nordamerika binnen hundert Jahren so Erstaunliches geleistet. Je dichter zusammengedrängt die Menschen in einem Lande leben, desto mehr beschränkt einer den anderen. Die Freiheit der Starken und der Klugen bedeutet dann die Unfreiheit der Schwachen und der Einfältigen, und diesen kann nur durch den Schuh des Staates ihr bescheidenes Maß von Freiheit, eine winzige Freiheitssphäre gesichert werden. Je dichter zusammengedrängt die Menschen leben, desto Größeres kann zwar im einzelnen durch organisierte Massen geleistet werden, desto mehr Kraft aber geht im ganzen durch Reibung verloren; der produktive Kampf gegen die Natur verwandelt sich in den zerstörenden Kampf der Konkurrenten gegeneinander; statt zu schaffen, müssen die einen den anderen die Produkte abjagen, wieder andere diesen Kampf überwachen und regeln. Daß aber zwischen Privatnutzen und Gesamtwohl die prästabilierte Harmonie nicht besteht, auf die Smith seine Freiheitslehre gründet, hat niemand klarer bewiesen als er selbst, indem er auf jeder zwanzigsten Seite die Kaufleute und Fabrikanten beschuldigt, daß sie aus Selbstsucht das Publikum und den Staat schädigten. Der Widerspruch, in den er sich dadurch fortwährend verwickelt, wirkt beinahe lächerlich. Übrigens tut er den Geschmähten vielfach unrecht. Gerade Kaufleute haben sich z. B. gegen Friedrichs des Großen übertriebenen Merkantilismus zu wehren versucht. Dieser ist oft gegen den Wunsch der angeblich Begünstigten des Gemeinwohls wegen von den Regierungen geübt worden, und es ist schwierig, zu ermitteln, ob damit im ganzen mehr Nutzen gestiftet oder mehr Schaden angerichtet worden ist. Soviel wenigstens steht fest, daß England unter dem Schutze einer sehr merkantilistischen Politik das reichste Land der Erde geworden ist, und heute stimmen alle Vernünftigen darin überein, daß es zwar wunderschön wäre, wenn die Menschheit von allen Zollasten und Zollplackereien erlöst werden könnte, daß das aber vorläufig nicht angeht, und daß in jedem einzelnen Falle nur die beteiligten Sachverständigen, nicht Theorien oder allgemeine Prinzipien entscheiden können, welche Tarifsätze am meisten nützen und am wenigsten schaden. Nachträglich entdecken ja gewöhnlich die Sachverständigen, daß sie sich geirrt und zu ihrem Schaden Dummheiten gemacht haben, indes von diesem über alle Sterblichen verhängten Zwange zum Dummheiten machen kann uns weder die nationalökonomische noch sonst eine Wissenschaft erlösen. Wenn Smith bei jeder Gelegenheit den wirklichen Verlauf der wirtschaftlichen Entwickelung unnatürlich findet und fordert, die Regierungen sollen der natürlichen Entwickelung freien Lauf lassen, so verwechselt er ebenso wie der letzte große Manchestermann, Herbert Spencer, das Natürliche mit dem Vernünftigen. Vernünftig wäre es, wenn immer und überall jeder Privatnutzen dem Gesamtwohl nachgesetzt würde, aber daß jeder nur, wie ja Smith selbst will, seinen Privatnutzen verfolgt und die Personen, die dasselbe Interesse haben, sich verbünden, um den Staat diesem Interesse dienstbar zu machen, das ist um so natürlicher, weil sich niemals mit Sicherheit und klar erkennen läßt, was das Gesamtwohl fordert. Höchst vernünftig wäre es gewesen, wenn sich die Nordamerikaner nicht eher auf die Industrie geworfen hätten, als bis ihr ungeheures Land vollständig besiedelt war; sie hätten damit hunderten von Millionen eine unabhängige und glückliche Existenz gesichert; aber es ist sehr natürlich, daß die Unruhigen, Ehrgeizigen und Habsüchtigen unter ihnen sich mit einem bescheidenen Farmer- oder Handwerkerdasein nicht begnügten, sondern, um schnell reich zu werden, im Treibhause der Schutzzollpolitik die Großindustrie züchteten. Ohne Zweifel dient die Selbstsucht der Menschen zukünftigen großen Plänen der Vorsehung, aber ihre Gegenwartsfolgen beweisen nichts weniger als ihre vorausgesetzte Harmonie mit dem sogenannten Gemeinwohl.

Den Sozialdemokraten ist Smith sicherlich nicht seelenverwandt; indes wie den Manchesterleuten hat er auch ihnen Keime geliefert, aus denen sie ihre Theorien ausbrüten konnten. Solche sind außer dem ökonomischen Materialismus besonders die Zurückführung des Tauschwerts der Waren auf die Arbeit und die Wendung, daß der Arbeiter dem Rohstoff einen Wert zusetze, aus dem der Unternehmer seinen Profit schöpfe. Selbstverständlich wird Rohmaterial nur zu dem Zwecke verarbeitet, ihm einen höheren Gebrauchswert zu verleihen, und dieser hat einen höheren Tauschwert zur unvermeidlichen Folge. Wenn man keine Hemden brauchte, würde Flachsfaser nicht bloß weniger Wert haben als Leinwand, sondern gar nichts wert sein. Und ebenso selbstverständlich ist, daß der Unternehmer auf einen Teil des Zusatzwertes Anspruch macht; zu seinem Vergnügen wird er sich das Risiko, die Mühen und Sorgen eines industriellen Unternehmens, nicht aufhalsen; darnach kann man ja forschen, ob nicht der Anteil, den er sich nimmt, unbillig groß ist. Aus diesen zwei einfachen und selbstverständlichen Umständen nun haben die Sozialdemokraten und ihre wissenschaftlichen Gegner eine völlig wertlose Wertscholastik herausgesponnen, die ganze Bibliotheken füllt und ihren Urhebern den Ruhm einer Gelehrsamkeit sichert, die um so mehr angestaunt wird, je unverständlicher und nutzloser sie ist. Außerdem aber hat man sie dazu benützt, die zwar wissenschaftlich ebenso wertlose, als Agitationsmittel aber unschätzbar wertvolle Phrase zu prägen von dem Mehrwert, den der Unternehmer aus den Arbeiterknochen herausschlage.

Smiths Methode hat Buckle als die einer wissenschaftlich zulässigen Abstraktion charakterisiert; er habe die beiden Seiten der ethischen Menschennatur gesondert betrachtet: den Menschen in der Moralphilosophie als rein altruistisches, in der Nationalökonomie als rein egoistisches Wesen dargestellt. Eine solche Sonderung zweier in Wirklichkeit unlöslich verflochtener Dinge sei erlaubt; so fasse ja auch der Geometer nur die Länge der Linie ins Auge, während doch jede wirkliche Linie auch breit sei. Der berühmte Kulturhistoriker weiß also nicht einmal, was für ein Unterschied ist zwischen einer Linie und einem Kreidestrich, der nicht bloß lang und breit, sondern auch dick, also keine Linie, sondern ein Körper ist. Wollte er die in der Wissenschaft erlaubte sondernde Abstraktion durch passende Beispiele erläutern, so konnte er u. a. sagen: der Anatom darf das Knochengerüst, das Muskel-, das Gefäß-, das Nervenwesen gesondert betrachten, präparieren und darstellen, obgleich im lebendigen Leibe Knochen, Muskeln, Adern und Nerven niemals gesondert vorkommen. Abgesehen von jenem mathematischen Unsinn irrt jedoch Buckle in der Beurteilung der beiden Werke. Smith abstrahiert nicht und sondert nicht ab. Die Sympathie seiner Moralphilosophie ist kein rein altruistisches Wohlwollen, sondern egoistisches Mitfühlen; und in der Nationalökonomik ist von Nächstenliebe aus dem einfachen Grunde keine Rede, weil diese nur im Privatleben wirkt und das öffentliche Leben in bemerkenswertem Grade nicht beeinflußt. Im politischen und im Wirtschaftsleben waltet das Interesse; Gruppen von Interessenten wirken da mit- und gegeneinander.

Auch die heutige Sozialpolitik ist nicht der Nächstenliebe, sondern dem Interesse entsprungen, obwohl sich, nachdem sie einmal in Gang gekommen, mancher edle Mensch aus Nächstenliebe daran beteiligt, und ihre Praxis das erzeugt, was man das soziale Empfinden nennt. Von diesem nun hatte der liberalste Philosoph des liberalen Englands keine Spur in sich. Der Mob ist ihm, wie jedem respektablen Engländer, eine andere Menschengattung als die der Gentlemen. Man erinnere sich an den Ekel vor der stinkenden Plebs, der aus den Volksszenen von Shakespeares Coriolan und Julius Cäsar spricht! Auch Mandeville schildert den unästhetischen Eindruck, den der englische Pöbel mache (der arme Italiener wurde als malerisch und auch im Umgange genießbar gepriesen, ehe der Industrialismus und die nordeuropäische Kleidermode in Italien eingedrungen waren), wenn er auch zugleich hervorhebt, daß das feine Publikum einer Opernvorstellung moralisch nicht höher stehe als das häßliche Volk, das einer Bärenhetze zusieht. Aber Mandeville hat auch hier wieder tiefer und schärfer gesehen als sein berühmterer jüngerer Landsmann. Der humane Smith gönnt den labonring poor alles Gute, einen das Existenzminimum übersteigender Arbeitslohn sowie Schutz vor Verkümmerung und Verkrüppelung; doch daß dieser Mob je einmal auf den Gedanken kommen könnte, von seiner Arbeitsplage erlöst werden, in öffentlichen Angelegenheiten mitreden zu wollen, das kommt ihm nicht in den Sinn. Mandeville dagegen hegt solche Befürchtungen und bekämpft darum leidenschaftlich die charity schools. Soll, führt er aus, der arme Arbeiter, aus dessen Arbeit der Reichtum der Reichen fließt, sein hartes Loos geduldig tragen, bei seiner Arbeit ausharren und sich sogar dabei glücklich fühlen, so muß er unwissend bleiben. Lernt er Dinge kennen, die außerhalb seines engen Lebens- und Pflichtenkreises liegen, dann begehrt er sie und strebt aus seiner Sphäre hinaus; Landwirtschaft und Industrie verlieren ihre Arbeiter. In der Tat ist aus der Erfüllung der liberalen Forderung, daß der Arbeiter durch Schulunterricht gebildet werden müsse, die Sozialdemokratie mit unvermeidlicher Notwendigkeit hervorgegangen, und die Frage, wie man die Arbeiter wissend machen könne, ohne sie rebellisch zu machen, harrt noch der Antwort. Was die optimistische Schilderung des englischen Arbeiterstandes betrifft, die wir bei Smith treffen, so war sie durch den Umstand einigermaßen gerechtfertigt, daß sich die Lage der Arbeiter in der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts tatsächlich gehoben hatte. In der zweiten ging sie zurück, und aus den Zuständen im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts glaubte Malthus seine grausame Lehre folgern zu müssen.

Smiths Harmonielehre ist ebensowenig ganz falsch wie seine Freiheitstheorie. Aus den Interessenkämpfen, aus dem freien Ringen der Konkurrenten miteinander wird immer wieder ein Stück Gemeinwohl geboren. Nur ist das Glück jedes einzelnen keineswegs immer sofort und unmittelbar die Ursache des Glücks aller übrigen, sondern oft genug das Gegenteil. Für gewöhnlich sind die Interessen der einzelnen sowie die der Stände, Klassen, Staaten einander entgegengesetzt; die Gegensätze pflegen sich auszugleichen, aber erst nach langer Zeit. Das Glück von Tausenden muß geopfert werden, ehe wieder ein Glückszuwachs für das Volk, oder auch nur die Existenzmöglichkeit für einen Bevölkerungszuwachs errungen wird. Bis jetzt hat jeder große Fortschritt der Produktivität der Arbeit, der größeren Menschenmengen das Dasein ermöglichte, mit der vorübergehenden Versklavung von Arbeitermassen in der einen oder der anderen Form erkauft werden müssen. Es gibt Trostgründe für solche, die sich über diesen Lauf der Weltgeschichte betrüben, aber diese Trostgründe liegen nicht auf dem Gebiete der Nationalökonomie. Diese hat genug geleistet, wenn sie die Wege aufzeigt, auf denen das materielle Wohl der Gesamtheit gefördert und materielle Schädigung abgewendet werden kann, und die Richtung, die diese Wege einhalten müssen, so deutlich aufgezeigt zu haben, daß seine eigenen Irrtümer leicht vermieden werden können, ists Smiths unstreitiges Verdienst.

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Zuletzt geändert: 23/10/2026