Dionysos-Dithyramben
Dionysos-Dithyramben - Friedrich Nietzsche Inhalt

Dionysos-Dithyramben

Friedrich Nietzsche

Insel-Verlag, Leipzig, 1914

Nur Narr! Nur Dichter!

Bei abgehellter Luft,

wenn schon des Thau's Tröstung

zur Erde niederquillt,

unsichtbar, auch ungehört

— denn zartes Schuhwerk trägt

der Tröster Thau gleich allen Trostmilden —

gedenkst du da, gedenkst du, heisses Herz,

wie einst du durstetest,

nach himmlischen Thränen und Thaugeträufel

versengt und müde durstetest,

dieweil auf gelben Graspfaden

boshaft abendliche Sonnenblicke

durch schwarze Bäume um dich liefen

blendende Sonnen-Gluthblicke, schadenfrohe.

"Der Wahrheit Freier—du? so höhnten sie

nein! nur ein Dichter!

ein Thier, ein listiges, raubendes, schleichendes,

das lügen muss,

das wissentlich, willentlich lügen muss,

nach Beute lüstern,

bunt verlarvt,

sich selbst zur Larve,

sich selbst zur Beute

das—der Wahrheit Freier? ...

Nur Narr! Nur Dichter!

Nur Buntes redend,

aus Narrenlarven bunt herausredend,

herumsteigend auf lügnerischen Wortbrücken,

auf Lügen-Regenbogen

zwischen falschen Himmeln

herumschweifend, herumschleichend —

nur Narr! nur Dichter! ...

Das—der Wahrheit Freier? ...

Nicht still, starr, glatt, kalt,

zum Bilde worden,

zur Gottes-Säule,

nicht auf gestellt vor Tempeln,

eines Gottes Thürwart:

nein! feindselig solchen Tugend-Standbildern,

in jeder Wildniss heimischer als in Tempeln,

voll Katzen-Muthwillens

durch jedes Fenster springend

husch! in jeden Zufall,

jedem Urwalde zuschnüffelnd,

dass du in Urwäldern

unter buntzottigen Raubthieren

sündlich gesund und schön und bunt liefest,

mit lüsternen Lefzen,

selig-höhnisch, selig-höllisch, selig-blutgierig,

raubend, schleichend, lügend liefest ...

Oder dem Adler gleich, der lange,

lange starr in Abgründe blickt,

in seine Abgründe ...

— oh wie sie sich hier hinab,

hinunter, hinein,

in immer tiefere Tiefen ringeln! —

Dann,

plötzlich,

geraden Flugs

gezückten Zugs

auf Lämmer stossen,

jach hinab, heisshungrig,

nach Lämmern lüstern,

gram allen Lamms-Seelen,

grimmig gram Allem, was blickt

tugendhaft, schafmässig, krauswollig,

dumm, mit Lammsmilch-Wohlwollen ...

Also

adlerhaft, pantherhaft

sind des Dichters Sehnsüchte,

sind deine Sehnsüchte unter tausend Larven

du Narr! du Dichter! ...

Der du den Menschen schautest

so Gott als Schaf —,

den Gott zerreissen im Menschen

wie das Schaf im Menschen

und zerreissend lachen —

das, das ist deine Seligkeit,

eines Panthers und Adlers Seligkeit,

eines Dichters und Narren Seligkeit! ...

Bei abgehellter Luft,

wenn schon des Monds Sichel

grün zwischen Purpurröthen

und neidisch hinschleicht,

— dem Tage feind,

mit jedem Schritte heimlich

an Rosen-Hängematten

hinsichelnd, bis sie sinken,

nachtabwärts blass hinabsinken:

so sank ich selber einstmals,

aus meinem Wahrheits-Wahnsinne,

aus meinen Tages-Sehnsüchten,

des Tages müde, krank vom Lichte,

— sank abwärts, abendwärts, schattenwärts,

von Einer Wahrheit

verbrannt und durstig

— gedenkst du noch, gedenkst du, heisses Herz,

wie da du durstetest? —

dass ich verbannt sei

von aller Wahrheit!

Nur Narr! Nur Dichter! ...

Unter Töchtern der Wüste

1

"Gehe nicht davon! sagte da der Wanderer, der sich den Schatten Zarathustras nannte, bleibe bei uns,—es möchte sonst uns die alte dumpfe Trübsal wieder anfallen.

Schon gab uns jener alte Zauberer von seinem Schlimmsten zum Besten, und siehe doch, der gute fromme Papst da hat Thränen in den Augen und sich ganz wieder aufs Meer der Schwermuth eingeschifft.

Diese Könige da mögen wohl vor uns noch gute Miene machen: hätten sie aber keine Zeugen, ich wette, auch bei ihnen fienge das böse Spiel wieder an,

— das böse Spiel der ziehenden Wolken, der feuchten Schwermuth, der verhängten Himmel, der gestohlenen Sonnen, der heulenden Herbstwinde,

— das böse Spiel unsres Heulens und Nothschreiens: bleibe bei uns, Zarathustra! Hier ist viel verborgenes Elend, das reden will, viel Abend, viel Wolke, viel dumpfe Luft!

Du nährtest uns mit starker Mannskost und kräftigen Sprüchen: lass es nicht zu, dass uns zum Nachtisch die weichlichen weiblichen Geister wieder anfallen!

Du allein machst die Luft um dich herum stark und klar! Fand ich je auf Erden so gute Luft als bei dir in deiner Höhle?

Vielerlei Länder sah ich doch, meine Nase lernte vielerlei Luft prüfen und abschätzen: aber bei dir schmecken meine Nüstern ihre grösste Lust!

Es sei denn—, es sei denn—, oh vergieb eine alte Erinnerung! Vergieb mir ein altes Nachtisch-Lied, das ich einst unter Töchtern der Wüste dichtete.

Bei denen nämlich gab es gleich gute helle morgenländische Luft; dort war ich am fernsten vom wolkigen feuchten schwermüthigen Alt-Europa!

Damals liebte ich solcherlei Morgenland-Mädchen und andres blaues Himmelreich, über dem keine Wolken und keine Gedanken hängen.

ihr glaubt es nicht, wie artig sie dasassen, wenn sie nicht tanzten, tief, aber ohne Gedanken, wie kleine Geheimnisse, wie bebänderte Räthsel, wie Nachtisch-Nüsse—

bunt und fremd fürwahr! aber ohne Wolken: Räthsel, die sich rathen lassen: solchen Mädchen zu Liebe erdachte ich damals einen Nachtisch-Psalm."

Also sprach der Wanderer, der sich den Schatten Zarathustras nannte; und ehe jemand ihm antwortete, hatte er schon die Harfe des alten Zauberers ergriffen, die Beine gekreuzt und blickte gelassen und weise um sich:—mit den Nüstern aber zog er langsam und fragend die Luft ein, wie Einer, der in neuen Ländern eine neue Luft kostet. Endlich hob er mit einer Art Gebrüll zu singen an.

2

Die Wüste wächst: weh dem, der Wüsten birgt ...

3

Ha!

Feierlich!

ein würdiger Anfang!

afrikanisch feierlich!

eines Löwen würdig

oder eines moralischen Brüllaffen ...

— aber Nichts für euch,

ihr allerliebsten Freundinnen,

zu deren Füssen mir,

einem Europäer unter Palmen,

zu sitzen vergönnt ist. Sela.

Wunderbar wahrlich!

Da sitze ich nun,

der Wüste nahe und bereits

so ferne wieder der Wüste,

auch in Nichts noch verwüstet:

nämlich hinabgeschluckt

von dieser kleinsten Oasis

— sie sperrte gerade gähnend

ihr liebliches Maul auf,

das wohlriechendste aller Mäulchen:

da fiel ich hinein,

hinab, hindurch—unter euch,

ihr allerliebsten Freundinnen! Sela.

Heil, Heil jenem Walfische,

wenn er also es seinem Gaste

wohlsein liess!—ihr versteht

meine gelehrte Anspielung? ...

Heil seinem Bauche,

wenn es also

ein so lieblicher Oasis-Bauch war,

gleich diesem: was ich aber in Zweifel ziehe.

Dafür komme ich aus Europa,

das zweifelsüchtiger ist als alle Eheweibchen.

Möge Gott es bessern!

Amen!

Da sitze ich nun,

in dieser kleinsten Oasis,

einer Dattel gleich,

braun, durchsüsst, goldschwürig,

lüstern nach einem runden Mädchen-Maule,

mehr aber noch nach mädchenhaften

eiskalten schneeweissen schneidigen

Beisszähnen: nach denen nämlich

lechzt das Herz allen heissen Datteln. Sela.

Den genannten Südfrüchten

ähnlich, allzuähnlich

liege ich hier, von kleinen

Flügelkäfern

umtänzelt und umspielt,

insgleichen von noch kleineren

thörichteren boshafteren

Wünschen und Einfällen, —

umlagert von euch,

ihr stummen, ihr ahnungsvollen

Mädchen-Katzen

Dudu und Suleika

— umsphinxt, dass ich in Ein Wort

viel Gefühle stopfe

(— vergebe mir Gott

diese Sprachsünde! ...)

— sitze hier, die beste Luft schnüffelnd,

Paradieses-Luft wahrlich,

lichte leichte Luft, goldgestreifte,

so gute Luft nur je

vom Monde herabfiel,

sei es aus Zufall

oder geschah es aus Übermuthe?

wie die alten Dichter erzählen.

Ich Zweifler aber ziehe es in Zweifel,

dafür komme ich

aus Europa,

das zweifelsüchtiger ist als alle Eheweibchen.

Möge Gott es bessern!

Amen.

Diese schönste Luft athmend,

mit Nüstern geschwellt gleich Bechern,

ohne Zukunft, ohne Erinnerungen,

so sitze ich hier, ihr

allerliebsten Freundinnen,

und sehe der Palme zu,

wie sie, einer Tänzerin gleich,

sich biegt und schmiegt und in der Hüfte wiegt

— man thut es mit, sieht man lange zu ...

einer Tänzerin gleich, die, wie mir scheinen will,

zu lange schon, gefährlich lange

immer, immer nur auf Einem Beinchen stand?

— da vergass sie darob, wie mir scheinen will,

das andre Beinchen?

Vergebens wenigstens

suchte ich das vermisste

Zwillings-Kleinod

— nämlich das andre Beinchen —

in der heiligen Nähe

ihres allerliebsten, allerzierlichsten

Fächer- und Flatter- und Flitter-Röckchens.

ja, wenn ihr mir, ihr schönen Freundinnen,

ganz glauben wollt,

sie hat es verloren ...

Hu! Hu! Hu! Hu! Hu! ...

Es ist dahin,

auf ewig dahin,

das andre Beinchen!

Oh schade um dies liebliche andre Beinchen!

Wo—mag es wohl weilen und verlassen trauern,

dieses einsame Beinchen?

In Furcht vielleicht vor einem

grimmen gelben blondgelockten

Löwen-Unthiere? oder gar schon

abgenagt, abgeknabbert —

erbärmlich wehe! wehe! abgeknabbert! Sela.

Oh weint mir nicht,

weiche Herzen!

Weint mir nicht, ihr

Dattel-Herzen! Milch-Busen!

Ihr Süssholz-Herz

Beutelchen!

Sei ein Mann, Suleika! Muth! Muth!

Weine nicht mehr,

bleiche Dudu!

— Oder sollte vielleicht

etwas Stärkendes, Herz-Stärkendes

hier am Platze sein?

ein gesalbter Spruch?

ein feierlicher Zuspruch? ...

Ha!

Herauf, Würde!

Blase, blase wieder,

Blasebalg der Tugend!

Ha!

Noch Ein Mal brüllen,

moralisch brüllen,

als moralischer Löwe vor den Töchtern der Wüste brüllen!

— Denn Tugend-Geheul,

ihr allerliebsten Mädchen,

ist mehr als Alles

Europäer-Inbrunst, Europäer-Heisshunger!

Und da stehe ich schon,

als Europäer,

ich kann nicht anders, Gott helfe mir!

Amen!

Die Wüste wächst: weh dem, der Wüsten birgt!

Stein knirscht an Stein, die Wüste schlingt und würgt.

Der ungeheure Tod blickt glühend braun

und kaut,—sein Leben ist sein Kaun ...

Vergiss nicht, Mensch, den Wollust ausgeloht:

du—bist der Stein, die Wüste, bist der Tod ...

Letzter Wille

So sterben,

wie ich ihn einst sterben sah—,

den Freund, der Blitze und Blicke

göttlich in meine dunkle Jugend warf.

Muthwillig und tief,

in der Schlacht ein Tänzer—,

unter Kriegern der Heiterste,

unter Siegern der Schwerste,

auf seinem Schicksal ein Schicksal stehend,

hart, nachdenklich, vordenklich—:

erzitternd darob, dass er siegte,

jauchzend darüber, dass er sterbend siegte—:

befehlend, indem er starb

— und er befahl, dass man vernichte ...

So sterben,

wie ich ihn einst sterben sah:

siegend, vernichtend ...

Zwischen Raubvögeln

Wer hier hinabwill,

wie schnell

schluckt den die Tiefe!

— Aber du, Zarathustra,

liebst den Abgrund noch,

thust der Tanne es gleich? —

Die schlägt Wurzeln, wo

der Fels selbst schaudernd

zur Tiefe blickt—,

die zögert an Abgründen,

wo Alles rings

hinunter will:

zwischen der Ungeduld

wilden Gerölls, stürzenden Bachs

geduldig duldend, hart, schweigsam,

einsam ...

Einsam!

Wer wagte es auch,

hier Gast zu sein,

dir Gast zu sein? ...

Ein Raubvogel vielleicht:

der hängt sich wohl

dem standhaften Dulder

schadenfroh in's Haar,

mit irrem Gelächter,

einem Raubvogel-Gelächter ...

Wozu so standhaft?

— höhnt er grausam:

man muss Flügel haben, wenn man den Abgrund liebt ...

man muss nicht hängen bleiben,

wie du, Gehängter! —

Oh Zarathustra,

grausamster Nimrod!

jüngst Jäger noch Gottes,

das Fangnetz aller Tugend,

der Pfeil des Bösen!

Jetzt —

von dir selber erjagt,

deine eigene Beute,

in dich selber eingebohrt ...

Jetzt —

einsam mit dir,

zwiesam im eignen Wissen,

zwischen hundert Spiegeln

vor dir selber falsch,

zwischen hundert Erinnerungen

ungewiss,

an jeder Wunde müd,

an jedem Froste kalt,

in eignen Stricken gewürgt,

Selbstkenner!

Selbsthenker!

Was bandest du dich

mit dem Strick deiner Weisheit?

Was locktest du dich

ins , Paradies der alten Schlange?

Was schlichst du dich ein

in dich—in dich? ...

Ein Kranker nun,

der an Schlangengift krank ist;

ein Gefangner nun,

der das härteste Loos zog:

im eignen Schachte

gebückt arbeitend,

in dich selber eingehöhlt,

dich selber angrabend,

unbehülflich,

steif,

ein Leichnam—,

von hundert Lasten überthürmt,

von dir überlastet,

ein Wissender!

ein Selbsterkenner!

der weise Zarathustra! ...

Du suchtest die schwerste Last:

da fandest du dich—,

du wirfst dich nicht ab von dir ...

Lauernd,

kauernd,

Einer, der schon nicht mehr aufrecht steht!

Du verwächst mir noch mit deinem Grabe,

verwachsener Geist! ...

Und jüngst noch so stolz,

auf allen Stelzen deines Stolzes!

Jüngst noch der Einsiedler ohne Gott,

der Zweisiedler mit dem Teufel,

der scharlachne Prinz jedes Übermuths! ...

Jetzt —

zwischen zwei Nichtse

eingekrümmt,

ein Fragezeichen,

ein müdes Räthsel —

ein Räthsel für Raubvögel ...

sie werden dich schon "lösen",

sie hungern schon nach deiner "Lösung",

sie flattern schon um dich, ihr Räthsel,

um dich, Gehenkter! ...

Oh Zarathustra! ...

Selbstkenner! ...

Selbsthenker! ...

Das Feuerzeichen

Hier, wo zwischen Meeren die Insel wuchs,

ein Opferstein jäh hinaufgethürmt,

hier zündet sich unter schwarzem Himmel

Zarathustra seine Höhenfeuer an,

Feuerzeichen für verschlagne Schiffer,

Fragezeichen für Solche, die Antwort haben ...

Diese Flamme mit weissgrauem Bauche

— in kalte Fernen züngelt ihre Gier,

nach immer reineren Höhn biegt sie den Hals—

eine Schlange gerad aufgerichtet vor Ungeduld:

dieses Zeichen stellte ich vor mich hin.

Meine Seele selber ist diese Flamme,

unersättlich nach neuen Fernen

lodert aufwärts, aufwärts ihre stille Gluth.

Was floh Zarathustra vor Thier und Menschen?

Was entlief er jäh allem festen Lande?

Sechs Einsamkeiten kennt er schon—,

aber das Meer selbst war nicht genug ihm einsam,

die Insel liess ihn steigen, auf dem Berg wurde er zur Flamme,

nach einer siebenten Einsamkeit

wirft er suchend jetzt die Angel über sein Haupt.

Verschlagne Schiffer! Trümmer alter Sterne!

Ihr Meere der Zukunft! Unausgeforschte Himmel!

nach allem Einsamen werfe ich jetzt die Angel:

gebt Antwort auf die Ungeduld der Flamme,

fangt mir, dem Fischer auf hohen Bergen,

meine siebente letzte Einsamkeit! ——

Die Sonne sinkt

1

Nicht lange durstest du noch,

verbranntes Herz!,

Verheissung ist in der Luft,

aus unbekannten Mündern bläst mich's an

— die grosse Kühle kommt ...

Meine Sonne stand heiss über mir im Mittage:

seid mir gegrüsst, dass ihr kommt

ihr plötzlichen Winde

ihr kühlen Geister des Nachmittags!

Die Luft geht fremd und rein.

Schielt nicht mit schiefem

Verführerblick

die Nacht mich an? ...

Bleib stark, mein tapfres Herz!

Frag nicht: warum? —

2

Tag meines Lebens!

die Sonne sinkt.

Schon steht die glatte

Fluth vergüldet.

Warm athmet der Fels:

schlief wohl zu Mittag

das Glück auf ihm seinen Mittagsschlaf?

In grünen Lichtern

spielt Glück noch der braune Abgrund herauf.

Tag meines Lebens!

gen Abend gehts!

Schon glüht dein Auge

halbgebrochen,

schon quillt deines Thaus

Thränengeträufel,

schon läuft still über weisse Meere

deiner Liebe Purpur,

deine letzte zögernde Seligkeit ...

3

Heiterkeit, güldene, komm!

du des Todes

heimlichster süssester Vorgenuss!

— Lief ich zu rasch meines Wegs?

Jetzt erst, wo der Fuss müde ward,

holt dein Blick mich noch ein,

holt dein Glück mich noch ein.

Rings nur Welle und Spiel.

Was je schwer war,

sank in blaue Vergessenheit,

müssig steht nun mein Kahn.

Sturm und Fahrt—wie verlernt er das!

Wunsch und Hoffen ertrank,

glatt liegt Seele und Meer.

Siebente Einsamkeit!

Nie empfand ich

näher mir süsse Sicherheit,

wärmer der Sonne Blick.

— Glüht nicht das Eis meiner Gipfel noch?

Silbern, leicht, ein Fisch

schwimmt nun mein Nachen hinaus ...

Klage der Ariadne

Wer wärmt mich, wer liebt mich noch?

Gebt heisse Hände!

gebt Herzens-Kohlenbecken!

Hingestreckt, schaudernd,

Halbtodtem gleich, dem man die Füsse wärmt,

geschüttelt ach! von unbekannten Fiebern,

zitternd vor spitzen eisigen Frostpfeilen,

von dir gejagt, Gedanke!

Unnennbarer! Verhüllter! Entsetzlicher!

Du Jäger hinter Wolken!

Darnieder geblitzt von dir,

du höhnisch Auge, das mich aus Dunklem anblickt!

So liege ich,

biege mich, winde mich, gequält

von allen ewigen Martern,

getroffen

von dir, grausamster Jäger,

du unbekannter—Gott ...

Triff tiefer!

Triff Ein Mal noch!

Zerstich, zerbrich dies Herz!

Was soll dies Martern

mit zähnestumpfen Pfeilen?

Was blickst du wieder

der Menschen-Qual nicht müde,

mit schadenfrohen Götter-Blitz-Augen?

Nicht tödten willst du,

nur martern, martern?

Wozu—mich martern,

du schadenfroher unbekannter Gott?

Haha!

Du schleichst heran

bei solcher Mitternacht? ...

Was willst du?

Sprich!

Du drängst mich, drückst mich,

Ha! schon viel zu nahe!

Du hörst mich athmen,

du behorchst mein Herz,

du Eifersüchtiger!

— worauf doch eifersüchtig?

Weg! Weg!

wozu die Leiter?

willst du hinein,

ins Herz, einsteigen,

in meine heimlichsten

Gedanken einsteigen?

Schamloser! Unbekannter! Dieb!

Was willst du dir erstehlen?

Was willst du dir erhorchen?

was willst du dir erfoltern,

du Folterer!

du—Henker-Gott!

Oder soll ich, dem Hunde gleich,

vor dir mich wälzen?

Hingebend, begeistert ausser mir

dir Liebe—zuwedeln?

Umsonst!

Stich weiter!

Grausamster Stachel!

Kein Hund—dein Wild nur bin ich,

grausamster Jäger!

deine stolzeste Gefangne,

du Räuber hinter Wolken ...

Sprich endlich!

Du Blitz-Verhüllter! Unbekannter! sprich!

Was willst du, Wegelagerer, von—mir? ...

Wie?

Lösegeld?

Was willst du Lösegelds?

Verlange Viel—das räth mein Stolz!

und rede kurz—das räth mein andrer Stolz!

Haha!

Mich—willst du? mich?

mich—ganz? ...

Haha!

Und marterst mich, Narr, der du bist,

zermarterst meinen Stolz?

Gieb Liebe mir—wer wärmt mich noch?

wer liebt mich noch?

gieb heisse Hände,

gieb Herzens-Kohlenbecken,

gieb mir, der Einsamsten,

nach Feinden selber,

nach Feinden schmachten lehrt,

gieb, ja ergieb

grausamster Feind,

mir—dich! ...

Davon!

Da floh er selber,

mein einziger Genoss,

mein grosser Feind,

mein Unbekannter,

mein Henker-Gott! ...

Nein!

komm zurück!

Mit allen deinen Martern!

All meine Thränen laufen

zu dir den Lauf

und meine letzte Herzensflamme

dir glüht sie auf.

Oh komm zurück,

mein unbekannter Gott! mein Schmerz

mein letztes Glück! ...

Ein Blitz. Dionysos wird in smaragdener Schönheit sichtbar.

Dionysos:

Sei klug, Ariadne! ...

Du hast kleine Ohren, du hast meine Ohren:

steck ein kluges Wort hinein! —

Muss man sich nicht erst hassen, wenn man sich lieben soll? ...

Ich bin dein Labyrinth ...

Ruhm und Ewigkeit

1

Wie lange sitzest du schon

auf deinem Missgeschick?

Gieb Acht! du brütest mir noch

ein Ei,

ein Basilisken-Ei

aus deinem langen Jammer aus.

Was schleicht Zarathustra entlang dem Berge? —

Misstrauisch, geschwürig, düster,

ein langer Lauerer—,

aber plötzlich, ein Blitz,

hell, furchtbar, ein Schlag

gen Himmel aus dem Abgrund:

— dem Berge selber schüttelt sich

das Eingeweide ...

Wo Hass und Blitzstrahl

Eins ward, ein Fluch—,

auf den Bergen haust jetzt Zarathustra's Zorn,

eine Wetterwolke schleicht er seines Wegs.

Verkrieche sich, wer eine letzte Decke hat!

Ins Bett mit euch, ihr Zärtlinge!

Nun rollen Donner über die Gewölbe,

nun zittert, was Gebälk und Mauer ist,

nun zucken Blitze und schwefelgelbe Wahrheiten —

Zarathustra flucht ...

2

Diese Münze, mit der

alle Welt bezahlt,

Ruhm—,

mit Handschuhen fasse ich diese Münze an,

mit Ekel trete ich sie unter mich.

Wer will bezahlt sein?

Die Käuflichen ...

Wer feil steht, greift

mit fetten Händen

nach diesem Allerwelts-Blechklingklang Ruhm!

— Willst du sie kaufen?

sie sind Alle käuflich.

Aber biete Viel!

klingle mit vollem Beutel!

— du stärkst sie sonst,

du stärkst sonst ihre Tugend ...

Sie sind Alle tugendhaft.

Ruhm und Tugend—das reimt sich.

So lange die Welt lebt,

zahlt sie Tugend-Geplapper

mit Ruhm-Geklapper—,

die Welt lebt von diesem Lärm ...

Vor allen Tugendhaften

will ich schuldig sein,

schuldig heissen mit jeder grossen Schuld!

Vor allen Ruhms-Schalltrichtern

wird mein Ehrgeiz zum Wurm—,

unter, Solchen gelüstet's mich,

der Niedrigste zusein ...

Diese Münze, mit der

alle Welt bezahlt,

Ruhm—,

mit Handschuhen fasse ich diese Münze an,

mit Ekel trete ich sie unter mich.

3

Still! —

Von grossen Dingen—ich sehe Grosses! —

soll man schweigen

oder gross reden:

rede gross, meine entzückte Weisheit!

Ich sehe hinauf —

dort rollen Lichtmeere:

— oh Nacht, oh Schweigen, oh todtenstiller Lärm! ...

Ich sehe ein Zeichen—,

aus fernsten Fernen

sinkt langsam funkelnd ein Sternbild gegen mich ...

4

Höchstes Gestirn des Seins!

Ewiger Bildwerke Tafel!

Du kommst zu mir? —

Was Keiner erschaut hat,

deine stumme Schönheit,—

wie? sie flieht vor meinen Blicken nicht?

Schild der Nothwendigkeit!

Ewiger Bildwerke Tafel!

— aber du weisst es ja:

was Alle hassen,

was allein ich liebe,

dass du ewig bist!

dass du nothwendig bist!

Meine Liebe entzündet

sich ewig nur an der Nothwendigkeit.

Schild der Nothwendigkeit!

Höchstes Gestirn des Seins!

— das kein Wunsch erreicht,

das kein Nein befleckt,

ewiges Ja des Sein's,

ewig bin ich dein Ja:

denn ich liebe dich, oh Ewigkeit! ——

Von der Armut des Reichsten

Zehn Jahre dahin—,

kein Tropfen erreichte mich,

kein feuchter Wind, kein Thau der Liebe

— ein regenloses Land ...

Nun bitte ich meine Weisheit,

nicht geizig zu werden in dieser Dürre:

ströme selber über, träufle selber Thau

sei selber Regen der vergilbten Wildniss!

Einst hiess ich die Wolken

fortgehn von meinen Bergen,—

einst sprach ich "mehr Licht, ihr Dunklen!"

Heut locke ich sie, dass sie kommen:

macht dunkel um mich mit euren Eutern!

— ich will euch melken,

ihr Kühe der Höhe!

Milchwarme Weisheit, süssen Thau der Liebe

ströme ich über das Land.

Fort, fort, ihr Wahrheiten,

die ihr düster blickt!

Nicht will ich auf meinen Bergen

herbe ungeduldige Wahrheiten sehn.

Vom Lächeln vergüldet

nahe mir heut die Wahrheit,

von der Sonne gesüsst, von der Liebe gebräunt,—

eine reife Wahrheit breche ich allein vom Baum.

Heut strecke ich die Hand aus

nach den Locken des Zufalls,

klug genug, den Zufall

einem Kinde gleich zu führen, zu überlisten.

Heut will ich gastfreundlich sein

gegen Unwillkommnes,

gegen das Schicksal selbst will ich nicht stachlicht sein

— Zarathustra ist kein Igel.

Meine Seele,

unersättlich mit ihrer Zunge,

an alle guten und schlimmen Dinge hat sie schon geleckt,

in jede Tiefe tauchte sie hinab.

Aber immer gleich dem Korke,

immer schwimmt sie wieder obenauf,

sie gaukelt wie öl über braune Meere:

dieser Seele halber heisst man mich den Glücklichen.

Wer sind mir Vater und Mutter?

Ist nicht mir Vater Prinz Überfluss

und Mutter das stille Lachen?

Erzeugte nicht dieser Beiden Ehebund

mich Räthselthier,

mich Lichtunhold,

mich Verschwender aller Weisheit Zarathustra?

Krank heute vor Zärtlichkeit,

ein Thauwind,

sitzt Zarathustra wartend, wartend auf seinen Bergen,—

im eignen Safte

süss geworden und gekocht,

unterhalb seines Gipfels,

unterhalb seines Eises,

müde und selig,

ein Schaffender an seinem siebenten Tag.

— Still!

Eine Wahrheit wandelt über mir

einer Wolke gleich,—

mit unsichtbaren Blitzen trifft sie mich.

Auf breiten langsamen Treppen

steigt ihr Glück zu mir:

komm, komm, geliebte Wahrheit!

— Still!

Meine Wahrheit ists!

Aus zögernden Augen,

aus sammtenen Schaudern

trifft mich ihr Blick,

lieblich, bös, ein Mädchenblick ...

Sie errieth meines Glückes Grund,

sie errieth mich—ha! was sinnt sie aus? —

Purpurn lauert ein Drache

im Abgrunde ihres Mädchenblicks.

— Still! Meine Wahrheit redet! —

Wehe dir, Zarathustra!

Du siehst aus, wie Einer,

der Gold verschluckt hat:

man wird dir noch den Bauch aufschlitzen! ...

Zu reich bist du,

du Verderber Vieler!

Zu Viele machst du neidisch,

zu Viele machst du arm ...

Mir selber wirft dein Licht Schatten—,

es fröstelt mich: geh weg, du Reicher,

geh, Zarathustra, weg aus deiner Sonne! ...

Du möchtest schenken, wegschenken deinen Überfluss,

aber du selber bist der überflüssigste.

Sei klug, du Reicher!

Verschenke dich selber erst, oh Zarathustra!

Zehn Jahre dahin—,

und kein Tropfen erreichte dich?

Kein feuchter Wind? kein Thau der Liebe?

Aber wer sollte dich auch lieben,

du überreicher?

Dein Glück macht rings trocken,

macht arm an Liebe

— ein regenloses Land ...

Niemand dankt dir mehr,

du aber dankst jedem,

der von dir nimmt:

daran erkenne ich dich,

du überreicher,

du Ärmster aller Reichen!

Du opferst dich, dich quält dein Reichthum—,

du giebst dich ab,

du schonst dich nicht, du liebst dich nicht:

die grosse Qual zwingt dich allezeit,

die Qual übervoller Scheuern, übervollen Herzens —

aber Niemand dankt dir mehr ...

Du musst ärmer werden,

weiser Unweiser!

willst du geliebt sein.

Man liebt nur die Leidenden,

man giebt Liebe nur dem Hungernden:

verschenke dich selber erst, oh Zarathustra!

— Ich bin deine Wahrheit ...



Zuletzt geändert: 23/10/2026