Die Welträtsel / Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie
D i e W e l t r ä t s e l
Gemeinverständliche Studien
über Monistische Philosophie
von
E r n s t H a e c k e l
Neu bearbeitete
Taschenausgabe
Decoration
Leipzig
A l f r e d K r ö n e r Ve r l a g
1909
Druck von Ernst Hedrich Nachf., G. m. b. H., Leipzig
Vorwort zur ersten Auflage.
(1899).
Die vorliegenden Studien über m o n i s t i s c h e P h i l o s o p h i e sind für die
denkenden, ehrlich die Wahrheit suchenden Gebildeten aller Stände bestimmt.
Zu den hervorragenden Merkmalen des 19. Jahrhunderts, an dessen Ende wir
stehen, gehört das lebendige Wachstum des Strebens nach E r k e n n t n i s d e r
W a h r h e i t in weitesten Kreisen. Dasselbe erklärt sich einerseits durch die
ungeheuren Fortschritte der wirklichen Naturerkenntnis in diesem
merkwürdigsten Abschnitte der menschlichen Geschichte, andererseits durch
den offenkundigen Widerspruch, in den dieselbe zur gelehrten Tradition der
»O f f e n b a r u n g« geraten ist, und endlich durch die entsprechende
Ausbreitung und Verstärkung des vernünftigen Bedürfnisses nach Verständnis
der unzähligen neu entdeckten Tatsachen, nach klarer Erkenntnis ihrer Ursachen.
Den gewaltigen Fortschritten der empirischen Kenntnisse in unserem
»J a h r h u n d e r t d e r N a t u r w i s s e n s c h a f t« entspricht keineswegs eine
gleiche Klärung ihres theoretischen Verständnisses und jene höhere Erkenntnis
des kausalen Zusammenhanges aller einzelnen Erscheinungen, die wir mit einem
Worte P h i l o s o p h i e nennen. Vielmehr sehen wir, daß die abstrakte und
größtenteils metaphysische Wissenschaft, welche auf unseren Universitäten seit
Jahrhunderten als »Philosophie« gelehrt wird, weit davon entfernt ist, jene neu
erworbenen Schätze der Erfahrungswissenschaft in sich aufzunehmen. Und mit
gleichem Bedauern müssen wir auf der anderen Seite zugestehen, daß die
meisten Vertreter der sogenannten »exakten Naturwissenschaft« sich mit der
speziellen Pflege ihres engeren Gebietes der Beobachtung und des Versuchs
begnügen und die tiefere Erkenntnis des allgemeinen Zusammenhanges der
beobachteten Erscheinungen — d. h. eben Philosophie! — für überflüssig halten.
Während diese reinen Empiriker »den Wald vor Bäumen nicht sehen«, begnügen
sich jene Metaphysiker mit dem bloßen Begriffe des Waldes, ohne seine Bäume
zu sehen. Der Begriff der »N a t u r p h i l o s o p h i e«, in welchem ganz
naturgemäß jene beiden Wege der Wahrheitsforschung, die empirische und die
spekulative Methode, zusammenlaufen, wird sogar noch heute in weiten Kreisen
beider Richtungen mit Abscheu zurückgewiesen.
Dieser unnatürliche und verderbliche Gegensatz zwischen Naturwissenschaft
und Philosophie, zwischen den Ergebnissen der Erfahrung und des Denkens, wird unstreitig in weiten gebildeten Kreisen immer lebhafter und schmerzlicher
empfunden. Das bezeugt schon der wachsende Umfang der ungeheuren
populären »naturphilosophischen« Literatur, die im Laufe des letzten halben
Jahrhunderts entstanden ist. Das bezeugt auch die erfreuliche Tatsache, daß trotz
jener gegenseitigen Abneigung der beobachtenden Naturforscher und der
denkenden Philosophen dennoch hervorragende Männer der Wissenschaft aus
beiden Lagern sich gegenseitig die Hand zum Bunde reichen und vereinigt nach
der Lösung jener höchsten Aufgabe der Forschung streben, die wir kurz mit
einem Worte als »D i e W e l t r ä t s e l« bezeichnen.
Die Untersuchungen über diese »Welträtsel«, welche ich in der vorliegenden
Schrift gebe, können vernünftigerweise nicht den Anspruch erheben, eine
vollständige L ö s u n g derselben zu bringen; vielmehr sollen sie nur eine
kritische B e l e u c h t u n g derselben für weitere gebildete Kreise geben und die
Frage zu beantworten suchen, wie weit wir uns gegenwärtig deren Lösung
genähert haben. W e l c h e S t u f e i n d e r E r k e n n t n i s d e r
W a h r h e i t h a b e n w i r a m E n d e d e s 1 9 . J a h r h u n d e r t s
w i r k l i c h e r r e i c h t ? Und welche Fortschritte nach diesem unendlich
entfernten Ziele haben wir im Laufe desselben wirklich gemacht?
Die Antwort auf diese großen Fragen, die ich hier gebe, kann naturgemäß nur
s u b j e k t i v und nur teilweise richtig sein; denn meine Kenntnisse der
wirklichen Natur und meine Vernunft zur Beurteilung ihres objektiven Wesens
sind beschränkt, ebenso wie diejenigen aller anderen Menschen. Das Einzige,
was ich für dieselben voll in Anspruch nehme, und was auch meine
entschiedensten Gegner anerkennen müssen, ist, daß meine monistische
Philosophie von Anfang bis zu Ende e h r l i c h ist, d. h. der vollständige
Ausdruck der Überzeugung, welche ich durch vieljähriges eifriges Forschen in
der Natur und durch unablässiges Nachdenken über den wahren Grund ihrer
Erscheinungen erworben habe. Diese naturphilosophische Gedankenarbeit
erstreckt sich jetzt über ein volles halbes Jahrhundert, und ich darf jetzt, in
meinem 66. Lebensjahre, wohl annehmen, daß sie r e i f im menschlichen Sinne
ist; ich bin auch völlig gewiß, daß diese »r e i f e F r u c h t« vom Baume der
Erkenntnis für die kurze Spanne des Daseins, die mir noch beschieden ist, keine
bedeutende Vervollkommnung und keine prinzipiellen Veränderungen erfahren
wird.
Alle wesentlichen und entscheidenden Anschauungen meiner monistischen und
genetischen Philosophie habe ich schon vor 33 Jahren in meiner
»G e n e r e l l e n M o r p h o l o g i e d e r O r g a n i s m e n« niedergelegt,
einem weitschweifig und schwerfällig geschriebenen Werke, welches nur sehr wenig Leser gefunden hat. Es war der erste Versuch, die neubegründete
Entwickelungslehre für das ganze Gebiet der organischen Formenwissenschaft
durchzuführen. Um wenigstens einen Teil der neuen, darin enthaltenen
Gedanken zur Geltung zu bringen und um zugleich einen weiteren Kreis von
Gebildeten für die größten Erkenntnisfortschritte unseres Jahrhunderts zu
interessieren, veröffentlichte ich zwei Jahre später (1868) meine
»N a t ü r l i c h e S c h ö p f u n g s g e s c h i c h t e«. Da dieses leichter
geschürzte Werk trotz seiner großen Mängel in neun starken Auflagen und zwölf
verschiedenen Übersetzungen erschien, hat es nicht wenig zur Verbreitung der
monistischen Weltanschauung beigetragen. Dasselbe gilt auch wohl von der
weniger gelesenen »A n t h r o p o g e n i e«, in welcher ich (1874) die schwierige
Aufgabe zu lösen versuchte, die wichtigsten Tatsachen der menschlichen
Entwickelungsgeschichte einem größeren Kreise von Gebildeten zugänglich und
verständlich zu machen; die vierte, umgearbeitete Auflage derselben erschien
1891. Einige bedeutende und besonders wertvolle Fortschritte, welche
neuerdings dieser wichtigste Teil der Anthropologie gemacht hat, habe ich in
dem Vortrage beleuchtet, den ich 1898 »Über unsere gegenwärtige Kenntnis
vom U r s p r u n g d e s M e n s c h e n« auf dem vierten internationalen
Zoologenkongreß in Cambridge gehalten habe (siebente Auflage 1899). Mehrere
einzelne Fragen unserer modernen Naturphilosophie, die ein besonderes
Interesse bieten, habe ich behandelt in meinen »Gesammelten populären
Vorträgen aus dem Gebiete der E n t w i c k e l u n g s l e h r e« (1878). Endlich
habe ich die allgemeinsten Grundsätze meiner monistischen Philosophie und
ihre besondere Beziehung zu den herrschenden Glaubenslehren kurz
zusammengefaßt in dem »Glaubensbekenntnis eines Naturforschers: D e r
M o n i s m u s a l s B a n d z w i s c h e n R e l i g i o n u n d
W i s s e n s c h a f t« (1892, achte Auflage 1899).
Die vorliegende Schrift über die »W e l t r ä t s e l« ist die weitere Ausführung,
Begründung und Ergänzung der Überzeugungen, welche ich in den vorstehend
angeführten Schriften bereits ein Menschenalter hindurch vertreten habe. Ich
gedenke damit meine Studien auf dem Gebiete der monistischen
Weltanschauung abzuschließen.
Der alte, viele Jahre hindurch gehegte Plan, ein ganzes »S y s t e m d e r
m o n i s t i s c h e n P h i l o s o p h i e« auf Grund der Entwickelungslehre
auszubauen, wird nicht mehr zur Ausführung gelangen. Meine Kräfte reichen
dazu nicht mehr aus, und mancherlei Mahnungen des herannahenden Alters
drängen zum Abschluß. Auch bin ich ganz und gar ein Kind des
n e u n z e h n t e n J a h r h u n d e r t s und will mit dessen Ende einen Strich unter meine Lebensarbeit machen.
Die unermeßliche Ausdehnung, welche das menschliche Wissen infolge
fortgeschrittener Arbeitsteilung in unserem Jahrhundert erlangt hat, läßt es schon
heute unmöglich erscheinen, alle Zweige desselben mit gleicher Gründlichkeit
zu umfassen und ihren inneren Zusammenhang einheitlich darzustellen. Selbst
ein Genius ersten Ranges, der alle Gebiete der Wissenschaft gleichmäßig
beherrschte, und der die künstlerische Gabe ihrer einheitlichen Darstellung in
vollem Maße besäße, würde doch nicht imstande sein, im Raume eines mäßigen
Bandes ein umfassendes allgemeines Bild des ganzen »Kosmos« auszuführen.
Mir selbst, dessen Kenntnisse in den verschiedenen Gebieten sehr ungleich und
lückenhaft sind, konnte hier nur die Aufgabe zufallen, den allgemeinen Plan
eines solchen Weltbildes zu entwerfen und die durchgehende E i n h e i t seiner
Teile nachzuweisen, trotz sehr ungleicher Ausführung derselben. Das
vorliegende Buch über die Welträtsel trägt daher auch nur den Charakter eines
»Skizzenbuches«, in welchem S t u d i e n von sehr ungleichem Werte zu einem
Ganzen zusammengefügt sind. Da die Niederschrift derselben zum Teil schon in
früheren Jahren, zum anderen Teil aber erst in der letzten Zeit erfolgte, ist die
Behandlung leider oft ungleichmäßig; auch sind mehrfache Wiederholungen
nicht zu vermeiden gewesen; ich bitte dieselben zu entschuldigen.
Indem ich hiermit von meinen Lesern mich verabschiede, spreche ich die
Hoffnung aus, daß ich durch meine ehrliche und gewissenhafte Arbeit — trotz
ihrer mir wohl bewußten Mängel — ein kleines Scherflein zur Lösung der
»Welträtsel« beigetragen habe, und daß ich im Kampfe der Weltanschauungen
manchem ehrlichen und nach reiner Vernunfterkenntnis ringenden Leser
denjenigen Weg gezeigt habe, der nach meiner festen Überzeugung allein zur
Wahrheit führt, den Weg der e m p i r i s c h e n N a t u r f o r s c h u n g und der
darauf gegründeten m o n i s t i s c h e n P h i l o s o p h i e.
J e n a, 2. April 1899.
Ernst Haeckel.
Vorwort zur Taschenausgabe.
Auf Anregung des Verlegers der »Welträtsel«, Herrn A l f r e d K r ö n e r, und
auf Wunsch vieler Leser dieses Buches, habe ich mich entschlossen, eine neue
und bequeme T a s c h e n a u s g a b e davon zu veranstalten. Es kam dabei
besonders in Betracht, den Inhalt einem größeren Kreise durch leichtere
Darstellung und gefälligere Form zugänglich zu machen, überflüssige Zugaben
zu entfernen und Wiederholungen auszuschalten, sowie viele Fremdwörter und
verwickelte Ausführungen durch leichter verständliche zu ersetzen. Ferner sind
viele Sätze entfernt worden, welche teils ferner liegende, teils zweifelhafte
Fragen behandelten; das Buch hat dadurch an Klarheit und Sicherheit, wie auch
an einheitlicher Durchführung gewonnen.
Der Raumersparnis halber sind auch alle Literaturhinweise und
A n m e r k u n g e n weggefallen, welche in der ersten großen Ausgabe enthalten
sind, sowie das N a c h w o r t zu der später erschienenen Volksausgabe (»Das
Glaubensbekenntnis der reinen Vernunft«). Diejenigen Leser, welche diese
weiteren Zusätze und Erläuterungen kennen zu lernen wünschen, finden sie in
der kürzlich erschienenen zehnten Auflage der g r o ß e n A u s g a b e, und
teilweise in der »neu durchgesehenen und verbesserten Auflage der
Vo l k s a u s g a b e« (240. Tausend).
Möge auch diese neue T a s c h e n a u s g a b e dazu dienen, das Licht der
Aufklärung in immer weitere Kreise zu tragen und viele denkende Leser
anregen, sich selbsttätig an der Lösung der großen »Welträtsel« zu beteiligen.
J e n a, 29. September 1908.
Ernst Haeckel.
Inhalt
I. Anthropologischer Teil
D e r M e n s c h
1. Stellung der Welträtsel 1
2. Unser Körperbau 14
3. Unser Leben 24
4. Unsere Keimesgeschichte 32
5. Unsere Stammesgeschichte 42
II. Psychologischer Teil
D i e S e e l e
6. Das Wesen der Seele 54
7. Stufenleiter der Seele 68
8. Keimesgeschichte der Seele 80
9. Stammesgeschichte der Seele 90
10. Bewußtsein der Seele 101
11. Unsterblichkeit der Seele 113
III. Kosmologischer Teil
D i e W e l t
12. Das Substanzgesetz 127
13. Entwickelungsgeschichte der Welt 140
14. Einheit der Natur 154
15. Gott und Welt 168
IV. Theologischer Teil
D e r G o t t
16. Wissen und Glauben 180
17. Wissenschaft und Christentum 191
18. Unsere monistische Religion 206
19. Unsere monistische Sittenlehre 217
20. Lösung der Welträtsel 229
E r s t e s K a p i t e l.
Stellung der Welträtsel.
Allgemeines Kulturbild des neunzehnten Jahrhunderts. Der Kampf der
Weltanschauungen. Monismus und Dualismus.
Am Schlusse des neunzehnten Jahrhunderts bietet sich dem denkenden
Beobachter eines der merkwürdigsten Schauspiele dar. Alle Gebildeten sind
darüber einig, daß dieses großartige Jahrhundert in vieler Beziehung alle seine
Vorgänger unendlich überflügelt und Aufgaben gelöst hat, die in seinem
Anfange unlösbar erschienen. Die überraschenden theoretischen Fortschritte in
der Naturerkenntnis und ihre fruchtbare praktische Verwertung in Technik,
Industrie, Verkehr usw. haben unserem modernen Kulturleben ein völlig neues
Gepräge gegeben. Dagegen haben wir auf wichtigen Gebieten des geistigen
Lebens und der Gesellschafts-Beziehungen wenige oder gar keine Fortschritte
gegen frühere Jahrhunderte aufzuweisen, vielfach sogar leider bedenkliche
Rückschritte. Aus diesem offenkundigen Zwiespalt entspringt nicht nur ein
unbehagliches Gefühl innerer Zerrissenheit und Unwahrheit, sondern auch die
Gefahr schwerer Katastrophen auf politischem und sozialem Gebiete. Es ist
daher nicht nur das gute Recht, sondern auch die heilige Pflicht jedes ehrlichen
und von Menschenliebe beseelten Forschers, nach bestem Wissen zur
Aufhebung jenes Zwiespaltes und zur Vermeidung der daraus entspringenden
Gefahren beizutragen. Dies kann aber nach unserer Überzeugung nur durch
mutiges Streben nach E r k e n n t n i s d e r W a h r h e i t geschehen und durch
Gewinnung einer klaren, fest gegründeten, n a t u r g e m ä ß e n
W e l t a n s c h a u u n g.
Fortschritte der Naturerkenntnis. Wenn wir uns den unvollkommenen
Zustand der Naturerkenntnis im Anfang des 19. Jahrhunderts vergegenwärtigen
und ihn mit der glänzenden Höhe an dessen Schlusse vergleichen, so muß jedem
Sachkundigen der Fortschritt erstaunlich groß erscheinen. Jeder einzelne Zweig
der Naturwissenschaft darf sich rühmen, daß er innerhalb dieses Jahrhunderts
Gewinne von größter Tragweite erzielt habe. In der mikroskopischen Kenntnis
des Kleinsten wie in der teleskopischen Erforschung des Größten haben wir
unschätzbare Einsichten gewonnen, die noch vor hundert Jahren undenkbar
erschienen. Verbesserte Untersuchungsmethoden haben uns im Reiche der einzelligen Lebewesen eine »unsichtbare Welt« voll unendlichen
Formenreichtums offenbart, sowie in der winzigen kleinen Zelle den
gemeinsamen »Elementar-Organismus« kennen gelehrt, aus dessen sozialen
Zellverbänden, den Geweben, der Körper aller vielzelligen Pflanzen und Tiere
ebenso wie der des Menschen zusammengesetzt ist. Diese anatomischen
Kenntnisse sind von größter Tragweite; sie werden ergänzt durch den
embryologischen Nachweis, daß jeder höhere vielzellige Organismus sich aus
einer einzigen einfachen Zelle entwickelt, der »befruchteten Eizelle«. Die
bedeutungsvolle, hierauf gegründete Z e l l e n t h e o r i e hat uns erst das wahre
Verständnis für die geheimnisvollen Lebenserscheinungen eröffnet, zu deren
Erklärung man früher eine übernatürliche »Lebenskraft« oder ein »unsterbliches
Seelenwesen« annahm. Auch das eigentliche Wesen der Krankheit ist dem Arzte
erst durch die damit verknüpfte Zellularpathologie klar und verständlich
geworden.
Nicht minder gewaltig sind aber die Entdeckungen des 19. Jahrhunderts im
Bereiche der anorganischen Natur. Die Physik hat in allen Teilen ihres Gebietes
die erstaunlichsten Fortschritte gemacht; und was wichtiger ist, sie hat die
E i n h e i t d e r N a t u r k r ä f t e im ganzen Universum nachgewiesen. Die
mechanische Wärmetheorie hat gezeigt, wie eng dieselben zusammenhängen
und wie jede unter bestimmten Bedingungen sich direkt in die andere
verwandeln kann. Die Spektralanalyse hat uns gelehrt, daß dieselben Stoffe,
welche unseren Erdkörper und seine lebendigen Bewohner aufbauen, auch die
Masse der übrigen Planeten, der Sonne und der entferntesten Fixsterne
zusammensetzen. Die Astrophysik hat unsere Weltanschauung im großartigsten
Maßstabe erweitert, indem sie uns im unendlichen Weltraum Millionen von
kreisenden Weltkörpern nachgewiesen hat, größer als unsere Erde, und gleich
dieser in beständiger Umbildung begriffen, in einem ewigen Wechsel von
»Werden und Vergehen«. Die Chemie hat uns mit einer Menge von neuen, früher
unbekannten Stoffen bekannt gemacht, die alle aus Verbindungen von wenigen
unzerlegbaren Elementen (ungefähr achtzig) bestehen. Sie hat gezeigt, daß eines
von diesen Elementen, der Kohlenstoff, der wunderbare Körper ist, welcher die
Bildung der unendlich mannigfaltigen organischen Verbindungen bewirkt und
somit die »chemische Basis des Lebens« darstellt. Alle einzelnen Fortschritte der
Physik und Chemie stehen jedoch an theoretischer Bedeutung der Erkenntnis des
gewaltigen Gesetzes nach, welches alle in einem gemeinsamen Brennpunkt
vereinigt, des S u b s t a n z g e s e t z e s. Indem dieses »k o s m o l o g i s c h e
G r u n d g e s e t z« die ewige Erhaltung der Kraft und des Stoffes, die allgemeine
Konstanz der Energie und der Materie im ganzen Weltall nachweist, ist es der
sichere Leitstern geworden, der unsere monistische Philosophie durch das gewaltige Labyrinth der Welträtsel zu deren Lösung führt.
Da es unsere Aufgabe sein wird, in den folgenden Kapiteln eine allgemeine
Übersicht über den jetzigen Stand unserer Naturerkenntnis und über ihre
Fortschritte in unserem Jahrhundert zu gewinnen, wollen wir hier nicht weiter
auf eine Musterung der einzelnen Gebiete eingehen. Nur einen größten
Fortschritt wollen wir noch hervorheben, der dem Substanzgesetz ebenbürtig ist
und der es ergänzt: die Begründung der E n t w i c k e l u n g s l e h r e. Zwar
haben einzelne denkende Forscher schon seit Jahrtausenden von
»E n t w i c k e l u n g« der Dinge gesprochen; daß aber dieser Begriff das
U n i v e r s u m beherrscht, und daß die Welt selbst weiter nichts ist als eine
ewige »Entwickelung der Substanz«, dieser gewaltige Gedanke ist ein Kind des
19. Jahrhunderts. Erst in seiner zweiten Hälfte gelangte er zu voller Klarheit und
zu allgemeiner Anwendung. Das unsterbliche Verdienst, diesen höchsten
philosophischen Begriff empirisch begründet und zu umfassender Geltung
gebracht zu haben, gebührt dem großen englischen Naturforscher C h a r l e s
D a r w i n; er legte 1859 den festen Grund für jene Abstammungslehre, welche
der geniale französische Naturphilosoph J e a n L a m a r c k schon 1809 in ihren
Hauptzügen erkannt, und deren Grundgedanken unser größter deutscher Dichter
und Denker, W o l f g a n g G o e t h e, schon 1790 prophetisch erfaßt hatte.
Damit wurde uns zugleich der Schlüssel zur »Frage aller Fragen« geschenkt, zu
dem großen Welträtsel von der »Stellung des Menschen in der Natur« und von
seiner natürlichen Entstehung. Wenn wir heute imstande sind, die Herrschaft des
E n t w i c k e l u n g s g e s e t z e s im Gesamtgebiete der Natur klar zu erkennen
und sie in Verbindung mit dem S u b s t a n z g e s e t z e zur einheitlichen
Erklärung aller Naturerscheinungen zu benutzen, so verdanken wir dies in erster
Linie jenen drei genialen, weitblickenden Naturphilosophen, drei Sternen erster
Größe unter allen anderen großen Männern des neunzehnten Jahrhunderts.
Diesen erstaunlichen Fortschritten unserer t h e o r e t i s c h e n Naturerkenntnis
entspricht deren mannigfaltige p r a k t i s c h e Anwendung auf allen Gebieten
des menschlichen Kulturlebens. Wenn wir heute im »Zeitalter des Verkehrs«
stehen, wenn der internationale Handel und das Reisen eine früher nicht geahnte
Bedeutung erlangt haben, wenn wir mittels Telegraph und Telephon die
Schranken von Raum und Zeit überwunden haben, so verdanken wir das in
erster Linie den Fortschritten der technischen Physik, besonders in der
Anwendung der Dampfkraft und der Elektrizität. Wenn wir durch die
Photographie das Sonnenlicht zwingen, uns in einem Augenblick naturgetreue
Bilder von jedem beliebigen Gegenstande zu verschaffen, wenn wir in der
Landwirtschaft und in den verschiedensten Gewerben erstaunliche praktische Fortschritte gemacht haben, wenn wir in der Medizin durch Chloroform und
Morphium, durch antiseptische und Serumtherapie die Leiden der Menschheit
unendlich gemildert haben, so verdanken wir dies der angewandten Chemie.
Durch diese und andere Erfindungen der Technik haben wir alle früheren
Jahrhunderte weit überflügelt.
Fortschritte der sozialen Einrichtungen. So dürfen wir heute mit gerechtem
Stolze auf die gewaltigen Fortschritte des 19. Jahrhunderts in der
Naturerkenntnis und deren praktische Verwertung zurückblicken. Leider bietet
sich uns ein ganz anderes und wenig erfreuliches Bild, wenn wir andere, nicht
minder wichtige Gebiete des modernen Kulturlebens ins Auge fassen. Zu
unserem Bedauern müssen wir da den Satz von A l f r e d W a l l a c e
unterschreiben: »Verglichen mit unseren erstaunlichen Fortschritten in den
physikalischen Wissenschaften und ihrer praktischen Anwendung, bleibt unser
System der Regierung, der administrativen Justiz, der Nationalerziehung und
unsere ganze soziale und moralische Organisation in einem Z u s t a n d e d e r
B a r b a r e i.« Um uns von der Wahrheit dieser schweren Vorwürfe zu
überzeugen, brauchen wir nur einen unbefangenen Blick in unser öffentliches
Leben zu werfen, oder in den Spiegel zu blicken, den uns täglich unsere Zeitung,
als das Organ der öffentlichen Meinung, vorhält.
Unsere Rechtspflege. Beginnen wir unsere Rundschau mit der Justiz, dem
»Fundamentum regnorum«. Niemand wird behaupten können, daß deren heutiger
Zustand mit unserer fortgeschrittenen Erkenntnis des Menschen und der Welt in
Einklang sei. Keine Woche vergeht, in der wir nicht von richterlichen Urteilen
lesen, welche dem gesunden Menschenverstand widersprechen; viele
Entscheidungen unserer höheren und niederen Gerichtshöfe erscheinen geradezu
unbegreiflich. Wir sehen ganz davon ab, daß in vielen modernen Staaten — trotz
der auf Papier gedruckten Verfassung — noch tatsächlich der Absolutismus
herrscht und daß manche »Männer des Rechts« nicht nach ehrlicher
Überzeugung urteilen, sondern entsprechend dem »höheren Wunsche von
maßgebender Stelle«. Wir nehmen vielmehr an, daß die meisten Richter und
Staatsanwälte nach bestem Gewissen urteilen und nur menschlich irren. Dann
erklären sich wohl die meisten Irrtümer durch mangelhafte Vorbildung und
durch die veraltete Gesetzgebung. Freilich herrscht vielfach die Ansicht, daß
gerade die Juristen die höchste Bildung besitzen; gerade sie werden bei der
Besetzung der verschiedensten Ämter vorgezogen. Allein diese vielgerühmte
»juristische Bildung« ist größtenteils eine rein f o r m a l e, keine reale. Den
menschlichen Organismus und seine wichtigste Funktion, die Seele, lernen
unsere Juristen nur oberflächlich kennen; das beweisen z. B. die wunderlichen Ansichten über »Willensfreiheit, Verantwortung« usw., denen wir täglich
begegnen. Den meisten Studierenden der Jurisprudenz fällt es gar nicht ein, sich
um A n t h r o p o l o g i e , P s y c h o l o g i e und
E n t w i c k e l u n g s g e s c h i c h t e zu bekümmern, die ersten Vorbedingungen
für richtige Beurteilung des Menschenwesens. Freilich bleibt dazu auch »keine
Zeit«; diese wird leider nur zu sehr durch das gründliche Studium von Bier und
Wein in Anspruch genommen, sowie das »veredelnde« Mensurenwesen; der
Rest der kostbaren Studienzeit aber ist notwendig, um die Hunderte von
Paragraphen der Gesetzbücher zu erlernen, deren Kenntnis den Juristen zu allen
möglichen Stellungen im heutigen Kulturstaate befähigt.
Unsere Staatsordnung. Das leidige Gebiet der Politik wollen wir hier nur ganz
flüchtig streifen. Die unerfreulichen Zustände des modernen Staatslebens sind ja
allbekannt und jedermann täglich fühlbar. Zum großen Teile erklären sich deren
Mängel daraus, daß die meisten Staatsbeamten eben Juristen sind, Männer von
hoher formaler Bildung, aber ohne jene gründliche Kenntnis der Menschennatur,
die nur durch vergleichende Anthropologie und Psychologie erworben werden
kann. »Bau und Leben des sozialen Körpers«, d. h. des S t a a t e s, lernen wir nur
dann richtig verstehen, wenn wir naturwissenschaftliche Kenntnis vom »Bau und
Leben« der P e r s o n e n besitzen, welche den Staat zusammensetzen, und der
Z e l l e n, welche jene Personen zusammensetzen. Wenn unsere »Staatslenker«
und »Volksvertreter« diese u n s c h ä t z b a r e n b i o l o g i s c h e n und
a n t h r o p o l o g i s c h e n Vo r k e n n t n i s s e besäßen, so würde unmöglich in
den Zeitungen täglich jene entsetzliche Fülle von soziologischen Irrtümern und
von politischer Kannegießerei zu lesen sein, welche unsere Parlamentsberichte
und auch viele Regierungserlasse nicht gerade erfreulich auszeichnen. Am
meisten zu beklagen ist es, daß der moderne K u l t u r s t a a t sich der
kulturfeindlichen K i r c h e in die Arme wirft, und daß der bornierte Egoismus
der Parteien, die Verblendung der kurzsichtigen Parteiführer die Hierarchie
unterstützt. Dadurch entstehen so traurige Bilder, wie sie uns am Schlusse des
19. Jahrhunderts der Deutsche Reichstag vor Augen führte: die Geschicke des
gebildeten deutschen Volkes in der Hand des ultramontanen Zentrums, unter der
Leitung des römischen Papismus, der sein ärgster und gefährlichster Feind ist.
Statt Recht und Vernunft regiert Aberglaube und Verdummung. Unsere
Staatsordnung kann nur dann besser werden, wenn sie sich von den Fesseln der
Kirche befreit und wenn sie durch allgemeine n a t u r w i s s e n s c h a f t l i c h e
B i l d u n g die Welt- und Menschenkenntnis der Staatsbürger auf eine höhere
Stufe hebt. Dabei kommt es gar nicht auf die besondere S t a a t s f o r m an. Ob
Monarchie oder Republik, ob aristokratische oder demokratische Verfassung, das
sind untergeordnete Fragen gegenüber der großen Hauptfrage: Soll der moderne Kulturstaat geistlich oder weltlich sein? Soll er t h e o k r a t i s c h, durch
unvernünftige Glaubenssätze und klerikale Willkür, oder soll er
n o m o k r a t i s c h, durch vernünftige Gesetze und bürgerliches Recht geleitet
werden?
Unsere Schule. Ebenso wie unsere Rechtspflege und Staatsordnung entspricht
auch unsere Jugenderziehung durchaus nicht den Anforderungen, welche die
wissenschaftlichen Fortschritte des 19. Jahrhunderts an die moderne Bildung
stellen. Die N a t u r w i s s e n s c h a f t, die alle anderen Wissenschaften so weit
überflügelt und welche, bei Licht betrachtet, auch alle sogenannten
Geisteswissenschaften in sich aufgenommen hat, wird in unseren Schulen immer
noch als Aschenbrödel in die Ecke gestellt. Unseren meisten Lehrern erscheint
immer noch als Hauptaufgabe jene tote Gelehrsamkeit, die aus den
Klosterschulen des Mittelalters übernommen ist; im Vordergrunde steht der
grammatikalische Sport und die zeitraubende »gründliche Kenntnis« der
klassischen Sprachen, sowie der äußerlichen Völkergeschichte. Die Sittenlehre,
der wichtigste Gegenstand der praktischen Philosophie, wird vernachlässigt und
an ihre Stelle die kirchliche Konfession gesetzt. Der Glaube soll dem Wissen
vorangehen; nicht jener wissenschaftliche Glaube, welcher uns zu einer
monistischen Religion führt, sondern jener unvernünftige Aberglaube, der die
Grundlage eines verunstalteten Christentums bildet. Während die großartigen
Erkenntnisse der modernen Kosmologie und Anthropologie, der heutigen
Biologie und Entwickelungslehre auf unseren höheren Schulen gar keine oder
nur ganz ungenügende Verwertung finden, wird das Gedächtnis mit einer
Unmasse von philologischen und historischen Tatsachen überladen, die weder
für die Geistesbildung, noch für das praktische Leben von Nutzen sind. Auch die
veralteten Einrichtungen und Fakultätsverhältnisse der Universitäten entsprechen
der heutigen Entwickelungsstufe der natürlichen Weltanschauung ebensowenig
wie der Unterricht in den Gymnasien und in den niederen Schulen.
Unsere Kirche. Im schärfsten Gegensatze zu der modernen Bildung und zu
deren Grundlage, der vorgeschrittenen Naturerkenntnis, steht unstreitig die
Kirche. Wir wollen hier garnicht vom ultramontanen Papismus sprechen, oder
von den orthodoxen evangelischen Richtungen, welche diesem in bezug auf
krassesten Aberglauben und Unkenntnis der Wirklichkeit nichts nachgeben.
Vielmehr versetzen wir uns in die Predigt eines liberalen protestantischen
Pfarrers, der gute Durchschnittsbildung besitzt und der Vernunft neben dem
Glauben ihr gutes Recht einräumt. Da hören wir neben vortrefflichen
Sittenlehren, die mit unserer monistischen Ethik (im 19. Kapitel) vollkommen
harmonieren, Vorstellungen über das Wesen von Gott und Welt, von Mensch und Leben, welche allen Erkenntnissen der Naturforschung direkt widersprechen. Es
ist kein Wunder, wenn Techniker und Chemiker, Ärzte und Philosophen, die
gründlich über die Natur beobachtet und nachgedacht haben, solchen Predigten
kein Gehör schenken wollen. Es fehlt eben unseren Theologen und Philologen,
ebenso wie unseren Politikern und Juristen, an jener u n e n t b e h r l i c h e n
N a t u r e r k e n n t n i s, auf welche sich die monistische Entwickelungslehre
gründet.
Konflikt zwischen Vernunft und Dogma. Aus diesen bedauerlichen
Gegensätzen ergeben sich für unser modernes Kulturleben schwere Konflikte,
deren Gefahr dringend zur Beseitigung auffordert. Unsere heutige Bildung
verlangt ihr gutes Recht auf allen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens;
sie wünscht die Menschheit mittels der Ve r n u n f t auf jene höhere Stufe der
Erkenntnis und damit zugleich auf jenen besseren Weg zum Glück erhoben zu
sehen, welche wir unserer hoch entwickelten Naturwissenschaft verdanken.
Dagegen sträuben sich mit aller Macht diejenigen einflußreichen Kreise, welche
unsere Geistesbildung in den überwundenen Anschauungen des Mittelalters
zurückhalten wollen; sie verharren im Banne der traditionellen D o g m e n und
verlangen, daß die Vernunft sich unter diese »höhere Offenbarung« beuge. Das
ist der Fall in weiten Kreisen der Theologie und Philologie, der Soziologie und
Jurisprudenz. Diese Rückständigkeit beruht zum größten Teile gewiß nicht auf
eigennützigem Streben, sondern teils auf Unkenntnis der realen Tatsachen, teils
auf der bequemen Gewohnheit der Tradition. Die gefährlichste Feindin der
Vernunft und Wissenschaft ist nicht die Bosheit, sondern die Unwissenheit und
vielleicht noch mehr die Trägheit. Gegen diese beiden Mächte kämpfen die
Götter selbst dann noch vergebens, wenn sie die erstere glücklich überwunden
haben.
Anthropismus. Eine der mächtigsten Stützen gewährt jener rückständigen
Weltanschauung der A n t h r o p i s m u s oder die »Ve r m e n s c h l i c h u n g«.
Unter diesem Begriffe verstehe ich jenen mächtigen und weit verbreiteten
Komplex von irrtümlichen Vorstellungen, welcher den menschlichen
Organismus in Gegensatz zu der ganzen übrigen Natur stellt, ihn als
vorbedachtes Endziel der organischen Schöpfung und als ein von dieser
verschiedenes, gottähnliches Wesen auffaßt. Bei genauerer Kritik dieses
einflußreichen Vorstellungskreises ergibt sich, daß er eigentlich aus drei
verschiedenen Dogmen besteht, die wir als den a n t h r o p o z e n t r i s c h e n ,
a n t h r o p o m o r p h i s c h e n und a n t h r o p o l a t r i s c h e n Irrtum
unterscheiden. I. Das a n t h r o p o z e n t r i s c h e D o g m a ruht auf der
Vorstellung, daß der Mensch der vorbedachte Mittelpunkt und Endzweck alles Erdenlebens — oder in weiterer Fassung der ganzen Welt — sei. Da dieser
Irrtum dem menschlichen Eigendünkel äußerst erwünscht, und da er mit den
Schöpfungsmythen und mit den Dogmen der m o s a i s c h e n ,
c h r i s t l i c h e n und m o h a m m e d a n i s c h e n Religion innig verwachsen ist,
beherrscht er auch heute noch den größten Teil der Kulturwelt. — II. Das
a n t h r o p o m o r p h i s c h e D o g m a knüpft ebenfalls an die
Schöpfungssagen der drei genannten, sowie vieler anderen Religionen an. Es
vergleicht die Weltschöpfung und Weltregierung Gottes mit den
Kunstschöpfungen eines sinnreichen Technikers und mit der Staatsregierung
eines weisen Herrschers. »Gott der Herr« als Schöpfer, Erhalter und Regierer der
Welt wird dabei in seinem Denken und Handeln durchaus menschenähnlich
vorgestellt. Daraus folgt dann wieder umgekehrt, daß der Mensch gottähnlich ist.
»Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.« Die ältere naive Mythologie
verleiht ihren Göttern Menschengestalt, Fleisch und Blut. Weniger
materialistisch sind die Vorstellungen der neueren mystischen Theosophie,
welche den persönlichen Gott als »unsichtbares« Wesen verehrt und ihn doch
gleichzeitig nach Menschenart denken, sprechen und handeln läßt. — III. Das
a n t h r o p o l a t r i s c h e D o g m a ergibt sich aus dieser Vergleichung der
menschlichen und göttlichen Seelentätigkeit von selbst; es führt zu der göttlichen
Ve r e h r u n g des menschlichen Organismus, zum »anthropistischen
Größenwahn«. Daraus folgt wieder der hochgeschätzte »Glaube an die
persönliche Unsterblichkeit der Seele«, sowie das dualistische Dogma von der
Doppelnatur des Menschen, dessen »unsterbliche Seele« den sterblichen Körper
nur zeitweise bewohnt. Diese drei anthropistischen Dogmen, mannigfach
ausgebildet und der wechselnden Glaubensform der verschiedenen Religionen
angepaßt, wurden zur Quelle der gefährlichsten Irrtümer. Die
a n t h r o p i s t i s c h e W e l t a n s c h a u u n g, die daraus entsprang, steht in
unversöhnlichem Gegensatz zu unserer monistischen Naturerkenntnis; sie wird
zunächst schon durch deren kosmologische Perspektive widerlegt.
Kosmologische Perspektive. Die Unhaltbarkeit dieser drei anthropistischen
Dogmen, wie auch vieler anderer Anschauungen der dualistischen Philosophie
und der orthodoxen Religion, offenbart sich, sobald wir sie aus der
k o s m o l o g i s c h e n P e r s p e k t i v e unseres Monismus kritisch betrachten.
Wir verstehen darunter jene umfassende A n s c h a u u n g d e s
W e l t g a n z e n, welche uns der höchste Standpunkt der monistischen
Naturerkenntnis gewährt. Da überzeugen wir uns von der Wahrheit der
folgenden wichtigen »k o s m o l o g i s c h e n L e h r s ä t z e«:
1. Das Weltall (Universum oder Kosmos) ist ewig, unendlich und unbegrenzt. 2. Die Substanz desselben mit ihren beiden Attributen (Materie und Energie)
erfüllt den unendlichen Raum und befindet sich in ewiger Bewegung. 3. Diese
Bewegung verläuft in der unendlichen Zeit als eine einheitliche Entwickelung,
mit periodischem Wechsel von Werden und Vergehen, von Fortbildung und
Rückbildung. 4. Die unzähligen Weltkörper, welche im raumerfüllenden Äther
verteilt sind, unterliegen sämtlich dem Substanzgesetz. 5. Unsere Sonne ist einer
von diesen unzähligen vergänglichen Weltkörpern, und unsere Erde ist einer von
den zahlreichen vergänglichen Planeten, welche diese umkreisen. 6. Unsere Erde
hat einen langen Abkühlungsprozeß durchgemacht, ehe auf derselben tropfbar
flüssiges Wasser und damit die erste Vorbedingung organischen Lebens
entstehen konnte. 7. Der darauf folgende biogenetische Prozeß, die langsame
Entwickelung und Umbildung zahlloser organischer Formen, hat viele Millionen
Jahre (weit über hundert!) in Anspruch genommen. 8. Unter den verschiedenen
Tierstämmen, welche sich im späteren Verlaufe des biogenetischen Prozesses auf
unserer Erde entwickelten, hat der Stamm der Wirbeltiere im Wettlaufe der
Entwickelung neuerdings alle anderen weit überflügelt. 9. Als der bedeutendste
Zweig des Wirbeltierstammes hat sich erst spät (während der Triasperiode) aus
Amphibien die Klasse der Säugetiere entwickelt. 10. Der vollkommenste und
höchst entwickelte Zweig dieser Klasse ist die Ordnung der Herrentiere oder
Primaten, die erst im Beginne der Tertiärzeit durch Umbildung aus niedersten
Zottentieren entstanden ist. 11. Das jüngste und vollkommenste Ästchen des
Primatenzweiges ist der Mensch, der erst in späterer Tertiärzeit aus einer Reihe
von Menschenaffen hervorging. 12. Demnach ist die sogenannte
»Weltgeschichte« eine verschwindend kurze Episode in dem langen Verlaufe der
organischen Erdgeschichte, ebenso wie diese selbst ein kleines Stück von der
Geschichte unseres Planetensystems; und wie unsere Mutter Erde ein
vergängliches Sonnenstäubchen im unendlichen Weltall, so ist der einzelne
Mensch eine vorübergehende Erscheinung in der vergänglichen organischen
Natur.
Nichts scheint mir geeigneter als diese großartige k o s m o l o g i s c h e
P e r s p e k t i v e, um von vornherein den richtigen Maßstab und den
weitsichtigen Standpunkt festzusetzen, welchen wir zur Lösung der Welträtsel
einhalten müssen. Denn dadurch wird nicht nur die maßgebende »Stellung des
Menschen in der Natur« klar bezeichnet, sondern auch der herrschende
a n t h r o p i s t i s c h e G r ö ß e n w a h n widerlegt, die Anmaßung, mit welcher
der Mensch sich dem unendlichen Universum gegenüberstellt und als
wichtigsten Teil des Weltalls verherrlicht. Diese grenzenlose Selbstüberhebung
des eiteln Menschen hat ihn dazu verführt, sich als »Ebenbild Gottes« zu
betrachten, für seine vergängliche Person ein »ewiges Leben« in Anspruch zu nehmen und sich einzubilden, daß er unbeschränkte »Freiheit des Willens«
besitzt. Der lächerliche Cäsarenwahn des Caligula ist eine spezielle Form dieser
hochmütigen Selbstvergötterung des Menschen. Erst wenn wir diesen
unhaltbaren Größenwahn aufgeben und die naturgemäße kosmologische
Perspektive einnehmen, können wir zur Lösung der »Welträtsel« gelangen.
Zahl der Welträtsel. Der ungebildete Kulturmensch ist noch ebenso wie der
rohe Naturmensch auf Schritt und Tritt von unzähligen Welträtseln umgeben. Je
weiter die Kultur fortschreitet und die Wissenschaft sich entwickelt, desto mehr
wird ihre Zahl beschränkt. Die m o n i s t i s c h e P h i l o s o p h i e wird
schließlich nur ein einziges, allumfassendes Welträtsel anerkennen, das
»S u b s t a n z p r o b l e m«. In der berühmten Rede, welche E m i l d u B o i s -
R e y m o n d 1880 in der Leibniz-Sitzung der Berliner Akademie der
Wissenschaften hielt, unterscheidet er »s i e b e n W e l t r ä t s e l«; er führt
dieselben in nachstehender Reihenfolge auf: I. das Wesen von Materie und Kraft,
II. der Ursprung der Bewegung, III. die erste Entstehung des Lebens, IV. die
(anscheinend absichtsvoll) zweckmäßige Einrichtung der Natur, V. das Entstehen
der einfachen Sinnesempfindung und des Bewußtseins, VI. das vernünftige
Denken und der Ursprung der damit eng verbundenen Sprache, VII. die Frage
nach der Willensfreiheit. Von diesen sieben Welträtseln erklärt der Rhetor der
Berliner Akademie d r e i für ganz transzendent und unlösbar (das erste, zweite
und fünfte); d r e i andere hält er zwar für schwierig, aber für lösbar (das dritte,
vierte und sechste); bezüglich des siebenten und letzten »Welträtsels«, welches
praktisch das wichtigste ist, nämlich der Willensfreiheit, verhält er sich
unentschieden.
Nach meiner Ansicht werden die drei »transzendenten« Rätsel (I, II, V) durch
unsere Auffassung der S u b s t a n z erledigt (Kapitel 12); die drei anderen,
schwierigen, aber lösbaren Probleme (III, IV, VI) sind durch unsere moderne
E n t w i c k e l u n g s l e h r e endgültig gelöst; das siebente und letzte Welträtsel,
die Willensfreiheit, ist gar kein Objekt kritischer wissenschaftlicher Erklärung,
da sie als reines D o g m a auf bloßer Täuschung beruht und in Wirklichkeit gar
nicht existiert.
Lösung der Welträtsel. Die Mittel und Wege zur Lösung der Welträtsel sind
diejenigen der reinen wissenschaftlichen Erkenntnis überhaupt: E r f a h r u n g
und S c h l u ß f o l g e r u n g. Die wissenschaftliche Erfahrung erwerben wir uns
durch Beobachtung und Experiment, wobei in erster Linie unsere Sinnesorgane,
in zweiter die »inneren Sinnesherde« unserer Großhirnrinde tätig sind. Die
mikroskopischen Elementarorgane der ersteren sind die Sinneszellen, die der
letzteren Gruppen von Ganglienzellen. Die Erfahrungen, welche wir von der Außenwelt durch diese unschätzbarsten Organe unseres Geisteslebens erhalten
haben, werden dann durch andere Gehirnteile in Vorstellungen umgesetzt und
diese wiederum durch Assoziation zu Schlüssen verknüpft. Die Bildung dieser
Schlußfolgerungen erfolgt auf zwei verschiedenen Wegen, die nach meiner
Überzeugung gleich wertvoll und unentbehrlich sind: I n d u k t i o n u n d
D e d u k t i o n. Die weiteren verwickelten Gehirnoperationen, die Bildung von
zusammenhängenden Kettenschlüssen, die Abstraktion und Begriffsbildung, die
Ergänzung des erkennenden Verstandes durch die plastische Phantasie,
schließlich das Bewußtsein, das Denken und Philosophieren, sind ebenso
Funktionen der Ganglienzellen der Großhirnrinde wie die vorhergehenden
einfacheren Seelentätigkeiten. Alle zusammen vereinigen wir in dem höchsten
Begriffe der Ve r n u n f t.
Vernunft, Gemüt und Offenbarung. Durch die Vernunft allein können wir zur
wahren Naturerkenntnis und zur Lösung der Welträtsel gelangen. Indessen hat
die Vernunft ihren hohen Wert erst durch die fortschreitende Kultur und
Geistesbildung, durch die Entwickelung der W i s s e n s c h a f t erhalten. Der
ungebildete Mensch und der rohe Naturmensch sind ebensowenig (oder
ebensosehr) »vernünftig« wie die nächstverwandten Säugetiere (Affen, Hunde,
Elefanten usw.). Nun ist noch heute in weiten Kreisen die Ansicht verbreitet, daß
es außer der Vernunft noch zwei weitere (ja sogar wichtigere!) Erkenntniswege
gebe: Gemüt und Offenbarung. Diesem gefährlichen Irrtum müssen wir
entschieden entgegentreten. D a s G e m ü t h a t m i t d e r E r k e n n t n i s
d e r W a h r h e i t g a r n i c h t s z u t u n . Was wir »Gemüt« nennen und
hochschätzen, ist eine verwickelte Tätigkeit des Gehirns, welche sich aus
Gefühlen der Lust und Unlust, aus Vorstellungen der Zuneigung und Abneigung,
aus Strebungen des Begehrens und Fliehens zusammensetzt. Dabei können die
verschiedensten anderen Tätigkeiten des Organismus mitspielen, Bedürfnisse der
Sinne und der Muskeln, des Magens und der Geschlechtsorgane usw. Die
Erkenntnis der Wahrheit fördern alle diese Gemütszustände und
Gemütsbewegungen in keiner Weise; im Gegenteil stören sie oft die allein dazu
befähigte Vernunft. Noch kein »Welträtsel« ist durch die Gehirnfunktion des
Gemüts gelöst oder auch nur gefördert worden. Dasselbe gilt aber auch von der
sogenannten »O f f e n b a r u n g« und den angeblichen, dadurch erreichten
»G l a u b e n s w a h r h e i t e n«; diese beruhen sämtlich auf bewußter oder
unbewußter Täuschung (vergl. das 16. Kapitel).
Philosophie und Naturwissenschaft. Als einen der erfreulichsten Fortschritte
zur Lösung der Welträtsel müssen wir es begrüßen, daß in neuerer Zeit immer
mehr die beiden einzigen dazu führenden Wege: E r f a h r u n g u n d D e n k e n (oder E m p i r i e u n d S p e k u l a t i o n) als gleichberechtigte und
sich gegenseitig ergänzende Erkenntnismethoden anerkannt worden sind. Die
Philosophen haben allmählich eingesehen, daß die reine Spekulation zur wahren
Erkenntnis nicht ausreicht. Und ebenso haben sich anderseits die Naturforscher
überzeugt, daß die bloße Erfahrung für die Bildung einer realen Weltanschauung
ungenügend ist. Die zwei großen Erkenntniswege, die sinnliche Erfahrung und
das vernünftige Denken, sind z w e i v e r s c h i e d e n e
G e h i r n f u n k t i o n e n; die erstere wird durch die Sinnesorgane und die
zentralen Sinnesherde, die letztere durch die dazwischen liegenden Denkherde,
die großen »Assozionszentren der Großhirnrinde« vermittelt. (Vergl. Kapitel 7
und 10.) Erst durch die vereinigte Tätigkeit beider entsteht wahre Erkenntnis.
Allerdings gibt es auch heute noch Philosophen, welche die Welt bloß aus ihrem
Kopfe konstruieren wollen, und welche die empirische Naturerkenntnis schon
deshalb verschmähen, weil sie die wirkliche Welt nicht kennen. Anderseits
behaupten auch heute noch manche Naturforscher, daß die einzige Aufgabe der
Wissenschaft das »tatsächliche Wissen, die objektive Erforschung der einzelnen
Naturerscheinungen sei«; das »Zeitalter der Philosophie« sei vorüber, und an
ihre Stelle sei die Naturwissenschaft getreten (V i r c h o w 1893). Diese
einseitige Überschätzung der Empirie ist ein ebenso gefährlicher Irrtum wie jene
entgegengesetzte der Spekulation. Beide Erkenntniswege sind sich gegenseitig
unentbehrlich. Die größten Triumphe der modernen Naturforschung, die
Zellentheorie und die Wärmetheorie, die Entwickelungstheorie und das
Substanzgesetz, sind p h i l o s o p h i s c h e T a t e n, aber nicht Ergebnisse der
reinen S p e k u l a t i o n, sondern der vorausgegangenen, ausgedehntesten und
gründlichsten E m p i r i e.
Dualismus und Monismus. Alle verschiedenen Richtungen der Philosophie
lassen sich, vom heutigen Standpunkte der Naturwissenschaft beurteilt, in zwei
entgegengesetzte Reihen bringen, einerseits die d u a l i s t i s c h e oder
zwiespältige, anderseits die m o n i s t i s c h e oder einheitliche Weltanschauung.
Der D u a l i s m u s (im weitesten Sinne!) zerlegt das Universum in zwei ganz
verschiedene Substanzen, die materielle Welt und den immateriellen Gott, der
ihr als Schöpfer, Erhalter und Regierer gegenübersteht. Der M o n i s m u s
hingegen (ebenfalls im weitesten Sinne begriffen!) erkennt im Universum nur
eine einzige Substanz, die »Gott und Natur« zugleich ist; Körper und Geist (oder
Materie und Energie) sind für sie untrennbar verbunden. Der außerweltliche
»persönliche« Gott des Dualismus führt zum T h e i s m u s, der innerweltliche
Gott des Monismus zum P a n t h e i s m u s.
Materialismus und Spiritualismus. Sehr häufig werden auch heute noch die verschiedenen Begriffe M o n i s m u s und M a t e r i a l i s m u s und ebenso die
wesentlich verschiedenen Richtungen des theoretischen und des praktischen
Materialismus verwechselt. Da diese und ähnliche Begriffsverwirrungen
zahlreiche Irrtümer veranlassen, wollen wir zur Vermeidung aller
Mißverständnisse nur kurz noch folgendes bemerken: I. Unser r e i n e r
M o n i s m u s ist weder mit jenem M a t e r i a l i s m u s identisch, welcher den
Geist leugnet und die Welt in eine Summe von toten Atomen auflöst, noch mit
dem theoretischen S p i r i t u a l i s m u s (neuerdings als E n e r g e t i k
bezeichnet), welcher die Materie leugnet und die Welt nur als eine räumlich
geordnete Gruppe von bloßen Empfindungen und Vorstellungen (oder von
Energien oder immateriellen Naturkräften) betrachtet. II. Vielmehr sind wir mit
G o e t h e der festen Überzeugung, daß »die Materie nie ohne Geist, der Geist
nie ohne Materie existiert und wirksam sein kann«. Wir halten fest an der
monistischen Auffassung von S p i n o z a: D i e M a t e r i e, als die unendlich
ausgedehnte Substanz, und der G e i s t (oder die Energie), als die empfindende
oder denkende Substanz, sind die beiden A t t r i b u t e oder Grundeigenschaften
des allumfassenden göttlichen Weltwesens, der universalen S u b s t a n z. (Vergl.
Kapitel 12.)
Z w e i t e s K a p i t e l .
Unser Körperbau.
Monistische Studien über menschliche und vergleichende Anatomie.
Übereinstimmung in der gröberen und feineren Organisation des
Menschen und der Säugetiere.
Alle biologischen Untersuchungen, alle Forschungen über die Gestaltung und
Lebenstätigkeit der Organismen haben zunächst den sichtbaren Körper ins Auge
zu fassen, an welchem uns die betreffenden morphologischen und
physiologischen Erscheinungen entgegentreten. Dieser Grundsatz gilt ebenso für
den M e n s c h e n wie für alle anderen belebten Naturkörper. Dabei darf sich die
Untersuchung nicht mit der Betrachtung der äußeren Gestalt begnügen, sondern
sie muß in das Innere derselben eindringen und ihre Zusammensetzung aus den
gröberen und feineren Bestandteilen erforschen. Die Wissenschaft, welche diese
grundlegende Untersuchung im weitesten Umfange auszuführen hat, ist die
A n a t o m i e.
Menschliche Anatomie. Die erste Anregung zur Erkenntnis des menschlichen
Körperbaues ging naturgemäß von der Heilkunde aus. Da diese bei den ältesten
Kulturvölkern gewöhnlich von den Priestern ausgeübt wurde, dürfen wir
annehmen, daß diese höchsten Vertreter der damaligen Bildung schon im
zweiten Jahrtausend vor Christo und früher über ein gewisses Maß von
anatomischen Kenntnissen verfügten. Aber genauere Erfahrungen, gewonnen
durch die Zergliederung von Säugetieren und von diesen übertragen auf den
Menschen, finden wir erst bei den Griechen, von denen H i p p o k r a t e s lange
als vorzüglichste Autorität galt. Nach ihm erscheint nur noch ein bedeutender
Anatom im Altertum, der Arzt C l a u d i u s G a l e n u s. Alle diese älteren
Anatomen erwarben ihre Kenntnisse zum größten Teile nicht durch die
Untersuchung des menschlichen Körpers selbst — die damals noch streng
verboten war! —, sondern durch diejenige der menschenähnlichsten Säugetiere,
besonders der A f f e n; sie waren also alle eigentlich schon »v e r g l e i c h e n d e
Anatomen«.
Das Emporblühen des C h r i s t e n t u m s und der damit verknüpften mystischen
Weltanschauung bereitete der Anatomie, wie allen anderen Naturwissenschaften,
den Niedergang. Die römischen P ä p s t e waren vor allem bestrebt, die Menschheit in U n w i s s e n h e i t und in blindem Aberglauben zu erhalten; sie
hielten die Kenntnis des menschlichen Organismus mit Recht für ein
gefährliches Mittel der Aufklärung über unser wahres Wesen. Während des
langen Zeitraums von dreizehn Jahrhunderten blieben die Schriften des
G a l e n u s fast die einzige Quelle für die menschliche Anatomie, ebenso wie
diejenigen des A r i s t o t e l e s für die gesamte Naturgeschichte. Erst als im
sechzehnten Jahrhundert n. Chr. durch die R e f o r m a t i o n die geistige
Weltherrschaft des Papismus gebrochen und durch das neue Weltsystem des
K o p e r n i k u s die eng damit verknüpfte geozentrische Weltanschauung
zerstört wurde, begann auch für die Erkenntnis des menschlichen Körpers eine
neue Periode des Aufschwungs. Die großen Anatomen Ve s a l i u s,
E u s t a c h i u s und F a l l o p i u s förderten durch eigene gründliche
Untersuchungen die genaue Kenntnis unseres Körperbaues so sehr, daß ihren
zahlreichen Nachfolgern bezüglich der gröberen Verhältnisse hauptsächlich nur
Einzelheiten festzustellen übrigblieben. Der ebenso kühne wie geistreiche
A n d r e a s Ve s a l i u s ging bahnbrechend allen voran; er vollendete schon in
seinem 28. Lebensjahre das große, einheitlich durchgeführte Werk »De humani
corporis fabrica« (1543) und gab der ganzen menschlichen Anatomie eine neue,
selbständige Richtung und sichere Grundlage.
Vergleichende Anatomie. Die Verdienste, welche das neunzehnte Jahrhundert
sich um die Erkenntnis des menschlichen Körperbaues erworben hat, bestehen
vor allem in dem Ausbau von zwei neuen, überaus wichtigen
Forschungsrichtungen, der »v e r g l e i c h e n d e n A n a t o m i e« und der
»G e w e b e l e h r e« oder der »mikroskopischen Anatomie«. Die erstere war
allerdings schon von Anfang an mit der menschlichen Anatomie eng verknüpft
gewesen; denn diese wurde solange durch die erstere ersetzt, als die Sektion
menschlicher Leichen für ein todeswürdiges Verbrechen galt — und das war
selbst noch im 15. Jahrhundert der Fall! Aber die zahlreichen Anatomen der
folgenden drei Jahrhunderte beschränkten sich größtenteils auf die genaue
Untersuchung des menschlichen Organismus. Diejenige hochentwickelte
Disziplin, die wir heute vergleichende Anatomie nennen, wurde erst im
Jahre 1803 geboren, als der große französische Zoologe G e o r g e C u v i e r
seine grundlegenden »Leçons sur l'Anatomie comparée« herausgab und darin zum
ersten Male bestimmte Gesetze über den Körperbau des Menschen und der Tiere
festzustellen suchte. Während seine Vorläufer — unter ihnen auch G o e t h e
1790 — hauptsächlich nur das Knochengerüst des Menschen mit demjenigen der
übrigen Säugetiere eingehend verglichen hatten, umfaßte C u v i e r s weiter
Blick die Gesamtheit der tierischen Organisation; er unterschied in derselben
vier große, voneinander unabhängige Hauptformen oder T y p e n: Wirbeltiere, Gliedertiere, Weichtiere und Strahltiere. Für die »Frage aller Fragen« war dieser
Fortschritt insofern epochemachend, als damit klar die Zugehörigkeit des
Menschen zum Typus der W i r b e l t i e r e — sowie seine Grundverschiedenheit
von allen anderen Typen — ausgesprochen war. Allerdings hatte schon der
scharfblickende Linné in seinem ersten »Systema naturae« (1735) dem Menschen
definitiv seinen Platz in der Klasse der S ä u g e t i e r e angewiesen; er vereinigte
sogar in der Ordnung der H e r r e n t i e r e die drei Gruppen der Halbaffen, Affen
und Menschen. Aber es fehlte diesem kühnen systematischen Griffe noch jene
tiefere empirische Begründung durch die vergleichende Anatomie, die erst
C u v i e r herbeiführte. Diese fand ihre weitere Ausführung durch die großen
vergleichenden Anatomen des 19. Jahrhunderts, durch F r i e d r i c h M e c k e l,
J o h a n n e s M ü l l e r, R i c h a r d O w e n, T h o m a s H u x l e y und C a r l
G e g e n b a u r. Indem dieser letztere in seinen Grundzügen der vergleichenden
Anatomie (1870) zum ersten Male die durch D a r w i n neu begründete
Abstammungslehre auf jene Wissenschaft anwandte, erhob er sie zum ersten
Range unter den biologischen Disziplinen. Seine »Vergleichende Anatomie der
Wirbeltiere« (1898) legte den unerschütterlichen Grund fest, auf welchem sich
unsere Überzeugung von der Wirbeltiernatur des Menschen nach allen
Richtungen hin klar beweisen läßt.
G e w e b e l e h r e (Histologie) und Z e l l e n l e h r e (Cytologie). In ganz anderer
Richtung als die vergleichende entwickelte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts
die m i k r o s k o p i s c h e A n a t o m i e. Schon im Anfange desselben (1802)
unternahm ein französischer Arzt, B i c h a t, den Versuch, mittels des
Mikroskops die Organe des menschlichen Körpers in ihre einzelnen feineren
Bestandteile zu zerlegen und die Beziehungen dieser verschiedenen G e w e b e
festzustellen. Aber dieser erste Versuch führte nicht weit, da ihm das
gemeinsame Element für die zahlreichen, verschiedenen Gewebe unbekannt
blieb. Dies wurde erst 1838 für die Pflanzen in der Z e l l e von M a t t h i a s
S c h l e i d e n entdeckt und gleich darauf auch für die Tiere von T h e o d o r
S c h w a n n nachgewiesen. A l b e r t K ö l l i k e r und R u d o l f V i r c h o w
führten dann im sechsten Dezennium des 19. Jahrhunderts die
Z e l l e n t h e o r i e und die darauf gegründete Gewebelehre für den gesunden
und kranken Organismus des Menschen im einzelnen durch; sie wiesen nach,
daß auch im Menschen, wie in allen anderen Tieren, alle Gewebe sich aus den
gleichen mikroskopischen Formbestandteilen, den einfachen Z e l l e n,
zusammensetzen, und daß diese »Elementar-Organismen« die wahren,
selbsttätigen Staatsbürger sind, die, zu Milliarden vereinigt, unseren Körper, den
»Zellenstaat«, aufbauen. Alle diese Zellen entstehen durch oft wiederholte
Teilung aus einer einzigen, einfachen Zelle, aus der »S t a m m z e l l e« oder »befruchteten Eizelle« (Cytula). Die allgemeine Struktur und Zusammensetzung
der Gewebe ist beim Menschen dieselbe wie bei den übrigen Wirbeltieren. Unter
diesen zeichnen sich die Säugetiere, die jüngste und höchst entwickelte Klasse,
durch gewisse besondere, spät erworbene Eigentümlichkeiten aus. So ist z. B.
die mikroskopische Bildung der Haare, der Hautdrüsen, der Milchdrüsen, der
Blutzellen bei den Säugetieren ganz eigentümlich und verschieden von
derjenigen der übrigen Wirbeltiere; der M e n s c h ist auch in allen diesen
feinsten histologischen Beziehungen ein e c h t e s S ä u g e t i e r.
Wirbeltiernatur des Menschen. Unser gesamter Körperbau zeigt sowohl in der
gröberen als in der feineren Zusammensetzung den charakteristischen Typus der
W i r b e l t i e r e (Vertebrata). Diese höchst entwickelte Hauptgruppe des
Tierreichs wurde in ihrer natürlichen Einheit zuerst 1801 von dem großen
L a m a r c k erkannt; er faßte unter diesem Begriffe die vier höheren Tierklassen
von L i n n é zusammen: Säugetiere, Vögel, Amphibien und Fische. Die beiden
niederen Klassen: Insekten und Würmer, stellte er jenen als »W i r b e l l o s e«
(Invertebrata) gegenüber. C u v i e r bestätigte (1812) die Einheit des
Vertebratentypus und begründete sie fester durch seine vergleichende Anatomie.
In der Tat stimmen alle Wirbeltiere, von den Fischen aufwärts bis zum
Menschen, in allen wesentlichen Hauptmerkmalen überein; sie besitzen alle ein
festes inneres Skelett, Knorpel- und Knochengerüst, und dieses besteht überall
aus einer Wirbelsäule und einem Schädel; die verwickelte Zusammensetzung des
letzteren ist zwar im einzelnen sehr mannigfaltig, aber im allgemeinen stets auf
dieselbe Urform zurückzuführen. Ferner liegt bei allen Wirbeltieren auf der
Rückenseite dieses Achsenskeletts das »Seelenorgan«, das zentrale
Nervensystem, in Gestalt eines Rückenmarks und eines Gehirns. Auch von
diesem wichtigen G e h i r n gilt dasselbe wie von der es umschließenden
Knochenkapsel, dem S c h ä d e l; im einzelnen ist seine Ausbildung und Größe
höchst mannigfaltig abgestuft; im großen und ganzen bleibt die charakteristische
Zusammensetzung dieselbe.
Die gleiche Erscheinung zeigt sich auch, wenn wir die übrigen Organe unseres
Körpers mit denen der anderen Wirbeltiere vergleichen: überall bleibt infolge
von Ve r e r b u n g die ursprüngliche Anlage und die relative Lagerung der
Organe dieselbe, obgleich die Größe und Ausbildung der einzelnen Teile höchst
mannigfaltig sich sondert, entsprechend der A n p a s s u n g an sehr verschiedene
Lebensbedingungen. So sehen wir, daß überall das Blut in zwei Hauptröhren
kreist, von denen die eine (Aorta) über dem Darm, die andere (Prinzipalvene)
unter dem Darm verläuft, und daß durch Erweiterung der letzteren an einer ganz
bestimmten Stelle das H e r z entsteht; dieses »Ventralherz« ist für alle Wirbeltiere ebenso charakteristisch wie umgekehrt das Rückengefäß oder
»Dorsalherz« für die Gliedertiere und Weichtiere. Nicht minder eigentümlich ist
bei allen Vertebraten die frühzeitige Scheidung des Darmrohres in einen zur
Atmung dienenden K o p f d a r m (oder »Kiemendarm«) und einen die
Verdauung bewirkenden R u m p f d a r m mit der Leber (daher »Leberdarm«);
ferner die Gliederung des Muskelsystems, die besondere Bildung der Harn- und
Geschlechtsorgane usw. In allen diesen anatomischen Beziehungen ist d e r
M e n s c h e i n e c h t e s W i r b e l t i e r.
Tetrapodennatur des Menschen. Mit der Bezeichnung V i e r f ü ß l e r
(Tetrapoda) hatte schon A r i s t o t e l e s alle jene höheren, blutführenden Tiere
belegt, welche sich durch den Besitz von zwei Beinpaaren auszeichnen. Später
wurde dieser Begriff erweitert, nachdem C u v i e r gezeigt hatte, daß auch die
»zweibeinigen« Vögel und Menschen eigentlich Vierfüßler sind; er wies nach,
daß das innere Knochengerüst der vier Beine bei allen höheren
landbewohnenden Wirbeltieren, von den Amphibien aufwärts bis zum
Menschen, ursprünglich in gleicher Weise aus einer bestimmten Zahl von
Gliedern zusammengesetzt ist. Auch die »Arme« des Menschen, die »Flügel«
der Fledermäuse und Vögel zeigen denselben typischen Skelettbau wie die
»Vorderbeine« der laufenden, eigentlich vierfüßigen Tiere.
Diese a n a t o m i s c h e E i n h e i t des verwickelten Knochengerüstes in den
vier Gliedmaßen aller Tetrapoden ist s e h r w i c h t i g. Um sich wirklich davon
zu überzeugen, braucht man bloß das Skelett eines Salamanders oder Frosches
mit demjenigen eines Affen oder Menschen aufmerksam zu vergleichen. Da
sieht man sofort, daß vorn der Schultergürtel und hinten der Beckengürtel aus
denselben Hauptstücken zusammengesetzt ist wie bei den übrigen
»Vierfüßlern«. Überall sehen wir, daß das erste Glied des eigentlichen Beines
nur einen einzigen starken Röhrenknochen enthält (vorn den Oberarm, hinten
den Oberschenkel); dagegen wird das zweite Glied ursprünglich stets durch zwei
Knochen gestützt (vorn Ellbogen und Speiche, hinten Wadenbein und
Schienbein). Vergleichen wir dann weiter den verwickelten Bau des eigentlichen
Fußes, so überrascht uns die Wahrnehmung, daß die zahlreichen, denselben
zusammensetzenden, kleinen Knochen ebenfalls überall ähnlich angeordnet und
gesondert sind; vorn entsprechen sich in allen Klassen der Tetrapoden die drei
Knochengruppen des Vorderfußes (oder der »Hand«): I. Handwurzel,
II. Mittelhand und III. fünf Finger; ebenso hinten die drei Knochengruppen des
Hinterfußes: I. Fußwurzel, II. Mittelfuß und III. fünf Zehen. Sehr schwierig war
die Aufgabe, alte diese zahlreichen kleinen Knochen, die im einzelnen höchst
mannigfaltig gestaltet und umgebildet, teilweise oft verschmolzen oder verschwunden sind, auf eine und dieselbe Urform zurückzuführen, sowie die
Gleichwertigkeit der einzelnen Teile überall festzustellen. Diese wichtige
Aufgabe wurde erst vollständig von C a r l G e g e n b a u r gelöst. Er zeigte in
seinen »Untersuchungen zur vergleichenden Anatomie der Wirbeltiere« (1864),
wie diese charakteristische »fünfzehige Beinform« der landbewohnenden
Vierfüßler ursprünglich (erst in der Steinkohlenperiode) aus der vielstrahligen
»Flosse« (Brustflosse oder Bauchflosse) der älteren, wasserbewohnenden Fische
entstanden ist. In gleicher Weise leitete er in seinen »Untersuchungen über das
Kopfskelett der Wirbeltiere« (1872) den jüngeren Schädel der Tetrapoden aus
der älteren Schädelform der Fische ab.
Besonders bemerkenswert ist noch, daß die ursprüngliche, zuerst bei den alten
Amphibien der Steinkohlenzeit entstandene F ü n f z a h l d e r Z e h e n an allen
vier Füßen sich infolge strenger Ve r e r b u n g noch beim Menschen bis auf den
heutigen Tag erhalten hat. Selbstverständlich ist dementsprechend auch die
typische Bildung der Gelenke und Bänder, der Muskeln und Nerven der zwei
Beinpaare, in der Hauptsache dieselbe geblieben wie bei den übrigen
»Vierfüßlern«; auch in diesen w i c h t i g e n B e z i e h u n g e n i s t d e r
M e n s c h e i n e c h t e r T e t r a p o d e.
Säugetiernatur des Menschen. Die Säugetiere (Mammalia) bilden die jüngste
und höchst entwickelte Klasse der Wirbeltiere. Sie sind zwar ebenso wie die
Vögel und Reptilien aus der älteren Klasse der A m p h i b i e n abzuleiten; sie
unterscheiden sich aber von allen diesen anderen Tetrapoden durch eine Anzahl
von sehr auffallenden anatomischen Merkmalen. Äußerlich tritt vor allem die
H a a r b e d e c k u n g der Haut hervor, sowie der Besitz von zweierlei
Hautdrüsen: Schweißdrüsen und Talgdrüsen. Aus einer lokalen Umbildung
dieser Drüsen an der Bauchhaut entstand dasjenige Organ, welches für die
Klasse besonders charakteristisch ist und ihr den Namen gegeben hat, das
»G e s ä u g e«. Dieses wichtige Werkzeug der Brutpflege ist zusammengesetzt
aus den M i l c h d r ü s e n (Mammae) und den »Mammar-Taschen« (Falten der
Bauchhaut); durch ihre Fortbildung entstanden die Zitzen oder
»M i l c h w a r z e n« aus denen das junge Säugetier die Milch seiner Mutter
saugt. Im inneren Körperbau ist besonders bemerkenswert der Besitz eines
vollständigen Z w e r c h f e l l s, einer muskulösen Scheidewand, welche bei
allen Säugetieren die Brusthöhle von der Bauchhöhle gänzlich abschließt; bei
allen übrigen Wirbeltieren fehlt diese Trennung. Durch eine Anzahl von
merkwürdigen Umbildungen zeichnet sich auch der S c h ä d e l der Mammalien
aus, besonders der Bau des Kieferapparates (Oberkiefer, Unterkiefer und
Gehörknochen). Aber auch das Gehirn, das Geruchsorgan, das Herz, die Lungen, die inneren und äußeren Geschlechtsorgane, die Nieren und andere Körperteile
zeigen bei den Säugetieren besondere Eigentümlichkeiten im gröberen und
feineren Bau; diese alle vereinigt weisen unzweideutig auf eine frühzeitige
Trennung derselben von den älteren Stammgruppen der Reptilien und
Amphibien hin, welche s p ä t e s t e n s i n d e r T r i a s - P e r i o d e
stattgefunden hat. In allen diesen wichtigen Beziehungen ist d e r M e n s c h
e i n e c h t e s S ä u g e t i e r.
Plazentaliennatur des Menschen. Die zahlreichen Ordnungen, welche die
moderne systematische Zoologie in der Klasse der Säugetiere unterscheidet,
werden schon seit 1816 in drei natürliche Hauptgruppen geordnet, welchen man
den Wert von Unterklassen zuspricht: I. G a b e l t i e r e (Monotrema),
II. B e u t e l t i e r e (Marsupialia) und III. Z o t t e n t i e r e (Placentalia). Diese drei
Unterklassen unterscheiden sich nicht nur in wichtigen Verhältnissen des
Körperbaues und der Entwickelung, sondern entsprechen auch drei
verschiedenen h i s t o r i s c h e n B i l d u n g s s t u f e n der Klasse, wie wir
später sehen werden. Auf die älteste Gruppe, die M o n o t r e m e n der
Triasperiode, sind in der Jurazeit die M a r s u p i a l i e n gefolgt, und auf diese
erst in der Kreideperiode die P l a z e n t a l i e n. Zu dieser jüngsten Unterklasse
gehört auch der Mensch; denn er zeigt in seiner Organisation alle die
Eigentümlichkeiten, durch welche sich sämtliche Zottentiere von den
Beuteltieren und den noch älteren Gabeltieren unterscheiden. In erster Linie
gehört dahin das eigentümliche Organ, welches der Plazentaliengruppe ihren
Namen gegeben hat, der M u t t e r k u c h e n (Placenta). Dasselbe dient dem
jungen, im Mutterleibe noch eingeschlossenen Säugetier-Embryo längere Zeit
zur Ernährung; es besteht in blutführenden Z o t t e n, welche von der Zottenhaut
der Keimhülle auswachsen und in entsprechende Grübchen der Schleimhaut des
mütterlichen Fruchtbehälters eindringen; hier wird die zarte Haut zwischen
beiden Gebilden so sehr verdünnt, daß unmittelbar die ernährenden Stoffe aus
dem mütterlichen Blute durch dieselbe hindurch in das kindliche Blut übertreten
können. Diese vortreffliche, erst spät entstandene Ernährungsart des Keimes
ermöglicht demselben einen längeren Aufenthalt und eine weitere Ausbildung in
der schützenden Gebärmutter; sie fehlt noch den beiden älteren Unterklassen der
Beuteltiere und Gabeltiere. Aber auch durch andere anatomische Merkmale,
insbesondere die höhere Ausbildung des Gehirns und den Verlust der
Beutelknochen, erheben sich die Zottentiere über die letzteren. In allen diesen
wichtigen Beziehungen ist d e r M e n s c h e i n e c h t e s Z o t t e n t i e r.
Primatennatur des Menschen. Die formenreiche Subklasse der Placentaltiere
wird neuerdings in eine große Zahl von O r d n u n g e n geteilt. Als ihre wichtigsten Vertreter in der Gegenwart führen wir hier nur die Nagetiere,
Huftiere, Raubtiere und Herrentiere an. Zur Legion der H e r r e n t i e r e
(Primates) gehören die drei Ordnungen der Halbaffen, der echten Affen und der
Menschen. Alle Angehörigen dieser drei Ordnungen stimmen in vielen
wichtigen Eigentümlichkeiten überein und unterscheiden sich dadurch von den
übrigen Ordnungen der Zottentiere. Besonders zeichnen sie sich durch lange
Beine aus, welche ursprünglich der kletternden Lebensweise auf Bäumen
angepaßt sind. Hände und Füße sind fünfzehig und die langen Finger vortrefflich
zum Greifen und zum Umfassen der Baumzweige geeignet; sie tragen entweder
teilweise oder sämtlich Nägel (keine Krallen). Das Gebiß ist vollständig, aus
allen vier Zahngruppen zusammengesetzt (Schneidezähne, Eckzähne,
Lückenzähne, Backenzähne). Auch durch wichtige Eigentümlichkeiten im
besonderen Bau des Schädels und des Gehirns unterscheiden sich die Herrentiere
von den übrigen Zottentieren, und zwar um so auffälliger, je höher sie
ausgebildet, je später sie in der Erdgeschichte aufgetreten sind. In allen diesen
wichtigen anatomischen Beziehungen stimmt unser menschlicher Organismus
mit demjenigen der übrigen P r i m a t e n überein: d e r M e n s c h i s t e i n
e c h t e s H e r r e n t i e r .
Affennatur des Menschen. Eine unbefangene gründliche Vergleichung des
Körperbaues der Primaten läßt zunächst in dieser höchst entwickelten
Säugetierlegion zwei Ordnungen unterscheiden: H a l b a f f e n (Prosimiae) und
A f f e n (Simiae). Die ersteren erscheinen in jeder Beziehung als die niedere und
ältere, die letzteren als die höhere und jüngere Ordnung. Die Gebärmutter der
Halbaffen ist noch doppelt oder zweihörnig, wie bei allen übrigen Säugetieren;
bei den Affen dagegen sind rechter und linker Fruchtbehälter völlig
verschmolzen; sie bilden einen b i r n f ö r m i g e n U t e r u s, wie ihn außerdem
nur der Mensch besitzt. Wie bei diesem, so ist auch bei den Affen am Schädel
die Augenhöhle von der Schläfengrube durch eine knöcherne Scheidewand
vollständig getrennt; bei den Halbaffen ist diese noch gar nicht oder nur
unvollständig ausgebildet. Endlich ist bei den Halbaffen das große Gehirn noch
glatt oder nur schwach gefurcht und verhältnismäßig klein; bei den Affen ist es
viel größer, und besonders der graue Hirnmantel, das Organ der höheren
Seelentätigkeiten, ist viel besser entwickelt; an seiner Oberfläche sind die
charakteristischen Windungen und Furchen um so mehr ausgeprägt, je mehr er
sich dem Menschen nähert. In diesen und anderen wichtigen Beziehungen,
besonders auch in der Bildung des Gesichts und der Hände, zeigt der M e n s c h
a l l e a n a t o m i s c h e n M e r k m a l e d e r e c h t e n A f f e n.
Katarrhinennatur des Menschen. Die formenreiche Ordnung der Affen wurde schon 1812 von G é o f f r o y in zwei natürliche Unterordnungen geteilt, die
noch heute allgemein in der systematischen Zoologie angenommen sind:
Westaffen und Ostaffen; erstere bewohnen ausschließlich die westliche, letztere
die östliche Erdhälfte. Die amerikanischen W e s t a f f e n heißen
»P l a t t n a s e n« (Platyrrhinae), weil ihre Nase plattgedrückt, die Nasenlöcher
seitlich gerichtet und deren Scheidewand breit ist. Dagegen sind die O s t a f f e n,
welche die Alte Welt bewohnen, sämtlich »S c h m a l n a s e n« (Catarrhinae); ihre
Nasenlöcher sind wie beim Menschen nach unten gerichtet, da ihre Scheidewand
schmal ist. Ein weiterer Unterschied beider Gruppen besteht darin, daß das
Trommelfell bei den Westaffen oberflächlich, dagegen bei den Ostaffen tiefer,
im Innern des Felsenbeins liegt; hier hat sich ein langer und enger knöcherner
Gehörgang entwickelt, während dieser bei den Westaffen noch kurz und weit ist
oder selbst ganz fehlt. Endlich zeigt sich ein sehr wichtiger und durchgreifender
Gegensatz beider Gruppen darin, daß alle Katarrhinen die Gebißbildung des
Menschen besitzen, nämlich 20 Milchzähne und 32 bleibende Zähne (in jeder
Kieferhälfte 2 Schneidezähne, 1 Eckzahn, 2 Lückenzähne und 3 Mahlzähne).
Die Platyrrhinen dagegen zeigen in jeder Kieferhälfte einen Lückenzahn mehr,
also im ganzen 36 Zähne. Da diese anatomischen Unterschiede beider
Affengruppen ganz allgemein und durchgreifend sind, und da sie mit der
geographischen Verbreitung in den beiden getrennten Hemisphären der Erde
zusammenstimmen, ergibt sich daraus die Berechtigung ihrer scharfen
systematischen Trennung; weiterhin knüpft sich daran die phylogenetische
Folgerung, daß seit sehr langer Zeit sich beide Unterordnungen in der westlichen
und östlichen Hemisphäre getrennt von einander entwickelt haben. Das ist für
die Stammesgeschichte unsere Geschlechts überaus wichtig; denn der Mensch
teilt alle Merkmale der e c h t e n K a t a r r h i n e n; er hat sich aus älteren
ausgestorbenen Affen dieser Unterordnung in der Alten Welt entwickelt.
Anthropomorphengruppe. Die zahlreichen Formen der Ostaffen, welche noch
heute in Asien und Afrika leben, werden schon seit langer Zeit in zwei natürliche
Sektionen geteilt: die geschwänzten H u n d s a f f e n (Cynopitheca) und die
schwanzlosen M e n s c h e n a f f e n (Anthropomorpha). Diese letzteren stehen dem
Menschen viel näher als die ersteren, nicht nur in dem Mangel des Schwanzes
und in der allgemeinen Gestaltung des Körpers (besonders des Kopfes), sondern
auch durch besondere Merkmale, die an sich unbedeutend, aber wegen ihrer
Beständigkeit wichtig sind. Das Kreuzbein ist bei den Menschenaffen, wie beim
Menschen, aus fünf verschmolzenen Wirbeln zusammengesetzt, dagegen bei den
Hundsaffen nur aus drei (seltener vier) Kreuzwirbeln. Im Gebiß der
C y n o p i t h e k e n sind die Lückenzähne länger als breit, in demjenigen der
A n t h r o p o m o r p h e n breiter als lang; und der erste Mahlzahn zeigt bei den ersteren vier, bei den letzteren dagegen fünf Höcker. Ferner ist im Unterkiefer
jederseits bei den Menschenaffen, wie beim Menschen, der äußere Schneidezahn
breiter als der innere, bei den Hundsaffen umgekehrt schmäler. Endlich ist von
besonderer Bedeutung die wichtige Tatsache, daß die Menschenaffen mit dem
Menschen auch die eigentümlichen feineren Bildungsverhältnisse seiner
scheibenförmigen Placenta, der Docidua reflexa und des Bauchstiels teilen (vergl.
Kap. 4). Übrigens ergibt schon die oberflächliche Vergleichung der Körperform
der heute noch lebenden Menschenaffen, daß sowohl die asiatischen Vertreter
dieser Gruppe (Orang und Gibbon), als die afrikanischen Vertreter (Gorilla und
Schimpanse) dem Menschen im gesamten Körperbau näher stehen als sämtliche
Hundsaffen. Unter diesen letzteren stehen namentlich die hundsköpfigen
P a p s t a f f e n (Papiomorpha), die Paviane und Meerkatzen, auf einer sehr tiefen
Bildungsstufe. Der anatomische Unterschied zwischen diesen rohen Papstaffen
und den höchst entwickelten Menschenaffen ist in jeder Beziehung größer als
derjenige zwischen den letzteren und dem Menschen.
Die vergleichende Anatomie ergibt somit für den unbefangenen und kritischen
Forscher die bedeutungsvolle Tatsache, daß der Körperbau des Menschen und
der Menschenaffen nicht nur im höchsten Grade ähnlich, sondern in allen
wesentlichen Beziehungen derselbe ist. Dieselben 200 Knochen, in der gleichen
Anordnung und Zusammensetzung, bilden unser inneres Knochengerüst;
dieselben 300 Muskeln bewirken unsere Bewegungen; dieselben Haare
bedecken unsere Haut; dieselben Gruppen von Seelenzellen setzen den
kunstvollen Wunderbau unseres Gehirns zusammen; dasselbe vierkammerige
Herz ist das zentrale Pumpwerk unseres Blutkreislaufs; dieselben 32 Zähne
setzen in der gleichen Anordnung unser Gebiß zusammen; dieselben
Speicheldrüsen, Leber- und Darmdrüsen vermitteln unsere Verdauung; dieselben
Organe der Fortpflanzung ermöglichen die Erhaltung unseres Geschlechts.
Allerdings finden wir bei genauer Vergleichung gewisse Unterschiede in der
G r ö ß e und G e s t a l t der meisten Organe zwischen dem Menschen und
Menschenaffen; allein dieselben oder ähnliche Unterschiede entdecken wir auch
bei der sorgfältigen Vergleichung der höheren und niederen Menschenrassen, ja
sogar bei der exakten Vergleichung aller einzelnen Individuen unserer eigenen
Rasse. Wir finden nicht zwei Personen, welche ganz genau dieselbe Größe und
Form der Nase, der Ohren, der Augen usw. haben. Man braucht bloß
aufmerksam in einer größeren Gesellschaft diese einzelnen Teile der
menschlichen G e s i c h t s b i l d u n g bei zahlreichen Personen zu vergleichen,
um sich von der erstaunlichen Mannigfaltigkeit in deren spezieller Gestaltung zu
überzeugen. Oft sind ja bekanntlich selbst Geschwister von so verschiedener Körperbildung, daß ihre Abstammung von einem und demselben Elternpaare
kaum glaublich erscheint. Alle diese i n d i v i d u e l l e n Unterschiede
beeinträchtigen aber nicht das Gewicht der f u n d a m e n t a l e n
G l e i c h h e i t i m K ö r p e r b a u; denn sie sind nur bedingt durch geringe
Verschiedenheiten im Wachstum der einzelnen Teile.
D r i t t e s K a p i t e l .
Unser Leben.
Monistische Studien über menschliche und vergleichende Physiologie.
Übereinstimmung in allen Lebensfunktionen des Menschen und der
Säugetiere.
Unsere Kenntnis vom menschlichen Leben hat sich erst innerhalb des
19. Jahrhunderts zum Range einer selbständigen, wirklichen W i s s e n s c h a f t
erhoben. Diese »Lehre von den Lebenstätigkeiten«, die P h y s i o l o g i e, hat
sich zwar frühzeitig der Heilkunde als eine wünschenswerte, ja notwendige
Vorbedingung für erfolgreiche ärztliche Tätigkeit fühlbar gemacht, in engem
Zusammenhang mit der Anatomie, der Lehre vom Körperbau. Aber sie konnte
erst viel später und langsamer als letztere gründlich erforscht werden, da sie auf
viel größere Schwierigkeiten stieß.
Der Begriff des Lebens, im Gegensatz zum Tode, ist natürlich schon sehr
frühzeitig Gegenstand des Nachdenkens gewesen. Man beobachtete am lebenden
Menschen wie an den lebendigen Tieren eine Anzahl von eigentümlichen
Veränderungen, vorzugsweise B e w e g u n g e n, welche den »toten«
Naturkörpern fehlten: selbständige Ortsbewegung, Herzklopfen, Atemzüge,
Sprache usw. Allein die Unterscheidung solcher »organischen Bewegungen« von
ähnlichen Erscheinungen bei anorganischen Naturkörpern war nicht leicht und
oft verfehlt; das fließende Wasser, die flackernde Flamme, der wehende Wind,
der stürzende Fels zeigten dem Menschen ganz ähnliche Veränderungen, und es
war sehr natürlich, daß der naive Naturmensch auch diesen »toten Körpern« ein
selbständiges Leben zuschrieb. Von den bewirkenden Ursachen konnte man sich
bei den letzteren ebensowenig befriedigende Rechenschaft geben als bei den
ersteren.
Menschliche Physiologie. Die ältesten wissenschaftlichen Betrachtungen über
das Wesen der menschlichen Lebenstätigkeiten treffen wir (ebenso wie
diejenigen über den Körperbau des Menschen) bei den griechischen
Naturphilosophen und Ärzten im sechsten und fünften Jahrhundert v. Chr. Die
reichste Sammlung von bezüglichen, damals bekannten Tatsachen finden wir in
der Naturgeschichte des A r i s t o t e l e s.
Der Ruhm, die vorhandenen Kenntnisse einheitlich zusammengefaßt und den ersten Versuch zu einem System der Physiologie gemacht zu haben, gebührt dem
großen griechischen Arzte G a l e n u s, den wir auch als den ersten großen
Anatomen des Altertums kennen gelernt haben. Bei seinen Untersuchungen über
die O r g a n e des menschlichen Körpers stellte er sich beständig auch die Frage
nach ihren Lebenstätigkeiten oder F u n k t i o n e n, und auch hierbei verfuhr er
vergleichend und untersuchte vor allem die menschenähnlichsten Tiere, die
A f f e n. Die Erfahrungen, die er hier gewonnen, übertrug er direkt auf den
Menschen. Er erkannte auch bereits den hohen Wert des physiologischen
E x p e r i m e n t e s: bei Vivisektion von Affen, Hunden und Schweinen stellte er
verschiedene interessante Versuche an. Die V i v i s e k t i o n e n sind neuerdings
nicht nur von unwissenden und beschränkten Leuten, sondern auch von
wissensfeindlichen Theologen und von gefühlsseligen Gemütsmenschen vielfach
auf das heftigste angegriffen worden; sie gehören aber zu den
u n e n t b e h r l i c h e n M e t h o d e n der Lebensforschung und haben uns
unschätzbare Aufschlüsse über die wichtigsten Fragen gegeben.
Ebenso wie für die Anatomie des Menschen, so blieb auch für seine Physiologie
das System des G a l e n u s während des langen Zeitraums von dreizehn
Jahrhunderten die unantastbare Quelle aller Kenntnisse. Der kulturfeindliche
Einfluß des Christentums bereitete auch auf diesem, wie auf allen anderen
Gebieten, der Naturerkenntnis die unüberwindlichsten Hindernisse. Vom dritten
bis zum sechzehnten Jahrhundert trat kein einziger Forscher auf, der gewagt
hätte, selbständig wieder die Lebenstätigkeiten der Menschen zu untersuchen
und über das System von G a l e n u s hinauszugehen. Erst im 16. Jahrhundert
wurden dazu mehrere bescheidene Versuche von angesehenen Ärzten und
Anatomen gemacht. Aber erst im Jahre 1628 veröffentlichte der englische Arzt
H a r v e y seine große Entdeckung des B l u t k r e i s l a u f s und wies nach, daß
das Herz ein Pumpwerk ist, welches durch regelmäßige, unbewußte
Zusammenziehung seiner Muskeln die Blutwelle unablässig durch das
kommunizierende Röhrensystem der Adern oder Blutgefäße treibt. Nicht minder
wichtig waren H a r v e y s Untersuchungen über die Zeugung der Tiere, infolge
deren er den berühmten Satz aufstellte: »Alles Lebendige entwickelt sich aus
einem Ei« (omne vivum ex ovo).
Die mächtige Anregung zu physiologischen Beobachtungen und Versuchen,
welche H a r v e y gegeben hatte, führte im 16. und 17. Jahrhundert zu einer
großen Anzahl von Entdeckungen. Diese faßte der Gelehrte A l b r e c h t
H a l l e r um die Mitte des 18. Jahrhunderts zum ersten Male zusammen; in
seinem großen Werke »Elementa physiologiae« begründete er den selbständigen
Wert dieser Wissenschaft und nicht nur in ihrer Beziehung zur praktischen Medizin. Indem aber H a l l e r für die Nerventätigkeit eine besondere
»Empfindungskraft oder Sensibilität« und ebenso für die Muskelbewegung eine
besondere »Reizbarkeit oder Irritabilität« als Ursache annahm, lieferte er
mächtige Stützen für die irrtümliche Lehre von einer eigentümlichen
»L e b e n s k r a f t«.
Lebenskraft (Vitalismus). Über ein volles Jahrhundert hindurch, von der Mitte
des 18. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, blieb in der Medizin, und speziell in
der Physiologie, die alte Anschauung herrschend, daß zwar ein Teil der
Lebenserscheinungen auf physikalische und chemische Vorgänge
zurückzuführen sei, daß aber ein anderer Teil derselben durch eine besondere,
davon unabhängige L e b e n s k r a f t (Vis vitalis) bewirkt werde. So
verschiedenartig auch die besonderen Vorstellungen vom Wesen derselben und
besonders von ihrem Zusammenhang mit der »Seele« sich ausbildeten, so
stimmten doch alle darin überein, daß die Lebenskraft von den physikalisch-
chemischen Kräften der gewöhnlichen »Materie« unabhängig und wesentlich
verschieden sei; als eine selbständige, der anorganischen Natur fehlende
»U r k r a f t« sollte sie die ersteren in ihren Dienst nehmen. Nicht allein die
Seelentätigkeit selbst, die Sensibilität der Nerven und die Irritabilität der
Muskeln, sondern auch die Vorgänge der Sinnestätigkeit, der Fortpflanzung und
Entwickelung erschienen allgemein so wunderbar und in ihren Ursachen so
rätselhaft, daß es unmöglich sei, sie auf einfache physikalische und chemische
Naturprozesse zurückzuführen.
Der Mechanismus des Lebens (Monistische Physiologie). Schon in der ersten
Hälfte des 17. Jahrhunderts hatte der berühmte Philosoph D e s c a r t e s, fußend
auf H a r v e y s Entdeckung des Blutkreislaufs, den Gedanken ausgesprochen,
daß der Körper des Menschen ebenso wie der Tiere eine komplizierte
M a s c h i n e sei, und daß ihre Bewegungen nach denselben mechanischen
Gesetzen erfolgen wie bei den künstlichen, vom Menschen für einen bestimmten
Zweck gebauten Maschinen. Allerdings nahm D e s c a r t e s trotzdem für den
Menschen allein eine vollkommene Selbständigkeit der immateriellen Seele an
und erklärte sogar deren subjektive Empfindung, das Denken, für das einzige in
der Welt, von dem wir unmittelbar ganz sichere Kenntnis besitzen (»Cogito, ergo
sum!«). Allein dieser Dualismus hinderte ihn nicht, im einzelnen die Erkenntnis
der mechanischen Lebenstätigkeiten vielseitig zu fördern. Im Anschluß daran
führte B o r e l l i (1660) die Bewegungen des Tierkörpers auf rein physikalische
Gesetze zurück, und gleichzeitig versuchte S y l v i u s, die Vorgänge bei der
Verdauung und Atmung als rein chemische Prozesse zu erklären. Allein diese
vernünftigen Ansätze zu einer naturgemäßen, mechanischen Erklärung der Lebenserscheinungen vermochten keine allgemeine Anwendung und Geltung zu
erringen; und im Laufe des 18. Jahrhunderts traten sie ganz zurück, je mehr sich
der Vitalismus entwickelte. Eine endgültige Widerlegung des letzteren und
Rückkehr zur ersteren wurde erst vorbereitet, als im vierten Dezennium des
19. Jahrhunderts die neue v e r g l e i c h e n d e Physiologie sich zu fruchtbarer
Geltung erhob.
Vergleichende Physiologie. Wie unsere Kenntnisse vom Körperbau des
Menschen, so wurden auch diejenigen von seiner Lebenstätigkeit ursprünglich
größtenteils nicht durch direkte Beobachtung am menschlichen Organismus
selbst gewonnen, sondern an den nächstverwandten höheren Wirbeltieren, vor
allem den S ä u g e t i e r e n. Aber die eigentliche »vergleichende Physiologie«,
welche das ganze Gebiet der Lebenserscheinungen von den niedersten Tieren bis
zum Menschen hinauf im Zusammenhang erfaßt, ist erst eine Errungenschaft des
19. Jahrhunderts; ihr großer Schöpfer war J o h a n n e s M ü l l e r in Berlin
(1801-1858). Ursprünglich ausgehend von der Anatomie und Physiologie des
Menschen, zog derselbe bald alle Hauptgruppen der höheren und niederen Tiere
in den Kreis seiner Vergleichung. Indem er zugleich die Bildung der
ausgestorbenen Tiere mit den lebenden, den gesunden Organismus des
Menschen mit dem kranken verglich, indem er wahrhaft philosophisch alle
Erscheinungen des organischen Lebens zusammenzufassen strebte, erhob er sich
zu einer bis dahin unerreichten Höhe der biologischen Erkenntnis.
Allerdings war M ü l l e r ursprünglich, gleich allen Physiologen seiner Zeit,
Vitalist. Allein die herrschende Lehre von der Lebenskraft nahm bei ihm eine
neue Form an und verwandelte sich allmählich in ihr prinzipielles Gegenteil.
Denn auf allen Gebieten der Physiologie war M ü l l e r bestrebt, die
Lebenserscheinungen mechanisch zu erklären; seine reformierte Lebenskraft
steht nicht über den physikalischen und chemischen Gesetzen der übrigen Natur,
sondern sie ist streng an dieselben g e b u n d e n; sie ist schließlich weiter nichts
als das »L e b e n« selbst, d. h. die Summe aller Bewegungserscheinungen, die
wir am lebendigen Organismus wahrnehmen. Überall war er bestrebt, dieselben
mechanisch zu erklären, in dem Sinnes- und Seelenleben wie in der Tätigkeit der
Muskeln, in den Vorgängen des Blutkreislaufs, der Atmung und Verdauung wie
in den Erscheinungen der Fortpflanzung und Entwickelung. Die größten
Fortschritte führte hier M ü l l e r dadurch herbei, daß er überall von den
einfachsten Lebenserscheinungen der niederen Tiere ausging und Schritt für
Schritt ihre allmähliche Ausbildung zu den höheren, bis zum höchsten, zum
Menschen, hinauf verfolgte. Hier bewährte sich seine Methode der
k r i t i s c h e n Ve r g l e i c h u n g ebenso in der Physiologie, wie in der Anatomie.
Zellularphysiologie. Unter den zahlreichen Schülern von J o h a n n e s
M ü l l e r, welche teils schon bei seinen Lebzeiten, teils nach seinem Tode die
verschiedenen Zweige der Biologie mächtig förderten, war einer der
glücklichsten T h e o d o r S c h w a n n. Als 1838 der geniale Botaniker
S c h l e i d e n in Jena die Z e l l e als das gemeinsame Elementarorgan der
Pflanzen erkannt und alle verschiedenen Gewebe des Pflanzenkörpers als
zusammengesetzt aus Zellen nachgewiesen hatte, erkannte J o h a n n e s
M ü l l e r sofort die außerordentliche Tragweite dieser bedeutungsvollen
Entdeckung; er versuchte selbst, in verschiedenen Geweben des Tierkörpers die
gleiche Zusammensetzung nachzuweisen, und veranlaßte sodann seinen Schüler
S c h w a n n, diesen Nachweis auf alle tierischen Gewebe auszudehnen. Diese
schwierige Aufgabe löste der letztere glücklich in seinen »Mikroskopischen
Untersuchungen über die Übereinstimmung in der Struktur und dem Wachstum
der Tiere und Pflanzen« (1839). Damit war der Grundstein für die
Z e l l e n t h e o r i e gelegt, deren Bedeutung ebenso für die Physiologie wie für
die Anatomie seitdem von Jahr zu Jahr zugenommen und sich immer
allgemeiner bewährt hat. Daß auch die Lebenstätigkeit aller Organismen auf
diejenige ihrer Gewebeteile, der mikroskopischen Zellen, zurückgeführt werden
müsse, führten namentlich zwei andere Schüler von J o h a n n e s M ü l l e r aus,
der scharfsinnige Physiologe E r n s t B r ü c k e in Wien und der berühmte
Histologe A l b e r t K ö l l i k e r in Würzburg. Der erstere bezeichnete die
Zellen richtig als »E l e m e n t a r - O r g a n i s m e n« und zeigte, daß sie ebenso
im Körper des Menschen wie aller anderen Tiere die selbständig tätigen
Faktoren des Lebens sind. K ö l l i k e r erwarb sich besondere Verdienste nicht
nur um die Ausbildung der gesamten Gewebelehre, sondern auch durch den
Nachweis, daß das Ei der Tiere, sowie die daraus entstehenden
»Furchungskugeln« einfache Zellen sind.
So allgemein aber auch die hohe Bedeutung der Zellentheorie für alle
biologischen Aufgaben erkannt wurde, so wurde doch die darauf gegründete
Z e l l u l a r - P h y s i o l o g i e erst in neuester Zeit selbständig ausgebaut. Hier
hat namentlich M a x Ve r w o r n sich ein doppeltes Verdienst erworben. In
seinen »Psychophysiologischen Protisten-Studien« (1889) hat derselbe auf
Grund sinnreicher experimenteller Untersuchungen gezeigt, daß die von mir
(1866) aufgestellte »T h e o r i e d e r Z e l l s e e l e« durch das genaue Studium
der einzelligen Protozoen vollkommen gerechtfertigt wird, und daß »die
psychischen Vorgänge im Protistenreiche die Brücke bilden, welche die
chemischen Prozesse in der unorganischen Natur mit dem Seelenleben der höchsten Tiere verbindet«. Weiter ausgeführt und gestützt auf die moderne
Entwickelungslehre hat Ve r w o r n diese Ansichten in seiner »Allgemeinen
Physiologie«. Dieses ausgezeichnete Werk geht zum ersten Male wieder auf den
umfassenden Standpunkt von J o h a n n e s M ü l l e r zurück, im Gegensatze zu
den einseitigen und beschränkten Methoden jener modernen Physiologen,
welche glauben, ausschließlich durch physikalische und chemische Experimente
das Wesen der Lebenserscheinungen ergründen zu können. Ve r w o r n zeigte,
daß nur durch die v e r g l e i c h e n d e Methode M ü l l e r s und durch das
Vertiefen in die Physiologie der Z e l l e jener höhere Standpunkt gewonnen
werden kann, der uns einen einheitlichen Überblick über das wundervolle
Gesamtgebiet der Lebenserscheinungen gewährt; nur dadurch gelangen wir zu
der Überzeugung, daß auch die sämtlichen Lebenstätigkeiten des Menschen
denselben Gesetzen der Physik und Chemie unterliegen, wie diejenigen aller
anderen Tiere.
Zellularpathologie. Die grundlegende Bedeutung der Zellentheorie für alle
Zweige der Biologie bewährte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
nicht allein in den großartigen Fortschritten der gesamten Morphologie und
Physiologie, sondern auch besonders in der totalen Reform derjenigen
biologischen Wissenschaft, welche vermöge ihrer Beziehungen zur praktischen
Heilkunst von jeher die größte Bedeutung in Anspruch nahm, der P a t h o l o g i e
oder Krankheitslehre. Daß die Krankheiten des Menschen wie aller übrigen
Lebewesen N a t u rerscheinungen sind und also gleich den übrigen
Lebensfunktionen nur naturwissenschaftlich erforscht werden können, war ja
schon vielen älteren Ärzten zur festen Überzeugung geworden. Auch hatten
schon im 17. Jahrhundert einzelne medizinische Schulen den Versuch gemacht,
die Ursachen der Krankheiten auf bestimmte physikalische oder chemische
Veränderungen zurückzuführen. Allein der damalige niedere Zustand der
Naturwissenschaften verhinderte einen bleibenden Erfolg dieser berechtigten
Bestrebungen. Daher blieben mehrere ältere Theorien, die das Wesen der
Krankheit in übernatürlichen oder mystischen Ursachen suchten, bis zur Mitte
des 19. Jahrhunderts in fast allgemeiner Geltung.
Erst um diese Zeit hatte R u d o l f V i r c h o w, ebenfalls ein Schüler von
J o h a n n e s M ü l l e r, den glücklichen Gedanken, die Zellentheorie vom
gesunden auch auf den kranken Organismus zu übertragen; er suchte in den
feinen Veränderungen der kranken Zellen und der aus ihnen zusammengesetzten
Gewebe die wahre Ursache jener gröberen Veränderungen, welche als bestimmte
»Krankheitsbilder« den lebenden Organismus mit Gefahr und Tod bedrohen.
Besonders während der sieben Jahre seiner Lehrtätigkeit in Würzburg (1849-1856) führte V i r c h o w diese große Aufgabe mit so glänzendem Erfolge durch,
daß seine Z e l l u l a r p a t h o l o g i e mit einem Schlage die ganze Pathologie
und die von ihr gestützte praktische Medizin in neue, höchst fruchtbare Bahnen
lenkte. Für unsere Aufgabe ist diese Reform der Medizin deshalb so
bedeutungsvoll, weil sie uns zu einer monistischen, rein wissenschaftlichen
Beurteilung der Krankheit führt. Auch der kranke Mensch, ebenso wie der
gesunde, unterliegt denselben »ewigen ehernen Gesetzen«, wie die ganze übrige
organische Welt.
Physiologie der Säugetiere. Unter den zahlreichen Tierklassen, welche die
neuere Zoologie unterscheidet, nehmen die S ä u g e t i e r e nicht allein in
morphologischer, sondern auch in physiologischer Beziehung eine ganz
besondere Stellung ein. Da nun auch der Mensch seinem ganzen Körperbau nach
zur Klasse der Säugetiere gehört, muß er auch den besonderen Charakter seiner
Lebenstätigkeiten mit den übrigen Säugetieren teilen. Der Blutkreislauf und die
Atmung vollziehen sich beim Menschen genau nach denselben Gesetzen und in
derselben eigentümlichen Form, welche auch allen anderen Säugetieren
zukommt; sie ist bedingt durch den besonderen, feineren Bau ihres Herzens und
ihrer Lungen. Nur bei den Säugetieren wird alles Arterienblut aus der linken
Herzkammer durch den linken Aortenbogen in den Körper geführt, während dies
bei den Vögeln durch den rechten und bei den Reptilien durch beide
Aortenbogen bewirkt wird. Das Blut der Säugetiere zeichnet sich vor
demjenigen aller anderen Wirbeltiere dadurch aus, daß aus ihren roten Blutzellen
der Kern verschwunden ist. Die Atembewegungen werden nur in dieser
Tierklasse vorzugsweise durch das Z w e r c h f e l l vermittelt, weil dasselbe nur
hier eine vollständige Scheidewand zwischen Brusthöhle und Bauchhöhle bildet.
Ganz besonders wichtig aber ist für diese höchst entwickelte Tierklasse die
Produktion der Milch in den Brustdrüsen (Mammae) und die besondere Form der
Brutpflege, welche die Ernährung des Jungen durch die Milch der Mutter mit
sich bringt. Da dieses Säugegeschäft auch andere Lebenstätigkeiten in der
eingreifendsten Weise beeinflußt, da die Mutterliebe der Säugetiere aus dieser
innigen Form der Brutpflege ihren Ursprung genommen hat, erinnert uns der
Name der Klasse mit Recht an ihre hohe Bedeutung. In Millionen von Bildern,
zum großen Teil von Künstlern ersten Ranges, wird »d i e M a d o n n a mit dem
Christuskinde« verherrlicht als das reinste und erhabenste Urbild der
Mutterliebe; desselben Instinktes, dessen extremste Form die übertriebene
Zärtlichkeit der Affenmutter darstellt.
Physiologie der Affen. Da unter allen Säugetieren die Affen im gesamten
Körperbau dem Menschen am nächsten stehen, läßt sich von vornherein erwarten, daß dasselbe auch von ihren Lebenstätigkeiten gilt; und das ist in
Wahrheit der Fall. Wie sehr die Lebensgewohnheiten, die Bewegungen, die
Sinnesfunktionen, das Seelenleben, die Brutpflege der Affen sich denjenigen des
Menschen nähern, weiß jedermann. Aber die wissenschaftliche Physiologie
weist dieselbe bedeutungsvolle Übereinstimmung auch für andere, weniger
bekannte Erscheinungen nach, besonders die Herztätigkeit, die
Drüsenabsonderung und das Geschlechtsleben. In letzterer Beziehung ist
besonders merkwürdig, daß die geschlechtsreifen Weibchen bei vielen
Affenarten einen regelmäßigen Blutabgang aus dem Fruchtbehälter erleiden,
entsprechend der Menstruation (oder »Monatsregel«) des menschlichen Weibes.
Auch die Milchabsonderung aus der Brustdrüse und das Säugegeschäft geschieht
bei den weiblichen Affen genau ebenso wie bei den Frauen.
Besonders interessant ist endlich die Tatsache, daß die L a u t s p r a c h e d e r
A f f e n, physiologisch verglichen, als Vorstufe zu der artikulierten menschlichen
Sprache erscheint. Unter den heute noch lebenden Menschenaffen gibt es eine
indische Art, welche musikalisch ist: der Hylobates syndactylus auf Sumatra singt in
vollkommen reinen und klangvollen, halben Tönen eine ganze Oktave. Für den
unbefangenen Sprachforscher kann es heute keinem Zweifel mehr unterliegen,
daß unsere hochentwickelte Begriffssprache sich langsam und stufenweise aus
der unvollkommenen Lautsprache unserer Affenahnen entwickelt hat.
V i e r t e s K a p i t e l .
Unsere Keimesgeschichte.
Monistische Studien über menschliche und vergleichende Ontogenie.
Übereinstimmung in der Keimbildung und Entwickelung des Menschen
und der Wirbeltiere.
In noch höherem Maße als die vergleichende Anatomie und Physiologie ist die
v e r g l e i c h e n d e O n t o g e n i e, d i e E n t w i c k e l u n g s g e s c h i c h t e
d e s E i n z e l t i e r e s oder Individuums, ein Kind des neunzehnten
Jahrhunderts. Wie entsteht der Mensch im Mutterleibe? Wie entstehen die Tiere
aus den Eiern? Wie entsteht die Pflanze aus dem Samenkorn? Diese
inhaltsschwere Frage hat auch schon seit Jahrtausenden den denkenden
Menschengeist beschäftigt; aber erst sehr spät, 1828, zeigte uns der Embryologe
B a e r die rechten Mittel und Wege, um tiefer in die Kenntnis der
geheimnisvollen Tatsachen der Keimesgeschichte einzudringen; und erst 1859
lieferte uns D a r w i n durch seine Reform der Deszendenztheorie den Schlüssel,
mit dessen Hülfe wir zur Erkenntnis ihrer Ursachen gelangen können. Da ich
diese hochinteressanten, aber schwierig zu verstehenden Verhältnisse in meiner
K e i m e s g e s c h i c h t e d e s M e n s c h e n (im ersten Teile der
Anthropogenie) einer ausführlichen, populär-wissenschaftlichen Darstellung
unterzogen habe, beschränke ich mich hier auf eine kurze Zusammenfassung
und Deutung der wichtigsten Erscheinungen. Wir wollen dabei zunächst einen
historischen Rückblick auf die ältere O n t o g e n i e werfen.
Präformationslehre. Ä l t e r e K e i m e s g e s c h i c h t e . (Vergl. den
2. Vortrag meiner »Anthropogenie«.) Wie für die vergleichende Anatomie, so
sind auch für die Entwickelungsgeschichte die klassischen Werke des
A r i s t o t e l e s, des vielseitigen »Vaters der Naturgeschichte«, die älteste uns
bekannte wissenschaftliche Quelle (im 4. Jahrhundert v. Chr.). Nicht allein in
seiner großen Tiergeschichte, sondern auch in einer besonderen kleinen Schrift:
»Fünf Bücher von der Zeugung und Entwickelung der Tiere« erzählt uns der
große Philosoph eine Menge von interessanten Tatsachen und stellt
Betrachtungen über deren Bedeutung an; viele davon sind erst in unserer Zeit
wieder zur Geltung gekommen und eigentlich erst wieder neu entdeckt worden.
Natürlich sind aber daneben auch viele Fabeln und Irrtümer zu finden, und von der verborgenen Entstehung des Menschenkeimes war noch nichts Näheres
bekannt. Auch in dem langen folgenden Zeitraume von zwei Jahrtausenden
machte die schlummernde Wissenschaft keine weiteren Fortschritte. Erst im
Anfange des 17. Jahrhunderts fing man wieder an, sich damit zu beschäftigen;
der italienische Anatom F a b r i c i u s a b A q u a p e n d e n t e veröffentlichte
1600 die ältesten Abbildungen und Beschreibungen von Embryonen des
Menschen und einiger höheren Tiere; und der berühmte M a r c e l l o
M a l p i g h i in Bologna, gleich bahnbrechend in der Zoologie wie in der
Botanik, gab 1687 die erste zusammenhängende Darstellung von der Entstehung
des Hühnchens im bebrüteten Ei.
Alle diese älteren Beobachter waren von der Vorstellung beherrscht, daß im Ei
der Tiere, ähnlich wie im Samen der höheren Pflanzen, der ganze Körper mit
allen seinen Teilen bereits fertig vorhanden sei, nur in einem so feinen und so
durchsichtigen Zustande, daß man sie nicht erkennen könne; die ganze
Entwickelung sei demnach nichts weiter, als Wachstum oder
»A u s w i c k e l u n g« (Evolutio) der eingewickelten Teile. Diese falsche Lehre,
die bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts fast allgemein in Geltung blieb, nennen
wir am besten die Vorbildungslehre oder P r ä f o r m a t i o n s t h e o r i e.
E i n s c h a c h t e l u n g s l e h r e. In engem Zusammenhange mit der
Präformationslehre entstand im 17. Jahrhundert eine weitere Theorie, welche die
denkenden Biologen lebhaft beschäftigte: die sonderbare
»Einschachtelungslehre«. Da man annahm, daß im Ei bereits die Anlage des
ganzen Organismus mit allen seinen Teilen vorhanden sei, mußte auch der
Eierstock des jungen Keimes mit den Eiern der folgenden Generation darin
vorgebildet sein, und in diesen wiederum die Eier der nächstfolgenden, usw. in
infinitum! Daraufhin berechnete der berühmte Physiologe H a l l e r, daß der liebe
Gott vor 6000 Jahren — am sechsten Tage seines Schöpfungswerkes — die
Keime von 200 000 Millionen Menschen gleichzeitig erschaffen und sie im
Eierstock der ehrwürdigen Urmutter Eva kunstgerecht eingeschachtelt habe.
Kein Geringerer als der hochangesehene Philosoph L e i b n i z schloß sich diesen
Ausführungen an und verwertete sie für seine Monadenlehre; und da dieser
zufolge sich Seele und Leib in ewig unzertrennlicher Gemeinschaft befinden,
übertrug er sie auch auf die Seele; — »die Seelen der Menschen haben in deren
Voreltern bis auf Adam, also seit dem Anfang der Dinge(!!), immer in der Form
organisierter Körper existiert«.
Epigenesislehre. Im November 1759 verteidigte in Halle ein junger, 26jähriger
Mediziner, K a s p a r F r i e d r i c h W o l f f, seine Doktordissertation unter
dem Titel: »Theoria generationis«. Gestützt auf eine Reihe der mühsamsten und sorgfältigsten Beobachtungen wies er nach, daß die ganze herrschende
Präformationstheorie falsch sei. Im bebrüteten Hühnerei ist anfangs noch keine
Spur vom späteren Vogelkörper und seinen Teilen vorhanden; vielmehr finden
wir statt dessen oben auf der bekannten gelben Dotterkugel eine kleine,
kreisrunde, weiße Scheibe. Diese dünne »K e i m s c h e i b e« wird länglich rund
und zerfällt dann in vier übereinanderliegende Schichten, die Anlagen der vier
wichtigsten Organsysteme: zuerst die oberste, das Nervensystem, darunter die
Fleischmasse (Muskelsystem), dann das Gefäßsystem mit dem Herzen und
zuletzt der Darmkanal. Also, sagt Wolff richtig, besteht die Keimbildung nicht in
einer Auswickelung vorgebildeter Organe, sondern in einer K e t t e v o n
N e u b i l d u n g e n, einer wahren »Epigenesis«; ein Teil entsteht nach dem
andern, und alle erscheinen zuerst in einer einfachen Form, welche von der
später ausgebildeten ganz verschieden ist; diese entsteht erst durch eine Reihe
der merkwürdigsten Umbildungen. Obgleich nun diese große Entdeckung sich
unmittelbar durch Nachuntersuchung der beobachteten Tatsachen hätte
bestätigen lassen, und obgleich die darauf gegründete »T h e o r i e d e r
G e n e r a t i o n« eigentlich gar keine Theorie, sondern eine nackte Tatsache war,
fand sie dennoch ein halbes Jahrhundert hindurch nicht die mindeste
Anerkennung. Besonders hinderlich war die mächtige Autorität von H a l l e r,
der sie hartnäckig bekämpfte mit dem Dogma: »Es gibt kein Werden! Kein Teil
im Tierkörper ist vor dem anderen gemacht worden, und alle sind zugleich
erschaffen.« W o l f f, der nach Petersburg gehen mußte, war schon lange tot, als
die vergessenen, von ihm beobachteten Tatsachen von L o r e n z O k e n in Jena
(1806) aufs neue entdeckt und richtig gedeutet wurden.
Keimblätterlehre. Nachdem durch O k e n die E p i g e n e s i s t h e o r i e von
W o l f f bestätigt worden war, warfen sich in Deutschland mehrere junge
Naturforscher mit großem Eifer auf die genauere Untersuchung der
Keimesgeschichte. Der bedeutendste war K a r l E r n s t B a e r; sein berühmtes
Hauptwerk erschien 1828 unter dem Titel: »Entwickelungsgeschichte der Tiere,
Beobachtung und Reflexion«. Nicht allein sind darin die Vorgänge der
Keimbildung ausgezeichnet klar und vollständig beschrieben, sondern auch
zahlreiche geistvolle Spekulationen daran geknüpft. Die zwei blattförmigen
Schichten, welche in der runden Keimscheibe der höheren Wirbeltiere zuerst
auftreten, zerfallen nach B a e r zunächst in je zwei B l ä t t e r, und diese vier
Keimblätter verwandeln sich in vier R ö h r e n. Durch sehr verwickelte Prozesse
der Epigenesis entstehen daraus die späteren Organe, und zwar bei dem
Menschen und bei allen Wirbeltieren in wesentlich gleicher Weise. Unter den
vielen einzelnen Entdeckungen von B a e r war eine der wichtigsten das
menschliche Ei. Bis dahin hatte man beim Menschen, wie bei allen anderen Säugetieren, für Eier kleine Bläschen gehalten, die sich zahlreich im Eierstock
finden. Erst B a e r zeigte (1827), daß die wahren Eier in diesen Bläschen, den
»Graafschen Follikeln«, eingeschlossen und viel kleiner sind, Kügelchen von
nur 0,2 mm Durchmesser, unter günstigen Verhältnissen eben als Pünktchen mit
bloßem Auge zu sehen. Auch entdeckte er zuerst, daß aus dieser kleinen Eizelle
der Säugetiere sich zunächst eine charakteristische Keimblase entwickelt, eine
H o h l k u g e l mit flüssigem Inhalt, deren Wand die dünne Keimhaut bildet.
Eizelle und Samenzelle. Zehn Jahre, nachdem B a e r der Embryologie durch
seine Keimblätterlehre eine feste Grundlage gegeben, entstand für dieselbe eine
neue wichtige Aufgabe durch die Begründung der Z e l l e n t h e o r i e (1838).
Wie verhalten sich das Ei der Tiere und die daraus entstehenden Keimblätter zu
den Geweben und Zellen, welche den entwickelten Tierkörper zusammensetzen?
Die richtige Beantwortung dieser inhaltschweren Frage gelang um die Mitte des
19. Jahrhunderts zwei Schülern von J o h a n n e s M ü l l e r: R o b e r t
R e m a k und A l b e r t K ö l l i k e r. Sie wiesen nach, daß das Ei ursprünglich
nichts anderes ist als eine einfache Z e l l e, und daß auch die zahlreichen
Keimkörper oder »Furchungskugeln«, welche durch wiederholte Teilung daraus
entstehen, einfache Zellen sind. Aus diesen »Furchungzellen« bauen sich
zunächst die Keimblätter auf, und weiterhin durch Arbeitsteilung oder
Differenzierung derselben die verschiedenen Organe. K ö l l i k e r erwarb sich
das große Verdienst, auch die schleimartige Samenflüssigkeit der männlichen
Tiere als Anhäufung von mikroskopischen kleinen Zellen nachzuweisen. Die
beweglichen stecknadelförmigen »Samentierchen« (Spermatozoen) sind nichts
anderes als eigentümliche »G e i ß e l z e l l e n«, wie ich (1866) zuerst an den
Samenfäden der Schwämme nachgewiesen habe. Damit war für b e i d e wichtige
Zeugungsstoffe der Tiere, das männliche Sperma und das weibliche Ei,
bewiesen, daß auch sie der Zellentheorie sich fügen.
Gasträatheorie. Alle älteren Untersuchungen über Keimbildung betrafen den
Menschen und die höheren W i r b e l t i e r e, vor allem aber den Vogelkeim:
denn das Hühnerei ist das größte und bequemste Objekt dafür und steht jederzeit
in beliebiger Menge zur Verfügung; man kann in der Brutmaschine sehr bequem
das Ei ausbrüten und dabei stündlich die ganze Reihe der Umbildungen, von der
einfachen Eizelle bis zum fertigen Vogelkörper innerhalb dreier Wochen
beobachten. Auch B a e r hatte nur für die verschiedenen Klassen der Wirbeltiere
die Übereinstimmung in der charakteristischen Bildung der Keimblätter und in
der Entstehung der einzelnen Organe aus derselben nachweisen können.
Dagegen in den zahlreichen Klassen der W i r b e l l o s e n — also der großen
Mehrzahl der Tiere — schien die Keimung in wesentlich verschiedener Weise abzulaufen, und den meisten schienen wirkliche Keimblätter ganz zu fehlen. Erst
um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden solche auch bei einzelnen Wirbellosen
nachgewiesen, so von K ö l l i k e r 1844 bei den Cephalopoden und von
H u x l e y 1849 bei den Medusen. Besonders wichtig wurde sodann die
Entdeckung von K o w a l e v s k y (1866), daß das niederste Wirbeltier, der
Lanzelot oder Amphioxus, sich genau in derselben, und zwar in einer sehr
ursprünglichen Weise entwickelt wie ein wirbelloses, anscheinend ganz
entferntes Manteltier, die S e e s c h e i d e oder Ascidia. Auch bei verschiedenen
Würmern, Sterntieren und Gliedertieren wies Kowalevsky eine ähnliche Bildung
der Keimblätter nach. Ich selbst war damals (seit 1866) mit der
Entwickelungsgeschichte der Spongien, Korallen, Medusen und Siphonophoren
beschäftigt, und da ich auch bei diesen niedersten Klassen der vielzelligen Tiere
überall dieselbe Bildung von zwei primären Keimblättern fand, gelangte ich zu
der Überzeugung, daß dieser bedeutungsvolle Keimungsvorgang im ganzen
Tierreiche derselbe ist.
Besonders wichtig erschien mir dabei der Umstand, daß bei den Schwammtieren
und bei den niederen Nesseltieren (Polypen, Medusen) der Körper lange Zeit
hindurch oder selbst zeitlebens nur aus zwei einfachen Zellenschichten besteht.
Schon H u x l e y hatte sie bei den Medusen mit den beiden primären
Keimblättern der Wirbeltiere verglichen. Gestützt auf diese Beobachtungen und
Vergleichungen, stellte ich dann 1872 in meiner »Biologie der Kalkschwämme«
die »G a s t r ä a t h e o r i e« auf, deren wesentlichste Lehrsätze folgende sind:
I . Das ganze Tierreich zerfällt in zwei wesentlich verschiedene Hauptgruppen:
die einzelligen U r t i e r e (Protozoa) und die vielzelligen G e w e b t i e r e
(Metazoa); der ganze Organismus der P r o t o z o e n bleibt zeitlebens eine
einfache Zelle (seltener ein lockerer Zellverein ohne Gewebebildung, ein
Coenobium). II. Dagegen ist der Organismus der M e t a z o e n nur im ersten
Beginn einzellig, später aus vielen Zellen zusammengesetzt, welche G e w e b e
bilden. III. Nur bei den Metazoen entstehen wirkliche K e i m b l ä t t e r, und aus
diesen G e w e b e, die den Protozoen noch ganz fehlen. IV. Bei allen Metazoen
entstehen zunächst nur z w e i primäre Keimblätter, die überall dieselbe
wesentliche Bedeutung haben: aus dem äußeren H a u t b l a t t entwickelt sich die
äußere Hautdecke und das Nervensystem, aus dem inneren D a r m b l a t t
hingegen der Darmkanal und alle übrigen Organe. V. Die Keimform, welche
überall zunächst aus dem befruchteten Ei hervorgeht, und welche allein aus
diesen beiden primären Keimblättern besteht, ist die D a r m l a r v e oder der
Becherkeim (Gastrula); ihr becherförmiger, zweischichtiger Körper umschließt
ursprünglich eine einfache verdauende Höhle, den U r d a r m, und dessen
einfache Öffnung ist der U r m u n d. Dies sind die ältesten Organe des vielzelligen Tierkörpers, und die beiden Zellenschichten seiner Wand sind seine
ältesten Gewebe; alle anderen Organe und Gewebe sind erst später (sekundär)
daraus hervorgegangen. VI. Aus dieser Gleichartigkeit oder H o m o l o g i e d e r
G a s t r u l a in sämtlichen Stämmen und Klassen der Gewebtiere zog ich nach
dem Biogenetischen Grundgesetze den Schluß, daß a l l e M e t a z o e n
u r s p r ü n g l i c h v o n e i n e r g e m e i n s a m e n S t a m m f o r m
a b s t a m m e n , G a s t r ä a, und daß diese uralte, längst ausgestorbene
Stammform im wesentlichen die Körperform und Zusammensetzung der
heutigen, durch Ve r e r b u n g erhaltenen Gastrula besaß. VII. Dieser
phylogenetische Schluß aus der Vergleichung der ontogenetischen Tatsachen
wird auch dadurch gerechtfertigt, daß noch heute einzelne G a s t r ä a d e n
existieren, sowie älteste Formen anderer Tierstämme, deren Organisation sich
nur sehr wenig über diese letzteren erhebt. VIII. Bei der weiteren Entwickelung
der verschiedenen Gewebtiere aus der Gastrula sind zwei verschiedene
Hauptgruppen zu unterscheiden: Die älteren N i e d e r t i e r e (Coelenteria) bilden
noch keine Leibeshöhle und besitzen weder Blut noch After; das ist der Fall bei
den Gasträaden, Spongien, Nesseltieren und Plattentieren. Die jüngeren
O b e r t i e r e (Coelomaria) hingegen besitzen eine echte Leibeshöhle und meistens
auch Blut und After; dahin gehören die W u r m t i e r e (Vermalia) und die höheren
typischen Tierstämme, welche sich aus diesen entwickelt haben, die Sterntiere,
Weichtiere, Gliedertiere, Manteltiere und Wirbeltiere.
Eizelle und Samenzelle des Menschen. Das Ei des Menschen ist, wie das aller
anderen Gewebtiere, eine einfache Zelle, und diese kleine kugelige Eizelle (von
nur 0,2 mm Durchmesser) hat dieselbe charakteristische Beschaffenheit wie die
aller anderen, lebendig gebärenden Säugetiere. Dasselbe gilt von den
beweglichen S p e r m i e n oder Samenfäden des Mannes, den winzig kleinen,
fadenförmigen Geißelzellen, welche sich zu Millionen in jedem Tröpfchen des
schleimartigen m ä n n l i c h e n S a m e n s (Sperma) finden; sie wurden früher
wegen ihrer lebhaften Bewegung für besondere »S a m e n t i e r c h e n«
(Spermatozoa) gehalten. Auch die Entstehung dieser beiden wichtigen
Geschlechtszellen in der G e s c h l e c h t s d r ü s e ist dieselbe beim Menschen
und den übrigen Säugetieren; sowohl die Eier im Eierstock des Weibes, als die
Samenfäden im Hoden oder Samenstock des Mannes entstehen überall auf
dieselbe Weise, aus der Zellenschicht, welche die Leibeshöhle auskleidet.
Empfängnis oder Befruchtung. Der wichtigste Augenblick im Leben eines
jeden Menschen, wie jedes anderen Gewebtieres, ist der Moment, in welchem
seine individuelle Existenz beginnt; es ist der Augenblick, in welchem die
Geschlechtszellen der beiden Eltern zusammentreffen und zur Bildung einer einzigen, einfachen Zelle verschmelzen. Diese neue Zelle, die »befruchtete
Eizelle«, ist die individuelle S t a m m z e l l e (Cytula), aus deren wiederholter
Teilung die Zellen der Keimblätter und die Gastrula hervorgehen. Erst mit der
Bildung dieser Stammzelle, also mit dem Vorgange der B e f r u c h t u n g selbst,
beginnt die E x i s t e n z d e r P e r s o n , des selbständigen Einzelwesens. Diese
ontogenetische Tatsache ist ü b e r a u s w i c h t i g, denn aus ihr allein schon
lassen sich die weitestreichenden Schlüsse ableiten. Zunächst folgt daraus die
klare Erkenntnis, daß der Mensch, gleich allen anderen Gewebtieren, alle
persönlichen Eigenschaften, körperliche und geistige, von seinen beiden Eltern
durch Ve r e r b u n g erhalten hat; und weiterhin die inhaltschwere Überzeugung,
daß die neue, so entstandene Person unmöglich Anspruch haben kann,
»u n s t e r b l i c h« zu sein.
Die feineren Vorgänge bei der Empfängnis und der geschlechtlichen Zeugung
überhaupt sind daher von allerhöchster Wichtigkeit; sie sind uns in ihren
Einzelheiten erst seit 1875 bekannt geworden. Das einzige wesentliche Ereignis
bei der Befruchtung ist die Verschmelzung der beiden Geschlechtszellen und
ihrer Kerne. Von den Millionen männlicher Geißelzellen, welche die weibliche
Eizelle umschwärmen, dringt nur eine einzige in deren Plasmakörper ein. Die
Kerne beider Zellen, der Spermakern und der Eikern, verschmelzen miteinander.
So entsteht eine neue Zelle, welche die erblichen Eigenschaften beider Eltern in
sich vereinigt; der Spermakern überträgt die väterlichen, der Eikern die
mütterlichen Charakterzüge auf die S t a m m z e l l e, aus der sich nun das Kind
entwickelt; das gilt ebenso von den körperlichen wie von den geistigen
Eigenschaften.
Keimanlage des Menschen. Die Bildung der Keimblätter durch wiederholte
Teilung der Stammzelle, die Entstehung der Gastrula und der weiterhin aus ihr
hervorgehenden Keimformen geschieht beim Menschen genau so wie bei den
übrigen höheren Säugetieren, unter denselben eigentümlichen Besonderheiten,
welche diese Gruppe vor den niederen Wirbeltieren auszeichnen. Die
bedeutungsvolle Keimform der C h o r d u l a oder »Chordalarve«, die zunächst
aus der Gastrula entsteht, zeigt bei allen Wirbeltieren im wesentlichen die
gleiche Bildung: ein einfacher gerader Achsenstab, die Chorda, geht der Länge
nach durch die Hauptachse des länglich-runden, schildförmigen Körpers (des
»Keimschildes«); oberhalb der Chorda entwickelt sich aus dem äußeren
Keimblatt das Rückenmark, unterhalb das Darmrohr. Dann erst erscheinen zu
beiden Seiten, rechts und links vom Achsenstab, die Ketten der »Urwirbel«, die
Anlagen der Muskelplatten, mit denen die Gliederung des Wirbeltierkörpers
beginnt. Vorn am Darm treten beiderseits die Kiemenspalten auf, die Öffnungen des Schlundes, durch welche ursprünglich bei unseren Fischahnen das vom
Munde aufgenommene Atemwasser an den Seiten des Kopfes nach außen trat. In
zäher Ve r e r b u n g treten diese K i e m e n s p a l t e n, die nur bei den
fischartigen, im Wasser lebenden Vorfahren von Bedeutung waren, auch heute
noch beim Menschen wie bei allen übrigen Wirbeltieren auf; sie verschwinden
später. Selbst nachdem schon am Kopfe die fünf Hirnblasen, seitlich die
Anfänge der Augen und Ohren sichtbar geworden, nachdem am Rumpfe die
Anlagen der beiden Beinpaare in Form rundlicher platter Knospen aus dem
fischartigen Menschenkeim hervorgesproßt sind, ist dessen Bildung derjenigen
anderer Wirbeltiere noch so ähnlich, daß man sie nicht unterscheiden kann.
Ähnlichkeit der Wirbeltierkeime. Die wesentliche Übereinstimmung in der
äußeren Körperform und dem inneren Bau, welche die Embryonen des
Menschen und der übrigen Wirbeltiere in dieser früheren Bildungsperiode
zeigen, ist eine e m b r y o l o g i s c h e T a t s a c h e e r s t e n R a n g e s; aus
ihr lassen sich nach dem Biogenetischen Grundgesetze die wichtigsten Schlüsse
ableiten. Denn es gibt dafür keine andere Erklärung als die Annahme einer
Ve r e r b u n g von einer gemeinsamen Stammform. Wenn wir sehen, daß in
einem bestimmten Stadium die Keime des Menschen und des Affen, des Hundes
und des Kaninchens, des Schweines und des Schafes zwar als höhere Wirbeltiere
erkennbar, aber sonst nicht zu unterscheiden sind, so kann diese Tatsache nur
durch gemeinsame Abstammung erklärt werden. Diese Erklärung erscheint um
so sicherer, wenn wir die später eintretende Sonderung oder Divergenz jener
Keimformen verfolgen. Je näher sich zwei Tierformen in der gesamten
Körperbildung stehen, desto länger bleiben sich auch ihre Embryonen ähnlich,
und desto enger hängen sie auch im Stammbaum der betreffenden Gruppe
zusammen, desto näher sind sie »stammverwandt«. Daher erscheinen die
Embryonen des Menschen und der Menschenaffen auch später noch höchst
ähnlich, auf einer hoch entwickelten Bildungsstufe, auf welcher ihre
Unterschiede von den Embryonen anderer Säugetiere sofort erkennbar sind.
Die Keimhüllen des Menschen. Die hohe Bedeutung der eben besprochenen
Ähnlichkeit tritt nicht nur bei Vergleichung der Wirbeltier-Embryonen selbst
hervor, sondern auch bei derjenigen ihrer Keimhüllen. Es zeichnen sich nämlich
alle Wirbeltiere der drei höheren Klassen, Reptilien, Vögel und Säugetiere, vor
den niederen Klassen durch die Bildung eigentümlicher Embryonalhüllen aus,
des Amnion (Wasserhaut) und des Serolemma (seröse Haut). In diesen mit Wasser
gefüllten Säcken liegt der Embryo eingeschlossen und ist dadurch gegen Druck
und Stoß geschützt. Diese zweckmäßige Schutzeinrichtung ist wahrscheinlich
erst entstanden, als die ältesten Reptilien (Proreptilien), die gemeinsamen Stammformen aller A m n i o n t i e r e, vollständig an das Landleben sich
anpaßten. Bei ihren direkten Vorfahren, den Amphibien, f e h l t diese
Hüllenbildung noch ebenso wie bei den Fischen; sie war bei diesen
Wasserbewohnern überflüssig. Mit der Erwerbung dieser Schutzhüllen stehen
bei allen Amnioten noch zwei andere Veränderungen in engem Zusammenhang,
erstens der gänzliche Verlust der Kiemen (während die Kiemenbogen und die
Spalten dazwischen als »rudimentäre Organe« sich forterben), und zweitens die
Bildung der A l l a n t o i s. Dieser blasenförmige, mit Wasser gefüllte Sack
wächst bei dem Embryo aller Amniontiere aus dem Enddarm hervor und ist
nichts anderes als die vergrößerte Harnblase der Amphibien-Ahnen. Aus ihrem
innersten und untersten Teile bildet sich später die bleibende Harnblase der
Amnioten, während der größere äußere Teil rückgebildet wird. Gewöhnlich
spielt dieser eine Zeitlang eine wichtige Rolle als Atmungsorgan des Embryo,
indem sich mächtige Blutgefäße auf seiner Wand ausbreiten. Sowohl die
Entstehung der Keimhüllen, als auch der Allantois geschieht beim Menschen
genau ebenso wie bei allen anderen Amnioten und durch dieselben verwickelten
Prozesse des Wachstums; d e r M e n s c h i s t e i n e c h t e s
A m n i o n t i e r.
Die Placenta des Menschen. Die Ernährung des menschlichen Keimes im
Mutterleibe geschieht durch ein eigentümliches, äußerst blutreiches Organ, die
sogenannte Placenta, den A d e r k u c h e n oder Blutgefäßkuchen. Sie wird nach
erfolgter Geburt des Kindes abgelöst und als sogenannte »Nachgeburt«
ausgestoßen. Die Placenta besteht aus zwei wesentlich verschiedenen Teilen,
dem F r u c h t k u c h e n oder der kindlichen Placenta und dem
M u t t e r k u c h e n oder dem mütterlichen Gefäßkuchen. Dieser letztere enthält
reich entwickelte Bluträume, welche ihr Blut durch die Gefäße der Gebärmutter
zugeführt erhalten. Der Fruchtkuchen dagegen wird aus zahlreichen verästelten
Zotten gebildet, welche von der Außenfläche der kindlichen Allantois
hervorwachsen und ihr Blut von deren Nabelgefäßen beziehen. Die hohlen,
blutgefüllten Zotten des Fruchtkuchens wachsen in die Bluträume des
Mutterkuchens hinein, und die zarte Scheidewand zwischen beiden wird so sehr
verdünnt, daß durch sie hindurch ein unmittelbarer Stoffaustausch der
ernährenden Blutflüssigkeit erfolgen kann.
In den einzelnen Gruppen der Zottentiere ist die Ausbildung des Mutterkuchens
wesentlich verschieden. Höchst wichtig ist nun die erst 1890 von E m i l
S e l e n k a entdeckte Tatsache, daß gerade die M e n s c h e n a f f e n, besonders
der Orang (Satyrus), mit dem Menschen gewisse Eigentümlichkeiten, die sich
sonst nirgends finden, gemeinsam haben (Siehe den 23. Vortrag meiner Anthropogenie). Also bestätigt sich auch hier wieder der
P i t h e c o m e t r a s a t z von H u x l e y: »Die Unterschiede zwischen dem
Menschen und den Menschenaffen sind geringer als diejenigen zwischen den
letzteren und den niederen Affen.« Die angeblichen »Beweise g e g e n die nahe
Blutsverwandtschaft des Menschen und der Affen« ergaben sich bei genauer
Untersuchung der tatsächlichen Verhältnisse auch hier wieder umgekehrt als
wichtige Gründe z u g u n s t e n derselben.
Jeder Naturforscher, der mit offenen Augen in diese dunkeln, aber höchst
interessanten Labyrinthgänge unserer Keimesgeschichte eindringt, und der
imstande ist, sie kritisch mit derjenigen der übrigen Säugetiere zu vergleichen,
wird in denselben die bedeutungsvollsten Lichtträger für das Verständnis unserer
Stammesgeschichte finden. Denn die verschiedenen Stufen der Keimbildung
werfen als Vererbungs-Phänomene ein helles Licht auf die entsprechenden
Stufen unserer Ahnenreihe, gemäß dem Biogenetischen Grundgesetze. (Kap. 5.)
Aber auch die Anpassungserscheinungen, die Bildung der vergänglichen
Embryonalorgane — der charakteristischen Keimhüllen, und vor allem der
Placenta — geben uns ganz bestimmte Aufschlüsse über unsere nahe
S t a m m v e r w a n d t s c h a f t m i t d e n P r i m a t e n.
F ü n f t e s K a p i t e l .
Unsere Stammesgeschichte.
Monistische Studien über Ursprung und Abstammung des Menschen
von den Wirbeltieren, zunächst von den Herrentieren.
Der jüngste unter den großen Zweigen am lebendigen Baume der Biologie ist
diejenige Naturwissenschaft, welche wir S t a m m e s g e s c h i c h t e oder
P h y l o g e n i e nennen. Sie hat sich noch weit später und unter viel größeren
Schwierigkeiten entwickelt als ihre natürliche Schwester, die Keimesgeschichte
oder Ontogenie. Diese hatte zur Aufgabe die Erkenntnis der geheimnisvollen
Vorgänge, durch welche sich die organischen I n d i v i d u e n, die Einzelwesen
der Tiere und Pflanzen, aus dem Ei entwickeln. Die Stammesgeschichte
hingegen hat die viel dunklere und schwierigere Frage zu beantworten: »Wie
sind die organischen S p e z i e s entstanden, die einzelnen Arten der Tiere und
Pflanzen?«
Die O n t o g e n i e konnte zur Lösung ihrer nahe liegenden Aufgabe zunächst
unmittelbar den empirischen Weg der B e o b a c h t u n g betreten; sie brauchte
nur Tag für Tag und Stunde für Stunde die sichtbaren Umbildungen zu
verfolgen, welche der organische Keim innerhalb kurzer Zeit während der
Entwickelung aus dem Ei erfährt. Viel schwieriger war von vornherein die
Aufgabe der P h y l o g e n i e; denn die langsamen Prozesse der allmählichen
Umbildung, welche die Entstehung der Tier- und Pflanzenarten bewirken,
vollziehen sich unmerklich im Verlaufe von Jahrtausenden und Jahrmillionen;
ihre unmittelbare Beobachtung ist nur in sehr engen Grenzen möglich, und der
weitaus größte Teil dieser historischen Vorgänge kann nur indirekt erschlossen
werden: durch vergleichende Benutzung von empirischen Urkunden, die sehr
verschiedenen Gebieten angehören, der Paläontologie, Ontogenie und
Morphologie. Dazu kam noch das gewaltige Hindernis, welches der natürlichen
Stammesgeschichte durch die enge Verknüpfung der »Schöpfungsgeschichte«
mit übernatürlichen Mythen und religiösen Dogmen bereitet wurde; es ist daher
begreiflich, daß die wissenschaftliche Existenz der wahren Stammesgeschichte
erst unter vielen Mühen und schweren Kämpfen errungen und gesichert werden
mußte.
Mythische Schöpfungsgeschichte. Alle ernstlichen Versuche, welche bis zum Beginne des 19. Jahrhunderts zur Beantwortung des Problems von der
Entstehung der Organismen unternommen wurden, blieben in dem
mythologischen Labyrinthe der übernatürlichen Schöpfungssagen stecken.
Einzelne Bemühungen hervorragender Denker, sich von diesem zu befreien und
zu einer natürlichen Auffassung zu gelangen, blieben erfolglos. Die
mannigfaltigsten Schöpfungsmythen entwickelten sich bei allen älteren
Kulturvölkern im Zusammenhang mit der Religion, und während des
Mittelalters war es naturgemäß das zur Herrschaft gelangte Christentum,
welches die Beantwortung der Schöpfungsfrage für sich in Anspruch nahm. Da
die Bibel als die unerschütterliche Grundlage des christlichen Religionsgebäudes
galt, wurde die ganze Schöpfungsgeschichte dem ersten Buche Moses
entnommen. Auf dieses stützte sich auch noch der große schwedische
Naturforscher C a r l L i n n é, als er 1735 in seinem grundlegenden »Systema
Naturae« den ersten Versuch zu einer systematischen Ordnung, Benennung und
Klassifikation der unzähligen verschiedenen Naturkörper unternahm. Als bestes,
praktisches Hilfsmittel derselben führte er die bekannte doppelte Namengebung
ein; jeder einzelnen Art von Tieren und Pflanzen gab er einen besonderen
Artnamen und stellte diesem einen allgemeinen Gattungsnamen voran. In einer
G a t t u n g (Genus) wurden die nächstverwandten A r t e n (Species)
zusammengestellt.
Höchst verhängnisvoll wurde für die Wissenschaft das theoretische D o g m a,
welches schon von L i n n é selbst mit seinem praktischen Speziesbegriffe
verknüpft wurde. Die erste Frage, welche sich dem denkenden Systematiker
aufdrängen mußte, war natürlich die Frage nach dem eigentlichen Wesen des
Spezies-B e g r i f f e s, nach Inhalt und Umfang desselben. Und gerade diese
Grundfrage beantwortete sein Schöpfer in naivster Weise, in Anlehnung an den
allgemein gültigen Mosaischen Schöpfungsmythus: »Es gibt so viel
verschiedene Arten, als im Anfange vom unendlichen Wesen verschiedene
Formen erschaffen worden sind«. Mit diesem Dogma war jede natürliche
Erklärung der Artentstehung abgeschnitten. L i n n é kannte nur die gegenwärtig
existierende Tier- und Pflanzenwelt; er hatte keine Ahnung von den viel
zahlreicheren ausgestorbenen Arten, welche in den früheren Perioden der
Erdgeschichte unseren Erdball in wechselnder Gestaltung bevölkert haben.
Erst im Anfange des 19. Jahrhunderts wurden diese fossilen Tiere durch
C u v i e r näher bekannt. Er gab in seinem berühmten Werke über die fossilen
Knochen der vierfüßigen Wirbeltiere (1812) die erste genaue Beschreibung und
richtige Deutung zahlreicher Versteinerungen. Zugleich wies er nach, daß in den
verschiedenen Perioden der Erdgeschichte eine Reihe von ganz verschiedenen Tierbevölkerungen aufeinander gefolgt war. Da nun C u v i e r hartnäckig an
L i n n é s Lehre von der absoluten Beständigkeit der Spezies festhielt, glaubte er
ihre Entstehung nur durch die Annahme erklären zu können, daß eine Reihe von
großen Katastrophen und von wiederholten Neuschöpfungen in der
Erdgeschichte auf einander gefolgt sei; im Beginne jeder großen Erdrevolution
sollten alle lebenden Geschöpfe vernichtet und am Ende derselben eine neue
Bevölkerung erschaffen worden sein. Obgleich diese Katastrophentheorie von
C u v i e r zu den absurdesten Folgerungen führte und auf den nackten
Wunderglauben hinauslief, gewann sie doch bald allgemeine Geltung und blieb
bis auf D a r w i n (1859) herrschend.
Transformismus. G o e t h e. Daß die herrschenden Vorstellungen von der
absoluten Beständigkeit und übernatürlichen Schöpfung der organischen Arten
tiefer denkende Forscher nicht befriedigen konnten, ist leicht einzusehen. Daher
finden wir denn schon in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts
einzelne hervorragende Geister mit Versuchen beschäftigt, zu einer
naturgemäßen Lösung des großen »Schöpfungsproblems« zu gelangen. Allen
voran war unser größter Dichter und Denker W o l f g a n g G o e t h e durch
seine vieljährigen und eifrigen morphologischen Studien schon am Ende des 18.
Jahrhunderts zu der klaren Einsicht in den inneren Zusammenhang aller
organischen Formen und zu der festen Überzeugung eines gemeinsamen
natürlichen Ursprungs gelangt. In seiner berühmten »Metamorphose der
Pflanzen« (1790) leitete er alle verschiedenen Formen der Gewächse von einer
Urpflanze ab, und alle verschiedenen Organe derselben von einem Urorgane,
dem Blatt. In seiner Wirbeltheorie des Schädels versuchte er zu zeigen, daß die
Schädel aller verschiedenen Wirbeltiere — mit Inbegriff des Menschen! — in
gleicher Weise aus bestimmt geordneten Knochengruppen zusammengesetzt
seien, und daß diese letzteren nichts anderes seien als umgebildete Wirbel. Grade
seine eingehenden Studien über vergleichende Knochenlehre hatten G o e t h e zu
der festen Überzeugung von der Einheit der Organisation geführt; er hatte
erkannt, daß das Knochengerüst des Menschen nach demselben Typus
zusammengesetzt sei wie das aller übrigen Wirbeltiere — »geformt nach einem
Urbilde, das nur in seinen sehr beständigen Teilen mehr oder weniger hin- und
herweicht und sich noch täglich durch Fortpflanzung aus- und umbildet« —.
Diese Umbildung oder Transformation läßt G o e t h e durch die beständige
Wechselwirkung von zwei gestaltenden Bildungskräften geschehen, einer
inneren Zentripetalkraft des Organismus, dem »Spezifikationstrieb«, und einer
äußeren Zentrifugalkraft, dem Variationstrieb oder der »Idee der
Metamorphose«; erstere entspricht dem, was wir heute Ve r e r b u n g, letztere
dem, was wir A n p a s s u n g nennen. Wie tief G o e t h e durch diese naturphilosophischen Studien über »Bildung und Umbildung organischer
Naturen« in deren Wesen eingedrungen war, und inwiefern er demnach als der
bedeutendste Vorläufer von D a r w i n und L a m a r c k betrachtet werden kann,
ist aus den interessanten Stellen seiner Werke zu ersehen, welche ich im vierten
Vortrage meiner Natürlichen Schöpfungsgeschichte zusammengestellt habe. In
meinem Vortrage über »Die Naturanschauung von D a r w i n, G o e t h e und
L a m a r c k« (Eisenach 1882) habe ich dies näher begründet. Doch kamen diese
naturgemäßen Entwickelungsideen von G o e t h e ebenso wie ähnliche
Vorstellungen von K a n t, O k e n, T r e v i r a n u s und anderen
Naturphilosophen im Beginne des 19. Jahrhunderts nicht über gewisse
allgemeine Überzeugungen hinaus. Es fehlte ihnen noch der große Hebel, dessen
die »natürliche Schöpfungsgeschichte« zu ihrer Begründung durch die Kritik des
S p e z i e s d o g m a bedurfte, und diese verdanken wir erst L a m a r c k.
Deszendenztheorie oder Abstammungslehre. L a m a r c k (1809). Den ersten
eingehenden Versuch zu einer wissenschaftlichen Begründung des
Transformismus unternahm im Beginne des 19. Jahrhunderts der große
französische Naturphilosoph J e a n L a m a r c k, der bedeutendste Gegner
seines Kollegen C u v i e r in Paris. Schon 1802 hatte derselbe in seinen
»Betrachtungen über die lebenden Naturkörper« die bahnbrechenden Ideen über
die Unbeständigkeit und Umbildung der Arten ausgesprochen, die er dann 1809
in den zwei Bänden seines tiefsinnigsten Werkes, der Philosophie zoologique,
eingehend begründete. Hier führte L a m a r c k zum ersten Male — gegenüber
dem herrschenden Spezies-Dogma — den richtigen Gedanken aus, daß die
organische »A r t oder S p e z i e s« eine k ü n s t l i c h e A b s t r a k t i o n sei, ein
Begriff von relativem Werte, ebenso wie die übergeordneten Begriffe der
Gattung, Familie, Ordnung und Klasse. Er behauptete ferner, daß alle Arten
veränderlich und im Laufe sehr langer Zeiträume aus älteren Arten durch
Umbildung entstanden seien. Die gemeinsamen Stammformen, von denen
dieselben abstammen, waren ursprünglich ganz einfache und niedere
Organismen; die ersten und ältesten entstanden durch Urzeugung. Während
durch Ve r e r b u n g der Typus sich beständig erhält, werden anderseits durch
A n p a s s u n g, durch Gewohnheit und Übung der Organe, die Arten allmählich
umgebildet. Auch unser menschlicher Organismus ist auf dieselbe natürliche
Weise durch Umbildung aus einer Reihe von affenartigen Säugetieren
entstanden. Für all diese Vorgänge, wie überhaupt für alle Erscheinungen in der
Natur und im Geistesleben, nimmt L a m a r c k ausschließlich m e c h a n i s c h e,
physikalische und chemische Vorgänge als wahre, bewirkende Ursachen an. Sein
Werk enthält die Elemente für ein rein monistisches Natursystem auf Grund der
Entwickelungslehre.
Man hätte erwarten sollen, daß dieser großartige Versuch, die
Abstammungslehre oder Deszendenztheorie wissenschaftlich zu begründen,
alsbald den herrschenden Mythus von der Speziesschöpfung erschüttert und
einer natürlichen Entwickelungslehre Bahn gebrochen hätte. Indessen vermochte
L a m a r c k gegenüber der konservativen Autorität seines großen Gegners
C u v i e r ebensowenig durchzudringen, wie zwanzig Jahre später sein Kollege
und Gesinnungsgenosse G é o f f r o y S t . H i l a i r e. Die berühmten Kämpfe,
welcher dieser Naturphilosoph 1830 im Schoße der Pariser Akademie mit
C u v i e r zu bestehen hatte, endigten mit einem vollständigen Siege des
letzteren. Die mächtige Entfaltung, welche zu jener Zeit das empirische Studium
der Biologie fand, die Fülle von interessanten Entdeckungen auf dem Gebiete
der vergleichenden Anatomie und Physiologie, die Begründung der
Zellentheorie und die Fortschritte der Ontogenie gaben den Zoologen und
Botanikern einen solchen Überfluß von dankbarem Arbeitsmaterial, daß darüber
die schwierige und dunkle Frage nach der Entstehung der Arten ganz vergessen
wurde. Man beruhigte sich bei dem althergebrachten Schöpfungs-Dogma. Selbst
nachdem der große englische Naturforscher C h a r l e s L y e l l 1830 in seinen
Prinzipien der Geologie die abenteuerliche Katastrophentheorie von C u v i e r
widerlegt und für die anorganische Natur unseres Planeten einen natürlichen und
kontinuierlichen Entwickelungsgang nachgewiesen hatte, fand sein einfaches
Kontinuitätsprinzip keine Anwendung auf die organische Natur. Die Anfänge
der natürlichen Phylogenie, welche in L a m a r c k s Werke verborgen lagen,
wurden ebenso vergessen, wie die Keime zu ihrer natürlichen Ontogenie, welche
50 Jahre früher (1759) C a s p a r F r i e d r i c h W o l f f in seiner Theorie der
Generation gegeben hatte. Hier wie dort verfloß ein volles halbes Jahrhundert,
ehe die bedeutendsten Ideen über natürliche Entwickelung die gebührende
Anerkennung fanden. Erst nachdem D a r w i n 1859 die Lösung des
Schöpfungsproblems von einer ganz anderen Seite angefaßt und den reichen,
inzwischen angesammelten Schatz von empirischen Kenntnissen glücklich dazu
verwertet hatte, fing man an, sich auf L a m a r c k, als seinen bedeutendsten
Vorgänger, wieder zu besinnen.
Selektionstheorie. D a r w i n (1859). Der beispiellose Erfolg von C h a r l e s
D a r w i n ist allbekannt. Kein anderer von den zahlreichen großen Geisteshelden
unserer Zeit hat mit einem einzigen klassischen Werke einen so gewaltigen, so
tiefgehenden und so umfassenden Erfolg erzielt, wie D a r w i n 1859 mit seinem
berühmten Hauptwerk: »Über die Entstehung der Arten im Tier- und
Pflanzenreich durch natürliche Züchtung oder Erhaltung der vervollkommneten
Rassen im Kampfe ums Dasein.« Gewiß hat die Reform der vergleichenden
Anatomie und Physiologie durch J o h a n n e s M ü l l e r der ganzen Biologie eine neue, fruchtbare Epoche eröffnet, gewiß waren die Begründung der
Zellentheorie durch S c h l e i d e n und S c h w a n n, die Reform der Ontogenie
durch B a e r, die Begründung des Substanzgesetzes durch R o b e r t M a y e r
und H e l m h o l t z wissenschaftliche Großtaten ersten Ranges; aber keine von
ihnen hat nach Tiefe und Ausdehnung eine so gewaltige, unser ganzes
menschliches Wissen umgestaltende Wirkung ausgeübt, wie D a r w i n s Theorie
von der natürlichen Entstehung der Arten. Denn damit war ja das mystische
»S c h ö p f u n g s p r o b l e m« gelöst, und mit ihm die inhaltsschwere »Frage
aller Fragen«, das Problem vom wahren Wesen und von der Entstehung des
Menschen selbst.
Vergleichen wir die beiden großen Begründer des Transformismus, so finden wir
bei L a m a r c k überwiegende Neigung zur D e d u k t i o n und zum Entwurfe
eines vollständigen Naturbildes, bei D a r w i n hingegen vorherrschende
Anwendung der I n d u k t i o n und das vorsichtige Bemühen, die einzelnen Teile
der Deszendenztheorie durch Beobachtung und Experiment möglichst sicher zu
begründen. Während der französische Naturphilosoph den damaligen Kreis des
empirischen Wissens weit überschritt und eigentlich das Programm der
zukünftigen Forschung entwarf, hatte der englische Experimentator umgekehrt
den großen Vorteil, das einigende Erklärungsprinzip für eine Masse von
empirischen Kenntnissen zu begründen, die bis dahin unverstanden sich
angehäuft hatten. So erklärt es sich, daß der Erfolg von D a r w i n ebenso
überwältigend, wie derjenige von L a m a r c k verschwindend war. D a r w i n
hatte aber nicht allein das große Verdienst, die allgemeinen Ergebnisse der
verschiedenen biologischen Forschungskreise in dem gemeinsamen Brennpunkte
des Deszendenzprinzips zu sammeln und dadurch einheitlich zu erklären,
sondern er entdeckte auch in dem S e l e k t i o n s p r i n z i p jenen wichtigen
Faktor der Umbildung, welcher L a m a r c k noch gefehlt hatte. Indem D a r w i n
als praktischer Tierzüchter die Erfahrungen der künstlichen Zuchtwahl auf die
Organismen im freien Naturzustande anwendete und in dem »K a m p f u m s
D a s e i n« das auslesende Prinzip der natürlichen Zuchtwahl entdeckte, schuf er
seine bedeutungsvolle Selektionstheorie, den eigentlichen D a r w i n i s m u s.
Stammesgeschichte (Phylogenie) (1866). Unter den zahlreichen und wichtigen
Aufgaben, welche D a r w i n der modernen Biologie stellte, erschien als eine der
nächsten die Reform des zoologischen und botanischen S y s t e m s. Wenn die
unzähligen Tier- und Pflanzenarten nicht durch übernatürliche Wunder
»erschaffen«, sondern durch natürliche Umbildung »entwickelt« waren, so ergab
sich das »n a t ü r l i c h e S y s t e m« derselben als ihr S t a m m b a u m. Den
ersten Versuch, das System in diesem Sinne umzugestalten, unternahm ich selbst (1866) in meiner »G e n e r e l l e n M o r p h o l o g i e d e r O r g a n i s m e n«.
Bis dahin hatte man unter »E n t w i c k e l u n g s g e s c h i c h t e« sowohl in der
Zoologie als in der Botanik ausschließlich diejenige der organischen
I n d i v i d u e n verstanden. Ich begründete dagegen die Ansicht, daß dieser
K e i m e s g e s c h i c h t e (Ontogenie) als zweiter, gleichberechtigter und eng
verbundener Zweig die S t a m m e s g e s c h i c h t e (Phylogenie) gegenüberstehe.
Beide Zweige der Entwickelungsgeschichte stehen nach meiner Auffassung im
engsten kausalen Zusammenhang; dieser beruht auf der Wechselwirkung der
Vererbungs- und Anpassungsgesetze; er fand seinen präzisen und umfassenden
Ausdruck in meinem allgemein gültigen »B i o g e n e t i s c h e n
G r u n d g e s e t z«.
Natürliche Schöpfungsgeschichte (1868). Da die neuen, in der »Generellen
Morphologie« niedergelegten Anschauungen trotz ihrer streng
wissenschaftlichen Fassung bei den sachkundigen Fachgenossen sehr wenig
Beachtung und noch weniger Beifall fanden, versuchte ich, den wichtigsten Teil
derselben in einem kleineren, mehr populär gehaltenen Werke einem größeren,
gebildeten Leserkreise zugänglich zu machen. Dies geschah 1868 in der
»Natürlichen Schöpfungsgeschichte« (Gemeinverständliche wissenschaftliche
Vorträge über die Entwickelungslehre im allgemeinen und diejenige von Darwin,
Goethe und Lamarck im besonderen). Wenn der gehoffte Erfolg der »Generellen
Morphologie« weit unter meiner berechtigten Erwartung blieb, so ging
umgekehrt derjenige der »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« weit über dieselbe
hinaus. Trotz seiner großen Mängel hat dieses Buch doch viel dazu beigetragen,
die Grundgedanken unserer modernen Entwickelungslehre in weiteren Kreisen
zu verbreiten. Allerdings konnte ich meinen Hauptzweck, die phylogenetische
Umbildung des natürlichen Systems, dort nur in allgemeinen Umrissen
andeuten. Indessen habe ich die ausführliche, dort vermißte Begründung des
phylogenetischen Systems später in einem größeren Werke nachgeholt, in der
»S y s t e m a t i s c h e n P h y l o g e n i e« (Entwurf eines natürlichen Systems
der Organismen auf Grund ihrer Stammesgeschichte). Der erste Band derselben
(1894) behandelt die Protisten und Pflanzen, der zweite (1896) die wirbellosen
Tiere, der dritte (1895) die Wirbeltiere. Die S t a m m b ä u m e der kleineren und
größeren Gruppen sind hier so weit ausgeführt, als es mir meine Kenntnis der
drei großen »Stammesurkunden« gestattete, der Paläontologie, Ontogenie und
Morphologie.
Biogenetisches Grundgesetz. Den engen, ursächlichen Zusammenhang,
welcher nach meiner Überzeugung zwischen beiden Zweigen der organischen
Entwickelungsgeschichte besteht, hatte ich schon in der Generellen Morphologie als einen der wichtigsten Begriffe des Transformismus hervorgehoben und einen
präzisen Ausdruck dafür in mehreren »Thesen von dem Kausalnexus der
biontischen und der phyletischen Entwickelung« gegeben: »D i e
O n t o g e n e s i s i s t e i n e k u r z e u n d s c h n e l l e
R e k a p i t u l a t i o n d e r P h y l o g e n e s i s, bedingt durch die
physiologischen Funktionen der Vererbung (Fortpflanzung) und Anpassung
(Ernährung)«. Schon D a r w i n hatte (1859) die große Bedeutung seiner Theorie
für die Erklärung der Embryologie betont, und F r i t z M ü l l e r hatte dieselbe
(1864) an dem Beispiele einer einzelnen Tierklasse, der Krebstiere, erläutert, in
der geistvollen kleinen Schrift: »F ü r D a r w i n« (1864). Ich selbst habe dann
die allgemeine Geltung und die fundamentale Bedeutung jenes Biogenetischen
Grundgesetzes in einer Reihe von Arbeiten nachzuweisen versucht, insbesondere
in der Biologie der Kalkschwämme (1872) und in den »Studien zur
Gasträatheorie« (1873-1884). Die dort aufgestellte Lehre von der Homologie der
Keimblätter, sowie von den Verhältnissen der Palingenie
(A u s z u g s g e s c h i c h t e) und der Zenogenie (S t ö r u n g s g e s c h i c h t e)
ist seitdem durch zahlreiche Arbeiten anderer Zoologen bestätigt worden; durch
sie ist es möglich geworden, die natürlichen Gesetze der Einheit in der
mannigfaltigen Keimesgeschichte der Tiere nachzuweisen; für ihre
Stammesgeschichte ergibt sich daraus die gemeinsame Ableitung von einer
einfachsten ursprünglichen Stammform.
Anthropogenie (1874). Der weitschauende Begründer der Abstammungslehre,
L a m a r c k, hatte schon 1809 richtig erkannt, daß sie allgemeine Geltung
besitze, und daß also auch der M e n s c h, als das höchst entwickelte Säugetier,
von demselben Stamme abzuleiten sei, wie alle anderen Säugetiere, und diese
weiter hinauf von demselben älteren Zweige des Stammbaums, wie die übrigen
Wirbeltiere. Er hatte auch schon auf die Vorgänge hingewiesen, durch welche die
A b s t a m m u n g d e s M e n s c h e n v o m A f f e n, als dem
nächstverwandten Säugetiere, wissenschaftlich erklärt werden könne. D a r w i n,
der naturgemäß zu derselben Überzeugung gelangt war, ging in seinem
Hauptwerk (1859) über diese anstößigste Folgerung seiner Lehre absichtlich
hinweg und hat dieselbe erst später (1871) in seinem Werke über »Die
Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl« geistreich
ausgeführt. Inzwischen hatte aber schon sein Freund H u x l e y (1863) jenen
wichtigsten Folgeschluß der Abstammungslehre sehr scharfsinnig erörtert in
seiner berühmten kleinen Schrift über die »Zeugnisse für die Stellung des
Menschen in der Natur«. An der Hand der vergleichenden Anatomie und
Ontogenie und gestützt auf die Tatsachen der Paläontologie zeigte H u x l e y,
daß die »Abstammung des Menschen vom Affen« eine notwendige Konsequenz des Darwinismus sei, und daß eine andere wissenschaftliche Erklärung von der
Entstehung des Menschengeschlechts überhaupt nicht gegeben werden könne.
Als weitere Folgerung dieser wichtigen Erkenntnis ergab sich die schwierige
Aufgabe, nicht nur die nächstverwandten Säugetier-A h n e n d e s
M e n s c h e n in der Tertiärzeit zu erforschen, sondern auch die lange Reihe der
älteren tierischen Vorfahren, welche in früheren Zeiträumen der Erdgeschichte
gelebt und während ungezählter Jahrmillionen sich entwickelt hatten. Die
hypothetische Lösung dieser großen historischen Aufgabe hatte ich schon 1866
in der Generellen Morphologie versucht; weiter ausgeführt habe ich dieselbe
1874 in meiner A n t h r o p o g e n i e (I. Teil: Keimesgeschichte; II. Teil:
Stammesgeschichte). Die fünfte umgearbeitete Auflage dieses Buches (1903)
enthält diejenige Darstellung der Entwickelungsgeschichte des Menschen,
welche bei dem gegenwärtigen Zustande unserer Urkundenkenntnis sich dem
fernen Ziele der Wahrheit nach meiner persönlichen Auffassung am meisten
nähert; ich war dabei stets bemüht, alle drei empirischen Urkunden, die
P a l ä o n t o l o g i e, O n t o g e n i e und M o r p h o l o g i e (oder vergleichende
Anatomie), möglichst gleichmäßig und im Zusammenhange zu benutzen. Sicher
werden die hier gegebenen Deszendenz-Hypothesen im einzelnen durch spätere
phylogenetische Forschungen vielfach ergänzt und berichtigt werden; aber eben
so sicher steht für mich die Überzeugung, daß der dort entworfene Stufengang
der menschlichen Stammesgeschichte im großen und ganzen der Wahrheit
entspricht. Denn die h i s t o r i s c h e R e i h e n f o l g e d e r
W i r b e l t i e r v e r s t e i n e r u n g e n entspricht vollständig der
morphologischen Entwickelungsreihe, welche uns die vergleichende Anatomie
und Ontogenie enthüllt: auf die silurischen Fische folgen die devonischen
Lurchfische, die karbonischen Amphibien, die permischen Reptilien und die
mesozoischen Säugetiere; von diesen erscheinen wiederum zunächst in der Trias
die niedersten Formen, die Gabeltiere (Monotremen), dann im Jura die Beuteltiere
(Marsupialien) und darauf in der Kreide die ältesten Zottentiere (Plazentalien). Von
diesen letzteren treten wieder zunächst in der ältesten Tertiärzeit die niedersten
Primatenahnen auf, die Halbaffen, darauf die echten Affen, und zwar von den
Catarrhinen zuerst die Hundsaffen (Cynopitheken), später die Menschenaffen
(Anthropomorphen); aus einem Zweige dieser letzteren ist während der Pliozänzeit
der sprachlose A f f e n m e n s c h entstanden (Pithecanthropus alalus), und aus
diesem endlich der sprechende Mensch.
Viel schwieriger und unsicherer als diese Kette unserer W i r b e l t i e r - A h n e n
ist diejenige der vorhergehenden wirbellosen Ahnen zu erforschen; denn von
ihren weichen skelettlosen Körpern kennen wir keine versteinerten Überreste; die Paläontologie kann uns hier keinerlei Zeugnis liefern. Um so wichtiger
werden hier die Urkunden der vergleichenden Anatomie und Ontogenie. Da der
menschliche Keim denselben Chordula-Zustand durchläuft wie der Embryo aller
anderen Wirbeltiere, da er sich ebenso aus zwei Keimblättern einer Gastrula
entwickelt, schließen wir nach dem Biogenetischen Grundgesetze auf die frühere
Existenz entsprechender Ahnenformen (Vermalien, Gastraeaden). Vor allem wichtig
aber ist die fundamentale Tatsache, daß auch der Keim des Menschen, gleich
demjenigen aller anderen Tiere, sich ursprünglich aus einer einfachen Zelle
entwickelt; denn diese S t a m m z e l l e (Cytula) — die »befruchtete Eizelle« —
weist zweifellos auf eine entsprechende einzellige Stammform hin, ein uraltes
P r o t o z o o n.
Für unsere m o n i s t i s c h e P h i l o s o p h i e ist es übrigens zunächst ziemlich
gleichgültig, wie sich im einzelnen die Stufenreihe unserer Vorfahren noch
sicherer feststellen lassen wird. Für sie bleibt als s i c h e r e h i s t o r i s c h e
T a t s a c h e die folgenschwere Erkenntnis bestehen, daß der M e n s c h
z u n ä c h s t v o m A f f e n a b s t a m m t, weiterhin von einer langen Reihe
niederer Wirbeltiere. Die logische Begründung dieses Satzes habe ich schon
1866 im siebenten Buche der »Generellen M o r p h o l o g i e « betont (S. 427):
»Der Satz, daß der Mensch sich aus niederen Wirbeltieren, und zwar zunächst
aus echten Affen, entwickelt hat, ist ein spezieller Deduktionsschluß, der sich
aus dem generellen Induktionsgesetze der Deszendenztheorie mit absoluter
Notwendigkeit ergibt.«
Von größter Bedeutung für die definitive Feststellung und Anerkennung dieses
fundamentalen Satzes sind die p a l ä o n t o l o g i s c h e n E n t d e c k u n g e n
der letzten Dezennien geworden; insbesondere haben uns die überraschenden
Funde von zahlreichen ausgestorbenen Säugetieren der Tertiärzeit in den Stand
gesetzt, die Stammesgeschichte dieser wichtigsten Tierklasse, von den
niedersten, eierlegenden Monotremen bis zum Menschen hinauf, in ihren
Grundzügen klarzulegen. Die vier Hauptgruppen der Z o t t e n t i e r e, die
formenreichen Legionen der Raubtiere, Nagetiere, Huftiere und Herrentiere,
erscheinen durch tiefe Klüfte getrennt, wenn wir nur die heute noch lebenden
Epigonen als Vertreter derselben ins Auge fassen. Diese Klüfte werden aber
vollkommen ausgefüllt und die scharfen Unterschiede der vier Legionen
gänzlich verwischt, wenn wir ihre tertiären, ausgestorbenen Vorfahren
vergleichen, und wenn wir bis in die eozäne Geschichtsdämmerung der ältesten
Tertiärzeit hinabsteigen. Da finden wir die große Unterklasse der Zottentiere, die
heute mehr als 2500 Arten umfaßt, nur durch eine geringe Zahl von kleinen und
unbedeutenden »Urzottentieren« vertreten; und in diesen Prochoriaten erscheinen die Charaktere jener vier divergenten Legionen so gemischt und verwischt, daß
wir sie vernünftigerweise nur als g e m e i n s a m e Vo r f a h r e n derselben
deuten können. Sie besitzen alle im wesentlichen dieselbe Bildung des
Knochengerüstes und dasselbe t y p i s c h e G e b i ß der ursprünglichen
Plazentalien mit 44 Zähnen; sie zeichnen sich alle durch die geringe Größe und
die unvollkommene Bildung ihres Gehirns aus; sie haben alle kurze Beine und
fünfzehige Füße, die mit der flachen Sohle auftreten. Bei manchen dieser
ältesten Zottentiere der Eozänzeit war es anfangs zweifelhaft, ob man sie zu den
Raubtieren oder Nagetieren, zu den Huftieren oder Herrentieren stellen sollte; so
sehr nähern sich hier unten diese vier großen, später so sehr verschiedenen
Legionen der Plazentalien. Unzweifelhaft folgt daraus ihr gemeinsamer
Ursprung aus einer einzigen Stammgruppe. Diese Urzottentiere lebten schon in
der vorhergehenden Kreideperiode und sind wahrscheinlich aus einer Gruppe
von insektenfressenden B e u t e l t i e r e n hervorgegangen.
Die wichtigsten von allen neueren paläontologischen Entdeckungen, welche die
Stammesgeschichte der Zottentiere aufgeklärt haben, betreffen unseren eigenen
Stamm, die Legion der Herrentiere (Primates). Früher waren versteinerte Reste
derselben äußerst selten. Noch C u v i e r, der große Gründer der Paläontologie,
behauptete bis zu seinem Tode (1832), daß es keine Versteinerungen von
Primaten gäbe; zwar hatte er selbst schon den Schädel eines eozänen Halbaffen
(Adapis) beschrieben, ihn aber irrtümlich für ein Huftier gehalten. In den letzten
Dezennien sind aber gut erhaltene, versteinerte Skelette von Halbaffen und
Affen in ziemlicher Zahl entdeckt worden; darunter befinden sich alle die
wichtigen Zwischenglieder, welche eine zusammenhängende Ahnenkette von
den ältesten Halbaffen bis zum Menschen hinauf darstellen.
Der berühmteste und interessanteste von diesen fossilen Funden ist d e r
v e r s t e i n e r t e A f f e n m e n s c h v o n J a v a, welchen der holländische
Militärarzt E u g e n D u b o i s 1891 entdeckt hat, der vielbesprochene
Pithecanthropus erectus. Er ist in der Tat das vielgesuchte »Missing link«, das
angeblich »fehlende Glied« in der Primatenkette, welche sich ununterbrochen
vom niedersten Affen bis zum höchst entwickelten Menschen hinaufzieht. Ich
habe die hohe Bedeutung, welche dieser merkwürdige Fund besitzt, ausführlich
erörtert in dem Vortrage »Über unsere gegenwärtige Kenntnis vom Ursprung des
Menschen«, welchen ich am 26. August 1898 auf dem vierten internationalen
Zoologenkongreß in Cambridge gehalten habe. Der Paläontologe, welcher die
Bedingungen für Bildung und Erhaltung von Versteinerungen kennt, wird die
Entdeckung des Pithecanthropus als einen besonders glücklichen Zufall
betrachten. Denn als Baumbewohner kommen die Affen nach ihrem Tode (wenn sie nicht zufällig ins Wasser fallen) nur selten unter Verhältnisse, welche die
Erhaltung und Versteinerung ihres Knochengerüstes gestatten. Durch den Fund
dieses fossilen Affenmenschen von Java ist also auch von seiten der
P a l ä o n t o l o g i e die »Abstammung des Menschen vom Affen« ebenso klar
und sicher bewiesen, wie es früher schon durch die Urkunden der
v e r g l e i c h e n d e n A n a t o m i e u n d O n t o g e n i e geschehen war; wir
besitzen jetzt in der Tat alle wesentlichen Urkunden unserer Stammesgeschichte.
Z u s a t z (1908). Die dreißig Hauptstufen, die sich gegenwärtig in der
Stammeskette unserer tierischen Vorfahren unterscheiden und auf sechs Strecken
verteilen lassen, habe ich übersichtlich zusammengestellt in meiner Festschrift
über: »Unsere Ahnenreihe (Prognotaxis hominis)«. Jena 1908.
S e c h s t e s K a p i t e l .
Das Wesen der Seele.
Monistische Studien über den Begriff der Psyche. Aufgaben und
Methoden der wissenschaftlichen Psychologie. Psychologische
Metamorphosen.
Die Lebenstätigkeiten, welche man allgemein unter dem Begriffe des
S e e l e n l e b e n s oder der psychischen Funktionen zusammenfaßt, sind unter
allen uns bekannten Erscheinungen einerseits die wichtigsten und
interessantesten, andererseits die verwickeltsten und rätselhaftesten. Da die
Naturerkenntnis selbst ein Teil des Seelenlebens ist, und da mithin auch die
Anthropologie, ebenso wie die Kosmologie, eine richtige Erkenntnis der
» P s y c h e « zur Voraussetzung hat, so kann man die P s y c h o l o g i e, die
wirklich wissenschaftliche Seelenlehre, auch als das Fundament und als die
Voraussetzung aller anderen Wissenschaften ansehen; von der anderen Seite
betrachtet, ist sie wieder ein Teil der Philosophie, oder der Physiologie, oder der
Anthropologie.
Die große Schwierigkeit ihrer naturgemäßen Begründung liegt nun aber darin,
daß die Psychologie wiederum die genaue Kenntnis des menschlichen
Organismus voraussetzt und vor allem des G e h i r n s, als des wichtigsten
O r g a n s des Seelenlebens. Die große Mehrzahl der sogenannten
»Psychologen« besitzt jedoch von diesen anatomischen Grundlagen der Psyche
nur sehr unvollständige oder gar keine Kenntnis, und so erklärt sich die
bedauerliche Tatsache, daß in keiner anderen Wissenschaft so widersprechende
und unhaltbare Vorstellungen über ihren eigenen Begriff und ihre wesentliche
Aufgabe herrschen, wie in der Psychologie. Diese Verwirrung ist in den letzten
Dezennien um so fühlbarer hervorgetreten, je mehr die großartigen Fortschritte
der Anatomie und Physiologie unsere Kenntnis vom Bau und von den
Funktionen des wichtigsten Seelenorgans erweitert haben.
Methoden der Seelenforschung. Nach meiner Überzeugung ist das, was man
die » S e e l e « nennt, in Wahrheit eine N a t u r e r s c h e i n u n g; ich betrachte
daher die Psychologie als einen Zweig der Naturwissenschaft — und zwar der
P h y s i o l o g i e. Demzufolge muß ich von vornherein betonen, daß wir für
dieselbe keine anderen Forschungswege zulassen können als in allen übrigen Naturwissenschaften; d. h. in erster Linie die B e o b a c h t u n g und das
E x p e r i m e n t, in zweiter Linie die E n t w i c k e l u n g s g e s c h i c h t e und in
dritter Linie die theoretische S p e k u l a t i o n, welche durch induktive und
deduktive Schlüsse möglichst dem unbekannten »W e s e n« der Erscheinung
sich zu nähern sucht. Mit Bezug auf seine prinzipielle Beurteilung aber müssen
wir zunächst gerade hier den Gegensatz der dualistischen und der monistischen
Ansicht scharf ins Auge fassen.
Dualistische Psychologie. Die allgemein herrschende Auffassung des
Seelenlebens, welche wir bekämpfen, betrachtet Seele und Leib als zwei
verschiedene » W e s e n «. Diese beiden Wesen können unabhängig voneinander
existieren und sind nicht notwendig aneinander gebunden. Der organische L e i b
ist ein sterbliches m a t e r i e l l e s Wesen, chemisch zusammengesetzt aus
lebendigem Plasma und den von diesem erzeugten Verbindungen. Die S e e l e
hingegen ist ein unsterbliches, i m m a t e r i e l l e s Wesen, ein spirituelles Agens,
dessen rätselhafte Tätigkeit uns völlig unbekannt ist. Diese übliche Auffassung
ist als solche rein spiritualistisch und ihr prinzipielles Gegenteil im gewissen
Sinne materialistisch. Sie ist zugleich transzendent und
s u p r a n a t u r a l i s t i s c h; denn sie behauptet die Existenz von Kräften,
welche ohne materielle Basis existieren und wirksam sind; sie fußt auf der
Annahme, daß außer und über der Natur noch eine »geistige Welt« existiert, eine
immaterielle Welt, von der wir durch Erfahrung nichts wissen und unserer Natur
nach nichts wissen können.
Diese hypothetische »G e i s t e s w e l t«, die von der materiellen Körperwelt
ganz unabhängig sein soll, und auf deren Annahme das ganze künstliche
Gebäude der dualistischen Weltanschauung ruht, ist lediglich ein Produkt der
dichtenden Phantasie; und dasselbe gilt von dem mystischen, eng mit ihr
verknüpften Glauben an die »Unsterblichkeit der Seele«, dessen
wissenschaftliche Unhaltbarkeit wir nachher noch besonders dartun müssen (im
11. Kapitel). Wenn die in diesem Sagenkreise herrschenden
Glaubensvorstellungen wirklich begründet wären, so müßten die betreffenden
Erscheinungen n i c h t d e m S u b s t a n z g e s e t z e unterworfen sein; diese
einzige Ausnahme von dem höchsten kosmologischen Grundgesetze müßte aber
erst sehr spät im Laufe der organischen Erdgeschichte eingetreten sein, da sie
nur die »Seele« des Menschen und der höheren Tiere betrifft. Auch das Dogma
des »freien Willens«, ein anderes wesentliches Stück der dualistischen
Psychologie, ist mit dem Substanzgesetze ganz unvereinbar.
Monistische Psychologie. Unsere natürliche Auffassung des Seelenlebens
erblickt dagegen in ihm eine Summe von Lebenserscheinungen, welche gleich allen anderen an ein bestimmtes materielles Substrat gebunden sind. Wir wollen
diese materielle Basis aller psychischen Tätigkeit, ohne welche dieselbe nicht
denkbar ist, vorläufig als P s y c h o p l a s m a bezeichnen, und zwar deshalb,
weil sie durch die chemische Analyse überall als ein Körper nachgewiesen ist,
welcher zur Gruppe der P l a s m a k ö r p e r gehört, d. h. jener eiweißartigen
Kohlenstoff-Verbindungen, welche sämtlichen Lebensvorgängen zugrunde
liegen. Bei den höheren Tieren, welche ein Nervensystem und Sinnesorgane
besitzen, ist aus dem P s y c h o p l a s m a durch Differenzierung das
N e u r o p l a s m a, die Nervensubstanz, entstanden. Unsere Auffassung ist in
d i e s e m Sinne m a t e r i a l i s t i s c h. Sie ist aber zugleich e m p i r i s t i s c h
und n a t u r a l i s t i s c h; denn unsere wissenschaftliche Erfahrung hat uns noch
keine Kräfte kennen gelehrt, welche der materiellen Grundlage entbehren, und
keine »geistige Welt«, welche außer der Natur und über der Natur stünde.
Gleich allen anderen Naturerscheinungen sind auch diejenigen des Seelenlebens
dem alles beherrschenden S u b s t a n z g e s e t z e unterworfen; es gibt auch in
diesem Gebiete keine Ausnahme von diesem höchsten kosmologischen
Grundgesetze. Die Erscheinungen des niederen Seelenlebens bei den einzelligen
Protisten und bei den Pflanzen — aber ebenso auch bei den niederen Tieren —,
ihre Reizbarkeit, ihre Reflexbewegungen, ihre Empfindlichkeit und ihr Streben
nach Selbsterhaltung beruhen auf physiologischen Vorgängen im P l a s m a ihrer
Zellen, auf physikalischen und chemischen Veränderungen, welche teils auf
Ve r e r b u n g, teils auf A n p a s s u n g zurückzuführen sind. Aber ganz dasselbe
müssen wir auch für die höheren Seelentätigkeiten der höheren Tiere und des
Menschen behaupten, für die Bildung der Vorstellungen und Begriffe, für die
wunderbaren Phänomene der Vernunft und des Bewußtseins; denn diese haben
sich phylogenetisch aus jenen entwickelt, und nur der höhere Grad der
Zentralisation, durch innige und mannigfaltige Verbindung der einzelnen
Funktionen, erhebt sie zu dieser erstaunlichen Höhe.
Begriffe der Psychologie. In jeder Wissenschaft gilt mit Recht als erste Aufgabe
die klare B e g r i f f s b e s t i m m u n g des Gegenstandes, den sie zu erforschen
hat. In keiner Wissenschaft aber ist die Lösung dieser ersten Aufgabe so
schwierig als in der Seelenlehre, und diese Tatsache ist um so merkwürdiger, als
die L o g i k, die Lehre von der Begriffsbildung, selbst nur ein Teil der
Psychologie ist. Wenn wir alles vergleichen, was über die Grundbegriffe der
Seelenkunde von den angesehensten Philosophen und Naturforschern aller
Zeiten gesagt worden ist, so ersticken wir in einem Chaos der
widersprechendsten Ansichten. Was ist denn eigentlich die »S e e l e«? Wie
verhält sie sich zum »G e i s t«? Welche Bedeutung hat eigentlich das »B e w u ß t s e i n«? Wie unterscheiden sich »E m p f i n d u n g« und
»G e f ü h l«? Was ist der »I n s t i n k t«? Wie verhält sich der »f r e i e W i l l e«?
Was ist »Vo r s t e l l u n g«? Welcher Unterschied besteht zwischen
»Ve r s t a n d und Ve r n u n f t«? Und was ist eigentlich »G e m ü t«? Welche
Beziehung besteht zwischen allen diesen »Seelenerscheinungen und dem
K ö r p e r«? Die Antworten auf diese und viele andere, sich daran
anschließenden Fragen lauten so verschieden als möglich; nicht allein gehen die
Ansichten der angesehensten Autoritäten darüber weit auseinander, sondern auch
eine und dieselbe w i s s e n s c h a f t l i c h e Autorität hat oft im Laufe ihrer
eigenen psychologischen Entwickelung ihre Ansichten völlig verändert. Sicher
hat diese »p s y c h o l o g i s c h e Metamorphose« vieler Denker (die wir noch
am Schlusse dieses 6. Kapitels beleuchten wollen) nicht wenig zu der
k o l o s s a l e n K o n f u s i o n d e r B e g r i f f e beigetragen, welche in der
Seelenlehre mehr als in jedem anderen Gebiete der Erkenntnis herrscht.
Objektive und subjektive Psychologie. Die ganz eigentümliche Natur vieler
Seelenerscheinungen, und vor allem des Bewußtseins bedingt gewisse
Abänderungen und Modifikationen unserer naturwissenschaftlichen
Untersuchungsmethoden. Besonders wichtig ist hier der Umstand, daß zu der
gewöhnlichen, o b j e k t i v e n, ä u ß e r n Beobachtung noch die
i n t r o s p e k t i v e M e t h o d e treten muß, die s u b j e k t i v e, i n n e r e
Beobachtung, welche die Spiegelung unseres »Ich« im Bewußtsein bedingt. Von
dieser »unmittelbaren Gewißheit des Ich« gingen die meisten Psychologen aus:
»C o g i t o , e r g o s u m ! « »I c h d e n k e , a l s o b i n i c h.« Wir werden daher
zunächst auf diesen Erkenntnisweg und dann erst auf die anderen, ihn
ergänzenden Methoden einen Blick werfen.
Introspektive Psychologie (Selbstbeobachtung der Seele). Der weitaus größte
Teil aller derjenigen Kenntnisse, welche seit Jahrtausenden in unzähligen
Schriften über das menschliche Seelenleben niedergelegt sind, beruht auf
introspektiver Seelenforschung, d. h. auf S e l b s t b e o b a c h t u n g, und auf
Schlüssen, welche wir aus der Assozion und Kritik dieser subjektiven, »inneren
Erfahrungen« ziehen. Für einen wichtigen Teil der Seelenlehre ist dieser
introspektive Weg überhaupt der einzig mögliche, vor allem für die Erforschung
des B e w u ß t s e i n s; diese Gehirnfunktion nimmt daher eine ganz
eigentümliche Stellung ein und ist mehr als jede andere die Quelle unzähliger
philosophischer Irrtümer geworden (vergl. Kap. 10). Es ist aber ganz
ungenügend und führt zu ganz unvollkommenen und falschen Vorstellungen,
wenn man diese Selbstbeobachtung unseres Geistes als die wichtigste oder
überhaupt als die einzige Quelle seiner Erkenntnis betrachtet, wie es von zahlreichen und angesehenen Philosophen geschehen ist. Denn ein großer Teil
der wichtigsten Erscheinungen im Seelenleben, vor allem die
S i n n e s f u n k t i o n e n (Sehen, Hören, Riechen usw.), ferner die S p r a c h e,
kann nur auf demselben Wege erforscht werden wie jede andere Lebenstätigkeit
des Organismus, nämlich erstens durch gründliche anatomische Untersuchung
ihrer O r g a n e, und zweitens durch exakte physiologische Analyse der davon
abhängigen F u n k t i o n e n. Um diese »äußere Beobachtung« der
Seelentätigkeit auszuführen und dadurch die Ergebnisse der »inneren
Beobachtung« zu ergänzen, bedarf es aber gründlicher Kenntnisse in Anatomie
und Histologie, Ontogenie und Physiologie des Menschen. Von diesen
unentbehrlichen Grundlagen der Anthropologie haben nun die meisten
sogenannten »P s y c h o l o g e n« gar keine oder nur höchst unvollkommene
Kenntnis; sie sind daher nicht imstande, auch nur von ihrer eigenen Seele eine
genügende Vorstellung zu erwerben. Dazu kommt noch der schlimme Umstand,
daß die eigene Seele dieser Psychologen gewöhnlich die einseitig ausgebildete
(wenn auch in ihrem spekulativen Sport sehr hoch entwickelte!) Psyche eines
K u l t u r m e n s c h e n höchster Rasse darstellt, also das letzte E n d g l i e d
einer langen phyletischen Entwickelungsreihe, deren zahlreiche ältere und
niedere Vorläufer für ihr richtiges Verständnis unentbehrlich sind. So erklärt es
sich, daß der größte Teil der gewaltigen psychologischen Literatur heute
wertlose Makulatur ist. Die introspektive Methode ist gewiß höchst wertvoll und
unentbehrlich, sie bedarf aber durchaus der Mitwirkung und Ergänzung durch
die übrigen Methoden.
Exakte Psychologie. Je reicher im Laufe des 19. Jahrhunderts sich die
verschiedenen Zweige des menschlichen Erkenntnisbaumes entwickelt, je mehr
sich die verschiedenen Methoden der einzelnen Wissenschaften vervollkommnet
haben, desto mehr ist das Bestreben gewachsen, dieselben e x a k t zu gestalten,
d. h. die Erscheinungen möglichst g e n a u empirisch zu untersuchen und die
daraus abzuleitenden Gesetze tunlichst scharf, womöglich m a t h e m a t i s c h zu
formulieren. Letzteres ist aber nur bei einem kleinen Teile des menschlichen
Wissens erreichbar, vorzüglich in jenen Wissenschaften, bei denen es sich in der
Hauptsache um meßbare Größenbestimmungen handelt: in erster Linie der
Mathematik, sodann der Astronomie, der Mechanik, überhaupt einem großen
Teile der Physik und Chemie. Diese Wissenschaften werden daher auch als
e x a k t e D i s z i p l i n e n im engeren Sinne bezeichnet. Dagegen ist es nicht
richtig und führt nur irre, wenn man oft a l l e Naturwissenschaften als »exakte«
betrachtet und anderen, namentlich den historischen und den
»Geisteswissenschaften« gegenüberstellt. Denn ebensowenig als diese letzteren
kann auch der größere Teil der Naturwissenschaft wirklich exakt behandelt werden; ganz besonders gilt dies von der Biologie und in dieser wieder von der
Psychologie. Da diese letztere nur ein Teil der Physiologie ist, muß sie im
allgemeinen deren fundamentale Erkenntniswege teilen. Sie muß die
tatsächlichen Erscheinungen des Seelenlebens möglichst genau e m p i r i s c h
ergründen, durch Beobachtung und durch Experiment; und sie muß dann die
Gesetze der Psyche aus diesen durch induktive und deduktive Schlüsse ableiten
und möglichst scharf formulieren. Allein ihre m a t h e m a t i s c h e
Formulierung ist aus leicht begreiflichen Gründen nur sehr selten möglich; sie ist
mit großem Erfolge nur bei einem Teile der Sinnesphysiologie ausgeführt; für
den weitaus größten Teil der Gehirnphysiologie ist sie dagegen nicht anwendbar.
Psychophysik. Ein kleiner Teil der Psychologie, welcher der erstrebten
»exakten« Untersuchung zugänglich erscheint, ist seit Jahren mit großer Sorgfalt
studiert und zum Range einer besonderen Disziplin erhoben worden unter der
Bezeichnung P s y c h o p h y s i k. Die Begründer derselben, die Physiologen
T h e o d o r F e c h n e r und E r n s t H e i n r i c h W e b e r, untersuchten
zunächst genau die Abhängigkeit der Empfindungen von den äußeren, auf die
Sinnesorgane wirkenden Reizen und besonders das quantitative Verhältnis
zwischen Reizstärke und Empfindungsintensität. Sie fanden, daß zur Erregung
einer Empfindung eine bestimmte minimale Reizstärke erforderlich ist (die
»Reizschwelle«), und daß ein gegebener Reiz immer um einen gewissen Betrag
(die »Unterschiedsschwelle«) geändert werden muß, ehe die Empfindung sich
merklich verändert. Für die wichtigsten Sinnesempfindungen (Gesicht, Gehör,
Druckempfindung) gilt das Gesetz, daß ihre Änderung derjenigen der Reizstärke
proportional ist. Aus diesem empirischen »Weberschen Gesetz« leitete
F e c h n e r sein »psycho-physisches Grundgesetz« ab, wonach die
Empfindungsintensitäten in arithmetischer Progression wachsen sollen, hingegen
die Reizstärken in geometrischer Progression. Indessen haben spätere Forscher
gezeigt, daß dieses Fechnersche Gesetz exakt nur für mittlere Intensitäten gilt,
also nicht die allgemeine Bedeutung hat, die man ihm früher zuschrieb.
Vergleichende Psychologie. Die auffällige Ähnlichkeit, welche im Seelenleben
des Menschen und der höheren Tiere — besonders der nächstverwandten
Säugetiere — besteht, ist eine altbekannte Tatsache. Die meisten Naturvölker
machen noch heute zwischen beiden psychischen Erscheinungsreihen keinen
wesentlichen Unterschied, wie schon die allgemein verbreiteten Tierfabeln, die
alten Sagen und die Vorstellungen von der Seelenwanderung beweisen. Auch die
meisten Philosophen des klassischen Altertums waren davon überzeugt und
entdeckten zwischen der menschlichen und tierischen Psyche keine wesentlichen
Unterschiede. Selbst P l a t o, der zuerst den fundamentalen Unterschied von Leib und Seele behauptete, ließ in seiner Seelenwanderung eine und dieselbe
Seele (oder »Idee«) durch verschiedene Tier- und Menschenleiber
hindurchwandern. Erst das Christentum, das den Unsterblichkeitsglauben auf das
engste mit dem Gottesglauben verknüpfte, führte die prinzipielle Scheidung
zwischen der unsterblichen Menschenseele und der sterblichen Tierseele durch.
In der dualistischen Philosophie gelangte sie vor allem durch den Einfluß von
D e s c a r t e s (1643) zur Geltung; er behauptete, daß nur der Mensch eine wahre
»Seele« und somit Empfindung und freien Willen besitze, daß hingegen die
Tiere Automaten, Maschinen ohne Willen und Empfindung seien. Seitdem
wurde von den meisten Psychologen — namentlich auch von K a n t — das
Seelenleben der Tiere ganz vernachlässigt und das psychologische Studium auf
den Menschen beschränkt; die menschliche, meistens rein introspektive
Psychologie entbehrte der befruchtenden Vergleichung und blieb daher auf
demselben niederen Standpunkt stehen, welchen die menschliche Morphologie
einnahm, ehe sie C u v i e r durch die Begründung der vergleichenden Anatomie
zur Höhe einer philosophischen Naturwissenschaft erhob.
Tierpsychologie. Das wissenschaftliche Interesse für das Seelenleben der Tiere
wurde erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts neu belebt, im
Zusammenhang mit den Fortschritten der systematischen Zoologie und
Physiologie. Besonders anregend wirkte die Schrift von R e i m a r u s:
Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere (Hamburg 1760). Eine
tiefere wissenschaftliche Erforschung wurde erst möglich durch J o h a n n e s
M ü l l e r s Reform der Physiologie. Dieser geistvolle Biologe, das ganze Gebiet
der organischen Natur, Morphologie und Physiologie, gleichmäßig umfassend,
führte zuerst die e x a k t e n M e t h o d e n der Beobachtung und des Versuchs
im gesamten Gebiete der Physiologie durch und verknüpfte sie zugleich in
genialer Weise mit den v e r g l e i c h e n d e n M e t h o d e n; er wendete sie
ebenso auf das Seelenleben im weitesten Sinne an (auf Sprache, Sinne,
Gehirntätigkeit) wie auf alle übrigen Lebenserscheinungen. Das sechste Buch
seines »Handbuchs der Physiologie des Menschen« (1840) handelt speziell
»Vom Seelenleben« und enthält auf 80 Seiten eine Fülle der wichtigsten
psychologischen Betrachtungen.
Völkerpsychologie. Für die fruchtbare Ausbildung der vergleichenden
Seelenlehre ist es höchst wichtig, die kritische Vergleichung nicht auf Tier und
Mensch im allgemeinen zu beschränken, sondern auch die mannigfaltigen
A b s t u f u n g e n in ihrem Seelenleben nebeneinander zu stellen. Erst dadurch
gelangen wir zur klaren Erkenntnis der langen S t u f e n l e i t e r psychischer
Entwickelung, welche ununterbrochen von den niedersten, einzelligen Lebensformen bis zu den Säugetieren und an deren Spitze bis zum Menschen
hinauf führt. Auch innerhalb des Menschengeschlechts selbst sind jene
Abstufungen sehr beträchtlich und die Verzweigungen des
»Seelenstammbaums« höchst mannigfaltig. Der psychische Unterschied
zwischen dem rohesten Naturmenschen der niedersten Stufe und dem
vollkommensten Kulturmenschen der höchsten Stufe ist kolossal, viel größer, als
gemeinhin angenommen wird. In der richtigen Erkenntnis dieser Tatsache hat
besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die »A n t h r o p o l o g i e
d e r N a t u r v ö l k e r« (W a i t z) einen lebhaften Aufschwung genommen und
die vergleichende Ethnographie eine hohe Bedeutung für die Psychologie
gewonnen. Leider ist nur das massenhaft gesammelte Rohmaterial dieser
Wissenschaft noch nicht genügend kritisch durchgearbeitet.
Ontogenetische Psychologie. Am meisten vernachlässigt und am wenigsten
angewendet unter allen Methoden der Seelenforschung war bis auf die letzte Zeit
die E n t w i c k e l u n g s g e s c h i c h t e d e r S e e l e; und doch ist gerade
dieser selten betretene Pfad derjenige, der uns am kürzesten und sichersten durch
den dunklen Urwald der psychologischen Vorurteile, Dogmen und Irrtümer zu
der klaren Einsicht in viele der wichtigsten »Seelenfragen« führt. Wie in jedem
anderen Gebiete der organischen Entwickelungsgeschichte, so stelle ich auch
hier zunächst die beiden Hauptzweige derselben gegenüber, die ich zuerst 1866
unterschieden habe: die Keimesgeschichte (Ontogenie) und die
Stammesgeschichte (Phylogenie). Die K e i m e s g e s c h i c h t e d e r S e e l e
untersucht die allmähliche und stufenweise Entwickelung der Seele in der
einzelnen Person und strebt nach Erkenntnis der Gesetze, welche sie ursächlich
bedingen. Für einen wichtigen Abschnitt des menschlichen Seelenlebens ist hier
schon seit Jahrtausenden sehr viel geschehen; denn die rationelle P ä d a g o g i k
mußte sich ja schon frühzeitig die Aufgabe stellen, theoretisch die stufenweise
Entwickelung und Bildungsfähigkeit der kindlichen Seele kennen zu lernen,
deren harmonische Ausbildung und Leitung sie praktisch durchzuführen hatte.
Allein die meisten Pädagogen waren idealistische und dualistische Philosophen
und gingen daher an ihre Aufgabe von vornherein mit den althergebrachten
Vorurteilen der spiritualistischen Psychologie. Erst seit wenigen Dezennien ist
dieser dogmatischen Richtung gegenüber auch in der Schule die
naturwissenschaftliche Methode zu größerer Geltung gelangt; man bemüht sich
jetzt mehr, auch in der Beurteilung der Kindesseele die Grundsätze der
Entwickelungslehre zur Anwendung zu bringen. Das individuelle Rohmaterial
der kindlichen Seele ist ja bereits durch Ve r e r b u n g von Eltern und Voreltern
von vornherein gegeben; die Erziehung hat die schöne Aufgabe, dasselbe durch
intellektuelle Belehrung und moralische Erziehung, also durch A n p a s s u n g, zur reichen Blüte zu entwickeln. Für die Kenntnis unserer frühesten psychischen
Entwickelung hat erst W i l h e l m P r e y e r (1882) den Grund gelegt in seiner
interessanten Schrift »Die Seele des Kindes, Beobachtungen über die geistige
Entwickelung des Menschen in den ersten Lebensjahren«. Für die Erkenntnis der
späteren Stufen und Metamorphosen der individuellen Psyche bleibt noch sehr
viel zu tun; die richtige, kritische Anwendung des Biogenetischen Grundgesetzes
beginnt auch hier sich als klarer Leitstern des wissenschaftlichen Verständnisses
zu bewähren. (Vergl. H e r m a n n K r o e l l, Der Aufbau der menschlichen
Seele, 1900.)
Phylogenetische Psychologie. Eine neue, fruchtbare Periode höherer
Entwickelung begann für die Psychologie, wie für alle anderen biologischen
Wissenschaften, als C h a r l e s D a r w i n die Grundsätze der
Entwickelungslehre auf sie anwendete. Das siebente Kapitel seines
epochemachenden Werkes über die Entstehung der Arten (1859) ist dem
I n s t i n k t gewidmet; es enthält den wertvollen Nachweis, daß die Instinkte der
Tiere, gleich allen anderen Lebenstätigkeiten, den allgemeinen Gesetzen der
historischen Entwickelung unterliegen. Die speziellen Instinkte der einzelnen
Tierarten werden durch A n p a s s u n g umgebildet, und diese »erworbenen
Abänderungen« werden durch Ve r e r b u n g auf die Nachkommen übertragen;
bei ihrer Erhaltung und Ausbildung spielt die natürliche S e l e k t i o n durch den
»Kampf ums Dasein« ebenso eine züchtende Rolle wie bei der Transformation
jeder anderen physiologischen Tätigkeit. Später hat D a r w i n in mehreren
Werken diese fundamentale Ansicht weiter ausgeführt und gezeigt, daß
dieselben Gesetze »geistiger Entwickelung« durch die ganze organische Welt
hindurch walten, beim Menschen ebenso wie bei den Tieren und bei diesen
ebenso wie bei den Pflanzen. D i e E i n h e i t d e r o r g a n i s c h e n W e l t,
die sich aus ihrem gemeinsamen Ursprung erklärt, gilt also auch für das gesamte
Gebiet des Seelenlebens, vom einfachsten, einzelligen Organismus bis hinauf
zum Menschen.
Die weitere Ausführung von D a r w i n s Psychologie und ihre besondere
Anwendung auf alle einzelnen Gebiete des Seelenlebens verdanken wir einem
ausgezeichneten englischen Naturforscher, G e o r g e R o m a n e s. Leider
wurde er durch seinen allzu frühen Tod an der Vollendung des großen Werkes
gehindert, welches alle Teile der vergleichenden Seelenkunde gleichmäßig im
Sinne der monistischen Entwickelungslehre ausbauen sollte. Die beiden Teile
dieses Werkes, welche erschienen sind, gehören zu den wertvollsten
Erzeugnissen der gesamten psychologischen Literatur. Denn getreu den
Prinzipien unserer modernen monistischen Naturforschung sind darin erstens die wichtigsten T a t s a c h e n zusammengefaßt und geordnet, welche seit
Jahrtausenden durch Beobachtung und Experiment auf dem Gebiete der
vergleichenden Seelenlehre empirisch festgestellt wurden; zweitens sind dieselbe
mit o b j e k t i v e r K r i t i k geprüft und zweckmäßig gruppiert; und drittens
ergeben sich daraus diejenigen Ve r n u n f t s c h l ü s s e über die wichtigsten
allgemeinen Fragen der Psychologie, welche allein mit den Grundsätzen unserer
modernen monistischen Weltanschauung vereinbar sind. Der erste Band von
R o m a n e s' Werk (Leipzig 1885) führt den Titel: »Die geistige Entwickelung
im Tierreich« und stellt die ganze lange Stufenreihe der psychischen
Entwickelung im Tierreiche von den einfachsten Empfindungen und Instinkten
der niedersten Tiere bis zu den vollkommensten Erscheinungen des Bewußtseins
und der Vernunft bei den höchststehenden Tieren im natürlichen Zusammenhang
dar. Es sind darin auch viele Mitteilungen aus hinterlassenen Manuskripten
»über den Instinkt« von Darwin mitgeteilt, und zugleich ist eine »vollständige
Sammlung von allem, was er auf dem Gebiete der Psychologie geschrieben hat«,
gegeben.
Der zweite Teil von R o m a n e s' Werk behandelt »die geistige Entwickelung
beim Menschen und den Ursprung der menschlichen Befähigung« (Leipzig
1893). Der scharfsinnige Psychologe führt darin den überzeugenden Beweis,
»d a ß d i e p s y c h o l o g i s c h e S c h r a n k e z w i s c h e n T i e r u n d
M e n s c h ü b e r w u n d e n i s t«; das begriffliche Denken und
Abstraktionsvermögen des Menschen hat sich allmählich aus den nicht
begrifflichen Vorstufen des Denkens und Vorstellens bei den nächstverwandten
Säugetieren entwickelt. Die höchsten Geistestätigkeiten des Menschen,
Ve r n u n f t, S p r a c h e u n d B e w u ß t s e i n, sind aus den niederen
Vorstufen derselben in der Reihe der P r i m a t e n a h n e n (Affen und Halbaffen)
hervorgegangen. Der Mensch besitzt keine einzige »Geistestätigkeit«, welche
ihm ausschließlich eigentümlich ist; sein ganzes Seelenleben ist von demjenigen
der nächstverwandten Säugetiere nur dem G r a d e, nicht der A r t nach, nur
quantitativ, nicht qualitativ verschieden.
Psychologische Metamorphosen. Nicht unerwähnt soll eine merkwürdige
Erscheinung bleiben, die uns manche bedeutende Naturforscher und Philosophen
wahrzunehmen Gelegenheit gaben. Sie besteht in einem eigentümlichen
philosophischen Prinzipienwechsel, in der Vertauschung des ursprünglichen
m o n i s t i s c h e n Standpunktes mit einem späteren d u a l i s t i s c h e n. Das
interessanteste Beispiel solcher Verwandlung liefert I m m a n u e l K a n t. Als
kritischer Philosoph war er zur Überzeugung gelangt, daß die drei
G r o ß m ä c h t e d e s M y s t i z i s m u s: »Gott, Freiheit und Unsterblichkeit« — als Dogmen der »r e i n e n Vernunft« — unhaltbar erscheinen. Der
d o g m a t i s c h e K a n t dagegen fand später, daß diese drei Hauptgespenster
»Postulate der p r a k t i s c h e n Vernunft« und als solche unentbehrlich seien. Je
mehr neuerdings die angesehene Schule der N e o k a n t i a n e r den »Rückgang
auf K a n t« als einzige Rettung aus dem entsetzlichen Wirrwarr der modernen
Metaphysik predigt, desto klarer offenbart sich der unleugbare und unheilvolle
Widerspruch der beiden Grundanschauungen, zwischen denen K a n t hin und her
schwankte.
In Deutschland gilt gegenwärtig als einer der bedeutendsten Psychologen
W i l h e l m W u n d t in Leipzig; er besitzt vor den meisten anderen
Philosophen den unschätzbaren Vorzug einer gründlichen z o o l o g i s c h e n,
a n a t o m i s c h e n und p h y s i o l o g i s c h e n Bildung. Früher Assistent und
Schüler von H e l m h o l t z, hatte sich W u n d t frühzeitig daran gewöhnt, die
Grundgesetze der Physik und Chemie im gesamten Gebiete der Physiologie
geltend zu machen, also auch (im Sinne von J o h a n n e s M ü l l e r) in der
Psychologie, als einem Teilgebiete der letzteren. Von diesen Gesichtspunkten
geleitet, veröffentlichte W u n d t 1863 wertvolle »Vorlesungen über die
Menschen- und Tierseele«. Er liefert darin, wie er selbst in der Vorrede sagt, den
N a c h w e i s, daß der Schauplatz der wichtigsten Seelenvorgänge in der
u n b e w u ß t e n S e e l e liegt, und er eröffnet uns »einen Einblick in jenen
M e c h a n i s m u s, der im unbewußten Hintergrund der Seele die Anregungen
verarbeitet, die aus den äußeren Eindrücken stammen«. Was mir aber besonders
wichtig und wertvoll an W u n d t s Werk erscheint, ist, daß er »hier zum ersten
Male das G e s e t z d e r E r h a l t u n g d e r K r a f t a u f d a s
p s y c h i s c h e G e b i e t a u s d e h n t und dabei eine Reihe von Tatsachen der
Elektrophysiologie zur Beweisführung benutzt« (a. a. O. S. VIII).
Dreißig Jahre später veröffentlichte W u n d t (1892) eine zweite, wesentlich
verkürzte und gänzlich umgearbeitete Auflage seiner »Vorlesungen über die
Menschen- und Tierseele«. Die wichtigsten Prinzipien der ersten Auflage sind in
dieser zweiten völlig aufgegeben, und der m o n i s t i s c h e Standpunkt der
ersteren ist mit einem rein d u a l i s t i s c h e n vertauscht. W u n d t selbst sagt in
der Vorrede zur zweiten Auflage, daß er sich erst allmählich von den
fundamentalen Irrtümern der ersten befreit habe, und daß er »diese Arbeit schon
seit Jahren als eine J u g e n d s ü n d e betrachten lernte«; sie »lastete auf ihm als
eine Art S c h u l d, der er, so gut es gehen mochte, ledig zu werden wünschte«.
In der Tat sind die wichtigsten Grundanschauungen der Seelenlehre in den
beiden Auflagen von W u n d t s weit verbreiteten »Vorlesungen« völlig
entgegengesetzte; in der ersten Auflage rein monistisch und materialistisch, in der zweiten Auflage rein dualistisch und spiritualistisch. Dort wird die
P s y c h o l o g i e als N a t u r w i s s e n s c h a f t behandelt, nach denselben
Grundsätzen wie die gesamte Physiologie, von der sie nur ein Teil ist; dreißig
Jahre später ist für ihn die Seelenlehre eine reine G e i s t e s w i s s e n s c h a f t
geworden, deren Prinzipien und Objekte von denjenigen der Naturwissenschaft
völlig verschieden sind. Den schärfsten Ausdruck findet diese Bekehrung in
seinem Prinzip des p s y c h o p h y s i s c h e n P a r a l l e l i s m u s, wonach zwar
einem »jeden psychischen Geschehen irgendwelche physische Vorgänge
entsprechen«, beide aber völlig unabhängig voneinander sind und n i c h t i n
n a t ü r l i c h e m K a u s a l z u s a m m e n h a n g s t e h e n. Dieser
vollkommene D u a l i s m u s von Leib und Seele, von Natur und Geist hat
begreiflicherweise den lebhaften Beifall der herrschenden Schulphilosophie
gefunden und wird von ihr als ein bedeutungsvoller Fortschritt gepriesen, um so
mehr, als er von einem angesehenen Naturforscher bekannt wird, der früher die
entgegengesetzten Anschauungen unseres modernen M o n i s m u s vertrat. Da
ich selbst auf diesem letzteren, »beschränkten« Standpunkt seit mehr als fünfzig
Jahren stehe und mich trotz aller bestgemeinten Anstrengungen nicht von ihm
habe losmachen können, muß ich natürlich die »Jugendsünden« des jungen
Physiologen W u n d t für die richtige Naturerkenntnis halten und sie gegen die
entgegengesetzten Grundanschauungen des alten Philosophen W u n d t
energisch verteidigen.
Ein interessantes Beispiel ähnlicher tiefgehender Wandlung bieten zwei der
berühmtesten Naturforscher, R. V i r c h o w und E. D u B o i s - R e y m o n d;
die Metamorphose ihrer psychologischen Grundanschauungen darf um so
weniger übersehen werden, als beide Berliner Biologen mehr als 40 Jahre
hindurch an der größten Universität Deutschlands eine höchst bedeutende Rolle
gespielt und sowohl direkt wie indirekt einen tiefgreifenden Einfluß auf das
moderne Geistesleben geübt haben. R u d o l f V i r c h o w, der verdienstvolle
Begründer der Zellularpathologie, war in der besten Zeit seiner
wissenschaftlichen Tätigkeit, um die Mitte des 19. Jahrhunderts (und besonders
während seines Würzburger Aufenthalts, von 1849 1856) reiner M o n i s t; er
galt damals als einer der hervorragendsten Vertreter jenes neu erwachenden
»M a t e r i a l i s m u s«, der im Jahre 1855 besonders durch zwei berühmte, fast
gleichzeitig erschienene Werke eingeführt wurde: L u d w i g B ü c h n e r s Kraft
und Stoff, und C a r l Vo g t s Köhlerglaube und Wissenschaft. Seine
allgemeinen biologischen Anschauungen von den Lebensvorgängen im
Menschen — sämtlich als mechanische Naturerscheinungen aufgefaßt! — legte
damals V i r c h o w in einer Reihe ausgezeichneter Artikel in den ersten Bänden
des von ihm herausgegebenen Archivs für pathologische Anatomie nieder. Wohl die bedeutendste unter diesen Abhandlungen und diejenige, in der er seine
damalige m o n i s t i s c h e W e l t a n s c h a u u n g am klarsten zusammenfaßte,
ist die Rede über »Die Einheitsbestrebungen in der wissenschaftlichen Medizin«
(1849). Es geschah gewiß mit Bedacht und mit der Überzeugung ihres
philosophischen Wertes, daß V i r c h o w 1856 dieses »medizinische
Glaubensbekenntnis« an die Spitze seiner »Gesammelten Abhandlungen zur
wissenschaftlichen Medizin« stellte. Er vertritt darin ebenso klar als bestimmt
die fundamentalen Prinzipien unseres heutigen Monismus, wie ich sie hier mit
bezug auf die Lösung der »Welträtsel« darstelle; er verteidigt die alleinige
Berechtigung der Erfahrungswissenschaft, deren einzige zuverlässige Quellen
Sinnestätigkeit und Gehirnfunktion sind; er bekämpft ebenso entschieden den
anthropologischen Dualismus, jede sogenannte Offenbarung und jede
»Transzendenz« mit ihren zwei Wegen: »Glauben und Anthropomorphismus«.
Vor allem betont er den monistischen Charakter der Anthropologie, den
untrennbaren Zusammenhang von Geist und Körper, von Kraft und Materie; am
Schlusse seines Vorworts spricht er (S. 4) den Satz aus: »Ich habe die
Überzeugung, daß ich mich niemals in der Lage befinden werde, den Satz von
der E i n h e i t d e s m e n s c h l i c h e n W e s e n s und seine Konsequenzen zu
verleugnen.« Leider war diese »Überzeugung« ein schwerer Irrtum; denn 28
Jahre später vertrat Virchow ganz entgegengesetzte prinzipielle Anschauungen;
es geschah dies in jener vielbesprochenen Rede über »Die Freiheit der
Wissenschaft im modernen Staate«, die er 1877 auf der
Naturforscherversammlung in München hielt, und deren Angriffe ich in meiner
Schrift »Freie Wissenschaft und freie Lehre« (1878) zurückgewiesen habe.
Ähnliche Widersprüche in bezug auf die wichtigsten philosophischen
Grundsätze wie V i r c h o w hat auch E m i l D u B o i s - R e y m o n d gezeigt
und damit den lauten Beifall der dualistischen Schulen und vor allem der Ecclesia
militans errungen. Je mehr dieser berühmte Rhetor der Berliner Akademie im
allgemeinen die Grundsätze unseres Monismus vertrat, je mehr er selbst zur
Widerlegung des Vitalismus und der transzendenten Lebensauffassung
beigetragen hatte, desto lauter war das Triumphgeschrei der Gegner, als er 1872
in seiner wirkungsvollen I g n o r a b i m u s - R e d e das »Bewußtsein« als ein
unlösbares Welträtsel hingestellt und als eine übernatürliche Erscheinung den
anderen Gehirnfunktionen gegenübergestellt hatte.
Der totale philosophische Prinzipienwechsel, der uns in den »psychologischen
Metamorphosen« dieser und anderer berühmter Denker entgegentritt, ist sehr
merkwürdig. In ihrer Jugend umfassen diese kühnen und talentvollen
Naturforscher das ganze Gebiet ihrer biologischen Forschung mit weitem Blick und streben eifrig nach einem einheitlichen, natürlichen Erkenntnisgrunde; in
ihrem Alter haben sie eingesehen, daß dieser nicht vollkommen erreichbar ist,
und deshalb geben sie ihn lieber ganz auf. Zur Entschuldigung dieser
psychologischen Metamorphose können sie natürlich anführen, daß sie in der
Jugend die Schwierigkeiten der großen Aufgabe übersehen und die wahren Ziele
verkannt hätten; erst mit der reiferen Einsicht des Alters und der Sammlung
vieler Erfahrungen hätten sie sich von ihren Irrtümern überzeugt und den wahren
Weg zur Quelle der Wahrheit gefunden. Man kann aber auch umgekehrt
behaupten, daß die großen Männer der Wissenschaft in jüngeren Jahren
unbefangener und mutiger an ihre schwierige Aufgabe herantreten, daß ihr Blick
freier und ihre Urteilskraft reiner ist; die Erfahrungen späterer Jahre führen
vielfach nicht nur zur Bereicherung, sondern auch zur Trübung der Einsicht, und
mit dem Greisenalter tritt allmähliche Rückbildung ebenso im Gehirn wie in
anderen Organen ein. Jedenfalls ist diese Metamorphose an sich eine lehrreiche
psychologische Tatsache; denn sie beweist mit vielen anderen Formen des
»Gesinnungswechsels«, daß die höchsten Seelenfunktionen ebenso wesentlichen
individuellen Veränderungen im Laufe des Lebens unterliegen wie alle anderen
Lebenstätigkeiten.
S i e b e n t e s K a p i t e l .
Stufenleiter der Seele.
Monistische Studien über vergleichende Psychologie. Psychologische
Stufenleiter. Instinkt und Vernunft.
Die großartigen Fortschritte, welche die Psychologie in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts mit Hilfe der Entwickelungslehre gemacht hat, gipfeln in der
Anerkennung der p s y c h o l o g i s c h e n E i n h e i t d e r o r g a n i s c h e n
W e l t . Die vergleichende Seelenlehre, im Vereine mit der Ontogenie und
Phylogenie der Psyche, hat uns zu der Überzeugung geführt, daß das organische
Leben in allen Abstufungen, vom einfachsten, einzelligen Protisten bis zum
Menschen hinauf, aus denselben elementaren Naturkräften sich entwickelt, aus
den Funktionen der Empfindung und Bewegung. Die Hauptaufgabe der
wissenschaftlichen Psychologie wird daher künftig nicht, wie bisher, die
ausschließlich subjektive und introspektive Zergliederung der
höchstentwickelten Philosophenseele sein, sondern die objektive und
vergleichende Untersuchung der langen Stufenleiter, auf welcher sich der
menschliche Geist allmählich aus einer langen Reihe von niederen tierischen
Zuständen entwickelt hat. Die schöne Aufgabe, die einzelnen Stufen dieser
psychologischen Kette zu unterscheiden und ihren ununterbrochenen
phylogenetischen Zusammenhang nachzuweisen, ist erst in den letzten
Dezennien des 19. Jahrhunderts ernstlich in Angriff genommen worden.
Materielle Basis der Psyche. Alle Erscheinungen des Seelenlebens ohne
Ausnahme sind verknüpft mit materiellen Vorgängen in der lebendigen Substanz
des Körpers, im P l a s m a oder P r o t o p l a s m a. Wir haben jenen Teil des
letzteren, der als der Träger der Psyche erscheint, als P s y c h o p l a s m a
bezeichnet; wir erblicken darin kein besonderes »Wesen«, sondern wir
betrachten die P s y c h e a l s K o l l e k t i v b e g r i f f f ü r d i e
g e s a m t e n p s y c h i s c h e n F u n k t i o n e n d e s P l a s m a. »Seele« ist
in diesem Sinne ebenso eine physiologische Abstraktion wie der Begriff
»Stoffwechsel« oder »Zeugung«. Beim Menschen und den höheren Tieren ist
das Psychoplasma, zufolge der vorgeschrittenen Arbeitsteilung der Organe und
Gewebe, ein differenzierter Bestandteil des Nervensystems, das
N e u r o p l a s m a der Ganglienzellen und ihrer leitenden Ausläufer, der Nervenfasern. Bei den niederen Tieren dagegen, die noch keine gesonderten
Nerven und Sinnesorgane besitzen, ist das Psychoplasma noch nicht zur
selbständigen Differenzierung gelangt, ebensowenig bei den Pflanzen. Bei den
einzelligen Protisten ist das Psychoplasma identisch mit dem ganzen lebendigen
P r o t o p l a s m a desselben. In allen Fällen, ebenso auf dieser niedersten wie auf
jener höchsten S t u f e der psychologischen Entwickelungsreihe, ist eine gewisse
c h e m i s c h e Zusammensetzung des Psychoplasma und eine gewisse
p h y s i k a l i s c h e Beschaffenheit desselben unentbehrlich, wenn die »Seele«
arbeiten soll. Das gilt ebenso von der elementaren Seelentätigkeit der
plasmatischen Empfindung und Bewegung bei den Protozoen, wie von den
zusammengesetzten Funktionen der Sinnesorgane und des Gehirns bei den
höheren Tieren und dem Menschen. Die Arbeit des Psychoplasma, die wir
»Seele« nennen, ist stets mit Stoffwechsel verknüpft.
Stufenleiter der Empfindungen. Alle lebendigen Naturkörper ohne Ausnahme
sind empfindlich; sie unterscheiden die Zustände der umgebenden Außenwelt
und reagieren darauf durch gewisse Veränderungen in ihrem Innern. Licht und
Wärme, Schwerkraft und Elektrizität, mechanische Prozesse und chemische
Vorgänge in der Umgebung wirken als »R e i z e« auf das empfindliche
P s y c h o p l a s m a und rufen Veränderungen in seiner molekularen
Zusammensetzung hervor. Als Hauptstufen seiner E m p f i n d l i c h k e i t
unterscheiden wir folgende fünf Grade:
I . Auf den untersten Stufen der Organisation ist das ganze P s y c h o p l a s m a
als solches empfindlich und reagiert auf die einwirkenden Reize, so bei den
niederen Protisten, bei vielen Pflanzen und einem Teile der unvollkommensten
Tiere. II. Auf der zweiten Stufe beginnen sich an der Oberfläche des Körpers
einfachste S i n n e s w e r k z e u g e zu entwickeln, in Form von Plasmahaaren
und Pigmentflecken, als Vorläufer von Tastorganen und Augen; so bei einem
Teile der höheren Protisten, aber auch bei vielen niederen Tieren und Pflanzen.
III. Auf der dritten Stufe haben sich aus diesen einfachen Grundlagen durch
D i f f e r e n z i e r u n g s p e z i f i s c h e S i n n e s o r g a n e entwickelt, mit
eigentümlicher Anpassung: die chemischen Werkzeuge des Geruchs und
Geschmacks, die physikalischen Organe des Tastsinnes und Wärmesinnes, des
Gehörs und Gesichts. Die »spezifische Energie« dieser höheren Sinnesorgane ist
keine ursprüngliche Eigenschaft, sondern durch funktionelle Anpassung und
progressive Vererbung erworben. IV. Auf der vierten Stufe tritt die
Z e n t r a l i s a t i o n d e s N e r v e n s y s t e m s und damit zugleich diejenige
der Empfindung ein, durch Assozion der früheren isolierten oder lokalisierten
Empfindungen entstehen Vorstellungen, die zunächst noch unbewußt bleiben, so bei vielen niederen und höheren Tieren. V. Auf der fünften Stufe bildet sich im
Zentralteil des Nervensystems eine besondere Sammelstelle für die empfangenen
Eindrücke und die aus ihnen zusammengesetzten Erlebnisse aus. Ihre Funktion
kennen wir bei uns selbst als bewußte Empfindung; ähnliche Organe besitzen
alle höheren Wirbeltiere und unter den Wirbellosen sind sie besonders bei den
Gliedertieren bekannt.
Stufenleiter der Bewegungen. Alle lebendigen Naturkörper ohne Ausnahme
sind s p o n t a n beweglich, im Gegensatze zu den starren und unbeweglichen
Anorganen (Krystallen), d. h. es finden im lebendigen P s y c h o p l a s m a
Lageveränderungen der Teilchen aus inneren Ursachen statt, welche in dessen
chemischer Konstitution selbst begründet sind. Diese aktiven vitalen
Bewegungen sind zum Teil direkt durch Beobachtung wahrzunehmen, zum
anderen Teil aber nur indirekt aus ihren Wirkungen zu erschließen. Wir
unterscheiden fünf Abstufungen derselben.
I . Auf der untersten Stufe des organischen Lebens nehmen wir nur jene
W a c h s t u m sbewegungen wahr, welche allen Organismen gemeinsam
zukommen. Sie geschehen gewöhnlich so langsam, daß man sie nicht
unmittelbar beobachten, sondern nur indirekt aus ihrem Resultate erschließen
kann, aus der Veränderung in Größe und Gestalt des wachsenden Körpers. II.
Viele Protisten, namentlich einzellige Algen aus den Gruppen der Diatomeen
und Desmidiaceen, bewegen sich kriechend oder schwimmend durch
S e k r e t i o n fort, durch einseitige Ausscheidung einer schleimigen Masse. III.
Andere, im Wasser schwebende Organismen, z. B. viele Radiolarien,
Siphonophoren, Ktenophoren u. a., steigen auf und nieder, indem sie ihr
s p e z i f i s c h e s G e w i c h t verändern, bald durch Osmose, bald durch
Absonderung oder Ausstoßung von Luft. IV. Viele Pflanzen, besonders die
empfindlichen Sinnpflanzen (Mimosen) und andere Papilionaceen, führen
Bewegungen von Blättern oder anderen Teilen mittels T u r g o r w e c h s e l s
aus, d. h. es verändert sich die Spannung des Protoplasmas und damit auch
dessen Druck auf die umschließende elastische Zellenwand. V. Die wichtigsten
von allen organischen Bewegungen sind die
K o n t r a k t i o n s e r s c h e i n u n g e n, d. h. Gestaltsveränderungen der
Körperoberfläche, welche mit gegenseitigen Lageverschiebungen ihrer Teilchen
verbunden sind; sie verlaufen stets in zwei verschiedenen Zuständen oder Phasen
der Bewegung: der K o n t r a k t i o n s p h a s e (Zusammenziehung) und der
E x p a n s i o n s p h a s e (Ausdehnung). Als vier verschiedene Formen der
Plasmakontraktion werden unterschieden Va: die a m ö b o i d e n Bewegungen
(bei Rhizopoden, Blutzellen, Pigmentzellen usw.); Vb: die ähnlichen P l a s m a s t r ö m u n g e n im Innern von abgeschlossenen Zellen; Vc: die
F l i m m e r b e w e g u n g (Geißelbewegung und Wimperbewegung) bei
Infusorien, Samenzellen, Flimmerepithelzellen, und endlich Vd: die
Muskelbewegung (bei den meisten Tieren).
Reflexe. Die elementare Seelentätigkeit, welche durch die Verknüpfung von
Empfindung und Bewegung entsteht, nennen wir R e f l e x. Die Bewegung —
gleichviel welcher Art — erscheint hier als die unmittelbare Folge des R e i z e s,
welcher die Empfindung hervorgerufen hat; man hat sie daher auch im
einfachsten Falle (bei Protisten) kurz als »R e i z b e w e g u n g« bezeichnet.
Alles lebende Plasma besitzt Reizbarkeit (Irritabilität). Jede physikalische oder
chemische Veränderung der umgebenden Außenwelt kann unter Umständen auf
das Psychoplasma als Reiz wirken und eine Bewegung hervorrufen oder
»auslösen«. Wir werden später sehen, wie der wichtige physikalische Begriff der
A u s l ö s u n g die einfachsten organischen Reflextaten unmittelbar anschließt an
ähnliche mechanische Bewegungsvorgänge in der anorganischen Natur (z. B. bei
der Explosion von Pulver durch einen Funken, von Dynamit durch einen Stoß).
Einfache und zusammengesetzte Reflexe. Der wichtige Unterschied, den wir
in morphologischer und physiologischer Hinsicht zwischen den einzelligen
Organismen (Protisten) und den vielzelligen (Histonen) machen, gilt auch für deren
elementare Seelentätigkeit, für die Reflextat. Bei den e i n z e l l i g e n
P r o t i s t e n läuft der ganze Prozeß des Reflexes innerhalb des Protoplasma
einer einzigen Zelle ab; die »Z e l l s e e l e« derselben erscheint noch als eine
einheitliche Funktion des Psychoplasma, deren einzelne Phasen sich erst mit der
Differenzierung besonderer Organe zu sondern beginnen. Schon bei
Z e l l v e r e i n e n beginnt die zweite Stufe der Seelentätigkeit, der
z u s a m m e n g e s e t z t e R e f l e x. Die zahlreichen sozialen Zellen, welche
diese Zellvereine zusammensetzen, stehen immer in mehr oder weniger enger
Verbindung, oft direkt durch fadenförmige Plasmabrücken. Ein Reiz, welcher
eine oder mehrere Zellen des Verbandes trifft, wird durch die
Verbindungsbrücken den übrigen mitgeteilt und kann alle zu gemeinsamer
Kontraktion veranlassen. Dieser Zusammenhang besteht auch in den Geweben
der vielzelligen Pflanzen und Tiere. Während man früher irrtümlich annahm, daß
die Zellen der Pflanzengewebe ganz isoliert nebeneinander stehen, sind jetzt
überall feine Plasmafäden nachgewiesen, welche die dicken Zellmembranen
durchsetzen und ihre lebendigen Plasmakörper in materiellem und
psychologischem Zusammenhang erhalten. So erklärt es sich, daß die
Erschütterung der empfindlichen Wurzel von Mimosa, welche der Tritt des
Wanderers auf den Boden verursacht, sofort den Reiz auf alle Zellen des Pflanzenstockes überträgt und ihre zarten Fiederblätter zum Zusammenlegen, die
Blattstiele zum Herabsinken veranlaßt.
Reflex und Bewußtsein. Auf die Frage, inwieweit dem Organismus seine
Reaktionen auf die Reize der Umwelt bewußt werden, kann eine allgemeine
Antwort nicht gegeben werden. Vom Bewußtsein wissen wir eigentlich nur
insofern, als es die unmittelbare Erfahrung unseres eigenen Erlebens ist.
Vergleichende Betrachtung der Reflexe selbst und besonders auch ihrer
anatomischen Grundlagen berechtigen uns aber zu der Annahme, daß diejenigen
Tiere, die einen ähnlichen Assozionsapparat in ihren Reflexbogen eingeschaltet
haben wie wir, auch in ähnlicher Weise erleben, also ein dem unseren analoges
Bewußtwerden ihrer psychischen Funktionen besitzen. Als solche Tiere kommen
die uns stammesgeschichtlich nahe stehenden Wirbeltiere und von den
Wirbellosen vielleicht die sozialen Gliedertiere und die Kopffüßer (Cephalopoden)
in Betracht.
Stufenleiter der Vorstellungen. Der Schauplatz klaren Bewußtseins sind beim
Menschen vor allem die Vorstellungen. Doch ist das Bewußtsein kein
wesentliches Merkmal der Vorstellungen; wir nehmen solche vielmehr bei allen
Organismen an, ohne daß wir ihnen ein dem unseren ähnliches klar bewußtes
Erleben zuschreiben. Im allgemeinen erscheint die Vorstellung als das i n n e r e
B i l d des äußeren Objektes, welches durch die Empfindung übermittelt ist.
I . Z e l l u l a r e Vo r s t e l l u n g. Auf den niedersten Stufen begegnet uns die
Vorstellung als eine allgemeine physiologische Funktion des Psychoplasma;
schon bei den einfachsten einzelligen Protisten können Empfindungen bleibende
Spuren im Psychoplasma hinterlassen, und diese können vom Gedächtnis
reproduziert werden. Bei mehr als viertausend Radiolarienarten, welche ich
beschrieben habe, ist jede einzelne Spezies durch eine besondere erbliche
Skelettform ausgezeichnet. Die Produktion dieses spezifischen, oft höchst
verwickelt gebauten Skeletts durch eine höchst einfach gestaltete (meist
kugelige) Zelle ist nur dann erklärlich, wenn wir dem bauenden Plasma die
Fähigkeit der Vorstellung zuschreiben, und zwar der besonderen Reproduktion
des »plastischen Distanzgefühls«, wie ich in meiner Psychologie der Radiolarien
gezeigt habe (1887, S. 121).
II. H i s t o n a l e Vo r s t e l l u n g . Schon bei den Zönobien oder Zellvereinen
der geselligen Protisten, noch mehr aber in den Geweben der Pflanzen und der
niederen, nervenlosen Tiere (Spongien, Polypen) begegnen wir der zweiten Stufe
der Vorstellung, welche auf dem gemeinsamen Seelenleben zahlreicher, eng
verbundener Zellen beruht. Da einmalige Reize nicht bloß eine vorübergehende
Bewegung eines Organes (z. B. eines Pflanzenblattes, eines Polypenarmes) auslösen, sondern einen bleibenden Eindruck hinterlassen, der von diesem später
reproduziert werden kann, so müssen wir zur Erklärung dieser Erscheinung eine
Histonal-Vorstellung annehmen, gebunden an das Psychoplasma der assoziierten
Gewebezellen.
III. U n b e w u ß t e Vo r s t e l l u n g d e r G a n g l i e n z e l l e n . Die dritte,
höhere Stufe der Vorstellung ist die häufigste Form dieser Seelentätigkeit im
Tierreich; sie erscheint als eine Lokalisation des Vorstellens auf bestimmte
»Seelenzellen« oder Gruppen von Nervenzellen. Mit der aufsteigenden
Entwickelung des Zentralnervensystems im Tierreich, seiner zunehmenden
Differenzierung und Integration erhebt sich auch die Ausbildung dieser
Vorstellungen zu immer höheren Stufen.
IV. B e w u ß t e Vo r s t e l l u n g d e r G e h i r n z e l l e n . Erst auf den
höchsten Entwickelungsstufen der tierischen Organisation entwickelt sich das
Bewußtsein als eine besondere Funktion eines bestimmten Zentralorgans des
Nervensystems. Indem die Vorstellungen bewußte werden, und indem besondere
Gehirnteile sich zur A s s o z i o n der bewußten Vorstellungen reich entfalten,
wird der Organismus zu jenen höchsten psychischen Funktionen befähigt,
welche wir als D e n k e n und Überlegen, als Verstand und Ve r n u n f t
bezeichnen. Obgleich die Absteckung der phyletischen Grenze zwischen den
älteren, unbewußten und den jüngeren, bewußten Vorstellungen höchst schwierig
ist, können wir doch mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß die letzteren aus den
ersteren p o l y p h y l e t i s c h entstanden sind. Denn wir dürfen bewußtes und
vernünftiges Denken nicht nur bei den höchsten Formen des Wirbeltierstammes
annehmen (Mensch, Säugetiere, ein Teil der niederen Vertebraten), sondern auch
bei den höchstentwickelten Vertretern anderer Tierstämme (Ameisen und andere
Insekten, Spinnen und höhere Krebse unter den Gliedertieren, Cephalopoden
unter den Weichtieren).
Stufenleiter des Gedächtnisses. Eng verknüpft mit der Stufenleiter in der
Entwickelung der Vorstellungen ist diejenige des Gedächtnisses; diese höchst
wichtige Funktion des Psychoplasma — die Bedingung aller fortschreitenden
Seelenentwickelung — ist ja im wesentlichen R e p r o d u k t i o n v o n
Vo r s t e l l u n g e n. Die Eindrücke im Plasma, welche der Reiz als Empfindung
bewirkt hatte, und welche bleibend zu Vorstellungen geworden waren, werden
neu belebt; sie gehen aus dem p o t e n t i e l l e n in den a k t u e l l e n Zustand
über. Entsprechend den vier Stufen der Vorstellung können wir auch beim
Gedächtnis vier Hauptstufen der aufsteigenden Entwickelung unterscheiden.
I . Zellulargedächtnis. Mit Recht hatte der Physiologe E w a l d H e r i n g in
einer gedankenreichen Abhandlung »das Gedächtnis als eine allgemeine Funktion der organisierten Materie« bezeichnet und die hohe Bedeutung dieser
Seelentätigkeit hervorgehoben, »der wir fast alles verdanken, was wir sind und
haben« (1870). Ich habe später (1876) diesen Gedanken weiter ausgeführt und in
seiner fruchtbaren Anwendung auf die Entwickelungslehre zu begründen
versucht, in meiner Abhandlung über »Die Perigenesis der Plastidule oder die
Wellenzeugung der Lebensteilchen; ein Versuch zur mechanischen Erklärung der
elementaren Entwickelungsvorgänge«. Ich habe dort das »unbewußte
Gedächtnis« als eine allgemeine, höchst wichtige Funktion aller P l a s t i d u l e
nachzuweisen gesucht, d. h. jener hypothetischen Moleküle oder
Molekülgruppen, welche von N a e g e l i als M i c e l l e n, von anderen als
B i o p l a s t e n usw. bezeichnet worden sind. Nur die l e b e n d i g e n Plastidule,
als die individuellen Molekeln des aktiven Plasma, sind reproduktiv und besitzen
somit Gedächtnis; das ist der Hauptunterschied der organischen Natur von der
anorganischen. Man kann sagen: »D i e E r b l i c h k e i t i s t d a s
G e d ä c h t n i s d e r P l a s t i d u l e, hingegen die Variabilität ist die
Fassungskraft der Plastidule«. Das elementare Gedächtnis der einzelligen
Protisten setzt sich zusammen aus dem molekularen Gedächtnis der Plastidule
oder Micellen, aus welchen ihr lebendiger Zellenleib sich aufbaut. Für die
erstaunlichen Leistungen des unbewußten Gedächtnisses bei diesen einzelligen
Protisten ist wohl keine Tatsache lehrreicher als die unendlich mannigfaltige und
regelmäßige Bildung ihrer Schutzapparate, der Schalen und Skelette; besonders
die Diatomeen unter den Protophyten, die Radiolarien unter den Protozoen
liefern dafür eine Fülle von interessanten Beispielen. In vielen tausend Arten
dieser Protisten vererbt sich die spezifische Skelettform r e l a t i v k o n s t a n t.
(Vergl. die wichtige Schrift von R i c h a r d S e m o n, 1904: »Die Mneme als
erhaltendes Prinzip im Wechsel des organischen Geschehens«).
II. Histonalgedächtnis. Ebenso interessante Beweise für die zweite Stufe der
Erinnerung, für das unbewußte Gedächtnis der G e w e b e, liefert die Vererbung
der einzelnen Organe und Gewebe im Körper der Pflanzen und der niederen,
nervenlosen Tiere (Spongien usw.). Diese zweite Stufe erscheint als
R e p r o d u k t i o n d e r H i s t o n a l v o r s t e l l u n g e n, jener Assozion von
Zellularvorstellungen, die schon mit der Bildung von Zönobien bei den sozialen
Protisten beginnt.
III. Gleicherweise ist die dritte Stufe, das »u n b e w u ß t e G e d ä c h t n i s«
derjenigen Tiere, die bereits ein Nervensystem besitzen, als Reproduktion der
entsprechenden »unbewußten Vorstellungen« zu betrachten, welche in gewissen
Ganglienzellen aufgespeichert sind. Bei den meisten niederen Tieren ist wohl
alles Gedächtnis unbewußt. Aber auch beim Menschen und den höheren Tieren, denen wir Bewußtsein zuschreiben müssen, sind die täglichen Funktionen des
unbewußten Gedächtnisses ungleich häufiger und mannigfaltiger als diejenigen
des bewußten; davon überzeugt uns leicht eine unbefangene Prüfung von
tausend unbewußten Tätigkeiten, die wir aus Gewohnheit, ohne daran zu
denken, beim Gehen, Sprechen, Schreiben, Essen usw., täglich vollziehen.
IV. Das b e w u ß t e G e d ä c h t n i s, welches durch bestimmte Gehirnzellen
beim Menschen und den höheren Tieren vermittelt wird, erscheint daher nur als
eine spät entstandene »i n n e r e S p i e g e l u n g«, als die höchste Blüte
derselben psychischen Vorstellungs-Reproduktionen, welche bei unseren
niederen tierischen Vorfahren sich als unbewußte Vorgänge in den
Ganglienzellen abspielten.
Assozion der Vorstellungen. Die Ve r k e t t u n g der Vorstellungen, welche
man gewöhnlich als Assoziation der Ideen (oder kürzer Assozion) bezeichnet,
durchläuft ebenfalls eine lange Stufenleiter von den niedersten bis zu den
höchsten Stufen. Die Erzeugnisse dieser »Ideenassozion« sind äußerst
mannigfaltig; trotzdem aber führt eine sehr lange, ununterbrochene Stufenleiter
allmählicher Entwickelung von den einfachsten Assozionen der niedersten
Protisten bis zu den vollkommensten Ideenverkettungen des Kulturmenschen
hinauf. Alles höhere Seelenleben wird um so vollkommener, je mehr sich die
normale Assozion unendlich zahlreicher Vorstellungen ausdehnt, und je
naturgemäßer dieselben durch die kritische Vernunft geordnet werden. Im
T r a u m e, wo diese Kritik fehlt, erfolgt oft die Assozion der reproduzierten
Vorstellungen in der konfusesten Form. Aber auch im Schaffen der
P h a n t a s i e, welche durch mannigfaltige Verkettung vorhandener
Vorstellungen ganz neue Gruppen derselben produziert, ebenso in den
Halluzinationen usw. werden dieselben oft ganz naturwidrig geordnet und
erscheinen daher bei nüchterner Betrachtung u n v e r n ü n f t i g. Ganz besonders
gilt dies von den übernatürlichen »G e s t a l t e n d e s G l a u b e n s«, dem
Geisterspuk des Spiritismus und Okkultismus. Aber gerade diese a b n o r m e n
A s s o z i o n e n des »Glaubens« und der angeblichen »Offenbarung« werden
vielfach als die wertvollsten »Geistesgüter« des Menschen hochgeschätzt.
Instinkte. Die veraltete Psychologie des Mittelalters, die allerdings auch heute
noch viele Anhänger besitzt, betrachtete das Seelenleben des Menschen und der
Tiere als gänzlich verschiedene Erscheinungen; sie leitete das erstere von der
»Ve r n u n f t«, das letztere von dem »I n s t i n k t« ab. Der traditionellen
Schöpfungsgeschichte entsprechend nahm man an, daß jeder Tierart bei ihrer
Schöpfung eine bestimmte, unbewußte Seelenqualität vom Schöpfer
eingepflanzt sei, und daß dieser »N a t u r t r i e b« (Instinctus) einer jeden Species ebenso unveränderlich sei wie deren körperliche Organisation. Nachdem schon
L a m a r c k (1809) bei Begründung seiner Deszendenztheorie diesen Irrtum als
unhaltbar erwiesen, wurde er durch D a r w i n (1859) vollständig widerlegt; er
bewies an der Hand seiner Selektionstheorie folgende wichtige Lehrsätze: I. Die
Instinkte der Spezies sind individuell verschieden und ebenso der Abänderung
durch A n p a s s u n g unterworfen wie die morphologischen Merkmale der
Körperbildung. II. Diese Variationen (großenteils durch veränderte
Gewohnheiten entstanden) werden durch Ve r e r b u n g teilweise auf die
Nachkommen übertragen und im Laufe der Generationen gehäuft und befestigt.
III. D i e S e l e k t i o n (ebenso die künstliche wie die natürliche) trifft unter
diesen erblichen Abänderungen der Seelentätigkeit eine Auswahl, sie erhält die
zweckmäßigsten und entfernt die weniger passenden Modifikationen. IV. Die
dadurch bedingte D i v e r g e n z des psychischen Charakters führt so im Laufe
der Generationsfolgen ebenso zur Entstehung neuer Instinkte, wie die Divergenz
des morphologischen Charakters zur Entstehung neuer Spezies. Dies gilt für
sämtliche Protisten und Pflanzen ebenso wie für sämtliche Tiere und Menschen.
Die Instinkte treten aber bei letzteren um so mehr zurück, je mehr sich auf ihre
Kosten die Ve r n u n f t entwickelt.
Stufenleiter der Vernunft. In jenen oberflächlichen, mit dem Seelenleben der
Tiere unbekannten psychologischen Betrachtungen, welche nur im Menschen
eine »wahre Seele« anerkennen, wird auch ihm allein als höchstes Gut die
»Ve r n u n f t« und das Bewußtsein zugeschrieben. Auch dieser Irrtum ist durch
die vergleichende Psychologie der letzten Jahrzehnte gründlich widerlegt. Die
höheren Wirbeltiere besitzen ebensogut Vernunft wie der Mensch selbst, und
innerhalb der Tierreihe zeigt sich ebenso eine lange Stufenleiter in der
allmählichen Entwickelung der Vernunft wie innerhalb der Menschenreihe. Der
Unterschied zwischen der Vernunft eines G o e t h e, K a n t, L a m a r c k,
D a r w i n und derjenigen des niedersten Naturmenschen, eines Wedda, Akka,
Australnegers und Patagoniers, ist viel größer als die Differenz zwischen der
Vernunft dieser letzteren und der »vernünftigsten« Säugetiere, der
Menschenaffen, Hunde, Elefanten usw.
Sprache. Der höhere Grad von Entwickelung der Begriffe, von Verstand und
Vernunft, welcher den Menschen so hoch über die Tiere erhebt, ist eng verknüpft
mit der Ausbildung seiner Sprache. Aber auch hier, wie dort, ist eine lange
Stufenleiter der Entwickelung nachweisbar, welche ununterbrochen von den
niedersten zu den höchsten Bildungsstufen hinaufführt. Sprache ist ebensowenig
als Vernunft ein ausschließliches Eigentum des Menschen. Vielmehr ist Sprache
im weiteren Sinne ein gemeinsamer Vorzug aller höheren s o z i a l e n T i e r e, mindestens aller Gliedertiere und Wirbeltiere, welche in Gesellschaften und
Herden vereinigt leben; sie ist ihnen notwendig zur Verständigung, zur
Mitteilung ihrer Vorstellungen. Diese kann nun entweder durch Berührung oder
durch Zeichengebung geschehen, oder durch Töne, welche bestimmte Begriffe
bezeichnen. Auch der Gesang der Singvögel und der singenden Menschenaffen
(Hylobates) gehört zur Lautsprache, ebenso wie das Bellen der Hunde und das
Wiehern der Pferde; ferner das Zirpen der Grillen und das Geschrei der Zikaden.
Aber nur beim Menschen hat sich jene a r t i k u l i e r t e B e g r i f f s s p r a c h e
entwickelt, welche seine Vernunft zu so viel höheren Leistungen befähigt. Die
v e r g l e i c h e n d e S p r a c h f o r s c h u n g hat gelehrt, wie die zahlreichen
hochentwickelten Sprachen der verschiedenen Völker sich aus wenigen
einfachen Ursprachen langsam und allmählich entwickelt haben. R o m a n e s
(1893) hat überzeugend dargetan, daß die Sprache des Menschen nur dem
G r a d e der Entwickelung nach, nicht dem Wesen und der A r t nach von
derjenigen der höheren Tiere verschieden ist.
Stufenleiter der Gemütsbewegungen oder Affekte. Die wichtige Gruppe von
Seelentätigkeiten, welche wir unter dem Begriffe »G e m ü t« zusammenfassen,
spielt eine große Rolle ebenso in der theoretischen wie in der praktischen
Vernunftlehre. Für unsere Betrachtungsweise sind sie deshalb besonders wichtig,
weil hier der direkte Zusammenhang der Gehirnfunktion mit anderen
physiologischen Funktionen (Herzschlag, Sinnestätigkeit, Muskelbewegung)
unmittelbar einleuchtet; dadurch wird hier besonders das Widernatürliche und
Unhaltbare jener Philosophie klar, welche die Psychologie prinzipiell von der
Physiologie trennen will. Alle die zahlreichen Äußerungen des Gemütslebens,
welche wir beim Menschen finden, kommen auch bei den höheren Tieren vor
(besonders bei den Menschenaffen und Hunden); so verschiedenartig sie auch
entwickelt sind, so lassen sich doch alle wieder auf die beiden
E l e m e n t a r f u n k t i o n e n d e r P s y c h e zurückführen, auf Empfindung
und Bewegung, und auf deren Verbindung im Reflex und in der Vorstellung.
Zum Gebiete der Empfindung im weiteren Sinne gehört das G e f ü h l v o n
L u s t u n d U n l u s t, welches das Gemüt bestimmt, und ebenso gehört auf der
anderen Seite zum Gebiete der Bewegung die entsprechende Z u n e i g u n g
u n d A b n e i g u n g (»Liebe und Haß«), das Streben nach Erlangen der Lust
und nach Vermeiden der Unlust. »Anziehung und Abstoßung« erscheinen hier
zugleich als die Urquelle des Willens. D i e L e i d e n s c h a f t e n, welche eine
so große Rolle im höheren Seelenleben des Menschen spielen, sind nur
Steigerungen der »Gemütsbewegungen« und Affekte. Daß auch diese den
Menschen und Tieren gemeinsam sind, hat R o m a n e s einleuchtend gezeigt.
Auf der tiefsten Stufe des organischen Lebens schon finden wir bei allen Protisten jene elementaren Gefühle von Lust und Unlust, welche sich in ihren
sogenannten T r o p i s m e n äußern, in dem S t r e b e n nach Licht oder
Dunkelheit, nach Wärme oder Kälte, in dem verschiedenen Verhalten gegen
positive und negative Elektrizität. Auf der höchsten Stufe des Seelenlebens
dagegen treffen wir beim Kulturmenschen jene feinsten Gefühlstöne und
Abstufungen von Entzücken und Abscheu, von Liebe und Haß, welche die
Triebfedern der Kulturgeschichte und die unerschöpfliche Fundgrube der Poesie
sind. Und doch verbindet eine zusammenhängende Kette von allen denkbaren
Übergangsstufen jene primitivsten Urzustände des Gemüts im
P s y c h o p l a s m a der einzelligen Protisten mit diesen höchsten
Entwickelungsformen der Leidenschaften beim Menschen, welche sich in den
Ganglienzellen der Großhirnrinde abspielen.
Stufenleiter des Willens. Der Begriff des W i l l e n s unterliegt gleich anderen
psychologischen Grundbegriffen den verschiedensten Deutungen und
Definitionen. Bald wird der Wille im weitesten Sinne als k o s m o l o g i s c h e s
Attribut betrachtet: »die W e l t als Wille und Vorstellung« (S c h o p e n h a u e r),
bald im engsten Sinne als ein a n t h r o p o l o g i s c h e s Attribut, als eine
ausschließliche Eigenschaft des Menschen; letzteres gilt z. B. für D e s c a r t e s,
für welchen die Tiere willenlose und empfindungslose Maschinen sind. Im
gewöhnlichen Sprachgebrauch wird der Wille von der Erscheinung der
willkürlichen Bewegung abgeleitet und somit als eine Seelentätigkeit der
meisten Tiere betrachtet. Wenn wir den Willen im Lichte der vergleichenden
Physiologie und Entwickelungsgeschichte untersuchen, so kommen wir —
ebenso wie bei der Empfindung — zur Überzeugung, daß er eine allgemeine
Eigenschaft des lebenden P s y c h o p l a s m a ist.
Willensfreiheit. Das Problem von der Freiheit des menschlichen Willens ist
unter allen Welträtseln dasjenige, welches den denkenden Menschen von jeher
am meisten beschäftigt hat, und zwar deshalb, weil sich hier mit dem hohen
philosophischen Interesse der Frage zugleich die wichtigsten Folgerungen für
die praktische Philosophie verknüpfen, für die Moral, die Erziehung, die
Rechtspflege usw. E. D u B o i s - R e y m o n d, welcher dasselbe als das
siebente und letzte unter seinen »sieben Welträtseln« behandelt, sagt daher von
dem Problem der Willensfreiheit mit Recht: »Jeden berührend, scheinbar jedem
zugänglich, innig verflochten mit den Grundbedingungen der menschlichen
Gesellschaft, auf das tiefste eingreifend in die religiösen Überzeugungen, hat
diese Frage in der Geistes- und Kulturgeschichte eine Rolle von unermeßlicher
Wichtigkeit gespielt, und in ihrer Behandlung spiegeln sich die
Entwickelungsstadien des Menschengeistes deutlich ab. — Vielleicht gibt es keinen Gegenstand menschlichen Nachdenkens, über welchen längere Reihen
nie mehr aufgeschlagener Folianten im Staube der Bibliotheken modern.« —
Diese Wichtigkeit der Frage tritt auch darin klar zutage, daß K a n t die
Überzeugung von der »Willensfreiheit« unmittelbar neben diejenige von der
»Unsterblichkeit der Seele« und neben den »Glauben an Gott« stellte. Er
bezeichnete diese drei großen Fragen als die drei unentbehrlichen »P o s t u l a t e
d e r p r a k t i s c h e n Ve r n u n f t«, nachdem er vorher in der »K r i t i k d e r
r e i n e n Ve r n u n f t« klar dargelegt hatte, daß ihre Annahme völlig
unbegründet ist.
Das Merkwürdigste in dem großartigen und höchst verworrenen Streite über die
Willensfreiheit ist vielleicht die Tatsache, daß dieselbe theoretisch nicht nur von
höchst kritischen Philosophen, sondern auch von den extremsten Gegensätzen
verneint und trotzdem von den meisten Menschen als selbstverständlich noch
heute bejaht wird. Hervorragende Lehrer der christlichen Kirche, wie der
Kirchenvater A u g u s t i n und der Reformator C a l v i n, leugnen die
Willensfreiheit ebenso bestimmt wie die bekanntesten Führer des reinen
Materialismus, H o l b a c h im 18. und B ü c h n e r im 19. Jahrhundert. Die
christlichen Theologen verneinen sie, weil sie mit ihrem festen Glauben an die
Allmacht Gottes und die Prädestination unvereinbar ist; Gott, der Allmächtige
und Allwissende, sah und wollte alles von Ewigkeit voraus; also bestimmte er
auch das Handeln der Menschen. Wenn der Mensch nach freiem Willen
handelte, anders, als es Gott vorausbestimmt hatte, so wäre Gott nicht allmächtig
und allwissend gewesen. In demselben Sinne war auch L e i b n i z unbedingter
D e t e r m i n i s t. Die monistischen Naturforscher des 18. Jahrhunderts, allen
voran L a p l a c e, verteidigten den Determinismus wieder auf Grund ihrer
einheitlichen mechanischen Weltanschauung.
Der gewaltige Kampf zwischen den D e t e r m i n i s t e n und
I n d e t e r m i n i s t e n, zwischen den Gegnern und den Anhängern der
Willensfreiheit, ist heute, nach mehr als zwei Jahrtausenden, endgültig zugunsten
der ersteren entschieden. Der menschliche Wille ist ebensowenig frei als
derjenige der höheren Tiere, von welchem er sich nur dem Grade, nicht der Art
nach unterscheidet. Während noch im 18. Jahrhundert das alte Dogma von der
Willensfreiheit wesentlich mit allgemeinen, philosophischen und
kosmologischen Gründen bestritten wurde, hat uns dagegen das 19. Jahrhundert
ganz andere Waffen zu dessen definitiver Widerlegung geschenkt, die
gewaltigen Waffen, welche wir dem Arsenal der v e r g l e i c h e n d e n
P h y s i o l o g i e u n d E n t w i c k e l u n g s g e s c h i c h t e verdanken. Wir
wissen jetzt, daß jeder Willensakt ebenso durch die Organisation des wollenden Individuums bestimmt und ebenso von den jeweiligen Bedingungen der
umgebenden Außenwelt abhängig ist wie jede andere Seelentätigkeit. Der
Charakter des Strebens ist von vornherein durch die Ve r e r b u n g von Eltern
und Voreltern bedingt; der Entschluß zum jedesmaligen Handeln wird durch die
A n p a s s u n g an die momentanen Umstände gegeben, wobei das stärkste
Motiv den Ausschlag gibt, entsprechend den Gesetzen, welche die Statik der
Gemütsbewegungen bestimmen. Die O n t o g e n i e lehrt uns die individuelle
Entwickelung des Willens beim Kinde verstehen, die P h y l o g e n i e aber die
historische Ausbildung des Willens innerhalb der Reihe unserer Wirbeltier-
Ahnen.
A c h t e s K a p i t e l .
Keimesgeschichte der Seele.
Monistische Studien über ontogenetische Psychologie. Entwickelung des
Seelenlebens im individuellen Leben der Person.
Unsere menschliche Seele — gleichviel, wie man ihr Wesen auffaßt — unterliegt
im Laufe unseres individuellen Lebens einer stetigen Entwickelung. Diese
o n t o g e n e t i s c h e T a t s a c h e ist für unsere monistische Psychologie von
fundamentaler Bedeutung, obwohl die meisten »Psychologen von Fach« ihr teils
nur geringe, teils gar keine Berücksichtigung schenken. Wie nun die individuelle
Entwickelungsgeschichte der »wahre Lichtträger für alle Untersuchungen über
organische Körper ist«, so wird sie auch über die wichtigsten Geheimnisse des
Seelenlebens uns erst das wahre Licht anzünden.
Obgleich nun diese »Keimesgeschichte der Menschenseele« äußerst wichtig und
interessant ist, hat sie doch bisher nur in sehr beschränktem Umfange die
verdiente Berücksichtigung gefunden. Es waren bisher fast ausschließlich die
P ä d a g o g e n, welche sich mit einem Teile derselben beschäftigten; durch ihren
praktischen Beruf darauf angewiesen, die Ausbildung der Seelentätigkeit beim
Kinde zu leiten und zu überwachen, mußten sie auch theoretisches Interesse an
den dabei beobachteten psychogenetischen Tatsachen finden. Indessen standen
die Pädagogen in der Neuzeit wie im Altertum größtenteils im Banne der
herrschenden dualistischen Psychologie; dagegen waren sie mit den wichtigsten
Tatsachen der vergleichenden Psychologie, sowie mit der Organisation und
Funktion des Gehirns meistens nicht bekannt. Außerdem aber betrafen ihre
Beobachtungen größtenteils erst die Kinder in schulpflichtigem Alter oder in den
unmittelbar vorhergehenden Lebensjahren. Die merkwürdigen Erscheinungen,
welche die individuelle Psychogenie des Kindes gerade in den ersten
Lebensjahren darbietet, und welche alle denkenden Eltern freudig bewundern,
wurden fast niemals Gegenstand eingehender wissenschaftlicher Studien. Hier
hat erst W i l h e l m P r e y e r (1881) Bahn gebrochen, in seiner Schrift über
»Die Seele des Kindes; Beobachtungen über die geistige Entwickelung des
Menschen in den ersten Lebensjahren«. Indessen müssen wir, um volle Klarheit
zu gewinnen, noch weiter zurückgehen, bis auf die erste Entstehung der Seele im
befruchteten Ei.
Entstehung der individuellen Seele. Der Ursprung und die erste Entstehung des
menschlichen I n d i v i d u u m s galt noch im Anfange des 19. Jahrhunderts für
ein vollkommenes Geheimnis. Allerdings hatte C a s p a r F r i e d r i c h
W o l f f schon 1759 in seiner Theoria generationis das wahre Wesen der
embryonalen Entwickelung aufgedeckt und an der sicheren Hand kritischer
Beobachtung gezeigt, daß bei der Entwickelung des Keimes aus dem einfachen
Ei eine wahre E p i g e n e s i s, d. h. eine Reihe der merkwürdigsten
Neubildungsprozesse stattfinde. Allein die damalige Physiologie lehnte diese
e m p i r i s c h e n, unmittelbar mikroskopisch zu demonstrierenden Erkenntnisse
rundweg ab und hielt an dem hergebrachten Dogma der embryonalen
P r ä f o r m a t i o n fest. Nach diesem nahm man an, daß im Ei der Organismus
mit allen seinen Teilen vorgebildet oder präformiert sei; die »Entwickelung« des
Keimes bestehe eigentlich nur in einer »Auswickelung« der eingewickelten Teile
(Evolutio). Als notwendiger Folgeschluß dieses Irrtums ergab sich daraus
weiterhin die oben erwähnte Einschachtelungstheorie (S. 33). Diesem Dogma
der »O v u l i s t e n«schule stand gegenüber eine andere, ebenso irrtümliche
Ansicht, die der »A n i m a l k u l i s t e n«; diese glaubten, daß der eigentliche
Keim nicht in der weiblichen Eizelle der Mutter, sondern in der männlichen
Spermazelle des Vaters liege, und daß in diesem »Samentierchen« die
Einschachtelung der Generationsreihen zu suchen sei.
L e i b n i z übertrug diese Einschachtelungslehre ganz folgerichtig auch auf die
menschliche S e e l e; er leugnete für sie eine wahre Entwickelung (Epigenesis)
ebenso wie für den Körper und sagte in seiner Theodicee: »So sollte ich meinen,
daß die Seelen, welche eines Tages menschliche Seelen sein werden, im Samen,
wie jene von anderen Spezies, dagewesen sind; daß sie in den Voreltern bis auf
Adam, also seit dem Anfang der Dinge, immer in der Form organisierter Körper
existiert haben.« Ähnliche Vorstellungen erhielten sich sowohl in der Biologie
wie in der Philosophie noch bis in das dritte Dezennium des 19. Jahrhunderts,
wo ihnen die Reform der Keimesgeschichte durch B a e r den Todesstoß
versetzte.
Mythologie des Seelenursprungs. Die näheren Aufschlüsse, welche wir durch
die vergleichende Ethnologie neuerdings über die mannigfaltigen
Mythenbildungen der älteren Kulturvölker sowohl als der heutigen Naturvölker
gewonnen haben, sind auch für die Psychogenie von großem Interesse. Betreffs
ihres wissenschaftlichen oder poetischen Gehaltes können die Mythen über den
Seelenursprung etwa folgendermaßen in fünf Gruppen geordnet werden:
I . Mythus der S e e l e n w a n d e r u n g: die Seele lebte früher im Körper eines
anderen Tieres und ist erst aus diesem in den menschlichen Körper übergetreten; die ägyptischen Priester z. B. behaupteten, daß die menschliche Seele nach dem
Tode des Leibes durch alle Tiergattungen hindurchwandere, nach 3000 Jahren
aber wieder in einen Menschenleib zurückkehre. II. Mythus der
S e e l e n e i n p f l a n z u n g: die Seele existierte selbständig an einem anderen
Orte, in einer Seelen-Vorratskammer (etwa in einer Art von K e i m s c h l a f oder
latentem Leben); sie wird von einem Vogel (bisweilen als Adler, oft als
»Klapperstorch« gedacht) geholt und in den menschlichen Körper eingesetzt.
III. Mythus der S e e l e n s c h ö p f u n g: der göttliche Schöpfer, als persönlicher
»Gott-Vater« gedacht, erschafft die Seelen, hält sie vorrätig — bald in einem
Seelenteich, bald an einem Seelenbaum; der Schöpfer nimmt dieselben heraus
und setzt sie (während des Zeugungsaktes) dem menschlichen Keime ein.
IV. Mythus der S e e l e n e i n s c h a c h t e l u n g (von L e i b n i z, vorher
erwähnt). V. Mythus der S e e l e n t e i l u n g (von R u d o l f W a g n e r, 1855);
im Zeugungsakte spaltet sich ein Teil von beiden (immateriellen!) Seelen ab, die
den Körper der beiden kopulierenden Eltern bewohnen; der mütterliche
Seelenkeim lebt in der Eizelle, der väterliche in dem beweglichen
Samentierchen; indem diese beiden Keimzellen verschmelzen, wachsen auch die
beiden sie begleitenden Seelen zur Bildung einer neuen immateriellen Seele
zusammen.
Physiologie des Seelenursprungs. Obwohl die angeführten Dichtungen über die
Entstehung der einzelnen Menschenseele heute noch sehr weite Verbreitung und
Anerkennung besitzen, ist dennoch ihr rein mythologischer Charakter jetzt sicher
nachgewiesen. Die bewunderungswürdigen Untersuchungen, welche im Laufe
der letzten Dezennien über die feineren Vorgänge bei der Befruchtung und
Keimung des Eies ausgeführt worden sind, haben ergeben, daß diese
mysteriösen Erscheinungen sämtlich in das Gebiet der Z e l l e n p h y s i o l o g i e
gehören. Sowohl die weibliche Keimanlage, das Ei, als der männliche
Befruchtungskörper, das Spermium oder Samentierchen, sind e i n f a c h e
Z e l l e n. Diese lebendigen Zellen besitzen eine Summe von physiologischen
Eigenschaften, welche wir unter dem Begriff der Z e l l s e e l e zusammenfassen,
ebenso wie bei den permanent einzelligen Protisten (vergl. S. 92). Beiderlei
Geschlechtszellen besitzen das Vermögen der Bewegung und Empfindung. Die
jugendliche Eizelle oder das »Urei« bewegt sich nach Art einer A m ö b e; die
sehr kleinen Samenkörperchen oder Spermien, von welchen Millionen in jedem
Tropfen des schleimartigen, männlichen Samens sich finden, sind Geißelzellen
und bewegen sich mittels ihrer schwingenden Geißel ebenso lebhaft
schwimmend im Sperma umher wie die gewöhnlichen G e i ß e l i n f u s o r i e n
(F l a g e l l a t e n).
Wenn nun die beiderlei Zellen bei der Begattung zusammentreffen, oder wenn
sie durch künstliche Befruchtung (z. B. bei Fischen) in Berührung gebracht
werden, ziehen sie sich gegenseitig an und legen sich fest aneinander. Die
Ursache dieser zellularen Attraktion ist eine chemische, dem Geruche oder
Geschmacke verwandte Sinnestätigkeit des Plasma, die wir als »e r o t i s c h e n
C h e m o t r o p i s m u s« bezeichnen. Man kann sie auch geradezu (sowohl im
Sinne der Chemie als im Sinne der Romanliebe) »Zellenwahlverwandtschaft«
oder »sexuelle Z e l l e n l i e b e« nennen. Zahlreiche Geißelzellen des Sperma
schwimmen auf die ruhige Eizelle lebhaft hin und versuchen in deren Körper
einzudringen. Es gelingt aber normalerweise nur einem einzigen glücklichen
Bewerber, das ersehnte Ziel wirklich zu erreichen. Sobald sich dieses bevorzugte
»Samentierchen« mit seinem »Kopfe« (d. h. dem Zellenkern) in den Leib der
Eizelle eingebohrt hat, wird von der Eizelle eine dünne Schleimschicht
abgesondert, welche das Eindringen anderer männlicher Zellen verhindert. Nur
wenn man durch niedere Temperatur die Eizelle in Kältestarre versetzt oder sie
durch narkotische Mittel (Chloroform, Morphium, Nikotin) betäubt, unterbleibt
die Bildung dieser Schutzhülle; dann tritt »Ü b e r f r u c h t u n g o d e r
P o l y s p e r m i e« ein, und zahlreiche Samenfäden bohren sich in den Leib der
bewußtlosen Zelle ein. Diese merkwürdige Tatsache bezeugt ebenso einen
niederen Grad von spezifischer, sinnlicher, lebhafter Empfindung in den
beiderlei Geschlechtszellen wie die wichtigen Vorgänge, die gleich darauf sich in
ihrem Innern abspielen. Die beiderlei Zellenkerne, der weibliche Eikern und der
männliche Spermakern, ziehen sich gegenseitig an, nähern sich und
verschmelzen bei der Berührung vollständig miteinander. So ist denn aus der
befruchteten Eizelle jene wichtige neue Zelle entstanden, welche wir
S t a m mzelle nennen, und aus deren wiederholter Teilung der ganze vielzellige
Organismus hervorgeht.
Die psychologischen Erkenntnisse, welche sich aus diesen merkwürdigen
T a t s a c h e n der Befruchtung ergeben, sind überaus wichtig und bisher nicht
entfernt in ihrer allgemeinen Bedeutung gewürdigt. Wir fassen die
wesentlichsten Folgerungen in folgenden fünf Sätzen zusammen: I. Jedes
menschliche Individuum ist, wie jedes andere höhere Tier, im Beginne seiner
Existenz eine einfache Zelle. II. Diese Stammzelle entsteht überall auf dieselbe
Weise, durch Verschmelzung oder Kopulation von zwei getrennten Zellen
verschiedenen Ursprungs, der weiblichen Eizelle und der männlichen
Spermazelle. III. Beide Geschlechtszellen besitzen eine verschiedene »Zellseele«,
d. h. beide sind durch eine besondere Form von Empfindung und von Bewegung
ausgezeichnet. IV. In dem Momente der Befruchtung oder Empfängnis
verschmelzen nicht nur die Plasmakörper der beiden Geschlechtszellen und ihre Kerne, sondern auch ihre »Seelen«; d. h. die in ihnen enthaltenen psychischen
Anlagen (oder »Spannkräfte«) vereinigen sich zum »Seelenkeim« der
neugebildeten Stammzelle. V. Daher besitzt jede Person leibliche und geistige
Eigenschaften von beiden Eltern; der Kern der Eizelle überträgt einen Teil der
mütterlichen, der Kern der Spermazelle einen Teil der väterlichen Eigenschaften.
Durch diese empirisch erkannten Erscheinungen der »Empfängnis« oder
Konzeption wird ferner die höchst wichtige Tatsache festgestellt, daß jeder
Mensch, wie jedes andere Tier, einen B e g i n n d e r i n d i v i d u e l l e n
E x i s t e n z hat; die völlige Kopulation der beiden sexuellen Zellkerne
bezeichnet haarscharf den Augenblick, in welchem nicht nur der Körper der
neuen S t a m m z e l l e entsteht, sondern auch ihre »Seele«. Durch diese
Tatsache allein schon wird der alte Mythus von der U n s t e r b l i c h k e i t d e r
S e e l e widerlegt, auf den wir später zurückkommen. Ferner wird dadurch der
noch sehr verbreitete Aberglaube widerlegt, daß der Mensch seine individuelle
Existenz der »Gnade des liebenden Gottes« verdankt. Die Ursache derselben
beruht vielmehr einzig und allein auf dem »E r o s« seiner beiden Eltern, auf
jenem mächtigen, allen vielzelligen Tieren und Pflanzen gemeinsamen
Geschlechtstriebe, welcher zu deren Begattung führt. Das Wesentliche bei
diesem physiologischen Prozesse ist aber nicht, wie man früher annahm, die
»Umarmung« oder die damit verknüpften Liebesspiele, sondern einzig und allein
die Einführung des männlichen Sperma in die weiblichen Geschlechtskanäle.
Nur dadurch wird es bei den landbewohnenden Tieren möglich, daß der
befruchtende Samen mit der abgelösten Eizelle zusammenkommt (was beim
Menschen gewöhnlich innerhalb des Uterus geschieht). Bei niederen,
wasserbewohnenden Tieren (z. B. Fischen, Muscheln, Medusen) werden
beiderlei reife Geschlechtsprodukte einfach in das Wasser entleert, und hier
bleibt ihr Zusammentreffen dem Zufall überlassen; dann fehlt eine eigentliche
Begattung, und damit fallen zugleich jene zusammengesetzten psychischen
Funktionen des »Liebeslebens« hinweg, die bei höheren Tieren eine so große
Rolle spielen. Daher fehlen auch allen niederen, nicht kopulierenden Tieren jene
interessanten Organe, die D a r w i n als »sekundäre Sexualcharaktere«
bezeichnet hat, die Produkte der geschlechtlichen Zuchtwahl: der Bart des
Mannes, das Geweih des Hirsches, das prachtvolle Gefieder der Paradiesvögel
und vieler Hühnervögel, sowie viele andere Auszeichnungen der Männchen,
welche den Weibchen fehlen. (Vergl. W i l h e l m B ö l s c h e, Liebesleben der
Natur, 3 Bände, 1901.)
Vererbung der Seele. Unter den angeführten Folgeschlüssen der
K o n z e p t i o n s p h y s i o l o g i e ist für die Psychologie ganz besonders wichtig die Ve r e r b u n g d e r S e e l e n q u a l i t ä t e n v o n b e i d e n
E l t e r n. Daß jedes Kind besondere Eigentümlichkeiten des Charakters,
Temperament, Talent, Sinnesschärfe, Willensenergie von b e i d e n Eltern erbt,
ist allgemein bekannt. Ebenso bekannt ist die Tatsache, daß auch psychische
Eigenschaften von beiderlei Großeltern durch Vererbung übertragen werden; ja,
häufig stimmt in einzelnen Beziehungen der Mensch mehr mit den Großeltern
als mit den Eltern überein. Alle die merkwürdigen G e s e t z e d e r
Ve r e r b u n g besitzen ebenso allgemeine Gültigkeit für die besonderen
Erscheinungen der Seelentätigkeit wie der Körperbildung; ja, sie treten uns
häufig an der ersteren noch viel auffallender und klarer entgegen, als an der
letzteren.
Nun ist ja an sich das große Gebiet der Ve r e r b u n g, für dessen ungeheuere
Bedeutung uns erst D a r w i n das wissenschaftliche Verständnis eröffnet hat,
reich an dunkeln Rätseln und physiologischen Schwierigkeiten; wir dürfen nicht
beanspruchen, daß uns schon jetzt alle Seiten desselben klar vor Augen liegen.
Aber so viel haben wir doch schon sicher gewonnen, daß wir die Ve r e r b u n g
a l s e i n e p h y s i o l o g i s c h e F u n k t i o n des Organismus betrachten, die
mit der Tätigkeit seiner Fortpflanzung unmittelbar verknüpft ist; und wie alle
anderen Lebenstätigkeiten müssen wir auch diese schließlich auf physikalische
und chemische Prozesse, auf M e c h a n i k d e s P l a s m a zurückführen. Nun
kennen wir aber jetzt den Vorgang der Befruchtung selbst genau; wir wissen, daß
dabei ebenso der Spermakern die väterlichen, wie der Eikern die mütterlichen
Eigenschaften auf die neugebildete Stammzelle überträgt. Die Vermischung
beider Zellkerne ist das eigentliche Hauptmoment der Vererbung; durch sie
werden ebenso die individuellen Eigenschaften der Seele wie des Leibes auf das
neugebildete Individuum übertragen. Diesen ontogenetischen Tatsachen steht die
dualistische und mystische Psychologie der noch heute herrschenden Schulen
ratlos gegenüber, während sie sich durch unsere monistische Psychogenie in
einfachster Weise erklären.
Seelenmischung (Psychische Amphigonie). Die physiologische Tatsache, auf
welche es für die richtige Beurteilung der individuellen Psychogenie vor allem
ankommt, ist die K o n t i n u i t ä t d e r P s y c h e in der Generationsreihe.
Wenn im Moment der Empfängnis auch tatsächlich ein neues Individuum
entsteht, so ist dasselbe doch weder hinsichtlich seiner geistigen noch leiblichen
Qualität eine unabhängige Neubildung, sondern lediglich das Produkt aus der
Verschmelzung der beiden elterlichen Faktoren. Die Zellseelen beider
Geschlechtszellen verschmelzen im Befruchtungsakte ebenso vollständig zur
Bildung einer neuen Z e l l s e e l e, wie die beiden Zellkerne, welche die materiellen Träger dieser psychischen Spannkräfte sind, zu einem neuen
Z e l l k e r n sich verbinden. Da wir nun sehen, daß die Individuen einer und
derselben Art stets gewisse, wenn auch geringfügige Unterschiede zeigen, so
müssen wir annehmen, daß solche auch schon in der chemischen Beschaffenheit
der kopulierenden Keimzellen selbst vorhanden sind.
Psychologischer Atavismus. Wenn bei der Seelenmischung im Augenblicke der
Empfängnis zunächst auch nur die besonderen Eigenschaften der beiden
Elternseelen mittels Verschmelzung der beiden erotischen Zellkerne erblich
übertragen werden, so kann damit doch zugleich der erbliche psychische Einfluß
älterer, oft weit zurückliegender Generationen mit fortgepflanzt werden. Denn
auch die Gesetze der l a t e n t e n Ve r e r b u n g oder des A t a v i s m u s gelten
ebenso für die Psyche wie für die anatomische Organisation. Gerade in feineren
Zügen des Seelenlebens, im Besitze bestimmter künstlerischer Talente oder
Neigungen, in der Energie des Charakters, in der Leidenschaft des
Temperamentes gleichen oft hervorragende Menschen mehr ihren Großeltern als
den Eltern; nicht selten tritt auch ein auffälliger Charakterzug hervor, den weder
diese noch jene besaßen, der aber in einem älteren Gliede der Ahnenreihe vor
langer Zeit sich offenbart hatte. Auch in diesen merkwürdigen Atavismen gelten
dieselben Vererbungsgesetze für die Psyche wie für die Physiognomie, für die
individuelle Qualität der Sinnesorgane, wie für die der Muskeln, des Skeletts und
anderer Körperteile. Am auffälligsten können wir dieselben in regierenden
Dynastien und in alten Adelsgeschlechtern verfolgen, deren hervorragende
Tätigkeit im Staatsleben zur genaueren historischen Darstellung der Individuen
in der Generationskette Veranlassung gegeben hat, so z. B. bei den
Hohenzollern, Hohenstaufen, Oraniern, Bourbonen usw., und nicht minder bei
den römischen Zäsaren.
Das Biogenetische Grundgesetz in der Psychologie (1866). Der
K a u s a l z u s a m m e n h a n g der b i o n t i s c h e n (individuellen) und der
p h y l e t i s c h e n (historischen) Entwickelung, den ich schon in der Generellen
Morphologie als oberstes Gesetz an die Spitze aller biogenetischen
Untersuchungen gestellt hatte, besitzt ebenso allgemeine Geltung für die
P s y c h o l o g i e wie für die M o r p h o l o g i e. Wie bei allen anderen
Organismen, so ist auch beim Menschen »d i e K e i m e s g e s c h i c h t e e i n
A u s z u g d e r S t a m m e s g e s c h i c h t e«. Diese gedrängte und abgekürzte
Rekapitulation ist um so vollständiger, je mehr durch beständige Vererbung die
ursprüngliche A u s z u g s e n t w i c k e l u n g (Palingenesis) beibehalten wird;
hingegen wird sie um so unvollständiger, je mehr durch wechselnde Anpassung
die spätere S t ö r u n g s e n t w i c k e l u n g (Cenogenesis) eingeführt wird (Anthropogenie, 1. Vortrag).
Indem wir dieses Grundgesetz auf die Entwickelungsgeschichte der Seele
anwenden, müssen wir ganz besonderen Nachdruck darauf legen, daß stets
b e i d e Seiten desselben kritisch im Auge zu behalten sind. Denn beim
Menschen wie bei allen höheren Tieren und Pflanzen haben im Laufe der
phyletischen Jahrmillionen so beträchtliche Störungen oder Z e n o g e n e s e n
sich ausgebildet, daß dadurch das ursprüngliche reine Bild der P a l i n g e n e s e
oder des »Geschichtsauszuges« stark getrübt und verändert erscheint. Während
einerseits durch die Gesetze der gleichzeitigen und gleichörtlichen Vererbung die
p a l i n g e n e t i s c h e Rekapitulation erhalten bleibt, wird sie andererseits durch
die Gesetze der abgekürzten und vereinfachten Vererbung wesentlich
z e n o g e n e t i s c h verändert. Zunächst ist das deutlich erkennbar in der
Keimesgeschichte der Seelenorgane, des Nervensystems, der Muskeln und
Sinnesorgane. In ganz gleicher Weise gilt dasselbe aber auch von der
Seelentätigkeit, die untrennbar an die normale Ausbildung dieser Organe
gebunden ist. Ihre Keimesgeschichte ist beim Menschen, wie bei allen anderen
lebendig gebärenden Tieren, schon deshalb stark zenogenetisch abgeändert, weil
die volle Ausbildung des Keimes hier längere Zeit innerhalb des mütterlichen
Körpers stattfindet. Wir müssen daher als zwei Hauptperioden der individuellen
Psychogenie unterscheiden: I. die embryonale und II. die post-embryonale
Entwickelungsgeschichte der Seele.
Embryonale Psychogenie. Der menschliche Keim oder Embryo entwickelt sich
normalerweise im Mutterleibe während des Zeitraumes von neun Monaten.
Während dieser Zeit ist er vollkommen von der Außenwelt abgeschlossen und
nicht allein durch die dicke Muskelwand des mütterlichen Fruchtbehälters
(Uterus) geschützt, sondern auch durch die besonderen Fruchthüllen (Amnion und
Serolemma) welche allen drei höheren Wirbeltierklassen gemeinsam zukommen,
den Reptilien, Vögeln und Säugetieren. Es sind das Schutzeinrichtungen, welche
von den ältesten Reptilien, den gemeinsamen Stammformen aller Amnioten, erst
in der Permperiode (gegen Ende des paläozoischen Zeitalters) erworben wurden,
als diese höheren Wirbeltiere sich an das beständige Landleben und die
Luftatmung gewöhnten. Ihre vorhergehenden Ahnen, die Amphibien der
Steinkohlenperiode, lebten und atmeten noch im Wasser, wie ihre älteren
Vorfahren, die Fische.
Bei diesen älteren und niederen wasserbewohnenden Wirbeltieren besaß die
Keimesgeschichte noch in viel höherem Grade den palingenetischen Charakter,
wie es auch noch bei den meisten Fischen und Amphibien der Gegenwart der
Fall ist. Die bekannten Kaulquappen, die Larven der Salamander und Frösche, bewahren noch heute in der ersten Zeit ihres freien Wasserlebens den Körperbau
ihrer Fischahnen; sie gleichen ihnen auch in der Lebensweise, in der
Kiemenatmung, in der Funktion ihrer Sinnesorgane und ihrer anderen
Seelenorgane. Erst wenn die interessante Metamorphose der schwimmenden
Kaulquappen eintritt, und wenn sie sich an das Landleben gewöhnen, verwandelt
sich ihr fischähnlicher Körper in das vierfüßige, kriechende Amphibium; an die
Stelle der Kiemenatmung im Wasser tritt die ausschließliche Luftatmung durch
Lungen, und mit der veränderten Lebensweise erlangt auch der Seelenapparat,
Nervensystem und Sinnesorgane, einen höheren Grad der Ausbildung. Die
schwimmende Kaulquappe besitzt nicht nur die Organisation, sondern auch die
Lebensweise und Seelentätigkeit des Fisches und erlangt erst durch ihre
Verwandlung diejenige des Frosches.
Beim Menschen wie bei allen anderen Amniontieren ist das nicht der Fall; ihr
Embryo ist schon durch den Einschluß in die schützenden Eihüllen dem direkten
Einflusse der Außenwelt ganz entzogen und jeder Wechselwirkung mit derselben
entwöhnt. Außerdem aber bietet die besondere B r u t p f l e g e der Amniontiere
ihrem Keime viel günstigere Bedingungen für zenogenetische Abkürzung der
palingenetischen Entwickelung. Vor allem gehört dahin die vortreffliche
Ernährung des Keims; sie geschieht bei den Reptilien, Vögeln und Monotremen
(den eierlegenden Säugetieren) durch den großen gelben Nahrungsdotter,
welcher dem Ei beigegeben ist, bei den übrigen Säugetieren hingegen (den
lebendig gebärenden Beuteltieren und Zottentieren) durch das Blut der Mutter,
welches durch die Blutgefäße des Dottersackes und der Allantois dem Keime
zugeführt wird. Bei den höchstentwickelten Z o t t e n t i e r e n (Placentalia) hat
diese zweckmäßige Ernährungsform durch Ausbildung des Mutterkuchens
(Placenta) den höchsten Grad der Vollkommenheit erreicht; daher ist der Embryo
schon vor der Geburt hier vollkommen ausgebildet. Seine Seele aber befindet
sich während dieser ganzen Zeit im Zustande des K e i m s c h l a f e s, einem
Ruhezustande, welchen P r e y e r mit Recht dem Winterschlafe der Tiere
verglichen hat. Einen gleichen, lange dauernden Schlaf finden wir auch im
Puppenzustande jener Insekten, welche eine vollkommene Verwandlung
durchmachen (Schmetterlinge, Immen, Fliegen, Käfer usw.). Hier ist der
P u p p e n s c h l a f, während dessen die wichtigsten Umbildungen der Organe
und Gewebe vor sich gehen, um so interessanter, als der vorhergehende Zustand
der frei lebenden Larve (Raupe, Engerling oder Made) ein sehr entwickeltes
Seelenleben besitzt, und als dieses bedeutend unter derjenigen Stufe steht,
welche später (nach dem Puppenschlaf) das vollendete, geflügelte und
geschlechtsreife Insekt zeigt.
Postembryonale Psychogenie. Die Seelentätigkeit des Menschen durchläuft
während seines individuellen Lebens, ebenso wie bei den meisten höheren
Tieren, eine Reihe von Entwickelungsstufen; als die wichtigsten derselben
können wir wohl folgende fünf Hauptabschnitte unterscheiden: 1. die Seele des
Neugeborenen bis zum Erwachen des Selbstbewußtseins und zum Erlernen der
Sprache, 2. die Seele des Knaben und des Mädchens bis zur Pubertät (zum
Erwachen des Geschlechtstriebes), 3. die Seele des Jünglings und der Jungfrau
bis zum Eintritt der sexuellen Verbindung (die Periode der »Ideale«), 4. die Seele
des erwachsenen Mannes und der reifen Frau (Periode der vollen Reife und der
Familiengründung), 5. die Seele des Greises und der Greisin (Periode der
Rückbildung). Das Seelenleben des Menschen durchläuft also dieselben
Entwickelungsstufen der aufsteigenden Fortbildung, der vollen Reife und der
absteigenden Rückbildung wie jede andere Lebenstätigkeit des Organismus.
N e u n t e s K a p i t e l .
Stammesgeschichte der Seele.
Monistische Studien über phylogenetische Psychologie. Entwickelung
des Seelenlebens in der tierischen Ahnenreihe des Menschen.
Die Deszendenztheorie in Verbindung mit der Anthropologie hat uns überzeugt,
daß unser menschlicher Organismus aus einer langen Reihe tierischer Vorfahren
durch allmähliche Umbildung im Laufe vieler Jahrmillionen langsam und
stufenweise sich entwickelt hat. Da wir nun das Seelenleben des Menschen von
seinen übrigen Lebenstätigkeiten nicht trennen können, vielmehr zu der
Überzeugung von der einheitlichen Entwickelung unseres ganzen Körpers und
Geistes gelangt sind, so ergibt sich auch für die moderne m o n i s t i s c h e
P s y c h o l o g i e die Aufgabe, die historische Entwickelung der Menschenseele
aus der Tierseele stufenweise zu verfolgen. Die Lösung dieser Aufgabe versucht
unsere »Stammesgeschichte der Seele« oder die P h y l o g e n i e d e r
P s y c h e. Obgleich diese neue Wissenschaft noch kaum ernstlich in Angriff
genommen ist, obgleich selbst ihre Existenzberechtigung von den meisten
Fachpsychologen bestritten wird, müssen wir für sie dennoch die allerhöchste
Wichtigkeit und das größte Interesse in Anspruch nehmen. Denn nach unserer
festen Überzeugung ist die p h y l e t i s c h e Psychologie vor allem berufen, uns
das große »Welträtsel« vom Wesen und der Entstehung unserer Seele zu lösen.
Methoden der poetischen Psychogenie. Die Mittel und Wege, welche zu dem
weit entfernten, im Nebel der Zukunft für viele noch kaum erkennbaren Ziele
der p h y l o g e n e t i s c h e n P s y c h o l o g i e hinführen sollen, sind von
denjenigen anderer stammesgeschichtlicher Forschungen nicht verschieden. Vor
allem ist auch hier die vergleichende Anatomie, Physiologie und Ontogenie von
höchstem Werte. Aber auch die Paläontologie liefert uns eine Anzahl von
sicheren Stützpunkten; denn die Reihenfolge, in welcher die versteinerten
Überreste der Wirbeltierklassen nacheinander in den Perioden der organischen
Erdgeschichte auftreten, offenbart uns teilweise, zugleich mit deren
phyletischem Zusammenhang, auch die stufenweise Ausbildung ihrer
Seelentätigkeit. Freilich sind wir hier, wie überall bei phylogenetischen
Untersuchungen, zur Bildung zahlreicher Hypothesen gezwungen, um die
Lücken der empirischen Stammesurkunden auszufüllen; aber dennoch werfen die letzteren ein so helles und bedeutungsvolles Licht auf die wichtigsten
Abstufungen der geschichtlichen Entwickelung, daß wir eine befriedigende
Einsicht in deren allgemeinen Verlauf gewinnen können.
Hauptstufen der phyletischen Psychogenie. Die vergleichende Psychologie
des Menschen und der höheren Tiere läßt uns zunächst in den höchsten Gruppen
der Säugetiere, bei den H e r r e n t i e r e n, die wichtigsten Fortschritte erkennen,
durch welche die Menschenseele aus der Psyche der Menschenaffen
hervorgegangen ist. Die Phylogenie der S ä u g e t i e r e und weiterhin der
niederen Wirbeltiere zeigt uns die lange Reihe der älteren Vorfahren der
Primaten, welche innerhalb dieses Stammes seit der Silurzeit sich entwickelt
haben. Alle diese Wirbeltiere stimmen überein in der Struktur und Entwickelung
ihres charakteristischen Seelenorgans, des M a r k r o h r s. Daß dieses sich aus
einem dorsalen S c h e i t e l h i r n wirbelloser Vorfahren hervorgebildet hat,
scheint die vergleichende Anatomie der Wurmtiere oder Ve r m a l i e n zu
lehren. Weiter zurückgehend erfahren wir durch die vergleichende Ontogenie,
daß dieses einfache Seelenorgan aus der Zellenschicht des äußeren Keimblattes,
aus dem Ektoderm von P l a t o d a r i e n entstanden ist; bei diesen ältesten
Plattentieren, die noch kein gesondertes Nervensystem besaßen, wirkt die äußere
Hautdecke als universales Sinnes- und Seelenorgan. Durch die vergleichende
Keimesgeschichte überzeugen wir uns endlich, daß diese einfachsten Metazoen
durch Gastrulation aus B l a s t ä a d e n entstanden sind, aus H o h l k u g e l n,
deren Wand eine einfache Zellenschicht bildete, das B l a s t o d e r m. Zugleich
lernen wir durch dieselbe mit Hilfe des Biogenetischen Grundgesetzes verstehen,
wie diese vielzelligen Gebilde einfachster Art ursprünglich aus einzelligen
Urtieren hervorgegangen sind.
I. Zellseele (Zytopsyche); e r s t e H a u p t s t u f e d e r p h y l e t i s c h e n
P s y c h o g e n e s i s. Die ältesten Vorfahren des Menschen, wie aller übrigen
Tiere, waren einzellige P r o t i s t e n. Diese Fundamental-Hypothese der
Phylogenie ergibt sich nach dem Biogenetischen Grundgesetze aus der
embryologischen T a t s a c h e, daß jeder Mensch, wie jedes andere Tier, im
Beginne seiner individuellen Existenz eine einfache Zelle ist, die
»S t a m m z e l l e«. Wie diese schon von Anfang an »b e s e e l t« war, so auch
jene entsprechende e i n z e l l i g e S t a m m f o r m, welche in der ältesten
Ahnenreihe des Menschen durch eine Kette von verschiedenen Protisten
vertreten war.
Über die Seelentätigkeit dieser einzelligen Organismen unterrichtet uns die
vergleichende Physiologie der heute noch lebenden Protisten; sowohl genaue
Beobachtung als sinnreiches Experiment haben uns hier ein neues Gebiet voll höchst interessanter Erscheinungen eröffnet. Die beste Darstellung derselben hat
1889 M a x Ve r w o r n gegeben, in seinen gedankenreichen, auf eigene
originelle Versuche gestützten »P s y c h o p h y s i o l o g i s c h e n
P r o t i s t e n s t u d i e n«. Auch die wenigen älteren Beobachtungen über »das
Seelenleben der Protisten« sind darin zusammengestellt. Ve r w o r n gelangte zu
der festen Überzeugung, daß bei allen Protisten die unbewußten Vorgänge der
Empfindung und Bewegung noch mit den molekularen Lebensprozessen im
Plasma selbst zusammenfallen, und daß ihre letzten Ursachen in den
Eigenschaften der P l a s m a m o l e k ü l e (der Plastidule) zu suchen sind. »Die
psychischen Vorgänge im Protistenreich sind daher die Brücke, welche die
chemischen Prozesse in der unorganischen Natur mit dem Seelenleben der
höchsten Tiere verbindet; sie repräsentieren den Keim der höchsten psychischen
Erscheinungen bei den Metazoen und dem Menschen.«
Die sorgfältigen Beobachtungen und zahlreichen Experimente von Ve r w o r n,
im Verein mit denjenigen von W i l h e l m E n g e l m a n n, W i l h e l m
P r e y e r, R i c h a r d H e r t w i g und anderen neueren Protistenforschern,
liefern die bündigen Beweise für meine monistische »T h e o r i e d e r
Z e l l s e e l e« (1866). Gestützt auf eigene langjährige Untersuchungen von
verschiedenen Protisten, besonders von Rhizopoden und Infusorien, hatte ich
den Satz aufgestellt, daß jede lebendige Zelle psychische Eigenschaften besitzt,
und daß also auch das Seelenleben der vielzelligen Tiere und Pflanzen nichts
anderes ist als das Resultat der psychischen Funktionen der ihren Leib
zusammensetzenden Zellen. Bei den niederen Gruppen (z. B. Algen und
Spongien) sind a l l e Zellen des Körpers gleichmäßig (oder mit geringen
Unterschieden) daran beteiligt; in den höheren Gruppen dagegen, entsprechend
den Gesetzen der Arbeitsteilung, nur ein auserlesener Teil derselben, die
»Seelenzellen«. Die bedeutungsvollen Konsequenzen dieser »Z e l l u l a r -
P s y c h o l o g i e« hatte ich teils 1876 in meiner Schrift über die »Perigenesis
der Plastidule« erörtert, teils 1877 in meiner Münchner Rede »über die heutige
Entwickelungslehre im Verhältnis zur Gesamtwissenschaft«. Eine mehr populäre
Darstellung enthalten meine beiden Wiener Vorträge (1878) »über Ursprung und
Entwickelung der Sinneswerkzeuge« und »über Zellseelen und Seelenzellen«.
Die einfache Z e l l s e e l e zeigt übrigens schon innerhalb des Protistenreiches
eine lange Reihe von Entwickelungsstufen, von ganz einfachen, primitiven bis
zu sehr vollkommenen und hohen Seelenzuständen. Bei den ältesten und
einfachsten Protisten ist das Vermögen der Empfindung und Bewegung
gleichmäßig auf das ganze Plasma des homogenen Körperchens verteilt; bei den
höheren Formen dagegen sondern sich als physiologische Organe derselben besondere »Zellwerkzeuge« oder O r g a n e l l e. Derartige motorische Zellteile
sind die Pseudopodien der Rhizopoden, die Flimmerhaare, Geißeln und
Wimpern der Infusorien. Als ein inneres Zentralorgan des Zellenlebens wird der
Zellkern betrachtet, welcher den ältesten und niedersten Protisten noch fehlt. In
physiologisch-chemischer Beziehung ist besonders hervorzuheben, daß die
ursprünglichsten und ältesten Protisten P l a s m o d o m e n waren, mit
pflanzlichem Stoffwechsel, also P r o t o p h y t e n oder Urpflanzen; aus ihnen
entstanden sekundär, durch Metasitismus, die ersten P l a s m o p h a g e n mit
tierischem Stoffwechsel, also P r o t o z o e n oder Urtiere. Dieser
M e t a s i t i s m u s, die »Umkehrung des Stoffwechsels«, bedeutete einen
wichtigen psychologischen Fortschritt; denn damit begann die Entwickelung
jener charakteristischen Vorzüge der Tierseele, welche der Pflanzenseele noch
fehlen.
II. Zellvereinsseele oder Zönobial-Seele (Coenopsyche); z w e i t e
H a u p t s t u f e d e r p h y l e t i s c h e n P s y c h o g e n e s i s. Die individuelle
Entwickelung beginnt beim Menschen wie bei allen anderen vielzelligen Tieren
mit der wiederholten Teilung einer einfachen Zelle. Die S t a m m z e l l e (Cytula)
zerfällt dadurch in einen maulbeerähnlichen Zellhaufen, den Maulbeerkeim
(Morula). Indem sich im Inneren dieses soliden Körpers Flüssigkeit ansammelt,
verwandelt er sich in ein kugeliges Bläschen; alle Zellen treten an dessen
Oberfläche und ordnen sich in eine einfache Zellenschicht, die K e i m h a u t
(Blastoderma). Die so entstandene H o h l k u g e l ist der bedeutungsvolle Zustand
der K e i m b l a s e (Blastula).
Die B e w e g u n g e n, die wir unmittelbar bei der Bildung der Blastula
beobachten können, sind ohne entsprechende E m p f i n d u n g e n nicht zu
denken. Die B e w e g u n g e n zerfallen in zwei Gruppen: 1. die inneren
Bewegungen, welche überall in wesentlich gleicher Weise beim Vorgange der
gewöhnlichen (indirekten) Zellteilung sich wiederholen (Bildung der
Kernspindel, Mitose, Karyokinese usw.); 2. die äußeren Bewegungen, welche in
der gesetzmäßigen Lageveränderung der geselligen Zellen und ihrer
Gruppierung bei Bildung des Blastoderms zutage treten. Wir fassen diese
Bewegungen als ererbte auf, weil sie überall in prinzipiell gleicher Weise von
den Ahnen übernommen worden sind. Die E m p f i n d u n g e n können ebenfalls
in zwei Gruppen unterschieden werden: 1. die Empfindungen der einzelnen
Zellen, welche sich in der Behauptung ihrer individuellen Selbständigkeit und
ihrem Verhalten gegen die Nachbarzellen äußern (mit denen sie in Berührung
und teilweise durch Plasmabrücken in direkter Verbindung stehen); 2. die
einheitliche Empfindung des ganzen Zellvereins oder Z ö n o b i u m s, welche in der individuellen Gestaltung der B l a s t u l a als H o h l k u g e l zutage tritt.
Das kausale Verständnis der B l a s t u l abildung liefert uns das
B i o g e n e t i s c h e G r u n d g e s e t z, indem es die unmittelbar zu
beobachtenden Erscheinungen derselben durch die Ve r e r b u n g erklärt und auf
entsprechende historische Vorgänge zurückführt, welche sich ursprünglich bei
der Entstehung der ältesten Protisten-Zönobien, der B l a s t ä a d e n, vollzogen
haben. Die physiologische und psychologische Einsicht in diese wichtigen
Prozesse der ältesten Z e l l e n - A s s o z i o n gewinnen wir aber durch
Beobachtung und Experiment an den heute noch lebenden Zönobien. Solche
beständige Z e l l v e r e i n e der Gegenwart sind z. B. die bekannten
»Kugeltierchen« (Volvocina). Ihre schwimmende Ortsbewegung wird durch
schwingende Geißeln vermittelt, die von den einzelnen Zellen an der Oberfläche
der »Flimmerkugel« ausgehen. In allen diesen Zönobien können wir bereits
neben einander zwei verschiedene Stufen der psychischen Tätigkeit
unterscheiden: I. die Z e l l s e e l e der einzelnen Zellindividuen (als »Elementar-
Organismen«) und II. die Z ö n o b i a l s e e l e des ganzen Zellvereins.
III. Gewebeseele (Histopsyche); d r i t t e H a u p t s t u f e d e r
p h y l e t i s c h e n P s y c h o g e n e s i s. Bei allen vielzelligen und
gewebebildenden Pflanzen (Metaphyten) und ebenso bei den niedersten,
nervenlosen Klassen der G e w e b e t i e r e (Metazoen) haben wir zunächst zwei
verschiedene Formen der Seelentätigkeit zu unterscheiden, nämlich A. die
Psyche der einzelnen Z e l l e n, welche die Gewebe zusammensetzen, und B. die
Psyche der G e w e b e selbst oder des »Zellenstaates«, welcher von diesen
gebildet wird. Diese G e w e b e s e e l e ist überall die höhere psychologische
Funktion, welche den zusammengesetzten vielzelligen Organismus als
einheitliches Lebewesen oder »p h y s i o l o g i s c h e s I n d i v i d u u m«, als
wirklichen »Zellenstaat« erscheinen läßt. Sie beherrscht alle die einzelnen
»Zellseelen« der sozialen Zellen, welche als abhängige »Staatsbürger« den
einheitlichen Zellenstaat konstituieren.
III. A. Die Pflanzenseele (Phytopsyche) ist für uns der Inbegriff der gesamten
psychischen Tätigkeit der gewebebildenden, v i e l z e l l i g e n P f l a n z e n
(Metaphyten); sie ist Gegenstand der verschiedensten Beurteilung bis auf den
heutigen Tag geblieben. Früher fand man gewöhnlich einen Hauptunterschied
zwischen Pflanzen und Tieren darin, daß man den letzteren allgemein eine
»Seele« zuschrieb, den ersteren dagegen nicht. Indessen führte unbefangene
Vergleichung der Reizbarkeit und der Bewegungen bei verschiedenen höheren
Pflanzen und niederen Tieren schon im Anfange des 19. Jahrhunderts einzelne
Forscher zu der Überzeugung, daß beide gleichmäßig beseelt sein müßten. Später traten namentlich F e c h n e r, L e i t g e b u. a., neuerdings besonders
F r a n c é, lebhaft für die Annahme einer »P f l a n z e n s e e l e« ein. Tieferes
Verständnis derselben wurde erst erworben, nachdem durch die
Z e l l e n t h e o r i e (1838) die gleiche Elementarstruktur in Pflanzen und Tieren
nachgewiesen, und besonders seitdem durch die P l a s m a t h e o r i e von M a x
S c h u l t z e (1859) das gleiche Verhalten des aktiven, lebendigen Protoplasma in
beiden erkannt worden war. Die neuere vergleichende Physiologie zeigte sodann,
daß das physiologische Verhalten gegen verschiedene Reize (Licht, Elektrizität,
Wärme, Schwere, Reibung, chemische Einflüsse usw.) in den
»e m p f i n d l i c h e n« Körperteilen vieler Pflanzen und Tiere ganz ähnlich ist,
und daß auch die R e f l e x b e w e g u n g e n, die jene Reize hervorrufen, ganz
ähnlichen Verlauf haben. Wenn man daher diese Tätigkeiten bei niederen,
nervenlosen Metazoen (Schwämmen, Polypen) einer besonderen »Seele«
zuschrieb, so war man berechtigt, diese auch bei den Metaphyten anzunehmen,
besonders bei den sehr »empfindlichen« Sinnpflanzen (Mimosa), den
Fliegenfallen (Dionaea, Drosera) und den zahlreichen rankenden Kletter- und
Schlingpflanzen.
III. B. Die Seele nervenloser Metazoen. Von ganz besonderem Interesse für die
vergleichende Physiologie im allgemeinen und für die Phylogenie der Tierseele
im besonderen ist die Seelentätigkeit jener n i e d e r e n M e t a z o e n, welche
zwar Gewebe und oft bereits differenzierte Organe besitzen, aber weder Nerven
noch spezifische Sinnesorgane. Dahin gehören vier verschiedene Gruppen von
ältesten Z ö l e n t e r i e n oder Niedertieren, nämlich: 1. die G a s t r ä a d e n,
2. die P l a t o d a r i e n, 3. die S p o n g i e n und 4. die H y d r o p o l y p e n, die
niedersten Formen der Nesseltiere.
Die Gasträaden oder Urdarmtiere bilden jene kleine Gruppe von niedersten
Zölenterien, welche als die gemeinsame Stammgruppe aller Metazoen von
höchster Wichtigkeit ist. Der Körper dieser kleinen, schwimmenden Tierchen
erscheint als ein kleines (meist eiförmiges) Bläschen, welche eine einfache
Höhle mit einer Öffnung enthält (Urdarm und Urmund). Die Wand der
verdauenden Höhle wird aus zwei einfachen Zellenschichten oder Epithelien
gebildet, von denen die innere (Darmblatt) die Tätigkeiten der Ernährung, und
die äußere (Hautblatt) die Funktionen der Bewegung und Empfindung vermittelt.
Die gleichartigen sensiblen Zellen dieses Hautblattes tragen zarte Geißeln, lange
Flimmerhaare, deren Schwingungen die willkürliche Schwimmbewegung
bewirken. Die wenigen noch lebenden Formen der Gasträaden sind deshalb so
interessant, weil sie zeitlebens auf derselben Bildungsstufe stehen bleiben,
welche die Keime aller übrigen Metazoen (von den Spongien bis zum Menschen hinauf) im Beginne ihrer Keimesentwickelung durchlaufen. Wie ich in meiner
G a s t r ä a t h e o r i e (1872) gezeigt habe, entsteht bei sämtlichen Gewebetieren
zunächst aus der vorher betrachteten B l a s t u l a eine höchst charakteristische
Keimform, die G a s t r u l a. Die Keimhaut (Blastoderma), welche die Wand der
Hohlkugel darstellt, bildet an einer Seite eine grubenförmige Vertiefung, und
diese wird bald zu einer so tiefen Einstülpung, daß der innere Hohlraum der
Keimblase verschwindet. Die eingestülpte (innere) Hälfte der Keimhaut legt sich
an die äußere (nicht eingestülpte) Hälfte innen an; letztere bildet das
H a u t b l a t t oder äußere Keimblatt (Ektoderm), erstere dagegen das
D a r m b l a t t oder innere Keimblatt (Entoderm). Der neu entstandene Hohlraum
des becherförmigen Körpers ist die verdauende Magenhöhle, der U r d a r m,
seine Öffnung der U r m u n d. Das Hautblatt oder Ektoderm ist bei allen
Metazoen das ursprüngliche »S e e l e n o r g a n«; denn aus ihm entwickeln sich
bei sämtlichen Nerventieren nicht nur die äußere Hautdecke und die
Sinnesorgane, sondern auch das Nervensystem. Bei den Gasträaden, welche
letzteres noch nicht besitzen, sind alle Zellen, welche die einfache Epithelschicht
des Ektoderm zusammensetzen, gleichmäßig Organe der Empfindung und
Bewegung; die Gewebeseele zeigt sich hier in einfachster Form.
Die Spongien oder Schwammtiere stellen einen selbständigen Stamm des
Tierreichs dar, der sich von allen anderen Metazoen durch seine eigentümliche
Organisation unterscheidet; die zahlreichen Arten desselben sitzen meistens auf
dem Meeresboden angewachsen. Die einfachste Form der Schwämme, Olynthus,
ist eigentlich nichts weiter als eine Gastraea, deren Körperwand siebförmig von
feinen Poren durchbrochen ist, zum Eintritt des ernährenden Wasserstromes. Bei
den meisten Spongien (auch beim bekanntesten, dem Badeschwamm) bildet der
knollenförmige Körper einen Stock, welcher aus Tausenden oder Millionen
solcher Gasträaden (»Geißelkammern«) zusammengesetzt und von einem
ernährenden Kanalsystem durchzogen ist. Empfindung und Bewegung sind bei
den Schwammtieren nur in äußerst geringem Grade entwickelt; Nerven,
Sinnesorgane und Muskeln fehlen. Es war daher sehr natürlich, daß man diese
festsitzenden, unförmigen und unempfindlichen Tiere früher allgemein als
»Gewächse« betrachtete. Ihr Seelenleben (für welches keine besonderen Organe
differenziert sind) steht tief unter demjenigen der Mimosen und anderer
empfindlicher Pflanzen.
Die Seele der Nesseltiere (Cnidaria) ist für die vergleichende und phylogenetische
Psychologie von hervorragender Bedeutung. Denn in diesem formenreichen
Stamm der Zölenterien vollzieht sich vor unseren Augen die historische
Entstehung der N e r v e n s e e l e aus der G e w e b e s e e l e. Es gehören zu diesem Stamme die vielgestaltigen Klassen der festsitzenden Polypen und
Korallen, der schwimmenden Medusen und Siphonophoren. Als gemeinsame
hypothetische Stammform aller Nesseltiere läßt sich mit voller Sicherheit ein
einfachster P o l y p erkennen, welcher dem gemeinen, heute noch lebenden
Süßwasserpolypen (Hydra) im wesentlichen gleich gebaut war. Nun besitzen aber
diese Hydra und ebenso die festsitzenden, nahe verwandten Hydropolypen noch
keine gesonderten Nerven und höheren Sinnesorgane, obgleich sie sehr
empfindlich sind. Dagegen die frei schwimmenden M e d u s e n, welche sich aus
letzteren entwickeln (und noch heute mit ihnen durch Generationswechsel
verknüpft sind), besitzen bereits ein selbständiges Nervensystem und gesonderte
Sinnesorgane. Wir können also hier den historischen Ursprung der
N e r v e n s e e l e aus der Gewebeseele unmittelbar ontogenetisch beobachten
und phylogenetisch verstehen lernen. Sehr interessant ist für die Psychologie
auch die Klasse der S t a a t s q u a l l e n (Siphonophorae). An diesen prächtigen,
freischwimmenden Tierstöcken, welche von Hydromedusen abstammen, können
wir eine D o p p e l s e e l e beobachten: die Einzelseele (P e r s o n a l s e e l e) der
zahlreichen Personen, die ihn zusammensetzen, und die gemeinsame, einheitlich
tätige Psyche des ganzen Stockes (K o r m a l s e e l e).
IV. Die Nervenseele (Neuropsyche); v i e r t e H a u p t s t u f e der
p h y l e t i s c h e n P s y c h o g e n e s i s. Das Seelenleben aller höheren Tiere
wird, ebenso wie beim Menschen, durch einen mehr oder minder komplizierten
»S e e l e n a p p a r a t« vermittelt, und dieser besteht immer aus drei
Hauptbestandteilen: die S i n n e s o r g a n e bewirken die verschiedenen
Empfindungen, die M u s k e l n dagegen die Bewegungen; die N e r v e n stellen
die Verbindung zwischen ersteren und letzteren durch ein besonderes
Zentralorgan her: G e h i r n oder Ganglion (Nervenknoten). Die Einrichtung und
Tätigkeit dieses Seelenapparates pflegt man mit einem elektrischen
Telegraphensystem zu vergleichen; die Nerven sind die Leitungsdrähte, das
Gehirn die Zentralstation, die Muskeln und Sensillen die untergeordneten
Lokalstationen. Die motorischen Nervenfasern leiten die Willensbefehle oder
Impulse zentrifugal von diesem Nervenzentrum zu den Muskeln und bewirken
durch deren Kontraktion Bewegungen; die sensiblen Nervenfasern dagegen
leiten die verschiedenen Empfindungen zentripetal von den peripheren
Sinnesorganen zum Gehirn und statten Bericht ab von den empfangenen
Eindrücken der Außenwelt. Die Ganglienzellen oder »Seelenzellen«, welche das
nervöse Zentralorgan zusammensetzen, sind die vollkommensten von allen
organischen Elementarteilen; denn sie vermitteln nicht nur den Verkehr zwischen
den Muskeln und Sinnesorganen, sondern auch die höchsten von allen
Leistungen der Tierseele, die Bildung von Vorstellungen und Gedanken, an der Spitze von allem das Bewußtsein.
Die großen Fortschritte der Anatomie und Physiologie, der Histologie und
Ontogenie haben in der Neuzeit unsere tiefere Kenntnis des Seelenapparates mit
einer Fülle der interessantesten Entdeckungen bereichert. Wenn die spekulative
Philosophie auch nur die wichtigsten von diesen bedeutungsvollen Erwerbungen
der empirischen Biologie in sich aufgenommen hätte, müßte sie heute schon eine
ganz andere Physiognomie zeigen, als es leider der Fall ist.
Jeder der höheren Tierstämme besitzt sein eigentümliches Seelenorgan; in jedem
ist das Zentralnervensystem durch seine besondere Gestalt, Lage und
Zusammensetzung ausgezeichnet. Unter den strahlig gebauten N e s s e l t i e r e n
(Cnidaria) zeigen die Medusen einen Nervenring am Schirmrande, meistens mit
vier oder acht Ganglien ausgestattet. Bei den fünfstrahligen S t e r n t i e r e n
(Echinoderma) ist der Mund von einem Nervenring umgeben, von welchem fünf
Nervenstämme ausstrahlen. Die zweiseitig-symmetrischen P l a t t e n t i e r e
(Platodes) und W u r m t i e r e (Vermalia) besitzen ein Scheitelhirn oder
Akroganglion, zusammengesetzt aus ein paar dorsalen, oberhalb des Mundes
gelegenen Ganglien; von diesen »oberen Schlundknoten« gehen zwei seitliche
Nervenstämme an die Haut und die Muskeln. Bei einem Teile der Vermalien und
bei den W e i c h t i e r e n (Mollusca) treten dazu noch ein paar ventrale »untere
Schlundknoten«, welche sich mit den ersteren durch einen den Schlund
umfassenden Ring verbinden. Dieser »Schlundring« kehrt auch bei den
G l i e d e r t i e r e n (Articulata) wieder, setzt sich aber hier auf der Bauchseite des
langgestreckten Körpers in ein »Bauchmark« fort, einen strickleiterförmigen
Doppelstrang, welcher in jedem Gliede zu einem Doppelganglion anschwillt.
Ganz entgegengesetzte Bildung des Seelenorgans zeigen die W i r b e l t i e r e
(Vertebrata); hier findet sich allgemein auf der Rückenseite des innerlich
gegliederten Körpers ein Rückenmark entwickelt; aus einer Anschwellung seines
vorderen Teiles entsteht später das charakteristische blasenförmige Gehirn.
Obgleich nun so die Seelenorgane der höheren Tierstämme in Lage, Form und
Zusammensetzung sehr charakteristische Verschiedenheiten zeigen, ist doch die
vergleichende Anatomie imstande gewesen, für die meisten einen gemeinsamen
Ursprung nachzuweisen, aus dem S c h e i t e l h i r n der P l a t o d e n und
Ve r m a l i e n; und allen gemeinsam ist die Entstehung aus der äußersten
Zellenschicht des Keimes, aus dem »H a u t s i n n e s b l a t t« (Ektoderm). Ebenso
finden wir in allen Formen der nervösen Zentralorgane dieselbe wesentliche
Struktur wieder, die Zusammensetzung aus Ganglienzellen oder
»S e e l e n z e l l e n« (den eigentlichen aktiven Elementarorganen der P s y c h e)
und aus N e r v e n f a s e r n, welche den Zusammenhang und die Leitung der Aktion vermitteln.
Seelenorgan der Wirbeltiere. Die erste Tatsache, welche uns in der
vergleichenden Psychologie der Wirbeltiere entgegentritt, und welche der
empirische Ausgangspunkt jeder wissenschaftlichen Seelenlehre des Menschen
sein sollte, ist der charakteristische Bau ihres Zentralnervensystems. Wie dieses
zentrale Seelenorgan in jedem der höheren Tierstämme eine besondere, diesem
eigentümliche Lage, Gestalt und Zusammensetzung zeigt, so ist es auch bei den
Wirbeltieren der Fall. Überall finden wir hier ein R ü c k e n m a r k vor, einen
starken zylindrischen Nervenstrang, welcher in der Mittellinie des Rückens
verläuft, oberhalb der Wirbelsäule (oder der sie vertretenden Chorda). Überall
gehen von diesem Rückenmark zahlreiche Nervenstämme in regelmäßiger,
segmentaler Verteilung ab, je ein Paar an jedem Segment oder Wirbelgliede.
Überall entsteht dieses »Medullarrohr« im Embryo auf gleiche Weise: in der
Mittellinie der Rückenhaut bildet sich eine feine Furche oder Rinne; die beiden
parallelen Ränder dieser Markrinne oder M e d u l l a r r i n n e erheben sich,
krümmen sich gegen einander und verwachsen in der Mittellinie zu einem
Rohre.
Das lange dorsale, so entstandene, zylindrische Nervenrohr oder Medullarrohr
ist durchaus für die W i r b e l t i e r e charakteristisch, in der früheren
Embryonalanlage überall dasselbe und die gemeinsame Grundlage aller der
verschiedenen Formen des Seelenorgans, die sich später daraus entwickeln. Nur
eine einzige Gruppe von wirbellosen Tieren zeigt eine ähnliche Bildung; das
sind die seltsamen meerbewohnenden M a n t e l t i e r e (Tunicata). Sie gleichen
den Wirbeltieren auch im Besitze von anderen charakteristischen Organen
(Chorda, Kiemendarm usw.). Wir nehmen daher an, daß die ungegliederten
Manteltiere und die innerlich gegliederten Wirbeltiere aus einer gemeinsamen
älteren Stammgruppe von Wurmtieren hervorgegangen sind (Prochordonia).
Phyletische Bildungsstufen des Medullarrohrs. Die lange Stammesgeschichte
unserer »Wirbeltierseele« beginnt mit der Bildung des einfachsten Medullarrohrs
bei den ältesten Schädellosen; sie führt uns durch einen Zeitraum von vielen
Millionen Jahren langsam und allmählich bis zu jenem komplizierten
Wunderbau des menschlichen Gehirns hinauf, welcher diese höchst entwickelte
Primatenform zu einer Ausnahmestellung in der Natur zu berechtigen scheint.
Da eine klare Vorstellung von diesem langsamen und stetigen Gange unserer
phyletischen Psychogenie die erste Vorbedingung einer wirklich
n a t u r g e m ä ß e n P s y c h o l o g i e ist, erscheint es zweckmäßig, jenen
gewaltigen Zeitraum in eine Anzahl von Stufen oder Hauptabschnitten
einzuteilen; in jedem derselben hat sich gleichmäßig mit der Struktur des Nervenzentrums auch seine Funktion, die »Psyche«, vervollkommnet. Ich
unterscheide acht solche P e r i o d e n i n d e r P h y l o g e n i e d e s
M e d u l l a r r o h r s und in der stufenweisen Vervollkommnung seines
vordersten Teiles, des Gehirns; sie sind charakterisiert durch acht verschiedene
Hauptgruppen der Wirbeltiere; nämlich I. die Schädellosen (Acrania), II. die
Rundmäuler (Cyclostoma), III. die Fische (Pisces), IV. die Lurche (Amphibia), V. die
implacentalen Säugetiere (Monotrema und Marsupialia), VI. die älteren plazentalen
Säugetiere, besonders die Halbaffen (Prosimiae), VII. die jüngeren Herrentiere, die
echten Affen (Simiae), VIII. die Menschenaffen und der Mensch (Anthropomorpha).
Seelengeschichte der Säugetiere. Der wichtigste Folgeschluß, welcher sich aus
dem monophyletischen Ursprung der Säugetiere ergibt, ist die notwendige
Ableitung der M e n s c h e n s e e l e aus einer langen Entwickelungsreihe von
anderen M a m m a l i e n s e e l e n. Eine gewaltige anatomische und
physiologische Kraft trennt den Gehirnbau und das davon abhängige
Seelenleben der höchsten und der niedersten Säugetiere, und dennoch wird diese
tiefe Kluft durch eine lange Reihe von vermittelnden Zwischenstufen vollständig
ausgefüllt. Die allgemeinsten Ergebnisse der wichtigen, neuerdings hier tief
eingedrungenen Forschungen sind folgende:
I . Das Gehirn der Säugetiere entwickelt sich zwar in gleicher Weise, wie das der
anderen Wirbeltiere, aus drei hintereinander gelegenen Blasen, die durch
zweifache Einschnürung der anfangs einfachen Hirnblase entstehen; es
unterscheidet sich von demjenigen der übrigen Vertebraten durch gewisse
Eigentümlichkeiten, welche allen Gliedern der Klasse gemeinsam sind, vor
allem die überwiegende Ausbildung der ersten und dritten Blase, des Großhirns
und Kleinhirns, während die zweite Blase, das Mittelhirn, ganz zurücktritt.
II. Trotzdem schließt sich die Hirnbildung der niedersten und ältesten
Mammalien noch eng an diejenige ihrer paläozoischen Vorfahren an, der
Amphibien in der Steinkohlenperiode. III. Erst während der Tertiärzeit erfolgt die
typische volle Ausbildung des Großhirns, welche die jüngeren Säugetiere so
auffallend vor den älteren auszeichnet. IV. Die besondere (quantitative und
qualitative) Ausbildung des Großhirns, welche den Menschen so hoch erhebt,
und welche ihn zu seinen vorzüglichen psychischen Leistungen befähigt, findet
sich außerdem nur bei einem Teile der höchstentwickelten Säugetiere der
jüngeren Tertiärzeit, vor allen bei den Menschenaffen. V. Die Unterschiede,
welche im Gehirnbau und Seelenleben des Menschen und der Menschenaffen
existieren, sind geringer als die entsprechenden Unterschiede zwischen diesen
letzteren und den niederen Primaten (den ältesten Affen und den Halbaffen).
VI. Demnach muß die historische stufenweise Entwickelung der Menschenseele aus einer langen Kette von höheren und niederen Säugetierseelen als eine
fundamentale, durch die vergleichende Anatomie und Ontogenie
wissenschaftlich bewiesene T a t s a c h e gelten.
Z e h n t e s K a p i t e l .
Bewußtsein.
Monistische Studien über bewußtes und unbewußtes Seelenleben.
Entwickelungsgeschichte und Theorie des Bewußtseins.
Unter allen Äußerungen des Seelenlebens gibt es keine, die so wunderbar
erscheint und so verschieden beurteilt wird wie das B e w u ß t s e i n. Nicht allein
über das eigentliche Wesen dieser Seelentätigkeit und über ihr Verhältnis zum
Körper, sondern auch über ihre Verbreitung in der organischen Welt, über ihre
Entstehung und Entwickelung stehen sich noch heute, wie seit Jahrtausenden,
die widersprechendsten Ansichten gegenüber. Mehr als jede andere psychische
Funktion hat das Bewußtsein zu der irrtümlichen Vorstellung eines
»immateriellen Seelenwesens« und im Anschluß daran zu dem Aberglauben der
»persönlichen Unsterblichkeit« Veranlassung gegeben; viele der schwersten
Irrtümer, die unser modernes Kulturleben noch heute beherrschen, sind darauf
zurückzuführen. Ich habe daher schon früher das Bewußtsein als das
»p s y c h o l o g i s c h e Z e n t r a l m y s t e r i u m« bezeichnet; es ist die feste
Zitadelle aller mystischen und dualistischen Irrtümer, an deren gewaltigen
Wällen alle Angriffe der bestgerüsteten Vernunft zu scheitern drohen. Schon
diese Tatsache allein rechtfertigt es, daß wir hier dem Bewußtsein eine
besondere kritische Betrachtung von unserem monistischen Standpunkte aus
widmen. Wir werden sehen, daß das Bewußtsein nicht mehr und nicht minder
wie jede andere Seelentätigkeit eine N a t u r e r s c h e i n u n g ist, und daß es
gleich allen anderen Naturerscheinungen dem S u b s t a n z g e s e t z unterworfen
ist.
Begriff des Bewußtseins. Schon über den elementaren Begriff dieser
Seelentätigkeit, über seinen Inhalt und Umfang, gehen die Ansichten der
angesehensten Philosophen und Naturforscher weit auseinander. Vielleicht am
besten bezeichnet man den Inhalt des Bewußtseins als i n n e r e
A n s c h a u u n g und vergleicht diese einer S p i e g e l u n g. Als zwei
Hauptbezirke desselben unterscheidet man häufig das objektive und subjektive
Bewußtsein, das Weltbewußtsein und Selbstbewußtsein. Bei weitem der größte
Teil aller bewußten Seelentätigkeit betrifft, wie schon S c h o p e n h a u e r
hervorhob, das Bewußtsein der Außenwelt, der »a n d e r e n D i n g e«; dieses W e l t b e w u ß t s e i n umfaßt alle möglichen Erscheinungen der Außenwelt,
welche überhaupt unserer Erkenntnis zugänglich sind. Viel beschränkter ist
unser S e l b s t b e w u ß t s e i n, die innere Spiegelung unserer eigenen gesamten
Seelentätigkeit, aller Vorstellungen, Empfindungen und Strebungen oder
Willenstätigkeiten.
Bewußtsein und Seelenleben. Viele und angesehene Denker, namentlich unter
den Physiologen (z. B. W u n d t und Z i e h e n), halten die Begriffe des
Bewußtseins und der psychischen Funktionen für identisch: »a l l e
S e e l e n t ä t i g k e i t i s t b e w u ß t e«; das Gebiet der Psychologie reicht nur
so weit als dasjenige des Bewußtseins. Nach unserer Ansicht erweitert diese
Definition die Bedeutung des letzteren in ungebührlicher Weise und gibt
Veranlassung zu zahlreichen Irrtümern und Mißverständnissen. Wir teilen
vielmehr die Ansicht anderer Philosophen (z. B. R o m a n e s und F r i t z
S c h u l t z e), daß auch die unbewußten Vorstellungen, Empfindungen und
Strebungen zum Seelenleben gehören; in der Tat ist sogar das Gebiet dieser
unbewußten psychischen Aktionen (der Reflextätigkeit usw.) viel ausgedehnter
als dasjenige der bewußten. Beide Gebiete stehen übrigens im engsten
Zusammenhang und sind durch keine scharfe Grenze getrennt; jederzeit kann
uns eine unbewußte Vorstellung plötzlich bewußt werden; wird unsere
Aufmerksamkeit darauf durch ein anderes Objekt gefesselt, so kann sie ebenso
rasch wieder unserem Bewußtsein völlig entschwinden.
Bewußtsein des Menschen. Die einzige Quelle unserer Erkenntnis des
Bewußtseins ist dieses selbst, und hierin liegt in erster Linie die außerordentliche
Schwierigkeit seiner wissenschaftlichen Untersuchung und Deutung. S u b j e k t
und O b j e k t fallen hier in eins zusammen; das erkennende Subjekt spiegelt sich
in seinem eigenen inneren Wesen, welches Objekt der Erkenntnis sein soll. Auf
das Bewußtsein anderer Wesen können wir also niemals mit voller objektiver
Sicherheit schließen, sondern immer nur durch Vergleichung seiner Äußerungen
mit unseren eigenen. Soweit diese Vergleichung sich nur auf n o r m a l e
M e n s c h e n erstreckt, können wir allerdings auf deren Bewußtsein gewisse
Schlüsse ziehen, deren Richtigkeit niemand bezweifelt. Aber schon bei
a b n o r m e n Persönlichkeiten (bei genialen und exzentrischen, stumpfsinnigen
und geisteskranken Menschen) sind diese Analogieschlüsse entweder unsicher
oder falsch. In noch höherem Grade gilt das, wenn wir das Bewußtsein des
Menschen mit demjenigen der Tiere in Vergleich stellen. Da ergeben sich alsbald
so große tatsächliche Schwierigkeiten, daß die Ansichten der hervorragendsten
Physiologen und Philosophen himmelweit auseinander gehen. Wir wollen hier
nur die wichtigsten Anschauungen darüber kurz einander gegenüberstellen.
I . Anthropistische Theorie des Bewußtseins: e s i s t d e m M e n s c h e n
e i g e n t ü m l i c h. Die weitverbreitete Anschauung, daß Bewußtsein und
Denken ausschließliches Eigentum des Menschen seien, und daß auch ihm allein
eine »unsterbliche Seele« zukomme, ist auf D e s c a r t e s zurückzuführen
(1643). Dieser geistreiche französische Philosoph und Mathematiker errichtete
eine vollkommene Scheidewand zwischen der Seelentätigkeit des Menschen und
der Tiere. Die Seele des Menschen, als denkendes, immaterielles Wesen, ist nach
ihm vom Körper, als ausgedehntem, materiellem Wesen, vollständig getrennt.
Trotzdem soll sie an einem Punkte des Gehirns (an der Zirbeldrüse!) mit dem
Körper verbunden sein, um hier Einwirkungen der Außenwelt aufzunehmen und
ihrerseits auf den Körper auszuüben. Die T i e r e dagegen, als nicht denkende
Wesen, sollen keine Seele besitzen und reine A u t o m a t e n sein, kunstvoll
gebaute Maschinen, deren Empfinden, Vorstellen und Wollen rein mechanisch
zustande kommt und nach physikalischen Gesetzen verläuft. Für die Psychologie
des M e n s c h e n vertrat demnach D e s c a r t e s den D u a l i s m u s, für
diejenige der T i e r e den M o n i s m u s. Dieser offenkundige Widerspruch bei
einem so klaren und scharfsinnigen Denker muß höchst auffallend erscheinen;
zu Erklärung desselben darf man wohl mit Recht annehmen, daß er seine wahre
Überzeugung verschwieg und deren Erkenntnis den selbständigen Denkern
überließ. Als Zögling der Jesuiten war D e s c a r t e s schon frühzeitig dazu
erzogen, wider bessere Einsicht die Wahrheit zu verleugnen; vielleicht fürchtete
er auch die Macht der Kirche und ihre Scheiterhaufen. Ohnehin hatte ihm seine
skeptische Forderung, daß jedes reine Erkenntnisstreben vom Zweifel am
überlieferten Dogma ausgehen müsse, fanatische Anklagen wegen Skeptizismus
und Atheismus zugezogen. Die mächtige Wirkung, welche D e s c a r t e s auf die
nachfolgende Philosophie ausübte, war sehr merkwürdig und seiner »doppelten
Buchführung« entsprechend. Die M a t e r i a l i s t e n des 17. und
18. Jahrhunderts beriefen sich für ihre monistische Psychologie auf die
kartesianische Theorie von der Tierseele und ihrer mechanischen
Maschinentätigkeit. Die S p i r i t u a l i s t e n umgekehrt behaupteten, daß ihr
Dogma von der Unsterblichkeit der Seele und ihrer Unabhängigkeit vom Körper
durch die kartesianische Theorie der Menschenseele unwiderleglich begründet
sei. Diese Ansicht ist auch heute noch im Lager der Theologen und der
dualistischen Metaphysiker die herrschende. Die naturwissenschaftliche
Anschauung des 19. Jahrhunderts hat sie mit Hülfe der empirischen Fortschritte
im Gebiete der physiologischen, pathologischen und vergleichenden Psychologie
völlig überwunden.
II. Neurologische Theorie des Bewußtseins: es k o m m t n u r d e m
M e n s c h e n u n d j e n e n h ö h e r e n T i e r e n zu, welche ein zentralisiertes Nervensystem und Sinnesorgane besitzen. Die Überzeugung, daß
ein großer Teil der Tiere — zum mindesten die höheren Säugetiere — ebenso
eine denkende Seele und also auch Bewußtsein besitzt, wie der Mensch,
beherrscht die Kreise der modernen Zoologie, Physiologie und monistischen
Psychologie. Die großartigen Fortschritte der Neuzeit in mehreren Gebieten der
Biologie haben uns übereinstimmend zu der Anerkennung dieser
bedeutungsvollen Erkenntnis geführt. Wir beschränken uns bei ihrer Würdigung
zunächst auf die höheren W i r b e l t i e r e und vor allem die Säugetiere. Daß die
intelligentesten Vertreter dieser höchst entwickelten Wirbeltiere — allen voran
die Affen und Hunde — in ihrer gesamten Seelentätigkeit sich dem Menschen
höchst ähnlich verhalten, ist seit Jahrtausenden bekannt und bewundert. Ihre
Vorstellungs- und Sinnestätigkeit, ihr Empfinden und Begehren ist dem
Menschen so ähnlich, daß wir keine Beweise dafür anzuführen brauchen. Aber
auch die höhere Assoziationstätigkeit ihres Gehirns, die Bildung von Urteilen
und deren Verbindung zu Schlüssen, das Denken und das Bewußtsein im
engeren Sinne, sind bei ihnen ähnlich entwickelt wie beim Menschen — nur
dem Grade, nicht der Art nach davon verschieden. Überdies lehrt uns die
vergleichende Anatomie und Histologie, daß die verwickelte Zusammensetzung
des Gehirns (sowohl die feinere als die gröbere Struktur) bei diesen höheren
S ä u g e t i e r e n im wesentlichen dieselbe wie beim Menschen ist. Dasselbe
zeigt uns die vergleichende Ontogenie bezüglich der Entstehung dieser
Seelenorgane. Die vergleichende Physiologie lehrt, daß die verschiedenen
Zustände des Bewußtseins sich bei diesen höchst entwickelten Plazentaltieren
ganz ähnlich wie beim Menschen verhalten, und das Experiment beweist, daß sie
auch auf äußere Eingriffe ebenso reagieren. Man kann höhere Tiere durch
Alkohol, Chloroform, Äther usw. ebenso betäuben, durch geeignete Behandlung
ebenso hypnotisieren usw. wie den Menschen. Dagegen ist es nicht möglich, die
G r e n z e scharf zu bestimmen, wo auf den niederen Stufen des Tierlebens das
Bewußtsein zuerst als solches erkennbar wird. Die einen Zoologen setzen
dieselbe sehr hoch oben an, die anderen sehr tief unten. D a r w i n, der die
verschiedenen Abstufungen des Bewußtseins, der Intelligenz und des Gemüts
bei den höheren Tieren sehr genau unterscheidet und durch zunehmende
Entwickelung erklärt, weist zugleich darauf hin, wie schwer oder eigentlich wie
unmöglich es ist, die ersten Anfänge dieser höchsten Seelentätigkeiten bei den
niederen Tieren zu bestimmen. Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, daß
diejenigen Tiere ein unserem eigenen ähnliches bewußtes Erleben haben, die ein
Nervensystem von annähernd so feiner Struktur, histologischer Differenzierung
und Zentralisation besitzen.
III. Animalische Theorie des Bewußtseins: e s f i n d e t s i c h b e i a l l e n T i e r e n u n d n u r b e i d i e s e n. Hiernach würde ein scharfer Unterschied
im Seelenleben der Tiere und Pflanzen bestehen; ein solcher wurde schon von
vielen alten Autoren angenommen und von L i n n é scharf formuliert in seinem
grundlegenden »Systema naturae« (1735); die beiden großen Reiche der
organischen Natur unterscheiden sich nach ihm dadurch, daß die Tiere
Empfindung und Bewußtsein haben, die Pflanzen nicht. Später hat besonders
S c h o p e n h a u e r diesen Unterschied scharf betont: »Das Bewußtsein ist uns
schlechthin nur als Eigenschaft a n i m a l e r Wesen bekannt. Auch nachdem es
sich durch die ganze Tierreihe, bis zum Menschen und seiner Vernunft,
gesteigert hat, bleibt die Bewußtlosigkeit der Pflanze, von der es ausging, noch
immer die Grundlage. Die untersten Tiere haben bloß eine Dämmerung
desselben.« Die Unhaltbarkeit dieser Ansicht wurde schon um die Mitte des
neunzehnten Jahrhunderts klar, als man das Seelenleben der niederen
Tierstämme, besonders der Schwämme und Nesseltiere, näher kennen lernte:
echte Tiere, die ebenso wenig Spuren von klarem Bewußtsein besitzen, wie die
meisten Pflanzen. Noch mehr wurde der Unterschied zwischen beiden Reichen
verwischt, als man die einzelligen Lebensformen derselben genauer untersuchte.
Die U r t i e r e und die U r p f l a n z e n zeigen keine psychologischen
Unterschiede, auch nicht in Beziehung auf ihr fragliches Bewußtsein.
IV. Biologische Theorie des Bewußtseins: e s i s t a l l e n O r g a n i s m e n
g e m e i n s a m, es findet sich bei allen Tieren und Pflanzen, während es den
anorganischen Naturkörpern (Krystallen usw.) fehlt. Diese Annahme wird
gewöhnlich mit der Ansicht verknüpft, daß alle Organismen (im Gegensatze zu
den Anorganen) beseelt sind; die drei Begriffe: Leben, Seele und Bewußtsein,
fließen dann gewöhnlich zusammen. Eine andere Modifikation dieser
Anschauung ist, daß diese drei Grunderscheinungen des organischen Lebens
zwar unzertrennbar verknüpft sind, daß aber das Bewußtsein nur ein T e i l der
psychischen Tätigkeit ist, wie diese selbst ein T e i l der Lebenstätigkeit. Daß die
Pflanzen in demselben Sinne wie die Tiere eine »Seele« besitzen, hat namentlich
F e c h n e r sich zu zeigen bemüht, und manche schreiben der Pflanzenseele ein
Bewußtsein von ähnlicher Art zu wie der Tierseele. In der Tat sind ja bei sehr
empfindlichen »S i n n p f l a n z e n« (Mimosa, Drosera, Dionaea) die auffallenden
Reizbewegungen der Blätter, bei manchen anderen (Klee und Sauerklee,
besonders aber Hedysarum) die autonomen Bewegungen, bei »schlafenden
Pflanzen« (auch vorzugsweise Papilionaceen) die Schlafbewegungen usw.
auffallend ähnlich denjenigen vieler niederen Tiere; wer den letzteren
Bewußtsein zuschreibt, darf es ganz gewiß auch den ersteren nicht absprechen.
V. Zellulare Theorie des Bewußtseins: e s i s t e i n e L e b e n s e i g e n s c h a f t j e d e r Z e l l e. Die Anwendung der Zellentheorie
auf alle Zweige der Biologie verlangt auch ihre Verknüpfung mit der
Psychologie. Mit demselben Rechte, mit dem man in der Anatomie und
Physiologie die lebendige Zelle als den »Elementarorganismus« behandelt und
das ganze Verständnis des höheren, vielzelligen Tier- und Pflanzenkörpers
daraus ableitet, mit demselben Rechte kann man auch die »Z e l l s e e l e« als das
psychologische Element betrachten und die zusammengesetzte Seelentätigkeit
der höheren Organismen als das Resultat aus dem vereinigten Seelenleben der
Zellen, die sie zusammensetzen. Ich habe die Grundzüge dieser Z e l l u l a r -
P s y c h o l o g i e schon 1866 in meiner »Generellen Morphologie« entworfen
und sie später weiter ausgeführt in meinem Aufsatz über »Zellseelen und
Seelenzellen«. Zum tieferen Eindringen in diese »Elementarpsychologie« wurde
ich durch meine langjährige Beschäftigung mit den einzelligen Lebensformen
geführt. Viele von diesen kleinen (meist mikroskopischen) Protisten zeigen
ähnliche Äußerungen von Empfindung und Willen, ähnliche Instinkte und
Bewegungen wie höhere Tiere; besonders gilt das von den sehr empfindlichen
und lebhaft beweglichen Infusorien. Sowohl in dem Verhalten dieser reizbaren
Zellinge gegenüber der Außenwelt, wie in vielen anderen Lebensäußerungen
derselben, z. B. in dem wunderbaren Gehäusebau der Rhizopoden,
(Thalamophoren und Radiolarien) könnte man deutliche Spuren bewußter
Seelentätigkeit zu erkennen glauben. Wenn man nun die biologische Theorie des
Bewußtseins akzeptiert (Nr. IV), und wenn man jede psychische Funktion mit
einem Bewußtseinsanteil ausstattet, dann wird man auch jeder selbständigen
Protistenzelle Bewußtsein zuschreiben müssen. Die materielle Grundlage
desselben wäre dann entweder das ganze P l a s m a der Zelle, oder deren Kern,
oder ein Teil desselben. Definitiv widerlegen läßt sich diese Annahme, die ich
früher vertrat, nicht. Ich muß aber jetzt M a x Ve r w o r n zustimmen, welcher
in seinen ausgezeichneten »Psychophysiologischen Protistenstudien« annimmt,
daß wohl sämtlichen Protisten ein entwickeltes »Ichbewußtsein« fehlt, und daß
ihre Empfindungen und Bewegungen durchweg den Charakter des
»U n b e w u ß t e n« tragen.
VI. Atomistische Theorie des Bewußtseins: e s i s t e i n e
E l e m e n t a r e i g e n s c h a f t a l l e r A t o m e. Unter allen verschiedenen
Anschauungen über die Verbreitung des Bewußtseins geht diese aromatische
Hypothese am weitesten. Sie ist wohl hauptsächlich der Schwierigkeit
entsprungen, welche manche Philosophen und Biologen bei der Frage nach der
ersten Entstehung des B e w u ß t s e i n s empfinden. Diese Erscheinung trägt ja
einen so eigenartigen Charakter, daß ihre Ableitung aus anderen psychischen
Funktionen höchst bedenklich erscheint; man glaubte daher dieses Hindernis am leichtesten dadurch zu überwinden, daß man sie als eine Elementareigenschaft
aller Materie annahm, gleich der Massenanziehung oder der chemischen
Wahlverwandtschaft. Es würde danach so viele Formen des
Elementarbewußtseins geben, als es chemische Elemente gibt; jedes Atom
Wasserstoff würde sein hydrogenes Bewußtsein haben, jedes Atom Kohlenstoff
sein karbonisches Bewußtsein usw.
Ich halte diese Hypothese für unbegründet und beharre in der Überzeugung, daß
das Bewußtsein an einen hohen Grad von Differenzierung und Zentralisation des
Nervensystems gebunden ist, wie beim Menschen und einem Teile der höheren
Wirbeltiere.
Monistische und dualistische Theorie des Bewußtseins. Soweit auch die
verschiedenen Ansichten über die Natur und die Entstehung des Bewußtseins
auseinander gehen, so lassen sich doch alle schließlich — bei klarer und
konsequenter logischer Behandlung — auf zwei entgegengesetzte
Grundanschauungen zurückführen, auf die t r a n s z e n d e n t e (übernatürliche,
d u a l i s t i s c h e) und die p h y s i o l o g i s c h e (natürliche, m o n i s t i s c h e).
Ich selbst habe von jeher diese letztere Auffassung, und zwar auf Grund der
E n t w i c k e l u n g s l e h r e, vertreten, und sie wird gegenwärtig von einer
großen Anzahl hervorragender Naturforscher geteilt.
Transzendenz des Bewußtseins. In dem berühmten Vortrag »über die Grenzen
des Naturerkennens«, welchen E . D u B o i s - R e y m o n d am
14. August 1872 auf der Naturforscherversammlung in Leipzig hielt, stellte
derselbe zwei verschiedene »u n b e d i n g t e G r e n z e n« unseres
Naturerkennens auf, welche der menschliche Geist auch bei vorgeschrittenster
Naturerkenntnis niemals überschreiten werde — n i e m a l s, wie das oft zitierte
Schlußwort des Vortrags emphatisch betont: »Ignorabimus!« Das eine absolut
unlösbare »Welträtsel« ist der »Zusammenhang von Materie und Kraft« und das
eigentliche Wesen dieser fundamentalen Naturerscheinungen; wir werden dieses
»S u b s t a n z p r o b l e m« im zwölften Kapitel eingehend behandeln. Das
zweite unübersteigliche Hindernis der Philosophie soll das Problem des
B e w u ß t s e i n s bilden, die Frage: wie unsere Geistestätigkeit aus materiellen
Bedingungen, bezüglich Bewegungen zu erklären ist, wie die (der Materie und
Kraft zugrunde liegende) »Substanz unter bestimmten Bedingungen empfindet,
begehrt und denkt«.
Wenn man diese vielbesprochene »Ignorabimusrede« unbefangen auf ihren Kern
untersucht, so muß man darin das entschiedene Programm des
m e t h a p h y s i s c h e n D u a l i s m u s finden; die Welt ist »d o p p e l t
unbegreiflich«: einmal die materielle Welt, in welcher »Materie und Kraft« ihr Wesen treiben, und gegenüber, ganz getrennt, die immaterielle Welt des
»Geistes«, in welcher »Denken und Bewußtsein nicht aus materiellen
Bedingungen erklärbar sind«, wie bei der ersteren. Es war ganz naturgemäß, daß
der herrschende Dualismus und Mystizismus diese Anerkennung der zwei
verschiedenen Welten mit Begierde ergriff, um damit die Doppelnatur des
Menschen und die Unsterblichkeit der Seele zu beweisen. Der Jubel der
Spiritualisten darüber war um so heller und berechtigter, als E . D u B o i s -
R e y m o n d bis dahin als ein bedeutender prinzipieller Vertreter des
wissenschaftlichen Materialismus gegolten hatte; und das war und blieb er auch
(trotz seiner »schönen Reden«!), ebenso wie alle anderen sachkundigen, klaren
und k o n s e q u e n t d e n k e n d e n Naturforscher der Gegenwart.
Allerdings hat der Verfasser der Ignorabimusrede am Schlusse derselben kurz
auf die Frage hingewiesen, ob nicht jene beiden gegenüberstehenden
»Welträtsel«, das allgemeine Substanzproblem und das besondere
Bewußtseinsproblem, zusammenfallen. Er sagt: »Freilich ist diese Vorstellung
die einfachste und der vorzuziehen, wonach die Welt doppelt unbegreiflich
erscheint. Aber es liegt in der Natur der Dinge, daß wir auch in diesem Punkte
nicht zur Klarheit kommen, und alles weitere Reden darüber bleibt müßig.« —
Dieser letzteren Ansicht bin ich von Anfang an entschieden entgegengetreten
und habe mich zu zeigen bemüht, daß jene beiden großen Fragen nicht zwei
verschiedene Welträtsel sind. »D a s n e u r o l o g i s c h e P r o b l e m d e s
B e w u ß t s e i n s i s t n u r e i n b e s o n d e r e r F a l l v o n d e m
a l l u m f a s s e n d e n k o s m o l o g i s c h e n P r o b l e m , d e r
S u b s t a n z f r a g e .« (Monismus, 1892, S. 23.)
Physiologie des Bewußtseins. Die eigenartige Naturerscheinung des
Bewußtseins ist nicht, wie D u B o i s - R e y m o n d und mit ihm die
dualistische Philosophie behauptet, ein völlig und »durchaus transzendentes
Problem«; sondern sie ist, wie ich schon seit 1866 behauptet habe, ein
p h y s i o l o g i s c h e s P r o b l e m, und als solches auf die Erscheinungen im
Gebiete der Physik und Chemie zurückzuführen. Ich habe es später noch
bestimmter als ein n e u r o l o g i s c h e s P r o b l e m bezeichnet, auf der
Annahme fußend, daß ein dem menschlichen analoges Bewußtsein nur bei den
höheren Tieren mit stark zentralisiertem Nervensystem zu suchen ist. Mit voller
Sicherheit läßt sich das für die höheren Wirbeltiere behaupten, und vor allem für
die plazentalen Säugetiere, aus deren Stamm das Menschengeschlecht selbst
entsprossen ist. Das Bewußtsein der höchstentwickelten Affen, Hunde,
Elephanten usw. ist von demjenigen des Menschen nur dem Grade, nicht der Art
nach verschieden, und die graduellen Unterschiede im Bewußtsein dieser »vernünftigsten« Zottentiere und der niedersten Menschenrassen (Weddas,
Australneger usw.) sind geringer als die entsprechenden Unterschiede zwischen
diesen letzteren und den höchst entwickelten Vernunftmenschen (S p i n o z a,
G o e t h e, L a m a r c k, D a r w i n usw.). Das Bewußtsein ist mithin nur e i n
T e i l d e r h ö h e r e n S e e l e n t ä t i g k e i t, und als solche abhängig von der
normalen Struktur des betreffenden Seelenorgans, des G e h i r n s.
Physiologische Beobachtung und Experiment haben seit zwanzig Jahren den
sicheren Beweis geführt, daß derjenige engere Bezirk des Säugetiergehirns, den
man in diesem Sinne als O r g a n des Bewußtseins bezeichnet, ein Teil des
G r o ß h i r n s ist, und zwar der spät entstandene »graue Mantel« oder die
»Großhirnrinde«. Aber auch die m o r p h o l o g i s c h e Begründung dieser
physiologischen Erkenntnis ist den bewunderungswürdigen Fortschritten der
m i k r o s k o p i s c h e n G e h i r n a n a t o m i e gelungen, welche wir den
vervollkommneten Forschungsmethoden der neuesten Zeit verdanken.
Wohl die wichtigste von diesen Erkenntnissen ist die Entdeckung der
D e n k o r g a n e durch P a u l F l e c h s i g in Leipzig; er wies 1894 nach, daß in
der grauen Rindenzone des Hirnmantels vier Gebiete der zentralen Sinnesorgane
oder vier »innere Empfindungssphären« liegen, die Körperfühlsphäre im
Scheitellappen, die Riechsphäre im Stirnlappen, die Sehsphäre im
Hinterhauptslappen, die Hörsphäre im Schläfenlappen. Zwischen diesen vier
»S i n n e s h e r d e n« liegen die vier großen »D e n k h e r d e« oder
Assozionszentren, die realen O r g a n e d e s G e i s t e s l e b e n s; sie sind jene
höchsten Werkzeuge der Seelentätigkeit, welche das D e n k e n und das
B e w u ß t s e i n vermitteln: vorn das Stirnhirn oder das frontale
Assozionszentrum, hinten oben das Scheitelhirn oder parietale
Assozionszentrum, hinten unten das Prinzipalhirn oder das »große occipito-
temporale Assozionszentrum« (das wichtigste von allen!) und endlich tief unten,
im Innern versteckt, das Inselhirn oder »die Reilsche Insel«, das insulare
Assozionszentrum. Diese vier Denkherde, durch eigentümliche und höchst
verwickelte Nervenstruktur vor den zwischenliegenden Sinnesherden
ausgezeichnet, sind die wahren »D e n k o r g a n e«, die einzigen Organe unseres
Bewußtseins. In neuester Zeit hat F l e c h s i g nachgewiesen, daß in einem Teile
derselben sich beim Menschen noch ganz besonders verwickelte Strukturen
finden, welche den übrigen Säugetieren fehlen, und welche die Überlegenheit
des menschlichen Bewußtseins erklären.
Pathologie des Bewußtseins. Die bedeutungsvolle Erkenntnis der modernen
Physiologie, daß das Großhirn beim Menschen und den höheren Säugetieren das
Organ des Geisteslebens und des Bewußtseins ist, wird einleuchtend bestätigt durch die Pathologie, durch die Kenntnis seiner E r k r a n k u n g e n. Wenn die
betreffenden Teile der Großhirnrinde durch Krankheit zerstört werden, erlischt
ihre Funktion, und zwar läßt sich hier die L o k a l i s a t i o n der
Gehirnfunktionen sogar partiell nachweisen; wenn einzelne Stellen jenes
Gebietes erkranken, verschwindet auch der Teil des Denkens und des
Bewußtseins, welcher an die betreffende Stelle gebunden ist. Dasselbe Ergebnis
liefert das pathologische Experiment; Zerstörung einer solchen bekannten Stelle
(z. B. im Sprachzentrum) vernichtet deren Funktion (die Sprache). Übrigens
genügt ja der Hinweis auf die bekanntesten alltäglichen Erscheinungen im
Gebiete des Bewußtseins, um die völlige Abhängigkeit desselben von den
c h e m i s c h e n Veränderungen der Gehirnsubstanz zu beweisen. Viele
Genußmittel (Kaffee, Tee) regen unser Denkvermögen an; andere (Wein, Bier)
stimmen unser Gemüt heiter; Moschus und Kampher als »Excitantia« beleben das
erlöschende Bewußtsein; Äther und Chloroform betäuben dasselbe usw. Wie
wäre das alles möglich, wenn das Bewußtsein ein immaterielles Wesen,
unabhängig von jenen anatomisch nachgewiesenen Organen wäre? Und worin
besteht das Bewußtsein der »unsterblichen Seele«, wenn sie nicht mehr jene
Organe besitzt.
Alle diese und andere bekannte Tatsachen beweisen, daß das Bewußtsein beim
Menschen (genau ebenso wie bei den nächstverwandten Säugetieren)
v e r ä n d e r l i c h ist, und daß seine Tätigkeit jederzeit abgeändert werden kann
durch innere Ursachen (Stoffwechsel, Blutkreislauf) und äußere Ursachen
(Verletzung des Gehirns, Reizung usw.). Sehr lehrreich sind auch die
merkwürdigen Zustände des alternierenden oder d o p p e l t e n
B e w u ß t s e i n s; derselbe Mensch zeigt an verschiedenen Tagen, unter
veränderten Umständen, ein ganz verschiedenes Bewußtsein; er weiß heute nicht
mehr, was er gestern getan hat, gestern konnte er sagen: Ich bin ich; — heute
muß er sagen: Ich bin ein anderer. Solche Intermissionen des Bewußtseins
können nicht bloß Tage, sondern Monate und Jahre dauern; sie können selbst
bleibend werden.
Ontogenie des Bewußtseins. Wie jedermann weiß, ist das neugeborene Kind
noch ganz ohne Bewußtsein, und wie P r e y e r gezeigt hat, entwickelt sich
dasselbe erst spät, nachdem das kleine Kind zu sprechen angefangen hat; es
spricht von sich lange Zeit in der dritten Person. Erst in dem bedeutungsvollen
Momente, in welchem es zum ersten Male »Ich« sagt, in welchem das
»I c h g e f ü h l« klar wird, beginnt sein Selbstbewußtsein zu keimen und damit
auch der Gegensatz zur Außenwelt. Die schnellen und tiefgreifenden Fortschritte
der Erkenntnis, welche das Kind durch den Unterricht der Eltern und der Schule in den ersten zehn Lebensjahren macht, und später langsamer im zweiten
Dezennium bis zur vollendeten geistigen Reife, sind eng verknüpft mit
unzähligen Fortschritten im Wachstum und in der Entwickelung des
B e w u ß t s e i n s und mit derjenigen seines Organs, des G e h i r n s. Aber auch,
wenn der Schüler das »Zeugnis der Reife« erlangt hat, ist in Wahrheit sein
Bewußtsein noch lange nicht reif, und jetzt beginnt erst recht, in vielseitiger
Berührung mit der Außenwelt, das »W e l t b e w u ß t s e i n« sich zu entwickeln.
Jetzt erst reift im dritten Dezennium jene volle Ausbildung des vernünftigen
Denkens und damit des Bewußtseins, welche dann bei normaler Entwickelung in
den folgenden drei Jahrzehnten ihre reifen Früchte trägt. Gewöhnlich mit Beginn
des siebenten Dezennium (bald früher, bald später) beginnt dann jene langsame
und allmähliche Rückbildung der höheren Geistestätigkeit, welche das
Greisenalter charakterisiert. Gedächtnis, Rezeptionsfähigkeit und Interesse an
speziellen Objekten nehmen mehr und mehr ab; dagegen bleibt die
Produktionsfähigkeit, das gereifte Bewußtsein und das philosophische Interesse
an allgemeinen Beziehungen oft noch lange erhalten. Die individuelle
Entwickelung des Bewußtseins in früher Jugend beweist die allgemeine Geltung
des B i o g e n e t i s c h e n G r u n d g e s e t z e s; aber auch in späteren Jahren ist
dieselbe noch vielfach erkennbar. Jedenfalls überzeugt uns die Ontogenese des
Bewußtseins aufs klarste von der Tatsache, daß dasselbe kein »immaterielles
Wesen«, sondern eine physiologische Funktion des Gehirns ist, und daß es also
auch keine Ausnahme vom Substanzgesetze bildet.
Phylogenie des Bewußtseins. Die Tatsache, daß das Bewußtsein, gleich allen
anderen Seelentätigkeiten, an die normale Ausbildung bestimmter Organe
gebunden ist, und daß es sich beim Kinde, in Zusammenhang mit diesen
Gehirnorganen, allmählich entwickelt, läßt schon von vornherein schließen, daß
es auch innerhalb der Tierreihe sich stufenweise historisch entwickelt hat. So
sicher wir aber auch eine solche natürliche S t a m m e s g e s c h i c h t e d e s
B e w u ß t s e i n s im Prinzip behaupten müssen, so wenig sind wir doch leider
imstande, tiefer in dieselbe einzudringen und spezielle Hypothesen darüber
aufzustellen. Indessen liefert uns die Paläontologie doch einige interessante
Anhaltspunkte, die nicht ohne Bedeutung sind. Auffallend ist z. B. die
bedeutende, quantitative und qualitative Entwickelung des Gehirns der
plazentalen Säugetiere innerhalb der T e r t i ä r z e i t. An vielen fossilen
Schädeln derselben ist die innere Schädelhöhle genau bekannt und liefert uns
sichere Aufschlüsse über die Größe und teilweise auch über den Bau des davon
umschlossenen Gehirns. Da zeigt sich denn innerhalb einer und derselben
Legion (z. B. der Huftiere, der Raubtiere, der Herrentiere) ein gewaltiger
Fortschritt von den älteren eozänen und oligozänen zu den jüngeren miozänen und pliozänen Vertretern desselben Stammes; bei den letzteren ist das Gehirn
(im Verhältnis zur Körpergröße) 6-8 mal so groß als bei den ersteren.
Auch jene höchste Entwickelungsstufe des Bewußtseins, welche nur der
K u l t u r m e n s c h erreicht, hat sich erst allmählich und stufenweise — eben
durch den Fortschritt der Kultur selbst — aus niederen Zuständen entwickelt,
wie wir sie noch heute bei primitiven Naturvölkern antreffen. Das zeigt uns
schon die Vergleichung ihrer S p r a c h e n, welche mit derjenigen der
B e g r i f f e eng verknüpft ist. Je höher sich beim denkenden Kulturmenschen
die Begriffsbildung entwickelt, je mehr er fähig wird, aus zahlreichen
verschiedenen Einzelheiten die gemeinsamen Merkmale zusammenzufassen und
unter allgemeine Begriffe zu bringen, desto klarer und tiefer wird damit sein
Bewußtsein.
E l f t e s K a p i t e l .
Unsterblichkeit der Seele.
Monistische Studien über Fanatismus und Athanismus. Kosmische und
persönliche Unsterblichkeit. Seelen-Substanz.
Indem wir uns von der genetischen Betrachtung der Seele zu der großen Frage
ihrer »Unsterblichkeit« wenden, betreten wir jenes höchste Gebiet des
Aberglaubens, welches gewissermaßen die unzerstörbare Zitadelle aller
mystischen und dualistischen Vorstellungskreise bildet. Denn bei dieser
Kardinalfrage knüpft sich an die rein philosophischen Vorstellungen mehr als bei
jedem anderen Problem das egoistische Interesse der menschlichen Person,
welche um jeden Preis ihre individuelle Fortdauer über den Tod hinaus garantiert
haben will. Dieses »höhere Gemütsbedürfnis« ist so mächtig, daß es alle
logischen Schlüsse der kritischen Vernunft über den Haufen wirft. Bewußt oder
unbewußt werden bei den meisten Menschen alle übrigen allgemeinen
Ansichten, also auch die ganze Weltanschauung, von dem Dogma der
persönlichen Unsterblichkeit beeinflußt, und an diesen theoretischen Irrtum
knüpfen sich praktische Folgerungen von weitestreichender Wirkung. Es wird
daher unsere Aufgabe sein, alle Seiten dieses wichtigen Dogmas kritisch zu
prüfen und seine Unhaltbarkeit gegenüber den empirischen Erkenntnissen der
modernen Biologie nachzuweisen.
Athanismus und Thanatismus. Um einen kurzen und bequemen Ausdruck für
die beiden entgegengesetzten Grundanschauungen über die
Unsterblichkeitsfrage zu haben, bezeichnen wir den Glauben an die »persönliche
Unsterblichkeit des Menschen« als A t h a n i s m u s. Dagegen nennen wir
T h a n a t i s m u s die Überzeugung, daß mit dem Tode des Menschen nicht nur
alle übrigen physiologischen Lebenstätigkeiten erlöschen, sondern auch die
»S e e l e« verschwindet, d. h. jene Summe von Gehirnfunktionen, welche der
psychische Dualismus als ein eigenes »Wesen«, unabhängig von den übrigen
Lebensäußerungen des lebendigen Körpers, betrachtet.
Indem wir hier das physiologische Problem des T o d e s berühren, betonen wir
nochmals den i n d i v i d u e l l e n Charakter dieser organischen
Naturerscheinung. Wir verstehen unter Tod ausschließlich das definitive
Aufhören der Lebenstätigkeit des organischen I n d i v i d u u m s, gleichviel welcher Kategorie oder welcher Stufenfolge der Individualität das betreffende
Einzelwesen angehört. Der Mensch ist tot, wenn seine Person stirbt, gleichviel,
ob er gar keine Nachkommenschaft hinterlassen hat, oder ob er Kinder erzeugt
hat, deren Nachkommen sich durch viele Generationen fruchtbar fortpflanzen.
Man sagt ja in gewissem Sinne, daß der »Geist« großer Männer (z. B. in einer
Dynastie hervorragender Herrscher, in einer Familie talentvoller Künstler) durch
Generationen fortlebt; und ebenso sagt man, daß die »Seele« ausgezeichneter
Frauen oft in den Kindern und Kindeskindern sich forterhält. Allein in diesen
Fällen handelt es sich stets um verwickelte Vorgänge der Ve r e r b u n g, bei
welchen eine abgelöste mikroskopische Zelle (die Spermazelle des Vaters, die
Eizelle der Mutter) gewisse Eigenschaften der Substanz auf die Nachkommen
überträgt. Die einzelnen P e r s o n e n, welche jene Geschlechtszellen zu
Tausenden produzieren, bleiben trotzdem sterblich, und mit ihrem Tode erlischt
ihre individuelle Seelentätigkeit ebenso wie jede andere physiologische
Funktion.
Kosmische und persönliche Unsterblichkeit. Wenn man den Begriff der
Unsterblichkeit ganz allgemein auffaßt und auf die Gesamtheit der erkennbaren
Natur ausdehnt, so gewinnt er wissenschaftliche Bedeutung; er erscheint dann
der monistischen Philosophie nicht nur annehmbar, sondern selbstverständlich.
Denn die These von der Unzerstörbarkeit und ewigen Dauer alles Seienden fällt
dann zusammen mit unserem höchsten Naturgesetze, dem S u b s t a n z g e s e t z
(12. Kapitel). Wir werden diese kosmische Unsterblichkeit später, bei
Begründung der Lehre von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, ausführlich
erörtern; jetzt wenden wir uns sogleich zur Kritik jenes
»Unsterblichkeitsglaubens«, der gewöhnlich allein unter diesem Begriffe
verstanden wird, der Immortalität der p e r s ö n l i c h e n S e e l e. Wir
untersuchen zunächst die Verbreitung und Entstehung dieser mystischen und
dualistischen Vorstellung und betonen dabei besonders die weite Verbreitung
ihres Gegenteils, des m o n i s t i s c h e n, empirisch begründeten
T h a n a t i s m u s. Ich unterscheide hier als zwei wesentlich verschiedene
Erscheinungen desselben den p r i m ä r e n und den s e k u n d ä r e n
Thanatismus; bei ersterem ist der Mangel des Unsterblichkeitsdogmas ein
ursprünglicher (bei primitiven Naturvölkern); der sekundäre Thanatismus
dagegen ist das späte Erzeugnis vernunftgemäßer Naturerkenntnis bei hoch
entwickelten Kulturvölkern.
Primärer Thanatismus (Ursprünglicher Mangel der Unsterblichkeitsidee).
In vielen philosophischen und besonders theologischen Schriften lesen wir noch
heute die Behauptung, daß der Glaube an die persönliche Unsterblichkeit der menschlichen Seele allen Menschen ursprünglich gemeinsam sei. Das ist falsch.
Dieses Dogma ist weder eine ursprüngliche Vorstellung der menschlichen
Vernunft, noch hat es jemals allgemeine Verbreitung gehabt. In dieser Beziehung
ist vor allem wichtig die sichere, erst neuerdings durch die vergleichende
Ethnologie festgestellte Tatsache, daß mehrere Naturvölker der ältesten und
primitivsten Stufe ebensowenig von einer Unsterblichkeit als von einem Gotte
irgend eine Vorstellung haben. Das gilt namentlich von den Weddas auf Ceylon,
jenen primitiven Pygmäen, die wir auf Grund der ausgezeichneten Forschungen
der Herren S a r a s i n für einen Überrest der ältesten indischen »Urmenschen«
halten; ferner von mehreren ältesten Stämmen der nächstverwandten Dravidas,
von den indischen Seelongs und einigen Stämmen der Australneger. Ebenso
kennen mehrere der primitivsten Urvölker der amerikanischen Rasse, im inneren
Brasilien, am oberen Amazonenstrom usw., weder Götter noch Unsterblichkeit.
Sekundärer Thanatismus (Erworbener Mangel der Unsterblichkeitsidee).
Im Gegensatze zu dem primären Thanatismus, der sicher bei den ältesten
Urmenschen ursprünglich bestand und noch heute besteht, ist der sekundäre
Mangel des Unsterblichkeitsglaubens erst spät entstanden; er ist erst die reife
Frucht eingehenden Nachdenkens über »Leben und Tod«, also ein Produkt
echter und unabhängiger philosophischer Reflexion. Als solcher tritt er uns
schon im sechsten Jahrhundert v. Chr. bei einem Teile der ionischen
Naturphilosophen entgegen, später bei den Gründern der alten materialistischen
Philosophie, bei D e m o k r i t o s und E m p e d o k l e s, aber auch bei
S i m o n i d e s und E p i k u r, bei S e n e c a und P l i n i u s, am meisten
durchgebildet bei L u c r e t i u s C a r u s. Als dann nach dem Untergange des
klassischen Altertums das Christentum sich ausbreitete, gewann mit ihm der
Athanismus, als einer seiner wichtigsten Glaubensartikel, die höchste
Bedeutung.
Während der langen Geistesnacht des christlichen Mittelalters wagte
begreiflicherweise nur selten ein kühner Freidenker, seine abweichende
Überzeugung zu äußern; die Beispiele von G a l i l e i, von G i o r d a n o
B r u n o und anderen unabhängigen Philosophen, welche von den »Nachfolgern
Christi« der Tortur und dem Scheiterhaufen überliefert wurden, schreckten
genügend jedes freie Bekenntnis ab. Dieses wurde erst wieder möglich, nachdem
die Reformation und die Renaissance die Allmacht des Papismus gebrochen
hatten. Die Geschichte der neueren Philosophie zeigt die mannigfaltigen Wege,
auf denen die gereifte menschliche Vernunft dem Aberglauben der
Unsterblichkeit zu entrinnen versuchte. Immerhin verlieh ihm die enge
Verknüpfung mit dem christlichen Dogma auch in den freieren protestantischen Kreisen solche Macht, daß selbst die meisten überzeugten Freidenker ihre
Meinung still für sich behielten. Nur selten wagten einzelne hervorragende
Männer, ihre Überzeugung von der Unmöglichkeit der Seelenfortdauer nach dem
Tode frei zu bekennen. Besonders geschah dies in der zweiten Hälfte des
achtzehnten Jahrhunderts in Frankreich von Vo l t a i r e, D a n t o n, M i r a b e a u
u. a., ferner von den Hauptvertretern des damaligen Materialismus, H o l b a c h,
L a m e t t r i e u. a. Dieselbe Überzeugung vertrat auch der geistreiche Freund
der letzteren, der größte der Hohenzollernfürsten, der »Philosoph von
Sanssouci«. Was würde F r i e d r i c h d e r G r o ß e, dieser g e k r ö n t e
T h a n a t i s t u n d A t h e i s t, sagen, wenn er heute seine monistischen
Überzeugungen mit den mittelalterlich-dualistischen Kundgebungen seiner
Nachfolger vergleichen könnte!
Unter den d e n k e n d e n Ä r z t e n ist die Überzeugung, daß mit dem Tode des
Menschen auch die Existenz seiner Seele aufhöre, wohl seit Jahrhunderten sehr
verbreitet gewesen; aber auch sie hüteten sich meistens wohl, dieselbe
auszusprechen. Auch blieb immerhin noch im 18. Jahrhundert die empirische
Kenntnis des Gehirns so unvollkommen, daß die »Seele« als ein rätselhafter
Bewohner desselben ihre freie Existenz fortfristen konnte. Endgültig beseitigt
wurde sie erst durch die Fortschritte der Biologie in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts. Die Begründung der Deszendenztheorie und der Zellentheorie,
die überraschenden Entdeckungen der Ontogenie und der
Experimentalphysiologie, vor allem aber die bewundernswürdigen Fortschritte
der mikroskopischen Gehirnanatomie entzogen dem Athanismus allmählich
jeden Boden, so daß jetzt nur selten ein sachkundiger und ehrlicher Biologe noch
für die Unsterblichkeit der Seele eintritt. Die monistischen Philosophen des
19. Jahrhunderts (S t r a u ß, F e u e r b a c h, B ü c h n e r, R a u, S p e n c e r usw.)
sind sämtlich T h a n a t i s t e n.
Athanismus und Religion. Die weiteste Verbreitung und die höchste Bedeutung
hat das Dogma der persönlichen Unsterblichkeit erst durch seine innige
Verbindung mit den Glaubenslehren des C h r i s t e n t u m s gefunden; und diese
hat auch zu der irrtümlichen, heute noch sehr verbreiteten Ansicht geführt, daß
jenes Dogma überhaupt einen wesentlichen Grundbestandteil jeder geläuterten
R e l i g i o n bilde. Das ist durchaus nicht der Fall! Der Glaube an die
Unsterblichkeit der Seele fehlt vollständig den meisten höher entwickelten
orientalischen Religionen; er fehlt dem B u d d h i s m u s, der noch heute über
30 Prozent der gesamten menschlichen Bevölkerung der Erde beherrscht; er fehlt
ebenso der alten Volksreligion der Chinesen wie der reformierten, später an
deren Stelle getretenen Religion des C o n f u c i u s; und, was das Wichtigste ist, er fehlt der älteren und reineren jüdischen Religion; weder in den fünf Büchern
M o s e s' noch in jenen älteren Schriften des Alten Testamentes, welche vor dem
babylonischen Exil geschrieben wurden, ist die Lehre von der individuellen
Fortdauer nach dem Tode zu finden.
Entstehung des Unsterblichkeitsglaubens. Die mystische Vorstellung, daß die
Seele des Menschen nach seinem Tode fortdauere und unsterblich weiterlebe,
fehlte dem ältesten, schon mit Sprache begabten U r m e n s c h e n gewiß ebenso
wie seinen Vorfahren und wie seinen modernen, wenig entwickelten
Nachkommen, den Weddas von Ceylon, den Seelongs von Indien und anderen
primitiven Naturvölkern. Erst bei zunehmender Vernunft, bei eingehenderem
Nachdenken über Leben und Tod, über Schlaf und Traum, entwickelten sich bei
verschiedenen älteren Menschenrassen — unabhängig voneinander — mystische
Vorstellungen über die dualistische Zusammensetzung unseres Organismus. Sehr
verschiedene Motive werden bei diesem Vorgange zusammengewirkt haben:
Ahnenkultus, Verwandtenliebe, Lebenslust und Wunsch der
Lebensverlängerung, Hoffnung auf bessere Lebensverhältnisse im Jenseits,
Hoffnung auf Belohnung der guten und Bestrafung der schlechten Taten usw.
Die vergleichende Physiologie hat uns neuerdings eine große Anzahl von sehr
verschiedenen derartigen Glaubensdichtungen kennen gelehrt; großenteils
hängen sie eng zusammen mit den ältesten Formen des Gottesglaubens und der
Religion überhaupt. In den meisten modernen Religionen ist der
A t h a n i s m u s eng verknüpft mit dem T h e i s m u s. Die Vorstellung, welche
sich die meisten Gläubigen von ihrer »persönlichen unsterblichen Seele« bilden,
ist ebenso materialistisch, wie das individuelle Bild von ihrem »persönlichen
lieben Gott«.
Christlicher Unsterblichkeitsglaube. Wie allgemein bekannt, hat das Dogma
von der Unsterblichkeit der Seele in der christlichen Religion schon lange
diejenige feste Form angenommen, welche sich in dem Glaubensartikel
ausspricht: »Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches und ein ewiges
Leben.« Wie am Osterfest Christus selbst von den Toten auferstanden ist und
nun in Ewigkeit als »Gottes Sohn, sitzend zur rechten Hand Gottes«, gedacht
wird, versinnlichen uns unzählige Bilder und Legenden. In gleicher Weise wird
auch der Mensch »am jüngsten Tage auferstehen« und seinen Lohn für die
Führung seines einstigen Erdenlebens empfangen. Dieser ganze christliche
Vorstellungskreis ist durch und durch m a t e r i a l i s t i s c h und anthropistisch;
er erhebt sich nicht viel über die entsprechenden rohen Vorstellungen vieler
niederer Naturvölker. Daß die »Auferstehung des Fleisches« unmöglich ist, weiß
eigentlich jeder, der einige Kenntnisse in Anatomie und Physiologie besitzt. Die materielle Auferstehung Christi, welche von Millionen gläubiger Christen an
jedem Osterfeste gefeiert wird, ist ebenso ein reiner Mythus wie die
»Auferweckung von den Toten«, welche er mehrfach ausgeführt haben soll. Für
die reine Vernunft sind diese mystischen Glaubensartikel ebenso unannehmbar
wie die damit verknüpfte Hypothese eines »ewigen Lebens«.
Metaphysischer Unsterblichkeitsglaube. Gegenüber dem materialistischen
Athanismus, welcher in der christlichen und mohammedanischen Kirche
herrschend ist, vertritt scheinbar eine reinere und höhere Glaubensform der
m e t a p h y s i s c h e A t h a n i s m u s, wie ihn die meisten dualistischen und
spiritualistischen Philosophen lehren. Als der bedeutendste Begründer desselben
ist Plato zu betrachten; er lehrte schon im vierten Jahrhundert vor Chr. jenen
vollkommenen Dualismus zwischen Leib und Seele, welcher dann in der
christlichen Glaubenslehre zu einem der theoretisch wichtigsten und praktisch
wirkungsvollsten Artikel wurde. Der Leib ist sterblich, materiell (physisch); die
Seele ist unsterblich, immateriell (metaphysisch). Beide sind nur während des
individuellen Lebens vorübergehend verbunden. Da P l a t o ein ewiges Leben
der selbständigen Seele sowohl vor als nach dieser zeitweiligen Verbindung
annimmt, ist er auch Anhänger der »S e e l e n w a n d e r u n g«; die Seelen
existierten als solche, als »ewige Ideen«, schon bevor sie in den menschlichen
Körper eintraten. Nachdem sie denselben verlassen, suchen sie sich als Wohnort
einen anderen Körper aus, der ihrer Beschaffenheit am meisten angemessen ist;
die Seelen von grausamen Tyrannen schlüpfen in den Körper von Wölfen und
Geiern, diejenigen von tugendhaften Arbeitern in den Leib von Bienen und
Ameisen usw. Die kindlichen und naiven Anschauungen dieser platonischen
Seelenlehre liegen auf der Hand; bei weiterem Eindringen erscheinen sie völlig
unvereinbar mit unseren festgegründeten physiologischen Erkenntnissen. Wir
erwähnen sie hier nur, weil sie trotz ihrer Absurdität den größten
kulturhistorischen Einfluß erlangten. Denn einerseits knüpfte an die platonische
Seelenlehre die Mystik der Neuplatoniker an, welche in das Christentum
Eingang gewann; andererseits wurde sie später zu einem Hauptpfeiler der
spiritualistischen und idealistischen Philosophie. Die platonische »I d e e«
verwandelte sich später in den Begriff der S e e l e n s u b s t a n z, die allerdings
ebenso unfaßbar und metaphysisch ist, aber doch oft einen physikalischen
Anschein gewann.
Seelensubstanz. Die Auffassung der Seele als »S u b s t a n z« ist bei vielen
Psychologen sehr unklar; bald wird dieselbe in abstraktem und idealistischem
Sinne als ein »immaterielles Wesen« von ganz eigentümlicher Art betrachtet,
bald in konkretem und realistischem Sinne, bald als ein unklares Mittelding zwischen beiden. Halten wir an dem monistischen Substanzbegriffe fest, wie wir
ihn (im 12. Kapitel) als einfachste Grundlage unserer gesamten Weltanschauung
entwickeln, so ist in demselben E n e r g i e und M a t e r i e untrennbar
verbunden. Dann müssen wir an der »Seelensubstanz« die eigentliche, uns allein
bekannte p s y c h i s c h e E n e r g i e unterscheiden (Empfinden, Vorstellen,
Wollen) und die p s y c h i s c h e M a t e r i e, durch welche allein dieselbe zur
Wirkung gelangen kann, also das lebendige P l a s m a. Bei den höheren Tieren
bildet dann der »Seelenstoff« einen Teil des Nervensystems, bei den niederen,
nervenlosen Tieren und den Pflanzen einen Teil ihres vielzelligen
Plasmakörpers, bei den einzelligen Protisten einen Teil ihres plasmatischen
Zellenkörpers. Somit kommen wir wieder auf die S e e l e n o r g a n e und
gelangen zu der naturgemäßen Erkenntnis, daß diese materiellen Organe für die
Seelentätigkeit unentbehrlich sind; die Seele selbst aber ist a k t u e l l, ist die
Summe ihrer physiologischen Funktionen.
Anders gestaltet sich der Begriff der spezifischen Seelensubstanz bei vielen
dualistischen Philosophen und Theologen. Die unsterbliche »Seele« soll dann
zwar materiell sein, aber doch unsichtbar und ganz verschieden von dem
sichtbaren Körper, in welchem sie wohnt. Die U n s i c h t b a r k e i t der Seele
wird dabei als ein sehr wesentliches Attribut derselben betrachtet. Einige
vergleichen dabei die Seele mit dem Äther und betrachten sie gleich diesem als
einen äußerst feinen und leichten, höchst beweglichen Stoff oder ein
imponderables Agens, welches überall zwischen den wägbaren Teilchen des
lebendigen Organismus schwebt. Andere hingegen vergleichen die Seele mit
dem wehenden Winde und schreiben ihr also einen gasförmigen Zustand zu; und
dieser Vergleich ist ja auch derjenige, welcher zuerst bei den Naturvölkern zu der
später so allgemein gewordenen dualistischen Auffassung führte. Wenn der
Mensch starb, blieb der Körper als Leiche zurück; die unsterbliche Seele aber
»entfloh aus ihm mit dem letzten Atemzuge«.
Ätherseele. Die Vergleichung der menschlichen Seele mit dem physikalischen
Äther als qualitativ ähnlichem Gebilde hat in neuerer Zeit eine konkretere
Gestalt gewonnen durch die großartigen Fortschritte der Optik und der
Elektrizität (besonders in den letzten Dezennien). Diese haben uns mit der
Energie des Äthers bekannt gemacht und damit zugleich gewisse Schlüsse auf
die materielle Natur dieses raumerfüllenden Wesens gestattet. Da ich diese
wichtigen Verhältnisse später (im 12. Kapitel) besprechen werde, will ich nur
kurz darauf hinweisen, daß dadurch die Annahme einer Ä t h e r s e e l e
vollkommen unhaltbar geworden ist. Eine solche »ä t h e r i s c h e S e e l e«,
d. h. eine Seelensubstanz, welche dem physikalischen Äther ähnlich ist und gleich ihm zwischen den wägbaren Teilchen des lebendigen Plasma oder den
Gehirnmolekeln schwebt, kann unmöglich individuelles Seelenleben
hervorbringen. Weder die mystischen Anschauungen, welche darüber um die
Mitte unseres Jahrhunderts lebhaft diskutiert wurden, noch die Versuche des
modernen N e o v i t a l i s m u s, die mystische »Lebenskraft« mit dem
physikalischen Äther in Beziehung zu setzen, sind heute mehr der Widerlegung
bedürftig.
Luftseele. Viel allgemeiner verbreitet und auch heute noch in hohem Ansehen
steht jene Anschauung, welche der Seelensubstanz eine g a s f ö r m i g e
Beschaffenheit zuschreibt. Uralt ist die Vergleichung des menschlichen
Atemzuges mit dem wehenden Windhauche; beide wurden ursprünglich für
identisch gehalten und mit demselben Namen belegt. A n e m o s und P s y c h e
der Griechen, A n i m a und S p i r i t u s der Römer sind ursprünglich
Bezeichnungen für den Lufthauch des Windes; sie wurden von diesem auf den
Atemhauch des Menschen übertragen. Später wurde dann dieser »lebendige
Odem« mit der »Lebenskraft« identifiziert und zuletzt als das Wesen der Seele
selbst angesehen oder in engerem Sinne als deren höchste Äußerung, der
»Geist«. Davon leitete dann weiterhin wieder die Phantasie die mystische
Vorstellung der individuellen Geister ab, der »G e s p e n s t e r« (»Spirits«); auch
diese werden ja heute noch meistens als »luftförmige Wesen« — aber begabt mit
den physiologischen Funktionen des Organismus! — vorgestellt; in manchen
berühmten Spiritistenkreisen werden dieselben freilich trotzdem photographiert!
Flüssige und feste Seele. Der Experimentalphysik ist es in den letzten
Dezennien des 19. Jahrhunderts gelungen, alle gasförmigen Körper in den
tropfbar-flüssigen — und die meisten auch in den festen — Aggregatzustand
überzuführen. Es bedarf dazu weiter nichts als geeigneter Apparate, welche unter
sehr hohem Druck und bei sehr niedriger Temperatur die Gase sehr stark
komprimieren. Nicht allein die luftförmigen Elemente, Sauerstoff, Wasserstoff,
Stickstoff, sondern auch zusammengesetzte Gase (Kohlensäure) und
Gasgemenge (atmosphärische Luft) sind so aus dem luftförmigen in den
flüssigen Zustand versetzt worden. Dadurch sind aber jene u n s i c h t b a r e n
Körper für jedermann s i c h t b a r und in gewissem Sinne »handgreiflich«
geworden. Mit dieser Änderung der Dichtigkeit ist der mystische Nimbus
verschwunden, welcher früher das Wesen der Gase in der gemeinen Anschauung
verschleierte, als unsichtbare Körper, die doch sichtbare Wirkungen ausüben.
Wenn nun die Seelensubstanz wirklich, wie viele »Gebildete« noch heute
glauben, gasförmig wäre, so müßte man auch imstande sein, sie durch
Anwendung von hohem Druck und sehr niederer Temperatur in den flüssigen Zustand überzuführen. Man könnte dann die Seele, welche im Momente des
Todes »ausgehaucht« wird, auffangen, unter sehr hohem Druck bei niederer
Temperatur kondensieren und in einer Glasflasche als »u n s t e r b l i c h e
F l ü s s i g k e i t« aufbewahren (Fluidum animae immortale). Durch weitere
Abkühlung und Kondensation müßte es dann auch gelingen, die flüssige Seele in
den festen Zustand überzuführen (»Seelenschnee«). Bis jetzt ist das Experiment
noch nicht gelungen.
Unsterblichkeit der Tierseele. Wenn der Athanismus wahr wäre, wenn wirklich
die »Seele« des Menschen in alle Ewigkeit fortlebte, so müßte man ganz
dasselbe auch für die Seele der höheren Tiere behaupten, mindestens für
diejenige der ihm am nächsten stehenden Säugetiere (Affen, Hunde usw.). Denn
der Mensch zeichnet sich vor diesen letzteren nicht durch eine besondere neue
A r t oder eine eigentümliche, nur ihm zukommende Funktion der Psyche aus,
sondern lediglich durch einen höheren G r a d der psychischen Tätigkeit, durch
eine vollkommenere Stufe ihrer Entwickelung. Besonders ist bei vielen
Menschen das B e w u ß t s e i n höher entwickelt als bei den meisten Tieren, die
Fähigkeit der Ideenassoziation, des Denkens und der Vernunft. Indessen ist
dieser Unterschied bei weitem nicht so groß, als man gewöhnlich annimmt; und
er ist in jeder Beziehung viel geringer als der entsprechende Unterschied
zwischen den höheren und niederen Tierseelen oder selbst als der Unterschied
zwischen den höchsten und tiefsten Stufen der Menschenseele. Wenn man also
der letzteren »persönliche Unsterblichkeit« zuschreibt, so muß man sie auch den
höheren Tieren zugestehen. Diese Überzeugung von der individuellen
Unsterblichkeit der Tiere ist denn auch ganz naturgemäß bei vielen Völkern alter
und neuer Zeit zu finden.
Beweise für den Athanismus. Die Gründe, welche man seit zweitausend Jahren
für die Unsterblichkeit der Seele anführt, und welche auch heute noch dafür
geltend gemacht werden, entspringen zum größten Teile nicht dem Streben nach
Erkenntnis der Wahrheit, sondern vielmehr dem sogenannten »Bedürfnis des
Gemütes«, d. h. dem Phantasieleben und der Dichtung. Um mit K a n t zu reden,
ist die Unsterblichkeit der Seele ein unbegründetes Dogma für die r e i n e
Vernunft, ein bloßes »Postulat für die p r a k t i s c h e Vernunft«. Diese letztere
und die mit ihr zusammenhängenden »Bedürfnisse des Gemütes, der
moralischen Erziehung usw.« müssen wir aber ganz aus dem Spiele lassen, wenn
wir ehrlich und unbefangen zur reinen Erkenntnis der W a h r h e i t gelangen
wollen; denn diese ist einzig und allein durch empirisch begründete und logisch
klare Schlüsse der reinen Vernunft möglich. Es gilt also hier vom
A t h a n i s m u s dasselbe, wie vom T h e i s m u s; beide sind nur Gegenstände der mystischen Dichtung, des transzendenten »Glaubens«, nicht der vernünftig
schließenden Wissenschaft.
Wollten wir alle die einzelnen Gründe analysieren, welche für den
Unsterblichkeitsglauben geltend gemacht worden sind, so würde sich ergeben,
daß nicht ein einziger derselben wirklich w i s s e n s c h a f t l i c h ist; kein
einziger verträgt sich mit den klaren Erkenntnissen, welche wir durch die
physiologische Psychologie und die Entwickelungstheorie in den letzten
Dezennien gewonnen haben. Der t h e o l o g i s c h e Beweis, daß ein
persönlicher Schöpfer dem Menschen eine unsterbliche Seele eingehaucht habe,
ist reiner Mythus. Der k o s m o l o g i s c h e Beweis, daß die »sittliche
Weltordnung« die ewige Fortdauer der menschlichen Seele erfordere, ist
unbegründetes Dogma. Der t e l e o l o g i s c h e Beweis, daß die »höhere
Bestimmung« des Menschen eine volle Ausbildung seiner mangelhaften
irdischen Seele im Jenseits erfordere, beruht auf einem falschen Anthropismus.
Der m o r a l i s c h e Beweis, daß die Mängel und die unbefriedigten Wünsche
des irdischen Daseins durch eine »ausgleichende Gerechtigkeit« im Jenseits
befriedigt werden müssen, ist ein frommer Wunsch, weiter nichts. Der
e t h n o l o g i s c h e Beweis, daß der Glaube an die Unsterblichkeit ebenso wie
an Gott eine angeborene, allen Menschen gemeinsame Wahrheit sei, ist
tatsächlicher Irrtum. Der o n t o l o g i s c h e Beweis, daß die Seele als ein
»einfaches, immaterielles und unteilbares Wesen« unmöglich mit dem Tode
verschwinden könne, beruht auf einer ganz falschen Auffassung der psychischen
Erscheinungen; sie ist ein spiritualistischer Irrtum. Alle diese und andere
ähnliche »Beweise für den Athanismus« sind hinfällig geworden; sie sind durch
die wissenschaftliche Kritik jetzt d e f i n i t i v w i d e r l e g t.
Beweise gegen den Athanismus. Gegenüber den angeführten, sämtlich
unhaltbaren Gründen f ü r die Unsterblichkeit der Seele ist es bei der hohen
Bedeutung dieser Frage wohl zweckmäßig, die wohlbegründeten,
wissenschaftlichen Beweise g e g e n dieselbe hier kurz zusammenzufassen. Der
p h y s i o l o g i s c h e Beweis lehrt uns, daß die menschliche Seele ebenso wie
die der höheren Tiere kein selbständiges, immaterielles Wesen ist, sondern der
Kollektivbegriff für eine Summe von Gehirnfunktionen; diese sind ebenso wie
alle anderen Lebenstätigkeiten durch physikalische und chemische Prozesse
bedingt, also auch dem Substanzgesetz unterworfen. Der h i s t o l o g i s c h e
Beweis gründet sich auf den höchst verwickelten mikroskopischen Bau des
Gehirns und lehrt uns in den Ganglienzellen desselben die wahren
»Elementarorgane der Seele« kennen. Der e x p e r i m e n t e l l e Beweis
überzeugt uns, daß die einzelnen Seelentätigkeiten an einzelne Bezirke des Gehirns gebunden und ohne deren normale Beschaffenheit unmöglich sind;
werden diese Bezirke zerstört, so erlischt damit auch deren Funktion;
insbesondere gilt dies von den »Denkorganen«, den einzigen zentralen
Werkzeugen des »Geisteslebens«. Der p a t h o l o g i s c h e Beweis ergänzt den
physiologischen; wenn bestimmte Gehirnbezirke (Sprachzentrum, Sehsphäre,
Hörsphäre) durch Krankheit zerstört werden, so verschwindet auch deren Arbeit
(Sprechen, Sehen, Hören); die Natur selbst führt hier das entscheidende
physiologische Experiment aus. Der o n t o g e n e t i s c h e Beweis führt uns
unmittelbar die Tatsachen der individuellen Entwickelung der Seele vor Augen;
wir sehen, wie die Kindesseele ihre einzelnen Fähigkeiten nach und nach
entwickelt; der Jüngling bildet sich zur vollen Blüte, der Mann zur reifen Frucht
aus; im Greisenalter findet allmähliche Rückbildung der Seele statt,
entsprechend der senilen Degeneration des Gehirns. Der p h y l o g e n e t i s c h e
Beweis stützt sich auf die Paläontologie, die vergleichende Anatomie und
Physiologie des Gehirns; in ihrer gegenseitigen Ergänzung begründen diese
Wissenschaften die Gewißheit, daß das Gehirn des Menschen (und also auch
dessen Funktion, die Seele) sich stufenweise und allmählich aus demjenigen der
Säugetiere und weiterhin der niederen Wirbeltiere entwickelt hat.
Athanistische Illusionen. Die vorhergehenden Untersuchungen, die durch viele
andere Ergebnisse der modernen Wissenschaft ergänzt werden könnten, haben
das alte Dogma von der »Unsterblichkeit der Seele« als völlig unhaltbar
nachgewiesen; dasselbe kann im 20. Jahrhundert nicht mehr Gegenstand ernster
wissenschaftlicher Forschung, sondern nur noch des transzendenten
G l a u b e n s sein. Die »Kritik der reinen Vernunft« weist aber nach, daß dieser
hochgeschätzte Glaube, bei Licht betrachtet, der reine A b e r g l a u b e ist,
ebenso wie der oft damit verknüpfte Glaube an den »persönlichen Gott«. Nun
halten aber noch heute Millionen von »Gläubigen« — nicht nur aus den
niederen, ungebildeten Volksmassen, sondern aus den höheren und höchsten
Bildungskreisen — diesen Aberglauben für ihr teuerstes Besitztum, für ihren
»kostbarsten Schatz«. Es wird daher nötig sein, in den damit verknüpften
Vorstellungskreis noch etwas tiefer einzugehen und seinen wirklichen Wert einer
kritischen Prüfung zu unterziehen. Da ergibt sich denn für den objektiven
Kritiker die Einsicht, daß jener Wert zum größten Teile auf Einbildung beruht,
auf Mangel an klarem Urteil und an folgerichtigem Denken. Der definitive
Verzicht auf diese »a t h a n i s t i s c h e n I l l u s i o n e n« würde nach meiner
festen und ehrlichen Überzeugung für die Menschheit nicht nur keinen
schmerzlichen Ve r l u s t, sondern einen unschätzbaren positiven Gewinn
bedeuten.
Das menschliche »G e m ü t s b e d ü r f n i s« hält den Unsterblichkeitsglauben
besonders aus zwei Gründen fest, erstens in der Hoffnung auf ein besseres
zukünftiges Leben im Jenseits, und zweitens in der Hoffnung auf Wiedersehen
der teuren Lieben und Freunde, welche uns der Tod hier entrissen hat. Die erste
Hoffnung entspricht einem natürlichen Vergeltungsgefühl, das zwar subjektiv
berechtigt, aber objektiv ohne jeden Anhalt ist. Wir erheben Ansprüche auf
Entschädigung für die zahllosen Mängel und traurigen Erfahrungen dieses
irdischen Daseins, ohne irgend eine reale Aussicht oder Garantie dafür zu
besitzen. Wir verlangen eine unbegrenzte Dauer eines ewigen Lebens, in
welchem wir nur Lust und Freude, keine Unlust und keinen Schmerz erfahren
wollen. Die Vorstellungen der meisten Menschen über dieses »selige Leben im
Jenseits« sind höchst seltsam und um so sonderbarer, als darin die »immaterielle
Seele« sich an höchst materiellen Genüssen erfreut. Die Phantasie jeder
gläubigen Person gestaltet sich diese fortdauernde Herrlichkeit entsprechend
ihren persönlichen Wünschen. Der amerikanische Indianer, dessen Athanismus
S c h i l l e r in seiner nadowessischen Totenklage so anschaulich schildert, hofft
in seinem Paradiese die herrlichsten Jagdgründe zu finden, mit unermeßlich
vielen Büffeln und Bären; der Eskimo erwartet dort sonnenbestrahlte Eisflächen
mit einer unerschöpflichen Fülle von Eisbären, Robben und anderen Polartieren;
der sanfte Singhalese gestaltet sich sein jenseitiges Paradies entsprechend dem
wunderbaren Inselparadiese Ceylon mit seinen herrlichen Gärten und Wäldern;
nur setzt er voraus, daß jederzeit unbegrenzte Mengen von Reis und Curry, von
Kokosnüssen und anderen Früchten bereit stehen; der mohammedanische Araber
ist überzeugt, daß in seinem Paradiese blumenreiche, schattige Gärten sich
ausdehnen, durchrauscht von kühlen Quellen und bevölkert mit den schönsten
Mädchen; der katholische Fischer in Sizilien erwartet dort täglich einen Überfluß
der köstlichsten Fische und der feinsten Makkaroni, und ewigen Ablaß für alle
Sünden, die er auch im ewigen Leben noch täglich zu begehen hofft; der
evangelische Nordeuropäer hofft auf einen unermeßlichen gothischen Dom, in
welchem »ewige Lobgesänge auf den Herrn der Heerscharen« ertönen. Kurz,
jeder Gläubige erwartet von seinem ewigen Leben in Wahrheit eine direkte
Fortsetzung seines individuellen Erdendaseins, nur in einer bedeutend
»vermehrten und verbesserten Auflage«.
Besonders muß hier noch die durchaus m a t e r i a l i s t i s c h e
Grundanschauung des c h r i s t l i c h e n A t h a n i s m u s betont werden, die mit
dem absurden Dogma von der »Auferstehung des Fleisches« eng
zusammenhängt. Wie uns Tausende von Ölgemälden berühmter Meister
versinnlichen, gehen die »auferstandenen Leiber« mit ihren »wiedergeborenen
Seelen« droben im Himmel gerade so spazieren, wie hier im Jammerthal der Erde; sie schauen Gott mit ihren Augen, sie hören seine Stimme mit ihren
Ohren, sie singen Lieder zu seinen Ehren mit ihrem Kehlkopf usw. Kurz, die
modernen Bewohner des christlichen Paradieses sind ebenso Doppelwesen von
Leib und Seele, ebenso mit allen Organen des irdischen Leibes ausgestattet, wie
unsere Altvordern in Odins Saal zu Walhalla, wie die »unsterblichen« Türken
und Araber in Mohammeds lieblichen Paradiesgärten, wie die altgriechischen
Halbgötter und Helden an Zeus' Tafel im Olymp, im Genusse von Nektar und
Ambrosia.
Mag man sich dieses »ewige Leben« im Paradiese aber noch so herrlich
ausmalen, so muß dasselbe auf die Dauer unendlich langweilig werden. Und nun
gar: »E w i g!« Ohne Unterbrechung, ohne Weiterentwickelung diese ewige
individuelle Existenz fortführen! Der tiefsinnige Mythus vom »E w i g e n
J u d e n«, das vergebliche Ruhesuchen des unseligen Ahasverus sollte uns über
den Wert eines solchen »ewigen Lebens« aufklären! Das beste, was wir uns nach
einem tüchtigen, nach unserm besten Gewissen gut angewandten Leben
wünschen können, ist der ewige Friede des Grabes: »H e r r , s c h e n k e
i h n e n d i e e w i g e R u h e !«
Jeder vernünftige Gebildete, der die g e o l o g i s c h e Z e i t r e c h n u n g kennt,
und der über die lange Reihe der Jahrmillionen in der organischen Erdgeschichte
nachgedacht hat, muß bei unbefangenem Urteil zugeben, daß der banale
Gedanke des »ewigen Lebens« auch für den besten Menschen kein herrlicher
T r o s t , sondern eine furchtbare D r o h u n g ist. Nur Mangel an klarem Urteil
und folgerichtigem Denken kann dies bestreiten.
Den besten und den am meisten berechtigten Grund für den Athanismus gibt die
Hoffnung, im »ewigen Leben« die teueren Angehörigen und Freunde wieder zu
sehen, von denen uns hier auf Erden ein grausames Schicksal früh getrennt hat.
Aber auch dieses vermeintliche Glück erweist sich bei näherer Betrachtung als
Illusion; und jedenfalls würde es stark durch die Aussicht getrübt, dort auch
allen den weniger angenehmen Bekannten und den widerwärtigen Feinden zu
begegnen, die hier unser Dasein getrübt haben.
Unlösbare Schwierigkeiten bereitet auch den gläubigen Athanisten die Frage, in
welchem S t a d i u m i h r e r i n d i v i d u e l l e n E n t w i c k e l u n g die
abgeschiedene Seele ihr »ewiges Leben« fortführen soll? Sollen die
Neugeborenen erst im Himmel ihre Seele entwickeln, unter demselben harten
»Kampf ums Dasein«, der den Menschen hier auf der Erde erzieht? Soll der
talentvolle Jüngling, der dem Massenmorde des Krieges zum Opfer fällt, erst in
Walhalla seine reichen, ungenutzten Geistesgaben entwickeln? Soll der
altersschwache, kindisch gewordene Greis, der als reifer Mann die Welt mit dem Ruhm seiner Taten erfüllte, ewig als rückgebildeter Geist fortleben? Oder soll er
sich gar in ein früheres Blütestadium zurück entwickeln? Wenn aber die
unsterblichen Seelen im Olymp als v o l l k o m m e n e Wesen verjüngt fortleben
sollen, dann ist auch der Reiz und das Interesse der P e r s ö n l i c h k e i t für sie
ganz verschwunden.
Ebenso unhaltbar erscheint uns heute im Lichte der reinen Vernunft der
anthropistische Mythus vom »j ü n g s t e n G e r i c h t«, von der Scheidung aller
Menschenseelen in zwei große Haufen, von denen der eine zu den e w i g e n
Freuden des Paradieses, der andere zu den e w i g e n Qualen der Hölle bestimmt
ist — und das von einem persönlichen Gott, welcher »der Vater der Liebe« ist!
Hat doch dieser liebende Allvater selbst die Bedingungen der Vererbung und
Anpassung »geschaffen«, unter denen sich einerseits die bevorzugten
Glücklichen n o t w e n d i g zu straflosen Seligen, andererseits die unglücklichen
Armen und Elenden ebenso n o t w e n d i g zu strafwürdigen Verdammten
entwickeln mußten.
Eine kritische Vergleichung der unzähligen bunten Phantasiegebilde, welche der
Unsterblichkeitsglaube der verschiedenen Völker und Religionen seit
Jahrtausenden erzeugt hat, gewährt das merkwürdigste Bild; eine
hochinteressante, auf ausgedehnte Quellenstudien gegründete Darstellung
derselben hat A d a l b e r t S v o b o d a gegeben in seinen ausgezeichneten
Werken: »Seelenwahn« (1886) und »Gestalten des Glaubens« (1897). Wie
absurd uns auch die meisten dieser Mythen erscheinen mögen, wie unvereinbar
sie sämtlich mit der vorgeschrittenen Naturerkenntnis der Gegenwart sind, so
spielen sie dennoch auch heute eine höchst wichtige Rolle und üben trotzdem als
»Postulate der praktischen Vernunft« den größten Einfluß auf die
Lebensanschauungen der Individuen und die Geschicke der Völker.
Die idealistische und spiritualistische Philosophie der Gegenwart wird nun
freilich zugeben, daß diese herrschenden materialistischen Formen des
Unsterblichkeitsglaubens unhaltbar seien, und sie wird behaupten, daß an ihre
Stelle die geläuterte Vorstellung von einem immateriellen Seelenwesen, von
einer platonischen Idee oder einer transzendenten Seelensubstanz treten müsse.
Allein mit diesen unfaßbaren Vorstellungen kann die realistische
Naturanschauung der Gegenwart absolut nichts anfangen; sie befriedigen weder
das Kausalitätsbedürfnis unseres Verstandes, noch die Wünsche unseres
Gemütes. Fassen wir alles zusammen, was vorgeschrittene Anthropologie,
Psychologie und Kosmologie der Gegenwart über den Athanismus ergründet
haben, so müssen wir zu dem bestimmten Schlusse kommen: »Der Glaube an
die Unsterblichkeit der menschlichen Seele ist ein Dogma, welches den sichersten Erfahrungssätzen der modernen Naturwissenschaft völlig
widerspricht.«
Z w ö l f t e s K a p i t e l .
Das Substanzgesetz.
Monistische Studien über das kosmologische Grundgesetz. Erhaltung
der Materie und der Energie. Einheit und Trinität der Substanz.
Als das oberste und allumfassende Naturgesetz betrachte ich das
S u b s t a n z g e s e t z, das wahre und einzige k o s m o l o g i s c h e
G r u n d g e s e t z; seine Entdeckung und Feststellung ist die größte Geistestat
des 19. Jahrhunderts, insofern alle anderen erkannten Naturgesetze sich ihm
unterordnen. Unter dem Begriffe »S u b s t a n z g e s e t z« fasse ich zwei höchste
allgemeine Gesetze verschiedenen Ursprungs und Alters zusammen, das ältere
c h e m i s c h e Gesetz von der »Erhaltung des Stoffes« und das jüngere
p h y s i k a l i s c h e Gesetz von der »Erhaltung der Kraft«. Daß diese beiden
Grundgesetze der exakten Naturwissenschaft im Wesen unzertrennlich sind, wird
vielen Lesern wohl selbstverständlich erscheinen und ist von den meisten
Naturforschern der Gegenwart anerkannt. Indessen wird diese fundamentale
Überzeugung doch von anderer Seite noch heute vielfach bestritten und muß
jedenfalls erst bewiesen werden. Wir müssen daher zunächst einen kurzen Blick
auf beide Gesetze gesondert werfen.
Gesetz von der Erhaltung des Stoffes (oder der »Konstanz der Materie«,
L a v o i s i e r, 1789). D i e S u m m e d e s S t o f f e s , w e l c h e r d e n
W e l t r a u m e r f ü l l t , i s t u n v e r ä n d e r l i c h . Wenn ein Körper zu
verschwinden scheint, wechselt er nur seine Form; wenn die Kohle verbrennt,
verwandelt sie sich durch Verbindung mit dem Sauerstoff der Luft in gasförmige
Kohlensäure; wenn ein Zuckerstück sich im Wasser löst, geht seine feste Form in
die tropfbar flüssige über. Ebenso wechselt die Materie nur ihre Form, wenn ein
neuer Naturkörper zu entstehen scheint; wenn es regnet, wird der Wasserdampf
der Luft in Tropfenform niedergeschlagen; wenn das Eisen rostet, verbindet sich
die oberflächliche Schicht des Metalles mit Wasser und dem Sauerstoff der Luft
und bildet so Rost. Nirgends in der Natur sehen wir, daß neue Materie entsteht
oder »geschaffen« wird; nirgends finden wir, daß vorhandene Materie
verschwindet oder in Nichts zerfällt. Dieser Erfahrungssatz gilt heute als erster
und unerschütterlicher Grundsatz der Chemie und kann jederzeit mittels der
Wage unmittelbar bewiesen werden. Es war aber das unsterbliche Verdienst des großen französischen Chemikers L a v o i s i e r, diesen Beweis durch die Wage
zuerst geführt zu haben. Heute sind alle Naturforscher, welche sich jahrelang mit
dem denkenden Studium der Naturerscheinungen beschäftigt haben, so fest von
der absoluten Konstanz der Materie überzeugt, daß sie sich das Gegenteil gar
nicht mehr vorstellen können.
Gesetz von der Erhaltung der Kraft (oder der »Konstanz der Energie«,
R o b e r t M a y e r, 1842.) D i e S u m m e d e r K r a f t o d e r E n e r g i e ,
w e l c h e i m W e l t r a u m a l l e E r s c h e i n u n g e n b e w i r k t , i s t
u n v e r ä n d e r l i c h . Wenn die Lokomotive den Eisenbahnzug fortführt,
verwandelt sich die Spannkraft des erhitzten Wasserdampfes in die lebendige
Kraft der mechanischen Bewegung; wenn wir die Pfeife der Lokomotive hören,
werden die Schallschwingungen der bewegten Luft durch unser Trommelfell und
die Kette der Gehörknochen zum Labyrinth unseres inneren Ohres fortgeleitet
und von da durch den Hörnerv zu den akustischen Ganglienzellen, welche die
Hörsphäre im Schläfenlappen unserer Großhirnrinde bilden. Die ganze
wunderbare Gestaltenfülle, welche unseren Erdball belebt, ist in letzter Instanz
umgewandeltes Sonnenlicht. Allbekannt ist, wie gegenwärtig die
bewunderungswürdigen Fortschritte der Technik dazu geführt haben, die
verschiedenen Naturkräfte ineinander zu verwandeln: Wärme wird in
Massenbewegung, diese wieder in Licht oder Schall, diese wiederum in
Elektrizität übergeführt oder umgekehrt. Die genaue M e s s u n g der
Kraftmenge, welche bei dieser Verwandlung tätig ist, hat ergeben, daß auch sie
konstant bleibt. Der großen Entdeckung dieser fundamentalen Tatsache hatte
sich schon 1837 F r i e d r i c h M o h r in Bonn sehr genähert; sie erfolgte 1842
durch den geistreichen schwäbischen Arzt R o b e r t M a y e r in Heilbronn;
unabhängig von ihm kam H e r m a n n H e l m h o l t z auf die Erkenntnis
desselben Prinzips; er wies fünf Jahre später seine allgemeine Anwendbarkeit
und Fruchtbarkeit auf allen Gebieten der P h y s i k nach. Wir würden heute
sagen müssen, daß es auch das gesamte Gebiet der P h y s i o l o g i e — d. h. der
»organischen Physik!« — beherrsche, wenn dagegen nicht entschiedener
Widerspruch von seiten der vitalistischen Biologen, sowie der dualistischen und
spiritualistischen Philosophen erhoben würde. Diese erblicken in den
eigentümlichen »Geisteskräften« des Menschen eine Gruppe von »freien«, dem
Energiegesetz nicht unterworfenen Krafterscheinungen; besonders gestützt wird
diese dualistische Auffassung durch das Dogma von der Willensfreiheit. Wir
haben schon bei deren Besprechung gesehen, daß ihre Annahme unhaltbar ist. In
neuester Zeit hat die Physik den Begriff der »K r a f t« und der »E n e r g i e«
getrennt; für unsere vorliegende allgemeine Betrachtung ist diese
Unterscheidung gleichgültig.
Einheit des Substanzgesetzes. Von größter Wichtigkeit für unsere monistische
Weltanschauung ist die feste Überzeugung, daß die beiden großen
kosmologischen Grundlehren, das chemische Grundgesetz von der Erhaltung des
Stoffes und das physikalische Grundgesetz von der Erhaltung der Kraft,
untrennbar zusammengehören; beide Theorien sind ebenso innig verknüpft, wie
ihre beiden Objekte, S t o f f und K r a f t (oder Materie und Energie). Vielen
monistisch denkenden Naturforschern und Philosophen wird diese
f u n d a m e n t a l e E i n h e i t beider Gesetze selbstverständlich erscheinen, da
ja beide nur zwei verschiedene Seiten eines und demselben Objektes, des
»K o s m o s«, betreffen; indessen ist diese naturgemäße Überzeugung weit
entfernt, sich allgemeiner Anerkennung zu erfreuen. Sie wird vielmehr energisch
bekämpft von der gesamten dualistischen Philosophie, von der vitalistischen
Biologie, der parallelistischen Psychologie; ja sogar von vielen
(inkonsequenten!) Monisten, welche im »Bewußtsein« oder in der höheren
Geistestätigkeit des Menschen, oder auch in anderen Erscheinungen des »freien
Geisteslebens« einen Gegenbeweis zu finden glauben.
Ich betone daher ganz besonders die fundamentale Bedeutung des
e i n h e i t l i c h e n Substanzgesetzes als Ausdruck des untrennbaren
Zusammenhanges jener beiden begrifflich getrennten Gesetze. Daß dieselben
ursprünglich nicht zusammengefaßt und nicht in dieser Einheit erkannt wurden,
ergibt sich ja schon aus der Tatsache ihrer verschiedenen Entdeckungszeit. Die
Einheit beider Grundgesetze, welche noch heute vielfach bestritten wird,
drücken viele überzeugte Naturforscher in der Benennung aus: »Gesetz von der
Erhaltung der Kraft und des Stoffes«. Um einen kürzeren und bequemeren
Ausdruck für diesen fundamentalen, aus neun Worten zusammengesetzten
Begriff zu haben, habe ich schon vor längerer Zeit vorgeschlagen, dasselbe das
»S u b s t a n z g e s e t z« oder das »kosmologische Grundgesetz« zu nennen
(Monismus, 1892, S. 14, 39).
Substanzbegriff. Der erste Denker, der den reinen m o n i s t i s c h e n
»Substanzbegriff« in die Wissenschaft einführte und seine fundamentale
Bedeutung erkannte, war der große Philosoph B a r u c h S p i n o z a; sein
Hauptwerk erschien kurz nach seinem frühzeitigen Tode, 1677. In seiner
großartigen pantheistischen Weltanschauung fällt der Begriff der Welt
(Universum, Kosmos) zusammen mit dem allumfassenden Begriff G o t t; sie ist
gleichzeitig der reinste und vernünftigste M o n i s m u s, und der geklärteste und
abstrakteste M o n o t h e i s m u s. Diese U n i v e r s a l s u b s t a n z oder dieses
göttliche Weltwesen zeigt uns zwei verschiedene Seiten seines wahren Wesens,
zwei fundamentale A t t r i b u t e: die M a t e r i e (den unendlichen a u s g e d e h n t e n Substanzstoff) und den G e i s t (die allumfassende
d e n k e n d e Substanzenergie). Alle Wandelungen, die später der
Substanzbegriff gemacht hat, kommen bei konsequenter Analyse auf diesen
höchsten Grundbegriff von S p i n o z a zurück, den ich mit G o e t h e für einen
der erhabensten und wahrsten Gedanken aller Zeiten halte. Alle einzelnen
Objekte der Welt, die unserer Erkenntnis zugänglich sind, alle individuellen
Formen des Daseins, sind nur besondere vergängliche Formen der Substanz,
A k z i d e n z e n oder M o d e n. Diese M o d i sind körperliche Dinge, materielle
Körper, wenn wir sie unter dem Attribut der A u s d e h n u n g (der
»Raumerfüllung«) betrachten, dagegen Kräfte oder Ideen, wenn wir sie unter
dem Attribut des D e n k e n s (der »Energie«) betrachten. Auf diese
Grundvorstellung von S p i n o z a kommt auch unser M o n i s m u s jetzt zurück;
auch für uns sind M a t e r i e (der raumerfüllende Stoff) und E n e r g i e (die
bewegende Kraft) nur zwei untrennbare Attribute des einheitlichen Weltwesens,
der einen Substanz.
Der kinetische Substanzbegriff. (Urprinzip der Schwingung oder Vibration.)
Unter den verschiedenen Formen, welche der fundamentale Substanzbegriff in
der neueren Physik, in Verbindung mit der herrschenden Atomistik,
angenommen hat, überwog bisher die Annahme, daß allen Erscheinungen eine
schwingende Bewegung der kleinsten Massenteilchen zugrunde liege, eine
V i b r a t i o n d e r A t o m e. Die Atome selbst sind dem gewöhnlichen
»kinetischen Substanzbegriff« zufolge tote diskrete Körperteilchen, welche im
leeren Raum schwingen und in die Ferne wirken. Der eigentliche Begründer und
angesehenste Vertreter dieser kinetischen Substanztheorie ist der große
Mathematiker N e w t o n, der berühmte Entdecker des
G r a v i t a t i o n s g e s e t z e s. In seinem Hauptwerke »Principia philosophiae
naturalis mathematica« (1687) wies er nach, daß im ganzen Weltall ein und dasselbe
Grundgesetz der M a s s e n a n z i e h u n g, dieselbe unveränderliche
Gravitationskonstante herrscht; die Anziehung von je zwei Massenteilchen steht
im geraden Verhältnis ihrer Massen und im umgekehrten Verhältnis des Quadrats
ihrer Entfernungen. Diese allgemeine »S c h w e r k r a f t« bewirkt ebenso die
Bewegung des fallenden Apfels und die Flutwelle des Meeres, wie den Umlauf
der Planeten um die Sonne und die kosmischen Bewegungen aller Weltkörper.
Das unsterbliche Verdienst von N e w t o n war, dieses Gravitationsgesetz
endgültig festzustellen und dafür eine unanfechtbare mathematische Formel zu
finden. Aber diese t o t e m a t h e m a t i s c h e F o r m e l, auf welche die
meisten Naturforscher hier, wie in vielen anderen Fällen, das größte Gewicht
legen, gibt uns nur die q u a n t i t a t i v e Beweisführung für die Theorie, sie
gewährt uns nicht die mindeste Einsicht in das q u a l i t a t i v e Wesen der Erscheinungen. Die unvermittelte F e r n w i r k u n g, welche N e w t o n aus
seinem Gravitationsgesetz ableitete und welche zu einem der wichtigsten und
gefährlichsten Dogmen der späteren Physik wurde, gibt uns nicht den mindesten
Aufschluß über die eigentlichen Ursachen der Massenanziehung; vielmehr
versperrt sie uns den Weg zu deren Erkenntnis.
Der trinitäre Substanzbegriff. Die tiefer liegenden Ursachen der
Massenanziehung werden klar, und zugleich werden manche Einwände gegen
unsere monistische Substanztheorie hinfällig, wenn wir den beiden
Substanzattributen von Spinoza noch ein drittes, davon untrennbares Attribut
hinzufügen, die unbewußte E m p f i n d u n g (Psychoma). Die wahren »inneren
Ursachen« der mechanischen Bewegungen, welche die dualistische Metaphysik
als immaterielle Kräfte, als Geisteskräfte oder psychische Energieformen den
materiellen Energieformen der Physik gegenüberstellt, sind gleich den letzteren
untrennbar an die raumerfüllende Materie gebunden. Gewöhnlich wird ja von
der neueren monistischen Philosophie die Empfindung selbst als eine Form der
Energie aufgefaßt; das geschieht sowohl von deren materialistischer Richtung
(»Stoff und Kraft« von B ü c h n e r), als von der spiritualistischen, ihr
entgegengesetzten Richtung (»Energetik« als »Überwindung des Materialismus«
von O s t w a l d). Die Einseitigkeit beider Richtungen wird vermieden, und
zugleich werden manche irreführende Mißverständnisse beseitigt, wenn wir den
bisher vorherrschenden Begriff der »Energie« in zwei gleichwertige Attribute
zerlegen, in »aktive Energie« — M e c h a n i k (»Wille« im Sinne von
Schopenhauer) und in »passive Energie« — P s y c h o m a (»unbewußte
Empfindung« im weitesten Sinne). Ich habe diese Theorie von der
»D r e i e i n i g k e i t d e r S u b s t a n z« (oder »Trinität des Kosmos«) im
19. Kapitel meiner »L e b e n s w u n d e r« näher erläutert. (Ergänzungsband zu
den »Welträtseln«, 1904; — Volksausgabe 1906, S. 184-188.) Dabei habe ich
mich besonders auf die gleichgerichteten Ansichten von mehreren unserer
hervorragendsten modernen Naturphilosophen bezogen, C a r l N a e g e l i
(1877), A l b r e c h t R a u (1896) und E r n s t M a c h (1901). Die drei
fundamentalen Attribute der Substanz: A. R a u m e r f ü l l u n g oder
»Ausdehnung«, Stoff, (= M a t e r i e), B. B e w e g u n g oder »Mechanik«, Kraft
(= E n e r g i e), und C. E m p f i n d u n g oder »Weltseele«, Geist (= P s y c h o m)
sind demnach ganz allgemeine Grundeigenschaften aller Körper.
Gesetz von der Erhaltung der Empfindung. Wenn diese »Trinitärtheorie« der
Substanz richtig ist, dann muß auch das große Konstanzgesetz, die Lehre von der
»E r h a l t u n g« der unzerstörbaren Substanz, ebenso auf die Empfindung, wie
auf »Stoff und Kraft« Anwendung finden. Die niedersten und einfachsten Psychomformen (Massenanziehung in der Physik, Wahlverwandtschaft in der
Chemie) sind dann nur stufenweise verschieden von den niederen und höheren
Formen des organischen Seelenlebens, von der Sinnestätigkeit der niederen
Organismen, von der Geistestätigkeit des Menschen (»Denken«). Jede
Psychomform kann in die andere übergeführt werden. D i e S u m m e d e r
E m p f i n d u n g i m u n e n d l i c h e n W e l t r a u m i s t
u n v e r ä n d e r l i c h .
Der dualistische Substanzbegriff. Die beiden Substanztheorien, die wir
vorstehend einander gegenübergestellt haben, sind im Prinzip m o n i s t i s c h;
beide betrachten »Stoff und Kraft« als untrennbar, die ganze Welt als
e i n h e i t l i c h e Substanz. Ganz anders verhält es sich mit den
d u a l i s t i s c h e n Substanztheorien, welche noch heute in der idealistischen
und spiritualistischen Philosophie herrschend sind; diese werden auch von der
einflußreichen Theologie gestützt, soweit sich dieselbe überhaupt auf solche
metaphysische Spekulationen einläßt. Hiernach sind zwei ganz verschiedene
Hauptbestandteile der Substanz zu unterscheiden, m a t e r i e l l e und
i m m a t e r i e l l e. Die m a t e r i e l l e S u b s t a n z bildet die
»K ö r p e r w e l t«, deren Erforschung Objekt der Physik und Chemie ist; hier
allein gilt das Gesetz von der Erhaltung der Materie und Energie (soweit man
nicht überhaupt an deren »Erschaffung aus Nichts« und andere Wunder glaubt!).
Die i m m a t e r i e l l e S u b s t a n z hingegen bildet die »G e i s t e r w e l t«, in
welcher jenes Gesetz nicht gilt; hier gelten die Gesetze der Physik und Chemie
entweder gar nicht, oder sie sind der »Lebenskraft« unterworfen, oder dem
»freien Willen«, oder der »göttlichen Allmacht«, oder anderen solchen
Gespenstern, von denen die kritische Wissenschaft nichts weiß. Eigentlich
bedürfen diese prinzipiellen Irrtümer heute keiner Widerlegung mehr; denn die
Erfahrung hat uns bis auf den heutigen Tag keine einzige i m m a t e r i e l l e
S u b s t a n z kennen gelehrt, keine einzige Kraft, welche nicht an den Stoff
gebunden ist.
Masse oder Körperstoff (P o n d e r a b l e M a t e r i e). Die Erkenntnis dieses
w ä g b a r e n Teiles der Materie ist in erster Linie Gegenstand der C h e m i e.
Allbekannt sind die erstaunlichen theoretischen Fortschritte, welche diese
Wissenschaft im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts gemacht hat, und der
ungeheuere Einfluß, welchen sie auf alle Seiten des praktischen Kulturlebens
gewonnen hat. Wir begnügen uns daher mit wenigen Bemerkungen über die
wichtigsten prinzipiellen Fragen von der Natur der Masse. Der analytischen
Chemie ist es bekanntlich gelungen, alle die unzähligen verschiedenen
Naturkörper durch Zerlegung auf eine geringe Anzahl von Urstoffen oder E l e m e n t e n zurückzuführen, d. h. auf einfache Körper, welche nicht weiter
zerlegt werden können. Die Zahl dieser Elemente beträgt ungefähr achtzig. Nur
der kleinere Teil derselben (eigentlich nur vierzehn) ist allgemein auf der Erde
verbreitet und von hoher Bedeutung; die größere Hälfte besteht aus seltenen und
weniger wichtigen Elementen (meistens Metallen). Die g r u p p e n w e i s e
Ve r w a n d t s c h a f t dieser Elemente und die merkwürdigen Beziehungen ihrer
Atomgewichte, welche L o t h a r M e y e r und M e n d e l e j e f f in ihrem
»P e r i o d i s c h e n S y s t e m d e r E l e m e n t e« nachgewiesen haben,
machen es sehr wahrscheinlich, daß dieselben keine a b s o l u t e n S p e z i e s
d e r M a s s e, keine ewig unveränderlichen Größen sind. Man hat nach jenem
System die 80 Elemente auf acht Hauptgruppen verteilt und innerhalb derselben
nach der Größe ihrer Atomgewichte geordnet, so daß die chemisch ähnlichen
Elemente Familienreihen bilden. Die gruppenweisen Beziehungen im
natürlichen System der Elemente erinnern einerseits an ähnliche Verhältnisse der
mannigfach zusammengesetzten Kohlenstoff-Verbindungen, andererseits an die
Beziehungen paralleler Gruppen, wie sie im natürlichen System der Tier- und
Pflanzenarten sich zeigen. Wie nun bei diesen die »Verwandtschaft« der
ähnlichen Gestalten auf Abstammung von gemeinsamen einfachen
Stammformen beruht, so ist es sehr wahrscheinlich, daß auch dasselbe für die
Familien und Ordnungen der Elemente gilt. Wir dürfen daher annehmen, daß die
jetzigen »empirischen Elemente« keine wirklich einfachen und unveränderlichen
»S p e z i e s d e r M a s s e« sind, sondern ursprünglich zusammengesetzt aus
gleichartigen einfachen Uratomen in verschiedener Zahl und Lagerung.
Neuerdings soll es tatsächlich gelungen sein, ein Element in ein anderes zu
verwandeln, so z. B. Radium in Helium. Der alte Traum der Alchymisten scheint
dadurch teilweise in Erfüllung zu gehen.
Atome und Elemente. Die moderne A t o m l e h r e, wie sie heute der Chemie
als unentbehrliches Hilfsmittel erscheint, ist wohl zu unterscheiden von dem
alten philosophischen A t o m i s m u s, wie er schon vor mehr als zweitausend
Jahren von hervorragenden monistischen Philosophen des Altertums gelehrt
wurde, von L e u k i p p o s, D e m o k r i t o s und L u k r e t i u s; später fand
derselbe eine weitere und mannigfach verschiedene Ausbildung durch
D e s c a r t e s, H o b b e s, L e i b n i z und andere hervorragende Philosophen.
Eine bestimmte annehmbare Fassung und e m p i r i s c h e B e g r ü n d u n g
fand aber der m o d e r n e A t o m i s m u s erst 1808 durch den englischen
Chemiker D a l t o n, welcher das »Gesetz der einfachen und multiplen
Proportionen« bei der Bildung chemischer Verbindungen aufstellte. Er
bestimmte zuerst die A t o m g e w i c h t e d e r e i n z e l n e n E l e m e n t e
und schuf damit die unerschütterliche e x a k t e B a s i s, auf welcher die neueren chemischen Theorien ruhen; diese sind sämtlich a t o m i s t i s c h,
insofern sie die Elemente aus gleichartigen, kleinsten, diskreten Teilchen
zusammengesetzt annehmen, die nicht weiter zerlegt werden können. Jedoch
haben die gewaltigen Fortschritte der neueren Physik (besonders der Elektrik)
dazu geführt, die Atome wieder in viel kleinere (hypothetische!) Bestandteile
theoretisch zu zerlegen, die E l e k t r o n e n (Ionentheorie). Dabei bleibt die
Frage nach dem eigentlichen W e s e n der Atome, ihrer Gestalt, Größe,
Beseelung usw. ganz außer Spiele; denn diese Qualitäten sind hypothetisch;
empirisch dagegen ist der C h e m i s m u s der Atome oder ihre »chemische
Affinität«, d. h. die konstante Proportion, in der sie sich mit den Atomen anderer
Elemente verbinden (Monismus, 1892, S. 17, 41).
Wahlverwandtschaft der Elemente. Das verschiedene Verhalten der einzelnen
Elemente gegeneinander, das die Chemie als »Affinität oder Verwandtschaft«
bezeichnet, ist eine der wichtigsten Eigenschaften der Masse und äußert sich in
den verschiedenen Mengenverhältnissen oder Proportionen, in denen ihre
Verbindung stattfindet, und in der Intensität, mit der dieselbe erfolgt. Alle Grade
der Zuneigung, von der vollkommenen Gleichgültigkeit bis zur heftigsten
Leidenschaft, finden sich in dem chemischen Verhalten der verschiedenen
Elemente gegeneinander ebenso wieder, wie sie in der Psychologie des
Menschen und namentlich in der Zuneigung der beiden Geschlechter die größte
Rolle spielen. G o e t h e hat bekanntlich in seinem klassischen Roman »D i e
W a h l v e r w a n d t s c h a f t e n« die Verhältnisse der Liebespaare in eine Reihe
gestellt mit der gleichnamigen Erscheinung bei Bildung chemischer
Verbindungen. Die unwiderstehliche Leidenschaft, welche Eduard zu der
sympathischen Ottilie, Paris zu Helena hinzieht und alle Hindernisse der
Vernunft und Moral überwindet, ist dieselbe mächtige »unbewußte«
Attraktionskraft, welche bei der Befruchtung der Tier- und Pflanzeneier den
lebendigen Samenfaden zum Eindringen in die Eizelle (aber auch zur
Apfelsäure!) antreibt; dieselbe heftige Bewegung, durch welche zwei Atome
Wasserstoff und ein Atom Sauerstoff sich zur Bildung von einem Molekül
Wasser vereinigen. Diese prinzipielle E i n h e i t d e r
W a h l v e r w a n d t s c h a f t i n d e r g a n z e n N a t u r, vom einfachsten
chemischen Prozeß bis zu dem verwickeltsten Liebesroman hinauf, hat schon
der griechische Naturphilosoph E m p e d o k l e s im fünften Jahrhundert v. Chr.
erkannt, in seiner Lehre vom »L i e b e n u n d H a s s e n d e r E l e m e n t e«.
Sie findet ihre empirische Bestätigung durch die interessanten Fortschritte der
Z e l l u l a r p s y c h o l o g i e, deren hohe Bedeutung wir erst im letzten Drittel
des 19. Jahrhunderts gewürdigt haben. Wir gründen darauf unsere Überzeugung,
daß auch schon den A t o m e n die einfachste Form der Empfindung und des Willens innewohnt — oder besser gesagt: der F ü h l u n g (Aesthesis) und der
S t r e b u n g (Tropesis) —, also eine universale »S e e l e« von primitivster Art,
das »Elementarpsychom«. Dasselbe gilt aber auch von den Molekülen oder
Massenteilchen, welche aus zwei oder mehreren Atomen sich zusammensetzen.
Aus der weiteren Verbindung verschiedener solcher Moleküle entstehen dann die
einfachen und weiterhin die zusammengesetzten chemischen Verbindungen, in
deren Aktion sich dasselbe Spiel in verwickelterer Form wiederholt.
Äther (I m p o n d e r a b l e M a t e r i e). Die Erkenntnis dieses u n w ä g b a r e n
Teiles der Materie ist in erster Linie Gegenstand der P h y s i k. Nachdem man
schon lange die Existenz eines äußerst feinen, den Raum außerhalb der Masse
erfüllenden Mediums angenommen und diesen »Äther« zur Erklärung
verschiedener Erscheinungen (vor allem des L i c h t e s) verwendet hatte, ist uns
die nähere Bekanntschaft mit diesem wunderbaren Stoffe erst in der zweiten
Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gelungen, und zwar im Zusammenhang mit
den erstaunlichen empirischen Entdeckungen auf dem Gebiete der
E l e k t r i z i t ä t, mit ihrer experimentellen Erkenntnis, ihrem theoretischen
Verständnis und ihrer praktischen Verwertung. Vor allem sind hier bahnbrechend
geworden die berühmten Untersuchungen von H e i n r i c h H e r t z in Bonn
(1888); der frühzeitige Tod dieses genialen jungen Physikers, der das Größte zu
erreichen versprach, ist nicht genug zu beklagen; er gehört ebenso wie der allzu
frühe Tod von S p i n o z a, von R a f f a e l, von S c h u b e r t und vielen anderen
genialen Jünglingen zu jenen b r u t a l e n T a t s a c h e n der menschlichen
Geschichte, welche für sich allein schon den unhaltbaren Mythus von einer
»weisen Vorsehung« und von einem »alliebenden Vater im Himmel« gründlich
widerlegen.
Die Existenz des Äthers oder »Weltäthers«, als realer »Materie«, kann seit 1888
als T a t s a c h e angesehen werden. Man kann allerdings auch heute noch
vielfach lesen, daß der Äther eine »bloße Hypothese« sei; diese irrtümliche
Behauptung wird nicht nur von unkundigen Philosophen und populären
Schriftstellern wiederholt, sondern auch von einzelnen »vorsichtigen exakten
Physikern«. Mit demselben Rechte müßte man aber auch die Existenz der
ponderablen Materie, der Masse, leugnen. Freilich gibt es heute noch
Metaphysiker, die auch dieses Kunststück zustande bringen, und deren höchste
Weisheit darin besteht, die Realität der Außenwelt zu leugnen oder doch zu
bezweifeln; nach ihnen existiert eigentlich nur ein einziges reales Wesen,
nämlich ihre eigene teure Person, oder vielmehr deren unsterbliche Seele.
Wesen des Äthers. Wenn nun auch heute von fast allen Physikern die reale
Existenz des Äthers als eine positive Tatsache betrachtet wird, und wenn uns auch viele Wirkungen dieser wunderbaren Materie durch unzählige Erfahrungen,
besonders optisch und elektrische Versuche, genau bekannt sind, so ist es doch
bisher nicht gelungen, Klarheit und Sicherheit über ihr eigentliches W e s e n zu
gewinnen. Vielmehr gehen auch heute noch die Ansichten der hervorragendsten
Physiker, die sie speziell studiert haben, sehr weit auseinander; ja sie
widersprechen sich sogar in den wichtigsten Punkten. Es steht daher jedem frei,
sich bei der Wahl zwischen den widersprechenden Hypothesen seine eigene
Meinung zu bilden, entsprechend dem Grade seiner Sachkenntnis und
Urteilskraft (die ja beide immer unvollkommen bleiben!). Die Meinung, die ich
persönlich (als bloßer D i l e t t a n t auf diesem Gebiete!) mir durch reifliches
Nachdenken gebildet habe, fasse ich in folgenden acht Sätzen zusammen:
I . Der Äther erfüllt als eine k o n t i n u i e r l i c h e M a t e r i e den ganzen
Weltraum, soweit dieser nicht von der Masse (oder der ponderablen Materie)
eingenommen ist; er füllt auch alle Zwischenräume zwischen den Atomen der
letzteren vollständig aus. II. Der Äther besitzt wahrscheinlich noch k e i n e n
C h e m i s m u s und ist noch nicht aus Atomen zusammengesetzt wie die Masse;
(wenn man annimmt, derselbe sei aus äußerst kleinen, gleichartigen Atomen
zusammengesetzt [z. B. unteilbaren Ätherkugeln von gleicher Größen], so muß
man weiterhin auch annehmen, daß zwischen denselben noch etwas anderes
existiert, entweder der »leere Raum« oder ein drittes, ganz unbekanntes
Medium, ein völlig hypothetischer »I n t e r ä t h e r«; bei der Frage nach dessen
Wesen würde sich dann dieselbe Schwierigkeit, wie beim Äther erheben [in
infinitum!].)' III. Da die Annahme des leeren Raumes und der unvermittelten
Fernwirkung beim jetzigen Stande unseres Naturkennens kaum mehr möglich ist
(wenigstens zu keiner klaren Vorstellung führt), so nehme ich eine eigentümliche
S t r u k t u r d e s Ä t h e r s an, die nicht atomistisch ist, wie diejenige der
ponderablen Masse, und die man vorläufig (ohne weitere Bestimmung) als
ä t h e r i s c h e oder d y n a m i s c h e Struktur bezeichnen kann. IV. Der
A g g r e g a t z u s t a n d des Äthers ist, dieser Hypothese zufolge, ebenfalls
eigentümlich und von demjenigen der Masse verschieden; er ist weder
gasförmig, noch fest; die beste Vorstellung gewinnt man vielleicht durch den
Vergleich mit einer äußerst feinen elastischen und leichten Gallerte. V. Der Äther
ist i m p o n d e r a b l e M a t e r i e in dem Sinne, daß wir kein Mittel besitzen,
sein Gewicht experimentell zu bestimmen; wenn er wirklich Gewicht besitzt,
was sehr wahrscheinlich ist, so ist dasselbe äußerst gering und für unsere
feinsten Wagen unwägbar. VI. Der ätherische Aggregatzustand kann
wahrscheinlich unter bestimmten Bedingungen durch fortschreitende
Verdichtung in den gasförmigen Zustand der Masse übergehen, ebenso wie
dieser letztere durch Abkühlung in den flüssigen und weiterhin in den festen übergeht. VII. Diese A g g r e g a t z u s t ä n d e d e r M a t e r i e ordnen sich
demnach (was für die monistische K o s m o g e n i e sehr wichtig ist) in eine
genetische, kontinuierliche Reihe; wir unterscheiden fünf Stufen derselben:
1. der ätherische, 2. der gasförmige, 3. der flüssige, 4. der festflüssige (im
lebenden Plasma), 5. der feste Zustand. VIII. Der Äther ist ebenso unendlich und
unermeßlich wie der Raum selbst; er befindet sich ewig in ununterbrochener
Bewegung.
Äther und Masse. »Die gewaltige Hauptfrage nach dem Wesen des Äthers«,
wie sie H e r t z mit Recht nennt, schließt auch diejenige seiner Beziehungen zur
Masse ein; denn beide Hauptbestandteile der Materie befinden sich nicht nur
überall in innigster äußerer Berührung, sondern auch in ewiger dynamischer
W e c h s e l w i r k u n g. Man kann die allgemeinsten Naturerscheinungen,
welche die Physik als Naturkräfte oder als »Funktionen der Materie«
unterscheidet, in zwei Gruppen teilen, von denen die eine v o r z u g s w e i s e
(aber nicht ausschließlich) Funktion des Ä t h e r s, die andere ebenso Funktion
der Masse ist. Die Erscheinungen des Lichtes, der strahlenden Wärme, der
Elektrizität und des Magnetismus werden überwiegend durch den imponderablen
Äther vermittelt; dagegen die Erscheinungen der Schwere, der Trägheit, der
Wasserwärme und des Chemismus durch die ponderable M a s s e. Diese
Unterscheidung bedeutet aber keine absolute Trennung der beiden
entgegengesetzten Energiegruppen; vielmehr bleiben beide trotzdem vereinigt,
behalten ihren Zusammenhang und stehen überall in beständiger
Wechselwirkung. Wie bekannt, sind optische und elektrische Vorgänge des
Äthers eng verknüpft mit mechanischen und chemischen Veränderungen der
Masse; die strahlende Wärme des ersteren geht direkt über in die Massenwärme
oder mechanische Wärme der letzteren; die Gravitation kann nicht wirken, ohne
daß der Äther die Massenanziehung der getrennten Atome vermittelt, da wir
keine Fernwirkung annehmen können. Die Verwandlung einer Energieform in
die andere, wie sie das Gesetz von der Erhaltung der Kraft nachweist, bestätigt
zugleich die beständige Wechselwirkung zwischen den beiden Hauptteilen der
Substanz, zwischen Ä t h e r und M a s s e.
Kraft und Energie. Das große Grundgesetz der Natur, welches wir als
Substanzgesetz an die Spitze aller physikalischen Betrachtungen stellen, wurde
ursprünglich von R o b e r t M a y e r, der es aufstellte (1842), und von
H e l m h o l t z, der es ausführte (1847), als das Gesetz von der E r h a l t u n g
d e r K r a f t bezeichnet. Schon zehn Jahre früher hatte ein anderer deutscher
Naturforscher, F r i e d r i c h M o h r in Bonn, die wesentlichen Grundgedanken
desselben klar entwickelt (1837). Später wurde der alte Begriff der K r a f t durch die moderne Physik von demjenigen der E n e r g i e getrennt, der ursprünglich
gleichbedeutend war. Demnach wird jetzt dasselbe Gesetz gewöhnlich als das
»Gesetz von der K o n s t a n z d e r E n e r g i e« bezeichnet. Für die allgemeine
Betrachtung desselben, mit der ich mich hier begnügen muß, und für das große
Prinzip von der »Erhaltung der Substanz« kommt dieser feinere Unterschied
nicht in Betracht. Der Leser, der sich dafür interessiert, findet eine sehr klare
Auseinandersetzung darüber z. B. in dem ausgezeichneten Aufsatz des
englischen Physikers T y n d a l l über »das Grundgesetz der Natur«
(Braunschweig 1898). Dort ist auch eingehend die universale Bedeutung dieses
kosmologischen Grundgesetzes erläutert, sowie seine Anwendung auf die
wichtigsten Probleme sehr verschiedener Gebiete. Wir begnügen uns hier mit der
wichtigen Tatsache, daß gegenwärtig das »Energieprinzip« und die damit
verknüpfte Überzeugung von der Einheit der Naturkräfte, von ihrem
gemeinsamen Ursprung, durch alle kompetenten Physiker anerkannt und als der
wichtigste Fortschritt der Physik im 19. Jahrhundert gewürdigt wird. Wir wissen
jetzt, daß Wärme ebensogut eine Form der B e w e g u n g ist, wie Schall,
Elektrizität ebenso wie Licht, Chemismus ebenso wie Magnetismus. Wir können
durch geeignete Vorrichtungen eine dieser Kräfte in die andere verwandeln, und
überzeugen uns dabei durch genaueste Messung, daß von ihrer Gesamtsumme
niemals das kleinste Teilchen verloren geht.
Spannkraft und Triebkraft (p o t e n t i e l l e u n d a k t u e l l e E n e r g i e).
Die Gesamtsumme der Kraft oder Energie im Weltall bleibt beständig,
gleichviel, welche Veränderungen uns erscheinen; sie ist ewig und unendlich,
wie die Materie, an die sie untrennbar gebunden ist. Das ganze Spiel der Natur
beruht auf dem Wechsel von scheinbarer Ruhe und Bewegung; die ruhenden
Körper besitzen aber ebenso eine unverlierbare Größe von Kraft, wie die
bewegten. Bei der Bewegung selbst verwandelt sich die Spannkraft der ersteren
in die Triebkraft der letzteren. »Indem das Prinzip der Erhaltung der Kraft
sowohl die Abstoßung als die Anziehung in Betracht zieht, behauptet es, daß der
mechanische Wert der Spannkräfte und der lebendigen Kräfte in der materiellen
Welt eine konstante Quantität ist. Kurz gesagt, zerfällt der Kraftbesitz des
Universums in zwei Teile, die nach einem bestimmten Wertverhältnis ineinander
verwandelt werden können. Die Verminderung des einen bringt die
Vergrößerung des anderen mit sich; der Gesamtwert seines Besitzes bleibt
jedoch unverändert.« D i e S p a n n k r a f t oder die p o t e n t i e l l e E n e r g i e
und die l e b e n d i g e K r a f t oder die aktuelle Energie (= Triebkraft) werden
beständig ineinander umgewandelt, ohne daß die unendliche Gesamtsumme der
Kraft im unendlichen Weltall jemals den geringsten Verlust erleidet.
Einheit der Naturkräfte. Nachdem die moderne Physik das Substanzgesetz
zunächst für die einfacheren Beziehungen der anorganischen Körper festgestellt
hatte, wies die Physiologie dessen allgemeine Geltung auch im Gesamtbereiche
der organischen Natur nach. Sie zeigte, daß alle Lebenstätigkeiten der
Organismen ebenso auf einem beständigen »K r a f t w e c h s e l« und einem
damit verknüpften »Stoffwechsel« beruhen wie die einfachsten Vorgänge in der
sogenannten »leblosen Natur«. Nicht nur das Wachstum und die Ernährung der
Pflanzen und Tiere, sondern auch die Funktionen ihrer Empfindung und
Bewegung, ihrer Sinnestätigkeit und ihres Seelenlebens beruhen auf der
Verwandlung von Spannkraft in lebendige Kraft und umgekehrt. Dieses höchste
Gesetz beherrscht auch diejenigen vollkommensten Leistungen des
Nervensystems, welche man bei den höheren Tieren und beim Menschen als das
»G e i s t e s l e b e n« bezeichnet. Somit gilt dasselbe auch für die gesamte
Psychologie. Wir kennen nur e i n e r l e i A r t von Naturkräften in allen
Naturerscheinungen.
Allmacht des Substanzgesetzes. Unsere feste monistische Überzeugung, daß
das kosmologische Grundgesetz allgemeine Geltung für die g e s a m t e N a t u r
besitzt, nimmt die höchste Bedeutung in Anspruch. Denn dadurch wird nicht nur
p o s i t i v die prinzipielle Einheit des Kosmos und der kausale Zusammenhang
aller uns erkennbaren Erscheinungen bewiesen, sondern es wird dadurch
zugleich n e g a t i v der höchste intellektuelle Fortschritt erzielt, der definitive
Sturz der d r e i Z e n t r a l d o g m e n d e r M e t a p h y s i k: »Gott, Freiheit
und Unsterblichkeit«. Indem das Substanzgesetz überall mechanische Ursachen
in den Erscheinungen nachweist, verknüpft es sich mit dem »a l l g e m e i n e n
K a u s a l g e s e t z«.
D r e i z e h n t e s K a p i t e l .
Entwickelungsgeschichte der Welt.
Monistische Studien über die ewige Entwickelung des Universum.
Schöpfung, Anfang und Ende der Welt. Entropie.
Unter allen Welträtseln das größte, umfassendste und schwerste ist dasjenige von
der Entstehung und Entwickelung der Welt, kurz gewöhnlich die
»S c h ö p f u n g s f r a g e« genannt. Auch zur Lösung dieses schwierigsten
Welträtsels hat das 19. Jahrhundert mehr beigetragen als alle früheren, ja sie ist
ihm sogar bis zu einem gewissen Grade gelungen. Wenigstens sind wir zu der
klaren Einsicht gelangt, daß alle verschiedenen einzelnen Schöpfungsfragen
untrennbar verknüpft sind, daß sie alle nur ein einziges, allumfassendes
»k o s m i s c h e s U n i v e r s a l p r o b l e m« bilden, und den Schlüssel zur
Lösung dieser »Weltfrage« gibt uns das eine Zauberwort: »E n t w i c k e l u n g«!
Die großen Fragen von der Schöpfung des Menschen, von der Schöpfung der
Tiere und Pflanzen, von der Schöpfung der Erde und der Sonne usw., sie alle
sind nur Teile jener Universalfrage: Wie ist die ganze Welt entstanden? Ist sie
auf übernatürlichem Wege »e r s c h a f f e n«, oder hat sie sich auf natürlichem
Wege »e n t w i c k e l t«? Welcher Art sind die Ursachen und die Wege dieser
Entwickelung? Gelingt es uns, eine sichere Antwort auf diese Fragen für eines
jener T e i l-Probleme zu finden, so haben wir nach unserer einheitlichen
Naturauffassung damit zugleich ein erhellendes Licht auf deren Beantwortung
für das g a n z e Weltproblem geworfen.
Schöpfung (Creatio). Die herrschende Ansicht über die Entstehung der Welt war
in früheren Jahrhunderten fast überall, wo denkende Menschen wohnten, der
G l a u b e a n d i e S c h ö p f u n g. In Tausenden von interessanten, mehr oder
weniger fabelhaften Sagen und Dichtungen, K o s m o g o n i e n und
S c h ö p f u n g s m y t h e n hat dieser Schöpfungsglaube seinen mannigfaltigen
Ausdruck gefunden. Frei davon blieben nur wenige große Philosophen und
besonders jene bewunderungswürdigen freien Denker des klassischen Altertums,
die zuerst den Gedanken der natürlichen E n t w i c k e l u n g erfaßten. Im
Gegensatz zu diesem letzteren trugen alle jene Schöpfungsmythen den Charakter
des Ü b e r n a t ü r l i c h e n, Wunderbaren oder Transzendenten. Unfähig, das
Wesen der Welt selbst zu erkennen und ihre Entstehung durch natürliche Ursachen zu erklären, mußte die unentwickelte Vernunft selbstverständlich zum
W u n d e r greifen. In den meisten Schöpfungssagen verknüpfte sich mit dem
Wunder die Vermenschlichung (der A n t h r o p i s m u s). Wie der Mensch mit
Absicht und durch Kunst seine Werke schafft, so sollte der bildende »Gott«
planmäßig die Welt erschaffen haben; die Vorstellung dieses Schöpfers war
meistens ganz menschenähnlich (anthropomorph). Der »allmächtige Schöpfer
Himmels und der Erden«, wie er im ersten Buch Moses und in unserem heute
noch gültigen Katechismus schafft, ist ebenso ganz menschlich gedacht wie der
moderne Schöpfer von A g a s s i z und R e i n k e.
Schöpfung des Weltalls und der Einzeldinge (K r e a t i o n d e r S u b s t a n z
u n d d e r A k z i d e n z e n). Bei tieferem Eingehen in den Wunderbegriff der
K r e a t i o n können wir als zwei wesentlich verschiedene Akte die totale
Schöpfung des Weltalls und die partielle Schöpfung der einzelnen Dinge
unterscheiden, entsprechend dem Begriffe S p i n o z a s von der S u b s t a n z
(dem Universum) und den A k z i d e n z e n (oder Modi, den einzelnen
»Erscheinungsformen der Substanz«). Diese Unterscheidung ist prinzipiell
wichtig; denn es hat viele und angesehene Philosophen gegeben (und es gibt
noch heute solche), welche die erstere annehmen, die letztere dagegen
verwerfen.
Schöpfung der Substanz (K o s m o l o g i s c h e r K r e a t i s m u s). Nach
dieser Schöpfungslehre hat »Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen«. Man
stellt sich vor, daß der »ewige Gott« (als vernünftiges, aber immaterielles
Wesen!) für sich allein von Ewigkeit her (im leeren Raum) ohne Welt existierte,
bis er dann einmal auf den Gedanken kam, »die Welt zu schaffen«. Viele
Anhänger dieses Glaubens beschränken die Schöpfungstätigkeit Gottes aufs
Äußerste, auf einen einzigen Akt; sie nehmen an, daß der außerweltliche Gott
(dessen übrige Tätigkeit rätselhaft bleibt!) in einem Augenblick die Substanz
erschaffen, ihr die Fähigkeit zur weitergehenden Entwickelung beigelegt und
sich dann nie weiter um sie bekümmert habe. Diese weit verbreitete Ansicht ist
namentlich im englischen D e i s m u s vielfach ausgebildet worden; sie nähert
sich unserer monistischen Entwickelungslehre und gibt sie nur in dem einen
Momente preis, in welchem Gott auf den Schöpfungsgedanken kam. Andere
Anhänger des kosmologischen Kreatismus nehmen dagegen an, daß »Gott der
Herr« die Substanz nicht nur einmal erschaffen habe, sondern als bewußter
»Erhalter und Regierer der Welt« in deren Geschichte fortwirke. Viele
Variationen dieses Glaubens nähern sich bald dem P a n t h e i s m u s, bald dem
konsequenten T h e i s m u s. Alle diese und ähnliche Formen des
Schöpfungsglaubens sind unvereinbar mit dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffs; dieses kennt keinen »Anfang der Welt«.
Schöpfung der Einzeldinge (O n t o l o g i s c h e r K r e a t i s m u s). Nach
dieser individuellen, noch jetzt herrschenden Schöpfungslehre hat Gott der Herr
nicht nur die Welt im Ganzen (»aus Nichts«) geschaffen, sondern auch alle
einzelnen Dinge. In der christlichen Kulturwelt besitzt noch heute die uralte
semitische, aus dem ersten Buch Moses herübergenommene Schöpfungssage die
weiteste Geltung; selbst unter den modernen Naturforschern findet sie noch hier
und da gläubige Anhänger. Ich habe meine kritische Auffassung derselben im
ersten Kapitel meiner »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« eingehend dargelegt.
Als interessante Modifikationen dieses ontologischen Kreatismus dürften
folgende Theorien zu unterscheiden sein: I. D u a l i s t i s c h e K r e a t i o n: Gott
hat sich auf z w e i S c h ö p f u n g s a k t e beschränkt; zuerst schuf er die
anorganische Welt, die tote Substanz, für die allein das Gesetz der Energie gilt,
blind und ziellos wirkend im Mechanismus der Weltkörper und der
Gebirgsbildung; später erwarb Gott Intelligenz und teilte diese den Dominanten
mit, den zielstrebigen, intelligenten Kräften, welche die Entwickelung der
Organismen bewirken und leiten (Reinke). II. T r i a l i s t i s c h e K r e a t i o n:
Gott hat die Welt in d r e i H a u p t a k t e n geschaffen: A. Schöpfung des
Himmels (d. h. der außerirdischen Welt); B. Schöpfung der Erde (als Mittelpunkt
der Welt) und ihrer Organismen; C. Schöpfung des Menschen (als Ebenbild
Gottes): dieses Dogma ist noch heute weit verbreitet unter christlichen
Theologen und anderen »Gebildeten«; es wird in vielen Schulen als Wahrheit
gelehrt. III. H e x a m e r a l e K r e a t i o n: die Schöpfung in sechs Tagen (nach
M o s e s). Obgleich nur wenige Gebildete heute noch wirklich an diesen
mosaischen Mythus glauben, wird er dennoch unseren Kindern schon in der
frühesten Jugend mit dem Bibelunterricht fest eingeprägt. Die vielfachen,
namentlich in England gemachten Versuche, denselben mit der modernen
Entwickelungslehre in Einklang zu bringen, sind völlig fehlgeschlagen. Für die
Naturwissenschaft gewann derselbe dadurch große Bedeutung, daß L i n n é bei
Begründung seines Natursystems (1735) ihn annahm und zur
Begriffsbestimmung der organischen (von ihm für beständig gehaltenen)
S p e z i e s benutzte: »Es gibt so viele verschiedene Arten von Tieren und
Pflanzen, als im Anfang verschiedene Formen von dem unendlichen Wesen
erschaffen worden sind.« Dieses Dogma wurde ziemlich allgemein bis auf
D a r w i n (1859) festgehalten, obgleich L a m a r c k schon 1809 seine
Unhaltbarkeit dargelegt hatte. IV. P e r i o d i s c h e K r e a t i o n: im Anfang
jeder Periode der Erdgeschichte wurde die ganze Tier- und Pflanzenbevölkerung
neu geschaffen und am Ende derselben durch eine allgemeine Katastrophe
vernichtet; es gibt so viele General-Schöpfungsakte, als getrennte geologische Perioden aufeinander folgten (die Katastrophentheorie von C u v i e r, 1818, und
von L o u i s A g a s s i z, 1858). Die Paläontologie, welche in ihren
unvollkommenen Anfängen diese Lehre von den wiederholten Neuschöpfungen
der organischen Welt zu stützen schien, hat dieselbe später vollständig widerlegt.
V. I n d i v i d u e l l e K r e a t i o n: jeder einzelne Mensch — ebenso wie jedes
einzelne Tier und jedes Pflanzenindividuum — ist nicht durch einen natürlichen
Fortpflanzungsakt entstanden, sondern durch die Gnade Gottes geschaffen (»der
alle Dinge kennt und die Haare auf unserem Haupte gezählt hat«). Man liest
diese christliche Schöpfungsansicht noch heute oft in den Zeitungen, besonders
bei Geburtsanzeigen (»Gestern schenkte uns der gnädige Gott einen gesunden
Knaben« usw.). Auch die individuellen Talente und Vorzüge unserer Kinder
werden oft als »besondere Gaben Gottes« dankbar anerkannt (die erblichen
Fehler gewöhnlich nicht!).
Entwickelung (Genesis, Evolutio). Die Unhaltbarkeit der Schöpfungssagen und
des damit verknüpften Wunderglaubens mußte sich schon frühzeitig denkenden
Menschen aufdrängen; wir finden daher schon vor mehr als zweitausend Jahren
zahlreiche Versuche, dieselben durch eine vernünftige Theorie zu ersetzen und
die Entstehung der Welt mittels natürlicher Ursachen zu erklären. Allen voran
stehen hierin wieder die großen Denker der ionischen Naturphilosophie, ferner
Demokritos, Heraklitos, Empedokles, Aristoteles, Lukretius und andere
Philosophen des Altertums. Die ersten unvollkommenen Versuche, welche sie
unternahmen, überraschen uns zum Teil durch strahlende Lichtblicke des
Geistes, die als Vorläufer moderner Ideen erscheinen. Indessen fehlte dem
klassischen Altertum jener sichere Boden der naturphilosophischen Spekulation,
der erst durch unzählige Beobachtungen und Versuche der Neuzeit gewonnen
wurde. Während des Mittelalters — und besonders während der
Gewaltherrschaft des Papismus — ruhte die wissenschaftliche Forschung auf
diesem Gebiete ganz. Die Tortur und die Scheiterhaufen der Inquisition sorgten
dafür, daß der unbedingte Glaube an die hebräische Mythologie des Moses als
definitive Antwort auf alle Schöpfungsfragen galt. Selbst diejenigen
Erscheinungen, die unmittelbar zur Beobachtung der Entwickelungs-
T a t s a c h e n aufforderten, die Keimesgeschichte der Tiere und Pflanzen, die
Embryologie des Menschen, blieben unbeachtet oder erregten nur hie und da das
Interesse einzelner wißbegieriger Beobachter; aber ihre Entdeckungen wurden
ignoriert und vergessen. Außerdem wurde der wahren Erkenntnis der natürlichen
Entwickelung ihr Weg von vornherein durch die herrschende
P r ä f o r m a t i o n s l e h r e versperrt, durch das Dogma, daß die
charakteristische Form und Struktur jeder Tier- und Pflanzenart schon im Keime
vorgebildet sei (vergl. S. 33).
Entwickelungslehre (E v o l u t i s m u s, E v o l u t i o n i s m u s). Die
Wissenschaft, die wir heute Entwickelungslehre (im weitesten Sinne) nennen, ist
sowohl im ganzen als in ihren einzelnen Teilen ein Kind des 19. Jahrhunderts;
sie gehört zu seinen wichtigsten und glänzendsten Erzeugnissen. Tatsächlich ist
dieser Begriff, der noch im 18. Jahrhundert fast unbekannt war, heute bereits ein
fester Grundstein unserer ganzen Weltanschauung geworden. Ich habe die
Grundzüge derselben in früheren Schriften ausführlich behandelt, am
eingehendsten in der »Generellen Morphologie« (1866), sodann mehr populär in
der »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« (1868, elfte Auflage 1908) und mit
besonderer Beziehung auf den Menschen in der »Anthropogenie« (1874, fünfte
Auflage 1903). Ich beschränke mich daher hier auf eine kurze Übersicht der
wichtigsten Fortschritte, welche die Entwickelungslehre im Laufe des
19. Jahrhunderts gemacht hat; sie zerfällt nach ihren Objekten in vier Hauptteile:
die natürliche Entstehung 1. des Kosmos, 2. der Erde, 3. der irdischen
Organismen und 4. des Menschen.
I . Monistische Kosmogenie. Den ersten »Versuch«, die Verfassung und den
mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebäudes nach »N e w t o nschen
Grundsätzen« — d. h. durch mathematische und physikalische Gesetze — in
einfachster Weise zu erklären, unternahm I m m a n u e l K a n t in seinem
berühmten Jugendwerke, der »Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des
Himmels« (1755). Leider blieb dieses großartige und kühne Werk 90 Jahre
hindurch fast unbekannt; es wurde erst 1845 durch A l e x a n d e r v o n
H u m b o l d t wieder hervorgezogen, im ersten Bande seines »Kosmos«.
Inzwischen war aber der große französische Mathematiker P i e r r e L a p l a c e
selbständig auf ähnliche Theorien wie K a n t gekommen und führte sie mit
mathematischer Begründung weiter aus in seiner »Exposition du système du monde«
(1796). Sein Hauptwerk »Mécanique céleste« erschien im Jahre 1799. Die
übereinstimmenden Grundzüge der Kosmogenie von K a n t und L a p l a c e
beruhen bekanntlich auf einer mechanischen Erklärung der Planetenbewegungen
und der daraus abgeleiteten Annahme, daß alle Weltkörper ursprünglich aus
rotierenden Nebelbällen durch Verdichtung entstanden sind. Diese
»N e b u l a r h y p o t h e s e« ist zwar später vielfach verbessert und ergänzt
worden, sie gilt aber noch heute als der beste von allen Versuchen, die
Entstehung des Weltgebäudes einheitlich und mechanisch zu erklären (vergl.
W i l h e l m B ö l s c h e, Entwickelungsgeschichte der Natur. I. Bd. 1894). In
späterer Zeit hat sie eine bedeutungsvolle Ergänzung und zugleich Verstärkung
durch die Annahme gewonnen, daß dieser k o s m o g o n i s c h e P r o z e ß nicht
nur einmal stattgefunden, sondern sich periodisch wiederholt hat. Während in
gewissen Teilen des unendlichen Weltraums aus rotierenden Nebelbällen neue Weltkörper entstehen und sich entwickeln, werden in anderen Teilen desselben
umgekehrt alte, erkaltete und abgestorbene Weltkörper durch Zusammenstoß
wieder zerstäubt und in diffuse Nebelmassen aufgelöst.
Anfang und Ende der Welt. Fast alle älteren und neueren Kosmogenien und so
auch die meisten, die sich an K a n t und L a p l a c e anschlossen, gingen von der
herrschenden Ansicht aus, daß die Welt einen A n f a n g gehabt habe. So hätte
sich »im Anfang« nach einer vielverbreiteten Form der »Nebularhypothese«
ursprünglich ein ungeheurer Nebelball aus äußerst dünner und leichter Materie
gebildet, und in einem bestimmten Zeitpunkte (»vor undenklich langer Zeit«)
habe in diesem eine Rotationsbewegung angefangen. Ist der »erste Anfang«
dieser kosmogenen Bewegung erst einmal gegeben, so lassen sich dann nach
jenen mechanischen Prinzipien die weiteren Vorgänge in der Bildung der
Weltkörper, der Sonderung der Planetensysteme usw. sicher ableiten und
mathematisch begründen. Dieser erste »U r s p r u n g d e r B e w e g u n g« ist
das zweite »Welträtsel« von D u B o i s - R e y m o n d; er erklärt es für
t r a n s z e n d e n t. Auch viele andere Naturforscher und Philosophen kommen
um diese Schwierigkeit nicht herum und resignieren mit dem Geständnis, daß
man hier einen ersten »übernatürlichen Anstoß«, also ein »Wunder«, annehmen
müsse.
Nach unserer Ansicht wird dieses »zweite Welträtsel« durch die Annahme
gelöst, daß die B e w e g u n g ebenso eine immanente und u r s p r ü n g l i c h e
Eigenschaft der Substanz ist wie die E m p f i n d u n g (Kap. 12). Die
Berechtigung zu dieser monistischen Annahme finden wir erstens im
Substanzgesetz und zweitens in den großen Fortschritten, welche die Astronomie
und Physik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gemacht haben. Durch die
S p e k t r a l a n a l y s e von B u n s e n und K i r c h h o f f (1860) haben wir nicht
nur erfahren, daß die Millionen Weltkörper, welche den unendlichen Weltraum
erfüllen, aus denselben Materien bestehen wie unsere Sonne und Erde, sondern
auch, daß sie sich in verschiedenen Zuständen der Entwickelung befinden; wir
haben sogar mit ihrer Hilfe Kenntnisse über die Bewegungen und Entfernungen
der Fixsterne gewonnen, welche durch das Fernrohr allein nicht erkannt werden
konnten. Ferner ist das T e l e s k o p selbst sehr bedeutend verbessert worden und
hat uns mit Hilfe der P h o t o g r a p h i e eine Fülle von astronomischen
Entdeckungen geschenkt, welche im Beginne des 19. Jahrhunderts noch nicht
geahnt werden konnten. Insbesondere hat die bessere Kenntnis der Kometen und
Sternschnuppen, der Sternhaufen und Nebelflecke, uns die große Bedeutung der
kleinen Weltkörper kennen gelehrt, welche zu Milliarden zwischen den größeren
Sternen im Weltraum verteilt sind.
Wir wissen jetzt auch, daß die B a h n e n der Millionen von Weltkörpern
v e r ä n d e r l i c h und zum Teil unregelmäßig sind, während man früher die
Planetensysteme als beständig betrachtete und die rotierenden Bälle in ewiger
Gleichmäßigkeit ihre Kreise beschreiben ließ. Wichtige Aufschlüsse verdankt
die Astrophysik auch den gewaltigen Fortschritten in anderen Gebieten der
Physik, vor allem in der Optik und Elektrik, sowie in der dadurch geförderten
Äthertheorie. Endlich erweist sich auch hier wieder als größter Fortschritt
unserer Naturerkenntnis das u n i v e r s a l e S u b s t a n z g e s e t z. Wir wissen
jetzt, daß es ebenso überall in den fernsten Welträumen unbedingte Geltung hat
wie in unserem Planetensystem, ebenso in dem kleinsten Teilchen unserer Erde
wie in der kleinsten Zelle unseres menschlichen Körpers. Wir sind aber auch zu
der wichtigen Annahme berechtigt und logisch gezwungen, daß die Erhaltung
der Materie und der Energie zu allen Zeiten ebenso allgemein bestanden hat, wie
sie heute ohne Ausnahme besteht. I n a l l e E w i g k e i t w a r , i s t u n d
b l e i b t d a s u n e n d l i c h e U n i v e r s u m d e m S u b s t a n z g e s e t z
u n t e r w o r f e n .
Aus diesen gewaltigen Fortschritten der Astronomie und Physik, die sich
gegenseitig erläutern und ergänzen, ergibt sich eine Reihe von überaus wichtigen
Schlüssen über die Zusammensetzung und Entwickelung des Kosmos, über die
Beharrung und Umbildung der Substanz. Wir fassen dieselben kurz in folgenden
Thesen zusammen: I. Der W e l t r a u m ist unendlich groß und unbegrenzt; er ist
nirgends leer, sondern allenthalben mit Substanz erfüllt. II. Die W e l t z e i t ist
ebenfalls unendlich und unbegrenzt; sie hat keinen Anfang und kein Ende, sie ist
Ewigkeit. III. Die S u b s t a n z befindet sich überall und jeder Zeit in
ununterbrochener Bewegung und Veränderung; nirgends herrscht vollkommene
Ruhe und Starre; dabei bleibt aber die unendliche Quantität der Materie ebenso
unverändert wie diejenige der ewig wechselnden Energie. IV. Die
Universalbewegung der Substanz im Weltraum ist ein ewiger Kreislauf mit
p e r i o d i s c h sich wiederholenden Entwickelungszuständen. V. Diese Phasen
bestehen in einem periodischen Wechsel der Temperatur und der dadurch
bedingten Dichtigkeitsverhältnisse (A g g r e g a t z u s t ä n d e). VI. Während in
einem Teile des Weltraums durch fortschreitende Verdichtung neue Weltkörper
entstehen, erfolgt gleichzeitig in anderen Teilen der entgegengesetzte Prozeß, die
Zerstörung von Weltkörpern, die aufeinander stoßen. VII. Die ungeheuren
Wärmequantitäten, welche durch diese mechanischen Prozesse bei den
Zusammenstößen der rotierenden Weltkörper erzeugt werden, stellen die neuen
lebendigen Kräfte dar, welche die Bewegung der dabei gebildeten kosmischen
Staubmassen und die N e u b i l d u n g rotierender Bälle bewirken: das ewige
Spiel beginnt wieder von neuem. Auch unsere Mutter Erde, die vor Millionen von Jahrtausenden aus einem Teile des rotierenden Sonnensystems entstanden
ist, wird nach Verfluß weiterer Millionen erstarren und, nachdem ihre Bahn
immer kleiner geworden, in die Sonne stürzen.
Besonders wichtig für die klare Einsicht in den universalen kosmischen
Entwickelunsprozeß sind diese modernen Vorstellungen über periodisch
wechselnden Untergang und Neubildung der Weltkörper. Unsere Mutter
»E r d e« schrumpft dabei auf den Wert eines winzigen »Sonnenstäubchens«
zusammen, wie deren ungezählte Millionen im unendlichen Weltenraum
umherjagen. Unser eigenes »M e n s c h e n w e s e n«, welches in seinem
anthropistischen Größenwahn sich als »Ebenbild Gottes« verherrlicht, sinkt zur
Bedeutung eines plazentalen Säugetieres hinab, welches nicht mehr Wert für das
ganze Universum besitzt als die Ameise und die Eintagsfliege, als das
mikroskopische Infusorium und der winzigste Bazillus. Auch wir Menschen sind
nur vorübergehende Entwickelungszustände der ewigen Substanz, individuelle
Erscheinungsformen der Materie und Energie, deren Nichtigkeit wir begreifen,
wenn wir sie dem unendlichen Raum und der ewigen Zeit gegenüberstellen.
Raum und Zeit. Seitdem K a n t die Begriffe von Raum und Zeit als bloße
»Formen der Anschauung« erklärt hat — den Raum als Form der äußeren, die
Zeit als Form der inneren Anschauung — hat sich über diese wichtigen
Probleme der Erkenntnis ein Streit erhoben, der auch heute noch fortdauert. Bei
einem großen Teile der modernen Metaphysiker hat sich die Ansicht befestigt,
daß dieser »kritischen Tat« als Ausgangspunkt einer »rein idealistischen
Erkenntnistheorie« die größte Bedeutung beizulegen sei, und daß damit die
natürliche Ansicht des gesunden Menschenverstandes von der R e a l i t ä t d e s
R a u m e s u n d d e r Z e i t widerlegt sei. Diese einseitige Auffassung jener
beiden Grundbegriffe ist die Quelle der größten Irrtümer geworden; sie
übersieht, daß K a n t mit jenem Satze nur die eine Seite des Problems, die
s u b j e k t i v e, streifte, daneben aber die andere, die o b j e k t i v e, als
gleichberechtigt anerkannte; er sagte: »Raum und Zeit haben e m p i r i s c h e
R e a l i t ä t, aber t r a n s z e n d e n t a l e I d e a l i t ä t.« Mit diesem Satze
K a n t s kann sich unser moderner Monismus wohl einverstanden erklären, nicht
aber mit jener einseitigen Geltendmachung der subjektiven Seite des Problems;
denn diese führt in ihrer Konsequenz zu jenem absurden Idealismus, der in
B e r k e l e y s Satze gipfelt: »Körper sind nur Vorstellungen, ihr Dasein besteht
im Wahrgenommenwerden«. Dieser Satz sollte heißen: »Körper sind für mein
persönliches Bewußtsein nur Vorstellungen; ihr Dasein ist ebenso real wie
dasjenige meiner Denkorgane, nämlich der Ganglienzellen des Großhirns,
welche die Eindrücke der Körper auf meine Sinnesorgane aufnehmen und durch Assozion derselben jene Vorstellung bilden.« Ebenso gut, wie ich die »Realität
von Raum und Zeit« bezweifle, oder gar leugne, kann ich auch diejenige meines
eigenen Bewußtseins leugnen; im Fieberdelirium, in Halluzinationen, im Traum,
im Doppelbewußtsein halte ich Vorstellungen für wahr, welche nicht real,
sondern »Einbildungen« sind; ich halte sogar meine eigene Person für eine
andere (S. 111); das berühmte »Cogito ergo sum« gilt hier nicht mehr. Dagegen ist
die R e a l i t ä t v o n R a u m u n d Z e i t jetzt endgültig bewiesen durch die
Erweiterung unserer Weltanschauung, welche wir dem Substanzgesetz und der
monistischen Kosmogenie verdanken. Nachdem wir die unhaltbare Vorstellung
vom »leeren Raum« glücklich abgestreift haben, bleibt uns als das unendliche,
»r a u m e r f ü l l e n d e Medium« die M a t e r i e, und zwar in ihren beiden
Formen: Ä t h e r und M a s s e. Und ebenso betrachten wir auf der anderen Seite
als das »z e i t e r f ü l l e n d e Geschehen« die ewige Bewegung oder genetische
E n e r g i e, welche sich in der ununterbrochenen E n t w i c k e l u n g der
Substanz äußert.
Universum perpetuum mobile. Da jeder bewegte Körper seine Bewegung so lange
fortsetzt, als ihn nicht äußere Umstände daran hindern, kam der Mensch schon
vor Jahrtausenden auf den Gedanken, Apparate zu bauen, die sich, einmal in
Bewegung gesetzt, immerfort in derselben Weise weiter bewegen. Man übersah
dabei, daß jede Bewegung auf äußere Hindernisse stößt und allmählich aufhört,
wenn nicht ein neuer Anstoß von außen erfolgt, wenn nicht eine neue Kraft
zugeführt wird, die jene Hindernisse überwindet. So würde z. B. ein
schwingendes Pendel in Ewigkeit mit derselben Geschwindigkeit sich hin und
her bewegen, wenn nicht der Widerstand der Luft und die Reibung im
Aufhängungspunkte die mechanische lebendige Kraft seiner Bewegung
allmählich aufhöben und in Wärme verwandelten. Wir müssen ihm durch einen
neuen Anstoß (oder bei der Pendeluhr durch Aufziehen des Gewichtes) neue
mechanische Kraft zuführen. Daher ist die Konstruktion einer Maschine, welche
ohne äußere Hilfe einen Arbeitsüberschuß erzeugt, durch den sie sich selbst
immerfort im Gang erhält, unmöglich. Alle Versuche, ein solches Perpetuum mobile
zu bauen, mußten fehlschlagen; die Erkenntnis des Substanzgesetzes bewies
sodann auch theoretisch die Unmöglichkeit desselben.
Anders verhält es sich aber, wenn wir den K o s m o s als Ganzes ins Auge
fassen, das unendliche Weltall, welches nach unserer Anschauung in ewiger
Bewegung begriffen ist. Damit ist aber zugleich gesagt, daß das ganze
U n i v e r s u m selbst ein allumfassendes Perpetuum mobile ist. Diese unendliche
und ewige »Maschine des Weltalls« erhält sich selbst in ewiger und
ununterbrochener Bewegung, wobei die unendlich große S u m m e der aktuellen und potentiellen Energie ewig dieselbe bleibt. Nach unserer Auffassung ist also
die Vorstellung des Perpetuum mobile für den g a n z e n Kosmos ebenso wahr und
fundamental bedeutend wie sie für die isolierte Aktion eines T e i l e s desselben
unmöglich ist. Damit werden auch die Schlußfolgerungen abgelehnt, die aus der
Lehre von der E n t r o p i e gezogen worden sind.
Entropie des Weltalls. Der scharfsinnige Begründer der m e c h a n i s c h e n
W ä r m e t h e o r i e (1850), C l a u s i u s, faßte den wichtigsten Inhalt dieser
bedeutungsvollen Lehre in zwei Hauptsätzen zusammen. Der erste Hauptsatz
lautet: »D i e E n e r g i e d e s W e l t a l l s i s t k o n s t a n t«; er bildet die
eine Hälfte unseres Substanzgesetzes, das »Energieprinzip« (S. 28). Der zweite
Hauptsatz behauptet: »D i e E n t r o p i e d e s W e l t a l l s s t r e b t e i n e m
M a x i m u m z u.« Nach der Ansicht von C l a u s i u s zerfällt die
Gesamtenergie des Weltalls in zwei Teile, von denen der eine (als Wärme von
höherer Temperatur, als mechanische, elektrische, chemische Energie usw.) noch
teilweise in Arbeit umsetzbar ist, der andere dagegen nicht; diese letztere, die
bereits in Wärme verwandelte und in kälteren Körpern angesammelte Energie,
ist für weitere Arbeitsleistung unwiederbringlich verloren. Diesen gleichsam
»verbrauchten« Energieteil, der nicht mehr in mechanische Arbeit umgesetzt
werden kann, nennt C l a u s i u s E n t r o p i e (d. h. die nach innen gewendete
Kraft); er wächst beständig auf Kosten des ersten Teiles. Da nun tagtäglich
immer mehr mechanische Energie des Weltalls in Wärme übergeht und diese
nicht in die erstere zurückverwandelt werden kann, muß die gesamte Quantität
der arbeitsfähigen Energie immer mehr zerstreut und herabgesetzt werden. Alle
Temperaturunterschiede müßten zuletzt verschwinden und die völlig gebundene
Wärme gleichmäßig in einem einzigen trägen Klumpen von starrer Materie
verbreitet sein; alles organische Leben und alle organische Bewegung würde
aufgehört haben, wenn dieses M a x i m u m d e r E n t r o p i e erreicht wäre;
das wahre »Ende der Welt« wäre da. (Vergl. F e l i x A u e r b a c h, Die
Weltherrin und ihr Schatten, 1902.)
Wenn diese Anwendung der Lehre von der Entropie richtig wäre, so müßte dem
angenommenen »E n d e der Welt« auch ein ursprünglicher »A n f a n g«
derselben entsprechen; beide Vorstellungen sind nach unserer monistischen und
konsequenten Auffassung des ewigen kosmogenetischen Prozesses gleich
unhaltbar. Es gibt einen Anfang der Welt ebensowenig als ein Ende derselben.
Wie das Universum unendlich ist, so bleibt es auch ewig in Bewegung;
ununterbrochen findet eine Verwandlung der lebendigen Kraft in Spannkraft statt
und umgekehrt; und die Summe dieser aktuellen und potentiellen Energie bleibt
immer dieselbe.
Die Verteidiger der Entropie behaupten dieselbe mit Recht, sobald sie Prozesse
ins Auge fassen, die in einem geschlossenen System ablaufen. Im großen
G a n z e n des Weltalls, worauf wir den Begriff eines »geschlossenen Systems«
nicht anwenden können, herrschen aber jedenfalls Verhältnisse, die eine
Umkehrung des energetischen Ablaufs möglich machen. So werden z. B. beim
Zusammenstoße von zwei Weltkörpern, die mit ungeheurer Geschwindigkeit
aufeinander treffen, kolossale Wärmemengen frei, während die zerstäubten
Massen in den Weltraum hinausgeschleudert und zerstreut werden. Das ewige
Spiel der rotierenden Massen mit Verdichtung der Teile, Ballung neuer kleiner
Meteoriten, Vereinigung derselben zu größeren usw. beginnt dann von neuem.
H e r b e r t S p e n c e r hat in seinen »Grundprinzipien« überzeugend dargelegt,
daß selbst für ein g e s c h l o s s e n e s Universum der Schluß unerlaubt wäre, es
müsse, einmal in Ruhe, auch unendliche Zeit in Ruhe bleiben. Man könne sagen,
der jetzige Zustand habe mit dem Ende einer früheren Entwickelung begonnen,
und das Ende der gegenwärtigen sei zugleich der Anfang einer neuen; in dem
Augenblick, wo das Maximum der Entropie erreicht sei, setze gerade eine
langsame Entwickelung im entgegengesetzten Sinne ein, und so würde sich das
Leben des Universums unaufhörlich fortsetzen. Wie P o i n c a r é (Die moderne
Physik, 1908) bemerkt, stimmt diese Auffassung mit der vieler Physiker überein,
welche z. B. nach der kinetischen Gastheorie annehmen, daß man bei genügend
langer Beobachtung die verschiedenen Zustände wiederkehren sehen kann, wenn
eine Gasmasse eine Reihe von Veränderungen durchgemacht hat.
II. Monistische Geogenie. Die Entwickelungsgeschichte der Erde, auf die wir
jetzt noch einen flüchtigen Blick werfen, bildet nur einen winzig kleinen Teil
von derjenigen des Kosmos. Sie ist zwar auch gleich dieser seit mehreren
Jahrtausenden Gegenstand der philosophischen Spekulation und noch mehr der
mythologischen Dichtung gewesen; aber ihre wirklich wissenschaftliche
Erkenntnis ist viel jünger und stammt zum weitaus größten Teile aus dem
19. Jahrhundert. Im Prinzip war die Natur der Erde, als eines Planeten, der um
die Sonne kreist, schon durch das Weltsystem des K o p e r n i k u s (1543)
bestimmt; durch G a l i l e i, K e p l e r und andere große Astronomen war ihr
Abstand von der Sonne, ihr Bewegungsgesetz usw. mathematisch festgestellt.
Auch war bereits durch die Kosmogenie von K a n t und L a p l a c e der Weg
gezeigt, auf welchem sich die Erde aus der Mutter Sonne entwickelt hatte. Aber
die spätere Geschichte unseres Planeten, die Umbildung seiner Oberfläche, die
Entstehung der Kontinente und Meere, der Gebirge und Wüsten war noch zu
Ende des 18. und in den ersten beiden Dezennien des 19. Jahrhunderts nur wenig
Gegenstand ernster wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen; meistens begnügte man sich mit ziemlich unsicheren Vermutungen oder mit der Annahme
der traditionellen Schöpfungssagen; insbesondere war es auch hier wieder der
überlieferte Glaube an die mosaische Schöpfungsgeschichte, welcher der
selbständigen Forschung von vornherein den Weg zur wahren Erkenntnis
verlegte.
Erst im Jahre 1822 erschien ein bedeutendes Werk, welches zur
wissenschaftlichen Erforschung der Erdgeschichte diejenige Methode einschlug,
die sich bald als die weitaus fruchtbarste erwies, die o n t o l o g i s c h e
M e t h o d e oder das P r i n z i p d e s A k t u a l i s m u s. Sie besteht darin, daß
wir die Erscheinungen der G e g e n w a r t genau studieren und benutzen, um
dadurch die ähnlichen geschichtlichen Vorgänge der Ve r g a n g e n h e i t zu
erklären. Nachdem zuerst K a r l H o f f (Gotha) in seiner »Geschichte der durch
Überlieferung nachgewiesenen natürlichen Veränderungen der Erdoberfläche«
diese ontologische Methode (1822) begründet hatte, wurde sie bald (1830) von
dem großen englischen Geologen C h a r l e s L y e l l in seinen »Prinzipien der
Geologie« auf die ganze Geschichte der Erde erfolgreich angewendet. In
neuester Zeit hat J o h a n n e s W a l t h e r in seiner gedankenreichen
»Geschichte der Erde und des Lebens« (1908) eine lichtvolle populäre
Darstellung derselben gegeben.
Als zwei Hauptabschnitte der Erdgeschichte müssen wir vor allem die
a n o r g a n i s c h e u n d o r g a n i s c h e G e o g e n i e unterscheiden; die
letztere beginnt mit dem ersten Auftreten lebender Wesen auf unserem Erdball.
Die a n o r g a n i s c h e G e s c h i c h t e der Erde, der ältere Abschnitt, verlief in
derselben Weise wie diejenige der übrigen Planeten unseres Sonnensystems; sie
alle lösten sich vom Äquator des rotierenden Sonnenkörpers als Nebelringe ab,
welche sich allmählich zu selbständigen Weltkörpern verdichteten. Aus dem
gasförmigen Nebelball wurde durch Abkühlung der glutflüssige Erdball, und
weiterhin entstand an dessen Oberfläche durch fortschreitende
Wärmeausstrahlung die dünne feste Rinde, welche wir bewohnen. Erst nachdem
die Temperatur an der Oberfläche bis zu einem gewissen Grade gesunken war,
konnte sich aus der umgebenden Dampfhülle das erste tropfbar-flüssige Wasser
niederschlagen, und damit war die wichtigste Vorbedingung für die Entstehung
des organischen Lebens gegeben. Viele Millionen Jahre sind verflossen, seitdem
dieser bedeutungsvolle Vorgang, die erste Wasserbildung, eintrat und damit die
Einleitung zum dritten Hauptabschnitt der Kosmogenie, zur B i o g e n i e.
III. Monistische Biogenie. Der dritte Hauptabschnitt der Weltentwickelung
beginnt mit der ersten Entstehung der Organismen auf unserem Erdball und
dauert seitdem ununterbrochen bis zur Gegenwart fort. Die großen Welträtsel, welche dieser interessanteste Teil der Erdgeschichte uns vorlegt, galten noch im
Anfange des 19. Jahrhunderts allgemein für unlösbar oder doch für so schwierig,
daß ihre Lösung in weitester Ferne zu liegen schien; am Ende desselben durften
wir mit berechtigtem Stolze sagen, daß sie durch die moderne B i o l o g i e und
ihren T r a n s f o r m i s m u s i m P r i n z i p gelöst sind. Zuerst stellte (1809)
J e a n L a m a r c k die Lehre fest, daß alle die unzähligen Formen des Tier- und
Pflanzenreiches durch allmähliche Umbildung aus gemeinsamen einfachsten
Stammformen hervorgegangen sind, und daß die allmähliche Veränderung der
Gestalten durch A n p a s s u n g, in Wechselwirkung mit Ve r e r b u n g, diese
langsame Transmutation bewirkt hat. Fünfzig Jahre später führte C h a r l e s
D a r w i n die einzelnen Teile dieser »Deszendenztheorie«, gestützt auf die
großartigen, inzwischen erfolgten Fortschritte der Biologie, weiter aus und füllte
zugleich durch seine neue »Selektionstheorie« die bedenklichste Lücke der
ersteren aus. Er zeigte, wie »die natürliche Zuchtwahl im Kampf ums Dasein«
der unbewußte Schöpfer ist, welcher die zweckmäßige Organisation der
Lebensformen ohne vorbedachten Zweck und Schöpfungsplan hervorbringt.
Dadurch ist D a r w i n der »Kopernikus der organischen Welt« geworden.
IV. Monistische Anthropogenie. Als vierter und letzter Hauptabschnitt der
Weltentwickelung kann für uns Menschen derjenige jüngste Zeitraum gelten,
innerhalb dessen sich unser eigenes Geschlecht entwickelt hat. Schon
L a m a r c k (1809) hatte klar erkannt, daß diese Entwickelung vernünftigerweise
nur auf e i n e m natürlichen Wege denkbar sei, durch »A b s t a m m u n g v o m
A f f e n«, als von dem nächstverwandten Säugetiere. H u x l e y zeigte sodann
(1863) in seiner berühmten Abhandlung über »die Stellung des Menschen in der
Natur«, daß diese bedeutungsvolle Annahme ein notwendiger Folgeschluß der
Deszendenztheorie und durch anatomische, embryologische und
paläontologische Tatsachen wohlbegründet sei; er erklärte diese »Frage aller
Fragen« im Prinzip für gelöst. D a r w i n behandelte sie in geistreicher Weise
von verschiedenen Seiten in seinem Werke über »die Abstammung des
Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl« (1871). Ich selbst hatte schon in
meiner Generellen Morphologie (1866) diesem wichtigsten Spezialproblem der
Abstammungslehre ein besonderes Kapitel gewidmet. 1874 veröffentlichte ich
meine A n t h r o p o g e n i e, als ersten Versuch, die Abstammung des Menschen
durch seine ganze Ahnenreihe bis zur ältesten archigonen Monerenform hinauf
zu verfolgen; ich stützte mich dabei gleichmäßig auf die drei großen Urkunden
der Stammesgeschichte, auf die vergleichende Anatomie, Ontogenie und
Paläontologie (Fünfte umgearbeitete Auflage 1903). Wie weit wir seitdem durch
zahlreiche wichtige Fortschritte der anthropogenetischen Forschung gekommen
sind, habe ich in dem Vortrag gezeigt, den ich 1898 auf dem internationalen Zoologenkongresse in Cambridge »über unsere gegenwärtige Kenntnis vom
Ursprung des Menschen« gehalten habe. Die ausführlichste Darstellung
derselben, unter Benutzung der neuesten Fortschritte der Anthropogenie, habe
ich in meiner letzten Abhandlung gegeben: »U n s e r e A h n e n r e i h e
(Progonotaxis hominis), Festschrift zur 350jährigen Jubelfeier der Universität Jena,
am 30. Juli 1908.«
V i e r z e h n t e s K a p i t e l .
Einheit der Natur.
Monistische Studien über die materielle und energetische Einheit des
Kosmos. — Mechanismus und Vitalismus. — Ziel, Zweck und Zufall.
Durch das Substanzgesetz ist zunächst die fundamentale Tatsache erwiesen, daß
jede Naturkraft mittelbar oder unmittelbar in jede andere umgewandelt werden
kann. Mechanische und chemische Energie, Schall und Wärme, Licht und
Elektrizität können ineinander übergeführt werden und erweisen sich nur als
verschiedene Erscheinungsformen einer und derselben Urkraft, der E n e r g i e.
Daraus ergibt sich der bedeutungsvolle Satz von der E i n h e i t a l l e r
N a t u r k r ä f t e oder, wie wir auch sagen können, dem »M o n i s m u s d e r
E n e r g i e«. Im gesamten Gebiete der Physik und Chemie ist dieser
Fundamentalsatz jetzt allgemein anerkannt, soweit er die anorganischen
Naturkörper betrifft.
Anders verhält sich scheinbar die organische Welt, das bunte und formenreiche
Gebiet des Lebens. Zwar liegt es auch hier auf der Hand, daß ein g r o ß e r
T e i l der Lebenserscheinungen unmittelbar auf mechanische und chemische
Energie, auf elektrische und Lichtwirkungen zurückzuführen ist. Für einen
anderen Teil aber wird das auch heute noch bestritten, so vor allem für das
Welträtsel des S e e l e n l e b e n s, insbesondere des Bewußtseins. Hier ist es nun
das hohe Verdienst der modernen E n t w i c k e l u n g s l e h r e, die Brücke
zwischen den beiden, scheinbar getrennten Gebieten geschlagen zu haben. Wir
sind jetzt zu der klaren Überzeugung gelangt, daß auch alle Erscheinungen des
o r g a n i s c h e n Lebens ebenso dem universalen Substanzgesetz unterworfen
sind wie die a n o r g a n i s c h e n Phänomene im unendlichen Kosmos.
Die Einheit der Natur, die hieraus folgt, die Überwindung des früheren
Dualismus, ist sicher eines der wertvollsten Ergebnisse unserer modernen
Entwickelungslehre. Ich habe diesen »M o n i s m u s d e s K o s m o s«, die
prinzipielle »Einheit der organischen und anorganischen Natur« schon 1866 sehr
eingehend zu begründen versucht, indem ich die Übereinstimmung der beiden
großen Naturreiche in Beziehung auf Stoffe, Formen und Kräfte einer
eingehenden kritischen Prüfung und Vergleichung unterzog (Generelle
Morphologie, 5. Kap.). Einen kurzen Auszug ihrer Ergebnisse enthält der fünfzehnte Vortrag meiner »Natürlichen Schöpfungsgeschichte«. Während die
hier entwickelten Anschauungen von der großen Mehrzahl der Naturforscher
gegenwärtig angenommen sind, ist doch neuerdings von mehreren Seiten der
Versuch gemacht worden, sie zu bekämpfen und den alten Gegensatz von zwei
ganz verschiedenen Naturgebieten aufrecht zu erhalten. In der Hauptsache
handelt es sich auch hier wieder um den uralten Gegensatz der
m e c h a n i s c h e n und der t e l e o l o g i s c h e n Weltanschauung. Bevor wir
auf denselben eingehen, wollen wir kurz auf zwei andere Theorien hinweisen,
welche nach meiner Überzeugung für die Entscheidung dieser wichtigen
Probleme sehr wertvoll sind, die Kohlenstofftheorie und die Urzeugungslehre.
Kohlenstofftheorie. Die physiologische Chemie hat im Laufe der letzten
Dezennien durch unzählige Analysen folgende fünf Tatsachen festgestellt: I. In
den organischen Naturkörpern kommen keine anderen Elemente vor als in den
anorganischen. II. Diejenigen Verbindungen der Elemente, welche dem
Organismus eigentümlich sind, und welche ihre »Lebenserscheinungen«
bewirken, sind zusammengesetzte Plasmakörper, aus der Gruppe der Albuminate
oder Eiweißverbindungen. III. Das organische Leben selbst ist ein chemisch-
physikalischer Prozeß, der auf dem Stoffwechsel dieser Albuminate beruht.
IV. Dasjenige Element, welches allein imstande ist, diese zusammengesetzten
Eiweißkörper in Verbindung mit anderen Elementen (Sauerstoff, Wasserstoff,
Stickstoff, Schwefel) aufzubauen, ist der Kohlenstoff. V. Diese plasmatischen
Kohlenstoff-Verbindungen zeichnen sich vor den meisten anderen chemischen
Verbindungen durch ihre sehr komplizierte Molekularstruktur aus, durch ihre
Unbeständigkeit und ihren gequollenen Aggregatzustand. Auf Grund dieser fünf
fundamentalen Tatsachen stellte ich im Jahre 1866 folgende T h e o r i e auf:
»Lediglich die eigentümlichen, chemisch-physikalischen Eigenschaften des
Kohlenstoffes — und namentlich der festflüssige Aggregatzustand und die
leichte Zersetzbarkeit der höchst zusammengesetzten, eiweißartigen
Kohlenstoff-Verbindungen — sind die mechanischen Ursachen jener
eigentümlichen Bewegungs-Erscheinungen, durch welche sich die Organismen
von den Anorganen unterscheiden, und die man im engeren Sinne das Leben
nennt.« Obwohl diese »Kohlenstofftheorie« von mehreren Biologen heftig
angegriffen worden ist, hat doch bisher keiner eine bessere monistische Theorie
an deren Stelle gesetzt. Heute, wo wir die physiologischen Verhältnisse des
Zellenlebens, die Chemie und Physik des lebendigen Plasma viel besser und
gründlicher kennen als um die Mitte des 19. Jahrhunderts, läßt sich unsere
Theorie eingehender und sicherer begründen, als es damals möglich war.
Achigonie oder Urzeugung. Der alte Begriff der U r z e u g u n g (Generatio spontanea oder aequivoca) wird heute noch in sehr verschiedenem Sinne
verwendet; gerade die Unklarheit über diesen B e g r i f f und die
widersprechende Anwendung desselben auf ganz verschiedene, alte und neue
Hypothesen sind schuld daran, daß dieses wichtige Problem zu den bestrittensten
und konfusesten Fragen der ganzen Naturwissenschaft bis auf den heutigen Tag
gehört. Ich beschränke den Begriff der Urzeugung auf die erste Entstehung von
lebendem Plasma aus anorganischen Kohlenstoff-Verbindungen und
unterscheide als zwei Hauptperioden in diesem »B e g i n n d e r
B i o g e n e s i s«: I. die Entstehung von einfachsten Plasmakörpern in einer
anorganischen Bildungsflüssigkeit, und II. die Individualisierung von
primitivsten Organismen aus jenen Plasmaverbindungen, in Form von
M o n e r e n. Ich habe diese wichtigen, aber auch sehr schwierigen Probleme im
15. Kapitel meiner Natürlichen Schöpfungsgeschichte so eingehend behandelt,
daß ich hier darauf verweisen kann. Eine sehr ausführliche und streng
wissenschaftliche Erörterung derselben habe ich bereits 1866 in der »Generellen
Morphologie« gegeben (Bd. I, S. 167-190); später hat N a e g e l i in seiner
Mechanisch-physiologischen Theorie der Abstammungslehre (1884) die
Hypothese der Urzeugung ganz in demselben Sinne sehr eingehend behandelt
und als eine u n e n t b e h r l i c h e A n n a h m e der natürlichen
Entwickelungstheorie bezeichnet. Ich stimme vollkommen seinem Satze bei:
»Die Urzeugung leugnen heißt das Wunder verkünden.« Eine kritische
Auseinandersetzung der verschiedenartigen Hypothesen, welche neuerdings über
»Urzeugung« aufgestellt worden sind, enthält das 15. Kapitel
(»Lebensursprung«) meines Buches über die »Lebenswunder« (Volksausgabe
1906).
Teleologie und Mechanik. Sowohl die Hypothese der Urzeugung als die eng
damit verknüpfte Kohlenstofftheorie besitzen die größte Bedeutung für die
Entscheidung des alten Kampfes zwischen der t e l e o l o g i s c h e n
(d u a l i s t i s c h e n) und der m e c h a n i s c h e n (m o n i s t i s c h e n)
Beurteilung der Erscheinungen. Seit D a r w i n uns vor fünfzig Jahren durch
seine S e l e k t i o n s t h e o r i e den Schlüssel zur monistischen Erklärung der
Organisation in die Hand gab, sind wir in den Stand gesetzt, die bunte
Mannigfaltigkeit der zweckmäßigen Einrichtungen in der lebendigen Körperwelt
ebenso auf natürliche mechanische Ursachen zurückzuführen, wie dies vorher
nur in der anorganischen Natur möglich war. Die übernatürlichen zwecktätigen
Ursachen, zu welchen man früher seine Zuflucht hatte nehmen müssen, sind
dadurch überflüssig geworden.
Werkursachen (Causae efficientes) und Endursachen (Causae finales). Den tiefen Gegensatz zwischen den bewirkenden Ursachen (oder Werkursachen) und den
zwecktätigen Ursachen (oder Endursachen) hat mit Bezug auf die Erklärung der
Gesamtnatur kein neuerer Philosoph schärfer hervorgehoben, als I m m a n u e l
K a n t. In seinem berühmten Jugendwerke, der »Allgemeinen Naturgeschichte
und Theorie des Himmels«, hatte er 1755 den kühnen Versuch unternommen,
»die Verfassung und den mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebäudes nach
N e w t o nschen Grundsätzen abzuhandeln«. Er stützte sich dabei ganz auf die
mechanischen Bewegungserscheinungen der Gravitation; sie wurde später von
L a p l a c e weiter ausgebildet und mathematisch begründet. Als dieser von
Napoleon I. gefragt wurde, welche Stelle in seinem System Gott, der Schöpfer
und Erhalter des Weltalls, einnehme, antwortete er klar und ehrlich: »Sire, ich
bedarf dieser Hypothese nicht.« Damit war der a t h e i s t i s c h e C h a r a k t e r
dieser m e c h a n i s c h e n K o s m o g e n i e, den sie mit allen anorganischen
Wissenschaften teilt, offen anerkannt. Dies muß um so mehr hervorgehoben
werden, als die K a n t - L a p l a c esche Theorie noch heute in fast allgemeiner
Geltung steht. Wenn man den A t h e i s m u s noch heute in weiten Kreisen als
einen schweren Vorwurf betrachtet, so trifft dieser die gesamte moderne
Naturwissenschaft, insofern sie die a n o r g a n i s c h e Welt unbedingt
mechanisch erklärt.
Der Mechanismus a l l e i n gibt uns eine w i r k l i c h e E r k l ä r u n g der
Naturerscheinungen, indem er dieselben auf reale Werkursachen zurückführt, auf
Bewegungen, welche durch die materielle Konstitution der betreffenden
Naturkörper selbst bedingt sind. K a n t selbst betont, daß es »ohne diesen
Mechanismus der Natur keine Naturwissenschaft geben kann«, und daß die
B e f u g n i s der menschlichen Vernunft zur mechanischen Erklärung a l l e r
Erscheinungen unbeschränkt sei. Als er aber später in seiner Kritik der
ideologischen Urteilskraft die Erklärung der verwickelten Erscheinungen in der
o r g a n i s c h e n Natur besprach, behauptete er, daß dafür jene mechanischen
Ursachen nicht ausreichend seien; hier müsse man zweckmäßig wirkende
Endursachen zu Hilfe nehmen. Zwar sei auch hier die Befugnis unserer Vernunft
zur mechanischen Erklärung anzuerkennen, aber ihr Ve r m ö g e n sei begrenzt.
Allerdings gestand er ihr teilweise dieses Vermögen zu, aber für den größten Teil
der Lebenserscheinungen (und besonders für die Seelentätigkeit des Menschen)
hielt er die Annahme von Endursachen unentbehrlich. Der merkwürdige § 79 der
Kritik der Urteilskraft trägt die charakteristische Überschrift: »Von der
notwendigen Unterordnung des Prinzips des Mechanismus unter das
teleologische in Erklärung eines Dinges als Naturzweck«. Die zweckmäßigen
Einrichtungen im Körperbau der organischen Wesen schienen K a n t ohne
Annahme übernatürlicher Endursachen (d. h. also einer planmäßig wirkenden Schöpferkraft) so unerklärlich, daß er sagte: »Es ist ganz gewiß, daß wir die
organisierten Wesen und deren innere Möglichkeit nach bloß mechanischen
Prinzipien der Natur nicht einmal zureichend kennen, viel weniger uns erklären
können, und zwar so gewiß, daß man dreist sagen kann: Es ist für Menschen
ungereimt, auch nur einen solchen Anschlag zu fassen oder zu hoffen, daß noch
etwa dereinst ein Newton aufstehen könne, der auch nur die Erzeugung eines
Grashalms nach Naturgesetzen, die keine Absicht geordnet hat, begreiflich
machen werde, sondern man muß diese Einsicht dem Menschen schlechterdings
absprechen.« Siebzig Jahre später ist dieser unmögliche »N e w t o n der
organischen Natur« in D a r w i n wirklich erschienen und hat die große Aufgabe
gelöst, die K a n t für unlösbar erklärt hatte.
Der Zweck in der anorganischen Natur (A n o r g a n i s c h e T e l e o l o g i e).
Seitdem N e w t o n (1682) das Gravitationsgesetz aufgestellt, und seitdem K a n t
(1755) »die Verfassung und den m e c h a n i s c h e n Ursprung des ganzen
Weltgeldes nach N e w t o nschen Grundsätzen« festgestellt — seitdem endlich
L a p l a c e (1796) dieses G r u n d g e s e t z d e s W e l t m e c h a n i s m u s
mathematisch begründet hatte, sind die sämtlichen anorganischen
Naturwissenschaften rein m e c h a n i s c h und damit zugleich rein
a t h e i s t i s c h geworden. In der Astronomie und Kosmogenie, in der Geologie
und Meteorologie, in der anorganischen Physik und Chemie gilt seitdem die
absolute Herrschaft mechanischer Gesetze auf mathematischer Grundlage als
unbedingt feststehend. Seitdem ist aber auch der Z w e c k b e g r i f f aus diesem
ganzen großen Gebiete v e r s c h w u n d e n. Jetzt ist diese monistische
Betrachtung nach harten Kämpfen zu allgemeiner Geltung gelangt, und kein
Naturforscher fragt mehr im Ernste nach dem Zweck irgendeiner Erscheinung in
diesem ganzen unermeßlichen Gebiete. Oder sollte wirklich noch heute im
Ernste ein Astronom nach dem Zwecke der Planetenbewegungen oder ein
Mineraloge nach dem Zwecke der einzelnen Kristallformen fragen? Oder sollte
ein Physiker über den Zweck der elektrischen Kräfte oder ein Chemiker über den
Zweck der Atomgewichte grübeln? Wir dürfen getrost antworten: N e i n! Sicher
nicht in dem Sinne, daß der »liebe Gott« oder eine zielstrebige Naturkraft diese
Grundgesetze des Weltmechanismus einmal plötzlich »aus nichts« zu einem
bestimmten Zweck erschaffen hat, und daß er sie nach seinem vernünftigen
Willen tagtäglich wirken läßt. Diese anthropomorphe Vorstellung von einem
zwecktätigen Weltbaumeister und Weltherrscher ist hier völlig überwunden; an
seine Stelle sind die »ewigen, ehernen, großen Naturgesetze« getreten.
Der Zweck in der organischen Natur (B i o l o g i s c h e T e l e o l o g i e). Eine
ganz andere Bedeutung und Geltung als in der anorganischen besitzt der Z w e c k b e g r i f f noch heute in der organischen Natur. Im Körperbau und in
der Lebenstätigkeit aller Organismen tritt uns die Zwecktätigkeit unleugbar
entgegen. Jede Pflanze und jedes Tier erscheinen in der Zusammensetzung aus
einzelnen Teilen ebenso für einen bestimmten Lebenszweck eingerichtet wie die
künstlichen, vom Menschen erfundenen und konstruierten Maschinen; und
solange ihr Leben fortdauert, ist auch die Funktion der einzelnen Organe ebenso
auf bestimmte Zwecke gerichtet wie die Arbeit in den einzelnen Teilen der
Maschine. Es war daher ganz naturgemäß, daß die ältere naive Naturbetrachtung
für die Entstehung und die Lebenstätigkeit der organischen Wesen einen
Schöpfer in Anspruch nahm, der mit »Weisheit und Verstand alle Dinge
geordnet« hatte, und der jedes Tier und jede Pflanze ihrem besonderen
Lebenszweck entsprechend organisiert hatte. Gewöhnlich wurde dieser
»allmächtige Schöpfer Himmels und der Erden« durchaus anthropomorph
gedacht; er schuf »jegliches Wesen nach seiner Art«. Solange dabei dem
Menschen der Schöpfer noch in menschlicher Gestalt erschien, denkend mit
seinem Gehirn, sehend mit seinen Augen, formend mit seinen Händen, konnte
man sich von diesem »göttlichen Maschinenbauer« und von seiner
künstlerischen Arbeit in der großen Schöpfungswerkstätte noch eine
anschauliche Vorstellung machen. Viel schwieriger wurde dies, als sich der
Gottesbegriff läuterte und man in dem »unsichtbaren Gott« einen immateriellen
Schöpfer ohne Organe erblickte. Noch unbegreiflicher endlich wurden diese
anthropistischen Vorstellungen, als die Physiologie an die Stelle des bewußt
bauenden Gottes die unbewußt schaffende »L e b e n s k r a f t« setzte — eine
unbekannte, zweckmäßig tätige Naturkraft, welche von den bekannten
physikalischen und chemischen Kräften verschieden war und diese nur zeitweise
— auf Lebenszeit — in Dienst nahm. Dieser V i t a l i s m u s blieb noch bis um
die Mitte des 19. Jahrhunderts herrschend; er fand seine tatsächliche
Widerlegung erst durch den großen Physiologen J o h a n n e s M ü l l e r. Zwar
war auch dieser geistreiche Biologe im Glauben an die Lebenskraft
aufgewachsen und hielt sie für die Erklärung der »letzten Lebensursachen« für
unentbehrlich, aber er führte zugleich in seinem klassischen, noch heute
unübertroffenen Lehrbuch der Physiologie (1833) den Beweis, daß eigentlich
nichts mit ihr anzufangen ist. M ü l l e r selbst zeigte in einer langen Reihe von
ausgezeichneten Beobachtungen und scharfsinnigen Experimenten, daß die
meisten Lebenstätigkeiten im Organismus des Menschen ebenso wie der übrigen
Tiere nach physikalischen und chemischen Gesetzen geschehen, daß viele von
ihnen sogar mathematisch bestimmbar sind. Das gilt ebensowohl von den
Funktionen der Muskeln und Nerven, der niederen und höheren Sinnesorgane,
wie von den Vorgängen bei der Ernährung und dem Stoffwechsel, der Verdauung und dem Blutkreislauf. Rätselhaft und ohne die Annahme einer Lebenskraft
nicht erklärbar blieben eigentlich nur zwei Gebiete, das der höheren
Seelentätigkeit (Geistesleben) und das der Fortpflanzung (Zeugung). Aber auch
auf diesen Gebieten wurden unmittelbar nach M ü l l e r s Tode so bedeutende
Entdeckungen und Fortschritte gemacht, daß das unheimliche »Gespenst der
Lebenskraft« auch aus diesen letzten Schlupfwinkeln verschwand. Es war ein
merkwürdiger chronologischer Zufall, daß J o h a n n e s M ü l l e r 1858 in
demselben Jahre starb, in welchem C h a r l e s D a r w i n die ersten
Mitteilungen über seine epochemachende Theorie veröffentlichte. Die
S e l e k t i o n s t h e o r i e des letzteren beantwortete das große Rätsel, vor
welchem der erstere stehen geblieben war: die Frage von der Entstehung
zweckmäßiger Einrichtungen durch rein mechanische Ursachen, ohne
vorbedachten Plan.
Der Zweck in der Selektionstheorie (D a r w i n 1859). Das unsterbliche
philosophische Verdienst D a r w i n s bleibt, wie wir schon oft betont haben, ein
doppeltes: erstens die Reform der älteren, 1809 von L a m a r c k begründeten
D e s z e n d e n z t h e o r i e, ihre Begründung durch das gewaltige, im Laufe
dieses halben Jahrhunderts angesammelte Tatsachenmaterial — und zweitens die
Aufstellung der S e l e k t i o n s t h e o r i e, jener Zuchtwahllehre, welche uns erst
eigentlich die wahren bewirkenden Ursachen der allmählichen Artumbildung
enthüllt. D a r w i n zeigte zuerst, wie der unerbittliche »K a m p f u m s
D a s e i n« der unbewußt wirkende Regulator ist, welcher die Wechselwirkung
der Vererbung und Anpassung bei der allmählichen Transformation der Spezies
leitet; er ist der große »z ü c h t e n d e G o t t«, welcher ohne Absicht neue
Formen ebenso durch »natürliche Auslese« bewirkt, wie der züchtende Mensch
neue Formen mit Absicht durch »künstliche Auslese« hervorbringt. Damit wurde
das große philosophische Rätsel gelöst: »Wie können zweckmäßige
Einrichtungen rein mechanisch entstehen, ohne zwecktätige Ursachen?«
Neuerdings hat sich daraus das Prinzip der »t e l e o l o g i s c h e n
M e c h a n i k« zu immer größerer Geltung entwickelt und hat auch die feinsten
und verborgensten Einrichtungen der organischen Wesen uns durch die
»funktionelle Selbstgestaltung der zweckmäßigen Struktur« mechanisch erklärt.
Damit ist aber der transzendente Zweckbegriff unserer teleologischen
Schulphilosophie beseitigt, das größte Hindernis einer vernünftigen und
einheitlichen Naturauffassung.
Neovitalismus. In neuerer Zeit ist das alte Gespenst der mystischen Lebenskraft,
das gründlich getötet schien, wieder aufgelebt; verschiedene Biologen haben
versucht, dasselbe unter neuem Namen zur Geltung zu bringen. Die konsequenteste Darstellung desselben hat der Kieler Botaniker J o h a n n e s
R e i n k e in zwei Büchern gegeben: »Die Welt als Tat« (1899) und »Einleitung
in die theoretische Biologie« (1901). Er nennt sie »Umrisse einer Weltansicht
auf naturwissenschaftlicher Grundlage«; tatsächlich ist aber diese Grundlage der
christliche Kirchenglaube. Indem er von den Offenbarungen der Bibel ausgeht
und M o s e s als höchste wissenschaftliche Autorität betrachtet, verteidigt er
zugleich den Wunderglauben und den T h e i s m u s, die Mosaische
S c h ö p f u n g s g e s c h i c h t e und die Konstanz der Arten; er nennt die
»Lebenskräfte«, im Gegensatze zu den physikalischen Kräften, Richtkräfte,
Oberkräfte oder D o m i n a n t e n. R e i n k e wendet vergeblich alle Mittel auf,
um die herrschenden Glaubenslehren der christlichen Kirche mit den direkt
widersprechenden Erfahrungssätzen der Entwickelungslehre in Einklang zu
bringen. Diesen Widerspruch wird auch der neue sogenannte »Keplerbund«
nicht lösen, den er 1908 zur Bekämpfung und Vernichtung des 1905 gegründeten
»Monistenbundes« ins Leben gerufen hat. Das Widersinnige und Unhaltbare
dieses Neovitalismus (der in den mystischen Kreisen der Spiritisten und
Okkultisten, Theosophen und Metaphysiker viel Anklang findet), habe ich im 2.
und 3. Kapitel meiner »Lebenswunder« eingehend nachgewiesen.
Unzweckmäßigkeitslehre (D y s t e l e o l o g i e). Unter diesem Begriffe habe
ich schon im Jahre 1866 die Wissenschaft von den überaus interessanten und
wichtigen biologischen Tatsachen begründet, welche in handgreiflichster Weise
die hergebrachte teleologische Auffassung von der »zweckmäßigen Einrichtung
der lebendigen Naturkörper« direkt widerlegen. Diese Wissenschaft von den
»rudimentären, abortiven, verkümmerten, fehlgeschlagenen, atrophischen oder
kataplastischen Individuen« stützt sich auf eine unermeßliche Fülle der
merkwürdigsten Erscheinungen, welche zwar den Zoologen und Botanikern
längst bekannt waren, aber erst durch Darwin ursächlich erklärt und in ihrer
hohen philosophischen Bedeutung vollständig gewürdigt worden sind.
Alle höheren Tiere und Pflanzen, überhaupt alle diejenigen Organismen, deren
Körper nicht ganz einfach gebaut, sondern aus mehreren, zweckmäßig
zusammenwirkenden Organen zusammengesetzt ist, lassen bei aufmerksamer
Untersuchung eine Anzahl von nutzlosen oder unwirksamen, ja zum Teil sogar
gefährlichen und schädlichen Einrichtungen erkennen. In den Blüten der meisten
Pflanzen finden sich neben den wirksamen Geschlechtsblättern, welche die
Fortpflanzung vermitteln, einzelne nutzlose Blattorgane ohne Bedeutung
(verkümmerte oder »fehlgeschlagene« Staubfäden, Fruchtblätter, Kronen-,
Kelchblätter usw.). In den beiden großen und formenreichen Klassen der
fliegenden Tiere, Vögel und Insekten, gibt es neben den gewöhnlichen, ihre Flügel täglich gebrauchenden Arten eine Anzahl von Formen, deren Flügel
verkümmert sind, und die nicht fliegen können. Fast in allen Klassen der
höheren Tiere, die ihre Augen zum Sehen gebrauchen, existieren einzelne Arten,
welche im Dunkeln leben und nicht sehen; trotzdem besitzen auch diese
meistens noch Augen; nur sind sie verkümmert, zum Sehen nicht mehr tauglich.
An unserem eigenen menschlichen Körper besitzen wir solche nutzlose
Rudimente in den Muskeln unseres Ohres, in der Nickhaut unseres Auges, in der
Brustwarze und Milchdrüse des Mannes und in anderen Körperteilen; ja der
gefürchtete Wurmfortsatz unseres Blinddarmes ist nicht nur unnütz, sondern
sogar gefährlich, und alljährlich geht eine Anzahl Menschen durch seine
Entzündung zugrunde.
Die E r k l ä r u n g dieser und vieler anderer zweckloser Einrichtungen im
Körperbau der Tiere und Pflanzen vermag weder der alte noch der neue
V i t a l i s m u s zu geben; dagegen finden wir sie sehr einfach durch die
D e s z e n d e n z t h e o r i e. Sie zeigt, daß diese rudimentären Organe
v e r k ü m m e r t sind, und zwar durch Nichtgebrauch. Ebenso, wie die Muskeln,
die Nerven, die Sinnesorgane durch Übung und häufigeren Gebrauch gestärkt
werden, ebenso erleiden sie umgekehrt durch Untätigkeit und unterlassenen
Gebrauch mehr oder weniger Rückbildung. Aber obgleich so durch Übung und
Anpassung die höhere Entwickelung der Organe gefördert wird, so
verschwinden sie doch keineswegs sofort spurlos durch Nichtübung; vielmehr
werden sie durch die Macht der Vererbung noch während vieler Generationen
erhalten und verschwinden erst allmählich nach längerer Zeit. Der blinde
»Kampf ums Dasein zwischen den Organen« bedingt ebenso ihren historischen
Untergang, wie er ursprünglich ihre Entstehung und Ausbildung verursachte. Ein
immanenter »Zweck« spielt dabei überhaupt keine Rolle.
Unvollkommenheit der Natur. Wie das Menschenleben so bleibt auch das Tier-
und Pflanzenleben immer und überall unvollkommen. Diese Tatsache ergibt sich
einfach aus der Erkenntnis, daß die ganze Natur in einem beständigen Flusse der
E n t w i c k e l u n g, der Veränderung und Umbildung begriffen ist. Diese
Entwickelung erscheint uns im großen und ganzen — wenigstens soweit wir die
Stammesgeschichte der organischen Natur auf unserem Planeten übersehen
können — als eine fortschreitende Umbildung, als ein historischer Fortschritt
vom Einfachen zum Zusammengesetzten, vom Niederen zum Höheren, vom
Unvollkommenen zum Vollkommneren. Ich habe schon in der Generellen
Morphologie (1866) den Nachweis geführt, daß dieser historische
F o r t s c h r i t t — oder die allmähliche Ve r v o l l k o m m n u n g — die
n o t w e n d i g e W i r k u n g d e r S e l e k t i o n ist, nicht aber die Folge eines vorbedachten Zweckes. Das ergibt sich auch daraus, daß kein Organismus ganz
vollkommen ist; selbst wenn er in einem gegebenen Augenblicke den
Umständen vollkommen angepaßt wäre, würde dieser Zustand nicht lange
dauern; denn die Existenzbedingungen der Außenwelt sind selbst einem
beständigen Wechsel unterworfen und bedingen damit eine ununterbrochene
Anpassung der Organismen.
Sittliche Weltordnung. In der Philosophie der Geschichte, in den allgemeinen
Betrachtungen, welche die Geschichtschreiber über die Schicksale der Völker
und über den verschlungenen Gang der Staatenentwickelung anstellen, herrscht
noch heute die Annahme einer »sittlichen Weltordnung«. Die Historiker suchen
in dem bunten Wechsel der Völkergeschicke einen leitenden Zweck, eine ideale
Absicht, welche diese oder jene Rasse, diesen oder jenen Staat zu besonderem
Gedeihen auserlesen und zur Herrschaft über die anderen bestimmt hat. Diese
teleologische und dualistische Geschichtsbetrachtung ist neuerdings um so
schärfer in prinzipiellen Gegensatz zu unserer monistischen Weltanschauung
getreten, je sicherer sich diese letztere im gesamten Gebiete der anorganischen
Natur als die allem berechtigte herausgestellt hat. In der gesamten Astronomie
und Geologie, in dem weiten Gebiete der Physik und Chemie spricht heute
niemand mehr von einer sittlichen Weltordnung, ebensowenig als von einem
persönlichen Gotte, dessen »Hand mit Weisheit und Verstand alle Dinge
geordnet hat«. Dieser ist aber auch in dem gesamten Gebiete der Biologie nicht
zu finden, in der ganzen Verfassung und Geschichte der organischen Natur.
D a r w i n hat uns in seiner Selektionstheorie nicht nur gezeigt, wie die
zweckmäßigen Einrichtungen im Leben und im Körperbau der Tiere und
Pflanzen ohne vorbedachten Zweck mechanisch entstanden sind, sondern er hat
uns auch in seinem »K a m p f u m s D a s e i n« die gewaltige Naturmacht
erkennen gelehrt, welche den ganzen Entwickelungsgang der organischen Welt
seit vielen Jahrmillionen ununterbrochen beherrscht und regelt. Man könnte
freilich sagen: Der »Kampf ums Dasein« ist das »Überleben des Passendsten«
oder der »Sieg des Besten«; das kann man aber nur, wenn man das Stärkere stets
als das beste (in moralischem Sinne!) betrachtet; und überdies zeigt uns die
ganze Geschichte der organischen Welt, daß neben dem überwiegenden
Fortschritt zum Vollkommenen jederzeit auch einzelne Rückschritte zu niederen
Zuständen vorkommen.
Verhält es sich nun in der Völkergeschichte, die der Mensch in seinem
anthropozentrischen Größenwahn die »Weltgeschichte« zu nennen liebt, etwa
anders? Ist da überall und jederzeit ein höchstes moralisches Prinzip oder ein
weiser Weltregent zu entdecken, der die Geschicke der Völker leitet? Die unbefangene Antwort kann heute, bei dem vorgeschrittenen Zustande unserer
Naturgeschichte und Völkergeschichte, nur lauten: N e i n ! Die Geschicke der
Zweige des Menschengeschlechts, die als Rassen und Nationen seit
Jahrtausenden um ihre Existenz und ihre Fortbildung gerungen haben,
unterliegen genau denselben »ewigen, ehernen, großen Gesetzen« wie die
Geschichte der ganzen organischen Welt, die seit vielen Jahrmillionen die Erde
bevölkert.
Die Geologen unterscheiden in der »organischen Erdgeschichte«, soweit sie uns
durch die Denkmäler der Versteinerungskunde bekannt ist, drei große Perioden:
das primäre, sekundäre und tertiäre Zeitalter. Ihre Zeitdauer ist schwer
abzuschätzen, beträgt aber (zusammengenommen) jedenfalls mehr als hundert
Millionen Jahre. Die Geschichte des Wirbeltierstammes, aus dem unser eigenes
Geschlecht entsprossen ist, liegt innerhalb dieses langen Zeitraumes klar vor
unseren Augen; drei verschiedene Entwickelungsstufen der Vertebraten waren in
jenen drei großen Perioden nacheinander entwickelt; in der primären Periode die
F i s c h e, in der sekundären die R e p t i l i e n, in der tertiären die
S ä u g e t i e r e. Von diesen drei Hauptgruppen der Wirbeltiere nehmen die
Fische den niedersten, die Reptilien einen mittleren, die Säugetiere den höchsten
Rang der Vollkommenheit ein. Bei tieferem Eingehen in die Geschichte der drei
Klassen finden wir, daß auch die einzelnen Ordnungen und Familien derselben
innerhalb der drei Zeiträume sich fortschreitend zu höherer Vollkommenheit
entwickelten. Kann man nun diesen fortschreitenden Entwickelungsgang als
Ausfluß einer bewußten zweckmäßigen Zielstrebigkeit oder einer sittlichen
Weltordnung bezeichnen? Durchaus nicht! Denn die Selektionstheorie lehrt uns,
daß der organische F o r t s c h r i t t, ebenso wie die organische Differenzierung,
eine n o t w e n d i g e F o l g e des Kampfes ums Dasein ist. Tausende von
bewunderungswürdigen Arten des Tier- und Pflanzenreiches sind im Laufe jener
hundert Millionen Jahre zugrunde gegangen, weil sie anderen, stärkeren, Platz
machen mußten, und diese Sieger im Kampfe ums Dasein waren nicht immer die
edleren oder im moralischen Sinne vollkommneren Formen.
Genau dasselbe gilt von der V ö l k e r g e s c h i c h t e. Die
bewunderungswürdige Kultur des klassischen Altertums ist zugrunde gegangen,
weil das Christentum dem ringenden Menschengeiste damals durch den Glauben
an einen liebenden Gott und die Hoffnung auf ein besseres jenseitiges Leben
einen gewaltigen neuen Aufschwung verlieh. Der Papismus wurde zwar bald zur
schamlosen Karikatur des reinen Christentums und zertrat schonungslos die
Schätze der Erkenntnis, welche die hellenische Philosophie schon erworben
hatte; aber er gewann die Weltherrschaft durch die Unwissenheit der blindgläubigen M a s s e n. Erst die Renaissance zerriß die Ketten dieser
Geistesknechtschaft und verhalf wieder den Ansprüchen der Vernunft zu ihrem
Rechte. Aber auch in dieser neuen, wie in jenen früheren Perioden der
Kulturgeschichte, wogt ewig der große Kampf ums Dasein hin und her, ohne
jede moralische Ordnung.
Vorsehung. So wenig bei unbefangener und kritischer Betrachtung eine
»moralische Weltordnung« im Gange der Völkergeschichte nachzuweisen ist,
ebensowenig können wir eine »weise Vorsehung« im Schicksal der einzelnen
Menschen anerkennen. Dieses wie jener wird mit eiserner Notwendigkeit durch
die mechanische Kausalität bestimmt, welche jede Erscheinung aus einer oder
mehreren vorhergehenden Ursachen ableitet. Schon die alten Hellenen erkannten
als höchstes Weltprinzip das blinde F a t u m (die Anangke), das »Götter und
Menschen beherrscht«. An ihre Stelle trat im Christentum die bewußte
Vorsehung eines Gottes, welcher nicht blind, sondern sehend ist, und welcher die
Weltregierung als patriarchalischer Herrscher führt. Der anthropomorphe
Charakter dieser Vorstellung liegt auf der Hand. Der Glaube an einen »liebenden
Vater«, der die Geschicke von 1500 Millionen Menschen auf unserem Planeten
unablässig lenkt und dabei die millionenfach sich kreuzenden Gebete und
»frommen Wünsche« derselben jederzeit berücksichtigt, ist vollkommen
unhaltbar: das ergibt sich sofort, wenn die Vernunft beim Nachdenken darüber
die farbige Brille des »Glaubens« ablegt.
Bei dem ungeheuren Aufschwung des Verkehrs im 19. Jahrhundert hat
notwendig die Zahl der Verbrechen und Unglücksfälle in einem früher nicht
geahnten Maße zugenommen; das erfahren wir tagtäglich durch die Zeitungen.
In jedem Jahre gehen Tausende von Menschen zugrunde durch Schiffbrüche,
Tausende durch Eisenbahnunglücke, Tausende durch Bergwerkskatastrophen
usw. Viele Tausende töten sich alle Jahre gegenseitig im Kriege, und die
Zurüstung für diesen Massenmord nimmt bei den höchstentwickelten, die
christliche Liebe bekennenden Kulturnationen den weitaus größten Teil des
Nationalvermögens in Anspruch. Und unter jenen Hunderttausenden, die
alljährlich als Opfer der modernen Zivilisation fallen, befinden sich überwiegend
tüchtige, tatkräftige, arbeitsame Menschen. Dabei redet man noch von sittlicher
Weltordnung! Es soll durchaus nicht bestritten werden, daß der heute noch
herrschende und in den Schulen gelehrte Glaube an eine »sittliche Weltordnung«
— ebenso wie an eine »liebevolle Vorsehung« — einen hohen I d e a l w e r t
besitzt. Er tröstet die Leidenden, stärkt die Schwachen, erhebt im Unglück; er
befriedigt unser zweifelndes Gemüt und versetzt uns in eine Idealwelt des
»Jenseits«, in welcher die Mängel des irdischen Daseins im »Diesseits« überwunden sind. So lange der Mensch kindlich und unerfahren genug bleibt,
mag er sich mit diesen Gebilden der Dichtung begnügen. Allein das
fortgeschrittene Kulturleben der Gegenwart reißt ihn gewaltsam aus jener
schönen Idealwelt heraus und stellt ihn vor Aufgaben, zu deren Lösung ihn nur
die vernünftige Erkenntnis der W i r k l i c h k e i t befähigt. Unzweifelhaft wird
die frühzeitige Anpassung an diese R e a l w e l t, zweckmäßig in den Unterricht
eingeführt und auf die moderne Entwickelungslehre gestützt, den höher
gebildeten Menschen der Zukunft nicht allein vernünftiger und vorurteilsfreier,
sondern auch besser und glücklicher machen.
Ziel, Zweck und Zufall. Wenn uns unbefangene Prüfung der Weltentwickelung
lehrt, daß dabei weder ein bestimmtes Ziel noch ein besonderer Zweck (im Sinne
der menschlichen Vernunft!) nachzuweisen ist, so scheint nichts übrig zu
bleiben, als alles dem »b l i n d e n Z u f a l l« zu überlassen. Dieser Vorwurf ist
in der Tat ebenso dem T r a n s f o r m i s m u s von L a m a r c k und D a r w i n,
wie früher der K o s m o g e n i e von K a n t und L a p l a c e entgegengehalten
worden; viele dualistische Philosophen legen gerade hierauf besonderes
Gewicht. Es verlohnt sich daher wohl der Mühe, hier noch einen flüchtigen
Blick darauf zu werfen.
Die eine Gruppe der Philosophen behauptet nach ihrer t e l e o l o g i s c h e n
Auffassung: die ganze Welt ist ein geordneter Kosmos, in dem alle
Erscheinungen Ziel und Zweck haben; es gibt k e i n e n Z u f a l l ! Die andere
Gruppe dagegen meint gemäß ihrer m e c h a n i s t i s c h e n Auffassung: Die
Entwickelung der ganzen Welt ist ein einheitlich mechanischer Prozeß, in dem
wir nirgends Ziel und Zweck entdecken können; was wir im organischen Leben
so nennen, ist eine besondere Folge der biologischen Verhältnisse; weder in der
Entwickelung der Weltkörper, noch in derjenigen unserer organischen Erdrinde
ist ein leitender Zweck nachzuweisen; hier ist a l l e s Z u f a l l ! Beide Parteien
haben recht, je nach der Definition des »Zufalls«. Das allgemeine
K a u s a l g e s e t z, in Verbindung mit dem Substanzgesetz, überzeugt uns, daß
jede Erscheinung ihre mechanische Ursache hat; in diesem Sinne gibt es keinen
Zufall. Wohl aber können und müssen wir diesen unentbehrlichen Begriff
beibehalten, um damit das Z u s a m m e n t r e f f e n von zwei Erscheinungen zu
bezeichnen, die nicht unter sich kausal verknüpft sind, von denen aber natürlich
jede ihre Ursache hat, unabhängig von der anderen. Wie jedermann weiß, spielt
der Zufall in diesem monistischen Sinne die größte Rolle im Leben des
Menschen wie in demjenigen aller anderen Naturkörper. Die wichtigsten
Entscheidungen im bunten Wechsel unserer persönlichen Schicksale werden oft
durch zufällige Begegnung mit anderen Personen bestimmt. Das hindert aber nicht, daß wir in jedem einzelnen »Z u f a l l« wie in der Entwickelung des
Weltganzen die universale Herrschaft des umfassendsten Naturgesetzes
anerkennen, des S u b s t a n z g e s e t z e s.
F ü n f z e h n t e s K a p i t e l .
Gott und Welt.
Monistische Studien über Theismus und Pantheismus. Der
anthropistische Monotheismus der drei großen Mediterran-Religionen.
Extramundaner und intramundaner Gott.
Als letzten und höchsten Urgrund aller Erscheinungen betrachtet die Menschheit
seit Jahrtausenden eine bewirkende Ursache unter dem Begriffe G o t t (Deus,
Theos). Wie alle anderen allgemeinen Begriffe, so ist auch dieser höchste
Grundbegriff im Laufe der Vernunftentwickelung den bedeutendsten
Umbildungen und den mannigfaltigsten Abartungen unterworfen gewesen. Ja
man kann sagen, daß kein anderer Begriff so sehr umgestaltet und abgeändert
worden ist; denn kein anderer berührt in gleich hohem Maße sowohl die
höchsten Aufgaben des erkennenden Verstandes und der vernünftigen
Wissenschaft als auch zugleich die tiefsten Interessen des gläubigen Gemütes
und der dichtenden Phantasie.
Eine vergleichende Kritik der zahlreichen verschiedenen Hauptformen der
Gottesvorstellung ist zwar höchst interessant und lehrreich, würde uns hier aber
viel zu weit führen; wir müssen uns damit begnügen, nur auf die wichtigsten
Gestaltungen der Gottesidee und auf ihre Beziehung zu unserer heutigen, durch
die reine Naturerkenntnis bedingten Weltanschauung einen flüchtigen Blick zu
werfen.
Wenn wir von allen feineren Abtönungen und bunten Gewandungen des
Gottesbildes absehen, können wir füglich — mit Beschränkung auf den tiefsten
Inhalt desselben — alle verschiedenen Vorstellungen darüber in zwei
entgegengesetzte Hauptgruppen ordnen, in die t h e i s t i s c h e und die
p a n t h e i s t i s c h e Gruppe. Die letztere ist eng verknüpft mit der
m o n i s t i s c h e n oder rationellen, die erstere mit der d u a l i s t i s c h e n oder
mystischen Weltanschauung.
I . Theismus: Gott und Welt sind zwei verschiedene Wesen. Gott steht der Welt
gegenüber als deren Schöpfer, Erhalter und Regierer. Dabei wird Gott stets mehr
oder weniger menschenähnlich gedacht, als ein Organismus, welcher dem
Menschen ähnlich (wenn auch in höchst vollkommener Form) denkt und
handelt. Dieser a n t h r o p o m o r p h e G o t t, den die verschiedenen Naturvölker offenbar unabhängig voneinander mehrmals erdacht haben,
unterliegt in ihrer Phantasie bereits den mannigfaltigsten Abstufungen, vom
Fetischismus aufwärts bis zu den geläuterten monotheistischen Religionen der
Gegenwart. Als wichtigste Unterarten der theistischen Begriffsbildung
unterscheiden wir Polytheismus, Triplotheismus, Amphitheismus und
Monotheismus.
Polytheismus (Vielgötterei). Die Welt ist von vielen verschiedenen Göttern
bevölkert, welche mehr oder weniger selbständig in deren Getriebe eingreifen.
Der F e t i s c h i s m u s findet dergleichen untergeordnete Götter in den
verschiedensten leblosen Naturkörpern, in den Steinen, im Wasser, in der Luft, in
menschlichen Kunstprodukten einfachster Art. Der D ä m o n i s m u s erblickt
Götter in lebendigen Organismen, in Bäumen, Tieren und Menschen. Diese
Vielgötterei nimmt schon in den niedersten Religionsformen der rohen
Naturvölker sehr mannigfaltige Formen an. Sie erscheint auf der höchsten Stufe
geläutert im h e l l e n i s c h e n P o l y t h e i s m u s, in jenen herrlichen
Göttersagen des alten Griechenlands, welche noch heute unserer modernen
Kunst die schönsten Vorbilder für Poesie und Bildnerei liefern. Auf viel tieferer
Stufe steht der k a t h o l i s c h e P o l y t h e i s m u s, in dem zahlreiche
»Heilige« als untergeordnete Gottheiten angebetet und um gütige Vermittelung
beim obersten Gott oder bei der »Jungfrau Maria« ersucht werden.
Triplotheismus (Dreigötterei, Trinitätslehre). Die Lehre von der
»D r e i e i n i g k e i t G o t t e s«, welche heute noch im Glaubensbekenntnis der
christlichen Kulturvölker die grundlegenden »drei Glaubensartikel« bildet,
gipfelt bekanntlich in der Vorstellung, daß der E i n e G o t t des Christentums
eigentlich in Wahrheit aus d r e i P e r s o n e n von verschiedenem Wesen sich
zusammensetzt: I. G o t t d e r Va t e r ist der »allmächtige Schöpfer Himmels
und der Erde« (dieser unhaltbare Mythus ist durch die wissenschaftliche
Kosmogenie, Astronomie und Geologie längst widerlegt). I I. J e s u s
C h r i s t u s ist der »eingeborene Sohn Gottes des Vaters« (und zugleich der
dritten Person, des »Heiligen Geistes«!!), erzeugt durch unbefleckte Empfängnis
der Jungfrau Maria. III. Der H e i l i g e G e i s t, ein mystisches Wesen, über
dessen unbegreifliches Verhältnis zum »Sohne« und zum Vater sich viele
christliche Theologen seit 1900 Jahren den Kopf ganz umsonst zerbrochen
haben. Die Evangelien, die doch die einzigen lauteren Quellen dieses
c h r i s t l i c h e n T r i p l o t h e i s m u s sind, lassen uns über die eigentlichen
Beziehungen dieser drei Personen zu einander völlig im Dunkeln und geben auf
die Frage nach ihrer rätselhaften Einheit keine irgendwie befriedigende Antwort.
Dagegen müssen wir besonders darauf hinweisen, welche Verwirrung diese unklare und mystische Trinitätslehre in den Köpfen unserer Kinder schon beim
ersten Schulunterricht notwendig anrichten muß. Montag morgens in der ersten
Unterrichtsstunde (Religion) lernen sie: Dreimal eins ist eins! — und gleich
darauf in der zweiten Stunde (Rechnen): Dreimal eins ist drei! Ich erinnere mich
selbst sehr wohl noch der Bedenken, welche dieser auffällige Widerspruch in mir
selbst beim ersten Unterricht erregte. — Übrigens ist die »D r e i e i n i g k e i t«
im Christentum keineswegs originell, sondern gleich den meisten anderen
Lehren desselben aus älteren Religionen übernommen. Aus dem Sonnendienste
der chaldäischen Magier entwickelt sich die Trinität der I l u, der
geheimnisvollen Urquelle der Welt; ihre drei Offenbarungen waren A n u, das
ursprüngliche Chaos, B e l, der Ordner der Welt, und A o, das himmlische Licht,
die alles erleuchtende Weisheit. — In der Brahmanenreligion wird die
T r i m u r t i als »Gotteseinheit« ebenfalls aus drei Personen zusammengesetzt,
aus B r a h m a (dem Schöpfer), W i s c h n u (dem Erhalter) und S c h i w a (dem
Zerstörer).
Amphitheismus (Zweigötterei). Die Welt wird von zwei verschiedenen Göttern
regiert, einem guten und einem bösen Wesen, G o t t und T e u f e l. Beide
Weltregenten befinden sich in einem beständigen Kampfe, wie Kaiser und
Gegenkaiser, Papst und Gegenpapst. Das Ergebnis dieses Kampfes ist jederzeit
der gegenwärtige Zustand der Welt. Der liebe G o t t, als das gute Wesen, ist der
Urquell des Guten und Schönen, der Lust und Freude. Die Welt würde
vollkommen sein, wenn sein Wirken nicht beständig durchkreuzt würde von dem
bösen Wesen, dem T e u f e l; dieser schlimme Satanas ist die Ursache alles
Bösen und Häßlichen, der Unlust und des Schmerzes.
Dieser A m p h i t h e i s m u s ist unter allen verschiedenen Formen des
Götterglaubens insofern der vernünftigste, als sich seine Theorie am ersten mit
einer wissenschaftlichen Welterklärung verträgt. Wir finden ihn daher schon
mehrere Jahrtausende vor Christus bei verschiedenen Kulturvölkern des
Altertums ausgebildet. Im alten Indien kämpft W i s c h n u, der Erhalter, mit
S c h i w a, dem Zerstörer. Im alten Ägypten steht dem guten O s i r i s der böse
T y p h o n gegenüber. In der Zendreligion der alten Perser, von Zoroaster 2000
Jahre vor Christus gegründet, herrscht beständiger Kampf zwischen O r m u d z,
dem guten Gott des Lichtes, und A h r i m a n, dem bösen Gott der Finsternis.
Keine geringere Rolle spielt der Teufel als Gegner des guten Gottes in der
Mythologie des Christentums als der Versucher und Verführer, der Fürst der
Hölle und Herr der Finsternis. Als persönlicher S a t a n a s war er auch noch im
Anfange des 19. Jahrhunderts ein wesentliches Element im Glauben der meisten
Christen; erst gegen die Mitte desselben wurde er mit zunehmender Aufklärung allmählich abgesetzt, oder er mußte sich mit jener Rolle begnügen, welche ihm
G o e t h e in der größten aller dramatischen Dichtungen, im »Faust«, als
M e p h i s t o p h e l e s zuteilt. Gegenwärtig gilt in den besseren gebildeten
Kreisen der »Glaube an den persönlichen Teufel« als ein überwundener
Aberglaube des Mittelalters, während gleichzeitig der »Glaube an Gott« (d. h.
den persönlichen, guten und lieben Gott) als ein unentbehrlicher Bestandteil der
Religion festgehalten wird. Und doch ist der erstere Glaube ebenso voll
berechtigt (vielmehr ebenso haltlos!) wie der letztere! Jedenfalls erklärt sich die
vielbeklagte »Unvollkommenheit des Erdenlebens« viel einfacher und
natürlicher durch diesen Kampf des guten und bösen Gottes als durch irgend
welche andere Form des Gottesglaubens.
Monotheismus (Eingötterei). Die Lehre von der Einheit Gottes kann in vieler
Beziehung als die einfachste und natürlichste Form der Gottesverehrung gelten.
Nach der allgemeinen Meinung ist sie die weitest verbreitete Grundlage der
Religion und beherrscht namentlich den Kirchenglauben der Kulturvölker.
Tatsächlich ist dies jedoch nicht der Fall; denn der angebliche
M o n o t h e i s m u s erweist sich bei näherer Betrachtung meistens als eine der
vorher angeführten Formen des Theismus, indem neben dem obersten
»Hauptgotte« noch einer oder mehrere Nebengötter angebetet werden. Auch sind
die meisten Religionen, welche einen rein monotheistischen Ausgangspunkt
haben, im Laufe der Zeit mehr oder minder polytheistisch geworden. Allerdings
behauptet die moderne Statistik, daß unter den 1500 Millionen Menschen,
welche unsere Erde bevölkern, die große Mehrzahl M o n o t h e i s t e n seien;
a n g e b l i c h sollen davon u n g e f ä h r 600 Millionen Brahma-Buddhisten sein,
500 Millionen (sogenannte!) Christen, 200 Millionen Heiden (verschiedenster
Sorte), 180 Millionen Mohammedaner, 10 Millionen Israeliten und 10 Millionen
ganz religionslos. Allein die große Mehrzahl der angeblichen Monotheisten hat
ganz unklare Gottesvorstellungen oder glaubt neben dem einen Hauptgott auch
noch an viele Nebengötter, als da sind: Engel, Teufel, Dämonen usw. Die
verschiedenen Formen, in denen sich der Monotheismus p o l y p h y l e t i s c h
entwickelt hat, können wir in zwei Hauptgruppen bringen: naturalistische und
anthropistische Eingötterei.
Naturalistischer Monotheismus. Diese alte Form der Religion erblickt die
Verkörperung Gottes in einer erhabenen, alles beherrschenden Naturerscheinung.
Als solche imponierte schon vor vielen Jahrtausenden den Menschen vor allem
die S o n n e, die leuchtende und erwärmende Gottheit, von deren Einfluß
sichtlich alles organische Leben unmittelbar abhängig ist. Der
S o n n e n k u l t u s oder Solarismus kann für den modernen Naturforscher wohl unter allen theistischen Glaubensformen als die würdigste erscheinen. Denn
unsere moderne Astrophysik und Geogenie hat uns überzeugt, daß die Erde ein
abgelöster Teil der Sonne ist und später wieder in ihren Schoß zurückkehren
wird. Die moderne Physiologie lehrt uns, daß der erste Urquell des organischen
Lebens auf der Erde die Plasmabildung ist und daß diese Synthese von einfachen
anorganischen Verbindungen, von Wasser, Kohlensäure und Ammoniak nur
unter dem Einflusse des S o n n e n l i c h t e s erfolgt. Auf die primäre
Entwickelung der P f l a n z e n ist erst nachträglich, sekundär, diejenige der
T i e r e gefolgt, die sich direkt oder indirekt von ihnen nähren; und die
Entstehung des Menschengeschlechtes selbst ist wiederum nur ein späterer
Vorgang in der Stammesgeschichte des Tierreichs. Auch unser gesamtes
körperliches und geistiges Menschenleben ist ebenso wie alles andere organische
Leben im letzten Grunde auf die strahlende, Licht und Wärme spendende Sonne
zurückzuführen. Unbefangen und vernünftig betrachtet, erscheint daher der
S o n n e n k u l t u s als n a t u r a l i s t i s c h e r M o n o t h e i s m u s besser
begründet als der anthropistische Gottesdienst der Christen und anderer
Kulturvölker, welche Gott in Menschengestalt sich vorstellen. Tatsächlich haben
auch schon vor Jahrtausenden die Sonnenanbeter sich auf eine höhere
intellektuelle und moralische Bildungsstufe erhoben als die meisten anderen
Theisten. Als ich im November 1881 in Bombay war, betrachtete ich mit der
größten Teilnahme die erhebenden Andachtsübungen der frommen Parsi, welche
beim Aufgang und Untergang der Sonne, am Meeresstrande stehend oder auf
ausgebreitetem Teppich kniend, dem kommenden und scheidenden Tagesgestirn
ihre Verehrung bezeugten (Indische Reisebriefe, IV. Aufl., S. 56).
Anthropistischer Monotheismus. Die Vermenschlichung Gottes, die
Vorstellung, daß das »höchste Wesen« dem Menschen gleich empfindet, denkt
und handelt (wenn auch in erhabenster Form), spielt als a n t h r o p o m o r p h e r
M o n o t h e i s m u s die größte Rolle in der Kulturgeschichte. Vor allen anderen
treten hier in den Vordergrund die drei großen Religionen der mediterranen
Menschenart, die ältere mosaische, die mittlere christliche und die jüngere
mohammedanische. Diese d r e i g r o ß e n M i t t e l m e e r - R e l i g i o n e n,
alle drei an der gesegneten Ostküste des interessantesten aller Meere entstanden,
alle drei in ähnlicher Weise von einem phantasiereichen Schwärmer semitischer
Rasse gestiftet, hängen nicht nur äußerlich durch diesen gemeinsamen Ursprung
innig zusammen, sondern auch durch zahlreiche gemeinsame Züge ihrer inneren
Glaubensvorstellungen. Wie das Christentum einen großen Teil seiner
Mythologie aus dem älteren Judentum direkt übernommen hat, so hat der
jüngere Islam wiederum von diesen beiden Religionen viele Erbschaften
beibehalten. Alle drei Mediterran-Religionen waren ursprünglich rein m o n o t h e i s t i s c h; alle drei sind späterhin den mannigfaltigsten
p o l y t h e i s t i s c h e n Umbildungen unterlegen, je weiter sie sich zunächst an
den vielteiligen Küsten des mannigfach bevölkerten Mittelmeers und sodann in
den übrigen Erdteilen ausbreiteten.
Der Mosaismus. Der jüdische Monotheismus, wie ihn M o s e s (1600 vor Chr.)
begründete, gilt gewöhnlich als diejenige Glaubensform des Altertums, welche
die höchste Bedeutung für die weitere ethische und religiöse Entwickelung der
Menschheit besitzt. Unzweifelhaft ist ihr dieser hohe historische Wert schon
deshalb zuzugestehen, weil die beiden anderen weltbeherrschenden Mediterran-
Religionen aus ihr hervorgegangen sind; Christus steht ebenso auf den Schultern
von Moses, wie später Mohammed auf den Schultern von beiden. Ebenso ruht
das Neue Testament, welches in der kurzen Zeitspanne von 1900 Jahren das
Glaubens-Fundament der höchstentwickelten Kulturvölker gebildet hat, auf der
Basis des Alten Testaments. Beide zusammengenommen haben als B i b e l einen
Einfluß und eine Verbreitung gewonnen wie kein anderes Buch in der Welt.
Wenn wir aber diese merkwürdige Geschichtsquelle unbefangen und
vorurteilslos prüfen, so stellen sich viele wichtige Beziehungen ganz anders dar,
als gelehrt wird. Auch hier hat die tiefer eindringende moderne Kritik und
Kulturgeschichte wichtige Aufschlüsse geliefert, welche die geltende Tradition
in ihren Fundamenten erschüttern.
Der Monotheismus, wie ihn Moses im Jehovahdienste zu begründen suchte, und
wie ihn später mit großem Erfolge die P r o p h e t e n ausbildeten, hatte
ursprünglich harte und lange Kämpfe mit dem herrschenden älteren
Polytheismus zu bestehen. Ursprünglich war J e h o v a h oder Japheh aus jenem
Himmelsgotte abgeleitet, der als Moloch oder Baal eine der meistverehrten
orientalischen Gottheiten war. Die vielbesprochenen Forschungen der modernen
Assyriologen über »B i b e l u n d B a b e l« (Delitzsch u. a.) haben gelehrt, daß
der monotheistische Japhehglaube schon lange vor Moses in Babylon heimisch
war. Daneben aber blieben andere Götter vielfach in hohem Ansehen, und der
Kampf mit der »Abgötterei« bestand im jüdischen Volke immer fort. Trotzdem
blieb im Prinzipe Jehovah der alleinige Gott, der im ersten der zehn Gebote
Mosis ausdrücklich sagt: »Ich bin der Herr dein Gott, du sollst nicht andere
Götter haben neben mir.«
Das Christentum. Der christliche Monotheismus teilte das Schicksal seiner
Mutter, des Mosaismus, und blieb wahre Eingötterei meistens nur theoretisch im
Prinzip, während er praktisch in die mannigfaltigsten Formen des Polytheismus
sich verwandelte. Eigentlich war ja schon in der Trinitätslehre selbst, die doch
als ein unentbehrliches Fundament der christlichen Religion gilt, der Monotheismus logischerweise aufgegeben. Die d r e i P e r s o n e n, die als
Vater, Sohn und Heiliger Geist unterschieden werden, sind und bleiben ebenso
drei verschiedene I n d i v i d u e n (und zwar anthropomorphe Personen!) wie die
drei indischen Gottheiten der Trimurti (Brahma, Wischnu, Schiwa). Dazu kommt
noch, daß in den weiterverbreiteten Abarten des Christianismus als vierte
Gottheit die Jungfrau Maria, als unbefleckte Mutter Christi, eine große Rolle
spielt; in weiten katholischen Kreisen gilt sie sogar als viel wichtiger und
einflußreicher als die drei männlichen Personen der Himmelsregierung. Der
M a d o n n e n k u l t u s hat hier tatsächlich eine solche Bedeutung gewonnen,
daß man ihn als einen w e i b l i c h e n M o n o t h e i s m u s der gewöhnlichen
männlichen Form der Eingötterei gegenüberstellen kann. Die »hehre
Himmelskönigin« erscheint hier so sehr im Vordergrund aller Vorstellungen (wie
es auch unzählige Madonnenbilder und Sagen bezeugen), daß die drei
männlichen Personen dagegen ganz zurücktreten.
Nun hat sich aber außerdem schon frühzeitig in der Phantasie der gläubigen
Christen eine zahlreiche Gesellschaft von »H e i l i g e n« aller Art zu dieser
obersten Himmelsregierung gesellt, und musikalische Engel sorgen dafür, daß es
im »ewigen Leben« an Konzertgenüssen nicht fehlt. Die römischen Päpste —
die größten Charlatans, die jemals eine Religion hervorgebracht hat! — sind
beständig beflissen, durch neue Heiligsprechungen die Zahl dieser
anthropomorphen Himmelstrabanten zu vermehren. Den reichsten und
interessantesten Zuwachs hat aber diese seltsame Paradiesgesellschaft am
13. Juli 1870 dadurch bekommen, daß das vatikanische Konzil die Päpste als
Stellvertreter Christi für u n f e h l b a r erklärt und sie damit selbst zum Range
von G ö t t e r n erhoben hat. Nimmt man dazu noch den von ihnen anerkannten
»persönlichen Teufel« und die »bösen Engel«, welche seinen Hofstaat bilden, so
gewährt uns der P a p i s m u s, die heute noch meistverbreitete Form des
modernen Christentums, ein so buntes Bild des reichsten anthropistischen
P o l y t h e i s m u s, daß der hellenische Olymp im Vergleiche dazu klein und
dürftig erscheint.
Der Islam (oder der m o h a m m e d a n i s c h e M o n o t h e i s m u s) ist die
jüngste Form der Eingötterei. Als der junge Mohammed (geb. 570) frühzeitig
den polytheistischen Götzendienst seiner arabischen Stammesgenossen
verachten und das Christentum der Nestorianer kennen lernte, eignete er sich
zwar ihre Grundlehren im allgemeinen an; er konnte sich aber nicht
entschließen, in Christus etwas anderes zu erblicken als einen Propheten, gleich
Moses. Im Dogma der Dreieinigkeit fand er das, was bei unbefangenem
Nachdenken jeder vorurteilsfreie Mensch darin finden muß, einen widersinnigen Glaubenssatz, der weder mit den Grundsätzen unserer Vernunft vereinbar noch
für unsere religiöse Erhebung von irgend welchem Werte ist. Die Anbetung der
unbefleckten Jungfrau Maria als der »Mutter Gottes« betrachtete er ebenso als
eitle Götzendienerei wie die Verehrung von Bildern und Bildsäulen. Je länger er
darüber nachdachte, und je mehr er nach einer reineren Gottesvorstellung
hinstrebte, desto klarer wurde ihm die Gewißheit seines Hauptsatzes: »Gott ist
der alleinige Gott«; es gibt keine anderen Götter neben ihm.
Allerdings konnte auch Mohammed sich von dem Anthropomorphismus der
Gottesvorstellung nicht frei machen. Auch sein alleiniger Gott blieb ein
idealisierter, allmächtiger Mensch, ebenso wie der strenge, strafende Gott des
Moses, ebenso wie der milde, liebende Gott des Christus. Aber trotzdem kann
man der mohammedanischen Religion den Vorzug lassen, daß sie auch im
Verlaufe ihrer historischen Entwickelung und unvermeidlichen Abartung den
ursprünglichen reinen Charakter strenger bewahrte als die mosaische und die
christliche Religion. Das zeigt sich auch heute noch äußerlich in den
Gebetsformen und Predigtweisen ihres Kultus, wie in der Architektur und
Ausschmückung ihrer Gotteshäuser. Als ich 1873 zum ersten Male den Orient
besuchte und die herrlichen Moscheen in Kairo und Smyrna, in Brussa und
Konstantinopel bewunderte, erfüllten mich mit wahrer Andacht die einfache und
geschmackvolle Dekoration des Innern, der erhabene und zugleich prächtige
architektonische Schmuck des Äußern. Wie edel und erhaben erscheinen diese
Moscheen im Vergleiche zu der Mehrzahl der katholischen Kirchen, welche
innen mit bunten Bildern und goldenem Flitterkram überladen, außen durch
übermäßige Fülle von Menschen- und Tierfiguren verunstaltet sind! Nicht
minder schön erscheinen die stillen Gebete und die einfachen Andachtsübungen
des Koran im Vergleiche mit dem lauten, unverstandenen Wortgeplapper der
katholischen Messen und der lärmenden Musik ihrer theatralischen
Prozessionen.
Mixotheismus (Mischgötterei). Unter diesem Begriffe kann man füglich alle
diejenigen Formen des Götterglaubens zusammenfassen, welche
M i s c h u n g e n von religiösen Vorstellungen verschiedener und zum Teil direkt
widersprechender Art enthalten. Theoretisch ist diese weitestverbreitete
Religionsform bisher nirgends anerkannt. Praktisch aber ist sie die wichtigste
und merkwürdigste von allen. Denn die große Mehrzahl der Menschen, die sich
überhaupt religiöse Vorstellungen bildeten, waren von jeher und sind noch heute
M i x o t h e i s t e n; ihre Gottesvorstellung ist bunt gemischt aus den frühzeitig in
der Kindheit eingeprägten Glaubenssätzen ihrer speziellen Konfession und aus
vielen verschiedenen Eindrücken, welche später bei der Berührung mit anderen Glaubensformen empfangen werden, und welche die ersteren modifizieren. Bei
vielen Gebildeten kommen dazu noch der umgestaltende Einfluß
philosophischer Studien im reiferen Alter und vor allem die unbefangene
Beschäftigung mit den Erscheinungen der Natur, welche die Nichtigkeit der
theistischen Glaubensbilder dartun. Der Kampf dieser widersprechenden
Vorstellungen, welcher für feiner empfindende Gemüter äußerst schmerzlich ist
und oft das ganze Leben hindurch unentschieden bleibt, offenbart klar die
ungeheure Macht der Ve r e r b u n g alter Glaubenssätze einerseits und der
frühzeitigen A n p a s s u n g an irrtümliche Lehren andererseits. Die besondere
Konfession, in welche das Kind von frühester Jugend an durch die Eltern
eingezwängt wurde, bleibt meistens in der Hauptsache maßgebend, falls nicht
später durch den stärkeren Einfluß eines anderen Glaubensbekenntnisses eine
Konversion eintritt. Aber auch bei diesem Übertritt von einer Glaubensform zur
anderen ist oft der neue Name, ebenso wie der alte aufgegebene, nur eine äußere
Etikette, unter welcher bei näherer Untersuchung die allerverschiedensten
Überzeugungen und Irrtümer sich bunt gemischt verstecken. Die große Mehrzahl
der sogenannten Christen sind nicht Monotheisten (wie sie glauben), sondern
Amphitheisten, Triplotheisten oder Polytheisten. Dasselbe gilt aber auch von den
Bekennern des Islam und des Mosaismus, wie von anderen monotheistischen
Religionen. Überall gesellen sich zu der ursprünglichen Vorstellung des
»alleinigen oder dreieinigen Gottes« später erworbene Glaubensbilder von
untergeordneten Gottheiten: Engeln, Teufeln, Heiligen und anderen Dämonen,
eine bunte Mischung der verschiedensten theistischen Gestalten.
Wesen des Theismus. Alle hier angeführten Formen des Theismus im
eigentlichen Sinne haben gemeinsam die Vorstellung Gottes als des
A u ß e r w e l t l i c h e n oder Ü b e r n a t ü r l i c h e n. Immer steht Gott als
selbständiges Wesen der Welt oder der Natur gegenüber, meistens als Schöpfer,
Erhalter und Regierer der Welt. In den allermeisten Religionen kommt dazu
noch der Charakter des P e r s ö n l i c h e n und bestimmter noch die Vorstellung,
daß Gott als Person dem Menschen ähnlich ist. »In seinen Göttern malet sich der
Mensch.« Dieser A n t h r o p o m o r p h i s m u s G o t t e s, die Vorstellung eines
Wesens, welches gleich dem Menschen denkt, empfindet und handelt, ist bei der
großen Mehrzahl der Gottesgläubigen maßgebend, bald in mehr roher und
naiver, bald in mehr feiner und abstrakter Form. Allerdings wird die
fortgeschrittenste Form der Theosophie behaupten, daß Gott als höchstes Wesen
von absoluter Vollkommenheit und daher gänzlich von dem unvollkommenen
Wesen des Menschen verschieden sei. Allein bei genauerer Untersuchung bleibt
immer das Gemeinsame beider ihre Seelen-oder Geistestätigkeit.
Der persönliche Anthropismus Gottes ist bei der großen Mehrzahl der
Gläubigen zu einer so geläufigen Vorstellung geworden, daß sie keinen Anstoß
an der menschlichen Personifikation Gottes in Bildern und Statuen nehmen, und
an den mannigfaltigen Dichtungen der Phantasie, in welchen Gott menschliche
Gestalt annimmt. In vielen Mythen erscheint die Person Gottes auch in Gestalt
anderer Säugetiere (Affen, Löwen, Stiere usw.), seltener in Gestalt von Vögeln
(Adler, Tauben, Schwäne) oder in Form von anderen Wirbeltieren (Schlangen,
Krokodile, Drachen).
In den höheren und abstrakteren Religionsformen wird diese körperliche
Erscheinung aufgegeben und Gott nur als »r e i n e r G e i s t« ohne Körper
verehrt. »Gott ist ein Geist, und wer ihn anbetet, soll ihn im Geist und in der
Wahrheit anbeten.« Trotzdem bleibt aber die Seelentätigkeit dieses reinen
Geistes ganz dieselbe wie diejenige der anthropomorphen Gottesperson. In
Wirklichkeit wird auch dieser immaterielle Geist nicht unkörperlich, sondern
unsichtbar gedacht, gasförmig.
II. Pantheismus (All-Eins-Lehre): G o t t u n d W e l t s i n d e i n
e i n z i g e s W e s e n . Der Begriff Gottes fällt mit demjenigen der N a t u r oder
der S u b s t a n z zusammen. Diese pantheistische Weltanschauung steht im
Prinzip sämtlichen angeführten und allen sonst noch möglichen Formen des
T h e i s m u s schroff gegenüber, wenngleich man durch Entgegenkommen von
beiden Seiten die tiefe Kluft zwischen beiden zu überbrücken, sich vielfach
bemüht hat. Immer bleibt zwischen beiden der fundamentale Gegensatz
bestehen, daß im T h e i s m u s Gott als außerweltliches oder
e x t r a m u n d a n e s Wesen der Natur schaffend und erhaltend gegenübersteht
und v o n a u ß e n auf sie einwirkt, während im P a n t h e i s m u s Gott als
innerweltliches oder i n t r a m u n d a n e s Wesen allenthalben die Natur selbst ist
und als denkende Substanz, als »Kraft oder Energie« tätig ist. Diese letztere
Ansicht allein ist vereinbar mit dem S u b s t a n z g e s e t z e. Daher ist
notwendigerweise d e r P a n t h e i s m u s d i e W e l t a n s c h a u u n g
u n s e r e r m o d e r n e n N a t u r w i s s e n s c h a f t.
Da der P a n t h e i s m u s erst aus der geläuterten Naturbetrachtung des
denkenden Kulturmenschen hervorgehen konnte, ist er begreiflicherweise viel
jünger als der T h e i s m u s, dessen roheste Formen sicher schon vor mehr als
zehntausend Jahren bei den primitiven Naturvölkern in mannigfaltigen
Variationen ausgebildet wurden. Wenn auch in den ersten Anfängen der
Philosophie bei den ältesten Kulturvölkern (in Indien und Ägypten, in China und
Japan) schon mehrere Jahrtausende vor Christus Keime des Pantheismus in
verschiedenen Religionsformen eingestreut sich finden, so tritt doch eine bestimmte philosophische Fassung desselben erst in dem H y l o z o i s m u s
d e r i o n i s c h e n N a t u r p h i l o s o p h e n auf, in der ersten Hälfte des
6. Jahrhunderts vor Chr. Alle großen Denker dieser Blüteperiode des
hellenischen Geistes überragt der gewaltige A n a x i m a n d e r von Milet, der
die prinzipielle Einheit des u n e n d l i c h e n W e l t g a n z e n tief und klar
erfaßte. Nicht nur den großen Gedanken der ursprünglichen E i n h e i t des
Kosmos, der E n t w i c k e l u n g aller Erscheinungen aus der alles
durchdringenden U r m a t e r i e, hatte A n a x i m a n d e r bereits ausgesprochen,
sondern auch die kühne Vorstellung von zahllosen, in periodischem W e c h s e l
entstehenden und vergehenden Weltbildungen.
Auch viele von den folgenden großen Philosophen des klassischen Altertums,
vor allen D e m o k r i t o s, H e r a k l i t o s und E m p e d o k l e s, hatten in
gleichem oder ähnlichem Sinne tief eindringend bereits jene Einheit von Natur
und Gott, von Körper und Geist erfaßt, welche im Substanzgesetze unseres
heutigen M o n i s m u s den bestimmtesten Ausdruck gewonnen hat. Der große
römische Dichter und Naturphilosoph L u c r e t i u s C a r u s hat ihn in seinem
berühmten Lehrgedichte »De rerum natura« in hochpoetischer Form dargestellt.
Allein dieser naturwahre pantheistische Monismus wurde bald ganz
zurückgedrängt durch den mystischen Dualismus von P l a t o und besonders
durch den gewaltigen Einfluß, den seine idealistische Philosophie durch die
Verschmelzung mit den christlichen Glaubenslehren gewann. Als sodann deren
mächtigster Anwalt, der römische Papst, die geistige Weltherrschaft gewann,
wurde der Pantheismus gewaltsam unterdrückt; G i o r d a n o B r u n o, sein
geistvollster Vertreter, wurde am 17. Februar 1600 auf dem Campo Fiori in Rom
von dem »Stellvertreter Gottes« lebendig verbrannt.
Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde durch den großen
B a r u c h S p i n o z a das System des Pantheismus in reinster Form ausgebildet;
er stellte für die Gesamtheit der Dinge den reinen S u b s t a n z b e g r i f f auf, in
welchem »Gott und Welt« untrennbar vereinigt sind. Wir müssen die Klarheit,
Sicherheit und Folgerichtigkeit des monistischen Systems von S p i n o z a heute
um so mehr bewundern, als diesem gewaltigen Denker vor 250 Jahren noch alle
die sicheren empirischen Fundamente fehlten, die wir erst in der zweiten Hälfte
des 19. Jahrhunderts gewonnen haben. Das Verhältnis von S p i n o z a zum
späteren M a t e r i a l i s m u s im 18. und zu unserem heutigen M o n i s m u s im
19. Jahrhundert haben wir bereits im ersten Kapitel besprochen. Zur weiteren
Verbreitung desselben, besonders im deutschen Geistesleben, haben vor allem
die unsterblichen Werke unseres größten Dichters und Denkers beigetragen,
W o l f g a n g G o e t h e. Seine herrlichen Dichtungen »Gott und Welt«, »Prometheus«, »Faust« usw. hüllen die Grundgedanken des Pantheismus in die
vollkommenste und schönste dichterische Form.
Die Beziehungen unseres heutigen Monismus zu den früheren philosophischen
Systemen, sowie die wichtigsten Grundzüge von deren historischer
Entwickelung, sind in dem »Grundriß der Geschichte der Philosophie« von
F r i e d r i c h Ü b e r w e g eingehend dargestellt (10. Auflage, bearbeitet von
M a x H e i n z e, Berlin 1906). Eine vortreffliche klare Übersicht derselben —
gewissermaßen eine »Stammesgeschichte der Welträtsel und der Versuche zu
ihrer Lösung« — hat F r i t z S c h u l t z e (Dresden) in seinem
»S t a m m b a u m d e r P h i l o s o p h i e« gegeben; ein »Tabellarisch-
Schematischer Grundriß der Geschichte der Philosophie von den Griechen bis
zur Gegenwart« (Leipzig, 2. Auflage, 1899).
Atheismus (»Die entgötterte Weltanschauung«). Es g i b t k e i n e n Gott und
keine Götter, falls man unter diesem Begriff persönliche, außerhalb der Natur
stehende Wesen versteht. Diese »g o t t l o s e W e l t a n s c h a u u n g« fällt im
wesentlichen mit dem M o n i s m u s oder P a n t h e i s m u s unserer modernen
Naturwissenschaft zusammen; sie gibt nur einen anderen Ausdruck dafür, indem
sie eine negative Seite desselben hervorhebt, die Nichtexistenz einer
außerweltlichen und übernatürlichen Gottheit. In diesem Sinne sagt
S c h o p e n h a u e r ganz richtig: »P a n t h e i s m u s ist nur ein höflicher
Atheismus. Die Wahrheit des Pantheismus besteht in der Aufhebung des
dualistischen Gegensatzes zwischen Gott und Welt, in der Erkenntnis, daß die
Welt aus ihrer inneren Kraft und durch sich selbst da ist. Der Satz des
Pantheismus: 'Gott und die Welt ist eins' ist bloß eine höfliche Wendung, dem
Herrgott den Abschied zu geben.«
Während des ganzen Mittelalters, unter der blutigen Tyrannei des Papismus,
wurde der A t h e i s m u s als die entsetzlichste Form der Weltanschauung mit
Feuer und Schwert verfolgt. Da der »Gottlose« im Evangelium mit dem »Bösen«
schlechtweg identifiziert und ihm im ewigen Leben die Höllenstrafe der ewigen
Verdammnis angedroht wird, ist es begreiflich, daß jeder gute Christ selbst den
entfernten Verdacht des Atheismus ängstlich mied. Leider besteht auch heute
noch diese Auffassung in weiten Kreisen fort. Dem a t h e i s t i s c h e n
Naturforscher, der seine Kraft und sein Leben der Erforschung der W a h r h e i t
widmet, traut man von vornherein alles Böse zu; der t h e i s t i s c h e
Kirchgänger dagegen, der die leeren Zeremonien des papistischen Kultus
gedankenlos mitmacht, gilt schon deswegen als guter Staatsbürger, auch wenn er
sich bei seinem G l a u b e n gar nichts denkt und nebenher der verwerflichsten
Moral huldigt. Dieser Irrtum wird sich erst klären, wenn im 20. Jahrhundert der herrschende Aberglaube mehr der vernünftigen Naturerkenntnis weicht und der
monistischen Überzeugung der E i n h e i t v o n G o t t u n d W e l t.
S e c h z e h n t e s K a p i t e l .
Wissen und Glauben.
Monistische Studien über Erkenntnis der Wahrheit. Sinnestätigkeit und
Vernunfttätigkeit. Glauben und Aberglauben Erfahrung und
Offenbarung.
Alle Arbeit wahrer Wissenschaft geht auf Erkenntnis der W a h r h e i t. Unser
echtes und wertvolles Wissen ist realer Natur und besteht aus Vorstellungen,
welche wirklich existierenden Dingen entsprechen. Wir sind zwar unfähig, das
innerste Wesen dieser realen Welt — »das Ding an sich« — zu erkennen; aber
unbefangene und kritische Beobachtung und Vergleichung überzeugt uns, daß
bei normaler Beschaffenheit des Gehirns und der Sinnesorgane die Eindrücke
der Außenwelt auf diese bei allen vernünftigen Menschen dieselben sind, und
daß bei normaler Funktion der Denkorgane bestimmte, überall gleiche
Vorstellungen gebildet werden; diese nennen wir wahr und sind dabei überzeugt,
daß ihr Inhalt dem erkennbaren Teile der Dinge entspricht. Wir w i s s e n, daß
diese Tatsachen nicht eingebildet, sondern wirklich sind.
Erkenntnisquellen. Alle Erkenntnis der Wahrheit beruht auf zwei
verschiedenen, aber innig zusammenhängenden Gruppen von physiologischen
Funktionen des Menschen; erstens auf der E m p f i n d u n g der Objekte mittels
der Sinnestätigkeit, und zweitens auf der Verbindung der so gewonnenen
Eindrücke durch Assozion zur Vo r s t e l l u n g im Subjekt. Die Werkzeuge der
Empfindung sind die S i n n e s o r g a n e; die Werkzeuge, welche die
Vorstellungen bilden und verknüpfen, sind die D e n k o r g a n e. Diese letzteren
sind Teile des zentralen, die ersteren Teile des peripheren N e r v e n s y s t e m s,
jenes wichtigsten und höchstentwickelten Organsystems der höheren Tiere,
dessen Funktion einzig und allein die gesamte Seelentätigkeit ist.
Sinnesorgane (Sensilla). Die Sinnestätigkeit des Menschen, welche der e r s t e
A u s g a n g s p u n k t a l l e r E r k e n n t n i s ist, hat sich langsam und
allmählich aus derjenigen der nächstverwandten Säugetiere, der Primaten,
entwickelt. Die Organe derselben sind in dieser höchstentwickelten Tierklasse
überall von wesentlich gleichem Bau, und ihre Funktion erfolgt überall nach
denselben physikalischen und chemischen Gesetzen. Sie haben sich allenthalben
in derselben historischen Weise entwickelt. Wie bei allen anderen Tieren, so sind auch bei den Säugetieren alle Sensillen ursprünglich Teile der Hautdecke, und
die empfindlichen Zellen der O b e r h a u t sind die Ureltern aller der
verschiedenen Sinnesorgane, welche durch Anpassung an verschiedene Reize
(Licht, Wärme, Schall, chemische Reize) ihre spezifische Energie erlangt haben.
Sowohl die Stäbchenzellen der Retina in unserem Auge und die Hörzellen in der
Schnecke unseres Ohres, als auch die Riechzellen in der Nase und die
Schmeckzellen auf unserer Zunge stammen ursprünglich von jenen einfachen
indifferenten Zellen der Oberhaut ab, welche die ganze Oberfläche unseres
Körpers überziehen. Diese bedeutungsvolle Tatsache wird durch die
unmittelbare Beobachtung am Embryo des Menschen ebenso wie aller anderen
Tiere direkt bewiesen. Aus dieser ontogenetischen Tatsache folgt aber nach dem
Biogenetischen Grundgesetz mit Sicherheit der phylogenetische Schluß, daß
auch in der langen Stammesgeschichte unserer Vorfahren die höheren
Sinnesorgane mit ihren speziellen Energien ursprünglich aus der Oberhaut
niederer Tiere entstanden sind, aus einer einfachen Zellenschicht, die noch keine
solchen gesonderten Sensillen enthielt.
Spezifische Energie der Sensillen. Von größter Bedeutung für die menschliche
Erkenntnis ist die Tatsache, daß verschiedene Nerven unseres Körpers imstande
sind, ganz verschiedene Qualitäten der Außenwelt und nur diese wahrzunehmen.
Der Sehnerv des Auges vermittelt nur Lichtempfindung, der Hörnerv des Ohres
nur Schallempfindung, der Riechnerv der Nase nur Geruchsempfindung usw.
Gleichviel, welche Reize das einzelne Sinneswerkzeug treffen und erregen, ihre
Reaktion behält dieselbe Qualität. Aus dieser s p e z i f i s c h e n E n e r g i e der
Sinnesnerven, welche von J o h a n n e s M ü l l e r zuerst in ihrer weitreichenden
Bedeutung gewürdigt wurde, sind sehr irrtümliche Schlüsse gezogen worden,
besonders zugunsten einer dualistischen und apriorischen Erkenntnistheorie.
Man behauptete, daß das Gehirn oder die Seele nur einen gewissen Zustand des
erregten Nerven wahrnehme, und daß daraus nichts auf die Existenz und
Beschaffenheit der erregenden Außenwelt geschlossen werden könne. Die
skeptische Philosophie zog daraus den Schluß, daß diese letztere selbst
zweifelhaft sei, und der extreme Idealismus bezweifelte nicht nur diese Realität,
sondern er negierte sie einfach; er behauptete, daß die Welt nur in unserer
Vorstellung existiere.
Diesen Irrtümern gegenüber müssen wir daran erinnern, daß die »spezifische
Energie« ursprünglich nicht eine anerschaffene besondere Qualität einzelner
Nerven, sondern durch A n p a s s u n g an die besondere Tätigkeit der
Oberhautzellen entstanden ist, in welchen sie enden. Nach den großen Gesetzen
der Arbeitsteilung nahmen die ursprünglich indifferenten »H a u t s i n n e s z e l l e n« verschiedene Aufgaben in Angriff, indem die einen
den Reiz der Lichtstrahlen, die anderen den Eindruck der Schallwellen, eine
dritte Gruppe die chemische Einwirkung riechender Substanzen usw.
aufnahmen. Im Laufe langer Zeiträume bewirkten diese äußeren Sinnesreize eine
allmähliche Veränderung der physiologischen und weiterhin auch der
morphologischen Eigenschaften dieser Oberhautstellen, und damit zugleich
veränderten sich die sensiblen Nerven, welche die von ihnen aufgenommenen
Eindrücke zum Gehirn leiteten. Die Selektion verbesserte Schritt für Schritt die
besonderen Umbildungen derselben, welche sich als nützlich erwiesen; sie schuf
so zuletzt im Laufe vieler Jahrmillionen jene bewunderungswürdigen
Instrumente, welche als A u g e und O h r unsere teuersten Güter darstellen. Ihre
Einrichtung ist so wunderbar zweckmäßig, daß sie uns zu der irrtümlichen
Annahme einer »Schöpfung nach vorbedachtem Bauplan« führen könnte. Die
besondere Eigentümlichkeit jedes Sinnesorganes und seiner spezifischen Nerven
hat sich aber erst durch Gewohnheit und Übung — d. h. durch A n p a s s u n g —
allmählich entwickelt und ist dann durch Ve r e r b u n g von Generation zu
Generation übertragen worden.
Grenzen der Sinneswahrnehmung. Die kritische Vergleichung der
Sinnestätigkeit beim Menschen und bei den übrigen Wirbeltieren ergibt eine
Anzahl überaus wichtiger Tatsachen. Ganz besonders gilt dies von den beiden
höchstentwickelten, den »ästhetischen Sinneswerkzeugen«, Auge und Ohr. Sie
zeigen im Stamme der Wirbeltiere einen anderen und verwinkelteren Bau als bei
den übrigen Tieren und entwickeln sich auch im Embryo derselben auf
eigentümliche Weise. Diese typische Ontogenese und Struktur der Sensillen bei
sämtlichen Wirbeltieren erklärt sich durch Ve r e r b u n g von einer
gemeinsamen Stammform. Innerhalb des Stammes aber zeigt sich eine große
Mannigfaltigkeit der Ausbildung im einzelnen, und diese ist bedingt durch die
A n p a s s u n g an die Lebensweise der einzelnen Arten, durch den gesteigerten
oder geminderten Gebrauch der einzelnen Teile.
Der Mensch erscheint nun in bezug auf die Ausbildung seiner Sinne keineswegs
als das vollkommenste und höchstentwickelte Wirbeltier. Das Auge der Vögel ist
viel schärfer und unterscheidet kleine Gegenstände auf weite Entfernung viel
deutlicher als das menschliche Auge. Das Gehör vieler Säugetiere, besonders der
in Wüsten lebenden Raubtiere, Huftiere, Nagetiere usw., ist viel empfindlicher
als das menschliche und nimmt leise Geräusche auf viel weitere Entfernungen
wahr; darauf weist schon ihre große und sehr bewegliche Ohrmuschel hin. Die
Singvögel offenbaren selbst in bezug auf musikalische Begabung eine höhere
Entwickelungsstufe als viele Menschen. Der Geruchssinn ist bei den meisten Säugetieren, namentlich Raubtieren und Huftieren, viel mehr ausgebildet als
beim Menschen; wenn der Hund seine eigene feine Spürnase mit der des
Menschen vergleichen könnte, würde er mitleidig auf letztere herabsehen. Auch
in bezug auf die niederen Sinne, den Geschmackssinn, den Geschlechtssinn, den
Tastsinn und den Temperatursinn, behauptet der Mensch keineswegs in jeder
Beziehung die höchste Entwickelungsstufe.
Wir selbst können natürlich nur über diejenigen Sinnesempfindungen urteilen,
die wir selbst besitzen. Nun weist uns aber die Anatomie im Körper vieler Tiere
noch andere als unsere bekannten Sinnesorgane nach. So besitzen die Fische und
andere niedere, im Wasser lebende Wirbeltiere eigentümliche Sensillen in der
Haut, welche mit besonderen Sinnesorganen in Verbindung stehen. In den Seiten
des Fischkörpers verläuft rechts und links ein langer Kanal, der vorn am Kopfe
in mehrere verzweigte Kanäle übergeht. In diesen »Schleimkanälen« liegen
Nerven mit zahlreichen Ästen, deren Enden mit eigentümlichen Nervenhügeln
verbunden sind. Wahrscheinlich dient dieses ausgedehnte »Hautsinnesorgan« zur
Wahrnehmung von Unterschieden im Wasserdruck oder in chemischen
Eigenschaften des Wassers. Einige Gruppen sind noch durch den Besitz anderer
eigentümlicher Sensillen ausgezeichnet, deren Bedeutung uns unbekannt ist.
Schon aus diesen Tatsachen ergibt sich, daß unsere menschliche Sinnestätigkeit
beschränkt ist, und zwar sowohl in quantitativer als in qualitativer Hinsicht. Wir
können also mit unseren Sinnen, vor allem dem Auge und dem Tastsinn, immer
nur einen Teil der Eigenschaften erkennen, welche die Objekte der Außenwelt
besitzen. Aber auch diese partielle Wahrnehmung ist unvollständig, insofern
unsere Sinneswerkzeuge unvollkommen sind und die Sinnesnerven als
Dolmetscher dem Gehirn nur die Übersetzung der empfangenen Eindrücke
mitteilen.
Diese anerkannte Unvollkommenheit unserer Sinnestätigkeit darf uns aber nicht
hindern, in ihren Werkzeugen, und vor allem im Auge, die edelsten Organe zu
erblicken; im Vereine mit den Denkorganen des Gehirns sind sie das wertvollste
Geschenk der Natur für den Menschen. In voller Wahrheit sagt A l b r e c h t
R a u (a. a. O.): »A l l e W i s s e n s c h a f t i s t i n l e t z t e r L i n i e
S i n n e s e r k e n n t n i s; die Data der Sinne werden darin nicht negiert, sondern
interpretiert. Die Sinne sind unsere ersten und besten Freunde; lange bevor sich
der Verstand entwickelt, sagen die Sinne dem Menschen, was er tun und lassen
soll. Wer die S i n n l i c h k e i t überhaupt verneint, um ihren Gefahren zu
entgehen, der handelt ebenso unbesonnen und töricht als der, welcher seine
Augen ausreißt, weil sie einmal auch schändliche Dinge sehen könnten; oder der,
welcher seine Hand abhaut, weil er fürchtet, sie könnte einmal auch nach fremdem Gute langen.« Mit vollem Rechte nennt deshalb F e u e r b a c h alle
Philosophen, alle Religionen, alle Institute, die dem Prinzipe der
S i n n l i c h k e i t widersprechen, nicht nur irrtümliche, sondern sogar
g r u n d v e r d e r b l i c h e. Ohne Sinne keine Erkenntnis! »Nihil est in intellectu, quod
non fuerit in sensu!« (L o c k e.)
Hypothese und Glaube. Der Erkenntnistrieb des hochentwickelten
Kulturmenschen begnügt sich nicht mit jener lückenhaften Kenntnis der
Außenwelt, welche er durch seine unvollkommenen Sinnesorgane gewinnt. Er
bemüht sich vielmehr, die sinnlichen Eindrücke, welche er durch dieselben
gewonnen hat, in Erkenntniswerte umzusetzen; er verwandelt sie in den
Sinnesherden der Großhirnrinde in spezifische Sinnesempfindungen und
verbindet diese durch A s s o z i o n in deren Denkherden zu Vorstellungen; durch
weitere Verkettung der Vorstellungsgruppen gelangt er endlich zu
zusammenhängendem Wissen. Aber dieses Wissen bleibt immer lückenhaft und
unbefriedigend, wenn nicht die P h a n t a s i e die ungenügende
Kombinationskraft des erkennenden Verstandes ergänzt und durch Assozion von
Gedächtnisbildern entfernt liegende Erkenntnisse zu einem zusammenhängenden
Ganzen verknüpft. Dabei entstehen neue allgemeine Vorstellungsgebilde, welche
erst die wahrgenommenen Tatsachen erklären und das »Kausalitätsbedürfnis der
Vernunft befriedigen«.
Die Vorstellungen, welche die Lücken des Wissens ausfüllen oder an dessen
Stelle treten, kann man im weiteren Sinne als »G l a u b e n« bezeichnen. So
geschieht es fortwährend im alltäglichen Leben. Wenn wir irgend eine Tatsache
nicht sicher wissen, so sagen wir: Ich glaube sie. In diesem Sinne sind wir auch
in der Wissenschaft selbst zum Glauben gezwungen; wir vermuten oder nehmen
an, daß ein bestimmtes Verhältnis zwischen zwei Erscheinungen besteht, obwohl
wir es nicht sicher kennen. Wir bilden eine H y p o t h e s e. Indessen dürfen in
der Wissenschaft nur solche Hypothesen zugelassen werden, die innerhalb des
menschlichen Erkenntnisvermögens liegen, und die nicht bekannten Tatsachen
widersprechen. Solche Hypothesen sind z. B. in der Physik die Lehre von
Schwingungen des Äthers, in der Chemie die Annahme der Atome und deren
Wahlverwandtschaft, in der Biologie die Lehre von der Molekularstruktur des
lebendigen Plasmas usw.
Theorie und Glaube. Die Erklärung einer größeren Reihe von
zusammenhängenden Erscheinungen durch Annahme einer gemeinsamen
Ursache nennen wir T h e o r i e. Auch bei der Theorie, wie bei der Hypothese, ist
der G l a u b e (in wissenschaftlichem Sinne!) unentbehrlich; denn auch hier
ergänzt die dichtende Phantasie die Lücke, welche der Verstand in der Erkenntnis des Zusammenhangs der Dinge offen läßt. Die Theorie kann daher
immer nur als eine Annäherung an die Wahrheit betrachtet werden; es muß
zugestanden werden, daß sie später durch eine andere, besser begründete Theorie
verdrängt werden kann. Trotz dieser eingestandenen Unsicherheit bleibt die
Theorie für jede wahre Wissenschaft unentbehrlich; denn sie e r k l ä r t erst die
Tatsachen durch Annahme von Ursachen. Wer auf die Theorie ganz verzichten
und reine Wissenschaft bloß aus »sicheren Tatsachen« aufbauen will (wie es oft
von beschränkten Köpfen in der modernen sogenannten »exakten
Naturwissenschaft« geschieht), der verzichtet damit auf die Erkenntnis der
Ursachen überhaupt und somit auf die Befriedigung des Kausalitätsbedürfnisses
der Vernunft.
Die Gravitationstheorie in der Astronomie (N e w t o n), die Nebulartheorie in
der Kosmogenie (K a n t und L a p l a c e), das Energieprinzip in der Physik
(M a y e r und H e l m h o l t z), die Atomtheorie in der Chemie (D a l t o n), die
Zellentheorie in der Gewebelehre (S c h l e i d e n und S c h w a n n), die
Deszendenztheorie in der Biologie (L a m a r c k und D a r w i n) sind gewaltige
Theorien ersten Ranges; sie erklären eine ganze Welt von großen
Naturerscheinungen durch Annahme e i n e r g e m e i n s a m e n U r s a c h e für
alle einzelnen Tatsachen ihres Gebietes und durch den Nachweis, daß alle
Erscheinungen in demselben zusammenhängen und durch feste, von dieser einen
Ursache ausgehende Gesetze geregelt werden. Dabei kann aber diese Ursache
selbst ihrem Wesen nach unbekannt oder nur eine »provisorische Hypothese«
sein. Die »S c h w e r k r a f t« in der Gravitationstheorie und in der Kosmogenie,
die »E n e r g i e« selbst in ihrem Verhältnis zur Materie, das »A t o m« in der
Chemie, das lebendige »P l a s m a« in der Zellenlehre, die »Ve r e r b u n g« in
der Abstammungslehre — diese und ähnliche Grundbegriffe in anderen großen
Theorien können von der skeptischen Philosophie als »bloße Hypothesen«, als
Erzeugnisse des wissenschaftlichen G l a u b e n s betrachtet werden, aber sie
bleiben uns als solche u n e n t b e h r l i c h, so lange, bis sie durch eine bessere
Hypothese ersetzt werden.
Glaube und Aberglaube. Ganz anderer Natur als diese Formen des
wissenschaftlichen Glaubens sind diejenigen Vorstellungen, welche in den
verschiedenen R e l i g i o n e n zur Erklärung der Erscheinungen benutzt und
schlechtweg als G l a u b e im engeren Sinne bezeichnet werden. Da aber diese
beiden Glaubensformen, der »natürliche Glaube« der Wissenschaft und der
»übernatürliche Glaube« der Religion, nicht selten verwechselt werden und so
Verwirrung entsteht, ist es zweckmäßig, ja notwendig, ihren p r i n z i p i e l l e n
G e g e n s a t z scharf zu betonen. Der »religiöse« Glaube ist stets W u n d e r g l a u b e und steht als solcher mit dem natürlichen Glauben der
Vernunft in unversöhnlichem Widerspruch. Im Gegensatz zu letzterem behauptet
er übernatürliche Vorgänge und kann somit als »Ü b e r g l a u b e« oder
»O b e r g l a u b e« bezeichnet werden, die ursprüngliche Form des Wortes
A b e r g l a u b e. Der wesentliche Unterschied dieses Aberglaubens von dem
»vernünftigen Glauben« besteht eben darin, daß er übernatürliche Kräfte und
Erscheinungen annimmt, welche die Wissenschaft nicht kennt und nicht zuläßt,
welche durch irrtümliche Wahrnehmungen und falsche Phantasiedichtungen
erzeugt sind; der Aberglaube widerspricht mithin den klar erkannten
Naturgesetzen und ist als solcher u n v e r n ü n f t i g.
Aberglaube der Naturvölker. Durch die moderne Ethnologie ist uns eine
erstaunliche Fülle von mannigfaltigen Formen und Erzeugnissen des
Aberglaubens bekannt geworden, wie sie noch heute unter den rohen
Naturvölkern existieren. Vergleicht man dieselben untereinander und mit den
entsprechenden mythologischen Vorstellungen früherer Zeiten, so ergibt sich
eine vielfache Analogie, oft ein gemeinsamer Ursprung und schließlich eine
einfache Urquelle für alle. Diese finden wir in dem natürlichen
K a u s a l i t ä t s b e d ü r f n i s s e d e r Ve r n u n f t, in dem Suchen nach
Erklärung unbekannter Erscheinungen durch Auffinden ihrer Ursachen.
Besonders gilt das von solchen Bewegungserscheinungen, die Gefahr drohen
und Furcht erregen, wie Blitz und Donner, Erdbeben, Mondfinsternis usw. Das
Bedürfnis nach kausaler Erklärung solcher Naturerscheinungen besteht schon bei
den Naturvölkern der niedersten Stufe und ist bereits von ihren Primatenahnen
durch Vererbung übertragen. Es besteht ebenso bei vielen anderen Wirbeltieren.
Wenn ein Hund den Vollmond anbellt oder eine tönende Glocke, deren Klöppel
er sich bewegen sieht, oder eine Fahne, die im Winde weht, so äußert er dabei
nicht nur Furcht, sondern auch den dunklen Drang nach Erkenntnis der Ursache
dieser unbekannten Erscheinung. Die rohen Religionsanfänge der primitiven
Naturvölker haben ihre Wurzeln teilweise in solchem erblichen Aberglauben
ihrer Primatenahnen, teilweise im Ahnenkultus, in verschiedenen
Gemütsbedürfnissen und in traditionell gewordenen Gewohnheiten.
Aberglaube der Kulturvölker. Die religiösen Glaubensvorstellungen der
modernen Kulturvölker, die ihnen als wertvollster geistiger Besitz gelten,
pflegen von ihnen hoch über den »rohen Aberglauben« der Naturvölker gestellt
zu werden; man preist den großen Fortschritt, welchen die aufklärende Kultur
durch Beseitigung des letzteren herbeigeführt habe. Das ist ein großer Irrtum!
Bei unbefangener kritischer Prüfung und Vergleichung zeigt sich, daß beide nur
durch die besondere »Gestalt des Glaubens« und durch die äußere Hülle der Konfession voneinander verschieden sind. Im klaren Lichte der Ve r n u n f t
erscheint der destillierte Wunderglaube der freisinnigsten Kirchenreligionen —
insofern er klar erkannten und festen Naturgesetzen widerspricht — genau so als
unvernünftiger Aberglaube, wie der rohe Gespensterglaube der primitiven
Fetischreligionen, auf welchen jene stolz herabsehen.
Werfen wir von diesem unbefangenen Standpunkte einen kritischen Blick auf die
gegenwärtig noch herrschenden Glaubensvorstellungen der heutigen
Kulturvölker, so finden wir sie allenthalben von traditionellem Aberglauben
durchdrungen. Der christliche Glaube an die Schöpfung, die Dreieinigkeit
Gottes, an die unbefleckte Empfängnis Mariä, an die Erlösung, die Auferstehung
und Himmelfahrt Christi usw. ist ebenso r e i n e D i c h t u n g und kann
ebensowenig mit der vernünftigen Naturerkenntnis in Einklang gebracht werden,
als die verschiedenen Dogmen der mohammedanischen und mosaischen, der
buddhistischen und brahmanischen Religion. Jede von diesen Religionen ist für
den wahrhaft »G l ä u b i g e n« eine zweifellose Wahrheit, und jede von ihnen
betrachtet jede andere Glaubenslehre als Ketzerei und verderblichen Irrtum. Je
mehr eine bestimmte Konfession sich für die »allein seligmachende« hält — für
die »k a t h o l i s c h e« —, und je inniger diese Überzeugung als heiligste
Herzenssache verteidigt wird, desto eifriger muß sie naturgemäß alle anderen
Konfessionen bekämpfen, und desto fanatischer gestalten sich die fürchterlichen
Glaubenskriege, welche die traurigsten Blätter im Buche der Kulturgeschichte
bilden. Und doch überzeugt uns die unparteiische »K r i t i k d e r r e i n e n
Ve r n u n f t«, daß alle diese verschiedenen Glaubensformen in gleichem Maße
unwahr und unvernünftig sind, Produkte der dichtenden Phantasie und der
unkritischen Tradition. Die vernünftige Wissenschaft muß sie samt und sonders
als Erzeugnisse des Aberglaubens verwerfen.
Glaubensbekenntnis (Konfession). Der unermeßliche Schaden, welchen der
unvernünftige Aberglaube seit Jahrtausenden in der gläubigen Menschheit
angerichtet hat, offenbart sich wohl nirgends auffälliger als in dem
unaufhörlichen »Kampfe der Glaubensbekenntnisse«. Unter allen Kriegen,
welche die Völker mit Feuer und Schwert gegeneinander geführt haben, sind die
Religionskriege die blutigsten gewesen; unter allen Formen der Zwietracht,
welche das Glück der Familien und der einzelnen Personen zerstört haben, sind
die religiösen, dem Glaubensunterschiede entsprungenen, noch heute die
gehässigsten. Man denke nur an die vielen Millionen Menschen, welche in den
Christenbekehrungen und -Verfolgungen, in den Glaubenskämpfen des Islam
und der Reformation, durch die Inquisition und die Hexenprozesse ihr Leben
verloren haben. Oder man denke an die noch größere Zahl der Unglücklichen, welche wegen Glaubensverschiedenheiten in Familienzwist geraten, ihr Ansehen
bei den gläubigen Mitbürgern und ihre Stellung im Staate verloren oder aus dem
Vaterlande haben auswandern müssen. Die verderblichste Wirkung übt das
offizielle Glaubensbekenntnis dann, wenn es mit den politischen Zwecken des
Kulturstaates verknüpft und als »konfessioneller Religionsunterricht« in den
Schulen zwangsweise gelehrt wird. Die Vernunft der Kinder wird dadurch schon
frühzeitig von der Erkenntnis der Wahrheit abgelenkt und dem Aberglauben
zugeführt. Jeder Menschenfreund sollte daher die k o n f e s s i o n s l o s e
S c h u l e, als eine der wertvollsten Institutionen des modernen Vernunftstaates,
mit allen Mitteln zu fördern suchen.
Der Glaube unserer Väter. Der hohe Wert, welcher trotzdem noch heute in den
weitesten Kreisen dem konfessionellen Religionsunterricht beigelegt wird, ist
nicht allein durch den Konfessionszwang des rückständigen Kulturstaates und
dessen Abhängigkeit von klerikaler Herrschaft bedingt, sondern auch durch das
Gewicht von alten Traditionen und von »Gemütsbedürfnissen« verschiedener
Art. Unter diesen ist besonders wirkungsvoll die andächtige Verehrung, welche
in weitesten Kreisen der k o n f e s s i o n e l l e n T r a d i t i o n gezollt wird, dem
»heiligen Glauben unserer Väter«. In Tausenden von Erzählungen und
Gedichten wird das Festhalten an demselben als ein geistiger Schatz und als eine
heilige Pflicht gepriesen. Und doch genügt unbefangenes Nachdenken über die
G e s c h i c h t e d e s G l a u b e n s, um uns von der völligen Ungereimtheit
jener einflußreichen Vorstellung zu überzeugen. Der herrschende evangelische
Kirchenglaube in der zweiten Hälfte des aufgeklärten 19. Jahrhunderts ist
wesentlich verschieden von dem in der ersten Hälfte, und dieser wieder von dem
des 18. Jahrhunderts. Der letztere weicht sehr ab von dem »Glauben unserer
Väter« im 17. und noch mehr im 16. Jahrhundert. Die Reformation, welche die
geknechtete Vernunft von der Tyrannei des Papismus befreite, wird natürlich von
dieser als ärgste Ketzerei verfolgt; aber auch der Glaube des Papismus selbst
hatte sich im Laufe eines Jahrtausends völlig verändert. Und wie verschieden ist
der Glaube der getauften Christen von dem ihrer heidnischen Väter! Jeder
selbständig denkende Mensch bildet sich eben seinen eigenen, mehr oder
weniger »persönlichen Glauben«, und immer ist dieser verschieden von dem
seiner Väter; denn er ist abhängig von dem gesamten Bildungszustande seiner
Zeit. Je weiter wir in der Kulturgeschichte zurückgehen, desto mehr erscheint
uns der gepriesene »Glaube unserer Väter« als unhaltbarer Aberglaube, dessen
Formen sich beständig umbilden.
Spiritismus. Eine der merkwürdigsten Formen des Aberglaubens ist diejenige,
welche noch heutzutage in unserer modernen Kulturwelt eine erstaunliche Rolle spielt, der Spiritismus und Okkultismus, der moderne G e i s t e r g l a u b e. Es ist
eine ebenso befremdende wie betrübende Tatsache, daß noch heute Millionen
gebildeter Kulturmenschen von diesem finsteren Aberglauben völlig beherrscht
sind; ja sogar einzelne berühmte Naturforscher haben sich von ihm nicht
losmachen können. Zahlreiche spiritistische Zeitschriften verbreiten diesen
Gespensterglauben in weitesten Kreisen, und unsere »feinsten
Gesellschaftskreise« schämen sich nicht, »Geister« erscheinen zu lassen, welche
klopfen, schreiben, »Mitteilungen aus dem Jenseits« machen usw. Man beruft
sich in den Kreisen der Spiritisten oft darauf, daß selbst angesehene
Naturforscher diesem Aberglauben huldigen. Die bedauerliche Tatsache, daß
selbst hervorragende Physiker und Biologen sich dadurch haben irre führen
lassen, erklärt sich teils aus ihrem Übermaß an Phantasie und Kritikmangel, teils
aus dem mächtigen Einfluß starrer Dogmen, welche religiöse Verziehung dem
kindlichen Gehirn in frühester Jugend schon einprägt. Übrigens ist gerade bei
den berühmten spiritistischen Vorstellungen in Leipzig, in welchen die Physiker
Z ö l l n e r, F e c h n e r und W i l h e l m W e b e r durch den schlauen
Taschenspieler S l a d e irre geführt wurden, dessen Schwindel nachträglich klar
zutage gekommen; er wurde als gemeiner Betrüger entlarvt und bestraft. Auch in
allen anderen Fällen, in welchen die angeblichen »Wunder des Spiritismus«
gründlich untersucht werden konnten, hat sich als Ursache eine gröbere oder
feinere Täuschung herausgestellt; die sogenannten »Medien« (meist weiblichen
Geschlechts) sind teils als schlaue Schwindler entlarvt, teils als nervöse
Personen von ungewöhnlicher Reizbarkeit erkannt worden. Ihre angebliche
T e l e p a t h i e (oder »Fernwirkung des Gedankens ohne materielle
Vermittelung«) existiert ebensowenig als die »Stimmen der Geister«, die
»Seufzer der Gespenster« usw. Die lebhaften Schilderungen, welche C a r l d u
P r e l und andere Spiritisten von solchen »Geistererscheinungen« geben,
beruhen auf Tätigkeit der freien Phantasie, verbunden mit Mangel an Kritik und
an physiologischen Kenntnissen.
Offenbarung. Die meisten Religionen haben trotz ihrer mannigfaltigen
Verschiedenheit einen gemeinsamen Grundzug, der zugleich eine ihrer
mächtigsten Stützen in weiten Kreisen bildet; sie behaupten, die Rätsel des
Daseins, deren Lösung auf natürlichem Wege durch die Vernunft nicht möglich
ist, auf übernatürlichem Wege durch Offenbarung geben zu können; zugleich
leiten sie daraus die Geltung der Dogmen oder Glaubenssätze ab, welche als
»göttliche Gesetze« die Sittenlehre ordnen und die Lebensführung bestimmen
sollen. Derartige göttliche Inspirationen bilden die Grundlage zahlreicher
Mythen und Legenden, deren anthropistischer Ursprung auf der Hand liegt.
Zwar erscheint der Gott, der »sich offenbart«, oft nicht direkt in menschlicher Gestalt, sondern im Donner und Blitz, im Sturm und Erdbeben, im feurigen
Busch oder der drohenden Wolke. Aber die Offenbarung selbst, welche er dem
gläubigen Menschenkinde gibt, wird in allen Fällen anthropistisch gedacht, als
Mitteilung von Vorstellungen oder Befehlen, welche genau so formuliert und
ausgesprochen werden, wie es normalerweise nur durch die Großhirnrinde und
durch den Kehlkopf des Menschen geschieht. In den indischen und ägyptischen
Religionen, in der hellenischen und römischen Mythologie, im Talmud wie im
Koran, im Alten wie im Neuen Testament — denken, sprechen und handeln die
Götter ganz wie die Menschen, und die Offenbarungen, in denen sie uns die
Geheimnisse des Daseins enthüllen, die dunkeln Welträtsel lösen wollen, sind
D i c h t u n g e n der menschlichen Phantasie. Die W a h r h e i t, welche der
Gläubige darin findet, ist menschliche Erfindung, und der »kindliche Glaube« an
diese unvernünftigen Offenbarungen ist Aberglaube.
Die w a h r e O f f e n b a r u n g, d. h. die wahre Quelle vernünftiger Erkenntnis,
ist nur in der N a t u r zu finden. Der reiche Schatz wahren Wissens, der den
wertvollsten Teil der menschlichen Kultur darstellt, ist einzig und allein den
Erfahrungen entsprungen, welche der forschende Verstand durch
N a t u r e r k e n n t n i s gewonnen hat, und den Ve r n u n f tschlüssen, welche er
durch richtige Assozion dieser empirischen Vorstellungen gebildet hat. Jeder
vernünftige Mensch mit normalem Gehirn und normalen Sinnen schöpft bei
unbefangener Betrachtung aus der Natur diese wahre Offenbarung und befreit
sich damit von dem Aberglauben, welchen ihm die Offenbarungen der Religion
aufgebürdet haben.
S i e b z e h n t e s K a p i t e l .
Wissenschaft und Christentum.
Monistische Studien über den Kampf zwischen der wissenschaftlichen
Erfahrung und der christlichen Offenbarung. Vier Perioden in der
historischen Metamorphose der christlichen Religion. Vernunft und
Dogma.
Zu den hervorragenden Charakterzügen des 19. Jahrhunderts gehört die
wachsende Schärfe des Gegensatzes zwischen Wissenschaft und Christentum.
Das ist ganz natürlich und notwendig; denn in demselben Maße, in welchem die
siegreichen Fortschritte der modernen N a t u r e r k e n n t n i s alle
wissenschaftlichen Eroberungen früherer Jahrhunderte überflügeln, ist zugleich
die Unhaltbarkeit aller jener mystischen Weltanschauungen offenbar geworden,
welche die Vernunft unter das Joch der sogenannten »O f f e n b a r u n g« beugen
wollten, und dazu gehört auch die christliche Religion. Je sicherer durch die
moderne Astronomie, Physik und Chemie die Alleinherrschaft unbeugsamer
Naturgesetze im Universum, durch die moderne Botanik, Zoologie und
Anthropologie die Gültigkeit derselben Gesetze im Gesamtbereiche der
organischen Natur nachgewiesen ist, desto heftiger sträubt sich die christliche
Religion, im Vereine mit der dualistischen Metaphysik, die Geltung dieser
Naturgesetze im Bereiche des sogenannten »G e i s t e s l e b e n s« anzuerkennen,
d. h. in einem Teilgebiete der Gehirnphysiologie.
Diesen offenkundigen und unversöhnlichen Gegensatz zwischen der modernen
wissenschaftlichen und der überlebten christlichen Weltanschauung hat niemand
klarer, mutiger und unwiderleglicher bewiesen, als der größte Theologe des
19. Jahrhunderts, D a v i d F r i e d r i c h S t r a u ß. Sein letztes Bekenntnis:
»D e r a l t e u n d d e r n e u e G l a u b e« 1872, (14. Auflage 1900) ist der
allgemein gültige Ausdruck der ehrlichen Überzeugung aller derjenigen
Gebildeten der Gegenwart, welche den unvermeidlichen Konflikt zwischen den
anerzogenen, herrschenden Glaubenslehren des Christentums und den
einleuchtenden, vernunftgemäßen Offenbarungen der modernen
Naturwissenschaft einsehen; aller derjenigen, welche den Mut finden, das Recht
der Ve r n u n f t gegenüber den Ansprüchen des A b e r g l a u b e n s zu wahren,
und welche das philosophische Bedürfnis nach einer einheitlichen Naturanschauung empfinden. S t r a u ß hat als ehrlicher und mutiger Freidenker
weit besser, als ich es vermag, die wichtigsten Gegensätze zwischen »altem und
neuem Glauben« klargelegt. Die volle Unversöhnlichkeit zwischen beiden
Gegensätzen, die Unvermeidlichkeit des Entscheidungskampfes zwischen
beiden — »auf Tod und Leben« — hat von philosophischer Seite namentlich
E d u a r d H a r t m a n n nachgewiesen in seiner interessanten Schrift über die
Selbstzersetzung des Christentums (1874).
Unter den zahlreichen Werken, die im Laufe des 19. Jahrhunderts die
wissenschaftliche Kritik des Christentums, seines Wesens und seiner Lehre
gefördert haben, sind außerdem namentlich folgende hervorzuheben: D a v i d
S t r a u ß, Das Leben Jesu für das deutsche Volk. 1864 (11. Auflage, Bonn
1890). L u d w i g F e u e r b a c h, Das Wesen des Christentums. 1841 (4. Aufl.
1883). P a u l d e R e g l a (P. Desjardin), Jesus von Nazareth, vom
wissenschaftlichen, geschichtlichen und gesellschaftlichen Standpunkte
dargestellt. Leipzig 1894. S . E . Ve r u s, Vergleichende Übersicht der vier
Evangelien. Leipzig 1897.
Wenn man die Werke von S t r a u ß und F e u e r b a c h, sowie die »Geschichte
der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft« von J o h n W i l l i a m
D r a p e r (1875) gelesen hat, könnte es überflüssig erscheinen, diesem
Gegenstande hier ein besonderes Kapitel zu widmen. Trotzdem wird es nützlich
und notwendig sein, hier einen kritischen Blick auf den historischen Verlauf
dieses großen Kampfes zu werfen, und zwar deshalb, weil die A n g r i f f e der
streitenden Kirche auf die Wissenschaft im allgemeinen und auf die
Entwickelungslehre im besonderen in neuester Zeit besonders scharf und
gefahrdrohend geworden sind. Auch ist leider die geistige Erschlaffung, welche
sich neuerdings geltend macht, sowie die steigende Flut der Reaktion auf
politischem, sozialem und kirchlichem Gebiete nur zu sehr geeignet, jene
Gefahren zu verschärfen. Wollte jemand daran zweifeln, so braucht er nur die
Verhandlungen der christlichen Synoden und des Deutschen Reichstags in den
letzten Jahren zu lesen. Im Einklang damit stehen die Bemühungen vieler
weltlicher Regierungen, sich mit dem geistlichen Regimente, ihrem natürlichen
Todfeinde, auf möglichst guten Fuß zu setzen, d. h. sich dessen Joche zu
unterwerfen; als gemeinsames Ziel schwebt dabei den beiden Verbündeten die
Unterdrückung des freien Gedankens und der freien wissenschaftlichen
Forschung vor, mit dem Zwecke, sich auf diese Weise am leichtesten die
a b s o l u t e H e r r s c h a f t zu sichern.
Wir müssen ausdrücklich betonen, daß es sich hier um notgedrungene
Ve r t e i d i g u n g der Wissenschaft und der Vernunft gegen die scharfen Angriffe der christlichen Kirche und ihrer gewaltigen Heerscharen handelt, und
nicht etwa um unberechtigte A n g r i f f e der ersteren gegen die letzteren. In
erster Linie muß dabei unsere Abwehr gegen den P a p i s m u s oder
U l t r a m o n t a n i s m u s gerichtet sein; denn diese »allein seligmachende« und
»für alle bestimmte« katholische Kirche ist nicht allein weit größer und weit
mächtiger als die anderen christlichen Konfessionen, sondern sie besitzt vor
allem den Vorzug einer großartigen, zentralisierten Organisation und einer
unübertroffenen politischen Schlauheit. Man hört allerdings oft von
Naturforschern und von anderen Männern der Wissenschaft die Ansicht äußern,
daß der katholische Aberglaube nicht schlimmer sei als die anderen Formen des
übernatürlichen Glaubens, und daß diese trügerischen »Gestalten des Glaubens«
alle in gleichem Maße die natürlichen Feinde der Vernunft und Wissenschaft
seien. Im allgemeinen theoretischen Prinzip ist diese Behauptung richtig, aber in
bezug auf die praktischen Folgen irrtümlich; denn die zielbewußten und
rücksichtslosen Angriffe der ultramontanen Kirche auf die Wissenschaft,
gestützt auf die Trägheit und Dummheit der Volksmassen, sind vermöge ihrer
mächtigen Organisation ungleich schwerer und gefährlicher als diejenigen aller
anderen Religionen.
Entwickelung des Christentums. Um die ungeheure Bedeutung des
Christentums für die ganze Kulturgeschichte, besonders aber seinen prinzipiellen
Gegensatz gegen Vernunft und Wissenschaft richtig zu würdigen, müssen wir
einen flüchtigen Blick auf die wichtigsten Abschnitte seiner geschichtlichen
Entwickelung werfen. Wir unterscheiden in derselben vier Hauptperioden: I. das
U r c h r i s t e n t u m (die drei ersten Jahrhunderte), II. den P a p i s m u s (zwölf
Jahrhunderte, vom vierten bis fünfzehnten), III. die R e f o r m a t i o n (drei
Jahrhunderte, vom sechzehnten bis achtzehnten), IV. das moderne
S c h e i n c h r i s t e n t u m (im neunzehnten Jahrhundert).
I. D a s U r c h r i s t e n t u m umfaßt die ersten drei Jahrhunderte. Christus selbst,
der edle, ganz von Menschenliebe erfüllte Prophet und Schwärmer, stand tief
unter dem Niveau der klassischen Kulturbildung; er kannte nur jüdische
Tradition; er hat selbst keine einzige Zeile hinterlassen. Auch hatte er von dem
hohen Zustande der Welterkenntnis, zu dem griechische Philosophie und
Naturforschung schon ein halbes Jahrtausend früher sich erhoben hatten, keine
Ahnung. Alles, was wir von ihm und seinen ursprünglichen Lehren wissen, ist
den Hauptdokumenten des Neuen Testamentes entnommen — den vier
Evangelien und den Episteln des Paulus. Was die vier kanonischen Evangelien
betrifft, so wissen wir, daß sie ausgewählt sind aus einem Haufen von sich
widersprechenden und gefälschten Manuskripten aus dem 2. Jahrhundert. Der gültige Kanon scheint vor dem Ende des 2. Jahrhunderts festgesetzt zu sein,
obwohl Zweifel und Meinungsverschiedenheiten bis weit ins 4. Jahrhundert
hineinreichen. Das Konzilium von Nicäa, 325, fügt nach dem hl. Hieronymus
ein gewisses Buch in den Kanon ein, was auf eine Ungewißheit bis zu diesem
Datum schließen läßt. Neuere Gelehrsamkeit setzt den Zeitpunkt der Abfassung
der drei synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas — die
anerkanntermaßen nach und nicht von diesen Männern geschrieben worden sind)
auf 65-100 n. Chr. und das Evangelium von Johannes auf einige Zeit vor 125
fest. Aber es kommt dabei in Betracht, daß, wenn die biblischen Gelehrten von
diesen Daten sprechen (im einzelnen — 65-70 für Markus, 70-75 für Matthäus,
80-98 für Lukas, 80-120 für Johannes), sie nicht an die Evangelien denken, wie
wir sie heute haben. Bis zum Hl. Justinus mindestens (und selbst er kann nicht
als Zeuge des wirklichen Evangeliums von Johannes angeführt werden), das ist
also bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts, finden wir nur Erwähnungen (oft sehr
fragliche) von Sagen angeführt, die in den Evangelien zu finden sind. Mit andern
Worten, wir haben keinerlei authentischen Beweis für die Echtheit irgend einer
der Evangelienerzählungen, bis mehr als ein Jahrhundert nach dem Tode Christi.
Niemand, der weiß, in welchem Grade Legenden in der orientalischen
Atmosphäre anwachsen, kann Dokumenten solch späten Datums nur den
geringsten Glauben schenken. Selbst wenn das früheste synoptische Evangelium
70 n. Chr. datiert wäre (wir müssen immer bedenken, daß sich das nur auf »die
Aussagen Jesu« bezieht), so wäre noch der weite Spielraum von vierzig Jahren
für die Mythenbildung gegeben.
Die dreizehn Episteln des Apostels P a u l u s, von denen nur vier Anspruch auf
Echtheit machen können (Römer, Korinther 2, Galater), vermehren unsere
Kenntnis über die Begebenheiten im Leben Jesu nur sehr wenig. So bleiben wir
beschränkt auf sehr kärgliche und unsichere Nachforschungen über die
Handlungen und die Persönlichkeit des Gründers des Christentums. Der Glaube
an die tief eingewurzelten und beliebtesten Traditionen muß gänzlich verlassen
werden. Die Geschichte von der wunderbaren Geburt Christi wird verworfen;
dieser Mythus wird sowohl von den führenden christlichen Gelehrten
Deutschlands als auch Englands für eine der spätesten und der wenigst
glaubwürdigen »biblischen Geschichten« erklärt, mit anderen Worten: für eine
später eingeschobene wertlose Fälschung. Die Sagen von der Auferstehung und
von der Himmelfahrt Christi erfahren jetzt ein gleiches Schicksal. Das Neue
Testament wird zerstört wie das Alte, und die schöne Figur von Jesus löst sich
zusehends in ein Nebelbild auf.
Die unbefangenen und scharfsinnigen Forschungen der deutschen Theologen (S t r a u ß, F e u e r b a c h, B a u r u. a.), denen sich später auch englische,
französische und italienische Philosophen anschlossen, hatten schon um die
Mitte des 19. Jahrhunderts gezeigt, daß das »Leben Jesu« zum größten Teile ein
Erzeugnis der religiösen D i c h t u n g, ähnlich der von Buddha ist, und daß keine
zuverlässigen historischen Quellen darüber existieren. Viel klarer ergibt sich das
aus den überraschenden kritischen Forschungen der vergleichenden
Religionsgeschichte im Beginne des 20. Jahrhunderts. Danach bleibt weder von
den einzelnen Wundergeschichten und Sagen, noch von dem ganzen
dogmatischen Lehrgebäude des Christentums etwas Originelles von Bedeutung
mehr bestehen. Denn fast alles, was uns die Evangelien davon erzählen, ist aus
älteren orientalischen Quellen zusammengetragen und entstammt den
babylonischen und assyrischen, den indischen und hellenischen Sagenkreisen.
Hervorragende Kritiker gehen noch weiter und führen mit großer
Wahrscheinlichkeit den Beweis, daß der Jesus des Evangeliums überhaupt
niemals gelebt hat, sondern ein reines I d e a l b i l d d e r D i c h t u n g ist.
Vergl. die interessanten Schriften von K a l t h o f f und P r o m u s über »die
Entstehung des Christentums« (1904) und von K a r l Vo l l e r s: »Die
Weltreligionen in ihrem geschichtlichen Zusammenhange« (1907), ferner die
sehr scharfe Kritik des englischen Theologen S a l a d i n (Stewart Roß):
»Jehovahs gesammelte Werke, eine kritische Untersuchung des christlichen
Religionsgebäudes auf Grund der Bibelforschung« (Leipzig 1896).
II. Der Papismus, das »l a t e i n i s c h e C h r i s t e n t u m« oder P a p s t t u m.
Der Papismus oder die »römisch-katholische Kirche«, oft auch
U l t r a m o n t a n i s m u s oder nach ihrer Residenz Va t i k a n i s m u s genannt,
ist unter allen Erscheinungen der menschlichen Kulturgeschichte eine der
großartigsten und merkwürdigsten, eine »welthistorische Größe« ersten Ranges.
Trotz aller Stürme der Zeit erfreut sie sich noch heute des mächtigsten
Einflusses. Von den 500 Millionen Christen, welche die Erde gegenwärtig
bewohnen, bekennt die größere Hälfte, nämlich über 250 Millionen, den
römischen, nur 75 Millionen den griechischen Katholizismus, und 120 Millionen
sind Protestanten. Während eines Zeitraumes von 1200 Jahren, vom vierten bis
zum sechzehnten Jahrhundert, hat der Papismus das geistige Leben Europas fast
vollkommen beherrscht; dagegen hat er den großen alten Religionssystemen in
Asien und Afrika nur sehr wenig Boden abgewonnen. In Asien zählt der
Buddhismus heute noch ungefähr 503 Millionen, die Brahmareligion
140 Millionen, der stetig vordringende Islam mehr als 120 Millionen Anhänger.
Die Weltherrschaft des Papismus prägt vor allem dem M i t t e l a l t e r seinen
finsteren Charakter auf; sie bedeutet den Tod alles freien Geisteslebens, den
Rückgang aller wahren Wissenschaft, den Verfall aller reinen Sittlichkeit. Von der glänzenden Blüte, zu welcher sich das menschliche Geistesleben im
klassischen Altertum erhoben hatte, im ersten Jahrtausend vor Christus und in
den ersten Jahrhunderten nach demselben, sank dasselbe unter der Herrschaft
des Papsttums bald zu einem Niveau herab, das mit Bezug auf die
E r k e n n t n i s d e r W a h r h e i t nur als B a r b a r e i bezeichnet werden kann.
Man rühmt wohl am Mittelalter, daß andere Seiten des Geisteslebens darin zu
reicher Entfaltung gekommen seien, Dichtkunst und bildende Kunst,
scholastische Gelehrsamkeit und patristische Philosophie. Aber diese
Kulturtätigkeit befand sich im Dienste der herrschenden Kirche und wurde nicht
zur Hebung, sondern zur Unterdrückung der freien Geistesforschung verwandt.
Die ausschließliche Vorbereitung für ein unbekanntes »ewiges Leben im
Jenseits«, die Verachtung der Natur, die Abwendung von ihrem Studium, welche
im Prinzip der christlichen Religion innewohnt, wurde von der römischen
Hierarchie zur heiligen Pflicht gemacht. Eine durchgreifende Wandlung zum
Besseren brachte erst im Beginn des 16. Jahrhunderts die R e f o r m a t i o n.
Rückschritte der Kultur im Mittelalter. Es würde uns viel zu weit führen,
wenn wir hier die jammervollen Rückschritte schildern wollten, welche
menschliche Kultur und Gesittung während zwölf Jahrhunderte unter der
geistigen Gewaltherrschaft des Papismus erlitten. Am prägnantesten sind sie
wohl durch einen einzigen Satz des größten und geistreichsten
H o h e n z o l l e r nfürsten illustriert; F r i e d r i c h d e r G r o ß e faßte sein
Urteil in dem Satze zusammen, man werde durch das S t u d i u m d e r
G e s c h i c h t e zu der Überzeugung geführt, daß von Konstantin dem Großen
bis auf die Zeit der Reformation d i e g a n z e W e l t w a h n s i n n i g gewesen
sei. Eine vortreffliche kurze Schilderung dieser »Wahnsinnsperiode« hat (1887)
L . B ü c h n e r gegeben in seiner Schrift »Über religiöse und wissenschaftliche
Weltanschauung«.
Unter den historischen Tatsachen, welche am einleuchtendsten die
Verwerflichkeit der ultramontanen Geistestyrannei beweisen, interessiert uns vor
allem ihre energische und konsequente Bekämpfung der wahren
W i s s e n s c h a f t als solcher. Diese war zwar schon von Anfang an prinzipiell
im Christentum dadurch bestimmt, daß dasselbe den Glauben über die Vernunft
stellte und die blinde Unterwerfung der letzteren unter den ersteren forderte;
nicht minder dadurch, daß es das ganze Erdenleben nur als eine Vorbereitung für
das erdichtete »Jenseits« betrachtete, also auch der wissenschaftlichen
Forschung an sich jeden Wert absprach. Allein die planmäßige und erfolgreiche
Bekämpfung der letzteren begann doch erst im Anfange des vierten
Jahrhunderts, besonders seit dem berüchtigten Konzil von Nicäa (325), welchem Kaiser K o n s t a n t i n präsidierte, — »d e r G r o ß e« genannt, weil er das
Christentum zur Staatsreligion erhob und Konstantinopel gründete, dabei ein
nichtswürdiger Charakter, ein falscher Heuchler und vielfacher Mörder. Wie
erfolgreich der Papismus in seinem Kampfe gegen jedes selbständige
wissenschaftliche Denken und Forschen war, beweist am besten der jammervolle
Zustand der Naturerkenntnis und ihrer Literatur im Mittelalter. Nicht nur wurden
die reichen Geistesschätze, welche das klassische Altertum hinterlassen hatte,
zum größten Teile vernichtet oder der Verbreitung entzogen, sondern
Folterknechte und Scheiterhaufen sorgten dafür, daß jeder »Ketzer«, d. h. jeder
selbständige Denker, seine vernünftigen Gedanken für sich behielt. Tat er das
nicht, so mußte er sich darauf gefaßt machen, lebendig verbrannt zu werden, wie
es dem großen monistischen Philosophen G i o r d a n o B r u n o, dem
Reformator J o h a n n H u s und mehr als hunderttausend anderen »Zeugen der
Wahrheit« geschah. Die Geschichte der Wissenschaften im Mittelalter belehrt
uns auf jeder Seite, daß das selbständige Denken und die empirische
wissenschaftliche Forschung unter dem Drucke des allmächtigen Papismus
durch zwölf traurige Jahrhunderte wirklich völlig begraben blieben.
Papismus und Christentum. Alles das, was wir am wahren Christentum im
Sinne seines Stifters und seiner edelsten Nachfolger hochschätzen, und was wir
aus dem unausbleiblichen Untergange dieser »Weltreligion« in unsere neue,
monistische Religion hinüber zu retten suchen müssen, liegt auf seiner
e t h i s c h e n und s o z i a l e n Seite. Die Prinzipien der wahren Humanität, der
goldenen Regel, der Toleranz, der Menschenliebe im besten und höchsten Sinne
des Wortes, alle diese wahren Lichtseiten des Christentums sind zwar nicht von
ihm zuerst erfunden und aufgestellt, aber doch erfolgreich in jener kritischen
Periode zur Geltung gebracht worden, in der das klassische Altertum seiner
Auflösung entgegenging. Der Papismus aber hat es verstanden, alle jene
Tugenden in ihr direktes G e g e n t e i l zu verkehren und dabei doch die a l t e
F i r m a als Aushängeschild zu bewahren. An die Stelle der christlichen Liebe
trat der fanatische Haß gegen alle Andersgläubigen; mit Feuer und Schwert
wurden nicht allein die Heiden ausgerottet, sondern auch jene christlichen
Sekten, welche in besserer Erkenntnis Einwendungen gegen die
aufgezwungenen Lehrsätze des ultramontanen Aberglaubens zu erheben wagten.
Überall in Europa blühten die Ketzergerichte und forderten unzählige Opfer,
deren Folterqualen ihren frommen, von »christlicher Bruderliebe« erfüllten
Peinigern besonderes Vergnügen bereiteten. Die Papstmacht wütete auf ihrer
Höhe durch Jahrhunderte erbarmungslos gegen alles, was ihrer Herrschaft im
Wege stand. Unter dem berüchtigten Großinquisitor Torquemada (1481-1498)
wurden in Spanien allein achttausend Ketzer lebendig verbrannt, neunzigtausend mit Einziehung des Vermögens und den empfindlichsten Kirchenbußen bestraft,
während in den Niederlanden unter der Herrschaft Karl des Fünften dem
klerikalen Blutdurst mindestens fünfzigtausend Menschen zum Opfer fielen.
Und während das Geheul gemarterter Menschen die Luft erfüllte, strömten in
Rom, dem die ganze christliche Welt tributpflichtig war, die Reichtümer der
halben Welt zusammen, und wälzten sich die angeblichen Stellvertreter Gottes
auf Erden und ihre Helfershelfer in Lüsten und Lastern jeder Art. »Welche
Vorteile,« sagte der frivole und syphilitische Papst L e o X. ironisch, »hat uns
doch diese F a b e l v o n J e s u s C h r i s t u s gebracht!« Dabei war der
Zustand der europäischen Gesellschaft trotz Kirchenzucht und Gottesfurcht von
der allerschlimmsten Art. Feudalismus, Leibeigenschaft, Gottesgnadentum und
Mönchtum beherrschten das Land, und die armen Heloten waren froh, wenn sie
ihre elenden Hütten im Machtbereiche der Schlösser oder Klöster ihrer
geistlichen und weltlichen Unterdrücker und Ausbeuter errichten durften.
Heutzutage noch leiden wir unter den Nachwehen und Überbleibseln dieser
traurigen Zustände und Zeiten, in welchen von Pflege der Wissenschaft und
höherer Geistesbildung nur ausnahmsweise und im Verborgenen die Rede sein
konnte. »Unwissenheit, Armut und Aberglaube vereinigten sich mit der
entsittlichenden Wirkung des im elften Jahrhundert eingeführten Z ö l i b a t s, um
die absolute Papstmacht immer stärker werden zu lassen« (B ü c h n e r a. a. O.).
Man hat berechnet, daß während dieser Glanzperiode des Papismus über zehn
Millionen Menschen dem fanatischen Glaubenshaß der »c h r i s t l i c h e n
L i e b e« zum Opfer fielen; und wie viel mehr Millionen betrugen die geheimen
Menschenopfer, welche das Z ö l i b a t, die O h r e n b e i c h t e und der
G e w i s s e n s z w a n g erforderten, die gemeinschädlichsten und
fluchwürdigsten Institutionen des päpstlichen Absolutismus! Die »ungläubigen«
Philosophen, welche Beweise g e g e n das Dasein Gottes sammelten, haben
einen der stärksten Beweise dagegen übersehen, die Tatsache, daß die römischen
»S t a t t h a l t e r C h r i s t i zwölf Jahrhunderte« hindurch ungestraft die
greulichsten Verbrechen und Schandtaten »i m N a m e n G o t t e s« verüben
durften.
III. Die Reformation. Die Geschichte der Kulturvölker, welche wir »die
Weltgeschichte« zu nennen belieben, läßt deren dritten Hauptabschnitt, die
»Neuzeit«, mit der Reformation der christlichen Kirche beginnen, ebenso wie
den zweiten, das Mittelalter, mit der Gründung des Christentums, und sie tut
recht daran. Denn mit der Reformation beginnt die W i e d e r g e b u r t d e r
g e f e s s e l t e n Ve r n u n f t, das Wiedererwachen der Wissenschaft, welche
die eiserne Faust des christlichen Papismus durch 1200 Jahre gewaltsam
niedergehalten hatte. Allerdings hatte die Verbreitung allgemeiner Bildung durch die Buchdruckerkunst schon um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts
begonnen, und gegen Ende desselben traten mehrere große Ereignisse ein,
welche im Verein mit der »R e n a i s s a n c e« der Kunst auch diejenige der
Wissenschaft vorbereiteten, vor allem die Entdeckung von Amerika (1492).
Auch wurden in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts mehrere höchst
wichtige Fortschritte in der Erkenntnis der Natur gemacht, welche die
bestehende Weltanschauung in ihren Grundfesten erschütterten; so die erste
Umschiffung der Erde durch M a g e l l a n, welche den empirischen Beweis für
ihre Kugelgestalt lieferte (1522); die Gründung des neuen Weltsystems durch
K o p e r n i k u s (1543). Aber der 31. Oktober 1517, an welchem M a r t i n
L u t h e r seine 95 Thesen an die hölzerne Tür der Schloßkirche zu Wittenberg
nagelte, bleibt daneben ein weltgeschichtlicher Tag; denn damit wurde die
eiserne Tür des Kerkers gesprengt, in dem der päpstliche Absolutismus durch
1200 Jahre die gefesselte Vernunft eingeschlossen gehalten hatte. Man hat die
Verdienste des großen Reformators, der auf der Wartburg die Bibel übersetzte,
teils übertrieben, teils unterschätzt; man hat auch mit Recht darauf hingewiesen,
wie er gleich den anderen Reformatoren noch vielfach im tiefsten Aberglauben
befangen blieb. So konnte sich L u t h e r zeitlebens nicht von dem starren
Buchstabenglauben der Bibel befreien; er verteidigte eifrig die Lehre von der
Auferstehung, der Erbsünde und Prädestination, der Rechtfertigung durch den
Glauben usw. Die gewaltige Geistestat des K o p e r n i k u s verwarf er als
Narrheit, weil in der Bibel »Josua die Sonne stillstehen hieß und nicht das
Erdreich«. Für die großen politischen Umwälzungen seiner Zeit, besonders die
großartige und vollberechtigte Bauernbewegung, hatte er kein Verständnis.
Schlimmer noch war der fanatische Reformator C a l v i n in Genf, welcher
(1553) den geistreichen spanischen Arzt S e r v e t o lebendig verbrennen ließ,
weil er den unsinnigen Glauben an die Dreieinigkeit bekämpfte. Überhaupt
traten die fanatischen »Rechtgläubigen« der reformierten Kirche nur zu oft in die
blutbefleckten Fußtapfen ihrer papistischen Todfeinde, wie sie es auch heute
noch tun. Leider folgten auch ungeheure Greueltaten der Reformation auf dem
Fuße: die Bartholomäusnacht und die Hugenottenverfolgung in Frankreich,
blutige Ketzerjagden in Italien, lange Bürgerkriege in England, der
Dreißigjährige Krieg in Deutschland. Aber trotz alledem bleibt dem sechzehnten
und siebzehnten Jahrhundert der Ruhm, dem denkenden Menschengeiste zuerst
wieder freie Bahn geschaffen und die Vernunft von dem erstickenden Drucke der
papistischen Herrschaft befreit zu haben. Erst dadurch wurde die mächtige
Entfaltung verschiedener Richtungen der kritischen Philosophie und neuer
Bahnen der Naturforschung möglich, welche dann dem folgenden achtzehnten
Jahrhundert den Ehrentitel des »J a h r h u n d e r t s d e r A u f k l ä r u n g« erwarb.
IV. Das Scheinchristentum des neunzehnten Jahrhunderts. Als vierten und
letzten Hauptabschnitt in der Geschichte des Christentums stellen wir das
19. Jahrhundert seinen Vorgängern gegenüber. Wenn in diesen letzteren bereits
die »A u f k l ä r u n g« nach allen Richtungen hin die kritische Philosophie
gefördert, und wenn ihr das Aufblühen der Naturwissenschaften die stärksten
empirischen Waffen in die Hände gegeben hatte, so erscheint uns doch der
Fortschritt nach beiden Richtungen hin in unserem 19. Jahrhundert ganz
gewaltig; es beginnt damit wiederum eine ganz neue Periode in der Geschichte
des Menschengeistes, charakterisiert durch die Entwickelung der
m o n i s t i s c h e n N a t u r p h i l o s o p h i e. Schon im Beginne desselben
wurde der Grund zu einer neuen Anthropologie gelegt (durch die vergleichende
Anatomie von C u v i e r) und zu einer neuen Biologie (durch die Philosophie
zoologique von L a m a r c k). Bald folgten diesen beiden großen Franzosen zwei
ebenbürtige Deutsche, B a e r als Begründer der Entwickelungsgeschichte (1828)
und J o h a n n e s M ü l l e r (1834) als der der vergleichenden Morphologie und
Physiologie. Ein Schüler des letzteren, T h e o d o r S c h w a n n, schuf 1838, im
Verein mit M a t t h i a s S c h l e i d e n, die grundlegende Zellentheorie. Schon
vorher hatte L y e l l (1830) die Entwickelungsgeschichte der Erde auf natürliche
Ursachen zurückgeführt und damit auch für unseren Planeten die Geltung der
mechanischen Kosmogenie bestätigt, welche K a n t bereits 1755 mit kühner
Hand entworfen hatte. Endlich wurde durch R o b e r t M a y e r und
H e l m h o l t z (1842) das Energieprinzip festgestellt und damit die zweite,
ergänzende Hälfte des großen Substanzgesetzes gegeben, dessen erste Hälfte die
Konstanz der Materie, schon L a v o i s i e r 1789 entdeckt hatte. Allen diesen
tiefen Einblicken in das innere Wesen der Natur setzte dann 1859 C h a r l e s
D a r w i n die Krone auf durch seine neue Entwickelungslehre, das größte
naturphilosophische Ereignis des 19. Jahrhunderts.
Wie verhält sich nun zu diesen gewaltigen Fortschritten der Naturerkenntnis das
m o d e r n e C h r i s t e n t u m? Zunächst wurde naturgemäß die tiefe Kluft
zwischen seinen beiden Hauptrichtungen immer größer, zwischen dem
konservativen P a p i s m u s und dem progressiven Protestantismus. Der
ultramontane Klerus ( — und im Verein mit ihm die orthodoxe »Evangelische
Allianz« — ) mußten naturgemäß jenen mächtigen Eroberungen des freien
Geistes den heftigsten Widerstand entgegensetzen; sie verharrten unbeirrt auf
ihrem strengen Buchstabenglauben und verlangten die unbedingte Unterwerfung
der Vernunft unter das Dogma. Der liberale P r o t e s t a n t i s m u s hingegen
verflüchtigte sich immer mehr zu einem monistischen Pantheismus und strebte nach Versöhnung der beiden entgegengesetzten Prinzipien; er suchte die
unvermeidliche Anerkennung der empirisch bewiesenen Naturgesetze und der
daraus gefolgerten philosophischen Schlüsse mit einer geläuterten Religionsform
zu verbinden, in der freilich von der eigentlichen Glaubenslehre fast nichts mehr
übrig blieb. Zwischen beiden Extremen bewegten sich zahlreiche
Kompromißversuche; darüber hinaus aber drang in immer weitere Kreise die
Überzeugung, daß das dogmatische Christentum überhaupt jeden Boden
verloren habe, und daß man nur seinen wertvollen ethischen Inhalt in die neue,
monistische Religion des 20. Jahrhunderts hinüberretten könne. Da jedoch
gleichzeitig die gegebenen äußeren Formen der herrschenden christlichen
Religion fortbestanden, da sie sogar trotz der fortgeschrittenen politischen
Entwickelung mit den praktischen Bedürfnissen des Staates immer enger
verknüpft wurden, entwickelte sich jene weitverbreitete religiöse
Weltanschauung der gebildeten Kreise, die wir nur als
S c h e i n c h r i s t e n t u m bezeichnen können — im Grunde eine »religiöse
Lüge« bedenklichster Art. Die großen Gefahren, welche dieser tiefe Konflikt
zwischen der wahren Überzeugung und dem falschen Bekenntnis der modernen
Scheinchristen mit sich bringt, hat u. a. trefflich M a x N o r d a u geschildert in
seinem interessanten Werke: »D i e k o n v e n t i o n e l l e n L ü g e n d e r
K u l t u r m e n s c h h e i t.«
Inmitten dieser offenkundigen Unwahrhaftigkeit des herrschenden
Scheinchristentums ist es für den Fortschritt der vernunftgemäßen
Naturerkenntnis sehr wertvoll, daß dessen mächtigster und entschiedenster
Gegner, der P a p i s m u s, um die Mitte des 19. Jahrhunderts die alte Maske
angeblicher höherer Geistesbildung abgeworfen und der selbständigen
W i s s e n s c h a f t als solcher den entscheidenden »Kampf auf Tod und Leben«
angekündigt hat. Es geschah dies in drei bedeutungsvollen Kriegserklärungen
gegen die Vernunft, für deren Unzweideutigkeit und Entschiedenheit die
moderne Wissenschaft und Kultur dem römischen »Statthalter Christi« nur
dankbar sein kann: I. Im Dezember 1854 verkündete der Papst das Dogma von
der u n b e f l e c k t e n E m p f ä n g n i s M a r i ä. II. Zehn Jahre später, im
Dezember 1864, sprach der »heilige Vater« in der berüchtigten E n z y k l i k a
das a b s o l u t e Ve r d a m m u n g s u r t e i l ü b e r d i e g a n z e
m o d e r n e Z i v i l i s a t i o n u n d G e i s t e s b i l d u n g aus; in dem
begleitenden S y l l a b u s gab er eine Aufzählung und Verfluchung aller
einzelnen Vernunftsätze und philosophischen Prinzipien, welche von unserer
modernen Wissenschaft als sonnenklare Wahrheit anerkannt sind. III. Endlich
setzte sechs Jahre später, am 13. Juli 1870, der streitbare Kirchenfürst im Vatikan
seinem Aberwitz die Krone auf, indem er für sich und alle seine Vorgänger in der Papstwürde die U n f e h l b a r k e i t in Anspruch nahm.
Unfehlbarkeit des Papstes. Diese drei wichtigsten Akte des Papismus im
19. Jahrhundert waren so offenkundige Faustschläge in das Antlitz der Vernunft,
daß sie selbst innerhalb der orthodoxen katholischen Kreise von Anfang an das
höchste Bedenken erregten. Als man im vatikanischen Konzil am 13. Juli 1870
zur Abstimmung über das Dogma von der U n f e h l b a r k e i t schritt, erklärten
sich nur drei Viertel der Kirchenfürsten zugunsten desselben, nämlich 451 von
601 Abstimmenden; dazu fehlten noch zahlreiche andere Bischöfe, welche sich
der gefährlichen Abstimmung enthalten wollten. Indessen zeigte sich bald, daß
der kluge und menschenkundige Papst richtiger gerechnet hatte als die zaghaften
»besonnenen Katholiken«; denn in den leichtgläubigen und ungebildeten Massen
fand auch dieses ungeheuerliche Dogma trotz aller Bedenken blinde Annahme.
Die ganze G e s c h i c h t e d e s P a p s t t u m s, wie sie von zuverlässigen
Quellen und handgreiflichen historischen Dokumenten unwiderleglich
festgenagelt ist, erscheint für den unbefangenen Kenner als ein gewissenloses
Gewebe von Lug und Trug, als ein rücksichtsloses Streben nach absoluter
geistlicher Herrschaft und weltlicher Macht, als eine frivole Verleugnung aller
der hohen sittlichen Gebote, welche das wahre Christentum predigt:
Menschenliebe, und Duldung, Wahrheit und Keuschheit, Armut und Entsagung.
Wenn man die lange Reihe der Päpste und der römischen Kirchenfürsten, aus
denen sie gewählt wurden, nach dem Maßstabe der reinen christlichen Moral
mustert, ergibt sich klar, daß die große Mehrzahl derselben schamlose Gaukler
und Betrüger waren, viele von ihnen nichtswürdige Verbrecher. Diese
allbekannten h i s t o r i s c h e n T a t s a c h e n hindern aber nicht, daß noch
heute Millionen von »gebildeten« gläubigen Katholiken an die »Unfehlbarkeit«
dieses »heiligen Vaters« glauben und durch Spenden von »Peterspfennigen« sein
Regiment stützen; sie hindern nicht, daß noch heute protestantische Fürsten nach
Rom fahren und dem »heiligen Vater« (ihrem gefährlichsten Feinde!) ihre
Verehrung bezeugen.
Enzyklika und Syllabus. Unter den angeführten drei großen Gewalttaten, durch
welche der moderne Papismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine
absolute Herrschaft zu retten und zu befestigen suchte, ist für uns am
interessantesten die Verkündigung der E n z y k l i k a und des S y l l a b u s im
Dezember 1864; denn in diesen denkwürdigen Aktenstücken wird der Vernunft
und Wissenschaft überhaupt jede selbständige Tätigkeit abgesprochen und ihre
absolute Unterwerfung unter den »alleinseligmachenden Glauben«, d. h. unter
die Dekrete des »unfehlbaren Papstes«, gefordert. Die ungeheure Erregung,
welche diese maßlose Frechheit in allen gebildeten und unabhängig denkenden Kreisen hervorrief, entsprach dem ungeheuerlichen Inhalte der Enzyklika; eine
vortreffliche Erörterung ihrer kulturellen und politischen Bedeutung hat u. a.
D r a p e r in seiner Geschichte der Konflikte zwischen Religion und
Wissenschaft gegeben (1875).
Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria. Weniger einschneidend und
bedeutungsvoll als die Enzyklika und als das Dogma der Infallibilität des
Papstes erscheint vielleicht das Dogma von der unbefleckten Empfängnis.
Indessen legt nicht nur die römische Hierarchie auf diesen Glaubenssatz das
höchste Gewicht, sondern auch ein Teil der orthodoxen Protestanten (z. B. die
Evangelische Allianz). Der sogenannte »I m m a k u l a t e i d«, d. h. die
e i d l i c h e Versicherung des Glaubens an die unbefleckte Empfängnis Mariä,
gilt noch heute Millionen von Christen als heilige Pflicht. Viele Gläubige
verbinden damit einen doppelten Begriff; sie behaupten, daß die Mutter der
Jungfrau Maria ebenso durch den »Heiligen Geist« befruchtet worden sei wie
diese selbst. Jedoch soll ursprünglich das Dogma der unbefleckten Empfängnis
nur bedeuten, daß Maria selbst eine Tochter des heiligen Geistes, und daher frei
von Erbsünde sei. Die vergleichende und kritische Theologie hat neuerdings
nachgewiesen, daß auch dieser Mythus, gleich den meisten anderen Legenden
der christlichen Mythologie, keineswegs originell, sondern aus älteren
orientalischen Religionen, besonders dem B u d d h i s m u s, übernommen ist.
Ähnliche Sagen hatten schon mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt eine weite
Verbreitung in Indien, Persien, Kleinasien und Griechenland. Wenn
Königstöchter oder andere Jungfrauen aus höheren Ständen, ohne legitim
verheiratet zu sein, durch die Geburt eines Kindes erfreut wurden, so wurde als
der Vater dieses illegitimen Sprößlings meistens ein »Gott« oder »Halbgott«
ausgegeben, in diesem Falle der mysteriöse »Heilige Geist«.
Die Erzählung der beiden Evangelisten Matthäus und Lukas, daß auch Maria
selbst vom heiligen Geiste befruchtet und demnach dieser rätselhafte Gott der
wahre Vater von Christus sei, wird gegenwärtig von den meisten Theologen als
eine später entstandene Sage angesehen; sie behaupten, daß der jüdische
Zimmermann Joseph der wirkliche Vater gewesen sei. Andere wieder erklären
die uneheliche Geburt Christi durch folgende Angabe eines apokryphen
Evangeliums, auf welche sich auch C e l s u s (178 n. Chr.) bezieht:
»J o s e p h u s P a n d e r a, der römische Hauptmann einer kalabresischen
Legion, welche in Judäa stand, verführte M i r j a m von Bethlehem, ein
hebräisches Mädchen, und wurde der Va t e r v o n J e s u s.« Diese Legende
fand besonders bei jenen Theologen Beifall, welche die übernatürliche
Erzeugung Christi (durch den heiligen Geist) leugneten, aber als seinen natürlichen Vater nicht einen J u d e n (den Zimmermann Joseph), sondern einen
G r i e c h e n (den Hauptmann Pandera oder Pantheras) anerkannt zu sehen
wünschten. Historische Zeugnisse, die wissenschaftliche Bedeutung
beanspruchen, können weder für die Wahrheit der einen noch der anderen Sage
gefunden werden.
Interessant ist übrigens die verschiedene Auffassung und Beurteilung, welche
dieser angebliche Liebesroman der Mirjam von seiten der vier großen
christlichen Kulturnationen Europas erfahren hat. Nach den strengeren
Moralbegriffen der g e r m a n i s c h e n Rassen wird derselbe schlechtweg
verworfen; lieber glaubt der ehrliche Deutsche und der prüde Brite blind an die
unmögliche Sage von der Erzeugung durch den »Heiligen Geist«. Wie bekannt,
entspricht diese strenge, sorgfältig zur Schau getragene Prüderie der feineren
Gesellschaft (besonders in England!) keineswegs dem wahren Zustande der
sexuellen Sittlichkeit in dem dortigen »High life«. Die Enthüllungen z. B., welche
darüber vor einigen Jahren die »Pall Mall Gazette« brachte, erinnerten sehr an
die Zustände von B a b y l o n und an das Rom der Kaiserzeit.
Die r o m a n i s c h e n Rassen, welche diese Prüderie verlachen und die
sexuellen Verhältnisse leichtfertiger beurteilen, finden jenen »R o m a n d e r
M a r i a« recht anziehend, und der besondere Kultus, dessen gerade in
Frankreich und Italien »Unsere liebe Frau« sich erfreut, ist oft in merkwürdiger
Naivetät mit jener Liebesgeschichte verknüpft. So findet z. B. P a u l d e
R e g l a (Dr. D e s j a r d i n), welcher (1894) »Jesus von Nazareth vom
wissenschaftlichen, geschichtlichen und gesellschaftlichen Standpunkte aus
dargestellt« hat, gerade in der u n e h e l i c h e n G e b u r t C h r i s t i ein
besonderes »Anrecht auf den H e i l i g e n s c h e i n, der seine herrliche Gestalt
umstrahlt«!
Der Streit über diese drei verschiedenen Mythen von der Vaterschaft Christi, der
noch zu Ende des 19. Jahrhunderts die Theologen lebhaft erregte, hat
gegenwärtig an Interesse sehr verloren. Denn die überraschenden Fortschritte der
vergleichenden Religionsgeschichte haben das ganze orientalische
Prachtgebäude der c h r i s t l i c h e n M y t h o l o g i e in seinen Grundfesten
erschüttert. Das reine I d e a l b i l d von Jesus Christus, dessen erhabene Züge der
Gläubige aus dem Neuen Testament sich zusammensetzt, hat als wirklicher
Mensch (oder »Gottmensch«) in dieser Vollkommenheit niemals auf unserem
Planeten existiert. Der hohe ethische Wert des ursprünglichen reinen
Christentums, der veredelnde Einfluß dieser »Religion der Liebe« auf die
Kulturgeschichte, ist ganz unabhängig von jenen mythologischen Dogmen. Die
angeblichen »O f f e n b a r u n g e n«, auf welche sich diese Mythen stützen, sind dagegen ( — ebenso wie sämtliche Wundergeschichten des Alten und des Neuen
Testaments — ) Erzeugnisse der dichtenden Phantasie; sie bleiben unvereinbar
mit den sichersten Ergebnissen unserer modernen N a t u r e r k e n n t n i s.
A c h t z e h n t e s K a p i t e l .
Unsere monistische Religion.
Monistische Studien über die Religion der Vernunft und ihre Harmonie
mit der Wissenschaft. Die drei Kultusideale des Wahren, Guten und
Schönen.
Viele und sehr angesehene Naturforscher und Philosophen der Gegenwart,
welche unsere monistischen Überzeugungen teilen, halten die Religion
überhaupt für eine abgetane Sache. Sie meinen, daß die klare Einsicht in die
Weltentwickelung, die wir den gewaltigen Erkenntnisfortschritten des
19. Jahrhunderts verdanken, nicht bloß das Kausalitätsbedürfnis unserer
Ve r n u n f t vollkommen befriedige, sondern auch die höchsten
Gefühlsbedürfnisse unseres G e m ü t e s. Diese Ansicht ist in gewissem Sinne
richtig, insofern bei einer vollkommen klaren und folgerichtigen Auffassung des
Monismus tatsächlich die beiden Begriffe von Religion und Wissenschaft zu
einem mit einander verschmelzen. Indessen nur wenige entschlossene Denker
ringen sich zu dieser höchsten und reinsten Auffassung von S p i n o z a und
G o e t h e empor; vielmehr verharren die meisten Gebildeten unserer Zeit bei der
Überzeugung, daß die Religion ein selbständiges, von der Wissenschaft
unabhängiges Gebiet unseres Geisteslebens darstelle, nicht minder wertvoll und
unentbehrlich als die letztere.
Wenn wir diesen Standpunkt einnehmen, können wir eine Versöhnung zwischen
jenen beiden großen, anscheinend getrennten Gebieten in der Auffassung finden,
welche ich 1892 in meinem Altenburger Vortrage niedergelegt habe: »Der
Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaft« (14. Aufl. 1908). In
dem Vorwort zu diesem »Glaubensbekenntnis eines Naturforschers« habe ich
mich über dessen doppelten Zweck mit folgenden Worten geäußert: »Erstens
möchte ich damit derjenigen v e r n ü n f t i g e n W e l t a n s c h a u u n g
Ausdruck geben, welche uns durch die neueren Fortschritte der einheitlichen
Naturerkenntnis mit logischer Notwendigkeit aufgedrungen wird; sie wohnt im
Innersten von fast allen unbefangenen und denkenden Naturforschern, wenn
auch nur wenige den Mut oder das Bedürfnis haben, sie offen zu bekennen.
Zweitens möchte ich dadurch ein B a n d z w i s c h e n R e l i g i o n u n d
W i s s e n s c h a f t knüpfen und somit zur Ausgleichung des Gegensatzes beitragen, welcher zwischen diesen beiden Gebieten der höchsten menschlichen
Geistestätigkeit unnötigerweise aufrecht erhalten wird; das ethische Bedürfnis
unseres G e m ü t e s wird durch den Monismus ebenso befriedigt wie das
logische Kausalitätsbedürfnis unseres Ve r s t a n d e s.«
Die starke Wirkung, welche dieser Altenburger Vortrag hatte, beweist, daß ich
mit diesem monistischen Glaubensbekenntnis nicht nur das vieler Naturforscher,
sondern auch zahlreicher gebildeter Männer und Frauen aus verschiedenen
Berufskreisen ausgesprochen hatte. Ich durfte diesen unerwarteten Erfolg um so
höher anschlagen, als jenes Glaubensbekenntnis ursprünglich eine freie
Gelegenheitsrede war, die unvorbereitet am 9. Oktober 1892 in Altenburg
während des Jubiläums der Naturforschenden Gesellschaft des Osterlandes
entstand. Natürlich erfolgte auch bald die notwendige Gegenwirkung nach der
anderen Seite; ich wurde nicht nur von der ultramontanen Presse des
P a p i s m u s auf das Heftigste angegriffen, von den geschworenen Verteidigern
des Aberglaubens, sondern auch von »liberalen« Kriegsmännern des
evangelischen Christentums, welche sowohl die wissenschaftliche Wahrheit als
auch den aufgeklärten Glauben zu vertreten behaupten. Nun hat sich aber der
große Kampf zwischen der modernen Naturwissenschaft und dem orthodoxen
Christentum seitdem immer drohender gestaltet; er ist für die erstere um so
gefährlicher geworden, je mächtigere Unterstützung das letztere durch die
wachsende geistige und politische Reaktion gefunden hat. Diese ist in manchen
Ländern schon so weit vorgeschritten, daß die gesetzlich garantierte Denk- und
Gewissensfreiheit praktisch schwer gefährdet wird. In der Tat hat der große
weltgeschichtliche Geisteskampf, welchen J o h n D r a p e r in seiner
»Geschichte der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft« vortrefflich
schildert, heute eine Schärfe und Bedeutung erlangt wie nie zuvor; man
bezeichnet ihn deshalb seit 1872 mit Recht als »K u l t u r k a m p f«.
Der Kulturkampf. Die berühmte E n z y k l i k a nebst S y l l a b u s, welche der
streitbare Papst Pius IX. 1864 in alle Welt gesandt hatte, erklärte in der
Hauptsache der ganzen modernen Wissenschaft den Krieg; sie forderte blinde
Unterwerfung der Vernunft unter die Dogmen des »unfehlbaren Statthalters
Christi«. Das Ungeheuerliche und Unerhörte dieses brutalen Attentates gegen
die höchsten Güter der Kulturmenschheit rüttelte selbst viele träge und indolente
Gemüter aus ihrem gewohnten Glaubensschlafe. Im Vereine mit der
nachfolgenden Verkündung der päpstlichen Unfehlbarkeit (1870) rief die
Enzyklika eine weitgehende Erregung hervor und eine energische Abwehr,
welche zu den besten Hoffnungen berechtigte. In dem neuen Deutschen Reiche,
das in den Kämpfen von 1866 und 1871 unter schweren Opfern seine nationale Einheit errungen hatte, wurden die frechen Attentate des Papismus besonders
schwer empfunden; denn einerseits ist Deutschland die Geburtsstätte der
Reformation und der modernen Geistesbefreiung; andererseits aber besitzt es
leider in seinen 20 Millionen Katholiken ein mächtiges Heer von streitbaren
Gläubigen, welches an blindem Gehorsam gegen die Befehle seines Oberhirten
von keinem anderen Kulturvolke übertroffen wird. C h r i s t u s sagt zu P e t r u s:
»Weide meine Schafe!« Die Nachkommen auf dem Stuhle Petri haben das
»W e i d e n« in »S c h e e r e n« übersetzt. Die hieraus entspringenden Gefahren
erkannte mit klarem Blick der gewaltige Staatsmann, der das »politische
Welträtsel« der deutschen Nationalzerrissenheit gelöst und uns durch seine
bewunderungswürdige Staatskunst zu dem ersehnten Ziele nationaler Einheit
und Macht geführt hatte. Fürst Bismarck begann 1872 jenen denkwürdigen, vom
Vatikan aufgedrungenen K u l t u r k a m p f, der von dem ausgezeichneten
Kultusminister F a l k durch die »Maigesetzgebung« (1873) ebenso klug als
energisch geführt wurde. Leider mußte er schon sechs Jahre später aufgegeben
werden. Obwohl unser größter Staatsmann ein ausgezeichneter Menschenkenner
und kluger Realpolitiker war, hatte er doch die Macht von drei gewaltigen
Hindernissen unterschätzt: erstens die unübertroffene Schlauheit und
gewissenlose Perfidie der römischen Kurie, zweitens die entsprechende
Gedankenlosigkeit und Leichtgläubigkeit der ungebildeten katholischen Massen,
auf welche sich die erstere stützte, und drittens die Macht der Trägheit, des
Fortbestehens des Unvernünftigen, bloß weil es da ist. So mußte denn schon
1878, nachdem der klügere Papst Leo XIII. seine Regierung angetreten hatte, der
schwere »Gang nach Canossa« wiederholt werden. Die neu gestärkte Macht des
Vatikans nahm seitdem wieder mächtig zu, einerseits durch die gewissenlosen
Ränke und Schlangenwindungen seiner aalglatten Jesuitenpolitik, andererseits
durch die falsche Kirchenpolitik der deutschen Reichsregierung und die
merkwürdige politische Unfähigkeit des deutschen Volkes. So mußten wir denn
am Schlusse des 19. Jahrhunderts das beschämende Schauspiel erleben, daß das
sogenannte »Zentrum im Deutschen Reichstage Trumpf« war, und daß die
Geschicke unseres gedemütigten Vaterlandes von einer papistischen Partei
geleitet wurden, deren Kopfzahl noch nicht den dritten Teil der ganzen
Bevölkerung beträgt.
Als der deutsche Kulturkampf 1872 begann, wurde er m i t v o l l e m R e c h t e
von allen frei denkenden Männern als eine politische Erneuerung der
Reformation begrüßt, als ein energischer Versuch, die moderne Kultur von dem
Joche der papistischen Geistestyrannei zu befreien; die gesamte liberale Presse
feierte Fürst Bismarck als »politischen Luther«, als den gewaltigen Helden, der
nicht nur die nationale Einigung, sondern auch die geistige Befreiung Deutschlands erringe. Zehn Jahre später, nachdem der Papismus gesiegt hatte,
behauptete dieselbe »liberale Presse« das Gegenteil und erklärte den
Kulturkampf für einen großen Fehler; und dasselbe tut sie noch heute. Diese
Tatsache beweist nur, wie kurz das Gedächtnis unserer Zeitungsschreiber, wie
mangelhaft ihre Kenntnis der Geschichte und wie unvollkommen ihre
philosophische Bildung ist. Der sogenannte »Friedensschluß zwischen Staat und
Kirche« ist immer nur ein Waffenstillstand. Der moderne Papismus, getreu den
absolutistischen, seit 1600 Jahren befolgten Prinzipien, will und muß die
A l l e i n h e r r s c h a f t über die leichtgläubigen Seelen behaupten; er muß die
absolute Unterwerfung des Kulturstaates fordern, der als solcher die Rechte der
Vernunft und Wissenschaft vertritt. Wirklicher Friede kann erst eintreten, wenn
einer der beiden ringenden Kämpfer bewältigt am Boden liegt. Entweder siegt
die »alleinseligmachende Kirche«, und dann hört »freie Wissenschaft und freie
Lehre« überhaupt auf; dann werden sich unsere Universitäten in Konvikte,
unsere Gymnasien in Klosterschulen verwandeln. Oder es siegt der moderne
Vernunftstaat, und dann wird sich im 20. Jahrhundert die menschliche Bildung,
Freiheit und Wohlstand in noch weit höherem Maße fortschreitend entwickeln,
als es im 19. erfreulicherweise der Fall gewesen ist. (Vergl. hierüber E d u a r d
H a r t m a n n, Die Selbstzersetzung des Christentums, 1874.)
Gerade zur Förderung dieser hohen Ziele erscheint es höchst wichtig, daß die
moderne Naturwissenschaft nicht bloß die Wahngebilde des Aberglaubens
zertrümmert und deren wüsten Schutt aus dem Wege räumt, sondern daß sie
auch auf dem frei gewordenen Bauplatze ein neues wohnliches Gebäude für das
menschliche Gemüt herrichtet; einen P a l a s t d e r Ve r n u n f t, in welchem
wir mittels unserer neu gewonnenen monistischen Weltanschauung die wahre
»Dreieinigkeit« des 19. Jahrhunderts andächtig verehren, die T r i n i t ä t d e s
W a h r e n, G u t e n u n d S c h ö n e n. Um den Kultus dieser göttlichen Ideale
greifbar zu gestalten, erscheint es vor allem notwendig, uns mit den
herrschenden Religionsformen des Christentums auseinanderzusetzen und die
Veränderungen ins Auge zu fassen, welche bei deren Ersetzung durch erstere zu
erstreben sind. Denn die christliche Religion besitzt (in ihrer
u r s p r ü n g l i c h e n, reinen Form!) trotz aller Irrtümer und Mängel einen so
hohen sittlichen Wert, sie ist vor allem seit anderthalb Jahrtausenden so eng mit
den wichtigsten sozialen und politischen Einrichtungen unseres Kulturlebens
verwachsen, daß wir uns bei Begründung unserer monistischen Religion
möglichst an die bestehenden Institutionen anlehnen müssen. Wir wollen keine
gewaltsame R e v o l u t i o n, sondern eine vernünftige R e f o r m a t i o n unseres
religiösen Geisteslebens.
I. Das Ideal der Wahrheit. Wir haben uns durch die vorhergehenden
Betrachtungen (besonders im ersten und dritten Abschnitt) überzeugt, daß die
reine Wahrheit nur in dem Tempel der N a t u r e r k e n n t n i s zu finden ist, und
daß die einzigen brauchbaren Wege zu demselben die kritische »Beobachtung
und Reflexion« sind, die empirische Erforschung der Tatsachen und die
vernunftgemäße Erkenntnis ihrer bewirkenden Ursachen. So gelangen wir
mittels der r e i n e n Ve r n u n f t zur wahren Wissenschaft, dem kostbarsten
Schatze der Kulturmenschheit. Dagegen müssen wir aus den gewichtigen, im
16. Kapitel erörterten Ursachen jede sogenannte »O f f e n b a r u n g« ablehnen,
jede Glaubensdichtung, welche behauptet, auf übernatürlichem Wege
Wahrheiten zu erkennen, zu deren Entdeckung unsere Vernunft nicht ausreicht.
Da nun das ganze Glaubensgebäude der jüdisch-christlichen Religion, ebenso
wie das islamitische und muhamedanische, auf solchen angeblichen
Offenbarungen beruht, da ferner diese mystischen Phantasieprodukte direkt der
klaren empirischen Naturerkenntnis widersprechen, so ist es sicher, daß wir die
Wahrheit nur mittels der Vernunfttätigkeit der echten W i s s e n s c h a f t finden
können, nicht mittels der Phantasiedichtung des mystischen Glaubens.
Die Göttin der W a h r h e i t wohnt im Tempel der Natur, im grünen Walde, auf
dem blauen Meere, auf den schneebedeckten Gebirgshöhen; — aber nicht in den
dumpfen Hallen der Klöster, in den engen Kerkern der Konviktschulen und nicht
in den weihrauchduftenden christlichen Kirchen. Die Wege, auf denen wir uns
dieser herrlichen Göttin der Wahrheit und Erkenntnis nähern, sind die liebevolle
Erforschung der Natur und ihrer Gesetze, die Beobachtung der unendlich großen
Sternenwelt mittels des Teleskops, der unendlich kleinen Zellenwelt mittels des
Mikroskops; — aber nicht sinnlose Andachtsübungen und gedankenlose Gebete,
nicht die Opfergaben des Ablasses und der Peterspfennige. Die kostbaren Gaben,
mit denen uns die Göttin der Wahrheit beschenkt, sind die herrlichen Früchte
vom Baume der Erkenntnis und der unschätzbare Gewinn einer klaren,
einheitlichen Weltanschauung, — aber nicht der Glaube an übernatürliche
»Wunder« und das Wahngebilde eines »ewigen Lebens«.
II. Das Ideal der Tugend. Anders als mit dem ewig Wahren verhält es sich mit
dem Gottesideal des ewig Guten. Während bei der Erkenntnis der Wahrheit die
Offenbarung der Kirche völlig auszuschließen und allein die Erforschung der
Natur zu befragen ist, fällt dagegen der Inbegriff des G u t e n, den wir Tugend
nennen, in unserer monistischen Religion größtenteils mit der christlichen
Tugend zusammen; natürlich gilt das nur von dem ursprünglichen, reinen
Christentum der drei ersten Jahrhunderte, wie dessen Tugendlehren in den
Evangelien und in den paulinischen Briefen niedergelegt sind; — es gilt aber nicht von der vatikanischen Karikatur jener reinen Lehre, welche die
europäische Kultur zu ihrem unendlichen Schaden durch zwölf Jahrhunderte
beherrscht hat. Den besten Teil der christlichen Moral, an dem wir festhalten,
bilden die Humanitätsgebote der Liebe und Duldung, des Mitleids und der Hilfe.
Nur sind diese edlen Pflichtgebote, die man als »christliche Moral« (im besten
Sinne!) zusammenfaßt, keine neuen Erfindungen des Christentums, sondern sie
sind von diesem aus älteren Religionsformen herübergenommen. In der Tat ist ja
die »G o l d e n e R e g e l«, welche diese Gebote in einem Satze zusammenfaßt,
Jahrhunderte älter als das Christentum. In der Praxis des Lebens aber wurde
dieses natürliche Sittengesetz ebenso oft von Atheisten und Nichtchristen
sorgsam befolgt als von frommen, gläubigen Christen außer acht gelassen. Auch
beging die christliche Tugendlehre einen großen Fehler, indem sie einseitig den
A l t r u i s m u s zum Gebote erhob, den E g o i s m u s dagegen verwarf.
U n s e r e m o n i s t i s c h e E t h i k l e g t b e i d e n g l e i c h e n W e r t bei
und findet die vollkommene Tugend in dem richtigen Gleichgewicht von
Nächstenliebe und Eigenliebe. (Vergl. Kapitel 19. Das ethische Grundgesetz.)
III. Das Ideal der Schönheit. In vielfachen Gegensatz zum Christentum tritt
unser Monismus auf dem Gebiete der Schönheit. Das ursprüngliche, reine
Christentum predigte die Wertlosigkeit des irdischen Lebens und betrachtete
dasselbe bloß als eine Vorbereitung für das ewige Leben im »J e n s e i t s«.
Daraus folgt unmittelbar, daß alles, was das menschliche Leben im
»D i e s s e i t s« darbietet, alles Schöne in Kunst und Wissenschaft, im
öffentlichen und privaten Leben, keinen Wert besitzt. Der wahre Christ muß sich
von ihm abwenden und nur daran denken, sich für das Jenseits würdig
vorzubereiten. Die Verachtung der Natur, die Abwendung von allen ihren
unerschöpflichen Reizen, die Verwerfung jeder Art von schöner Kunst sind echte
Christenpflichten; diese würden am vollkommensten erfüllt, wenn der Mensch
sich von seinen Mitmenschen absonderte, sich kasteite und in Klöstern oder
Einsiedeleien ausschließlich mit der »Anbetung Gottes« beschäftigte.
Nun lehrt uns freilich die Naturgeschichte, daß diese asketische Christenmoral,
die aller Natur Hohn sprach, als natürliche Folge das Gegenteil bewirkte. Die
Klöster, die Asyle der Keuschheit und Zucht, wurden bald die Brutstätten der
tollsten Orgien. Der Kultus der »Schönheit«, der hier getrieben wurde, stand mit
der gepredigten »Weltentsagung« in schneidendem Widerspruch. Dasselbe gilt
von dem Luxus und der Pracht, welche sich bald in dem sittenlosen Privatleben
des höheren katholischen Klerus und in der künstlerischen Ausschmückung der
christlichen Kirchen und Klöster entwickelten.
Christliche Kunst. Man wird hier einwenden, daß unsere Ansicht durch die Schönheitsfülle der christlichen Kunst widerlegt werde, welche besonders in der
Blütezeit des Mittelalters so unvergängliche Werke schuf. Die prachtvollen
gotischen Dome und byzantinischen Basiliken, die Hunderte von prächtigen
Kapellen, die Tausende von Marmorstatuen christlicher Heiliger und Märtyrer,
die Millionen von schönen Heiligenbildern, von tiefempfundenen Darstellungen
von Christus und der Madonna — sie zeugen alle von einer Entwickelung der
schönen Künste im Mittelalter, die in ihrer Art einzig ist. Alle diese herrlichen
Denkmäler der bildenden Kunst, ebenso wie die der Dichtkunst, behalten ihren
hohen ästhetischen Wert, gleichviel, wie wir die darin enthaltene Mischung von
»Wahrheit und Dichtung« beurteilen. Aber was hat das alles mit der reinen
Christenlehre zu tun, mit jener Religion der Entsagung, welche von allem
irdischen Prunk und Glanz, von aller materiellen Schönheit und Kunst sich
abwendete, welche das Familienleben und die Frauenliebe gering schätzte,
welche allein die Sorge um die immateriellen Güter des »ewigen Lebens«
predigte? Der Begriff der »christlichen Kunst« ist eigentlich ein Widerspruch in
sich. Die reichen Kirchenfürsten freilich, welche dieselben pflegten, verfolgten
damit ganz andere Zwecke, und sie erreichten sie auch vollständig. Indem sie
das ganze Interesse und Streben des menschlichen Geistes im Mittelalter auf die
christliche K i r c h e und deren eigentümliche K u n s t lenkten, wendeten sie
dasselbe von der N a t u r ab und von der Erkenntnis der hier verborgenen
Schätze, die zu selbständiger W i s s e n s c h a f t geführt hätten. Außerdem aber
erinnerte der tägliche Anblick der überall massenhaft ausgestellten
Heiligenbilder, der Darstellungen aus der »heiligen Geschichte«, den gläubigen
Christen jederzeit an den reichen Sagenschatz, den die Phantasie der Kirche
angesammelt hatte. Die Legenden derselben wurden für wahre Erzählungen, die
Wundergeschichten für wirkliche Ereignisse ausgegeben und geglaubt.
Unzweifelhaft hat in dieser Beziehung die christliche Kunst einen ungeheuren
Einfluß auf die allgemeine Bildung und ganz besonders auf die Festigung des
Glaubens geübt, einen Einfluß, der sich in der ganzen Kulturwelt bis auf den
heutigen Tag geltend macht.
Monistische Kunst. Den schärfsten Gegensatz zu dieser herrschenden
christlichen Kunst bildet diejenige neue Form der bildenden Kunst, die sich erst
im 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit der N a t u r w i s s e n s c h a f t
entwickelt hat. Die überraschende Erweiterung unserer Weltkenntnis, die
Entdeckung von unzähligen schönen Lebensformen, die wir der letzteren
verdanken, hat in unserer Zeit einen ganz anderen ästhetischen Sinn geweckt und
damit auch der bildenden Kunst eine neue Richtung gegeben. Zahlreiche
wissenschaftliche Reisen und große Expeditionen zur Erforschung unbekannter
Länder und Meere förderten schon im 18., noch viel mehr aber im 19. Jahrhundert eine ungeahnte Fülle von unbekannten organischen Formen
zutage. Die Zahl der neuen Tier- und Pflanzenarten wuchs bald ins
Unermeßliche, und unter diesen (besonders unter den früher vernachlässigten
niederen Gruppen) fanden sich Tausende schöner und interessanter Gestalten,
ganz neue Motive für Malerei und Bildhauerei, für Architektur und
Kunstgewerbe. Eine neue Welt erschloß in dieser Beziehung besonders die
ausgedehntere m i k r o s k o p i s c h e Forschung in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts und namentlich die Entdeckung der fabelhaften
Tiefseebewohner, die erst durch die berühmte Challenger-Expedition (1872-
1876) ans Licht gezogen wurden. Tausende von zierlichen Radiolarien und
Thalamophoren, von prächtigen Medusen und Korallen, von abenteuerlichen
Mollusken und Krebsen eröffneten uns da mit einem Male eine ungeahnte Fülle
von verborgenen Formen, deren eigenartige Schönheit und Mannigfaltigkeit alle
von der menschlichen Phantasie geschaffenen Kunstprodukte weitaus übertrifft.
Allein schon in den fünfzig großen Bänden des Challengerwerkes ist auf 3000
Tafeln eine Masse solcher schöner Gestalten abgebildet; aber auch in vielen
anderen großen Prachtwerken, welche die mächtig wachsende zoologische und
botanische Literatur der letzten Dezennien enthält, sind Millionen reizender
Formen dargestellt. Ich habe versucht, in meinen »Kunstformen der Natur« eine
Auswahl von solchen schönen und reizvollen Gestalten weiteren Kreisen
zugänglich zu machen. (100 Tafeln in 10 Heften. Leipzig 1899-1903.)
Indessen bedarf es nicht weiter Reisen und kostspieliger Werke, um jedem
Menschen die Herrlichkeiten dieser Welt zu erschließen. Vielmehr müssen dafür
nur seine Augen geöffnet und sein Sinn geübt werden. Überall bietet die
umgebende Natur eine überreiche Fülle von schönen und interessanten Objekten
aller Art. In jedem Moose und Grashalme, in jedem Käfer und Schmetterling
finden wir bei genauer Untersuchung Schönheiten, an denen der Mensch
gewöhnlich achtlos vorübergeht. Vollends wenn wir dieselben mit einer Lupe bei
schwacher Vergrößerung betrachten, oder noch mehr, wenn wir die stärkere
Vergrößerung eines guten Mikroskopes anwenden, entdecken wir überall in der
organischen Natur eine neue Welt voll unerschöpflicher Reize.
Aber nicht nur für diese ästhetische Betrachtung des Kleinen und Kleinsten,
sondern auch für diejenige des Großen und Größten in der Natur hat uns erst das
19. Jahrhundert die Augen geöffnet. Noch im Beginne desselben war die Ansicht
herrschend, daß die Hochgebirgsnatur zwar großartig, aber abschreckend, das
Meer zwar gewaltig, aber furchtbar sei. Jetzt, am Ende desselben, sind die
meisten Gebildeten — und besonders die Bewohner der Großstädte — glücklich,
wenn sie jährlich auf ein paar Wochen die Herrlichkeit der Alpen und die Kristallpracht der Gletscher genießen können; oder wenn sie sich an der
Majestät des blauen Meeres, an den reizenden Landschaftsbildern seiner Küsten
erfreuen können. Alle diese Quellen des edelsten Naturgenusses sind uns erst
neuerdings in ihrer ganzen Herrlichkeit offenbar und verständlich geworden, und
die erstaunlich gesteigerte Leichtigkeit und Schnelligkeit des Verkehrs hat selbst
den Unbemittelteren die Gelegenheit zu ihrer Kenntnis verschafft. Alle diese
Fortschritte im ästhetischen Naturgenusse — und damit zugleich im
wissenschaftlichen Naturverständnis — bedeuten ebenso viele Fortschritte in der
höheren menschlichen Geistesbildung und damit zugleich in unserer
monistischen Religion.
Landschaftsmalerei und Illustrationswerke. Der Gegensatz, in welchem unser
n a t u r a l i s t i s c h e s Jahrhundert zu den vorhergehenden
a n t h r o p i s t i s c h e n steht, prägt sich besonders in der verschiedenen
Wertschätzung und Verbreitung von Illustrationen der mannigfaltigsten
Naturobjekte aus. Es hat sich in unserer Zeit ein lebhaftes Interesse für ihre
bildlichen Darstellungen entwickelt das früheren Zeiten unbekannt war; es wird
unterstützt durch die erstaunlichen Fortschritte der Technik und des Verkehrs,
welche eine allgemeine Verbreitung derselben in weitesten Kreisen gestatten.
Zahlreiche illustrierte Zeitschriften verbreiten mit der allgemeinen Bildung
zugleich den Sinn für die unendliche Schönheit der Natur in allen Gebieten.
Besonders ist es die L a n d s c h a f t s m a l e r e i, die hier eine früher nicht
geahnte Bedeutung gewonnen hat. Schon in der ersten Hälfte des
19. Jahrhunderts hatte einer unserer größten und vielseitigsten Naturforscher,
A l e x a n d e r v o n H u m b o l d t, darauf hingewiesen, wie die Entwickelung
der modernen Landschaftsmalerei nicht nur als »Anregungsmittel zum
Naturstudium« und als geographisches Anschauungsmittel von hoher Bedeutung
sei, sondern wie sie auch in anderer Beziehung als ein edles Bildungsmittel
hochzuschätzen sei. Seitdem ist der Sinn dafür noch bedeutend weiter
entwickelt. Es sollte Aufgabe jeder Schule sein, die Kinder frühzeitig zum
Genusse der L a n d s c h a f t anzuleiten und zu der höchst dankbaren Kunst, sie
durch Zeichnen und Aquarellmalen ihrem Gedächtnis einzuprägen.
Moderner Naturgenuß. Der unendliche Reichtum der Natur an Schönem und
Erhabenem bietet jedem Menschen, der offene Augen und ästhetischen Sinn
besitzt, eine unerschöpfliche Fülle der herrlichsten Gaben. So wertvoll und
beglückend aber auch der unmittelbare Genuß jeder einzelnen Gabe ist, so wird
deren Wert doch noch hoch gesteigert durch die Erkenntnis ihrer Bedeutung und
ihres Zusammenhanges mit der übrigen Natur. Als A l e x a n d e r v o n
H u m b o l d t (1845) in seinem großartigen »K o s m o s« den »Entwurf einer physischen Weltbeschreibung« gab, als er in seinen mustergültigen »Ansichten
der Natur« wissenschaftliche und ästhetische Betrachtung in glücklichster Weise
verband, da hat er mit Recht hervorgehoben, wie eng der veredelte Naturgenuß
mit der »wissenschaftlichen Ergründung der Weltgesetze«, verknüpft ist, und
wie beide vereinigt dazu dienen, das Menschenwesen auf eine höhere Stufe der
Vollendung zu erheben. Die staunende Bewunderung, mit der wir den gestirnten
Himmel und das mikroskopische Leben in einem Wassertropfen betrachten, die
Ehrfurcht, mit der wir das wunderbare Wirken der Energie in der bewegten
Materie untersuchen, die Andacht, mit welcher wir die Geltung des
allumfassenden Substanzgesetzes im Universum verehren, — sie alle sind
Bestandteile unseres G e m ü t s l e b e n s, die unter den Begriff der
»n a t ü r l i c h e n R e l i g i o n« fallen.
Diesseits und Jenseits. Die angedeuteten Fortschritte der Neuzeit in der
Erkenntnis des Wahren und im Genusse des Schönen bilden ebenso einerseits
einen wertvollen Inhalt unserer monistischen Religion, als sie andererseits in
feindlichem Gegensatze zum Christentum stehen. Denn der menschliche Geist
lebt dort in dem bekannten »D i e s s e i t s«, hier in einem unbekannten
»J e n s e i t s«. Unser Monismus lehrt, daß wir sterbliche Kinder der Erde sind,
die ein oder zwei, höchstens drei »Menschenalter« hindurch das Glück haben,
im Diesseits die Herrlichkeiten dieses Planeten zu genießen, die unerschöpfliche
Fülle seiner Schönheit zu schauen und die wunderbaren Spiele seiner
Naturkräfte zu erkennen. Das Christentum dagegen lehrt, daß die Erde ein
elendes Jammerthal ist, auf welchem wir bloß eine kurze Zeitlang uns zu
kasteien und abzuquälen brauchen, um sodann im »Jenseits« ein ewiges Leben
voller Wonne zu genießen. Wo dieses »Jenseits« liegt, und wie diese Herrlichkeit
des ewigen Lebens eigentlich beschaffen sein soll, das hat uns noch keine
»Offenbarung« gesagt. Solange der »Himmel« für den Menschen ein blaues Zelt
war, ausgespannt über der scheibenförmigen Erde und erleuchtet durch das
blinkende Lampenlicht einiger tausend Sterne, konnte sich die menschliche
Phantasie oben in diesem Himmelssaal allenfalls das ambrosische Gastmahl der
olympischen Götter oder die Tafelfreuden der Walhallabewohner vorstellen. Nun
ist aber für alle diese Gottheiten und für die mit ihnen tafelnden »unsterblichen
Seelen« die offenkundige W o h n u n g s n o t eingetreten. »Himmelsbild und
Weltanschauung«, wie sie T r o e l s - L u n d in ihrem tiefen Zusammenhange
historisch dargestellt hat, haben durch die bewunderungswürdigen Fortschritte
der modernen Kosmologie eine völlige Umwandlung erfahren. Wir wissen jetzt
durch die A s t r o p h y s i k, daß der unendliche Raum mit schwingendem Äther
erfüllt ist, und daß Millionen von Weltkörpern, nach ewigen ehernen Gesetzen
bewegt, sich rastlos darin umhertreiben, alle im ewigen großen »Werden und Vergehen« begriffen.
Monistische Kirchen. Die Stätten der Andacht, in denen der Mensch sein
religiöses Gemütsbedürfnis befriedigt und die Gegenstände seiner Anbetung
verehrt, betrachtet er als seine geheiligten »Kirchen«. Die Pagoden im
buddhistischen Asien, die griechischen Tempel im klassischen Altertum, die
Synagogen in Palästina, die Moscheen in Ägypten, die katholischen Dome im
südlichen und die evangelischen Kathedralen im nördlichen Europa — alle diese
»Gotteshäuser« sollen dazu dienen, den Menschen über die Misere und Prosa
des realen Alltagslebens zu erheben; sie sollen ihn in die Weihe und die Poesie
einer höheren, idealen Welt versetzen. Sie erfüllen diesen Zweck in vielen
tausend verschiedenen Formen, entsprechend den verschiedenen Kulturformen
und Zeitverhältnissen. Der moderne Mensch, welcher »Wissenschaft und Kunst«
besitzt — und damit zugleich auch Religion —, bedarf keiner besonderen
Kirche, keines engen, eingeschlossenen Raumes. Denn überall in der freien
Natur, wo er seine Blicke auf das unendliche Universum oder auf einen Teil
desselben richtet, überall findet er zwar den harten »Kampf ums Dasein«, aber
daneben auch das »Wahre, Schöne und Gute«; überall findet er seine »K i r c h e«
in der herrlichen N a t u r selbst.
N e u n z e h n t e s K a p i t e l .
Unsere monistische Sittenlehre.
Gleichgewicht zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe.
Gleichberechtigung des Egoismus und Altruismus. Fehler der
christlichen Moral. Staat, Schule und Kirche.
Das praktische Leben stellt an den Menschen eine Reihe von ganz bestimmten
sittlichen Anforderungen, die nur dann richtig erfüllt werden können, wenn sie
in reinem Einklang mit seiner vernünftigen Weltanschauung stehen. Diesem
Grundsatze unserer monistischen Philosophie zufolge muß unsere gesamte
S i t t e n l e h r e oder Ethik in vernünftigem Zusammenhang mit der
einheitlichen Auffassung des »Kosmos« stehen, welche wir durch unsere
fortgeschrittene Erkenntnis der Naturgesetze gewonnen haben. Wie das ganze
unendliche Universum im Lichte unseres Monismus ein einziges großes Ganzes
darstellt, so bildet auch das geistige und sittliche Leben des Menschen nur einen
Teil dieses »K o s m o s«, und so kann auch seine naturgemäße Ordnung nur eine
einheitliche sein. E s g i b t n i c h t z w e i v e r s c h i e d e n e , g e t r e n n t e
W e l t e n: eine p h y s i s c h e , m a t e r i e l l e und eine m o r a l i s c h e ,
i m m a t e r i e l l e Welt.
Ganz entgegengesetzter Ansicht ist die große Mehrzahl der Philosophen und
Theologen noch heute; sie behaupten mit I m m a n u e l K a n t, daß die sittliche
Welt von der physischen ganz unabhängig sei und ganz anderen Gesetzen
gehorche; also müsse auch das s i t t l i c h e B e w u ß t s e i n d e s
M e n s c h e n, als die Basis des moralischen Lebens, ganz unabhängig von der
w i s s e n s c h a f t l i c h e n W e l t e r k e n n t n i s sein und sich vielmehr auf
den religiösen Glauben stützen. Die Erkenntnis der sittlichen Welt soll danach
durch die gläubige p r a k t i s c h e Ve r n u n f t geschehen, hingegen die der
Natur oder der physischen Welt durch die t h e o r e t i s c h e Ve r n u n f t.
Dieser unzweifelhafte und bewußte D u a l i s m u s in K a n t s Philosophie war
ihr größter und s c h w e r s t e r F e h l e r; er hat unendliches Unheil angerichtet
und wirkt noch heute mächtig fort. Zuerst hatte der k r i t i s c h e K a n t in der
großartigen und bewunderungswürdigen Kritik der reinen Vernunft einleuchtend
gezeigt, daß die drei großen Z e n t r a l d o g m e n d e r M e t a p h y s i k: der
persönliche Gott, der freie Wille und die unsterbliche Seele völlig unbegründet sind und immer unbegründet bleiben werden. Später aber führte der
d o g m a t i s c h e K a n t das schimmernde ideale Luftschloß der praktischen
Vernunft auf, in welchem drei imposante Kirchenschiffe zur Wohnstätte jener
drei mystischen Gottheiten hergerichtet wurden. Nachdem sie durch die
Vordertür mittels des vernünftigen Wissens hinausgeschafft waren, kehrten sie
nun durch die Hintertür mittels des unvernünftigen Glaubens wieder zurück.
Obgleich nun der offenkundige Gegensatz der beiden Vernünfte von K a n t, der
prinzipielle Antagonismus der r e i n e n und der p r a k t i s c h e n Vernunft,
schon im Anfange des 19. Jahrhunderts erkannt und widerlegt wurde, blieb er
doch bis heute in weiten Kreisen herrschend. Die moderne Schule der
N e o k a n t i a n e r predigt noch heute den »Rückgang auf Kant« so eindringlich
gerade w e g e n dieses willkommenen D u a l i s m u s, und die streitende Kirche
unterstützt sie dabei aufs wärmste, weil ihr eigener mystischer Glaube dazu
vortrefflich paßt. Eine wirksame Niederlage bereitete demselben erst die
moderne Naturwissenschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; die
Voraussetzungen der praktischen Vernunftlehre wurden dadurch hinfällig.
Kosmologie und Biologie, die auf dem Substanzgesetz ruhen, bedürfen keines
»persönlichen Gottes« mehr; die vergleichende und genetische Psychologie
zeigte, daß eine »unsterbliche Seele« nicht existieren kann, und die Physiologie
wies nach, daß die Annahme des »freien Willens« auf Täuschung beruht. Die
Entwickelungslehre endlich machte klar, daß die »e w i g e n , e h e r n e n
N a t u r g e s e t z e« der anorganischen Welt auch in der organischen und
moralischen Welt Geltung haben.
Unsere moderne Naturerkenntnis wirkt aber für die praktische Philosophie und
Ethik nicht nur n e g a t i v, indem sie den Kantischen Dualismus zertrümmert,
sondern auch p o s i t i v, indem sie an dessen Stelle das neue Gebäude des
e t h i s c h e n M o n i s m u s setzt. Sie zeigt, daß das P f l i c h t g e f ü h l des
Menschen nicht auf einem eingeimpften »k a t e g o r i s c h e n I m p e r a t i v«
beruht, sondern auf dem r e a l e n B o d e n d e r s o z i a l e n I n s t i n k t e,
die wir bei allen gesellig lebenden höheren Tieren finden. Sie erkennt als
höchstes Ziel der Moral die Herstellung einer gesunden Harmonie zwischen
E g o i s m u s und A l t r u i s m u s, zwischen Selbstliebe und Nächstenliebe. Vor
allen anderen war es der große englische Philosoph H e r b e r t S p e n c e r, dem
wir die Begründung dieser monistischen Ethik durch die Entwickelungslehre
verdanken.
Egoismus und Altruismus. Der Mensch gehört zu den s o z i a l e n
W i r b e l t i e r e n und hat daher, wie alle sozialen Tiere, zweierlei verschiedene
Pflichten, erstens gegen sich selbst und zweitens gegen die Gesellschaft, der er angehört. Erstere sind Gebote der S e l b s t l i e b e (Egoismus), letztere Gebote
der N ä c h s t e n l i e b e (Altruismus). Beide Gebote sind gleich berechtigt,
gleich natürlich und gleich unentbehrlich. Will der Mensch in geordneter
Gesellschaft existieren und sich wohl befinden, so muß er nicht nur sein eigenes
Glück anstreben, sondern auch dasjenige der Gemeinschaft, der er angehört, und
der »Nächsten«, welche diesen sozialen Verein bilden. Er muß erkennen, daß ihr
Gedeihen sein Gedeihen ist und ihr Leiden sein Leiden. Diese sozialen
Grundgesetze sind so einfach und so naturnotwendig, daß man schwer begreift,
wie ihnen theoretisch und praktisch widersprochen werden kann; und doch
geschieht das noch heute, wie es seit Jahrtausenden geschehen ist.
Gleichgewicht des Egoismus und Altruismus. Die gleiche Berechtigung dieser
beiden Naturtriebe, die moralische Gleichwertigkeit der Selbstliebe und der
Nächstenliebe ist das wichtigste F u n d a m e n t a l p r i n z i p u n s e r e r
M o r a l. Das höchste Ziel aller vernünftigen Sittenlehre ist demnach sehr
einfach, die Herstellung des »n a t u r g e m ä ß e n G l e i c h g e w i c h t s
z w i s c h e n E i g e n l i e b e u n d N ä c h s t e n l i e b e«. Das Goldene
Sittengesetz sagt: »Was du willst, daß dir die Leute tun sollen, das tue du ihnen
auch.« Aus diesem höchsten Gebot des Christentums folgt von selbst, daß wir
ebenso heilige Pflichten gegen uns selbst wie gegen unsere Mitmenschen haben.
Ich habe meine Auffassung dieses Grundprinzips bereits 1892 in meinem
»M o n i s m u s« auseinandergesetzt (S. 29, 45) und dabei besonders drei
wichtige Sätze betont: I. Beide konkurrierende Triebe sind N a t u r g e s e t z e,
die zum Bestehen der Familie und der Gesellschaft gleich wichtig und gleich
notwendig sind; der Egoismus ermöglicht die Selbsterhaltung des
I n d i v i d u u m s, der Altruismus diejenige der Gattung und S p e z i e s, die sich
aus der Kette der vergänglichen Individuen zusammensetzt. II. D i e s o z i a l e n
P f l i c h t e n, welche die Gesellschaftsbildung den assoziierten Menschen
auferlegt, und durch welche sich diese erhält, sind nur höhere
Entwickelungsformen der s o z i a l e n I n s t i n k t e, welche wir bei allen
höheren, gesellig lebenden Tieren finden. III. Beim Kulturmenschen steht alle
Ethik, sowohl die theoretische wie die praktische Sittenlehre, als
»Normwissenschaft« in Zusammenhang mit der W e l t a n s c h a u u n g und
demnach auch mit der R e l i g i o n.
Das ethische Grundgesetz. (D a s G o l d e n e S i t t e n g e s e t z.) Aus der
Anerkennung unseres Fundamentalprinzips der Moral ergibt sich unmittelbar das
höchste Gebot derselben, jenes Pflichtgebot, das man jetzt oft als das
G o l d e n e S i t t e n g e s e t z oder kurz als die »Goldene Regel« bezeichnet.
C h r i s t u s sprach dasselbe wiederholt in dem einfachen Satze aus: »D u s o l l s t d e i n e n N ä c h s t e n l i e b e n w i e d i c h s e l b s t« (Matth. 19,
19; 22, 39, 40; Römer 13, 9 usw.). In diesem wichtigsten und höchsten Gebote
stimmt unsere m o n i s t i s c h e E t h i k vollkommen mit der c h r i s t l i c h e n
überein. Nur müssen wir gleich die historische Tatsache hinzufügen, daß die
Aufstellung dieses obersten Grundgesetzes nicht ein Verdienst Christi ist, wie
die meisten christlichen Theologen behaupten und ihre unkritischen Gläubigen
unbesehen annehmen. Vielmehr ist diese G o l d e n e R e g e l mehr als
fünfhundert Jahre älter als Christus und von vielen verschiedenen Weisen
Griechenlands und des Orients als wichtigstes Sittengesetz anerkannt.
P i t t a k o s von Mytilene, einer der sieben Weisen Griechenlands, sagte 620
Jahre vor Christus: »Tue deinem Nächsten nicht, was du ihm verübeln würdest.«
— K o n f u t s e, der große chinesische Philosoph und Religionsstifter (der die
Unsterblichkeit der Seele und den persönlichen Gott leugnete), sagte 500 Jahre
vor Chr.: »Tue jedem anderen, was du willst, daß er dir tun soll; und tue keinem
anderen, was du willst, daß er dir nicht tun soll. Du brauchst nur dieses Gebot
allein; es ist d i e G r u n d l a g e a l l e r a n d e r e n G e b o t e.«
A r i s t o t e l e s lehrte um die Mitte des vierten Jahrhunderts vor Chr.: »Wir
sollen uns gegen andere so benehmen, als wir wünschen, daß andere gegen uns
handeln sollen.« In gleichem Sinne und zum Teil mit denselben Worten wird
auch die goldene Regel von T h a l e s, I s o k r a t e s, A r i s t i p p u s, dem
Pythagoräer S e x t u s und anderen Philosophen des klassischen Altertums —
m e h r e r e J a h r h u n d e r t e v o r C h r i s t u s! — ausgesprochen. Aus
dieser Zusammenstellung geht hervor, daß das Goldene Grundgesetz zu
verschiedenen Zeiten und an verschiedenem Orten von mehreren Philosophen —
unabhängig voneinander — aufgestellt worden ist. Anderenfalls müßte man
annehmen, daß Jesus es aus anderen orientalischen Quellen (aus älteren
semitischen, indischen, chinesischen Traditionen, besonders buddhistischen
Lehren) übernommen habe, wie es jetzt für die meisten anderen christlichen
Glaubenslehren nachgewiesen ist.
Christliche Sittenlehre. Da das ethische Grundgesetz demnach bereits seit 2500
Jahren besteht, und da das Christentum dasselbe ausdrücklich als höchstes, alle
anderen umfassendes Gebot an die Spitze seiner Sittenlehre stellt, würde unsere
m o n i s t i s c h e E t h i k in diesem wichtigsten Punkte nicht nur mit jenen
älteren heidnischen Sittenlehren, sondern auch mit den christlichen in
vollkommenem Einklang sein. Leider wird aber diese erfreuliche Harmonie
dadurch gestört, daß die Evangelien und die paulinischen Episteln viele andere
Sittenlehren enthalten, die jenem ersten und obersten Gebote geradezu
widersprechen. Wir müssen daher kurz jene bedauerlichen Seiten der
christlichen Lehre andeuten, welche mit der besseren Weltanschauung der Neuzeit unverträglich und bezüglich ihrer praktischen Konsequenzen geradezu
schädlich sind. Dahin gehört die Verachtung der christlichen Moral gegen das
eigene Individuum, gegen den Leib, die Natur, die Kultur, die Familie und die
Frau.
I . D i e S e l b s t v e r a c h t u n g d e s C h r i s t e n t u m s. Als obersten und
wichtigsten Mißgriff der christlichen Ethik, welcher die Goldene Regel geradezu
aufhebt, müssen wir die Ü b e r t r e i b u n g der Nächstenliebe auf Kosten der
Selbstliebe betrachten. Das Christentum bekämpft und verwirft den
E g o i s m u s im Prinzip, und doch ist dieser Naturtrieb zur Selbsterhaltung
absolut unentbehrlich; ja, man kann sagen, daß auch der A l t r u i s m u s, sein
scheinbares Gegenteil, im Grunde ein verfeinerter Egoismus ist. Nichts Großes,
nichts Erhabenes ist jemals ohne Egoismus geschehen und ohne die
L e i d e n s c h a f t, welche uns zu großen Opfern befähigt. Nur die
A u s s c h r e i t u n g e n dieser Triebe sind verwerflich. Zu denjenigen
christlichen Geboten, welche uns in frühester Jugend als wichtigste eingeprägt
und welche in Millionen von Predigten verherrlicht werden, gehört der Satz
(Matthäus 5, 44): »Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen,
die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen.« Dieses ideale
Gebot ist praktisch von sehr bedenklichem Werte. Ebenso verhält es sich mit der
Anweisung: »Wenn dir jemand den Rock nimmt, dem gib auch den Mantel«;
d. h. in das moderne Leben übersetzt: »Wenn dich ein gewissenloser Schuft um
die eine Hälfte deines Vermögens betrügt, dann schenke ihm auch noch die
andere Hälfte.« Die vielbewunderte Weltmachtspolitik der modernen
Kulturstaaten steht in s c h n e i d e n d e m W i d e r s p r u c h zu allen
Grundlehren der christlichen Liebe, welche von ihnen i m M u n d e geführt
wird. Übrigens ist ja der offenkundige Widerspruch zwischen der empfohlenen
i d e a l e n, altruistischen Moral des e i n z e l n e n Menschen und der r e a l e n,
rein egoistischen Moral der menschlichen G e m e i n d e n, und besonders der
christlichen Kulturstaaten, eine allbekannte Tatsache. Es wäre interessant,
mathematisch festzustellen, bei welcher Z a h l von vereinigten Menschen das
a l t r u i s t i s c h e Sittenideal der einzelnen Person sich in sein Gegenteil
verwandelt, in die rein e g o i s t i s c h e »Realpolitik« der Staaten und Nationen.
II. D i e L e i b e s v e r a c h t u n g d e s C h r i s t e n t u m s. Da der christliche
Glaube den Organismus des Menschen ganz dualistisch beurteilt und der
unsterblichen Seele nur einen vorübergehenden Aufenthalt im sterblichen Leibe
anweist, ist es ganz natürlich, daß der ersteren ein viel höherer Wert beigemessen
wird als dem letzteren. Daraus folgt jene Vernachlässigung der Leibespflege, der
körperlichen Ausbildung und Reinlichkeit, welche das Kulturleben des christlichen Mittelalters sehr unvorteilhaft vor demjenigen des heidnischen
klassischen Altertums auszeichnet. In der christlichen Sittenlehre fehlen jene
strengen Gebote der täglichen Waschungen und der sorgfältigen Körperpflege,
die wir in der mohammedanischen, den indischen und anderen Religionen nicht
nur theoretisch festgesetzt, sondern auch praktisch ausgeführt sehen. Das Ideal
des frommen Christen ist in vielen Klöstern der Mensch, der sich niemals
ordentlich wäscht und kleidet, der seine schmutzige Kutte niemals wechselt, und
der statt ordentlicher Arbeit sein faules Leben mit gedankenlosen Betübungen,
sinnlosem Fasten usw. zubringt. Als Auswüchse dieser Leibesverachtung möge
noch an die widerwärtigen Bußübungen der Geißler und anderer Asketiker
erinnert werden.
I I I. D i e N a t u r v e r a c h t u n g d e s C h r i s t e n t u m s. Eine Quelle von
unzähligen theoretischen Irrtümern und praktischen Fehlern, von geduldeten
Rohheiten und bedauerlichen Entbehrungen liegt in dem falschen
A n t h r o p i s m u s d e s C h r i s t e n t u m s, in der exklusiven Stellung,
welche es dem Menschen als »Ebenbild Gottes« anweist, im Gegensatze zu der
übrigen Natur. Dadurch hat es nicht allein zu einer höchst schädlichen
Entfremdung von unserer herrlichen Mutter »Natur« beigetragen, sondern auch
zu einer bedauernswerten Verachtung der übrigen Organismen. Das Christentum
kennt nicht jene rühmliche L i e b e z u d e n T i e r e n, jenes Mitleid mit den
nächststehenden, uns befreundeten Säugetieren (Hunden, Pferden, Rindern
usw.), welche zu den Sittengesetzen vieler anderer älterer Religionen gehören,
vor allem der weitestverbreiteten, des B u d d h i s m u s. Wer längere Zeit im
katholischen Südeuropa gelebt hat, ist oftmals Zeuge jener abscheulichen
Tierquälereien gewesen, die uns Tierfreunden sowohl das tiefste Mitleid als den
höchsten Zorn erregen; und wenn er dann jenen rohen »Christen« Vorwürfe über
ihre Grausamkeit macht, erhält er zur lachenden Antwort: »Ja, die Tiere sind
doch keine Christen!« Leider wurde dieser Irrtum auch durch D e s c a r t e s
befestigt, der nur dem Menschen eine fühlende Seele zuschrieb, nicht aber den
Tieren. Wie erhaben steht in dieser Beziehung unsere monistische Ethik über der
christlichen! Der D a r w i n i s m u s lehrt uns, daß wir zunächst von Primaten
und weiterhin von einer Reihe älterer Säugetiere abstammen, und daß diese
»u n s e r e B r ü d e r« sind; die Physiologie beweist uns, daß diese Tiere
dieselben Nerven und Sinnesorgane haben wie wir, daß sie ähnlich Lust und
Schmerz empfinden wie wir. Kein mitfühlender monistischer Naturforscher wird
sich jemals jener rohen Mißhandlung der Tiere schuldig machen, die der
gläubige Christ in seinem anthropistischen Größenwahn — als »Kind des Gottes
der Liebe!« — gedankenlos begeht. — Außerdem aber entzieht die prinzipielle
Naturverachtung des Christentums dem Menschen eine Fülle der edelsten irdischen Freuden, vor allem den herrlichen, wahrhaft erhebenden
N a t u r g e n u ß.
IV. D i e K u l t u r v e r a c h t u n g d e s C h r i s t e n t u m s. Da nach Christi
Lehre unsere Erde ein Jammerthal ist, unser irdisches Leben wertlos und nur
eine Vorbereitung auf das »ewige Leben« im besseren Jenseits, so verlangt sie
folgerichtig, daß demgemäß der Mensch auf alles Glück im Diesseits zu
verzichten und alle dazu erforderlichen i r d i s c h e n G ü t e r gering zu achten
hat. Zu diesen »irdischen Gütern« gehören aber für den modernen
Kulturmenschen die unzähligen kleinen und großen Hilfsmittel der Technik, der
Hygiene, des Verkehrs, welche unser heutiges Kulturleben angenehm gestalten;
— zu diesen »irdischen Gütern« gehören alle die hohen Genüsse der bildenden
Kunst, der Tonkunst, der Poesie, welche schon während des christlichen
Mittelalters (trotz seiner Prinzipien!) sich zu hoher Blüte entwickelten, und
welche wir als »ideale Güter« hochschätzen; — zu diesen »irdischen Gütern«
gehören die unschätzbaren Fortschritte der Wissenschaft und vor allem der
Naturerkenntnis. Alle diese »irdischen Güter« der verfeinerten Kultur, welche
nach unserer monistischen Weltanschauung den höchsten Wert besitzen, sind
nach der christlichen Lehre wertlos, ja großenteils verwerflich, und die strenge
christliche Moral muß das Streben nach diesen Gütern mißbilligen. Das
Christentum zeigt sich also auch auf diesem praktischen Gebiete kulturfeindlich;
der Kampf, welchen die moderne Bildung und Wissenschaft dagegen zu führen
gezwungen sind, ist auch in diesem Sinne ein wirklicher »K u l t u r k a m p f«.
V. D i e F a m i l i e n v e r a c h t u n g d e s C h r i s t e n t u m s. Zu den
bedauerlichsten Seiten der christlichen Moral gehört die Geringschätzung,
welche dasselbe gegen das F a m i l i e n l e b e n besitzt, d. h. gegen jenes
naturgemäße Zusammenleben mit den nächsten Blutsverwandten, welches für
den normalen Menschen ebenso unentbehrlich ist wie für alle höheren sozialen
Tiere. Die »Familie« gilt uns ja mit Recht als die »Grundlage der Gesellschaft«
und das gesunde Familienleben als Vorbedingung für ein blühendes Staatsleben.
Ganz anderer Ansicht war Christus, dessen nach dem »Jenseits« gerichteter
Blick die Frau und die Familie ebenso gering schätzte wie alle anderen Güter des
»Diesseits«. Von den seltenen Berührungen mit seinen Eltern und Geschwistern
wissen die Evangelien nur sehr wenig zu erzählen; das Verhältnis zu seiner
Mutter Maria war danach keineswegs so zart und innig, wie es uns Tausende von
schönen Bildern in p o e t i s c h e r Ve r k l ä r u n g vorführen; er selbst war
nicht verheiratet. Die Geschlechtsliebe, die doch die erste Grundlage der
Familienbildung ist, erschien Jesus eher wie ein notwendiges Übel. Noch weiter
ging darin sein eifrigster Apostel, P a u l u s, der es für besser erklärte, nicht zu heiraten, als zu heiraten. »Es ist dem Menschen gut, daß er kein Weib berühre«
(1. Korinther 7, 1, 28-38). Wenn die Menschheit diesen guten Rat befolgte,
würde sie damit allerdings bald alles irdische Leid und Elend loswerden; sie
würde durch diese Radikalkur innerhalb eines Jahrhunderts aussterben.
VI. D i e F r a u e n v e r a c h t u n g d e s C h r i s t e n t u m s . Da Christus selbst
die Frauenliebe nicht kannte, blieb ihm persönlich jene feine Veredelung des
wahren Menschenwesens fremd, welche erst aus dem innigen Zusammenleben
des Mannes mit dem Weibe entspringt. Der intime sexuelle Verkehr, auf
welchem allein die Erhaltung des Menschengeschlechts beruht, ist dafür ebenso
wichtig wie die geistige Durchdringung beider Geschlechter und die
gegenseitige Ergänzung, die sich beide gleicherweise in den praktischen
Bedürfnissen des täglichen Lebens wie in den höchsten idealen Funktionen der
Seelentätigkeit gewähren. Denn Mann und Weib sind zwei verschiedene, aber
gleichwertige Organismen, jeder mit seinen Eigentümlichkeiten, Vorzügen und
Mängeln. Je höher sich die Kultur entwickelte, desto mehr wurde dieser ideale
Wert der sexuellen Liebe erkannt, und desto höher stieg die Achtung der Frau,
besonders in der germanischen Rasse; ist sie doch die Quelle, aus welcher die
herrlichsten Blüten der Poesie und der Kunst entsprossen sind. Christus dagegen
lag diese Anschauung ebenso fern wie fast dem ganzen Altertum; er teilte die
allgemein herrschende Anschauung des O r i e n t s, daß das Weib dem Manne
untergeordnet und der Verkehr mit ihm »unrein« sei. Die beleidigte Natur hat
sich für diese Mißachtung furchtbar gerächt; ihre traurigen Folgen sind
namentlich in der Kulturgeschichte des papistischen Mittelalters mit blutiger
Schrift verzeichnet.
Papistische Moral. Die bewunderungswürdige Hierarchie des römischen
Papismus, die kein Mittel zur absoluten Beherrschung der Geister verschmähte,
fand ein ausgezeichnetes Instrument in der Fortbildung jener »unreinen«
Anschauung und in der Pflege der asketischen Vorstellung, daß die Enthaltung
vom Frauenverkehr an sich eine Tugend sei. Schon in den ersten Jahrhunderten
nach Christus enthielten sich viele Priester freiwillig der Ehe, und bald stieg der
vermeintliche Wert dieses Z ö l i b a t s so hoch, daß dasselbe für obligatorisch
erklärt wurde. Die Sittenlosigkeit, die infolge dessen einriß, ist durch die
Forschungen der neueren Kulturgeschichte allbekannt geworden. Schon im
Mittelalter wurde die Verführung ehrbarer Frauen und Töchter durch katholische
Geistliche (wobei der Beichtstuhl eine wichtige Rolle spielte) ein öffentliches
Ärgernis; viele Gemeinden drangen darauf, daß zur Verhütung derselben den
»keuschen« Priestern das K o n k u b i n a t gestattet werde! Auf den christlichen
Konzilien, auf welchen ungläubige Ketzer lebendig verbrannt wurden, tafelten die versammelten Kardinäle und Bischöfe mit ganzen Scharen von
Freudenmädchen. Die geheimen und öffentlichen Ausschweifungen des
katholischen Klerus wurden so schamlos und gemeingefährlich, daß schon vor
L u t h e r die Empörung darüber allgemein und der Ruf nach einer »Reformation
der Kirche an Haupt und Gliedern« überall laut wurde. Daß trotzdem diese
unsittlichen Verhältnisse in katholischen Ländern noch heute fortbestehen (wenn
auch mehr im Geheimen), ist bekannt. Früher wiederholten sich noch immer von
Zeit zu Zeit die Anträge auf definitive Aufhebung des Zölibats, so in den
Kammern von Baden, Bayern, Hessen, Sachsen und anderen Ländern. Leider
bisher vergebens! Im Deutschen Reichstage, in welchem das ultramontane
Zentrum die lächerlichsten Mittel zur Vermeidung der sexuellen Unsittlichkeit
vorschlägt, denkt noch heute keine Partei daran, die Abschaffung des Zölibats im
Interesse der öffentlichen Moral zu beantragen. (Vergl. H o e n s b r o e c h, Das
Papsttum, Leipzig 1901).
Der moderne Kulturstaat, der nicht bloß das praktische, sondern auch das
moralische Volksleben auf eine höhere Stufe heben soll, hat das Recht und die
Pflicht, solche unwürdige und gemeinschädliche Zustände aufzuheben. Das
o b l i g a t o r i s c h e Z ö l i b a t der katholischen Geistlichen ist ebenso
verderblich und unsittlich wie die O h r e n b e i c h t e und der A b l a ß k r a m;
alle drei Einrichtungen haben mit dem u r s p r ü n g l i c h e n C h r i s t e n t u m
n i c h t s zu tun; alle drei schlagen der reinen Christenmoral ins Gesicht; alle drei
sind nichtswürdige Erfindungen des P a p i s m u s, darauf berechnet, die absolute
Herrschaft über die leichtgläubigen Volksmassen aufrecht zu erhalten und sie
nach Kräften materiell auszubeuten.
Die Nemesis der Geschichte wird früher oder später über den römischen
Papismus ein furchtbares Strafgericht halten, und die Millionen Menschen, die
durch diese entartete Religion um ihr Lebensglück gebracht wurden, werden
dazu dienen, ihr im zwanzigsten Jahrhundert den Todesstoß zu versetzen —
wenigstens in den wahren »Kulturstaaten«. Man hat neuerdings berechnet, daß
die Zahl der Menschen, welche durch die papistischen Ketzerverfolgungen, die
Inquisition, die christlichen Glaubenskriege usw. ums Leben kamen, weit über
zehn Millionen beträgt. Aber was bedeutet diese Zahl gegen die zehnfach
größere Zahl der Unglücklichen, welche den Satzungen und der
Priesterherrschaft der entarteten christlichen Kirche m o r a l i s c h zum Opfer
fielen? — gegen die Unzahl derjenigen, deren höheres Geistesleben durch sie
getötet, deren naives Gewissen gequält, deren Familienleben vernichtet wurde?
Hier gilt das wahre Wort aus G o e t h e s Gedicht »Die Braut von Korinth«:
»Opfer fallen hier, weder Lamm noch Stier,
A b e r M e n s c h e n o p f e r u n e r h ö r t!«
Staat und Kirche. In dem großen »K u l t u r k a m p f e«, der infolge dieser
traurigen Verhältnisse noch immer geführt werden muß, sollte das erste Ziel die
vollständige T r e n n u n g v o n S t a a t u n d K i r c h e sein. Die »freie
Kirche soll im freien Staate« bestehen, d. h. jede Kirche soll frei sein in voller
Ausübung ihres Kultus und ihrer Zeremonien, auch im Ausbau ihrer
phantastischen Dichtungen und abergläubigen Dogmen — jedoch unter der
Vo r a u s s e t z u n g, daß sie dadurch nicht die öffentliche Ordnung und
Sittlichkeit gefährdet. Und dann soll gleiches Recht für alle gelten! Die freien
Gemeinden und die monistischen Religions-Gesellschaften sollen ebenso
geduldet und ebenso frei in ihren Bewegungen sein wie die liberalen
Protestantenvereine und die orthodoxen ultramontanen Gemeinden. Aber für alle
diese »Gläubigen« der verschiedensten Konfessionen soll d i e R e l i g i o n
P r i v a t s a c h e bleiben; der Staat soll sie nur beaufsichtigen und etwaige
Ausschreitungen verhüten, sie aber weder unterdrücken, noch unterstützen.
Auch sollen die Steuerzahler nicht mehr gehalten werden, ihr Geld für die
Aufrechterhaltung und Förderung eines fremden »G l a u b e n s« herzugeben, der
nach ihrer ehrlichen Überzeugung ein schädlicher A b e r g l a u b e ist. In den
Vereinigten Staaten von Nordamerika, in Holland und einigen kleineren Ländern
ist in diesem Sinne die vollständige »Trennung von Staat und Kirche« längst
durchgeführt, und zwar zur Zufriedenheit aller Beteiligten, ebenso neuerdings in
Frankreich. Damit ist dort zugleich die ebenso wichtige Trennung von der
Schule bestimmt, unzweifelhaft ein wesentlicher Grund für den Aufschwung der
Wissenschaft und des höheren Geisteslebens überhaupt.
Kirche und Schule. Es ist selbstverständlich, daß die Entfernung der Kirche aus
der Schule sich bloß auf die K o n f e s s i o n bezieht, auf die besondere
Glaubensform, welche der Sagenkreis jeder einzelnen Kirche im Laufe der Zeit
entwickelt hat. Dieser »konfessionelle Unterricht« ist reine Privatsache und
Aufgabe der Eltern und Vormünder, oder derjeniger Priester oder Lehrer, denen
diese ihr persönliches Vertrauen schenken. Dagegen treten an Stelle der
ausgeschiedenen »Konfession« zwei verschiedene wichtige
Unterrichtsgegenstände: erstens die monistische Sittenlehre und zweitens die
vergleichende Religionsgeschichte. Über die neue m o n i s t i s c h e E t h i k,
welche sich auf der festen Basis der modernen Naturerkenntnis — vor allem der
E n t w i c k e l u n g s l e h r e — erhebt, ist im Laufe der letzten Jahrzehnte eine
umfangreiche Literatur erschienen. Unsere neue v e r g l e i c h e n d e
R e l i g i o n s g e s c h i c h t e knüpft naturgemäß an den bestehenden
Elementarunterricht in »biblischer Geschichte« und in der Sagenwelt des griechischen und römischen Altertums an. Beide bleiben wie bisher wesentliche
Bildungselemente. Das ist schon deshalb selbstverständlich, weil unsere ganze
b i l d e n d e K u n s t auf das Innigste mit der jüdischen und christlichen, der
hellenischen und römischen Mythologie verwachsen ist. Ein wesentlicher
Unterschied im Unterricht wird nur da eintreten, daß die israelitischen und
christlichen Sagen und Legenden nicht als »W a h r h e i t« gelehrt werden,
sondern gleich den griechischen und römischen als D i c h t u n g e n; was sie an
ethischen und ästhetischen Werten enthalten, wird dadurch nicht vermindert,
sondern erhöht. — Was die B i b e l betrifft, so sollte dieses »Buch der Bücher«
den Kindern nur in sorgfältig gewähltem Auszuge in die Hand gegeben werden
(als »Schulbibel«); dadurch würde die Befleckung der kindlichen Phantasie mit
den zahlreichen unsauberen Geschichten und unmoralischen Erzählungen
verhütet werden, an denen namentlich das Alte Testament so reich ist.
Staat und Schule. Nachdem unser moderner Kulturstaat sich und die Schule
von den Sklavenfesseln der Kirche befreit hat, wird er um so mehr seine Kraft
und Fürsorge der Pflege der S c h u l e widmen können. Der unschätzbare Wert
eines guten Schulunterrichts ist uns um so mehr zum Bewußtsein gekommen, je
reicher sich im Laufe des 19. Jahrhunderts alle Zweige des modernen
Kulturlebens entfaltet haben. Aber die Entwickelung der Unterrichtsmethoden
hat damit keineswegs gleichen Schritt gehalten. Die Notwendigkeit einer
umfassenden S c h u l r e f o r m drängt sich uns immer entschiedener auf.
Besonders dürften dabei folgende Fortschritte zu berücksichtigen sein: 1. Im
bisherigen Unterricht spielte allgemein der M e n s c h die Hauptrolle und
besonders das grammatische Studium seiner S p r a c h e; die Naturkunde wurde
darüber ganz vernachlässigt. 2. In der neueren Schule muß die N a t u r das
Hauptobjekt werden; der Mensch soll eine richtige Vorstellung von der Welt
gewinnen, in der er lebt; er soll nicht außerhalb der Natur stehen oder gar im
Gegensatz zu ihr, sondern soll als ihr höchstes und edelstes Erzeugnis
erscheinen. 3. Das Studium der k l a s s i s c h e n S p r a c h e n (Lateinisch und
Griechisch), das bisher den größten Teil der Zeit und Arbeit in Anspruch nahm,
bleibt zwar sehr wertvoll, muß aber stark beschränkt und auf die Elemente
reduziert werden (das Griechische nur fakultativ, das Lateinisch obligatorisch).
4. Dafür müssen die m o d e r n e n K u l t u r s p r a c h e n auf allen höheren
Schulen um so mehr gepflegt werden (Deutsch, Englisch, Französisch,
Italienisch). 5. Der Unterricht in der Geschichte muß mehr das innere
Geistesleben, die Kulturgeschichte berücksichtigen, weniger die äußerliche
Völkergeschichte (die Schicksale der Dynastien, Kriege usw.). 6. Die Grundzüge
der E n t w i c k e l u n g s l e h r e sind im Zusammenhange mit denjenigen der
K o s m o l o g i e zu lehren, Geologie im Anschluß an die Geographie, Anthropologie im Anschluß an die Biologie. 7. Die Grundzüge der B i o l o g i e
müssen Gemeingut jedes gebildeten Menschen werden; der moderne
»Anschauungsunterricht« fördert die anziehende Einführung in die biologischen
Wissenschaften (Anthropologie, Zoologie, Botanik). Im Beginne ist von der
beschreibenden Systematik auszugehen (im Zusammenhang mit Ökologie oder
Bionomie); später sind die Elemente der Anatomie und Physiologie
anzuschließen. 8. Ebenso muß von P h y s i k und C h e m i e jeder Gebildete die
Grundzüge kennen lernen. 9. Jeder Schüler muß gut z e i c h n e n lernen, und
zwar nach der Natur; womöglich auch aquarellieren. Das Entwerfen von
Zeichnungen und Aquarellskizzen nach der Natur (von Blumen, Tieren,
Landschaften, Wolken usw.) weckt nicht nur das Interesse an der Natur und
erhält die Erinnerung an ihren Genuß, sondern die Schüler lernen dadurch
überhaupt erst richtig s e h e n und das Gesehene v e r s t e h e n. 10. Viel mehr
Sorgfalt und Zeit als bisher ist auf die k ö r p e r l i c h e A u s b i l d u n g zu
verwenden, auf Turnen und Schwimmen; vorzüglich aber sind wöchentlich
gemeinsame S p a z i e r g ä n g e und jährlich in den Ferien mehrere
F u ß r e i s e n zu unternehmen; der hier gebotene Anschauungsunterricht ist von
höchstem Wert.
Das Hauptziel der höheren Schulbildung blieb bisher in den meisten
Kulturstaaten die Vorbildung für den späteren Beruf, Erwerbung eines gewissen
Maßes von Kenntnissen und Abrichtung für die Pflichten des Staatsbürgers. Die
Schule des 20. Jahrhunderts wird dagegen als Hauptziel die Ausbildung des
s e l b s t ä n d i g e n D e n k e n s verfolgen, das klare Verständnis der
erworbenen Kenntnisse und die Einsicht in den natürlichen Zusammenhang der
Erscheinungen. Wenn der moderne Kulturstaat jedem Bürger das allgemeine
gleiche Wahlrecht zugesteht, muß er ihm auch die Mittel gewähren, durch gute
Schulbildung seinen Verstand zu entwickeln, um davon zum allgemeinen Besten
eine vernünftige Anwendung zu machen.
Z w a n z i g s t e s K a p i t e l .
Lösung der Welträtsel.
Rückblick auf die Fortschritte der wissenschaftlichen Welterkenntnis im
neunzehnten Jahrhundert. Beantwortung der Welträtsel durch die
monistische Naturphilosophie.
Am Ende unserer philosophischen Studien über die Welträtsel angelangt, dürfen
wir getrost zur Beantwortung der schwerwiegenden Frage schreiten: Wie weit ist
uns ihre Lösung gelungen? Welchen Wert besitzen die ungeheuren Fortschritte,
welche das verflossene 19. Jahrhundert in der wahren Naturerkenntnis gemacht
hat? Und welche Aussicht eröffnen sie uns für die Zukunft, für die weitere
Entwickelung unserer Weltanschauung im 20. Jahrhundert? Jeder unbefangene
Denker, der die tatsächlichen Fortschritte unserer empirischen Kenntnisse und
die einheitliche Klärung unseres philosophischen Verständnisses einigermaßen
übersehen kann, wird unsere Ansicht teilen: das 19. Jahrhundert hat größere
Fortschritte in der Kenntnis der Natur und im Verständnis ihres Wesens
herbeigeführt als alle früheren Jahrhunderte; es hat viele große »Welträtsel«
gelöst, die an seinem Beginne für unlösbar galten; es hat uns neue Gebiete des
Wissens und Erkennens aufgeschlossen, von deren Existenz der Mensch vor
hundert Jahren noch keine Ahnung hatte. Vor allem aber hat es uns das erhabene
Ziel der m o n i s t i s c h e n K o s m o l o g i e klar vor Augen gestellt und den
Weg gezeigt, auf welchem allein wir uns ihm nähern können, den Weg der
exakten empirischen Erforschung der T a t s a c h e n und der kritischen
genetischen Erkenntnis ihrer U r s a c h e n. Das abstrakte große Gesetz der
m e c h a n i s c h e n K a u s a l i t ä t, für das unser k o s m o l o g i s c h e s
G r u n d g e s e t z, das S u b s t a n z g e s e t z, nur ein anderer konkreter
Ausdruck ist, beherrscht jetzt das Universum ebenso wie den Menschengeist; es
ist der sichere, unverrückbare Leitstern geworden, dessen klares Licht uns durch
das dunkle Labyrinth der unzähligen einzelnen Erscheinungen den Pfad zeigt.
Um uns davon zu überzeugen, wollen wir einen flüchtigen Rückblick auf die
erstaunlichen Fortschritte werfen, welche die Hauptzweige der
Naturwissenschaft in diesem denkwürdigen Zeitraum gemacht haben.
I . Fortschritte der Astronomie. Die Himmelskunde ist die älteste, die
Menschenkunde die jüngste Naturwissenschaft. Über sich selbst und sein eigenes Wesen kam der Mensch erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
zur Klarheit, während er in der Kenntnis des gestirnten Himmels, der
Planetenbewegungen usw. schon vor 5000 Jahren viele Kenntnisse besaß. Die
alten Chinesen, Inder, Ägypter und Chaldäer kannten im fernen Morgenlande
schon damals die sphärische Astronomie genauer als die meisten »gebildeten«
Christen des Abendlandes viertausend Jahre später. Schon im Jahre 2697 vor
Chr. wurde in China eine Sonnenfinsternis astronomisch berechnet und
1100 Jahre vor Chr. mittels eines Gnomons die Schiefe der Ekliptik bestimmt;
hingegen besaß Christus selbst (der »Sohn Gottes!«) bekanntlich gar keine
astronomischen Kenntnisse; er beurteilte vielmehr Himmel und Erde, Natur und
Mensch von dem beschränktesten geozentrischen und anthropozentrischen
Standpunkte aus. Als größter Fortschritt der Astronomie wird allgemein und mit
Recht das heliozentrische Weltsystem des Kopernikus betrachtet, dessen
großartiges Werk: »D e r e v o l u t i o n i b u s o r b i u m c o e l e s t i u m « (1543)
selbst die größte Revolution in den Köpfen der denkenden Menschen hervorrief.
Indem er das herrschende geozentrische Weltsystem des P t o l e m ä u s stürzte,
entzog er zugleich der herrschenden christlichen Weltanschauung den Boden,
welche die Erde als Mittelpunkt der Welt und den Menschen als gottgleichen
Beherrscher der Erde betrachtete. Es war daher nur folgerichtig, daß der
christliche Klerus, an seiner Spitze der römische Papst, die neue Entdeckung des
K o p e r n i k u s aufs heftigste bekämpfte. Trotzdem brach sie sich bald
vollständig Bahn, nachdem K e p l e r und G a l i l e i darauf die wahre
»Mechanik des Himmels« gegründet und N e w t o n ihr durch seine
Gravitationstheorie die unerschütterliche mathematische Basis gegeben hatte
(1686).
Ein weiterer gewaltiger und das ganze Universum umfassender Fortschritt war
die Einführung der Entwickelungsidee in die Himmelskunde; er geschah 1755
durch den jugendlichen K a n t, der in seiner kühnen Allgemeinen
Naturgeschichte und Theorie des Himmels nicht nur die »Ve r f a s s u n g«,
sondern auch den »m e c h a n i s c h e n U r s p r u n g des ganzen Weltgebäudes
nach Newtons Grundsätzen« abzuhandeln unternahm. Durch das großartige
»S y s t è m e d u m o n d e « von L a p l a c e, der unabhängig von K a n t auf
dieselben Vorstellungen von der Weltbildung gekommen war, wurde dann 1796
diese neue »M é c a n i q u e c é l e s t e « so fest begründet, daß es scheinen konnte,
unserem 19. Jahrhundert sei auf diesem größten Erkenntnisgebiete nichts
wesentlich Neues von gleicher Bedeutung mehr vorbehalten. Und doch bleibt
ihm der Ruhm, auch hier ganz neue Bahnen eröffnet und unseren Blick ins
Universum unendlich erweitert zu haben. Durch die Erfindung der Photographie
und Photometrie, vor allem aber der Spektralanalyse (durch B u n s e n und K i r c h h o f f, 1860) wurden die Physik und Chemie in die Astronomie
eingeführt und dadurch kosmologische Aufschlüsse von größter Tragweite
gewonnen. Es ergab sich nun mit Sicherheit, daß die M a t e r i e im ganzen
Weltall wesentlich dieselbe ist, und daß ihre physikalischen und chemischen
Eigenschaften auf den fernsten Fixsternen nicht verschieden sind von denjenigen
unserer Erde.
Die monistische Überzeugung von der p h y s i k a l i s c h e n und
c h e m i s c h e n E i n h e i t d e s u n e n d l i c h e n K o s m o s, die wir
dadurch gewonnen haben, gehört sicherlich zu den wertvollsten allgemeinen
Erkenntnissen, welche wir der A s t r o p h y s i k verdanken, einem neuen höchst
interessanten Zweige der Astronomie. Nicht minder wichtig ist die klare, mit
Hilfe jener gewonnene Erkenntnis, daß auch dieselben Gesetze der
mechanischen Entwickelung im unendlichen Universum ebenso überall
herrschen wie auf unserer Erde; eine gewaltige allumfassende
M e t a m o r p h o s e d e s K o s m o s vollzieht sich ebenso ununterbrochen in
allen Teilen des unendlichen Universums wie in der geologischen Geschichte
unserer Erde; ebenso in der Stammesgeschichte ihrer Bewohner wie in der
Völkergeschichte und im Leben jedes einzelnen Menschen. In einem Teile des
Kosmos erblicken wir mit unserem vervollkommneten Fernrohre gewaltige
Nebelflecke, die aus glühenden, äußerst dünnen Gasmassen bestehen; wir deuten
sie als Keime von Weltkörpern, die Milliarden von Meilen entfernt und im ersten
Stadium der Entwickelung begriffen sind. Bei einem Teile dieser »Sternkeime«
sind wahrscheinlich die chemischen Elemente noch nicht getrennt, sondern bei
ungeheuer hoher Temperatur i m U r e l e m e n t vereinigt. In anderen Teilen des
Universums begegnen wir Sternen, die bereits durch Abkühlung glutflüssig
geworden, anderen, die schon erstarrt sind; wir können ihre Entwickelungsstufe
annähernd aus ihrer verschiedenen Farbe bestimmen. Dann wieder sehen wir
Sterne, die von Ringen und Monden umgeben sind wie unser Saturn; wir
erkennen in dem leuchtenden Nebelring den Keim eines neuen Mondes, der sich
vom Mutterplaneten ebenso abgelöst hat wie dieser von der Sonne. Die moderne
Himmelsphotographie hat uns in den Stand gesetzt, mit Hilfe der mächtigen,
sehr vervollkommneten Riesenfernrohre, die Zahl der sichtbaren Weltkörper in
den einzelnen Himmelsbezirken genau zu bestimmen; schon jetzt sind mehr als
hundert Millionen Sterne wirklich gezählt worden, die meisten wahrscheinlich
viel größer als unsere Erde.
Von vielen »Fixsternen«, deren Licht Jahrtausende braucht, um zu uns zu
gelangen, dürfen wir mit Sicherheit annehmen, daß sie S o n n e n sind, ähnlich
unserer Mutter Sonne, und daß sie von Planeten und Monden umkreist werden, ähnlich denen unseres eigenen Sonnensystems. Wir dürfen auch weiterhin
vermuten, daß sich Tausende von diesen Planeten auf einer ähnlichen
Entwickelungsstufe wie unsere Erde befinden, d. h. in einem Lebensalter, in dem
die Temperatur der Oberfläche zwischen dem Gefrier- und Siedepunkt des
Wassers liegt, also die Existenz tropfbaren flüssigen Wassers gestattet. Damit ist
die Möglichkeit gegeben, daß der K o h l e n s t o f f auch hier, wie auf der Erde,
mit anderen Elementen sehr verwickelte Verbindungen eingeht, und daß aus
seinen stickstoffhaltigen Verbindungen sich P l a s m a entwickelt hat, jene
wunderbare »l e b e n d i g e S u b s t a n z«, die wir als alleinigen Eigentümer des
organischen Lebens kennen. Die M o n e r e n, die nur aus solchem primitiven
P r o t o p l a s m a bestehen, und die durch U r z e u g u n g (A r c h i g o n i e) aus
jenen anorganischen Kohlenstoff-Verbindungen entstanden, können nun
denselben Entwickelungsgang auf vielen anderen, wie auf unserem eigenen
Planeten, eingeschlagen haben; zunächst bildeten sich aus ihrem homogenen
Plasmakörper durch Sonderung eines inneren K e r n s vom äußeren
Z e l l k ö r p e r einfachste lebendige Z e l l e n. Die Analogie im Leben aller
Zellen aber berechtigt uns zu dem Schlusse, daß auch die weitere
Stammesgeschichte sich auf vielen Sternen ähnlich wie auf unserer Erde abspielt
— immer natürlich die gleichen engen Grenzen der Temperatur vorausgesetzt, in
denen das Wasser tropfbar-flüssig bleibt; für glühendflüssige Weltkörper, auf
denen das Wasser nur in Dampfform, und für erstarrte, auf denen es nur in
Eisform besteht, ist organisches Leben in gleicher Weise unmöglich.
Die Ähnlichkeit der Phylogenie, die Analogie der stammesgeschichtlichen
Entwickelung, die wir demnach bei vielen Sternen auf gleicher biogenetischer
Entwickelungsstufe annehmen dürfen, bietet natürlich der konstruktiven
Phantasie ein weites Feld für farbenreiche Spekulationen. Ein
Lieblingsgegenstand derselben ist seit alter Zeit die Frage, ob auch M e n s c h e n
oder uns ähnliche, vielleicht höher entwickelte Organismen auf anderen Sternen
wohnen? Soweit wir gegenwärtig zur Beantwortung dieser Frage befähigt
erscheinen, können wir uns etwa Folgendes vorstellen: I. Es ist sehr
wahrscheinlich, daß auf einigen Planeten unseres Systems (Mars und Venus) und
vielen Planeten anderer Sonnensysteme der biogenetische Prozeß sich ähnlich
wie auf unserer Erde abspielt; zuerst entstanden durch Archigonie einfache
Moneren und aus diesen einzellige Protisten. II. Es ist sehr wahrscheinlich, daß
aus solchen einzelligen Urwesen sich im weiteren Verlauf der Entwickelung
zunächst soziale Zellvereine bildeten, später gewebebildende Pflanzen und Tiere.
III. Es ist auch fernerhin wahrscheinlich, daß im Pflanzenreiche sich zunächst
Moose und Farne, später Algen, zuletzt Blumenpflanzen entwickelten. IV. Es ist
ebenso wahrscheinlich, daß auch im Tierreiche der biogenetische Prozeß einen ähnlichen Verlauf nahm, daß aus Blastäaden sich zunächst Gasträaden
entwickelten, und aus diesen Niedertieren später Obertiere. V. Dagegen ist es
sehr fraglich, ob die einzelnen Stämme dieser höheren Tiere (und ebenso der
höheren Pflanzen) denselben oder einen ähnlichen Entwickelungsgang auf
anderen Planeten durchlaufen wie auf unserer Erde. VI. Insbesondere ist es
unsicher, ob Wirbeltiere auch außerhalb der Erde existieren, und ob aus deren
phyletischer Metamorphose sich im Laufe vieler Millionen Jahre ebenso
Säugetiere und an deren Spitze der Mensch entwickelt haben wie auf unserer
Erde; es müßten dann Millionen von Transformationen sich dort ganz ebenso
wie hier wiederholt haben. VII. Dagegen ist es wahrscheinlicher, daß auf anderen
Planeten sich andere Typen von höheren Pflanzen und Tieren entwickelt haben,
die unserer Erde fremd sind; vielleicht auch aus einem höheren Tierstamme, der
den Wirbeltieren an Bildungsfähigkeit überlegen ist, höhere Wesen, die uns
irdische Menschen an Intelligenz und Denkvermögen weit übertreffen. VIII. Die
Möglichkeit, daß wir Menschen mit solchen Bewohnern anderer Planeten jemals
in direkten Verkehr treten könnten, erscheint ausgeschlossen durch die weite
Entfernung unserer Erde von anderen Weltkörpern und die Abwesenheit der
atmosphärischen Luft in dem ungeheuren, nur von Äther erfüllten
Zwischenraum.
Während nun viele Sterne sich wahrscheinlich in einem ähnlichen
biogenetischen Entwickelungsstadium befinden wie unsere Erde, sind andere
schon weiter vorgeschritten und gehen im »planetarischen Greisenalter« ihrem
Ende entgegen, demselben Ende, das auch unserer Erde sicher bevorsteht. Durch
Ausstrahlung der Wärme in den kalten Weltraum wird die Temperatur allmählich
so herabgesetzt, daß alles tropfbar flüssige Wasser zu Eis erstarrt; damit hört die
Möglichkeit organischen Lebens auf. Zugleich zieht sich die Masse der
rotierenden Weltkörper immer stärker zusammen; ihre Umlaufsgeschwindigkeit
ändert sich langsam. Die Bahnen der kreisenden Planeten werden immer enger,
ebenso diejenigen der sie umgebenden Monde. Zuletzt stürzen die Monde in die
Planeten und diese in die Sonnen, aus denen sie geboren sind. Durch diesen
Zusammenstoß werden wieder ungeheure Wärmemengen erzeugt. Die zerstäubte
Masse der zerstoßenen kollidierten Weltkörper verteilt sich frei im unendlichen
Weltraum, und das ewige Spiel der Sonnenbildung beginnt von neuem.
Das großartige Bild, welches so vor unseren geistigen Augen die moderne
Astrophysik aufrollt, offenbart uns ein ewiges Entstehen und Vergehen der
unzähligen Weltkörper, einen periodischen Wechsel der verschiedenen
kosmogenetischen Zustände, welche wir im Universum nebeneinander
beobachten. Während an einem Orte des unendlichen Weltraums aus einem diffusen Nebelfleck ein neuer Weltkeim sich entwickelt, hat ein anderer an
einem weit entfernten Orte sich bereits zu einem rotierenden Balle von
glutflüssiger Materie verdichtet; ein dritter hat bereits an seinem Äquator Ringe
abgeschleudert, die sich zu Planeten ballen; ein vierter ist schon zur mächtigen
Sonne geworden, deren Planeten sich mit sekundären Trabanten umgeben haben,
den Monden usw. usw. Und dazwischen treiben sich im Weltraum Milliarden
von kleineren Weltkörpern umher, von Meteoriten und Sternschnuppen, die als
scheinbar gesetzlose Vagabunden die Bahn der größeren durchkreuzen, und von
denen täglich ein großer Teil in die letzteren hineinstürzt. Dabei ändern sich
beständig langsam die Umlaufszeiten und die Bahnen der jagenden Weltkörper.
Die erkalteten Monde stürzen in ihre Planeten wie diese in ihre Sonnen. Zwei
entfernte Sonnen, vielleicht schon erstarrt, stoßen mit ungeheurer Kraft
aufeinander und zerstäuben in nebelartige Massen. Dabei entwickeln sie so
kolossale Wärmemengen, daß der Nebelfleck wieder glühend wird, und nun
wiederholt sich das alte Spiel von neuem. Bei dieser beständigen Umbildung
bleibt aber die unendliche Substanz des Universums, die Summe ihrer Materie
und Energie, ewig unverändert, und ewig wiederholt sich in der unendlichen Zeit
der p e r i o d i s c h e W e c h s e l d e r W e l t b i l d u n g, die in sich selbst
zurücklaufende M e t a m o r p h o s e d e s K o s m o s, das »Perpetuum mobile«
des Universums. Allgewaltig herrscht das S u b s t a n z g e s e t z.
II. Fortschritte der Geologie. Viel später als der Himmel wurde die Erde und
ihre Entstehung Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Die zahlreichen
Kosmogenien alter und neuer Zeit wollten zwar über die Entstehung der Erde
ebensogut Auskunft geben wie über die des Himmels; allein das mythologische
Gewand, in das sie sich sämtlich hüllten, verriet sofort ihren Ursprung aus der
dichtenden Phantasie. Unter all den zahlreichen Schöpfungssagen, von denen
uns die Religions- und Kulturgeschichte Kunde gibt, gewann eine einzige bald
allen übrigen den Rang ab, die Schöpfungsgeschichte des M o s e s, wie sie im
ersten Buche des Pentateuch (Genesis) erzählt wird. Sie entstand in der bekannten
Fassung erst lange nach dem Tode des Moses; ihre Quellen sind aber
größtenteils viel älter und auf assyrische, babylonische und indische Sagen
zurückzuführen. Den größten Einfluß gewann diese jüdische Schöpfungssage
dadurch, daß sie in das christliche Glaubensbekenntnis hinübergenommen und
als »Wort Gottes« geheiligt wurde. Zwar hatten schon 500 Jahre vor Chr. die
griechischen Naturphilosophen die natürliche Entstehung der Erde auf dieselbe
Weise wie die der anderen Weltkörper erklärt. Auch hatte schon damals
X e n o p h a n e s von Kolophon die Ve r s t e i n e r u n g e n, die später so große
Bedeutung erlangten, in ihrer wahren Natur erkannt; der große Maler
L e o n a r d o d a V i n c i hatte im 15. Jahrhundert ebenfalls diese Petrefakten für die fossilen Überreste von Tieren erklärt, die in früheren Zeiten der
Erdgeschichte gelebt hatten. Allein die Autorität der Bibel, insbesondere der
Mythus von der Sintflut, verhinderte jeden weiteren Fortschritt der wahren
Erkenntnis und sorgte dafür, daß die mosaischen Schöpfungssagen noch bis in
die Mitte des 18. Jahrhunderts in Geltung blieben. In den Kreisen der orthodoxen
Theologen besitzen sie dieselbe noch bis auf den heutigen Tag. Erst in der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begannen unabhängig davon
wissenschaftliche Forschungen über den Bau der Erdrinde, und wurden daraus
Schlüsse auf ihre Entstehung abgeleitet. Der Begründer der Geognosie, Werner
in Freiberg, ließ alle Gesteine aus dem Wasser entstehen, während Vo i g t und
H u t t o n (1788) richtig erkannten, daß nur die sedimentären, Petrefakten
führenden Gesteine diesen Ursprung haben, die vulkanischen und plutonischen
Gebirgsmassen dagegen durch Erstarrung feurigflüssiger Massen entstanden
sind.
Der heftige Kampf, der zwischen jener n e p t u n i s t i s c h e n und dieser
p l u t o n i s t i s c h e n Schule entstand, dauerte noch während der ersten drei
Dezennien des 19. Jahrhunderts fort; er wurde erst geschlichtet, nachdem K a r l
H o f f (1822) das Prinzip des Aktualismus begründet und C h a r l e s L y e l l
dasselbe mit größtem Erfolge für die ganze natürliche Entwickelung der Erde
durchgeführt hatte. Durch seine »Prinzipien der Geologie« (1830) wurde die
überaus wichtige Lehre von der K o n t i n u i t ä t der Erdumbildung endgültig
zur Anerkennung gebracht, gegenüber der Katastrophentheorie von C u v i e r.
Die P a l ä o n t o l o g i e, welche letzterer durch sein Werk über die fossilen
Knochen (1812) begründet hatte, wurde nun bald zur wichtigsten
Hilfswissenschaft der Geologie, und schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts
hatte sie sich so weit entwickelt, daß die Hauptperioden in der Geschichte der
Erde und ihrer Bewohner festgelegt waren. Die dünne Rindenschicht der Erde
war nun mit Sicherheit als die Erstarrungskruste des feurigflüssigen Planeten
erkannt, dessen langsame Abkühlung und Zusammenziehung sich
ununterbrochen fortsetzt. Die Faltung der erstarrenden Rinde, die »Reaktion des
feurigflüssigen Erdinnern gegen die erkaltete Oberfläche«, und vor allem die
ununterbrochene geologische Tätigkeit des Wassers sind die natürlich wirkenden
Ursachen, welche tagtäglich an der langsamen Umbildung der Erdrinde und
ihrer Gebirge mächtig arbeiten.
Drei überaus wichtige Ergebnisse von allgemeiner Bedeutung verdanken wir den
glänzenden Fortschritten der neueren Geologie. Erstens wurden damit aus der
Erdgeschichte alle W u n d e r ausgeschlossen, alle übernatürlichen Ursachen
beim Aufbau der Gebirge und der Umbildung der Kontinente. Zweitens wurde unser Begriff von der Länge der ungeheuren Zeiträume, die seit deren Bildung
verflossen sind, erstaunlich erweitert. Wir wissen jetzt, daß die ungeheuren
Gebirgsmassen der paläozoischen, mesozoischen und zänozoischen Formationen
nicht viele Jahrtausende, sondern viele Jahrmillionen zu ihrem Aufbau
brauchten. Drittens wissen wir jetzt, daß alle die zahlreichen, in diesen
Formationen eingeschlossenen Ve r s t e i n e r u n g e n nicht wunderbare
»Naturspiele« sind, wie man noch vor 150 Jahren glaubte, sondern die
versteinerten Überreste von Organismen, welche in früheren Perioden der
Erdgeschichte wirklich lebten, und welche durch langsame Umbildung aus
vorhergegangenen Ahnenreihen entstanden sind.
III. Fortschritte der Physik und Chemie. Die zahllosen wichtigen
Entdeckungen, welche diese fundamentalen Wissenschaften im 19. Jahrhundert
gemacht haben, sind so allbekannt und ihre praktische Anwendung in allen
Zweigen des menschlichen Kulturlebens liegt so klar vor aller Augen, daß wir
hier nicht Einzelnes hervorzuheben brauchen. Allen voran hat die Anwendung
der Dampfkraft und Elektrizität dem 19. Jahrhundert den charakteristischen
»Maschinenstempel« aufgedrückt. Aber nicht minder wertvoll sind die
kolossalen Fortschritte der anorganischen und organischen Chemie. Alle Gebiete
unserer modernen Kultur, Medizin und Technologie, Industrie und
Landwirtschaft, Bergbau und Forstwirtschaft, Landtransport und Wasserverkehr,
sind bekanntlich im Laufe des 19. Jahrhunderts — und besonders in dessen
zweiter Hälfte — dadurch so gefördert worden, daß unsere Großväter aus dem
18. Jahrhundert sich in dieser fremden Welt nicht auskennen würden. Aber
wertvoller und tiefgreifender noch ist die ungeheure theoretische Erweiterung
unserer Naturerkenntnis, welche wir der Begründung des
S u b s t a n z g e s e t z e s verdanken. Nachdem L a v o i s i e r (1789) das Gesetz
von der Erhaltung der Materie aufgestellt und D a l t o n (1808) mittels desselben
die Atomtheorie neu begründet hatte, war der modernen C h e m i e die Bahn
eröffnet, auf der sie in rapidem Siegeslauf eine früher nicht geahnte Bedeutung
gewann. Dasselbe gilt für die P h y s i k betreffend das Gesetz von der Erhaltung
der Energie. Seine Entdeckung durch R o b e r t M a y e r (1842) und
H e r m a n n H e l m h o l t z (1847) bedeutet auch für diese Wissenschaft eine
neue Periode fruchtbarster Entwickelung; denn nun erst war die Physik
imstande, die u n i v e r s a l e E i n h e i t d e r N a t u r k r ä f t e zu begreifen,
und das ewige Spiel der unzähligen Naturprozesse, bei welchen in jedem
Augenblick eine Kraft in die andere umgesetzt werden kann.
IV. Fortschritte der Biologie. Die großartigen und für unsere ganze
Weltanschauung bedeutsamen Entdeckungen, welche die A s t r o n o m i e und G e o l o g i e im 19. Jahrhundert gemacht haben, werden noch weit übertroffen
von denjenigen der B i o l o g i e; ja, wir dürfen sagen, daß von den zahlreichen
Zweigen, in welchen diese umfassende Wissenschaft vom organischen Leben
sich neuerdings entfaltet hat, der größere Teil überhaupt erst im Laufe des
19. Jahrhunderts entstanden ist. Wie wir im ersten Abschnitte gesehen haben,
sind innerhalb desselben alle Zweige der Anatomie und Physiologie, der Botanik
und Zoologie, der Ontogenie und Phylogenie, durch unzählige Entdeckungen
und Erfindungen so sehr bereichert worden, daß der heutige Zustand unseres
biologischen Wissens denjenigen vor hundert Jahren um das Vielfache übertrifft.
Das gilt zunächst q u a n t i t a t i v von dem kolossalen Wachstum unseres
positiven Wissens auf allen jenen Gebieten und ihren einzelnen Teilen. Es gilt
aber ebenso und noch mehr q u a l i t a t i v von der Vertiefung unseres
Verständnisses der biologischen Erscheinungen, von unserer Erkenntnis ihrer
bewirkenden Ursachen. Hier hat vor allen anderen C h a r l e s D a r w i n (1859)
die Palme des Sieges errungen; er hat durch seine Selektionstheorie das große
Welträtsel von der »organischen Schöpfung« gelöst, von der natürlichen
Entstehung der unzähligen Lebensformen durch allmähliche Umbildung. Zwar
hatte schon fünfzig Jahre früher der große L a m a r c k (1809) erkannt, daß der
Weg dieser Transformation auf der Wechselwirkung von Vererbung und
Anpassung beruhe; allein es fehlte ihm damals noch das Selektionsprinzip, und
es fehlte ihm vor allem die tiefere Einsicht in das wahre Wesen der Organisation,
welche erst später durch die Begründung der Entwickelungsgeschichte und der
Zellentheorie gewonnen wurde. Indem wir allgemein die Ergebnisse dieser und
anderer Disziplinen zusammenfaßten und in der Stammesgeschichte der
Organismen den Schlüssel zu ihrem einheitlichen Verständnis fanden, gelangten
wir zur Begründung jener m o n i s t i s c h e n B i o l o g i e, deren Prinzipien ich
(1866) in meiner »Generellen Morphologie« festzulegen versucht habe. (Vergl.
meine »Natürliche Schöpfungsgeschichte«, 11. Auflage, 1908). Die Anwendung
der Entwickelungslehre auf die allgemeinen Fragen der Physiologie habe ich
1904 in meinem Buche über die »L e b e n s w u n d e r« versucht.
(Gemeinverständliche Studien über Biologische Philosophie, Ergänzungsband zu
dem Buche über die »Welträtsel«.)
V. Fortschritte der Anthropologie. Allen anderen Wissenschaften voran steht in
gewissem Sinne die wahre M e n s c h e n k u n d e, die wirklich vernünftige
Anthropologie. Das Wort des alten Weisen: »M e n s c h , e r k e n n e d i c h
s e l b s t« und das andere berühmte Wort: »Der Mensch ist das Maß aller Dinge«
sind ja von Alters her anerkannt und angewendet. Und dennoch hat diese
Wissenschaft — im weitesten Sinne genommen — länger als alle anderen in den
Ketten der Tradition und des Aberglaubens geschmachtet. Wir haben im ersten Abschnitt gesehen, wie langsam und spät sich erst die Kenntnis vom
menschlichen Organismus entwickelt hat. Einer ihrer wichtigsten Zweige, die
Keimesgeschichte, wurde erst 1828 (durch B a e r) und ein anderer, nicht minder
wichtiger, die Zellenlehre, erst 1838 (durch S c h w a n n) sicher begründet. Noch
später aber wurde die »Frage aller Fragen« gelöst, das gewaltige Rätsel vom
»U r s p r u n g d e s M e n s c h e n«. Obgleich L a m a r c k schon 1809 den
einzigen Weg zu seiner richtigen Lösung gezeigt und »die Abstammung des
Menschen vom Affen« behauptet hatte, gelang es doch D a r w i n erst fünfzig
Jahre später, diese Behauptung sicher zu begründen, und erst 1863 stellte
H u x l e y in seinen »Zeugnissen für die Stellung des Menschen in der Natur«
die gewichtigsten Beweise hierfür zusammen. Ich selbst habe sodann in meiner
Anthropogenie (1874) den ersten Versuch gemacht, die ganze Reihe der Ahnen,
durch welche sich unser Geschlecht im Laufe vieler Jahrmillionen aus dem
Tierreich langsam entwickelt hat, im historischen Zusammenhang darzustellen.
Eine ausführliche Begründung der ganzen Stammesgeschichte und ihre
Anwendung auf das natürliche System der Organismen habe ich in den drei
Bänden meiner »Systematischen Phylogenie« gegeben (1894). Die schärfere
kritische Unterscheidung der sechs Strecken und dreißig Hauptstufen unserer
menschlichen Stammesgeschichte enthält meine Festschrift über »Unsere
Ahnenreihe« (Progonotoxis hominis, Jena, 30. Juli 1908).
Schlußbetrachtung.
Die Zahl der Welträtsel hat sich durch die angeführten Fortschritte der wahren
Naturerkenntnis im Laufe des 19. Jahrhunderts stetig vermindert; sie ist
schließlich auf ein einziges allumfassendes Universalrätsel zurückgeführt, auf
das S u b s t a n z p r o b l e m. Was ist denn nun eigentlich im tiefsten Grunde
dieses allgewaltige Weltwunder, welches der realistische Naturforscher als
N a t u r oder Universum verherrlicht, der idealistische Philosoph als
S u b s t a n z oder Kosmos, der fromme Gläubige als Weltgeist oder G o t t?
Können wir heute behaupten, daß die wunderbaren Fortschritte unserer
modernen Kosmologie dieses »Substanzrätsel« gelöst oder auch nur, daß sie uns
dessen Lösung sehr viel näher gebracht haben?
Die Antwort auf diese Schlußfrage fällt natürlich sehr verschieden aus,
entsprechend dem Standpunkte des fragenden Philosophen und seiner
empirischen Kenntnis der wirklichen Welt. Wir geben von vornherein zu, daß
wir dem innersten Wesen der Natur heute vielleicht noch ebenso fremd und
verständnislos gegenüberstehen, wie A n a x i m a n d e r und E m p e d o k l e s
vor 2400 Jahren, wie S p i n o z a und N e w t o n vor 200 Jahren, wie K a n t und
G o e t h e vor 100 Jahren. Ja, wir müssen sogar eingestehen, daß uns dieses
eigentliche Wesen der Substanz immer wunderbarer und rätselhafter wird, je
tiefer wir in die Erkenntnis ihrer Attribute, der Materie und Energie, eindringen,
je gründlicher wir ihre unzähligen Erscheinungsformen und deren Entwickelung
kennen lernen. Was als »D i n g a n s i c h« hinter den erkennbaren
Erscheinungen steckt, das wissen wir auch heute noch nicht. Aber was geht uns
dieses mystische »Ding an sich« überhaupt an, wenn wir keine Mittel zu seiner
Erforschung besitzen, wenn wir nicht einmal klar wissen, ob es existiert oder
nicht? Überlassen wir daher das unfruchtbare Grübeln über dieses ideale
Gespenst den »reinen Metaphysikern« und erfreuen wir uns statt dessen als
»echte Physiker« an den gewaltigen realen Fortschritten, welche unsere
monistische Naturphilosophie tatsächlich errungen hat.
Da überragt alle anderen Fortschritte und Entdeckungen des verflossenen
»großen Jahrhunderts« das allumfassende S u b s t a n z g e s e t z, das
»Grundgesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes«. Die Tatsache, daß
die Substanz überall einer ewigen Bewegung und Umbildung unterworfen ist,
stempelt es zugleich zum universalen E n t w i c k e l u n g s g e s e t z. Indem
dieses höchste Naturgesetz festgestellt und alle anderen ihm untergeordnet
wurden, gelangten wir zu der Überzeugung von der universalen E i n h e i t d e r N a t u r und der ewigen Geltung der Naturgesetze. Aus dem dunklen Substanz-
P r o b l e m entwickelte sich das klare Substanz-G e s e t z. Der Monismus des
Kosmos, den wir darauf begründen, lehrt uns die ausnahmslose Geltung der
»ewigen, ehernen, großen Gesetze« im ganzen Universum. Damit vernichtet er
aber zugleich die drei großen Zentraldogmen der bisherigen dualistischen
Philosophie, den persönlichen Gott, die Unsterblichkeit der Seele und die
Freiheit des Willens.
In der vorliegenden Behandlung der Welträtsel habe ich meinen konsequenten
monistischen Standpunkt scharf betont und den Gegensatz zu der dualistischen,
heute noch herrschenden Weltanschauung klar hervorgehoben. Ich stütze mich
dabei auf die Zustimmung von fast allen modernen Naturforschern, welche
überhaupt Neigung und Mut zum Bekenntnis einer abgerundeten
philosophischen Überzeugung besitzen. Ich möchte aber von meinen Lesern
nicht Abschied nehmen, ohne versöhnlich darauf hinzuweisen, daß dieser
schroffe Gegensatz bei konsequentem und klarem Denken sich bis zu einem
gewissen Grade mildert, ja selbst bis zu einer erfreulichen Harmonie gelöst
werden kann. Bei völlig folgerichtigem Denken, bei gleichmäßiger Anwendung
der höchsten Prinzipien auf das G e s a m t g e b i e t des Kosmos — der
organischen und anorganischen Natur —, nähern sich die Gegensätze des
Theismus und Pantheismus, des Vitalismus und Mechanismus bis zur
Berührung. Aber freilich, konsequentes Denken bleibt eine seltene
Naturerscheinung! Die große Mehrzahl aller Philosophen möchte mit der rechten
Hand das reine, auf Erfahrung begründete W i s s e n ergreifen, kann aber
gleichzeitig nicht den mystischen, auf Offenbarung gestützten G l a u b e n
entbehren, den sie mit der linken Hand festhält.
Die alte Weltanschauung des I d e a l d u a l i s m u s mit ihren mystischen und
anthropistischen Dogmen versinkt in Trümmer; aber über diesem gewaltigen
Trümmerfelde steigt hehr und herrlich die neue Sonne unseres
R e a l m o n i s m u s auf, welche uns den wundervollen Tempel der Natur in
seiner ganzen Pracht erkennen läßt. In dem reinen Kultus des »Wahren, Guten
und Schönen«, welcher den Kern unserer neuen m o n i s t i s c h e n R e l i g i o n
bildet, finden wir reichen Ersatz für die verlorenen anthropistischen Ideale von
»Gott, Freiheit und Unsterblichkeit«.
Anmerkungen des Bearbeiters
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Inkonsistente Schreibweisen wurden korrigiert.
Zuletzt geändert: 23/10/2026