Natur und Mensch / Sechs Abschnitte aus Werken von Ernst Haeckel

Phot. A. Bischoff, Jena.

Natur und Mensch.
Sechs Abschnitte aus Werken
von
Ernst Haeckel.
Herausgegeben und mit einer Einleitung versehen
von
Carl W. Neumann.
Mit dem Bildnis Ernst Haeckels
und zahlreichen Abbildungen im Text.
Leipzig
Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
Einleitung.
Hunderttausende führen den Namen Haeckels im Munde, urteilen über ihn und
sein Lebenswerk und kennen doch nichts von ihm als sein vielbefehdetes Buch
von den „Welträtseln“; vielleicht auch noch außerdem ein paar kleinere
Schriften. Was er vor diesen in vierzigjähriger rastloser Forscherarbeit
geschaffen hat, blieb für die meisten Geheimnis. Sie wissen, daß Haeckels Name
aufs engste verknüpft ist mit jener großen Bewegung, die Darwin durch sein
epochemachendes Werk „Die Entstehung der Arten im Tier- und Pflanzenreiche“
(1859) ins Leben rief, aber sie haben nur unklare Vorstellungen von der
besonderen Art der Verdienste Ernst Haeckels. Ganz zu geschweigen von dem,
was er unabhängig von Darwin in seinen voluminösen Monographien der
Radiolarien, Kalkschwämme, Medusen usw. der Wissenschaft Großes geschenkt
hat. Es ist daher angezeigt, der kleinen Auswahl von Abschnitten aus den
bedeutendsten populären Werken des Jenaer Naturforschers, die dieses
Bändchen vereinigt, wenigstens im Umriß ein Bild seines Lebens und Schaffens
voranzustellen.
Ernst Haeckel wurde am 16. Februar 1834 als Sohn des Regierungsrats Karl
Haeckel in Potsdam geboren, wuchs aber in Merseburg auf, wohin noch im
ersten Lebensjahre des Knaben der Vater versetzt worden war. Wer Fäden sucht,
die bereits aus den Tagen der Jugend ins spätere Leben und Wirken des reifen
Mannes hinüberwehen, kommt nicht in Verlegenheit. Kraftstrotzender Übermut
auf der einen Seite, auf der anderen die Neigung, in einsamen Wanderstunden
geheime Zwiesprache zu halten mit allem, was kreucht und fleucht, grünt und
blüht, sind von früh an hervorstechende Züge im Wesen des Knaben. Der
Elfjährige durchstreift schon die Kreuz und die Quer das Siebengebirge, um die
vermeintlich nur dort wachsende graue Erika ausfindig zu machen. Der
Merseburger Gymnasiast liefert Beiträge zu Garckes „Flora Hallensis“ und legt
sich in seinen Mußestunden ein Doppelherbarium an, eins für die „guten Arten“,
die sich hübsch fügsam in Linnés System bequemen, und ein zweites für die
„verdächtigen“ Genera, die dann, in langer Reihe geordnet, den
ununterbrochenen Übergang von einer guten Art zur anderen demonstrieren. „Es waren die von der Schule verbotenen Früchte der Erkenntnis, an denen ich in
stillen Mußestunden mein geheimes, kindisches Vergnügen hatte.“ In
Wirklichkeit rührte der Gymnasiast da schon leise an jenes große Problem von
der Dauer und Wandelbarkeit der Arten, das freilich vorerst nur in der Luft lag,
aber ihn später so mächtig erfassen sollte.
Als dieses „Später“ im Jahre 1859 in greifbare Nähe zu rücken begann, fischte
der fünfundzwanzigjährige Haeckel im Hafen von Messina nach allerlei
Seetieren, vor allem nach Radiolarien, jenen trotz ihrer mikroskopischen
Kleinheit so überaus reizvollen Strahltierchen mit dem vielgestaltigen,
rhythmisch gewachsenen Kieselskelett, die wenige Jahre zuvor erst sein großer
Lehrer Johannes Müller entdeckt hatte. Haeckel war Arzt seines Zeichens.
Gehorchend dem Wunsche des Vaters — nicht seinem eigenen Triebe, der ihn
vielmehr mit Macht zur Botanik drängte — hatte er in Berlin, Würzburg und
Wien das medizinische Brotstudium absolviert und sich nach bestandenem
Staatsexamen als praktischer Arzt in Berlin niedergelassen. Als Mann der
Theorie aber fehlte ihm für die Praxis der rechte Sinn, wie er später oft scherzte,
so daß ihm der Vater zur endgültigen Klärung der Berufsfrage noch ein weiteres
Studienjahr in Italien, dem Land seiner Sehnsucht, bewilligte. Und dieses Jahr
ward entscheidend. Das fesselnde Studium des Planktons, dem er schon früher
(1854) als junger Student unter Führung Johannes Müllers auf Helgoland eine
Zeitlang obgelegen hatte, schob die Botanik und Medizin nunmehr definitiv in
den Hintergrund. Zoologie hieß die Losung, und schneller, als er’s sich träumen
mochte, sollte er Fuß in ihr fassen. Im Mai 1860 kam er zurück nach Berlin, um
seine sizilianischen Planktonschätze, Zeichnungen und Präparate, im großen Stil
zu bearbeiten, und ehe das Werk noch vollendet war, saß er mit Hilfe seines
einstigen Würzburger Studienfreundes Karl Gegenbaur als außerordentlicher
Professor in Jena. Im gleichen Jahre (1862) erschien als ein riesiger Folioband
mit 35 farbigen Kupfertafeln die „Monographie der Radiolarien“, die seinen Ruf
als zoologischen Facharbeiter mit einem Schlage begründete, und daß auch das
Tipfelchen auf dem i des Triumphes nicht fehle, verband er sich im August 1862
mit seiner „hochbegabten, feinsinnigen“ Cousine Anna Sethe zu glücklichster,
aber leider nur kurzer Ehe. Schon anderthalb Jahre später, gerade an seinem
dreißigsten Geburtstag, entriß ihm ein jäher Tod die geliebte Frau. Dem höchsten
Glück folgte fast auf dem Fuße der schwerste Schicksalsschlag, der ihn treffen
konnte. In dieser trübsten Zeit aber schrieb er — höchst seltsam zu sagen — in
einem Zuge das tiefste, bedeutendste Werk seines Lebens, die „Generelle
Morphologie der Organismen.“ Zwei starke Bände mit über 1200 Seiten Text.
Noch während er an der italienischen Küste in Plankton schwelgte, erfuhr er,
es sei da von England ein „ganz verrücktes“ Buch nach Deutschland herübergekommen, dessen Verfasser nicht bloß das Linnésche Dogma von der
Unveränderlichkeit der Arten bestreite, sondern auch an Stelle des einmaligen
planvollen Schöpfungsaktes ein großes Gesetz kontinuierlicher Entwicklung des
Lebens zu künden die Dreistigkeit habe: Darwins „Entstehung der Arten“.
Dieses ketzerische Buch, das die Fachzoologen von damals entweder ganz
totschwiegen oder schlankweg für „Humbug“ erklärten, zog Haeckel gleich bei
der ersten Lektüre ganz unwiderstehlich in seinen Bann und ließ ihn fortan nicht
mehr los. Bereits in den „Radiolarien“ war er ganz kurz darauf eingegangen, um
dann auf der Stettiner Naturforscherversammlung von 1863 ausführlich, und
zwar in zustimmendem Sinne, zu Darwins Ideengang Stellung zu nehmen. Die
große Mehrzahl der Fachgenossen war freilich noch anderer Ansicht. Ein
angesehener Zoologe erklärte Darwins Buch für den „harmlosen Traum eines
Nachmittagsschläfchens“, ein anderer verglich die „naturphilosophischen
Phantasien“ mit dem Tischrücken, ein namhafter Geologe meinte, daß dem
„vorübergehenden Schwindel“ bald die Ernüchterung folgen müsse, und ein
Anatom prophezeite, nach wenigen Jahren werde kein Mensch mehr davon
sprechen. Tempora mutantur!
Auf Haeckel machte die Ablehnung so wenig Eindruck, daß er sich, obwohl
tief niedergedrückt durch den Tod der geliebten Gattin (er hat später, 1868, zum
zweitenmal geheiratet), mit fliegender Feder daran machte, die ganze
biologische Wissenschaft, soweit sie zusammenhing mit dem Problem der
Entwicklung, aus der von Darwin geschaffenen Basis ganz neu zu gruppieren
und umzugestalten. Eine Art wissenschaftlichen Testaments sollte die „Generelle
Morphologie“ werden. Auch damals, wie dreiunddreißig Jahre später in den
„Welträtseln“, gedachte er mit dem Ende des Werkes einen Strich unter seine
Lebensarbeit zu machen. Gelegentlich der Feier seines sechzigsten Geburtstages
hat er es selber so dargestellt: „Ich lebte damals ganz als Einsiedler, gönnte mir
kaum drei bis vier Stunden Schlaf täglich und arbeitete den ganzen Tag und die
halbe Nacht. Dabei lebte ich in so strenger Askese, daß ich mich eigentlich
wundern muß, heute noch gesund und lebendig vor Ihnen zu stehen.“ Durch
eifrige, hastige Arbeit wollte er alle die seelischen Schmerzen betäuben, und
dann — ja, was dann kommen sollte, wußte er selbst nicht. Tatsache ist aber, daß
er in weniger als Jahresfrist die mehr als zwölfhundert engen Druckseiten aufs
Papier brachte. Tatsache ist ferner, daß er in diesem monumentalen Werk alle,
aber auch wirklich alle die wichtigen Konsequenzen schon zog und alle
wesentlichen und entscheidenden Anschauungen seiner monistischen und
genetischen Philosophie schon entwickelte, deren Ausbau im einzelnen sein
ganzes künftiges Leben beschäftigt hat. „In der Methode naturwissenschaftlicher
Forschung“, sagt Bölsche sehr treffend, „bedeutet das Werk einen Markstein, an dem man die ganze Geistesarbeit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
charakterisieren und werten kann. Für die allgemeine biologische Systematik
beginnt mit ihm eine neue Epoche in der Weise, wie es fünfzig Jahre vorher bei
Cuvier und nochmals über fünfzig weiter zurück bei Linné der Fall gewesen war.
Was es für die Zoologie im engeren Sinne ist, hat ein gewiß kompetenter Urteiler
wie Richard Hertwig dreißig Jahre später in das einfache Wort zusammengefaßt:
daß wenige Werke so viel beigetragen haben, das geistige Niveau der Zoologie
zu heben.“ Im ersten Bande wurden mit Hilfe einer selbstgeschaffenen
wissenschaftlichen Kunstsprache, die heute vielfach zum eisernen Bestande der
Zoologie gehört, die Grundbegriffe des Lebens, der Formenbildung und -
umbildung, der Individualität und natürlichen Verwandtschaft, die Gesetze der
Anpassung, Vererbung und Auslese methodologisch neu festgestellt. Im zweiten
Bande wurde auf Grund der vergleichenden Anatomie, der Stammesgeschichte
(Phylogenie) und Keimesgeschichte (Ontogenie) der dreifache Beweis für die
Abstammungslehre versucht und das Ganze gekrönt durch das von Haeckel zum
erstenmal scharf formulierte und auf das gesamte Gebiet der organischen
Formenwelt angewandte „biogenetische Grundgesetz“, wonach die
Entwicklungsgeschichte des Einzelwesens eine gedrängte, stark abgekürzte und
häufig abgeänderte Wiederholung der Entwicklung des zugehörigen Stammes
ist. Daß ein derartig weit in die Zukunft vorauseilendes wissenschaftliches Werk
bei all seinen Vorzügen auch Unvollkommenheiten und Irrtümer aufweisen
mußte, braucht kaum noch ausdrücklich betont zu werden. Kommende Jahre
haben manche der Hypothesen, die Haeckel zum erstenmal aufgestellt hatte, von
Grund aus verändert oder völlig verworfen, und auch er selbst ist nicht müde
geworden, zu bessern und nachzuprüfen. Dem Werke selbst aber bleibt doch der
Ruhm unbestritten, zum erstenmal „eine markige Skizze der belebten Natur im
neuen Lichte der Entwicklungslehre und zugleich ein ganzes Programm für die
biologische Forschung der nächsten Zukunft entworfen zu haben“.
Im Herbst 1866 war das große Werk abgeschlossen. Physisch und geistig
erschöpft, ging Haeckel, ohne erst noch das Erscheinen der „Morphologie“
abzuwarten, auf Reisen, besuchte Darwin auf seinem Landsitze Down bei
London und fuhr danach, den Rat seiner Freunde befolgend, nach Teneriffa, um
dort unter Palmen Erholung zu suchen. In weiterer Folge ging dann die Reise
nach Lanzerote, der kleinen vulkanischen Ozeaninsel, deren waldlose
Kraterlandschaften stark an die Bilder vom Monde erinnern. Hier wurden in
Gemeinschaft mit Richard Greeff und zwei jüngeren Zoologen vor allem
Medusen und Siphonophoren (Staatsquallen) studiert, die das Meer in
verschwenderischer Fülle herbeitrug, und in viermonatiger eifriger Arbeit kamen
die Schätze zusammen, die Haeckel später die Abfassung seiner preisgekrönten „Entwicklungsgeschichte der Siphonophoren“ (mit 14 Tafeln, 1869)
ermöglichten.
Sechs Monate blieb er von Jena fern. Wenn er indessen bei seiner Heimkehr
erwartet hatte, die „Generelle Morphologie“ würde in der Zwischenzeit die
Geister wachgerüttelt haben, so sah er sich bitter enttäuscht. Die Fachgenossen
ignorierten sie völlig oder verspotteten sie als ein „Konglomerat
naturwissenschaftlicher Träumereien“, und die außerhalb der Fachwissenschaft
stehende Leserwelt wußte auch damals so wenig wie heute von der Existenz des
bedeutsamen Werkes. „Generelle Morphologie.“ Schon der Titel sah keineswegs
aus nach sehr weiter Verbreitung. Und im übrigen galt — in einem gewissen
Sinne — wohl wirklich auch das, was der Verfasser selbst später von seinem
Hauptwerke sagte: es sei zu weitschweifig und schwerfällig geschrieben
gewesen.
Indessen enttäuscht sein, heißt nicht auch entmutigt sein. Wenn man den
naturphilosophischen Kern aus der „Morphologie“ herausschälte, die Grundzüge
der Entwicklungtheorie knapp und klar, aller sachwissenschaftlichen Schwere
entledigt, noch einmal für weitere Kreise populär darstellte und gleichzeitig den
Stoff chronologisch anordnete, d. h. den Gang der Entwicklung des Weltganzen
vom Einfachen zum Komplizierten, vom Urnebel zum Menschen herauf
vorführte, so müßte es doch in der Tat seltsam zugehen, wenn einem so
beschaffenen Auszug der Erfolg versagt bleiben sollte. Aus solchen Erwägungen
heraus hielt Haeckel im Wintersemester 1867/68 vor einem aus Laien und
Studierenden aller Fakultäten zusammengesetzten Publikum Vorträge, die 1868
als „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ auch in Buchform erschienen — damals
ein einzelner schmaler Band, der im Laufe der Zeit sich verdoppelte und heute in
zwölf verschiedenen Übersetzungen vorliegt. Und dieses Buch drang nun
tatsächlich durch. Es wurde nicht bloß von Gebildeten aller Stände gelesen, es
zwang auch die Fachgenossen des Verfassers jetzt definitiv, so oder anders sich
mit der neuen Auffassung und Darstellung der Entwicklungslehre
auseinanderzusetzen. Das gab dann den Anlaß zu bitteren Kämpfen und
Debatten, zu kräftigen Angriffen und ebenso kräftiger Gegenwehr. Besonders
das „biogenetische Grundgesetz“ war der Zankapfel, der sowohl die Empiriker
als auch die Philosophen aus ihrer anfänglichen Passivität aufschreckte und auf
das Kampffeld rief.
Noch lebhafter aber entbrannte der Streit, als Haeckel im Jahre 1872 in seiner
„Monographie der Kalkschwämme“ (zwei Bände Text mit einem Atlas von 60
Bildertafeln) den „Versuch zur analytischen Lösung des Problems von der
Entstehung der Arten“ gemacht und dabei zum erstenmal die berühmte und
fruchtbare Gasträatheorie aufgestellt hatte, d. h. die Zurückführung aller höheren Tiere mit Einschluß des Menschen auf eine uralte gemeinsame
Stammform, deren ganzer Körper zeitlebens nur aus zwei Zellschichten (Haut
und Magen) besteht. Das war die hypothetische Gasträa oder das Urdarmtier. Bei
seinen Untersuchungen über die Keimesgeschichte der Kalkschwämme war
Haeckel aufgefallen, daß sich das Kalkschwamm-Individuum in ganz ähnlicher
Weise aus dem Ei entwickelt, wie er es früher schon mehrfach bei anderen
Tieren beobachtet hatte. Die befruchtete Eizelle teilt sich, und die
neuentstandenen Zellen setzen die Teilung so lange fort, bis sich ein ganzer
Zellhaufen gebildet hat, ein „Maulbeerkeim“, wie man ihn seiner äußeren Form
wegen nannte. In diesem Maulbeerkeim bildet sich, da sämtliche Zellen aus
Gründen der Ernährung nach außen drängen, eine Höhlung, die größer und
größer wird und schließlich dem ganzen früheren Zellklumpen das Aussehen
eines winzigen Gummiballs gibt; aus dem Maulbeerkeim ist allmählich ein
kugeliger „Blasenkeim“ geworden. Nun geht die Entwicklung in der Weise
weiter, daß sich an einem Pol die Zellenschicht einsenkt und sich zuletzt völlig
an die innere Seite der nicht eingestülpten Wand anschmiegt, so daß ein
doppelwandiger Becher mit einer Öffnung zustande kommt, eine sogenannte
„Gastrula“. Die äußere Zellenschicht funktioniert als Leibes-, die innere als
Darmhaut; die Becheröffnung bildet den Gastrulamund. Ganz plump
veranschaulichen kann man sich diesen Gastrulationsprozeß, indem man einen
durchstochenen Gummiball so tief einbeult, daß Wand an Wand zu liegen
kommt.
Eine Gastrulation wie die geschilderte vollzieht sich aber nicht bloß bei einer
Anzahl von Schwämmen, sondern auch bei vielen Nesseltieren (Polypen,
Medusen), bei Würmern, Stachelhäutern und Manteltieren, ja sogar bei dem
niedrigsten Wirbeltier, dem Lanzettfisch. Ähnlich — nur die Form der Gastrula
ändert sich — spielt sich der Vorgang aber auch in der Keimesgeschichte aller
höheren Tiere ab, und eben auf diesem durchgängigen Vorkommen der Gastrula
begründete Haeckel seine hypothetische Gasträatheorie. Inzwischen hat man
auch wirklich noch lebende Tierformen entdeckt, die dem Bild jener
hypothetischen Gasträa annähernd noch völlig entsprechen.
Es hat lange gedauert, bis die hier flüchtig angedeutete Gasträatheorie, die
heute allgemein für eine der wichtigsten und fruchtbarsten in der ganzen
Entwicklungsgeschichte gilt, sich durchsetzen konnte. Ihr Entdecker aber ließ
sich auch hier durch die Gegnerschaft nicht beirren. Nachdem er die Theorie in
der „Monographie der Kalkschwämme“ mitgeteilt und in den „Studien zur
Gasträatheorie“ näher begründet hatte, ließ er sie einstweilen selbst für ihren
Sieg sorgen und wandte sich inzwischen einer neuen großen Aufgabe zu: dem
schwierigen Versuch, das biogenetische Grundgesetz in seinem ganzen Umfang auf den Menschen anzuwenden und aus den empirischen Tatsachen seiner
Keimesgeschichte den historischen Stufengang seiner Stammesgeschichte
hypothetisch zu ergründen. Das geschah in der „Anthropogenie oder
Entwicklungsgeschichte des Menschen“, die 1874 herauskam. Erst die beiden
folgenden Jahre brachten dann zwei weitere Hefte der „Studien zur
Gasträatheorie“.
Die „Anthropogenie“ war zugleich eine geniale und — kühne Tat. Nicht
genug, daß Haeckel als erster die gesamte Entwicklungsgeschichte des
Menschen unter großen philosophischen Gesichtspunkten historisch darlegte und
damit anfing, die genetische Betrachtung auch auf die Zellen, Gewebe, Organe
und Funktionen auszudehnen, er besaß auch die in den Augen der „Exakten“
unerhörte Kühnheit, den spröden Stoff gemeinverständlich zu fassen, die
wissenschaftlichen Geheimnisse der Embryologie einem größeren Leserkreise
auszuliefern und den gebildeten Zeitgenossen schonungslos ihren tierischen
Ursprung klarzumachen. Bis dahin hatte man sich begnügt, die sicheren, weil
direkt wahrnehmbaren Tatsachen möglichst genau zu beschreiben; nun kam da
wieder der popularisationswütige Jenenser Professor und verknüpfte auch auf
dem Gebiet der menschlichen Entwicklungsgeschichte mit Tatsachen kühne
genealogische Hypothesen! Die „Würde der Wissenschaft“ war in Gefahr, und
die Angriffe fielen abermals, wie nach dem Erscheinen der
„Schöpfungsgeschichte“, schneeflockendicht auf das neue Werk. In Wirklichkeit
hat die Würde der Wissenschaft in den vier Jahrzehnten, die seit dem Erscheinen
der „Anthropogenie“ jetzt verflossen sind, so wenig darunter gelitten, wie das
Werk selbst an Bedeutung verloren hat. Die beiden reich illustrierten
Prachtbände, die fortgesetzt neue Auflagen erleben, gelten immer noch
unbestritten als die beste zusammenhängende Darstellung des großen
Wundergebiets der menschlichen Entwicklungsgeschichte, die in der gesamten
naturwissenschaftlichen Literatur existiert.
Auch in der Folgezeit hat Haeckel fast unausgesetzt im schärfsten Kreuzfeuer
der durch die Entwicklungslehre erzeugten Debatten gestanden. Besonders
wiederum nach dem 18. September 1877, wo er in München auf der
50. Versammlung der deutschen Naturforscher und Ärzte über „Die heutige
Entwicklungslehre im Verhältnis zur Gesamtwissenschaft“ sprach und unter
anderem forderte, die Deszendenztheorie müsse als wichtiges Bildungsmittel
auch in der Schule ihren berechtigten Einfluß geltend machen — eine Rede, die
Rudolf Virchow zu seinem vielbesprochenen Gegenvortrage über „Die Freiheit
der Wissenschaft im modernen Staate“ Veranlassung gab. Im Jahre vor jener
Münchener Naturforscherversammlung hatte Haeckel in seiner Schrift: „Die
Perigenesis der Plastidule oder die Wellenzeugung der Lebensteilchen“ bereits zu erweisen versucht, daß das „unbewußte Gedächtnis“ eine allgemeine
Funktion nicht bloß der Zelle, sondern auch aller Protoplasma-Moleküle der
Zelle (Plastidule) sei, mit anderen Worten: daß die Zellseele, die Grundlage der
erfahrungsmäßigen Psychologie, selbst wieder zusammengesetzt sei aus den
psychischen Tätigkeiten der kleinsten Teilchen des Protoplasmas: „die Plastidule
ist demnach der letzte Faktor des organischen Seelenlebens“. Das zog er auch
jetzt, in der Münchener Rede, mit Nachdruck heran bei der Besprechung des
bedeutungsvollen Umschwungs in der Beurteilung der „Seelenfrage“; ist doch
die Annahme der Beseelung aller Materie ein notwendiges Postulat für die
folgerichtige Durchführung der monistischen Entwicklungslehre und damit der
monistischen Weltanschauung. Virchow war aber auch damit nicht
einverstanden. Die Theorie der Zellseele erklärte er für ein „bloßes Spiel mit
Worten“, und ganz entschieden bestritt er das wissenschaftliche Bedürfnis, das
Gebiet der geistigen Vorgänge über den Kreis derjenigen Körper hinaus
auszudehnen, in und an denen wir sie wirklich sich darstellen sehen. „Wir haben
keinen Grund, jetzt schon davon zu sprechen, daß die niedrigsten Tiere
psychische Eigenschaften besitzen; wir finden dieselben nur bei den höheren,
ganz sicher nur bei den höchsten“ usw. Und dann kam im Anschluß an die
Bekämpfung der Zellseelentheorie die Bekämpfung der Deszendenztheorie
überhaupt, nicht mit Gründen der Wissenschaft, sondern — im Staatsinteresse!
„Nun stellen Sie sich einmal vor,“ rief der Redner emphatisch aus, „wie sich die
Deszendenztheorie heute schon im Kopfe eines Sozialisten darstellt! Ja, meine
Herren, das mag manchem lächerlich erscheinen, und ich will hoffen, daß die
Deszendenztheorie für uns nicht alle die Schrecken bringen möge, die ähnliche
Theorien wirklich im Nachbarlande angerichtet haben. Immerhin hat auch diese
Theorie, wenn sie konsequent durchgeführt wird, eine ungemein bedenkliche
Seite, und daß der Sozialismus mit ihr Fühlung genommen hat, wird Ihnen
hoffentlich nicht entgangen sein.“ Zuletzt resumierte sich Virchow dahin, daß
man nicht lehren und es nicht als eine Errungenschaft der Wissenschaft
bezeichnen könne, „daß der Mensch vom Affen oder von irgendeinem anderen
Tier abstamme“. Heute schütteln wir lächelnd den Kopf über all diese
Velleitäten. Damals jedoch galt die Virchowsche Rede für eine „moralische Tat“
sondergleichen, die auf Jahrzehnte hinaus allen grundsätzlichen Gegnern der
Abstammungslehre ein Ansporn zu doppeltem Eifer in ihrer Bekämpfung wurde.
Haeckel hat im Jahre 1878 in seiner Schrift „Freie Wissenschaft und freie
Lehre“ ausführlich auf Virchows Münchener Rede geantwortet, im übrigen aber
auch die Entscheidung dieses Streites der Zukunft anheimgegeben. Nur ganz
gelegentlich ist er später auf die Debatten zurückgekommen, vor allem in seinen
Berliner Vorträgen; „Der Kampf um den Entwicklungsgedanken“ (1905). Ihn lockten zunächst wieder wichtigere und fruchtbarere Aufgaben.
Schon 1864 und 1865 waren im Anschluß an die „Monographie der
Radiolarien“ die ersten Teile eines umfangreichen Prachtwerkes über die
Medusen erschienen, deren Studium Haeckel seit den Tagen von Helgoland
immer von neuem entzückt hatte. Jetzt galt es nicht bloß den Abschluß dieses
Werkes, dessen erster Band 1879 unter dem Titel „Das System der Medusen“
(mit 40 Tafeln in Farbendruck) und dessen zweiter (mit 32 Tafeln) 1881 unter
dem Titel „Die Tiefsee-Medusen der Challengerreise und der Organismus der
Medusen“ herauskam, jetzt galt es auch die mikroskopische Durchforschung der
riesigen Radiolarienschätze und weiter der Siphonophoren und Tiefsee-
Hornschwämme, die die berühmte wissenschaftliche Expedition der englischen
Korvette „Challenger“ in den Jahren 1873 bis 1876 gesammelt und deren
Bearbeitung die englische Regierung Haeckel anvertraut hatte. Zehn Jahre
mühsamer Arbeit verflossen, bis das neue große Radiolarienwerk (2750 Seiten
Text und 140 Tafeln) zum Abschluß gebracht war, zwei weitere Jahre, bis auch
das „System der Siphonophoren“ (mit 50 Farbendrucktafeln) und die „Tiefsee-
Hornschwämme“ (mit 8 Tafeln) erscheinen konnten. Besonders das
Radiolarienwerk ist bewundernswert. 810 Arten waren bekannt, als Haeckel
1877 die Arbeit in Angriff nahm; als er zehn Jahre später den Abschlußstrich
machte, hatte er 3508 neue Arten hinzuentdeckt! Alle diese zauberhaft schönen,
mikroskopisch kleinen Meeresgeschöpfe hatte sein Ordnungssinn nicht nur
benannt und beschrieben, sondern nach wissenschaftlichen Grundsätzen auch
übersichtlich gruppiert und nach Verwandtschaftsgraden in ein System von 85
Familien, 20 Ordnungen, 4 Legionen und 2 Unterklassen gebracht. Welch
beispielloses Gedächtnis, welch kritisches Unterscheidungsvermögen war dazu
nötig! Und welch ein künstlerisch geschulter Blick war erforderlich, um die
subtilen und schwierigen Formen dann auch im Bilde noch festzuhalten! Nur
einmal noch in seinem späteren Leben gelang ihm ein gleich phänomenales
Werk, wenn auch anderer Art: die dreibändige „Systematische Phylogenie“, der
Entwurf eines natürlichen Systems der Organismen auf Grund ihrer
Stammesgeschichte, der 1896 vollendet wurde. „Man mag im einzelnen, ja in
Hauptpunkten verschiedener Ansicht sein,“ sagt darüber der Züricher Zoologe
Professor Arnold Lang, „aber staunend und bewundernd müssen wir stehen vor
diesem Werke, staunend über die ungeheure Fülle des Wissens, die sich in
diesem Umfange vielleicht nie mehr in einem Kopfe vereinigen wird,
bewundernd vor der geistigen Arbeit, mit welcher einerseits die unzähligen
Einzelerscheinungen verknüpft werden und anderseits der ganze riesige Stoff in
formal vollendeter Weise übersichtlich gegliedert wird.“
Von allen diesen hervorragenden Gaben des unermüdlichen Spezialforschers und Detailarbeiters Haeckel weiß in der Regel der Laie nichts oder so gut wie
nichts. Für ihn kommt zunächst nur der „populäre“ Verfasser der „Natürlichen
Schöpfungsgeschichte“, der „Welträtsel“ und „Lebenswunder“ in Frage. Zumal
der Verfasser der „Welträtsel“, der sich vermaß, über irdische und himmlische
Dinge so temperamentvoll sein Urteil abzugeben. Höchstens daß dieser und
jener auch noch das verdienstvolle Tafelwerk der „Kunstformen der Natur“
kennt, in dem vom Standpunkt des Ästhetikers die wundersamen Kunstgebilde
der Radiolarien, Schwämme, Siphonophoren usw., aber auch die aus der höheren
Tier- und Pflanzenwelt als vorbildlicher Ornamentenschatz für das moderne
Kunstgewerbe zusammengestellt sind. Kein Wunder deshalb, daß man auch
unter Gebildeten vielfach den schiefsten und ungerechtesten Urteilen begegnet,
sobald einmal auf Haeckel und dessen Wirken und Schaffen die Rede kommt.
Allein schon die rein quantitative Arbeitsleistung dieses Mannes muß mit
Bewunderung erfüllen. Wenn man erwägt, daß außer den genannten populären
und wissenschaftlichen Werken, die er von Auflage zu Auflage stets neu zu
bearbeiten und zu verbessern bestrebt war, noch eine Menge kleinerer Aufsätze
und Abhandlungen seiner Feder entflossen sind, und daß neben all diesem noch
seine Lehrtätigkeit an der Jenaer Hochschule und seine alljährlichen
Forschungsreisen einhergingen, so muß angesichts solcher Schaffenskraft selbst
den Arbeitsfreudigsten ein gelindes Gruseln anwehen. Hinzu kommt aber noch,
daß Haeckel auch die Originale seiner wundervollen Farbendrucktafeln, von
denen allein die großen Monographien rund 360 an der Zahl aufweisen,
großenteils selbst aquarelliert hat, wobei ihm sein hochentwickeltes Zeichen-
und Maltalent sehr zustatten kam.
Wie sehr übrigens Haeckel stets Forscher und Künstler in einer Person war,
das zeigen am besten seine weit über tausend farbenprächtigen „Wanderbilder“,
von denen ein kleiner Teil unter diesem Titel erschienen ist. Wohin seine
Forschungsreisen ihn immer auch führten — und er hat mehr als dreißig in
seinem Leben gemacht — immer und überall war das Malzeug sein
Weggefährte. Hatte die Feder ihr Pensum vollendet oder fühlte der Forscher sich
abgespannt von der mühsamen zoologischen Facharbeit, so dürstete die Seele
des Künstlers, des Ästhetikers dann um so glühender nach einem Trunk aus dem
sprudelnden Quell der Gesamtnatur, und er ruhte nicht eher, als bis er ihr
irgendein Stück ihrer Schönheit mit Stift oder Pinsel entwunden hatte. Auf dem
blauen Meer wie auf ragenden Berggipfeln, unter den sengenden Strahlen der
Tropensonne wie im Schatten des Urwalddickichts, in den russischen Steppen
wie im nordischen Fjord — allüberall war der nimmersatte Schönheitssucher in
Haeckel dem Forscher ein steter Begleiter. Seine mit Hildebrandtscher
Farbenglut gemalten Wanderbilder muß man gesehen, seine formvollendeten reichillustrierten Reisebücher „Arabische Korallen“, „Indische Reisebriefe“ und
„Aus Insulinde“ muß man gelesen haben, um seinen heiligen Enthusiasmus für
alles Wahre, Schöne und Gute dem ganzen Umfange nach zu begreifen.
In wundervoller Geschlossenheit liegt heute das arbeits- und früchtereiche
Lebenswerk Haeckels vor unseren Augen, das Lebenswerk eines Forschers,
Künstlers und Philosophen. Und das eines Kämpfers, wie man hinzufügen darf.
Niemand kann leugnen, daß er bei all seiner Genialität recht oft auch gefehlt hat
wie ein ganz sterblicher Mensch, daß ihm sein heißes Temperament oft die
Sehweite kürzte und daß seine Philosophie, seine Weltanschauung an Lücken
und Schwächen nicht arm ist. Jeder hat die Philosophie, die in ihm ist. Er hat die
seine, die aus dem fruchtbaren Boden der Erfahrungswissenschaften
hervorgewachsen und deshalb allen rein spekulativen Erkenntnistheorien wenig
hold ist. Er hat sie zum Abschluß gebracht und ist glücklich darin. Ihm ist es
genug, das Unerforschte so in die Enge getrieben zu haben, daß es sich wie von
selbst ihm ergeben muß. Aber niemand, der wirklich sein Lebenswerk kennt,
kann auch leugnen, daß Haeckels ganze fünfzigjährige Beschäftigung mit der
Natur und Hingebung an die Natur, daß sein ganzes Forschen und Denken nichts
anderes war als ein Ausfluß religiösen Sehnens, als Herzenssache, Gemütssache.
Ihm, der der Wahrheit um ihrer selbst willen nachspürte, war ganz notwendig
das Wahre identisch mit dem Göttlichen.
Ernst Haeckel kann, wenn er die Inventur seines Lebens macht, wohl
zufrieden sein. Das höchste Glück der Erdenkinder hat er erreicht und gewährt:
das Glück der Persönlichkeit, und seinen Namen hat er mit unvergänglichen
Lettern tief eingegraben in die Annalen der Menschheitsgeschichte. „Spätere
Generationen“, sagt Wilhelm Bölsche, auf dessen ausgezeichnete Biographie des
Gelehrten der Leser ausdrücklich verwiesen sei, „werden uns um einen Mann
wie Haeckel beneiden. Von anderen wird man Folianten wälzen, zum
Nachschlagen, ohne auf das Titelblatt mit dem Namen zu achten. Bei ihm wird
man den Namen suchen. Von seiner geistigen Persönlichkeit wird man sich
erzählen. Daß man mit ihm streiten konnte, wird man verstehen. Daß
Zeitgenossen seine Größe nicht sahen — dafür wird man nur ein Achselzucken
haben.“
*
Die sechs kurzen Abschnitte aus einigen der bedeutendsten
gemeinverständlichen Werke Ernst Haeckels, die dieses Sammelbändchen
vereinigt, vermögen natürlich nur einen schwachen Begriff von der
wissenschaftlichen Gesamtleistung des berühmten Naturforschers zu vermitteln. Wenn sie dem einen oder anderen Welträtsel-Leser, dem einen oder anderen für
Fragen der Naturwissenschaft Interessierten zum Anlaß werden, die Werke
selbst in die Hand zu nehmen, ist ihr Hauptzweck erreicht. Nichtsdestoweniger
ist zu erwarten, daß die Lektüre der einzelnen Kapitel auch an und für sich
jedem Leser genußreiche und anregende Stunden bescheren wird.
Die ersten beiden Abschnitte „Inhalt und Bedeutung der Abstammungslehre“
und „Schöpfungsperioden und Schöpfungsurkunden“ sind der „Natürlichen
Schöpfungsgeschichte“ (11. Auflage, 1911, Verlag von Georg Reimer in Berlin)
entnommen. Es sind zwei von den dreißig darin vereinigten Vorträgen über die
Entwicklungslehre im allgemeinen und die von Darwin, Goethe und Lamarck im
besonderen, Vorträge, die selbst dem ohne jede wissenschaftliche Vorbildung an
sie herantretenden Laien verständlich sind. Der dritte Abschnitt über „Die
Gasträatheorie“ dagegen will schon ein bißchen „studiert“ sein, wie klar und
anschaulich Haeckel das schwierige Thema auch zu behandeln verstanden hat.
Wenn wir unter den dreißig Vorträgen der „Anthropogenie oder
Entwicklungsgeschichte des Menschen“ (6. Auflage, 1911. Verlag von Wilhelm
Engelmann in Leipzig) gerade diesen zum Abdruck erwählten, so geschah es,
weil er im Rahmen des zweibändigen Werkes noch wiederum ein Stück
besonderen Eigenwerks darstellt, insofern Ernst Haeckel selbst, wie schon
ausgeführt wurde, der Entdecker der bedeutsamen Gasträatheorie ist. Der
Abschnitt „Erfahrung und Erkenntnis“, in dem der Verfasser im Anschluß an
Schleiden und Johannes Müller ein für allemal programmatisch seinen
Standpunkt zur Naturphilosophie festlegte, entstammt der 1866 erschienenen
„Generellen Morphologie“ (von der ein teilweiser, unveränderter Abdruck unter
dem Titel „Prinzipien der Generellen Morphologie der Organismen“ 1906 bei
Georg Reimer herausgekommen ist), der Abschnitt „Arabische Korallen“ dem
kleinen, durch zahlreiche Abbildungen und farbenfreudige Aquarell-
Reproduktionen geschmückten Prachtbande gleichen Titels, in dem Ernst
Haeckel 1875 seinen Ausflug nach den Korallenbänken des Roten Meeres
beschrieb, zugleich einen Blick in das Leben der Korallentiere erschließend
(Verlag von Georg Reimer). In dieser unübertrefflich lebendigen Schilderung,
nicht minder in der ihr folgenden über „Brussa und den asiatischen Olymp“,
kommt neben dem Naturforscher in Haeckel vor allem der feinempfindende
Ästhetiker zur Geltung, der schönheitsuchende Künstler wie der Meister des
Worts.
Für die Erlaubnis zur Wiedergabe des Aufsatzes über „Brussa“, der 1875 in
der Deutschen Rundschau erschien und seitdem nicht wieder abgedruckt wurde,
bin ich Sr. Exzellenz Herrn Geheimrat Haeckel zu besonderem Danke
verpflichtet, für die Genehmigung zum Nachdruck der übrigen Abschnitte außerdem den Herren Verlagsbuchhändlern Dr. de Gruyter (i. Fa.: Georg
Reimer) und Wilhelm Engelmann.
Leipzig, Ostern 1912.
Carl W. Neumann.
Natur und Mensch.
I.
Inhalt und Bedeutung der Abstammungslehre.
Die geistige Bewegung, zu welcher der englische Naturforscher Charles Darwin
im Jahre 1859 durch sein berühmtes Werk „Über die Entstehung der Arten“[1]
den Anstoß gab, hat während des seitdem verflossenen kurzen Zeitraums eine
beispiellose Tiefe und Ausdehnung gewonnen. Allerdings ist die in jenem Werke
dargestellte naturwissenschaftliche Theorie (gewöhnlich kurzweg die
Darwinsche Theorie oder der Darwinismus genannt) nur ein Bruchteil einer viel
umfassenderen Wissenschaft, nämlich der universalen Entwicklungslehre,
welche ihre unermeßliche Bedeutung über das ganze Gebiet aller menschlichen
Erkenntnis erstreckt. Allein die Art und Weise, in welcher Darwin die letztere
durch die erstere fest begründet hat, ist so überzeugend, und die entscheidende
Wendung, welche durch die notwendigen Folgeschlüsse jener Theorie in der
gesamten Weltanschauung der Menschheit angebahnt worden ist, muß jedem
tiefer denkenden Menschen so gewaltig erscheinen, daß man ihre allgemeine
Bedeutung nicht hoch genug anschlagen kann. Ohne Zweifel muß diese
ungeheure Erweiterung unseres menschlichen Gesichtskreises unter allen den
zahlreichen und großartigen wissenschaftlichen Fortschritten unserer Zeit als der
bei weitem folgenschwerste und wichtigste angesehen werden.
Wenn man das 19. Jahrhundert mit Recht das Zeitalter der
Naturwissenschaften nennt, wenn man mit Stolz auf die unermeßlich
bedeutenden Fortschritte in allen Zweigen derselben blickt, so pflegt man dabei
gewöhnlich weniger an die Erweiterung unserer allgemeinen Naturerkenntnis,
als vielmehr an die unmittelbaren praktischen Erfolge jener Fortschritte zu
denken. Man erwägt dabei die völlige und unendlich folgenreiche Umgestaltung
des menschlichen Verkehrs, welche durch das entwickelte Maschinenwesen,
durch die Eisenbahnen, Dampfschiffe, Telegraphen, Telephone und andere
Erfindungen der Physik hervorgebracht worden ist. Oder man denkt an den
mächtigen Einfluß, welchen die Chemie in der Heilkunst, in der Landwirtschaft,
in allen Künsten und Gewerben gewonnen hat. Wie hoch Sie aber auch diese
Einwirkung der neueren Naturwissenschaft auf das praktische Leben anschlagen mögen, so muß dieselbe, von einem höheren und allgemeineren Standpunkt aus
gewürdigt, doch hinter dem ungeheuren Einfluß zurückstehen, welchen die
theoretischen Fortschritte der heutigen Naturwissenschaft auf das gesamte
Erkenntnisgebiet des Menschen, auf seine ganze Weltanschauung und
Geistesbildung notwendig ausüben. Denken Sie nur an den unermeßlichen
Umschwung aller unserer theoretischen Anschauungen, welchen wir der
allgemeinen Anwendung des Mikroskops verdanken. Denken Sie allein an die
Zellentheorie, die uns die scheinbare Einheit des menschlichen Organismus als
das zusammengesetzte Resultat aus der staatlichen Verbindung von Milliarden
elementarer Lebenseinheiten, der Zellen, nachweist. Oder erwägen Sie die
ungeheure Erweiterung unseres theoretischen Gesichtskreises, welche wir der
Spektralanalyse, der Lehre von der Wärmemechanik und von der Erhaltung der
Kraft verdanken. Unter allen diesen bewunderungswürdigen theoretischen
Fortschritten nimmt aber jedenfalls unsere heutige Entwicklungslehre bei
weitem den höchsten Rang ein.
Jeder von Ihnen wird den Namen Darwin gehört haben, aber die meisten
werden wahrscheinlich nur unvollkommene Vorstellungen von dem eigentlichen
Werte seiner Lehre besitzen. Denn wenn man alles vergleicht, was seit dem
Erscheinen seines epochemachenden Hauptwerks über dasselbe geschrieben
worden ist, so muß demjenigen, der sich nicht näher mit den organischen
Naturwissenschaften befaßt hat, der nicht in die inneren Geheimnisse der
Zoologie und Botanik eingedrungen ist, der Wert jener Theorie doch zweifelhaft
erscheinen. Die Beurteilung derselben ist voll von Widersprüchen und
Mißverständnissen. Daher hat selbst jetzt, fünfzig Jahre nach dem Erscheinen
von Darwins Werk, dasselbe noch nicht allgemein diejenige volle Bedeutung
erlangt, welche ihm von Rechts wegen gebührt, und welche es jedenfalls früher
oder später erlangen wird. Die meisten von den zahllosen Schriften, welche für
und gegen den Darwinismus während dieses Zeitraums veröffentlicht wurden,
lassen den erforderlichen Grad von biologischer, und besonders von
zoologischer Bildung vermissen. Obwohl jetzt alle bedeutenden Naturforscher
der Gegenwart zu den Anhängern jener Theorie gehören, haben doch nur wenige
derselben Geltung und Verständnis in weiteren Kreisen zu verschaffen gesucht.
Daher rühren die befremdenden Widersprüche und die seltsamen Urteile, die
man noch heute vielfach über den Darwinismus hören kann. Gerade dieser
Umstand hat mich vorzugsweise bestimmt, die Darwinsche Theorie und die
damit zusammenhängenden weiteren Lehren zum Gegenstand allgemein
verständlicher Vorträge zu machen. Ich halte es für die Pflicht der Naturforscher,
daß sie nicht allein in dem engeren Kreise ihrer Fachwissenschaft auf
Verbesserungen und Entdeckungen sinnen, daß sie sich nicht allein in das Studium des Einzelnen mit Liebe und Sorgfalt vertiefen, sondern daß sie auch
die wichtigen, allgemeinen Ergebnisse ihrer besonderen Studien für das Ganze
nutzbar machen, und daß sie naturwissenschaftliche Bildung in weiten Kreisen
verbreiten helfen. Der höchste Triumph des menschlichen Geistes, die wahre
Erkenntnis der allgemeinsten Naturgesetze, darf nicht das Privateigentum einer
privilegierten Gelehrtenkaste bleiben, sondern muß segensreiches Gemeingut der
ganzen gebildeten Menschheit werden.
Die Theorie, welche durch Darwin an die Spitze unserer Naturerkenntnis
gestellt worden ist, pflegt man gewöhnlich als Abstammungslehre oder
Deszendenztheorie zu bezeichnen. Andere nennen sie Umbildungslehre oder
Transmutationstheorie oder auch kurz: Transformismus. Beide Bezeichnungen
sind richtig. Denn diese Lehre behauptet, daß alle verschiedenen Organismen
(d. h. alle Tierarten und Pflanzenarten, welche jemals auf der Erde gelebt haben,
und noch jetzt leben) von einer einzigen oder von wenigen höchst einfachen
Stammformen abstammen, und daß sie sich aus diesen auf dem natürlichen
Wege allmählicher Umbildung langsam entwickelt haben. Obwohl diese
Entwicklungstheorie schon im Anfange unseres Jahrhunderts von verschiedenen
großen Naturforschern, insbesondere von Lamarck und Goethe, aufgestellt und
verteidigt wurde, hat sie doch erst im Jahre 1859 durch Darwin ihre vollständige
Ausbildung und ihre ursächliche Begründung erfahren. Dies ist der Grund,
weshalb sie oft ausschließlich (obwohl nicht ganz richtig) als Darwins Theorie
bezeichnet wird.
Der unschätzbare Wert der Abstammungslehre erscheint in verschiedenem
Lichte, je nachdem Sie bloß deren nähere Bedeutung für die organische
Naturwissenschaft, oder aber ihren weiteren Einfluß auf die gesamte
Welterkenntnis des Menschen in Betracht ziehen. Die organische
Naturwissenschaft oder die Biologie, welche als Zoologie die Tiere, als Botanik
die Pflanzen zum Gegenstand ihrer Erkenntnis hat, wird durch die
Abstammungslehre von Grund aus umgestaltet. Denn durch die
Deszendenztheorie lernen wir die wahren wirkenden Ursachen der organischen
Formerscheinungen erkennen, während die bisherige Tier- und Pflanzenkunde
sich überwiegend mit der Kenntnis ihrer Tatsachen beschäftigte. Man kann daher
auch die Abstammungslehre als die mechanische Erklärung der organischen
Form-Erscheinungen oder als „die Lehre von den wahren Ursachen in der
organischen Natur“ bezeichnen.
Da ich nicht voraussetzen kann, daß Ihnen allen die Ausdrücke „organische
und anorganische Natur“ geläufig sind, und da uns die Gegenüberstellung dieser
beiderlei Naturkörper in der Folge noch vielfach beschäftigen wird, so muß ich
ein paar Worte zur Verständigung darüber vorausschicken. Organismen oder organische Naturkörper nennen wir alle Lebewesen oder belebten Körper, also
alle Pflanzen und Tiere, den Menschen mit inbegriffen, weil bei ihnen fast
immer eine Zusammensetzung aus verschiedenartigen Teilen (Werkzeugen oder
„Organen“) nachzuweisen ist; diese Organe müssen zusammenwirken, um die
Lebenserscheinungen hervorzubringen. Eine solche Zusammensetzung
vermissen wir dagegen bei den Anorganen oder anorganischen Naturkörpern,
den sogenannten toten oder unbelebten Körpern, den Mineralien oder Gesteinen,
dem Wasser, der atmosphärischen Luft usw. Die Organismen enthalten stets
eiweißartige Kohlenstoffverbindungen in weichem oder „festflüssigem“
Zustande, während diese den Anorganen stets fehlen. Auf diesem wichtigen
Unterschiede beruht die Einteilung der gesamten Naturwissenschaft in zwei
große Hauptabteilungen, in die Biologie oder Wissenschaft von den Organismen
(Anthropologie, Zoologie und Botanik) und die Anorgologie oder Abiologie, die
Wissenschaft von den Anorganen (Mineralogie, Geologie, Hydrographie,
Meteorologie usw.).
Die unvergleichliche Bedeutung der Abstammungslehre für die Biologie liegt
also vorzugsweise darin, daß sie uns die Entstehung der organischen Formen auf
mechanischem Wege erklärt und deren wirkende Ursachen nachweist. So hoch
man aber auch mit Recht dieses Verdienst der Deszendenztheorie anschlagen
mag, so tritt dasselbe doch fast zurück vor der unermeßlichen Wichtigkeit,
welche eine einzige notwendige Folgerung derselben für sich allein in Anspruch
nimmt. Diese unvermeidliche Folgerung ist die Lehre von der tierischen
Abstammung des Menschengeschlechts.
Die Bestimmung der Stellung des Menschen in der Natur und seiner
Beziehungen zur Gesamtheit der Dinge, diese Frage aller Fragen für die
Menschheit, wie sie Huxley mit Recht genannt hat, wird durch jene Erkenntnis
der tierischen Abstammung des Menschengeschlechts endgültig gelöst. Wir
gelangen also durch den Transformismus oder die Deszendenztheorie zum
erstenmal in die Lage, eine natürliche Entwicklungsgeschichte des
Menschengeschlechts wissenschaftlich begründen zu können. Sowohl alle
Verteidiger als alle denkenden Gegner Darwins haben anerkannt, daß die
Abstammung des Menschengeschlechts zunächst von affenartigen Säugetieren,
weiterhin aber von niederen Wirbeltieren, mit Notwendigkeit aus seiner Theorie
folgt.
Allerdings hat Darwin diese wichtigste von allen Folgerungen seiner Lehre
nicht sofort selbst ausgesprochen. In seinem Werke von der „Entstehung der
Arten“ ist die tierische Abstammung des Menschen nicht erörtert. Der ebenso
vorsichtige als kühne Naturforscher ging damals absichtlich mit Stillschweigen
darüber hinweg, weil er voraussah, daß dieser bedeutendste von allen Folgeschlüssen der Abstammungslehre zugleich das größte Hindernis für die
Verbreitung und Anerkennung derselben sein werde. Gewiß hätte Darwins Buch
von Anfang an noch weit mehr Widerspruch und Ärgernis erregt, wenn sogleich
diese wichtigste Konsequenz darin klar ausgesprochen worden wäre. Erst zwölf
Jahre später, in dem 1871 erschienenen Werke über „Die Abstammung des
Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“[2] hat Darwin jenen
weitreichendsten Folgeschluß offen anerkannt, und ausdrücklich seine volle
Übereinstimmung mit den Naturforschern erklärt, welche denselben inzwischen
schon selbst gezogen hatten. Offenbar ist die Tragweite dieser Folgerung ganz
unermeßlich, und keine Wissenschaft wird sich den Konsequenzen derselben
entziehen können. Die Anthropologie oder die Wissenschaft vom Menschen, und
infolgedessen auch die ganze Philosophie, wird in allen einzelnen Zweigen
dadurch von Grund aus umgestaltet.
Um es mit einem Satze auszudrücken, so ist jene bedeutungsvolle, aber die
meisten Menschen von vornherein abstoßende Folgerung nichts weiter als ein
besonderer Deduktionsschluß, den wir aus dem sicher begründeten allgemeinen
Induktionsgesetze der Deszendenztheorie nach den strengen Geboten der
unerbittlichen Logik notwendig ziehen müssen.
Vielleicht ist nichts geeigneter, Ihnen die ganze und volle Bedeutung der
Abstammungslehre mit zwei Worten klarzumachen, als die Bezeichnung
derselben mit dem Ausdruck: „Natürliche Schöpfungsgeschichte“. Jedoch ist
dieselbe nur in einem gewissen Sinne richtig; denn streng genommen schließt
der Ausdruck „natürliche Schöpfungsgeschichte“ einen inneren Widerspruch,
eine contradictio in adjecto ein. Lassen Sie uns, um dies zu verstehen, einen
Augenblick den zweideutigen Begriff der Schöpfung etwas näher ins Auge
fassen. Wenn man unter Schöpfung die Entstehung eines Körpers durch eine
schaffende Gewalt oder Kraft versteht, so kann man dabei entweder an die
Entstehung seines Stoffes (der körperlichen Materie) oder an die Entstehung
seiner Form (der körperlichen Gestalt) denken.
Die Schöpfung im ersteren Sinne, als die Entstehung der Materie, geht uns
hier gar nichts an. Dieser Vorgang, wenn er überhaupt jemals stattgefunden hat,
ist gänzlich der menschlichen Erkenntnis entzogen, er kann daher auch niemals
Gegenstand naturwissenschaftlicher Erforschung sein. Die Naturwissenschaft
hält die Materie für ewig und unvergänglich, weil durch die Erfahrung noch
niemals das Entstehen oder Vergehen auch nur des kleinsten Teilchens der
Materie nachgewiesen worden ist. Da wo ein Naturkörper zu verschwinden
scheint, wie z. B. beim Verbrennen, beim Verwesen, beim Verdunsten usw., da
ändert er nur seine Form, seinen physikalischen Aggregatzustand oder seine
chemische Verbindungsweise. Ebenso beruht die Entstehung eines neuen Naturkörpers, z. B. eines Kristalles, eines Pilzes, eines Infusoriums nur darauf,
daß verschiedene Stoffteilchen, welche vorher in einer gewissen Form oder
Verbindungsweise existierten, infolge von veränderten Existenzbedingungen
eine neue Form oder Verbindungsweise annehmen. Aber noch niemals ist der
Fall beobachtet worden, daß auch nur das kleinste Stoffteilchen aus der Welt
verschwunden, oder nur ein Atom zu der bereits vorhandenen Masse
hinzugekommen wäre. Der Naturforscher kann sich daher ein Entstehen der
Materie ebensowenig als ein Vergehen derselben vorstellen; er betrachtet die in
der Welt bestehende Quantität der Materie als eine gegebene feste Tatsache.
Fühlt jemand das Bedürfnis, sich die Entstehung dieser Materie als die Wirkung
einer übernatürlichen Schöpfungstätigkeit, einer außerhalb der Materie
stehenden schöpferischen Kraft vorzustellen, so haben wir nichts dagegen. Aber
wir müssen bemerken, daß damit auch nicht das geringste für eine
wissenschaftliche Naturkenntnis gewonnen ist. Eine solche Vorstellung von einer
immateriellen Kraft, welche die Materie erst schafft, ist ein Glaubensartikel,
welcher mit der menschlichen Wissenschaft gar nichts zu tun hat. Wo der
mystische Glaube anfängt, hört die echte Wissenschaft auf. Beide Tätigkeiten
des menschlichen Geistes sind scharf voneinander zu halten. Der Glaube an
übernatürliche Vorgänge hat seinen Ursprung in der dichtenden
Einbildungskraft, das klare Wissen dagegen in dem erkennenden Verstande des
Menschen. Die Wissenschaft hat die segenbringenden Früchte von dem Baume
der Erkenntnis zu pflücken, unbekümmert darum, ob dadurch die dichterischen
Einbildungen der Glaubenschaft beeinträchtigt werden oder nicht.
Wenn also die Naturwissenschaft sich die „natürliche Schöpfungsgeschichte“
zu ihrer höchsten, schwersten und lohnendsten Aufgabe macht, so kann sie den
Begriff der Schöpfung nur in der zweiten, oben angeführten Bedeutung
verstehen, als die Entstehung der Form der Naturkörper. In diesem Sinne kann
man die Geologie die Schöpfungsgeschichte der Erde nennen; denn sie sucht die
Entstehung der geformten anorganischen Erdoberfläche und die mannigfaltigen
geschichtlichen Veränderungen in der Gestalt der festen Erdrinde zu erforschen.
Ebenso kann man die Entwicklungsgeschichte der Tiere und Pflanzen, welche
die Entstehung der belebten Formen und den mannigfaltigen historischen
Wechsel der tierischen und pflanzlichen Gestalten untersucht, die
Schöpfungsgeschichte der Organismen nennen. Da jedoch in den Begriff der
Schöpfung sich immer leicht die unwissenschaftliche Vorstellung von einem
außerhalb der Materie stehenden und dieselbe umbildenden Schöpfer
einschleicht, so wird es in Zukunft wohl besser sein, denselben durch die
strengere Bezeichnung der Entwicklung zu ersetzen.
Der hohe Wert, welchen die Entwicklungsgeschichte für das wissenschaftliche Verständnis der Tier- und Pflanzenformen besitzt, ist seit einem halben
Jahrhundert allgemein anerkannt; man kann ohne sie in der organischen
Morphologie oder Formenlehre keinen sicheren Schritt mehr tun. Jedoch hat
man vor 1866 unter Entwicklungsgeschichte nur einen Teil dieser Wissenschaft,
nämlich diejenige der organischen Individuen oder Einzelwesen verstanden, die
sogenannte Embryologie, richtiger und umfassender Ontogenie genannt. Außer
dieser gibt es aber auch noch eine Entwicklungsgeschichte der organischen
Arten, Klassen und Stämme (Phylen); und diese steht zu der ersteren in den
wichtigsten Beziehungen. Das Material dafür liefert die Versteinerungskunde
oder Paläontologie. Diese lehrt uns, daß jedes organische Phylum, jeder Stamm
des Tier- und Pflanzenreichs, während der verschiedenen Perioden der
Erdgeschichte durch eine Reihe von ganz verschiedenen Klassen und Arten
vertreten wird. So ist z. B. der Stamm der Wirbeltiere durch die Klassen der
Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere vertreten und jede dieser
Klassen zu verschiedenen Zeiten durch ganz verschiedene Arten. Diese
paläontologische Entwicklungsgeschichte der Organismen kann man als
Stammesgeschichte oder Phylogenie bezeichnen; sie steht in den wichtigsten
und merkwürdigsten Beziehungen zu dem anderen Zweige der organischen
Entwicklungsgeschichte, zur Keimesgeschichte oder Ontogenie. Die letztere
läuft der ersteren im großen und ganzen parallel. Um es kurz mit einem Satze zu
sagen, so ist die individuelle Entwicklungsgeschichte eine schnelle, durch die
Gesetze der Vererbung und Anpassung bedingte Wiederholung der langsamen
paläontologischen Entwicklungsgeschichte; die Ontogenie ist ein kurzer Auszug
oder eine Rekapitulation der Phylogenie. Das ist unser biogenetisches
Grundgesetz (1866), das einzig und allein durch die Abstammungslehre erklärt
und in seinen Ursachen verstanden werden kann; ohne dieselbe bleibt es ganz
unverständlich und unerklärlich.
Die Deszendenztheorie zeigt uns zugleich, warum überhaupt die einzelnen
Tiere und Pflanzen sich entwickeln müssen, warum dieselben nicht gleich in
fertiger und entwickelter Form ins Leben treten. Keine übernatürliche
Schöpfungsgeschichte vermag uns das große Rätsel der organischen
Entwicklung irgendwie zu erklären. Ebenso wie auf diese hochwichtige Frage
gibt uns der Transformismus auch auf alle anderen allgemeinen biologischen
Fragen befriedigende Antworten, und zwar sind diese Antworten rein
mechanisch-kausaler Natur; sie weisen lediglich natürliche, physikalisch-
chemische Kräfte als die Ursachen von Erscheinungen nach, die man früher
gewohnt war, der unmittelbaren Einwirkung übernatürlicher, schöpferischer
Kräfte zuzuschreiben. Mithin entfernt der Transformismus aus allen
Gebietsteilen der Botanik und Zoologie, und namentlich auch aus dem wichtigsten Teile der letzteren, aus der Anthropologie, den Wunderglauben; er
lüftet den mystischen Schleier des Wunderbaren und Übernatürlichen, mit
welchem man bisher die verwickelten Erscheinungen dieser natürlichen
Erkenntnisgebiete zu verhüllen liebte. Das unklare Nebelbild mythologischer
Dichtung kann vor dem klaren Sonnenlicht naturwissenschaftlicher Erkenntnis
nicht länger bestehen.
Von ganz besonderem Interesse sind unter jenen biologischen Erscheinungen
diejenigen, welche die gewöhnliche Annahme von der Entstehung eines jeden
Organismus durch eine zweckmäßig bauende Schöpferkraft widerlegen. Nichts
hat in dieser Beziehung der früheren Naturforschung so große Schwierigkeiten
verursacht, als die Deutung der sogenannten „rudimentären Organe“, derjenigen
Teile im Tier- und Pflanzenkörper, welche eigentlich ohne Leistung, ohne
physiologische Bedeutung, und dennoch formell vorhanden sind. Diese Teile
verdienen das allerhöchste Interesse, obwohl die meisten Leute wenig oder
nichts davon wissen. Fast jeder höher entwickelte Organismus, fast jedes Tier
und jede Pflanze, besitzt neben den scheinbar zweckmäßigen Einrichtungen
seiner Organisation andere Einrichtungen, die durchaus keinen Zweck, keine
Funktion in dessen Leben haben können.
Beispiele davon finden sich überall. Bei den Embryonen mancher
Wiederkäuer, unter anderen bei unserem gewöhnlichen Rindvieh, stehen
Schneidezähne im Zwischenkiefer der oberen Kinnlade, welche niemals zum
Durchbruch gelangen, also auch keinen Zweck haben. Die Embryonen mancher
Walfische, welche späterhin die bekannten Barten statt der Zähne besitzen,
tragen, solange sie noch nicht geboren sind und keine Nahrung zu sich nehmen,
dennoch zahlreiche Zähne in ihren Kiefern; auch dieses Gebiß tritt niemals in
Tätigkeit. Ferner besitzen die meisten höheren Tiere Muskeln, die nie zur
Anwendung kommen; selbst der Mensch besitzt solche rudimentäre Muskeln.
Die meisten von uns sind nicht fähig, ihre Ohren willkürlich zu bewegen,
obwohl die Muskeln für diese Bewegung vorhanden sind; aber einzelnen
Personen, die sich andauernd Mühe geben, diese Muskeln zu üben, ist es in der
Tat gelungen, ihre Ohren wieder in Bewegung zu setzen. In diesen noch jetzt
vorhandenen, aber verkümmerten Organen, welche dem vollständigen
Verschwinden entgegengehen, ist es noch möglich, durch besondere Übung,
durch andauernden Einfluß der Willenstätigkeit des Nervensystems, die beinahe
erloschene Tätigkeit wieder zu beleben. Dagegen vermögen wir dies nicht mehr
in den kleinen rudimentären Ohrmuskeln, welche noch am Knorpel unserer
Ohrmuschel vorkommen; diese bleiben immer völlig wirkungslos. Bei unseren
langohrigen Vorfahren aus der Tertiärzeit, Affen, Halbaffen und Beuteltieren,
welche gleich den meisten anderen Säugetieren ihre große Ohrmuschel frei und lebhaft bewegten, waren jene Muskeln viel stärker entwickelt und von großer
Bedeutung. So haben in gleicher Weise auch viele Spielarten der Hunde und
Kaninchen, deren wilde Vorfahren ihre steifen Ohren vielseitig bewegten, unter
dem Einflusse des Kulturlebens sich jenes „Ohrenspitzen“ abgewöhnt; sie haben
dadurch verkümmerte Ohrmuskeln und schlaff herabhängende Ohren
bekommen.
Auch noch an anderen Stellen seines Körpers besitzt der Mensch solche
rudimentäre Organe, welche durchaus von keiner Bedeutung für das Leben sind
und niemals funktionieren. Eines der merkwürdigsten, obwohl unscheinbarsten
Organe der Art ist die kleine halbmondförmige Falte, welche wir am inneren
Winkel unseres Auges, nahe der Nasenwurzel besitzen, die sogenannte Plica
semilunaris. Diese unbedeutende Hautfalte bietet für unser Auge gar keinen
Nutzen; sie ist nur der ganz verkümmerte Rest eines dritten, inneren Augenlides,
welches neben dem oberen und unteren Augenlide bei anderen Säugetieren, bei
Vögeln und Reptilien sehr entwickelt ist. Ja sogar schon unsere uralten
Vorfahren aus der Silurzeit, die Urfische, scheinen dies dritte Augenlid, die
sogenannte Nickhaut, besessen zu haben. Denn viele von ihren nächsten
Verwandten, die in wenig veränderter Form noch heute fortleben, viele Haifische
nämlich, besitzen eine sehr starke Nickhaut, und diese kann vom inneren
Augenwinkel her über den ganzen Augapfel hinübergezogen werden.
Zu den schlagendsten Beispielen von rudimentären Organen gehören die
Augen, welche nicht sehen. Solche finden sich bei sehr vielen Tieren, welche im
Dunkeln, z. B. in Höhlen, unter der Erde leben. Die Augen sind hier oft wirklich
in ausgebildetem Zustande vorhanden; aber sie sind von dicker, undurchsichtiger
Haut bedeckt, so daß kein Lichtstrahl in sie hineinfallen kann, mithin können sie
auch niemals sehen. Solche Augen ohne Gesichtsfunktion besitzen z. B. mehrere
Arten von unterirdisch lebenden Maulwürfen und Blindmäusen, von Schlangen
und Eidechsen, von Amphibien und Fischen; ferner zahlreiche wirbellose Tiere,
die im Dunkeln ihr Leben zubringen: viele Käfer, Krebstiere, Schnecken,
Würmer usw.
Eine Fülle der interessantesten Beispiele von rudimentären Organen liefert die
vergleichende Osteologie oder Skelettlehre der Wirbeltiere, einer der
anziehendsten Zweige der vergleichenden Anatomie. Bei den allermeisten
Wirbeltieren finden wir zwei Paar Gliedmaßen am Rumpf, ein Paar Vorderbeine
und ein Paar Hinterbeine. Sehr häufig ist jedoch das eine oder das andere Paar
derselben verkümmert, seltener beide, wie bei den Schlangen und einigen
aalartigen Fischen. Aber einige Schlangen, z. B. die Riesenschlangen (Boa,
Python), haben hinten noch einige unnütze Knochenstückchen im Leibe, welche
die Reste der verloren gegangenen Hinterbeine sind. Ebenso haben die walfischartigen Säugetiere (Cetaceen), welche nur entwickelte Vorderbeine
(Brustflossen) besitzen, hinten im Fleische noch ein Paar ganz überflüssige
Knochen, die Überbleibsel der verkümmerten Hinterbeine. Dasselbe gilt von
vielen echten Fischen, bei denen in gleicher Weise die Hinterbeine
(Bauchflossen) verloren gegangen sind. Umgekehrt besitzen unsere
Blindschleichen (Anguis) und einige andere Eidechsen inwendig ein
vollständiges Schultergerüst, obwohl die Vorderbeine, zu deren Befestigung
dasselbe dient, nicht mehr vorhanden sind. Ferner finden sich bei verschiedenen
Wirbeltieren die einzelnen Knochen der beiden Beinpaare in allen verschiedenen
Stufen der Verkümmerung, und oft die rückgebildeten Knochen und die
zugehörigen Muskeln stückweise erhalten, ohne doch irgendwie eine
Verrichtung ausführen zu können. Das Instrument ist wohl noch da, aber es kann
nicht mehr spielen.
Fast ganz allgemein finden Sie ferner rudimentäre Organe in den
Pflanzenblüten vor, indem der eine oder der andere Teil der männlichen
Fortpflanzungsorgane (der Staubfäden und Staubbeutel), oder der weiblichen
Fortpflanzungsorgane (Griffel, Fruchtknoten usw.) mehr oder weniger
verkümmert oder „fehlgeschlagen“ (abortiert) ist. Auch hier können Sie bei
verschiedenen, nahe verwandten Pflanzenarten das Organ in allen Graden der
Rückbildung verfolgen. So z. B. ist die große natürliche Familie der
lippenblütigen Pflanzen (Labiaten), zu welcher Melisse, Pfefferminze, Majoran,
Gundelrebe, Thymian usw. gehören, dadurch ausgezeichnet, daß die
rachenförmige zweilippige Blumenkrone zwei lange und zwei kurze Staubfäden
enthält. Allein bei vielen einzelnen Pflanzen dieser Familie, z. B. bei
verschiedenen Salbeiarten und beim Rosmarin, ist nur das eine Paar der
Staubfäden ausgebildet, und das andere Paar ist mehr oder weniger verkümmert,
oft ganz verschwunden. Bisweilen sind die Staubfäden vorhanden, aber ohne
Staubbeutel, so daß sie keinen Nutzen haben können. Seltener findet sich sogar
noch das Rudiment oder der verkümmerte Rest eines fünften Staubfadens, ein
physiologisch (für die Lebensverrichtung) ganz nutzloses, aber morphologisch
(für die Erkenntnis der Form und der natürlichen Verwandtschaft) äußerst
wertvolles Organ. In meiner „Generellen Morphologie der Organismen“ habe ich
in dem Abschnitt von der „Unzweckmäßigkeitslehre oder Dysteleologie“ noch
eine große Anzahl von anderen Beispielen angeführt.
Keine biologische Erscheinung hat wohl jemals die Zoologen und Botaniker
in größere Verlegenheit versetzt als diese rudimentären oder abortiven
(verkümmerten) Organe. Es sind Werkzeuge außer Dienst, Körperteile, welche
da sind, ohne etwas zu leisten, zweckmäßig eingerichtet, ohne ihren Zweck in
Wirklichkeit zu erfüllen. Wenn man die Versuche früherer Naturforscher zur Erklärung dieses Rätsels betrachtet, kann man sich in der Tat kaum eines
Lächelns über ihre seltsamen Vorstellungen erwehren. Außerstande, eine
wirkliche Erklärung zu finden, kamen einige z. B. zu dem Endresultate, daß der
Schöpfer „der Symmetrie wegen“ diese Organe angelegt habe. Nach der
Meinung anderer mußte es dem Schöpfer unpassend oder unanständig
erscheinen, daß diese Organe bei denjenigen Organismen, bei denen sie nicht
leistungsfähig sind und ihrer ganzen Lebensweise nach nicht sein können, völlig
fehlten, während die nächsten Verwandten sie besäßen; und zum Ersatz für die
mangelnde Funktion verlieh er ihnen wenigstens die äußere Ausstattung der
leeren Form. Sind doch auch die uniformierten Zivilbeamten bei Hofe oft mit
einem unschuldigen Degen ausgestattet, den sie niemals aus der Scheide ziehen.
Ich glaube aber kaum, daß Sie von einer solchen dekorativen Erklärung
befriedigt sein werden.
Nun wird gerade diese allgemein verbreitete und rätselhafte Erscheinung der
rudimentären Organe, an welcher alle übrigen Erklärungsversuche scheitern,
vollkommen erklärt, und zwar in der einfachsten und einleuchtendsten Weise
erklärt durch Darwins Theorie von der Vererbung und von der Anpassung. Wir
können die wichtigen Gesetze der Vererbung und Anpassung an den Haustieren
und Kulturpflanzen, welche wir künstlich züchten, empirisch verfolgen, und es
ist bereits eine Reihe solcher Gesetze festgestellt worden. Ohne jetzt auf diese
einzugehen, will ich nur sagen, daß einige davon auf mechanischem Wege die
Entstehung der rudimentären Organe vollkommen erklären, so daß wir das
Auftreten derselben als einen ganz natürlichen Prozeß ansehen müssen, bedingt
durch den Nichtgebrauch der Organe. Durch Anpassung an besondere
Lebensbedingungen sind die früher tätigen und wirklich arbeitenden Organe
allmählich nicht mehr gebraucht worden und außer Dienst getreten. Infolge der
mangelnden Übung sind sie mehr und mehr verkümmert, trotzdem aber immer
noch durch Vererbung von einer Generation auf die andere übertragen worden,
bis sie endlich größtenteils verschwanden. Wenn wir nun annehmen, daß alle
oben angeführten Wirbeltiere von einem einzigen gemeinsamen Stammvater
abstammen, welcher zwei sehende Augen und zwei wohlentwickelte Beinpaare
besaß, so erklärt sich ganz einfach der verschiedene Grad der Verkümmerung
und Rückbildung dieser Organe bei solchen Nachkommen desselben, welche
diese Teile nicht mehr gebrauchen konnten. Ebenso erklärt sich vollständig der
verschiedene Ausbildungsgrad der ursprünglich (in der Blütenknospe)
angelegten fünf Staubfäden bei den Lippenblütern, wenn wir annehmen, daß alle
Pflanzen dieser Familie von einem gemeinsamen, mit fünf Staubfäden
ausgestatteten Stammvater abstammen.
Ich habe Ihnen die Erscheinung der rudimentären Organe etwas ausführlicher vorgeführt, weil dieselbe von der allergrößten allgemeinen Bedeutung ist; denn
sie führt uns auf die großen, allgemeinen, tiefliegenden Grundlagen der
Philosophie und der Naturwissenschaft hin, für deren Lösung die
Deszendenztheorie nunmehr der unentbehrliche Leitstern geworden ist. Sobald
wir nämlich, dieser Theorie entsprechend, die ausschließliche Wirksamkeit
physikalisch-chemischer Ursachen ebenso in der lebenden (organischen)
Körperwelt, wie in der sogenannten leblosen (anorganischen) Natur anerkennen,
so räumen wir damit jener Weltanschauung die ausschließliche Herrschaft ein,
welche man mit dem Namen der mechanischen bezeichnen kann, im Gegensatze
zu der hergebrachten teleologischen Auffassung. Wenn Sie die
Weltanschauungen der verschiedenen Völker und Zeiten miteinander
vergleichend zusammenstellen, können Sie dieselben schließlich alle in zwei
gegenüberstehende Gruppen bringen: eine kausale oder mechanische und eine
teleologische oder vitalistische. Die letztere war in der Biologie früher fast
allgemein herrschend. Man sah danach das Tierreich und das Pflanzenreich als
Produkte einer zweckmäßig wirkenden schöpferischen Tätigkeit an. Bei dem
Anblick jedes Organismus schien sich zunächst unabweislich die Überzeugung
aufzudrängen, daß eine so künstliche Maschine, ein so verwickelter
Bewegungsapparat, wie es der Organismus ist, nur durch eine zwecktätige
Schöpferkraft hervorgebracht werden könne; durch eine Tätigkeit, welche
analog, obwohl unendlich viel vollkommener ist, als die Tätigkeit des Menschen
bei der Konstruktion seiner Maschinen. Wie erhaben man auch die früheren
Vorstellungen des Schöpfers und seiner schöpferischen Tätigkeit steigern, wie
sehr man sie aller menschlichen Analogie entkleiden mag, so bleibt doch im
letzten Grunde bei der teleologischen Naturauffassung dieser Vergleich
unabweislich und notwendig. Man muß sich im Grunde dann immer den
Schöpfer selbst als einen Organismus vorstellen, als ein Wesen, welches ähnlich
dem Menschen, wenn auch in unendlich vollkommenerer Form, über seine
bildende Tätigkeit nachdenkt, den Plan der Maschinen entwirft, und dann mittels
Anwendung geeigneter Materialien diese Maschinen zweckentsprechend
ausführt. Alle diese Vorstellungen leiden notwendig an der Grundschwäche des
Anthropomorphismus oder der Vermenschlichung. Stets werden dabei, wie hoch
man sich auch den Schöpfer vorstellen mag, demselben die menschlichen
Eigenschaften beigelegt, einen Plan zu entwerfen und danach den Organismus
zweckmäßig zu konstruieren. Das wird auch von derjenigen Schule, welche
Darwins Lehre am schroffsten gegenübersteht, und welche unter den
Naturforschern ihren bedeutendsten Vertreter in Louis Agassiz gefunden hat,
ganz klar ausgesprochen. Das berühmte Werk von Agassiz (Essay on
classification), welches dem Darwinschen Werke vollkommen entgegengesetzt ist und fast gleichzeitig erschien (1858), hat ganz folgerichtig jene absurden
anthropomorphischen Vorstellungen vom Schöpfer bis zum höchsten Grade
ausgebildet.
Was nun überhaupt jene vielgerühmte Zweckmäßigkeit in der Natur betrifft, so
ist sie nur für denjenigen vorhanden, welcher die Erscheinungen im Tier- und
Pflanzenleben durchaus oberflächlich betrachtet. Schon die rudimentären Organe
mußten dieser beliebten Lehre einen harten Stoß versetzen. Jeder aber, der tiefer
in die Organisation und Lebensweise der verschiedenen Tiere und Pflanzen
eindringt, der sich mit der Wechselwirkung der Lebenserscheinungen und der
sogenannten „Ökonomie der Natur“ vertrauter macht, muß sie notwendig fallen
lassen. Die vielgrepriesene Weisheit und Zweckmäßigkeit existiert ebensowenig
als die vielgerühmte „Allgüte des Schöpfers“. Diese optimistischen
Anschauungen haben leider ebensowenig wirkliche Begründung als die beliebte
Redensart von der „sittlichen Weltordnung“, welche durch die ganze
Völkergeschichte in ironischer Weise illustriert wird. Im Mittelalter ist dafür die
„sittliche“ Herrschaft der christlichen Päpste und ihrer frommen, vom Blute
zahlloser Menschenopfer dampfenden Inquisition nicht weniger bezeichnend, als
in der Gegenwart der herrschende Militarismus mit seinem „sittlichen“ Apparate
von Zündnadeln und anderen raffinierten Mordwaffen; oder der Pauperismus als
untrennbarer Anhang unserer verfeinerten Kultur.
Wenn Sie das Zusammenleben und die gegenseitigen Beziehungen der
Pflanzen und der Tiere (mit Inbegriff der Menschen) näher betrachten, so finden
Sie überall und zu jeder Zeit das Gegenteil von jenem gemütlichen und
friedlichen Beisammensein, welches die Güte des Schöpfers den Geschöpfen
hätte bereiten müssen; vielmehr sehen Sie überall einen schonungslosen, höchst
erbitterten Kampf aller gegen alle. Nirgends in der Natur, wohin Sie auch Ihre
Blicke lenken mögen, ist jener idyllische, von den Dichtern besungene Friede
vorhanden — vielmehr überall Kampf, Streben nach Selbsterhaltung, nach
Vernichtung der direkten Gegner und nach Vernichtung des Nächsten.
Leidenschaft und Selbstsucht, bewußt oder unbewußt, bleibt überall die
Triebfeder des Lebens. Das bekannte Dichterwort:
„Die Natur ist vollkommen überall,
Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual“
ist schön, aber leider nicht wahr. Vielmehr bildet auch in dieser Beziehung der
Mensch keine Ausnahme von der übrigen Tierwelt. Darwin hat gerade dieses
wichtige Verhältnis in seiner hohen und allgemeinen Bedeutung uns erst recht
klar vor Augen gestellt, und derjenige Abschnitt seiner Lehre, welchen er selbst
den „Kampf ums Dasein“ nennt, ist einer ihrer wichtigsten Teile.
Wir müssen also jener vitalistischen oder teleologischen Betrachtung der
lebendigen Natur, welche die Tier- und Pflanzenformen als Produkte eines
gütigen und weisen Schöpfers oder einer zweckmäßig tätigen schöpferischen
Naturkraft ansieht, durchaus entgegentreten; dagegen sind wir gezwungen, uns
entschieden jene Weltanschauung anzueignen, welche man die mechanische oder
kausale nennt. Man kann sie auch als die monistische oder einheitliche
bezeichnen, im Gegensatze zu der zwiespältigen oder dualistischen Anschauung,
welche in jener teleologischen Weltauffassung notwendig enthalten ist. Die
mechanische Naturbetrachtung ist seit Jahrzehnten auf gewissen Gebieten der
Naturwissenschaft so sehr eingebürgert, daß hier über die entgegengesetzte kein
Wort mehr verloren wird. Es fällt keinem Physiker oder Chemiker, keinem
Mineralogen oder Astronomen mehr ein, in den Erscheinungen, welche ihm auf
seinem wissenschaftlichen Gebiete fortwährend vor Augen kommen, die
Wirksamkeit eines zweckmäßig tätigen Schöpfers zu erblicken oder
aufzusuchen. Man betrachtet jene Erscheinungen vielmehr allgemein und ohne
Widerspruch als die notwendigen und unabänderlichen Wirkungen der
physikalischen und chemischen Kräfte, welche an dem Stoffe oder der Materie
haften; und insofern ist diese Anschauung rein „materialistisch“, in einem
gewissen Sinne dieses vieldeutigen Wortes. Wenn der Physiker die
Bewegungserscheinungen der Elektrizität oder des Magnetismus, den Fall eines
Körpers oder die Schwingungen der Lichtwellen zu erklären sucht, so ist er bei
dieser Arbeit durchaus davon entfernt, das Eingreifen einer übernatürlichen
schöpferischen Kraft anzunehmen. In dieser Beziehung befand sich bisher die
Biologie, als die Wissenschaft von den sogenannten „belebten“ Naturkörpern, in
vollem Gegensatze zu jenen vorher genannten anorganischen
Naturwissenschaften (der Anorgologie). Zwar hat die neuere Physiologie, die
Lehre von den Bewegungserscheinungen im Tier- und Pflanzenkörper, den
mechanischen Standpunkt der letzteren vollkommen angenommen; allein die
Morphologie, die Wissenschaft von der Gestaltung der Tiere und Pflanzen,
schien dadurch gar nicht berührt zu werden. Die Morphologen behandeln nach
wie vor, im Gegensatze zu jener mechanischen Betrachtung der Leistungen, die Formen der Tiere und Pflanzen als Erscheinungen, die durchaus nicht
mechanisch erklärbar seien, die vielmehr notwendig einer höheren,
übernatürlichen, zweckmäßig tätigen Schöpferkraft ihren Ursprung verdanken
müßten. Dabei war es ganz gleichgültig, ob man diese Schöpferkraft als
persönlichen Gott anbetete, oder ob man sie Lebenskraft (vis vitalis) oder
Endursache (causa finalis) nannte. In allen Fallen flüchtete man hier, um es mit
einem Worte zu sagen, zum Wunder als der Erklärung. Man warf sich einer
mystischen Glaubensdichtung in die Arme und verließ somit das sichere Gebiet
naturwissenschaftlicher Erkenntnis.
Alles nun, was vor Darwin geschehen ist, um eine natürliche, mechanische
Auffassung von der Entstehung der Tier- und Pflanzenformen zu begründen,
vermochte diese nicht zum Durchbruch und zu allgemeiner Anerkennung zu
bringen. Dies gelang erst Darwins Lehre, und hierin liegt ein unermeßliches
Verdienst derselben. Denn wir werden dadurch zu der Überzeugung von der
Einheit der organischen und der anorganischen Natur geführt. Auch derjenige
Teil der Naturwissenschaft, welcher bisher am längsten und am hartnäckigsten
sich einer mechanischen Auffassung und Erklärung widersetzte, die Lehre vom
zweckmäßigen Bau der lebendigen Formen, von der Bedeutung und Entstehung
derselben, wird dadurch mit allen übrigen naturwissenschaftlichen Lehren auf
einen und denselben Weg der Vollendung gebracht. Die Einheit aller
Naturerscheinungen wird dadurch endgültig festgestellt.
Diese Einheit der ganzen Natur, die Beseelung aller Materie, die
Untrennbarkeit der geistigen Kraft und des körperlichen Stoffes hat Goethe mit
den Worten behauptet: „Die Materie kann nie ohne Geist, der Geist nie ohne
Materie existieren und wirksam sein.“ Von den großen monistischen
Philosophen aller Zeiten sind diese obersten Grundsätze der mechanischen
Weltanschauung vertreten worden. Schon Demokritos von Abdera, der
unsterbliche Begründer der Atomenlehre, sprach dieselben fast ein halbes
Jahrtausend vor Christus klar aus, ganz vorzüglich aber der erhabene Spinoza
und der große Dominikanermönch Giordano Bruno. Der letztere wurde dafür am
17. Februar 1600 in Rom von der christlichen Inquisition auf dem
Scheiterhaufen verbrannt, an demselben Tage, an welchem 36 Jahre früher sein
großer Landsmann und Kampfgenosse Galilei geboren wurde. Auf dem Campo
di Fiori in Rom, wo jener Scheiterhaufen stand, hat jetzt das freie neuerstandene
Italien dem großen monistischen Märtyrer ein Denkmal errichtet (am 9. Juni
1889), ein beredtes Zeichen des gewaltigen Umschwungs der Zeit.
Durch die Deszendenztheorie wird es uns zum erstenmal möglich, die
monistische Lehre von der Einheit der Natur fest zu begründen; danach bietet
eine mechanisch-kausale Erklärung auch der verwickeltsten organischen Erscheinungen, z. B. der Entstehung und Einrichtung der Sinnesorgane, in der
Tat nicht mehr prinzipielle Schwierigkeiten für das allgemeine Verständnis, als
die mechanische Erklärung irgendwelcher physikalischen Prozesse, wie z. B. der
Erdbeben, des Erdmagnetismus, der Meeresströmungen usw. Wir gelangen
dadurch zu der äußerst wichtigen Überzeugung, daß alle Naturkörper, die wir
kennen, gleichmäßig belebt sind, daß der Gegensatz, welchen man zwischen
lebendiger und toter Körperwelt aufstellte, im Grunde nicht existiert. Wenn ein
Stein, frei in die Luft geworfen, nach bestimmten Gesetzen zur Erde fällt, oder
wenn in einer Salzlösung sich ein Kristall bildet, oder wenn Schwefel und
Quecksilber sich zu Zinnober verbinden, so sind diese Erscheinungen nicht mehr
und nicht minder mechanische Lebenserscheinungen, als das Wachstum und das
Blühen der Pflanzen, als die Fortpflanzung und die Sinnestätigkeit der Tiere, als
die Empfindung und die Gedankenbildung des Menschen. Insbesondere ist auch
das Bewußtsein des Menschen und der höheren Tiere keineswegs ein besonderes
übernatürliches „Welträtsel“, wie Du Bois-Reymond 1872 in seiner
„Ignorabimus“-Rede irrtümlich behauptet hatte. Vielmehr beruht dasselbe
ebenso auf der mechanischen Arbeit der Ganglienzellen im Gehirn, wie die
übrigen Seelentätigkeiten; den Beweis dafür habe ich im zehnten Kapitel meines
Buches über die „Welträtsel“ geführt. Die Naturkräfte treten auch im
Seelenleben nur in verschiedenen Verbindungen und Formen auf, bald einfacher,
bald zusammengesetzter; aber immer sind sie auch hier dem allgemeinen
Substanzgesetz unterworfen. Gebundene Spannkräfte werden frei und gehen in
lebendige Kräfte über, oder umgekehrt. Das große Gesetz von der Erhaltung der
Kraft oder Energie (Robert Mayer 1842) und das damit verknüpfte Gesetz von
der Erhaltung des Stoffes oder der Materie (Lavoisier 1789) gelten beide in
gleicher Weise für alle organischen wie für alle anorganischen Naturkörper. In
dieser Herstellung der einheitlichen oder monistischen Naturauffassung liegt das
höchste und allgemeinste Verdienst unserer neuen, die Krone der heutigen
Naturwissenschaft bildenden Entwicklungslehre.
(Aus „Natürliche Schöpfungsgeschichte“.)
[1] Universal-Bibliothek Nr. 3071-76.
[2] Universal-Bibliothek Nr. 3216-25.
II.
Schöpfungsperioden und Schöpfungsurkunden.
Die geschichtliche Auffassung des organischen Lebens, welche die
Abstammungslehre in die biologischen Wissenschaften eingeführt hat, fördert
nächst der Anthropologie keinen anderen Wissenschaftszweig so sehr, als den
beschreibenden Teil der Naturgeschichte, die systematische Zoologie und
Botanik. Die meisten Naturforscher, die sich bisher mit der Systematik der Tiere
und Pflanzen beschäftigten, sammelten, benannten und ordneten die
verschiedenen Arten dieser Naturkörper mit einem ähnlichen Interesse, wie die
Altertumsforscher und Ethnographen die Waffen und Gerätschaften der
verschiedenen Völker sammeln. Viele erhoben sich selbst nicht über denjenigen
Grad der Wißbegierde, mit dem man Wappen, Briefmarken und ähnliche
Kuriositäten zu sammeln, zu etikettieren und zu ordnen pflegt. In ähnlicher
Weise wie diese Sammler an der Formenmannigfaltigkeit, Schönheit oder
Seltsamkeit der Wappen, Briefmarken usw. ihre Freude finden, und dabei die
erfinderische Bildungskunst des Menschen bewundern, in ähnlicher Weise
ergötzten sich die meisten Naturforscher an den mannigfaltigen Formen der
Tiere und Pflanzen und erstaunten über die reiche Phantasie des Schöpfers, über
seine unermüdliche Schöpfungstätigkeit und über die seltsame Laune, in welcher
er neben so vielen schönen und nützlichen Organismen auch eine Anzahl
häßlicher und unnützer Formen gebildet habe.
Diese kindliche Behandlung der systematischen Zoologie und Botanik wird
durch die Abstammungslehre gründlich vernichtet. An die Stelle des
oberflächlichen und spielenden Interesses, mit welchem die meisten bisher die
organischen Gestalten betrachteten, tritt das weit höhere Interesse des
erkennenden Verstandes, welcher in der Formverwandtschaft der Organismen
ihre wahre Stammverwandtschaft erblickt. Das natürliche System der Tiere und
Pflanzen, welches man früher entweder nur als Namenregister zur
übersichtlichen Ordnung der verschiedenen Formen oder als Sachregister zum
kurzen Ausdruck ihres Ähnlichkeitsgrades schätzte, erhält durch die
Abstammungslehre den ungleich höheren Wert eines wahren Stammbaumes der Organismen. Diese Stammtafel soll uns den genealogischen Zusammenhang der
kleineren und größeren Gruppen enthüllen. Sie soll zu zeigen versuchen, in
welcher Weise die verschiedenen Klassen, Ordnungen, Familien, Gattungen und
Arten des Tier- und Pflanzenreichs den verschiedenen Zweigen, Ästen und
Astgruppen ihres Stammbaums entsprechen. Jede weitere und höherstehende
Kategorie oder Gruppenstufe des Systems (z. B. Klasse, Ordnung) umfaßt eine
Anzahl von größeren und stärkeren Zweigen des Stammbaums, jede engere und
tieferstehende Kategorie (z. B. Gattung, Art) nur eine kleinere und schwächere
Gruppe von Ästchen. Nur wenn wir in dieser Weise das natürliche System als
Stammbaum betrachten, können wir den wahren Wert desselben erkennen.
Dieser genealogischen Auffassung des organischen Systems gehört ohne Zweifel
allein die Zukunft.
Wie können wir uns aber den wirklichen Stammbaum der tierischen und
pflanzlichen Formengruppen aus den dürftigen und fragmentarischen, bis jetzt
darüber gewonnenen Erfahrungen konstruieren? Die Antwort hierauf liegt schon
zum Teil in demjenigen, was wir früher über den Parallelismus der drei
Entwicklungsreihen bemerkt haben, über den wichtigen ursächlichen
Zusammenhang, welcher die paläontologische Entwicklung der ganzen
organischen Stämme mit der embryologischen Entwicklung der Individuen und
mit der systematischen Entwicklung der Gruppenstufen verbindet.
Zunächst werden wir uns zur Lösung dieser schwierigen Aufgabe an die
Paläontologie oder Versteinerungskunde zu wenden haben. Denn wenn wirklich
die Deszendenztheorie wahr ist, wenn wirklich die versteinerten Reste der
vormals lebenden Tiere und Pflanzen von den ausgestorbenen Urahnen und
Vorfahren der jetzigen Organismen herrühren, so müßte uns eigentlich ohne
weiteres die Kenntnis und Vergleichung der Versteinerungen den Stammbaum
der Organismen aufdecken. So einfach und einleuchtend dies nach dem
theoretisch entwickelten Prinzip erscheint, so außerordentlich schwierig und
verwickelt gestaltet sich die Aufgabe, wenn man sie wirklich in Angriff nimmt.
Ihre praktische Lösung würde schon sehr schwierig sein, wenn die
Versteinerungen einigermaßen vollständig erhalten wären. Das ist aber
keineswegs der Fall. Vielmehr ist die handgreifliche Schöpfungsurkunde, welche
in den Versteinerungen begraben liegt, über alle Maßen unvollständig. Daher
erscheint es jetzt vor allem notwendig, diese Urkunde kritisch zu prüfen und den
Wert, welchen die Versteinerungen für die Entwicklungsgeschichte der
organischen Stämme besitzen, zu bestimmen.
In der Regel finden wir Versteinerungen oder Petrefakten nur in denjenigen
Gesteinen eingeschlossen, welche schichtenweise als Schlamm im Wasser
abgelagert wurden, und welche man deshalb neptunische, geschichtete oder sedimentäre Gesteine nennt. Die Ablagerung solcher Schichten konnte natürlich
erst beginnen, nachdem im Verlaufe der Erdgeschichte die Verdichtung des
Wasserdampfes zu tropfbar-flüssigem Wasser erfolgt war. Seit diesem Zeitpunkt
begann nicht allein das organische Leben auf der Erde, sondern auch eine
ununterbrochene und höchst wichtige Umgestaltung der erstarrten anorganischen
Erdrinde. Das Wasser begann seitdem jene außerordentlich wichtige
mechanische Wirksamkeit, durch welche die Erdoberfläche fortwährend, wenn
auch langsam, umgestaltet wird. Ich darf wohl als bekannt voraussetzen,
welchen außerordentlich bedeutenden Einfluß in dieser Beziehung noch jetzt das
Wasser in jedem Augenblick ausübt. Indem es als Regen niederfällt, die obersten
Schichten der Erdrinde durchsickert und von den Erhöhungen in die
Vertiefungen herabfließt, löst es verschiedene mineralische Bestandteile des
Bodens chemisch auf und spült mechanisch die locker zusammenhängenden
Teilchen ab. An den Bergen herabfließend führt das Wasser den Schutt derselben
in die Ebene und lagert ihn als Schlamm im stehenden Wasser ab. So arbeitet es
beständig an einer Erniedrigung der Berge und Ausfüllung der Täler. Ebenso
arbeitet die Brandung des Meeres ununterbrochen an der Zerstörung der Küsten
und an der Auffüllung des Meerbodens durch die herabgeschlämmten Trümmer.
So würde schon die Tätigkeit des Wassers allein, wenn sie nicht durch andere
Umstände wieder aufgewogen würde, mit der Zeit die ganze Erde nivellieren. Es
kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Gebirgsmassen, welche alljährlich als
Schlamm dem Meere zugeführt werden und sich auf dessen Boden absetzen, so
bedeutend sind, daß im Verlauf einer längeren oder kürzeren Periode, vielleicht
von wenigen Millionen Jahren, die Erdoberfläche vollkommen geebnet und von
einer zusammenhängenden Wasserschale umschlossen werden würde. Daß dies
nicht geschieht, verdanken wir der fortdauernden Schrumpfung und Faltung der
erhärteten Erdrinde und der vulkanischen Gegenwirkung des feurigflüssigen
Erdinneren. Diese Reaktion des geschmolzenen Kerns gegen die feste Rinde
bedingt ununterbrochen wechselnde Hebungen und Senkungen an den
verschiedensten Stellen der Erdoberfläche. Meistens geschehen dieselben sehr
langsam; allein indem sie Jahrtausende hindurch fortdauern, bringen sie durch
Summierung der kleinen Einzelwirkungen nicht minder großartige Resultate
hervor, wie die entgegenwirkende und nivellierende Tätigkeit des Wassers.
Indem die Hebungen und Senkungen verschiedener Gegenden im Laufe von
Jahrmillionen vielfach miteinander wechseln, kommt bald dieser bald jener Teil
der Erdoberfläche über oder unter den Spiegel des Meeres. Es gibt vielleicht
keinen Oberflächenteil der Erdrinde, der nicht infolgedessen schon wiederholt
über oder unter dem Meeresspiegel gewesen wäre. Durch diesen vielfachen
Wechsel erklärt sich die Mannigfaltigkeit und die verschiedenartige Zusammensetzung der zahlreichen neptunischen Gesteinschichten, welche sich
an den meisten Stellen in beträchtlicher Dicke übereinander abgelagert haben. In
den verschiedenen Geschichtsperioden, während deren die Ablagerung stattfand,
lebte eine mannigfach verschiedene Bevölkerung von Tieren und Pflanzen.
Wenn die Leichen derselben auf den Boden der Gewässer herabsanken, drückten
sie ihre Körperform in dem weichen Schlamme ab, und unverwesliche Teile,
harte Knochen, Zähne, Schalen usw. wurden unzerstört in demselben
eingeschlossen. Sie blieben in dem Schlamm, der sich zu neptunischem Gestein
verdichtete, erhalten, und dienen nun als Versteinerungen zur Charakteristik der
betreffenden Schichten. Durch sorgfältige Vergleichung der verschiedenen
übereinander gelagerten Schichten und der in ihnen erhaltenen Versteinerungen
ist es so möglich geworden, sowohl das relative Alter der Schichten und
Schichtengruppen zu bestimmen, als auch gewisse Hauptmomente der
Phylogenie oder der Entwicklungsgeschichte der Tier- und Pflanzenstämme
empirisch festzustellen.
Die verschiedenen übereinander abgelagerten Schichten der neptunischen
Gesteine, welche in sehr mannigfaltiger Weise aus Kalk, Ton und Sand
zusammengesetzt sind, haben die Geologen gruppenweise in ein ideales System
zusammengestellt, welches dem ganzen Zusammenhange der organischen
Erdgeschichte entspricht, d. h. desjenigen Teiles der Erdgeschichte, während
dessen organisches Leben existierte. Wie die sogenannte „Weltgeschichte“ in
größere oder kleinere Perioden zerfällt, welche durch den zeitweiligen
Entwicklungszustand der bedeutendsten Völker charakterisiert und durch
hervorragende Ereignisse voneinander abgegrenzt werden, so teilen wir auch die
unendlich längere organische Erdgeschichte in eine Reihe von größeren oder
kleineren Perioden ein. Jede dieser Perioden ist durch eine charakteristische
Flora und Fauna, durch die besonders starke Entwicklung bestimmter Pflanzen-
oder Tiergruppen ausgezeichnet, und jede ist von der vorhergehenden und
folgenden Periode durch einen auffallenden teilweisen Wechsel in der
Zusammensetzung der Tier- und Pflanzenbevölkerung getrennt.
Für die nachfolgende Übersicht des historischen Entwicklungsganges, den die
großen Tier- und Pflanzenstämme genommen haben, ist es notwendig, zunächst
hier die systematische Klassifikation der neptunischen Schichtengruppen und der
denselben entsprechenden größeren und kleineren Geschichtsperioden
anzugeben. Wie Sie sogleich sehen werden, sind wir imstande, die ganze Masse
der übereinanderliegenden Sedimentgesteine in fünf oberste Hauptgruppen oder
Terrains, jedes Terrain in mehrere untergeordnete Schichtengruppen oder
Systeme, und jedes System von Schichten wiederum in noch kleinere Gruppen
oder Formationen einzuteilen; endlich kann auch jede Formation wieder in Etagen oder Unterformationen, und jede von diesen wiederum in noch kleinere
Lagen, Bänke usw. geschieden werden. Jedes der fünf großen Terrains wurde
während eines großen Hauptabschnittes der Erdgeschichte, während eines
Zeitalters, abgelagert; jedes System während einer kürzeren Periode, jede
Formation während einer noch kürzeren Epoche usw. Indem wir so die
Zeiträume der organischen Erdgeschichte und die während derselben
abgelagerten neptunischen und versteinerungsführenden Erdschichten in ein
gegliedertes System bringen, verfahren wir genau wie die Historiker, welche die
Völkergeschichte in die drei Hauptabschnitte des Altertums, des Mittelalters und
der Neuzeit, und jeden dieser Abschnitte wieder in untergeordnete Perioden und
Epochen einteilen. Wie aber der Historiker durch diese scharfe systematische
Einteilung und durch die bestimmte Abgrenzung der Perioden durch einzelne
Jahreszahlen nur die Übersicht erleichtern und keineswegs den
ununterbrochenen Zusammenhang der Ereignisse und der Völkerentwicklung
leugnen will, so gilt ganz dasselbe auch von unserer systematischen Einteilung,
Spezifikation oder Klassifikation der organischen Erdgeschichte. Auch hier geht
der rote Faden der zusammenhängenden Entwicklung überall ununterbrochen
hindurch. Wir verwahren uns also ausdrücklich gegen die Anschauung, als
wollten wir durch unsere scharfe Abgrenzung der größeren und kleineren
Schichtengruppen und der ihnen entsprechenden Zeiträume irgendwie an
Cuviers irrige Lehre von den Erdrevolutionen und von den wiederholten
Neuschöpfungen der organischen Bevölkerung anknüpfen.
Die fünf großen Hauptabschnitte der organischen Erdgeschichte oder der
paläontologischen Entwicklungsgeschichte bezeichnen wir als primordiales,
primäres, sekundäres, tertiäres und quartäres Zeitalter. Jedes ist durch die
vorwiegende Entwicklung bestimmter Tier- und Pflanzengruppen in demselben
bestimmt charakterisiert, und wir könnten demnach auch die fünf Zeitalter
einerseits durch die natürlichen Hauptgruppen des Pflanzenreichs, andererseits
durch die verschiedenen Klassen des Wirbeltierstammes anschaulich bezeichnen.
Dann wäre das erste oder primordiale Zeitalter dasjenige der Tange und
Schädellosen, das zweite oder primäre Zeitalter das der Farne und Fische, das
dritte oder sekundäre Zeitalter das der Nadelwälder und Reptilien, das vierte
oder tertiäre Zeitalter das der Laubwälder und Säugetiere, endlich das fünfte
oder quartäre Zeitalter dasjenige des Menschen und seiner Kultur. Die
Abschnitte oder Perioden, welche wir in jedem der fünf Zeitalter unterscheiden,
werden durch die verschiedenen Systeme von Schichten bestimmt, in die jedes
der fünf großen Terrains zerfällt. Lassen Sie uns jetzt noch einen flüchtigen
Blick auf die Reihe dieser Systeme und zugleich auf die Bevölkerung der fünf
großen Zeitalter werfen.
Den ersten und längsten Hauptabschnitt der organischen Erdgeschichte bildet
die Primordialzeit oder das Zeitalter der Tangwälder, das auch das archäische,
archolithische oder archozoische Zeitalter genannt wird. Es umfaßt den
ungeheuren Zeitraum von der ersten Urzeugung, von der Entstehung des ersten
irdischen Organismus, bis zum Ende der silurischen Schichtenbildung. Während
dieses unermeßlichen Zeitraums, welcher wahrscheinlich länger war, als alle
übrigen vier Zeiträume zusammengenommen, lagerten sich die drei mächtigsten
von allen neptunischen Schichtensystemen ab, nämlich zu unterst das
laurentische, darüber das kambrische und darüber das silurische System. Von
den meisten Geologen wird das silurische System, und von vielen auch noch das
kambrische System zu den paläolithischen Terrains gestellt; indessen erscheint
es aus biologisch-historischen Gesichtspunkten zweckmäßiger, sie mit den
archozoischen zu vereinigen. Die ungefähre Dicke oder Mächtigkeit dieser drei
Systeme zusammengenommen beträgt 70000 Fuß. Davon kommen ungefähr
30000 auf das laurentische, 18000 auf das kambrische und 22000 auf das
silurische System. Die durchschnittliche Mächtigkeit aller vier übrigen Terrains,
des primären, sekundären, tertiären und quartären zusammengenommen, mag
dagegen etwa höchstens 60000 Fuß betragen, und schon hieraus, abgesehen von
vielen anderen Gründen, ergibt sich, daß die Dauer der Primordialzeit
wahrscheinlich viel länger war, als die Dauer der folgenden Zeitalter bis zur
Gegenwart zusammengenommen. Viele Millionen von Jahren müssen zur
Ablagerung solcher Schichtenmassen erforderlich gewesen sein. Leider befindet
sich der bei weitem größte Teil der primordialen Schichtengruppen in dem
sogleich zu erörternden metamorphischen Zustande, und dadurch sind die in
ihnen enthaltenen Versteinerungen, die ältesten und wichtigsten von allen,
größtenteils zerstört und unkenntlich geworden. Nur in einem Teile der
kambrischen und silurischen Schichten sind Petrefakten in größerer Menge und
in kenntlichem Zustande erhalten worden.
Trotzdem die primordialen oder archozoischen Versteinerungen uns nur zum
bei weitem kleinsten Teile in kenntlichem Zustande erhalten sind, besitzen
dieselben dennoch den Wert unschätzbarer Dokumente für diese älteste und
dunkelste Zeit der organischen Erdgeschichte. Zunächst scheint daraus
hervorzugehen, daß während dieses ganzen ungeheuren Zeitraums fast nur
Wasserbewohner existierten. Wenigstens sind bis jetzt unter allen archozoischen
Petrefakten nur sehr wenige gefunden worden, welche man mit Sicherheit auf
landbewohnende Organismen beziehen kann: die ältesten von diesen sind einige
silurische Farne und Skorpione. Fast alle Pflanzenreste, die wir aus der
Primordialzeit besitzen, gehören zu der niedrigsten von allen Pflanzengruppen,
zu der im Wasser lebenden Klasse der Tange oder Algen. Diese bildeten in dem warmen Urmeere der Primordialzeit mächtige Wälder, von deren
Formenreichtum und Dichtigkeit uns noch heutigen Tages ihre Epigonen, die
Tangwälder des atlantischen Sargassomeeres, eine ungefähre Vorstellung geben
mögen. Die kolossalen Tangwälder der archozoischen Zeit ersetzten damals die
noch fehlende Waldvegetation des Festlandes. Gleich den Pflanzen lebten auch
fast alle Tiere, von denen man Reste in den archozoischen Schichten gefunden
hat, im Wasser. Von den Gliedertieren finden sich nur Krebstiere und einzelne
Skorpione, noch keine Insekten. Von den Wirbeltieren sind nur sehr wenige
Fischreste bekannt, welche sich in den jüngsten von allen primordialen
Schichten, in der oberen Silurformation, vorfinden. Dagegen müssen wir
annehmen, daß Würmer und schädellose Wirbeltiere (Akranier), die Ahnen der
Fische, massenhaft während der Primordialzeit gelebt haben. Daher können wir
sie sowohl nach den Schädellosen als nach den Tangen benennen.
Die Primärzeit oder das Zeitalter der Farnwälder, der zweite Hauptabschnitt
der organischen Erdgeschichte, welchen man auch das paläolithische oder
paläozoische Zeitalter nennt, dauerte vom Ende der silurischen Schichtenbildung
bis zum Ende der permischen Schichtenbildung. Auch dieser Zeitraum war von
sehr langer Dauer und zerfällt wiederum in drei Perioden, während deren sich
drei mächtige Schichtensysteme ablagerten, nämlich zu unterst das devonische
System oder der alte rote Sandstein, darüber das karbonische oder
Steinkohlensystem, und darüber das permische System oder der neue rote
Sandstein und der Zechstein. Die durchschnittliche Dicke dieser drei Systeme
zusammengenommen mag etwa 42000 Fuß betragen, woraus sich schon die
ungeheure Länge der für ihre Bildung erforderlichen Zeiträume ergibt. Die
meisten Geologen rechnen zur Paläozoischen Ära noch die silurische und viele
auch die kambrische Periode.
Die devonischen und permischen Formationen sind vorzüglich reich an
Fischresten, sowohl an Urfischen als an Schmelzfischen. Aber noch fehlen in der
primären Zeit gänzlich die Knochenfische. In der Steinkohle finden sich schon
verschiedene Reste von landbewohnenden Tieren, und zwar sowohl
Gliedertieren (Spinnen und Insekten) als Wirbeltieren (Amphibien). Im
permischen System kommen zu den Amphibien noch die höher entwickelten
Schleicher oder Reptilien, und zwar unseren Eidechsen nahverwandte Formen
(Proterosaurus usw.). Trotzdem können wir das primäre Zeitalter das der
Fische nennen, weil diese wenigen Amphibien und Reptilien ganz gegen die
ungeheure Menge der paläozoischen Fische zurücktreten. Ebenso wie die Fische
unter den Wirbeltieren, so herrschten unter den Pflanzen während dieses
Zeitraums die Farnpflanzen oder Filicinen vor, und zwar sowohl echte
Farnkräuter und Farnbäume (Laubfarne oder Filikarien) als Schaftfarne (Kalamarien) und Schuppenfarne (Selagineen). Diese landbewohnenden Farne
oder Filizinen bildeten die Hauptmasse der dichten paläozoischen Inselwälder,
deren fossile Reste uns in den ungeheuer mächtigen Steinkohlenlagern des
karbonischen Systems und in den schwächeren Kohlenlagern des devonischen
und permischen Systems erhalten sind. Sie berechtigen uns, die Primärzeit
ebensowohl das Zeitalter der Farne als das der Fische zu nennen.
Der dritte große Hauptabschnitt der paläontologischen
Entwicklungsgeschichte wird durch die Sekundärzeit oder das Zeitalter der
Nadelwälder gebildet, welches auch das mesolithische oder mesozoische
Zeitalter genannt wird. Es reicht vom Ende der permischen Schichtenbildung bis
zum Ende der Kreideschichtenbildung und zerfällt abermals in drei große
Perioden. Die währenddessen abgelagerten Schichtensysteme sind zu unterst das
Triassystem, in der Mitte das Jurasystem und zu oberst das Kreidesystem. Die
durchschnittliche Dicke dieser drei Systeme zusammengenommen bleibt schon
weit hinter derjenigen der primären Systeme zurück und beträgt im ganzen nur
ungefähr 15000 Fuß. Die Sekundärzeit wird demnach wahrscheinlich nicht halb
so lang als die Primärzeit gewesen sein.
Wie in der Primärzeit die Fische, so herrschen in der Sekundärzeit die
Schleicher oder Reptilien über alle übrigen Wirbeltiere vor. Zwar entstanden
während dieses Zeitraums die ersten Vögel und Säugetiere; auch lebten damals
die riesigen Labyrinthodonten; und zu den zahlreich vorhandenen Urfischen und
Schmelzfischen der älteren Zeit gesellten sich die ersten echten Knochenfische.
Aber die charakteristische und überwiegende Wirbeltierklasse der Sekundärzeit
bildeten die höchst mannigfaltig entwickelten Reptilien. Neben solchen
Schleichern, welche den heute noch lebenden Eidechsen, Krokodilen und
Schildkröten nahestanden, wimmelte es in der mesozoischen Zeit überall von
abenteuerlich gestalteten Drachen. Insbesondere sind die merkwürdigen
fliegenden Eidechsen oder Pterosaurier, die schwimmenden Seedrachen oder
Halisaurier und die kolossalen Landdrachen oder Dinosaurier der Sekundärzeit
eigentümlich, da sie weder vorher noch nachher lebten. Man kann demgemäß
die Sekundärzeit das Zeitalter der Schleicher oder Reptilien nennen. Andere
bezeichnen sie als das Zeitalter der Nadelwälder, genauer eigentlich der
Gymnospermen oder Nacktsamenpflanzen. Diese Pflanzen, vorzugsweise durch
die beiden wichtigen Klassen der Nadelhölzer oder Koniferen und der
Farnpalmen oder Zycadeen vertreten, setzten während der Sekundärzeit ganz
überwiegend den Bestand der Wälder zusammen. Die farnartigen Pflanzen traten
dagegen zurück und die Laubhölzer entwickelten sich erst gegen Ende des
Zeitalters, in der Kreidezeit.
Viel kürzer und weniger eigentümlich als diese drei ersten Zeitalter war der vierte Hauptabschnitt der organischen Erdgeschichte, die Tertiärzeit oder das
Zeitalter der Laubwälder. Dieser Zeitraum, welcher auch zänolithisches oder
zänozoisches Zeitalter heißt, erstreckte sich vom Ende der
Kreideschichtenbildung bis zum Ende der pliozänen Schichtenbildung. Die
währenddessen abgelagerten Schichten erreichen nur ungefähr eine mittlere
Mächtigkeit von 3000 Fuß und bleiben demnach weit hinter den drei ersten
Terrains zurück. Auch sind die drei Systeme, welche man in dem tertiären
Terrain unterscheidet, nur schwer voneinander zu trennen. Das älteste derselben
heißt eozänes oder alttertiäres, das mittlere miozänes oder mitteltertiäres und das
jüngste pliozänes oder neutertiäres System.
Die gesamte Bevölkerung der Tertiärzeit nähert sich im ganzen und im
einzelnen schon viel mehr derjenigen der Gegenwart, als es in den
vorhergehenden Zeitaltern der Fall war. Unter den Wirbeltieren überwiegt von
nun an die Klasse der Säugetiere bei weitem alle übrigen. Ebenso herrscht in der
Pflanzenwelt die formenreiche Gruppe der Decksamen-Pflanzen oder
Angiospermen vor; ihre Laubhölzer bilden die charakteristischen Laubwälder
der Tertiärzeit. Die Abteilung der Angiospermen besteht aus den beiden Klassen
der Einkeimblättrigen oder Monokotylen und der Zweikeimblättrigen oder
Dikotylen. Zwar hatten sich Angiospermen aus beiden Klassen schon in der
Kreidezeit gezeigt, und Säugetiere traten schon im letzten Abschnitt der Triaszeit
auf. Allein beide Gruppen, Säugetiere und Decksamenpflanzen, erreichen ihre
eigentliche Entwicklung und Oberherrschaft erst in der Tertiärzeit, so daß man
diese mit vollem Rechte danach benennen kann.
Den fünften und letzten Hauptabschnitt der organischen Erdgeschichte bildet
die Quartärzeit oder Kulturzeit, derjenige, gegen die Länge der vier übrigen
Zeitalter verschwindend kurze Zeitraum, den wir gewöhnlich in komischer
Selbstüberhebung die „Weltgeschichte“ zu nennen pflegen. Da die Ausbildung
des Menschen und seiner Kultur mächtiger als alle früheren Vorgänge auf die
organische Welt umgestaltend einwirkte, und da sie vor allem dieses jüngste
Zeitalter charakterisiert, so könnte man dasselbe auch die Menschenzeit, das
anthropolithische oder anthropozoische Zeitalter nennen. Es könnte allenfalls
auch das Zeitalter der Kulturwälder heißen, weil selbst auf den niederen Stufen
der menschlichen Kultur ihr umgestaltender Einfluß sich bereits in der
Benutzung der Wälder und ihrer Erzeugnisse, und somit auch in der
Physiognomie der Landschaft bemerkbar macht. Geologisch wird der Beginn
dieses Zeitalters, welches bis zur Gegenwart reicht, durch das Ende der
pliozänen Schichtenablagerung begrenzt.
Die neptunischen Schichten, welche während des verhältnismäßig kurzen
quartären Zeitraums abgelagert wurden, sind an den verschiedenen Stellen der Erde von sehr verschiedener, meist aber von sehr geringer Dicke. Man bringt
dieselben in zwei verschiedene Systeme, von denen man das ältere als diluvial
oder pleistozän, das neuere als alluvial oder rezent bezeichnet. Das
Diluvialsystem zerfällt selbst wieder in zwei Formationen, in die älteren
glazialen und die neueren postglazialen Bildungen. Während der älteren
Diluvialzeit nämlich fand jene außerordentlich merkwürdige Erniedrigung der
Erdtemperatur statt, welche zu einer ausgedehnten Vergletscherung der
gemäßigten Zonen führte. Diese „Eiszeit“ oder Glazialperiode hat für die
geographische und topographische Verbreitung der Organismen hohe Bedeutung
gewonnen. Auch die auf die Eiszeit folgende „Nacheiszeit“, die postglaziale
Periode oder die neuere Diluvialzeit, während welcher die Temperatur wiederum
stieg und das Eis sich nach den Polen zurückzog, war für die gegenwärtige
Gestaltung der chorologischen Verhältnisse höchst bedeutungsvoll.
Der biologische Charakter der Quartärzeit liegt wesentlich in der Entwicklung
und Ausbreitung des menschlichen Organismus und seiner Kultur. Weit mehr als
jeder andere Organismus hat der Mensch umgestaltend, zerstörend und
neubildend auf die Tier- und Pflanzenbevölkerung der Erde eingewirkt. Aus
diesem Grunde — nicht weil wir dem Menschen im übrigen eine privilegierte
Ausnahmestellung in der Natur einräumen — können wir mit vollem Rechte die
Ausbreitung des Menschen und seiner Kultur als Beginn eines besonderen
letzten Hauptabschnitts der organischen Erdgeschichte bezeichnen.
Wahrscheinlich fand allerdings die körperliche Entwicklung des Urmenschen
aus menschenähnlichen Affen bereits in der jüngeren oder pliozänen, vielleicht
sogar schon in der mittleren oder miozänen Tertiärzeit statt. Allein die
eigentliche Entwicklung der menschlichen Sprache, welche wir als den
wichtigsten Hebel für die Ausbildung der eigentümlichen Vorzüge des Menschen
und seiner Herrschaft über die übrigen Organismen betrachten, fällt
wahrscheinlich erst in jenen Zeitraum, welchen man aus geologischen Gründen
als pleistozäne oder diluviale Zeit von der vorhergehenden Pliozänperiode
trennt. Jedenfalls ist derjenige Zeitraum, welcher seit der Entwicklung der
menschlichen Sprache bis zur Gegenwart verfloß, mag derselbe auch viele
Jahrtausende und vielleicht Hunderttausende von Jahren in Anspruch genommen
haben, verschwindend gering gegen die unermeßliche Länge der Zeiträume,
welche vom Beginn des organischen Lebens auf der Erde bis zur Entstehung des
Menschengeschlechts verflossen.
Die tabellarische Übersicht Seite 69 zeigt die Reihenfolge der
paläontologischen Terrains, Systeme und Formationen, d. h. der größeren und
kleineren neptunischen Schichtengruppen, welche Versteinerungen einschließen,
von den obersten oder alluvialen bis zu den untersten oder laurentischen
Ablagerungen hinab. Die Tabelle Seite 68 führt die historische Einteilung der
entsprechenden Zeiträume vor, der größeren und kleineren paläontologischen
Perioden, und zwar in umgekehrter Reihenfolge.
Übersicht
der paläontologischen Perioden oder der größeren Zeitabschnitte der organischen
Erdgeschichte.
Erster Zeitraum: Archozoisches Zeitalter.
Primordial-Zeit.
(Zeitalter der Schädellosen und der Tangwälder.)
1. Ältere Archolithzeit oder Laurentische Periode. 2. Mittlere Archolithzeit " Kambrische Periode. 3. Neuere Archolithzeit " Silurische Periode.
Zweiter Zeitraum: Paläozoisches Zeitalter.
Primär-Zeit.
(Zeitalter der Fische und Farnwälder.)
4. Ältere Paläolithzeit oder Devonische Periode. 5. Mittlere Paläolithzeit " Steinkohlen-Periode. 6. Neuere Paläolithzeit " Permische Periode.
Dritter Zeitraum: Mesozoisches Zeitalter.
Sekundär-Zeit.
(Zeitalter der Reptilien und der Nadelwälder.)
7. Ältere Mesolithzeit oder Trias-Periode. 8. Mittlere Mesolithzeit " Jura-Periode. 9. Neuere Mesolithzeit " Kreide-Periode.
Vierter Zeitraum: Zänozoisches Zeitalter.
Tertiär-Zeit.
(Zeitalter der Säugetiere und der Laubwälder.)
10. Ältere Zänolithzeit oder Eozäne Periode. 11. Mittlere Zänolithzeit " Miozäne Periode. 12. Neuere Zänolithzeit " Pliozäne Periode.
Fünfter Zeitraum: Anthropozoisches Zeitalter.
Quartär-Zeit.
(Zeitalter der Menschen und der Kulturwälder.)
13. Ältere Anthropolithzeit oder Eiszeit. Glaziale Periode. 14. Mittlere Anthropolithzeit " Postglaziale Periode. 15. Neuere Anthropolithzeit " Kultur-Periode.
(Die Kultur-Periode ist die historische Zeit oder die Periode der
Überlieferungen.)
Übersicht der paläontologischen Formationen oder der versteinerungsführenden Schichten
der Erdrinde.
Synonyme
Terrains Systeme Formation der
Formationen
XIV. Rezent 36. Präsent Oberalluviale
V. Anthropolithische Terrains oder (Alluvium) 35. Rezent Unteralluviale
anthropozoische (quartäre)
Schichtengruppen XIII. Pleistozän 34. Postglazial Oberdiluviale
(Diluvium) 33. Glazial Unterdiluviale
XII. Pliozän 32. Arvern Oberpliozäne (Neutertiär) 31. Subapennin Unterpliozäne
zänozoische (tertiäre) Schichtengruppen IV. Zänolithische Terrains oder (Mitteltertiär) 29. Limburg Untermiozäne XI. Miozän 30. Falun Obermiozäne
28. Gips Obereozäne
X. Eozän
27. Grobkalk Mitteleozäne
(Alttertiär)
26. Londonton Untereozäne
25. Weißkreide Oberkreide
24. Grünsand Mittelkreide
IX. Kreide
23. Neokom Unterkreide
22. Wealden Wälderformation
III. Mesolithische Terrains oder 21. Portland Oberoolith
mesozoische (sekundäre) 20. Oxford Mitteloolith
Schichtengruppen 19. VIII. Jura Bath Unteroolith
18. Lias Liasformation
17. Keuper Obertrias
VII. Trias 16. Muschelkalk Mitteltrias
15. Buntsand Untertrias
VI. Permisches 14. Zechstein Oberpermische
(Dyas) 13. Neurotsand Unterpermische
paläozoische (primäre) Schichtengruppen II. Paläolithische Terrains oder (Steinkohle) 11. Kohlenkalk Unterkarbonische V. Karbonisches 12. Kohlensand Oberkarbonische
10. Pilton Oberdevonische
IV. Devonisches
9. Ilfracombe Mitteldevonische
(Altrotsand)
8. Linton Unterdevonische
7. Ludlow Obersilurische
III. Silurisches 6. Landovery Mittelsilurische
I. Archolithische Terrains oder 5. Landeilo Untersilurische
archozoische (primordiale) 4. Potsdam Oberkambrische
Schichtengruppen 3. II. Kambrisches Longmynd Unterkambrische
2. Labrador Oberlaurentische
I. Laurentisches
1. Ottawa Unterlaurentische
Tabelle
zur Übersicht der neptunischen versteinerungsführenden Schichten-Systeme der Erdrinde mit Bezug auf
ihre verhältnismäßige durchschnittliche Dicke. (130000 Fuß zirka.)
IV. Zänozoische Schichten-Systeme. Eozän, Miozän,
Zirka 3000 Fuß. Pliozän.
III. Mesozoische Schichten-Systeme. IX. Kreide-System.
Ablagerungen der Sekundärzeit. VIII. Jura-System.
Zirka 15000 Fuß. VII. Trias-System.
II. Paläozoische Schichten-Systeme. VI. Permisches System.
Ablagerungen der Primär-Zeit. V. Steinkohlen-System.
Zirka 42000 Fuß. IV. Devonisches System.
III. Silurisches System.
Zirka 22000 Fuß.
I. Archozoische Schichten-Systeme.
II. Kambrisches System.
Ablagerungen der Primordial-Zeit.
Zirka 18000 Fuß.
Zirka 70000 Fuß.
I. Laurentisches System.
Zirka 30000 Fuß.
Man hat viele Versuche angestellt, die Zahl der Jahrtausende, welche diese
Zeiträume zusammensetzen, annähernd zu berechnen. Man verglich die Dicke
der Schlammschichten, welche erfahrungsgemäß während eines Jahrhunderts
sich absetzen, und welche nur wenige Linien oder Zolle betragen, mit der
gesamten Dicke der geschichteten Gesteinsmassen, deren ideales System wir
soeben überblickt haben. Diese Dicke mag im ganzen durchschnittlich ungefähr
130000 Fuß betragen, und hiervon kommen 70000 auf das primordiale oder
archozoische, 42000 auf das primäre oder paläozoische, 15000 auf das
sekundäre oder mesozoische und endlich nur 3000 auf das tertiäre oder
zänozoische Terrain. Die sehr geringe und nicht annähernd bestimmbare
durchschnittliche Dicke des quartären oder anthropozoischen Terrains kommt
dabei gar nicht in Betracht. Man kann sie höchstens durchschnittlich auf 500-700
Fuß anschlagen. Selbstverständlich haben aber alle diese Maßangaben nur einen
ganz durchschnittlichen und annähernden Wert und sollen nur dazu dienen, das
relative Maßverhältnis der Schichtensysteme und der ihnen entsprechenden
Zeitabschnitte ganz ungefähr zu überblicken. Auch werden die Maße sehr
verschieden abgeschätzt.
Wenn man nun die gesamte Zeit der organischen Erdgeschichte, d. h. den
ganzen Zeitraum seit Beginn des Lebens auf der Erde bis auf den heutigen Tag,
in hundert gleiche Teile teilt, und wenn man dann, dem angegebenen
durchschnittlichen Dickenverhältnis der Schichtensysteme entsprechend, die
relative Zeitdauer der fünf Hauptabschnitte oder Zeitalter nach Prozenten
berechnet, so ergibt sich folgendes Resultat. (Vergl. Seite 70.)
I. Archozoische oder Primordialzeit 53,6
II. Paläozoische oder Primärzeit 32,1
III. Mesozoische oder Sekundärzeit 11,5
IV. Zänozoische oder Tertiärzeit 2,3
V. Anthropozoische oder Quartärzeit 0,5
———
Summa: 100,0
Es beträgt demnach die Länge des archozoischen Zeitraums, währenddessen
fast noch keine landbewohnenden Tiere und Pflanzen existierten, mehr als die
Hälfte, mehr als 53 Prozent, dagegen die Länge des anthropozoischen Zeitraums,
währenddessen der Mensch existierte, kaum ein halbes Prozent von der ganzen
Länge der organischen Erdgeschichte. Es ist aber ganz unmöglich, die Länge
dieser Zeiträume auch nur annähernd nach Jahren zu berechnen.
Die Dicke der Schlammschichten, welche während eines Jahrhunderts sich in
der Gegenwart ablagern, und welche man als Basis für diese Berechnung
benutzen wollte, ist an den verschiedenen Stellen der Erde unter den ganz
verschiedenen Bedingungen, unter denen überall die Ablagerung stattfindet,
natürlich ganz verschieden. Sie ist sehr gering auf dem Boden des hohen Meeres,
in den Betten breiter Flüsse mit kurzem Laufe und in Landseen, welche sehr
dürftige Zuflüsse erhalten. Sie ist verhältnismäßig bedeutend an Meeresküsten
mit starker Brandung, am Ausfluß großer Ströme mit langem Lauf und in
Landseen mit starken Zuflüssen. An der Mündung des Mississippi, welcher sehr
bedeutende Schlammassen mit sich fortführt, würden in 100000 Jahren wohl
etwa 600 Fuß abgelagert werden. Auf dem Grunde des offenen Meeres, weit von
den Küsten entfernt, werden sich während dieses langen Zeitraums nur wenige
Fuß Schlamm absetzen. Selbst an den Küsten, wo verhältnismäßig viel Schlamm
abgelagert wird, mag die Dicke der dadurch während eines Jahrhunderts
gebildeten Schichten, wenn sie nachher sich zu festem Gesteine verdichtet
haben, doch nur wenige Zoll oder Linien betragen. Jedenfalls aber bleiben alle
auf diese Verhältnisse gegründeten Berechnungen ganz unsicher, und wir können
uns auch nicht einmal annähernd die ungeheure Länge der Zeiträume vorstellen,
welche zur Bildung jener neptunischen Schichtensysteme erforderlich waren.
Nur relative, nicht absolute Zeitmaße sind hier mit Vorsicht anwendbar.
Man würde übrigens auch vollkommen fehlgehen, wenn man die Mächtigkeit
jener Schichtensysteme allein als Maßstab für die inzwischen wirklich
verflossene Zeit der Erdgeschichte betrachten wollte. Denn Hebungen und
Senkungen der Erdrinde haben beständig miteinander gewechselt, und aller
Wahrscheinlichkeit nach entspricht oft der mineralogische und paläontologische
Unterschied, den man zwischen je zwei aufeinander folgenden
Schichtensystemen und zwischen je zwei Formationen derselben wahrnimmt,
einem beträchtlichen Zwischenraum von mehreren Jahrtausenden,
währenddessen die betreffende Stelle der Erdrinde über das Wasser gehoben war. Erst nach Ablauf dieser Zwischenzeit, als eine neue Senkung diese Stelle wieder
unter Wasser brachte, fand die Ablagerung einer neuen Bodenschicht statt. Da
aber inzwischen die anorganischen und organischen Verhältnisse an diesem Orte
eine beträchtliche Umbildung erfahren hatten, mußte die neugebildete
Schlammschicht aus verschiedenen Bodenbestandteilen zusammengesetzt sein
und ganz verschiedene Versteinerungen einschließen.
Die auffallenden Unterschiede, die zwischen den Versteinerungen zweier
übereinander liegenden Schichten so häufig stattfinden, sind einfach und leicht
nur durch die Annahme zu erklären, daß derselbe Punkt der Erdoberfläche
wiederholten Senkungen und Hebungen ausgesetzt wurde. Noch gegenwärtig
finden solche Hebungen und Senkungen, welche man teils der Faltung der
schrumpfenden Erdrinde, teils der Reaktion des feuerflüssigen Erdkerns gegen
die erstarrte Rinde zuschreibt, in weiter Ausdehnung statt. So steigt z. B. die
Küste von Schweden und ein Teil von der Westküste Südamerikas beständig
langsam empor, während die Küste von Holland und ein Teil von der Ostküste
Südamerikas allmählich untersinkt. Das Steigen wie das Sinken geschieht nur
sehr langsam und beträgt im Jahrhundert bald nur einige Linien, bald einige Zoll
oder höchstens einige Fuß. Wenn aber diese Bewegung Hunderte von
Jahrtausenden hindurch ununterbrochen andauert, kann sie die höchsten Gebirge
bilden.
Offenbar haben ähnliche Hebungen und Senkungen während des ganzen
Verlaufes der organischen Erdgeschichte ununterbrochen an verschiedenen
Stellen miteinander gewechselt. Das ergibt sich mit Sicherheit aus der
geographischen Verbreitung der Organismen. Nun ist es aber für die Beurteilung
unserer paläontologischen Schöpfungsurkunde außerordentlich wichtig, sich
klarzumachen, daß bleibende Schichten sich bloß während langsamer Senkung
des Bodens unter Wasser ablagern können, nicht aber während andauernder
Hebung. Wenn der Boden langsam mehr und mehr unter den Meeresspiegel
versinkt, so gelangen die abgelagerten Schlammschichten in immer tieferes und
ruhigeres Wasser, wo sie sich ungestört zu Gestein verdichten können. Wenn
sich dagegen umgekehrt der Boden langsam hebt, so kommen die soeben
abgelagerten Schlammschichten, welche Reste von Pflanzen und Tieren
umschließen, sogleich wieder in den Bereich des Wogenspiels und werden durch
die Kraft der Brandung alsbald nebst den eingeschlossenen organischen Resten
zerstört. Aus diesem einfachen, aber sehr gewichtigen Grunde können also nur
während einer andauernden Senkung des Bodens sich reichlichere Schichten
ablagern, in denen die organischen Reste erhalten bleiben. Wenn je zwei
verschiedene übereinander liegende Formationen oder Schichten mithin zwei
verschiedenen Senkungsperioden entsprechen, so müssen wir zwischen diesen letzteren einen langen Zeitraum der Hebung annehmen, von dem wir gar nichts
wissen, weil uns keine fossilen Reste von den damals lebenden Tieren und
Pflanzen aufbewahrt werden konnten. Offenbar verdienen aber diese spurlos
dahingegangenen Hebungszeiträume nicht geringere Berücksichtigung als die
damit abwechselnden Senkungszeiträume, von deren organischer Bevölkerung
uns die versteinerungsführenden Schichten eine ungefähre Vorstellung geben.
Wahrscheinlich waren die ersteren durchschnittlich von nicht geringerer Dauer
als die letzteren; für diese Annahme sprechen viele gewichtige Gründe.
Schon hieraus ergibt sich, wie unvollständig unsere Urkunde notwendig sein
muß, um so mehr, da sich theoretisch erweisen läßt, daß gerade während der
Hebungszeiträume das Tier- und Pflanzenleben an Mannigfaltigkeit zunehmen
mußte. Denn indem neue Strecken Landes über das Wasser gehoben werden,
bilden sich neue Inseln. Jede neue Insel ist aber ein neuer
Schöpfungsmittelpunkt, weil die zufällig dorthin verschlagenen Tiere und
Pflanzen aus dem neuen Boden im Kampf ums Dasein reiche Gelegenheit
finden, sich eigentümlich zu entwickeln und neue Arten zu bilden. Die Bildung
neuer Arten hat offenbar während dieser Zwischenzeiten, aus denen uns leider
keine Versteinerungen erhalten bleiben konnten, vorzugsweise stattgefunden;
umgekehrt gab die langsame Senkung des Bodens eher Gelegenheit zum
Aussterben zahlreicher Arten und zu einem Rückschritt in der Artenbildung.
Auch die Zwischenformen zwischen den alten und den neu sich bildenden
Spezies werden vorzugsweise während jener Hebungszeiträume gelebt haben
und konnten daher ebenfalls keine fossilen Reste hinterlassen.
Zu den sehr bedeutenden und empfindlichen Lücken der paläontologischen
Schöpfungsurkunde, welche durch die Hebungszeiträume bedingt werden,
kommen nun leider noch viele andere Umstände hinzu, welche den hohen Wert
derselben außerordentlich verringern. Dahin gehört vor allen der
metamorphische Zustand der ältesten Schichtengruppen, gerade derjenigen,
welche die Reste der ältesten Flora und Fauna, der Stammformen aller folgenden
Organismen enthalten, und dadurch von ganz besonderem Interesse sein würden.
Gerade diese Gesteine, und zwar der größere Teil der primordialen oder
archolithischen Schichten, fast das ganze laurentische und ein großer Teil des
kambrischen Systems, enthalten gar keine kenntlichen Reste mehr, und zwar aus
dem einfachen Grunde, weil diese Schichten durch den Einfluß des
feuerflüssigen Erdinnern nachträglich wieder verändert oder metamorphosiert
wurden. Durch die Hitze des glühenden Erdkerns sind diese tiefsten
neptunischen Rindenschichten in ihrer ursprünglichen Schichtenstruktur
gänzlich umgewandelt und in einen kristallinischen Zustand übergeführt worden.
Dabei ging aber die Form der darin eingeschlossen organischen Reste ganz verloren. Nur hier und da wurde sie durch einen glücklichen Zufall erhalten, wie
es bei manchen der ältesten bekannten Petrefakten aus den untersten
kambrischen Schichten der Fall ist. Jedoch können wir aus den Lagern von
kristallinischer Kohle (Graphit) und kristallinischem Kalk (Marmor), welche
sich in den metamorphischen Gesteinen eingelagert finden, mit Sicherheit auf
die frühere Anwesenheit von versteinerten Pflanzen- und Tierresten in denselben
schließen. Neuerdings sind fossile Radiolarien auch in präkambrischen
Schichten entdeckt.
Außerordentlich unvollständig wird unsere Schöpfungsurkunde durch den
Umstand, daß erst ein sehr kleiner Teil der Erdoberfläche genauer geologisch
untersucht ist, vorzugsweise Europa und Nordamerika; auch von Südamerika
und Ostindien sind einzelne Stellen der Erdrinde aufgeschlossen; der größte Teil
derselben ist uns aber unbekannt. Dasselbe gilt vom größten Teil Asiens, des
umfangreichsten aller Weltteile, auch von Afrika (ausgenommen das Kap der
Guten Hoffnung und die Mittelmeerküste) und von Australien wissen wir nur
sehr wenig. Im ganzen ist wohl kaum der hundertste Teil der gesamten
Erdoberfläche gründlich paläontologisch erforscht. Wir können daher wohl
hoffen, bei weiterer Ausbreitung der geologischen Untersuchungen, denen
namentlich die Anlage von Eisenbahnen und Bergwerken sehr zu Hilfe kommen
wird, noch einen großen Teil wichtiger Versteinerungen aufzufinden. Ein
Fingerzeig dafür ist uns durch die merkwürdigen Versteinerungen gegeben, die
man an den wenigen genauer untersuchten Punkten von Afrika und Asien, in den
Kapgegenden und am Himalaja, sowie neuerdings in Patagonien aufgefunden
hat. Eine Reihe von ganz neuen und sehr eigentümlichen Tierformen ist uns
dadurch bekannt geworden. Freilich müssen wir anderseits erwägen, daß der
ausgedehnte Boden der jetzigen Meere vorläufig für die paläontologischen
Forschungen fast unzugänglich ist; den größten Teil der hier seit uralten Zeiten
begrabenen Versteinerungen werden wir entweder niemals oder erst nach Verlauf
vieler Jahrtausende kennen lernen, wenn durch allmähliche Hebungen der
gegenwärtige Meeresboden mehr zutage getreten sein wird. Wenn Sie bedenken,
daß die ganze Erdoberfläche zu ungefähr drei Fünfteilen aus Wasser und nur zu
zwei Fünfteilen aus Festland besteht, so können Sie ermessen, daß auch in dieser
Beziehung die paläontologische Urkunde eine ungeheure Lücke enthalten muß.
Nun kommen aber noch eine Reihe von Schwierigkeiten für die Paläontologie
hinzu, welche in der Natur der Organismen selbst begründet sind. Vor allem ist
hier hervorzuheben, daß in der Regel nur harte und feste Körperteile der
Organismen auf den Boden des Meeres und der süßen Gewässer gelangen und
hier in Schlamm eingeschlossen und versteinert werden können. Es sind also
namentlich die Knochen und Zähne der Wirbeltiere, die Kalkschalen der Weichtiere, die Chitinskelette der Gliedertiere, die Kalkskelette der Sterntiere
und Korallen, ferner die holzigen, festen Teile der Pflanzen, die einer solchen
Versteinerung fähig sind. Die weichen und zarten Teile dagegen, welche bei den
allermeisten Organismen den bei weitem größten Teil des Körpers bilden,
gelangen nur sehr selten unter so günstigen Verhältnissen in den Schlamm, daß
sie versteinern, oder daß ihre äußere Form deutlich in dem erhärteten Schlamme
sich abdrückt. Nun bedenken Sie, daß ganze große Klassen von Organismen, wie
z. B. die Medusen, die Platoden, die nackten Mollusken, welche keine Schale
haben, ein großer Teil der Gliedertiere, die meisten Würmer und selbst die
niedersten Wirbeltiere gar keine festen und harten, versteinerungsfähigen
Körperteile besitzen. Ebenso sind gerade die wichtigsten Pflanzenteile, die
Blüten, meistens so weich und zart, daß sie sich nicht in kenntlicher Form
konservieren können. Von allen diesen wichtigen Lebensformen werden wir
naturgemäß auch gar keine versteinerten Reste zu finden erwarten können.
Ferner sind die Embryonen und Jugendzustände fast aller Organismen so weich
und zart, daß sie gar nicht versteinerungsfähig sind. Was wir also von
Versteinerungen in den neptunischen Schichtensystemen der Erdrinde vorfinden,
das sind im Verhältnis zum Ganzen nur wenige Formen, und meistens nur
einzelne Bruchstücke.
Sodann ist zu berücksichtigen, daß die Meerbewohner in einem viel höheren
Grade Aussicht haben, ihre toten Körper in den abgelagerten Schlammschichten
versteinert zu erhalten, als die Bewohner der süßen Gewässer und des
Festlandes. Die das Land bewohnenden Organismen können in der Regel nur
dann versteinert werden, wenn ihre Leichen zufällig ins Wasser fallen und auf
dem Boden in erhärtenden Schlammschichten begraben werden, was von
mancherlei Bedingungen abhängig ist. Daher kann es uns nicht wundernehmen,
daß die bei weitem größte Mehrzahl der Versteinerungen Organismen angehört,
die im Meere lebten, und daß von den Landbewohnern verhältnismäßig nur sehr
wenige im fossilen Zustande erhalten sind. Welche Zufälligkeiten hierbei ins
Spiel kommen, mag Ihnen allein der Umstand beweisen, daß man von vielen
fossilen Säugetieren, insbesondere von den meisten Säugetieren der
Sekundärzeit, weiter nichts kennt als den Unterkiefer. Dieser Knochen ist erstens
verhältnismäßig fest und löst sich zweitens sehr leicht von dem toten Körper, der
auf dem Wasser schwimmt, ab. Während die Leiche vom Wasser fortgetrieben
und zerstört wird, fällt der Unterkiefer auf den Grund des Wassers hinab und
wird hier vom Schlamm umschlossen. Daraus erklärt sich allein die
merkwürdige Tatsache, daß in einer Kalkschicht des Jurasystems bei Oxford in
England, in den Schiefern von Stonesfield, bis jetzt fast nur die Unterkiefer von
zahlreichen Beuteltieren gefunden worden sind; sie gehören zu den ältesten Säugetieren, welche wir kennen. Von dem ganzen übrigen Körper derselben war
auch nicht ein Knochen mehr vorhanden. Die „exakten“ Gegner der
Entwicklungstheorie würden nach der bei ihnen gebräuchlichen Logik hieraus
den Schluß ziehen müssen, daß der Unterkiefer der einzige Knochen im Leibe
jener merkwürdigen Tiere war.
Für die kritische Würdigung der vielen unbedeutenden Zufälle, die unsere
Kenntnis der Versteinerungen in der bedeutendsten Weise beeinflussen, sind
ferner auch die Fußspuren sehr lehrreich, welche sich in großer Menge in
verschiedenen ausgedehnten Sandsteinlagern, z. B. in dem roten Sandstein von
Connecticut in Nordamerika, finden. Diese Fußtritte rühren offenbar von
Wirbeltieren, wahrscheinlich von Reptilien her, von deren Körper selbst uns
nicht die geringste Spur erhalten geblieben ist. Die Abdrücke, welche ihre Füße
im Schlamm hinterlassen haben, verraten uns allein die vormalige Existenz von
diesen uns sonst ganz unbekannten Tieren.
Welche Zufälligkeiten außerdem noch die Grenzen unserer paläontologischen
Kenntnisse bestimmen, können Sie daraus ermessen, daß man von sehr vielen
wichtigen Versteinerungen nur ein einziges oder nur ein paar Exemplare kennt.
Im Jahre 1861 wurde im lithographischen Schiefer von Solnhofen das
unvollständige Skelett des ältesten bis jetzt bekannten Vogels entdeckt;
Archaeopteryx lithographica; 1877 wurde ebendaselbst ein zweites Exemplar
gefunden, welches das erste in glücklichster Weise ergänzt. Die Kenntnis dieses
einzigen Vogels aus dem Jurasystem besitzt für die Phylogenie der ganzen
Vogelklasse die allergrößte Wichtigkeit. Alle bisher bekannten Vögel stellten
eine sehr einförmig organisierte Gruppe dar, und zeigten keine auffallenden
Übergangsbildungen zu anderen Wirbeltierklassen, auch nicht zu den
nächstverwandten Reptilien. Jener fossile Vogel aus dem Jura dagegen besaß
keinen gewöhnlichen Vogelschwanz, sondern einen Eidechsenschwanz, und
bestätigte dadurch die aus anderen Gründen vermutete Abstammung der Vögel
von den Eidechsen. Durch dieses Petrefakt wurde also nicht nur unsere
Vorstellung von dem Alter der Vogelklasse, sondern auch von ihrer
Blutsverwandtschaft mit den Reptilien wesentlich erweitert. Ebenso sind unsere
Kenntnisse von anderen Tiergruppen oft durch die zufällige Entdeckung einer
einzigen Versteinerung wesentlich umgestaltet worden. Da wir aber wirklich von
vielen wichtigen Petrefakten nur sehr wenige Exemplare oder nur Bruchstücke
kennen, so muß auch aus diesem Grunde die paläontologische Urkunde höchst
unvollständig sein.
Eine weitere und sehr empfindliche Lücke derselben ist durch den Umstand
bedingt, daß die Zwischenformen, welche die verschiedenen Arten verbinden, in
der Regel nicht erhalten sind, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil dieselben (nach dem Prinzip der Divergenz des Charakters) im Kampfe ums
Dasein ungünstiger gestellt waren als die am meisten divergierenden Varietäten,
die sich aus einer und derselben Stammform entwickelten. Die Zwischenglieder
sind im ganzen immer rasch ausgestorben und haben sich nur selten vollständig
erhalten. Die am stärksten divergierenden Formen dagegen konnten sich längere
Zeit hindurch als selbständige Arten am Leben erhalten, sich in zahlreichen
Individuen ausbreiten und demnach auch leichter versteinert werden. Dadurch ist
jedoch nicht ausgeschlossen, daß nicht in vielen Fällen auch die verbindenden
Zwischenformen der Arten sich so vollständig versteinert erhielten, daß sie noch
gegenwärtig die systematischen Paläontologen in die größte Verlegenheit
versetzen und endlose Streitigkeiten über die ganz willkürlichen Grenzen der
Spezies hervorrufen.
Ein ausgezeichnetes Beispiel der Art liefert die berühmte vielgestaltige
Süßwasserschnecke aus dem Stubental bei Steinheim in Württemberg, welche
bald als Paludina, bald als Valvata, bald als Planorbis multiformis beschrieben
worden ist. Die schneeweißen Schalen dieser kleinen Schnecke setzen mehr als
die Hälfte von der ganzen Masse eines tertiären Kalkhügels zusammen und
offenbaren dabei an dieser einen Lokalität eine solche wunderbare
Formenmannigfaltigkeit, daß man die am meisten divergierenden Extreme als
wenigstens zwanzig ganz verschiedene Arten beschreiben und diese sogar in vier
ganz verschiedene Gattungen versetzen könnte. Aber alle diese extremen
Formen sind durch so massenhafte verbindende Zwischenformen verknüpft, und
diese liegen so gesetzmäßig über- und nebeneinander, daß Hilgendorf daraus auf
das klarste den Stammbaum der ganzen Formengruppe entwickeln konnte.
Ebenso finden sich bei sehr vielen anderen fossilen Arten (z. B. vielen
Ammoniten, Terebrateln, Seeigeln, Seelilien usw.) die verknüpfenden
Zwischenformen in solcher Masse, daß sie die „fossilen Spezieskrämer“ zur
Verzweiflung bringen.
Wenn Sie nun alle vorher angeführten Verhältnisse erwägen, so werden Sie
sich nicht darüber wundern, daß die paläontologische Schöpfungsurkunde ganz
außerordentlich lückenhaft und unvollständig ist. Aber dennoch haben die
wirklich gefundenen Versteinerungen den größten Wert. Ihre Bedeutung für die
natürliche Schöpfungsgeschichte ist nicht geringer als die Bedeutung, welche die
berühmte Inschrift von Rosette und das Dekret von Kanopus für die
Völkergeschichte, für die Archäologie und Philologie besitzen. Wie es durch
diese beiden uralten Inschriften möglich wurde, die Geschichte des alten
Ägyptens außerordentlich zu erweitern und die ganze Hieroglyphenschrift zu
entziffern, so genügen uns in vielen Fällen einzelne Knochen eines Tieres oder
unvollständige Abdrücke einer niederen Tier- oder Pflanzenform, um die wichtigsten Anhaltspunkte für die Geschichte einer ganzen Gruppe und die
Erkenntnis ihres Stammbaums zu gewinnen. Ein paar kleine Backzähne, die in
der Keuperformation der Trias gefunden wurden, waren lange Zeit hindurch der
einzige Beweis dafür, daß schon in der Triaszeit Säugetiere wirklich existiert
haben.
Von der Unvollkommenheit des geologischen Schöpfungsberichtes sagt
Darwin, in Übereinstimmung mit Lyell, dem berühmten Geologen: „Der
natürliche Schöpfungsbericht, wie ihn die Paläontologie liefert, ist eine
Geschichte der Erde, unvollständig erhalten und in wechselnden Dialekten
geschrieben, wovon aber nur der letzte, bloß auf einige Teile der Erdoberfläche
sich beziehende Band bis auf uns gekommen ist. Doch auch von diesem Bande
ist nur hier und da ein kurzes Kapitel erhalten, und von jeder Seite sind nur da
und dort einige Zeilen übrig. Jedes Wort der langsam wechselnden Sprache
dieser Beschreibung, mehr oder weniger verschieden in der ununterbrochenen
Reihenfolge der einzelnen Abschnitte, mag den anscheinend plötzlich
wechselnden Lebensformen entsprechen, welche in den unmittelbar aufeinander
liegenden Schichten unserer weit voneinander getrennten Formationen begraben
liegen.“
Wenn Sie diese außerordentliche Unvollständigkeit der paläontologischen
Urkunde sich beständig vor Augen halten, so wird es Ihnen nicht wunderbar
erscheinen, daß wir noch auf so viele unsichere Hypothesen angewiesen sind,
indem wir wirklich den Stammbaum der verschiedenen organischen Gruppen
entwerfen wollen. Jedoch besitzen wir glücklicherweise außer den
Versteinerungen auch noch andere historische Urkunden; und diese sind in
vielen Fällen von nicht geringerem und in den meisten sogar von viel höherem
Werte als die Petrefakten. Die bei weitem wichtigste von diesen anderen
Schöpfungsurkunden ist ohne Zweifel die Ontogenie oder Keimesgeschichte;
denn sie wiederholt uns kurz in großen, markigen Zügen das Bild der
Stammesgeschichte oder Phylogenie.
Allerdings ist die Skizze, welche uns die Ontogenie der Organismen von ihrer
Phylogenie gibt, in den meisten Fällen mehr oder weniger verwischt, und zwar
um so mehr, je mehr die Anpassung im Laufe der Zeit das Übergewicht über die
Vererbung erlangt hat, und je mächtiger das Gesetz der abgekürzten Vererbung
und das Gesetz der wechselbezüglichen Anpassung eingewirkt haben. Allein
dadurch wird der hohe Wert nicht vermindert, welchen die wirklich treu
erhaltenen Züge jener Skizze besitzen. Besonders für die Erkenntnis der
frühesten paläontologischen Entwicklungszustände ist die Ontogenie von ganz
unschätzbaren Werte, weil gerade von den ältesten Entwicklungsstufen der
Stämme und Klassen uns gar keine versteinerten Reste erhalten worden sind und auch schon wegen der weichen und zarten Körperbeschaffenheit derselben nicht
erhalten bleiben konnten. Keine Versteinerung könnte uns von der unschätzbar
wichtigen Tatsache berichten, welche die Ontogenie uns erzählt, daß die ältesten
gemeinsamen Vorfahren aller verschiedenen Tier- und Pflanzenarten ganz
einfache Zellen, gleich den Eiern waren. Keine Versteinerung könnte uns die
unendlich wertvolle, durch die Ontogenie festgestellte Tatsache beweisen, daß
durch einfache Vermehrung, Gemeindebildung und Arbeitsteilung jener Zellen
die unendlich mannigfaltigen Körperformen der vielzelligen Organismen
entstanden. Allein schon die Gastrulation ist eine der wichtigsten
Stammesurkunden. So hilft uns die Ontogenie über viele und große Lücken der
Paläontologie hinweg.

Hand von neun verschiedenen Säugetieren.
1. Mensch. 2. Gorilla. 3. Orang. 4. Hund. 5. Seehund. 6. Delphin. 7. Fledermaus. 8. Maulwurf. 9. Schnabeltier.
Zu den unschätzbaren Schöpfungsurkunden der Paläontologie und Ontogenie
gesellen sich nun drittens die nicht minder wichtigen Zeugnisse für die
Blutsverwandtschaft der Organismen, welche uns die vergleichende Anatomie liefert. Wenn äußerlich sehr verschiedene Organismen in ihrem inneren Bau
nahezu übereinstimmen, so können wir daraus mit voller Sicherheit schließen,
daß diese Übereinstimmung ihren Grund in der Vererbung, jene Ungleichheit
dagegen ihren Grund in der Anpassung hat. Betrachten Sie z. B. vergleichend die
Hände oder Vorderpfoten der neun verschiedenen Säugetiere, welche auf Seite
87 abgebildet sind, und bei denen das knöcherne Skelettgerüst im Innern der
Hand und der fünf Finger sichtbar ist. Überall finden sich bei der
verschiedensten äußeren Form dieselben Knochen in derselben Zahl, Lagerung
und Verbindung wieder. Daß die Hand des Menschen (Fig. 1) von derjenigen
seiner nächsten Verwandten, des Gorilla (Fig. 2) und des Orang (Fig. 3), sehr
wenig verschieden ist, wird vielleicht sehr natürlich erscheinen. Wenn aber auch
die Vorderpfote des Hundes (Fig. 4), sowie die Brustflosse (die Hand) des
Seehundes (Fig. 5) und des Delphins (Fig. 6) ganz denselben wesentlichen Bau
zeigt, so wird dies schon mehr überraschen. Und noch wunderbarer wird es
Ihnen vorkommen, daß auch der Flügel der Fledermaus (Fig. 7), die
Grabschaufel des Maulwurfs (Fig. 8) und der Vorderfuß des unvollkommensten
aller Säugetiere, des Schnabeltieres (Fig. 9) ganz aus denselben Knochen
zusammengesetzt ist. Nur die Größe und Form der Knochen ist vielfach
geändert. Die Zahl und die Art ihrer Anordnung und Verbindung ist dieselbe
geblieben. Es ist ganz undenkbar, daß irgendeine andere Ursache als die
gemeinschaftliche Vererbung von gemeinsamen Stammeltern diese wunderbare
Homologie oder Gleichheit im wesentlichen inneren Bau bei so verschiedener
äußerer Form verursacht habe. Und wenn Sie nun im System von den
Säugetieren weiter hinuntersteigen und finden, daß sogar bei den Vögeln die
Flügel, bei den Reptilien und Amphibien die Vorderfüße wesentlich in derselben
Weise aus denselben Knochen zusammengesetzt sind, wie die Arme des
Menschen und die Vorderbeine der übrigen Säugetiere, so können Sie schon
daraus auf die gemeinsame Abstammung aller dieser Wirbeltiere mit voller
Sicherheit schließen. Der Grad der inneren Formverwandtschaft enthüllt Ihnen
hier, wie überall, den Grad der wahren Stammverwandtschaft.
(Aus „Natürliche Schöpfungsgeschichte“.)
III.
Die Gasträatheorie.
Die ersten Vorgänge der individuellen Entwicklung, welche nach erfolgter
Befruchtung der Eizelle und Bildung der Stammzelle eintreten, sind im ganzen
Tierreiche wesentlich dieselben; sie beginnen überall mit der sogenannten
Eifurchung und Keimblätterbildung. Nur die niedersten und einfachsten Tiere,
die Urtiere oder Protozoen, machen davon eine Ausnahme; denn sie bleiben
zeitlebens einzellig. Zu diesen Urtieren gehören die Amöben, Gregarinen,
Rhizopoden, Infusorien usw. Da ihr ganzer Organismus nur durch eine einzige
Zelle repräsentiert wird, können sie niemals „Keimblätter“, d. h. bestimmt
geformte Zellenschichten bilden. Alle übrigen Tiere dagegen, alle Gewebetiere
oder Metazoen (wie wir sie im Gegensatz zu jenen Protozoen nennen) bilden
durch wiederholte Teilung der befruchteten Eizelle echte Keimblätter. Das gilt
ebensowohl von den niederen Nesseltieren und Wurmtieren, wie von den höher
entwickelten Weichtieren, Sterntieren, Gliedertieren und Wirbeltieren.
Bei allen diesen Metazoen oder vielzelligen Tieren sind die wichtigsten
Vorgänge der Keimung im wesentlichen gleich, obwohl sie, äußerlich betrachtet,
oft sehr verschieden erscheinen. Überall zerfällt die Stammzelle, welche aus der
befruchteten Eizelle hervorgegangen ist, zunächst durch wiederholte Teilung in
eine große Anzahl von einfachen Zellen. Diese Zellen sind alle direkte
Nachkommen der Stammzelle und werden aus später zu erörternden Gründen als
Furchungszellen oder „Furchungskugeln“ bezeichnet (Blastomera oder
Segmentella). Der wiederholte Teilungsprozeß der Stammzelle, durch welchen
die Furchungszellen entstehen, ist schon lange unter dem Namen der Eifurchung
oder schlechtweg „Furchung“ (Segmentatio) bekannt. Früher oder später treten
die Furchungszellen zur Bildung einer runden (ursprünglich kugeligen)
Keimblase (Blastula) zusammen; dann aber sondern sie sich in zwei wesentlich
verschiedene Gruppen und ordnen sich in zwei getrennte Zellenschichten: die
beiden primären Keimblätter. Diese umschließen eine Verdauungshöhle, den
Urdarm, mit einer Öffnung, dem Urmund. Die bedeutungsvolle Keimform,
welche diese ältesten Primitivorgane besitzt, nennen wir Gastrula, den Vorgang ihrer Entstehung Gastrulation. Dieser ontogenetische Vorgang besitzt die
höchste Bedeutung und ist der eigentliche Ausgangspunkt für die Gestaltung des
vielzelligen Tierkörpers.
Die fundamentalen Keimungsprozesse der Eifurchung und der
Keimblätterbildung sind erst in den letzten dreißig Jahren vollkommen klar
erkannt und in ihrer wahren Bedeutung richtig gewürdigt worden. Sie bieten in
den verschiedenen Tiergruppen mancherlei auffallende Verschiedenheiten dar,
und es war nicht leicht, die wesentliche Gleichheit oder Identität derselben im
ganzen Tierreiche nachzuweisen. Erst nachdem ich 1872 die Gasträatheorie
aufgestellt und später (1875) alle die einzelnen Formen der Eifurchung und
Gastrulabildung auf eine und dieselbe Grundform zurückgeführt hatte, konnte
jene wichtige Identität als wirklich bewiesen angesehen werden. Es ist damit ein
einheitliches Gesetz gewonnen, welches die ersten Vorgänge der Keimung bei
sämtlichen Tieren beherrscht.
Der Mensch verhält sich in bezug auf diese ersten und wichtigsten Vorgänge
jedenfalls durchaus gleich den übrigen höheren Säugetieren, und zunächst den
Affen. Da der menschliche Keim oder Embryo selbst noch in einem viel späteren
Stadium der Ausbildung, wo bereits Gehirnblasen, Augen, Gehörorgane,
Kiemenbogen usw. angelegt sind, nicht wesentlich von dem gleichgeformten
Keime der übrigen höheren Säugetiere verschieden ist, so dürfen wir mit voller
Sicherheit annehmen, daß auch die ersten Vorgänge der Keimung, der
Eifurchung und Keimblätterbildung dieselben sind. Wirklich beobachtet sind
diese Verhältnisse allerdings bisher noch nicht. Da aber sowohl die jüngsten
wirklich beobachteten menschlichen Embryonen (in Form von Keimblasen), als
auch die darauf folgenden weiter entwickelten Keimformen mit denjenigen des
Kaninchens, des Hundes und anderer höherer Säugetiere wesentlich
übereinstimmen, so wird kein vernünftiger Mensch daran zweifeln, daß auch die
Eifurchung und Keimblätterbildung hier geradeso wie dort verläuft.
Nun ist aber die besondere Form, welche die Eifurchung und
Keimblätterbildung bei den Säugetieren besitzt, keineswegs die ursprüngliche,
einfache und palingenetische Form der Keimung. Vielmehr ist dieselbe infolge
von zahlreichen embryonalen Anpassungen sehr stark abgeändert, gestört oder
cenogenetisch modifiziert. Wir können dieselbe daher unmöglich an und für sich
allein verstehen. Vielmehr müssen wir, um zu diesem Verständnis zu gelangen,
die verschiedenen Formen der Eifurchung und Keimblätterbildung im Tierreiche
vergleichend betrachten; und vor allem müssen wir die ursprüngliche,
palingenetische Form derselben aufsuchen, aus welcher die abgeänderte,
cenogenetische Form der Säugetierkeimung erst viel später allmählich
entstanden ist.
Diese ursprüngliche, palingenetische Form der Eifurchung und
Keimblätterbildung besteht im Stamme der Wirbeltiere, zu welchem der Mensch
gehört, heutzutage einzig und allein noch beim niedersten und ältesten Gliede
dieses Stammes, bei dem wunderbaren Lanzettierchen oder Amphioxus.
Dieselbe palingenetische Form der Keimung finden wir aber in ganz gleicher
Weise auch noch bei vielen niederen, wirbellosen Tieren vor, so z. B. bei der
merkwürdigen Seescheide (Ascidia), bei der Teichschnecke (Limnaeus), beim
Pfeilwurm (Sagitta), ferner bei sehr vielen Sterntieren und Nesseltieren, so z. B.
beim gewöhnlichen Seestern und Seeigel, bei vielen Medusen und Korallen und
bei den einfachsten Schwämmen (Olynthus). Wir wollen hier als Beispiel die
palingenetische Eifurchung und Keimblätterbildung einer achtzähligen
Einzelkoralle betrachten, welche ich 1873 im Roten Meere entdeckt und in
meinen „Arabischen Korallen“ als Monoxenia Darwinii beschrieben habe.

Fig. 1. Gastrulation einer Koralle (Monoxenia Darwinii).
Die befruchtete Eizelle dieser Koralle (siehe die Abbildungen S. 93) zerfällt
zunächst durch Teilung in zwei gleiche Zellen (C). Zuerst teilt sich der Kern der
Stammzelle und das anhängende Centrosoma in zwei gleiche Hälften, diese
stoßen sich ab, weichen auseinander und wirken als Anziehungsmittelpunkte auf
das umgebende Protoplasma; infolgedessen schnürt sich das letztere durch eine
Ringfurche ringsherum ein und geht ebenfalls in zwei gleiche Hälften
auseinander. Jede der beiden so entstandenen „Furchungszellen“ zerfällt auf dieselbe Weise wiederum in zwei gleiche Zellen, und zwar liegt die
Trennungsebene dieser beiden letzteren senkrecht auf derjenigen der beiden
ersteren (Fig. D). Die vier gleichen Furchungszellen (die Enkelinnen der
Stammzelle) liegen in einer Ebene. Jetzt teilt sich jede derselben abermals in
zwei gleiche Hälften, und wiederum geht die Teilung des Zellkernes derjenigen
des umhüllenden Protoplasma voraus. Die so entstandenen acht Furchungszellen
zerfallen auf die gleiche Weise wieder in sechzehn. Aus diesen werden durch
abermalige Teilung 32 Furchungszellen. Indem jede von diesen sich halbiert,
entstehen 64, weiterhin 128 Zellen usw. Das Endresultat dieser wiederholten
gleichmäßigen Zweiteilung ist die Bildung eines kugeligen Haufens von
gleichartigen Furchungszellen, und diesen nennen wir Maulbeerkeim (Morula).
Die Zellen liegen so dicht gedrängt aneinander, wie die Körner einer Maulbeere
oder Brombeere, und daher erscheint die Oberfläche der Kugel im ganzen
höckerig.
Nachdem die Eifurchung dergestalt beendigt ist, verwandelt sich der dichte
Maulbeerkeim in eine hohle kugelige Blase. Wässerige Flüssigkeit oder Gallerte
sammelt sich in der Mitte der dichten Kugel an; die Furchungszellen weichen
auseinander und begeben sich alle an die Oberfläche derselben. Hier platten sie
sich durch gegenseitigen Druck vielflächig ab, nehmen die Gestalt von
abgestutzten Pyramiden an und ordnen sich in eine einzige Schicht regelmäßig
nebeneinander (Fig. F, G). Diese Zellenschicht heißt die Keimhaut
(Blastoderma); die gleichartigen Zellen, welche dieselbe in einfacher Lage
zusammensetzen, nennen wir Keimhautzellen, und die ganze hohle Kugel, deren
Wand die letzteren bilden, heißt Keimhautblase, auch kurz „Keimblase“ oder
„Blasenkeim“ (Blastula). Der innere Hohlraum der Kugel, der mit klarer
Flüssigkeit oder Gallerte gefüllt ist, heißt „Furchungshöhle“ oder Keimhöhle.
Bei unserer Koralle, wie bei vielen anderen niederen Tieren, beginnt schon
jetzt der junge Tierkeim sich selbständig zu bewegen und im Wasser
umherzuschwimmen. Es wächst nämlich aus jeder Keimhautzelle ein dünner und
langer, fadenförmiger Fortsatz hervor, eine Peitsche oder Geißel; und diese führt
selbständig langsame, später raschere Schwingungen aus (Fig. F). Jede
Keimhautzelle wird so zu einer schwingenden „Geißelzelle“. Durch die
vereinigte Kraft aller dieser schwingenden Geißeln wird die ganze kugelige
Keimhautblase drehend oder rotierend im Wasser umhergetrieben. Bei vielen
anderen Tieren, insbesondere bei solchen, wo sich der Keim innerhalb
geschlossener Eihüllen entwickelt, bilden sich die schwingenden Geißelfäden an
den Keimhautzellen erst später oder kommen überhaupt nicht zur Ausbildung.
Die Keimhautblase kann wachsen und sich ausdehnen, indem sich die
Keimhautzellen durch fortgesetzte Teilung (in der Kugelfläche!) vermehren und im inneren Hohlraum noch mehr Flüssigkeit ausgeschieden wird. Es gibt noch
heute einige Organismen, welche auf der Bildungsstufe der Blastula zeitlebens
stehenbleiben, Hohlkugeln, welche durch Flimmerbewegung im Wasser
umherschwimmen und deren Wand aus einer einzigen Zellenschicht besteht: die
Kugeltierchen (Volvox), die Flimmerkugeln (Magosphaera, Synura) und
andere.
Jetzt tritt ein sehr wichtiger und merkwürdiger Vorgang ein, nämlich die
Einstülpung der Keimblase (Fig. H). Aus der Kugel mit einschichtiger
Zellenwand wird ein Becher mit zweischichtiger Zellenwand (Fig. G, H, I). An
einer bestimmten Stelle der Kugeloberfläche bildet sich eine Abplattung, die
sich zu einer Grube vertieft. Diese Grube wird tiefer und tiefer; sie wächst auf
Kosten der inneren Keimhöhle oder Furchungshöhle. Die letztere nimmt immer
mehr ab, je mehr sich die erstere ausdehnt. Endlich verschwindet die innere
Keimhöhle ganz, indem sich der innere, eingestülpte Teil der Keimhaut (oder die
Wand der Grube) an den äußeren, nicht eingestülpten Teil derselben innig anlegt.
Zugleich nehmen die Zellen der beiden Teile verschiedene Gestalt und Größe an;
die inneren Zellen werden mehr rundlich, die äußeren mehr länglich (Fig. I). So
bekommt der Keim die Gestalt eines becherförmigen oder krugförmigen
Körpers, dessen Wand aus zwei verschiedenen Zellenschichten besteht, und
dessen innere Höhlung sich am einen Ende (an der ursprünglichen
Einstülpungsstelle) nach außen öffnet. Diese höchst wichtige und interessante
Keimform nennen wir Becherkeim oder Becherlarve (Gastrula, Fig. 1 I im
Längsschnitt, K von außen).
Die Gastrula halte ich für die wichtigste und bedeutungsvollste Keimform des
Tierreichs. Denn bei allen echten Tieren (nach Ausschluß der einzelligen
Protozoen) geht aus der Eifurchung entweder eine reine, ursprüngliche,
palingenetische Gastrula hervor, oder doch eine gleichbedeutende
cenogenetische Keimform, die sekundär aus der ersteren entstanden ist und sich
unmittelbar darauf zurückführen läßt. Sicher ist es eine Tatsache von höchstem
Interesse und von der größten Bedeutung, daß Tiere der verschiedensten
Stämme: Wirbeltiere und Manteltiere, Weichtiere und Gliedertiere, Sterntiere
und Wurmtiere, Nesseltiere und Schwammtiere sich aus einer und derselben
Keimform entwickeln. Als redende Beispiele stelle ich hier einige reine
Gastrulaformen aus verschiedenen Tierstämmen nebeneinander:

Fig. 2 (B). Gastrula eines Wurmes (Pfeilwurm, Sagitta) nach Kowalevsky. — Fig. 3 (C). Gastrula eines Echinodermen (Seestern, Uraster), nicht völlig eingestülpt (Depula), nach Alexander Agassiz. — Fig. 4 (D). Gastrula eines Arthropoden (Urkrebs, Nauplius) (wie 3). — Fig. 5. (E). Gastrula eines Mollusken (Teichschnecke, Limnaeus), nach Karl Rabl. — Fig. 6 (A). Gastrula eines einfachsten Urdarmtieres, einer Gasträade (Gastrophysema), Haeckel. — Fig. 7 (F). Gastrula eines Wirbeltieres (Lanzettierchen, Amphioxus), nach Kowalevsky. (Frontal-Ansicht.) — Überall bedeutet: d Urdarmhöhle. o Urmund. s Furchungshöhle. i Entoderm (Darmblatt). e Ektoderm (Hautblatt).
Bei dieser außerordentlichen Bedeutung der Gastrula müssen wir die
Zusammensetzung ihrer ursprünglichen Körperform auf das genaueste
untersuchen. Gewöhnlich ist die typische reine Gastrula sehr klein, mit bloßem
Auge nicht sichtbar oder höchstens unter günstigen Umständen als ein feiner
Punkt erkennbar, meistens von 1/20-1/10, seltener von 1/5-1/2 mm Durchmesser
(bisweilen mehr). Ihre Gestalt gleicht meistens einem rundlichen Becher, bald ist
sie mehr eiförmig, bald mehr ellipsoid oder spindelförmig; bei einigen mehr
halbkugelig oder fast kugelig, bei anderen wiederum mehr in die Länge gestreckt
oder fast zylindrisch. Sehr charakteristisch ist die geometrische Grundform des
Körpers, welche durch eine einzige Achse mit zwei verschiedenen Polen
bestimmt wird. Diese Achse ist die Hauptachse oder Längsachse des späteren
Tierkörpers; der eine Pol ist der Mundpol; der entgegengesetzte der Gegenmundpol. Bei den Bilaterien oder den höheren Tieren mit zweiseitiger
Grundform nimmt die cenogenetisch abgeänderte Gastrula gewöhnlich schon
frühzeitig ebenfalls die bilaterale (dreiachsige) Grundform an. Durch die
einachsige Grundform unterscheidet sich die Gastrula sehr wesentlich von der
kugeligen Blastula und Morula, bei denen alle Körperachsen gleich sind. Der
Querschnitt der primären Gastrula ist kreisrund.
Die innere Höhle des Gastrulakörpers bezeichne ich als Urdarm (Progaster)
und seine Öffnung als Urmund (Prostoma). Denn jene Höhle ist die
ursprüngliche Ernährungshöhle oder Darmhöhle des Körpers, und diese Öffnung
hat anfänglich zur Nahrungsaufnahme in denselben gedient. Später allerdings
verhalten sich Urdarm und Urmund in den verschiedenen Tierstämmen sehr
verschieden. Bei den meisten Nesseltieren und vielen Wurmtieren bleiben sie
zeitlebens bestehen. Bei den meisten höheren Tieren hingegen, und so auch bei
den Wirbeltieren, geht nur der größere mittlere Teil des späteren Darmrohrs aus
dem Urdarme hervor; die spätere Mundöffnung bildet sich neu, während der
Urmund zuwächst oder sich in den After umwandelt. Wir müssen also wohl
unterscheiden zwischen dem Urmund und Urdarm der Gastrula einerseits und
zwischen dem Nachdarm und Nachmund des ausgebildeten Wirbeltieres
anderseits.
Von der größten Bedeutung sind die beiden Zellenschichten, welche die
Urdarmhöhle umschließen und deren Wand allein zusammensetzen. Denn diese
beiden Zellenschichten, die einzig und allein den ganzen Körper bilden, sind
nichts anderes als die beiden primären Keimblätter oder die Urkeimblätter
(Blastophylla). Die äußere Zellenschicht ist das Hautblatt oder Ektoderma
(Fig. 2-7 e); die innere Zellenschicht ist das Darmblatt oder Entoderma (i).
Ersteres wird auch oft als Ektoblast oder Epiblast, letzteres als Endoblast oder
Hypoblast bezeichnet. Aus diesen beiden primären Keimblättern allein baut sich
der ganze Körper bei allen Metazoen oder vielzelligen Tieren auf. Das Hautblatt
liefert die äußere Oberhaut, das Darmblatt hingegen die innere Darmhaut.
Zwischen beiden Keimblättern bildet sich später das mittlere Keimblatt
(Mesoderma) und die mit Blut oder Lymphe erfüllte Leibeshöhle (Coeloma).
Die beiden primären Keimblätter wurden zuerst im Jahre 1817 von Pander
beim bebrüteten Hühnchen klar unterschieden, das äußere als seröses, das innere
als muköses Blatt oder Schleimblatt. Aber ihre volle Bedeutung wurde erst von
Baer erkannt, welcher in seiner klassischen Entwicklungsgeschichte (1828) das
äußere als animales, das innere als vegetatives bezeichnete. Diese Bezeichnung
ist insofern passend, als aus dem äußeren Blatte vorzugsweise (wenn auch nicht
ausschließlich) die animalen Organe der Empfindung: Haut, Nerven und
Sinnesorgane entstehen; hingegen aus dem inneren Blatte vorzugsweise die vegetativen Organe der Ernährung und Fortpflanzung, namentlich der Darm und
das Blutgefäßsystem. Zwanzig Jahre später (1849) wies dann Huxley darauf hin,
daß bei vielen niederen Pflanzentieren, namentlich Medusen, der ganze Körper
eigentlich zeitlebens nur aus diesen beiden primären Keimblättern besteht. Bald
darauf führte Allman (1853) für dieselben die Benennung ein, die bald allgemein
angenommen wurde; er nannte das äußere Ektoderm (Außenblatt), das innere
Entoderm (Innenblatt). Aber erst seit dem Jahre 1867 wurde (vorzugsweise von
Kowalevsky) durch vergleichende Beobachtung der Nachweis geführt, daß auch
bei wirbellosen Tieren der verschiedensten Klassen, bei Wurmtieren,
Weichtieren, Sterntieren und Gliedertieren, der Körper sich aus denselben beiden
primären Keimblättern aufbaut. Endlich habe ich selbst auch bei den niedersten
Gewebetieren, bei den Schwämmen oder Spongien, dieselben (1872)
nachgewiesen und zugleich in meiner Gasträatheorie den Beweis zu führen
gesucht, daß diese „Grenzblätter“ überall, von den Schwämmen und Korallen bis
zu den Insekten und Wirbeltieren hinauf (also auch beim Menschen) als
gleichbedeutend oder homolog aufzufassen sind. Diese fundamentale
„Homologie der primären Keimblätter und des Urdarms“ ist im Laufe der letzten
dreißig Jahre durch die sorgfältigen Untersuchungen zahlreicher vortrefflicher
Beobachter bestätigt und jetzt für sämtliche Metazoen fast allgemein anerkannt
worden.

Fig. 8. Gastrula eines niederen Schwammes (Olynthus). A von außen, B im Längsschnitte durch die Achse. g Urdarm (primitive Darmhöhle). o Urmund (primitive Mundöffnung). i innere Zellenschicht der Körperwand (inneres Keimblatt, Entoderm, Endoblast oder Darmblatt). c äußere Zellenschicht (äußeres Keimblatt, Ektoderm, Ektoblast oder Hautblatt).
Gewöhnlich bieten auch schon am Gastrulakeim die Zellen, welche die beiden
primären Keimblätter zusammensetzen, erkennbare Verschiedenheiten dar.
Meistens (wenn auch nicht immer) sind die Zellen des Hautblattes oder
Ektoderms (Fig. 8c, 9e) kleiner, zahlreicher, heller, hingegen die Zellen des
Darmblattes oder Entoderms (i) größer, weniger zahlreich und dunkler. Das
Protoplasma der Ektodermzellen ist klarer und fester als die trübere und
weichere Zellsubstanz der Entodermzellen, letztere sind meist viel reicher an
Dotterkörnern (Eiweiß- und Fettkörnchen) als erstere. Auch besitzen die
Darmblattzellen gewöhnlich eine stärkere Verwandtschaft zu Farbstoffen und
färben sich in Karminlösung, Anilin usw. rascher und lebhafter als die
Hautblattzellen. Die Kerne der Entodermzellen sind meistens rundlich,
diejenigen der Ektodermzellen hingegen länglich.
Diese physikalischen, chemischen und morphologischen Unterschiede der
beiden Keimblätter, welche ihrem physiologischen Gegensatze entsprechen, sind
auch insofern von hohem Interesse, als sie uns den ersten und ältesten Vorgang
der Sonderung oder Differenzierung im Tierkörper vor Augen führen. Die
Keimhaut (Blastoderma), welche die Wand der kugeligen Keimhautblase oder
Blastula bildet, besteht bloß aus einer einzigen Schicht von gleichartigen Zellen.
Diese Keimhautzellen oder Blastodermzellen sind ursprünglich sehr regelmäßig
und gleichartig gebildet, von ganz gleicher Größe, Form und Beschaffenheit.
Meistens sind sie durch gegenseitigen Druck abgeplattet, sehr oft regelmäßig
sechseckig. Sie bilden das erste Gewebe des Metazoen-Organismus, ein
einfaches Zellenpflaster oder Epithelium. Die Gleichmäßigkeit dieser Zellen verschwindet früher oder später während der Einstülpung der Keimhautblase.
Die Zellen, welche den eingestülpten, inneren Teil derselben (das spätere
Entoderm) zusammensetzen, nehmen gewöhnlich schon während des
Einstülpungs-Vorganges selbst eine andere Beschaffenheit an als die Zellen,
welche den äußeren, nicht eingestülpten Teil (das spätere Ektoderm)
konstituieren. Wenn der Einstülpungs-Prozeß vollendet ist, treten die
histologischen Verschiedenheiten in den Zellen der beiden primären Keimblätter
meist sehr auffallend hervor.
Wir haben bisher nur diejenige Form der Eifurchung und der Gastrula ins
Auge gefaßt, welche wir aus vielen und gewichtigen Gründen als die
ursprüngliche, die primordiale oder palingenetische aufzufassen berechtigt sind.
Wir können sie die äquale oder gleichmäßige Furchung nennen, weil die
Furchungszellen zunächst gleich bleiben. Die daraus hervorgehende Gastrula
bezeichnen wir als Glocken-Gastrula oder Archigastrula. In ganz gleicher Form,
wie bei unserer Koralle treffen wir dieselbe auch bei den niedersten
Pflanzentieren an, bei Gastrophysema (Fig. 6) und bei den einfachsten
Schwämmen (Olynthus, Fig. 8); ferner bei vielen Medusen und Hydrapolypen,
bei niederen Würmern verschiedener Klassen (Brachiopoden, Sagitta, Fig. 2),
bei Manteltieren (Ascidia); sodann bei vielen Sterntieren (Fig. 3), niederen
Gliedertieren (Fig. 4) und Weichtieren (Fig. 5); endlich ein wenig modifiziert
auch beim niedersten Wirbeltiere (Amphioxus).

Fig. 9. Zellen aus den beiden primären Keimblättern d. Säugetieres (aus den beiden Schichten der Keimhaut). i größere dunklere Zellen der inneren Schicht, des vegetativen Keimblattes od. Entoderms. e kleinere hellere Zellen der äußeren Schicht, des animalen Keimblattes oder Ektoderms.
Die Gastrulation des Amphioxus ist deshalb von besonderem Interesse, weil
dieses niederste und älteste aller Wirbeltiere die größte Bedeutung für die
Phylogenie dieses Stammes, also auch für unsere Anthropogenie besitzt. Wie die
vergleichende Anatomie der Wirbeltiere die verwickelten Verhältnisse im
Körperbau der verschiedenen Klassen durch divergente Entwicklung aus jenem einfachsten „Urwirbeltier“ ableitet, so führt die vergleichende Ontogenie die
verschiedenen sekundären Gastrulationsformen der Wirbeltiere auf die einfache,
primäre Keimblätterbildung des Amphioxus zurück. Obwohl diese letztere, im
Gegensatze zu den cenogenetischen Modifikationen der ersteren, im ganzen als
palingenetisch zu betrachten ist, so unterscheidet sie sich doch schon in einigen
Punkten von der ganz ursprünglichen Gastrulation, wie sie z. B. bei Monoxenia
und bei Sagitta vorliegt. Aus der mustergültigen Darstellung von Hatschek
(1881) geht hervor, daß die beiderlei Zellenarten der Keimblätter beim
Amphioxus, wie bei vielen anderen Tieren, schon frühzeitig während des
Furchungsprozesses ungleiche Beschaffenheit annehmen. Nur die vier ersten
Furchungszellen, welche durch zwei vertikale, sich rechtwinklig schneidende
Teilungsebenen getrennt werden, sind vollkommen gleich. Die dritte horizontale
Furchungsebene liegt nicht im Äquator des Eies, sondern ein wenig oberhalb
desselben, so daß sie jene vier Blastomeren in ungleiche Hälften teilt: vier obere
kleinere und vier untere größere; jene bilden die animale, diese die vegetale
Hemisphäre. Hatschek sagt daher mit Recht, daß die Eifurchung des Amphioxus
keine streng äquale, sondern eine adäquale oder „fastgleiche“ sei und sich der
inäqualen nähere. Auch im weiteren Verlaufe des Furchungsprozesses bleibt der
Größenunterschied der beiderlei Zellgruppen bemerkbar; die kleineren, animalen
Zellen der oberen Halbkugel teilen sich rascher als die größeren vegetalen Zellen
der unteren Hemisphäre (Fig. 10 A, B). Daher besteht denn auch die Keimhaut,
welche am Ende des Furchungsprozesses die einschichtige Wand der kugeligen
Keimblase bildet, nicht aus lauter gleichartigen und gleich großen Zellen, wie
bei Sagitta und Monoxenia; sondern die Zellen der oberen Blastodermhälfte sind
zahlreicher und kleiner (Mutterzellen des Ektoderms), die Zellen der unteren
Hälfte weniger zahlreich, aber größer (Mutterzellen des Entoderms); mithin ist
auch die Furchungshöhle der Keimblase (Fig 10 C, h) nicht vollkommen
kugelig, sondern ein abgeplattetes Sphäroid, mit ungleichen Polen der vertikalen
Achse. Während am Vegetalpole der Achse die Blastula eingestülpt wird, nimmt
der Größenunterschied der Keimhautzellen beständig zu (Fig. 10 D, E); er ist am
auffallendsten, nachdem die Invagination vollendet und die Furchungshöhle
verschwunden ist (Fig. 10 F). Die größeren vegetalen Zellen des Entoderms sind
reicher an eingelagerten Körnern und daher trüber als die kleineren und helleren
animalen Zellen des Ektoderms.

Fig. 10. Gastrulation des Amphioxus, nach Hatschek (vertikale Durchschnitte durch die Eiachse). A, B, C drei Stadien der Blastulabildung; D, E Einstülpung der Blastula; F fertige Gastrula. h Furchungshöhle. g Urdarmhöhle.

Fig. 11. Gastrula des Amphioxus in der Seitenansicht von links (optischer Medianschnitt). Nach Hatschek. g Urdarm, u Urmund, p peristomale Polzellen, i Entoderm, e Ektoderm, d Rückenseite, v Bauchseite.
Aber nicht nur durch diese frühzeitige (oder cenogenetisch vorzeitige!)
Sonderung der beiderlei Keimblattzellen, sondern auch noch durch eine andere
wichtige Eigentümlichkeit entfernt sich die adäquale Gastrulation des
Amphioxus von der typischen äqualen Eifurchung der Sagitta, der Monoxenia
und des Olynthus. Die reine Archigastrula dieser letzteren ist einachsig, ihr
Querschnitt in der ganzen Länge kreisrund. Der Vegetalpol der vertikalen Achse
liegt genau in der Mitte des Urmundes. Bei der Gastrula des Amphioxus ist das
nicht der Fall. Schon während der Einstülpung seiner Keimblase wird die ideale
Achse nach einer Seite gekrümmt, indem das Wachstum des Blastoderms (oder die Vermehrung seiner Zellen) an einer Seite lebhafter ist als an der
entgegengesetzten; die rascher wachsende und daher stärker gekrümmte Seite
(Fig. 11 v) ist die künftige Bauchseite, die entgegengesetzte flachere ist die
Rückenseite (d). Der Urmund, welcher ursprünglich, bei der typischen
Archigastrula, am Vegetalpole der Hauptachse lag, ist aus diesem auf die
Rückenseite verschoben; und während seine beiden Lippen ursprünglich in einer
auf der Hauptachse senkrechten Ebene lagen, sind sie jetzt so verschoben, daß
diese Ebene (die Urmundebene) die Achse unter einem schiefen Winkel
schneidet. Die dorsale Lippe liegt daher mehr oben und vorn, die ventrale Lippe
mehr unten und hinten. In dieser letzteren, am ventralen Übergang des
Entoderms in das Ektoderm, liegen nebeneinander ein paar auffallend große
Zellen, eine rechte und eine linke (Fig. 11p); das sind die bedeutungsvollen
Urmundpolzellen, oder die „Urzellen des Mesoderms“.
Durch diese wichtigen, schon im Laufe der Gastrulation auftretenden
Sonderungen ist die ursprüngliche einachsige Grundform der Archigastrula bei
Amphioxus bereits in die dreiachsige übergegangen und somit schon die
zweiseitige oder „bilateralsymmetrische“ Grundform des Wirbeltieres bestimmt.
Die senkrechte Mittelebene oder Sagittalebene geht zwischen den beiden
Urmundpolzellen der Länge nach durch den Körper hindurch und teilt ihn in
zwei gleiche Hälften, rechte und linke. Der Urmund liegt am späteren
Hinterende, etwas oberhalb des Aboralpols der Längsachse. Senkrecht auf dieser
Hauptachse steht in der Medianebene die Pfeilachse (Sagittalachse) oder
„Dorsoventralachse“, welche die Mittellinien der flachen Rückenseite und der
gewölbten Bauchseite verbindet. Die horizontale Querachse oder Lateralachse,
senkrecht auf den beiden (ungleichpoligen) Achsen, ist gleichpolig und geht
quer herüber von rechts nach links. Somit zeigt bereits die Gastrula des
Amphioxus die charakteristische bilaterale oder zweiseitige Grundform des
Wirbeltierkörpers, und diese hat sich von ihr aus auf alle anderen modifizierten
Gastrulaformen dieses Stammes übertragen.
Abgesehen von dieser zweiseitigen Grundform gleicht die Gastrula des
Amphioxus darin der typischen Archigastrula der niederen Tiere (Fig. 2-8), daß
beide primäre Keimblätter noch aus einer einzigen einfachen Zellenschicht
bestehen. Offenbar ist das die älteste und ursprünglichste Form des
Metazoenkeims. Obgleich die vorhergenannten Tiere den verschiedensten
Klassen angehören, so stimmen sie doch untereinander und mit vielen anderen
niederen Tieren darin überein, daß sie diese von ihren ältesten gemeinsamen
Vorfahren überkommene palingenetische Form der Gastrulabildung durch
konservative Vererbung bis auf den heutigen Tag beibehalten haben. Bei der
großen Mehrzahl der Tiere ist das aber nicht der Fall. Vielmehr ist bei diesen der ursprüngliche Vorgang der Keimung im Laufe vieler Millionen Jahre allmählich
mehr oder minder abgeändert, durch Anpassung an neue
Entwicklungsbedingungen gestört und modifiziert worden. Sowohl die
Eifurchung als auch die darauf folgende Gastrulation haben infolgedessen ein
mannigfach verschiedenes Aussehen gewonnen. Ja, die Verschiedenheiten sind
im Laufe der Zeit so bedeutend geworden, daß man bei den meisten Tieren die
Furchung nicht richtig gedeutet und die Gastrula überhaupt nicht erkannt hat.
Erst durch ausgedehnte vergleichende Untersuchungen, welche ich in den Jahren
1866-1875 bei Tieren der verschiedensten Klassen angestellt habe, ist es mir
gelungen, in jenen anscheinend so abweichenden Keimungsprozessen denselben
gemeinsamen Grundvorgang nachzuweisen und alle verschiedenden
Keimungsformen auf die eine, bereits beschriebene, ursprüngliche Form der
Keimung zurückzuführen. Im Gegensatze zu dieser primären palingenetischen
Keimungsform betrachte ich alle übrigen, davon abweichenden Formen als
sekundäre, abgeänderte oder cenogenetische. Die mehr oder minder
abweichende Gastrulaform, welche daraus hervorgeht, kann man allgemein als
sekundäre, modifizierte Gastrula oder Metagastrula bezeichnen.
Unter den zahlreichen und mannigfaltigen cenogenetischen Formen der
Eifurchung und Gastrulation unterscheide ich wieder drei verschiedene
Hauptformen: 1. die ungleichmäßige Furchung; 2. die scheibenförmige
Furchung und 3. die oberflächliche Furchung. Aus der ungleichmäßigen
Furchung entsteht die Haubengastrula; aus der scheibenförmigen Furchung geht
die Scheibengastrula hervor; aus der oberflächlichen Furchung entwickelt sich
die Blasengastrula. Bei den Wirbeltieren kommt die letztere Form gar nicht vor;
diese ist dagegen die gewöhnlichste bei den Gliedertieren (Krebsen, Spinnen,
Insekten usw.). Die Säugetiere und Amphibien besitzen die ungleichmäßige
Furchung und die Haubengastrula; ebenso die Schmelzfische (Ganoiden) und die
Rundmäuler (Pricken und Inger). Hingegen finden wir bei den meisten Fischen
und bei allen Reptilien und Vögeln die scheibenförmige Furchung und die
Scheibengastrula.
Der weitaus wichtigste Vorgang, welcher die verschiedenen cenogenetischen
Formen der Gastrulation bedingt, ist die veränderte Ernährung des Eies und die
Anhäufung von Nahrungsdotter in der Eizelle. Unter diesem Begriffe fassen wir
verschiedene chemische Substanzen zusammen (hauptsächlich Körner von
Eiweiß- und Fettkörpern), welche ausschließlich als Reservestoff oder
Nahrungsmaterial für den Keim dienen. Da der Keim der Metazoen in der ersten
Zeit seiner Entwicklung noch nicht imstande ist, selbständig sich Nahrung zu
verschaffen und daraus den Tierkörper aufzubauen, muß das nötige Material
dazu bereits in der Eizelle aufgespeichert sein. Wir unterscheiden daher in den Eiern allgemein als zwei Hauptbestandteile den aktiven Bildungsdotter
(Protoplasma) und den passiven Nahrungsdotter (Deutoplasma) auch
schlechtweg „Dotter“ genannt. Bei den kleinen palingenetischen Eiern sind die
Dotterkörnchen so klein und so gleichmäßig im Protoplasma der Eizelle verteilt,
daß die regelmäßige wiederholte Teilung derselben dadurch nicht beeinflußt
wird. Bei der großen Mehrzahl der Tiereier hingegen ist die Masse des
Dottervorrats mehr oder weniger ansehnlich, und derselbe ist in einem
bestimmten Teile der Eizelle angehäuft, so daß man schon am unbefruchteten Ei
diese „Proviantkammer“ von dem Bildungsdotter deutlich unterscheiden kann.
Gewöhnlich tritt dann eine polare Differenzierung der Eizelle in der Weise ein,
daß eine Hauptachse an derselben sichtbar wird und daß der Bildungsdotter (mit
dem Keimbläschen) an einem Pole, der Nahrungsdotter hingegen am
entgegengesetzten Pole dieser Eiachse sich anhäuft; ersterer heißt dann der
animale Pol, letzterer der vegetale Pol der vertikalen Eiachse.
Bei solchen „telolecithalen Eiern“ erfolgt dann allgemein die Gastrulation in
der Weise, daß bei der wiederholten Teilung des befruchteten Eies die animale
(gewöhnlich obere) Hälfte sich rascher teilt als die vegetale (untere). Die
Kontraktionen des aktiven Protoplasma, welche die fortgesetzte Zellteilung
bewirken, finden in der unteren vegetalen Hälfte größeren Widerstand des
passiven Deutoplasma als in der oberen animalen Hälfte. Daher finden wir in der
letzteren zahlreichere, aber kleinere, in der ersteren weniger zahlreiche, aber
größere Zellen. Die animalen Zellen liefern das äußere, die vegetalen das innere
Keimblatt.
Obgleich diese „ungleichmäßige Furchung“ der Rundmäuler, Ganoiden und
Amphibien von der ursprünglichen „gleichmäßigen Furchung“ (z. B. der
Monoxenia) sich auf den ersten Blick unterscheidet, haben doch beide Arten der
Gastrulation das gemein, daß der Teilungsprozeß fortdauernd die ganze Eizelle
betrifft. Remak nannte sie daher totale Eifurchung und die betreffenden Eier
holoblastisch. Anders verhält es sich bei der zweiten Hauptgruppe der Eier,
welche er jenen als meroblastische gegenüberstellte; dazu gehören die bekannten
großen Eier der Vögel und Reptilien, sowie der meisten Fische. Die träge Masse
des passiven Nahrungsdotters wird hier so groß, daß die Protoplasma-
Kontraktionen des aktiven Bildungsdotters ihre Teilung nicht mehr zu
bewältigen vermögen. Es erfolgt daher nur eine partielle Eifurchung. Während
das Protoplasma im animalen Bezirk der Eizelle sich unter lebhafter Vermehrung
der Kerne fortdauernd teilt, bleibt das Deutoplasma im vegetalen Bezirk mehr
oder weniger ungeteilt, es wird einfach als Nahrungsmaterial von den sich
bildenden Zellen aufgezehrt. Je größer die Masse des angehäuften Proviants,
desto mehr erscheint der Furchungsprozeß lokal beschränkt. Jedoch kann derselbe noch lange Zeit (selbst nachdem schon die Gastrulation mehr oder
weniger vollendet ist) in der Weise fortdauern, daß die im Deutoplasma
verteilten vegetalen Zellkerne sich durch Teilung langsam vermehren; da jeder
derselben von einer geringen Menge Protoplasma umhüllt ist, kann er sich später
eine Portion des Nahrungsdotters aneignen und so eine wahre „Dotterzelle“
bilden. Wenn diese vegetale Zellbildung sich noch längere Zeit fortsetzt,
nachdem bereits die beiden primären Keimblätter gesondert sind, bezeichnet
man den Prozeß als Nachfurchung (Waldeyer).
Die meroblastischen Eier finden sich bloß bei größeren und höher
entwickelten Tieren, und nur bei solchen, deren Embryo längerer Zeit und
reichlicher Ernährung zu seiner Entwicklung innerhalb der Eihüllen bedarf. Je
nachdem der Nahrungsdotter zentral im Innern der Eizelle oder exzentrisch, an
einer Seite derselben, angehäuft ist, unterscheiden wir zwei Gruppen von
teilfurchenden Eiern, periblastische und diskoblastische. Bei den ersteren, den
periblastischen Eiern, ist der Nahrungsdotter zentral, im Innern der Eizelle
eingeschlossen; der Bildungsdotter umgibt ersteren blasenförmig, und daher
erfährt derselbe eine oberflächliche Furchung; eine solche findet sich im Stamme
der Gliedertiere, bei den Krebsen, Spinnen, Insekten usw. Bei den
diskoblastischen Eiern hingegen häuft sich der Nahrungsdotter einseitig, am
vegetalen oder unteren Pole der senkrechten Eiachse an, während am oberen
oder animalen Pole der Eikern und die Hauptmasse des Bildungsdotters liegt.
Die Eifurchung beginnt hier am oberen Pole und führt zur Bildung einer
dorsalen Keimscheibe. Das ist der Fall bei allen meroblastischen Wirbeltieren,
bei den meisten Fischen, den Reptilien und Vögeln, und den eierlegenden
Säugetieren (Schnabeltieren).
Die Gastrulation der diskoblastischen Eier bietet der mikroskopischen
Untersuchung und der einheitlichen Erkenntnis außerordentliche
Schwierigkeiten dar. Diese zu überwinden ist erst den vergleichend-
ontogenetischen Untersuchungen gelungen, welche zahlreiche ausgezeichnete
Beobachter während der letzten Dezennien angestellt haben; vor allen die
Gebrüder Hertwig, Rabl, Kupffer, Selenka, Rückert, Goette, Rauber u. a. Diese
eingehenden und sorgfältigen, mit Hilfe der vervollkommneten modernen
Technik (Färbungs- und Schnittmethoden) ausgeführten Untersuchungen haben
in erfreulichster Weise die Anschauungen bestätigt, welche ich zuerst 1875 in
meiner Abhandlung über die „Gastrula und die Eifurchung der Tiere“ ausgeführt
hatte. Da das klare Verständnis dieser phylogenetisch begründeten
Anschauungen nicht allein für die Entwicklungsgeschichte im allgemeinen,
sondern auch für die Anthropogenie im besonderen von fundamentaler
Bedeutung ist, gestatte ich mir, dieselben hier nochmals kurz mit Beziehung auf den Wirbeltierstamm zusammenzufassen.
1. Alle Wirbeltiere, mit Inbegriff des Menschen, sind phylogenetisch
verwandt, Glieder eines einzigen natürlichen Stammes. 2. Daher müssen auch
die ontogenetischen Grundzüge ihrer individuellen Entwicklung phylogenetisch
zusammenhängen. 3. Da die Gastrulation des Amphioxus die einfachsten
Verhältnisse in der ursprünglichen palingenetischen Form zeigt, muß diejenige
der übrigen Wirbeltiere sich von der ersteren ableiten lassen. 4. Die
cenogenetischen Abänderungen der letzteren werden um so bedeutender, je mehr
Nahrungsdotter sich im Ei ansammelt. 5. Obgleich die Masse des
Nahrungsdotters in den Eiern der diskoblastischen Wirbeltiere sehr groß werden
kann, geht doch in allen Fällen aus der Morula ebenso eine Keimblase oder
Blastula hervor, wie bei den holoblastischen Eiern. 6. Ebenso entsteht in allen
Fällen aus der Keimblase durch Einstülpung oder Invagination die Gastrula.
7. Die Höhle, welche durch diese Einstülpung im Keim entsteht, ist in allen
Fällen der Urdarm und seine Öffnung der Urmund. 8. Der Nahrungsdotter,
gleichviel ob groß oder klein, liegt stets in der Bauchwand des Urdarms, die
Zellen, welche nachträglich (durch „Nachfurchung“) in demselben entstehen
können, gehören ebenso dem inneren Keimblatt oder Endoblast an, wie die
Zellen, welche die Urdarmhöhle unmittelbar einschließen. 9. Der Urmund
welcher ursprünglich unten am Basalpol der vertikalen Achse liegt, wird durch
das Dotterwachstum nach hinten und dann nach oben, auf die Dorsalseite des
Keimes gedrängt; die vertikale Achse des Urdarms wird dadurch allmählich in
horizontale Lage gedrängt. 10. Der Urmund kommt bei allen Wirbeltieren früher
oder später zum Verschlusse und geht nicht in die bleibende Mundöffnung über;
vielmehr entspricht der Urmundrand der späteren Aftergegend. Von dieser
bedeutungsvollen Stelle geht weiterhin die Bildung des mittleren Keimblattes
aus, das von hier aus zwischen die beiden primären Keimblätter hineinwächst.
Die ausgedehnten vergleichenden Untersuchungen der vorher erwähnten
Forscher haben ferner ergeben, daß bei den diskoblastischen höheren
Wirbeltieren (Reptilien, Vögel, Säugetiere) der lange vergeblich gesuchte
„Urmund“ der Keimscheibe überall an deren Hinterende sich findet und nichts
anderes ist als die längst bekannte „Primitivrinne“. Das ist eine in der hinteren
Rückenfläche der scheibenförmigen Gastrula gelegene Rinne, die früher
irrtümlich mit dem Hinterteil des Medullarrohrs verwechselt wurde. Allerdings
steht sie mit diesem eine Zeitlang in direktem Zusammenhang; allein
ursprünglich ist sie nach Anlage und Bedeutung ganz davon verschieden. Die
beiden parallelen Längswülste, welche diese schmale, in der Mittellinie gelegene
„Primitivrinne“ einschließen, sind die beiden Urmundlippen, rechte und linke.
Der Urmund, der ursprünglich (bei den holoblastischen Wirbeltieren) eine kleine kreisrunde Öffnung ist, ändert also (infolge der wachsenden Anhäufung des
Nahrungsdotters und der dadurch bedingten Ausdehnung der Bauchwand des
Urdarms) nicht allein seine Lage und Richtung, sondern auch seine Gestalt und
Ausdehnung. Er verwandelt sich zunächst in eine sichelförmige Querspalte
(„Sichelrinne“), an der wir eine untere und eine obere Urmundlippe
unterscheiden. Die breite Querspalte wird aber bald schmäler und verwandelt
sich in eine Längsspalte (ähnlich einer „Hasenscharte“), indem rechte und linke
Hälfte der „Sichelrinne“ sich verkürzen, der Mittelteil sich nach vorn verlängert
und die beiden Hälften der dorsalen Oberlippe nach vorn auswachsen. Letztere
berühren sich später in der Medianlinie und bilden den wichtigen sogenannten
„Primitivstreif“.
Die Gastrulation läßt sich somit bei allen Wirbeltieren auf einen und
denselben Vorgang zurückführen. Ebenso lassen sich auch die verschiedenen
Formen derselben bei den wirbellosen Metazoen immer auf eine von jenen vier
Hauptformen der Eifurchung reduzieren. Mit Bezug auf die Unterscheidung der
totalen und partiellen Eifurchung stellt sich das Verhältnis der vier
Eifurchungsformen zueinander folgendermaßen:
I. Palingenetische (ursprüngliche) 1. Gleichmäßige Furchung
Furchung (Glockengastrula). A. Totale Furchung (ohne
2. Ungleichmäßige selbständigen
Furchung Nahrungsdotter). (Haubengastrula).
II. Cenogenetische (durch 3. Scheibenartige
Anpassung abgeänderte) Furchung Furchung. B. Partielle Furchung (mit (Scheibengastrula).
selbständigem
4. Oberflächliche Nahrungsdotter).
Furchung
(Blasengastrula).
Die niedersten Metazoen, welche wir kennen, nämlich die niederen
Pflanzentiere (Schwämme, einfachste Polypen usw.), bleiben zeitlebens auf einer
Bildungsstufe stehen, welche von der Gastrula nur sehr wenig verschieden ist;
ihr ganzer Körper ist nur aus zwei Zellenschichten oder Blättern
zusammengesetzt. Diese Tatsache ist von außerordentlicher Bedeutung. Denn
wir sehen, daß der Mensch, und überhaupt jedes Wirbeltier, rasch vorübergehend
ein zweiblätteriges Bildungsstadium durchläuft, welches bei jenen niedersten
Pflanzentieren zeitlebens erhalten bleibt. Wenn wir hier wieder unser
Biogenetisches Grundgesetz (Seite 35) anwenden, so gelangen wir sofort zu
folgendem hochwichtigen Schlusse: „Der Mensch und alle anderen Tiere,
welche in ihrer ersten individuellen Entwicklungsperiode eine zweiblätterige
Bildungsstufe oder eine Gastrulaform durchlaufen, müssen von einer uralten einfachen Stammform abstammen, deren ganzer Körper zeitlebens (wie bei den
niedersten Pflanzentieren noch heute) nur aus zwei verschiedenen
Zellenschichten oder Keimblättern bestanden hat.“ Wir wollen diese
bedeutungsvolle uralte Stammform Gasträa (d. h. Urdarmtier) nennen.
Nach dieser Gasträatheorie ist ein Organ bei allen vielzelligen Tieren
ursprünglich von derselben morphologischen und physiologischen Bedeutung:
der Urdarm, und ebenso müssen auch die beiden primären Keimblätter, welche
die Wand des Urdarms bilden, überall als gleichbedeutend oder „homolog“
angesehen werden. Diese wichtige „Homologie der beiden primären
Keimblätter“ wird einerseits dadurch bewiesen, daß überall die Gastrula
ursprünglich auf dieselbe Weise entsteht, nämlich durch Einstülpung der
Blastula; und anderseits dadurch, daß überall dieselben fundamentalen Organe
aus den beiden Keimblättern hervorgehen. Überall bildet das äußere Keimblatt,
das Hautblatt oder Ektoderm, die wichtigsten Organe des animalen Lebens:
Hautdecke, Nervensystem, Sinnesorgane usw. Hingegen entstehen aus dem
inneren Keimblatt, aus dem Darmblatt oder Entoderm, die wichtigsten Organe
des vegetativen Lebens: die Organe der Ernährung, Verdauung, Blutbildung usw.
Bei denjenigen niederen Pflanzentieren, deren ganzer Körper zeitlebens auf
der zweiblätterigen Bildungsstufe stehenbleibt, bei den Gasträaden, den
einfachsten Schwämmen (Olynthus) und Polypen (Hydra), bleiben auch diese
beiden Funktionsgruppen, animale und vegetative Leistungen, scharf auf die
beiden einfachen primären Keimblätter verteilt. Zeitlebens behält hier das äußere
Keimblatt die einfache Bedeutung einer umhüllenden Decke (einer Oberhaut)
und vollzieht zugleich die Bewegungen und Empfindungen des Körpers.
Hingegen das innere Keimblatt besitzt zeitlebens die einfache Bedeutung einer
ernährenden Darmzellenschicht und liefert außerdem häufig noch die
Fortpflanzungszellen.
Das bekannteste von diesen Gasträaden oder „gastrulaähnlichen Tieren“ ist
der gemeine Süßwasserpolyp (Hydra). Allerdings besitzt dieses einfachste aller
Nesseltiere noch einen Kranz von Tentakeln oder Fangfäden, welcher den Mund
umgibt. Auch ist das äußere Keimblatt bereits etwas histologisch differenziert.
Aber diese Zutaten sind erst sekundär entstanden, und das innere Keimblatt ist
eine ganz einfache Zellenschicht geblieben. In der Hauptsache hat auch die
Hydra den einfachen Körperbau unserer uralten Stammutter Gasträa bis auf den
heutigen Tag durch zähe Vererbung getreu konserviert.
Bei allen übrigen Tieren, und namentlich bei allen Wirbeltieren, erscheint die
Gastrula nur als ein rasch vorübergehender Keimzustand. Hier verwandelt sich
vielmehr bald das zweiblätterige Stadium der Keimanlage zunächst in ein
dreiblätteriges und dann in ein vierblätteriges Stadium. Mit dem Zustandekommen von vier übereinander liegenden Keimblättern haben wir
wieder einen festen und sicheren Standpunkt gewonnen, von welchem aus wir
die weiteren, viel schwierigeren und verwickelteren Vorgänge der Ausbildung
beurteilen und verfolgen können.
(Aus „Anthropogenie oder Entwicklungsgeschichte des Menschen“.)
IV.
Erfahrung und Erkenntnis.
„Die wichtigsten Wahrheiten in den Naturwissenschaften sind weder allein durch
Zergliederung der Begriffe der Philosophie, noch allein durch bloßes Erfahren
gefunden worden, sondern durch eine denkende Erfahrung, welche das
Wesentliche von dem Zufälligen in der Erfahrung unterscheidet und dadurch
Grundsätze findet, aus welchen viele Erfahrungen abgeleitet werden. Dies ist
mehr als bloßes Erfahren, und wenn man will, eine philosophische Erfahrung.“
(Johannes Müller, Handbuch der Physiologie des Menschen.)
„Vergleichen wir die morphologischen Wissenschaften mit den physikalischen
Theorien, so müssen wir uns gestehen, daß erstere in jeder Hinsicht unendlich
weit zurück sind. Die Ursache dieser Erscheinung liegt nun allerdings zum Teil
in dem Gegenstande, dessen verwickeltere Verhältnisse sich noch am meisten
der mathematischen Behandlung entziehen, aber großenteils ist auch die große
Nichtachtung methodologischer Verständigung daran schuld, indem man sich
einerseits durchaus nicht um scharfe Fassung der leitenden Prinzipien
bekümmert, anderseits selbst die allgemeinsten und bekanntesten Anforderungen
der Philosophie hintangesetzt hat, weil bei dem weiten Abstande ihrer
allgemeinen Aussprüche von den Einzelheiten, mit denen sich die empirischen
Naturwissenschaften beschäftigen, die Notwendigkeit ihrer Anwendung sich der
unmittelbaren Auffassung entzog. So sind gar viele Arbeiter in dieser Beziehung
durchaus nicht mit ihrer Aufgabe verständigt, und die Fortschritte in der
Wissenschaft hängen oft rein vom Zufall ab.“ (Schleiden, Grundzüge der
wissenschaftlichen Botanik.)
Wir erlauben uns, dieses methodologische Kapitel,[3] welches die Mittel und
Wege zur Lösung unserer morphologischen Aufgaben zeigen soll, mit zwei
vortrefflichen Aussprüchen von den beiden größten Morphologen einzuleiten,
welche im fünften Dezennium des neunzehnten Jahrhunderts die organische
Naturwissenschaft in Deutschland beherrschten. Wie Johannes Müller für die
Zoologie, so hat Schleiden damals für die Botanik mit der klarsten Bestimmtheit
den Weg gewiesen, welcher uns allein auf dem Gebiete der Biologie, und insbesondere auf dem der Morphologie, zu dem Ziele unserer Wissenschaft
hinzuführen vermag. Dieser einzig mögliche Weg kann natürlich kein anderer
sein als derjenige, welcher für alle Naturwissenschaften — oder, was dasselbe
ist, für alle wahren Wissenschaften — ausschließliche Gültigkeit hat. Es ist dies
der Weg der denkenden Erfahrung, der Weg der philosophischen Empirie. Wir
könnten ihn ebensogut als den Weg des erfahrungsmäßigen Denkens, den Weg
der empirischen Philosophie bezeichnen.
Absichtlich stellen wir die bedeutenden Aussprüche dieser beiden großen
„empirischen und exakten“ Naturforscher an die Spitze dieses methodologischen
Kapitels, weil wir dadurch hoffen, die Aufmerksamkeit der heutigen
Morphologen und der Biologen überhaupt intensiver auf einen Punkt zu lenken,
der nach unserer innigsten Überzeugung für den Fortschritt der gesamten
Biologie, und der Morphologie insbesondere, von der allergrößten Bedeutung
ist, der aber gerade im gegenwärtigen Zeitpunkte in demselben Maße von den
allermeisten Naturforschern völlig vernachlässigt wird, als er vor allen anderen
hervorgehoben zu werden verdiente. Es ist dies die gegenseitige Ergänzung von
Beobachtung und Gedanken, der innige Zusammenhang von Naturbeschreibung
und Naturphilosophie, die notwendige Wechselwirkung zwischen Empirie und
Theorie.
Einer der größten Morphologen, den unser deutsches Vaterland erzeugt hat,
Karl Ernst v. Bär, hat dem klassischen Werke, durch welches er die tierische
Ontogenie, eine sogenannte „rein empirische und deskriptive Wissenschaft“, neu
begründete, den Titel vorangesetzt: „Über Entwicklungsgeschichte der Tiere.
Beobachtung und Reflexion.“ Wenn seine Nachfolger diese drei Worte stets bei
ihren Arbeiten im Auge behalten hätten, würde es besser um unsere
Wissenschaft aussehen, als es jetzt leider aussieht. „Beobachtung und Reflexion“
sollte die Überschrift jeder wahrhaft naturwissenschaftlichen Arbeit lauten
können. Bei wie vielen aber ist dies möglich? Wenn wir ehrlich sein wollen,
können wir ihre Zahl kaum gering genug anschlagen und finden unter Hunderten
kaum eine. Und dennoch können nur durch die innigste Wechselwirkung von
Beobachtung und Reflexion wirkliche Fortschritte in jeder Naturwissenschaft,
und also auch in der Morphologie, gemacht werden. Hören wir weiter, was K. E.
v. Bär, der „empirische und exakte“ Naturforscher, in dieser Beziehung sagt:
„Zwei Wege sind es, aus denen die Naturwissenschaft gefördert werden kann:
Beobachtung und Reflexion. Die Forscher ergreifen meistens für den einen von
beiden Partei. Einige verlangen nach Tatsachen, andere nach Resultaten und
allgemeinen Gesetzen, jene nach Kenntnis, diese nach Erkenntnis, jene möchten
für besonnen, diese für tiefblickend gelten. Glücklicherweise ist der Geist des
Menschen selten so einseitig ausgebildet, daß es ihm möglich wird, nur den einen Weg der Forschung zu gehen, ohne auf den anderen Rücksicht zu nehmen.
Unwillkürlich wird der Verächter der Abstraktion sich von Gedanken bei seiner
Beobachtung beschleichen lassen; und nur in kurzen Perioden der Fieberhitze ist
sein Gegner vermögend, sich der Spekulation im Felde der Naturwissenschaft
mit völliger Hintansetzung der Erfahrung hinzugeben. Indessen bleibt immer, für
die Individuen sowohl als für ganze Perioden der Wissenschaft, die eine Tendenz
die vorherrschende, der man mit Bewußtsein des Zwecks sich hingibt, wenn
auch die andere nicht ganz fehlt.“
Mit diesen wenigen Worten ist das gegenseitige Wechselverhältnis von
Beobachtung und Reflexion, die notwendige Verbindung von empirischer
Tatsachenkenntnis und von philosophischer Gesetzeserkenntnis treffend
bezeichnet. Aber auch die Tatsache, daß in den einzelnen Naturforschern sowohl
als in den einzelnen Perioden der Naturwissenschaft selten beide Richtungen in
harmonischer Eintracht und gegenseitiger Durchdringung zusammenwirken,
vielmehr eine von beiden fast immer bedeutend über die andere überwiegt, ist
von Bär sehr richtig hervorgehoben worden, und gerade dieser Punkt ist es, auf
den wir hier zunächst die besondere Aufmerksamkeit lenken möchten. Denn
wenn wir einerseits überzeugt sind, daß wir nur durch die gemeinsame Tätigkeit
beider Richtungen dem Ziele unserer Wissenschaft uns nähern können, und
wenn wir anderseits zu der Einsicht gelangen, welche von beiden Richtungen im
gegenwärtigen Stadium unserer wissenschaftlichen Entwicklung die einseitig
überwiegende ist, so werden wir auch die Mittel zur Hebung dieser Einseitigkeit
angeben und die Methode bestimmen können, welche die Morphologie
gegenwärtig zunächst und vorzugsweise einzuschlagen hat.
Es bedarf nun keines allzu tiefen Scharfblicks und keines allzu weiten
Überblicks, um alsbald zu der Überzeugung zu gelangen, daß in dem ganzen
zweiten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts und darüber hinaus bis jetzt, und
zwar vorzüglich vom Jahre 1840-1860, die rein empirische und „exakte“
Richtung ganz überwiegend in der Biologie und vor allem in der Morphologie
geherrscht, und daß sie diese Alleinherrschaft in fortschreitendem Maße
dergestalt ausgedehnt hat, daß die spekulative oder philosopische Richtung im
fünften Dezennium vorigen Jahrhunderts fast vollständig von ihr verdrängt war.
Auf allen Gebieten der Biologie, sowohl in der Zoologie als in der Botanik, galt
während dieses Zeitraums allgemein die Naturbeobachtung und die
Naturbeschreibung als „die eigentliche Naturwissenschaft“, und die
„Naturphilosophie“ wurde als eine Verirrung betrachtet, als ein Phantasiespiel,
welches nicht nur nichts mit der Beobachtung und Beschreibung zu tun habe,
sondern auch gänzlich aus dem Gebiete der „eigentlichen Naturwissenschaft“ zu
verbannen sei. Freilich war diese einseitige Verkennung der Philosophie nur zu sehr gefördert und gerechtfertigt durch das verkehrte und willkürliche Verfahren
der sogenannten „Naturphilosophie“, welche im ersten Drittel des neunzehnten
Jahrhunderts die Naturwissenschaft zu unterwerfen suchte, und welche, statt von
empirischer Basis auszugehen, in der ungemessensten Weise ihrer wilden und
erfahrungslosen Phantasie die Zügel schießen ließ. Die namentlich von Oken,
Schelling usw. ausgehende Naturphantasterei mußte ganz natürlich als anderes
Extrem den krassesten Empirismus hervorrufen. Der natürliche Rückschlag
gegen diese letztere in demselben Grade einseitige Richtung trat erst im Jahre
1859 ein, als Charles Darwin seine großartige Entdeckung der „natürlichen
Züchtung“ veröffentlichte und damit den Anstoß zu einem allgemeinen
Umschwung der gesamten Biologie und namentlich der Morphologie gab. Die
gedankenvolle Naturbetrachtung, der im besten Sinne philosophische, d. h.
naturgemäß denkende Geist, welcher sein epochemachendes Werk durchzieht,
wird der vergessenen und verlassenen Naturphilosophie wieder zu dem ihr
gebührenden Platze verhelfen und den Beginn einer neuen Periode der
Wissenschaft bezeichnen. Freilich ist dieser gewaltige Umschwung bei weitem
noch nicht zu allgemeinem Durchbruch gelangt; die Mehrzahl der Biologen ist
noch zu sehr und zu allgemein in den Folgen der vorher überall herrschenden
einseitig empirischen Richtung befangen, als daß wir die Rückkehr zur
denkenden Naturbetrachtung als eine bewußte und allgemeine bezeichnen
könnten. Indes hat dieselbe doch bereits in einigen Kreisen begonnen, an vielen
Stellen feste Wurzel geschlagen, und wird voraussichtlich nicht allein in den
nächsten Jahren schon das verlorene Terrain wieder erobern, sondern in wenigen
Dezennien sich so allgemeine Geltung verschafft haben, daß man (wohl noch
vor Ablauf des neunzehnten Jahrhunderts) verwundert auf die Beschränktheit
und Verblendung zahlreicher Naturforscher zurückblicken wird, die heute noch
die Philosophie von dem Gebiete der Biologie ausschließen wollen. Wir
unsererseits sind unerschütterlich davon überzeugt, daß man in der wahrhaft
„erkennenden“ Wissenschaft die Empirie und die Philosophie gar nicht
voneinander trennen kann. Jene ist nur die erste und niederste, diese die letzte
und höchste Stufe der Erkenntnis. Alle wahre Naturwissenschaft ist Philosophie
und alle wahre Philosophie ist Naturwissenschaft. Alle wahre Wissenschaft aber
ist in diesem Sinne Naturphilosophie.
In der Tat könnte heute schon die allgemein übliche einseitige Ausschließung
der Philosophie aus der Naturwissenschaft jedem objektiv dies Verhältnis
betrachtenden Gebildeten als ein befremdendes Rätsel erscheinen, wenn nicht
der Entwicklungsgang der Biologie selbst ihm die Lösung dieses Rätsels sehr
nahe legte. Wenn wir die Geschichte unserer Wissenschaft in den allgemeinsten
Zügen überblicken, so bemerken wir alsbald, daß die beiden scheinbar entgegengesetzten, in der Tat aber innig verbundenen Forschungsrichtungen in
der Naturwissenschaft, die beobachtende oder empirische und die denkende oder
philosophische, zwar stets mehr oder minder eng verbunden nebeneinander
herlaufen, daß aber doch, wie es Bär sehr richtig ausdrückt, immer die eine der
beiden Richtungen über die andere bedeutend überwiegt, und zwar „sowohl für
die Individuen, als für ganze Perioden der Wissenschaft“. So finden wir ein
beständiges Oszillieren, einen Wechsel der beiden Richtungen, der uns zeigt, daß
niemals in gleichmäßigem Fortschritt, sondern stets in wechselnder
Wellenbewegung die Biologie ihrem Ziele sich nähert. Die Exzesse, welche jede
der beiden Forschungsrichtungen begeht, sobald sie das Übergewicht über die
andere gewonnen hat, die Ausschließlichkeit, durch welche jede in der Regel
sich als die allein richtige, als die „eigentliche“ Methode der Naturwissenschaft
betrachtet, führen nach längerer oder kürzerer Dauer wieder zu einem
Umschwung, welcher der überlegenen Gegnerin abermals zur Herrschaft
verhilft.
Wie dieser regelmäßige Regierungswechsel von empirischer und
philosophischer Naturforschung auf dem gesamten Gebiete der Biologie uns
überall entgegentritt, so sehen wir ganz besonders bei einem allgemeinen
Überblick des Entwicklungsganges, den die Morphologie vom Anfang des
achtzehnten Jahrhunderts an genommen, daß die beiden feindlichen Schwestern,
die doch im Grunde nicht ohne einander leben können, stets abwechselnd die
Herrschaft behauptet haben. Nachdem Linné die Morphologie der Organismen
zum ersten Male in feste wissenschaftliche Form gebracht und ihr das
systematische Gewand angezogen hatte, wurde zunächst der allgemeine Strom
der neubelebten Naturforschung auf die rein empirische Beobachtung und
Beschreibung der zahllosen neuen Formen hingelenkt, welche unterschieden,
benannt und in das Fachwerk des Systems eingeordnet werden mußten. Die
systematische Beschreibung und Benennung, als Mittel des geordneten
Überblicks der zahllosen Einzelformen, wurde aber bald Selbstzweck, und damit
verlor sich die Formbeobachtung der Tiere und Pflanzen in der gedankenlosesten
Empirie. Das massenhaft sich anhäufende Rohmaterial forderte mehr und mehr
zu einer denkenden Verwertung desselben auf, und so entstand die Schule der
Naturphilosophen, als deren bedeutendsten Forscher, wenn auch nicht (wegen
mangelnder Anerkennung) als deren eigentlichen Begründer wir Lamarck
bezeichnen müssen.[4] In Deutschland vorzüglich durch Oken und Goethe, in
Frankreich durch Lamarck und Etienne Geoffroy S. Hilaire vertreten, war diese
ältere Naturphilosophie eifrigst bemüht, aus dem Chaos der zahllosen
Einzelbeobachtungen, die sich immer mehr zu einem unübersehbaren Berge
häuften, allgemeine Gesetze abzuleiten und den Zusammenhang der Erscheinungen zu ermitteln. Wie weit sie schon damals auf diesem Wege
gelangte, zeigt die klassische Philosophie zoologique von Lamarck (1809) und
die bewunderungswürdige Metamorphose der Pflanzen von Goethe (1790).
Doch war die empirische Basis, auf welcher diese Heroen der Naturforschung
ihre genialen Gedankengebäude errichteten, noch zu schmal und unvollkommen,
die ganze damalige Kenntnis der Organismen noch zu sehr bloß auf die äußeren
Formverhältnisse beschränkt, als daß ihre denkende Naturbetrachtung die
festesten Anhaltspunkte hätte gewinnen und die darauf gegründeten allgemeinen
Gesetze schon damals eine weitere Geltung hätten erringen können.
Entwicklungsgeschichte und Paläontologie existierten noch nicht, und die
vergleichende Anatomie hatte kaum noch Wurzeln geschlagen. Wie weit aber
diese Genien trotzdem ihrer Zeit vorauseilten, bezeugt vor allem die (in der
ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast allgemein ignorierte) Tatsache, daß beide,
sowohl Lamarck als Goethe, die wichtigsten Sätze der Deszendenztheorie bereits
mit voller Klarheit und Bestimmtheit aussprachen. Erst ein volles halbes
Jahrhundert später sollte Darwin dafür die Beweise liefern.
Die eigentliche Blütezeit der älteren Naturphilosophie fällt in die ersten
Dezennien des neunzehnten Jahrhunderts. Aber schon im zweiten und noch
schneller im dritten näherte sie sich ihrem jähen Untergange, teils durch eigene
Verblendung und Ausartung, teils durch Mangel an Verständnis bei der Mehrzahl
der Zeitgenossen, teils durch das rasche und glänzende Emporblühen der
empirischen Richtung, welche in Cuvier einen neuen und gewaltigen Reformator
fand. Gegenüber der willkürlichen und verkehrten Phantasterei, in welche die
Naturphilosophie bald sowohl in Frankreich als in Deutschland damals ausartete,
war es dem exakten, strengen und auf der breitesten empirischen Basis
stehenden Cuvier ein leichtes, die verwilderten und undisziplinierten Gegner aus
dem Felde zu schlagen. Bekanntlich war es der 22. Februar 1830, an welchem
der Konflikt zwischen den beiden entgegengesetzten Richtungen in der Pariser
Akademie zum öffentlichen Austrage kam und damit definitiv geendigt zu sein
schien, daß Cuvier seinen Hauptgegner E. Geoffroy S. Hilaire mit Hilfe seiner
überwiegenden empirischen Beweismittel in den Augen der großen Mehrheit
vollständig besiegte. Dieser merkwürdige öffentliche Konflikt, durch welchen
die Niederlage der älteren Naturphilosophie besiegelt wurde, ist in mehrfacher
Beziehung von höchstem Interesse, vorzüglich auch deshalb, weil er von Goethe
in der meisterhaftesten Form in einem kritischen Aufsatze dargestellt wurde,
welchen derselbe wenige Tage vor seinem Tode (im März 1832) vollendete.
Dieser höchst lesenswerte Aufsatz, das letzte schriftliche Vermächtnis, welches
der deutsche Dichterfürst uns hinterlassen, enthält nicht allein eine vortreffliche
Charakteristik von Cuvier und Geoffroy S. Hilaire, sondern auch eine ausgezeichnete Darstellung der beiden entgegengesetzten von ihnen vertretenen
Richtungen, „des immerwährenden Konfliktes zwischen den Denkweisen, in die
sich die wissenschaftliche Welt schon lange trennt; zwei Denkweisen, welche
sich in dem menschlichen Geschlechte meistens getrennt und dergestalt verteilt
finden, daß sie, wie überall, so auch im Wissenschaftlichen, schwer zusammen
verbunden angetroffen werden, und wie sie getrennt sind, sich nicht wohl
vereinigen mögen. Haben wir die Geschichte der Wissenschaften und eine
eigene lange Erfahrung vor Augen, so möchte man befürchten, die menschliche
Natur werde sich von diesem Zwiespalt kaum jemals retten können.“
Die Niederlage der älteren Naturphilosophie, welche Cuvier als der
Heerführer der neu erstehenden „exakten Empirie“ herbeigeführt und in jenem
Konflikt offenbar gemacht hatte, war so vollständig, daß in den folgenden drei
Dezennien, von 1830-1860, unter der nun allgemein sich ausbreitenden
empirischen Schule von Philosophie gar keine Rede mehr war. Mit den
Träumereien und Phantasiespielen jener ausgearteten Naturphantasterei wurden
auch die wahren und großen Verdienste der alten Naturphilosophie vergessen,
aus der jene hervorgegangen war, und man gewöhnte sich sehr allgemein an die
Vorstellung, daß Naturwissenschaft und Philosophie in einem unversöhnlichen
Gegensatze zueinander ständen. Dieser Irrtum wurde dadurch insbesondere
begünstigt, daß die verbesserten Instrumente und Beobachtungsmethoden der
Neuzeit, und vor allem die sehr verbesserten Mikroskope, der empirischen
Naturbeobachtung ein unendlich weites Feld der Forschung eröffneten, aus
welchem es ein leichtes war, mit wenig Mühe und ohne große
Gedankenanstrengung Entdeckungen neuer Formverhältnisse in Hülle und Fülle
zu machen. Während die Beobachtungen der ersten empirischen Periode, welche
sich aus Linnés Schule entwickelte, vorzugsweise nur auf die äußeren
Formverhältnisse der Organismen gerichtet gewesen waren, wandte sich nun die
zweite empirische Periode, welche aus Cuviers Schule hervorging, vorwiegend
der Beobachtung des inneren Baues der Tiere und Pflanzen zu. Und in der Tat
gab es hier, nachdem Cuvier durch Begründung der vergleichenden Anatomie
und der Paläontologie ein weites neues Feld der Beobachtung geöffnet, nachdem
Bär durch Reformation der Entwicklungsgeschichte und Schwann durch
Begründung der Gewebelehre auf dem tierischen, Schleiden auf dem
pflanzlichen Gebiete neue und große Ziele gesteckt, nachdem Johannes Müller
die gesamte Biologie mit gewaltiger Hand in die neugeöffneten Bahnen der
exakten Beobachtung hineingewiesen hatte, überall so unendlich viel zu
beobachten und zu beschreiben, es wurde so leicht, mit nur wenig Geduld, Fleiß
und Beobachtungsgabe neue Tatsachen zu entdecken, daß wir uns nicht wundern
können, wenn darüber die leitenden Prinzipien der Naturforschung gänzlich vernachlässigt und die erklärende Gedankenarbeit von den meisten völlig
vergessen wurde. Da noch im gegenwärtigen Augenblick diese „rein
empirische“ Richtung die allgemein überwiegende ist, da die Bezeichnung der
Naturphilosophie noch in den weitesten naturwissenschaftlichen Kreisen nur als
Schimpfwort gilt und selbst von den hervorragendsten Biologen nur in diesem
Sinne gebraucht wird, so haben wir nicht nötig, die grenzenlose Einseitigkeit
dieser Richtung noch näher zu erläutern und werden nur noch insofern näher
darauf eingehen, als wir gezwungen sind, unseren Zeitgenossen ihr „exakt-
empirisches“, d. h. gedankenloses und beschränktes Spiegelbild vorzuhalten. Wir
wollen hier nur noch auf die seltsame Selbsttäuschung hinweisen, in welcher die
neuere Biologie befangen ist, wenn sie die nackte gedankenlose Beschreibung
innerer und feinerer, insbesondere mikroskopischer Formverhältnisse als
„wissenschaftliche Zoologie“ und „wissenschaftliche Botanik“ preist und mit
nicht geringem Stolze der früher ausschließlich herrschenden reinen
Beschreibung der äußeren und gröberen Formverhältnisse gegenüberstellt,
welche die sogenannten „Systematiker“ beschäftigt. Sobald bei diesen beiden
Richtungen, die sich so scharf gegenüberzustellen belieben, die Beschreibung an
sich das Ziel ist (gleichviel ob der inneren oder äußeren, der feineren oder
gröberen Formen), so ist die eine genau so viel wert als die andere. Beide
werden erst zur Wissenschaft, wenn sie die Form zu erklären und auf Gesetze
zurückzuführen streben.
Nach unserer eigenen innigsten Überzeugung ist der Rückschlag, der gegen
diese ganze einseitige und daher beschränkte Empirie notwendig früher oder
später erfolgen mußte, bereits tatsächlich erfolgt, wenn auch zunächst nur in
wenigen engen Kreisen. Die 1859 von Charles Darwin veröffentlichte
Entdeckung der natürlichen Zuchtwahl im Kampfe ums Dasein, eine der größten
Entdeckungen des menschlichen Forschungstriebes, hat mit einem Male ein so
gewaltiges und klärendes Licht in das dunkle Chaos der haufenweis
gesammelten biologischen Tatsachen geworfen, daß es auch den krassesten
Empirikern fernerhin, wenn sie überhaupt mit der Wissenschaft fortschreiten
wollen, nicht mehr möglich sein wird, sich der daraus emporwachsenden neuen
Naturphilosophie zu entziehen. Indem die von Darwin neu begründete
Deszendenztheorie die ganze gewaltige Fülle der seither empirisch angehäuften
Tatsachenmassen durch einen einzigen genialen Gedanken erleuchtet, die
schwierigsten Probleme der Biologie aus dem einen obersten Gesetze der
„wirkenden Ursachen“ vollständig erklärt, die unzusammenhängende Masse
aller biologischen Erscheinungen auf dieses eine einfache große Naturgesetz
zurückführt, hat sie bereits tatsächlich die bisher ausschließlich herrschende
Empirie völlig überflügelt und einer neuen und gesunden Philosophie die weiteste und fruchtbarste Bahn geöffnet. Es ist eine Hauptaufgabe der
„generellen Morphologie“ zu zeigen, wie die wichtigsten Erscheinungsreihen
der Morphologie sich mit Hilfe derselben vollständig erklären und auf große und
allgemeine Naturgesetze zurückführen lassen.
Wenn wir das Resultat dieses flüchtigen Überblickes über den inneren
Entwicklungsgang der Morphologie in wenigen Worten zusammenfassen, so
können wir füglich von Beginn des achtzehnten Jahrhunderts an bis jetzt vier
abwechselnd empirische und philosophische Perioden der Morphologie
unterscheiden, welche durch die Namen von Linné, Lamarck, Cuvier, Darwin
bezeichnet sind, nämlich: I. Periode: Linné, (geb. 1707). Erste empirische
Periode (achtzehntes Jahrhundert). Herrschaft der empirischen äußeren
Morphologie (Systematik). II. Periode: Lamarck (geb. 1744) und Goethe
(geb. 1749).[5] Erste philosophische Periode (erstes Drittel des neunzehnten
Jahrhunderts). Herrschaft der phantastisch-philosophischen Morphologie (ältere
Naturphilosophie). III. Periode: Cuvier (geb. 1769).[6] Zweite empirische
Periode (zweites Drittel des neunzehnten Jahrhunderts). Herrschaft der
empirischen inneren Morphologie (Anatomie). IV. Periode: Darwin (geb. 1809).
Zweite philosophische Periode. Begonnen 1859. Herrschaft der empirisch-
philosophischen Morphologie (neuere Naturphilosophie).
Indem wir die beiden Richtungen der organischen Morphologie, die
empirische und philosophische, so schroff einander gegenüberstellen, müssen
wir ausdrücklich bemerken, daß nur die große Masse der beschränkteren und
gröber organisierten Naturforscher es war, welche diesen Gegensatz in seiner
ganzen Schärfe ausbildete und entweder die eine oder die andere Methode als
die allein seligmachende pries und für die „eigentliche“ Naturwissenschaft hielt.
Die umfassenderen und seiner organisierten Naturforscher, und vor allen die
großen Koryphäen, deren Namen wir an die Spitze der von ihnen beherrschten
Perioden gestellt haben, waren stets mehr oder minder überzeugt, daß nur eine
innige Verbindung von Beobachtung und Theorie, von Empirie und Philosophie,
den Fortschritt der Naturwissenschaft wahrhaft fördern könnte. Man pflegt
gewöhnlich Cuvier als den strengsten und exklusivsten Empiriker, als den
abgesagtesten Feind jeder Naturphilosophie hinzustellen. Und sind nicht seine
besten Arbeiten, seine wertvollsten Entdeckungen, wie z. B. die Aufstellung der
vier tierischen Typen (Stämme), die Begründung des Gesetzes von der
Korrelation der Teile, von den „Causes finales“, Ausflüsse der reinsten
Naturphilosophie? Ist nicht die von ihm neu begründete „vergleichende
Anatomie“ ihrem ganzen Wesen nach eine rein philosophische Wissenschaft,
welche das empirische Material der Zootomie bloß als Basis braucht? Ist es nicht
lediglich der Gedanke, die Theorie, welche auf der rein empirischen Zootomie als notwendiger Grundlage das philosophische Lehrgebäude der vergleichenden
Anatomie errichten? Und wenn Cuvier aus einem einzigen Zahne oder Knochen
eines fossilen Tieres die ganze Natur und systematische Stellung desselben mit
Sicherheit erkannte, war dies Beobachtung oder war es Reflexion? Betrachten
wir anderseits den Stifter der älteren Naturphilosophie, Lamarck, so brauchen
wir, um den Vorwurf der Einseitigkeit zu widerlegen, bloß darauf hinzuweisen,
daß dieser eminente Mann seinen Ruf als großer Naturforscher größtenteils
einem vorwiegend deskriptiven Werke, der berühmten „Histoire naturelle des
animaux sans vertèbres“ verdankte. Seine „Philosophie zoologique“,
welche die Deszendenzlehre zum ersten Male als vollkommen abgerundete
Theorie aufstellte, eilte mit ihrem prophetischen Gedankenfluge seiner Zeit so
voraus, daß sie von seinen Zeitgenossen gar nicht verstanden und ein volles
halbes Jahrhundert hindurch (1809-1859) totgeschwiegen wurde. Johannes
Müller, den wir Deutschen mit gerechtem Stolz als den größten Biologen der
ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts unser eigen nennen, und der in den
Augen der meisten jetzt lebenden Biologen als der strengste Empiriker und
Gegner der Naturphilosophie gilt, verdankt die Fülle seiner zahlreichen und
großen Entdeckungen viel weniger seinem ausgezeichneten sinnlichen
Beobachtungstalent, als seinem kombinierenden Gedankenreichtum und der
natürlichen Philosophie seiner wahrhaft denkenden Beobachtungsmethode.
Charles Darwin, der größte aller jetzt lebenden Naturforscher, überragt uns alle
nicht allein durch Ideenreichtum und Gedankenfülle seines die ganze organische
Natur umfassenden Geistes, sondern ebensosehr durch die intensiv und extensiv
gleichbedeutende und fruchtbare Methode seiner empirischen
Naturbeobachtung.
Nach unserer festesten Überzeugung können nur diejenigen Naturforscher
wahrhaft fördernd und schaffend in den Gang der Wissenschaft eingreifen,
welche, bewußt oder unbewußt, ebenso scharfe Denker als sorgfältige
Beobachter sind. Niemals kann die bloße Entdeckung einer nackten Tatsache,
und wäre sie noch so merkwürdig, einen wahrhaften Fortschritt in der
Naturwissenschaft herbeiführen, sondern stets nur der Gedanke, die Theorie,
welche diese Tatsache erklärt, sie mit den verwandten Tatsachen vergleichend
verbindet und daraus ein Gesetz ableitet. Betrachten wir die größten
Naturforscher, welche zu allen Zeiten auf dem biologischen Gebiete tätig
gewesen sind, von Aristoteles an, Linné und Cuvier, Lamarck und Goethe, Bär
und Johannes Müller und wie die Reihe der glänzenden Sterne erster Größe, bis
auf Charles Darwin herab, weiter heißt — sie alle sind ebenso große Denker, als
Beobachter gewesen, und sie alle verdanken ihren unsterblichen Ruhm nicht der
Summe der einzelnen von ihnen entdeckten Tatsachen, sondern ihrem denkenden Geiste, der diese Tatsachen in Zusammenhang zu bringen und daraus
Gesetze abzuleiten verstand. Die rein empirischen Naturforscher, welche nur
durch Entdeckung neuer Tatsachen die Wissenschaft zu fördern glauben, können
in derselben ebensowenig etwas leisten, als die rein spekulativen Philosophen,
welche der Tatsachen entbehren zu können glauben und die Natur aus ihren
Gedanken konstruieren wollen. Diese werden zu phantastischen Träumern, jene
im besten Falle zu genauen Kopiermaschinen der Natur. Im Grunde freilich
gestaltet sich das tatsächliche Verhältnis überall so, daß die reinen Empiriker
sich mit einer unvollständigen und unklaren, ihnen selbst nicht bewußten
Philosophie, die reinen Philosophen dagegen mit einer ebensolchen, unreinen
und mangelhaften Empirie begnügen. Das Ziel der Naturwissenschaft ist die
Herstellung eines vollkommen architektonisch geordneten Lehrgebäudes. Der
reine Empiriker bringt statt dessen einen ungeordneten Steinhaufen zusammen;
der reine Philosoph auf der andern Seite baut Luftschlösser, welche der erste
empirische Windstoß über den Haufen wirft. Jener begnügt sich mit dem
Rohmaterial, dieser mit dem Plan des Gebäudes. Aber nur durch die innigste
Wechselwirkung von empirischer Beobachtung und philosophischer Theorie
kann das Lehrgebäude der Naturwissenschaft wirklich zustande kommen.
Wir schließen diesen Abschnitt, wie wir ihn begonnen, mit einem Ausspruch
von Johannes Müller: „Die Phantasie ist ein unentbehrliches Gut, denn sie ist es,
durch welche neue Kombinationen zur Veranlassung wichtiger Entdeckungen
gemacht werden. Die Kraft der Unterscheidung des isolierenden Verstandes
sowohl, als der erweiternden und zum Allgemeinen strebenden Phantasie sind
dem Naturforscher in einem harmonischen Wechselwirken notwendig. Durch
Störung dieses Gleichgewichts wird der Naturforscher von der Phantasie zu
Träumereien hingerissen, während diese Gabe den talentvollen Naturforscher
von hinreichender Verstandesstärke zu den wichtigsten Entdeckungen führt.“
(Aus „Generelle Morphologie der Organismen“. 1866.)
[3] Im vierten Kapitel seiner 1866 erschienenen „generellen Morphologie“ behandelt Haeckel kritisch die „naturwissenschaftlichen Methoden, welche sich gegenseitig notwendig ergänzen müssen“. Es sind dies 1. Empirie und Philosophie (Erfahrung und Erkenntnis), 2. Analyse und Synthese und 3. Induktion und Deduktion. Wir geben hier den ersten Abschnitt dieser „Methodik der Morphologie der Organismen“ wieder, weil die darin niedergelegten „unerschütterlichen Überzeugungen“ für das gesamte spätere Lebenswerk des Jenaer Naturforschers maßgebend geblieben sind. Aus der innigen Verbindung von empirischer Beobachtung und philosophischer Theorie beruhen seine sämtlichen wissenschaftlichen Werke. (Anm. d. H.)
[4] Selten ist wohl das Verdienst eines der bedeutendsten Männer so völlig von seinen Zeitgenossen verkannt und gar nicht gewürdigt worden, wie es mit Lamarck ein halbes Jahrhundert hindurch der Fall war. Nichts beweist dies vielleicht so schlagend als der Umstand, daß Cuvier in seinem Bericht
über die Fortschritte der Naturwissenschaften, in welchem auch die unbedeutendsten Bereicherungen des empirischen Materials aufgeführt werden, des bedeutendsten aller biologischen Werke jenes Zeitraums, der Philosophie zoologique von Lamarck, mit keinem Worte Erwähnung tut!
[5] Wir nennen hier absichtlich Lamarck und Goethe als die geistvollsten Repräsentanten der älteren Naturphilosophie, wenngleich sie sich entfernt nicht desselben Einflusses und derselben Anerkennung zu erfreuen hatten, wie Etienne Geoffroy S. Hilaire (geb. 1771) und Lorenz Oken (geb. 1779), die gewöhnlich als die Koryphäen dieser Richtung vorangestellt werden.
[6] Als hervorragende Koryphäen dieser Periode würden wir hier noch Johannes Müller, Schleiden und einige andere hervorzuheben haben, wenn nicht gerade diese bedeutendsten Männer, als wahrhaft philosophische Naturforscher, sich von der großen Einseitigkeit freigehalten hätten, welche Cuviers Schule und der große Troß der Zeitgenossen zum extremsten Empirismus ausbildete.
V.
Arabische Korallen.
Die zauberhaften Korallenbänke des Roten Meeres aus eigener Anschauung
kennen zu lernen, war schon seit langer Zeit mein lebhafter Wunsch. Als daher
im März 1873 eine lange gehegte Hoffnung in Erfüllung ging und ich eine
zweimonatige Reise in den Orient antreten konnte, lag es in meinem Plane, wenn
irgend möglich, von Suez aus einen Abstecher nach den nächstgelegenen
Korallenriffen zu machen. Ein solcher Ausflug erscheint auf der Landkarte sehr
leicht, ist aber für einen einzelnen Reisenden mit vielen und großen
Schwierigkeiten verknüpft. Denn die Zahl der bewohnten Orte an den
langgestreckten, öden und unwirtlichen Küsten des Roten Meeres ist sehr gering,
und diese wenigen Orte selbst sind meistens nur von armen, halbwilden
Mohammedanern bewohnt. Man muß Zelte, Diener, Lebensmittel und
Trinkwasser selbst mitbringen, um dort existieren zu können. Auch gibt es keine
regelmäßige Dampfschiffverbindung zwischen Suez und diesen elenden
Küstenorten. Keiner derselben wird von den großen europäischen Dampfern
berührt, die allwöchentlich durch das Rote Meer fahren und die Überlandpost
nach Indien befördern.
In der nächsten Umgebung von Suez und überhaupt im nördlichsten Teile des
Roten Meeres fehlen die Korallenbänke, die sonst über den größten Teil beider
Küsten desselben sich ausdehnen. Der nächstgelegene Ort, an welchem man
schöne Korallenriffe beobachten und den man in kürzester Zeit erreichen kann,
ist das arabische Dörfchen Tor oder Tur, an der Westküste der Sinaihalbinsel
gelegen. Hier hatten früher schon Ehrenberg, Ransonnet, Frauenfeld und andere
Naturforscher der Korallen wegen sich längere oder kürzere Zeit aufgehalten.
Um von Suez aus nach Tur zu gelangen, muß man entweder ein eigenes
Segelschiff mieten, oder zu Kamel durch die arabische Wüste reiten. Zu diesem
Landweg auf dem Wüstenschiff, der 55 Reitstunden beträgt, sind mindestens
vier bis fünf Tage erforderlich. Dazu reichte aber meine Zeit nicht aus; auch
wäre der Transport der Korallen, die ich zu sammeln wünschte, auf dem Kamel
sehr mißlich gewesen. Es blieb also nichts übrig, als ein Segelschiff zu mieten. Aber auch das erwies sich als untunlich. Denn die gewöhnlichen, halbgedeckten
arabischen Segelboote sind böse Fahrzeuge, im höchsten Grade unbequem und
unreinlich, überfüllt mit parasitischen Insekten aller Art; und dabei war der
geforderte Preis unerschwinglich hoch. Außerdem hätte ich mich der Gefahr
ausgesetzt, bei widrigem Winde acht Tage und länger in einem solchen
erbärmlichen Fahrzeug auf dem Roten Meere zu kreuzen, ohne mein Ziel
erreichen zu können.
So wäre denn mein sehnlicher Wunsch, die Korallenbänke von Tur zu
besuchen, schwerlich in Erfüllung gegangen, wenn nicht der österreichische
Generalkonsul in Kairo, Herr von Cischini, der mich während meines dortigen
Aufenthaltes mit Freundlichkeiten aller Art überhäufte, mir ein Fahrzeug
verschafft hätte, das zu erlangen ich mir früher nie hatte träumen lassen. Er
bewog nämlich den Vizekönig von Ägypten, Ismail Pascha, für den
beabsichtigten Ausflug nach Tur die Benutzung eines in Suez stationierten
Dampfschiffes der ägyptischen Kriegsflotte zu gestatten. Zugleich wurden meine
Freunde und Reisegefährten, Professor Straßburger aus Jena und Professor
Panceri aus Neapel, eingeladen, als Gäste des Khedive an der Expedition
teilzunehmen.
Am 22. März verließen wir Kairo, die wunderbare Metropole des Nillandes, in
der wir die Märchen aus Tausend und einer Nacht lebendig vor uns gesehen
hatten. Die Eisenbahn führte uns von dort in elf Stunden nach Suez. Unsere
interessante Reisegesellschaft bestand zum größten Teile aus einer bunten
Karawane von Mekkapilgern. Namentlich bot ein Haremwaggon dritter Klasse,
in welchen ein glücklicher Zufall uns einen Einblick gewährte, ein
merkwürdiges Bild. Die Bahnfahrt selbst ist höchst originell. Wir
durchschneiden zuerst in nordöstlicher Richtung den östlichen Rand des üppig
fruchtbaren Nildelta und passieren zahlreiche Fellah-Dörfer. Da bieten uns die
niederen braunen Lehmhütten, von Dattelpalmen umgeben, mit ihrer
charakteristischen Staffage von verschleierten Weibern, nackten Kindern,
Büffeln, die Schöpfräder treiben, Kamelen usw. eine Fülle von malerischen
Motiven. In Benha wendet sich die Bahn nach Osten, vereinigt sich mit dem von
Alexandrien nach Suez gehenden Schienenweg, der die ostindische
Überlandpost befördert, und geht nun eine Strecke weit mitten durch die Wüste.
Ringsum erblicken wir eine Zeitlang nichts als gelben Sand und blauen Himmel.
Um uns den vollen Eindruck einer Wüstenreise zu geben, wehte den ganzen Tag
hindurch ein heftiger Chamsin, jener erstickend heiße Wüstenwind, der als
Samum der Schrecken der Karawanen ist. Sein glühender Odem warf ganze
Regenschauer feinen Wüstensandes gegen die Fenster unseres Coupés, und wir
wünschten uns Glück, im geschlossenen Waggon und nicht draußen auf dem Rücken der Kamele zu sitzen.
Abends um sieben Uhr in Suez angelangt, wurden wir von dem dortigen
österreichischen Konsul, Herrn von Remy-Berzenkovich, freundlichst
empfangen und sogleich zum Gouverneur Hassan-Bey geführt. Hier erfuhren wir
zu unserer Freude, daß unser Kriegsschiff, die Dampferkorvette „Khartoum“, zur
Fahrt bereit draußen auf der Reede liege. Der Kommandant derselben, Kapitän
Ali Schukri, ein stattlicher brauner Araber in ägyptischer Marineuniform, wurde
uns vorgestellt und bot uns mit orientalischer Unterwürfigkeit seine Dienste an.
In dem großartigen englischen Peninsular-Hotel, das noch vor wenigen Jahren
von den Engländern als das üppigste und komfortabelste Hotel der Welt
gepriesen wurde, war für uns Quartier bereitet. Wir wurden als Gäste des
Khedive mit größter Aufmerksamkeit bedient und fürstlich verpflegt.
Am anderen Morgen wollten wir unsere Seereise antreten. Leider steigerte
sich aber der heftige Chamsin in der Nacht zu einem förmlichen Sturme, so daß
wir den ganzen Tag in Suez bleiben mußten. Obgleich diese Stadt weder durch
Naturschönheiten, noch durch besondere Sehenswürdigkeiten ausgezeichnet ist,
so ist ein kurzer Aufenthalt in derselben interessant genug. Denn als
Knotenpunkt des lebendigsten Verkehrs zwischen drei Weltteilen und als
Hafenort der Mekkapilger bietet es in dem bunten Leben seiner Straßen und
Basare eine reiche ethnographische Musterkarte. Mit europäischen Reisenden
und Matrosen aller Nationen mischen sich Neger aus dem Osten und Süden
Afrikas, Berber und Ägypter, Araber und Levantiner aller Klassen, Mekkapilger
aus allen Ländern des Ostens, persische und indische Kaufleute. Dazwischen
drängen sich verschleierte braune Weiber und unverschleierte
Früchteverkäuferinnen, Kamele und Pferde, schöne orientalische Esel und
zahllose Hunde.
Nicht minder interessant als dieser bunte Völkermarkt war für uns
Naturforscher der Fischmarkt von Suez. Denn obwohl derselbe weder besonders
groß noch reichhaltig ist, so erkannten wir doch auf den ersten Blick, daß wir
uns in einem völlig neuen Gebiete der marinen Fauna, ja schon mitten in der
wunderbaren Tierwelt des Indischen Ozeans befanden. Die schmale Landenge
von Suez trennt nämlich zwei gewaltige Seereiche, die schon seit vielen
Jahrtausenden außer allem Zusammenhange stehen und in denen sich
demgemäß, der Darwinschen Theorie entsprechend, eine völlig verschiedene
Tier- und Pflanzenwelt entwickelt hat. Die Fauna und Flora des Mittelmeeres,
die zum großen Gebiete des Atlantischen Ozeans gehört, ist gänzlich
verschieden von der Tier- und Pflanzenbevölkerung des Roten Meeres, das eine
Provinz des Indischen Ozeans bildet. Unter hundert Korallenarten des Roten
Meeres findet sich nicht eine einzige Art, die auch im Mittelmeere vorkäme. Nur ein ganz kleiner Bruchteil von Tierarten ist beiden benachbarten Meeren
gemeinsam. Wenn wir daher gestern früh den Fischmarkt von Alexandrien und
heute morgen, kaum vierundzwanzig Stunden später, denjenigen von Suez
besuchen, so finden wir den auffallenden Gegensatz zwischen beiden ebenso
groß, als ob wir gestern den Fischmarkt von Barcelona oder Marseille und heute
denjenigen von Kalkutta oder Singapore gesehen hätten. Diese merkwürdige
Erscheinung erklärt sich ganz einfach aus den Konsequenzen der
Deszendenztheorie und der damit verbundenen Migrationstheorie.
Der Sturm, der uns diesen interessanten, obwohl unerwünschten Aufenthalt in
Suez verursachte, legte sich erst am Morgen des zweiten Tages, und gegen
Mittag erschien der Gouverneur, um uns in seiner Dampfjolle nach dem fast eine
Stunde von der Stadt entfernt auf der Reede ankernden Kriegsschiffe
„Khartoum“ hinüberzufahren. Die Wellen gingen immer noch so hoch, daß sie
das ganze Verdeck überfluteten, und brachten beim Anlegen beide Dampfschiffe
in so unsanfte Berührung, daß das Bugspriet und die Schanzkleidung des
kleineren Dampfers vollständig zersplitterten. Auch das Hinüberklettern vom
einen zum anderen war ebenso wie der Transport unserer Gläserkisten, Netze
und Instrumente, mit ziemlichen Schwierigkeiten verbunden und wurde unter
heillosem Geschrei der Matrosen bewerkstelligt, welches das Toben von Wind
und Wellen übertönte. Das höllische Konzert wurde vollständig durch das
ohrenzerreißende Trommeln, Pfeifen und Klappern des Musikkorps von
Khartoum. Die ganze Mannschaft desselben, 126 Köpfe stark, war nämlich zu
unserem feierlichen Empfange unter Gewehr getreten und salutierte. Der
Kapitän empfing uns mit größter Unterwürfigkeit und stellte uns das
Offizierkorps vor. Jedoch blieb die Unterhaltung ziemlich mangelhaft, da wir
kaum ein Dutzend arabischer Worte und unsere neuen Freunde ungefähr
ebensoviel englische Vokabeln kannten. Die eigentliche Unterhaltung wurde
durch den österreichischen Konsul von Remy vermittelt, der geläufig Arabisch
sprach. Er hatte die Güte, uns zu begleiten und auf der ganzen Fahrt die Rolle
des Dolmetschers zu spielen.
Wegen des fortdauernden hohen Wellenganges, der erst gegen Abend
schwächer wurde, konnte unser Dampfer erst um Mitternacht die Anker lichten
und gen Süden steuern. Den ganzen folgenden Tag fuhren wir zwischen Asien
und Afrika durch den Golf von Suez, zu unserer Rechten die ägyptische, zur
Linken die arabische Küste; malerische langgestreckte öde Gebirgsketten auf
beiden Seiten im Hintergrunde.
Da wir erst spät in der Nacht unser Reiseziel erreicht haben würden, wegen
der gefährlichen Korallenriffe aber doch in den Hafen von Tur nicht hätten
einlaufen können, ging unsere Korvette um vier Uhr nachmittags, etwa 20 Seemeilen von Tur entfernt, in einer geschützten kleinen Bucht der arabischen
Küste vor Anker. Wir ließen uns sofort im Boote ans Land setzen, und voll
Ehrfurcht betraten wir zum erstenmal den heiligen Boden der alten Asia. Die
Küste war völlig öde und einsam, aber großartig wild. Mächtige, 3000 bis 4000
Fuß hohe Berge der Sinaikette erhoben sich steil über dem schmalen sandigen
Küstensaum.
Alle überragt der gewaltige „Djebel Serbal“, dessen wildzerklüftete rote
Granitwälle, von zahlreichen Diorit- und Porphyrgängen durchsetzt, sich bis
über 6000 Fuß erheben. Durch die zahlreichen zerrissenen Spitzen, die steilen
Abstürze, die phantastischen Kluftbildungen erhebt sich dieser malerische
„Djebel Serbal“ zu dem großartigsten und prächtigsten unter allen den
gewaltigen Berghäuptern der Sinaihalbinsel. Auch hat er lange Zeit als
Nebenbuhler der eigentlichen Sinaikuppe, des Mosesberges (Djebel Musa)
dagestanden; und viele frommen Seelen glauben noch heute, daß auf ersterem,
nicht auf letzterem die Gesetztafeln der zehn Gebote publiziert und der „alte
Bund“ zwischen Jehova und seiner auserwählten Semitenrasse geschlossen
wurde. In den ersten Jahrhunderten des Christentums war diese Ansicht
herrschend, und zahlreiche Einsiedler, Mönche und Nonnen, wohnten damals in
den Grotten und Felsenhöhlen des zerklüfteten „Berges der Gesetzgebung“.
Zahlreiche Prozessionen pilgerten zu seinen Höhen und erfreuten sich der
mannigfachen Genüsse, welche die dichtbelaubten und quellenreichen
Fruchtgärten des „Wadi-Feiran“ darboten. Letzteres ist ein herrliches Tal am
Fuße des „Djebel Serbal“, das wegen seiner üppigen Fruchtbarkeit als „Perle der
Sinaihalbinsel“ gepriesen wird, ein greller Gegensatz zu der umgebenden öden
Steinwüste.
Als wir aus dem Boote ans Land sprangen, berührte unser Fuß zuerst reinen
Korallenfelsen. Überall im Sande des Strandes lagen tote, gebleichte
Korallenblöcke umher, pilzförmige Fungien, sternbedeckte Asträen,
labyrinthische Mäandrinen, verästelte Madreporen, dunkelrote Orgelkorallen
oder Tubiporen. Mit Ausnahme einiger niederer Strandpflanzen mit fleischigen
Blättern und eines zwischen den Felsen wachsenden Kappernstrauches war
nichts von Vegetation zu sehen. Lautlose Stille rings umher; von menschlicher
Existenz keine Spur weit und breit. Küste und Gebirge sahen aus, als ob sie nie
ein Menschenfuß betreten hätte.
Der Sonnenuntergang war prächtig und übergoß die gewaltigen roten
Granitmauern mit den glühendsten Farben. Rasch brach die Dunkelheit ein und
der wolkenlose Himmel bedeckte sich mit einem Sternengewand, das wir nie
zuvor in solchem Glanze hatten funkeln sehen. Wir ließen uns durch unseren
indischen Koch unsere Abendmahlzeit vom Schiffe an den Strand holen und
genossen sie auf Korallenblöcken sitzend in gehobenster Stimmung. Unser edler
Gastfreund, der Khedive, hatte unsere Küche aufs beste versorgt, und unter
anderem auch mit einer Champagnerkiste ausgestattet. Dieses schäumende
Getränk ist bei den Orientalen sehr beliebt und wird, da der Koran nur den
Genuß des Weines verbietet, als eine Art Bier angesehen. So konnte denn auch
der arabische Schiffsleutnant, der unsere Schaluppe führte, unbeschadet seiner Frömmigkeit, uns helfen, den ersten Abend auf asiatischem Boden in
Champagnerbier zu feiern. Erst spät abends kehrten wir in heiterster Stimmung
an Bord des „Khartoum“ zurück, wo uns ein herrliches Lager auf den über
Verdeck gelegten Polstern unter dem funkelnden Sternenzelt erwartete. Um
Mitternacht lichtete das Schiff die Anker und lief am anderen Morgen kurz nach
Sonnenaufgang im Hafen von Tur ein.
Die Küstenlandschaft von Tur ist ein echtes Charakterbild vom Strande des
steinigen Arabiens. Die gelbe Sandwüste, die sich längs des dunkelblauen
Meeres hinzieht, ist von Vegetation völlig entblößt; mit Ausnahme einzelner
Dhumpalmen und einiger kleiner Gruppen von Dattelpalmen, die teils in der
unmittelbaren Umgebung von Tur ein wenig dürftigen Schatten spenden, teils
eine entfernte Oase bezeichnen. In imposanter Majestät erhebt sich aber im
Hintergrunde der Wüste das gewaltige Gebirge des Sinai, mit seinen kühn
geformten Gipfeln und zerklüfteten Felsrücken. Tur selbst ist ein dürftiges
Dörfchen mit kaum zwei Dutzend Hütten und wenig über hundert Einwohnern.
Ein kleines Zeltlager, von einer eben jetzt am Strande lagernden Karawane
errichtet, steigerte den orientalischen Charakter des originellen Bildes. Das
Dörfchen Tur liegt an der Umrandung eines kleinen, flachen, hufeisenförmigen
Hafenbeckens. Die Felsenriffe, welche dieses Becken umfassen und nur eine
schmale Einfahrt freilassen, sind Korallenbänke. Der ganze Hafen ist ein
reizender Korallengarten. Als wir in der Schaluppe über die flachen Bänke
hinglitten und in zehn bis zwanzig Fuß Tiefe durch die kristallklare Flut
hindurch den Boden betrachteten, entzückten uns die prächtigsten, nie zuvor
lebend gesehenen Korallenbüsche, auf dem gelben Sande überall in bunter
Mannigfaltigkeit zerstreut, wie exotische Ziersträucher in einem schönen
Blumengarten. Der Hafendamm, an dem unser Boot anlegt, ist ganz aus
Korrallenblöcken erbaut, und als wir uns den niederen würfelförmigen Hütten
nähern, werden wir durch die Wahrnehmung überrascht, daß auch diese fast ganz
aus Korallenstein bestehen. Als ob es gewöhnliche Sandsteine wären, liegen da
die herrlichsten schneeweißen Blöcke von Sternkorallen, Mäandrinen,
Madreporen usw. übereinander gehäuft. Manche von diesen elenden Hütten birgt
in einer einzigen Wand eine größere Sammlung von schönen Korallenblöcken,
als in vielen europäischen Museen zu finden ist. Am liebsten hätten wir das
ganze Dorf aufgekauft, zusammengepackt und in die Heimat geschickt.
Augenblicklich sind jedoch die herrlichen lebenden Korallentiere im Hafen
für uns von größerem Interesse als die toten Steingerüste in den Hüttenwänden,
und begierig besteigen wir die flachen arabischen Boote, die inzwischen für
unsere Korallenjagd ausgerüstet und mit Tauchern bemannt worden sind. Die bei
weitem zweckmäßigste Methode nämlich, lebende Korallen vom Meeresgrunde zu erhalten, ist die Anwendung von Tauchern. Unser gewöhnliches Schleppnetz,
mit dem wir sonst die zoologischen Schätze vom Meeresboden heraufholen, ist
hier ganz unbrauchbar. Die kleinen und zierlichen Korallenstöcke werden durch
das Schleppnetz zerbrochen und verdorben; die großen und schweren Blöcke
zerreißen selbst das Netz und sind nicht damit heraufzuheben. Hingegen
bewährten sich die arabischen Taucher, deren wir uns in Tur bedienten und die
durch den Betrieb der Perlenfischerei im längeren Verweilen unter Wasser sehr
geübt waren, als äußerst geschickte Korallenfänger. Sie waren weder mit
Taucherglocken noch mit Skaphandern oder anderen Tauchapparaten
ausgerüstet; sie schwammen aber so ausgezeichnet, konnten so lange unter
Wasser bleiben und wußten so geschickt selbst größere Korallen von ihren
Ansatzpunkten abzulösen, daß sie niemals wieder emportauchten, ohne uns mit
neuen prächtigen Korallengeschenken zu überraschen.
Die Korallenfischerei mit diesen Tauchern, die uns während unseres
Aufenthaltes in Tur fast den ganzen Tag beschäftigte, war höchst anziehend und
unterhaltend. Das Wasser in dem seichten und stillen, durch das vorliegende
Korallenriff gegen die Brandung geschützten Hafen ist so kristallhell, daß wir
bis auf zehn und zwanzig Fuß Tiefe jeden kleinen Krebs und Seestern, jede
Muschel und Schnecke auf dem Boden zwischen den Korallenbüschen erkennen
können. Sobald wir unseren Tauchern den gewünschten Gegenstand bezeichnet
haben, springen sie hinab. Vorsichtig die spitzen Ecken und scharfen Kanten der
Korallenstöcke vermeidend, huschen die schlanken braunen Jünglinge wie
Fische zwischen denselben umher und lösen die gewünschten Stücke vom
Boden ab. Bloß mit den Füßen rudernd, die Beute mit beiden Armen
umschlungen haltend, tauchen sie wieder empor. In wenigen Stunden sind unsere
Boote mit den kostbarsten Schätzen gefüllt.
Die großen Glasgefäße, die wir in Fächerkisten aus Triest mitgebracht haben,
sind bald ganz voll von lebenden Korallen. Vorsichtig aus dem Meere
genommen und in das ruhige Wasser der Gefäße versetzt, entfalten sie
allmählich ihre zarten, zurückgezogenen Blumenleiber. Da schauen wir zum
erstenmal in nächster Nähe das unbeschreiblich schöne Schauspiel, welches
diese herrlichen, scheinbar aus dem Korallenstein hervorwachsenden
Blumentiere mit ihren wundervollen Farben, zierlichen Formen und graziösen
Bewegungen gewähren. Die prächtigen bunten Aktinien des Roten Meeres, die
blauen Xenien, die grünen Ammotheen und die gelben Sarkophyten wetteifern
an leuchtender Farbenpracht mit den in allen Irisfarben strahlenden
Blumenkelchen, die wie durch Zauber aus den scheinbar toten Kalkgerüsten der
Steinkorallen hervorsprossen. Besonders fallen uns unter diesen die glänzenden
Sternkorallen oder Asträen und die merkwürdigen Orgelkorallen oder Tubiporen auf. Aus den purpurroten Kalkröhren der letzteren, die gleich Orgelpfeifen dicht
nebeneinander gereiht stehen, stecken zierliche grasgrüne Personen ihre acht
gefiederten Fangarme aus.
Wir beschränken uns aber nicht auf den Hafen von Tur, sondern segeln weiter
hinaus, wo an den größeren Korallenriffen längs der Küste neue Überraschungen
unserer harren und wo wir die vielgerühmte Pracht der indischen Korallenbänke
in ihrem vollen Farbenglanze schauen. Das kristallklare Wasser ist hier
unmittelbar an der Küste fast immer so ruhig und bewegungslos, daß man die
ganze wunderbare Korallendecke des Bodens mit ihrer mannigfaltigen
Bevölkerung von allerlei Seetieren deutlich erkennen kann. Hier, wie im größten
Teile des Roten Meeres, zieht parallel der Küste ein langer Damm von
Korallenriffen hin, ungefähr eine Viertelstunde vom Lande entfernt. Diese
Wallriffe oder Barrierenriffe sind wahre Wellenbrecher. Der Wogenandrang
zerschellt an ihrer unebenen zackigen Oberfläche, welche bis nahe unter den
Wasserspiegel ragt; und ein weißer Schaumkamm kennzeichnet so deutlich ihren
Verlauf. Auch wenn draußen auf dem Meere der Sturm tobt, ist hier in dem
durch das Riff geschützten Kanale oder Graben das Wasser verhältnismäßig
ruhig, und kleinere Schiffe können darin ungestört ihre Fahrt längs der Küste
fortsetzen. Nach außen gegen das hohe Meer fällt das Korallenriff steil hinunter.
Nach innen gegen die Küste dagegen flacht es sich allmählich ab, und meist
bleibt die Tiefe des Kanals so gering, daß man die ganze Farbenpracht der
Korallengärten auf seinem Boden erblicken kann.
Diese Pracht zu schildern vermag keine Feder und kein Pinsel. Die
begeisterten Schilderungen von Darwin, Ehrenberg, Ransonnet und anderen
Naturforschern, die ich früher gelesen, hatten meine Erwartungen sehr hoch
gespannt; sie wurden aber durch die Wirklichkeit übertroffen. Ein Vergleich
dieser formenreichen und farbenglänzenden Meerschaften mit den
blumenreichsten Landschaften gibt keine richtige Vorstellung. Denn hier unten
in der blauen Tiefe ist eigentlich alles mit bunten Blumen überhäuft und alle
diese zierlichen Blumen sind lebendige Korallentiere. Die Oberfläche der
größeren Korallenblöcke, von sechs bis acht Fuß Durchmesser, ist mit
Tausenden von lieblichen Blumensternen bedeckt. Auf den verzweigten Bäumen
und Sträuchern sitzt Blüte an Blüte. Die großen bunten Blumenkelche zu deren
Füßen sind ebenfalls Korallen. Ja sogar das bunte Moos, das die Zwischenräume
zwischen den größeren Stöcken ausfüllt, zeigt sich bei genauerer Betrachtung
aus Millionen winziger Korallentierchen gebildet. Und alle diese Blütenpracht
übergießt die leuchtende arabische Sonne in dem kristallhellen Wasser mit einem
unsagbaren Glanze!
In diesen wunderbaren Korallengärten, welche die sagenhafte Pracht der zauberischen Hesperidengärten übertreffen, wimmelt außerdem ein
vielgestaltiges Tierleben der mannigfaltigsten Art. Metallglänzende Fische von
den sonderbarsten Formen und Farben spielen in Scharen um die
Korallenkelche, gleich den Kolibris, die um die Blumenkelche der
Tropenpflanzen schweben. Unter ihnen fällt uns vor allen der sonderbare
Halbmondfisch auf (Platax Ehrenbergii). Sein platt zusammengedrückter,
sichelförmiger Körper, der je nach dem Lichtfalle bald in gelbgrünlichem
Bronzeglanz, bald in prachtvollem Blau strahlt, ist oben in eine lange dreieckige
gekrümmte Rückenflosse, unten in eine gleiche Analflosse ausgezogen. So
erscheint der ganze Fisch als leuchtende Sichel im Halbdunkel der
Korallenwälder, als das Symbol des türkischen Halbmondes, der jetzt noch diese
arabischen Küsten beherrscht. Gleich einem leuchtenden Kometenschweife zieht
durch die blaue Tiefe ein silberweißer Bandfisch von der Gestalt eines silbernen
Schuppengürtels (Trichiurus). Ein rotbrauner, mit seltsamem Helmschmuck an
dem gepanzerten Haupte ausgestatteter Drachenkopf (Scorpaena) jagt eine
ganze Schar von kleinen goldgelben Lippfischen vor sich her (Labroiden). Aber
auch der grimme Menschenhai, der Schrecken des Meeres, fehlt nicht, und
bisweilen erscheinen im Hafen von Tur solche Haifische von zehn bis zwanzig
Fuß Länge.
Noch viel mannigfaltiger und interessanter als die Fische sind die wirbellosen
Tiere der verschiedensten Klassen, welche auf den Korallenbänken ihr Wesen
treiben. Zierliche durchsichtige Krebse aus der Garnelengruppe schnellen
haufenweise vorüber und bunte Krabben klettern zwischen den
Korallenzweigen. Auch rote Seesterne, violette Schlangensterne und schwarze
Seeigel klettern in Menge auf den Ästen der Korallensträucher; der Scharen
bunter Muscheln und Schnecken nicht zu gedenken. Reizende Würmer mit
bunten Kiemenfederbüschen schauen aus ihren Röhren hervor. Da kommt auch
ein dichter Schwarm von zarten violetten Medusen geschwommen, und zu
unserer Überraschung erkennen wir in der zierlichen Glocke eine alte Bekannte
aus der Ostsee und Nordsee, die Aurelia.
Man könnte glauben, daß in diesen bezaubernden Korallenhainen, wo jedes
Tier zur Blume wird, der glückselige Friede der elysischen Gefilde herrsche.
Aber ein näherer Blick in ihr buntes Getriebe lehrt uns bald, daß auch hier, wie
im Menschenleben, beständig der wilde Kampf ums Dasein tobt, oft zwar still
und lautlos, aber darum nicht minder furchtbar und unerbittlich. Die große
Mehrzahl des Lebendigen, das hier in üppigster Fülle sich entwickelt, wird
beständig vernichtet, um die Existenz einer bevorzugten Minderzahl zu
ermöglichen. Überall lauert Schrecken und Gefahr. Um uns davon zu
überzeugen, brauchen wir bloß selbst einmal unterzutauchen. Rasch entschlossen springen wir über Bord und schauen nun erst, von wunderbarem, grünem und
blauem Glanze umgossen, die Farbenpracht der Korallenbänke ganz in der Nähe.
Aber bald erfahren wir, daß der Mensch ungestraft so wenig unter Korallen als
unter Palmen wandelt. Die spitzen Zacken der Steinkorallen erlauben uns
nirgends festen Fuß zu fassen. Wir suchen uns einen freien Sandfleck zum
Standpunkt aus. Aber ein im Sande verborgener Seeigel (Diadema) bohrt seine
fußlangen, mit seinen Widerhaken bewaffneten Stacheln in unseren Fuß; äußerst
spröde zersplittern sie in der Wunde und können nur durch vorsichtiges
Ausschneiden entfernt werden. Wir bücken uns, um eine prächtige
smaragdgrüne Aktinie vom Boden aufzuheben, die zwischen den
Schalenklappen einer toten Riesenmuschel zu sitzen scheint. Jedoch zur rechten
Zeit noch erkennen wir, daß der grüne Körper keine Aktinie, sondern der Leib
des lebenden Muscheltieres selbst ist; hätten wir es unvorsichtig angefaßt, so
wäre unsere Hand durch den kräftigen Schluß der beiden Schalenklappen elend
zerquetscht worden. Nun suchen wir einen schönen violetten Madreporenzweig
abzubrechen, ziehen aber rasch die Hand zurück; denn eine mutige kleine
Krabbe (Trapezia), die scharenweise zwischen den Ästen wohnt, zwickt uns
empfindlich mit den Scheren. Noch schlimmere Erfahrungen machen wir bei
dem Versuche, die daneben stehende Feuerkoralle (Millepora) abzubrechen.
Millionen mikroskopischer Giftbläschen entleeren bei der oberflächlichen
Berührung ihren ätzenden Saft auf unsere Haut, und unsere Hand brennt, als ob
wir ein glühendes Eisen angefaßt hätten. Ebenso heftig brennt ein zierlicher
kleiner Hydrapolyp, der höchst unschuldig aussieht. Um nicht auch noch mit
einem brennenden Medusenschwarme in unliebsame Berührung zu kommen
oder gar einem der nicht seltenen Haifische zur Beute zu fallen, tauchen wir
wieder empor und schwingen uns in die Barke.
Welche fabelhafte Fülle des buntesten Tierlebens auf diesen Korallenbänken
durcheinander wimmelt und miteinander ums Dasein kämpft, davon kann man
sich erst bei genauerem Studium ein annäherndes Bild machen. Jeder einzelne
Korallenstock ist eigentlich ein kleines zoologisches Museum. Wir setzen z. B.
einen schönen Madreporenstock (Stylopora), den eben unser Taucher
emporgebracht hat, vorsichtig in ein großes, mit Seewasser gefülltes Glasgesäß,
damit seine Korallentiere ruhig ihren zierlichen Blumenkörper entfalten. Als wir
eine Stunde später wieder nachsehen, ist nicht nur der vielverzweigte Stock mit
den schönsten Korallenblüten bedeckt, sondern auch Hunderte von größeren und
Tausende von kleineren Tierchen kriechen und schwimmen im Glase herum:
Krebse und Würmer, Kraken und Schnecken, Tascheln und Muscheln, Seesterne
und Seeigel, Medusen und Fischchen; alle vorher im Geäste des Stockes
verborgen. Und selbst wenn wir den Korallenstock herausnehmen und mit dem Hammer in Stücke zerschlagen, finden wir in seinem Inneren noch eine Menge
verschiedener Tierchen, namentlich bohrende Muscheln, Krebse und Würmer
verborgen. Und welche Fülle unsichtbaren Lebens enthüllt uns erst das
Mikroskop! Welcher Reichtum merkwürdiger Entdeckungen harrt hier noch
zukünftiger Zoologen, denen das Glück beschieden ist, Monate und Jahre
hindurch an diesen Korallenküsten zu verweilen.
Uns war leider nur ein paar kurze Tage lang der Genuß dieser feenhaften
Korallengärten beschieden. Glücklicherweise begünstigte uns das herrlichste
Frühlingswetter, so daß wir unsere Korallenfischerei mit dem glänzendsten
Erfolg betreiben konnten. Die mitgenommenen Kisten mit Gläsern und
Weingeist waren in kurzer Zeit völlig mit Korallen und anderen Seetieren
gefüllt. Unsere Boote schleppten ganze Ladungen von Korallenblöcken zur
Korvette, deren Verdeck bald vollständig damit überhäuft war. Schwerlich ist
wohl noch ein Kriegsschiff, und sicher niemals ein ägyptisches, so über und über
mit Korallen bedeckt gewesen. Wir konnten später von Suez aus nur zwölf
Kisten damit füllen und nach Hause schicken; der bei weitem größte Teil mußte
zurückbleiben und ziert jetzt den Garten unseres dort wohnenden Freundes, des
Konsuls Remy.
Ein letzter Besuch am Lande schloß unseren kurzen Aufenthalt in Tur. Mit
dankbarem und gerührtem Herzen nahmen wir Abschied von Land und Leuten,
von Meer und Korallenbänken. Die Bewohner von Tur, halb griechischen, halb
arabischen Ursprungs, sind arme Fischer; gute unverdorbene Menschen, die
selten mit Fremden in Berührung kommen. Der günstige Eindruck, den sie uns
gleich beim ersten Besuch gemacht hatten, wurde durch nähere Bekanntschaft
nur verstärkt, und wir erinnern uns mit lebhaftem Vergnügen der herzlichen
Gastfreundschaft, die wir in ihren niederen Korallenhütten genossen.
Ganz besonderen Dank schulden wir dem braven Hennaen, dem eingeborenen
„Naturforscher von Tur“; einem Fischer, der schon den früher hier anwesenden
deutschen Naturforschern die wesentlichsten Dienste geleistet hatte und sich
auch bei unserer Korallenfischerei vorzüglich bewährte. Mit den Lokalitäten der
Korallenbänke von Tur und mit ihren zahlreichen Bewohnern genau vertraut,
vermochte er uns in kürzester Zeit die reichste zoologische Ernte zu verschaffen.
Er besitzt ein Dokument, in welchem von den früheren Besuchern seine
vortrefflichen Dienstleistungen dankbarst anerkannt sind, und auch ich konnte
nur ein gleich ehrenvolles Zeugnis hinzufügen. Auf Hennaens ausdrückliche
Bitte mußten wir am letzten Nachmittag vor unserer Abreise nochmals in seine
niedere Korallenhütte kommen, wo er uns, umgeben von den angesehensten
Einwohnern des Ortes, mit Kaffee und Datteln bewirtete. Auch verschiedene
hübsche Korallen, Sterntiere und Mollusken, die wir nicht selbst erbeutet hatten, machte er uns hier noch zum Geschenk. Dann machten wir noch einen
gemeinsamen Spaziergang nach dem kleinen, eine halbe Stunde vom Dorfe
entfernten Palmenhain, wo neben prächtig entwickelten Dattelpalmen (Phoenix)
auch einzelne Exemplare von der schönen, gabelig verzweigten Dhumpalme
Oberägyptens sich finden (Hyphaene). Bei der Rückkehr an den Strand
besuchten wir noch die Ruine eines kleinen alten Forts, in der Nähe des Dorfes.
Wie gerne hätten wir noch länger bei unseren neuen arabischen Freunden
verweilt und hätten mit der kleinen, vor dem Dorfe liegenden Kamelkarawane
eine Wüstenreise angetreten! Wie gerne hätten wir die so nahe vor uns liegenden
gewaltigen Bergkuppen des Sinai und des Serbal erklommen; und in dem
Mosestal das uralte berühmte Sinaikloster oder in dem Feirantal die
wundervollen Fruchtgärten der „Sinaiperle“ besucht! Aber unsere Uhr ist leider
abgelaufen! Schon raucht der Schornstein unseres Dampfers. Die blauen
Schatten der Palmen im gelben Sande neigen sich stark nach Osten und die
Gebirgskuppen des Sinai beginnen sich in magischen Purpurglanz zu hüllen.
Noch erquicken wir uns nach des Tages schwerer Arbeit durch ein letztes,
herrliches Bad in der blauen, jetzt aber im Abendglanze wirklich
purpurschimmernden Flut des „Roten Meeres“. Nach herzlichstem Abschiede
von den guten Turbewohnern und besonders von Hennaen und von unseren
braven Tauchern besteigen wir zum letztenmal die Schaluppe und rudern zum
„Khartoum“ hinüber.
Während unsere Korvette die Anker lichtet und sich nach Norden wendet,
genießen wir den unvergeßlichen Anblick eines Sonnenunterganges, wie man
ihn nur in diesen Breiten und nur in dieser Luft sehen kann. Gleich dem
Zauberbilde einer Fata Morgana strahlt die ganze Sinaikette mit ihren zackigen
Gipfeln in glühendem Purpur; die Schatten ihrer Klüfte schimmern in
magischem Blau. Am Fuße des Gebirges gehen diese herrlichen Farbentöne in
ein zartes Violett über, das durch eine gesättigte Lage von tiefem Braun sich vom
gelben Wüstensande abhebt. Die glühenden Farben werden durch das tiefe, fast
schwarze Blau des Meeres kraftvoll gehoben. Die Kronen der Palmen am
Strande, leise im lauen Abendwinde schwankend, senden uns einen letzten Gruß,
und die rasch hereinsinkende Nacht entzieht das märchenhafte Bild unseren
scheidenden Blicken. Addio Arabia!
(Aus „Arabische Korallen“.)
VI.
Brussa und der asiatische Olymp.
Wenn man auf dem Seewege nach Konstantinopel den Hellespontos passiert hat
und das Marmarameer ostwärts durchschneidet, erblickt man am südlichen
Gestade des letzteren in blauer Ferne langgestreckte Bergzüge. In mehrfach
unterbrochenen, edelgeformten Linien stufenweise ansteigend, finden dieselben
in einer majestätischen, mit ewigem Schnee bedeckten Kuppel ihren malerischen
Abschluß. Diese stolze Gebirgskuppel ist der Olympos der asiatischen Griechen,
der musische Olymp des Herodot, der bithynische Olmyp anderer klassischer
Autoren. Allerdings erfreut sich dieser asiatische Olympos nicht des hohen
Rufes wie sein europäischer Namensbruder, der auf der Grenze von Mazedonien
und Thessalien liegt und auf den die altgriechischen Sagen den Sitz der Götter
verlegen. Aber dennoch wird der abendländische Wanderer durch den Besuch
des ersteren weit mehr als durch die Besteigung des letzteren befriedigt werden.
Denn der wenig besuchte asiatische Olymp und seine nähere Umgebung ist mit
einer Fülle von Naturschönheiten geschmückt, welche dem europäischen
Götterberge abgehen, und die historischen Erinnerungen, welche sich an die von
ersterem beherrschte Schaubühne weltgeschichtlicher Dramen knüpfen,
verleihen ihm einen besonderen Reiz. Unmittelbar am Fuße des asiatischen
Olymps liegt Brussa, die von Hannibal gegründete Hauptstadt Bithyniens, die
Wiege der osmanischen Dynastie, eine von türkischen Dichtern vielbesungene
Perle des Orients, welche an hohem Reiz der Lage mit Damaskus und mit
Granada wetteifert.
Im Abendlande ist Brussa heutzutage ein wenig bekannter und wenig
genannter Ort. Für den Geschichtsforscher knüpfen sich freilich an diesen
Namen hochwichtige Begebenheiten; dem Arzt ist Brussa durch seine
heilkräftigen, weitberühmten heißen Quellen bekannt, das „Baden“ des Orients,
und für den Kaufmann ist diese ansehnlichste Handelsstadt Anatoliens durch
ihre Seidenwaren und Samtfabriken von großer Bedeutung. Aber von den hohen
Naturschönheiten Brussas, von den malerischen Reizen seiner Lage, von dem
üppigen Schmucke seiner südlichen Vegetation, von der Fülle rauschender Quellen in seinen kühlen Felsentälern ist in Europa wenig bekannt; unter
Tausenden von Touristen, die jetzt alljährlich nach Konstantinopel reisen,
gelangen nur sehr wenige nach dem kaum eine Tagereise davon entfernten
Brussa. Und doch ist sicher ein Besuch dieses herrlichen Ortes weit lohnender,
als viele berühmte „Sehenswürdigkeiten“ des Orients.
Der Besuch, den ich selbst im April 1873 dem asiatischen Olymp und Brussa
abstattete, ist mir unter den vielen anmutigen Erinnerungen, die ich von meiner
damals unternommenen Orientreise mit nach Hause brachte, eine der
wertvollsten geblieben; und wenn ich hier eine flüchtige Skizze davon mitteile,
so hoffe ich, dadurch manchen Leser, den sein Glücksstern nach den reizenden
Ufern des Bosporus führt, zu veranlassen, von der türkischen Hauptstadt aus
diesen höchst lohnenden Ausflug nach der Residenz der ersten Sultane des
Osmanenreiches zu unternehmen. Insbesondere möchte ich aber dadurch diesen
oder jenen Landschaftsmaler auf die ungehobenen Schätze aufmerksam machen,
die sein Auge in Brussa und seiner Umgebung reicher als in den ausgebeuteten
Gefilden von Neapel, Palermo oder Granada finden wird.
Wenige Wochen, bevor ich nach Brussa kam, hatte ich in Kairo die Märchen
von Tausend und einer Nacht lebendig an mir vorüberziehen sehen, hatte von der
Pyramide des Cheops einen Blick in die Libysche Wüste getan und von Suez auf
einem Kriegsschiffe des Khedive einen höchst interessanten Ausflug zu den
Korallenbänken des Roten Meeres am Fuße des Sinai unternommen. Von
Alexandrien war ich darauf nach Smyrna gefahren, von wo ich in Gesellschaft
liebenswürdiger deutscher Landsleute Exkursionen nach dem klassischen
Trümmerstätten von Magnesia und Ephesus unternahm, in ersterem das uralte, in
den Felsen gehauene Riesenbild der Niobe, in letzterem die kürzlich
ausgegrabenen Substruktionen des weltberühmten Dianatempels bewundernd.
Wenige Tage später genoß ich auf der Akropolis von Athen und auf den
Tempelruinen von Eleusis unvergeßliche Stunden lebendiger Erinnerung an die
Blüte des klassischen Altertums; und abermals nach wenigen Tagen erfreute ich
mich an den Ufern des Bosporus und am Goldenen Horn von Konstantinopel der
Fülle von Natur- und Kunstgenüssen, von historischen Reminiszenzen und
ethnographischen Bildern, mit denen die gewaltige Hauptstadt des
Türkenreiches noch heute geschmückt ist. Und doch, nachdem alle diese
wunderbaren Gemälde des Orients in der raschen Folge weniger Wochen an
meinem Auge vorübergegangen waren, nachdem die Phantasie durch das
Übermaß der genossenen großartigen und mannigfaltigen Bilder übersättigt
erschien, vermochte zuletzt noch das herrliche Brussa einen so tiefen Eindruck
zu hinterlassen, daß ich mir keinen schöneren und harmonischeren Abschluß zu
der langen Reihe der bunten vorhergegangenen Orientbilder wünschen könnte.
Es war ein heiterer, wolkenloser Frühlingsmorgen, als ich am 25. April 1873
in Gesellschaft des bekannten Landschaftsmalers Ernst Körner aus Berlin die
Fahrt nach Brussa antrat. Der Kanzler am deutschen Generalkonsulat in
Konstantinopel, Herr Rohnstock, welcher der türkischen Sprache vollkommen
mächtig ist, begleitete uns und hatte die Güte, die Rolle eines Dolmetschers zu
übernehmen. Während die aufsteigende Morgensonne mit ihren ersten Strahlen
die Fenster von Skutari und von den kleineren Ortschaften am asiatischen Ufer
des Bosporus vergoldete, stiegen wir nach der großen Brücke hinunter, welche
an der Ausmündung des Goldenen Horns das fränkische Pera mit dem
alttürkischen Stambul verbindet. In der Nähe dieser Brücke ankern die kleinen
Dampfboote, welche mehrmals wöchentlich von Konstantinopel nach dem Golfe
von Mudania fahren. Die kleine Stadt Mudania liegt am südlichen Gestade des
Marmarameeres, in gerader Linie etwa sechs deutsche Meilen südwärts von
Stambul entfernt. Sie ist der Hafenort von Brussa und steht durch eine gute, vier
Meilen lange Fahrstraße mit ihm in Verbindung.
Ein leichter Kaik, einer venezianischen Gondel ähnlich, führt uns von der
Perabrücke zu dem kleinen Dampfer hinüber; wir finden sein Verdeck bereits
dicht besetzt mit türkischen Landleuten in buntfarbiger Tracht, mit zerlumpten
Fischern und verschleierten Weibern. Um acht Uhr lichtet unser Schiff die Anker
und bahnt sich mühsam seinen Weg durch das dichte Gewühl von Fahrzeugen
aller Nationen, welche den größten Hafen des Orients erfüllen. Rasch
durchkreuzen wir das südliche Ende des Bosporus, lassen die malerische, mit
Zypressen bedeckte Serailspitze von Stambul zu unserer Rechten, den alten
Leanderturm und den riesigen Begräbnisplatz von Skutari mit seinem berühmten
Zypressenwald zu unserer Linken liegen, und ergötzen uns an dem wundervollen
Bilde, welches das alte Stambul hier von der Südseite gewährt. Je weiter wir uns
von ihm entfernen, desto imposanter tritt die gewaltige Häusermasse der
türkischen Hauptstadt auf ihren Hügeln hervor; die Kuppeln ihrer zahlreichen
Moscheen und die schlanken Minarette daneben schimmern golden im Glanze
der Morgensonne. Unten am Strande zieht sich der Rest der alten Stadtmauer
hin, deren westliches Ende mit dem malerischen Schlosse der sieben Türme
abschließt. Dieses mächtige alte Kastell spielte lange Zeit als Zitadelle der
Hauptstadt eine wichtige Rolle bei den Belagerungen und erinnert uns mit seinen
mittelalterlichen Mauerkränzen und Turmzinnen an die gewaltigen Ereignisse,
die hier im Laufe von zwei Jahrtausenden vorübergezogen sind. Doch werden
wir in diesen historischen Betrachtungen bald durch den modernen Pfiff der
Lokomotive gestört, die längs der Mauern hindampft; sie befährt den neuen
Schienenweg nach Adrianopel, welcher wenige Monate nach unserer
Anwesenheit dem Verkehr übergeben wurde; ein wichtiger Fortschritt zur abendländischen Kultur und somit zur Auflösung des altersschwachen
Osmanenreiches.
Während wir südwärts steuern, entschwindet das glänzende Bild der
Konstantins-Stadt allmählich unseren Blicken. Wir fahren ziemlich nahe an den
Prinzeninseln vorüber, den lieblichen, mit Villen und Gärten bedeckten Eilanden,
auf denen im heißen Sommer die vornehmen Bewohner von Pera und Stambul
sich vom staubigen Gewühl des Alltagstreibens erholen. Scharen von Delphinen
umspielen unser Schiff und tauchen mit ihren Rückenflossen sich tummelnd
empor. Unser Kurs geht gerade auf eine steile, links weit vorspringende
Landspitze zu, das „Bos burun“ oder das „Vorgebirge des Eises“. Zwischen
diesen und den Prinzeninseln öffnet sich zu unserer Linken ein tief
einschneidender, von bewaldeten Bergen umgebener Meerbusen, der Golf von
Nikomedia, der „Sinus Astacenus“ der alten Römer. Tief im Grunde desselben
liegt das unbedeutende Städtchen Isnikmid, der letzte Rest des mächtigen alten
Nikomedia, jener früheren Residenz der bithynischen Könige, die durch
zahlreiche Erdbeben verwüstet wurde.
Zu unserer Rechten taucht jetzt aus der blauen Flut das schöne Eiland
Kalolimni auf; wir fahren zwischen ihm und dem Eiskap hindurch und werden
durch den herrlichen Anblick des Golfs von Mudania überrascht. Rings von
langgestreckten, schöngeformten Bergketten umschlossen, deren Füße
kulissenartig vorspringen, gleicht dieser Golf, der „Sinus Cianus“ der Alten,
einem großen, stillen Landsee. An seinen Gestaden landete Jason auf der
Argonautenfahrt. Am südlichen Ufer des Golfs, wo er sich in das Marmarameer
öffnet, liegt das Städtchen Mudania, eine Doppelreihe ärmlicher Holzhäuser, von
vielen pyramidenförmigen Lebensbäumen (Thuja) überragt. Ihre Bewohner sind
zum größten Teile griechische Gärtner und Weinbauer. Die Tochter eines solchen
war die hier geborene Sophia Witt, die später durch ihre Schönheit und ihren
Geist berühmt gewordene Gräfin Potocka.
Um zwölf Uhr mittags legt unser Boot an der Landungsbrücke von Mudania
an. Nachdem wir uns bei den Polizeibeamten mittels unseres türkischen Passes
legitimiert haben, besteigen wir einen der bereitstehenden offenen Wagen, der
mit zwei schmucken Schimmeln bespannt ist, und im munteren Trab fahren wir
auf der Landstraße nach Brussa.
Die Mittagssonne entsendete jetzt glühende Strahlen vom wolkenlosen
Aprilhimmel Kleinasiens herab, und zu unserer Linken schlugen die
plätschernden Wellen des spiegelklaren Meeres so verführerisch auf den weichen
Sand des schmalen Strandes, daß wir der Versuchung nicht widerstehen konnten,
unsere Fahrt nach kurzer Dauer zu unterbrechen und ein improvisiertes Bad zu
nehmen. Köstlich erfrischt von den kühlen Wellen und von einem frischen Trunk aus einer Felsenquelle, die nach kurzem Lauf sich ins Meer ergießt, gingen wir
jetzt eine Strecke neben dem Wagen aufwärts. Die Straße steigt zwischen
Olivengärten und Weinbergen in vielen Windungen bergan. Je höher wir
hinaufkommen, desto schöner gestaltet sich der Blick auf den blauen Golf zu
unseren Füßen und auf die edelgeformten, teils bebauten, teils bewaldeten Berge,
die denselben in stattlichem Kranze umschließen. Besonders werden unsere
Blicke durch den hohen, südöstlich gelegenen Berg Usuntschar gefesselt, seine
ungemein schöne Form erinnert auffallend an den berühmten „Monte
Pellegrino“ bei Palermo.
Nachdem wir anderthalb Stunden gestiegen, haben wir den Sattel des
langgestreckten Bergrückens erreicht, welcher den Golf von Mudania und die
Ebene von Brussa trennt, und wir fahren nun, nach einem letzten Rückblick auf
das Marmarameer, hinter dem türkischen Dorfe Tschakirchan durch eine felsige
Schlucht bergab. Am Ausgange der letzteren überrascht uns plötzlich die
großartige Aussicht auf den weiten grünen Talkessel von Brussa, überragt von
der gewaltigen, den ganzen südlichen Hintergrund ausfüllenden Granitpyramide
des schneegekrönten Olympos. Das frischeste Frühlingsgrün schmückt die
lachende Ebene zu unseren Füßen, mitten hindurch windet sich in weitem S-
förmigen Doppelbogen der anmutige Fluß Nilufer. Er umgürtet den Fuß des
Olymps und nimmt in sein Bett die zahllosen Bergbäche und Quellen auf, die
den westlichen und nördlichen Abhängen des Berges entströmen. Den schönen
Namen Nilufer — d. h. „Lotosblume“ (Lotos Nenufar) — verdankt der Fluß
einer griechischen Prinzessin, die durch ihre Schönheit und Anmut weit berühmt
war. Diese unglückliche Fürstin wurde während ihres Hochzeitsfestes auf dem
festen Schlosse Biledschik von dem Sultan Osman, dem Gründer der
Osmanendynastie, überfallen, räuberisch entführt und in den Harem seines
Sohnes Orchan eingesperrt. Hier wurde sie später die Mutter des kriegerischen
Sultan Murad I.
Nach halbstündiger heißer Fahrt durch die Ebene, deren Wiesen stellenweise
ganz blau von Irisblüten waren, hatten wir das Gestade des Nilufer erreicht und
hielten Rast im Schatten eines anmutigen Eichenhaines; ein türkisches
Kaffeehaus erquickte uns mit köstlichem Mokkatrank. Hier zog auf der Straße
eine lange Karawane von schweren anatolischen Lastkameelen an uns vorüber,
wie man sie in den Straßen von Smyrna so oft sieht. Mit Ballen von kostbarer
Brussaseide belastet, gingen die schwerfälligen Tiere gravitätisch hintereinander
her, durch Stricke zu einer langen Kette verbunden. Den Kopf der langen
Kolonne bildete ein kleiner kluger Esel, wie er hier gewöhnlich als Führer der
Kamelzüge auftritt. Denn das Langohr vertritt hier im Morgenlande die leitende
Intelligenz der Huftiere, im Gegensatze zu den im Abendlande herrschenden Anschauungen.
Je mehr wir uns auf unserer weiteren Fahrt dem Olympgebirge näherten, desto
mehr entfalteten sich die landschaftlichen Reize der Gegend. In freundlichem
Gegensatze zu den dunkeln, waldigen Schluchten des Gebirges zeigte sich die
üppige Fruchtbarkeit des Tales in lachendem Frühlingsgrün. Plätschernde
Brunnen und mächtige Platanen an den Seiten des Weges verbreiteten Kühlung
und Schatten.
Die Sonne neigte sich schon stark gen Westen, als wir in die Stadt einfuhren.
Unsere Ankunft gestaltete sich dadurch besonders festlich, daß gerade ein
griechischer Feiertag war. Die ganze griechische Bevölkerung, in die buntesten
Festgewänder gekleidet, lustwandelte vor der Stadt und erfreute sich des
schönen warmen Frühlingsabends. In heiteren Gruppen lagerten viele Familien
auf den blumigen Hügeln vor den Mauern und ergötzten sich mit Musik, Spiel
und Tanz. Keine schönere Staffage hätte den Vordergrund des herrlichen Bildes
zieren können, das die prächtige Stadt mit ihren zahllosen Minaretten und
Kuppeln, im Glanze der Abendsonne funkelnd, unseren entzückten Augen
darbot.
In dem schön gelegenen „Hotel du Mont Olymp“, dem einzigen europäischen
Gasthofe von Brussa, fanden wir freundlichste Aufnahme und beste
Verpflegung. Der treffliche Wirt desselben, Don Franzesco Franchi aus Florenz,
war in jeder Weise bemüht, uns unseren Aufenthalt so angenehm als möglich zu
machen. Seine köstlichen Orangen und Feigen, die vorzüglichen Maccaroni
con pomi d’oro und die leckeren Forellen aus den Olymposbächen, gewürzt
durch den edlen, rosenroten, am Fuße des Götterberges gewachsenen Wein,
mundeten uns so vortrefflich, als ob es Nektar und Ambrosia von der
olympischen Göttertafel selbst gewesen wäre. Dabei ergötzten sich unsere
Geruchsnerven an den aromatischen Blumendüften der zahlreichen benachbarten
Gärten, in denen Rosen und Lilien, Jasmin und Nelken, Daphne und Balsamine
in üppigster Fülle blühten; und als ob Vater Zeus am Tore seiner Götterwohnung
alle Sinne gleichmäßig entzücken wolle, wurden wir noch am späten Abend
durch ein unerwartetes Konzert überrascht. Denn als wir das Verlangen nach
Speise und Trank gesättigt hatten, unsere Schlafzimmer aufsuchten und auf
deren Balkon hinaustraten, um die würzige Abendluft zu atmen, tönte uns aus
der benachbarten Waldschlucht der melodische Gesang zahlreicher Nachtigallen
entgegen. Während diese liebliche Sängerin bei uns meistens die Einsamkeit
aufsucht, wohnt sie in Kleinasien scharenweis in den Gärten und scheint im
Wettgesange besondere Kunst zu entfalten. Jeden Abend, wenn wir in Brussa
unser Lager aufgesucht hatten, lauschten wir noch lange ihren entzückenden
Liedern und wurden erst spät dadurch in den süßesten Schlaf gesungen.
Waren so schon die ersten Eindrücke, die wir am Abend unserer Ankunft in
Brussa empfingen, höchst angenehm, so überzeugten uns unsere Wanderungen
in der Stadt und in der näheren Umgebung bald, daß eine lieblichere
Sommerfrische im Orient wohl nicht gefunden werden kann. Fürwahr, die
türkischen Dichter haben recht, wenn sie diese Stadt als ein irdisches Paradies
besingen. Reizend schön, lieblich und großartig zugleich ist die ganze Lage und
Umgebung der Stadt, in vieler Beziehung derjenigen von Granada ähnlich. Als
ich auf der alten Schloßruine von Brussa, auf steilem Felsen hoch über der Stadt
stand, und als mein Blick über die Häusermassen, Kuppeln und Gärten zu
meinen Füßen schweifte, und weiter hinaus über die ausgedehnte, üppige grüne
Ebene und in blauer Ferne über den umschließenden Kranz von malerischen
Höhenzügen, da tauchte lebendig die Erinnerung an das herrliche Panorama in
mir auf, das ich vor Jahren auf der Alhambra und über der berühmten Vega von
Granada genossen hatte. Wie die andalusische Hauptstadt von den
schneegekrönten Höhen der Sierra Nevada, so wird Brussa von dem gewaltigen
Schneehaupte des Olymp überragt. Hier wie dort erhält die Lage der Stadt ihren
besonderen Reiz durch die Anlehnung an das wilde und großartige Gebirge,
durch den Quellenreichtum der buschigen Felsenschluchten und durch die
üppige Vegetation der von vielen Bächen bewässerten Ebene. Auch bieten die
beiden Städte viele Vergleichungspunkte in den zahlreichen und prächtigen
Denkmälern islamitischer Kunst und Geschichte, mit denen sie noch heute
geschmückt sind. Aber die Verhältnisse sind in Brussa großartiger und
gewaltiger als in Granada. Die anatolische Osmanenresidenz mit ihren vielen
hundert glänzenden Kuppeln, weißen Minaretten und schwarzen Zypressen
daneben ist weit malerischer als die berühmte andalusische Kalifenresidenz, und
auch in bezug auf die sprudelnde Wasserfülle und die Üppigkeit der südlichen
Vegetation ist die erstere der letzteren weit überlegen. Im übrigen aber hat doch
der landschaftliche Charakter beider Gegenden sehr viel Ähnlichkeit, und es legt
ein gutes Zeugnis für den Schönheitssinn und das feine Naturgefühl der
mohammedanischen Fürsten ab, daß sie ebenso in Kleinasien wie in Spanien die
mit den höchsten Naturreizen geschmückte Stadt zum bleibenden Herrschersitz
wählten. Das Gegenteil gilt von den christlichen Königen Spaniens, den
Gönnern der heiligen Inquisition; denn diese erwählten zu ihrer Residenz das
traurige Madrid, mitten auf der öden Hochebene von Kastilien, ohne Wald und
ohne Wasser.
Die üppige Ebene von Brussa, die südlich vom Olympgebirge, nördlich von
den Höhenzügen des Arganthonios (jetzt Katirli) umschlossen wird, ist ungefähr
vier deutsche Meilen lang, eine Meile breit, und fast in ihrer ganzen Ausdehnung
teils mit fruchtbaren Wiesen, teils mit Maulbeerpflanzungen bedeckt. Dieser Maulbeerwald ist das große Proviantmagazin für die Seidenraupen, welche
Brussas wichtigsten Handelsartikel, die kostbare Brussaseide, spinnen.
Zahlreiche, aus dem Olymp hervorquellende Bäche sorgen für beständige
Bewässerung der Ebene. Während die Hauptmasse des Olymp nach Süden steil
abfällt, strahlen nach Norden von seinem Fuße zwölf gewaltige Bergrücken aus,
zwischen denen ebensoviele Schluchten liegen. In jeder Schlucht rauscht ein
Bergstrom, der aus tausend Quellen das schmelzende Schneewasser des
Olympgipfels sammelt. Diese Bergströme führen auch im heißesten Sommer
eine nie versiegende Wasserfülle in das Tal, und darin liegt bei dem köstlichen
Klima die Hauptursache der üppigen Vegetationsfülle, wie des poetischen Reizes
der herrlichen Gegend. Überall rieseln kalte und warme Quellen aus den
Schluchten des Götterberges, Wasserfälle stürzen von seinen jähen Felswänden,
plätschernde Brunnen versorgen alle Teile der Stadt, und hier wird der
Koranspruch zur Wahrheit:
„Das Wasser hat Leben
Allen Dingen gegeben.“
(Min el — mai
Küllun schejun hai. )
Eine von den erwähnten Schluchten, wegen ihrer himmelhohen Felswände das
Himmelstal (Gökdereh) genannt, geht durch den östlichen Teil der Stadt mitten
hindurch und ist von einer kühnen Brücke überspannt. Im Grunde rauscht der
wilde Bergstrom über Felsentrümmer, während die Felsenmauern an beiden
Seiten, unterhalb der Häuser, mit Buschwerk und Schlingpflanzen behangen
sind. Eine andere, kleinere, aber ebenfalls sehr malerische Schlucht (Kodocha
Naib) durchschneidet den westlichen Teil der Stadt. Zwischen diesen beiden
Schluchten erheben sich, mitten über Brussa, auf einer gewaltigen, fast senkrecht
abfallenden Felsenterrasse, die Ruinen der Zitadelle und der ältesten
osmanischen Herrscherpaläste, derjenigen von Muhammed I. und Murad I.,
daneben die Moschee Sultan Orchans und die Grabkapellen von Orchan und
Osman. Auch vom Marmorbade des Harems sind noch bedeutende Reste
vorhanden. Von der alten Festung, der ältesten des osmanischen Reiches, sind
nur noch ein paar Mauern und Turmruinen übrig, und im Grase versteckt liegen
vier uralte, verrostete, eiserne Kanonenläufe. Wilder Wein und Efeu überziehen
wuchernd das zerfallene Trümmerwerk. Gleich hinter der Zitadelle liegt
Bunarbaschi, das „Quellenhaupt“, einer der beliebtesten öffentlichen
Spaziergänge Brussas. Hier trifft man jederzeit, besonders aber gegen Abend,
lustwandelnde oder auf den Rasenplätzen gelagerte Gruppen, die im Schatten
alter Platanen ihren Tschibuk rauchen, Kaffee schlürfen und dem Gemurmel der vorübereilenden Bergbäche lauschen.
Unmittelbar an diese reizende Promenade stößt ein Friedhof mit mächtigen
alten Zypressen, und wenn wir diesen durchschreiten und dann auf einem
anmutigen Felsenpfade den Berg eine Viertelstunde hinansteigen, so kommen
wir zu den berühmten Wallfahrtsorten zweier mohammedanischer Heiligen,
Murad Abdal und Seid Nassir. Von hier genießen wir bei Abendbeleuchtung eine
der schönsten Aussichten über die ganze, zu unseren Füßen liegende Stadt, über
die weite grüne Ebene und über die fernen Arganthoniosberge, die im Glanze der
Abendsonne sich in das zarteste rosige Gewand hüllen.
Nicht weniger als 365 malerische Aussichtspunkte und anmutige
Spaziergänge zählen die Bewohner von Brussa mit Stolz in ihrer herrlichen
Umgebung auf, und ebenso groß soll auch die Zahl der glänzenden Kuppeln, der
Moscheen und Gruftkirchen sein, die aus dem bunten Häusermeer der Stadt und
aus den überall eingestreuten grünen Gärten hervorragen. Doch ist wohl die
Mehrzahl derselben jetzt halb verfallen oder ganz zerstört. Immerhin dürften
noch gegen 200 Kuppeln vorhanden sein, und diese gehören nebst den schlanken
Minaretten und den uralten Zypressen zu den charakteristischen Zierden der
Stadt. Die weißen Minarette, die gleich hohen Marmorsäulen über die
metallglänzenden Kuppeln der Moscheen emporstreben, stehen in lichtvollem
Kontrast zu den düstern, schwarzgrünen Zypressen, welche überall einzeln und
gruppenweise in der Stadt und ihrer nächsten Umgebung zerstreut sind. Nie habe
ich gewaltigere und ehrwürdigere Zypressen gesehen als hier in Brussa.
Verglichen mit diesen mächtigen, uralten Riesen, erschienen mir die berühmten
Zypressen der Villa d’Este in Tivoli bei Rom als schlanke Jünglinge. Überaus
wirkungsvoll heben sich ihre dichten, schwarzen Nadelpyramiden auf der
lichtvollen und farbenprächtigen Landschaft von Brussa ab, besonders wenn die
untergehende Sonne diese mit einem zauberhaften roten Glanze überzieht.
Gleich allen anderen Städten des Orients ist auch Brussa im Innern viel
weniger anziehend als von außen. Doch zeichnen sich die engen Straßen durch
verhältnismäßige Reinlichkeit aus, und die blumenreichen Gärten hinter den
Häusern geben ihnen einen freundlichen Charakter. Die Stadt zieht sich über
eine Stunde lang am Olympabhange hin, ist aber kaum eine Viertelstunde breit.
Die Einwohnerzahl, früher weit über hunderttausend, beträgt jetzt kaum 70000,
darunter ungefähr 10000 Armenier, 6000 Griechen und 3000 Juden. Auch einige
deutsche Kaufleute leben in Brussa, darunter ein Badenser, namens Schwab, der
zugleich das Amt eines deutschen Vizekonsuls vertritt. Wir lernten in ihm einen
ebenso liebenswürdigen als fein gebildeten und poetisch begabten Landsmann
kennen und denken mit Vergnügen an die höchst angenehmen Abende zurück,
die wir in seinem gastfreien Hause verlebten. Ganz besonders erfreut war ich, in Herrn Schwab einen warmen Freund der „Natürlichen Schöpfungsgeschichte“ zu
entdecken und zu hören, daß er dem „Darwinismus“ unter den Anwohnern des
asiatischen Olympos schon manchen Anhänger geworben hat.
Unter den öffentlichen Gebäuden von Brussa sind vor allen die von den
ältesten Osmanen-Sultanen gegründeten Moscheen und Grabdenkmäler von
Interesse, sowohl durch ihren architektonischen Schmuck als durch die daran
geknüpften historischen Erinnerungen. Alle die älteren Herrscher der Osmanen-
Dynastie haben sich hier durch schöne Kuppeldome verewigt: voran Osman,
Ertoghruls Sohn, der als Gründer des Osmanenreichs sich welthistorische
Bedeutung erwarb; dann Orchan, der nach langer hartnäckiger Belagerung im
Jahre 1326 Brussa eroberte, kurz vor dem Tode seines Vaters Osman; darauf
Murad I., welcher den Schrecken der türkischen Waffen nach Europa trug und
1389 in der siegreichen Schlacht auf dem Amselfeld in Serbien fiel. Murads
Sohn war Childrim Bajasid, der „Blitzstrahl“, der gewaltige Krieger, der bis in
das westliche Ungarn vordrang, 1396 bei Nikopolis den deutschen Kaiser
Sigismund schlug, selbst aber 1402 in der furchtbaren Schlacht bei Angora von
dem Mongolen Timur geschlagen und gefangengenommen wurde. Auf Bajasid
folgte sein Sohn Mohammed I., auf diesem Murad II. und dann Mohammed II.,
der 1453 Konstantinopel eroberte. Alle diese mächtigen Sultane des
Osmanenreiches, die das ganze Abendland mit ihrer furchtbar wachsenden
Macht in Schrecken setzten, haben in Brussa eine Zeitlang residiert und
Moscheen gestiftet; die meisten sind auch dort begraben.
Auf der Ostseite der Stadt hat Childrim Bajasid seine Moschee erbaut, durch
edle Einfachheit ausgezeichnet. Daneben steht sein Grabmal, im ältesten und
einfachsten Stil der osmanischen Baukunst. Nicht weit davon erhebt sich auf
einem Hügel mit herrlicher Aussicht die prachtvolle Moschee Mohammeds I.,
die für die schönste des ganzen osmanischen Reiches gilt. Polierte Platten von
buntfarbigem Marmor schmücken die Außenwände, so daß der Dom schon von
fern wie ein Edelstein glänzt. Ein wundervolles Tor, mit den zierlichsten
Marmorarabesken, führt in das Innere, das mit blauen und grünen
Porzellanplatten getäfelt ist; darauf prangen Koraninschriften in weißem
Schmelz. Der Mirab (die Nische, worin der Koran liegt) ist von rotem Marmor,
mit Gold verziert. Auch die Kuppeln und Minarettes dieser wundervollen
Moschee waren ehedem ganz mit grünem persischen Porzellan bekleidet,
weshalb sie den Namen der „grünen Moschee“ erhielt.
Am anderen Ende von Brussa, nahe dem westlichen Eingang, liegt an einem
höchst malerischen Platze, von hohen Platanen und Zypressen umgeben, die
„Muradieh“, die Moschee und Gruftkirche Murads II., daran stoßend ein
Dutzend Mausoleen, Kapellen und Schulen. In den Gruftkirchen hängen noch Kleider und Waffen der Sultane und ihrer Familien. Auf den Sarkophagen liegen
schwarze Samtdecken, mit Silber und Gold gestickt, davor der Koran und
Gebetbücher in prächtigen alten Pergamentbänden mit feiner Malerei. Reizend
ist der Garten vor dieser Moschee, in welchem jetzt eben Rosen, Lilien und
Jasmin ihre Wohlgerüche ausströmen.
Die größte Moschee von Brussa, auf dem höchsten Punkte der Stadt gelegen,
ist vom Sultan Murad I. angefangen, von seinem Sohn Bajasid I. fortgeführt und
erst von seinem Enkel Mohammed I. vollendet. Sie bildet ein Quadrat von 200
Fuß Seitenlänge, und ihr Dach ist aus 19 Kuppeln zusammengesetzt. An Stelle
der zwanzigsten befindet sich ein mächtiges kreisrundes Fenster und darunter ein
großes viereckiges Wasserbecken, in dem Forellen spielen; eine
Eigentümlichkeit dieser Moschee. Mirab und Estrade sind mit
Marmorarabesken, Pfeiler und Wände mit seltsamen Schriftzügen, Sprüchen aus
dem Koran geschmückt. Früher wurde diese Moschee in den Ramasannächten
mit 700 Lampen erleuchtet.
Viele von den Moscheen und den andern merkwürdigen Gebäuden Brussas,
die Hammer in seinem „Umblick auf einer Reise von Konstantinopel nach
Brussa“ (1818) genau beschrieben hat, sind gelegentlich der wiederholten
Verheerungen der schönen Stadt durch Krieg, Feuersbrünste und Erdbeben,
insbesondere durch das letzte große Erdbeben von 1855, zerstört worden. Unter
den wohlerhaltenen Gebäuden sind besonders noch die warmen Bäder zu
erwähnen, schön gewölbte Kuppeldome, in denen mächtige warme Quellen
sprudeln. Diese Thermalquellen, sieben an der Zahl, brechen aus den Tiefen des
Olymp hervor; sie waren schon im Altertum wegen ihrer Heilkraft berühmt und
wurden vielleicht für Hannibal die Veranlassung, hier die Stadt zu gründen, die
er seinem Gastfreunde und Gönner, dem Könige Prusias von Bithynien zu Ehren
„Prusa“ nannte. Noch jetzt werden die Heilquellen Brussas alljährlich von
mehreren tausend Patienten aus allen Teilen des Orients besucht. In manche der
Bäder werden heiße und kalte Quellen nebeneinander geleitet und nach
Bedürfnis in den Marmorbassins gemischt. Die Temperatur ist teilweise
ausnehmend hoch und beträgt bei den vier mächtigen Hauptquellen 66 Grad R.
Unter den Ausflügen, die wir von Brussa aus unternahmen, war der weiteste
und interessanteste die Ersteigung des Olymp. Am 26. April um 5 Uhr morgens
bestiegen wir die starken türkischen Bergpferde, welche uns auf den ungefähr
8000 Fuß hohen Götterberg hinauftragen sollten. Zwei berittene und bewaffnete
Türken dienten uns als Führer und als Eskorte. Der klare wolkenlose Himmel
und die empfindlich kalte Morgenluft versprachen uns einen schönen Tag, und
sie hielten Wort. Nachdem wir die Stadt am östlichen Ende verlassen und eine
kurze Strecke durch Weingärten geritten waren, führte uns ein steiler und steiniger Pfad in dem Walde aufwärts, der als dichter grüner Mantel den ganzen
unteren Teil des gewaltigen Berges einhüllt. Der nördliche Abhang des Olymp
gliedert sich in drei verschiedene Terrassen, von denen die unterste gegen 2000,
jede der beiden oberen ungefähr 3000 Fuß hoch ist. Die oberste Terrasse ist fast
ohne Baumwuchs, die mittlere mit Nadelholz, die untere mit Laubholz bedeckt;
hier unten bestand auf unserem Wege der Laubwald größtenteils aus edlen
Kastanien und Nußbäumen, weiter oben gesellten sich dazu viele Buchen und
Eichen. Wilder Wein, Waldreben, Brombeeren und andere Schlingpflanzen
winden sich in zierlichen Girlanden von Baum zu Baum und dichtes
Efeugewand umschließt die altersgrauen Stämme. Der Boden zwischen den
Baumwurzeln ist mit einem lachenden Teppich bunter Frühlingsblumen geziert:
roten Anemonen, violetten Hyazinthen, blauen Veilchen, gelben Ranunkeln und
weißen Narzissen. Der gelbe Jasminstrauch verbreitet mit seinen zierlichen
Blütentrauben ringsum balsamischen Duft. Der Weg führt eine lange Strecke an
dem steilen östlichen Rande des Gökdereh oder Himmelstales empor, dessen
gewaltiger Felsenkessel mit senkrecht abfallenden Wänden in schwindelnder
Tiefe zu unseren Füßen liegt. Die granitische Felsenmasse des Olymp ist auf
dieser ersten Terrasse zum größten Teile von einem Gürtel von schiefrigem
Gneiß umgeben, jedoch ist derselbe an vielen Stellen von weißem Marmor
durchsetzt. Auf der zweiten Terrasse tritt fast überall der Granit zutage. Auf der
dritten Terrasse ist der rote Granit wieder vielfach von grauem und weißem
Marmor bedeckt, der auch den Gipfel bildet.
Nachdem wir etwa eine Stunde lang an der oberen Kante der
Himmelsschlucht emporgestiegen waren, erreichten wir an der Grenze der ersten
und zweiten Terrasse einen sehr anmutigen Platz. Der Wald ist hier auf eine
ausgedehnte Strecke gelichtet und der quellenreiche Felsboden mit üppigem
Rasen bedeckt. Das Gebell großer zottiger Wolfshunde, die uns
entgegensprangen, lenkte unsere Blicke auf eine Ziegenherde, die in einiger
Entfernung am Felsenhang weidete, und daneben wurden wir einige sonderbare
Zelte von halbtonnenförmiger Gestalt gewahr. Es waren die Sennhütten
turkomanischer Hirten, die den Sommer über auf den Abhängen des Olymp
Alpenwirtschaft treiben. Im Winter ziehen sie als unstete, halbwilde Nomaden in
der Ebene umher. Ihre Schafe und Ziegen sollen von den Herden Sultan Osmans
abstammen, der an 40000 Lämmer auf dem Olymp weiden ließ.
Auf dieser Turkmenenplatte genossen wir einen herrlichen Rückblick über die
ganze grüne Ebene von Brussa, tief unten im Grunde der blaue See von
Jenischehr, rechts im Hintergrunde die schöne Bergkette des Arganthonios, links
jäh zu unserer Seite das großartige Gökdereh. Von der Turkmenenplatte aufwärts
führte uns der Weg fast drei Stunden lang über die Granitgehänge der zweiten Terrasse, deren Walddecke meist aus Nadelholz, größtenteils Edeltannen und
Lärchenfichten, besteht. Namentlich unter ersteren finden sich prachtvolle alte
Stämme von gewaltiger Höhe und Stärke, mit langen, grauen Bartflechten
behangen. Große Strecken des Forstes waren durch Waldbrände zerstört, und
wie riesige Gespenster ragten die nackten, gebleichten Stämme der hohen
Edeltannen mit ihren halbverkohlten Zweigen aus den üppigen
Farnkrautbüschen hervor, die sich auf der Brandstätte angesiedelt hatten.
Zwischen den Aschenhaufen und den umherliegenden verkohlten
Baumtrümmern sproßte neues reiches Pflanzenleben aus den Ruinen der
vorhergegangenen Generation empor. Hunderte von kleinen Bächen, von dem
schmelzenden Olymposschnee gespeist, rieselten zwischen den Felsentrümmern,
und mehrmals mußten unsere Pferde durch reißende Bergwasser schreiten, deren
schäumende Wellen bis zu unserem Sattel emporreichten.
Der gewaltige Bergspalt des Himmelstales, auf dessen östlichem Rande sich
unser Pfad bisher meistens hielt, findet jetzt seinen Abschluß durch eine
kolossale Mauer von himmelhohen Felswänden, die von dem untern Rande der
dritten Olympterrasse fast senkrecht abstürzen.
Prächtige Wasserfälle schäumen donnernd zwischen den zerklüfteten
Granitpfeilern in die furchtbare Tiefe hinab und lösen sich unten in feinen
Wasserstaub auf. Üppige weiche Moospolster bekleiden die hervorragenden
Köpfe des triefenden Gesteins. Unser beschwerlicher Pfad weicht der
unersteiglichen Felsenmauer, die südwärts von uns liegt, aus und wendet sich
mehr gegen Osten, über einen zerklüfteten Abhang hinweg, der über und über
mit den großartigsten Felsentrümmern bedeckt ist. Die riesigen Granitblöcke, die
hier chaotisch durcheinander und übereinander liegen, sind von früheren
Reisenden treffend mit den Wurfgeschossen verglichen, deren sich die Giganten
bei ihrem mißlungenen Sturme auf die Götterburg bedienten; oder auch mit den
zerrissenen Gliedern der Giganten selbst, die Jupiter mit seinem Blitzstrahl
zerschmetterte und in Stein verwandelte.
Mühsam zwischen diesem Granitgetrümmer uns hindurchwindend, gelangen
wir zu einer steilen Felsentreppe, über welche unsere wackeren Rosse mit
bewunderungswürdiger Geschicklichkeit und Vorsicht hinanklettern. Nur an
wenigen Stellen müssen wir absteigen und den guten Tieren selbst mit
heraufhelfen. Nachdem wir die steilen, zum Teil in eine senkrechte Felswand
gehauenen Stufen glücklich erklommen haben, stehen wir plötzlich vor einem
neuen überraschenden Bilde. Vor uns liegt die dritte Terrasse, eine ausgedehnte
Hochebene, mit Tausenden von riesigen Granitblöcken bedeckt, hier und da auch
mit einigen niederen, ganz verkümmerten Tannen. Über denselben aber steigt in
erhabener Majestät der gewaltige Dom des Olympgipfels auf, eine schön gewölbte Kuppe, von oben bis unten in einen schimmernden Schneemantel
gehüllt. Zu unserer Rechten liegt am oberen Waldrande vorn ein kleiner, von
Gebüsch umgebener, Forellen enthaltender Alpensee. Mein Freund Körner hat
diese großartige Szenerie in einem prächtigen Ölbilde verewigt, das jetzt mein
Studierzimmer schmückt.
In munterem Galopp reiten wir nun auf dem weichen Moosboden gerade auf
unser Ziel los. Doch nimmt der Wasserreichtum des von tausend Quellen
getränkten Hochmoores bald so sehr zu, daß unsere Rosse bei jedem Schritte tief
in den Schlamm sinken. Wir müssen absteigen und sie vorsichtig hinter uns
herziehen, bis wir wieder festen Granitboden unter den Füßen haben. Wir
begegnen hier einer langen Karawane von Eseln, die in Zwerchsäcken
Olymposschnee herabholen, in Brussa und Konstantinopel die Hauptquelle für
das schöne Fruchteis, das die Bewohner im heißen Sommer erquickt.
Langsam über eine fast geneigte, teilweise mit Schnee bedeckte Berglehne
aufsteigend, haben wir endlich um 10 Uhr den nördlichen Fuß des
kegelförmigen Gipfels erreicht. Hier liegt eine halb verfallene steinerne Hütte,
die im Sommer von turkmenischen Hirten bewohnt wird. Sie erinnerte mich an
die Casa inglese am Fuße des obersten Aschenkegels des Ätna, in der ich im
Oktober 1859 übernachtete, und an die ähnliche Steinhütte, in der ich im
November 1866 oben auf dem Pik von Teneriffa rastete, bevor ich die
Besteigung des obersten, damals ebenfalls ganz mit Schnee bedeckten Kegels
begann. Obgleich die elende Turkmenenhütte uns wenig mehr als ein trockenes
Plätzchen inmitten der umgebenden Schneelandschaft gewährte, so war uns doch
eine halbstündige Rast in derselben nach dem ununterbrochenen, anstrengenden,
fünfstündigen Reiten und Klettern sehr willkommen.
Wir zäumten unsere Pferde ab, breiteten die Satteldecken auf dem zerfallenen
Gemäuer aus und zündeten aus umherliegendem Wurzelwerk und mitgebrachten
Kohlen ein wohltuendes Feuer an. Bald kochte über demselben ein kräftiger
Kaffee, und mit ausgezeichnetem Appetit verzehrten wir den Inhalt unserer
Satteltaschen: olympischen Käse und anatolische Hühnereier, Smyrnafeigen und
zyprische Orangen. Der treffliche rosenrote Feuerwein aus dem Olymphotel goß
neue Kraft in unsere ermüdeten Glieder. Während dieses herzerfreuenden
Mahles bewunderten wir den großartigen Ernst der Alpenlandschaft, die uns
umgab, und beratschlagten, ob und wie wir die Ersteigung des unmittelbar vor
uns liegenden Schneekegels bewerkstelligen könnten. Unsere Freunde unten in
Brussa hatten uns zwar vorher schon versichert, daß in dieser Jahreszeit an eine
Besteigung des Gipfels nicht zu denken sei und daß wir des Schnees wegen
höchstens bis zur dritten Terrasse kommen würden. Auch wollten unsere Führer
davon nichts wissen und verweigerten jeden Versuch zur Mitwirkung; ja sie prophezeiten uns sogar sicheren Untergang im Schnee, wenn wir
unbegreiflicherweise auf den Gipfel klettern wollten. Indessen lag der
schneeblinkende Doppelgipfel so verlockend vor uns, daß wir wenigstens den
Versuch einer Ersteigung beschlossen, zumal ein glücklicher Erfolg ähnlicher
früherer Wagnisse uns ermutigte. War ich den höheren und steileren Schneekegel
des Pik von Teneriffa vor sieben Jahren allein und gegen den Willen der Führer
glücklich hinaufgekommen, so mußte auch dieses, offenbar viel weniger
schwierige Unternehmen glücken; und so traten wir denn wohlgemut nach
halbstündiger Rast unsere Wanderung an.
Das glückliche Gelingen mußte davon abhängen, ob die vor uns liegende
steile Schneewand, die in ununterbrochener Flucht von der Turkmenenhütte bis
zum Doppelgipfel aufstieg, zugänglich war; ob der Schnee weich genug war, um
darin festen Fuß zu fassen, hart genug, um nicht zu tief einzusinken. In der Tat
war dies der Fall, und wir konnten ohne Gefahr, wenn auch nur langsam und
beschwerlich, im Zickzack über die glänzende Lehne emporsteigen. Unsere
kleine Gesellschaft kam jedoch bald auseinander, da sich jeder seinen eigenen
Weg suchte. Ich hielt mich am weitesten östlich, zog die kürzeste und steilste
Richtung vor und hatte nach anderthalbstündigem anstrengenden Klettern
glücklich den höchsten Gipfel erreicht; es war gerade 12 Uhr mittags. Eine halbe
Stunde später traf auch der Maler Körner oben ein, der sich seinen Pfad auf einer
etwas flacher geneigten Schneelehne gesucht und dadurch einen Umweg
gemacht hatte. Unsere anderen Reisegefährten, die eine ungünstigere, zu sehr
von der Sonne aufgeweichte Schneehalde betreten hatten, erreichten die Höhe
nicht und kehrten nach vergeblichen Versuchen zur Turkmenenhütte zurück, wo
unsere Führer bei den Pferden geblieben waren.
Eigentümlich erhebend und großartig war die gewaltige Rundsicht, die wir
nun auf dem Gipfel des asiatischen Olymp, in ungefähr 8000 Fuß Höhe über
dem Meere, genossen, und die durch das herrlichste, klarste Sonnenlicht
begünstigt wurde. Wir standen auf einem anatolischen „Dreiherrenspitz“, denn
der Gipfel des Olympos bezeichnet die Grenze dreier Provinzen des alten
römischen Weltreiches. Bithynien im Norden und Osten, Phrygien im Süden,
Mysien im Westen. Vor allem großartig und prächtig ist der Blick nach Norden,
wo unser Auge über die grüne Ebene von Brussa und den blauen Golf von
Mudania hinüber auf das Marmarameer schweift, auf die Prinzeninseln und
weiter bis zum Bosporus, ja bis zu dem Häusermeer und dem Kuppelwald von
Konstantinopel, das wir eben noch erkennen können. Westwärts erfreut sich das
Auge an den herrlichen grünen Gefilden des fruchtbaren und früher reich
bevölkerten mysischen Küstenlandes, aus denen die beiden großen Landseen
von Apollonia und Manija wie zwei blinkende Augen glanzvoll hervorschauen. Im Süden hingegen erblicken wir weit und breit nur dunkles Waldgebirge,
Kuppen über Kuppen gehäuft, die Gipfel noch mit Schnee bedeckt, ohne eine
Spur von menschlichen Wohnsitzen. Ostwärts ist die Rundsicht großenteils
durch die benachbarten niederen Höhen des Olymprückens verdeckt.
Welche Ereignisse vollzogen sich auf der welthistorischen Schaubühne,
welche unser Auge hier mit einem Blicke meilenweit überfliegt! Welche Fülle
der größten historischen Erinnerungen knüpft sich allein an die Wasserstraße zu
unseren Füßen, die gleich einem Zauberbande zwei Weltteile trennt und
verbindet! Hier führten Xerxes und Darius ihre persischen Heeresmassen nach
Griechenland hinüber; hier traten die römischen Legionen von Europa nach
Asien über, um die Königreiche von Bithynien und Mysien der
Universalherrschaft Roms zu unterwerfen; aus demselben Boden sammelten die
ersten Osmanensultane, deren Wiege in Brussa stand, ihre Türkenheere, die in
kurzer Zeit der Schrecken Europas wurden; und ebenda strömten wiederum die
bunten Scharen der Kreuzfahrer aus allen Landen Europas nach dem „Heiligen
Lande“, um das leere Phantom der Grabeskirche zu erobern!
Nachdem wir uns an dem wunderbaren Panorama gesättigt und die daran sich
knüpfenden Erinnerungen in raschem Phantasiefluge an uns hatten
vorüberziehen lassen, warfen wir noch einen Blick auf die nächste Umgebung,
auf die weißen Marmorblöcke, die den Gipfel des Olymp bedecken, und auf die
winzige Alpenflora, die zwischen denselben den Boden bekleidet. Da erkannten
wir, unter der Schneedecke versteckt, zierliche kleine Saxifragen und Gentianen,
niedliche Kruziferen und Primeln, Alpenpflanzen, deren schöne, farbenreiche
Blüten im Hochsommer den Gipfel des Götterberges mit buntem Schmucke
zieren. Gegenwärtig waren nur das im Winterschlaf versunkene Kraut der
Zwergflora sichtbar und trockene Früchte aus dem vorigen Jahre. Aber ein
Schwarm von niedlichen roten, schwarz getüpfelten Marienkäferchen
(Coccionella) tummelte sich im Sonnenschein auf dem schneebedeckten Rasen.
Auch eine der beliebtesten und am meisten charakteristischen Pflanzen unserer
Hochalpen fehlte nicht: das Edelweiß, oder doch eine diesem nahe verwandte,
mit weitem Filz bedeckte Gnaphalium-Art.
Als bleibendes Andenken an die gelungene Olympbesteigung schlug ich mir
die Spitze des am höchsten vorragenden Marmorblockes ab und steckte sie zu
den Alpenpflanzen in die Wandertasche; vertrauend, daß Vater Zeus darüber
nicht zürnen werde, wenn sein Götterberg um einen halben Fuß niedriger ist.
Dann trat ich mit meinem Gefährten Körner wohlgemut den Rückweg an. Über
die glatte Schneewand herabrutschend, waren wir in kurzer Zeit wieder bei der
Turkmenen-Hütte und banden uns hier noch einen schönen Strauß von den
bunten Blumen, die unmittelbar am Rande des schmelzenden Schnees blühten: gelber und violetter Safran (Crocus), blaue Meerzwiebel (Scilla) und rote
Aurikeln (Primula). Dann setzten wir uns wieder zu Pferde, genossen auf dem
Rückwege, der mit mehr Muße zurückgelegt wurde, noch eine prachtvolle
Abendbeleuchtung und waren um 8 Uhr abends wieder in Brussa.
Ende.
Natur und Mensch.
Inhalt.
Seite
Einleitung: Ernst Haeckel 3
Natur und Mensch: 23
I. Inhalt und Bedeutung der Abstammungslehre 25
II. Schöpfungsperioden und Schöpfungsurkunden 51
III. Die Gasträatheorie 89
IV. Erfahrung und Erkenntnis 119
V. Arabische Korallen 138
VI. Brussa und der asiatische Olymp 159
Georg Reimer, Berlin W. 35.
Ernst Haeckel
Natürliche Schöpfungsgeschichte.
Gemeinverständliche wissenschaftliche Vorträge über die Entwicklungsgeschichte.
Ausgabe in einem Bande. Mit 30 Tafeln. Geb. 8 M.
Prinzipien der Generellen Morphologie der Organismen.
Wörtlicher Abdruck eines Teiles der 1866 erschienenen Generellen Morphologie. (Allg. Grundzüge der organischen Formen-Wissenschaft mechanisch begründet durch die von Charles Darwin reformierte Deszendenz-Theorie.)
Mit einem Porträt. Geheftet 12 M. Halbfranz geb. 14 M
Systematische Phylogenie.
Entwurf eines natürlichen Systems der Organismen auf Grund ihrer Stammesgeschichte.
1. Teil: Protisten und Pflanzen. 10 M.
2. Teil: Wirbellose Tiere (Invertebrata). 17 M. 3. Teil: Wirbeltiere (Vertebrata). 16 M.
Drei Halbfranzbände gebunden 49 M.
Arabische Korallen.
Ein Ausflug nach den Korallenbänken des Roten Meeres und ein Blick in das Leben der Korallentiere. Populäre Vorlesung mit wissenschaftlichen Erläuterungen.
Mit 6 Tafeln in Farbendruck und 20 Holzschnitten. Geheftet 15 M.
Selektionsprinzip
und Probleme der Artbildung.
Ein Handbuch des Darwinismus
von
Dr. Ludwig Plate
Professor der Zoologie an der Landw. Hochschule und an der
Universität Berlin.
Dritte, sehr vermehrte Auflage.
Mit 60 Figuren im Text.
VIII u. 493 S. Gr. 8. Geh. M 12.—, in Leinen geb. M 13.—
Von allen neueren Arbeiten über die Selektionstheorie ist vorliegende unstreitig die bedeutendste ... Zum Schlusse möchten wir noch auf den Gegensatz dieser im besten Sinne wissenschaftlichen Kritik zu den tendenziösen Entstellungen Fleischmanns, Dennerts usw. hinweisen, ein Gegensatz, der so auffallend ist, daß selbst der Laie sofort sehen wird, zu wessen Führung er am meisten Vertrauen haben darf.
Die Umschau.
Einführung
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A baelard u. Heloise, Briefwechsel 100
Achleitner, Eisenbahnstreik 80
Adami, Die Elektrizität 150
Adlersfeld-Ballestrem, Violet 80
Aeschylos, Sämtliche Dramen 150
Albrecht, Abriß der römischen Literaturgeschichte 120
Albumblätter 60
Alt, Das Klima 80
Alexis, Cabanis. 2 Bände 220
—, Hosen d. Herrn v. Bredow 100
—, Der Roland von Berlin 175
—, Der Werwolf 120
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Andersen, Bilderbuch ohne Bilder 60
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—, Der Improvisator 120
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Anschütz, Erinnerung. aus dessen Leben und Wirken 100
Anthologie, Griechische 120
Apel u. Laun, Gespensterbuch 150
Archenholtz, Gesch. d. 7 jähr Krieg. 120
Ariosto, Rasender Roland. 2 Bde. 225
Aristoteles, Die Poetik 60
—, Verfassung von Athen 60
Arndt, Erinnerungen 100
—, Gedichte 80
—, Wanderungen mit Stein 80
Arnim, Bettina von, Goethes Briefwechsel mit einem Kinde 150
Arnim-Brentano, Des Knaben Wunderhorn 175
Arnold, Die Leuchte Asiens 80
Auerbach, Barfüßele 100
—, Die Frau Professorin 80
—, Diethelm von Buchenberg 100
—, Joseph im Schnee 80
Augustinus, Bekenntnisse 120
Balzac, Die Chouans 120
—, Die Frau von 30 Jahren 80
Bandlow, Stratenfegels. 5 Bände zus. in 1 Band 150
—, Lustig Tügs. 5 Bde. zus. in 1 Bd. 150
Bartels, Hebbel-Biographie 60
Basedows Vorstellung an Menschenfreunde 60
Baudelaire, Gedichte u. Skizzen 60
Beecher-Stowe, Onkel Toms Hütte 150
Beetschen, Flegeljahre der Liebe 60
Beitzke, Geschichte des Russischen Krieges im Jahre 1812 120
Bell, Jane Eyre 150
Bellamy, Ein Rückblick 80
—, Dr. Heidenhoffs Wunderkur 60
—, Miß Ludingtons Schwester 80
Benzmann, Mod. deutsche Lyrik 150
Bérangers Lieder 80
Berges, Amerikana. Bd. 1-5 zus. 150
Bern, Deklamatorium 150
Bernhard, Die Glücklichen 60
Bierbaum, Reife Früchte 80
Bier-Komment (Tascheneinband) 40
Biernatzki, Die Hallig 80
Bismarck, Goldene Worte 60
—, Reden. 13 Bände je 100
Bismarcks Humor 60
Björnson, Erzählungen 175
—, Schauspiele 225
Bleibtreu, Bei Jena u. a. Nov. 60
—, Friedrich d. Große bei Kolin 80
Blumauer, Aeneis 80
Blumenthal, Scherzgedichte 60
Blüthgen, Aus gärender Zeit 120
Bock, Meßfahrt u. and. Novellen 60
Boëtius, Tröstungen d. Philos. 80
Bojardo, Verliebt. Roland. 2 Bde. 225
Boner, Der Edelstein 80
Börne, Skizzen u. Erzählungen 100
Börner, Raimund-Biographie 60
Bötticher, Alfanzereien 60
—, Allerlei Schnick-Schnack 60
—, Allotria 60
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—, Weiteres Heiteres 60
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—, Humoristisches Allerlei. Zus. geb. in 2 Bänden je 120
Bourget, Der Luxus der Andern 80
Boy-Ed, Aus Tantalus Geschlecht 120
Boyesen, Faust-Kommentar 80
Brachvogel, Friedem. Bach. 2 Bde. je 100
Brant, Narrenschiff 80
Bremer, Die Nachbarn 120
—, Friedrich, Musiklexikon 175
Brendicke, Bilder aus der Geschichte der Leibesübungen 80
Brentano, Heitere Geschichten. Bd. 1-5 zus. in 1 Band 150
Bret Harte, Gabriel Conroy 150
—, Kalifornische Erzählungen. 2 Bände je 120
—, Geschichte einer Mine 80
—, Thankful Blossom 60
Briesen, Gemütsmenschen. 1. u. 2. Band zus. in 1 Band 80
Brillat-Savarin, Physiologie des Geschmacks 120
Brinckman, Kasper-Ohm un ick 80
Brücke, Säugetierorganismus 175
Brugsch, Aus dem Morgenlande 80
Brümmer, Lexikon deutsch. Dichter bis Ende des 18. Jahrh. 150
—, Lexikon der deutschen Dichter des 19. Jahrh. 8 Bde. je 150
Bruno, Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen 80
Buchanan, Der Deserteur 120
Bücher der Naturwissenschaft. Hrsg. v. Prof. Dr. S. Günther:
Bd. 1. Ostwald, Naturphilosophie 80
" 2/3. Günther, Geschichte der Naturwissenschaft 150
" 4. Bugge, Strahlungserschein. 80
" 5. Geigel, Licht und Farbe 100
" 6. Messerschmitt, Sternenhimmel 100
" 7. Lampert, Abstammungslehre 100
" 8. Speter, Chem. Grundstoffe 80
" 9. u. 14. Adami, Elektrizität 150
" 10. Geigel, Wärme 100
" 11. Bugge, Chemie u. Technik 100
" 12. Alt, Klima 80
" 13. Messerschmitt, Physik der Gestirne 100
" 14. s. Bd. 9.
" 15. Lampert, Vom Keim zum Leben 100
" 16. Wieleitner, Schnee und Eis der Erde 100
" 17. Speter, Chem. Verwandtsch. 80
" 18/19. Hempelmann, Wirbeltierkörper 150
" 20. Pahde, Meereskunde 100
" 21. Leiser, Welt der Kolloide 80
" 22/23. Brücke, Säugetierorg. 175
" 24. Halbfaß, Süßwass. d. Erde 100
Buddhas Leben und Wirken 100
Bugge, Chemie und Technik 100
—, Strahlungserscheinungen (Radioaktivität) 80
Bülows Reden. 4 Bde. je 100
Bulwer, Eugen Aram 150
—, Nacht und Morgen 150
—, Pelham 150
—, Rienzi 150
—, Die letzten Tage von Pompeji 150
Bürger, Gedichte 100
—, Münchhausens Abenteuer 60
Burnett, Lord Fauntleroy 80
Burns’ Lieder und Balladen 60
Busch, Gedichte 60
Busse, Der dankb. Heilige u. a. Nov. 60
Byron, Briefe 100
—, Gesang. v. Chillon. — Mazeppa 60
—, Der Gjaur 60
—, Der Korsar 60
—, Manfred 60
—, Ritter Harold 80
Calderon, Das Leben ein Traum 60
Camoes, Die Lusiaden 100
Carlyle, Über Helden, Heldenverehrung und das Heldentümliche in 100
der Geschichte
Carmen Sylva, Aus dem Leben 60
Cäsar, Der Bürgerkrieg 80
—, Der Gallische Krieg 100
Cervantes, Don Quijote. 2 Bde. 250
Chamisso, Gedichte 120
—, Peter Schlemihl 60
Chateaubriand, Atala. — René. — Der letzte Abencerrage 80
Cherbuliez, Reich geworden 100
Chiavacci, Wiener Bilder 80
Cholmondeley, Diana 120
Chop, Richard Wagners Tondramen. Komplett in 2 Bänden 300
—, Beethovens Symphonien 100
Cicero, Gespräche in Tuskulum 100
Claudius’ Ausgewählte Werke 150
Cölestin, Forsthausgeschichten 80
Collius, Ohne Namen 150
Cooper, Der letzte Mohikan 100
—, Der Spion 100
Cornelius, Peter, Gedichte 60
Cremer, Holländische Novellen 150
Çûdraka, Vasantasênâ 80
D adone, Wie ich z. mein. Frau kam 80
Damm, Arthur Schopenhauer 100
Dante, Göttliche Komödie 150
—, Das Neue Leben 60
Darwin, Die Abstammung des Menschen. 2 Bde. je 150
—, Entstehung der Arten 175
Daudet, A., Briefe a. mein. Mühle 80
—, Fromont jun. & Risler sen. 100
—, Jack 175
—, Künstler-Ehen 60
—, Tartarin aus Tarascon 60
—, E., Die Frau des Botschafters 120
Daumer, Hafis 80
David, Der Bettelvogt u. a. Erz. 60
—, Ein Poet u. a. Erzählungen 60
Davids, Der Buddhismus 80
Defoe, Robinson Crusoe 100
Denison, So’n Mann wie mein Mann 80
Descartes, Methode des richtigen Vernunftgebrauchs 60
Dessauer, Götzendienst 100
Detmold, Randzeichnungen. — Anleitung zur Kunstkennerschaft 60
Deutscher Minnesang 80
Dickens, Copperfield. 2 Leinenbde. 225
—, Dombey & Sohn. 2 Bde. je 150
—, Harte Zeiten 100
—, Heimchen am Herde 60
—, Der Kampf des Lebens 60
—, Klein Dorrit. 2 Leinenbände 250
—, Londoner Skizzen 120
—, Martin Chuzzlewit. 2 Leinbde. 225
—, Nikolas Nickelby. 2 Leinenbde. 225
—, Oliver Twist 120
—, Die Pickwickier. 2 Lnbde. 200
—, Zwei Städte 120
—, Die Silvester-Glocken 60
—, Der Verwünschte 60
—, Der Weihnachtsabend 60
—, Weihnachtsgeschichten in 1 Bd. 150
Diers, Frau Elsbeth 80
Dittrich, Tages-Chronik v. 1870/71 80
Dokumente zur Geschichte des Krieges 1914/15. 3 Bände je 60
Dombrowski, Grüne Brüche. 2 Bde. je 60
Donnelly, Cäsars Denksäule 100
Dostojewskij, Erzählungen 60
—, Memoiren aus einem Totenhaus 100
—, Schuld und Sühne 150
Doyle, Onkel Bernac 80
Droste-Hülshoff, Gedichte 120
Dufresne, Damespiel 80
—, Schachaufgaben. 5 Teile je 80
—, Schachmeisterpartien. 1. Teil (2.-4. s. Mieses) 80
—, Schachspiel 150
Dumas, Die drei Musketiere 175
—, Zwanzig Jahre später. 2 Bde. 250
E berhard, Hannchen und die Küchlein 60
Eckermann, Gespräche m. Goethe 175
Eckstein, Der Besuch im Karzer 60
Edda. Deutsch von Wolzogen 120
v. Eichendorff, Gedichte 100
—, Aus d. Leben e. Taugenichts 60
—, Marmorbild. — Schloß Dürande 60
Ekkehard von St. Gallen, Das Waltharilied 60
Eliot, Adam Bede 175
—, Die Mühle am Floß 175
—, Silas Marner 80
Emerson, Essays 80
—, Repräsentanten des Menschengeschlechts 80
Enking, Heine Stölting u. a. Erz. 60
Eötvös, Der Dorfnotar 150
Epiktets Handbüchlein d. Moral 60
Erckmann-Chatrian, Freund Fritz 80
—, Geschichte eines Anno 1813 Konskribierten 80
—, Waterloo 80
—, Geschichte e. Anno 1813 Konskribierten u. Waterloo in 1 Bd. 120
Ernst, Vom Strande des Lebens 60
Etlar, Vendetta 80
Eulenspiegel 80
Euler, Algebra 120
Ewald, Bilder aus dem Tier- und Pflanzenleben 60
—, Streiflichter 60
Eyth, Berufstragik 80
Felder, Liebeszeichen 60
Ferry, Der Waldläufer. 2 Bde. 225
Feth, Gedichte 60
Feuchtersleben, Diätetik d. Seele 60
Feuerbach, Wesen d. Christentums 150
Feuerwehrliederb. (Tascheneinbd.) 40
Fichte, Bestimmung d. Menschen 80
—, Reden an die deutsche Nation 80
Fielding, Tom Jones. 2 Bde. 225
Fischart, Die Flohhatz 60
Flaubert, Madame Bovary 150
—, Salambo 120
Fleming, Ausgewählte Dichtungen 80
Flygare-Carlen, Rose von Tistelö 150
Fofanow, Gedichte 60
Forster, Ansichten vom Niederrhein. 3 Teile. Zus. geb. 175
Fouqué, Undine 60
France, Prof. Bonnards Schuld 80
Franklins Leben 80
Französische Lyrik 150
Faungruber, Ausseer G’schichten 80
Freidanks Bescheidenheit 80
Freiligrath, Gedichte 80
Frenzel, Das Abenteuer 60
—, Die Berliner Märztage und andere Erinnerungen 60
—, Der Hausfreund 60
—, Die Uhr 60
Freund, Rätselschatz 150
Fried, Lexikon deutscher Zitate 100
—, Lexikon fremdsprachl. Zitate 100
Friedrichs des Großen ausgewählte Briefe 120
Fritze, Indische Sprüche 60
G aedertz, Fritz Reuter-Biogr. 80
Gallet, Kapitän Satan 120
Gaudy, Schneidergesell 60
—, Venezianische Novellen 100
Geibel, Gedichte 100
Geigel, Licht und Farbe 100
—, Die Wärme 100
Geiger, A., Der Blitz — Die Trommel 80
—, L., Chamisso-Biographie 60
Geijer, Gedichte 60
Gellert, Fabeln u. Erzählungen 80
—, Oden und Lieder 60
Gensichen, Zu den Sternen! 80
George, Fortschritt und Armut 150
Gerhard, Die Stangenjäger u. andere Erzählungen 60
Gerhardts geistliche Lieder 100
Gerstäcker, Unter dem Äquator 150
—, Flußpiraten des Mississippi 150
—, Der Kunstreiter 120
—, Die Regulatoren in Arkansas 150
Gerstmann, Der Mühlhofbauer 60
Gesetze: s. unter Reichsgesetze, Preußische, Österreichische und
Schweizerische Gesetze.
Gilm, Gedichte 120
Girschner, Musikal. Aphorismen 60
Gleim, Ausgewählte Werke 80
Glümer, Schröder-Devrient 80
Gobineau, Asiatische Novellen 80
—, Reisefrüchte 80
—, Die Renaissance 150
—, Das Siebengestirn 120
—, Die Tänzerin von Schemacha 60
Gogol, Phantasien u. Geschichten 120
Goldsmith, Der Landprediger von Wakefield 80
Gorjkij, Erzählungen 175
Goethe, Egmont 60
—, Faust. 2 Teile in 1 Band 80
—, Gedichte. In Leinen, 2 Bde. je 150
—, Götz von Berlichingen 60
—, Hermann und Dorothea 60
—, Iphigenie auf Tauris 60
—, Dramatische Meisterwerke (Götz von Berlichingen. Egmont. 100
Iphigenie auf Tauris. Tasso)
—, Reineke Fuchs 60
—, Torquato Tasso 60
—, Werthers Leiden 60
—, Briefe an Frau Charlotte von Stein 175
Goethe u. Zelter, Briefwechsel. 3 Bände je 150
Goethe-Schiller Xenien 80
Goethes Mutter, Briefe 100
Gottfried v. Straßburg, Tristan und Isolde 175
Gotthelf, Uli der Knecht 100
—, Uli der Pächter 120
Gottschall, H. Schachaufg. 2 Teile je 80
—, R., Deutsche Lyrik d. 19. Jahrhdts. bis zur modernen Ära 150
—, Grabbe-Biographie 60
—, Lenau-Biographie 60
—, Schiller-Biographie 80
—, Die Rose vom Kaukasus 60
Grabein, Der tolle Hans 80
—, Wildwasser 60
Gracians Handorakel 80
Greinz, Lust. Tiroler Geschichten 60
Grillparzer, Gedichte 80
Grimm, Brüder, 50 Märchen (mit 12 Bildern) 80
—, Sämtl. Märchen 1. u. 2. Bd. 175
—, — 3. Bd. 150
—, M., Aus der Kinderstube 60
Grimmelshausen, Der abenteuerliche Simplizissimus 150
Groller, Detektiv Dagoberts Taten und Abenteuer. 2 Bände je 100
—, Vom kleinen Rudi 60
Grosse, Novellen des Architekten 60
Grossi, Marco Visconti 120
Grün, Anastasius, Gedichte 80
—, Spaziergänge e. Wiener Poeten 60
Gruppe, O. F., Gedichte 80
Gudrun. Deutsch von Junghans 80
Gundlach, Französische Lyrik 150
—, 1000 Schnadahüpfln 80
Gunkel, Ohne Heim 80
Günther, Joh. Chr., Gedichte 80
—, Sigm., Geschichte der Naturwissenschaften 150
Gussew und Spiro, Gespräche mit Graf Leo Tolstoi 60
Gutzkow, Ausgewählte Novellen 80
—, Der Königsleutnant 60
—, Urbild des Tartüffe 60
—, Uriel Acosta 60
—, Zopf und Schwert 60
H aarhaus, Goethe-Biographie 100
Habberton, Allerhand Leute 80
—, Frau Marburgs Zwillinge 60
—, Andrer Leute Kinder 100
—, Helenes Kinderchen 80
—, Helenes Kinderchen u. Andrer Leute Kinder in 1 Band 150
Hackländer, Augenblick d. Glücks 100
—, Handel und Wandel 100
—, Soldatenleben im Frieden 80
Haeckel, Natur und Mensch 80
Haek, Phantasie- u. Lebensbilder 60
Hagedorn, Poetische Werke 100
Hagen, Norika 80
Halbfaß, Süßwasser der Erde 100
Hals oder Peinliche Gerichtsordnung 60
Hamm, Wilhelm, Gedichte 60
Hammer, Schau um dich 60
Hansjakob, Der Theodor 60
Hartmann, Krieg um den Wald 80
Hartmann v. Aue, Gregorius 60
—, Der arme Heinrich 60
Hauff, Die Bettlerin 60
—, Lichtenstein 100
—, Der Mann im Monde 80
—, Märchen 100
—, Memoiren des Satan 100
—, Phantasien 60
Haug, Sinngedichte 60
Haushofer, Der Floßmeister. — Scharka 60
Häusser, Freiheitskriege. 1. Band 120
—, — 2. Band 175
—, Völkerschlacht b. Leipzig 1813 60
Hebbel, Gedichte 120
—, Die Nibelungen 80
Hebel, Allemannische Gedichte 60
—, Schatzkästlein 80
Hegel, Philosophie der Geschichte 150
Heiberg, Die Andere. — Einmal im Himmel 80
Hein, Adalbert Stifter 60
Heine, Atta Troll — Deutschland 60
—, Buch der Lieder 80
—, Neue Gedichte 60
—, Die Harzreise 60
—, Romanzero 80
Heliand 80
Helmer, Prinz Rosa-Stramin 60
Hempelmann, Der Wirbeltierkörper. 1. u. 2. Teil zus. in 1 Bd. 150
Herbart, Allgemeine Pädagogik 80
—, Pädagogische Vorlesungen 80
Herder, Der Eid 60
—, Schulreden 80
—, Stimmen der Völker 100
Hermannsthal, Ghaselen 60
Herodotos Geschichten. 2 Bände 200
Herold, Zenab 80
Herrig, Gesamm. Aufsätze über Schopenhauer 60
Hertz, König Renés Tochter 60
Hertzka, Reise nach Freiland 80
Herwegh, Gedichte eines Lebendigen 80
Herzog, Komödien des Lebens 80
Hesekiel, Das Buch vom Fürsten Bismarck. 2 Bände 200
Heyden, Das Wort der Frau 60
Heyse, Paul, Zwei Gefangene 60
—, König Saul 60
Hilfsbuch, engl.-franz.-deutsches 150
Hille, Aus d. Heiligtum d. Schönh. 60
Hiob, Das Buch 100
Hippel, Über die Ehe 80
Hitopadesa 100
Hocking, Im Kampfe m. d. Schicksal 100
Hoefer, Erzählgn. e. alt. Tambours 60
Hoffmann, Elixiere des Teufels 100
—, Kater Murr 120
—, Klein Zaches 60
—, Kreisleriana 80
Hoffmann v. Fallersleben, Ausgewählte Gedichte 80
—, Kinderlieder 60
Hölderlin, Gedichte 60
Hollaender, Der Pflegesohn und zwei andere Novellen 60
Holtei, Der letzte Komödiant 175
—, Schlesische Gedichte 120
—, Die Vagabunden. 2 Bände 240
Hölty, Gedichte 60
Holzamer, Der Held u. a. Nov. 60
Homer, Werke. Von Voß (Ilias, Odyssee) 150
—, Ilias 100
—, Odyssee 100
Hopfen, Der Böswirt 60
—, Mein Onkel Don Juan 120
Horaz Werke. Von Voß 80
Hufeland, Makrobiotik 120
Hugo, Victor, Notre-Dame 175
Humboldt, A. v., Ansicht d. Natur 100
—, W. v., Briefe an eine Freundin 150
Hume, Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand 80
Hunt, Leigh, Liebesmär von Rimini. Deutsch v. Meerheimb 60
Hutten, Gesprächsbüchlein 80
Jacobsen, Niels Lyhne 80
—, Sechs Novellen 60
Jahn, Deutsches Volkstum 80
—, Kleine Schriften 80
—, u. Eiselen, Deutsche Turnkunst 80
Japanische Novellen u. Gedichte 60
Ibsen, Brand 80
—, Gedichte 60
—, Gesammelte Werke. 4 Lbd. je 150
Iden-Zeller, 12000 Kilometer durch Sibirien 60
Jean Paul, Flegeljahre 120
—, Hesperus. 2 Leinenbde. 200
—, Immergrün &c. 60
—, Der Jubelsenior 80
—, Dr. Katzberger 80
—, Der Komet 120
—, Levana 100
—, Quintus Fixlein 80
—, Siebenkäs 120
—, Titan. 2 Leinenbände 225
Jensen, H., Schatten d. Schlachtfeldes 80
—, Wilh., Erbin von Helmstede 100
—, Hunnenblut 60
Jerome, Die müßigen Gedanken eines Müßigen 80
Jerrold, Frau Kaudels Gardinenpredigten 80
Jesaja, Buch vom Propheten 100
Ifflands Briefwechsel 100
Immermann, Die Epigonen 150
—, Münchhausen 175
—, Der Oberhof 100
—, Tristan u. Isolde 100
—, Tulifäntchen 60
Joëls Kochbuch 120
Jókai, Dame mit den Meeraugen 100
—, Schwarze Diamanten 150
—, Ein Goldmensch 150
—, Ein ungarischer Nabob 150
—, Gold. Zeit in Siebenbürgen 100
—, Die Táblabirós 120
—, Traurige Tage 100
—, Die unsichtb. Sängerin. — Das Faustpfand 60
—, Zoltán Karpáthi 150
Irving, Alhambra 100
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Jugenderinnerungen eines alten Mannes 150
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Junggesellenbrevier 60
Jung-Stillings Lebensgeschichte 150
K alidasa, Sakuntala 60
Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten 60
—, Zum ewigen Frieden 60
—, Kritik der Urteilskraft 120
—, Kritik der prakt. Vernunft 80
—, Kritik der reinen Vernunft 150
—, Von der Macht des Gemüts 60
—, Allgemeine Naturgeschichte &c. 80
—, Prolegomena 80
—, Die Religion 80
—, Streit der Fakultäten 60
—, Träume eines Geistersehers 60
Kartenspiele. 3 Bände je 60
Kellen, Bienenbuch 60
Keller, Helen, Auswahl 60
Kennan, Russische Gefängnisse 60
—, Sibirien. 3 Teile 150
—, Zeltleben in Sibirien 100
Kerner, Gedichte 80
—, Die Seherin von Prevorst 150
Kiesgen, Kleist-Biographie 60
Kinkel, Otto der Schütz 60
Kleist, E. Chr. v., Werke 60
Klepp, Lehrbuch d. Photographie 80
Klopstock, Messias 120
—, Oden und Epigramme 100
Knigge, Umgang mit Menschen 100
Kobell, Gedichte in oberbayrischer Mundart 80
—, Gedichte in pfälz. Mundart 60
Köhler, Fr., s. Taschenwörterbücher.
—, Fremdwörterbuch 100
—, Br., Trachtenkunde. 2 Bde. 400
Kolzow, Gedichte 60
Kommersbuch (Tascheneinband) 40
Kommers- u. Studentenliederbuch in 1 Band 60
Konrad, Das Rolandslied 120
Kopisch, Gedichte 100
Koran, Der 150
Körner, Leier und Schwert 60
—, Zriny 60
Korolenko, Der blinde Musiker 60
—, Sibirische Novellen 80
Kortum, Die Jobsiade 100
Kosegarten, Jucunde 60
Kriegslieder (Tascheneinband) 40
Kröger, Wohnung des Glücks 60
Krummacher, Parabeln 100
Kugler, Geschichte Friedrichs d. Großen 150
Kühns, Unter Napoleons Joch 100
Kürnberger, Der Amerikamüde 150
L afontaines Fabeln 100
Lagerlöf, Gösta Berling 120
—, Eine Gutsgeschichte 80
Lamartine, Dichtungen 60
—, Graziella 60
Lambeck, Engl.-franz.-deutsches Hilfsbuch 150
Lampert, Abstammungslehre 100
—, vom Keim zum Leben 100
Lamprecht, Porträtgalerie aus der Deutschen Geschichte 80
Land, Ja — die Liebe 60
Lange, Geschichte des Materialismus. 2 Bde. je 175
Lavater, Worte des Herzens 60
Le Braz, Sirenenblut 80
Leffler, Sonja Kovalevsky 80
Lehmann, Fludyer in Cambridge 80
Leibniz, Kleinere philos. Schriften 100
—, Die Theodizee. 2 Bde. 225
Leiser, Die Welt der Kolloide 80
Leitner, Gedichte 100
Lenau, Die Albigenser 60
—, Faust 60
—, Gedichte 100
—, Savonarola 60
Lenk, Gesch. d. Buren (1652-1899) 150
Lennig, Etwas zum Lachen 60
Lenz, Militärische Humoresken 120
Lermontow, Gedichte 60
—, Ein Held unsrer Zeit 80
Lesage, Gil Blas 175
—, Der hinkende Teufel 80
Lessing, Dramat. Meisterwerke (Nathan der Weise. Emilia Galotti. 80
Minna von Barnhelm)
—, Emilia Galotti 60
—, Laokoon 80
—, Minna von Barnhelm 60
—, Nathan der Weise 60
Leuthold, Gedichte 100
Lichtenberg, Ausgew. Schriften 120
Lichtstrahlen aus dem Talmud 60
Lie, Die Familie auf Gilje 80
—, Ein Mahlstrom 80
—, Der Dreimaster „Zukunft“ 80
Liebesbrevier 60
Liebmann, Christliche Symbolik 80
Lingg, Byzantinische Novellen 60
Linguet, Die Bastille 150
Livius, Röm. Geschichte, 4 Bde. je 150
Locke, Über den menschlichen Verstand, 2 Bde. je 150
Lohengrin, Deutsch v. Junghans 80
Lombroso, Genie und Irrsinn 120
—, Handbuch der Graphologie 150
—, Studien üb. Genie u. Entart. 100
—, P., Kodak 80
Longfellow, Evangeline 60
—, Gedichte 60
—, Hiawatha 80
—, Miles Standish 60
Loti, Die Islandfischer 80
Lucrez, Von der Natur der Dinge 100
Ludwig, Die Heiterethei 100
—, Zwischen Himmel und Erde 80
Ludwig I. von Bayern, Gedichte 80
Luther, Sendbrief v. Dolmetschen 60
—, Tischreden 120
Lux, Kunst im eigenen Heim 60
Lyrik, Deutsche, des 19. Jahrh. bis zur modernen Ära 150
—, Moderne Deutsche 150
M acchiavelli, Buch vom Fürsten 80
Mackay, Letzte Pflicht 80
Madách, Tragödie des Menschen 80
Mahlmann, Gedichte 60
Maikow, Gedichte 60
Manzoni, Die Verlobten. 2 Bde. 200
Marc Aurels Selbstbetrachtungen 80
Margueritte, Weltkinder 100
Mark Twain, Ausgew. Skizzen 175
Marryat, Japhet 120
—, Peter Simpel 150
Martials Gedichte 60
Mathesius, Luthers Leben 120
Matthisson, Gedichte 60
Maupassant, Novellen 150
Meerheimb, Psychodram. 2 Bde. je 60
Mehring, Deutsche Verslehre 100
—, Ungebundenes in geb. Form 60
Meißner, Aus d. Papieren eines Polizeikommissärs 150
Mendelssohn, Phädon 60
Mendheim, Uhland-Biographie 60
Merbach, Bismarck 60
Merker, Wieland-Biographie 60
Messerschmitt, Physik d. Gestirne 100
—, Sternenhimmel 100
Meyer, Auf der Sternwarte 60
Michelet, Die Frau 100
—, Die Liebe 100
Mickiewicz, Balladen 60
Mieses, Schachmeisterpartien. Teil 2-4 (Teil 1 f. Dufresne) je 80
Mignet, Geschichte der französischen Revolution 150
Mikszáth, Der wundertätige Regenschirm 80
Mill, Über Freiheit 80
Milow, Stephan, Drei Novellen 60
Milton, Das verlorene Paradies 80
Minnesang, Deutscher 80
Möbius, Das Nervensystem 60
Molo, Totes Sein 60
Moltke, Die beiden Freunde 60
Montesquieu, Persische Briefe 120
Moore, Irische Melodien 60
—, Lalla Rukh 80
Moreto, Donna Diana 60
Mörike, Gedichte 80
—, Mozart auf d. Reise nach Prag 60
Moritz, Anton Reiser 120
—, Götterlehre 120
Mosen, Bilder vom Moose 100
Möser, Patriotische Phantasien 80
Mügge, Afraja. 2 Bde. 220
—, Der Vogt von Sylt 100
Muellenbach, Waldmann und Zampa und andere Novellen 60
Müller, Curt, Hexenaberglaube 80
—, Wilh., Gedichte 120
Müllner, Dramatische Werke 150
Murger, Zigeunerleben 120
Murner, Narrenbeschwörung 100
Musäos, Hero und Leander 60
Mutterherz, Das 60
Mylius, Die Türken vor Wien 80
N adler, Fröhlich Palz, Gott erhalts! 80
Nadson, Gedichte 60
Namenbuch 80
Nathusius, Elisabeth 150
—, Tagebuch eines armen Fräuleins 60
Nekrassow, Gedichte 60
—, Wer lebt glücklicher in Rußland? 100
Nepos’ Biographien 80
Nettelbecks Lebensbeschreibung 150
Neumann, H. K., Nur Jehan 60
—, C. W., Wunder d. Urwelt. 2 Bde. je 60
Neumann-Hofer, Familie Rizzoni 120
Nibelungenlied 120
Niese, Der verrückte Flinsheim und zwei andere Novellen 60
Nikitin, Gedichte 60
Nirwana 60
Noël, Kleines Volk 60
Nohl, Musikgeschichte 100
Novalis, Gedichte 60
O hnet, Sergius Panin 100
Ossig, Spanisches Taschen-Wörterbuch 150
Österreichische Börsenschiedsgerichtsordnungen 80
—, Bürgerliches Gesetzbuch 150
—, Exekutionsordnung 150
—, Gerichtsorganisationsgesetz 80
—, Personalsteuergesetz 100
—, Vollzugsvorschrift z. Personalsteuergesetz. 1. Hauptstück 120
2. u. 3. Hauptstück 100
4.-6. Hauptstück 100
1.-6. Hauptstück zusammen in 1 Band 250
—, Zivilprozeßordnung 150
Ostwald, H., Landstreichergeschichten 60
—, W., Grundriß der Naturphilosophie 80
Oswald von Wolkenstein, Dichtungen 80
Ouida, Fürstin Zouroff 80
Ovid, Heroiden 80
—, Verwandlungen 80
Pahde, Meereskunde 100
Parreidt, Zähne u. ihre Pflege 60
Pascal, Gedanken 100
Pauli, Schimpf und Ernst 80
Perfall, Dämon Ruhm 120
—, Trudenstein. — Prüglmensch 80
Pestalozzi, Lienhard u. Gertrud 120
—, Wie Gertrud ihre Kinder lehrt 80
Peter, Das Aquarium 60
Petersen, Die Irrlichter 60
—, Prinzessin Ilse 60
Petöfi, Gedichte 80
—, Prosaische Schriften 80
Petrarca, Sonette 80
Pfarrer vom Kalenberg und Peter Leu 60
Pfeffel, Poetische Werke 120
Platen Gedichte 80
Platon, Phädon 60
Plutarch, Vergleichende Lebensbeschreibungen. 4 Bände je 150
Poe, Novellen. 3 Bde. zus. in 1 Bd. 100
Pol de Mont, Zeiten und Zonen 60
Pollock, Gesch. der Staatslehre 60
Polonskij, Gedichte 60
Pötzl, Der Herr von Nigerl 80
—, Hoch vom Kahlenberg. I-III 100
—, Kriminal-Humoresken 100
—, Die Leute von Wien 80
—, Rund um den Stephansturm 80
Presber, Das Eichhorn u. a. Sat. 60
—, Untermensch u. and. Satiren 60
Preußische Gesetze:
Verfassungsurkunde für den preußischen Staat 60
Wahl-Reglement d. Preußischen Abgeordneten-Hauses 60
Properz, Elegieen 60
Prophet Jesaja 100
Psalter, Der 60
Pferhofer, Aus jungen Tagen 60
Puschkin, Gedichte 80
—, Der Gefangene im Kaukasus 60
—, Die Hauptmannstochter 80
—, Novellen 80
—, Onegin 80
Raabe, Zum wilden Mann 60
Rameau, Die Hexe 100
Rangabé, Kriegserinnerungen aus 1870-71 60
Ranke, Die Erhebung Preußens im Jahre 1813 80
Räuber, Literarische Salzkörner 100
Reclam, Prof. Dr. Carl, Gesundheits-Schlüssel 60
Rehfues, Scipio Cicala. 2 Lbde. 225
Reichenau, Bilder aus dem Kinderleben 60
Reichsgesetze, Deutsche:
Bankwesen 80
Binnenschiffahrts- u. Flößereigesetz 60
Bürgerliches Gesetzbuch 150
— — Tascheneinbd. 125
Freiwillige Gerichtsbarkeit 60
Gerichtskostenwesen 60
Gerichtsverfassungsgesetz 60
Geschäftsordnung f. d. Reichstag 60
Gewerbegerichtsgesetz 60
Gewerbeordnung 80
Grundbuchordnung 60
Handelsgesetzbuch 80
— u. Wechselordnung zus. geb. 100
Impfgesetz f. d. Deutsche Reich 60
Kaufmannsgerichte 60
Konkursordnung 60
Kriegsgesetze 100
— Ergänzungsband 80
Militärversorgungsgesetze für das Deutsche Reich 80
Patentgesetz 60
Preßgesetz und Verlagsrecht 60
Rechtsanwaltsordnung 80
Reichs- und Staatsangehörigkeit 60
Reichsverfassung 60
Stempelgesetz 80
Strafgesetzbuch 60
Strafprozeßordnung 80
Unlauterer Wettbewerb 60
Urheberrechtsgesetze 60
Vereinsgesetz 80
Verfass. des Deutschen Reiches 60
Versicherungsgesetze:
Angestelltenversicherung 100
Reichsversicherungsordnung 150
— Tascheneinband 125
Versicherungsbehörden [Gewerbeunfallversicherung 2623/24 — 60
Invalidenversicherung 2571 — Krankenversicherung 3564/65
— Unfallversicherung 4531-33: jetzt in
Reichsversicherungsordnung, s. oben.]
Wehrbeitrag u. Besitzsteuergesetz 60
Wechselordnung 60
Zivilprozeßordnung 100
Zuwachssteuergesetz 80
Zwangsversteigerungsgesetz 60
Reinick, Geschichten und Lieder für die Jugend 80
Renan, Die Apostel 100
—, Das Leben Jesu 100
Renard, Ist der Mensch frei? 80
Resa, Weihnachtsgeschichten 60
Reuß, Doktors Bescherung u. a. N. 60
Reuter, Christian, Schelmuffskys Reisebeschreibung 60
Reuter, Fritz, Dörchläuchting 80
—, Eine heitere Episode aus einer traurigen Zeit 60
—, Hanne Nüte un de lütte Pudel 80
—, Julklapp! Polterabendgedichte 60
—, Kein Hüsung 80
—, Läuschen un Rimels 100
—, De meckelnbörgschen Montecchi un Capuletti 100
—, Meine Vaterst. Stavenhagen 80
—, Ut mine Festungstid 80
—, Ut de Franzosentid 80
—, De Reis’ nah Belligen 80
—, Ut mine Stromtid 175
Reuter, Gabriele, Eines Toten Wiederkehr u. andere Novellen 60
Ricek-Gerolding, Gelehrt. Zecher goldnes Alphabet 60
Riehl, Burg Reibeck 60
—, Die 14 Nothelfer 60
Riemann, Bürger-Biographie 60
—, Lessing-Biographie 60
Roberts, Um den Namen 80
Rodenbach, Die Eiche am Kreuzweg. — Berufung 80
—, Das tote Brügge 60
Rosegger, Geschichten und Gestalten aus den Alpen 60
Rosenberger, König der Diebe 60
Roswitha von Gandersheim 80
Rousseau, Bekenntnisse. 2 Bde. 225
—, Emil. 2 Bde. 225
—, Gesellschaftsvertrag 80
—, Die neue Heloise 2 Bde. 225
Rückert, Gedichte 80
—, Gedichte für die Jugend 80
—, Liebesfrühling 80
—, Weisheit des Brahmanen 150
Rumohr, Geist der Kochkunst 120
Runeberg, Fähnrich Stahl 80
Ruppius, Der Pedlar 100
—, Vermächtnis des Pedlars 100
Ruskin, Vorlesungen über Kunst 80
Russische Dichterinnen 60
Ruth, Das Buch 60
Rützebeck, Dänischer Sommer 80
Rydberg, Venus von Milo 60
Saar, Ginevra. — Die Troglodytin 60
Sach, Hans, Poet. Werke. 2 Bde. je 80
—, Dramatische Werke. 2 Bde. je 80
Sachsen-Spiegel 80
St. Pierre, Paul und Virginie 60
Salis-Seewis, Gedichte 60
Sallet, Gedichte 100
—, Laien-Evangelium 100
Sallust, Der Jugurthinische Krieg 60
Sallwürk, Mörike-Biographie 60
Salus, Nachdenkliche Geschichten 60
Salzmann, Ameisenbüchlein 60
—, Der Himmel auf Erden 80
—, Krebsbüchlein 80
Saphir, Deklamationsgedichte 100
Sarcey, Belagerung von Paris 100
Schanz, Wolken 80
Scharling, Zur Neujahrszeit im Pfarrhof von Röddebo 100
Schaumberger, Im Hirtenhaus 80
—, Bergheimer Musikanten-Gesch. 100
Schefer, Laienbrevier 100
Schelling, Clara 80
—, Die Weltalter 100
Schenkendorf, Gedichte 100
Schermann, Firma Murks. Band 1-3 zusammen gebunden 100
Scherr, Das rote Quartal 60
Schiller, Braut von Messina 60
—, Don Karlos 60
—, Gedichte. Leinen 80
—, Jungfrau von Orleans 60
—, Dram. Meisterwerke. 2 Bde. je 120
—, Maria Stuart 60
—, Die Räuber 60
—, Wilhelm Tell 60
—, Wallenstein. 2 Teile 80
Schiller u. Goethe, Briefwechsel. 3 Bände je 100
Schlaf, Tantchen Mohnhaupt 80
Schleiermacher, Monologen 60
—, Weihnachtsfeier 60
Schmid, Almenrausch u. Edelweiß 80
Schmidt, Zeitgenössische Berichte über die Leipziger Schlacht 60
Schmied-Kufahl, Fechtbüchlein. (Illustriert) 100
Schnadahüpfln, Tausend 80
Schöne, Lehr- und Flegeljahre eines alten Schauspielers 80
Schönthan, F. v., Der General 60
—, P. v., Kindermund 60
—, Der Kuß 60
Schopenhauer, A., Sämtliche Werke. 6 Bände je 150
—, Aphorismen z. Lebensweisheit 80
—, Briefe 150
—, Einleitung in die Philosophie nebst Abhandlungen &c. 80
—, Gracians Handorakel 80
—, Neue Paralipomena 150
—, Philosophische Anmerkungen 80
Schreiner, Hohe Fahrt 60
Schubart, Gedichte 120
Schücking, Eine dunkle Tat 80
—, Die Rheider Burg 100
—, Der Kampf im Spessart 80
Schulze, Die bezauberte Rose 60
Schumann, Ges. Schriften über Musik u. Musiker. 3 Bde. in 1 Bd. 175
Schwab, Gedichte 150
—, Die deutschen Volksbücher 200
Schwegler, Gesch. d. Philosophie 150
Schweizerische Bundesverfassung 60
— Kranken- u. Unfallversicherung 60
— Obligationenrecht 100
— Zivilgesetzbuch 100
— — u. Obligationenrecht in 1 Bd. 175
— — — Tascheneinband 150
Scott, Braut von Lammermoor 100
—, Der Herr der Inseln 60
—, Ivanhoe 120
—, Die Jungfrau vom See 80
—, Kenilworth 120
—, Letzten Minnesängers Sang 60
—, Quentin Durward 150
—, Waverley 150
Sealsfield, Das Kajütenbuch 100
Seidl, Ausgewählte Dichtungen Band 1-3 zusammen 100
Seneca, Ausgewählte Schriften 100
—, Fünfzig ausgewählte Briefe 80
Seume, Gedichte 100
—, Spaziergang nach Syrakus 100
Shakespeare, Hamlet 60
—, Der Kaufmann von Venedig 60
—, Othello 60
—, Romeo und Julia 60
Shelley, Entfesselte Prometheus 80
—, Feenkönigin 60
Sienkiewicz, Familie Polaniecki 2 Bände 240
—, Quo vadis? 175
—, Zersplittert 80
Silberstein, Trutz-Nachtigall 60
Smiles, Der Charakter 100
—, Die Pflicht 120
—, Selbsthilfe 100
—, Sparsamkeit 120
Soldatenliederbuch (Tascheneinbd.) 40
Sophokles, Sämtliche Dramen 150
Souvestre, Am Kamin 80
—, Ein Philosoph 80
Spee, Trutznachtigall 100
Speter, Die chemisch. Grundstoffe 80
—, Die chemische Verwandtschaft 80
Spielhagen, Alles fließt 60
—, Dorfkokette 60
—, Was die Schwalbe sang 100
Spindler, Der Jesuit 120
—, Der Jude 175
Spinoza, Briefwechsel 100
—, Die Ethik 120
—, Der politische Traktat 80
—, Der theologisch-politische Traktat 120
—, Vervollkommnung d. Verstandes 60
Spitta, Psalter und Harfe 60
Spurgeon, Geistesstrahlen 200
Staël, Corinna oder Italien 150
—, Über Deutschland. 2 Bde 225
Stanley, Wie ich Livingstone fand 150
Stein, v., Goethe und Schiller 60
Steinmüller, Baron Kahlebutz. 1. und 2. Bd. zus. in 1 Bd. 80
Stelzhamer, Ausgew. Dichtungen 80
Stendhal, Novellen 100
Steputat, Deutsches Reimlexikon 80
Stern, Gluck in Versailles. — Nanon 60
Sterne, Empfindsame Reise 60
—, Tristram Shandy 150
Stevenson, Die Schatzinsel 100
—, u. Osbourne, Schiffbruch 120
Stifter, Bergkristall. — Brigitta 60
—, Der Hochwald 60
Stirner, Der Einzige und sein Eigentum 120
Strachwitz, Gedichte 80
Streicher, Schillers Flucht 80
Striegler, Das deutsche Turnen 80
Strindberg, Die Leute auf Hemsö 80
Strodtmann, Gedichte. Mit Goldschn. 120
Studentenliederbuch (Tascheneinbd.) 40
Swift, Gullivers Reisen 120
T acitus, Die Annalen 120
—, Die Germania 60
—, Die Historien 100
Tagebuch eines bösen Buben 80
Taschen-Wörterbücher:
—, Englisches 150
Engl.-deutsch. Teil einzeln 100
Deutsch-engl. Teil einzeln 100
—, Französisches 150
Franz.-deutsch. Teil einzeln 100
Deutsch-franz. Teil einzeln 100
—, Italienisches 150
Ital.-deutsch. Teil einzeln 100
Deutsch-ital. Teil einzeln 100
—, Spanisches 150
—, Englisch-französisch-deutsches Hilfsbuch 150
—, Fremdwörterbuch 100
—, Deutsches Wörterbuch 100
Tasso, Befreites Jerusalem 120
Tausend und eine Nacht. 8 Bde. je 150
Tegnér, Abendmahlskinder 60
—, Axel 60
—, Frithjofs-Sage 80
Telmann, In Reichenhall 60
Tennyson, Enoch Arden 60
—, Königsidyllen, 80
Testament, Neues. [Übersetzt von E. Stage.], 150
Tetzner, Deutsche Geschichte in Liedern, 150
—, Namenbuch, 80
—, Deutsches Sprichwörterbuch, 150
—, Deutsches Wörterbuch, 100
—, Wörterbuch sinnverwandter Ausdrücke, 150
—, Wörterverzeichnis zur deutschen Rechtschreibung. 40
(Tascheneinband),
Thackeray, Der Jahrmarkt des Lebens. 2 Bde., 225
—, Das Snobsbuch, 100
Theokrits Gedichte. Von Boß, 60
Thukydides, Der Peloponnesische Krieg, 175
Thümmel, Wilhelmine, 60
Thiedge, Urania, 60
Tillier, Belle-Plante u. Kornelius, 80
—, Mein Onkel Benjamin, 80
Tintschew, Gedichte, 60
Tolstoj Alexej, Gedichte, 60
—, Leo, Anna Karenina. 2 Bde., 250
—, Auferstehung. 1. u. 2. Bd. zus., 150
—, Chadshi Murat, 80
—, Evangelium, 80
—, Zwei Husaren, 60
—, Kindheit, 80
—, Die Kosake, 80
—, Krieg und Frieden 2 Bde., 250
—, Volkserzählungen, 80
Torn, Offiziersgeschichten, 150
Torrund, Sein Herzenskind, 60
Trenck, Friedr. von der, Lebensgeschichte, 80
Tschabuschnigg, Sonnenwende, 60
Tschechow, Humoresken und Satiren. Band 1-3 zus., 100
Tschudi, Kaiserin Elisabeth, 80
—, Kaiserin Eugenie, 80
—, König Ludwig II. v. Bayern, 100
—, Königin Maria Sophia von Neapel, 80
—, Marie Antoinettes Jugend, 80
—, Marie Antoinette und die Revolution, 120
—, Napoleons Mutter, 80
—, Napoleons Sohn, 100
Turgenjew, Dunst, 80
—, Frühlingswogen, 80
—, Gedichte in Prosa, 60
—, Die neue Generation, 120
—, Erste Liebe, 60
—, Memoiren eines Jägers, 100
—, Väter und Söhne, 100
Turnerliederbuch (Tascheneinband), 40
U hland, Dramatische Dichtungen, 60
—, Gedichte, 80
Usteri, De Vikari, 80
V aka, Harem, 80
Varnhagen, Fürst Leopold, 80
Vely, Mente, 80
Vergils Aeneide. Von Boß, 80
—, Ländliche Gedichte, 60
Villinger, Die Sünde des heiligen Johannes und andre Novellen, 60
Vix, Die Totenbestattung, 80
Vogl, Ausgewählte Dichtungen, 80
Volney, Die Aninen, 100
Voltaire, Geschichte Karls XII., 100
—, Zeitalter Ludwig XIV. 2 Bde., 225
Voneisen, Albumblätter, 60
—, Junggesellenbrevier, 60
—, Kunterbunt, 60
—, Liebesbrevier, 60
—, Das Mutterherz, 60
—, Nirwana, 60
Voß, Idyllen und Lieder, 60
—, Luise, 60
—, d. J., Goethe und Schiller in Briefen, 80
—, R., Amata. — Liebeopfer, 60
—, Die Auferstandenen. 2 Bde. zus. in 1 Bandm 175
—, Kentaurenliebe. — Die Toteninsel, 60
—, Narzissenzauber. — Das Wunderbare, 60
—, Rolla, 120
Vrchlicky, Gedichte, 80
Wagner, Rich., Autobiogr. Skizze. Mitteilung an meine Freunde, 80
—, Bayreuth, 60
—, Ein deutscher Musiker in Paris, 80
—, Erinnerungen, 60
—, Über das Dirigieren. — Bericht über eine deutsche Musikschule, 80
—, Tondramen. 2 Bde. je, 150
Wahlreglement des preußischen Abgeordnetenhauses, 60
Waiblinger, Gedichte aus Italien, 100
Waldmüller, Walpra, 60
Waldow, Wera, 80
Wallace, Ben Hur. 2 Bände je, 100
Walther von der Vogelweide, Sämtliche Gedichte, 80
Weber, C. M. v., Ausgew. Schriften, 80
—, L., Shakespeare-Biographie, 60
Weddigen, Geistliche Oden, 60
Weiser, Jesus. Teil 1-4 zus., 120
Weißbuch, Deutsch. (Dokumente I), 60
Westkirch, Der Bürgermeister von Immelheim u. and. Nov., 60
—, Diebe 60
—, Die Gletschermühle, 60
—, Der Knecht von Wörpedamm, 60
—, Recht der Liebe u. 2 and. Nov., 60
—, Timm Bredenkamps Glück, 80
—, Urschels Fundgut, 60
—, Erzählungen. Zus. geb. in 2 Bdn. je, 150
Whitman, Grashalme, 80
Wichert, Am Strande, 60
—, Für tot erklärt, 60
—, Eine Geige. — Drei Weihnachten, 60
—, Nur Wahrheit. — Sie verlangt ihre Strafe, 60
—, Die gnädige Frau von Paretz, 60
Wickenburg, Franz Mooshammer, 80
Wieland, Die Abderiten, 100
—, Oberon, 80
Wieleitner, Schnee u. Eis der Erde, 100
Wilbrandt, König Teja, 60
Wildberg, Dunkle Geschichten, 60
—, Neben der Welt u. a. Erzähl., 80
Wilde, Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading, 60
—, Dorian Gray, 100
Wildermuth, Hagestolze, 60
—, Schwäbische Pfarrhäuser, 60
Wilhelm II. Reden. 4 Bände je, 100
Willomitzer, Nacht im Mittelalter, 60
Winter, Ohne Fehl, 100
Wiseman, Fabiola, 120
Witschel, Morgen- und Abendopfer, 80
Wolf, Prolegomena zu Homer, 100
Wolff, Allgemeine Musiklehre, 60
—, Elementar-Gesanglehre, 60
Wolfram von Eschenbach, Parzival. 2 Bde., 225
Wörterbücher s. Taschenwörterbücher.
Woude, Traudel und ich, 80
Wundt, Zur Psychologie u. Ethik, 80
Württemberg, Alex. Graf von, Sämtliche Gedichte, 100
X enophon, Anabasis, 80
—, Erinnerungen an Sokrates, 80
—, Griechische Geschichte, 100
—, Kyrupädie, 120
Z aleski, Die heilige Familie, 60
Zangerle, Meraner Geschichte, 60
Zedlitz, Gedichte, 80
—, Waldfräulein, 60
Zipper, Grillparzer-Biographie, 60
—, Körner-Biographie, 60
Zittel, Entstehung der Bibel, 80
Zobeltitz, H. v., König Pharaos Tochter, 60
Zola, Das Fest in Coqueville und andere Novellen, 80
—, Germinal, 150
—, Herrn Chabres Kur u. a. N., 80
—, Sturm auf die Mühle u. a. N., 80
Zschokke, Alamontade, 80
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Prospekte der Universal-Bibliothek:
Vollständiges Verzeichnis nach Autoren geordnet. Verzeichnis von 100 einaktigen Lustspielen mit
Vollständiges Verzeichnis nach Materien geordnet. Angabe des Inhalts und der Besetzung. Verzeichnis der dramatischen Werke mit Angabe der Verzeichnung von Reise- und Unterhaltungslektüre.
Personenzahl und des Theatervertriebes. Ausführliches Verzeichnis der Neuerscheinungen.
Die Helios-Klassiker
sind von bedeutenden Literarhistorikern herausgegeben und mit künstlerisch ausgeführten Porträt-Beilagen geschmückt. Die Werke sind in geschmackvollen biegsamen Leinen- und in prächtigen Ganzleder-Bänden mit echtem Goldschnitt vorrätig. — Durch erstaunliche Wohlfeilheit bei modern-geschmackvoller Ausstattung werden sie die Freude an den Büchern der Klassiker immer mehr verbreiten.
Verzeichnis der Helios-Klassiker:
Börne. Gesammelte Schriften. 3 Bände mit Bildnis. Grabbe. Sämtl. Werke. 2 Bde. m. Bildn. In Leinen
In Leinen M. 5.—. M. 3.50.
Byron. Sämtl. Werke. 3 Bde. mit Bildn. In Lein. M. Grillparzer. Sämtliche Werke. 3 Bde. mit 3 Bildn.
5.—. In Lein. M. 5.—, in Leder M. 9.—.
Chamisso. Sämtliche Werke. 2 Bde. mit 2 Bildn. In Hauff. Sämtl. Werke. 2 Bde. mit Bildn. In Lein. M.
Lein. M. 2.50, in Leder M. 6.—. 3.—, in Leder M. 7.—.
Chamisso. Auswahl. 1 Band mit Bildn. In Lein. M. Hebbel. Sämtliche Werke in 4 Bd. u. 2
1.25. Ergänzungsbdn. Mit Abbildg. u. Faksimiles. Preis
Eichendorff. Gesamm. Werke. 2 Bde. mit 2 Bildn. der 4 Hauptbände in Lein. M. 5.—, in Led. M. 12.
In Lein. M. 3.—, in Leder M. 6.—. —; der 2 Ergänzgsbde. in Leinen M. 2.50, in
Gaudy. Ausgew. Werke. 2 Bde. mit Bildn. In Lein. Leder M. 6.—.
M. 3.50. Heine. Sämtl. Werke. 4 Bde. mit 2 Bildnissen. In
Goethe. Sämtl. Werke. 10 Bde. mit 3 Bildnissen. In Leinen M. 5.—, in Leder M. 12.—.
Leinen M. 15.—, in Leder M. 30.—. Herder. Ausgewählte Werke. 3 Bände mit 2
Goethes Werke in 4 Hauptbdn. u. einer Folge v. Bildnissen. In Leinen M. 5.—.
Ergänzungsbdn. M. Abb., Portr., Faksim. Preis Kleist. Sämtliche Werke. 1 Bd. mit Bildn. In Lein. der 4 Hauptbde. in Lein. M. 5.—, in Leder M. 12. M. 1.50, in Leder M. 3.25. —. Ergänzungsbde. in Leinen je M. 1.25, in Leder
je M. 2.—.
Verlag von Philipp Reclam jun. in Leipzig
Verlag von Philipp Reclam jun. in Leipzig
Körner. Sämtl. Werke. 1 Bd. mit Bildn. In Lein. M. Reuter. Sämtl. Werke. 4 Bde. mit zahlreich. Abb. In
1.40. in Leder M. 3.—. Lein. M. 6.—, in Leder M. 12.—.
Lenau. Sämtl. Werke. 1 Band mit Bildn. In Lein. M. Reuter. Auswahl. 2 Bde. mit zahlreich. Abbildgn. In
1.50, in Leder M. 3.25. Lein. M. 3.50, in Leder M. 7.—.
Lessing. Sämtl. Werke 3 Bde. mit 2 Bildnissen. In Rückert. Ausgewählte Werke. 3 Bde. mit 2 Bildn.
Leinen M. 5.—, in Leder M. 9.—. In Lein. M. 5.—, in Leder M. 9.—.
Lessing. Auswahl. 1 Bd. mit Bildnis. In Leinen M. Schiller. Sämtliche Werke in 4 Hauptbdn. u. 2
1.75. Ergänzungsbänden. Mit Abb., Portr., Faksim.
Longfellow. Sämtl. poetische Werke. 2 Bände mit 2 Preis d. 4 Hauptbde. in Lein. M. 5.—, in Led. M.
Bildnissen. In Leinen M. 3.50. 12.—, der Gesamtausgabe in Leinen M. 7.50, in
Ludwig. Ausgewählte Werke. 1 Bd. mit Bildn. In Leder M. 18.—.
Leinen M. 1.75, in Leder M. 3.50. Shakespeare. Dramat. Werke. 4 Bde. mit Abbild. In
Milton. Poetische Werke. 1 Bd. mit Bildn. In Lein. Leinen M. 5.—, in Leder M. 12.—.
M. 2.—. Stifter. Ausgewählte Werke. 2 Bde. mit Bildn. In
Molière. Sämtl. Werke. 2 Bde. mit Bildn. In Lein. Lein. M. 3.50, in Leder M. 6.—.
M. 3.50. Uhland. Gesammelte Werke. 2 Bde. mit Bildn. In
Möricke. Sämtl. Werke. 2 Bde. mit 2 Bildnissen. In Lein. M. 2.50, in Leder M. 6.—.
Leinen M. 3.50, in Leder M. 6.—.
Sonderausgaben aus Reclams Klassikern:
Goethe. Aus meinem Leben. Geh. 90 Pf., Halblein. Lessing. Hamburgische Dramaturgie. Geh. 90 Pf.,
M. 1.20. in Halbleinen M. 1.20.
Goethe. Gedichte. 2 Bde. Geh. je M. 1.—, in Lein. Schiller. Gedichte. Geh. 50 Pf., in Leinen 80 Pf., in
je M. 1.50, in Leder m. Goldschn. je M. 2.50. Leder mit Goldschnitt M. 2.—.
Goethe. Italien. Reise. Geh. 90 Pf., in Halbleinen M. Schiller. Geschichte des 30jährigen Krieges. Geh.
1.20. 70 Pf., in Leinen M. 1.—.
Goethe. Die Wahlverwandtschaften. Geh. 30 Pf., in Schiller. Geschichte des Abfalls der vereinigten
Halbleinen 60 Pf. Niederlande. Geh. 30 Pf., in Halblein. 60 Pf.
Goethe. West-östl. Diwan. Geh. 70 Pf., in Leinen
M. 1.—.
Goethe. Wilhelm Meisters Lehrjahre. Geh. 90 Pf., in
Halbleinen M. 1.20.
Goethe. Wilhelm Meisters Wanderjahre. Geh. 60
Pf., in Halbleinen 90 Pf.
Anmerkungen zur Transkription
Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit einem anderen Schriftstil gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt waren, wurden in einer anderen Schriftart markiert.
Offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
... miteinander gewechselt, und aller Wahrscheilichkeit nach ...
... miteinander gewechselt, und aller Wahrscheinlichkeit nach ...
... verschwunden ist (Fig. 40 F). Die größeren vegetalen ...
... verschwunden ist (Fig. 10 F). Die größeren vegetalen ...
... jeden Versuch zur Mitwirkung; ja sie prohezeiten uns ...
... jeden Versuch zur Mitwirkung; ja sie prophezeiten uns ...
... in raschem Phatasiefluge an uns hatten vorüberziehen ...
... in raschem Phantasiefluge an uns hatten vorüberziehen ...

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Zuletzt geändert: 23/10/2026