Natur und Mensch / Sechs Abschnitte aus Werken von Ernst Haeckel
Natur und Mensch / Sechs Abschnitte aus Werken von Ernst Haeckel - Ernst Haeckel Inhalt

Natur und Mensch / Sechs Abschnitte aus Werken von Ernst Haeckel

Phot. A. Bischoff, Jena.

Natur und Mensch.

Sechs Abschnitte aus Werken

von

Ernst Haeckel.

Herausgegeben und mit einer Einleitung versehen

von

Carl W. Neumann.

Mit dem Bildnis Ernst Haeckels

und zahlreichen Abbildungen im Text.

Leipzig

Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.

Einleitung.

Hunderttausende führen den Namen Haeckels im Munde, urteilen über ihn und

sein Lebenswerk und kennen doch nichts von ihm als sein vielbefehdetes Buch

von den „Welträtseln“; vielleicht auch noch außerdem ein paar kleinere

Schriften. Was er vor diesen in vierzigjähriger rastloser Forscherarbeit

geschaffen hat, blieb für die meisten Geheimnis. Sie wissen, daß Haeckels Name

aufs engste verknüpft ist mit jener großen Bewegung, die Darwin durch sein

epochemachendes Werk „Die Entstehung der Arten im Tier- und Pflanzenreiche“

(1859) ins Leben rief, aber sie haben nur unklare Vorstellungen von der

besonderen Art der Verdienste Ernst Haeckels. Ganz zu geschweigen von dem,

was er unabhängig von Darwin in seinen voluminösen Monographien der

Radiolarien, Kalkschwämme, Medusen usw. der Wissenschaft Großes geschenkt

hat. Es ist daher angezeigt, der kleinen Auswahl von Abschnitten aus den

bedeutendsten populären Werken des Jenaer Naturforschers, die dieses

Bändchen vereinigt, wenigstens im Umriß ein Bild seines Lebens und Schaffens

voranzustellen.

Ernst Haeckel wurde am 16. Februar 1834 als Sohn des Regierungsrats Karl

Haeckel in Potsdam geboren, wuchs aber in Merseburg auf, wohin noch im

ersten Lebensjahre des Knaben der Vater versetzt worden war. Wer Fäden sucht,

die bereits aus den Tagen der Jugend ins spätere Leben und Wirken des reifen

Mannes hinüberwehen, kommt nicht in Verlegenheit. Kraftstrotzender Übermut

auf der einen Seite, auf der anderen die Neigung, in einsamen Wanderstunden

geheime Zwiesprache zu halten mit allem, was kreucht und fleucht, grünt und

blüht, sind von früh an hervorstechende Züge im Wesen des Knaben. Der

Elfjährige durchstreift schon die Kreuz und die Quer das Siebengebirge, um die

vermeintlich nur dort wachsende graue Erika ausfindig zu machen. Der

Merseburger Gymnasiast liefert Beiträge zu Garckes „Flora Hallensis“ und legt

sich in seinen Mußestunden ein Doppelherbarium an, eins für die „guten Arten“,

die sich hübsch fügsam in Linnés System bequemen, und ein zweites für die

„verdächtigen“ Genera, die dann, in langer Reihe geordnet, den

ununterbrochenen Übergang von einer guten Art zur anderen demonstrieren. „Es waren die von der Schule verbotenen Früchte der Erkenntnis, an denen ich in

stillen Mußestunden mein geheimes, kindisches Vergnügen hatte.“ In

Wirklichkeit rührte der Gymnasiast da schon leise an jenes große Problem von

der Dauer und Wandelbarkeit der Arten, das freilich vorerst nur in der Luft lag,

aber ihn später so mächtig erfassen sollte.

Als dieses „Später“ im Jahre 1859 in greifbare Nähe zu rücken begann, fischte

der fünfundzwanzigjährige Haeckel im Hafen von Messina nach allerlei

Seetieren, vor allem nach Radiolarien, jenen trotz ihrer mikroskopischen

Kleinheit so überaus reizvollen Strahltierchen mit dem vielgestaltigen,

rhythmisch gewachsenen Kieselskelett, die wenige Jahre zuvor erst sein großer

Lehrer Johannes Müller entdeckt hatte. Haeckel war Arzt seines Zeichens.

Gehorchend dem Wunsche des Vaters — nicht seinem eigenen Triebe, der ihn

vielmehr mit Macht zur Botanik drängte — hatte er in Berlin, Würzburg und

Wien das medizinische Brotstudium absolviert und sich nach bestandenem

Staatsexamen als praktischer Arzt in Berlin niedergelassen. Als Mann der

Theorie aber fehlte ihm für die Praxis der rechte Sinn, wie er später oft scherzte,

so daß ihm der Vater zur endgültigen Klärung der Berufsfrage noch ein weiteres

Studienjahr in Italien, dem Land seiner Sehnsucht, bewilligte. Und dieses Jahr

ward entscheidend. Das fesselnde Studium des Planktons, dem er schon früher

(1854) als junger Student unter Führung Johannes Müllers auf Helgoland eine

Zeitlang obgelegen hatte, schob die Botanik und Medizin nunmehr definitiv in

den Hintergrund. Zoologie hieß die Losung, und schneller, als er’s sich träumen

mochte, sollte er Fuß in ihr fassen. Im Mai 1860 kam er zurück nach Berlin, um

seine sizilianischen Planktonschätze, Zeichnungen und Präparate, im großen Stil

zu bearbeiten, und ehe das Werk noch vollendet war, saß er mit Hilfe seines

einstigen Würzburger Studienfreundes Karl Gegenbaur als außerordentlicher

Professor in Jena. Im gleichen Jahre (1862) erschien als ein riesiger Folioband

mit 35 farbigen Kupfertafeln die „Monographie der Radiolarien“, die seinen Ruf

als zoologischen Facharbeiter mit einem Schlage begründete, und daß auch das

Tipfelchen auf dem i des Triumphes nicht fehle, verband er sich im August 1862

mit seiner „hochbegabten, feinsinnigen“ Cousine Anna Sethe zu glücklichster,

aber leider nur kurzer Ehe. Schon anderthalb Jahre später, gerade an seinem

dreißigsten Geburtstag, entriß ihm ein jäher Tod die geliebte Frau. Dem höchsten

Glück folgte fast auf dem Fuße der schwerste Schicksalsschlag, der ihn treffen

konnte. In dieser trübsten Zeit aber schrieb er — höchst seltsam zu sagen — in

einem Zuge das tiefste, bedeutendste Werk seines Lebens, die „Generelle

Morphologie der Organismen.“ Zwei starke Bände mit über 1200 Seiten Text.

Noch während er an der italienischen Küste in Plankton schwelgte, erfuhr er,

es sei da von England ein „ganz verrücktes“ Buch nach Deutschland herübergekommen, dessen Verfasser nicht bloß das Linnésche Dogma von der

Unveränderlichkeit der Arten bestreite, sondern auch an Stelle des einmaligen

planvollen Schöpfungsaktes ein großes Gesetz kontinuierlicher Entwicklung des

Lebens zu künden die Dreistigkeit habe: Darwins „Entstehung der Arten“.

Dieses ketzerische Buch, das die Fachzoologen von damals entweder ganz

totschwiegen oder schlankweg für „Humbug“ erklärten, zog Haeckel gleich bei

der ersten Lektüre ganz unwiderstehlich in seinen Bann und ließ ihn fortan nicht

mehr los. Bereits in den „Radiolarien“ war er ganz kurz darauf eingegangen, um

dann auf der Stettiner Naturforscherversammlung von 1863 ausführlich, und

zwar in zustimmendem Sinne, zu Darwins Ideengang Stellung zu nehmen. Die

große Mehrzahl der Fachgenossen war freilich noch anderer Ansicht. Ein

angesehener Zoologe erklärte Darwins Buch für den „harmlosen Traum eines

Nachmittagsschläfchens“, ein anderer verglich die „naturphilosophischen

Phantasien“ mit dem Tischrücken, ein namhafter Geologe meinte, daß dem

„vorübergehenden Schwindel“ bald die Ernüchterung folgen müsse, und ein

Anatom prophezeite, nach wenigen Jahren werde kein Mensch mehr davon

sprechen. Tempora mutantur!

Auf Haeckel machte die Ablehnung so wenig Eindruck, daß er sich, obwohl

tief niedergedrückt durch den Tod der geliebten Gattin (er hat später, 1868, zum

zweitenmal geheiratet), mit fliegender Feder daran machte, die ganze

biologische Wissenschaft, soweit sie zusammenhing mit dem Problem der

Entwicklung, aus der von Darwin geschaffenen Basis ganz neu zu gruppieren

und umzugestalten. Eine Art wissenschaftlichen Testaments sollte die „Generelle

Morphologie“ werden. Auch damals, wie dreiunddreißig Jahre später in den

„Welträtseln“, gedachte er mit dem Ende des Werkes einen Strich unter seine

Lebensarbeit zu machen. Gelegentlich der Feier seines sechzigsten Geburtstages

hat er es selber so dargestellt: „Ich lebte damals ganz als Einsiedler, gönnte mir

kaum drei bis vier Stunden Schlaf täglich und arbeitete den ganzen Tag und die

halbe Nacht. Dabei lebte ich in so strenger Askese, daß ich mich eigentlich

wundern muß, heute noch gesund und lebendig vor Ihnen zu stehen.“ Durch

eifrige, hastige Arbeit wollte er alle die seelischen Schmerzen betäuben, und

dann — ja, was dann kommen sollte, wußte er selbst nicht. Tatsache ist aber, daß

er in weniger als Jahresfrist die mehr als zwölfhundert engen Druckseiten aufs

Papier brachte. Tatsache ist ferner, daß er in diesem monumentalen Werk alle,

aber auch wirklich alle die wichtigen Konsequenzen schon zog und alle

wesentlichen und entscheidenden Anschauungen seiner monistischen und

genetischen Philosophie schon entwickelte, deren Ausbau im einzelnen sein

ganzes künftiges Leben beschäftigt hat. „In der Methode naturwissenschaftlicher

Forschung“, sagt Bölsche sehr treffend, „bedeutet das Werk einen Markstein, an dem man die ganze Geistesarbeit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts

charakterisieren und werten kann. Für die allgemeine biologische Systematik

beginnt mit ihm eine neue Epoche in der Weise, wie es fünfzig Jahre vorher bei

Cuvier und nochmals über fünfzig weiter zurück bei Linné der Fall gewesen war.

Was es für die Zoologie im engeren Sinne ist, hat ein gewiß kompetenter Urteiler

wie Richard Hertwig dreißig Jahre später in das einfache Wort zusammengefaßt:

daß wenige Werke so viel beigetragen haben, das geistige Niveau der Zoologie

zu heben.“ Im ersten Bande wurden mit Hilfe einer selbstgeschaffenen

wissenschaftlichen Kunstsprache, die heute vielfach zum eisernen Bestande der

Zoologie gehört, die Grundbegriffe des Lebens, der Formenbildung und -

umbildung, der Individualität und natürlichen Verwandtschaft, die Gesetze der

Anpassung, Vererbung und Auslese methodologisch neu festgestellt. Im zweiten

Bande wurde auf Grund der vergleichenden Anatomie, der Stammesgeschichte

(Phylogenie) und Keimesgeschichte (Ontogenie) der dreifache Beweis für die

Abstammungslehre versucht und das Ganze gekrönt durch das von Haeckel zum

erstenmal scharf formulierte und auf das gesamte Gebiet der organischen

Formenwelt angewandte „biogenetische Grundgesetz“, wonach die

Entwicklungsgeschichte des Einzelwesens eine gedrängte, stark abgekürzte und

häufig abgeänderte Wiederholung der Entwicklung des zugehörigen Stammes

ist. Daß ein derartig weit in die Zukunft vorauseilendes wissenschaftliches Werk

bei all seinen Vorzügen auch Unvollkommenheiten und Irrtümer aufweisen

mußte, braucht kaum noch ausdrücklich betont zu werden. Kommende Jahre

haben manche der Hypothesen, die Haeckel zum erstenmal aufgestellt hatte, von

Grund aus verändert oder völlig verworfen, und auch er selbst ist nicht müde

geworden, zu bessern und nachzuprüfen. Dem Werke selbst aber bleibt doch der

Ruhm unbestritten, zum erstenmal „eine markige Skizze der belebten Natur im

neuen Lichte der Entwicklungslehre und zugleich ein ganzes Programm für die

biologische Forschung der nächsten Zukunft entworfen zu haben“.

Im Herbst 1866 war das große Werk abgeschlossen. Physisch und geistig

erschöpft, ging Haeckel, ohne erst noch das Erscheinen der „Morphologie“

abzuwarten, auf Reisen, besuchte Darwin auf seinem Landsitze Down bei

London und fuhr danach, den Rat seiner Freunde befolgend, nach Teneriffa, um

dort unter Palmen Erholung zu suchen. In weiterer Folge ging dann die Reise

nach Lanzerote, der kleinen vulkanischen Ozeaninsel, deren waldlose

Kraterlandschaften stark an die Bilder vom Monde erinnern. Hier wurden in

Gemeinschaft mit Richard Greeff und zwei jüngeren Zoologen vor allem

Medusen und Siphonophoren (Staatsquallen) studiert, die das Meer in

verschwenderischer Fülle herbeitrug, und in viermonatiger eifriger Arbeit kamen

die Schätze zusammen, die Haeckel später die Abfassung seiner preisgekrönten „Entwicklungsgeschichte der Siphonophoren“ (mit 14 Tafeln, 1869)

ermöglichten.

Sechs Monate blieb er von Jena fern. Wenn er indessen bei seiner Heimkehr

erwartet hatte, die „Generelle Morphologie“ würde in der Zwischenzeit die

Geister wachgerüttelt haben, so sah er sich bitter enttäuscht. Die Fachgenossen

ignorierten sie völlig oder verspotteten sie als ein „Konglomerat

naturwissenschaftlicher Träumereien“, und die außerhalb der Fachwissenschaft

stehende Leserwelt wußte auch damals so wenig wie heute von der Existenz des

bedeutsamen Werkes. „Generelle Morphologie.“ Schon der Titel sah keineswegs

aus nach sehr weiter Verbreitung. Und im übrigen galt — in einem gewissen

Sinne — wohl wirklich auch das, was der Verfasser selbst später von seinem

Hauptwerke sagte: es sei zu weitschweifig und schwerfällig geschrieben

gewesen.

Indessen enttäuscht sein, heißt nicht auch entmutigt sein. Wenn man den

naturphilosophischen Kern aus der „Morphologie“ herausschälte, die Grundzüge

der Entwicklungtheorie knapp und klar, aller sachwissenschaftlichen Schwere

entledigt, noch einmal für weitere Kreise populär darstellte und gleichzeitig den

Stoff chronologisch anordnete, d. h. den Gang der Entwicklung des Weltganzen

vom Einfachen zum Komplizierten, vom Urnebel zum Menschen herauf

vorführte, so müßte es doch in der Tat seltsam zugehen, wenn einem so

beschaffenen Auszug der Erfolg versagt bleiben sollte. Aus solchen Erwägungen

heraus hielt Haeckel im Wintersemester 1867/68 vor einem aus Laien und

Studierenden aller Fakultäten zusammengesetzten Publikum Vorträge, die 1868

als „Natürliche Schöpfungsgeschichte“ auch in Buchform erschienen — damals

ein einzelner schmaler Band, der im Laufe der Zeit sich verdoppelte und heute in

zwölf verschiedenen Übersetzungen vorliegt. Und dieses Buch drang nun

tatsächlich durch. Es wurde nicht bloß von Gebildeten aller Stände gelesen, es

zwang auch die Fachgenossen des Verfassers jetzt definitiv, so oder anders sich

mit der neuen Auffassung und Darstellung der Entwicklungslehre

auseinanderzusetzen. Das gab dann den Anlaß zu bitteren Kämpfen und

Debatten, zu kräftigen Angriffen und ebenso kräftiger Gegenwehr. Besonders

das „biogenetische Grundgesetz“ war der Zankapfel, der sowohl die Empiriker

als auch die Philosophen aus ihrer anfänglichen Passivität aufschreckte und auf

das Kampffeld rief.

Noch lebhafter aber entbrannte der Streit, als Haeckel im Jahre 1872 in seiner

„Monographie der Kalkschwämme“ (zwei Bände Text mit einem Atlas von 60

Bildertafeln) den „Versuch zur analytischen Lösung des Problems von der

Entstehung der Arten“ gemacht und dabei zum erstenmal die berühmte und

fruchtbare Gasträatheorie aufgestellt hatte, d. h. die Zurückführung aller höheren Tiere mit Einschluß des Menschen auf eine uralte gemeinsame

Stammform, deren ganzer Körper zeitlebens nur aus zwei Zellschichten (Haut

und Magen) besteht. Das war die hypothetische Gasträa oder das Urdarmtier. Bei

seinen Untersuchungen über die Keimesgeschichte der Kalkschwämme war

Haeckel aufgefallen, daß sich das Kalkschwamm-Individuum in ganz ähnlicher

Weise aus dem Ei entwickelt, wie er es früher schon mehrfach bei anderen

Tieren beobachtet hatte. Die befruchtete Eizelle teilt sich, und die

neuentstandenen Zellen setzen die Teilung so lange fort, bis sich ein ganzer

Zellhaufen gebildet hat, ein „Maulbeerkeim“, wie man ihn seiner äußeren Form

wegen nannte. In diesem Maulbeerkeim bildet sich, da sämtliche Zellen aus

Gründen der Ernährung nach außen drängen, eine Höhlung, die größer und

größer wird und schließlich dem ganzen früheren Zellklumpen das Aussehen

eines winzigen Gummiballs gibt; aus dem Maulbeerkeim ist allmählich ein

kugeliger „Blasenkeim“ geworden. Nun geht die Entwicklung in der Weise

weiter, daß sich an einem Pol die Zellenschicht einsenkt und sich zuletzt völlig

an die innere Seite der nicht eingestülpten Wand anschmiegt, so daß ein

doppelwandiger Becher mit einer Öffnung zustande kommt, eine sogenannte

„Gastrula“. Die äußere Zellenschicht funktioniert als Leibes-, die innere als

Darmhaut; die Becheröffnung bildet den Gastrulamund. Ganz plump

veranschaulichen kann man sich diesen Gastrulationsprozeß, indem man einen

durchstochenen Gummiball so tief einbeult, daß Wand an Wand zu liegen

kommt.

Eine Gastrulation wie die geschilderte vollzieht sich aber nicht bloß bei einer

Anzahl von Schwämmen, sondern auch bei vielen Nesseltieren (Polypen,

Medusen), bei Würmern, Stachelhäutern und Manteltieren, ja sogar bei dem

niedrigsten Wirbeltier, dem Lanzettfisch. Ähnlich — nur die Form der Gastrula

ändert sich — spielt sich der Vorgang aber auch in der Keimesgeschichte aller

höheren Tiere ab, und eben auf diesem durchgängigen Vorkommen der Gastrula

begründete Haeckel seine hypothetische Gasträatheorie. Inzwischen hat man

auch wirklich noch lebende Tierformen entdeckt, die dem Bild jener

hypothetischen Gasträa annähernd noch völlig entsprechen.

Es hat lange gedauert, bis die hier flüchtig angedeutete Gasträatheorie, die

heute allgemein für eine der wichtigsten und fruchtbarsten in der ganzen

Entwicklungsgeschichte gilt, sich durchsetzen konnte. Ihr Entdecker aber ließ

sich auch hier durch die Gegnerschaft nicht beirren. Nachdem er die Theorie in

der „Monographie der Kalkschwämme“ mitgeteilt und in den „Studien zur

Gasträatheorie“ näher begründet hatte, ließ er sie einstweilen selbst für ihren

Sieg sorgen und wandte sich inzwischen einer neuen großen Aufgabe zu: dem

schwierigen Versuch, das biogenetische Grundgesetz in seinem ganzen Umfang auf den Menschen anzuwenden und aus den empirischen Tatsachen seiner

Keimesgeschichte den historischen Stufengang seiner Stammesgeschichte

hypothetisch zu ergründen. Das geschah in der „Anthropogenie oder

Entwicklungsgeschichte des Menschen“, die 1874 herauskam. Erst die beiden

folgenden Jahre brachten dann zwei weitere Hefte der „Studien zur

Gasträatheorie“.

Die „Anthropogenie“ war zugleich eine geniale und — kühne Tat. Nicht

genug, daß Haeckel als erster die gesamte Entwicklungsgeschichte des

Menschen unter großen philosophischen Gesichtspunkten historisch darlegte und

damit anfing, die genetische Betrachtung auch auf die Zellen, Gewebe, Organe

und Funktionen auszudehnen, er besaß auch die in den Augen der „Exakten“

unerhörte Kühnheit, den spröden Stoff gemeinverständlich zu fassen, die

wissenschaftlichen Geheimnisse der Embryologie einem größeren Leserkreise

auszuliefern und den gebildeten Zeitgenossen schonungslos ihren tierischen

Ursprung klarzumachen. Bis dahin hatte man sich begnügt, die sicheren, weil

direkt wahrnehmbaren Tatsachen möglichst genau zu beschreiben; nun kam da

wieder der popularisationswütige Jenenser Professor und verknüpfte auch auf

dem Gebiet der menschlichen Entwicklungsgeschichte mit Tatsachen kühne

genealogische Hypothesen! Die „Würde der Wissenschaft“ war in Gefahr, und

die Angriffe fielen abermals, wie nach dem Erscheinen der

„Schöpfungsgeschichte“, schneeflockendicht auf das neue Werk. In Wirklichkeit

hat die Würde der Wissenschaft in den vier Jahrzehnten, die seit dem Erscheinen

der „Anthropogenie“ jetzt verflossen sind, so wenig darunter gelitten, wie das

Werk selbst an Bedeutung verloren hat. Die beiden reich illustrierten

Prachtbände, die fortgesetzt neue Auflagen erleben, gelten immer noch

unbestritten als die beste zusammenhängende Darstellung des großen

Wundergebiets der menschlichen Entwicklungsgeschichte, die in der gesamten

naturwissenschaftlichen Literatur existiert.

Auch in der Folgezeit hat Haeckel fast unausgesetzt im schärfsten Kreuzfeuer

der durch die Entwicklungslehre erzeugten Debatten gestanden. Besonders

wiederum nach dem 18. September 1877, wo er in München auf der

50. Versammlung der deutschen Naturforscher und Ärzte über „Die heutige

Entwicklungslehre im Verhältnis zur Gesamtwissenschaft“ sprach und unter

anderem forderte, die Deszendenztheorie müsse als wichtiges Bildungsmittel

auch in der Schule ihren berechtigten Einfluß geltend machen — eine Rede, die

Rudolf Virchow zu seinem vielbesprochenen Gegenvortrage über „Die Freiheit

der Wissenschaft im modernen Staate“ Veranlassung gab. Im Jahre vor jener

Münchener Naturforscherversammlung hatte Haeckel in seiner Schrift: „Die

Perigenesis der Plastidule oder die Wellenzeugung der Lebensteilchen“ bereits zu erweisen versucht, daß das „unbewußte Gedächtnis“ eine allgemeine

Funktion nicht bloß der Zelle, sondern auch aller Protoplasma-Moleküle der

Zelle (Plastidule) sei, mit anderen Worten: daß die Zellseele, die Grundlage der

erfahrungsmäßigen Psychologie, selbst wieder zusammengesetzt sei aus den

psychischen Tätigkeiten der kleinsten Teilchen des Protoplasmas: „die Plastidule

ist demnach der letzte Faktor des organischen Seelenlebens“. Das zog er auch

jetzt, in der Münchener Rede, mit Nachdruck heran bei der Besprechung des

bedeutungsvollen Umschwungs in der Beurteilung der „Seelenfrage“; ist doch

die Annahme der Beseelung aller Materie ein notwendiges Postulat für die

folgerichtige Durchführung der monistischen Entwicklungslehre und damit der

monistischen Weltanschauung. Virchow war aber auch damit nicht

einverstanden. Die Theorie der Zellseele erklärte er für ein „bloßes Spiel mit

Worten“, und ganz entschieden bestritt er das wissenschaftliche Bedürfnis, das

Gebiet der geistigen Vorgänge über den Kreis derjenigen Körper hinaus

auszudehnen, in und an denen wir sie wirklich sich darstellen sehen. „Wir haben

keinen Grund, jetzt schon davon zu sprechen, daß die niedrigsten Tiere

psychische Eigenschaften besitzen; wir finden dieselben nur bei den höheren,

ganz sicher nur bei den höchsten“ usw. Und dann kam im Anschluß an die

Bekämpfung der Zellseelentheorie die Bekämpfung der Deszendenztheorie

überhaupt, nicht mit Gründen der Wissenschaft, sondern — im Staatsinteresse!

„Nun stellen Sie sich einmal vor,“ rief der Redner emphatisch aus, „wie sich die

Deszendenztheorie heute schon im Kopfe eines Sozialisten darstellt! Ja, meine

Herren, das mag manchem lächerlich erscheinen, und ich will hoffen, daß die

Deszendenztheorie für uns nicht alle die Schrecken bringen möge, die ähnliche

Theorien wirklich im Nachbarlande angerichtet haben. Immerhin hat auch diese

Theorie, wenn sie konsequent durchgeführt wird, eine ungemein bedenkliche

Seite, und daß der Sozialismus mit ihr Fühlung genommen hat, wird Ihnen

hoffentlich nicht entgangen sein.“ Zuletzt resumierte sich Virchow dahin, daß

man nicht lehren und es nicht als eine Errungenschaft der Wissenschaft

bezeichnen könne, „daß der Mensch vom Affen oder von irgendeinem anderen

Tier abstamme“. Heute schütteln wir lächelnd den Kopf über all diese

Velleitäten. Damals jedoch galt die Virchowsche Rede für eine „moralische Tat“

sondergleichen, die auf Jahrzehnte hinaus allen grundsätzlichen Gegnern der

Abstammungslehre ein Ansporn zu doppeltem Eifer in ihrer Bekämpfung wurde.

Haeckel hat im Jahre 1878 in seiner Schrift „Freie Wissenschaft und freie

Lehre“ ausführlich auf Virchows Münchener Rede geantwortet, im übrigen aber

auch die Entscheidung dieses Streites der Zukunft anheimgegeben. Nur ganz

gelegentlich ist er später auf die Debatten zurückgekommen, vor allem in seinen

Berliner Vorträgen; „Der Kampf um den Entwicklungsgedanken“ (1905). Ihn lockten zunächst wieder wichtigere und fruchtbarere Aufgaben.

Schon 1864 und 1865 waren im Anschluß an die „Monographie der

Radiolarien“ die ersten Teile eines umfangreichen Prachtwerkes über die

Medusen erschienen, deren Studium Haeckel seit den Tagen von Helgoland

immer von neuem entzückt hatte. Jetzt galt es nicht bloß den Abschluß dieses

Werkes, dessen erster Band 1879 unter dem Titel „Das System der Medusen“

(mit 40 Tafeln in Farbendruck) und dessen zweiter (mit 32 Tafeln) 1881 unter

dem Titel „Die Tiefsee-Medusen der Challengerreise und der Organismus der

Medusen“ herauskam, jetzt galt es auch die mikroskopische Durchforschung der

riesigen Radiolarienschätze und weiter der Siphonophoren und Tiefsee-

Hornschwämme, die die berühmte wissenschaftliche Expedition der englischen

Korvette „Challenger“ in den Jahren 1873 bis 1876 gesammelt und deren

Bearbeitung die englische Regierung Haeckel anvertraut hatte. Zehn Jahre

mühsamer Arbeit verflossen, bis das neue große Radiolarienwerk (2750 Seiten

Text und 140 Tafeln) zum Abschluß gebracht war, zwei weitere Jahre, bis auch

das „System der Siphonophoren“ (mit 50 Farbendrucktafeln) und die „Tiefsee-

Hornschwämme“ (mit 8 Tafeln) erscheinen konnten. Besonders das

Radiolarienwerk ist bewundernswert. 810 Arten waren bekannt, als Haeckel

1877 die Arbeit in Angriff nahm; als er zehn Jahre später den Abschlußstrich

machte, hatte er 3508 neue Arten hinzuentdeckt! Alle diese zauberhaft schönen,

mikroskopisch kleinen Meeresgeschöpfe hatte sein Ordnungssinn nicht nur

benannt und beschrieben, sondern nach wissenschaftlichen Grundsätzen auch

übersichtlich gruppiert und nach Verwandtschaftsgraden in ein System von 85

Familien, 20 Ordnungen, 4 Legionen und 2 Unterklassen gebracht. Welch

beispielloses Gedächtnis, welch kritisches Unterscheidungsvermögen war dazu

nötig! Und welch ein künstlerisch geschulter Blick war erforderlich, um die

subtilen und schwierigen Formen dann auch im Bilde noch festzuhalten! Nur

einmal noch in seinem späteren Leben gelang ihm ein gleich phänomenales

Werk, wenn auch anderer Art: die dreibändige „Systematische Phylogenie“, der

Entwurf eines natürlichen Systems der Organismen auf Grund ihrer

Stammesgeschichte, der 1896 vollendet wurde. „Man mag im einzelnen, ja in

Hauptpunkten verschiedener Ansicht sein,“ sagt darüber der Züricher Zoologe

Professor Arnold Lang, „aber staunend und bewundernd müssen wir stehen vor

diesem Werke, staunend über die ungeheure Fülle des Wissens, die sich in

diesem Umfange vielleicht nie mehr in einem Kopfe vereinigen wird,

bewundernd vor der geistigen Arbeit, mit welcher einerseits die unzähligen

Einzelerscheinungen verknüpft werden und anderseits der ganze riesige Stoff in

formal vollendeter Weise übersichtlich gegliedert wird.“

Von allen diesen hervorragenden Gaben des unermüdlichen Spezialforschers und Detailarbeiters Haeckel weiß in der Regel der Laie nichts oder so gut wie

nichts. Für ihn kommt zunächst nur der „populäre“ Verfasser der „Natürlichen

Schöpfungsgeschichte“, der „Welträtsel“ und „Lebenswunder“ in Frage. Zumal

der Verfasser der „Welträtsel“, der sich vermaß, über irdische und himmlische

Dinge so temperamentvoll sein Urteil abzugeben. Höchstens daß dieser und

jener auch noch das verdienstvolle Tafelwerk der „Kunstformen der Natur“

kennt, in dem vom Standpunkt des Ästhetikers die wundersamen Kunstgebilde

der Radiolarien, Schwämme, Siphonophoren usw., aber auch die aus der höheren

Tier- und Pflanzenwelt als vorbildlicher Ornamentenschatz für das moderne

Kunstgewerbe zusammengestellt sind. Kein Wunder deshalb, daß man auch

unter Gebildeten vielfach den schiefsten und ungerechtesten Urteilen begegnet,

sobald einmal auf Haeckel und dessen Wirken und Schaffen die Rede kommt.

Allein schon die rein quantitative Arbeitsleistung dieses Mannes muß mit

Bewunderung erfüllen. Wenn man erwägt, daß außer den genannten populären

und wissenschaftlichen Werken, die er von Auflage zu Auflage stets neu zu

bearbeiten und zu verbessern bestrebt war, noch eine Menge kleinerer Aufsätze

und Abhandlungen seiner Feder entflossen sind, und daß neben all diesem noch

seine Lehrtätigkeit an der Jenaer Hochschule und seine alljährlichen

Forschungsreisen einhergingen, so muß angesichts solcher Schaffenskraft selbst

den Arbeitsfreudigsten ein gelindes Gruseln anwehen. Hinzu kommt aber noch,

daß Haeckel auch die Originale seiner wundervollen Farbendrucktafeln, von

denen allein die großen Monographien rund 360 an der Zahl aufweisen,

großenteils selbst aquarelliert hat, wobei ihm sein hochentwickeltes Zeichen-

und Maltalent sehr zustatten kam.

Wie sehr übrigens Haeckel stets Forscher und Künstler in einer Person war,

das zeigen am besten seine weit über tausend farbenprächtigen „Wanderbilder“,

von denen ein kleiner Teil unter diesem Titel erschienen ist. Wohin seine

Forschungsreisen ihn immer auch führten — und er hat mehr als dreißig in

seinem Leben gemacht — immer und überall war das Malzeug sein

Weggefährte. Hatte die Feder ihr Pensum vollendet oder fühlte der Forscher sich

abgespannt von der mühsamen zoologischen Facharbeit, so dürstete die Seele

des Künstlers, des Ästhetikers dann um so glühender nach einem Trunk aus dem

sprudelnden Quell der Gesamtnatur, und er ruhte nicht eher, als bis er ihr

irgendein Stück ihrer Schönheit mit Stift oder Pinsel entwunden hatte. Auf dem

blauen Meer wie auf ragenden Berggipfeln, unter den sengenden Strahlen der

Tropensonne wie im Schatten des Urwalddickichts, in den russischen Steppen

wie im nordischen Fjord — allüberall war der nimmersatte Schönheitssucher in

Haeckel dem Forscher ein steter Begleiter. Seine mit Hildebrandtscher

Farbenglut gemalten Wanderbilder muß man gesehen, seine formvollendeten reichillustrierten Reisebücher „Arabische Korallen“, „Indische Reisebriefe“ und

„Aus Insulinde“ muß man gelesen haben, um seinen heiligen Enthusiasmus für

alles Wahre, Schöne und Gute dem ganzen Umfange nach zu begreifen.

In wundervoller Geschlossenheit liegt heute das arbeits- und früchtereiche

Lebenswerk Haeckels vor unseren Augen, das Lebenswerk eines Forschers,

Künstlers und Philosophen. Und das eines Kämpfers, wie man hinzufügen darf.

Niemand kann leugnen, daß er bei all seiner Genialität recht oft auch gefehlt hat

wie ein ganz sterblicher Mensch, daß ihm sein heißes Temperament oft die

Sehweite kürzte und daß seine Philosophie, seine Weltanschauung an Lücken

und Schwächen nicht arm ist. Jeder hat die Philosophie, die in ihm ist. Er hat die

seine, die aus dem fruchtbaren Boden der Erfahrungswissenschaften

hervorgewachsen und deshalb allen rein spekulativen Erkenntnistheorien wenig

hold ist. Er hat sie zum Abschluß gebracht und ist glücklich darin. Ihm ist es

genug, das Unerforschte so in die Enge getrieben zu haben, daß es sich wie von

selbst ihm ergeben muß. Aber niemand, der wirklich sein Lebenswerk kennt,

kann auch leugnen, daß Haeckels ganze fünfzigjährige Beschäftigung mit der

Natur und Hingebung an die Natur, daß sein ganzes Forschen und Denken nichts

anderes war als ein Ausfluß religiösen Sehnens, als Herzenssache, Gemütssache.

Ihm, der der Wahrheit um ihrer selbst willen nachspürte, war ganz notwendig

das Wahre identisch mit dem Göttlichen.

Ernst Haeckel kann, wenn er die Inventur seines Lebens macht, wohl

zufrieden sein. Das höchste Glück der Erdenkinder hat er erreicht und gewährt:

das Glück der Persönlichkeit, und seinen Namen hat er mit unvergänglichen

Lettern tief eingegraben in die Annalen der Menschheitsgeschichte. „Spätere

Generationen“, sagt Wilhelm Bölsche, auf dessen ausgezeichnete Biographie des

Gelehrten der Leser ausdrücklich verwiesen sei, „werden uns um einen Mann

wie Haeckel beneiden. Von anderen wird man Folianten wälzen, zum

Nachschlagen, ohne auf das Titelblatt mit dem Namen zu achten. Bei ihm wird

man den Namen suchen. Von seiner geistigen Persönlichkeit wird man sich

erzählen. Daß man mit ihm streiten konnte, wird man verstehen. Daß

Zeitgenossen seine Größe nicht sahen — dafür wird man nur ein Achselzucken

haben.“

*

Die sechs kurzen Abschnitte aus einigen der bedeutendsten

gemeinverständlichen Werke Ernst Haeckels, die dieses Sammelbändchen

vereinigt, vermögen natürlich nur einen schwachen Begriff von der

wissenschaftlichen Gesamtleistung des berühmten Naturforschers zu vermitteln. Wenn sie dem einen oder anderen Welträtsel-Leser, dem einen oder anderen für

Fragen der Naturwissenschaft Interessierten zum Anlaß werden, die Werke

selbst in die Hand zu nehmen, ist ihr Hauptzweck erreicht. Nichtsdestoweniger

ist zu erwarten, daß die Lektüre der einzelnen Kapitel auch an und für sich

jedem Leser genußreiche und anregende Stunden bescheren wird.

Die ersten beiden Abschnitte „Inhalt und Bedeutung der Abstammungslehre“

und „Schöpfungsperioden und Schöpfungsurkunden“ sind der „Natürlichen

Schöpfungsgeschichte“ (11. Auflage, 1911, Verlag von Georg Reimer in Berlin)

entnommen. Es sind zwei von den dreißig darin vereinigten Vorträgen über die

Entwicklungslehre im allgemeinen und die von Darwin, Goethe und Lamarck im

besonderen, Vorträge, die selbst dem ohne jede wissenschaftliche Vorbildung an

sie herantretenden Laien verständlich sind. Der dritte Abschnitt über „Die

Gasträatheorie“ dagegen will schon ein bißchen „studiert“ sein, wie klar und

anschaulich Haeckel das schwierige Thema auch zu behandeln verstanden hat.

Wenn wir unter den dreißig Vorträgen der „Anthropogenie oder

Entwicklungsgeschichte des Menschen“ (6. Auflage, 1911. Verlag von Wilhelm

Engelmann in Leipzig) gerade diesen zum Abdruck erwählten, so geschah es,

weil er im Rahmen des zweibändigen Werkes noch wiederum ein Stück

besonderen Eigenwerks darstellt, insofern Ernst Haeckel selbst, wie schon

ausgeführt wurde, der Entdecker der bedeutsamen Gasträatheorie ist. Der

Abschnitt „Erfahrung und Erkenntnis“, in dem der Verfasser im Anschluß an

Schleiden und Johannes Müller ein für allemal programmatisch seinen

Standpunkt zur Naturphilosophie festlegte, entstammt der 1866 erschienenen

„Generellen Morphologie“ (von der ein teilweiser, unveränderter Abdruck unter

dem Titel „Prinzipien der Generellen Morphologie der Organismen“ 1906 bei

Georg Reimer herausgekommen ist), der Abschnitt „Arabische Korallen“ dem

kleinen, durch zahlreiche Abbildungen und farbenfreudige Aquarell-

Reproduktionen geschmückten Prachtbande gleichen Titels, in dem Ernst

Haeckel 1875 seinen Ausflug nach den Korallenbänken des Roten Meeres

beschrieb, zugleich einen Blick in das Leben der Korallentiere erschließend

(Verlag von Georg Reimer). In dieser unübertrefflich lebendigen Schilderung,

nicht minder in der ihr folgenden über „Brussa und den asiatischen Olymp“,

kommt neben dem Naturforscher in Haeckel vor allem der feinempfindende

Ästhetiker zur Geltung, der schönheitsuchende Künstler wie der Meister des

Worts.

Für die Erlaubnis zur Wiedergabe des Aufsatzes über „Brussa“, der 1875 in

der Deutschen Rundschau erschien und seitdem nicht wieder abgedruckt wurde,

bin ich Sr. Exzellenz Herrn Geheimrat Haeckel zu besonderem Danke

verpflichtet, für die Genehmigung zum Nachdruck der übrigen Abschnitte außerdem den Herren Verlagsbuchhändlern Dr. de Gruyter (i. Fa.: Georg

Reimer) und Wilhelm Engelmann.

Leipzig, Ostern 1912.

Carl W. Neumann.

Natur und Mensch.

I.

Inhalt und Bedeutung der Abstammungslehre.

Die geistige Bewegung, zu welcher der englische Naturforscher Charles Darwin

im Jahre 1859 durch sein berühmtes Werk „Über die Entstehung der Arten“[1]

den Anstoß gab, hat während des seitdem verflossenen kurzen Zeitraums eine

beispiellose Tiefe und Ausdehnung gewonnen. Allerdings ist die in jenem Werke

dargestellte naturwissenschaftliche Theorie (gewöhnlich kurzweg die

Darwinsche Theorie oder der Darwinismus genannt) nur ein Bruchteil einer viel

umfassenderen Wissenschaft, nämlich der universalen Entwicklungslehre,

welche ihre unermeßliche Bedeutung über das ganze Gebiet aller menschlichen

Erkenntnis erstreckt. Allein die Art und Weise, in welcher Darwin die letztere

durch die erstere fest begründet hat, ist so überzeugend, und die entscheidende

Wendung, welche durch die notwendigen Folgeschlüsse jener Theorie in der

gesamten Weltanschauung der Menschheit angebahnt worden ist, muß jedem

tiefer denkenden Menschen so gewaltig erscheinen, daß man ihre allgemeine

Bedeutung nicht hoch genug anschlagen kann. Ohne Zweifel muß diese

ungeheure Erweiterung unseres menschlichen Gesichtskreises unter allen den

zahlreichen und großartigen wissenschaftlichen Fortschritten unserer Zeit als der

bei weitem folgenschwerste und wichtigste angesehen werden.

Wenn man das 19. Jahrhundert mit Recht das Zeitalter der

Naturwissenschaften nennt, wenn man mit Stolz auf die unermeßlich

bedeutenden Fortschritte in allen Zweigen derselben blickt, so pflegt man dabei

gewöhnlich weniger an die Erweiterung unserer allgemeinen Naturerkenntnis,

als vielmehr an die unmittelbaren praktischen Erfolge jener Fortschritte zu

denken. Man erwägt dabei die völlige und unendlich folgenreiche Umgestaltung

des menschlichen Verkehrs, welche durch das entwickelte Maschinenwesen,

durch die Eisenbahnen, Dampfschiffe, Telegraphen, Telephone und andere

Erfindungen der Physik hervorgebracht worden ist. Oder man denkt an den

mächtigen Einfluß, welchen die Chemie in der Heilkunst, in der Landwirtschaft,

in allen Künsten und Gewerben gewonnen hat. Wie hoch Sie aber auch diese

Einwirkung der neueren Naturwissenschaft auf das praktische Leben anschlagen mögen, so muß dieselbe, von einem höheren und allgemeineren Standpunkt aus

gewürdigt, doch hinter dem ungeheuren Einfluß zurückstehen, welchen die

theoretischen Fortschritte der heutigen Naturwissenschaft auf das gesamte

Erkenntnisgebiet des Menschen, auf seine ganze Weltanschauung und

Geistesbildung notwendig ausüben. Denken Sie nur an den unermeßlichen

Umschwung aller unserer theoretischen Anschauungen, welchen wir der

allgemeinen Anwendung des Mikroskops verdanken. Denken Sie allein an die

Zellentheorie, die uns die scheinbare Einheit des menschlichen Organismus als

das zusammengesetzte Resultat aus der staatlichen Verbindung von Milliarden

elementarer Lebenseinheiten, der Zellen, nachweist. Oder erwägen Sie die

ungeheure Erweiterung unseres theoretischen Gesichtskreises, welche wir der

Spektralanalyse, der Lehre von der Wärmemechanik und von der Erhaltung der

Kraft verdanken. Unter allen diesen bewunderungswürdigen theoretischen

Fortschritten nimmt aber jedenfalls unsere heutige Entwicklungslehre bei

weitem den höchsten Rang ein.

Jeder von Ihnen wird den Namen Darwin gehört haben, aber die meisten

werden wahrscheinlich nur unvollkommene Vorstellungen von dem eigentlichen

Werte seiner Lehre besitzen. Denn wenn man alles vergleicht, was seit dem

Erscheinen seines epochemachenden Hauptwerks über dasselbe geschrieben

worden ist, so muß demjenigen, der sich nicht näher mit den organischen

Naturwissenschaften befaßt hat, der nicht in die inneren Geheimnisse der

Zoologie und Botanik eingedrungen ist, der Wert jener Theorie doch zweifelhaft

erscheinen. Die Beurteilung derselben ist voll von Widersprüchen und

Mißverständnissen. Daher hat selbst jetzt, fünfzig Jahre nach dem Erscheinen

von Darwins Werk, dasselbe noch nicht allgemein diejenige volle Bedeutung

erlangt, welche ihm von Rechts wegen gebührt, und welche es jedenfalls früher

oder später erlangen wird. Die meisten von den zahllosen Schriften, welche für

und gegen den Darwinismus während dieses Zeitraums veröffentlicht wurden,

lassen den erforderlichen Grad von biologischer, und besonders von

zoologischer Bildung vermissen. Obwohl jetzt alle bedeutenden Naturforscher

der Gegenwart zu den Anhängern jener Theorie gehören, haben doch nur wenige

derselben Geltung und Verständnis in weiteren Kreisen zu verschaffen gesucht.

Daher rühren die befremdenden Widersprüche und die seltsamen Urteile, die

man noch heute vielfach über den Darwinismus hören kann. Gerade dieser

Umstand hat mich vorzugsweise bestimmt, die Darwinsche Theorie und die

damit zusammenhängenden weiteren Lehren zum Gegenstand allgemein

verständlicher Vorträge zu machen. Ich halte es für die Pflicht der Naturforscher,

daß sie nicht allein in dem engeren Kreise ihrer Fachwissenschaft auf

Verbesserungen und Entdeckungen sinnen, daß sie sich nicht allein in das Studium des Einzelnen mit Liebe und Sorgfalt vertiefen, sondern daß sie auch

die wichtigen, allgemeinen Ergebnisse ihrer besonderen Studien für das Ganze

nutzbar machen, und daß sie naturwissenschaftliche Bildung in weiten Kreisen

verbreiten helfen. Der höchste Triumph des menschlichen Geistes, die wahre

Erkenntnis der allgemeinsten Naturgesetze, darf nicht das Privateigentum einer

privilegierten Gelehrtenkaste bleiben, sondern muß segensreiches Gemeingut der

ganzen gebildeten Menschheit werden.

Die Theorie, welche durch Darwin an die Spitze unserer Naturerkenntnis

gestellt worden ist, pflegt man gewöhnlich als Abstammungslehre oder

Deszendenztheorie zu bezeichnen. Andere nennen sie Umbildungslehre oder

Transmutationstheorie oder auch kurz: Transformismus. Beide Bezeichnungen

sind richtig. Denn diese Lehre behauptet, daß alle verschiedenen Organismen

(d. h. alle Tierarten und Pflanzenarten, welche jemals auf der Erde gelebt haben,

und noch jetzt leben) von einer einzigen oder von wenigen höchst einfachen

Stammformen abstammen, und daß sie sich aus diesen auf dem natürlichen

Wege allmählicher Umbildung langsam entwickelt haben. Obwohl diese

Entwicklungstheorie schon im Anfange unseres Jahrhunderts von verschiedenen

großen Naturforschern, insbesondere von Lamarck und Goethe, aufgestellt und

verteidigt wurde, hat sie doch erst im Jahre 1859 durch Darwin ihre vollständige

Ausbildung und ihre ursächliche Begründung erfahren. Dies ist der Grund,

weshalb sie oft ausschließlich (obwohl nicht ganz richtig) als Darwins Theorie

bezeichnet wird.

Der unschätzbare Wert der Abstammungslehre erscheint in verschiedenem

Lichte, je nachdem Sie bloß deren nähere Bedeutung für die organische

Naturwissenschaft, oder aber ihren weiteren Einfluß auf die gesamte

Welterkenntnis des Menschen in Betracht ziehen. Die organische

Naturwissenschaft oder die Biologie, welche als Zoologie die Tiere, als Botanik

die Pflanzen zum Gegenstand ihrer Erkenntnis hat, wird durch die

Abstammungslehre von Grund aus umgestaltet. Denn durch die

Deszendenztheorie lernen wir die wahren wirkenden Ursachen der organischen

Formerscheinungen erkennen, während die bisherige Tier- und Pflanzenkunde

sich überwiegend mit der Kenntnis ihrer Tatsachen beschäftigte. Man kann daher

auch die Abstammungslehre als die mechanische Erklärung der organischen

Form-Erscheinungen oder als „die Lehre von den wahren Ursachen in der

organischen Natur“ bezeichnen.

Da ich nicht voraussetzen kann, daß Ihnen allen die Ausdrücke „organische

und anorganische Natur“ geläufig sind, und da uns die Gegenüberstellung dieser

beiderlei Naturkörper in der Folge noch vielfach beschäftigen wird, so muß ich

ein paar Worte zur Verständigung darüber vorausschicken. Organismen oder organische Naturkörper nennen wir alle Lebewesen oder belebten Körper, also

alle Pflanzen und Tiere, den Menschen mit inbegriffen, weil bei ihnen fast

immer eine Zusammensetzung aus verschiedenartigen Teilen (Werkzeugen oder

„Organen“) nachzuweisen ist; diese Organe müssen zusammenwirken, um die

Lebenserscheinungen hervorzubringen. Eine solche Zusammensetzung

vermissen wir dagegen bei den Anorganen oder anorganischen Naturkörpern,

den sogenannten toten oder unbelebten Körpern, den Mineralien oder Gesteinen,

dem Wasser, der atmosphärischen Luft usw. Die Organismen enthalten stets

eiweißartige Kohlenstoffverbindungen in weichem oder „festflüssigem“

Zustande, während diese den Anorganen stets fehlen. Auf diesem wichtigen

Unterschiede beruht die Einteilung der gesamten Naturwissenschaft in zwei

große Hauptabteilungen, in die Biologie oder Wissenschaft von den Organismen

(Anthropologie, Zoologie und Botanik) und die Anorgologie oder Abiologie, die

Wissenschaft von den Anorganen (Mineralogie, Geologie, Hydrographie,

Meteorologie usw.).

Die unvergleichliche Bedeutung der Abstammungslehre für die Biologie liegt

also vorzugsweise darin, daß sie uns die Entstehung der organischen Formen auf

mechanischem Wege erklärt und deren wirkende Ursachen nachweist. So hoch

man aber auch mit Recht dieses Verdienst der Deszendenztheorie anschlagen

mag, so tritt dasselbe doch fast zurück vor der unermeßlichen Wichtigkeit,

welche eine einzige notwendige Folgerung derselben für sich allein in Anspruch

nimmt. Diese unvermeidliche Folgerung ist die Lehre von der tierischen

Abstammung des Menschengeschlechts.

Die Bestimmung der Stellung des Menschen in der Natur und seiner

Beziehungen zur Gesamtheit der Dinge, diese Frage aller Fragen für die

Menschheit, wie sie Huxley mit Recht genannt hat, wird durch jene Erkenntnis

der tierischen Abstammung des Menschengeschlechts endgültig gelöst. Wir

gelangen also durch den Transformismus oder die Deszendenztheorie zum

erstenmal in die Lage, eine natürliche Entwicklungsgeschichte des

Menschengeschlechts wissenschaftlich begründen zu können. Sowohl alle

Verteidiger als alle denkenden Gegner Darwins haben anerkannt, daß die

Abstammung des Menschengeschlechts zunächst von affenartigen Säugetieren,

weiterhin aber von niederen Wirbeltieren, mit Notwendigkeit aus seiner Theorie

folgt.

Allerdings hat Darwin diese wichtigste von allen Folgerungen seiner Lehre

nicht sofort selbst ausgesprochen. In seinem Werke von der „Entstehung der

Arten“ ist die tierische Abstammung des Menschen nicht erörtert. Der ebenso

vorsichtige als kühne Naturforscher ging damals absichtlich mit Stillschweigen

darüber hinweg, weil er voraussah, daß dieser bedeutendste von allen Folgeschlüssen der Abstammungslehre zugleich das größte Hindernis für die

Verbreitung und Anerkennung derselben sein werde. Gewiß hätte Darwins Buch

von Anfang an noch weit mehr Widerspruch und Ärgernis erregt, wenn sogleich

diese wichtigste Konsequenz darin klar ausgesprochen worden wäre. Erst zwölf

Jahre später, in dem 1871 erschienenen Werke über „Die Abstammung des

Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“[2] hat Darwin jenen

weitreichendsten Folgeschluß offen anerkannt, und ausdrücklich seine volle

Übereinstimmung mit den Naturforschern erklärt, welche denselben inzwischen

schon selbst gezogen hatten. Offenbar ist die Tragweite dieser Folgerung ganz

unermeßlich, und keine Wissenschaft wird sich den Konsequenzen derselben

entziehen können. Die Anthropologie oder die Wissenschaft vom Menschen, und

infolgedessen auch die ganze Philosophie, wird in allen einzelnen Zweigen

dadurch von Grund aus umgestaltet.

Um es mit einem Satze auszudrücken, so ist jene bedeutungsvolle, aber die

meisten Menschen von vornherein abstoßende Folgerung nichts weiter als ein

besonderer Deduktionsschluß, den wir aus dem sicher begründeten allgemeinen

Induktionsgesetze der Deszendenztheorie nach den strengen Geboten der

unerbittlichen Logik notwendig ziehen müssen.

Vielleicht ist nichts geeigneter, Ihnen die ganze und volle Bedeutung der

Abstammungslehre mit zwei Worten klarzumachen, als die Bezeichnung

derselben mit dem Ausdruck: „Natürliche Schöpfungsgeschichte“. Jedoch ist

dieselbe nur in einem gewissen Sinne richtig; denn streng genommen schließt

der Ausdruck „natürliche Schöpfungsgeschichte“ einen inneren Widerspruch,

eine contradictio in adjecto ein. Lassen Sie uns, um dies zu verstehen, einen

Augenblick den zweideutigen Begriff der Schöpfung etwas näher ins Auge

fassen. Wenn man unter Schöpfung die Entstehung eines Körpers durch eine

schaffende Gewalt oder Kraft versteht, so kann man dabei entweder an die

Entstehung seines Stoffes (der körperlichen Materie) oder an die Entstehung

seiner Form (der körperlichen Gestalt) denken.

Die Schöpfung im ersteren Sinne, als die Entstehung der Materie, geht uns

hier gar nichts an. Dieser Vorgang, wenn er überhaupt jemals stattgefunden hat,

ist gänzlich der menschlichen Erkenntnis entzogen, er kann daher auch niemals

Gegenstand naturwissenschaftlicher Erforschung sein. Die Naturwissenschaft

hält die Materie für ewig und unvergänglich, weil durch die Erfahrung noch

niemals das Entstehen oder Vergehen auch nur des kleinsten Teilchens der

Materie nachgewiesen worden ist. Da wo ein Naturkörper zu verschwinden

scheint, wie z. B. beim Verbrennen, beim Verwesen, beim Verdunsten usw., da

ändert er nur seine Form, seinen physikalischen Aggregatzustand oder seine

chemische Verbindungsweise. Ebenso beruht die Entstehung eines neuen Naturkörpers, z. B. eines Kristalles, eines Pilzes, eines Infusoriums nur darauf,

daß verschiedene Stoffteilchen, welche vorher in einer gewissen Form oder

Verbindungsweise existierten, infolge von veränderten Existenzbedingungen

eine neue Form oder Verbindungsweise annehmen. Aber noch niemals ist der

Fall beobachtet worden, daß auch nur das kleinste Stoffteilchen aus der Welt

verschwunden, oder nur ein Atom zu der bereits vorhandenen Masse

hinzugekommen wäre. Der Naturforscher kann sich daher ein Entstehen der

Materie ebensowenig als ein Vergehen derselben vorstellen; er betrachtet die in

der Welt bestehende Quantität der Materie als eine gegebene feste Tatsache.

Fühlt jemand das Bedürfnis, sich die Entstehung dieser Materie als die Wirkung

einer übernatürlichen Schöpfungstätigkeit, einer außerhalb der Materie

stehenden schöpferischen Kraft vorzustellen, so haben wir nichts dagegen. Aber

wir müssen bemerken, daß damit auch nicht das geringste für eine

wissenschaftliche Naturkenntnis gewonnen ist. Eine solche Vorstellung von einer

immateriellen Kraft, welche die Materie erst schafft, ist ein Glaubensartikel,

welcher mit der menschlichen Wissenschaft gar nichts zu tun hat. Wo der

mystische Glaube anfängt, hört die echte Wissenschaft auf. Beide Tätigkeiten

des menschlichen Geistes sind scharf voneinander zu halten. Der Glaube an

übernatürliche Vorgänge hat seinen Ursprung in der dichtenden

Einbildungskraft, das klare Wissen dagegen in dem erkennenden Verstande des

Menschen. Die Wissenschaft hat die segenbringenden Früchte von dem Baume

der Erkenntnis zu pflücken, unbekümmert darum, ob dadurch die dichterischen

Einbildungen der Glaubenschaft beeinträchtigt werden oder nicht.

Wenn also die Naturwissenschaft sich die „natürliche Schöpfungsgeschichte“

zu ihrer höchsten, schwersten und lohnendsten Aufgabe macht, so kann sie den

Begriff der Schöpfung nur in der zweiten, oben angeführten Bedeutung

verstehen, als die Entstehung der Form der Naturkörper. In diesem Sinne kann

man die Geologie die Schöpfungsgeschichte der Erde nennen; denn sie sucht die

Entstehung der geformten anorganischen Erdoberfläche und die mannigfaltigen

geschichtlichen Veränderungen in der Gestalt der festen Erdrinde zu erforschen.

Ebenso kann man die Entwicklungsgeschichte der Tiere und Pflanzen, welche

die Entstehung der belebten Formen und den mannigfaltigen historischen

Wechsel der tierischen und pflanzlichen Gestalten untersucht, die

Schöpfungsgeschichte der Organismen nennen. Da jedoch in den Begriff der

Schöpfung sich immer leicht die unwissenschaftliche Vorstellung von einem

außerhalb der Materie stehenden und dieselbe umbildenden Schöpfer

einschleicht, so wird es in Zukunft wohl besser sein, denselben durch die

strengere Bezeichnung der Entwicklung zu ersetzen.

Der hohe Wert, welchen die Entwicklungsgeschichte für das wissenschaftliche Verständnis der Tier- und Pflanzenformen besitzt, ist seit einem halben

Jahrhundert allgemein anerkannt; man kann ohne sie in der organischen

Morphologie oder Formenlehre keinen sicheren Schritt mehr tun. Jedoch hat

man vor 1866 unter Entwicklungsgeschichte nur einen Teil dieser Wissenschaft,

nämlich diejenige der organischen Individuen oder Einzelwesen verstanden, die

sogenannte Embryologie, richtiger und umfassender Ontogenie genannt. Außer

dieser gibt es aber auch noch eine Entwicklungsgeschichte der organischen

Arten, Klassen und Stämme (Phylen); und diese steht zu der ersteren in den

wichtigsten Beziehungen. Das Material dafür liefert die Versteinerungskunde

oder Paläontologie. Diese lehrt uns, daß jedes organische Phylum, jeder Stamm

des Tier- und Pflanzenreichs, während der verschiedenen Perioden der

Erdgeschichte durch eine Reihe von ganz verschiedenen Klassen und Arten

vertreten wird. So ist z. B. der Stamm der Wirbeltiere durch die Klassen der

Fische, Amphibien, Reptilien, Vögel und Säugetiere vertreten und jede dieser

Klassen zu verschiedenen Zeiten durch ganz verschiedene Arten. Diese

paläontologische Entwicklungsgeschichte der Organismen kann man als

Stammesgeschichte oder Phylogenie bezeichnen; sie steht in den wichtigsten

und merkwürdigsten Beziehungen zu dem anderen Zweige der organischen

Entwicklungsgeschichte, zur Keimesgeschichte oder Ontogenie. Die letztere

läuft der ersteren im großen und ganzen parallel. Um es kurz mit einem Satze zu

sagen, so ist die individuelle Entwicklungsgeschichte eine schnelle, durch die

Gesetze der Vererbung und Anpassung bedingte Wiederholung der langsamen

paläontologischen Entwicklungsgeschichte; die Ontogenie ist ein kurzer Auszug

oder eine Rekapitulation der Phylogenie. Das ist unser biogenetisches

Grundgesetz (1866), das einzig und allein durch die Abstammungslehre erklärt

und in seinen Ursachen verstanden werden kann; ohne dieselbe bleibt es ganz

unverständlich und unerklärlich.

Die Deszendenztheorie zeigt uns zugleich, warum überhaupt die einzelnen

Tiere und Pflanzen sich entwickeln müssen, warum dieselben nicht gleich in

fertiger und entwickelter Form ins Leben treten. Keine übernatürliche

Schöpfungsgeschichte vermag uns das große Rätsel der organischen

Entwicklung irgendwie zu erklären. Ebenso wie auf diese hochwichtige Frage

gibt uns der Transformismus auch auf alle anderen allgemeinen biologischen

Fragen befriedigende Antworten, und zwar sind diese Antworten rein

mechanisch-kausaler Natur; sie weisen lediglich natürliche, physikalisch-

chemische Kräfte als die Ursachen von Erscheinungen nach, die man früher

gewohnt war, der unmittelbaren Einwirkung übernatürlicher, schöpferischer

Kräfte zuzuschreiben. Mithin entfernt der Transformismus aus allen

Gebietsteilen der Botanik und Zoologie, und namentlich auch aus dem wichtigsten Teile der letzteren, aus der Anthropologie, den Wunderglauben; er

lüftet den mystischen Schleier des Wunderbaren und Übernatürlichen, mit

welchem man bisher die verwickelten Erscheinungen dieser natürlichen

Erkenntnisgebiete zu verhüllen liebte. Das unklare Nebelbild mythologischer

Dichtung kann vor dem klaren Sonnenlicht naturwissenschaftlicher Erkenntnis

nicht länger bestehen.

Von ganz besonderem Interesse sind unter jenen biologischen Erscheinungen

diejenigen, welche die gewöhnliche Annahme von der Entstehung eines jeden

Organismus durch eine zweckmäßig bauende Schöpferkraft widerlegen. Nichts

hat in dieser Beziehung der früheren Naturforschung so große Schwierigkeiten

verursacht, als die Deutung der sogenannten „rudimentären Organe“, derjenigen

Teile im Tier- und Pflanzenkörper, welche eigentlich ohne Leistung, ohne

physiologische Bedeutung, und dennoch formell vorhanden sind. Diese Teile

verdienen das allerhöchste Interesse, obwohl die meisten Leute wenig oder

nichts davon wissen. Fast jeder höher entwickelte Organismus, fast jedes Tier

und jede Pflanze, besitzt neben den scheinbar zweckmäßigen Einrichtungen

seiner Organisation andere Einrichtungen, die durchaus keinen Zweck, keine

Funktion in dessen Leben haben können.

Beispiele davon finden sich überall. Bei den Embryonen mancher

Wiederkäuer, unter anderen bei unserem gewöhnlichen Rindvieh, stehen

Schneidezähne im Zwischenkiefer der oberen Kinnlade, welche niemals zum

Durchbruch gelangen, also auch keinen Zweck haben. Die Embryonen mancher

Walfische, welche späterhin die bekannten Barten statt der Zähne besitzen,

tragen, solange sie noch nicht geboren sind und keine Nahrung zu sich nehmen,

dennoch zahlreiche Zähne in ihren Kiefern; auch dieses Gebiß tritt niemals in

Tätigkeit. Ferner besitzen die meisten höheren Tiere Muskeln, die nie zur

Anwendung kommen; selbst der Mensch besitzt solche rudimentäre Muskeln.

Die meisten von uns sind nicht fähig, ihre Ohren willkürlich zu bewegen,

obwohl die Muskeln für diese Bewegung vorhanden sind; aber einzelnen

Personen, die sich andauernd Mühe geben, diese Muskeln zu üben, ist es in der

Tat gelungen, ihre Ohren wieder in Bewegung zu setzen. In diesen noch jetzt

vorhandenen, aber verkümmerten Organen, welche dem vollständigen

Verschwinden entgegengehen, ist es noch möglich, durch besondere Übung,

durch andauernden Einfluß der Willenstätigkeit des Nervensystems, die beinahe

erloschene Tätigkeit wieder zu beleben. Dagegen vermögen wir dies nicht mehr

in den kleinen rudimentären Ohrmuskeln, welche noch am Knorpel unserer

Ohrmuschel vorkommen; diese bleiben immer völlig wirkungslos. Bei unseren

langohrigen Vorfahren aus der Tertiärzeit, Affen, Halbaffen und Beuteltieren,

welche gleich den meisten anderen Säugetieren ihre große Ohrmuschel frei und lebhaft bewegten, waren jene Muskeln viel stärker entwickelt und von großer

Bedeutung. So haben in gleicher Weise auch viele Spielarten der Hunde und

Kaninchen, deren wilde Vorfahren ihre steifen Ohren vielseitig bewegten, unter

dem Einflusse des Kulturlebens sich jenes „Ohrenspitzen“ abgewöhnt; sie haben

dadurch verkümmerte Ohrmuskeln und schlaff herabhängende Ohren

bekommen.

Auch noch an anderen Stellen seines Körpers besitzt der Mensch solche

rudimentäre Organe, welche durchaus von keiner Bedeutung für das Leben sind

und niemals funktionieren. Eines der merkwürdigsten, obwohl unscheinbarsten

Organe der Art ist die kleine halbmondförmige Falte, welche wir am inneren

Winkel unseres Auges, nahe der Nasenwurzel besitzen, die sogenannte Plica

semilunaris. Diese unbedeutende Hautfalte bietet für unser Auge gar keinen

Nutzen; sie ist nur der ganz verkümmerte Rest eines dritten, inneren Augenlides,

welches neben dem oberen und unteren Augenlide bei anderen Säugetieren, bei

Vögeln und Reptilien sehr entwickelt ist. Ja sogar schon unsere uralten

Vorfahren aus der Silurzeit, die Urfische, scheinen dies dritte Augenlid, die

sogenannte Nickhaut, besessen zu haben. Denn viele von ihren nächsten

Verwandten, die in wenig veränderter Form noch heute fortleben, viele Haifische

nämlich, besitzen eine sehr starke Nickhaut, und diese kann vom inneren

Augenwinkel her über den ganzen Augapfel hinübergezogen werden.

Zu den schlagendsten Beispielen von rudimentären Organen gehören die

Augen, welche nicht sehen. Solche finden sich bei sehr vielen Tieren, welche im

Dunkeln, z. B. in Höhlen, unter der Erde leben. Die Augen sind hier oft wirklich

in ausgebildetem Zustande vorhanden; aber sie sind von dicker, undurchsichtiger

Haut bedeckt, so daß kein Lichtstrahl in sie hineinfallen kann, mithin können sie

auch niemals sehen. Solche Augen ohne Gesichtsfunktion besitzen z. B. mehrere

Arten von unterirdisch lebenden Maulwürfen und Blindmäusen, von Schlangen

und Eidechsen, von Amphibien und Fischen; ferner zahlreiche wirbellose Tiere,

die im Dunkeln ihr Leben zubringen: viele Käfer, Krebstiere, Schnecken,

Würmer usw.

Eine Fülle der interessantesten Beispiele von rudimentären Organen liefert die

vergleichende Osteologie oder Skelettlehre der Wirbeltiere, einer der

anziehendsten Zweige der vergleichenden Anatomie. Bei den allermeisten

Wirbeltieren finden wir zwei Paar Gliedmaßen am Rumpf, ein Paar Vorderbeine

und ein Paar Hinterbeine. Sehr häufig ist jedoch das eine oder das andere Paar

derselben verkümmert, seltener beide, wie bei den Schlangen und einigen

aalartigen Fischen. Aber einige Schlangen, z. B. die Riesenschlangen (Boa,

Python), haben hinten noch einige unnütze Knochenstückchen im Leibe, welche

die Reste der verloren gegangenen Hinterbeine sind. Ebenso haben die walfischartigen Säugetiere (Cetaceen), welche nur entwickelte Vorderbeine

(Brustflossen) besitzen, hinten im Fleische noch ein Paar ganz überflüssige

Knochen, die Überbleibsel der verkümmerten Hinterbeine. Dasselbe gilt von

vielen echten Fischen, bei denen in gleicher Weise die Hinterbeine

(Bauchflossen) verloren gegangen sind. Umgekehrt besitzen unsere

Blindschleichen (Anguis) und einige andere Eidechsen inwendig ein

vollständiges Schultergerüst, obwohl die Vorderbeine, zu deren Befestigung

dasselbe dient, nicht mehr vorhanden sind. Ferner finden sich bei verschiedenen

Wirbeltieren die einzelnen Knochen der beiden Beinpaare in allen verschiedenen

Stufen der Verkümmerung, und oft die rückgebildeten Knochen und die

zugehörigen Muskeln stückweise erhalten, ohne doch irgendwie eine

Verrichtung ausführen zu können. Das Instrument ist wohl noch da, aber es kann

nicht mehr spielen.

Fast ganz allgemein finden Sie ferner rudimentäre Organe in den

Pflanzenblüten vor, indem der eine oder der andere Teil der männlichen

Fortpflanzungsorgane (der Staubfäden und Staubbeutel), oder der weiblichen

Fortpflanzungsorgane (Griffel, Fruchtknoten usw.) mehr oder weniger

verkümmert oder „fehlgeschlagen“ (abortiert) ist. Auch hier können Sie bei

verschiedenen, nahe verwandten Pflanzenarten das Organ in allen Graden der

Rückbildung verfolgen. So z. B. ist die große natürliche Familie der

lippenblütigen Pflanzen (Labiaten), zu welcher Melisse, Pfefferminze, Majoran,

Gundelrebe, Thymian usw. gehören, dadurch ausgezeichnet, daß die

rachenförmige zweilippige Blumenkrone zwei lange und zwei kurze Staubfäden

enthält. Allein bei vielen einzelnen Pflanzen dieser Familie, z. B. bei

verschiedenen Salbeiarten und beim Rosmarin, ist nur das eine Paar der

Staubfäden ausgebildet, und das andere Paar ist mehr oder weniger verkümmert,

oft ganz verschwunden. Bisweilen sind die Staubfäden vorhanden, aber ohne

Staubbeutel, so daß sie keinen Nutzen haben können. Seltener findet sich sogar

noch das Rudiment oder der verkümmerte Rest eines fünften Staubfadens, ein

physiologisch (für die Lebensverrichtung) ganz nutzloses, aber morphologisch

(für die Erkenntnis der Form und der natürlichen Verwandtschaft) äußerst

wertvolles Organ. In meiner „Generellen Morphologie der Organismen“ habe ich

in dem Abschnitt von der „Unzweckmäßigkeitslehre oder Dysteleologie“ noch

eine große Anzahl von anderen Beispielen angeführt.

Keine biologische Erscheinung hat wohl jemals die Zoologen und Botaniker

in größere Verlegenheit versetzt als diese rudimentären oder abortiven

(verkümmerten) Organe. Es sind Werkzeuge außer Dienst, Körperteile, welche

da sind, ohne etwas zu leisten, zweckmäßig eingerichtet, ohne ihren Zweck in

Wirklichkeit zu erfüllen. Wenn man die Versuche früherer Naturforscher zur Erklärung dieses Rätsels betrachtet, kann man sich in der Tat kaum eines

Lächelns über ihre seltsamen Vorstellungen erwehren. Außerstande, eine

wirkliche Erklärung zu finden, kamen einige z. B. zu dem Endresultate, daß der

Schöpfer „der Symmetrie wegen“ diese Organe angelegt habe. Nach der

Meinung anderer mußte es dem Schöpfer unpassend oder unanständig

erscheinen, daß diese Organe bei denjenigen Organismen, bei denen sie nicht

leistungsfähig sind und ihrer ganzen Lebensweise nach nicht sein können, völlig

fehlten, während die nächsten Verwandten sie besäßen; und zum Ersatz für die

mangelnde Funktion verlieh er ihnen wenigstens die äußere Ausstattung der

leeren Form. Sind doch auch die uniformierten Zivilbeamten bei Hofe oft mit

einem unschuldigen Degen ausgestattet, den sie niemals aus der Scheide ziehen.

Ich glaube aber kaum, daß Sie von einer solchen dekorativen Erklärung

befriedigt sein werden.

Nun wird gerade diese allgemein verbreitete und rätselhafte Erscheinung der

rudimentären Organe, an welcher alle übrigen Erklärungsversuche scheitern,

vollkommen erklärt, und zwar in der einfachsten und einleuchtendsten Weise

erklärt durch Darwins Theorie von der Vererbung und von der Anpassung. Wir

können die wichtigen Gesetze der Vererbung und Anpassung an den Haustieren

und Kulturpflanzen, welche wir künstlich züchten, empirisch verfolgen, und es

ist bereits eine Reihe solcher Gesetze festgestellt worden. Ohne jetzt auf diese

einzugehen, will ich nur sagen, daß einige davon auf mechanischem Wege die

Entstehung der rudimentären Organe vollkommen erklären, so daß wir das

Auftreten derselben als einen ganz natürlichen Prozeß ansehen müssen, bedingt

durch den Nichtgebrauch der Organe. Durch Anpassung an besondere

Lebensbedingungen sind die früher tätigen und wirklich arbeitenden Organe

allmählich nicht mehr gebraucht worden und außer Dienst getreten. Infolge der

mangelnden Übung sind sie mehr und mehr verkümmert, trotzdem aber immer

noch durch Vererbung von einer Generation auf die andere übertragen worden,

bis sie endlich größtenteils verschwanden. Wenn wir nun annehmen, daß alle

oben angeführten Wirbeltiere von einem einzigen gemeinsamen Stammvater

abstammen, welcher zwei sehende Augen und zwei wohlentwickelte Beinpaare

besaß, so erklärt sich ganz einfach der verschiedene Grad der Verkümmerung

und Rückbildung dieser Organe bei solchen Nachkommen desselben, welche

diese Teile nicht mehr gebrauchen konnten. Ebenso erklärt sich vollständig der

verschiedene Ausbildungsgrad der ursprünglich (in der Blütenknospe)

angelegten fünf Staubfäden bei den Lippenblütern, wenn wir annehmen, daß alle

Pflanzen dieser Familie von einem gemeinsamen, mit fünf Staubfäden

ausgestatteten Stammvater abstammen.

Ich habe Ihnen die Erscheinung der rudimentären Organe etwas ausführlicher vorgeführt, weil dieselbe von der allergrößten allgemeinen Bedeutung ist; denn

sie führt uns auf die großen, allgemeinen, tiefliegenden Grundlagen der

Philosophie und der Naturwissenschaft hin, für deren Lösung die

Deszendenztheorie nunmehr der unentbehrliche Leitstern geworden ist. Sobald

wir nämlich, dieser Theorie entsprechend, die ausschließliche Wirksamkeit

physikalisch-chemischer Ursachen ebenso in der lebenden (organischen)

Körperwelt, wie in der sogenannten leblosen (anorganischen) Natur anerkennen,

so räumen wir damit jener Weltanschauung die ausschließliche Herrschaft ein,

welche man mit dem Namen der mechanischen bezeichnen kann, im Gegensatze

zu der hergebrachten teleologischen Auffassung. Wenn Sie die

Weltanschauungen der verschiedenen Völker und Zeiten miteinander

vergleichend zusammenstellen, können Sie dieselben schließlich alle in zwei

gegenüberstehende Gruppen bringen: eine kausale oder mechanische und eine

teleologische oder vitalistische. Die letztere war in der Biologie früher fast

allgemein herrschend. Man sah danach das Tierreich und das Pflanzenreich als

Produkte einer zweckmäßig wirkenden schöpferischen Tätigkeit an. Bei dem

Anblick jedes Organismus schien sich zunächst unabweislich die Überzeugung

aufzudrängen, daß eine so künstliche Maschine, ein so verwickelter

Bewegungsapparat, wie es der Organismus ist, nur durch eine zwecktätige

Schöpferkraft hervorgebracht werden könne; durch eine Tätigkeit, welche

analog, obwohl unendlich viel vollkommener ist, als die Tätigkeit des Menschen

bei der Konstruktion seiner Maschinen. Wie erhaben man auch die früheren

Vorstellungen des Schöpfers und seiner schöpferischen Tätigkeit steigern, wie

sehr man sie aller menschlichen Analogie entkleiden mag, so bleibt doch im

letzten Grunde bei der teleologischen Naturauffassung dieser Vergleich

unabweislich und notwendig. Man muß sich im Grunde dann immer den

Schöpfer selbst als einen Organismus vorstellen, als ein Wesen, welches ähnlich

dem Menschen, wenn auch in unendlich vollkommenerer Form, über seine

bildende Tätigkeit nachdenkt, den Plan der Maschinen entwirft, und dann mittels

Anwendung geeigneter Materialien diese Maschinen zweckentsprechend

ausführt. Alle diese Vorstellungen leiden notwendig an der Grundschwäche des

Anthropomorphismus oder der Vermenschlichung. Stets werden dabei, wie hoch

man sich auch den Schöpfer vorstellen mag, demselben die menschlichen

Eigenschaften beigelegt, einen Plan zu entwerfen und danach den Organismus

zweckmäßig zu konstruieren. Das wird auch von derjenigen Schule, welche

Darwins Lehre am schroffsten gegenübersteht, und welche unter den

Naturforschern ihren bedeutendsten Vertreter in Louis Agassiz gefunden hat,

ganz klar ausgesprochen. Das berühmte Werk von Agassiz (Essay on

classification), welches dem Darwinschen Werke vollkommen entgegengesetzt ist und fast gleichzeitig erschien (1858), hat ganz folgerichtig jene absurden

anthropomorphischen Vorstellungen vom Schöpfer bis zum höchsten Grade

ausgebildet.

Was nun überhaupt jene vielgerühmte Zweckmäßigkeit in der Natur betrifft, so

ist sie nur für denjenigen vorhanden, welcher die Erscheinungen im Tier- und

Pflanzenleben durchaus oberflächlich betrachtet. Schon die rudimentären Organe

mußten dieser beliebten Lehre einen harten Stoß versetzen. Jeder aber, der tiefer

in die Organisation und Lebensweise der verschiedenen Tiere und Pflanzen

eindringt, der sich mit der Wechselwirkung der Lebenserscheinungen und der

sogenannten „Ökonomie der Natur“ vertrauter macht, muß sie notwendig fallen

lassen. Die vielgrepriesene Weisheit und Zweckmäßigkeit existiert ebensowenig

als die vielgerühmte „Allgüte des Schöpfers“. Diese optimistischen

Anschauungen haben leider ebensowenig wirkliche Begründung als die beliebte

Redensart von der „sittlichen Weltordnung“, welche durch die ganze

Völkergeschichte in ironischer Weise illustriert wird. Im Mittelalter ist dafür die

„sittliche“ Herrschaft der christlichen Päpste und ihrer frommen, vom Blute

zahlloser Menschenopfer dampfenden Inquisition nicht weniger bezeichnend, als

in der Gegenwart der herrschende Militarismus mit seinem „sittlichen“ Apparate

von Zündnadeln und anderen raffinierten Mordwaffen; oder der Pauperismus als

untrennbarer Anhang unserer verfeinerten Kultur.

Wenn Sie das Zusammenleben und die gegenseitigen Beziehungen der

Pflanzen und der Tiere (mit Inbegriff der Menschen) näher betrachten, so finden

Sie überall und zu jeder Zeit das Gegenteil von jenem gemütlichen und

friedlichen Beisammensein, welches die Güte des Schöpfers den Geschöpfen

hätte bereiten müssen; vielmehr sehen Sie überall einen schonungslosen, höchst

erbitterten Kampf aller gegen alle. Nirgends in der Natur, wohin Sie auch Ihre

Blicke lenken mögen, ist jener idyllische, von den Dichtern besungene Friede

vorhanden — vielmehr überall Kampf, Streben nach Selbsterhaltung, nach

Vernichtung der direkten Gegner und nach Vernichtung des Nächsten.

Leidenschaft und Selbstsucht, bewußt oder unbewußt, bleibt überall die

Triebfeder des Lebens. Das bekannte Dichterwort:

„Die Natur ist vollkommen überall,

Wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual“

ist schön, aber leider nicht wahr. Vielmehr bildet auch in dieser Beziehung der

Mensch keine Ausnahme von der übrigen Tierwelt. Darwin hat gerade dieses

wichtige Verhältnis in seiner hohen und allgemeinen Bedeutung uns erst recht

klar vor Augen gestellt, und derjenige Abschnitt seiner Lehre, welchen er selbst

den „Kampf ums Dasein“ nennt, ist einer ihrer wichtigsten Teile.

Wir müssen also jener vitalistischen oder teleologischen Betrachtung der

lebendigen Natur, welche die Tier- und Pflanzenformen als Produkte eines

gütigen und weisen Schöpfers oder einer zweckmäßig tätigen schöpferischen

Naturkraft ansieht, durchaus entgegentreten; dagegen sind wir gezwungen, uns

entschieden jene Weltanschauung anzueignen, welche man die mechanische oder

kausale nennt. Man kann sie auch als die monistische oder einheitliche

bezeichnen, im Gegensatze zu der zwiespältigen oder dualistischen Anschauung,

welche in jener teleologischen Weltauffassung notwendig enthalten ist. Die

mechanische Naturbetrachtung ist seit Jahrzehnten auf gewissen Gebieten der

Naturwissenschaft so sehr eingebürgert, daß hier über die entgegengesetzte kein

Wort mehr verloren wird. Es fällt keinem Physiker oder Chemiker, keinem

Mineralogen oder Astronomen mehr ein, in den Erscheinungen, welche ihm auf

seinem wissenschaftlichen Gebiete fortwährend vor Augen kommen, die

Wirksamkeit eines zweckmäßig tätigen Schöpfers zu erblicken oder

aufzusuchen. Man betrachtet jene Erscheinungen vielmehr allgemein und ohne

Widerspruch als die notwendigen und unabänderlichen Wirkungen der

physikalischen und chemischen Kräfte, welche an dem Stoffe oder der Materie

haften; und insofern ist diese Anschauung rein „materialistisch“, in einem

gewissen Sinne dieses vieldeutigen Wortes. Wenn der Physiker die

Bewegungserscheinungen der Elektrizität oder des Magnetismus, den Fall eines

Körpers oder die Schwingungen der Lichtwellen zu erklären sucht, so ist er bei

dieser Arbeit durchaus davon entfernt, das Eingreifen einer übernatürlichen

schöpferischen Kraft anzunehmen. In dieser Beziehung befand sich bisher die

Biologie, als die Wissenschaft von den sogenannten „belebten“ Naturkörpern, in

vollem Gegensatze zu jenen vorher genannten anorganischen

Naturwissenschaften (der Anorgologie). Zwar hat die neuere Physiologie, die

Lehre von den Bewegungserscheinungen im Tier- und Pflanzenkörper, den

mechanischen Standpunkt der letzteren vollkommen angenommen; allein die

Morphologie, die Wissenschaft von der Gestaltung der Tiere und Pflanzen,

schien dadurch gar nicht berührt zu werden. Die Morphologen behandeln nach

wie vor, im Gegensatze zu jener mechanischen Betrachtung der Leistungen, die Formen der Tiere und Pflanzen als Erscheinungen, die durchaus nicht

mechanisch erklärbar seien, die vielmehr notwendig einer höheren,

übernatürlichen, zweckmäßig tätigen Schöpferkraft ihren Ursprung verdanken

müßten. Dabei war es ganz gleichgültig, ob man diese Schöpferkraft als

persönlichen Gott anbetete, oder ob man sie Lebenskraft (vis vitalis) oder

Endursache (causa finalis) nannte. In allen Fallen flüchtete man hier, um es mit

einem Worte zu sagen, zum Wunder als der Erklärung. Man warf sich einer

mystischen Glaubensdichtung in die Arme und verließ somit das sichere Gebiet

naturwissenschaftlicher Erkenntnis.

Alles nun, was vor Darwin geschehen ist, um eine natürliche, mechanische

Auffassung von der Entstehung der Tier- und Pflanzenformen zu begründen,

vermochte diese nicht zum Durchbruch und zu allgemeiner Anerkennung zu

bringen. Dies gelang erst Darwins Lehre, und hierin liegt ein unermeßliches

Verdienst derselben. Denn wir werden dadurch zu der Überzeugung von der

Einheit der organischen und der anorganischen Natur geführt. Auch derjenige

Teil der Naturwissenschaft, welcher bisher am längsten und am hartnäckigsten

sich einer mechanischen Auffassung und Erklärung widersetzte, die Lehre vom

zweckmäßigen Bau der lebendigen Formen, von der Bedeutung und Entstehung

derselben, wird dadurch mit allen übrigen naturwissenschaftlichen Lehren auf

einen und denselben Weg der Vollendung gebracht. Die Einheit aller

Naturerscheinungen wird dadurch endgültig festgestellt.

Diese Einheit der ganzen Natur, die Beseelung aller Materie, die

Untrennbarkeit der geistigen Kraft und des körperlichen Stoffes hat Goethe mit

den Worten behauptet: „Die Materie kann nie ohne Geist, der Geist nie ohne

Materie existieren und wirksam sein.“ Von den großen monistischen

Philosophen aller Zeiten sind diese obersten Grundsätze der mechanischen

Weltanschauung vertreten worden. Schon Demokritos von Abdera, der

unsterbliche Begründer der Atomenlehre, sprach dieselben fast ein halbes

Jahrtausend vor Christus klar aus, ganz vorzüglich aber der erhabene Spinoza

und der große Dominikanermönch Giordano Bruno. Der letztere wurde dafür am

17. Februar 1600 in Rom von der christlichen Inquisition auf dem

Scheiterhaufen verbrannt, an demselben Tage, an welchem 36 Jahre früher sein

großer Landsmann und Kampfgenosse Galilei geboren wurde. Auf dem Campo

di Fiori in Rom, wo jener Scheiterhaufen stand, hat jetzt das freie neuerstandene

Italien dem großen monistischen Märtyrer ein Denkmal errichtet (am 9. Juni

1889), ein beredtes Zeichen des gewaltigen Umschwungs der Zeit.

Durch die Deszendenztheorie wird es uns zum erstenmal möglich, die

monistische Lehre von der Einheit der Natur fest zu begründen; danach bietet

eine mechanisch-kausale Erklärung auch der verwickeltsten organischen Erscheinungen, z. B. der Entstehung und Einrichtung der Sinnesorgane, in der

Tat nicht mehr prinzipielle Schwierigkeiten für das allgemeine Verständnis, als

die mechanische Erklärung irgendwelcher physikalischen Prozesse, wie z. B. der

Erdbeben, des Erdmagnetismus, der Meeresströmungen usw. Wir gelangen

dadurch zu der äußerst wichtigen Überzeugung, daß alle Naturkörper, die wir

kennen, gleichmäßig belebt sind, daß der Gegensatz, welchen man zwischen

lebendiger und toter Körperwelt aufstellte, im Grunde nicht existiert. Wenn ein

Stein, frei in die Luft geworfen, nach bestimmten Gesetzen zur Erde fällt, oder

wenn in einer Salzlösung sich ein Kristall bildet, oder wenn Schwefel und

Quecksilber sich zu Zinnober verbinden, so sind diese Erscheinungen nicht mehr

und nicht minder mechanische Lebenserscheinungen, als das Wachstum und das

Blühen der Pflanzen, als die Fortpflanzung und die Sinnestätigkeit der Tiere, als

die Empfindung und die Gedankenbildung des Menschen. Insbesondere ist auch

das Bewußtsein des Menschen und der höheren Tiere keineswegs ein besonderes

übernatürliches „Welträtsel“, wie Du Bois-Reymond 1872 in seiner

„Ignorabimus“-Rede irrtümlich behauptet hatte. Vielmehr beruht dasselbe

ebenso auf der mechanischen Arbeit der Ganglienzellen im Gehirn, wie die

übrigen Seelentätigkeiten; den Beweis dafür habe ich im zehnten Kapitel meines

Buches über die „Welträtsel“ geführt. Die Naturkräfte treten auch im

Seelenleben nur in verschiedenen Verbindungen und Formen auf, bald einfacher,

bald zusammengesetzter; aber immer sind sie auch hier dem allgemeinen

Substanzgesetz unterworfen. Gebundene Spannkräfte werden frei und gehen in

lebendige Kräfte über, oder umgekehrt. Das große Gesetz von der Erhaltung der

Kraft oder Energie (Robert Mayer 1842) und das damit verknüpfte Gesetz von

der Erhaltung des Stoffes oder der Materie (Lavoisier 1789) gelten beide in

gleicher Weise für alle organischen wie für alle anorganischen Naturkörper. In

dieser Herstellung der einheitlichen oder monistischen Naturauffassung liegt das

höchste und allgemeinste Verdienst unserer neuen, die Krone der heutigen

Naturwissenschaft bildenden Entwicklungslehre.

(Aus „Natürliche Schöpfungsgeschichte“.)

[1] Universal-Bibliothek Nr. 3071-76.

[2] Universal-Bibliothek Nr. 3216-25.

II.

Schöpfungsperioden und Schöpfungsurkunden.

Die geschichtliche Auffassung des organischen Lebens, welche die

Abstammungslehre in die biologischen Wissenschaften eingeführt hat, fördert

nächst der Anthropologie keinen anderen Wissenschaftszweig so sehr, als den

beschreibenden Teil der Naturgeschichte, die systematische Zoologie und

Botanik. Die meisten Naturforscher, die sich bisher mit der Systematik der Tiere

und Pflanzen beschäftigten, sammelten, benannten und ordneten die

verschiedenen Arten dieser Naturkörper mit einem ähnlichen Interesse, wie die

Altertumsforscher und Ethnographen die Waffen und Gerätschaften der

verschiedenen Völker sammeln. Viele erhoben sich selbst nicht über denjenigen

Grad der Wißbegierde, mit dem man Wappen, Briefmarken und ähnliche

Kuriositäten zu sammeln, zu etikettieren und zu ordnen pflegt. In ähnlicher

Weise wie diese Sammler an der Formenmannigfaltigkeit, Schönheit oder

Seltsamkeit der Wappen, Briefmarken usw. ihre Freude finden, und dabei die

erfinderische Bildungskunst des Menschen bewundern, in ähnlicher Weise

ergötzten sich die meisten Naturforscher an den mannigfaltigen Formen der

Tiere und Pflanzen und erstaunten über die reiche Phantasie des Schöpfers, über

seine unermüdliche Schöpfungstätigkeit und über die seltsame Laune, in welcher

er neben so vielen schönen und nützlichen Organismen auch eine Anzahl

häßlicher und unnützer Formen gebildet habe.

Diese kindliche Behandlung der systematischen Zoologie und Botanik wird

durch die Abstammungslehre gründlich vernichtet. An die Stelle des

oberflächlichen und spielenden Interesses, mit welchem die meisten bisher die

organischen Gestalten betrachteten, tritt das weit höhere Interesse des

erkennenden Verstandes, welcher in der Formverwandtschaft der Organismen

ihre wahre Stammverwandtschaft erblickt. Das natürliche System der Tiere und

Pflanzen, welches man früher entweder nur als Namenregister zur

übersichtlichen Ordnung der verschiedenen Formen oder als Sachregister zum

kurzen Ausdruck ihres Ähnlichkeitsgrades schätzte, erhält durch die

Abstammungslehre den ungleich höheren Wert eines wahren Stammbaumes der Organismen. Diese Stammtafel soll uns den genealogischen Zusammenhang der

kleineren und größeren Gruppen enthüllen. Sie soll zu zeigen versuchen, in

welcher Weise die verschiedenen Klassen, Ordnungen, Familien, Gattungen und

Arten des Tier- und Pflanzenreichs den verschiedenen Zweigen, Ästen und

Astgruppen ihres Stammbaums entsprechen. Jede weitere und höherstehende

Kategorie oder Gruppenstufe des Systems (z. B. Klasse, Ordnung) umfaßt eine

Anzahl von größeren und stärkeren Zweigen des Stammbaums, jede engere und

tieferstehende Kategorie (z. B. Gattung, Art) nur eine kleinere und schwächere

Gruppe von Ästchen. Nur wenn wir in dieser Weise das natürliche System als

Stammbaum betrachten, können wir den wahren Wert desselben erkennen.

Dieser genealogischen Auffassung des organischen Systems gehört ohne Zweifel

allein die Zukunft.

Wie können wir uns aber den wirklichen Stammbaum der tierischen und

pflanzlichen Formengruppen aus den dürftigen und fragmentarischen, bis jetzt

darüber gewonnenen Erfahrungen konstruieren? Die Antwort hierauf liegt schon

zum Teil in demjenigen, was wir früher über den Parallelismus der drei

Entwicklungsreihen bemerkt haben, über den wichtigen ursächlichen

Zusammenhang, welcher die paläontologische Entwicklung der ganzen

organischen Stämme mit der embryologischen Entwicklung der Individuen und

mit der systematischen Entwicklung der Gruppenstufen verbindet.

Zunächst werden wir uns zur Lösung dieser schwierigen Aufgabe an die

Paläontologie oder Versteinerungskunde zu wenden haben. Denn wenn wirklich

die Deszendenztheorie wahr ist, wenn wirklich die versteinerten Reste der

vormals lebenden Tiere und Pflanzen von den ausgestorbenen Urahnen und

Vorfahren der jetzigen Organismen herrühren, so müßte uns eigentlich ohne

weiteres die Kenntnis und Vergleichung der Versteinerungen den Stammbaum

der Organismen aufdecken. So einfach und einleuchtend dies nach dem

theoretisch entwickelten Prinzip erscheint, so außerordentlich schwierig und

verwickelt gestaltet sich die Aufgabe, wenn man sie wirklich in Angriff nimmt.

Ihre praktische Lösung würde schon sehr schwierig sein, wenn die

Versteinerungen einigermaßen vollständig erhalten wären. Das ist aber

keineswegs der Fall. Vielmehr ist die handgreifliche Schöpfungsurkunde, welche

in den Versteinerungen begraben liegt, über alle Maßen unvollständig. Daher

erscheint es jetzt vor allem notwendig, diese Urkunde kritisch zu prüfen und den

Wert, welchen die Versteinerungen für die Entwicklungsgeschichte der

organischen Stämme besitzen, zu bestimmen.

In der Regel finden wir Versteinerungen oder Petrefakten nur in denjenigen

Gesteinen eingeschlossen, welche schichtenweise als Schlamm im Wasser

abgelagert wurden, und welche man deshalb neptunische, geschichtete oder sedimentäre Gesteine nennt. Die Ablagerung solcher Schichten konnte natürlich

erst beginnen, nachdem im Verlaufe der Erdgeschichte die Verdichtung des

Wasserdampfes zu tropfbar-flüssigem Wasser erfolgt war. Seit diesem Zeitpunkt

begann nicht allein das organische Leben auf der Erde, sondern auch eine

ununterbrochene und höchst wichtige Umgestaltung der erstarrten anorganischen

Erdrinde. Das Wasser begann seitdem jene außerordentlich wichtige

mechanische Wirksamkeit, durch welche die Erdoberfläche fortwährend, wenn

auch langsam, umgestaltet wird. Ich darf wohl als bekannt voraussetzen,

welchen außerordentlich bedeutenden Einfluß in dieser Beziehung noch jetzt das

Wasser in jedem Augenblick ausübt. Indem es als Regen niederfällt, die obersten

Schichten der Erdrinde durchsickert und von den Erhöhungen in die

Vertiefungen herabfließt, löst es verschiedene mineralische Bestandteile des

Bodens chemisch auf und spült mechanisch die locker zusammenhängenden

Teilchen ab. An den Bergen herabfließend führt das Wasser den Schutt derselben

in die Ebene und lagert ihn als Schlamm im stehenden Wasser ab. So arbeitet es

beständig an einer Erniedrigung der Berge und Ausfüllung der Täler. Ebenso

arbeitet die Brandung des Meeres ununterbrochen an der Zerstörung der Küsten

und an der Auffüllung des Meerbodens durch die herabgeschlämmten Trümmer.

So würde schon die Tätigkeit des Wassers allein, wenn sie nicht durch andere

Umstände wieder aufgewogen würde, mit der Zeit die ganze Erde nivellieren. Es

kann keinem Zweifel unterliegen, daß die Gebirgsmassen, welche alljährlich als

Schlamm dem Meere zugeführt werden und sich auf dessen Boden absetzen, so

bedeutend sind, daß im Verlauf einer längeren oder kürzeren Periode, vielleicht

von wenigen Millionen Jahren, die Erdoberfläche vollkommen geebnet und von

einer zusammenhängenden Wasserschale umschlossen werden würde. Daß dies

nicht geschieht, verdanken wir der fortdauernden Schrumpfung und Faltung der

erhärteten Erdrinde und der vulkanischen Gegenwirkung des feurigflüssigen

Erdinneren. Diese Reaktion des geschmolzenen Kerns gegen die feste Rinde

bedingt ununterbrochen wechselnde Hebungen und Senkungen an den

verschiedensten Stellen der Erdoberfläche. Meistens geschehen dieselben sehr

langsam; allein indem sie Jahrtausende hindurch fortdauern, bringen sie durch

Summierung der kleinen Einzelwirkungen nicht minder großartige Resultate

hervor, wie die entgegenwirkende und nivellierende Tätigkeit des Wassers.

Indem die Hebungen und Senkungen verschiedener Gegenden im Laufe von

Jahrmillionen vielfach miteinander wechseln, kommt bald dieser bald jener Teil

der Erdoberfläche über oder unter den Spiegel des Meeres. Es gibt vielleicht

keinen Oberflächenteil der Erdrinde, der nicht infolgedessen schon wiederholt

über oder unter dem Meeresspiegel gewesen wäre. Durch diesen vielfachen

Wechsel erklärt sich die Mannigfaltigkeit und die verschiedenartige Zusammensetzung der zahlreichen neptunischen Gesteinschichten, welche sich

an den meisten Stellen in beträchtlicher Dicke übereinander abgelagert haben. In

den verschiedenen Geschichtsperioden, während deren die Ablagerung stattfand,

lebte eine mannigfach verschiedene Bevölkerung von Tieren und Pflanzen.

Wenn die Leichen derselben auf den Boden der Gewässer herabsanken, drückten

sie ihre Körperform in dem weichen Schlamme ab, und unverwesliche Teile,

harte Knochen, Zähne, Schalen usw. wurden unzerstört in demselben

eingeschlossen. Sie blieben in dem Schlamm, der sich zu neptunischem Gestein

verdichtete, erhalten, und dienen nun als Versteinerungen zur Charakteristik der

betreffenden Schichten. Durch sorgfältige Vergleichung der verschiedenen

übereinander gelagerten Schichten und der in ihnen erhaltenen Versteinerungen

ist es so möglich geworden, sowohl das relative Alter der Schichten und

Schichtengruppen zu bestimmen, als auch gewisse Hauptmomente der

Phylogenie oder der Entwicklungsgeschichte der Tier- und Pflanzenstämme

empirisch festzustellen.

Die verschiedenen übereinander abgelagerten Schichten der neptunischen

Gesteine, welche in sehr mannigfaltiger Weise aus Kalk, Ton und Sand

zusammengesetzt sind, haben die Geologen gruppenweise in ein ideales System

zusammengestellt, welches dem ganzen Zusammenhange der organischen

Erdgeschichte entspricht, d. h. desjenigen Teiles der Erdgeschichte, während

dessen organisches Leben existierte. Wie die sogenannte „Weltgeschichte“ in

größere oder kleinere Perioden zerfällt, welche durch den zeitweiligen

Entwicklungszustand der bedeutendsten Völker charakterisiert und durch

hervorragende Ereignisse voneinander abgegrenzt werden, so teilen wir auch die

unendlich längere organische Erdgeschichte in eine Reihe von größeren oder

kleineren Perioden ein. Jede dieser Perioden ist durch eine charakteristische

Flora und Fauna, durch die besonders starke Entwicklung bestimmter Pflanzen-

oder Tiergruppen ausgezeichnet, und jede ist von der vorhergehenden und

folgenden Periode durch einen auffallenden teilweisen Wechsel in der

Zusammensetzung der Tier- und Pflanzenbevölkerung getrennt.

Für die nachfolgende Übersicht des historischen Entwicklungsganges, den die

großen Tier- und Pflanzenstämme genommen haben, ist es notwendig, zunächst

hier die systematische Klassifikation der neptunischen Schichtengruppen und der

denselben entsprechenden größeren und kleineren Geschichtsperioden

anzugeben. Wie Sie sogleich sehen werden, sind wir imstande, die ganze Masse

der übereinanderliegenden Sedimentgesteine in fünf oberste Hauptgruppen oder

Terrains, jedes Terrain in mehrere untergeordnete Schichtengruppen oder

Systeme, und jedes System von Schichten wiederum in noch kleinere Gruppen

oder Formationen einzuteilen; endlich kann auch jede Formation wieder in Etagen oder Unterformationen, und jede von diesen wiederum in noch kleinere

Lagen, Bänke usw. geschieden werden. Jedes der fünf großen Terrains wurde

während eines großen Hauptabschnittes der Erdgeschichte, während eines

Zeitalters, abgelagert; jedes System während einer kürzeren Periode, jede

Formation während einer noch kürzeren Epoche usw. Indem wir so die

Zeiträume der organischen Erdgeschichte und die während derselben

abgelagerten neptunischen und versteinerungsführenden Erdschichten in ein

gegliedertes System bringen, verfahren wir genau wie die Historiker, welche die

Völkergeschichte in die drei Hauptabschnitte des Altertums, des Mittelalters und

der Neuzeit, und jeden dieser Abschnitte wieder in untergeordnete Perioden und

Epochen einteilen. Wie aber der Historiker durch diese scharfe systematische

Einteilung und durch die bestimmte Abgrenzung der Perioden durch einzelne

Jahreszahlen nur die Übersicht erleichtern und keineswegs den

ununterbrochenen Zusammenhang der Ereignisse und der Völkerentwicklung

leugnen will, so gilt ganz dasselbe auch von unserer systematischen Einteilung,

Spezifikation oder Klassifikation der organischen Erdgeschichte. Auch hier geht

der rote Faden der zusammenhängenden Entwicklung überall ununterbrochen

hindurch. Wir verwahren uns also ausdrücklich gegen die Anschauung, als

wollten wir durch unsere scharfe Abgrenzung der größeren und kleineren

Schichtengruppen und der ihnen entsprechenden Zeiträume irgendwie an

Cuviers irrige Lehre von den Erdrevolutionen und von den wiederholten

Neuschöpfungen der organischen Bevölkerung anknüpfen.

Die fünf großen Hauptabschnitte der organischen Erdgeschichte oder der

paläontologischen Entwicklungsgeschichte bezeichnen wir als primordiales,

primäres, sekundäres, tertiäres und quartäres Zeitalter. Jedes ist durch die

vorwiegende Entwicklung bestimmter Tier- und Pflanzengruppen in demselben

bestimmt charakterisiert, und wir könnten demnach auch die fünf Zeitalter

einerseits durch die natürlichen Hauptgruppen des Pflanzenreichs, andererseits

durch die verschiedenen Klassen des Wirbeltierstammes anschaulich bezeichnen.

Dann wäre das erste oder primordiale Zeitalter dasjenige der Tange und

Schädellosen, das zweite oder primäre Zeitalter das der Farne und Fische, das

dritte oder sekundäre Zeitalter das der Nadelwälder und Reptilien, das vierte

oder tertiäre Zeitalter das der Laubwälder und Säugetiere, endlich das fünfte

oder quartäre Zeitalter dasjenige des Menschen und seiner Kultur. Die

Abschnitte oder Perioden, welche wir in jedem der fünf Zeitalter unterscheiden,

werden durch die verschiedenen Systeme von Schichten bestimmt, in die jedes

der fünf großen Terrains zerfällt. Lassen Sie uns jetzt noch einen flüchtigen

Blick auf die Reihe dieser Systeme und zugleich auf die Bevölkerung der fünf

großen Zeitalter werfen.

Den ersten und längsten Hauptabschnitt der organischen Erdgeschichte bildet

die Primordialzeit oder das Zeitalter der Tangwälder, das auch das archäische,

archolithische oder archozoische Zeitalter genannt wird. Es umfaßt den

ungeheuren Zeitraum von der ersten Urzeugung, von der Entstehung des ersten

irdischen Organismus, bis zum Ende der silurischen Schichtenbildung. Während

dieses unermeßlichen Zeitraums, welcher wahrscheinlich länger war, als alle

übrigen vier Zeiträume zusammengenommen, lagerten sich die drei mächtigsten

von allen neptunischen Schichtensystemen ab, nämlich zu unterst das

laurentische, darüber das kambrische und darüber das silurische System. Von

den meisten Geologen wird das silurische System, und von vielen auch noch das

kambrische System zu den paläolithischen Terrains gestellt; indessen erscheint

es aus biologisch-historischen Gesichtspunkten zweckmäßiger, sie mit den

archozoischen zu vereinigen. Die ungefähre Dicke oder Mächtigkeit dieser drei

Systeme zusammengenommen beträgt 70000 Fuß. Davon kommen ungefähr

30000 auf das laurentische, 18000 auf das kambrische und 22000 auf das

silurische System. Die durchschnittliche Mächtigkeit aller vier übrigen Terrains,

des primären, sekundären, tertiären und quartären zusammengenommen, mag

dagegen etwa höchstens 60000 Fuß betragen, und schon hieraus, abgesehen von

vielen anderen Gründen, ergibt sich, daß die Dauer der Primordialzeit

wahrscheinlich viel länger war, als die Dauer der folgenden Zeitalter bis zur

Gegenwart zusammengenommen. Viele Millionen von Jahren müssen zur

Ablagerung solcher Schichtenmassen erforderlich gewesen sein. Leider befindet

sich der bei weitem größte Teil der primordialen Schichtengruppen in dem

sogleich zu erörternden metamorphischen Zustande, und dadurch sind die in

ihnen enthaltenen Versteinerungen, die ältesten und wichtigsten von allen,

größtenteils zerstört und unkenntlich geworden. Nur in einem Teile der

kambrischen und silurischen Schichten sind Petrefakten in größerer Menge und

in kenntlichem Zustande erhalten worden.

Trotzdem die primordialen oder archozoischen Versteinerungen uns nur zum

bei weitem kleinsten Teile in kenntlichem Zustande erhalten sind, besitzen

dieselben dennoch den Wert unschätzbarer Dokumente für diese älteste und

dunkelste Zeit der organischen Erdgeschichte. Zunächst scheint daraus

hervorzugehen, daß während dieses ganzen ungeheuren Zeitraums fast nur

Wasserbewohner existierten. Wenigstens sind bis jetzt unter allen archozoischen

Petrefakten nur sehr wenige gefunden worden, welche man mit Sicherheit auf

landbewohnende Organismen beziehen kann: die ältesten von diesen sind einige

silurische Farne und Skorpione. Fast alle Pflanzenreste, die wir aus der

Primordialzeit besitzen, gehören zu der niedrigsten von allen Pflanzengruppen,

zu der im Wasser lebenden Klasse der Tange oder Algen. Diese bildeten in dem warmen Urmeere der Primordialzeit mächtige Wälder, von deren

Formenreichtum und Dichtigkeit uns noch heutigen Tages ihre Epigonen, die

Tangwälder des atlantischen Sargassomeeres, eine ungefähre Vorstellung geben

mögen. Die kolossalen Tangwälder der archozoischen Zeit ersetzten damals die

noch fehlende Waldvegetation des Festlandes. Gleich den Pflanzen lebten auch

fast alle Tiere, von denen man Reste in den archozoischen Schichten gefunden

hat, im Wasser. Von den Gliedertieren finden sich nur Krebstiere und einzelne

Skorpione, noch keine Insekten. Von den Wirbeltieren sind nur sehr wenige

Fischreste bekannt, welche sich in den jüngsten von allen primordialen

Schichten, in der oberen Silurformation, vorfinden. Dagegen müssen wir

annehmen, daß Würmer und schädellose Wirbeltiere (Akranier), die Ahnen der

Fische, massenhaft während der Primordialzeit gelebt haben. Daher können wir

sie sowohl nach den Schädellosen als nach den Tangen benennen.

Die Primärzeit oder das Zeitalter der Farnwälder, der zweite Hauptabschnitt

der organischen Erdgeschichte, welchen man auch das paläolithische oder

paläozoische Zeitalter nennt, dauerte vom Ende der silurischen Schichtenbildung

bis zum Ende der permischen Schichtenbildung. Auch dieser Zeitraum war von

sehr langer Dauer und zerfällt wiederum in drei Perioden, während deren sich

drei mächtige Schichtensysteme ablagerten, nämlich zu unterst das devonische

System oder der alte rote Sandstein, darüber das karbonische oder

Steinkohlensystem, und darüber das permische System oder der neue rote

Sandstein und der Zechstein. Die durchschnittliche Dicke dieser drei Systeme

zusammengenommen mag etwa 42000 Fuß betragen, woraus sich schon die

ungeheure Länge der für ihre Bildung erforderlichen Zeiträume ergibt. Die

meisten Geologen rechnen zur Paläozoischen Ära noch die silurische und viele

auch die kambrische Periode.

Die devonischen und permischen Formationen sind vorzüglich reich an

Fischresten, sowohl an Urfischen als an Schmelzfischen. Aber noch fehlen in der

primären Zeit gänzlich die Knochenfische. In der Steinkohle finden sich schon

verschiedene Reste von landbewohnenden Tieren, und zwar sowohl

Gliedertieren (Spinnen und Insekten) als Wirbeltieren (Amphibien). Im

permischen System kommen zu den Amphibien noch die höher entwickelten

Schleicher oder Reptilien, und zwar unseren Eidechsen nahverwandte Formen

(Proterosaurus usw.). Trotzdem können wir das primäre Zeitalter das der

Fische nennen, weil diese wenigen Amphibien und Reptilien ganz gegen die

ungeheure Menge der paläozoischen Fische zurücktreten. Ebenso wie die Fische

unter den Wirbeltieren, so herrschten unter den Pflanzen während dieses

Zeitraums die Farnpflanzen oder Filicinen vor, und zwar sowohl echte

Farnkräuter und Farnbäume (Laubfarne oder Filikarien) als Schaftfarne (Kalamarien) und Schuppenfarne (Selagineen). Diese landbewohnenden Farne

oder Filizinen bildeten die Hauptmasse der dichten paläozoischen Inselwälder,

deren fossile Reste uns in den ungeheuer mächtigen Steinkohlenlagern des

karbonischen Systems und in den schwächeren Kohlenlagern des devonischen

und permischen Systems erhalten sind. Sie berechtigen uns, die Primärzeit

ebensowohl das Zeitalter der Farne als das der Fische zu nennen.

Der dritte große Hauptabschnitt der paläontologischen

Entwicklungsgeschichte wird durch die Sekundärzeit oder das Zeitalter der

Nadelwälder gebildet, welches auch das mesolithische oder mesozoische

Zeitalter genannt wird. Es reicht vom Ende der permischen Schichtenbildung bis

zum Ende der Kreideschichtenbildung und zerfällt abermals in drei große

Perioden. Die währenddessen abgelagerten Schichtensysteme sind zu unterst das

Triassystem, in der Mitte das Jurasystem und zu oberst das Kreidesystem. Die

durchschnittliche Dicke dieser drei Systeme zusammengenommen bleibt schon

weit hinter derjenigen der primären Systeme zurück und beträgt im ganzen nur

ungefähr 15000 Fuß. Die Sekundärzeit wird demnach wahrscheinlich nicht halb

so lang als die Primärzeit gewesen sein.

Wie in der Primärzeit die Fische, so herrschen in der Sekundärzeit die

Schleicher oder Reptilien über alle übrigen Wirbeltiere vor. Zwar entstanden

während dieses Zeitraums die ersten Vögel und Säugetiere; auch lebten damals

die riesigen Labyrinthodonten; und zu den zahlreich vorhandenen Urfischen und

Schmelzfischen der älteren Zeit gesellten sich die ersten echten Knochenfische.

Aber die charakteristische und überwiegende Wirbeltierklasse der Sekundärzeit

bildeten die höchst mannigfaltig entwickelten Reptilien. Neben solchen

Schleichern, welche den heute noch lebenden Eidechsen, Krokodilen und

Schildkröten nahestanden, wimmelte es in der mesozoischen Zeit überall von

abenteuerlich gestalteten Drachen. Insbesondere sind die merkwürdigen

fliegenden Eidechsen oder Pterosaurier, die schwimmenden Seedrachen oder

Halisaurier und die kolossalen Landdrachen oder Dinosaurier der Sekundärzeit

eigentümlich, da sie weder vorher noch nachher lebten. Man kann demgemäß

die Sekundärzeit das Zeitalter der Schleicher oder Reptilien nennen. Andere

bezeichnen sie als das Zeitalter der Nadelwälder, genauer eigentlich der

Gymnospermen oder Nacktsamenpflanzen. Diese Pflanzen, vorzugsweise durch

die beiden wichtigen Klassen der Nadelhölzer oder Koniferen und der

Farnpalmen oder Zycadeen vertreten, setzten während der Sekundärzeit ganz

überwiegend den Bestand der Wälder zusammen. Die farnartigen Pflanzen traten

dagegen zurück und die Laubhölzer entwickelten sich erst gegen Ende des

Zeitalters, in der Kreidezeit.

Viel kürzer und weniger eigentümlich als diese drei ersten Zeitalter war der vierte Hauptabschnitt der organischen Erdgeschichte, die Tertiärzeit oder das

Zeitalter der Laubwälder. Dieser Zeitraum, welcher auch zänolithisches oder

zänozoisches Zeitalter heißt, erstreckte sich vom Ende der

Kreideschichtenbildung bis zum Ende der pliozänen Schichtenbildung. Die

währenddessen abgelagerten Schichten erreichen nur ungefähr eine mittlere

Mächtigkeit von 3000 Fuß und bleiben demnach weit hinter den drei ersten

Terrains zurück. Auch sind die drei Systeme, welche man in dem tertiären

Terrain unterscheidet, nur schwer voneinander zu trennen. Das älteste derselben

heißt eozänes oder alttertiäres, das mittlere miozänes oder mitteltertiäres und das

jüngste pliozänes oder neutertiäres System.

Die gesamte Bevölkerung der Tertiärzeit nähert sich im ganzen und im

einzelnen schon viel mehr derjenigen der Gegenwart, als es in den

vorhergehenden Zeitaltern der Fall war. Unter den Wirbeltieren überwiegt von

nun an die Klasse der Säugetiere bei weitem alle übrigen. Ebenso herrscht in der

Pflanzenwelt die formenreiche Gruppe der Decksamen-Pflanzen oder

Angiospermen vor; ihre Laubhölzer bilden die charakteristischen Laubwälder

der Tertiärzeit. Die Abteilung der Angiospermen besteht aus den beiden Klassen

der Einkeimblättrigen oder Monokotylen und der Zweikeimblättrigen oder

Dikotylen. Zwar hatten sich Angiospermen aus beiden Klassen schon in der

Kreidezeit gezeigt, und Säugetiere traten schon im letzten Abschnitt der Triaszeit

auf. Allein beide Gruppen, Säugetiere und Decksamenpflanzen, erreichen ihre

eigentliche Entwicklung und Oberherrschaft erst in der Tertiärzeit, so daß man

diese mit vollem Rechte danach benennen kann.

Den fünften und letzten Hauptabschnitt der organischen Erdgeschichte bildet

die Quartärzeit oder Kulturzeit, derjenige, gegen die Länge der vier übrigen

Zeitalter verschwindend kurze Zeitraum, den wir gewöhnlich in komischer

Selbstüberhebung die „Weltgeschichte“ zu nennen pflegen. Da die Ausbildung

des Menschen und seiner Kultur mächtiger als alle früheren Vorgänge auf die

organische Welt umgestaltend einwirkte, und da sie vor allem dieses jüngste

Zeitalter charakterisiert, so könnte man dasselbe auch die Menschenzeit, das

anthropolithische oder anthropozoische Zeitalter nennen. Es könnte allenfalls

auch das Zeitalter der Kulturwälder heißen, weil selbst auf den niederen Stufen

der menschlichen Kultur ihr umgestaltender Einfluß sich bereits in der

Benutzung der Wälder und ihrer Erzeugnisse, und somit auch in der

Physiognomie der Landschaft bemerkbar macht. Geologisch wird der Beginn

dieses Zeitalters, welches bis zur Gegenwart reicht, durch das Ende der

pliozänen Schichtenablagerung begrenzt.

Die neptunischen Schichten, welche während des verhältnismäßig kurzen

quartären Zeitraums abgelagert wurden, sind an den verschiedenen Stellen der Erde von sehr verschiedener, meist aber von sehr geringer Dicke. Man bringt

dieselben in zwei verschiedene Systeme, von denen man das ältere als diluvial

oder pleistozän, das neuere als alluvial oder rezent bezeichnet. Das

Diluvialsystem zerfällt selbst wieder in zwei Formationen, in die älteren

glazialen und die neueren postglazialen Bildungen. Während der älteren

Diluvialzeit nämlich fand jene außerordentlich merkwürdige Erniedrigung der

Erdtemperatur statt, welche zu einer ausgedehnten Vergletscherung der

gemäßigten Zonen führte. Diese „Eiszeit“ oder Glazialperiode hat für die

geographische und topographische Verbreitung der Organismen hohe Bedeutung

gewonnen. Auch die auf die Eiszeit folgende „Nacheiszeit“, die postglaziale

Periode oder die neuere Diluvialzeit, während welcher die Temperatur wiederum

stieg und das Eis sich nach den Polen zurückzog, war für die gegenwärtige

Gestaltung der chorologischen Verhältnisse höchst bedeutungsvoll.

Der biologische Charakter der Quartärzeit liegt wesentlich in der Entwicklung

und Ausbreitung des menschlichen Organismus und seiner Kultur. Weit mehr als

jeder andere Organismus hat der Mensch umgestaltend, zerstörend und

neubildend auf die Tier- und Pflanzenbevölkerung der Erde eingewirkt. Aus

diesem Grunde — nicht weil wir dem Menschen im übrigen eine privilegierte

Ausnahmestellung in der Natur einräumen — können wir mit vollem Rechte die

Ausbreitung des Menschen und seiner Kultur als Beginn eines besonderen

letzten Hauptabschnitts der organischen Erdgeschichte bezeichnen.

Wahrscheinlich fand allerdings die körperliche Entwicklung des Urmenschen

aus menschenähnlichen Affen bereits in der jüngeren oder pliozänen, vielleicht

sogar schon in der mittleren oder miozänen Tertiärzeit statt. Allein die

eigentliche Entwicklung der menschlichen Sprache, welche wir als den

wichtigsten Hebel für die Ausbildung der eigentümlichen Vorzüge des Menschen

und seiner Herrschaft über die übrigen Organismen betrachten, fällt

wahrscheinlich erst in jenen Zeitraum, welchen man aus geologischen Gründen

als pleistozäne oder diluviale Zeit von der vorhergehenden Pliozänperiode

trennt. Jedenfalls ist derjenige Zeitraum, welcher seit der Entwicklung der

menschlichen Sprache bis zur Gegenwart verfloß, mag derselbe auch viele

Jahrtausende und vielleicht Hunderttausende von Jahren in Anspruch genommen

haben, verschwindend gering gegen die unermeßliche Länge der Zeiträume,

welche vom Beginn des organischen Lebens auf der Erde bis zur Entstehung des

Menschengeschlechts verflossen.

Die tabellarische Übersicht Seite 69 zeigt die Reihenfolge der

paläontologischen Terrains, Systeme und Formationen, d. h. der größeren und

kleineren neptunischen Schichtengruppen, welche Versteinerungen einschließen,

von den obersten oder alluvialen bis zu den untersten oder laurentischen

Ablagerungen hinab. Die Tabelle Seite 68 führt die historische Einteilung der

entsprechenden Zeiträume vor, der größeren und kleineren paläontologischen

Perioden, und zwar in umgekehrter Reihenfolge.

Übersicht

der paläontologischen Perioden oder der größeren Zeitabschnitte der organischen

Erdgeschichte.

Erster Zeitraum: Archozoisches Zeitalter.

Primordial-Zeit.

(Zeitalter der Schädellosen und der Tangwälder.)

1. Ältere Archolithzeit oder Laurentische Periode. 2. Mittlere Archolithzeit " Kambrische Periode. 3. Neuere Archolithzeit " Silurische Periode.

Zweiter Zeitraum: Paläozoisches Zeitalter.

Primär-Zeit.

(Zeitalter der Fische und Farnwälder.)

4. Ältere Paläolithzeit oder Devonische Periode. 5. Mittlere Paläolithzeit " Steinkohlen-Periode. 6. Neuere Paläolithzeit " Permische Periode.

Dritter Zeitraum: Mesozoisches Zeitalter.

Sekundär-Zeit.

(Zeitalter der Reptilien und der Nadelwälder.)

7. Ältere Mesolithzeit oder Trias-Periode. 8. Mittlere Mesolithzeit " Jura-Periode. 9. Neuere Mesolithzeit " Kreide-Periode.

Vierter Zeitraum: Zänozoisches Zeitalter.

Tertiär-Zeit.

(Zeitalter der Säugetiere und der Laubwälder.)

10. Ältere Zänolithzeit oder Eozäne Periode. 11. Mittlere Zänolithzeit " Miozäne Periode. 12. Neuere Zänolithzeit " Pliozäne Periode.

Fünfter Zeitraum: Anthropozoisches Zeitalter.

Quartär-Zeit.

(Zeitalter der Menschen und der Kulturwälder.)

13. Ältere Anthropolithzeit oder Eiszeit. Glaziale Periode. 14. Mittlere Anthropolithzeit " Postglaziale Periode. 15. Neuere Anthropolithzeit " Kultur-Periode.

(Die Kultur-Periode ist die historische Zeit oder die Periode der

Überlieferungen.)

Übersicht der paläontologischen Formationen oder der versteinerungsführenden Schichten

der Erdrinde.

Synonyme

Terrains Systeme Formation der

Formationen

XIV. Rezent 36. Präsent Oberalluviale

V. Anthropolithische Terrains oder (Alluvium) 35. Rezent Unteralluviale

anthropozoische (quartäre)

Schichtengruppen XIII. Pleistozän 34. Postglazial Oberdiluviale

(Diluvium) 33. Glazial Unterdiluviale

XII. Pliozän 32. Arvern Oberpliozäne (Neutertiär) 31. Subapennin Unterpliozäne

zänozoische (tertiäre) Schichtengruppen IV. Zänolithische Terrains oder (Mitteltertiär) 29. Limburg Untermiozäne XI. Miozän 30. Falun Obermiozäne

28. Gips Obereozäne

X. Eozän

27. Grobkalk Mitteleozäne

(Alttertiär)

26. Londonton Untereozäne

25. Weißkreide Oberkreide

24. Grünsand Mittelkreide

IX. Kreide

23. Neokom Unterkreide

22. Wealden Wälderformation

III. Mesolithische Terrains oder 21. Portland Oberoolith

mesozoische (sekundäre) 20. Oxford Mitteloolith

Schichtengruppen 19. VIII. Jura Bath Unteroolith

18. Lias Liasformation

17. Keuper Obertrias

VII. Trias 16. Muschelkalk Mitteltrias

15. Buntsand Untertrias

VI. Permisches 14. Zechstein Oberpermische

(Dyas) 13. Neurotsand Unterpermische

paläozoische (primäre) Schichtengruppen II. Paläolithische Terrains oder (Steinkohle) 11. Kohlenkalk Unterkarbonische V. Karbonisches 12. Kohlensand Oberkarbonische

10. Pilton Oberdevonische

IV. Devonisches

9. Ilfracombe Mitteldevonische

(Altrotsand)

8. Linton Unterdevonische

7. Ludlow Obersilurische

III. Silurisches 6. Landovery Mittelsilurische

I. Archolithische Terrains oder 5. Landeilo Untersilurische

archozoische (primordiale) 4. Potsdam Oberkambrische

Schichtengruppen 3. II. Kambrisches Longmynd Unterkambrische

2. Labrador Oberlaurentische

I. Laurentisches

1. Ottawa Unterlaurentische

Tabelle

zur Übersicht der neptunischen versteinerungsführenden Schichten-Systeme der Erdrinde mit Bezug auf

ihre verhältnismäßige durchschnittliche Dicke. (130000 Fuß zirka.)

IV. Zänozoische Schichten-Systeme. Eozän, Miozän,

Zirka 3000 Fuß. Pliozän.

III. Mesozoische Schichten-Systeme. IX. Kreide-System.

Ablagerungen der Sekundärzeit. VIII. Jura-System.

Zirka 15000 Fuß. VII. Trias-System.

II. Paläozoische Schichten-Systeme. VI. Permisches System.

Ablagerungen der Primär-Zeit. V. Steinkohlen-System.

Zirka 42000 Fuß. IV. Devonisches System.

III. Silurisches System.

Zirka 22000 Fuß.

I. Archozoische Schichten-Systeme.

II. Kambrisches System.

Ablagerungen der Primordial-Zeit.

Zirka 18000 Fuß.

Zirka 70000 Fuß.

I. Laurentisches System.

Zirka 30000 Fuß.

Man hat viele Versuche angestellt, die Zahl der Jahrtausende, welche diese

Zeiträume zusammensetzen, annähernd zu berechnen. Man verglich die Dicke

der Schlammschichten, welche erfahrungsgemäß während eines Jahrhunderts

sich absetzen, und welche nur wenige Linien oder Zolle betragen, mit der

gesamten Dicke der geschichteten Gesteinsmassen, deren ideales System wir

soeben überblickt haben. Diese Dicke mag im ganzen durchschnittlich ungefähr

130000 Fuß betragen, und hiervon kommen 70000 auf das primordiale oder

archozoische, 42000 auf das primäre oder paläozoische, 15000 auf das

sekundäre oder mesozoische und endlich nur 3000 auf das tertiäre oder

zänozoische Terrain. Die sehr geringe und nicht annähernd bestimmbare

durchschnittliche Dicke des quartären oder anthropozoischen Terrains kommt

dabei gar nicht in Betracht. Man kann sie höchstens durchschnittlich auf 500-700

Fuß anschlagen. Selbstverständlich haben aber alle diese Maßangaben nur einen

ganz durchschnittlichen und annähernden Wert und sollen nur dazu dienen, das

relative Maßverhältnis der Schichtensysteme und der ihnen entsprechenden

Zeitabschnitte ganz ungefähr zu überblicken. Auch werden die Maße sehr

verschieden abgeschätzt.

Wenn man nun die gesamte Zeit der organischen Erdgeschichte, d. h. den

ganzen Zeitraum seit Beginn des Lebens auf der Erde bis auf den heutigen Tag,

in hundert gleiche Teile teilt, und wenn man dann, dem angegebenen

durchschnittlichen Dickenverhältnis der Schichtensysteme entsprechend, die

relative Zeitdauer der fünf Hauptabschnitte oder Zeitalter nach Prozenten

berechnet, so ergibt sich folgendes Resultat. (Vergl. Seite 70.)

I. Archozoische oder Primordialzeit 53,6

II. Paläozoische oder Primärzeit 32,1

III. Mesozoische oder Sekundärzeit 11,5

IV. Zänozoische oder Tertiärzeit 2,3

V. Anthropozoische oder Quartärzeit 0,5

———

Summa: 100,0

Es beträgt demnach die Länge des archozoischen Zeitraums, währenddessen

fast noch keine landbewohnenden Tiere und Pflanzen existierten, mehr als die

Hälfte, mehr als 53 Prozent, dagegen die Länge des anthropozoischen Zeitraums,

währenddessen der Mensch existierte, kaum ein halbes Prozent von der ganzen

Länge der organischen Erdgeschichte. Es ist aber ganz unmöglich, die Länge

dieser Zeiträume auch nur annähernd nach Jahren zu berechnen.

Die Dicke der Schlammschichten, welche während eines Jahrhunderts sich in

der Gegenwart ablagern, und welche man als Basis für diese Berechnung

benutzen wollte, ist an den verschiedenen Stellen der Erde unter den ganz

verschiedenen Bedingungen, unter denen überall die Ablagerung stattfindet,

natürlich ganz verschieden. Sie ist sehr gering auf dem Boden des hohen Meeres,

in den Betten breiter Flüsse mit kurzem Laufe und in Landseen, welche sehr

dürftige Zuflüsse erhalten. Sie ist verhältnismäßig bedeutend an Meeresküsten

mit starker Brandung, am Ausfluß großer Ströme mit langem Lauf und in

Landseen mit starken Zuflüssen. An der Mündung des Mississippi, welcher sehr

bedeutende Schlammassen mit sich fortführt, würden in 100000 Jahren wohl

etwa 600 Fuß abgelagert werden. Auf dem Grunde des offenen Meeres, weit von

den Küsten entfernt, werden sich während dieses langen Zeitraums nur wenige

Fuß Schlamm absetzen. Selbst an den Küsten, wo verhältnismäßig viel Schlamm

abgelagert wird, mag die Dicke der dadurch während eines Jahrhunderts

gebildeten Schichten, wenn sie nachher sich zu festem Gesteine verdichtet

haben, doch nur wenige Zoll oder Linien betragen. Jedenfalls aber bleiben alle

auf diese Verhältnisse gegründeten Berechnungen ganz unsicher, und wir können

uns auch nicht einmal annähernd die ungeheure Länge der Zeiträume vorstellen,

welche zur Bildung jener neptunischen Schichtensysteme erforderlich waren.

Nur relative, nicht absolute Zeitmaße sind hier mit Vorsicht anwendbar.

Man würde übrigens auch vollkommen fehlgehen, wenn man die Mächtigkeit

jener Schichtensysteme allein als Maßstab für die inzwischen wirklich

verflossene Zeit der Erdgeschichte betrachten wollte. Denn Hebungen und

Senkungen der Erdrinde haben beständig miteinander gewechselt, und aller

Wahrscheinlichkeit nach entspricht oft der mineralogische und paläontologische

Unterschied, den man zwischen je zwei aufeinander folgenden

Schichtensystemen und zwischen je zwei Formationen derselben wahrnimmt,

einem beträchtlichen Zwischenraum von mehreren Jahrtausenden,

währenddessen die betreffende Stelle der Erdrinde über das Wasser gehoben war. Erst nach Ablauf dieser Zwischenzeit, als eine neue Senkung diese Stelle wieder

unter Wasser brachte, fand die Ablagerung einer neuen Bodenschicht statt. Da

aber inzwischen die anorganischen und organischen Verhältnisse an diesem Orte

eine beträchtliche Umbildung erfahren hatten, mußte die neugebildete

Schlammschicht aus verschiedenen Bodenbestandteilen zusammengesetzt sein

und ganz verschiedene Versteinerungen einschließen.

Die auffallenden Unterschiede, die zwischen den Versteinerungen zweier

übereinander liegenden Schichten so häufig stattfinden, sind einfach und leicht

nur durch die Annahme zu erklären, daß derselbe Punkt der Erdoberfläche

wiederholten Senkungen und Hebungen ausgesetzt wurde. Noch gegenwärtig

finden solche Hebungen und Senkungen, welche man teils der Faltung der

schrumpfenden Erdrinde, teils der Reaktion des feuerflüssigen Erdkerns gegen

die erstarrte Rinde zuschreibt, in weiter Ausdehnung statt. So steigt z. B. die

Küste von Schweden und ein Teil von der Westküste Südamerikas beständig

langsam empor, während die Küste von Holland und ein Teil von der Ostküste

Südamerikas allmählich untersinkt. Das Steigen wie das Sinken geschieht nur

sehr langsam und beträgt im Jahrhundert bald nur einige Linien, bald einige Zoll

oder höchstens einige Fuß. Wenn aber diese Bewegung Hunderte von

Jahrtausenden hindurch ununterbrochen andauert, kann sie die höchsten Gebirge

bilden.

Offenbar haben ähnliche Hebungen und Senkungen während des ganzen

Verlaufes der organischen Erdgeschichte ununterbrochen an verschiedenen

Stellen miteinander gewechselt. Das ergibt sich mit Sicherheit aus der

geographischen Verbreitung der Organismen. Nun ist es aber für die Beurteilung

unserer paläontologischen Schöpfungsurkunde außerordentlich wichtig, sich

klarzumachen, daß bleibende Schichten sich bloß während langsamer Senkung

des Bodens unter Wasser ablagern können, nicht aber während andauernder

Hebung. Wenn der Boden langsam mehr und mehr unter den Meeresspiegel

versinkt, so gelangen die abgelagerten Schlammschichten in immer tieferes und

ruhigeres Wasser, wo sie sich ungestört zu Gestein verdichten können. Wenn

sich dagegen umgekehrt der Boden langsam hebt, so kommen die soeben

abgelagerten Schlammschichten, welche Reste von Pflanzen und Tieren

umschließen, sogleich wieder in den Bereich des Wogenspiels und werden durch

die Kraft der Brandung alsbald nebst den eingeschlossenen organischen Resten

zerstört. Aus diesem einfachen, aber sehr gewichtigen Grunde können also nur

während einer andauernden Senkung des Bodens sich reichlichere Schichten

ablagern, in denen die organischen Reste erhalten bleiben. Wenn je zwei

verschiedene übereinander liegende Formationen oder Schichten mithin zwei

verschiedenen Senkungsperioden entsprechen, so müssen wir zwischen diesen letzteren einen langen Zeitraum der Hebung annehmen, von dem wir gar nichts

wissen, weil uns keine fossilen Reste von den damals lebenden Tieren und

Pflanzen aufbewahrt werden konnten. Offenbar verdienen aber diese spurlos

dahingegangenen Hebungszeiträume nicht geringere Berücksichtigung als die

damit abwechselnden Senkungszeiträume, von deren organischer Bevölkerung

uns die versteinerungsführenden Schichten eine ungefähre Vorstellung geben.

Wahrscheinlich waren die ersteren durchschnittlich von nicht geringerer Dauer

als die letzteren; für diese Annahme sprechen viele gewichtige Gründe.

Schon hieraus ergibt sich, wie unvollständig unsere Urkunde notwendig sein

muß, um so mehr, da sich theoretisch erweisen läßt, daß gerade während der

Hebungszeiträume das Tier- und Pflanzenleben an Mannigfaltigkeit zunehmen

mußte. Denn indem neue Strecken Landes über das Wasser gehoben werden,

bilden sich neue Inseln. Jede neue Insel ist aber ein neuer

Schöpfungsmittelpunkt, weil die zufällig dorthin verschlagenen Tiere und

Pflanzen aus dem neuen Boden im Kampf ums Dasein reiche Gelegenheit

finden, sich eigentümlich zu entwickeln und neue Arten zu bilden. Die Bildung

neuer Arten hat offenbar während dieser Zwischenzeiten, aus denen uns leider

keine Versteinerungen erhalten bleiben konnten, vorzugsweise stattgefunden;

umgekehrt gab die langsame Senkung des Bodens eher Gelegenheit zum

Aussterben zahlreicher Arten und zu einem Rückschritt in der Artenbildung.

Auch die Zwischenformen zwischen den alten und den neu sich bildenden

Spezies werden vorzugsweise während jener Hebungszeiträume gelebt haben

und konnten daher ebenfalls keine fossilen Reste hinterlassen.

Zu den sehr bedeutenden und empfindlichen Lücken der paläontologischen

Schöpfungsurkunde, welche durch die Hebungszeiträume bedingt werden,

kommen nun leider noch viele andere Umstände hinzu, welche den hohen Wert

derselben außerordentlich verringern. Dahin gehört vor allen der

metamorphische Zustand der ältesten Schichtengruppen, gerade derjenigen,

welche die Reste der ältesten Flora und Fauna, der Stammformen aller folgenden

Organismen enthalten, und dadurch von ganz besonderem Interesse sein würden.

Gerade diese Gesteine, und zwar der größere Teil der primordialen oder

archolithischen Schichten, fast das ganze laurentische und ein großer Teil des

kambrischen Systems, enthalten gar keine kenntlichen Reste mehr, und zwar aus

dem einfachen Grunde, weil diese Schichten durch den Einfluß des

feuerflüssigen Erdinnern nachträglich wieder verändert oder metamorphosiert

wurden. Durch die Hitze des glühenden Erdkerns sind diese tiefsten

neptunischen Rindenschichten in ihrer ursprünglichen Schichtenstruktur

gänzlich umgewandelt und in einen kristallinischen Zustand übergeführt worden.

Dabei ging aber die Form der darin eingeschlossen organischen Reste ganz verloren. Nur hier und da wurde sie durch einen glücklichen Zufall erhalten, wie

es bei manchen der ältesten bekannten Petrefakten aus den untersten

kambrischen Schichten der Fall ist. Jedoch können wir aus den Lagern von

kristallinischer Kohle (Graphit) und kristallinischem Kalk (Marmor), welche

sich in den metamorphischen Gesteinen eingelagert finden, mit Sicherheit auf

die frühere Anwesenheit von versteinerten Pflanzen- und Tierresten in denselben

schließen. Neuerdings sind fossile Radiolarien auch in präkambrischen

Schichten entdeckt.

Außerordentlich unvollständig wird unsere Schöpfungsurkunde durch den

Umstand, daß erst ein sehr kleiner Teil der Erdoberfläche genauer geologisch

untersucht ist, vorzugsweise Europa und Nordamerika; auch von Südamerika

und Ostindien sind einzelne Stellen der Erdrinde aufgeschlossen; der größte Teil

derselben ist uns aber unbekannt. Dasselbe gilt vom größten Teil Asiens, des

umfangreichsten aller Weltteile, auch von Afrika (ausgenommen das Kap der

Guten Hoffnung und die Mittelmeerküste) und von Australien wissen wir nur

sehr wenig. Im ganzen ist wohl kaum der hundertste Teil der gesamten

Erdoberfläche gründlich paläontologisch erforscht. Wir können daher wohl

hoffen, bei weiterer Ausbreitung der geologischen Untersuchungen, denen

namentlich die Anlage von Eisenbahnen und Bergwerken sehr zu Hilfe kommen

wird, noch einen großen Teil wichtiger Versteinerungen aufzufinden. Ein

Fingerzeig dafür ist uns durch die merkwürdigen Versteinerungen gegeben, die

man an den wenigen genauer untersuchten Punkten von Afrika und Asien, in den

Kapgegenden und am Himalaja, sowie neuerdings in Patagonien aufgefunden

hat. Eine Reihe von ganz neuen und sehr eigentümlichen Tierformen ist uns

dadurch bekannt geworden. Freilich müssen wir anderseits erwägen, daß der

ausgedehnte Boden der jetzigen Meere vorläufig für die paläontologischen

Forschungen fast unzugänglich ist; den größten Teil der hier seit uralten Zeiten

begrabenen Versteinerungen werden wir entweder niemals oder erst nach Verlauf

vieler Jahrtausende kennen lernen, wenn durch allmähliche Hebungen der

gegenwärtige Meeresboden mehr zutage getreten sein wird. Wenn Sie bedenken,

daß die ganze Erdoberfläche zu ungefähr drei Fünfteilen aus Wasser und nur zu

zwei Fünfteilen aus Festland besteht, so können Sie ermessen, daß auch in dieser

Beziehung die paläontologische Urkunde eine ungeheure Lücke enthalten muß.

Nun kommen aber noch eine Reihe von Schwierigkeiten für die Paläontologie

hinzu, welche in der Natur der Organismen selbst begründet sind. Vor allem ist

hier hervorzuheben, daß in der Regel nur harte und feste Körperteile der

Organismen auf den Boden des Meeres und der süßen Gewässer gelangen und

hier in Schlamm eingeschlossen und versteinert werden können. Es sind also

namentlich die Knochen und Zähne der Wirbeltiere, die Kalkschalen der Weichtiere, die Chitinskelette der Gliedertiere, die Kalkskelette der Sterntiere

und Korallen, ferner die holzigen, festen Teile der Pflanzen, die einer solchen

Versteinerung fähig sind. Die weichen und zarten Teile dagegen, welche bei den

allermeisten Organismen den bei weitem größten Teil des Körpers bilden,

gelangen nur sehr selten unter so günstigen Verhältnissen in den Schlamm, daß

sie versteinern, oder daß ihre äußere Form deutlich in dem erhärteten Schlamme

sich abdrückt. Nun bedenken Sie, daß ganze große Klassen von Organismen, wie

z. B. die Medusen, die Platoden, die nackten Mollusken, welche keine Schale

haben, ein großer Teil der Gliedertiere, die meisten Würmer und selbst die

niedersten Wirbeltiere gar keine festen und harten, versteinerungsfähigen

Körperteile besitzen. Ebenso sind gerade die wichtigsten Pflanzenteile, die

Blüten, meistens so weich und zart, daß sie sich nicht in kenntlicher Form

konservieren können. Von allen diesen wichtigen Lebensformen werden wir

naturgemäß auch gar keine versteinerten Reste zu finden erwarten können.

Ferner sind die Embryonen und Jugendzustände fast aller Organismen so weich

und zart, daß sie gar nicht versteinerungsfähig sind. Was wir also von

Versteinerungen in den neptunischen Schichtensystemen der Erdrinde vorfinden,

das sind im Verhältnis zum Ganzen nur wenige Formen, und meistens nur

einzelne Bruchstücke.

Sodann ist zu berücksichtigen, daß die Meerbewohner in einem viel höheren

Grade Aussicht haben, ihre toten Körper in den abgelagerten Schlammschichten

versteinert zu erhalten, als die Bewohner der süßen Gewässer und des

Festlandes. Die das Land bewohnenden Organismen können in der Regel nur

dann versteinert werden, wenn ihre Leichen zufällig ins Wasser fallen und auf

dem Boden in erhärtenden Schlammschichten begraben werden, was von

mancherlei Bedingungen abhängig ist. Daher kann es uns nicht wundernehmen,

daß die bei weitem größte Mehrzahl der Versteinerungen Organismen angehört,

die im Meere lebten, und daß von den Landbewohnern verhältnismäßig nur sehr

wenige im fossilen Zustande erhalten sind. Welche Zufälligkeiten hierbei ins

Spiel kommen, mag Ihnen allein der Umstand beweisen, daß man von vielen

fossilen Säugetieren, insbesondere von den meisten Säugetieren der

Sekundärzeit, weiter nichts kennt als den Unterkiefer. Dieser Knochen ist erstens

verhältnismäßig fest und löst sich zweitens sehr leicht von dem toten Körper, der

auf dem Wasser schwimmt, ab. Während die Leiche vom Wasser fortgetrieben

und zerstört wird, fällt der Unterkiefer auf den Grund des Wassers hinab und

wird hier vom Schlamm umschlossen. Daraus erklärt sich allein die

merkwürdige Tatsache, daß in einer Kalkschicht des Jurasystems bei Oxford in

England, in den Schiefern von Stonesfield, bis jetzt fast nur die Unterkiefer von

zahlreichen Beuteltieren gefunden worden sind; sie gehören zu den ältesten Säugetieren, welche wir kennen. Von dem ganzen übrigen Körper derselben war

auch nicht ein Knochen mehr vorhanden. Die „exakten“ Gegner der

Entwicklungstheorie würden nach der bei ihnen gebräuchlichen Logik hieraus

den Schluß ziehen müssen, daß der Unterkiefer der einzige Knochen im Leibe

jener merkwürdigen Tiere war.

Für die kritische Würdigung der vielen unbedeutenden Zufälle, die unsere

Kenntnis der Versteinerungen in der bedeutendsten Weise beeinflussen, sind

ferner auch die Fußspuren sehr lehrreich, welche sich in großer Menge in

verschiedenen ausgedehnten Sandsteinlagern, z. B. in dem roten Sandstein von

Connecticut in Nordamerika, finden. Diese Fußtritte rühren offenbar von

Wirbeltieren, wahrscheinlich von Reptilien her, von deren Körper selbst uns

nicht die geringste Spur erhalten geblieben ist. Die Abdrücke, welche ihre Füße

im Schlamm hinterlassen haben, verraten uns allein die vormalige Existenz von

diesen uns sonst ganz unbekannten Tieren.

Welche Zufälligkeiten außerdem noch die Grenzen unserer paläontologischen

Kenntnisse bestimmen, können Sie daraus ermessen, daß man von sehr vielen

wichtigen Versteinerungen nur ein einziges oder nur ein paar Exemplare kennt.

Im Jahre 1861 wurde im lithographischen Schiefer von Solnhofen das

unvollständige Skelett des ältesten bis jetzt bekannten Vogels entdeckt;

Archaeopteryx lithographica; 1877 wurde ebendaselbst ein zweites Exemplar

gefunden, welches das erste in glücklichster Weise ergänzt. Die Kenntnis dieses

einzigen Vogels aus dem Jurasystem besitzt für die Phylogenie der ganzen

Vogelklasse die allergrößte Wichtigkeit. Alle bisher bekannten Vögel stellten

eine sehr einförmig organisierte Gruppe dar, und zeigten keine auffallenden

Übergangsbildungen zu anderen Wirbeltierklassen, auch nicht zu den

nächstverwandten Reptilien. Jener fossile Vogel aus dem Jura dagegen besaß

keinen gewöhnlichen Vogelschwanz, sondern einen Eidechsenschwanz, und

bestätigte dadurch die aus anderen Gründen vermutete Abstammung der Vögel

von den Eidechsen. Durch dieses Petrefakt wurde also nicht nur unsere

Vorstellung von dem Alter der Vogelklasse, sondern auch von ihrer

Blutsverwandtschaft mit den Reptilien wesentlich erweitert. Ebenso sind unsere

Kenntnisse von anderen Tiergruppen oft durch die zufällige Entdeckung einer

einzigen Versteinerung wesentlich umgestaltet worden. Da wir aber wirklich von

vielen wichtigen Petrefakten nur sehr wenige Exemplare oder nur Bruchstücke

kennen, so muß auch aus diesem Grunde die paläontologische Urkunde höchst

unvollständig sein.

Eine weitere und sehr empfindliche Lücke derselben ist durch den Umstand

bedingt, daß die Zwischenformen, welche die verschiedenen Arten verbinden, in

der Regel nicht erhalten sind, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil dieselben (nach dem Prinzip der Divergenz des Charakters) im Kampfe ums

Dasein ungünstiger gestellt waren als die am meisten divergierenden Varietäten,

die sich aus einer und derselben Stammform entwickelten. Die Zwischenglieder

sind im ganzen immer rasch ausgestorben und haben sich nur selten vollständig

erhalten. Die am stärksten divergierenden Formen dagegen konnten sich längere

Zeit hindurch als selbständige Arten am Leben erhalten, sich in zahlreichen

Individuen ausbreiten und demnach auch leichter versteinert werden. Dadurch ist

jedoch nicht ausgeschlossen, daß nicht in vielen Fällen auch die verbindenden

Zwischenformen der Arten sich so vollständig versteinert erhielten, daß sie noch

gegenwärtig die systematischen Paläontologen in die größte Verlegenheit

versetzen und endlose Streitigkeiten über die ganz willkürlichen Grenzen der

Spezies hervorrufen.

Ein ausgezeichnetes Beispiel der Art liefert die berühmte vielgestaltige

Süßwasserschnecke aus dem Stubental bei Steinheim in Württemberg, welche

bald als Paludina, bald als Valvata, bald als Planorbis multiformis beschrieben

worden ist. Die schneeweißen Schalen dieser kleinen Schnecke setzen mehr als

die Hälfte von der ganzen Masse eines tertiären Kalkhügels zusammen und

offenbaren dabei an dieser einen Lokalität eine solche wunderbare

Formenmannigfaltigkeit, daß man die am meisten divergierenden Extreme als

wenigstens zwanzig ganz verschiedene Arten beschreiben und diese sogar in vier

ganz verschiedene Gattungen versetzen könnte. Aber alle diese extremen

Formen sind durch so massenhafte verbindende Zwischenformen verknüpft, und

diese liegen so gesetzmäßig über- und nebeneinander, daß Hilgendorf daraus auf

das klarste den Stammbaum der ganzen Formengruppe entwickeln konnte.

Ebenso finden sich bei sehr vielen anderen fossilen Arten (z. B. vielen

Ammoniten, Terebrateln, Seeigeln, Seelilien usw.) die verknüpfenden

Zwischenformen in solcher Masse, daß sie die „fossilen Spezieskrämer“ zur

Verzweiflung bringen.

Wenn Sie nun alle vorher angeführten Verhältnisse erwägen, so werden Sie

sich nicht darüber wundern, daß die paläontologische Schöpfungsurkunde ganz

außerordentlich lückenhaft und unvollständig ist. Aber dennoch haben die

wirklich gefundenen Versteinerungen den größten Wert. Ihre Bedeutung für die

natürliche Schöpfungsgeschichte ist nicht geringer als die Bedeutung, welche die

berühmte Inschrift von Rosette und das Dekret von Kanopus für die

Völkergeschichte, für die Archäologie und Philologie besitzen. Wie es durch

diese beiden uralten Inschriften möglich wurde, die Geschichte des alten

Ägyptens außerordentlich zu erweitern und die ganze Hieroglyphenschrift zu

entziffern, so genügen uns in vielen Fällen einzelne Knochen eines Tieres oder

unvollständige Abdrücke einer niederen Tier- oder Pflanzenform, um die wichtigsten Anhaltspunkte für die Geschichte einer ganzen Gruppe und die

Erkenntnis ihres Stammbaums zu gewinnen. Ein paar kleine Backzähne, die in

der Keuperformation der Trias gefunden wurden, waren lange Zeit hindurch der

einzige Beweis dafür, daß schon in der Triaszeit Säugetiere wirklich existiert

haben.

Von der Unvollkommenheit des geologischen Schöpfungsberichtes sagt

Darwin, in Übereinstimmung mit Lyell, dem berühmten Geologen: „Der

natürliche Schöpfungsbericht, wie ihn die Paläontologie liefert, ist eine

Geschichte der Erde, unvollständig erhalten und in wechselnden Dialekten

geschrieben, wovon aber nur der letzte, bloß auf einige Teile der Erdoberfläche

sich beziehende Band bis auf uns gekommen ist. Doch auch von diesem Bande

ist nur hier und da ein kurzes Kapitel erhalten, und von jeder Seite sind nur da

und dort einige Zeilen übrig. Jedes Wort der langsam wechselnden Sprache

dieser Beschreibung, mehr oder weniger verschieden in der ununterbrochenen

Reihenfolge der einzelnen Abschnitte, mag den anscheinend plötzlich

wechselnden Lebensformen entsprechen, welche in den unmittelbar aufeinander

liegenden Schichten unserer weit voneinander getrennten Formationen begraben

liegen.“

Wenn Sie diese außerordentliche Unvollständigkeit der paläontologischen

Urkunde sich beständig vor Augen halten, so wird es Ihnen nicht wunderbar

erscheinen, daß wir noch auf so viele unsichere Hypothesen angewiesen sind,

indem wir wirklich den Stammbaum der verschiedenen organischen Gruppen

entwerfen wollen. Jedoch besitzen wir glücklicherweise außer den

Versteinerungen auch noch andere historische Urkunden; und diese sind in

vielen Fällen von nicht geringerem und in den meisten sogar von viel höherem

Werte als die Petrefakten. Die bei weitem wichtigste von diesen anderen

Schöpfungsurkunden ist ohne Zweifel die Ontogenie oder Keimesgeschichte;

denn sie wiederholt uns kurz in großen, markigen Zügen das Bild der

Stammesgeschichte oder Phylogenie.

Allerdings ist die Skizze, welche uns die Ontogenie der Organismen von ihrer

Phylogenie gibt, in den meisten Fällen mehr oder weniger verwischt, und zwar

um so mehr, je mehr die Anpassung im Laufe der Zeit das Übergewicht über die

Vererbung erlangt hat, und je mächtiger das Gesetz der abgekürzten Vererbung

und das Gesetz der wechselbezüglichen Anpassung eingewirkt haben. Allein

dadurch wird der hohe Wert nicht vermindert, welchen die wirklich treu

erhaltenen Züge jener Skizze besitzen. Besonders für die Erkenntnis der

frühesten paläontologischen Entwicklungszustände ist die Ontogenie von ganz

unschätzbaren Werte, weil gerade von den ältesten Entwicklungsstufen der

Stämme und Klassen uns gar keine versteinerten Reste erhalten worden sind und auch schon wegen der weichen und zarten Körperbeschaffenheit derselben nicht

erhalten bleiben konnten. Keine Versteinerung könnte uns von der unschätzbar

wichtigen Tatsache berichten, welche die Ontogenie uns erzählt, daß die ältesten

gemeinsamen Vorfahren aller verschiedenen Tier- und Pflanzenarten ganz

einfache Zellen, gleich den Eiern waren. Keine Versteinerung könnte uns die

unendlich wertvolle, durch die Ontogenie festgestellte Tatsache beweisen, daß

durch einfache Vermehrung, Gemeindebildung und Arbeitsteilung jener Zellen

die unendlich mannigfaltigen Körperformen der vielzelligen Organismen

entstanden. Allein schon die Gastrulation ist eine der wichtigsten

Stammesurkunden. So hilft uns die Ontogenie über viele und große Lücken der

Paläontologie hinweg.

Hand von neun verschiedenen Säugetieren.

1. Mensch. 2. Gorilla. 3. Orang. 4. Hund. 5. Seehund. 6. Delphin. 7. Fledermaus. 8. Maulwurf. 9. Schnabeltier.

Zu den unschätzbaren Schöpfungsurkunden der Paläontologie und Ontogenie

gesellen sich nun drittens die nicht minder wichtigen Zeugnisse für die

Blutsverwandtschaft der Organismen, welche uns die vergleichende Anatomie liefert. Wenn äußerlich sehr verschiedene Organismen in ihrem inneren Bau

nahezu übereinstimmen, so können wir daraus mit voller Sicherheit schließen,

daß diese Übereinstimmung ihren Grund in der Vererbung, jene Ungleichheit

dagegen ihren Grund in der Anpassung hat. Betrachten Sie z. B. vergleichend die

Hände oder Vorderpfoten der neun verschiedenen Säugetiere, welche auf Seite

87 abgebildet sind, und bei denen das knöcherne Skelettgerüst im Innern der

Hand und der fünf Finger sichtbar ist. Überall finden sich bei der

verschiedensten äußeren Form dieselben Knochen in derselben Zahl, Lagerung

und Verbindung wieder. Daß die Hand des Menschen (Fig. 1) von derjenigen

seiner nächsten Verwandten, des Gorilla (Fig. 2) und des Orang (Fig. 3), sehr

wenig verschieden ist, wird vielleicht sehr natürlich erscheinen. Wenn aber auch

die Vorderpfote des Hundes (Fig. 4), sowie die Brustflosse (die Hand) des

Seehundes (Fig. 5) und des Delphins (Fig. 6) ganz denselben wesentlichen Bau

zeigt, so wird dies schon mehr überraschen. Und noch wunderbarer wird es

Ihnen vorkommen, daß auch der Flügel der Fledermaus (Fig. 7), die

Grabschaufel des Maulwurfs (Fig. 8) und der Vorderfuß des unvollkommensten

aller Säugetiere, des Schnabeltieres (Fig. 9) ganz aus denselben Knochen

zusammengesetzt ist. Nur die Größe und Form der Knochen ist vielfach

geändert. Die Zahl und die Art ihrer Anordnung und Verbindung ist dieselbe

geblieben. Es ist ganz undenkbar, daß irgendeine andere Ursache als die

gemeinschaftliche Vererbung von gemeinsamen Stammeltern diese wunderbare

Homologie oder Gleichheit im wesentlichen inneren Bau bei so verschiedener

äußerer Form verursacht habe. Und wenn Sie nun im System von den

Säugetieren weiter hinuntersteigen und finden, daß sogar bei den Vögeln die

Flügel, bei den Reptilien und Amphibien die Vorderfüße wesentlich in derselben

Weise aus denselben Knochen zusammengesetzt sind, wie die Arme des

Menschen und die Vorderbeine der übrigen Säugetiere, so können Sie schon

daraus auf die gemeinsame Abstammung aller dieser Wirbeltiere mit voller

Sicherheit schließen. Der Grad der inneren Formverwandtschaft enthüllt Ihnen

hier, wie überall, den Grad der wahren Stammverwandtschaft.

(Aus „Natürliche Schöpfungsgeschichte“.)

III.

Die Gasträatheorie.

Die ersten Vorgänge der individuellen Entwicklung, welche nach erfolgter

Befruchtung der Eizelle und Bildung der Stammzelle eintreten, sind im ganzen

Tierreiche wesentlich dieselben; sie beginnen überall mit der sogenannten

Eifurchung und Keimblätterbildung. Nur die niedersten und einfachsten Tiere,

die Urtiere oder Protozoen, machen davon eine Ausnahme; denn sie bleiben

zeitlebens einzellig. Zu diesen Urtieren gehören die Amöben, Gregarinen,

Rhizopoden, Infusorien usw. Da ihr ganzer Organismus nur durch eine einzige

Zelle repräsentiert wird, können sie niemals „Keimblätter“, d. h. bestimmt

geformte Zellenschichten bilden. Alle übrigen Tiere dagegen, alle Gewebetiere

oder Metazoen (wie wir sie im Gegensatz zu jenen Protozoen nennen) bilden

durch wiederholte Teilung der befruchteten Eizelle echte Keimblätter. Das gilt

ebensowohl von den niederen Nesseltieren und Wurmtieren, wie von den höher

entwickelten Weichtieren, Sterntieren, Gliedertieren und Wirbeltieren.

Bei allen diesen Metazoen oder vielzelligen Tieren sind die wichtigsten

Vorgänge der Keimung im wesentlichen gleich, obwohl sie, äußerlich betrachtet,

oft sehr verschieden erscheinen. Überall zerfällt die Stammzelle, welche aus der

befruchteten Eizelle hervorgegangen ist, zunächst durch wiederholte Teilung in

eine große Anzahl von einfachen Zellen. Diese Zellen sind alle direkte

Nachkommen der Stammzelle und werden aus später zu erörternden Gründen als

Furchungszellen oder „Furchungskugeln“ bezeichnet (Blastomera oder

Segmentella). Der wiederholte Teilungsprozeß der Stammzelle, durch welchen

die Furchungszellen entstehen, ist schon lange unter dem Namen der Eifurchung

oder schlechtweg „Furchung“ (Segmentatio) bekannt. Früher oder später treten

die Furchungszellen zur Bildung einer runden (ursprünglich kugeligen)

Keimblase (Blastula) zusammen; dann aber sondern sie sich in zwei wesentlich

verschiedene Gruppen und ordnen sich in zwei getrennte Zellenschichten: die

beiden primären Keimblätter. Diese umschließen eine Verdauungshöhle, den

Urdarm, mit einer Öffnung, dem Urmund. Die bedeutungsvolle Keimform,

welche diese ältesten Primitivorgane besitzt, nennen wir Gastrula, den Vorgang ihrer Entstehung Gastrulation. Dieser ontogenetische Vorgang besitzt die

höchste Bedeutung und ist der eigentliche Ausgangspunkt für die Gestaltung des

vielzelligen Tierkörpers.

Die fundamentalen Keimungsprozesse der Eifurchung und der

Keimblätterbildung sind erst in den letzten dreißig Jahren vollkommen klar

erkannt und in ihrer wahren Bedeutung richtig gewürdigt worden. Sie bieten in

den verschiedenen Tiergruppen mancherlei auffallende Verschiedenheiten dar,

und es war nicht leicht, die wesentliche Gleichheit oder Identität derselben im

ganzen Tierreiche nachzuweisen. Erst nachdem ich 1872 die Gasträatheorie

aufgestellt und später (1875) alle die einzelnen Formen der Eifurchung und

Gastrulabildung auf eine und dieselbe Grundform zurückgeführt hatte, konnte

jene wichtige Identität als wirklich bewiesen angesehen werden. Es ist damit ein

einheitliches Gesetz gewonnen, welches die ersten Vorgänge der Keimung bei

sämtlichen Tieren beherrscht.

Der Mensch verhält sich in bezug auf diese ersten und wichtigsten Vorgänge

jedenfalls durchaus gleich den übrigen höheren Säugetieren, und zunächst den

Affen. Da der menschliche Keim oder Embryo selbst noch in einem viel späteren

Stadium der Ausbildung, wo bereits Gehirnblasen, Augen, Gehörorgane,

Kiemenbogen usw. angelegt sind, nicht wesentlich von dem gleichgeformten

Keime der übrigen höheren Säugetiere verschieden ist, so dürfen wir mit voller

Sicherheit annehmen, daß auch die ersten Vorgänge der Keimung, der

Eifurchung und Keimblätterbildung dieselben sind. Wirklich beobachtet sind

diese Verhältnisse allerdings bisher noch nicht. Da aber sowohl die jüngsten

wirklich beobachteten menschlichen Embryonen (in Form von Keimblasen), als

auch die darauf folgenden weiter entwickelten Keimformen mit denjenigen des

Kaninchens, des Hundes und anderer höherer Säugetiere wesentlich

übereinstimmen, so wird kein vernünftiger Mensch daran zweifeln, daß auch die

Eifurchung und Keimblätterbildung hier geradeso wie dort verläuft.

Nun ist aber die besondere Form, welche die Eifurchung und

Keimblätterbildung bei den Säugetieren besitzt, keineswegs die ursprüngliche,

einfache und palingenetische Form der Keimung. Vielmehr ist dieselbe infolge

von zahlreichen embryonalen Anpassungen sehr stark abgeändert, gestört oder

cenogenetisch modifiziert. Wir können dieselbe daher unmöglich an und für sich

allein verstehen. Vielmehr müssen wir, um zu diesem Verständnis zu gelangen,

die verschiedenen Formen der Eifurchung und Keimblätterbildung im Tierreiche

vergleichend betrachten; und vor allem müssen wir die ursprüngliche,

palingenetische Form derselben aufsuchen, aus welcher die abgeänderte,

cenogenetische Form der Säugetierkeimung erst viel später allmählich

entstanden ist.

Diese ursprüngliche, palingenetische Form der Eifurchung und

Keimblätterbildung besteht im Stamme der Wirbeltiere, zu welchem der Mensch

gehört, heutzutage einzig und allein noch beim niedersten und ältesten Gliede

dieses Stammes, bei dem wunderbaren Lanzettierchen oder Amphioxus.

Dieselbe palingenetische Form der Keimung finden wir aber in ganz gleicher

Weise auch noch bei vielen niederen, wirbellosen Tieren vor, so z. B. bei der

merkwürdigen Seescheide (Ascidia), bei der Teichschnecke (Limnaeus), beim

Pfeilwurm (Sagitta), ferner bei sehr vielen Sterntieren und Nesseltieren, so z. B.

beim gewöhnlichen Seestern und Seeigel, bei vielen Medusen und Korallen und

bei den einfachsten Schwämmen (Olynthus). Wir wollen hier als Beispiel die

palingenetische Eifurchung und Keimblätterbildung einer achtzähligen

Einzelkoralle betrachten, welche ich 1873 im Roten Meere entdeckt und in

meinen „Arabischen Korallen“ als Monoxenia Darwinii beschrieben habe.

Fig. 1. Gastrulation einer Koralle (Monoxenia Darwinii).

Die befruchtete Eizelle dieser Koralle (siehe die Abbildungen S. 93) zerfällt

zunächst durch Teilung in zwei gleiche Zellen (C). Zuerst teilt sich der Kern der

Stammzelle und das anhängende Centrosoma in zwei gleiche Hälften, diese

stoßen sich ab, weichen auseinander und wirken als Anziehungsmittelpunkte auf

das umgebende Protoplasma; infolgedessen schnürt sich das letztere durch eine

Ringfurche ringsherum ein und geht ebenfalls in zwei gleiche Hälften

auseinander. Jede der beiden so entstandenen „Furchungszellen“ zerfällt auf dieselbe Weise wiederum in zwei gleiche Zellen, und zwar liegt die

Trennungsebene dieser beiden letzteren senkrecht auf derjenigen der beiden

ersteren (Fig. D). Die vier gleichen Furchungszellen (die Enkelinnen der

Stammzelle) liegen in einer Ebene. Jetzt teilt sich jede derselben abermals in

zwei gleiche Hälften, und wiederum geht die Teilung des Zellkernes derjenigen

des umhüllenden Protoplasma voraus. Die so entstandenen acht Furchungszellen

zerfallen auf die gleiche Weise wieder in sechzehn. Aus diesen werden durch

abermalige Teilung 32 Furchungszellen. Indem jede von diesen sich halbiert,

entstehen 64, weiterhin 128 Zellen usw. Das Endresultat dieser wiederholten

gleichmäßigen Zweiteilung ist die Bildung eines kugeligen Haufens von

gleichartigen Furchungszellen, und diesen nennen wir Maulbeerkeim (Morula).

Die Zellen liegen so dicht gedrängt aneinander, wie die Körner einer Maulbeere

oder Brombeere, und daher erscheint die Oberfläche der Kugel im ganzen

höckerig.

Nachdem die Eifurchung dergestalt beendigt ist, verwandelt sich der dichte

Maulbeerkeim in eine hohle kugelige Blase. Wässerige Flüssigkeit oder Gallerte

sammelt sich in der Mitte der dichten Kugel an; die Furchungszellen weichen

auseinander und begeben sich alle an die Oberfläche derselben. Hier platten sie

sich durch gegenseitigen Druck vielflächig ab, nehmen die Gestalt von

abgestutzten Pyramiden an und ordnen sich in eine einzige Schicht regelmäßig

nebeneinander (Fig. F, G). Diese Zellenschicht heißt die Keimhaut

(Blastoderma); die gleichartigen Zellen, welche dieselbe in einfacher Lage

zusammensetzen, nennen wir Keimhautzellen, und die ganze hohle Kugel, deren

Wand die letzteren bilden, heißt Keimhautblase, auch kurz „Keimblase“ oder

„Blasenkeim“ (Blastula). Der innere Hohlraum der Kugel, der mit klarer

Flüssigkeit oder Gallerte gefüllt ist, heißt „Furchungshöhle“ oder Keimhöhle.

Bei unserer Koralle, wie bei vielen anderen niederen Tieren, beginnt schon

jetzt der junge Tierkeim sich selbständig zu bewegen und im Wasser

umherzuschwimmen. Es wächst nämlich aus jeder Keimhautzelle ein dünner und

langer, fadenförmiger Fortsatz hervor, eine Peitsche oder Geißel; und diese führt

selbständig langsame, später raschere Schwingungen aus (Fig. F). Jede

Keimhautzelle wird so zu einer schwingenden „Geißelzelle“. Durch die

vereinigte Kraft aller dieser schwingenden Geißeln wird die ganze kugelige

Keimhautblase drehend oder rotierend im Wasser umhergetrieben. Bei vielen

anderen Tieren, insbesondere bei solchen, wo sich der Keim innerhalb

geschlossener Eihüllen entwickelt, bilden sich die schwingenden Geißelfäden an

den Keimhautzellen erst später oder kommen überhaupt nicht zur Ausbildung.

Die Keimhautblase kann wachsen und sich ausdehnen, indem sich die

Keimhautzellen durch fortgesetzte Teilung (in der Kugelfläche!) vermehren und im inneren Hohlraum noch mehr Flüssigkeit ausgeschieden wird. Es gibt noch

heute einige Organismen, welche auf der Bildungsstufe der Blastula zeitlebens

stehenbleiben, Hohlkugeln, welche durch Flimmerbewegung im Wasser

umherschwimmen und deren Wand aus einer einzigen Zellenschicht besteht: die

Kugeltierchen (Volvox), die Flimmerkugeln (Magosphaera, Synura) und

andere.

Jetzt tritt ein sehr wichtiger und merkwürdiger Vorgang ein, nämlich die

Einstülpung der Keimblase (Fig. H). Aus der Kugel mit einschichtiger

Zellenwand wird ein Becher mit zweischichtiger Zellenwand (Fig. G, H, I). An

einer bestimmten Stelle der Kugeloberfläche bildet sich eine Abplattung, die

sich zu einer Grube vertieft. Diese Grube wird tiefer und tiefer; sie wächst auf

Kosten der inneren Keimhöhle oder Furchungshöhle. Die letztere nimmt immer

mehr ab, je mehr sich die erstere ausdehnt. Endlich verschwindet die innere

Keimhöhle ganz, indem sich der innere, eingestülpte Teil der Keimhaut (oder die

Wand der Grube) an den äußeren, nicht eingestülpten Teil derselben innig anlegt.

Zugleich nehmen die Zellen der beiden Teile verschiedene Gestalt und Größe an;

die inneren Zellen werden mehr rundlich, die äußeren mehr länglich (Fig. I). So

bekommt der Keim die Gestalt eines becherförmigen oder krugförmigen

Körpers, dessen Wand aus zwei verschiedenen Zellenschichten besteht, und

dessen innere Höhlung sich am einen Ende (an der ursprünglichen

Einstülpungsstelle) nach außen öffnet. Diese höchst wichtige und interessante

Keimform nennen wir Becherkeim oder Becherlarve (Gastrula, Fig. 1 I im

Längsschnitt, K von außen).

Die Gastrula halte ich für die wichtigste und bedeutungsvollste Keimform des

Tierreichs. Denn bei allen echten Tieren (nach Ausschluß der einzelligen

Protozoen) geht aus der Eifurchung entweder eine reine, ursprüngliche,

palingenetische Gastrula hervor, oder doch eine gleichbedeutende

cenogenetische Keimform, die sekundär aus der ersteren entstanden ist und sich

unmittelbar darauf zurückführen läßt. Sicher ist es eine Tatsache von höchstem

Interesse und von der größten Bedeutung, daß Tiere der verschiedensten

Stämme: Wirbeltiere und Manteltiere, Weichtiere und Gliedertiere, Sterntiere

und Wurmtiere, Nesseltiere und Schwammtiere sich aus einer und derselben

Keimform entwickeln. Als redende Beispiele stelle ich hier einige reine

Gastrulaformen aus verschiedenen Tierstämmen nebeneinander:

Fig. 2 (B). Gastrula eines Wurmes (Pfeilwurm, Sagitta) nach Kowalevsky. — Fig. 3 (C). Gastrula eines Echinodermen (Seestern, Uraster), nicht völlig eingestülpt (Depula), nach Alexander Agassiz. — Fig. 4 (D). Gastrula eines Arthropoden (Urkrebs, Nauplius) (wie 3). — Fig. 5. (E). Gastrula eines Mollusken (Teichschnecke, Limnaeus), nach Karl Rabl. — Fig. 6 (A). Gastrula eines einfachsten Urdarmtieres, einer Gasträade (Gastrophysema), Haeckel. — Fig. 7 (F). Gastrula eines Wirbeltieres (Lanzettierchen, Amphioxus), nach Kowalevsky. (Frontal-Ansicht.) — Überall bedeutet: d Urdarmhöhle. o Urmund. s Furchungshöhle. i Entoderm (Darmblatt). e Ektoderm (Hautblatt).

Bei dieser außerordentlichen Bedeutung der Gastrula müssen wir die

Zusammensetzung ihrer ursprünglichen Körperform auf das genaueste

untersuchen. Gewöhnlich ist die typische reine Gastrula sehr klein, mit bloßem

Auge nicht sichtbar oder höchstens unter günstigen Umständen als ein feiner

Punkt erkennbar, meistens von 1/20-1/10, seltener von 1/5-1/2 mm Durchmesser

(bisweilen mehr). Ihre Gestalt gleicht meistens einem rundlichen Becher, bald ist

sie mehr eiförmig, bald mehr ellipsoid oder spindelförmig; bei einigen mehr

halbkugelig oder fast kugelig, bei anderen wiederum mehr in die Länge gestreckt

oder fast zylindrisch. Sehr charakteristisch ist die geometrische Grundform des

Körpers, welche durch eine einzige Achse mit zwei verschiedenen Polen

bestimmt wird. Diese Achse ist die Hauptachse oder Längsachse des späteren

Tierkörpers; der eine Pol ist der Mundpol; der entgegengesetzte der Gegenmundpol. Bei den Bilaterien oder den höheren Tieren mit zweiseitiger

Grundform nimmt die cenogenetisch abgeänderte Gastrula gewöhnlich schon

frühzeitig ebenfalls die bilaterale (dreiachsige) Grundform an. Durch die

einachsige Grundform unterscheidet sich die Gastrula sehr wesentlich von der

kugeligen Blastula und Morula, bei denen alle Körperachsen gleich sind. Der

Querschnitt der primären Gastrula ist kreisrund.

Die innere Höhle des Gastrulakörpers bezeichne ich als Urdarm (Progaster)

und seine Öffnung als Urmund (Prostoma). Denn jene Höhle ist die

ursprüngliche Ernährungshöhle oder Darmhöhle des Körpers, und diese Öffnung

hat anfänglich zur Nahrungsaufnahme in denselben gedient. Später allerdings

verhalten sich Urdarm und Urmund in den verschiedenen Tierstämmen sehr

verschieden. Bei den meisten Nesseltieren und vielen Wurmtieren bleiben sie

zeitlebens bestehen. Bei den meisten höheren Tieren hingegen, und so auch bei

den Wirbeltieren, geht nur der größere mittlere Teil des späteren Darmrohrs aus

dem Urdarme hervor; die spätere Mundöffnung bildet sich neu, während der

Urmund zuwächst oder sich in den After umwandelt. Wir müssen also wohl

unterscheiden zwischen dem Urmund und Urdarm der Gastrula einerseits und

zwischen dem Nachdarm und Nachmund des ausgebildeten Wirbeltieres

anderseits.

Von der größten Bedeutung sind die beiden Zellenschichten, welche die

Urdarmhöhle umschließen und deren Wand allein zusammensetzen. Denn diese

beiden Zellenschichten, die einzig und allein den ganzen Körper bilden, sind

nichts anderes als die beiden primären Keimblätter oder die Urkeimblätter

(Blastophylla). Die äußere Zellenschicht ist das Hautblatt oder Ektoderma

(Fig. 2-7 e); die innere Zellenschicht ist das Darmblatt oder Entoderma (i).

Ersteres wird auch oft als Ektoblast oder Epiblast, letzteres als Endoblast oder

Hypoblast bezeichnet. Aus diesen beiden primären Keimblättern allein baut sich

der ganze Körper bei allen Metazoen oder vielzelligen Tieren auf. Das Hautblatt

liefert die äußere Oberhaut, das Darmblatt hingegen die innere Darmhaut.

Zwischen beiden Keimblättern bildet sich später das mittlere Keimblatt

(Mesoderma) und die mit Blut oder Lymphe erfüllte Leibeshöhle (Coeloma).

Die beiden primären Keimblätter wurden zuerst im Jahre 1817 von Pander

beim bebrüteten Hühnchen klar unterschieden, das äußere als seröses, das innere

als muköses Blatt oder Schleimblatt. Aber ihre volle Bedeutung wurde erst von

Baer erkannt, welcher in seiner klassischen Entwicklungsgeschichte (1828) das

äußere als animales, das innere als vegetatives bezeichnete. Diese Bezeichnung

ist insofern passend, als aus dem äußeren Blatte vorzugsweise (wenn auch nicht

ausschließlich) die animalen Organe der Empfindung: Haut, Nerven und

Sinnesorgane entstehen; hingegen aus dem inneren Blatte vorzugsweise die vegetativen Organe der Ernährung und Fortpflanzung, namentlich der Darm und

das Blutgefäßsystem. Zwanzig Jahre später (1849) wies dann Huxley darauf hin,

daß bei vielen niederen Pflanzentieren, namentlich Medusen, der ganze Körper

eigentlich zeitlebens nur aus diesen beiden primären Keimblättern besteht. Bald

darauf führte Allman (1853) für dieselben die Benennung ein, die bald allgemein

angenommen wurde; er nannte das äußere Ektoderm (Außenblatt), das innere

Entoderm (Innenblatt). Aber erst seit dem Jahre 1867 wurde (vorzugsweise von

Kowalevsky) durch vergleichende Beobachtung der Nachweis geführt, daß auch

bei wirbellosen Tieren der verschiedensten Klassen, bei Wurmtieren,

Weichtieren, Sterntieren und Gliedertieren, der Körper sich aus denselben beiden

primären Keimblättern aufbaut. Endlich habe ich selbst auch bei den niedersten

Gewebetieren, bei den Schwämmen oder Spongien, dieselben (1872)

nachgewiesen und zugleich in meiner Gasträatheorie den Beweis zu führen

gesucht, daß diese „Grenzblätter“ überall, von den Schwämmen und Korallen bis

zu den Insekten und Wirbeltieren hinauf (also auch beim Menschen) als

gleichbedeutend oder homolog aufzufassen sind. Diese fundamentale

„Homologie der primären Keimblätter und des Urdarms“ ist im Laufe der letzten

dreißig Jahre durch die sorgfältigen Untersuchungen zahlreicher vortrefflicher

Beobachter bestätigt und jetzt für sämtliche Metazoen fast allgemein anerkannt

worden.

Fig. 8. Gastrula eines niederen Schwammes (Olynthus). A von außen, B im Längsschnitte durch die Achse. g Urdarm (primitive Darmhöhle). o Urmund (primitive Mundöffnung). i innere Zellenschicht der Körperwand (inneres Keimblatt, Entoderm, Endoblast oder Darmblatt). c äußere Zellenschicht (äußeres Keimblatt, Ektoderm, Ektoblast oder Hautblatt).

Gewöhnlich bieten auch schon am Gastrulakeim die Zellen, welche die beiden

primären Keimblätter zusammensetzen, erkennbare Verschiedenheiten dar.

Meistens (wenn auch nicht immer) sind die Zellen des Hautblattes oder

Ektoderms (Fig. 8c, 9e) kleiner, zahlreicher, heller, hingegen die Zellen des

Darmblattes oder Entoderms (i) größer, weniger zahlreich und dunkler. Das

Protoplasma der Ektodermzellen ist klarer und fester als die trübere und

weichere Zellsubstanz der Entodermzellen, letztere sind meist viel reicher an

Dotterkörnern (Eiweiß- und Fettkörnchen) als erstere. Auch besitzen die

Darmblattzellen gewöhnlich eine stärkere Verwandtschaft zu Farbstoffen und

färben sich in Karminlösung, Anilin usw. rascher und lebhafter als die

Hautblattzellen. Die Kerne der Entodermzellen sind meistens rundlich,

diejenigen der Ektodermzellen hingegen länglich.

Diese physikalischen, chemischen und morphologischen Unterschiede der

beiden Keimblätter, welche ihrem physiologischen Gegensatze entsprechen, sind

auch insofern von hohem Interesse, als sie uns den ersten und ältesten Vorgang

der Sonderung oder Differenzierung im Tierkörper vor Augen führen. Die

Keimhaut (Blastoderma), welche die Wand der kugeligen Keimhautblase oder

Blastula bildet, besteht bloß aus einer einzigen Schicht von gleichartigen Zellen.

Diese Keimhautzellen oder Blastodermzellen sind ursprünglich sehr regelmäßig

und gleichartig gebildet, von ganz gleicher Größe, Form und Beschaffenheit.

Meistens sind sie durch gegenseitigen Druck abgeplattet, sehr oft regelmäßig

sechseckig. Sie bilden das erste Gewebe des Metazoen-Organismus, ein

einfaches Zellenpflaster oder Epithelium. Die Gleichmäßigkeit dieser Zellen verschwindet früher oder später während der Einstülpung der Keimhautblase.

Die Zellen, welche den eingestülpten, inneren Teil derselben (das spätere

Entoderm) zusammensetzen, nehmen gewöhnlich schon während des

Einstülpungs-Vorganges selbst eine andere Beschaffenheit an als die Zellen,

welche den äußeren, nicht eingestülpten Teil (das spätere Ektoderm)

konstituieren. Wenn der Einstülpungs-Prozeß vollendet ist, treten die

histologischen Verschiedenheiten in den Zellen der beiden primären Keimblätter

meist sehr auffallend hervor.

Wir haben bisher nur diejenige Form der Eifurchung und der Gastrula ins

Auge gefaßt, welche wir aus vielen und gewichtigen Gründen als die

ursprüngliche, die primordiale oder palingenetische aufzufassen berechtigt sind.

Wir können sie die äquale oder gleichmäßige Furchung nennen, weil die

Furchungszellen zunächst gleich bleiben. Die daraus hervorgehende Gastrula

bezeichnen wir als Glocken-Gastrula oder Archigastrula. In ganz gleicher Form,

wie bei unserer Koralle treffen wir dieselbe auch bei den niedersten

Pflanzentieren an, bei Gastrophysema (Fig. 6) und bei den einfachsten

Schwämmen (Olynthus, Fig. 8); ferner bei vielen Medusen und Hydrapolypen,

bei niederen Würmern verschiedener Klassen (Brachiopoden, Sagitta, Fig. 2),

bei Manteltieren (Ascidia); sodann bei vielen Sterntieren (Fig. 3), niederen

Gliedertieren (Fig. 4) und Weichtieren (Fig. 5); endlich ein wenig modifiziert

auch beim niedersten Wirbeltiere (Amphioxus).

Fig. 9. Zellen aus den beiden primären Keimblättern d. Säugetieres (aus den beiden Schichten der Keimhaut). i größere dunklere Zellen der inneren Schicht, des vegetativen Keimblattes od. Entoderms. e kleinere hellere Zellen der äußeren Schicht, des animalen Keimblattes oder Ektoderms.

Die Gastrulation des Amphioxus ist deshalb von besonderem Interesse, weil

dieses niederste und älteste aller Wirbeltiere die größte Bedeutung für die

Phylogenie dieses Stammes, also auch für unsere Anthropogenie besitzt. Wie die

vergleichende Anatomie der Wirbeltiere die verwickelten Verhältnisse im

Körperbau der verschiedenen Klassen durch divergente Entwicklung aus jenem einfachsten „Urwirbeltier“ ableitet, so führt die vergleichende Ontogenie die

verschiedenen sekundären Gastrulationsformen der Wirbeltiere auf die einfache,

primäre Keimblätterbildung des Amphioxus zurück. Obwohl diese letztere, im

Gegensatze zu den cenogenetischen Modifikationen der ersteren, im ganzen als

palingenetisch zu betrachten ist, so unterscheidet sie sich doch schon in einigen

Punkten von der ganz ursprünglichen Gastrulation, wie sie z. B. bei Monoxenia

und bei Sagitta vorliegt. Aus der mustergültigen Darstellung von Hatschek

(1881) geht hervor, daß die beiderlei Zellenarten der Keimblätter beim

Amphioxus, wie bei vielen anderen Tieren, schon frühzeitig während des

Furchungsprozesses ungleiche Beschaffenheit annehmen. Nur die vier ersten

Furchungszellen, welche durch zwei vertikale, sich rechtwinklig schneidende

Teilungsebenen getrennt werden, sind vollkommen gleich. Die dritte horizontale

Furchungsebene liegt nicht im Äquator des Eies, sondern ein wenig oberhalb

desselben, so daß sie jene vier Blastomeren in ungleiche Hälften teilt: vier obere

kleinere und vier untere größere; jene bilden die animale, diese die vegetale

Hemisphäre. Hatschek sagt daher mit Recht, daß die Eifurchung des Amphioxus

keine streng äquale, sondern eine adäquale oder „fastgleiche“ sei und sich der

inäqualen nähere. Auch im weiteren Verlaufe des Furchungsprozesses bleibt der

Größenunterschied der beiderlei Zellgruppen bemerkbar; die kleineren, animalen

Zellen der oberen Halbkugel teilen sich rascher als die größeren vegetalen Zellen

der unteren Hemisphäre (Fig. 10 A, B). Daher besteht denn auch die Keimhaut,

welche am Ende des Furchungsprozesses die einschichtige Wand der kugeligen

Keimblase bildet, nicht aus lauter gleichartigen und gleich großen Zellen, wie

bei Sagitta und Monoxenia; sondern die Zellen der oberen Blastodermhälfte sind

zahlreicher und kleiner (Mutterzellen des Ektoderms), die Zellen der unteren

Hälfte weniger zahlreich, aber größer (Mutterzellen des Entoderms); mithin ist

auch die Furchungshöhle der Keimblase (Fig 10 C, h) nicht vollkommen

kugelig, sondern ein abgeplattetes Sphäroid, mit ungleichen Polen der vertikalen

Achse. Während am Vegetalpole der Achse die Blastula eingestülpt wird, nimmt

der Größenunterschied der Keimhautzellen beständig zu (Fig. 10 D, E); er ist am

auffallendsten, nachdem die Invagination vollendet und die Furchungshöhle

verschwunden ist (Fig. 10 F). Die größeren vegetalen Zellen des Entoderms sind

reicher an eingelagerten Körnern und daher trüber als die kleineren und helleren

animalen Zellen des Ektoderms.

Fig. 10. Gastrulation des Amphioxus, nach Hatschek (vertikale Durchschnitte durch die Eiachse). A, B, C drei Stadien der Blastulabildung; D, E Einstülpung der Blastula; F fertige Gastrula. h Furchungshöhle. g Urdarmhöhle.

Fig. 11. Gastrula des Amphioxus in der Seitenansicht von links (optischer Medianschnitt). Nach Hatschek. g Urdarm, u Urmund, p peristomale Polzellen, i Entoderm, e Ektoderm, d Rückenseite, v Bauchseite.

Aber nicht nur durch diese frühzeitige (oder cenogenetisch vorzeitige!)

Sonderung der beiderlei Keimblattzellen, sondern auch noch durch eine andere

wichtige Eigentümlichkeit entfernt sich die adäquale Gastrulation des

Amphioxus von der typischen äqualen Eifurchung der Sagitta, der Monoxenia

und des Olynthus. Die reine Archigastrula dieser letzteren ist einachsig, ihr

Querschnitt in der ganzen Länge kreisrund. Der Vegetalpol der vertikalen Achse

liegt genau in der Mitte des Urmundes. Bei der Gastrula des Amphioxus ist das

nicht der Fall. Schon während der Einstülpung seiner Keimblase wird die ideale

Achse nach einer Seite gekrümmt, indem das Wachstum des Blastoderms (oder die Vermehrung seiner Zellen) an einer Seite lebhafter ist als an der

entgegengesetzten; die rascher wachsende und daher stärker gekrümmte Seite

(Fig. 11 v) ist die künftige Bauchseite, die entgegengesetzte flachere ist die

Rückenseite (d). Der Urmund, welcher ursprünglich, bei der typischen

Archigastrula, am Vegetalpole der Hauptachse lag, ist aus diesem auf die

Rückenseite verschoben; und während seine beiden Lippen ursprünglich in einer

auf der Hauptachse senkrechten Ebene lagen, sind sie jetzt so verschoben, daß

diese Ebene (die Urmundebene) die Achse unter einem schiefen Winkel

schneidet. Die dorsale Lippe liegt daher mehr oben und vorn, die ventrale Lippe

mehr unten und hinten. In dieser letzteren, am ventralen Übergang des

Entoderms in das Ektoderm, liegen nebeneinander ein paar auffallend große

Zellen, eine rechte und eine linke (Fig. 11p); das sind die bedeutungsvollen

Urmundpolzellen, oder die „Urzellen des Mesoderms“.

Durch diese wichtigen, schon im Laufe der Gastrulation auftretenden

Sonderungen ist die ursprüngliche einachsige Grundform der Archigastrula bei

Amphioxus bereits in die dreiachsige übergegangen und somit schon die

zweiseitige oder „bilateralsymmetrische“ Grundform des Wirbeltieres bestimmt.

Die senkrechte Mittelebene oder Sagittalebene geht zwischen den beiden

Urmundpolzellen der Länge nach durch den Körper hindurch und teilt ihn in

zwei gleiche Hälften, rechte und linke. Der Urmund liegt am späteren

Hinterende, etwas oberhalb des Aboralpols der Längsachse. Senkrecht auf dieser

Hauptachse steht in der Medianebene die Pfeilachse (Sagittalachse) oder

„Dorsoventralachse“, welche die Mittellinien der flachen Rückenseite und der

gewölbten Bauchseite verbindet. Die horizontale Querachse oder Lateralachse,

senkrecht auf den beiden (ungleichpoligen) Achsen, ist gleichpolig und geht

quer herüber von rechts nach links. Somit zeigt bereits die Gastrula des

Amphioxus die charakteristische bilaterale oder zweiseitige Grundform des

Wirbeltierkörpers, und diese hat sich von ihr aus auf alle anderen modifizierten

Gastrulaformen dieses Stammes übertragen.

Abgesehen von dieser zweiseitigen Grundform gleicht die Gastrula des

Amphioxus darin der typischen Archigastrula der niederen Tiere (Fig. 2-8), daß

beide primäre Keimblätter noch aus einer einzigen einfachen Zellenschicht

bestehen. Offenbar ist das die älteste und ursprünglichste Form des

Metazoenkeims. Obgleich die vorhergenannten Tiere den verschiedensten

Klassen angehören, so stimmen sie doch untereinander und mit vielen anderen

niederen Tieren darin überein, daß sie diese von ihren ältesten gemeinsamen

Vorfahren überkommene palingenetische Form der Gastrulabildung durch

konservative Vererbung bis auf den heutigen Tag beibehalten haben. Bei der

großen Mehrzahl der Tiere ist das aber nicht der Fall. Vielmehr ist bei diesen der ursprüngliche Vorgang der Keimung im Laufe vieler Millionen Jahre allmählich

mehr oder minder abgeändert, durch Anpassung an neue

Entwicklungsbedingungen gestört und modifiziert worden. Sowohl die

Eifurchung als auch die darauf folgende Gastrulation haben infolgedessen ein

mannigfach verschiedenes Aussehen gewonnen. Ja, die Verschiedenheiten sind

im Laufe der Zeit so bedeutend geworden, daß man bei den meisten Tieren die

Furchung nicht richtig gedeutet und die Gastrula überhaupt nicht erkannt hat.

Erst durch ausgedehnte vergleichende Untersuchungen, welche ich in den Jahren

1866-1875 bei Tieren der verschiedensten Klassen angestellt habe, ist es mir

gelungen, in jenen anscheinend so abweichenden Keimungsprozessen denselben

gemeinsamen Grundvorgang nachzuweisen und alle verschiedenden

Keimungsformen auf die eine, bereits beschriebene, ursprüngliche Form der

Keimung zurückzuführen. Im Gegensatze zu dieser primären palingenetischen

Keimungsform betrachte ich alle übrigen, davon abweichenden Formen als

sekundäre, abgeänderte oder cenogenetische. Die mehr oder minder

abweichende Gastrulaform, welche daraus hervorgeht, kann man allgemein als

sekundäre, modifizierte Gastrula oder Metagastrula bezeichnen.

Unter den zahlreichen und mannigfaltigen cenogenetischen Formen der

Eifurchung und Gastrulation unterscheide ich wieder drei verschiedene

Hauptformen: 1. die ungleichmäßige Furchung; 2. die scheibenförmige

Furchung und 3. die oberflächliche Furchung. Aus der ungleichmäßigen

Furchung entsteht die Haubengastrula; aus der scheibenförmigen Furchung geht

die Scheibengastrula hervor; aus der oberflächlichen Furchung entwickelt sich

die Blasengastrula. Bei den Wirbeltieren kommt die letztere Form gar nicht vor;

diese ist dagegen die gewöhnlichste bei den Gliedertieren (Krebsen, Spinnen,

Insekten usw.). Die Säugetiere und Amphibien besitzen die ungleichmäßige

Furchung und die Haubengastrula; ebenso die Schmelzfische (Ganoiden) und die

Rundmäuler (Pricken und Inger). Hingegen finden wir bei den meisten Fischen

und bei allen Reptilien und Vögeln die scheibenförmige Furchung und die

Scheibengastrula.

Der weitaus wichtigste Vorgang, welcher die verschiedenen cenogenetischen

Formen der Gastrulation bedingt, ist die veränderte Ernährung des Eies und die

Anhäufung von Nahrungsdotter in der Eizelle. Unter diesem Begriffe fassen wir

verschiedene chemische Substanzen zusammen (hauptsächlich Körner von

Eiweiß- und Fettkörpern), welche ausschließlich als Reservestoff oder

Nahrungsmaterial für den Keim dienen. Da der Keim der Metazoen in der ersten

Zeit seiner Entwicklung noch nicht imstande ist, selbständig sich Nahrung zu

verschaffen und daraus den Tierkörper aufzubauen, muß das nötige Material

dazu bereits in der Eizelle aufgespeichert sein. Wir unterscheiden daher in den Eiern allgemein als zwei Hauptbestandteile den aktiven Bildungsdotter

(Protoplasma) und den passiven Nahrungsdotter (Deutoplasma) auch

schlechtweg „Dotter“ genannt. Bei den kleinen palingenetischen Eiern sind die

Dotterkörnchen so klein und so gleichmäßig im Protoplasma der Eizelle verteilt,

daß die regelmäßige wiederholte Teilung derselben dadurch nicht beeinflußt

wird. Bei der großen Mehrzahl der Tiereier hingegen ist die Masse des

Dottervorrats mehr oder weniger ansehnlich, und derselbe ist in einem

bestimmten Teile der Eizelle angehäuft, so daß man schon am unbefruchteten Ei

diese „Proviantkammer“ von dem Bildungsdotter deutlich unterscheiden kann.

Gewöhnlich tritt dann eine polare Differenzierung der Eizelle in der Weise ein,

daß eine Hauptachse an derselben sichtbar wird und daß der Bildungsdotter (mit

dem Keimbläschen) an einem Pole, der Nahrungsdotter hingegen am

entgegengesetzten Pole dieser Eiachse sich anhäuft; ersterer heißt dann der

animale Pol, letzterer der vegetale Pol der vertikalen Eiachse.

Bei solchen „telolecithalen Eiern“ erfolgt dann allgemein die Gastrulation in

der Weise, daß bei der wiederholten Teilung des befruchteten Eies die animale

(gewöhnlich obere) Hälfte sich rascher teilt als die vegetale (untere). Die

Kontraktionen des aktiven Protoplasma, welche die fortgesetzte Zellteilung

bewirken, finden in der unteren vegetalen Hälfte größeren Widerstand des

passiven Deutoplasma als in der oberen animalen Hälfte. Daher finden wir in der

letzteren zahlreichere, aber kleinere, in der ersteren weniger zahlreiche, aber

größere Zellen. Die animalen Zellen liefern das äußere, die vegetalen das innere

Keimblatt.

Obgleich diese „ungleichmäßige Furchung“ der Rundmäuler, Ganoiden und

Amphibien von der ursprünglichen „gleichmäßigen Furchung“ (z. B. der

Monoxenia) sich auf den ersten Blick unterscheidet, haben doch beide Arten der

Gastrulation das gemein, daß der Teilungsprozeß fortdauernd die ganze Eizelle

betrifft. Remak nannte sie daher totale Eifurchung und die betreffenden Eier

holoblastisch. Anders verhält es sich bei der zweiten Hauptgruppe der Eier,

welche er jenen als meroblastische gegenüberstellte; dazu gehören die bekannten

großen Eier der Vögel und Reptilien, sowie der meisten Fische. Die träge Masse

des passiven Nahrungsdotters wird hier so groß, daß die Protoplasma-

Kontraktionen des aktiven Bildungsdotters ihre Teilung nicht mehr zu

bewältigen vermögen. Es erfolgt daher nur eine partielle Eifurchung. Während

das Protoplasma im animalen Bezirk der Eizelle sich unter lebhafter Vermehrung

der Kerne fortdauernd teilt, bleibt das Deutoplasma im vegetalen Bezirk mehr

oder weniger ungeteilt, es wird einfach als Nahrungsmaterial von den sich

bildenden Zellen aufgezehrt. Je größer die Masse des angehäuften Proviants,

desto mehr erscheint der Furchungsprozeß lokal beschränkt. Jedoch kann derselbe noch lange Zeit (selbst nachdem schon die Gastrulation mehr oder

weniger vollendet ist) in der Weise fortdauern, daß die im Deutoplasma

verteilten vegetalen Zellkerne sich durch Teilung langsam vermehren; da jeder

derselben von einer geringen Menge Protoplasma umhüllt ist, kann er sich später

eine Portion des Nahrungsdotters aneignen und so eine wahre „Dotterzelle“

bilden. Wenn diese vegetale Zellbildung sich noch längere Zeit fortsetzt,

nachdem bereits die beiden primären Keimblätter gesondert sind, bezeichnet

man den Prozeß als Nachfurchung (Waldeyer).

Die meroblastischen Eier finden sich bloß bei größeren und höher

entwickelten Tieren, und nur bei solchen, deren Embryo längerer Zeit und

reichlicher Ernährung zu seiner Entwicklung innerhalb der Eihüllen bedarf. Je

nachdem der Nahrungsdotter zentral im Innern der Eizelle oder exzentrisch, an

einer Seite derselben, angehäuft ist, unterscheiden wir zwei Gruppen von

teilfurchenden Eiern, periblastische und diskoblastische. Bei den ersteren, den

periblastischen Eiern, ist der Nahrungsdotter zentral, im Innern der Eizelle

eingeschlossen; der Bildungsdotter umgibt ersteren blasenförmig, und daher

erfährt derselbe eine oberflächliche Furchung; eine solche findet sich im Stamme

der Gliedertiere, bei den Krebsen, Spinnen, Insekten usw. Bei den

diskoblastischen Eiern hingegen häuft sich der Nahrungsdotter einseitig, am

vegetalen oder unteren Pole der senkrechten Eiachse an, während am oberen

oder animalen Pole der Eikern und die Hauptmasse des Bildungsdotters liegt.

Die Eifurchung beginnt hier am oberen Pole und führt zur Bildung einer

dorsalen Keimscheibe. Das ist der Fall bei allen meroblastischen Wirbeltieren,

bei den meisten Fischen, den Reptilien und Vögeln, und den eierlegenden

Säugetieren (Schnabeltieren).

Die Gastrulation der diskoblastischen Eier bietet der mikroskopischen

Untersuchung und der einheitlichen Erkenntnis außerordentliche

Schwierigkeiten dar. Diese zu überwinden ist erst den vergleichend-

ontogenetischen Untersuchungen gelungen, welche zahlreiche ausgezeichnete

Beobachter während der letzten Dezennien angestellt haben; vor allen die

Gebrüder Hertwig, Rabl, Kupffer, Selenka, Rückert, Goette, Rauber u. a. Diese

eingehenden und sorgfältigen, mit Hilfe der vervollkommneten modernen

Technik (Färbungs- und Schnittmethoden) ausgeführten Untersuchungen haben

in erfreulichster Weise die Anschauungen bestätigt, welche ich zuerst 1875 in

meiner Abhandlung über die „Gastrula und die Eifurchung der Tiere“ ausgeführt

hatte. Da das klare Verständnis dieser phylogenetisch begründeten

Anschauungen nicht allein für die Entwicklungsgeschichte im allgemeinen,

sondern auch für die Anthropogenie im besonderen von fundamentaler

Bedeutung ist, gestatte ich mir, dieselben hier nochmals kurz mit Beziehung auf den Wirbeltierstamm zusammenzufassen.

1. Alle Wirbeltiere, mit Inbegriff des Menschen, sind phylogenetisch

verwandt, Glieder eines einzigen natürlichen Stammes. 2. Daher müssen auch

die ontogenetischen Grundzüge ihrer individuellen Entwicklung phylogenetisch

zusammenhängen. 3. Da die Gastrulation des Amphioxus die einfachsten

Verhältnisse in der ursprünglichen palingenetischen Form zeigt, muß diejenige

der übrigen Wirbeltiere sich von der ersteren ableiten lassen. 4. Die

cenogenetischen Abänderungen der letzteren werden um so bedeutender, je mehr

Nahrungsdotter sich im Ei ansammelt. 5. Obgleich die Masse des

Nahrungsdotters in den Eiern der diskoblastischen Wirbeltiere sehr groß werden

kann, geht doch in allen Fällen aus der Morula ebenso eine Keimblase oder

Blastula hervor, wie bei den holoblastischen Eiern. 6. Ebenso entsteht in allen

Fällen aus der Keimblase durch Einstülpung oder Invagination die Gastrula.

7. Die Höhle, welche durch diese Einstülpung im Keim entsteht, ist in allen

Fällen der Urdarm und seine Öffnung der Urmund. 8. Der Nahrungsdotter,

gleichviel ob groß oder klein, liegt stets in der Bauchwand des Urdarms, die

Zellen, welche nachträglich (durch „Nachfurchung“) in demselben entstehen

können, gehören ebenso dem inneren Keimblatt oder Endoblast an, wie die

Zellen, welche die Urdarmhöhle unmittelbar einschließen. 9. Der Urmund

welcher ursprünglich unten am Basalpol der vertikalen Achse liegt, wird durch

das Dotterwachstum nach hinten und dann nach oben, auf die Dorsalseite des

Keimes gedrängt; die vertikale Achse des Urdarms wird dadurch allmählich in

horizontale Lage gedrängt. 10. Der Urmund kommt bei allen Wirbeltieren früher

oder später zum Verschlusse und geht nicht in die bleibende Mundöffnung über;

vielmehr entspricht der Urmundrand der späteren Aftergegend. Von dieser

bedeutungsvollen Stelle geht weiterhin die Bildung des mittleren Keimblattes

aus, das von hier aus zwischen die beiden primären Keimblätter hineinwächst.

Die ausgedehnten vergleichenden Untersuchungen der vorher erwähnten

Forscher haben ferner ergeben, daß bei den diskoblastischen höheren

Wirbeltieren (Reptilien, Vögel, Säugetiere) der lange vergeblich gesuchte

„Urmund“ der Keimscheibe überall an deren Hinterende sich findet und nichts

anderes ist als die längst bekannte „Primitivrinne“. Das ist eine in der hinteren

Rückenfläche der scheibenförmigen Gastrula gelegene Rinne, die früher

irrtümlich mit dem Hinterteil des Medullarrohrs verwechselt wurde. Allerdings

steht sie mit diesem eine Zeitlang in direktem Zusammenhang; allein

ursprünglich ist sie nach Anlage und Bedeutung ganz davon verschieden. Die

beiden parallelen Längswülste, welche diese schmale, in der Mittellinie gelegene

„Primitivrinne“ einschließen, sind die beiden Urmundlippen, rechte und linke.

Der Urmund, der ursprünglich (bei den holoblastischen Wirbeltieren) eine kleine kreisrunde Öffnung ist, ändert also (infolge der wachsenden Anhäufung des

Nahrungsdotters und der dadurch bedingten Ausdehnung der Bauchwand des

Urdarms) nicht allein seine Lage und Richtung, sondern auch seine Gestalt und

Ausdehnung. Er verwandelt sich zunächst in eine sichelförmige Querspalte

(„Sichelrinne“), an der wir eine untere und eine obere Urmundlippe

unterscheiden. Die breite Querspalte wird aber bald schmäler und verwandelt

sich in eine Längsspalte (ähnlich einer „Hasenscharte“), indem rechte und linke

Hälfte der „Sichelrinne“ sich verkürzen, der Mittelteil sich nach vorn verlängert

und die beiden Hälften der dorsalen Oberlippe nach vorn auswachsen. Letztere

berühren sich später in der Medianlinie und bilden den wichtigen sogenannten

„Primitivstreif“.

Die Gastrulation läßt sich somit bei allen Wirbeltieren auf einen und

denselben Vorgang zurückführen. Ebenso lassen sich auch die verschiedenen

Formen derselben bei den wirbellosen Metazoen immer auf eine von jenen vier

Hauptformen der Eifurchung reduzieren. Mit Bezug auf die Unterscheidung der

totalen und partiellen Eifurchung stellt sich das Verhältnis der vier

Eifurchungsformen zueinander folgendermaßen:

I. Palingenetische (ursprüngliche) 1. Gleichmäßige Furchung

Furchung (Glockengastrula). A. Totale Furchung (ohne

2. Ungleichmäßige selbständigen

Furchung Nahrungsdotter). (Haubengastrula).

II. Cenogenetische (durch 3. Scheibenartige

Anpassung abgeänderte) Furchung Furchung. B. Partielle Furchung (mit (Scheibengastrula).

selbständigem

4. Oberflächliche Nahrungsdotter).

Furchung

(Blasengastrula).

Die niedersten Metazoen, welche wir kennen, nämlich die niederen

Pflanzentiere (Schwämme, einfachste Polypen usw.), bleiben zeitlebens auf einer

Bildungsstufe stehen, welche von der Gastrula nur sehr wenig verschieden ist;

ihr ganzer Körper ist nur aus zwei Zellenschichten oder Blättern

zusammengesetzt. Diese Tatsache ist von außerordentlicher Bedeutung. Denn

wir sehen, daß der Mensch, und überhaupt jedes Wirbeltier, rasch vorübergehend

ein zweiblätteriges Bildungsstadium durchläuft, welches bei jenen niedersten

Pflanzentieren zeitlebens erhalten bleibt. Wenn wir hier wieder unser

Biogenetisches Grundgesetz (Seite 35) anwenden, so gelangen wir sofort zu

folgendem hochwichtigen Schlusse: „Der Mensch und alle anderen Tiere,

welche in ihrer ersten individuellen Entwicklungsperiode eine zweiblätterige

Bildungsstufe oder eine Gastrulaform durchlaufen, müssen von einer uralten einfachen Stammform abstammen, deren ganzer Körper zeitlebens (wie bei den

niedersten Pflanzentieren noch heute) nur aus zwei verschiedenen

Zellenschichten oder Keimblättern bestanden hat.“ Wir wollen diese

bedeutungsvolle uralte Stammform Gasträa (d. h. Urdarmtier) nennen.

Nach dieser Gasträatheorie ist ein Organ bei allen vielzelligen Tieren

ursprünglich von derselben morphologischen und physiologischen Bedeutung:

der Urdarm, und ebenso müssen auch die beiden primären Keimblätter, welche

die Wand des Urdarms bilden, überall als gleichbedeutend oder „homolog“

angesehen werden. Diese wichtige „Homologie der beiden primären

Keimblätter“ wird einerseits dadurch bewiesen, daß überall die Gastrula

ursprünglich auf dieselbe Weise entsteht, nämlich durch Einstülpung der

Blastula; und anderseits dadurch, daß überall dieselben fundamentalen Organe

aus den beiden Keimblättern hervorgehen. Überall bildet das äußere Keimblatt,

das Hautblatt oder Ektoderm, die wichtigsten Organe des animalen Lebens:

Hautdecke, Nervensystem, Sinnesorgane usw. Hingegen entstehen aus dem

inneren Keimblatt, aus dem Darmblatt oder Entoderm, die wichtigsten Organe

des vegetativen Lebens: die Organe der Ernährung, Verdauung, Blutbildung usw.

Bei denjenigen niederen Pflanzentieren, deren ganzer Körper zeitlebens auf

der zweiblätterigen Bildungsstufe stehenbleibt, bei den Gasträaden, den

einfachsten Schwämmen (Olynthus) und Polypen (Hydra), bleiben auch diese

beiden Funktionsgruppen, animale und vegetative Leistungen, scharf auf die

beiden einfachen primären Keimblätter verteilt. Zeitlebens behält hier das äußere

Keimblatt die einfache Bedeutung einer umhüllenden Decke (einer Oberhaut)

und vollzieht zugleich die Bewegungen und Empfindungen des Körpers.

Hingegen das innere Keimblatt besitzt zeitlebens die einfache Bedeutung einer

ernährenden Darmzellenschicht und liefert außerdem häufig noch die

Fortpflanzungszellen.

Das bekannteste von diesen Gasträaden oder „gastrulaähnlichen Tieren“ ist

der gemeine Süßwasserpolyp (Hydra). Allerdings besitzt dieses einfachste aller

Nesseltiere noch einen Kranz von Tentakeln oder Fangfäden, welcher den Mund

umgibt. Auch ist das äußere Keimblatt bereits etwas histologisch differenziert.

Aber diese Zutaten sind erst sekundär entstanden, und das innere Keimblatt ist

eine ganz einfache Zellenschicht geblieben. In der Hauptsache hat auch die

Hydra den einfachen Körperbau unserer uralten Stammutter Gasträa bis auf den

heutigen Tag durch zähe Vererbung getreu konserviert.

Bei allen übrigen Tieren, und namentlich bei allen Wirbeltieren, erscheint die

Gastrula nur als ein rasch vorübergehender Keimzustand. Hier verwandelt sich

vielmehr bald das zweiblätterige Stadium der Keimanlage zunächst in ein

dreiblätteriges und dann in ein vierblätteriges Stadium. Mit dem Zustandekommen von vier übereinander liegenden Keimblättern haben wir

wieder einen festen und sicheren Standpunkt gewonnen, von welchem aus wir

die weiteren, viel schwierigeren und verwickelteren Vorgänge der Ausbildung

beurteilen und verfolgen können.

(Aus „Anthropogenie oder Entwicklungsgeschichte des Menschen“.)

IV.

Erfahrung und Erkenntnis.

„Die wichtigsten Wahrheiten in den Naturwissenschaften sind weder allein durch

Zergliederung der Begriffe der Philosophie, noch allein durch bloßes Erfahren

gefunden worden, sondern durch eine denkende Erfahrung, welche das

Wesentliche von dem Zufälligen in der Erfahrung unterscheidet und dadurch

Grundsätze findet, aus welchen viele Erfahrungen abgeleitet werden. Dies ist

mehr als bloßes Erfahren, und wenn man will, eine philosophische Erfahrung.“

(Johannes Müller, Handbuch der Physiologie des Menschen.)

„Vergleichen wir die morphologischen Wissenschaften mit den physikalischen

Theorien, so müssen wir uns gestehen, daß erstere in jeder Hinsicht unendlich

weit zurück sind. Die Ursache dieser Erscheinung liegt nun allerdings zum Teil

in dem Gegenstande, dessen verwickeltere Verhältnisse sich noch am meisten

der mathematischen Behandlung entziehen, aber großenteils ist auch die große

Nichtachtung methodologischer Verständigung daran schuld, indem man sich

einerseits durchaus nicht um scharfe Fassung der leitenden Prinzipien

bekümmert, anderseits selbst die allgemeinsten und bekanntesten Anforderungen

der Philosophie hintangesetzt hat, weil bei dem weiten Abstande ihrer

allgemeinen Aussprüche von den Einzelheiten, mit denen sich die empirischen

Naturwissenschaften beschäftigen, die Notwendigkeit ihrer Anwendung sich der

unmittelbaren Auffassung entzog. So sind gar viele Arbeiter in dieser Beziehung

durchaus nicht mit ihrer Aufgabe verständigt, und die Fortschritte in der

Wissenschaft hängen oft rein vom Zufall ab.“ (Schleiden, Grundzüge der

wissenschaftlichen Botanik.)

Wir erlauben uns, dieses methodologische Kapitel,[3] welches die Mittel und

Wege zur Lösung unserer morphologischen Aufgaben zeigen soll, mit zwei

vortrefflichen Aussprüchen von den beiden größten Morphologen einzuleiten,

welche im fünften Dezennium des neunzehnten Jahrhunderts die organische

Naturwissenschaft in Deutschland beherrschten. Wie Johannes Müller für die

Zoologie, so hat Schleiden damals für die Botanik mit der klarsten Bestimmtheit

den Weg gewiesen, welcher uns allein auf dem Gebiete der Biologie, und insbesondere auf dem der Morphologie, zu dem Ziele unserer Wissenschaft

hinzuführen vermag. Dieser einzig mögliche Weg kann natürlich kein anderer

sein als derjenige, welcher für alle Naturwissenschaften — oder, was dasselbe

ist, für alle wahren Wissenschaften — ausschließliche Gültigkeit hat. Es ist dies

der Weg der denkenden Erfahrung, der Weg der philosophischen Empirie. Wir

könnten ihn ebensogut als den Weg des erfahrungsmäßigen Denkens, den Weg

der empirischen Philosophie bezeichnen.

Absichtlich stellen wir die bedeutenden Aussprüche dieser beiden großen

„empirischen und exakten“ Naturforscher an die Spitze dieses methodologischen

Kapitels, weil wir dadurch hoffen, die Aufmerksamkeit der heutigen

Morphologen und der Biologen überhaupt intensiver auf einen Punkt zu lenken,

der nach unserer innigsten Überzeugung für den Fortschritt der gesamten

Biologie, und der Morphologie insbesondere, von der allergrößten Bedeutung

ist, der aber gerade im gegenwärtigen Zeitpunkte in demselben Maße von den

allermeisten Naturforschern völlig vernachlässigt wird, als er vor allen anderen

hervorgehoben zu werden verdiente. Es ist dies die gegenseitige Ergänzung von

Beobachtung und Gedanken, der innige Zusammenhang von Naturbeschreibung

und Naturphilosophie, die notwendige Wechselwirkung zwischen Empirie und

Theorie.

Einer der größten Morphologen, den unser deutsches Vaterland erzeugt hat,

Karl Ernst v. Bär, hat dem klassischen Werke, durch welches er die tierische

Ontogenie, eine sogenannte „rein empirische und deskriptive Wissenschaft“, neu

begründete, den Titel vorangesetzt: „Über Entwicklungsgeschichte der Tiere.

Beobachtung und Reflexion.“ Wenn seine Nachfolger diese drei Worte stets bei

ihren Arbeiten im Auge behalten hätten, würde es besser um unsere

Wissenschaft aussehen, als es jetzt leider aussieht. „Beobachtung und Reflexion“

sollte die Überschrift jeder wahrhaft naturwissenschaftlichen Arbeit lauten

können. Bei wie vielen aber ist dies möglich? Wenn wir ehrlich sein wollen,

können wir ihre Zahl kaum gering genug anschlagen und finden unter Hunderten

kaum eine. Und dennoch können nur durch die innigste Wechselwirkung von

Beobachtung und Reflexion wirkliche Fortschritte in jeder Naturwissenschaft,

und also auch in der Morphologie, gemacht werden. Hören wir weiter, was K. E.

v. Bär, der „empirische und exakte“ Naturforscher, in dieser Beziehung sagt:

„Zwei Wege sind es, aus denen die Naturwissenschaft gefördert werden kann:

Beobachtung und Reflexion. Die Forscher ergreifen meistens für den einen von

beiden Partei. Einige verlangen nach Tatsachen, andere nach Resultaten und

allgemeinen Gesetzen, jene nach Kenntnis, diese nach Erkenntnis, jene möchten

für besonnen, diese für tiefblickend gelten. Glücklicherweise ist der Geist des

Menschen selten so einseitig ausgebildet, daß es ihm möglich wird, nur den einen Weg der Forschung zu gehen, ohne auf den anderen Rücksicht zu nehmen.

Unwillkürlich wird der Verächter der Abstraktion sich von Gedanken bei seiner

Beobachtung beschleichen lassen; und nur in kurzen Perioden der Fieberhitze ist

sein Gegner vermögend, sich der Spekulation im Felde der Naturwissenschaft

mit völliger Hintansetzung der Erfahrung hinzugeben. Indessen bleibt immer, für

die Individuen sowohl als für ganze Perioden der Wissenschaft, die eine Tendenz

die vorherrschende, der man mit Bewußtsein des Zwecks sich hingibt, wenn

auch die andere nicht ganz fehlt.“

Mit diesen wenigen Worten ist das gegenseitige Wechselverhältnis von

Beobachtung und Reflexion, die notwendige Verbindung von empirischer

Tatsachenkenntnis und von philosophischer Gesetzeserkenntnis treffend

bezeichnet. Aber auch die Tatsache, daß in den einzelnen Naturforschern sowohl

als in den einzelnen Perioden der Naturwissenschaft selten beide Richtungen in

harmonischer Eintracht und gegenseitiger Durchdringung zusammenwirken,

vielmehr eine von beiden fast immer bedeutend über die andere überwiegt, ist

von Bär sehr richtig hervorgehoben worden, und gerade dieser Punkt ist es, auf

den wir hier zunächst die besondere Aufmerksamkeit lenken möchten. Denn

wenn wir einerseits überzeugt sind, daß wir nur durch die gemeinsame Tätigkeit

beider Richtungen dem Ziele unserer Wissenschaft uns nähern können, und

wenn wir anderseits zu der Einsicht gelangen, welche von beiden Richtungen im

gegenwärtigen Stadium unserer wissenschaftlichen Entwicklung die einseitig

überwiegende ist, so werden wir auch die Mittel zur Hebung dieser Einseitigkeit

angeben und die Methode bestimmen können, welche die Morphologie

gegenwärtig zunächst und vorzugsweise einzuschlagen hat.

Es bedarf nun keines allzu tiefen Scharfblicks und keines allzu weiten

Überblicks, um alsbald zu der Überzeugung zu gelangen, daß in dem ganzen

zweiten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts und darüber hinaus bis jetzt, und

zwar vorzüglich vom Jahre 1840-1860, die rein empirische und „exakte“

Richtung ganz überwiegend in der Biologie und vor allem in der Morphologie

geherrscht, und daß sie diese Alleinherrschaft in fortschreitendem Maße

dergestalt ausgedehnt hat, daß die spekulative oder philosopische Richtung im

fünften Dezennium vorigen Jahrhunderts fast vollständig von ihr verdrängt war.

Auf allen Gebieten der Biologie, sowohl in der Zoologie als in der Botanik, galt

während dieses Zeitraums allgemein die Naturbeobachtung und die

Naturbeschreibung als „die eigentliche Naturwissenschaft“, und die

„Naturphilosophie“ wurde als eine Verirrung betrachtet, als ein Phantasiespiel,

welches nicht nur nichts mit der Beobachtung und Beschreibung zu tun habe,

sondern auch gänzlich aus dem Gebiete der „eigentlichen Naturwissenschaft“ zu

verbannen sei. Freilich war diese einseitige Verkennung der Philosophie nur zu sehr gefördert und gerechtfertigt durch das verkehrte und willkürliche Verfahren

der sogenannten „Naturphilosophie“, welche im ersten Drittel des neunzehnten

Jahrhunderts die Naturwissenschaft zu unterwerfen suchte, und welche, statt von

empirischer Basis auszugehen, in der ungemessensten Weise ihrer wilden und

erfahrungslosen Phantasie die Zügel schießen ließ. Die namentlich von Oken,

Schelling usw. ausgehende Naturphantasterei mußte ganz natürlich als anderes

Extrem den krassesten Empirismus hervorrufen. Der natürliche Rückschlag

gegen diese letztere in demselben Grade einseitige Richtung trat erst im Jahre

1859 ein, als Charles Darwin seine großartige Entdeckung der „natürlichen

Züchtung“ veröffentlichte und damit den Anstoß zu einem allgemeinen

Umschwung der gesamten Biologie und namentlich der Morphologie gab. Die

gedankenvolle Naturbetrachtung, der im besten Sinne philosophische, d. h.

naturgemäß denkende Geist, welcher sein epochemachendes Werk durchzieht,

wird der vergessenen und verlassenen Naturphilosophie wieder zu dem ihr

gebührenden Platze verhelfen und den Beginn einer neuen Periode der

Wissenschaft bezeichnen. Freilich ist dieser gewaltige Umschwung bei weitem

noch nicht zu allgemeinem Durchbruch gelangt; die Mehrzahl der Biologen ist

noch zu sehr und zu allgemein in den Folgen der vorher überall herrschenden

einseitig empirischen Richtung befangen, als daß wir die Rückkehr zur

denkenden Naturbetrachtung als eine bewußte und allgemeine bezeichnen

könnten. Indes hat dieselbe doch bereits in einigen Kreisen begonnen, an vielen

Stellen feste Wurzel geschlagen, und wird voraussichtlich nicht allein in den

nächsten Jahren schon das verlorene Terrain wieder erobern, sondern in wenigen

Dezennien sich so allgemeine Geltung verschafft haben, daß man (wohl noch

vor Ablauf des neunzehnten Jahrhunderts) verwundert auf die Beschränktheit

und Verblendung zahlreicher Naturforscher zurückblicken wird, die heute noch

die Philosophie von dem Gebiete der Biologie ausschließen wollen. Wir

unsererseits sind unerschütterlich davon überzeugt, daß man in der wahrhaft

„erkennenden“ Wissenschaft die Empirie und die Philosophie gar nicht

voneinander trennen kann. Jene ist nur die erste und niederste, diese die letzte

und höchste Stufe der Erkenntnis. Alle wahre Naturwissenschaft ist Philosophie

und alle wahre Philosophie ist Naturwissenschaft. Alle wahre Wissenschaft aber

ist in diesem Sinne Naturphilosophie.

In der Tat könnte heute schon die allgemein übliche einseitige Ausschließung

der Philosophie aus der Naturwissenschaft jedem objektiv dies Verhältnis

betrachtenden Gebildeten als ein befremdendes Rätsel erscheinen, wenn nicht

der Entwicklungsgang der Biologie selbst ihm die Lösung dieses Rätsels sehr

nahe legte. Wenn wir die Geschichte unserer Wissenschaft in den allgemeinsten

Zügen überblicken, so bemerken wir alsbald, daß die beiden scheinbar entgegengesetzten, in der Tat aber innig verbundenen Forschungsrichtungen in

der Naturwissenschaft, die beobachtende oder empirische und die denkende oder

philosophische, zwar stets mehr oder minder eng verbunden nebeneinander

herlaufen, daß aber doch, wie es Bär sehr richtig ausdrückt, immer die eine der

beiden Richtungen über die andere bedeutend überwiegt, und zwar „sowohl für

die Individuen, als für ganze Perioden der Wissenschaft“. So finden wir ein

beständiges Oszillieren, einen Wechsel der beiden Richtungen, der uns zeigt, daß

niemals in gleichmäßigem Fortschritt, sondern stets in wechselnder

Wellenbewegung die Biologie ihrem Ziele sich nähert. Die Exzesse, welche jede

der beiden Forschungsrichtungen begeht, sobald sie das Übergewicht über die

andere gewonnen hat, die Ausschließlichkeit, durch welche jede in der Regel

sich als die allein richtige, als die „eigentliche“ Methode der Naturwissenschaft

betrachtet, führen nach längerer oder kürzerer Dauer wieder zu einem

Umschwung, welcher der überlegenen Gegnerin abermals zur Herrschaft

verhilft.

Wie dieser regelmäßige Regierungswechsel von empirischer und

philosophischer Naturforschung auf dem gesamten Gebiete der Biologie uns

überall entgegentritt, so sehen wir ganz besonders bei einem allgemeinen

Überblick des Entwicklungsganges, den die Morphologie vom Anfang des

achtzehnten Jahrhunderts an genommen, daß die beiden feindlichen Schwestern,

die doch im Grunde nicht ohne einander leben können, stets abwechselnd die

Herrschaft behauptet haben. Nachdem Linné die Morphologie der Organismen

zum ersten Male in feste wissenschaftliche Form gebracht und ihr das

systematische Gewand angezogen hatte, wurde zunächst der allgemeine Strom

der neubelebten Naturforschung auf die rein empirische Beobachtung und

Beschreibung der zahllosen neuen Formen hingelenkt, welche unterschieden,

benannt und in das Fachwerk des Systems eingeordnet werden mußten. Die

systematische Beschreibung und Benennung, als Mittel des geordneten

Überblicks der zahllosen Einzelformen, wurde aber bald Selbstzweck, und damit

verlor sich die Formbeobachtung der Tiere und Pflanzen in der gedankenlosesten

Empirie. Das massenhaft sich anhäufende Rohmaterial forderte mehr und mehr

zu einer denkenden Verwertung desselben auf, und so entstand die Schule der

Naturphilosophen, als deren bedeutendsten Forscher, wenn auch nicht (wegen

mangelnder Anerkennung) als deren eigentlichen Begründer wir Lamarck

bezeichnen müssen.[4] In Deutschland vorzüglich durch Oken und Goethe, in

Frankreich durch Lamarck und Etienne Geoffroy S. Hilaire vertreten, war diese

ältere Naturphilosophie eifrigst bemüht, aus dem Chaos der zahllosen

Einzelbeobachtungen, die sich immer mehr zu einem unübersehbaren Berge

häuften, allgemeine Gesetze abzuleiten und den Zusammenhang der Erscheinungen zu ermitteln. Wie weit sie schon damals auf diesem Wege

gelangte, zeigt die klassische Philosophie zoologique von Lamarck (1809) und

die bewunderungswürdige Metamorphose der Pflanzen von Goethe (1790).

Doch war die empirische Basis, auf welcher diese Heroen der Naturforschung

ihre genialen Gedankengebäude errichteten, noch zu schmal und unvollkommen,

die ganze damalige Kenntnis der Organismen noch zu sehr bloß auf die äußeren

Formverhältnisse beschränkt, als daß ihre denkende Naturbetrachtung die

festesten Anhaltspunkte hätte gewinnen und die darauf gegründeten allgemeinen

Gesetze schon damals eine weitere Geltung hätten erringen können.

Entwicklungsgeschichte und Paläontologie existierten noch nicht, und die

vergleichende Anatomie hatte kaum noch Wurzeln geschlagen. Wie weit aber

diese Genien trotzdem ihrer Zeit vorauseilten, bezeugt vor allem die (in der

ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fast allgemein ignorierte) Tatsache, daß beide,

sowohl Lamarck als Goethe, die wichtigsten Sätze der Deszendenztheorie bereits

mit voller Klarheit und Bestimmtheit aussprachen. Erst ein volles halbes

Jahrhundert später sollte Darwin dafür die Beweise liefern.

Die eigentliche Blütezeit der älteren Naturphilosophie fällt in die ersten

Dezennien des neunzehnten Jahrhunderts. Aber schon im zweiten und noch

schneller im dritten näherte sie sich ihrem jähen Untergange, teils durch eigene

Verblendung und Ausartung, teils durch Mangel an Verständnis bei der Mehrzahl

der Zeitgenossen, teils durch das rasche und glänzende Emporblühen der

empirischen Richtung, welche in Cuvier einen neuen und gewaltigen Reformator

fand. Gegenüber der willkürlichen und verkehrten Phantasterei, in welche die

Naturphilosophie bald sowohl in Frankreich als in Deutschland damals ausartete,

war es dem exakten, strengen und auf der breitesten empirischen Basis

stehenden Cuvier ein leichtes, die verwilderten und undisziplinierten Gegner aus

dem Felde zu schlagen. Bekanntlich war es der 22. Februar 1830, an welchem

der Konflikt zwischen den beiden entgegengesetzten Richtungen in der Pariser

Akademie zum öffentlichen Austrage kam und damit definitiv geendigt zu sein

schien, daß Cuvier seinen Hauptgegner E. Geoffroy S. Hilaire mit Hilfe seiner

überwiegenden empirischen Beweismittel in den Augen der großen Mehrheit

vollständig besiegte. Dieser merkwürdige öffentliche Konflikt, durch welchen

die Niederlage der älteren Naturphilosophie besiegelt wurde, ist in mehrfacher

Beziehung von höchstem Interesse, vorzüglich auch deshalb, weil er von Goethe

in der meisterhaftesten Form in einem kritischen Aufsatze dargestellt wurde,

welchen derselbe wenige Tage vor seinem Tode (im März 1832) vollendete.

Dieser höchst lesenswerte Aufsatz, das letzte schriftliche Vermächtnis, welches

der deutsche Dichterfürst uns hinterlassen, enthält nicht allein eine vortreffliche

Charakteristik von Cuvier und Geoffroy S. Hilaire, sondern auch eine ausgezeichnete Darstellung der beiden entgegengesetzten von ihnen vertretenen

Richtungen, „des immerwährenden Konfliktes zwischen den Denkweisen, in die

sich die wissenschaftliche Welt schon lange trennt; zwei Denkweisen, welche

sich in dem menschlichen Geschlechte meistens getrennt und dergestalt verteilt

finden, daß sie, wie überall, so auch im Wissenschaftlichen, schwer zusammen

verbunden angetroffen werden, und wie sie getrennt sind, sich nicht wohl

vereinigen mögen. Haben wir die Geschichte der Wissenschaften und eine

eigene lange Erfahrung vor Augen, so möchte man befürchten, die menschliche

Natur werde sich von diesem Zwiespalt kaum jemals retten können.“

Die Niederlage der älteren Naturphilosophie, welche Cuvier als der

Heerführer der neu erstehenden „exakten Empirie“ herbeigeführt und in jenem

Konflikt offenbar gemacht hatte, war so vollständig, daß in den folgenden drei

Dezennien, von 1830-1860, unter der nun allgemein sich ausbreitenden

empirischen Schule von Philosophie gar keine Rede mehr war. Mit den

Träumereien und Phantasiespielen jener ausgearteten Naturphantasterei wurden

auch die wahren und großen Verdienste der alten Naturphilosophie vergessen,

aus der jene hervorgegangen war, und man gewöhnte sich sehr allgemein an die

Vorstellung, daß Naturwissenschaft und Philosophie in einem unversöhnlichen

Gegensatze zueinander ständen. Dieser Irrtum wurde dadurch insbesondere

begünstigt, daß die verbesserten Instrumente und Beobachtungsmethoden der

Neuzeit, und vor allem die sehr verbesserten Mikroskope, der empirischen

Naturbeobachtung ein unendlich weites Feld der Forschung eröffneten, aus

welchem es ein leichtes war, mit wenig Mühe und ohne große

Gedankenanstrengung Entdeckungen neuer Formverhältnisse in Hülle und Fülle

zu machen. Während die Beobachtungen der ersten empirischen Periode, welche

sich aus Linnés Schule entwickelte, vorzugsweise nur auf die äußeren

Formverhältnisse der Organismen gerichtet gewesen waren, wandte sich nun die

zweite empirische Periode, welche aus Cuviers Schule hervorging, vorwiegend

der Beobachtung des inneren Baues der Tiere und Pflanzen zu. Und in der Tat

gab es hier, nachdem Cuvier durch Begründung der vergleichenden Anatomie

und der Paläontologie ein weites neues Feld der Beobachtung geöffnet, nachdem

Bär durch Reformation der Entwicklungsgeschichte und Schwann durch

Begründung der Gewebelehre auf dem tierischen, Schleiden auf dem

pflanzlichen Gebiete neue und große Ziele gesteckt, nachdem Johannes Müller

die gesamte Biologie mit gewaltiger Hand in die neugeöffneten Bahnen der

exakten Beobachtung hineingewiesen hatte, überall so unendlich viel zu

beobachten und zu beschreiben, es wurde so leicht, mit nur wenig Geduld, Fleiß

und Beobachtungsgabe neue Tatsachen zu entdecken, daß wir uns nicht wundern

können, wenn darüber die leitenden Prinzipien der Naturforschung gänzlich vernachlässigt und die erklärende Gedankenarbeit von den meisten völlig

vergessen wurde. Da noch im gegenwärtigen Augenblick diese „rein

empirische“ Richtung die allgemein überwiegende ist, da die Bezeichnung der

Naturphilosophie noch in den weitesten naturwissenschaftlichen Kreisen nur als

Schimpfwort gilt und selbst von den hervorragendsten Biologen nur in diesem

Sinne gebraucht wird, so haben wir nicht nötig, die grenzenlose Einseitigkeit

dieser Richtung noch näher zu erläutern und werden nur noch insofern näher

darauf eingehen, als wir gezwungen sind, unseren Zeitgenossen ihr „exakt-

empirisches“, d. h. gedankenloses und beschränktes Spiegelbild vorzuhalten. Wir

wollen hier nur noch auf die seltsame Selbsttäuschung hinweisen, in welcher die

neuere Biologie befangen ist, wenn sie die nackte gedankenlose Beschreibung

innerer und feinerer, insbesondere mikroskopischer Formverhältnisse als

„wissenschaftliche Zoologie“ und „wissenschaftliche Botanik“ preist und mit

nicht geringem Stolze der früher ausschließlich herrschenden reinen

Beschreibung der äußeren und gröberen Formverhältnisse gegenüberstellt,

welche die sogenannten „Systematiker“ beschäftigt. Sobald bei diesen beiden

Richtungen, die sich so scharf gegenüberzustellen belieben, die Beschreibung an

sich das Ziel ist (gleichviel ob der inneren oder äußeren, der feineren oder

gröberen Formen), so ist die eine genau so viel wert als die andere. Beide

werden erst zur Wissenschaft, wenn sie die Form zu erklären und auf Gesetze

zurückzuführen streben.

Nach unserer eigenen innigsten Überzeugung ist der Rückschlag, der gegen

diese ganze einseitige und daher beschränkte Empirie notwendig früher oder

später erfolgen mußte, bereits tatsächlich erfolgt, wenn auch zunächst nur in

wenigen engen Kreisen. Die 1859 von Charles Darwin veröffentlichte

Entdeckung der natürlichen Zuchtwahl im Kampfe ums Dasein, eine der größten

Entdeckungen des menschlichen Forschungstriebes, hat mit einem Male ein so

gewaltiges und klärendes Licht in das dunkle Chaos der haufenweis

gesammelten biologischen Tatsachen geworfen, daß es auch den krassesten

Empirikern fernerhin, wenn sie überhaupt mit der Wissenschaft fortschreiten

wollen, nicht mehr möglich sein wird, sich der daraus emporwachsenden neuen

Naturphilosophie zu entziehen. Indem die von Darwin neu begründete

Deszendenztheorie die ganze gewaltige Fülle der seither empirisch angehäuften

Tatsachenmassen durch einen einzigen genialen Gedanken erleuchtet, die

schwierigsten Probleme der Biologie aus dem einen obersten Gesetze der

„wirkenden Ursachen“ vollständig erklärt, die unzusammenhängende Masse

aller biologischen Erscheinungen auf dieses eine einfache große Naturgesetz

zurückführt, hat sie bereits tatsächlich die bisher ausschließlich herrschende

Empirie völlig überflügelt und einer neuen und gesunden Philosophie die weiteste und fruchtbarste Bahn geöffnet. Es ist eine Hauptaufgabe der

„generellen Morphologie“ zu zeigen, wie die wichtigsten Erscheinungsreihen

der Morphologie sich mit Hilfe derselben vollständig erklären und auf große und

allgemeine Naturgesetze zurückführen lassen.

Wenn wir das Resultat dieses flüchtigen Überblickes über den inneren

Entwicklungsgang der Morphologie in wenigen Worten zusammenfassen, so

können wir füglich von Beginn des achtzehnten Jahrhunderts an bis jetzt vier

abwechselnd empirische und philosophische Perioden der Morphologie

unterscheiden, welche durch die Namen von Linné, Lamarck, Cuvier, Darwin

bezeichnet sind, nämlich: I. Periode: Linné, (geb. 1707). Erste empirische

Periode (achtzehntes Jahrhundert). Herrschaft der empirischen äußeren

Morphologie (Systematik). II. Periode: Lamarck (geb. 1744) und Goethe

(geb. 1749).[5] Erste philosophische Periode (erstes Drittel des neunzehnten

Jahrhunderts). Herrschaft der phantastisch-philosophischen Morphologie (ältere

Naturphilosophie). III. Periode: Cuvier (geb. 1769).[6] Zweite empirische

Periode (zweites Drittel des neunzehnten Jahrhunderts). Herrschaft der

empirischen inneren Morphologie (Anatomie). IV. Periode: Darwin (geb. 1809).

Zweite philosophische Periode. Begonnen 1859. Herrschaft der empirisch-

philosophischen Morphologie (neuere Naturphilosophie).

Indem wir die beiden Richtungen der organischen Morphologie, die

empirische und philosophische, so schroff einander gegenüberstellen, müssen

wir ausdrücklich bemerken, daß nur die große Masse der beschränkteren und

gröber organisierten Naturforscher es war, welche diesen Gegensatz in seiner

ganzen Schärfe ausbildete und entweder die eine oder die andere Methode als

die allein seligmachende pries und für die „eigentliche“ Naturwissenschaft hielt.

Die umfassenderen und seiner organisierten Naturforscher, und vor allen die

großen Koryphäen, deren Namen wir an die Spitze der von ihnen beherrschten

Perioden gestellt haben, waren stets mehr oder minder überzeugt, daß nur eine

innige Verbindung von Beobachtung und Theorie, von Empirie und Philosophie,

den Fortschritt der Naturwissenschaft wahrhaft fördern könnte. Man pflegt

gewöhnlich Cuvier als den strengsten und exklusivsten Empiriker, als den

abgesagtesten Feind jeder Naturphilosophie hinzustellen. Und sind nicht seine

besten Arbeiten, seine wertvollsten Entdeckungen, wie z. B. die Aufstellung der

vier tierischen Typen (Stämme), die Begründung des Gesetzes von der

Korrelation der Teile, von den „Causes finales“, Ausflüsse der reinsten

Naturphilosophie? Ist nicht die von ihm neu begründete „vergleichende

Anatomie“ ihrem ganzen Wesen nach eine rein philosophische Wissenschaft,

welche das empirische Material der Zootomie bloß als Basis braucht? Ist es nicht

lediglich der Gedanke, die Theorie, welche auf der rein empirischen Zootomie als notwendiger Grundlage das philosophische Lehrgebäude der vergleichenden

Anatomie errichten? Und wenn Cuvier aus einem einzigen Zahne oder Knochen

eines fossilen Tieres die ganze Natur und systematische Stellung desselben mit

Sicherheit erkannte, war dies Beobachtung oder war es Reflexion? Betrachten

wir anderseits den Stifter der älteren Naturphilosophie, Lamarck, so brauchen

wir, um den Vorwurf der Einseitigkeit zu widerlegen, bloß darauf hinzuweisen,

daß dieser eminente Mann seinen Ruf als großer Naturforscher größtenteils

einem vorwiegend deskriptiven Werke, der berühmten „Histoire naturelle des

animaux sans vertèbres“ verdankte. Seine „Philosophie zoologique“,

welche die Deszendenzlehre zum ersten Male als vollkommen abgerundete

Theorie aufstellte, eilte mit ihrem prophetischen Gedankenfluge seiner Zeit so

voraus, daß sie von seinen Zeitgenossen gar nicht verstanden und ein volles

halbes Jahrhundert hindurch (1809-1859) totgeschwiegen wurde. Johannes

Müller, den wir Deutschen mit gerechtem Stolz als den größten Biologen der

ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts unser eigen nennen, und der in den

Augen der meisten jetzt lebenden Biologen als der strengste Empiriker und

Gegner der Naturphilosophie gilt, verdankt die Fülle seiner zahlreichen und

großen Entdeckungen viel weniger seinem ausgezeichneten sinnlichen

Beobachtungstalent, als seinem kombinierenden Gedankenreichtum und der

natürlichen Philosophie seiner wahrhaft denkenden Beobachtungsmethode.

Charles Darwin, der größte aller jetzt lebenden Naturforscher, überragt uns alle

nicht allein durch Ideenreichtum und Gedankenfülle seines die ganze organische

Natur umfassenden Geistes, sondern ebensosehr durch die intensiv und extensiv

gleichbedeutende und fruchtbare Methode seiner empirischen

Naturbeobachtung.

Nach unserer festesten Überzeugung können nur diejenigen Naturforscher

wahrhaft fördernd und schaffend in den Gang der Wissenschaft eingreifen,

welche, bewußt oder unbewußt, ebenso scharfe Denker als sorgfältige

Beobachter sind. Niemals kann die bloße Entdeckung einer nackten Tatsache,

und wäre sie noch so merkwürdig, einen wahrhaften Fortschritt in der

Naturwissenschaft herbeiführen, sondern stets nur der Gedanke, die Theorie,

welche diese Tatsache erklärt, sie mit den verwandten Tatsachen vergleichend

verbindet und daraus ein Gesetz ableitet. Betrachten wir die größten

Naturforscher, welche zu allen Zeiten auf dem biologischen Gebiete tätig

gewesen sind, von Aristoteles an, Linné und Cuvier, Lamarck und Goethe, Bär

und Johannes Müller und wie die Reihe der glänzenden Sterne erster Größe, bis

auf Charles Darwin herab, weiter heißt — sie alle sind ebenso große Denker, als

Beobachter gewesen, und sie alle verdanken ihren unsterblichen Ruhm nicht der

Summe der einzelnen von ihnen entdeckten Tatsachen, sondern ihrem denkenden Geiste, der diese Tatsachen in Zusammenhang zu bringen und daraus

Gesetze abzuleiten verstand. Die rein empirischen Naturforscher, welche nur

durch Entdeckung neuer Tatsachen die Wissenschaft zu fördern glauben, können

in derselben ebensowenig etwas leisten, als die rein spekulativen Philosophen,

welche der Tatsachen entbehren zu können glauben und die Natur aus ihren

Gedanken konstruieren wollen. Diese werden zu phantastischen Träumern, jene

im besten Falle zu genauen Kopiermaschinen der Natur. Im Grunde freilich

gestaltet sich das tatsächliche Verhältnis überall so, daß die reinen Empiriker

sich mit einer unvollständigen und unklaren, ihnen selbst nicht bewußten

Philosophie, die reinen Philosophen dagegen mit einer ebensolchen, unreinen

und mangelhaften Empirie begnügen. Das Ziel der Naturwissenschaft ist die

Herstellung eines vollkommen architektonisch geordneten Lehrgebäudes. Der

reine Empiriker bringt statt dessen einen ungeordneten Steinhaufen zusammen;

der reine Philosoph auf der andern Seite baut Luftschlösser, welche der erste

empirische Windstoß über den Haufen wirft. Jener begnügt sich mit dem

Rohmaterial, dieser mit dem Plan des Gebäudes. Aber nur durch die innigste

Wechselwirkung von empirischer Beobachtung und philosophischer Theorie

kann das Lehrgebäude der Naturwissenschaft wirklich zustande kommen.

Wir schließen diesen Abschnitt, wie wir ihn begonnen, mit einem Ausspruch

von Johannes Müller: „Die Phantasie ist ein unentbehrliches Gut, denn sie ist es,

durch welche neue Kombinationen zur Veranlassung wichtiger Entdeckungen

gemacht werden. Die Kraft der Unterscheidung des isolierenden Verstandes

sowohl, als der erweiternden und zum Allgemeinen strebenden Phantasie sind

dem Naturforscher in einem harmonischen Wechselwirken notwendig. Durch

Störung dieses Gleichgewichts wird der Naturforscher von der Phantasie zu

Träumereien hingerissen, während diese Gabe den talentvollen Naturforscher

von hinreichender Verstandesstärke zu den wichtigsten Entdeckungen führt.“

(Aus „Generelle Morphologie der Organismen“. 1866.)

[3] Im vierten Kapitel seiner 1866 erschienenen „generellen Morphologie“ behandelt Haeckel kritisch die „naturwissenschaftlichen Methoden, welche sich gegenseitig notwendig ergänzen müssen“. Es sind dies 1. Empirie und Philosophie (Erfahrung und Erkenntnis), 2. Analyse und Synthese und 3. Induktion und Deduktion. Wir geben hier den ersten Abschnitt dieser „Methodik der Morphologie der Organismen“ wieder, weil die darin niedergelegten „unerschütterlichen Überzeugungen“ für das gesamte spätere Lebenswerk des Jenaer Naturforschers maßgebend geblieben sind. Aus der innigen Verbindung von empirischer Beobachtung und philosophischer Theorie beruhen seine sämtlichen wissenschaftlichen Werke. (Anm. d. H.)

[4] Selten ist wohl das Verdienst eines der bedeutendsten Männer so völlig von seinen Zeitgenossen verkannt und gar nicht gewürdigt worden, wie es mit Lamarck ein halbes Jahrhundert hindurch der Fall war. Nichts beweist dies vielleicht so schlagend als der Umstand, daß Cuvier in seinem Bericht

über die Fortschritte der Naturwissenschaften, in welchem auch die unbedeutendsten Bereicherungen des empirischen Materials aufgeführt werden, des bedeutendsten aller biologischen Werke jenes Zeitraums, der Philosophie zoologique von Lamarck, mit keinem Worte Erwähnung tut!

[5] Wir nennen hier absichtlich Lamarck und Goethe als die geistvollsten Repräsentanten der älteren Naturphilosophie, wenngleich sie sich entfernt nicht desselben Einflusses und derselben Anerkennung zu erfreuen hatten, wie Etienne Geoffroy S. Hilaire (geb. 1771) und Lorenz Oken (geb. 1779), die gewöhnlich als die Koryphäen dieser Richtung vorangestellt werden.

[6] Als hervorragende Koryphäen dieser Periode würden wir hier noch Johannes Müller, Schleiden und einige andere hervorzuheben haben, wenn nicht gerade diese bedeutendsten Männer, als wahrhaft philosophische Naturforscher, sich von der großen Einseitigkeit freigehalten hätten, welche Cuviers Schule und der große Troß der Zeitgenossen zum extremsten Empirismus ausbildete.

V.

Arabische Korallen.

Die zauberhaften Korallenbänke des Roten Meeres aus eigener Anschauung

kennen zu lernen, war schon seit langer Zeit mein lebhafter Wunsch. Als daher

im März 1873 eine lange gehegte Hoffnung in Erfüllung ging und ich eine

zweimonatige Reise in den Orient antreten konnte, lag es in meinem Plane, wenn

irgend möglich, von Suez aus einen Abstecher nach den nächstgelegenen

Korallenriffen zu machen. Ein solcher Ausflug erscheint auf der Landkarte sehr

leicht, ist aber für einen einzelnen Reisenden mit vielen und großen

Schwierigkeiten verknüpft. Denn die Zahl der bewohnten Orte an den

langgestreckten, öden und unwirtlichen Küsten des Roten Meeres ist sehr gering,

und diese wenigen Orte selbst sind meistens nur von armen, halbwilden

Mohammedanern bewohnt. Man muß Zelte, Diener, Lebensmittel und

Trinkwasser selbst mitbringen, um dort existieren zu können. Auch gibt es keine

regelmäßige Dampfschiffverbindung zwischen Suez und diesen elenden

Küstenorten. Keiner derselben wird von den großen europäischen Dampfern

berührt, die allwöchentlich durch das Rote Meer fahren und die Überlandpost

nach Indien befördern.

In der nächsten Umgebung von Suez und überhaupt im nördlichsten Teile des

Roten Meeres fehlen die Korallenbänke, die sonst über den größten Teil beider

Küsten desselben sich ausdehnen. Der nächstgelegene Ort, an welchem man

schöne Korallenriffe beobachten und den man in kürzester Zeit erreichen kann,

ist das arabische Dörfchen Tor oder Tur, an der Westküste der Sinaihalbinsel

gelegen. Hier hatten früher schon Ehrenberg, Ransonnet, Frauenfeld und andere

Naturforscher der Korallen wegen sich längere oder kürzere Zeit aufgehalten.

Um von Suez aus nach Tur zu gelangen, muß man entweder ein eigenes

Segelschiff mieten, oder zu Kamel durch die arabische Wüste reiten. Zu diesem

Landweg auf dem Wüstenschiff, der 55 Reitstunden beträgt, sind mindestens

vier bis fünf Tage erforderlich. Dazu reichte aber meine Zeit nicht aus; auch

wäre der Transport der Korallen, die ich zu sammeln wünschte, auf dem Kamel

sehr mißlich gewesen. Es blieb also nichts übrig, als ein Segelschiff zu mieten. Aber auch das erwies sich als untunlich. Denn die gewöhnlichen, halbgedeckten

arabischen Segelboote sind böse Fahrzeuge, im höchsten Grade unbequem und

unreinlich, überfüllt mit parasitischen Insekten aller Art; und dabei war der

geforderte Preis unerschwinglich hoch. Außerdem hätte ich mich der Gefahr

ausgesetzt, bei widrigem Winde acht Tage und länger in einem solchen

erbärmlichen Fahrzeug auf dem Roten Meere zu kreuzen, ohne mein Ziel

erreichen zu können.

So wäre denn mein sehnlicher Wunsch, die Korallenbänke von Tur zu

besuchen, schwerlich in Erfüllung gegangen, wenn nicht der österreichische

Generalkonsul in Kairo, Herr von Cischini, der mich während meines dortigen

Aufenthaltes mit Freundlichkeiten aller Art überhäufte, mir ein Fahrzeug

verschafft hätte, das zu erlangen ich mir früher nie hatte träumen lassen. Er

bewog nämlich den Vizekönig von Ägypten, Ismail Pascha, für den

beabsichtigten Ausflug nach Tur die Benutzung eines in Suez stationierten

Dampfschiffes der ägyptischen Kriegsflotte zu gestatten. Zugleich wurden meine

Freunde und Reisegefährten, Professor Straßburger aus Jena und Professor

Panceri aus Neapel, eingeladen, als Gäste des Khedive an der Expedition

teilzunehmen.

Am 22. März verließen wir Kairo, die wunderbare Metropole des Nillandes, in

der wir die Märchen aus Tausend und einer Nacht lebendig vor uns gesehen

hatten. Die Eisenbahn führte uns von dort in elf Stunden nach Suez. Unsere

interessante Reisegesellschaft bestand zum größten Teile aus einer bunten

Karawane von Mekkapilgern. Namentlich bot ein Haremwaggon dritter Klasse,

in welchen ein glücklicher Zufall uns einen Einblick gewährte, ein

merkwürdiges Bild. Die Bahnfahrt selbst ist höchst originell. Wir

durchschneiden zuerst in nordöstlicher Richtung den östlichen Rand des üppig

fruchtbaren Nildelta und passieren zahlreiche Fellah-Dörfer. Da bieten uns die

niederen braunen Lehmhütten, von Dattelpalmen umgeben, mit ihrer

charakteristischen Staffage von verschleierten Weibern, nackten Kindern,

Büffeln, die Schöpfräder treiben, Kamelen usw. eine Fülle von malerischen

Motiven. In Benha wendet sich die Bahn nach Osten, vereinigt sich mit dem von

Alexandrien nach Suez gehenden Schienenweg, der die ostindische

Überlandpost befördert, und geht nun eine Strecke weit mitten durch die Wüste.

Ringsum erblicken wir eine Zeitlang nichts als gelben Sand und blauen Himmel.

Um uns den vollen Eindruck einer Wüstenreise zu geben, wehte den ganzen Tag

hindurch ein heftiger Chamsin, jener erstickend heiße Wüstenwind, der als

Samum der Schrecken der Karawanen ist. Sein glühender Odem warf ganze

Regenschauer feinen Wüstensandes gegen die Fenster unseres Coupés, und wir

wünschten uns Glück, im geschlossenen Waggon und nicht draußen auf dem Rücken der Kamele zu sitzen.

Abends um sieben Uhr in Suez angelangt, wurden wir von dem dortigen

österreichischen Konsul, Herrn von Remy-Berzenkovich, freundlichst

empfangen und sogleich zum Gouverneur Hassan-Bey geführt. Hier erfuhren wir

zu unserer Freude, daß unser Kriegsschiff, die Dampferkorvette „Khartoum“, zur

Fahrt bereit draußen auf der Reede liege. Der Kommandant derselben, Kapitän

Ali Schukri, ein stattlicher brauner Araber in ägyptischer Marineuniform, wurde

uns vorgestellt und bot uns mit orientalischer Unterwürfigkeit seine Dienste an.

In dem großartigen englischen Peninsular-Hotel, das noch vor wenigen Jahren

von den Engländern als das üppigste und komfortabelste Hotel der Welt

gepriesen wurde, war für uns Quartier bereitet. Wir wurden als Gäste des

Khedive mit größter Aufmerksamkeit bedient und fürstlich verpflegt.

Am anderen Morgen wollten wir unsere Seereise antreten. Leider steigerte

sich aber der heftige Chamsin in der Nacht zu einem förmlichen Sturme, so daß

wir den ganzen Tag in Suez bleiben mußten. Obgleich diese Stadt weder durch

Naturschönheiten, noch durch besondere Sehenswürdigkeiten ausgezeichnet ist,

so ist ein kurzer Aufenthalt in derselben interessant genug. Denn als

Knotenpunkt des lebendigsten Verkehrs zwischen drei Weltteilen und als

Hafenort der Mekkapilger bietet es in dem bunten Leben seiner Straßen und

Basare eine reiche ethnographische Musterkarte. Mit europäischen Reisenden

und Matrosen aller Nationen mischen sich Neger aus dem Osten und Süden

Afrikas, Berber und Ägypter, Araber und Levantiner aller Klassen, Mekkapilger

aus allen Ländern des Ostens, persische und indische Kaufleute. Dazwischen

drängen sich verschleierte braune Weiber und unverschleierte

Früchteverkäuferinnen, Kamele und Pferde, schöne orientalische Esel und

zahllose Hunde.

Nicht minder interessant als dieser bunte Völkermarkt war für uns

Naturforscher der Fischmarkt von Suez. Denn obwohl derselbe weder besonders

groß noch reichhaltig ist, so erkannten wir doch auf den ersten Blick, daß wir

uns in einem völlig neuen Gebiete der marinen Fauna, ja schon mitten in der

wunderbaren Tierwelt des Indischen Ozeans befanden. Die schmale Landenge

von Suez trennt nämlich zwei gewaltige Seereiche, die schon seit vielen

Jahrtausenden außer allem Zusammenhange stehen und in denen sich

demgemäß, der Darwinschen Theorie entsprechend, eine völlig verschiedene

Tier- und Pflanzenwelt entwickelt hat. Die Fauna und Flora des Mittelmeeres,

die zum großen Gebiete des Atlantischen Ozeans gehört, ist gänzlich

verschieden von der Tier- und Pflanzenbevölkerung des Roten Meeres, das eine

Provinz des Indischen Ozeans bildet. Unter hundert Korallenarten des Roten

Meeres findet sich nicht eine einzige Art, die auch im Mittelmeere vorkäme. Nur ein ganz kleiner Bruchteil von Tierarten ist beiden benachbarten Meeren

gemeinsam. Wenn wir daher gestern früh den Fischmarkt von Alexandrien und

heute morgen, kaum vierundzwanzig Stunden später, denjenigen von Suez

besuchen, so finden wir den auffallenden Gegensatz zwischen beiden ebenso

groß, als ob wir gestern den Fischmarkt von Barcelona oder Marseille und heute

denjenigen von Kalkutta oder Singapore gesehen hätten. Diese merkwürdige

Erscheinung erklärt sich ganz einfach aus den Konsequenzen der

Deszendenztheorie und der damit verbundenen Migrationstheorie.

Der Sturm, der uns diesen interessanten, obwohl unerwünschten Aufenthalt in

Suez verursachte, legte sich erst am Morgen des zweiten Tages, und gegen

Mittag erschien der Gouverneur, um uns in seiner Dampfjolle nach dem fast eine

Stunde von der Stadt entfernt auf der Reede ankernden Kriegsschiffe

„Khartoum“ hinüberzufahren. Die Wellen gingen immer noch so hoch, daß sie

das ganze Verdeck überfluteten, und brachten beim Anlegen beide Dampfschiffe

in so unsanfte Berührung, daß das Bugspriet und die Schanzkleidung des

kleineren Dampfers vollständig zersplitterten. Auch das Hinüberklettern vom

einen zum anderen war ebenso wie der Transport unserer Gläserkisten, Netze

und Instrumente, mit ziemlichen Schwierigkeiten verbunden und wurde unter

heillosem Geschrei der Matrosen bewerkstelligt, welches das Toben von Wind

und Wellen übertönte. Das höllische Konzert wurde vollständig durch das

ohrenzerreißende Trommeln, Pfeifen und Klappern des Musikkorps von

Khartoum. Die ganze Mannschaft desselben, 126 Köpfe stark, war nämlich zu

unserem feierlichen Empfange unter Gewehr getreten und salutierte. Der

Kapitän empfing uns mit größter Unterwürfigkeit und stellte uns das

Offizierkorps vor. Jedoch blieb die Unterhaltung ziemlich mangelhaft, da wir

kaum ein Dutzend arabischer Worte und unsere neuen Freunde ungefähr

ebensoviel englische Vokabeln kannten. Die eigentliche Unterhaltung wurde

durch den österreichischen Konsul von Remy vermittelt, der geläufig Arabisch

sprach. Er hatte die Güte, uns zu begleiten und auf der ganzen Fahrt die Rolle

des Dolmetschers zu spielen.

Wegen des fortdauernden hohen Wellenganges, der erst gegen Abend

schwächer wurde, konnte unser Dampfer erst um Mitternacht die Anker lichten

und gen Süden steuern. Den ganzen folgenden Tag fuhren wir zwischen Asien

und Afrika durch den Golf von Suez, zu unserer Rechten die ägyptische, zur

Linken die arabische Küste; malerische langgestreckte öde Gebirgsketten auf

beiden Seiten im Hintergrunde.

Da wir erst spät in der Nacht unser Reiseziel erreicht haben würden, wegen

der gefährlichen Korallenriffe aber doch in den Hafen von Tur nicht hätten

einlaufen können, ging unsere Korvette um vier Uhr nachmittags, etwa 20 Seemeilen von Tur entfernt, in einer geschützten kleinen Bucht der arabischen

Küste vor Anker. Wir ließen uns sofort im Boote ans Land setzen, und voll

Ehrfurcht betraten wir zum erstenmal den heiligen Boden der alten Asia. Die

Küste war völlig öde und einsam, aber großartig wild. Mächtige, 3000 bis 4000

Fuß hohe Berge der Sinaikette erhoben sich steil über dem schmalen sandigen

Küstensaum.

Alle überragt der gewaltige „Djebel Serbal“, dessen wildzerklüftete rote

Granitwälle, von zahlreichen Diorit- und Porphyrgängen durchsetzt, sich bis

über 6000 Fuß erheben. Durch die zahlreichen zerrissenen Spitzen, die steilen

Abstürze, die phantastischen Kluftbildungen erhebt sich dieser malerische

„Djebel Serbal“ zu dem großartigsten und prächtigsten unter allen den

gewaltigen Berghäuptern der Sinaihalbinsel. Auch hat er lange Zeit als

Nebenbuhler der eigentlichen Sinaikuppe, des Mosesberges (Djebel Musa)

dagestanden; und viele frommen Seelen glauben noch heute, daß auf ersterem,

nicht auf letzterem die Gesetztafeln der zehn Gebote publiziert und der „alte

Bund“ zwischen Jehova und seiner auserwählten Semitenrasse geschlossen

wurde. In den ersten Jahrhunderten des Christentums war diese Ansicht

herrschend, und zahlreiche Einsiedler, Mönche und Nonnen, wohnten damals in

den Grotten und Felsenhöhlen des zerklüfteten „Berges der Gesetzgebung“.

Zahlreiche Prozessionen pilgerten zu seinen Höhen und erfreuten sich der

mannigfachen Genüsse, welche die dichtbelaubten und quellenreichen

Fruchtgärten des „Wadi-Feiran“ darboten. Letzteres ist ein herrliches Tal am

Fuße des „Djebel Serbal“, das wegen seiner üppigen Fruchtbarkeit als „Perle der

Sinaihalbinsel“ gepriesen wird, ein greller Gegensatz zu der umgebenden öden

Steinwüste.

Als wir aus dem Boote ans Land sprangen, berührte unser Fuß zuerst reinen

Korallenfelsen. Überall im Sande des Strandes lagen tote, gebleichte

Korallenblöcke umher, pilzförmige Fungien, sternbedeckte Asträen,

labyrinthische Mäandrinen, verästelte Madreporen, dunkelrote Orgelkorallen

oder Tubiporen. Mit Ausnahme einiger niederer Strandpflanzen mit fleischigen

Blättern und eines zwischen den Felsen wachsenden Kappernstrauches war

nichts von Vegetation zu sehen. Lautlose Stille rings umher; von menschlicher

Existenz keine Spur weit und breit. Küste und Gebirge sahen aus, als ob sie nie

ein Menschenfuß betreten hätte.

Der Sonnenuntergang war prächtig und übergoß die gewaltigen roten

Granitmauern mit den glühendsten Farben. Rasch brach die Dunkelheit ein und

der wolkenlose Himmel bedeckte sich mit einem Sternengewand, das wir nie

zuvor in solchem Glanze hatten funkeln sehen. Wir ließen uns durch unseren

indischen Koch unsere Abendmahlzeit vom Schiffe an den Strand holen und

genossen sie auf Korallenblöcken sitzend in gehobenster Stimmung. Unser edler

Gastfreund, der Khedive, hatte unsere Küche aufs beste versorgt, und unter

anderem auch mit einer Champagnerkiste ausgestattet. Dieses schäumende

Getränk ist bei den Orientalen sehr beliebt und wird, da der Koran nur den

Genuß des Weines verbietet, als eine Art Bier angesehen. So konnte denn auch

der arabische Schiffsleutnant, der unsere Schaluppe führte, unbeschadet seiner Frömmigkeit, uns helfen, den ersten Abend auf asiatischem Boden in

Champagnerbier zu feiern. Erst spät abends kehrten wir in heiterster Stimmung

an Bord des „Khartoum“ zurück, wo uns ein herrliches Lager auf den über

Verdeck gelegten Polstern unter dem funkelnden Sternenzelt erwartete. Um

Mitternacht lichtete das Schiff die Anker und lief am anderen Morgen kurz nach

Sonnenaufgang im Hafen von Tur ein.

Die Küstenlandschaft von Tur ist ein echtes Charakterbild vom Strande des

steinigen Arabiens. Die gelbe Sandwüste, die sich längs des dunkelblauen

Meeres hinzieht, ist von Vegetation völlig entblößt; mit Ausnahme einzelner

Dhumpalmen und einiger kleiner Gruppen von Dattelpalmen, die teils in der

unmittelbaren Umgebung von Tur ein wenig dürftigen Schatten spenden, teils

eine entfernte Oase bezeichnen. In imposanter Majestät erhebt sich aber im

Hintergrunde der Wüste das gewaltige Gebirge des Sinai, mit seinen kühn

geformten Gipfeln und zerklüfteten Felsrücken. Tur selbst ist ein dürftiges

Dörfchen mit kaum zwei Dutzend Hütten und wenig über hundert Einwohnern.

Ein kleines Zeltlager, von einer eben jetzt am Strande lagernden Karawane

errichtet, steigerte den orientalischen Charakter des originellen Bildes. Das

Dörfchen Tur liegt an der Umrandung eines kleinen, flachen, hufeisenförmigen

Hafenbeckens. Die Felsenriffe, welche dieses Becken umfassen und nur eine

schmale Einfahrt freilassen, sind Korallenbänke. Der ganze Hafen ist ein

reizender Korallengarten. Als wir in der Schaluppe über die flachen Bänke

hinglitten und in zehn bis zwanzig Fuß Tiefe durch die kristallklare Flut

hindurch den Boden betrachteten, entzückten uns die prächtigsten, nie zuvor

lebend gesehenen Korallenbüsche, auf dem gelben Sande überall in bunter

Mannigfaltigkeit zerstreut, wie exotische Ziersträucher in einem schönen

Blumengarten. Der Hafendamm, an dem unser Boot anlegt, ist ganz aus

Korrallenblöcken erbaut, und als wir uns den niederen würfelförmigen Hütten

nähern, werden wir durch die Wahrnehmung überrascht, daß auch diese fast ganz

aus Korallenstein bestehen. Als ob es gewöhnliche Sandsteine wären, liegen da

die herrlichsten schneeweißen Blöcke von Sternkorallen, Mäandrinen,

Madreporen usw. übereinander gehäuft. Manche von diesen elenden Hütten birgt

in einer einzigen Wand eine größere Sammlung von schönen Korallenblöcken,

als in vielen europäischen Museen zu finden ist. Am liebsten hätten wir das

ganze Dorf aufgekauft, zusammengepackt und in die Heimat geschickt.

Augenblicklich sind jedoch die herrlichen lebenden Korallentiere im Hafen

für uns von größerem Interesse als die toten Steingerüste in den Hüttenwänden,

und begierig besteigen wir die flachen arabischen Boote, die inzwischen für

unsere Korallenjagd ausgerüstet und mit Tauchern bemannt worden sind. Die bei

weitem zweckmäßigste Methode nämlich, lebende Korallen vom Meeresgrunde zu erhalten, ist die Anwendung von Tauchern. Unser gewöhnliches Schleppnetz,

mit dem wir sonst die zoologischen Schätze vom Meeresboden heraufholen, ist

hier ganz unbrauchbar. Die kleinen und zierlichen Korallenstöcke werden durch

das Schleppnetz zerbrochen und verdorben; die großen und schweren Blöcke

zerreißen selbst das Netz und sind nicht damit heraufzuheben. Hingegen

bewährten sich die arabischen Taucher, deren wir uns in Tur bedienten und die

durch den Betrieb der Perlenfischerei im längeren Verweilen unter Wasser sehr

geübt waren, als äußerst geschickte Korallenfänger. Sie waren weder mit

Taucherglocken noch mit Skaphandern oder anderen Tauchapparaten

ausgerüstet; sie schwammen aber so ausgezeichnet, konnten so lange unter

Wasser bleiben und wußten so geschickt selbst größere Korallen von ihren

Ansatzpunkten abzulösen, daß sie niemals wieder emportauchten, ohne uns mit

neuen prächtigen Korallengeschenken zu überraschen.

Die Korallenfischerei mit diesen Tauchern, die uns während unseres

Aufenthaltes in Tur fast den ganzen Tag beschäftigte, war höchst anziehend und

unterhaltend. Das Wasser in dem seichten und stillen, durch das vorliegende

Korallenriff gegen die Brandung geschützten Hafen ist so kristallhell, daß wir

bis auf zehn und zwanzig Fuß Tiefe jeden kleinen Krebs und Seestern, jede

Muschel und Schnecke auf dem Boden zwischen den Korallenbüschen erkennen

können. Sobald wir unseren Tauchern den gewünschten Gegenstand bezeichnet

haben, springen sie hinab. Vorsichtig die spitzen Ecken und scharfen Kanten der

Korallenstöcke vermeidend, huschen die schlanken braunen Jünglinge wie

Fische zwischen denselben umher und lösen die gewünschten Stücke vom

Boden ab. Bloß mit den Füßen rudernd, die Beute mit beiden Armen

umschlungen haltend, tauchen sie wieder empor. In wenigen Stunden sind unsere

Boote mit den kostbarsten Schätzen gefüllt.

Die großen Glasgefäße, die wir in Fächerkisten aus Triest mitgebracht haben,

sind bald ganz voll von lebenden Korallen. Vorsichtig aus dem Meere

genommen und in das ruhige Wasser der Gefäße versetzt, entfalten sie

allmählich ihre zarten, zurückgezogenen Blumenleiber. Da schauen wir zum

erstenmal in nächster Nähe das unbeschreiblich schöne Schauspiel, welches

diese herrlichen, scheinbar aus dem Korallenstein hervorwachsenden

Blumentiere mit ihren wundervollen Farben, zierlichen Formen und graziösen

Bewegungen gewähren. Die prächtigen bunten Aktinien des Roten Meeres, die

blauen Xenien, die grünen Ammotheen und die gelben Sarkophyten wetteifern

an leuchtender Farbenpracht mit den in allen Irisfarben strahlenden

Blumenkelchen, die wie durch Zauber aus den scheinbar toten Kalkgerüsten der

Steinkorallen hervorsprossen. Besonders fallen uns unter diesen die glänzenden

Sternkorallen oder Asträen und die merkwürdigen Orgelkorallen oder Tubiporen auf. Aus den purpurroten Kalkröhren der letzteren, die gleich Orgelpfeifen dicht

nebeneinander gereiht stehen, stecken zierliche grasgrüne Personen ihre acht

gefiederten Fangarme aus.

Wir beschränken uns aber nicht auf den Hafen von Tur, sondern segeln weiter

hinaus, wo an den größeren Korallenriffen längs der Küste neue Überraschungen

unserer harren und wo wir die vielgerühmte Pracht der indischen Korallenbänke

in ihrem vollen Farbenglanze schauen. Das kristallklare Wasser ist hier

unmittelbar an der Küste fast immer so ruhig und bewegungslos, daß man die

ganze wunderbare Korallendecke des Bodens mit ihrer mannigfaltigen

Bevölkerung von allerlei Seetieren deutlich erkennen kann. Hier, wie im größten

Teile des Roten Meeres, zieht parallel der Küste ein langer Damm von

Korallenriffen hin, ungefähr eine Viertelstunde vom Lande entfernt. Diese

Wallriffe oder Barrierenriffe sind wahre Wellenbrecher. Der Wogenandrang

zerschellt an ihrer unebenen zackigen Oberfläche, welche bis nahe unter den

Wasserspiegel ragt; und ein weißer Schaumkamm kennzeichnet so deutlich ihren

Verlauf. Auch wenn draußen auf dem Meere der Sturm tobt, ist hier in dem

durch das Riff geschützten Kanale oder Graben das Wasser verhältnismäßig

ruhig, und kleinere Schiffe können darin ungestört ihre Fahrt längs der Küste

fortsetzen. Nach außen gegen das hohe Meer fällt das Korallenriff steil hinunter.

Nach innen gegen die Küste dagegen flacht es sich allmählich ab, und meist

bleibt die Tiefe des Kanals so gering, daß man die ganze Farbenpracht der

Korallengärten auf seinem Boden erblicken kann.

Diese Pracht zu schildern vermag keine Feder und kein Pinsel. Die

begeisterten Schilderungen von Darwin, Ehrenberg, Ransonnet und anderen

Naturforschern, die ich früher gelesen, hatten meine Erwartungen sehr hoch

gespannt; sie wurden aber durch die Wirklichkeit übertroffen. Ein Vergleich

dieser formenreichen und farbenglänzenden Meerschaften mit den

blumenreichsten Landschaften gibt keine richtige Vorstellung. Denn hier unten

in der blauen Tiefe ist eigentlich alles mit bunten Blumen überhäuft und alle

diese zierlichen Blumen sind lebendige Korallentiere. Die Oberfläche der

größeren Korallenblöcke, von sechs bis acht Fuß Durchmesser, ist mit

Tausenden von lieblichen Blumensternen bedeckt. Auf den verzweigten Bäumen

und Sträuchern sitzt Blüte an Blüte. Die großen bunten Blumenkelche zu deren

Füßen sind ebenfalls Korallen. Ja sogar das bunte Moos, das die Zwischenräume

zwischen den größeren Stöcken ausfüllt, zeigt sich bei genauerer Betrachtung

aus Millionen winziger Korallentierchen gebildet. Und alle diese Blütenpracht

übergießt die leuchtende arabische Sonne in dem kristallhellen Wasser mit einem

unsagbaren Glanze!

In diesen wunderbaren Korallengärten, welche die sagenhafte Pracht der zauberischen Hesperidengärten übertreffen, wimmelt außerdem ein

vielgestaltiges Tierleben der mannigfaltigsten Art. Metallglänzende Fische von

den sonderbarsten Formen und Farben spielen in Scharen um die

Korallenkelche, gleich den Kolibris, die um die Blumenkelche der

Tropenpflanzen schweben. Unter ihnen fällt uns vor allen der sonderbare

Halbmondfisch auf (Platax Ehrenbergii). Sein platt zusammengedrückter,

sichelförmiger Körper, der je nach dem Lichtfalle bald in gelbgrünlichem

Bronzeglanz, bald in prachtvollem Blau strahlt, ist oben in eine lange dreieckige

gekrümmte Rückenflosse, unten in eine gleiche Analflosse ausgezogen. So

erscheint der ganze Fisch als leuchtende Sichel im Halbdunkel der

Korallenwälder, als das Symbol des türkischen Halbmondes, der jetzt noch diese

arabischen Küsten beherrscht. Gleich einem leuchtenden Kometenschweife zieht

durch die blaue Tiefe ein silberweißer Bandfisch von der Gestalt eines silbernen

Schuppengürtels (Trichiurus). Ein rotbrauner, mit seltsamem Helmschmuck an

dem gepanzerten Haupte ausgestatteter Drachenkopf (Scorpaena) jagt eine

ganze Schar von kleinen goldgelben Lippfischen vor sich her (Labroiden). Aber

auch der grimme Menschenhai, der Schrecken des Meeres, fehlt nicht, und

bisweilen erscheinen im Hafen von Tur solche Haifische von zehn bis zwanzig

Fuß Länge.

Noch viel mannigfaltiger und interessanter als die Fische sind die wirbellosen

Tiere der verschiedensten Klassen, welche auf den Korallenbänken ihr Wesen

treiben. Zierliche durchsichtige Krebse aus der Garnelengruppe schnellen

haufenweise vorüber und bunte Krabben klettern zwischen den

Korallenzweigen. Auch rote Seesterne, violette Schlangensterne und schwarze

Seeigel klettern in Menge auf den Ästen der Korallensträucher; der Scharen

bunter Muscheln und Schnecken nicht zu gedenken. Reizende Würmer mit

bunten Kiemenfederbüschen schauen aus ihren Röhren hervor. Da kommt auch

ein dichter Schwarm von zarten violetten Medusen geschwommen, und zu

unserer Überraschung erkennen wir in der zierlichen Glocke eine alte Bekannte

aus der Ostsee und Nordsee, die Aurelia.

Man könnte glauben, daß in diesen bezaubernden Korallenhainen, wo jedes

Tier zur Blume wird, der glückselige Friede der elysischen Gefilde herrsche.

Aber ein näherer Blick in ihr buntes Getriebe lehrt uns bald, daß auch hier, wie

im Menschenleben, beständig der wilde Kampf ums Dasein tobt, oft zwar still

und lautlos, aber darum nicht minder furchtbar und unerbittlich. Die große

Mehrzahl des Lebendigen, das hier in üppigster Fülle sich entwickelt, wird

beständig vernichtet, um die Existenz einer bevorzugten Minderzahl zu

ermöglichen. Überall lauert Schrecken und Gefahr. Um uns davon zu

überzeugen, brauchen wir bloß selbst einmal unterzutauchen. Rasch entschlossen springen wir über Bord und schauen nun erst, von wunderbarem, grünem und

blauem Glanze umgossen, die Farbenpracht der Korallenbänke ganz in der Nähe.

Aber bald erfahren wir, daß der Mensch ungestraft so wenig unter Korallen als

unter Palmen wandelt. Die spitzen Zacken der Steinkorallen erlauben uns

nirgends festen Fuß zu fassen. Wir suchen uns einen freien Sandfleck zum

Standpunkt aus. Aber ein im Sande verborgener Seeigel (Diadema) bohrt seine

fußlangen, mit seinen Widerhaken bewaffneten Stacheln in unseren Fuß; äußerst

spröde zersplittern sie in der Wunde und können nur durch vorsichtiges

Ausschneiden entfernt werden. Wir bücken uns, um eine prächtige

smaragdgrüne Aktinie vom Boden aufzuheben, die zwischen den

Schalenklappen einer toten Riesenmuschel zu sitzen scheint. Jedoch zur rechten

Zeit noch erkennen wir, daß der grüne Körper keine Aktinie, sondern der Leib

des lebenden Muscheltieres selbst ist; hätten wir es unvorsichtig angefaßt, so

wäre unsere Hand durch den kräftigen Schluß der beiden Schalenklappen elend

zerquetscht worden. Nun suchen wir einen schönen violetten Madreporenzweig

abzubrechen, ziehen aber rasch die Hand zurück; denn eine mutige kleine

Krabbe (Trapezia), die scharenweise zwischen den Ästen wohnt, zwickt uns

empfindlich mit den Scheren. Noch schlimmere Erfahrungen machen wir bei

dem Versuche, die daneben stehende Feuerkoralle (Millepora) abzubrechen.

Millionen mikroskopischer Giftbläschen entleeren bei der oberflächlichen

Berührung ihren ätzenden Saft auf unsere Haut, und unsere Hand brennt, als ob

wir ein glühendes Eisen angefaßt hätten. Ebenso heftig brennt ein zierlicher

kleiner Hydrapolyp, der höchst unschuldig aussieht. Um nicht auch noch mit

einem brennenden Medusenschwarme in unliebsame Berührung zu kommen

oder gar einem der nicht seltenen Haifische zur Beute zu fallen, tauchen wir

wieder empor und schwingen uns in die Barke.

Welche fabelhafte Fülle des buntesten Tierlebens auf diesen Korallenbänken

durcheinander wimmelt und miteinander ums Dasein kämpft, davon kann man

sich erst bei genauerem Studium ein annäherndes Bild machen. Jeder einzelne

Korallenstock ist eigentlich ein kleines zoologisches Museum. Wir setzen z. B.

einen schönen Madreporenstock (Stylopora), den eben unser Taucher

emporgebracht hat, vorsichtig in ein großes, mit Seewasser gefülltes Glasgesäß,

damit seine Korallentiere ruhig ihren zierlichen Blumenkörper entfalten. Als wir

eine Stunde später wieder nachsehen, ist nicht nur der vielverzweigte Stock mit

den schönsten Korallenblüten bedeckt, sondern auch Hunderte von größeren und

Tausende von kleineren Tierchen kriechen und schwimmen im Glase herum:

Krebse und Würmer, Kraken und Schnecken, Tascheln und Muscheln, Seesterne

und Seeigel, Medusen und Fischchen; alle vorher im Geäste des Stockes

verborgen. Und selbst wenn wir den Korallenstock herausnehmen und mit dem Hammer in Stücke zerschlagen, finden wir in seinem Inneren noch eine Menge

verschiedener Tierchen, namentlich bohrende Muscheln, Krebse und Würmer

verborgen. Und welche Fülle unsichtbaren Lebens enthüllt uns erst das

Mikroskop! Welcher Reichtum merkwürdiger Entdeckungen harrt hier noch

zukünftiger Zoologen, denen das Glück beschieden ist, Monate und Jahre

hindurch an diesen Korallenküsten zu verweilen.

Uns war leider nur ein paar kurze Tage lang der Genuß dieser feenhaften

Korallengärten beschieden. Glücklicherweise begünstigte uns das herrlichste

Frühlingswetter, so daß wir unsere Korallenfischerei mit dem glänzendsten

Erfolg betreiben konnten. Die mitgenommenen Kisten mit Gläsern und

Weingeist waren in kurzer Zeit völlig mit Korallen und anderen Seetieren

gefüllt. Unsere Boote schleppten ganze Ladungen von Korallenblöcken zur

Korvette, deren Verdeck bald vollständig damit überhäuft war. Schwerlich ist

wohl noch ein Kriegsschiff, und sicher niemals ein ägyptisches, so über und über

mit Korallen bedeckt gewesen. Wir konnten später von Suez aus nur zwölf

Kisten damit füllen und nach Hause schicken; der bei weitem größte Teil mußte

zurückbleiben und ziert jetzt den Garten unseres dort wohnenden Freundes, des

Konsuls Remy.

Ein letzter Besuch am Lande schloß unseren kurzen Aufenthalt in Tur. Mit

dankbarem und gerührtem Herzen nahmen wir Abschied von Land und Leuten,

von Meer und Korallenbänken. Die Bewohner von Tur, halb griechischen, halb

arabischen Ursprungs, sind arme Fischer; gute unverdorbene Menschen, die

selten mit Fremden in Berührung kommen. Der günstige Eindruck, den sie uns

gleich beim ersten Besuch gemacht hatten, wurde durch nähere Bekanntschaft

nur verstärkt, und wir erinnern uns mit lebhaftem Vergnügen der herzlichen

Gastfreundschaft, die wir in ihren niederen Korallenhütten genossen.

Ganz besonderen Dank schulden wir dem braven Hennaen, dem eingeborenen

„Naturforscher von Tur“; einem Fischer, der schon den früher hier anwesenden

deutschen Naturforschern die wesentlichsten Dienste geleistet hatte und sich

auch bei unserer Korallenfischerei vorzüglich bewährte. Mit den Lokalitäten der

Korallenbänke von Tur und mit ihren zahlreichen Bewohnern genau vertraut,

vermochte er uns in kürzester Zeit die reichste zoologische Ernte zu verschaffen.

Er besitzt ein Dokument, in welchem von den früheren Besuchern seine

vortrefflichen Dienstleistungen dankbarst anerkannt sind, und auch ich konnte

nur ein gleich ehrenvolles Zeugnis hinzufügen. Auf Hennaens ausdrückliche

Bitte mußten wir am letzten Nachmittag vor unserer Abreise nochmals in seine

niedere Korallenhütte kommen, wo er uns, umgeben von den angesehensten

Einwohnern des Ortes, mit Kaffee und Datteln bewirtete. Auch verschiedene

hübsche Korallen, Sterntiere und Mollusken, die wir nicht selbst erbeutet hatten, machte er uns hier noch zum Geschenk. Dann machten wir noch einen

gemeinsamen Spaziergang nach dem kleinen, eine halbe Stunde vom Dorfe

entfernten Palmenhain, wo neben prächtig entwickelten Dattelpalmen (Phoenix)

auch einzelne Exemplare von der schönen, gabelig verzweigten Dhumpalme

Oberägyptens sich finden (Hyphaene). Bei der Rückkehr an den Strand

besuchten wir noch die Ruine eines kleinen alten Forts, in der Nähe des Dorfes.

Wie gerne hätten wir noch länger bei unseren neuen arabischen Freunden

verweilt und hätten mit der kleinen, vor dem Dorfe liegenden Kamelkarawane

eine Wüstenreise angetreten! Wie gerne hätten wir die so nahe vor uns liegenden

gewaltigen Bergkuppen des Sinai und des Serbal erklommen; und in dem

Mosestal das uralte berühmte Sinaikloster oder in dem Feirantal die

wundervollen Fruchtgärten der „Sinaiperle“ besucht! Aber unsere Uhr ist leider

abgelaufen! Schon raucht der Schornstein unseres Dampfers. Die blauen

Schatten der Palmen im gelben Sande neigen sich stark nach Osten und die

Gebirgskuppen des Sinai beginnen sich in magischen Purpurglanz zu hüllen.

Noch erquicken wir uns nach des Tages schwerer Arbeit durch ein letztes,

herrliches Bad in der blauen, jetzt aber im Abendglanze wirklich

purpurschimmernden Flut des „Roten Meeres“. Nach herzlichstem Abschiede

von den guten Turbewohnern und besonders von Hennaen und von unseren

braven Tauchern besteigen wir zum letztenmal die Schaluppe und rudern zum

„Khartoum“ hinüber.

Während unsere Korvette die Anker lichtet und sich nach Norden wendet,

genießen wir den unvergeßlichen Anblick eines Sonnenunterganges, wie man

ihn nur in diesen Breiten und nur in dieser Luft sehen kann. Gleich dem

Zauberbilde einer Fata Morgana strahlt die ganze Sinaikette mit ihren zackigen

Gipfeln in glühendem Purpur; die Schatten ihrer Klüfte schimmern in

magischem Blau. Am Fuße des Gebirges gehen diese herrlichen Farbentöne in

ein zartes Violett über, das durch eine gesättigte Lage von tiefem Braun sich vom

gelben Wüstensande abhebt. Die glühenden Farben werden durch das tiefe, fast

schwarze Blau des Meeres kraftvoll gehoben. Die Kronen der Palmen am

Strande, leise im lauen Abendwinde schwankend, senden uns einen letzten Gruß,

und die rasch hereinsinkende Nacht entzieht das märchenhafte Bild unseren

scheidenden Blicken. Addio Arabia!

(Aus „Arabische Korallen“.)

VI.

Brussa und der asiatische Olymp.

Wenn man auf dem Seewege nach Konstantinopel den Hellespontos passiert hat

und das Marmarameer ostwärts durchschneidet, erblickt man am südlichen

Gestade des letzteren in blauer Ferne langgestreckte Bergzüge. In mehrfach

unterbrochenen, edelgeformten Linien stufenweise ansteigend, finden dieselben

in einer majestätischen, mit ewigem Schnee bedeckten Kuppel ihren malerischen

Abschluß. Diese stolze Gebirgskuppel ist der Olympos der asiatischen Griechen,

der musische Olymp des Herodot, der bithynische Olmyp anderer klassischer

Autoren. Allerdings erfreut sich dieser asiatische Olympos nicht des hohen

Rufes wie sein europäischer Namensbruder, der auf der Grenze von Mazedonien

und Thessalien liegt und auf den die altgriechischen Sagen den Sitz der Götter

verlegen. Aber dennoch wird der abendländische Wanderer durch den Besuch

des ersteren weit mehr als durch die Besteigung des letzteren befriedigt werden.

Denn der wenig besuchte asiatische Olymp und seine nähere Umgebung ist mit

einer Fülle von Naturschönheiten geschmückt, welche dem europäischen

Götterberge abgehen, und die historischen Erinnerungen, welche sich an die von

ersterem beherrschte Schaubühne weltgeschichtlicher Dramen knüpfen,

verleihen ihm einen besonderen Reiz. Unmittelbar am Fuße des asiatischen

Olymps liegt Brussa, die von Hannibal gegründete Hauptstadt Bithyniens, die

Wiege der osmanischen Dynastie, eine von türkischen Dichtern vielbesungene

Perle des Orients, welche an hohem Reiz der Lage mit Damaskus und mit

Granada wetteifert.

Im Abendlande ist Brussa heutzutage ein wenig bekannter und wenig

genannter Ort. Für den Geschichtsforscher knüpfen sich freilich an diesen

Namen hochwichtige Begebenheiten; dem Arzt ist Brussa durch seine

heilkräftigen, weitberühmten heißen Quellen bekannt, das „Baden“ des Orients,

und für den Kaufmann ist diese ansehnlichste Handelsstadt Anatoliens durch

ihre Seidenwaren und Samtfabriken von großer Bedeutung. Aber von den hohen

Naturschönheiten Brussas, von den malerischen Reizen seiner Lage, von dem

üppigen Schmucke seiner südlichen Vegetation, von der Fülle rauschender Quellen in seinen kühlen Felsentälern ist in Europa wenig bekannt; unter

Tausenden von Touristen, die jetzt alljährlich nach Konstantinopel reisen,

gelangen nur sehr wenige nach dem kaum eine Tagereise davon entfernten

Brussa. Und doch ist sicher ein Besuch dieses herrlichen Ortes weit lohnender,

als viele berühmte „Sehenswürdigkeiten“ des Orients.

Der Besuch, den ich selbst im April 1873 dem asiatischen Olymp und Brussa

abstattete, ist mir unter den vielen anmutigen Erinnerungen, die ich von meiner

damals unternommenen Orientreise mit nach Hause brachte, eine der

wertvollsten geblieben; und wenn ich hier eine flüchtige Skizze davon mitteile,

so hoffe ich, dadurch manchen Leser, den sein Glücksstern nach den reizenden

Ufern des Bosporus führt, zu veranlassen, von der türkischen Hauptstadt aus

diesen höchst lohnenden Ausflug nach der Residenz der ersten Sultane des

Osmanenreiches zu unternehmen. Insbesondere möchte ich aber dadurch diesen

oder jenen Landschaftsmaler auf die ungehobenen Schätze aufmerksam machen,

die sein Auge in Brussa und seiner Umgebung reicher als in den ausgebeuteten

Gefilden von Neapel, Palermo oder Granada finden wird.

Wenige Wochen, bevor ich nach Brussa kam, hatte ich in Kairo die Märchen

von Tausend und einer Nacht lebendig an mir vorüberziehen sehen, hatte von der

Pyramide des Cheops einen Blick in die Libysche Wüste getan und von Suez auf

einem Kriegsschiffe des Khedive einen höchst interessanten Ausflug zu den

Korallenbänken des Roten Meeres am Fuße des Sinai unternommen. Von

Alexandrien war ich darauf nach Smyrna gefahren, von wo ich in Gesellschaft

liebenswürdiger deutscher Landsleute Exkursionen nach dem klassischen

Trümmerstätten von Magnesia und Ephesus unternahm, in ersterem das uralte, in

den Felsen gehauene Riesenbild der Niobe, in letzterem die kürzlich

ausgegrabenen Substruktionen des weltberühmten Dianatempels bewundernd.

Wenige Tage später genoß ich auf der Akropolis von Athen und auf den

Tempelruinen von Eleusis unvergeßliche Stunden lebendiger Erinnerung an die

Blüte des klassischen Altertums; und abermals nach wenigen Tagen erfreute ich

mich an den Ufern des Bosporus und am Goldenen Horn von Konstantinopel der

Fülle von Natur- und Kunstgenüssen, von historischen Reminiszenzen und

ethnographischen Bildern, mit denen die gewaltige Hauptstadt des

Türkenreiches noch heute geschmückt ist. Und doch, nachdem alle diese

wunderbaren Gemälde des Orients in der raschen Folge weniger Wochen an

meinem Auge vorübergegangen waren, nachdem die Phantasie durch das

Übermaß der genossenen großartigen und mannigfaltigen Bilder übersättigt

erschien, vermochte zuletzt noch das herrliche Brussa einen so tiefen Eindruck

zu hinterlassen, daß ich mir keinen schöneren und harmonischeren Abschluß zu

der langen Reihe der bunten vorhergegangenen Orientbilder wünschen könnte.

Es war ein heiterer, wolkenloser Frühlingsmorgen, als ich am 25. April 1873

in Gesellschaft des bekannten Landschaftsmalers Ernst Körner aus Berlin die

Fahrt nach Brussa antrat. Der Kanzler am deutschen Generalkonsulat in

Konstantinopel, Herr Rohnstock, welcher der türkischen Sprache vollkommen

mächtig ist, begleitete uns und hatte die Güte, die Rolle eines Dolmetschers zu

übernehmen. Während die aufsteigende Morgensonne mit ihren ersten Strahlen

die Fenster von Skutari und von den kleineren Ortschaften am asiatischen Ufer

des Bosporus vergoldete, stiegen wir nach der großen Brücke hinunter, welche

an der Ausmündung des Goldenen Horns das fränkische Pera mit dem

alttürkischen Stambul verbindet. In der Nähe dieser Brücke ankern die kleinen

Dampfboote, welche mehrmals wöchentlich von Konstantinopel nach dem Golfe

von Mudania fahren. Die kleine Stadt Mudania liegt am südlichen Gestade des

Marmarameeres, in gerader Linie etwa sechs deutsche Meilen südwärts von

Stambul entfernt. Sie ist der Hafenort von Brussa und steht durch eine gute, vier

Meilen lange Fahrstraße mit ihm in Verbindung.

Ein leichter Kaik, einer venezianischen Gondel ähnlich, führt uns von der

Perabrücke zu dem kleinen Dampfer hinüber; wir finden sein Verdeck bereits

dicht besetzt mit türkischen Landleuten in buntfarbiger Tracht, mit zerlumpten

Fischern und verschleierten Weibern. Um acht Uhr lichtet unser Schiff die Anker

und bahnt sich mühsam seinen Weg durch das dichte Gewühl von Fahrzeugen

aller Nationen, welche den größten Hafen des Orients erfüllen. Rasch

durchkreuzen wir das südliche Ende des Bosporus, lassen die malerische, mit

Zypressen bedeckte Serailspitze von Stambul zu unserer Rechten, den alten

Leanderturm und den riesigen Begräbnisplatz von Skutari mit seinem berühmten

Zypressenwald zu unserer Linken liegen, und ergötzen uns an dem wundervollen

Bilde, welches das alte Stambul hier von der Südseite gewährt. Je weiter wir uns

von ihm entfernen, desto imposanter tritt die gewaltige Häusermasse der

türkischen Hauptstadt auf ihren Hügeln hervor; die Kuppeln ihrer zahlreichen

Moscheen und die schlanken Minarette daneben schimmern golden im Glanze

der Morgensonne. Unten am Strande zieht sich der Rest der alten Stadtmauer

hin, deren westliches Ende mit dem malerischen Schlosse der sieben Türme

abschließt. Dieses mächtige alte Kastell spielte lange Zeit als Zitadelle der

Hauptstadt eine wichtige Rolle bei den Belagerungen und erinnert uns mit seinen

mittelalterlichen Mauerkränzen und Turmzinnen an die gewaltigen Ereignisse,

die hier im Laufe von zwei Jahrtausenden vorübergezogen sind. Doch werden

wir in diesen historischen Betrachtungen bald durch den modernen Pfiff der

Lokomotive gestört, die längs der Mauern hindampft; sie befährt den neuen

Schienenweg nach Adrianopel, welcher wenige Monate nach unserer

Anwesenheit dem Verkehr übergeben wurde; ein wichtiger Fortschritt zur abendländischen Kultur und somit zur Auflösung des altersschwachen

Osmanenreiches.

Während wir südwärts steuern, entschwindet das glänzende Bild der

Konstantins-Stadt allmählich unseren Blicken. Wir fahren ziemlich nahe an den

Prinzeninseln vorüber, den lieblichen, mit Villen und Gärten bedeckten Eilanden,

auf denen im heißen Sommer die vornehmen Bewohner von Pera und Stambul

sich vom staubigen Gewühl des Alltagstreibens erholen. Scharen von Delphinen

umspielen unser Schiff und tauchen mit ihren Rückenflossen sich tummelnd

empor. Unser Kurs geht gerade auf eine steile, links weit vorspringende

Landspitze zu, das „Bos burun“ oder das „Vorgebirge des Eises“. Zwischen

diesen und den Prinzeninseln öffnet sich zu unserer Linken ein tief

einschneidender, von bewaldeten Bergen umgebener Meerbusen, der Golf von

Nikomedia, der „Sinus Astacenus“ der alten Römer. Tief im Grunde desselben

liegt das unbedeutende Städtchen Isnikmid, der letzte Rest des mächtigen alten

Nikomedia, jener früheren Residenz der bithynischen Könige, die durch

zahlreiche Erdbeben verwüstet wurde.

Zu unserer Rechten taucht jetzt aus der blauen Flut das schöne Eiland

Kalolimni auf; wir fahren zwischen ihm und dem Eiskap hindurch und werden

durch den herrlichen Anblick des Golfs von Mudania überrascht. Rings von

langgestreckten, schöngeformten Bergketten umschlossen, deren Füße

kulissenartig vorspringen, gleicht dieser Golf, der „Sinus Cianus“ der Alten,

einem großen, stillen Landsee. An seinen Gestaden landete Jason auf der

Argonautenfahrt. Am südlichen Ufer des Golfs, wo er sich in das Marmarameer

öffnet, liegt das Städtchen Mudania, eine Doppelreihe ärmlicher Holzhäuser, von

vielen pyramidenförmigen Lebensbäumen (Thuja) überragt. Ihre Bewohner sind

zum größten Teile griechische Gärtner und Weinbauer. Die Tochter eines solchen

war die hier geborene Sophia Witt, die später durch ihre Schönheit und ihren

Geist berühmt gewordene Gräfin Potocka.

Um zwölf Uhr mittags legt unser Boot an der Landungsbrücke von Mudania

an. Nachdem wir uns bei den Polizeibeamten mittels unseres türkischen Passes

legitimiert haben, besteigen wir einen der bereitstehenden offenen Wagen, der

mit zwei schmucken Schimmeln bespannt ist, und im munteren Trab fahren wir

auf der Landstraße nach Brussa.

Die Mittagssonne entsendete jetzt glühende Strahlen vom wolkenlosen

Aprilhimmel Kleinasiens herab, und zu unserer Linken schlugen die

plätschernden Wellen des spiegelklaren Meeres so verführerisch auf den weichen

Sand des schmalen Strandes, daß wir der Versuchung nicht widerstehen konnten,

unsere Fahrt nach kurzer Dauer zu unterbrechen und ein improvisiertes Bad zu

nehmen. Köstlich erfrischt von den kühlen Wellen und von einem frischen Trunk aus einer Felsenquelle, die nach kurzem Lauf sich ins Meer ergießt, gingen wir

jetzt eine Strecke neben dem Wagen aufwärts. Die Straße steigt zwischen

Olivengärten und Weinbergen in vielen Windungen bergan. Je höher wir

hinaufkommen, desto schöner gestaltet sich der Blick auf den blauen Golf zu

unseren Füßen und auf die edelgeformten, teils bebauten, teils bewaldeten Berge,

die denselben in stattlichem Kranze umschließen. Besonders werden unsere

Blicke durch den hohen, südöstlich gelegenen Berg Usuntschar gefesselt, seine

ungemein schöne Form erinnert auffallend an den berühmten „Monte

Pellegrino“ bei Palermo.

Nachdem wir anderthalb Stunden gestiegen, haben wir den Sattel des

langgestreckten Bergrückens erreicht, welcher den Golf von Mudania und die

Ebene von Brussa trennt, und wir fahren nun, nach einem letzten Rückblick auf

das Marmarameer, hinter dem türkischen Dorfe Tschakirchan durch eine felsige

Schlucht bergab. Am Ausgange der letzteren überrascht uns plötzlich die

großartige Aussicht auf den weiten grünen Talkessel von Brussa, überragt von

der gewaltigen, den ganzen südlichen Hintergrund ausfüllenden Granitpyramide

des schneegekrönten Olympos. Das frischeste Frühlingsgrün schmückt die

lachende Ebene zu unseren Füßen, mitten hindurch windet sich in weitem S-

förmigen Doppelbogen der anmutige Fluß Nilufer. Er umgürtet den Fuß des

Olymps und nimmt in sein Bett die zahllosen Bergbäche und Quellen auf, die

den westlichen und nördlichen Abhängen des Berges entströmen. Den schönen

Namen Nilufer — d. h. „Lotosblume“ (Lotos Nenufar) — verdankt der Fluß

einer griechischen Prinzessin, die durch ihre Schönheit und Anmut weit berühmt

war. Diese unglückliche Fürstin wurde während ihres Hochzeitsfestes auf dem

festen Schlosse Biledschik von dem Sultan Osman, dem Gründer der

Osmanendynastie, überfallen, räuberisch entführt und in den Harem seines

Sohnes Orchan eingesperrt. Hier wurde sie später die Mutter des kriegerischen

Sultan Murad I.

Nach halbstündiger heißer Fahrt durch die Ebene, deren Wiesen stellenweise

ganz blau von Irisblüten waren, hatten wir das Gestade des Nilufer erreicht und

hielten Rast im Schatten eines anmutigen Eichenhaines; ein türkisches

Kaffeehaus erquickte uns mit köstlichem Mokkatrank. Hier zog auf der Straße

eine lange Karawane von schweren anatolischen Lastkameelen an uns vorüber,

wie man sie in den Straßen von Smyrna so oft sieht. Mit Ballen von kostbarer

Brussaseide belastet, gingen die schwerfälligen Tiere gravitätisch hintereinander

her, durch Stricke zu einer langen Kette verbunden. Den Kopf der langen

Kolonne bildete ein kleiner kluger Esel, wie er hier gewöhnlich als Führer der

Kamelzüge auftritt. Denn das Langohr vertritt hier im Morgenlande die leitende

Intelligenz der Huftiere, im Gegensatze zu den im Abendlande herrschenden Anschauungen.

Je mehr wir uns auf unserer weiteren Fahrt dem Olympgebirge näherten, desto

mehr entfalteten sich die landschaftlichen Reize der Gegend. In freundlichem

Gegensatze zu den dunkeln, waldigen Schluchten des Gebirges zeigte sich die

üppige Fruchtbarkeit des Tales in lachendem Frühlingsgrün. Plätschernde

Brunnen und mächtige Platanen an den Seiten des Weges verbreiteten Kühlung

und Schatten.

Die Sonne neigte sich schon stark gen Westen, als wir in die Stadt einfuhren.

Unsere Ankunft gestaltete sich dadurch besonders festlich, daß gerade ein

griechischer Feiertag war. Die ganze griechische Bevölkerung, in die buntesten

Festgewänder gekleidet, lustwandelte vor der Stadt und erfreute sich des

schönen warmen Frühlingsabends. In heiteren Gruppen lagerten viele Familien

auf den blumigen Hügeln vor den Mauern und ergötzten sich mit Musik, Spiel

und Tanz. Keine schönere Staffage hätte den Vordergrund des herrlichen Bildes

zieren können, das die prächtige Stadt mit ihren zahllosen Minaretten und

Kuppeln, im Glanze der Abendsonne funkelnd, unseren entzückten Augen

darbot.

In dem schön gelegenen „Hotel du Mont Olymp“, dem einzigen europäischen

Gasthofe von Brussa, fanden wir freundlichste Aufnahme und beste

Verpflegung. Der treffliche Wirt desselben, Don Franzesco Franchi aus Florenz,

war in jeder Weise bemüht, uns unseren Aufenthalt so angenehm als möglich zu

machen. Seine köstlichen Orangen und Feigen, die vorzüglichen Maccaroni

con pomi d’oro und die leckeren Forellen aus den Olymposbächen, gewürzt

durch den edlen, rosenroten, am Fuße des Götterberges gewachsenen Wein,

mundeten uns so vortrefflich, als ob es Nektar und Ambrosia von der

olympischen Göttertafel selbst gewesen wäre. Dabei ergötzten sich unsere

Geruchsnerven an den aromatischen Blumendüften der zahlreichen benachbarten

Gärten, in denen Rosen und Lilien, Jasmin und Nelken, Daphne und Balsamine

in üppigster Fülle blühten; und als ob Vater Zeus am Tore seiner Götterwohnung

alle Sinne gleichmäßig entzücken wolle, wurden wir noch am späten Abend

durch ein unerwartetes Konzert überrascht. Denn als wir das Verlangen nach

Speise und Trank gesättigt hatten, unsere Schlafzimmer aufsuchten und auf

deren Balkon hinaustraten, um die würzige Abendluft zu atmen, tönte uns aus

der benachbarten Waldschlucht der melodische Gesang zahlreicher Nachtigallen

entgegen. Während diese liebliche Sängerin bei uns meistens die Einsamkeit

aufsucht, wohnt sie in Kleinasien scharenweis in den Gärten und scheint im

Wettgesange besondere Kunst zu entfalten. Jeden Abend, wenn wir in Brussa

unser Lager aufgesucht hatten, lauschten wir noch lange ihren entzückenden

Liedern und wurden erst spät dadurch in den süßesten Schlaf gesungen.

Waren so schon die ersten Eindrücke, die wir am Abend unserer Ankunft in

Brussa empfingen, höchst angenehm, so überzeugten uns unsere Wanderungen

in der Stadt und in der näheren Umgebung bald, daß eine lieblichere

Sommerfrische im Orient wohl nicht gefunden werden kann. Fürwahr, die

türkischen Dichter haben recht, wenn sie diese Stadt als ein irdisches Paradies

besingen. Reizend schön, lieblich und großartig zugleich ist die ganze Lage und

Umgebung der Stadt, in vieler Beziehung derjenigen von Granada ähnlich. Als

ich auf der alten Schloßruine von Brussa, auf steilem Felsen hoch über der Stadt

stand, und als mein Blick über die Häusermassen, Kuppeln und Gärten zu

meinen Füßen schweifte, und weiter hinaus über die ausgedehnte, üppige grüne

Ebene und in blauer Ferne über den umschließenden Kranz von malerischen

Höhenzügen, da tauchte lebendig die Erinnerung an das herrliche Panorama in

mir auf, das ich vor Jahren auf der Alhambra und über der berühmten Vega von

Granada genossen hatte. Wie die andalusische Hauptstadt von den

schneegekrönten Höhen der Sierra Nevada, so wird Brussa von dem gewaltigen

Schneehaupte des Olymp überragt. Hier wie dort erhält die Lage der Stadt ihren

besonderen Reiz durch die Anlehnung an das wilde und großartige Gebirge,

durch den Quellenreichtum der buschigen Felsenschluchten und durch die

üppige Vegetation der von vielen Bächen bewässerten Ebene. Auch bieten die

beiden Städte viele Vergleichungspunkte in den zahlreichen und prächtigen

Denkmälern islamitischer Kunst und Geschichte, mit denen sie noch heute

geschmückt sind. Aber die Verhältnisse sind in Brussa großartiger und

gewaltiger als in Granada. Die anatolische Osmanenresidenz mit ihren vielen

hundert glänzenden Kuppeln, weißen Minaretten und schwarzen Zypressen

daneben ist weit malerischer als die berühmte andalusische Kalifenresidenz, und

auch in bezug auf die sprudelnde Wasserfülle und die Üppigkeit der südlichen

Vegetation ist die erstere der letzteren weit überlegen. Im übrigen aber hat doch

der landschaftliche Charakter beider Gegenden sehr viel Ähnlichkeit, und es legt

ein gutes Zeugnis für den Schönheitssinn und das feine Naturgefühl der

mohammedanischen Fürsten ab, daß sie ebenso in Kleinasien wie in Spanien die

mit den höchsten Naturreizen geschmückte Stadt zum bleibenden Herrschersitz

wählten. Das Gegenteil gilt von den christlichen Königen Spaniens, den

Gönnern der heiligen Inquisition; denn diese erwählten zu ihrer Residenz das

traurige Madrid, mitten auf der öden Hochebene von Kastilien, ohne Wald und

ohne Wasser.

Die üppige Ebene von Brussa, die südlich vom Olympgebirge, nördlich von

den Höhenzügen des Arganthonios (jetzt Katirli) umschlossen wird, ist ungefähr

vier deutsche Meilen lang, eine Meile breit, und fast in ihrer ganzen Ausdehnung

teils mit fruchtbaren Wiesen, teils mit Maulbeerpflanzungen bedeckt. Dieser Maulbeerwald ist das große Proviantmagazin für die Seidenraupen, welche

Brussas wichtigsten Handelsartikel, die kostbare Brussaseide, spinnen.

Zahlreiche, aus dem Olymp hervorquellende Bäche sorgen für beständige

Bewässerung der Ebene. Während die Hauptmasse des Olymp nach Süden steil

abfällt, strahlen nach Norden von seinem Fuße zwölf gewaltige Bergrücken aus,

zwischen denen ebensoviele Schluchten liegen. In jeder Schlucht rauscht ein

Bergstrom, der aus tausend Quellen das schmelzende Schneewasser des

Olympgipfels sammelt. Diese Bergströme führen auch im heißesten Sommer

eine nie versiegende Wasserfülle in das Tal, und darin liegt bei dem köstlichen

Klima die Hauptursache der üppigen Vegetationsfülle, wie des poetischen Reizes

der herrlichen Gegend. Überall rieseln kalte und warme Quellen aus den

Schluchten des Götterberges, Wasserfälle stürzen von seinen jähen Felswänden,

plätschernde Brunnen versorgen alle Teile der Stadt, und hier wird der

Koranspruch zur Wahrheit:

„Das Wasser hat Leben

Allen Dingen gegeben.“

(Min el — mai

Küllun schejun hai. )

Eine von den erwähnten Schluchten, wegen ihrer himmelhohen Felswände das

Himmelstal (Gökdereh) genannt, geht durch den östlichen Teil der Stadt mitten

hindurch und ist von einer kühnen Brücke überspannt. Im Grunde rauscht der

wilde Bergstrom über Felsentrümmer, während die Felsenmauern an beiden

Seiten, unterhalb der Häuser, mit Buschwerk und Schlingpflanzen behangen

sind. Eine andere, kleinere, aber ebenfalls sehr malerische Schlucht (Kodocha

Naib) durchschneidet den westlichen Teil der Stadt. Zwischen diesen beiden

Schluchten erheben sich, mitten über Brussa, auf einer gewaltigen, fast senkrecht

abfallenden Felsenterrasse, die Ruinen der Zitadelle und der ältesten

osmanischen Herrscherpaläste, derjenigen von Muhammed I. und Murad I.,

daneben die Moschee Sultan Orchans und die Grabkapellen von Orchan und

Osman. Auch vom Marmorbade des Harems sind noch bedeutende Reste

vorhanden. Von der alten Festung, der ältesten des osmanischen Reiches, sind

nur noch ein paar Mauern und Turmruinen übrig, und im Grase versteckt liegen

vier uralte, verrostete, eiserne Kanonenläufe. Wilder Wein und Efeu überziehen

wuchernd das zerfallene Trümmerwerk. Gleich hinter der Zitadelle liegt

Bunarbaschi, das „Quellenhaupt“, einer der beliebtesten öffentlichen

Spaziergänge Brussas. Hier trifft man jederzeit, besonders aber gegen Abend,

lustwandelnde oder auf den Rasenplätzen gelagerte Gruppen, die im Schatten

alter Platanen ihren Tschibuk rauchen, Kaffee schlürfen und dem Gemurmel der vorübereilenden Bergbäche lauschen.

Unmittelbar an diese reizende Promenade stößt ein Friedhof mit mächtigen

alten Zypressen, und wenn wir diesen durchschreiten und dann auf einem

anmutigen Felsenpfade den Berg eine Viertelstunde hinansteigen, so kommen

wir zu den berühmten Wallfahrtsorten zweier mohammedanischer Heiligen,

Murad Abdal und Seid Nassir. Von hier genießen wir bei Abendbeleuchtung eine

der schönsten Aussichten über die ganze, zu unseren Füßen liegende Stadt, über

die weite grüne Ebene und über die fernen Arganthoniosberge, die im Glanze der

Abendsonne sich in das zarteste rosige Gewand hüllen.

Nicht weniger als 365 malerische Aussichtspunkte und anmutige

Spaziergänge zählen die Bewohner von Brussa mit Stolz in ihrer herrlichen

Umgebung auf, und ebenso groß soll auch die Zahl der glänzenden Kuppeln, der

Moscheen und Gruftkirchen sein, die aus dem bunten Häusermeer der Stadt und

aus den überall eingestreuten grünen Gärten hervorragen. Doch ist wohl die

Mehrzahl derselben jetzt halb verfallen oder ganz zerstört. Immerhin dürften

noch gegen 200 Kuppeln vorhanden sein, und diese gehören nebst den schlanken

Minaretten und den uralten Zypressen zu den charakteristischen Zierden der

Stadt. Die weißen Minarette, die gleich hohen Marmorsäulen über die

metallglänzenden Kuppeln der Moscheen emporstreben, stehen in lichtvollem

Kontrast zu den düstern, schwarzgrünen Zypressen, welche überall einzeln und

gruppenweise in der Stadt und ihrer nächsten Umgebung zerstreut sind. Nie habe

ich gewaltigere und ehrwürdigere Zypressen gesehen als hier in Brussa.

Verglichen mit diesen mächtigen, uralten Riesen, erschienen mir die berühmten

Zypressen der Villa d’Este in Tivoli bei Rom als schlanke Jünglinge. Überaus

wirkungsvoll heben sich ihre dichten, schwarzen Nadelpyramiden auf der

lichtvollen und farbenprächtigen Landschaft von Brussa ab, besonders wenn die

untergehende Sonne diese mit einem zauberhaften roten Glanze überzieht.

Gleich allen anderen Städten des Orients ist auch Brussa im Innern viel

weniger anziehend als von außen. Doch zeichnen sich die engen Straßen durch

verhältnismäßige Reinlichkeit aus, und die blumenreichen Gärten hinter den

Häusern geben ihnen einen freundlichen Charakter. Die Stadt zieht sich über

eine Stunde lang am Olympabhange hin, ist aber kaum eine Viertelstunde breit.

Die Einwohnerzahl, früher weit über hunderttausend, beträgt jetzt kaum 70000,

darunter ungefähr 10000 Armenier, 6000 Griechen und 3000 Juden. Auch einige

deutsche Kaufleute leben in Brussa, darunter ein Badenser, namens Schwab, der

zugleich das Amt eines deutschen Vizekonsuls vertritt. Wir lernten in ihm einen

ebenso liebenswürdigen als fein gebildeten und poetisch begabten Landsmann

kennen und denken mit Vergnügen an die höchst angenehmen Abende zurück,

die wir in seinem gastfreien Hause verlebten. Ganz besonders erfreut war ich, in Herrn Schwab einen warmen Freund der „Natürlichen Schöpfungsgeschichte“ zu

entdecken und zu hören, daß er dem „Darwinismus“ unter den Anwohnern des

asiatischen Olympos schon manchen Anhänger geworben hat.

Unter den öffentlichen Gebäuden von Brussa sind vor allen die von den

ältesten Osmanen-Sultanen gegründeten Moscheen und Grabdenkmäler von

Interesse, sowohl durch ihren architektonischen Schmuck als durch die daran

geknüpften historischen Erinnerungen. Alle die älteren Herrscher der Osmanen-

Dynastie haben sich hier durch schöne Kuppeldome verewigt: voran Osman,

Ertoghruls Sohn, der als Gründer des Osmanenreichs sich welthistorische

Bedeutung erwarb; dann Orchan, der nach langer hartnäckiger Belagerung im

Jahre 1326 Brussa eroberte, kurz vor dem Tode seines Vaters Osman; darauf

Murad I., welcher den Schrecken der türkischen Waffen nach Europa trug und

1389 in der siegreichen Schlacht auf dem Amselfeld in Serbien fiel. Murads

Sohn war Childrim Bajasid, der „Blitzstrahl“, der gewaltige Krieger, der bis in

das westliche Ungarn vordrang, 1396 bei Nikopolis den deutschen Kaiser

Sigismund schlug, selbst aber 1402 in der furchtbaren Schlacht bei Angora von

dem Mongolen Timur geschlagen und gefangengenommen wurde. Auf Bajasid

folgte sein Sohn Mohammed I., auf diesem Murad II. und dann Mohammed II.,

der 1453 Konstantinopel eroberte. Alle diese mächtigen Sultane des

Osmanenreiches, die das ganze Abendland mit ihrer furchtbar wachsenden

Macht in Schrecken setzten, haben in Brussa eine Zeitlang residiert und

Moscheen gestiftet; die meisten sind auch dort begraben.

Auf der Ostseite der Stadt hat Childrim Bajasid seine Moschee erbaut, durch

edle Einfachheit ausgezeichnet. Daneben steht sein Grabmal, im ältesten und

einfachsten Stil der osmanischen Baukunst. Nicht weit davon erhebt sich auf

einem Hügel mit herrlicher Aussicht die prachtvolle Moschee Mohammeds I.,

die für die schönste des ganzen osmanischen Reiches gilt. Polierte Platten von

buntfarbigem Marmor schmücken die Außenwände, so daß der Dom schon von

fern wie ein Edelstein glänzt. Ein wundervolles Tor, mit den zierlichsten

Marmorarabesken, führt in das Innere, das mit blauen und grünen

Porzellanplatten getäfelt ist; darauf prangen Koraninschriften in weißem

Schmelz. Der Mirab (die Nische, worin der Koran liegt) ist von rotem Marmor,

mit Gold verziert. Auch die Kuppeln und Minarettes dieser wundervollen

Moschee waren ehedem ganz mit grünem persischen Porzellan bekleidet,

weshalb sie den Namen der „grünen Moschee“ erhielt.

Am anderen Ende von Brussa, nahe dem westlichen Eingang, liegt an einem

höchst malerischen Platze, von hohen Platanen und Zypressen umgeben, die

„Muradieh“, die Moschee und Gruftkirche Murads II., daran stoßend ein

Dutzend Mausoleen, Kapellen und Schulen. In den Gruftkirchen hängen noch Kleider und Waffen der Sultane und ihrer Familien. Auf den Sarkophagen liegen

schwarze Samtdecken, mit Silber und Gold gestickt, davor der Koran und

Gebetbücher in prächtigen alten Pergamentbänden mit feiner Malerei. Reizend

ist der Garten vor dieser Moschee, in welchem jetzt eben Rosen, Lilien und

Jasmin ihre Wohlgerüche ausströmen.

Die größte Moschee von Brussa, auf dem höchsten Punkte der Stadt gelegen,

ist vom Sultan Murad I. angefangen, von seinem Sohn Bajasid I. fortgeführt und

erst von seinem Enkel Mohammed I. vollendet. Sie bildet ein Quadrat von 200

Fuß Seitenlänge, und ihr Dach ist aus 19 Kuppeln zusammengesetzt. An Stelle

der zwanzigsten befindet sich ein mächtiges kreisrundes Fenster und darunter ein

großes viereckiges Wasserbecken, in dem Forellen spielen; eine

Eigentümlichkeit dieser Moschee. Mirab und Estrade sind mit

Marmorarabesken, Pfeiler und Wände mit seltsamen Schriftzügen, Sprüchen aus

dem Koran geschmückt. Früher wurde diese Moschee in den Ramasannächten

mit 700 Lampen erleuchtet.

Viele von den Moscheen und den andern merkwürdigen Gebäuden Brussas,

die Hammer in seinem „Umblick auf einer Reise von Konstantinopel nach

Brussa“ (1818) genau beschrieben hat, sind gelegentlich der wiederholten

Verheerungen der schönen Stadt durch Krieg, Feuersbrünste und Erdbeben,

insbesondere durch das letzte große Erdbeben von 1855, zerstört worden. Unter

den wohlerhaltenen Gebäuden sind besonders noch die warmen Bäder zu

erwähnen, schön gewölbte Kuppeldome, in denen mächtige warme Quellen

sprudeln. Diese Thermalquellen, sieben an der Zahl, brechen aus den Tiefen des

Olymp hervor; sie waren schon im Altertum wegen ihrer Heilkraft berühmt und

wurden vielleicht für Hannibal die Veranlassung, hier die Stadt zu gründen, die

er seinem Gastfreunde und Gönner, dem Könige Prusias von Bithynien zu Ehren

„Prusa“ nannte. Noch jetzt werden die Heilquellen Brussas alljährlich von

mehreren tausend Patienten aus allen Teilen des Orients besucht. In manche der

Bäder werden heiße und kalte Quellen nebeneinander geleitet und nach

Bedürfnis in den Marmorbassins gemischt. Die Temperatur ist teilweise

ausnehmend hoch und beträgt bei den vier mächtigen Hauptquellen 66 Grad R.

Unter den Ausflügen, die wir von Brussa aus unternahmen, war der weiteste

und interessanteste die Ersteigung des Olymp. Am 26. April um 5 Uhr morgens

bestiegen wir die starken türkischen Bergpferde, welche uns auf den ungefähr

8000 Fuß hohen Götterberg hinauftragen sollten. Zwei berittene und bewaffnete

Türken dienten uns als Führer und als Eskorte. Der klare wolkenlose Himmel

und die empfindlich kalte Morgenluft versprachen uns einen schönen Tag, und

sie hielten Wort. Nachdem wir die Stadt am östlichen Ende verlassen und eine

kurze Strecke durch Weingärten geritten waren, führte uns ein steiler und steiniger Pfad in dem Walde aufwärts, der als dichter grüner Mantel den ganzen

unteren Teil des gewaltigen Berges einhüllt. Der nördliche Abhang des Olymp

gliedert sich in drei verschiedene Terrassen, von denen die unterste gegen 2000,

jede der beiden oberen ungefähr 3000 Fuß hoch ist. Die oberste Terrasse ist fast

ohne Baumwuchs, die mittlere mit Nadelholz, die untere mit Laubholz bedeckt;

hier unten bestand auf unserem Wege der Laubwald größtenteils aus edlen

Kastanien und Nußbäumen, weiter oben gesellten sich dazu viele Buchen und

Eichen. Wilder Wein, Waldreben, Brombeeren und andere Schlingpflanzen

winden sich in zierlichen Girlanden von Baum zu Baum und dichtes

Efeugewand umschließt die altersgrauen Stämme. Der Boden zwischen den

Baumwurzeln ist mit einem lachenden Teppich bunter Frühlingsblumen geziert:

roten Anemonen, violetten Hyazinthen, blauen Veilchen, gelben Ranunkeln und

weißen Narzissen. Der gelbe Jasminstrauch verbreitet mit seinen zierlichen

Blütentrauben ringsum balsamischen Duft. Der Weg führt eine lange Strecke an

dem steilen östlichen Rande des Gökdereh oder Himmelstales empor, dessen

gewaltiger Felsenkessel mit senkrecht abfallenden Wänden in schwindelnder

Tiefe zu unseren Füßen liegt. Die granitische Felsenmasse des Olymp ist auf

dieser ersten Terrasse zum größten Teile von einem Gürtel von schiefrigem

Gneiß umgeben, jedoch ist derselbe an vielen Stellen von weißem Marmor

durchsetzt. Auf der zweiten Terrasse tritt fast überall der Granit zutage. Auf der

dritten Terrasse ist der rote Granit wieder vielfach von grauem und weißem

Marmor bedeckt, der auch den Gipfel bildet.

Nachdem wir etwa eine Stunde lang an der oberen Kante der

Himmelsschlucht emporgestiegen waren, erreichten wir an der Grenze der ersten

und zweiten Terrasse einen sehr anmutigen Platz. Der Wald ist hier auf eine

ausgedehnte Strecke gelichtet und der quellenreiche Felsboden mit üppigem

Rasen bedeckt. Das Gebell großer zottiger Wolfshunde, die uns

entgegensprangen, lenkte unsere Blicke auf eine Ziegenherde, die in einiger

Entfernung am Felsenhang weidete, und daneben wurden wir einige sonderbare

Zelte von halbtonnenförmiger Gestalt gewahr. Es waren die Sennhütten

turkomanischer Hirten, die den Sommer über auf den Abhängen des Olymp

Alpenwirtschaft treiben. Im Winter ziehen sie als unstete, halbwilde Nomaden in

der Ebene umher. Ihre Schafe und Ziegen sollen von den Herden Sultan Osmans

abstammen, der an 40000 Lämmer auf dem Olymp weiden ließ.

Auf dieser Turkmenenplatte genossen wir einen herrlichen Rückblick über die

ganze grüne Ebene von Brussa, tief unten im Grunde der blaue See von

Jenischehr, rechts im Hintergrunde die schöne Bergkette des Arganthonios, links

jäh zu unserer Seite das großartige Gökdereh. Von der Turkmenenplatte aufwärts

führte uns der Weg fast drei Stunden lang über die Granitgehänge der zweiten Terrasse, deren Walddecke meist aus Nadelholz, größtenteils Edeltannen und

Lärchenfichten, besteht. Namentlich unter ersteren finden sich prachtvolle alte

Stämme von gewaltiger Höhe und Stärke, mit langen, grauen Bartflechten

behangen. Große Strecken des Forstes waren durch Waldbrände zerstört, und

wie riesige Gespenster ragten die nackten, gebleichten Stämme der hohen

Edeltannen mit ihren halbverkohlten Zweigen aus den üppigen

Farnkrautbüschen hervor, die sich auf der Brandstätte angesiedelt hatten.

Zwischen den Aschenhaufen und den umherliegenden verkohlten

Baumtrümmern sproßte neues reiches Pflanzenleben aus den Ruinen der

vorhergegangenen Generation empor. Hunderte von kleinen Bächen, von dem

schmelzenden Olymposschnee gespeist, rieselten zwischen den Felsentrümmern,

und mehrmals mußten unsere Pferde durch reißende Bergwasser schreiten, deren

schäumende Wellen bis zu unserem Sattel emporreichten.

Der gewaltige Bergspalt des Himmelstales, auf dessen östlichem Rande sich

unser Pfad bisher meistens hielt, findet jetzt seinen Abschluß durch eine

kolossale Mauer von himmelhohen Felswänden, die von dem untern Rande der

dritten Olympterrasse fast senkrecht abstürzen.

Prächtige Wasserfälle schäumen donnernd zwischen den zerklüfteten

Granitpfeilern in die furchtbare Tiefe hinab und lösen sich unten in feinen

Wasserstaub auf. Üppige weiche Moospolster bekleiden die hervorragenden

Köpfe des triefenden Gesteins. Unser beschwerlicher Pfad weicht der

unersteiglichen Felsenmauer, die südwärts von uns liegt, aus und wendet sich

mehr gegen Osten, über einen zerklüfteten Abhang hinweg, der über und über

mit den großartigsten Felsentrümmern bedeckt ist. Die riesigen Granitblöcke, die

hier chaotisch durcheinander und übereinander liegen, sind von früheren

Reisenden treffend mit den Wurfgeschossen verglichen, deren sich die Giganten

bei ihrem mißlungenen Sturme auf die Götterburg bedienten; oder auch mit den

zerrissenen Gliedern der Giganten selbst, die Jupiter mit seinem Blitzstrahl

zerschmetterte und in Stein verwandelte.

Mühsam zwischen diesem Granitgetrümmer uns hindurchwindend, gelangen

wir zu einer steilen Felsentreppe, über welche unsere wackeren Rosse mit

bewunderungswürdiger Geschicklichkeit und Vorsicht hinanklettern. Nur an

wenigen Stellen müssen wir absteigen und den guten Tieren selbst mit

heraufhelfen. Nachdem wir die steilen, zum Teil in eine senkrechte Felswand

gehauenen Stufen glücklich erklommen haben, stehen wir plötzlich vor einem

neuen überraschenden Bilde. Vor uns liegt die dritte Terrasse, eine ausgedehnte

Hochebene, mit Tausenden von riesigen Granitblöcken bedeckt, hier und da auch

mit einigen niederen, ganz verkümmerten Tannen. Über denselben aber steigt in

erhabener Majestät der gewaltige Dom des Olympgipfels auf, eine schön gewölbte Kuppe, von oben bis unten in einen schimmernden Schneemantel

gehüllt. Zu unserer Rechten liegt am oberen Waldrande vorn ein kleiner, von

Gebüsch umgebener, Forellen enthaltender Alpensee. Mein Freund Körner hat

diese großartige Szenerie in einem prächtigen Ölbilde verewigt, das jetzt mein

Studierzimmer schmückt.

In munterem Galopp reiten wir nun auf dem weichen Moosboden gerade auf

unser Ziel los. Doch nimmt der Wasserreichtum des von tausend Quellen

getränkten Hochmoores bald so sehr zu, daß unsere Rosse bei jedem Schritte tief

in den Schlamm sinken. Wir müssen absteigen und sie vorsichtig hinter uns

herziehen, bis wir wieder festen Granitboden unter den Füßen haben. Wir

begegnen hier einer langen Karawane von Eseln, die in Zwerchsäcken

Olymposschnee herabholen, in Brussa und Konstantinopel die Hauptquelle für

das schöne Fruchteis, das die Bewohner im heißen Sommer erquickt.

Langsam über eine fast geneigte, teilweise mit Schnee bedeckte Berglehne

aufsteigend, haben wir endlich um 10 Uhr den nördlichen Fuß des

kegelförmigen Gipfels erreicht. Hier liegt eine halb verfallene steinerne Hütte,

die im Sommer von turkmenischen Hirten bewohnt wird. Sie erinnerte mich an

die Casa inglese am Fuße des obersten Aschenkegels des Ätna, in der ich im

Oktober 1859 übernachtete, und an die ähnliche Steinhütte, in der ich im

November 1866 oben auf dem Pik von Teneriffa rastete, bevor ich die

Besteigung des obersten, damals ebenfalls ganz mit Schnee bedeckten Kegels

begann. Obgleich die elende Turkmenenhütte uns wenig mehr als ein trockenes

Plätzchen inmitten der umgebenden Schneelandschaft gewährte, so war uns doch

eine halbstündige Rast in derselben nach dem ununterbrochenen, anstrengenden,

fünfstündigen Reiten und Klettern sehr willkommen.

Wir zäumten unsere Pferde ab, breiteten die Satteldecken auf dem zerfallenen

Gemäuer aus und zündeten aus umherliegendem Wurzelwerk und mitgebrachten

Kohlen ein wohltuendes Feuer an. Bald kochte über demselben ein kräftiger

Kaffee, und mit ausgezeichnetem Appetit verzehrten wir den Inhalt unserer

Satteltaschen: olympischen Käse und anatolische Hühnereier, Smyrnafeigen und

zyprische Orangen. Der treffliche rosenrote Feuerwein aus dem Olymphotel goß

neue Kraft in unsere ermüdeten Glieder. Während dieses herzerfreuenden

Mahles bewunderten wir den großartigen Ernst der Alpenlandschaft, die uns

umgab, und beratschlagten, ob und wie wir die Ersteigung des unmittelbar vor

uns liegenden Schneekegels bewerkstelligen könnten. Unsere Freunde unten in

Brussa hatten uns zwar vorher schon versichert, daß in dieser Jahreszeit an eine

Besteigung des Gipfels nicht zu denken sei und daß wir des Schnees wegen

höchstens bis zur dritten Terrasse kommen würden. Auch wollten unsere Führer

davon nichts wissen und verweigerten jeden Versuch zur Mitwirkung; ja sie prophezeiten uns sogar sicheren Untergang im Schnee, wenn wir

unbegreiflicherweise auf den Gipfel klettern wollten. Indessen lag der

schneeblinkende Doppelgipfel so verlockend vor uns, daß wir wenigstens den

Versuch einer Ersteigung beschlossen, zumal ein glücklicher Erfolg ähnlicher

früherer Wagnisse uns ermutigte. War ich den höheren und steileren Schneekegel

des Pik von Teneriffa vor sieben Jahren allein und gegen den Willen der Führer

glücklich hinaufgekommen, so mußte auch dieses, offenbar viel weniger

schwierige Unternehmen glücken; und so traten wir denn wohlgemut nach

halbstündiger Rast unsere Wanderung an.

Das glückliche Gelingen mußte davon abhängen, ob die vor uns liegende

steile Schneewand, die in ununterbrochener Flucht von der Turkmenenhütte bis

zum Doppelgipfel aufstieg, zugänglich war; ob der Schnee weich genug war, um

darin festen Fuß zu fassen, hart genug, um nicht zu tief einzusinken. In der Tat

war dies der Fall, und wir konnten ohne Gefahr, wenn auch nur langsam und

beschwerlich, im Zickzack über die glänzende Lehne emporsteigen. Unsere

kleine Gesellschaft kam jedoch bald auseinander, da sich jeder seinen eigenen

Weg suchte. Ich hielt mich am weitesten östlich, zog die kürzeste und steilste

Richtung vor und hatte nach anderthalbstündigem anstrengenden Klettern

glücklich den höchsten Gipfel erreicht; es war gerade 12 Uhr mittags. Eine halbe

Stunde später traf auch der Maler Körner oben ein, der sich seinen Pfad auf einer

etwas flacher geneigten Schneelehne gesucht und dadurch einen Umweg

gemacht hatte. Unsere anderen Reisegefährten, die eine ungünstigere, zu sehr

von der Sonne aufgeweichte Schneehalde betreten hatten, erreichten die Höhe

nicht und kehrten nach vergeblichen Versuchen zur Turkmenenhütte zurück, wo

unsere Führer bei den Pferden geblieben waren.

Eigentümlich erhebend und großartig war die gewaltige Rundsicht, die wir

nun auf dem Gipfel des asiatischen Olymp, in ungefähr 8000 Fuß Höhe über

dem Meere, genossen, und die durch das herrlichste, klarste Sonnenlicht

begünstigt wurde. Wir standen auf einem anatolischen „Dreiherrenspitz“, denn

der Gipfel des Olympos bezeichnet die Grenze dreier Provinzen des alten

römischen Weltreiches. Bithynien im Norden und Osten, Phrygien im Süden,

Mysien im Westen. Vor allem großartig und prächtig ist der Blick nach Norden,

wo unser Auge über die grüne Ebene von Brussa und den blauen Golf von

Mudania hinüber auf das Marmarameer schweift, auf die Prinzeninseln und

weiter bis zum Bosporus, ja bis zu dem Häusermeer und dem Kuppelwald von

Konstantinopel, das wir eben noch erkennen können. Westwärts erfreut sich das

Auge an den herrlichen grünen Gefilden des fruchtbaren und früher reich

bevölkerten mysischen Küstenlandes, aus denen die beiden großen Landseen

von Apollonia und Manija wie zwei blinkende Augen glanzvoll hervorschauen. Im Süden hingegen erblicken wir weit und breit nur dunkles Waldgebirge,

Kuppen über Kuppen gehäuft, die Gipfel noch mit Schnee bedeckt, ohne eine

Spur von menschlichen Wohnsitzen. Ostwärts ist die Rundsicht großenteils

durch die benachbarten niederen Höhen des Olymprückens verdeckt.

Welche Ereignisse vollzogen sich auf der welthistorischen Schaubühne,

welche unser Auge hier mit einem Blicke meilenweit überfliegt! Welche Fülle

der größten historischen Erinnerungen knüpft sich allein an die Wasserstraße zu

unseren Füßen, die gleich einem Zauberbande zwei Weltteile trennt und

verbindet! Hier führten Xerxes und Darius ihre persischen Heeresmassen nach

Griechenland hinüber; hier traten die römischen Legionen von Europa nach

Asien über, um die Königreiche von Bithynien und Mysien der

Universalherrschaft Roms zu unterwerfen; aus demselben Boden sammelten die

ersten Osmanensultane, deren Wiege in Brussa stand, ihre Türkenheere, die in

kurzer Zeit der Schrecken Europas wurden; und ebenda strömten wiederum die

bunten Scharen der Kreuzfahrer aus allen Landen Europas nach dem „Heiligen

Lande“, um das leere Phantom der Grabeskirche zu erobern!

Nachdem wir uns an dem wunderbaren Panorama gesättigt und die daran sich

knüpfenden Erinnerungen in raschem Phantasiefluge an uns hatten

vorüberziehen lassen, warfen wir noch einen Blick auf die nächste Umgebung,

auf die weißen Marmorblöcke, die den Gipfel des Olymp bedecken, und auf die

winzige Alpenflora, die zwischen denselben den Boden bekleidet. Da erkannten

wir, unter der Schneedecke versteckt, zierliche kleine Saxifragen und Gentianen,

niedliche Kruziferen und Primeln, Alpenpflanzen, deren schöne, farbenreiche

Blüten im Hochsommer den Gipfel des Götterberges mit buntem Schmucke

zieren. Gegenwärtig waren nur das im Winterschlaf versunkene Kraut der

Zwergflora sichtbar und trockene Früchte aus dem vorigen Jahre. Aber ein

Schwarm von niedlichen roten, schwarz getüpfelten Marienkäferchen

(Coccionella) tummelte sich im Sonnenschein auf dem schneebedeckten Rasen.

Auch eine der beliebtesten und am meisten charakteristischen Pflanzen unserer

Hochalpen fehlte nicht: das Edelweiß, oder doch eine diesem nahe verwandte,

mit weitem Filz bedeckte Gnaphalium-Art.

Als bleibendes Andenken an die gelungene Olympbesteigung schlug ich mir

die Spitze des am höchsten vorragenden Marmorblockes ab und steckte sie zu

den Alpenpflanzen in die Wandertasche; vertrauend, daß Vater Zeus darüber

nicht zürnen werde, wenn sein Götterberg um einen halben Fuß niedriger ist.

Dann trat ich mit meinem Gefährten Körner wohlgemut den Rückweg an. Über

die glatte Schneewand herabrutschend, waren wir in kurzer Zeit wieder bei der

Turkmenen-Hütte und banden uns hier noch einen schönen Strauß von den

bunten Blumen, die unmittelbar am Rande des schmelzenden Schnees blühten: gelber und violetter Safran (Crocus), blaue Meerzwiebel (Scilla) und rote

Aurikeln (Primula). Dann setzten wir uns wieder zu Pferde, genossen auf dem

Rückwege, der mit mehr Muße zurückgelegt wurde, noch eine prachtvolle

Abendbeleuchtung und waren um 8 Uhr abends wieder in Brussa.

Ende.

Natur und Mensch.

Inhalt.

Seite

Einleitung: Ernst Haeckel 3

Natur und Mensch: 23

I. Inhalt und Bedeutung der Abstammungslehre 25

II. Schöpfungsperioden und Schöpfungsurkunden 51

III. Die Gasträatheorie 89

IV. Erfahrung und Erkenntnis 119

V. Arabische Korallen 138

VI. Brussa und der asiatische Olymp 159

Georg Reimer, Berlin W. 35.

Ernst Haeckel

Natürliche Schöpfungsgeschichte.

Gemeinverständliche wissenschaftliche Vorträge über die Entwicklungsgeschichte.

Ausgabe in einem Bande. Mit 30 Tafeln. Geb. 8 M.

Prinzipien der Generellen Morphologie der Organismen.

Wörtlicher Abdruck eines Teiles der 1866 erschienenen Generellen Morphologie. (Allg. Grundzüge der organischen Formen-Wissenschaft mechanisch begründet durch die von Charles Darwin reformierte Deszendenz-Theorie.)

Mit einem Porträt. Geheftet 12 M. Halbfranz geb. 14 M

Systematische Phylogenie.

Entwurf eines natürlichen Systems der Organismen auf Grund ihrer Stammesgeschichte.

1. Teil: Protisten und Pflanzen. 10 M.

2. Teil: Wirbellose Tiere (Invertebrata). 17 M. 3. Teil: Wirbeltiere (Vertebrata). 16 M.

Drei Halbfranzbände gebunden 49 M.

Arabische Korallen.

Ein Ausflug nach den Korallenbänken des Roten Meeres und ein Blick in das Leben der Korallentiere. Populäre Vorlesung mit wissenschaftlichen Erläuterungen.

Mit 6 Tafeln in Farbendruck und 20 Holzschnitten. Geheftet 15 M.

Selektionsprinzip

und Probleme der Artbildung.

Ein Handbuch des Darwinismus

von

Dr. Ludwig Plate

Professor der Zoologie an der Landw. Hochschule und an der

Universität Berlin.

Dritte, sehr vermehrte Auflage.

Mit 60 Figuren im Text.

VIII u. 493 S. Gr. 8. Geh. M 12.—, in Leinen geb. M 13.—

Von allen neueren Arbeiten über die Selektionstheorie ist vorliegende unstreitig die bedeutendste ... Zum Schlusse möchten wir noch auf den Gegensatz dieser im besten Sinne wissenschaftlichen Kritik zu den tendenziösen Entstellungen Fleischmanns, Dennerts usw. hinweisen, ein Gegensatz, der so auffallend ist, daß selbst der Laie sofort sehen wird, zu wessen Führung er am meisten Vertrauen haben darf.

Die Umschau.

Einführung

in die Vererbungswissenschaft.

In zwanzig Vorlesungen für Studierende,

Ärzte, Züchter von

Dr. Richard Goldschmidt

a. o. Professor der Zoologie an der Universität München.

Mit 161 Abbildungen im Text.

IX u. 502 S. gr. 8. Geh. M 11.—; in Leinen geb. M 12.25.

Das fesselnd und klar geschriebene Buch muß dringend allen denen empfohlen werden, welche in die moderne Ausgestaltung der Vererbungslehre, ihre Methoden, Ergebnisse und theoretischen Vorstellungen eindringen wollen.

Zentralbl. f. Physiologie.

Zu beziehen durch jede Buchhandlung oder direkt vom Verlage

Wilhelm Engelmann in Leipzig .

Anthropogenie

oder Entwickelungsgeschichte des Menschen.

Keimes- und Stammesgeschichte

von

Ernst Haeckel.

Sechste, verbesserte Auflage.

Zwei Teile:

Erster Teil:

Keimesgeschichte oder Ontogenie .

Zweiter Teil:

Stammesgeschichte oder Phylogenie .

Mit 30 Tafeln, 512 Textfiguren und 60 genetischen Tabellen. In zwei Leinenbänden M 20.—; in zwei

Halbfranzbänden M 24.—.

Zu beziehen durch jede Buchhandlung oder direkt vom Verlage

Wilhelm Engelmann in Leipzig .

Reclams Universal-Bibliothek.

Preis jeder Nummer 20 Pfennig.

Bücher der Naturwissenschaft

herausgegeben von Prof. Dr. Siegmund Günther.

1. Band. Grundriß der Naturphilosophie v. Prof. Dr. Wilh. Ostwald. Mit dem Bildnis des Verfassers.

Nr. 4992/93. Geb. 80 Pf. In Leder- od. Pergamentbd. M. 1.50.

2. Band. Geschichte d. Naturwissenschaften v. Prof. Dr. Siegm. Günther. Erster Teil. Mit dem Bildnis des

Verfassers, 2 farbigen u. 4 schwarzen Tafeln. Nr. 5069/70.

3. Band. Geschichte d. Naturwissenschaften v. Prof. Dr. Siegm. Günther. Zweiter Teil. Mit 2 farbigen und

8 schwarzen Tafeln. Nr. 5071-74. (1. u. 2. Teil zus. in 1 Band geb. M. 1.50. In Lederbd. M. 2.50.)

4. Band. Strahlungserscheinungen, Ionen, Elektronen und Radioaktivität von Dr. G. Bugge. Mit 4 Tafeln

und 20 Zeichnungen im Text. Nr. 5151/52. Geb. 80 Pf. In Lederband M. 1.50.

5. Band. Licht und Farbe v. Prof. Dr. Rob. Geigel. Mit 1 Porträt, 4 bunten Tafeln u. 75 Zeichnungen im

Text. Nr. 5188-90. Geb. 1 M. In Lederband M. 1.75.

6. Band. Der Sternenhimmel v. Prof. Dr. I. B. Messerschmitt. Mit dem Bildnis des Verfassers, 4 farbigen,

9 schwarzen Tafeln und 24 Zeichnungen im Text. Nr. 5228-30. Geb. M. 1.—. In Lederband M. 1.75.

7. Band. Die Abstammungslehre v. Prof. Dr. Kurt Lampert. Mit dem Bildnis des Verfassers, 4 bunten,

7 schwarzen Tafeln und 9 Abbildungen im Text. Nr. 5241-43. Geb. M. 1.—. In Lederband M. 1.75.

8. Band. Die chemischen Grundstoffe v. Dr. Max Speter. Mit 4 bunten, 6 schwarzen Tafeln und 10 Figuren

im Text. Nr. 5269/70. Geb. 80 Pf.

9. Band. Die Elektrizität von Prof. Franz Adami. Erster Teil. Mit einem Porträt, 4 schwarzen Tafeln und

29 Textfiguren. Nr. 5298/99.

10. Band. Die Wärme v. Robert Geigel. Mit 4 Tafeln und 32 Zeichnungen im Text. Nr. 5321-23. Geb. M. 1.

—. In Leder- oder Pergamentband M. 1.75.

11. Band. Chemie u. Technik v. Dr. Günther Bugge. Mit 7 Tafeln und 14 Zeichnungen im Text. Nr. 5348-

50. Geb. M. 1.—. In Leder- oder Pergamentband M. 1.75.

Miniatur-Ausgaben

in modernen Leinenbänden aus Reclams Universal-Bibliothek

Pf.

A baelard u. Heloise, Briefwechsel 100

Achleitner, Eisenbahnstreik 80

Adami, Die Elektrizität 150

Adlersfeld-Ballestrem, Violet 80

Aeschylos, Sämtliche Dramen 150

Albrecht, Abriß der römischen Literaturgeschichte 120

Albumblätter 60

Alt, Das Klima 80

Alexis, Cabanis. 2 Bände 220

—, Hosen d. Herrn v. Bredow 100

—, Der Roland von Berlin 175

—, Der Werwolf 120

—, Der falsche Woldemar. 2 Bde. je 100

Andersen, Bilderbuch ohne Bilder 60

—, Glückspeter 60

—, Der Improvisator 120

—, Nur ein Geiger 120

—, Sämtliche Märchen. 2 Lnbde. 250

—, O. Z. 100

— Sein oder Nichtsein 100

Anschütz, Erinnerung. aus dessen Leben und Wirken 100

Anthologie, Griechische 120

Apel u. Laun, Gespensterbuch 150

Archenholtz, Gesch. d. 7 jähr Krieg. 120

Ariosto, Rasender Roland. 2 Bde. 225

Aristoteles, Die Poetik 60

—, Verfassung von Athen 60

Arndt, Erinnerungen 100

—, Gedichte 80

—, Wanderungen mit Stein 80

Arnim, Bettina von, Goethes Briefwechsel mit einem Kinde 150

Arnim-Brentano, Des Knaben Wunderhorn 175

Arnold, Die Leuchte Asiens 80

Auerbach, Barfüßele 100

—, Die Frau Professorin 80

—, Diethelm von Buchenberg 100

—, Joseph im Schnee 80

Augustinus, Bekenntnisse 120

Balzac, Die Chouans 120

—, Die Frau von 30 Jahren 80

Bandlow, Stratenfegels. 5 Bände zus. in 1 Band 150

—, Lustig Tügs. 5 Bde. zus. in 1 Bd. 150

Bartels, Hebbel-Biographie 60

Basedows Vorstellung an Menschenfreunde 60

Baudelaire, Gedichte u. Skizzen 60

Beecher-Stowe, Onkel Toms Hütte 150

Beetschen, Flegeljahre der Liebe 60

Beitzke, Geschichte des Russischen Krieges im Jahre 1812 120

Bell, Jane Eyre 150

Bellamy, Ein Rückblick 80

—, Dr. Heidenhoffs Wunderkur 60

—, Miß Ludingtons Schwester 80

Benzmann, Mod. deutsche Lyrik 150

Bérangers Lieder 80

Berges, Amerikana. Bd. 1-5 zus. 150

Bern, Deklamatorium 150

Bernhard, Die Glücklichen 60

Bierbaum, Reife Früchte 80

Bier-Komment (Tascheneinband) 40

Biernatzki, Die Hallig 80

Bismarck, Goldene Worte 60

—, Reden. 13 Bände je 100

Bismarcks Humor 60

Björnson, Erzählungen 175

—, Schauspiele 225

Bleibtreu, Bei Jena u. a. Nov. 60

—, Friedrich d. Große bei Kolin 80

Blumauer, Aeneis 80

Blumenthal, Scherzgedichte 60

Blüthgen, Aus gärender Zeit 120

Bock, Meßfahrt u. and. Novellen 60

Boëtius, Tröstungen d. Philos. 80

Bojardo, Verliebt. Roland. 2 Bde. 225

Boner, Der Edelstein 80

Börne, Skizzen u. Erzählungen 100

Börner, Raimund-Biographie 60

Bötticher, Alfanzereien 60

—, Allerlei Schnick-Schnack 60

—, Allotria 60

—, Neue Allotria. (Illustr.) 60

—, Weiteres Heiteres 60

—, Leichte Ware 60

—, Humoristisches Allerlei. Zus. geb. in 2 Bänden je 120

Bourget, Der Luxus der Andern 80

Boy-Ed, Aus Tantalus Geschlecht 120

Boyesen, Faust-Kommentar 80

Brachvogel, Friedem. Bach. 2 Bde. je 100

Brant, Narrenschiff 80

Bremer, Die Nachbarn 120

—, Friedrich, Musiklexikon 175

Brendicke, Bilder aus der Geschichte der Leibesübungen 80

Brentano, Heitere Geschichten. Bd. 1-5 zus. in 1 Band 150

Bret Harte, Gabriel Conroy 150

—, Kalifornische Erzählungen. 2 Bände je 120

—, Geschichte einer Mine 80

—, Thankful Blossom 60

Briesen, Gemütsmenschen. 1. u. 2. Band zus. in 1 Band 80

Brillat-Savarin, Physiologie des Geschmacks 120

Brinckman, Kasper-Ohm un ick 80

Brücke, Säugetierorganismus 175

Brugsch, Aus dem Morgenlande 80

Brümmer, Lexikon deutsch. Dichter bis Ende des 18. Jahrh. 150

—, Lexikon der deutschen Dichter des 19. Jahrh. 8 Bde. je 150

Bruno, Von der Ursache, dem Prinzip und dem Einen 80

Buchanan, Der Deserteur 120

Bücher der Naturwissenschaft. Hrsg. v. Prof. Dr. S. Günther:

Bd. 1. Ostwald, Naturphilosophie 80

" 2/3. Günther, Geschichte der Naturwissenschaft 150

" 4. Bugge, Strahlungserschein. 80

" 5. Geigel, Licht und Farbe 100

" 6. Messerschmitt, Sternenhimmel 100

" 7. Lampert, Abstammungslehre 100

" 8. Speter, Chem. Grundstoffe 80

" 9. u. 14. Adami, Elektrizität 150

" 10. Geigel, Wärme 100

" 11. Bugge, Chemie u. Technik 100

" 12. Alt, Klima 80

" 13. Messerschmitt, Physik der Gestirne 100

" 14. s. Bd. 9.

" 15. Lampert, Vom Keim zum Leben 100

" 16. Wieleitner, Schnee und Eis der Erde 100

" 17. Speter, Chem. Verwandtsch. 80

" 18/19. Hempelmann, Wirbeltierkörper 150

" 20. Pahde, Meereskunde 100

" 21. Leiser, Welt der Kolloide 80

" 22/23. Brücke, Säugetierorg. 175

" 24. Halbfaß, Süßwass. d. Erde 100

Buddhas Leben und Wirken 100

Bugge, Chemie und Technik 100

—, Strahlungserscheinungen (Radioaktivität) 80

Bülows Reden. 4 Bde. je 100

Bulwer, Eugen Aram 150

—, Nacht und Morgen 150

—, Pelham 150

—, Rienzi 150

—, Die letzten Tage von Pompeji 150

Bürger, Gedichte 100

—, Münchhausens Abenteuer 60

Burnett, Lord Fauntleroy 80

Burns’ Lieder und Balladen 60

Busch, Gedichte 60

Busse, Der dankb. Heilige u. a. Nov. 60

Byron, Briefe 100

—, Gesang. v. Chillon. — Mazeppa 60

—, Der Gjaur 60

—, Der Korsar 60

—, Manfred 60

—, Ritter Harold 80

Calderon, Das Leben ein Traum 60

Camoes, Die Lusiaden 100

Carlyle, Über Helden, Heldenverehrung und das Heldentümliche in 100

der Geschichte

Carmen Sylva, Aus dem Leben 60

Cäsar, Der Bürgerkrieg 80

—, Der Gallische Krieg 100

Cervantes, Don Quijote. 2 Bde. 250

Chamisso, Gedichte 120

—, Peter Schlemihl 60

Chateaubriand, Atala. — René. — Der letzte Abencerrage 80

Cherbuliez, Reich geworden 100

Chiavacci, Wiener Bilder 80

Cholmondeley, Diana 120

Chop, Richard Wagners Tondramen. Komplett in 2 Bänden 300

—, Beethovens Symphonien 100

Cicero, Gespräche in Tuskulum 100

Claudius’ Ausgewählte Werke 150

Cölestin, Forsthausgeschichten 80

Collius, Ohne Namen 150

Cooper, Der letzte Mohikan 100

—, Der Spion 100

Cornelius, Peter, Gedichte 60

Cremer, Holländische Novellen 150

Çûdraka, Vasantasênâ 80

D adone, Wie ich z. mein. Frau kam 80

Damm, Arthur Schopenhauer 100

Dante, Göttliche Komödie 150

—, Das Neue Leben 60

Darwin, Die Abstammung des Menschen. 2 Bde. je 150

—, Entstehung der Arten 175

Daudet, A., Briefe a. mein. Mühle 80

—, Fromont jun. & Risler sen. 100

—, Jack 175

—, Künstler-Ehen 60

—, Tartarin aus Tarascon 60

—, E., Die Frau des Botschafters 120

Daumer, Hafis 80

David, Der Bettelvogt u. a. Erz. 60

—, Ein Poet u. a. Erzählungen 60

Davids, Der Buddhismus 80

Defoe, Robinson Crusoe 100

Denison, So’n Mann wie mein Mann 80

Descartes, Methode des richtigen Vernunftgebrauchs 60

Dessauer, Götzendienst 100

Detmold, Randzeichnungen. — Anleitung zur Kunstkennerschaft 60

Deutscher Minnesang 80

Dickens, Copperfield. 2 Leinenbde. 225

—, Dombey & Sohn. 2 Bde. je 150

—, Harte Zeiten 100

—, Heimchen am Herde 60

—, Der Kampf des Lebens 60

—, Klein Dorrit. 2 Leinenbände 250

—, Londoner Skizzen 120

—, Martin Chuzzlewit. 2 Leinbde. 225

—, Nikolas Nickelby. 2 Leinenbde. 225

—, Oliver Twist 120

—, Die Pickwickier. 2 Lnbde. 200

—, Zwei Städte 120

—, Die Silvester-Glocken 60

—, Der Verwünschte 60

—, Der Weihnachtsabend 60

—, Weihnachtsgeschichten in 1 Bd. 150

Diers, Frau Elsbeth 80

Dittrich, Tages-Chronik v. 1870/71 80

Dokumente zur Geschichte des Krieges 1914/15. 3 Bände je 60

Dombrowski, Grüne Brüche. 2 Bde. je 60

Donnelly, Cäsars Denksäule 100

Dostojewskij, Erzählungen 60

—, Memoiren aus einem Totenhaus 100

—, Schuld und Sühne 150

Doyle, Onkel Bernac 80

Droste-Hülshoff, Gedichte 120

Dufresne, Damespiel 80

—, Schachaufgaben. 5 Teile je 80

—, Schachmeisterpartien. 1. Teil (2.-4. s. Mieses) 80

—, Schachspiel 150

Dumas, Die drei Musketiere 175

—, Zwanzig Jahre später. 2 Bde. 250

E berhard, Hannchen und die Küchlein 60

Eckermann, Gespräche m. Goethe 175

Eckstein, Der Besuch im Karzer 60

Edda. Deutsch von Wolzogen 120

v. Eichendorff, Gedichte 100

—, Aus d. Leben e. Taugenichts 60

—, Marmorbild. — Schloß Dürande 60

Ekkehard von St. Gallen, Das Waltharilied 60

Eliot, Adam Bede 175

—, Die Mühle am Floß 175

—, Silas Marner 80

Emerson, Essays 80

—, Repräsentanten des Menschengeschlechts 80

Enking, Heine Stölting u. a. Erz. 60

Eötvös, Der Dorfnotar 150

Epiktets Handbüchlein d. Moral 60

Erckmann-Chatrian, Freund Fritz 80

—, Geschichte eines Anno 1813 Konskribierten 80

—, Waterloo 80

—, Geschichte e. Anno 1813 Konskribierten u. Waterloo in 1 Bd. 120

Ernst, Vom Strande des Lebens 60

Etlar, Vendetta 80

Eulenspiegel 80

Euler, Algebra 120

Ewald, Bilder aus dem Tier- und Pflanzenleben 60

—, Streiflichter 60

Eyth, Berufstragik 80

Felder, Liebeszeichen 60

Ferry, Der Waldläufer. 2 Bde. 225

Feth, Gedichte 60

Feuchtersleben, Diätetik d. Seele 60

Feuerbach, Wesen d. Christentums 150

Feuerwehrliederb. (Tascheneinbd.) 40

Fichte, Bestimmung d. Menschen 80

—, Reden an die deutsche Nation 80

Fielding, Tom Jones. 2 Bde. 225

Fischart, Die Flohhatz 60

Flaubert, Madame Bovary 150

—, Salambo 120

Fleming, Ausgewählte Dichtungen 80

Flygare-Carlen, Rose von Tistelö 150

Fofanow, Gedichte 60

Forster, Ansichten vom Niederrhein. 3 Teile. Zus. geb. 175

Fouqué, Undine 60

France, Prof. Bonnards Schuld 80

Franklins Leben 80

Französische Lyrik 150

Faungruber, Ausseer G’schichten 80

Freidanks Bescheidenheit 80

Freiligrath, Gedichte 80

Frenzel, Das Abenteuer 60

—, Die Berliner Märztage und andere Erinnerungen 60

—, Der Hausfreund 60

—, Die Uhr 60

Freund, Rätselschatz 150

Fried, Lexikon deutscher Zitate 100

—, Lexikon fremdsprachl. Zitate 100

Friedrichs des Großen ausgewählte Briefe 120

Fritze, Indische Sprüche 60

G aedertz, Fritz Reuter-Biogr. 80

Gallet, Kapitän Satan 120

Gaudy, Schneidergesell 60

—, Venezianische Novellen 100

Geibel, Gedichte 100

Geigel, Licht und Farbe 100

—, Die Wärme 100

Geiger, A., Der Blitz — Die Trommel 80

—, L., Chamisso-Biographie 60

Geijer, Gedichte 60

Gellert, Fabeln u. Erzählungen 80

—, Oden und Lieder 60

Gensichen, Zu den Sternen! 80

George, Fortschritt und Armut 150

Gerhard, Die Stangenjäger u. andere Erzählungen 60

Gerhardts geistliche Lieder 100

Gerstäcker, Unter dem Äquator 150

—, Flußpiraten des Mississippi 150

—, Der Kunstreiter 120

—, Die Regulatoren in Arkansas 150

Gerstmann, Der Mühlhofbauer 60

Gesetze: s. unter Reichsgesetze, Preußische, Österreichische und

Schweizerische Gesetze.

Gilm, Gedichte 120

Girschner, Musikal. Aphorismen 60

Gleim, Ausgewählte Werke 80

Glümer, Schröder-Devrient 80

Gobineau, Asiatische Novellen 80

—, Reisefrüchte 80

—, Die Renaissance 150

—, Das Siebengestirn 120

—, Die Tänzerin von Schemacha 60

Gogol, Phantasien u. Geschichten 120

Goldsmith, Der Landprediger von Wakefield 80

Gorjkij, Erzählungen 175

Goethe, Egmont 60

—, Faust. 2 Teile in 1 Band 80

—, Gedichte. In Leinen, 2 Bde. je 150

—, Götz von Berlichingen 60

—, Hermann und Dorothea 60

—, Iphigenie auf Tauris 60

—, Dramatische Meisterwerke (Götz von Berlichingen. Egmont. 100

Iphigenie auf Tauris. Tasso)

—, Reineke Fuchs 60

—, Torquato Tasso 60

—, Werthers Leiden 60

—, Briefe an Frau Charlotte von Stein 175

Goethe u. Zelter, Briefwechsel. 3 Bände je 150

Goethe-Schiller Xenien 80

Goethes Mutter, Briefe 100

Gottfried v. Straßburg, Tristan und Isolde 175

Gotthelf, Uli der Knecht 100

—, Uli der Pächter 120

Gottschall, H. Schachaufg. 2 Teile je 80

—, R., Deutsche Lyrik d. 19. Jahrhdts. bis zur modernen Ära 150

—, Grabbe-Biographie 60

—, Lenau-Biographie 60

—, Schiller-Biographie 80

—, Die Rose vom Kaukasus 60

Grabein, Der tolle Hans 80

—, Wildwasser 60

Gracians Handorakel 80

Greinz, Lust. Tiroler Geschichten 60

Grillparzer, Gedichte 80

Grimm, Brüder, 50 Märchen (mit 12 Bildern) 80

—, Sämtl. Märchen 1. u. 2. Bd. 175

—, — 3. Bd. 150

—, M., Aus der Kinderstube 60

Grimmelshausen, Der abenteuerliche Simplizissimus 150

Groller, Detektiv Dagoberts Taten und Abenteuer. 2 Bände je 100

—, Vom kleinen Rudi 60

Grosse, Novellen des Architekten 60

Grossi, Marco Visconti 120

Grün, Anastasius, Gedichte 80

—, Spaziergänge e. Wiener Poeten 60

Gruppe, O. F., Gedichte 80

Gudrun. Deutsch von Junghans 80

Gundlach, Französische Lyrik 150

—, 1000 Schnadahüpfln 80

Gunkel, Ohne Heim 80

Günther, Joh. Chr., Gedichte 80

—, Sigm., Geschichte der Naturwissenschaften 150

Gussew und Spiro, Gespräche mit Graf Leo Tolstoi 60

Gutzkow, Ausgewählte Novellen 80

—, Der Königsleutnant 60

—, Urbild des Tartüffe 60

—, Uriel Acosta 60

—, Zopf und Schwert 60

H aarhaus, Goethe-Biographie 100

Habberton, Allerhand Leute 80

—, Frau Marburgs Zwillinge 60

—, Andrer Leute Kinder 100

—, Helenes Kinderchen 80

—, Helenes Kinderchen u. Andrer Leute Kinder in 1 Band 150

Hackländer, Augenblick d. Glücks 100

—, Handel und Wandel 100

—, Soldatenleben im Frieden 80

Haeckel, Natur und Mensch 80

Haek, Phantasie- u. Lebensbilder 60

Hagedorn, Poetische Werke 100

Hagen, Norika 80

Halbfaß, Süßwasser der Erde 100

Hals oder Peinliche Gerichtsordnung 60

Hamm, Wilhelm, Gedichte 60

Hammer, Schau um dich 60

Hansjakob, Der Theodor 60

Hartmann, Krieg um den Wald 80

Hartmann v. Aue, Gregorius 60

—, Der arme Heinrich 60

Hauff, Die Bettlerin 60

—, Lichtenstein 100

—, Der Mann im Monde 80

—, Märchen 100

—, Memoiren des Satan 100

—, Phantasien 60

Haug, Sinngedichte 60

Haushofer, Der Floßmeister. — Scharka 60

Häusser, Freiheitskriege. 1. Band 120

—, — 2. Band 175

—, Völkerschlacht b. Leipzig 1813 60

Hebbel, Gedichte 120

—, Die Nibelungen 80

Hebel, Allemannische Gedichte 60

—, Schatzkästlein 80

Hegel, Philosophie der Geschichte 150

Heiberg, Die Andere. — Einmal im Himmel 80

Hein, Adalbert Stifter 60

Heine, Atta Troll — Deutschland 60

—, Buch der Lieder 80

—, Neue Gedichte 60

—, Die Harzreise 60

—, Romanzero 80

Heliand 80

Helmer, Prinz Rosa-Stramin 60

Hempelmann, Der Wirbeltierkörper. 1. u. 2. Teil zus. in 1 Bd. 150

Herbart, Allgemeine Pädagogik 80

—, Pädagogische Vorlesungen 80

Herder, Der Eid 60

—, Schulreden 80

—, Stimmen der Völker 100

Hermannsthal, Ghaselen 60

Herodotos Geschichten. 2 Bände 200

Herold, Zenab 80

Herrig, Gesamm. Aufsätze über Schopenhauer 60

Hertz, König Renés Tochter 60

Hertzka, Reise nach Freiland 80

Herwegh, Gedichte eines Lebendigen 80

Herzog, Komödien des Lebens 80

Hesekiel, Das Buch vom Fürsten Bismarck. 2 Bände 200

Heyden, Das Wort der Frau 60

Heyse, Paul, Zwei Gefangene 60

—, König Saul 60

Hilfsbuch, engl.-franz.-deutsches 150

Hille, Aus d. Heiligtum d. Schönh. 60

Hiob, Das Buch 100

Hippel, Über die Ehe 80

Hitopadesa 100

Hocking, Im Kampfe m. d. Schicksal 100

Hoefer, Erzählgn. e. alt. Tambours 60

Hoffmann, Elixiere des Teufels 100

—, Kater Murr 120

—, Klein Zaches 60

—, Kreisleriana 80

Hoffmann v. Fallersleben, Ausgewählte Gedichte 80

—, Kinderlieder 60

Hölderlin, Gedichte 60

Hollaender, Der Pflegesohn und zwei andere Novellen 60

Holtei, Der letzte Komödiant 175

—, Schlesische Gedichte 120

—, Die Vagabunden. 2 Bände 240

Hölty, Gedichte 60

Holzamer, Der Held u. a. Nov. 60

Homer, Werke. Von Voß (Ilias, Odyssee) 150

—, Ilias 100

—, Odyssee 100

Hopfen, Der Böswirt 60

—, Mein Onkel Don Juan 120

Horaz Werke. Von Voß 80

Hufeland, Makrobiotik 120

Hugo, Victor, Notre-Dame 175

Humboldt, A. v., Ansicht d. Natur 100

—, W. v., Briefe an eine Freundin 150

Hume, Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand 80

Hunt, Leigh, Liebesmär von Rimini. Deutsch v. Meerheimb 60

Hutten, Gesprächsbüchlein 80

Jacobsen, Niels Lyhne 80

—, Sechs Novellen 60

Jahn, Deutsches Volkstum 80

—, Kleine Schriften 80

—, u. Eiselen, Deutsche Turnkunst 80

Japanische Novellen u. Gedichte 60

Ibsen, Brand 80

—, Gedichte 60

—, Gesammelte Werke. 4 Lbd. je 150

Iden-Zeller, 12000 Kilometer durch Sibirien 60

Jean Paul, Flegeljahre 120

—, Hesperus. 2 Leinenbde. 200

—, Immergrün &c. 60

—, Der Jubelsenior 80

—, Dr. Katzberger 80

—, Der Komet 120

—, Levana 100

—, Quintus Fixlein 80

—, Siebenkäs 120

—, Titan. 2 Leinenbände 225

Jensen, H., Schatten d. Schlachtfeldes 80

—, Wilh., Erbin von Helmstede 100

—, Hunnenblut 60

Jerome, Die müßigen Gedanken eines Müßigen 80

Jerrold, Frau Kaudels Gardinenpredigten 80

Jesaja, Buch vom Propheten 100

Ifflands Briefwechsel 100

Immermann, Die Epigonen 150

—, Münchhausen 175

—, Der Oberhof 100

—, Tristan u. Isolde 100

—, Tulifäntchen 60

Joëls Kochbuch 120

Jókai, Dame mit den Meeraugen 100

—, Schwarze Diamanten 150

—, Ein Goldmensch 150

—, Ein ungarischer Nabob 150

—, Gold. Zeit in Siebenbürgen 100

—, Die Táblabirós 120

—, Traurige Tage 100

—, Die unsichtb. Sängerin. — Das Faustpfand 60

—, Zoltán Karpáthi 150

Irving, Alhambra 100

—, Skizzenbuch 120

Jugenderinnerungen eines alten Mannes 150

Jugendliederbuch (Tascheneinband) 40

Junggesellenbrevier 60

Jung-Stillings Lebensgeschichte 150

K alidasa, Sakuntala 60

Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten 60

—, Zum ewigen Frieden 60

—, Kritik der Urteilskraft 120

—, Kritik der prakt. Vernunft 80

—, Kritik der reinen Vernunft 150

—, Von der Macht des Gemüts 60

—, Allgemeine Naturgeschichte &c. 80

—, Prolegomena 80

—, Die Religion 80

—, Streit der Fakultäten 60

—, Träume eines Geistersehers 60

Kartenspiele. 3 Bände je 60

Kellen, Bienenbuch 60

Keller, Helen, Auswahl 60

Kennan, Russische Gefängnisse 60

—, Sibirien. 3 Teile 150

—, Zeltleben in Sibirien 100

Kerner, Gedichte 80

—, Die Seherin von Prevorst 150

Kiesgen, Kleist-Biographie 60

Kinkel, Otto der Schütz 60

Kleist, E. Chr. v., Werke 60

Klepp, Lehrbuch d. Photographie 80

Klopstock, Messias 120

—, Oden und Epigramme 100

Knigge, Umgang mit Menschen 100

Kobell, Gedichte in oberbayrischer Mundart 80

—, Gedichte in pfälz. Mundart 60

Köhler, Fr., s. Taschenwörterbücher.

—, Fremdwörterbuch 100

—, Br., Trachtenkunde. 2 Bde. 400

Kolzow, Gedichte 60

Kommersbuch (Tascheneinband) 40

Kommers- u. Studentenliederbuch in 1 Band 60

Konrad, Das Rolandslied 120

Kopisch, Gedichte 100

Koran, Der 150

Körner, Leier und Schwert 60

—, Zriny 60

Korolenko, Der blinde Musiker 60

—, Sibirische Novellen 80

Kortum, Die Jobsiade 100

Kosegarten, Jucunde 60

Kriegslieder (Tascheneinband) 40

Kröger, Wohnung des Glücks 60

Krummacher, Parabeln 100

Kugler, Geschichte Friedrichs d. Großen 150

Kühns, Unter Napoleons Joch 100

Kürnberger, Der Amerikamüde 150

L afontaines Fabeln 100

Lagerlöf, Gösta Berling 120

—, Eine Gutsgeschichte 80

Lamartine, Dichtungen 60

—, Graziella 60

Lambeck, Engl.-franz.-deutsches Hilfsbuch 150

Lampert, Abstammungslehre 100

—, vom Keim zum Leben 100

Lamprecht, Porträtgalerie aus der Deutschen Geschichte 80

Land, Ja — die Liebe 60

Lange, Geschichte des Materialismus. 2 Bde. je 175

Lavater, Worte des Herzens 60

Le Braz, Sirenenblut 80

Leffler, Sonja Kovalevsky 80

Lehmann, Fludyer in Cambridge 80

Leibniz, Kleinere philos. Schriften 100

—, Die Theodizee. 2 Bde. 225

Leiser, Die Welt der Kolloide 80

Leitner, Gedichte 100

Lenau, Die Albigenser 60

—, Faust 60

—, Gedichte 100

—, Savonarola 60

Lenk, Gesch. d. Buren (1652-1899) 150

Lennig, Etwas zum Lachen 60

Lenz, Militärische Humoresken 120

Lermontow, Gedichte 60

—, Ein Held unsrer Zeit 80

Lesage, Gil Blas 175

—, Der hinkende Teufel 80

Lessing, Dramat. Meisterwerke (Nathan der Weise. Emilia Galotti. 80

Minna von Barnhelm)

—, Emilia Galotti 60

—, Laokoon 80

—, Minna von Barnhelm 60

—, Nathan der Weise 60

Leuthold, Gedichte 100

Lichtenberg, Ausgew. Schriften 120

Lichtstrahlen aus dem Talmud 60

Lie, Die Familie auf Gilje 80

—, Ein Mahlstrom 80

—, Der Dreimaster „Zukunft“ 80

Liebesbrevier 60

Liebmann, Christliche Symbolik 80

Lingg, Byzantinische Novellen 60

Linguet, Die Bastille 150

Livius, Röm. Geschichte, 4 Bde. je 150

Locke, Über den menschlichen Verstand, 2 Bde. je 150

Lohengrin, Deutsch v. Junghans 80

Lombroso, Genie und Irrsinn 120

—, Handbuch der Graphologie 150

—, Studien üb. Genie u. Entart. 100

—, P., Kodak 80

Longfellow, Evangeline 60

—, Gedichte 60

—, Hiawatha 80

—, Miles Standish 60

Loti, Die Islandfischer 80

Lucrez, Von der Natur der Dinge 100

Ludwig, Die Heiterethei 100

—, Zwischen Himmel und Erde 80

Ludwig I. von Bayern, Gedichte 80

Luther, Sendbrief v. Dolmetschen 60

—, Tischreden 120

Lux, Kunst im eigenen Heim 60

Lyrik, Deutsche, des 19. Jahrh. bis zur modernen Ära 150

—, Moderne Deutsche 150

M acchiavelli, Buch vom Fürsten 80

Mackay, Letzte Pflicht 80

Madách, Tragödie des Menschen 80

Mahlmann, Gedichte 60

Maikow, Gedichte 60

Manzoni, Die Verlobten. 2 Bde. 200

Marc Aurels Selbstbetrachtungen 80

Margueritte, Weltkinder 100

Mark Twain, Ausgew. Skizzen 175

Marryat, Japhet 120

—, Peter Simpel 150

Martials Gedichte 60

Mathesius, Luthers Leben 120

Matthisson, Gedichte 60

Maupassant, Novellen 150

Meerheimb, Psychodram. 2 Bde. je 60

Mehring, Deutsche Verslehre 100

—, Ungebundenes in geb. Form 60

Meißner, Aus d. Papieren eines Polizeikommissärs 150

Mendelssohn, Phädon 60

Mendheim, Uhland-Biographie 60

Merbach, Bismarck 60

Merker, Wieland-Biographie 60

Messerschmitt, Physik d. Gestirne 100

—, Sternenhimmel 100

Meyer, Auf der Sternwarte 60

Michelet, Die Frau 100

—, Die Liebe 100

Mickiewicz, Balladen 60

Mieses, Schachmeisterpartien. Teil 2-4 (Teil 1 f. Dufresne) je 80

Mignet, Geschichte der französischen Revolution 150

Mikszáth, Der wundertätige Regenschirm 80

Mill, Über Freiheit 80

Milow, Stephan, Drei Novellen 60

Milton, Das verlorene Paradies 80

Minnesang, Deutscher 80

Möbius, Das Nervensystem 60

Molo, Totes Sein 60

Moltke, Die beiden Freunde 60

Montesquieu, Persische Briefe 120

Moore, Irische Melodien 60

—, Lalla Rukh 80

Moreto, Donna Diana 60

Mörike, Gedichte 80

—, Mozart auf d. Reise nach Prag 60

Moritz, Anton Reiser 120

—, Götterlehre 120

Mosen, Bilder vom Moose 100

Möser, Patriotische Phantasien 80

Mügge, Afraja. 2 Bde. 220

—, Der Vogt von Sylt 100

Muellenbach, Waldmann und Zampa und andere Novellen 60

Müller, Curt, Hexenaberglaube 80

—, Wilh., Gedichte 120

Müllner, Dramatische Werke 150

Murger, Zigeunerleben 120

Murner, Narrenbeschwörung 100

Musäos, Hero und Leander 60

Mutterherz, Das 60

Mylius, Die Türken vor Wien 80

N adler, Fröhlich Palz, Gott erhalts! 80

Nadson, Gedichte 60

Namenbuch 80

Nathusius, Elisabeth 150

—, Tagebuch eines armen Fräuleins 60

Nekrassow, Gedichte 60

—, Wer lebt glücklicher in Rußland? 100

Nepos’ Biographien 80

Nettelbecks Lebensbeschreibung 150

Neumann, H. K., Nur Jehan 60

—, C. W., Wunder d. Urwelt. 2 Bde. je 60

Neumann-Hofer, Familie Rizzoni 120

Nibelungenlied 120

Niese, Der verrückte Flinsheim und zwei andere Novellen 60

Nikitin, Gedichte 60

Nirwana 60

Noël, Kleines Volk 60

Nohl, Musikgeschichte 100

Novalis, Gedichte 60

O hnet, Sergius Panin 100

Ossig, Spanisches Taschen-Wörterbuch 150

Österreichische Börsenschiedsgerichtsordnungen 80

—, Bürgerliches Gesetzbuch 150

—, Exekutionsordnung 150

—, Gerichtsorganisationsgesetz 80

—, Personalsteuergesetz 100

—, Vollzugsvorschrift z. Personalsteuergesetz. 1. Hauptstück 120

2. u. 3. Hauptstück 100

4.-6. Hauptstück 100

1.-6. Hauptstück zusammen in 1 Band 250

—, Zivilprozeßordnung 150

Ostwald, H., Landstreichergeschichten 60

—, W., Grundriß der Naturphilosophie 80

Oswald von Wolkenstein, Dichtungen 80

Ouida, Fürstin Zouroff 80

Ovid, Heroiden 80

—, Verwandlungen 80

Pahde, Meereskunde 100

Parreidt, Zähne u. ihre Pflege 60

Pascal, Gedanken 100

Pauli, Schimpf und Ernst 80

Perfall, Dämon Ruhm 120

—, Trudenstein. — Prüglmensch 80

Pestalozzi, Lienhard u. Gertrud 120

—, Wie Gertrud ihre Kinder lehrt 80

Peter, Das Aquarium 60

Petersen, Die Irrlichter 60

—, Prinzessin Ilse 60

Petöfi, Gedichte 80

—, Prosaische Schriften 80

Petrarca, Sonette 80

Pfarrer vom Kalenberg und Peter Leu 60

Pfeffel, Poetische Werke 120

Platen Gedichte 80

Platon, Phädon 60

Plutarch, Vergleichende Lebensbeschreibungen. 4 Bände je 150

Poe, Novellen. 3 Bde. zus. in 1 Bd. 100

Pol de Mont, Zeiten und Zonen 60

Pollock, Gesch. der Staatslehre 60

Polonskij, Gedichte 60

Pötzl, Der Herr von Nigerl 80

—, Hoch vom Kahlenberg. I-III 100

—, Kriminal-Humoresken 100

—, Die Leute von Wien 80

—, Rund um den Stephansturm 80

Presber, Das Eichhorn u. a. Sat. 60

—, Untermensch u. and. Satiren 60

Preußische Gesetze:

Verfassungsurkunde für den preußischen Staat 60

Wahl-Reglement d. Preußischen Abgeordneten-Hauses 60

Properz, Elegieen 60

Prophet Jesaja 100

Psalter, Der 60

Pferhofer, Aus jungen Tagen 60

Puschkin, Gedichte 80

—, Der Gefangene im Kaukasus 60

—, Die Hauptmannstochter 80

—, Novellen 80

—, Onegin 80

Raabe, Zum wilden Mann 60

Rameau, Die Hexe 100

Rangabé, Kriegserinnerungen aus 1870-71 60

Ranke, Die Erhebung Preußens im Jahre 1813 80

Räuber, Literarische Salzkörner 100

Reclam, Prof. Dr. Carl, Gesundheits-Schlüssel 60

Rehfues, Scipio Cicala. 2 Lbde. 225

Reichenau, Bilder aus dem Kinderleben 60

Reichsgesetze, Deutsche:

Bankwesen 80

Binnenschiffahrts- u. Flößereigesetz 60

Bürgerliches Gesetzbuch 150

— — Tascheneinbd. 125

Freiwillige Gerichtsbarkeit 60

Gerichtskostenwesen 60

Gerichtsverfassungsgesetz 60

Geschäftsordnung f. d. Reichstag 60

Gewerbegerichtsgesetz 60

Gewerbeordnung 80

Grundbuchordnung 60

Handelsgesetzbuch 80

— u. Wechselordnung zus. geb. 100

Impfgesetz f. d. Deutsche Reich 60

Kaufmannsgerichte 60

Konkursordnung 60

Kriegsgesetze 100

— Ergänzungsband 80

Militärversorgungsgesetze für das Deutsche Reich 80

Patentgesetz 60

Preßgesetz und Verlagsrecht 60

Rechtsanwaltsordnung 80

Reichs- und Staatsangehörigkeit 60

Reichsverfassung 60

Stempelgesetz 80

Strafgesetzbuch 60

Strafprozeßordnung 80

Unlauterer Wettbewerb 60

Urheberrechtsgesetze 60

Vereinsgesetz 80

Verfass. des Deutschen Reiches 60

Versicherungsgesetze:

Angestelltenversicherung 100

Reichsversicherungsordnung 150

— Tascheneinband 125

Versicherungsbehörden [Gewerbeunfallversicherung 2623/24 — 60

Invalidenversicherung 2571 — Krankenversicherung 3564/65

— Unfallversicherung 4531-33: jetzt in

Reichsversicherungsordnung, s. oben.]

Wehrbeitrag u. Besitzsteuergesetz 60

Wechselordnung 60

Zivilprozeßordnung 100

Zuwachssteuergesetz 80

Zwangsversteigerungsgesetz 60

Reinick, Geschichten und Lieder für die Jugend 80

Renan, Die Apostel 100

—, Das Leben Jesu 100

Renard, Ist der Mensch frei? 80

Resa, Weihnachtsgeschichten 60

Reuß, Doktors Bescherung u. a. N. 60

Reuter, Christian, Schelmuffskys Reisebeschreibung 60

Reuter, Fritz, Dörchläuchting 80

—, Eine heitere Episode aus einer traurigen Zeit 60

—, Hanne Nüte un de lütte Pudel 80

—, Julklapp! Polterabendgedichte 60

—, Kein Hüsung 80

—, Läuschen un Rimels 100

—, De meckelnbörgschen Montecchi un Capuletti 100

—, Meine Vaterst. Stavenhagen 80

—, Ut mine Festungstid 80

—, Ut de Franzosentid 80

—, De Reis’ nah Belligen 80

—, Ut mine Stromtid 175

Reuter, Gabriele, Eines Toten Wiederkehr u. andere Novellen 60

Ricek-Gerolding, Gelehrt. Zecher goldnes Alphabet 60

Riehl, Burg Reibeck 60

—, Die 14 Nothelfer 60

Riemann, Bürger-Biographie 60

—, Lessing-Biographie 60

Roberts, Um den Namen 80

Rodenbach, Die Eiche am Kreuzweg. — Berufung 80

—, Das tote Brügge 60

Rosegger, Geschichten und Gestalten aus den Alpen 60

Rosenberger, König der Diebe 60

Roswitha von Gandersheim 80

Rousseau, Bekenntnisse. 2 Bde. 225

—, Emil. 2 Bde. 225

—, Gesellschaftsvertrag 80

—, Die neue Heloise 2 Bde. 225

Rückert, Gedichte 80

—, Gedichte für die Jugend 80

—, Liebesfrühling 80

—, Weisheit des Brahmanen 150

Rumohr, Geist der Kochkunst 120

Runeberg, Fähnrich Stahl 80

Ruppius, Der Pedlar 100

—, Vermächtnis des Pedlars 100

Ruskin, Vorlesungen über Kunst 80

Russische Dichterinnen 60

Ruth, Das Buch 60

Rützebeck, Dänischer Sommer 80

Rydberg, Venus von Milo 60

Saar, Ginevra. — Die Troglodytin 60

Sach, Hans, Poet. Werke. 2 Bde. je 80

—, Dramatische Werke. 2 Bde. je 80

Sachsen-Spiegel 80

St. Pierre, Paul und Virginie 60

Salis-Seewis, Gedichte 60

Sallet, Gedichte 100

—, Laien-Evangelium 100

Sallust, Der Jugurthinische Krieg 60

Sallwürk, Mörike-Biographie 60

Salus, Nachdenkliche Geschichten 60

Salzmann, Ameisenbüchlein 60

—, Der Himmel auf Erden 80

—, Krebsbüchlein 80

Saphir, Deklamationsgedichte 100

Sarcey, Belagerung von Paris 100

Schanz, Wolken 80

Scharling, Zur Neujahrszeit im Pfarrhof von Röddebo 100

Schaumberger, Im Hirtenhaus 80

—, Bergheimer Musikanten-Gesch. 100

Schefer, Laienbrevier 100

Schelling, Clara 80

—, Die Weltalter 100

Schenkendorf, Gedichte 100

Schermann, Firma Murks. Band 1-3 zusammen gebunden 100

Scherr, Das rote Quartal 60

Schiller, Braut von Messina 60

—, Don Karlos 60

—, Gedichte. Leinen 80

—, Jungfrau von Orleans 60

—, Dram. Meisterwerke. 2 Bde. je 120

—, Maria Stuart 60

—, Die Räuber 60

—, Wilhelm Tell 60

—, Wallenstein. 2 Teile 80

Schiller u. Goethe, Briefwechsel. 3 Bände je 100

Schlaf, Tantchen Mohnhaupt 80

Schleiermacher, Monologen 60

—, Weihnachtsfeier 60

Schmid, Almenrausch u. Edelweiß 80

Schmidt, Zeitgenössische Berichte über die Leipziger Schlacht 60

Schmied-Kufahl, Fechtbüchlein. (Illustriert) 100

Schnadahüpfln, Tausend 80

Schöne, Lehr- und Flegeljahre eines alten Schauspielers 80

Schönthan, F. v., Der General 60

—, P. v., Kindermund 60

—, Der Kuß 60

Schopenhauer, A., Sämtliche Werke. 6 Bände je 150

—, Aphorismen z. Lebensweisheit 80

—, Briefe 150

—, Einleitung in die Philosophie nebst Abhandlungen &c. 80

—, Gracians Handorakel 80

—, Neue Paralipomena 150

—, Philosophische Anmerkungen 80

Schreiner, Hohe Fahrt 60

Schubart, Gedichte 120

Schücking, Eine dunkle Tat 80

—, Die Rheider Burg 100

—, Der Kampf im Spessart 80

Schulze, Die bezauberte Rose 60

Schumann, Ges. Schriften über Musik u. Musiker. 3 Bde. in 1 Bd. 175

Schwab, Gedichte 150

—, Die deutschen Volksbücher 200

Schwegler, Gesch. d. Philosophie 150

Schweizerische Bundesverfassung 60

— Kranken- u. Unfallversicherung 60

— Obligationenrecht 100

— Zivilgesetzbuch 100

— — u. Obligationenrecht in 1 Bd. 175

— — — Tascheneinband 150

Scott, Braut von Lammermoor 100

—, Der Herr der Inseln 60

—, Ivanhoe 120

—, Die Jungfrau vom See 80

—, Kenilworth 120

—, Letzten Minnesängers Sang 60

—, Quentin Durward 150

—, Waverley 150

Sealsfield, Das Kajütenbuch 100

Seidl, Ausgewählte Dichtungen Band 1-3 zusammen 100

Seneca, Ausgewählte Schriften 100

—, Fünfzig ausgewählte Briefe 80

Seume, Gedichte 100

—, Spaziergang nach Syrakus 100

Shakespeare, Hamlet 60

—, Der Kaufmann von Venedig 60

—, Othello 60

—, Romeo und Julia 60

Shelley, Entfesselte Prometheus 80

—, Feenkönigin 60

Sienkiewicz, Familie Polaniecki 2 Bände 240

—, Quo vadis? 175

—, Zersplittert 80

Silberstein, Trutz-Nachtigall 60

Smiles, Der Charakter 100

—, Die Pflicht 120

—, Selbsthilfe 100

—, Sparsamkeit 120

Soldatenliederbuch (Tascheneinbd.) 40

Sophokles, Sämtliche Dramen 150

Souvestre, Am Kamin 80

—, Ein Philosoph 80

Spee, Trutznachtigall 100

Speter, Die chemisch. Grundstoffe 80

—, Die chemische Verwandtschaft 80

Spielhagen, Alles fließt 60

—, Dorfkokette 60

—, Was die Schwalbe sang 100

Spindler, Der Jesuit 120

—, Der Jude 175

Spinoza, Briefwechsel 100

—, Die Ethik 120

—, Der politische Traktat 80

—, Der theologisch-politische Traktat 120

—, Vervollkommnung d. Verstandes 60

Spitta, Psalter und Harfe 60

Spurgeon, Geistesstrahlen 200

Staël, Corinna oder Italien 150

—, Über Deutschland. 2 Bde 225

Stanley, Wie ich Livingstone fand 150

Stein, v., Goethe und Schiller 60

Steinmüller, Baron Kahlebutz. 1. und 2. Bd. zus. in 1 Bd. 80

Stelzhamer, Ausgew. Dichtungen 80

Stendhal, Novellen 100

Steputat, Deutsches Reimlexikon 80

Stern, Gluck in Versailles. — Nanon 60

Sterne, Empfindsame Reise 60

—, Tristram Shandy 150

Stevenson, Die Schatzinsel 100

—, u. Osbourne, Schiffbruch 120

Stifter, Bergkristall. — Brigitta 60

—, Der Hochwald 60

Stirner, Der Einzige und sein Eigentum 120

Strachwitz, Gedichte 80

Streicher, Schillers Flucht 80

Striegler, Das deutsche Turnen 80

Strindberg, Die Leute auf Hemsö 80

Strodtmann, Gedichte. Mit Goldschn. 120

Studentenliederbuch (Tascheneinbd.) 40

Swift, Gullivers Reisen 120

T acitus, Die Annalen 120

—, Die Germania 60

—, Die Historien 100

Tagebuch eines bösen Buben 80

Taschen-Wörterbücher:

—, Englisches 150

Engl.-deutsch. Teil einzeln 100

Deutsch-engl. Teil einzeln 100

—, Französisches 150

Franz.-deutsch. Teil einzeln 100

Deutsch-franz. Teil einzeln 100

—, Italienisches 150

Ital.-deutsch. Teil einzeln 100

Deutsch-ital. Teil einzeln 100

—, Spanisches 150

—, Englisch-französisch-deutsches Hilfsbuch 150

—, Fremdwörterbuch 100

—, Deutsches Wörterbuch 100

Tasso, Befreites Jerusalem 120

Tausend und eine Nacht. 8 Bde. je 150

Tegnér, Abendmahlskinder 60

—, Axel 60

—, Frithjofs-Sage 80

Telmann, In Reichenhall 60

Tennyson, Enoch Arden 60

—, Königsidyllen, 80

Testament, Neues. [Übersetzt von E. Stage.], 150

Tetzner, Deutsche Geschichte in Liedern, 150

—, Namenbuch, 80

—, Deutsches Sprichwörterbuch, 150

—, Deutsches Wörterbuch, 100

—, Wörterbuch sinnverwandter Ausdrücke, 150

—, Wörterverzeichnis zur deutschen Rechtschreibung. 40

(Tascheneinband),

Thackeray, Der Jahrmarkt des Lebens. 2 Bde., 225

—, Das Snobsbuch, 100

Theokrits Gedichte. Von Boß, 60

Thukydides, Der Peloponnesische Krieg, 175

Thümmel, Wilhelmine, 60

Thiedge, Urania, 60

Tillier, Belle-Plante u. Kornelius, 80

—, Mein Onkel Benjamin, 80

Tintschew, Gedichte, 60

Tolstoj Alexej, Gedichte, 60

—, Leo, Anna Karenina. 2 Bde., 250

—, Auferstehung. 1. u. 2. Bd. zus., 150

—, Chadshi Murat, 80

—, Evangelium, 80

—, Zwei Husaren, 60

—, Kindheit, 80

—, Die Kosake, 80

—, Krieg und Frieden 2 Bde., 250

—, Volkserzählungen, 80

Torn, Offiziersgeschichten, 150

Torrund, Sein Herzenskind, 60

Trenck, Friedr. von der, Lebensgeschichte, 80

Tschabuschnigg, Sonnenwende, 60

Tschechow, Humoresken und Satiren. Band 1-3 zus., 100

Tschudi, Kaiserin Elisabeth, 80

—, Kaiserin Eugenie, 80

—, König Ludwig II. v. Bayern, 100

—, Königin Maria Sophia von Neapel, 80

—, Marie Antoinettes Jugend, 80

—, Marie Antoinette und die Revolution, 120

—, Napoleons Mutter, 80

—, Napoleons Sohn, 100

Turgenjew, Dunst, 80

—, Frühlingswogen, 80

—, Gedichte in Prosa, 60

—, Die neue Generation, 120

—, Erste Liebe, 60

—, Memoiren eines Jägers, 100

—, Väter und Söhne, 100

Turnerliederbuch (Tascheneinband), 40

U hland, Dramatische Dichtungen, 60

—, Gedichte, 80

Usteri, De Vikari, 80

V aka, Harem, 80

Varnhagen, Fürst Leopold, 80

Vely, Mente, 80

Vergils Aeneide. Von Boß, 80

—, Ländliche Gedichte, 60

Villinger, Die Sünde des heiligen Johannes und andre Novellen, 60

Vix, Die Totenbestattung, 80

Vogl, Ausgewählte Dichtungen, 80

Volney, Die Aninen, 100

Voltaire, Geschichte Karls XII., 100

—, Zeitalter Ludwig XIV. 2 Bde., 225

Voneisen, Albumblätter, 60

—, Junggesellenbrevier, 60

—, Kunterbunt, 60

—, Liebesbrevier, 60

—, Das Mutterherz, 60

—, Nirwana, 60

Voß, Idyllen und Lieder, 60

—, Luise, 60

—, d. J., Goethe und Schiller in Briefen, 80

—, R., Amata. — Liebeopfer, 60

—, Die Auferstandenen. 2 Bde. zus. in 1 Bandm 175

—, Kentaurenliebe. — Die Toteninsel, 60

—, Narzissenzauber. — Das Wunderbare, 60

—, Rolla, 120

Vrchlicky, Gedichte, 80

Wagner, Rich., Autobiogr. Skizze. Mitteilung an meine Freunde, 80

—, Bayreuth, 60

—, Ein deutscher Musiker in Paris, 80

—, Erinnerungen, 60

—, Über das Dirigieren. — Bericht über eine deutsche Musikschule, 80

—, Tondramen. 2 Bde. je, 150

Wahlreglement des preußischen Abgeordnetenhauses, 60

Waiblinger, Gedichte aus Italien, 100

Waldmüller, Walpra, 60

Waldow, Wera, 80

Wallace, Ben Hur. 2 Bände je, 100

Walther von der Vogelweide, Sämtliche Gedichte, 80

Weber, C. M. v., Ausgew. Schriften, 80

—, L., Shakespeare-Biographie, 60

Weddigen, Geistliche Oden, 60

Weiser, Jesus. Teil 1-4 zus., 120

Weißbuch, Deutsch. (Dokumente I), 60

Westkirch, Der Bürgermeister von Immelheim u. and. Nov., 60

—, Diebe 60

—, Die Gletschermühle, 60

—, Der Knecht von Wörpedamm, 60

—, Recht der Liebe u. 2 and. Nov., 60

—, Timm Bredenkamps Glück, 80

—, Urschels Fundgut, 60

—, Erzählungen. Zus. geb. in 2 Bdn. je, 150

Whitman, Grashalme, 80

Wichert, Am Strande, 60

—, Für tot erklärt, 60

—, Eine Geige. — Drei Weihnachten, 60

—, Nur Wahrheit. — Sie verlangt ihre Strafe, 60

—, Die gnädige Frau von Paretz, 60

Wickenburg, Franz Mooshammer, 80

Wieland, Die Abderiten, 100

—, Oberon, 80

Wieleitner, Schnee u. Eis der Erde, 100

Wilbrandt, König Teja, 60

Wildberg, Dunkle Geschichten, 60

—, Neben der Welt u. a. Erzähl., 80

Wilde, Die Ballade vom Zuchthaus zu Reading, 60

—, Dorian Gray, 100

Wildermuth, Hagestolze, 60

—, Schwäbische Pfarrhäuser, 60

Wilhelm II. Reden. 4 Bände je, 100

Willomitzer, Nacht im Mittelalter, 60

Winter, Ohne Fehl, 100

Wiseman, Fabiola, 120

Witschel, Morgen- und Abendopfer, 80

Wolf, Prolegomena zu Homer, 100

Wolff, Allgemeine Musiklehre, 60

—, Elementar-Gesanglehre, 60

Wolfram von Eschenbach, Parzival. 2 Bde., 225

Wörterbücher s. Taschenwörterbücher.

Woude, Traudel und ich, 80

Wundt, Zur Psychologie u. Ethik, 80

Württemberg, Alex. Graf von, Sämtliche Gedichte, 100

X enophon, Anabasis, 80

—, Erinnerungen an Sokrates, 80

—, Griechische Geschichte, 100

—, Kyrupädie, 120

Z aleski, Die heilige Familie, 60

Zangerle, Meraner Geschichte, 60

Zedlitz, Gedichte, 80

—, Waldfräulein, 60

Zipper, Grillparzer-Biographie, 60

—, Körner-Biographie, 60

Zittel, Entstehung der Bibel, 80

Zobeltitz, H. v., König Pharaos Tochter, 60

Zola, Das Fest in Coqueville und andere Novellen, 80

—, Germinal, 150

—, Herrn Chabres Kur u. a. N., 80

—, Sturm auf die Mühle u. a. N., 80

Zschokke, Alamontade, 80

Durch jede Buchhandlung oder direkt vom Verleger Philipp Reclam jun. in Leipzig unberechnet zu beziehen

Prospekte der Universal-Bibliothek:

Vollständiges Verzeichnis nach Autoren geordnet. Verzeichnis von 100 einaktigen Lustspielen mit

Vollständiges Verzeichnis nach Materien geordnet. Angabe des Inhalts und der Besetzung. Verzeichnis der dramatischen Werke mit Angabe der Verzeichnung von Reise- und Unterhaltungslektüre.

Personenzahl und des Theatervertriebes. Ausführliches Verzeichnis der Neuerscheinungen.

Die Helios-Klassiker

sind von bedeutenden Literarhistorikern herausgegeben und mit künstlerisch ausgeführten Porträt-Beilagen geschmückt. Die Werke sind in geschmackvollen biegsamen Leinen- und in prächtigen Ganzleder-Bänden mit echtem Goldschnitt vorrätig. — Durch erstaunliche Wohlfeilheit bei modern-geschmackvoller Ausstattung werden sie die Freude an den Büchern der Klassiker immer mehr verbreiten.

Verzeichnis der Helios-Klassiker:

Börne. Gesammelte Schriften. 3 Bände mit Bildnis. Grabbe. Sämtl. Werke. 2 Bde. m. Bildn. In Leinen

In Leinen M. 5.—. M. 3.50.

Byron. Sämtl. Werke. 3 Bde. mit Bildn. In Lein. M. Grillparzer. Sämtliche Werke. 3 Bde. mit 3 Bildn.

5.—. In Lein. M. 5.—, in Leder M. 9.—.

Chamisso. Sämtliche Werke. 2 Bde. mit 2 Bildn. In Hauff. Sämtl. Werke. 2 Bde. mit Bildn. In Lein. M.

Lein. M. 2.50, in Leder M. 6.—. 3.—, in Leder M. 7.—.

Chamisso. Auswahl. 1 Band mit Bildn. In Lein. M. Hebbel. Sämtliche Werke in 4 Bd. u. 2

1.25. Ergänzungsbdn. Mit Abbildg. u. Faksimiles. Preis

Eichendorff. Gesamm. Werke. 2 Bde. mit 2 Bildn. der 4 Hauptbände in Lein. M. 5.—, in Led. M. 12.

In Lein. M. 3.—, in Leder M. 6.—. —; der 2 Ergänzgsbde. in Leinen M. 2.50, in

Gaudy. Ausgew. Werke. 2 Bde. mit Bildn. In Lein. Leder M. 6.—.

M. 3.50. Heine. Sämtl. Werke. 4 Bde. mit 2 Bildnissen. In

Goethe. Sämtl. Werke. 10 Bde. mit 3 Bildnissen. In Leinen M. 5.—, in Leder M. 12.—.

Leinen M. 15.—, in Leder M. 30.—. Herder. Ausgewählte Werke. 3 Bände mit 2

Goethes Werke in 4 Hauptbdn. u. einer Folge v. Bildnissen. In Leinen M. 5.—.

Ergänzungsbdn. M. Abb., Portr., Faksim. Preis Kleist. Sämtliche Werke. 1 Bd. mit Bildn. In Lein. der 4 Hauptbde. in Lein. M. 5.—, in Leder M. 12. M. 1.50, in Leder M. 3.25. —. Ergänzungsbde. in Leinen je M. 1.25, in Leder

je M. 2.—.

Verlag von Philipp Reclam jun. in Leipzig

Verlag von Philipp Reclam jun. in Leipzig

Körner. Sämtl. Werke. 1 Bd. mit Bildn. In Lein. M. Reuter. Sämtl. Werke. 4 Bde. mit zahlreich. Abb. In

1.40. in Leder M. 3.—. Lein. M. 6.—, in Leder M. 12.—.

Lenau. Sämtl. Werke. 1 Band mit Bildn. In Lein. M. Reuter. Auswahl. 2 Bde. mit zahlreich. Abbildgn. In

1.50, in Leder M. 3.25. Lein. M. 3.50, in Leder M. 7.—.

Lessing. Sämtl. Werke 3 Bde. mit 2 Bildnissen. In Rückert. Ausgewählte Werke. 3 Bde. mit 2 Bildn.

Leinen M. 5.—, in Leder M. 9.—. In Lein. M. 5.—, in Leder M. 9.—.

Lessing. Auswahl. 1 Bd. mit Bildnis. In Leinen M. Schiller. Sämtliche Werke in 4 Hauptbdn. u. 2

1.75. Ergänzungsbänden. Mit Abb., Portr., Faksim.

Longfellow. Sämtl. poetische Werke. 2 Bände mit 2 Preis d. 4 Hauptbde. in Lein. M. 5.—, in Led. M.

Bildnissen. In Leinen M. 3.50. 12.—, der Gesamtausgabe in Leinen M. 7.50, in

Ludwig. Ausgewählte Werke. 1 Bd. mit Bildn. In Leder M. 18.—.

Leinen M. 1.75, in Leder M. 3.50. Shakespeare. Dramat. Werke. 4 Bde. mit Abbild. In

Milton. Poetische Werke. 1 Bd. mit Bildn. In Lein. Leinen M. 5.—, in Leder M. 12.—.

M. 2.—. Stifter. Ausgewählte Werke. 2 Bde. mit Bildn. In

Molière. Sämtl. Werke. 2 Bde. mit Bildn. In Lein. Lein. M. 3.50, in Leder M. 6.—.

M. 3.50. Uhland. Gesammelte Werke. 2 Bde. mit Bildn. In

Möricke. Sämtl. Werke. 2 Bde. mit 2 Bildnissen. In Lein. M. 2.50, in Leder M. 6.—.

Leinen M. 3.50, in Leder M. 6.—.

Sonderausgaben aus Reclams Klassikern:

Goethe. Aus meinem Leben. Geh. 90 Pf., Halblein. Lessing. Hamburgische Dramaturgie. Geh. 90 Pf.,

M. 1.20. in Halbleinen M. 1.20.

Goethe. Gedichte. 2 Bde. Geh. je M. 1.—, in Lein. Schiller. Gedichte. Geh. 50 Pf., in Leinen 80 Pf., in

je M. 1.50, in Leder m. Goldschn. je M. 2.50. Leder mit Goldschnitt M. 2.—.

Goethe. Italien. Reise. Geh. 90 Pf., in Halbleinen M. Schiller. Geschichte des 30jährigen Krieges. Geh.

1.20. 70 Pf., in Leinen M. 1.—.

Goethe. Die Wahlverwandtschaften. Geh. 30 Pf., in Schiller. Geschichte des Abfalls der vereinigten

Halbleinen 60 Pf. Niederlande. Geh. 30 Pf., in Halblein. 60 Pf.

Goethe. West-östl. Diwan. Geh. 70 Pf., in Leinen

M. 1.—.

Goethe. Wilhelm Meisters Lehrjahre. Geh. 90 Pf., in

Halbleinen M. 1.20.

Goethe. Wilhelm Meisters Wanderjahre. Geh. 60

Pf., in Halbleinen 90 Pf.

Anmerkungen zur Transkription

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit einem anderen Schriftstil gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt waren, wurden in einer anderen Schriftart markiert.

Offensichtliche Fehler wurden berichtigt wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

... miteinander gewechselt, und aller Wahrscheilichkeit nach ...

... miteinander gewechselt, und aller Wahrscheinlichkeit nach ...

... verschwunden ist (Fig. 40 F). Die größeren vegetalen ...

... verschwunden ist (Fig. 10 F). Die größeren vegetalen ...

... jeden Versuch zur Mitwirkung; ja sie prohezeiten uns ...

... jeden Versuch zur Mitwirkung; ja sie prophezeiten uns ...

... in raschem Phatasiefluge an uns hatten vorüberziehen ...

... in raschem Phantasiefluge an uns hatten vorüberziehen ...

back

back

back

back

back

back

back



Zuletzt geändert: 23/10/2026