Ideen zu einer Philosophie der Natur

Friedrich Wilhelm Joseph Schelling
Ideen zu einer Philosophie der Natur
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Impressum
Ideen zu einer Philosophie der Natur als Einleitung in das Studium dieser Wissenschaft
Vorrede zur ersten Auflage 1
Was als reines Resultat der bisherigen philosophischen Untersuchungen unseres Zeitalters übrig bleibt, ist kürzlich folgendes: »Die bisherige theoretische Philosophie (unter dem Namen Metaphysik) war eine Vermischung ganz heterogener Prinzipien. Ein Teil derselben enthielt Gesetze, welche zur Möglichkeit der Erfahrung gehören (allgemeine Naturgesetze), ein anderer Grundsätze, die über alle Erfahrung hinausreichen (eigentlich metaphysische Prinzipien).«
»Nun ist aber ausgemacht, daß von den letzteren in der theoretischen Philosophie nur ein regulativer Gebrauch gemacht werden kann. Was uns allein über die Erscheinungswelt erhebt, ist unsere moralische Natur, und Gesetze, die im Reich der Ideen von konstitutivem Gebrauch sind, werden eben damit praktische Gesetze. Was also bisher in der theoretischen Philosophie Metaphysisches war, bleibt künftig einzig und allein der praktischen überlassen. Was für die theoretische Philosophie übrig bleibt, sind allein die allgemeinen Prinzipien einer möglichen Erfahrung, und anstatt eine Wissenschaft zu sein, die auf Physik folgt (Metaphysik), wird sie künftig eine Wissenschaft sein, die der Physik vorangeht.«
Nun zerfällt aber theoretische und praktische Philosophie (die man zum Behuf der Schule etwa trennen kann, die aber im menschlichen[99] Geiste ursprünglich und notwendig vereinigt sind) in die reine und angewandte.
Die reine theoretische Philosophie beschäftigt sich bloß mit der Untersuchung über die Realität unseres Wissens überhaupt; der angewandten aber, unter dem Namen einer Philosophie der Natur, kommt es zu, ein bestimmtes System unseres Wissens (d.h. das System der gesamten Erfahrung) aus Prinzipien abzuleiten.
Was für die theoretische Philosophie die Physik ist, ist für die praktische die Geschichte, und so entwickeln sich aus diesen beiden Hauptteilen der Philosophie die beiden Hauptzweige unseres empirischen Wissens.
Mit einer Bearbeitung der Philosophie der Natur, und der Philosophie des Menschen hoffe ich daher die gesamte angewandte Philosophie zu umfassen. Durch jene soll die Naturlehre, durch diese die Geschichte eine wissenschaftliche Grundlage erhalten.
Die vorliegende Schrift soll nur der Anfang einer Ausführung dieses Plans sein. Über die Idee einer Philosophie der Natur, die dieser Schrift zugrunde liegt, werde ich mich in der Einleitung erklären. Ich muß also erwarten, daß die Prüfung der philosophischen Prinzipien dieser Schrift von dieser Einleitung ausgehe.
Was aber die Ausführung betrifft, so sagt der Titel schon, daß diese Schrift kein wissenschaftliches System, sondern nur Ideen zu einer Philosophie der Natur enthält. Man kann sie als eine Reihe einzelner Abhandlungen über diesen Gegenstand betrachten.
Der gegenwärtige erste Teil dieser Schrift zerfällt in zwei Teile, den empirischen und den philosophischen. Den ersten voranzuschicken hielt ich für notwendig, weil in der Folge der Schrift sehr oft auf die neueren Entdeckungen und Untersuchungen der Physik und Chemie Rücksicht genommen wird. Dadurch entstand aber die Unbequemlichkeit, daß manches zweifelhaft bleiben mußte, was ich erst späterhin aus philosophischen Prinzipien entscheiden zu können glaubte. Ich muß also wegen mancher Äußerungen des ersten Buchs auf das zweite (vorzüglich das achte Kapitel) verweisen. In Ansehung der jetzt zum Teil[100] noch streitigen Fragen über die Natur der Wärme und die Phänomene des Verbrennens, befolgte ich den Grundsatz, in den Körpern schlechterdings keine verborgene Grundstoffe zuzulassen, deren Realität durch Erfahrung gar nicht dargetan werden kann. In alle diese Untersuchungen über Wärme, Licht, Elektrizität usw. hat man neuerdings mehr oder weniger philosophische Prinzipien eingemengt, ohne sich übrigens von dem empirischen Boden zu entfernen, die der experimentierenden Naturlehre an und für sich schon fremd und gewöhnlich noch so unbestimmt sind, daß daraus unausbleibliche Verwirrung entsteht. So wird mit dem Begriff von Kraft jetzt häufiger als je in der Physik gespielt, besonders seitdem man an der Materialität des Lichts usw. zu zweifeln anfing; hat man doch schon einige Male gefragt, ob nicht die Elektrizität vielleicht Lebenskraft sein möchte. Alle diese vage, in die Physik widerrechtlich eingeführten Begriffe, mußte ich, da sie nur philosophisch zu berichtigen sind, im ersten Teil dieser Schrift in ihrer Unbestimmtheit lassen. Sonst habe ich mich in diesem Teil immer in den Grenzen der Physik und Chemie zu halten – also auch ihre Bildersprache zu sprechen gesucht. – Im Abschnitt vom Licht (S. 181 ff.) wollte ich vorzüglich zu Untersuchungen über den Einfluß des Lichts auf unsere Atmosphäre Veranlassung geben. Daß dieser Einfluß nicht bloß mechanischer Art sei, ließe sich schon aus der Verwandtschaft des Lichts mit der Lebensluft schließen. Weitere Untersuchungen über diesen Gegenstand könnten vielleicht selbst über die Natur des Lichts und seiner Fortpflanzung in unserer Atmosphäre nähere Aufschlüsse geben. Die Sache ist doppelt wichtig, da wir jetzt zwar die Mischung der atmosphärischen Luft kennen, aber nicht wissen, wie die Natur dieses Verhältnis heterogener Luftarten, der zahllosen Veränderungen in der Atmosphäre ungeachtet, beständig zu erhalten weiß. Was ich darüber im Abschnitt von den Luftarten gesagt habe, reicht bei weitem nicht hin, hierüber vollkommen Aufschluß zu geben. Die von mir vorgetragene und mit Beweisen unterstützte Hypothese über den Ursprung der elektrischen Erscheinungen wünschte ich um so mehr geprüft zu sehen, da sie, wenn sie wahr ist, ihren Einfluß noch weiter (z.B. auf Physiologie) erstrecken muß.[101]
Der philosophische Teil dieser Schrift betrifft die Dynamik als Grundwissenschaft der Naturlehre, und die Chemie als Folge derselben. Der nächstfolgende Teil wird die Prinzipien der organischen Naturlehre oder sogenannten Physiologie umfassen.2
Aus der Einleitung wird man sehen, daß mein Zweck nicht ist, Philosophie auf Naturlehre anzuwenden. Ich kann mir kein betrübteres Taglöhnergeschäft denken als eine solche Anwendung abstrakter Prinzipien auf eine bereits vorhandene empirische Wissenschaft. Mein Zweck ist vielmehr, die Naturwissenschaft selbst erst philosophisch entstehen zu lassen, und meine Philosophie ist selbst nichts anders als Naturwissenschaft. Es ist wahr, daß uns Chemie die Elemente, Physik die Silben, Mathematik die Natur lesen lehrt; aber man darf nicht vergessen, daß es der Philosophie zusteht, das Gelesene auszulegen.[102]
Fußnoten
1 Der Titel der ersten Auflage lautete: »Ideen zu einer Philosophie der Natur.« Der Beisatz: »Als Einleitung in das Studium dieser Wissenschaft« ist in der zweiten Auflage hinzugekommen.
2 Dieser Satz lautete im ersten Abdruck dieser Vorrede: »Der nächstfolgende Teil wird die allgemeine Bewegungslehre, Statik und Mechanik, die Prinzipien der Naturlehre, der Theologie und Physiologie umfassen«. Man vergl. die Anmerkung S. 433.
Vorrede zur zweiten Auflage
Diese Schrift, welche hier in einer neuen Ausgabe erscheint, hatte die fortdauernde Nachfrage ohne Zweifel hauptsächlich dem Umstande zu verdanken, daß sie die ersten Ideen und Studien des Verfassers zur Naturphilosophie enthielt. Seitdem hat diese Wissenschaft nach außen durch die Bereicherungen, welche ihr durch einige treffliche Köpfe zuteil geworden sind, sowie durch Anwendung auf fast alle Zweige der Naturlehre an objektivem Umfang gewonnen; nach innen ist, wie ich voraussetzen zu dürfen glaube, ihr Verhältnis zur Philosophie überhaupt entschieden worden. Um so größer mußte das Bestreben sein, die Mängel der früheren Erscheinung dieser Schrift, welche mir vielleicht am wenigsten unbekannt bleiben konnte, in der späteren so viel möglich aufzuheben.
Zu diesem Ende sind nicht nur in dem Text der ersten Ausgabe die nötig scheinenden Verbesserungen gemacht, sondern es ist auch versucht worden, durch Zusätze zu jedem Kapitel den gegenwärtigen Grad der Vollendung der Wissenschaft zu bezeichnen und die späteren Früchte mit den Keimen der ersten Anlage zu verknüpfen. Hierbei wurde die zwiefache Rücksicht beobachtet, den Freunden der Philosophie in dem Zusatz zur Einleitung, und zerstreut in den übrigen, den durch fortgesetzte Ausbildung erreichten Stand der Naturphilosophie in ihrer Beziehung auf Spekulation überhaupt darzulegen, den Naturforschern aber, welche dieser Schrift vor meinen andern noch die meiste Aufmerksamkeit geschenkt haben, in den Zusätzen zum ersten und zweiten Buch einen[103] Inbegriff der jetzigen Ansichten der Naturphilosophie über alle in vorliegender Schrift berührte Gegenstände mitzuteilen.
In diesem Betracht wird sie in ihrer neuen Gestalt sich als Einleitung in das Studium der Naturphilosophie rechtfertigen, indem sie zugleich den Übergang zu einem zweiten Teil bildet, welcher die organische Physik und eine Kritik der vorzüglichsten bisherigen Lehrmeinungen über dieselbe enthalten würde.
Jena, den 31. Dezember 1802.[104]
Einleitung
Was Philosophie überhaupt sei, läßt sich nicht so unmittelbar beantworten. Wäre es so leicht, über einen bestimmten Begriff von Philosophie übereinzukommen, so brauchte man nur diesen Begriff zu analysieren, um sich sogleich im Besitz einer allgemeingültigen Philosophie zu sehen. Die Sache ist diese. Philosophie ist nicht etwas, was unserm Geiste ohne sein Zutun, ursprünglich und von Natur beiwohnt. Sie ist durchaus ein Werk der Freiheit. Sie ist jedem nur das, wozu er sie selbst gemacht hat; und darum ist auch die Idee von Philosophie nur das Resultat der Philosophie selbst, welche als eine unendliche Wissenschaft zugleich die Wissenschaft von sich selbst ist3.
Anstatt also einen beliebigen Begriff von Philosophie überhaupt, oder von Philosophie der Natur insbesondere, vorauszuschicken, um ihn nachher in seine Teile aufzulösen, werde ich mich bestreben, einen solchen Begriff selbst erst vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen.
Indes, da man doch von irgend etwas ausgehen muß, setze ich indes voraus, eine Philosophie der Natur solle die Möglichkeit einer Natur, d.h. der gesamten Erfahrungswelt aus Prinzipien ableiten. Diesen Begriff aber werde ich nicht analytisch behandeln, oder ihn als richtig voraussetzen und Folgerungen aus ihm herleiten, sondern vor allen Dingen untersuchen, ob ihm überhaupt Realität zukomme, und ob er etwas ausdrücke, das sich auch ausführen [107]läßt.
Über die Probleme, welche eine Philosophie der Natur zu lösen hat
Wer in Erforschung der Natur und im bloßen Genuß ihres Reichtums begriffen ist, der fragt nicht, ob eine Natur und eine Erfahrung möglich sei. Genug, sie ist für ihn da; er hat sie durch die Tat selbst wirklich gemacht, und die Frage, was möglich ist, macht nur der, der die Wirklichkeit nicht in seiner Hand zu halten glaubt. Ganze Zeitalter sind über Erforschung der Natur verflossen, und noch ist man ihrer nicht müde. Einzelne haben in dieser Beschäftigung ihr Leben hingebracht und nicht aufgehört auch die verschleierte Göttin anzubeten. Große Geister haben, unbekümmert um die Prinzipien ihrer Erfindungen, in ihrer eigenen Welt gelebt, und was ist der ganze Ruhm des scharfsinnigsten Zweiflers gegen das Leben eines Mannes, der eine Welt in seinem Kopfe und die ganze Natur in seiner Einbildungskraft trug?
Wie eine Welt außer uns, wie eine Natur und mit ihr Erfahrung möglich sei, diese Frage verdanken wir der Philosophie, oder vielmehr mit dieser Frage entstand Philosophie. Vorher hatten die Menschen im (philosophischen) Naturstande gelebt. Damals war der Mensch noch einig mit sich selbst und der ihn umgebenden Welt. In dunkeln Rückerinnerungen schwebt dieser Zustand auch dem verirrtesten Denker noch vor. Viele verließen ihn niemals und wären glücklich in sich selbst, wenn sie nicht das leidige Beispiel verführte; denn freiwillig entläßt die Natur keinen aus ihrer Vormundschaft, und es gibt keine geborenen Söhne der Freiheit4. Es wäre auch nicht zu begreifen, wie der Mensch je jenen Zustand verlassen hätte, wüßten wir nicht, daß sein Geist, dessen Element Freiheit ist, sich selbst frei zu machen strebt, sich den Fesseln der Natur und ihrer Vorsorge entwinden und dem ungewissen Schicksal seiner[108] eigenen Kräfte überlassen mußte, um einst als Sieger und durch eigenes Verdienst in jenen Zustand zurückzukehren, in welchem er, unwissend über sich selbst, die Kindheit seiner Vernunft verlebte.
Sobald der Mensch sich selbst mit der äußeren Welt in Widerspruch setzt (wie er das tut, davon späterhin), ist der erste Schritt zur Philosophie geschehen. Mit jener Trennung zuerst beginnt Reflexion5; von nun an trennt er, was die Natur auf immer vereinigt hatte, trennt den Gegenstand von der Anschauung, den Begriff vom Bilde, endlich (indem er sein eigenes Objekt wird) sich selbst von sich selbst.
Aber diese Trennung ist nur Mittel, nicht Zweck. Denn das Wesen des Menschen ist Handeln. Je weniger er aber über sich selbst reflektiert, desto tätiger ist er. Seine edelste Tätigkeit ist die, die sich selbst nicht kennt. Sobald er sich selbst zum Objekt macht, handelt nicht mehr der ganze Mensch, er hat einen Teil seiner Tätigkeit aufgehoben, um über den andern reflektieren zu können. Der Mensch ist nicht geboren, um im Kampf gegen das Hirngespinnst einer eingebildeten Welt seine Geisteskraft zu verschwenden, sondern einer Welt gegenüber, die auf ihn Einfluß hat, ihre Macht ihn empfinden läßt, und auf die er zurückwirken kann, alle seine Kräfte zu üben; zwischen ihm und der Welt also muß keine Kluft befestigt, zwischen beiden muß Berührung und Wechselwirkung möglich sein, denn so nur wird der Mensch zum Menschen. Ursprünglich ist im Menschen ein absolutes Gleichgewicht der Kräfte und des Bewußtseins. Aber er kann dieses Gleichgewicht durch Freiheit aufheben, um es durch Freiheit wieder herzustellen. Aber nur im Gleichgewicht der Kräfte ist Gesundheit.
Die bloße Reflexion also ist eine Geisteskrankheit des Menschen, noch dazu, wo sie sich in Herrschaft über den ganzen Menschen setzt, diejenige, welche sein höheres Dasein im Keim, sein geistiges Leben, welches nur aus der Identität hervorgeht, in der Wurzel tötet. Sie ist ein Übel, das den Menschen selbst ins Leben begleitet und auch für die gemeineren Gegenstände der[109] Betrachtung alle Anschauung in ihm zerstört. Ihr zertrennendes Geschäft erstreckt sich aber nicht nur auf die erscheinende Welt; indem sie von dieser das geistige Prinzip trennt, erfüllt sie die intellektuelle Welt mit Chimären, gegen welche, weil sie jenseits aller Vernunft liegen, selbst kein Krieg möglich ist. Sie macht jene Trennung zwischen dem Menschen und der Welt permanent, indem sie die letzte als ein Ding an sich betrachtet, das weder Anschauung noch Einbildungskraft, weder Verstand noch Vernunft zu erreichen vermag6.
Ihr entgegen steht die wahre Philosophie, die Reflexion überhaupt als bloßes Mittel betrachtet. Die Philosophie muß jene ursprüngliche Trennung voraussetzen, denn ohne sie hätten wir kein Bedürfnis, zu philosophieren.
Darum eignet sie der Reflexion nur negativen Wert zu. Sie geht von jener ursprünglichen Trennung aus, um durch Freiheit wieder zu vereinigen, was im menschlichen Geiste ursprünglich und notwendig vereinigt war, d.h. um jene Trennung auf immer aufzuheben. Und da sie, inwieweit sie selbst nur durch jene Trennung notwendig gemacht – selbst nur ein notwendiges Übel – eine Disziplin der verirrten Vernunft war – so arbeitet sie in diesem Betracht zu ihrer eigenen Vernichtung. Derjenige Philosoph, der seine Lebenszeit oder einen Teil derselben dazu angewendet hätte, der Reflexionsphilosophie in ihre[110] endlose Entzweiung zu folgen, um sie in ihren letzten Verzweigungen aufzuheben, erwürbe sich durch dieses Verdienst, das, wenn es auch negativ bliebe, den höchsten andern gleich geachtet werden dürfte, die würdigste Stelle, gesetzt, daß er auch nicht selbst den Genuß haben sollte die Philosophie in ihrer absoluten Gestalt aus den Zerreißungen der Reflexion für sich selbst aufleben zu sehen7. – Der einfachste Ausdruck verwickelter Probleme ist immer der beste. Wer zuerst darauf achtete, daß er sich selbst von äußeren Dingen, daß er somit seine Vorstellungen von den Gegenständen, und umgekehrt, diese von jenen unterscheiden konnte, war der erste Philosoph. Er unterbrach zuerst den Mechanismus seines Denkens, hob das Gleichgewicht des Bewußtseins auf, in welchem Subjekt und Objekt innigst vereinigt sind.
Indem ich den Gegenstand vorstelle, ist Gegenstand und Vorstellung eins und dasselbe. Und nur in dieser Unfähigkeit, den Gegenstand während der Vorstellung selbst von der Vorstellung zu unterscheiden, liegt für den gemeinen Verstand die Überzeugung von der Realität äußerer Dinge, die doch nur durch Vorstellungen ihm kund werden.
Diese Identität des Gegenstandes und der Vorstellung hebt nun der Philosoph auf, indem er fragt: Wie entstehen Vorstellungen äußerer Dinge in uns? Durch diese Frage versetzen Wir die Dinge außer uns, setzen sie voraus als unabhängig von unsern Vorstellungen. Gleichwohl soll zwischen ihnen und unsern Vorstellungen Zusammenhang sein. Nun kennen wir aber keinen realen Zusammenhang verschiedener Dinge, als den von Ursache und Wirkung. Also ist auch der erste Versuch der Philosophie der: Gegenstand und Vorstellung ins Verhältnis der Ursache und Wirkung zu setzen.[111]
Nun haben wir aber ausdrücklich Dinge als unabhängig von uns gesetzt. Uns dagegen fühlen wir als abhängig von den Gegenständen. Denn unsere Vorstellung ist selbst nur reell, insofern wir genötigt sind, zwischen ihr und den Dingen Übereinstimmung anzunehmen. Also können wir die Dinge nicht zu Wirkungen unserer Vorstellungen machen. Es bleibt daher nichts übrig als die Vorstellungen von den Dingen abhängig zu machen, diese als Ursachen, jene als Wirkungen zu betrachten.
Nun kann man aber auf den ersten Blick einsehen, daß wir mit diesem Versuch eigentlich nicht erreichen, was wir wollten. Wir wollten erklären, wie es komme, daß in uns Gegenstand und Vorstellung unzertrennlich vereinigt sind. Denn nur in dieser Vereinigung liegt die Realität unseres Wissens von äußeren Dingen. Und eben diese Realität soll der Philosoph dartun. Allein wenn die Dinge Ursachen der Vorstellungen sind, so gehen sie den Vorstellungen voran. Dadurch aber wird die Trennung zwischen beiden permanent. Wir aber wollten, nachdem wir Objekt und Vorstellung durch Freiheit getrennt hatten, beide wieder durch Freiheit vereinigen, wollten wissen, daß und warum zwischen beiden ursprünglich keine Trennung ist.
Ferner, wir kennen die Dinge nur durch und in unsern Vorstellungen. Was sie also sind, inwiefern sie unserer Vorstellung vorangehen, also nicht vorgestellt werden, davon haben wir gar keinen Begriff.
Ferner, indem ich frage: wie kommt es, daß ich vorstelle, erhebe ich mich selbst über die Vorstellung; ich werde durch diese Frage selbst zu einem Wesen, das in Ansehung alles Vorstellens sich ursprünglich frei fühlt, daß die Vorstellung selbst und den ganzen Zusammenhang seiner Vorstellungen unter sich erblickt. Durch diese Frage selbst werde ich ein Wesen, das, unabhängig von äußeren Dingen, ein Sein in sich selbst hat.
Also trete ich mit dieser Frage selbst aus der Reihe meiner Vorstellungen heraus, sage mich los vom Zusammenhang mit den Dingen, trete auf einen Standpunkt, wo mich keine äußere Macht mehr erreicht; jetzt zuerst scheiden sich die zwei feindlichen Wesen Geist und Materie. Beide versetze ich in verschiedene[112] Welten, zwischen welchen kein Zusammenhang mehr möglich ist. Indem ich aus der Reihe meiner Vorstellungen trete, sind selbst Ursache und Wirkung Begriffe, die ich unter mir erblicke. Denn beide entstehen selbst nur in der notwendigen Sukzession meiner Vorstellungen, von der ich mich losgesagt habe. Wie kann ich mich also diesen Begriffen selbst wieder unterwerfen, und Dinge außer mir auf mich einwirken lassen8?
Oder laßt uns den umgekehrten Versuch machen, laßt äußere Dinge auf uns einwirken, und nun erklären, wie wir dessenungeachtet zu der Frage kommen, wie Vorstellungen in uns möglich sind?
Zwar ist es gar nicht zu begreifen, wie Dinge auf mich (ein freies Wesen) wirken. Ich begreife nur, wie Dinge auf Dinge wirken. Insofern ich aber frei bin (und ich bin es, indem ich mich über den Zusammenhang der Dinge erhebe und frage, wie dieser Zusammenhang selbst möglich geworden) – bin ich gar kein Ding, kein Objekt. Ich lebe in einer ganz eignen Welt, bin ein Wesen, das nicht für andere Wesen, sondern für sich selbst da ist. In mir kann nur Tat und Handlung sein; von mir können nur Wirkungen ausgehen, es kann kein Leiden in mir sein; denn Leiden ist nur da, wo Wirkung und Gegenwirkung ist, und diese ist nur im Zusammenhange der Dinge, über den ich mich selbst erhoben habe. Allein es sei so, ich sei ein Ding, das selbst in der Reihe der Ursachen und Wirkungen mitbegriffen ist, sei selbst zusamt dem ganzen System meiner Vorstellungen ein bloßes Resultat der mannigfaltigen Einwirkungen, die auf mich von außen geschehen, kurz, ich sei selbst ein bloßes Werk des Mechanismus. Aber was im Mechanismus begriffen ist, kann nicht aus demselben heraustreten und fragen: wie ist dieses Ganze möglich geworden; hier, mitten in der Reihe der Erscheinungen hat ihm absolute Notwendigkeit seine Stelle angewiesen; verläßt es diese Stelle, so ist: es nicht mehr dieses[113] Wesen, man begreift nicht, wie noch irgend eine äußere Ursache auf dieses selbständige, in sich selbst ganze und vollendete Wesen einwirken kann.
Man muß also jener Frage selbst, mit der alle Philosophie beginnt, fähig sein, um philosophieren zu können. Diese Frage ist nicht eine solche, die man ohne eignes Zutun andern nachsprechen kann. Sie ist ein freihervorgebrachtes, selbst aufgegebenes Problem. Daß ich diese Frage aufzuwerfen fähig bin, ist Beweis genug, daß ich als dieser von äußeren Dingen unabhängig bin; denn wie hätte ich sonst fragen können, wie diese Dinge selbst für mich, in meiner Vorstellung möglich sind. Man sollte also denken, daß, wer nur diese Frage aufwirft, ebendamit darauf Verzicht tut, seine Vorstellungen durch Einwirkung äußerer Dinge zu erklären. Allein diese Frage ist unter Leute gekommen, die sie sich selbst aufzugeben völlig unfähig waren. Indem sie in ihren Mund überging, nahm sie auch einen andern Sinn an, oder vielmehr sie verlor allen Sinn und Bedeutung. Sie sind Wesen, die sich gar nicht anders kennen, als inwiefern Gesetze von Ursache und Wirkung über sie schalten und walten. Ich, indem ich jene Frage aufwerfe, habe mich über diese Gesetze erhoben. Sie sind im Mechanismus ihres Denkens und Vorstellens begriffen; ich habe diesen Mechanismus durchbrochen. Wie wollen sie mich verstehen?
Wer für sich selbst nichts ist als das, was Dinge und Umstände aus ihm gemacht haben; wer ohne Gewalt über seine eigenen Vorstellungen vom Strom der Ursachen und Wirkungen ergriffen mit fortgerissen wird, wie will doch der wissen, woher er kommt, wohin er geht und wie er das geworden ist, was er ist? Weiß es denn die Woge, die im Strome daher treibt? Er hat nicht einmal das Recht, zu sagen, er sei ein Resultat der Zusammenwirkung äußerer Dinge; denn um dies sagen zu können, muß er voraussetzen, daß er sich selbst kenne, daß er also auch etwas für sich selbst sei. Dies ist er aber nicht. Er ist nur für andere vernünftige Wesen – nicht für sich selbst da; ist ein bloßes Objekt in der Welt, und es ist nützlich für ihn und die Wissenschaft, daß er nie von etwas anderem höre, noch etwas anderes sich einbilde.[114]
Von jeher haben die alltäglichsten Menschen die größten Philosophen widerlegt, mit Dingen, die selbst Kindern und Unmündigen begreiflich sind. Man hört, liest und staunt, daß so großen Männern so gemeine Dinge unbekannt waren und daß so anerkannt-kleine Menschen sie meistern konnten. Kein Mensch denkt daran, daß sie vielleicht all das auch gewußt haben; denn wie hätten sie sonst gegen den Strom von Evidenz schwimmen können? Viele sind überzeugt, daß Plato, wenn er nur Locke lesen könnte, beschämt von dannen ginge; mancher glaubt, daß selbst Leibniz, wenn er von den Toten auferstünde, um eine Stunde lang bei ihm in die Schule zu gehen, bekehrt würde, und wieviele Unmündige haben nicht über Spinozas Grabhügel Triumphlieder angestimmt? –
Was war es doch, fragt ihr, was alle diese Männer antrieb, die gemeinen Vorstellungsarten ihres Zeitalters zu verlassen und Systeme zu erfinden, die allem entgegen sind, was die große Menge von jeher geglaubt und sich eingebildet hat? Es war ein freier Schwung, der sie in ein Gebiet erhob, wo ihr auch ihre Aufgaben nicht mehr versteht, so wie ihnen dagegen manches unbegreiflich wurde, was euch höchst einfach und begreiflich scheint.9
Es war ihnen unmöglich, Dinge zu verbinden und in Berührung zu bringen, die in euch Natur und Mechanismus auf immer vereinigt hat. Sie waren gleich unfähig, die Welt außer ihnen, oder, daß ein Geist in ihnen sei, abzuleugnen, und doch schien zwischen beiden kein Zusammenhang möglich. – Euch, wenn ihr ja jene Probleme denkt, kommt es nicht darauf an, die Welt in ein Spiel von Begriffen oder den Geist in euch in einen toten Spiegel der Dinge zu verwandeln.10
Lange schon hatte sich der menschliche Geist (noch jugendlich kräftig und von den Göttern her frisch) in Mythologien und Dichtungen über den Ursprung der Welt verloren, Religionen[115] ganzer Völker waren auf jenen Streit zwischen Geist und Materie gegründet, ehe ein glücklicher Genius – der erste Philosoph – die Begriffe fand, an welchen alle folgende Zeitalter die beiden Enden unsers Wissens auffaßten und festhielten. Die größten Denker des Altertums wagten sich nicht über jenen Gegensatz hinaus. Plato noch stellt die Materie als ein anderes11 Gott gegenüber. Der erste, der Geist und Materie mit vollem Bewußtsein als Eines, Gedanke und Ausdehnung nur als Modifikationen desselben Prinzips ansah, war Spinoza. Sein System war der erste kühne Entwurf einer schöpferischen Einbildungskraft, der in der Idee des Unendlichen, rein als solchen, unmittelbar das Endliche begriff und dieses nur in jenem erkannte12. Leibniz kam und ging den entgegengesetzten Weg. Die Zeit ist gekommen, da man seine Philosophie wiederherstellen kann. Sein Geist verschmähte die Fesseln der Schule; kein Wunder, daß er unter uns nur in wenigen verwandten Geistern fortgelebt hat und unter den übrigen längst ein Fremdling geworden ist. Er gehörte zu den Wenigen, die auch die Wissenschaft als freies Werk behandeln13. Er hatte in sich den allgemeinen Geist der Welt, der in den mannigfaltigsten Formen sich selbst offenbart und wo er hinkommt, Leben verbreitet. Doppelt unerträglich ist es daher, daß man jetzt erst für seine Philosophie die rechten Worte gefunden haben will, und daß die Kantsche Schule ihm ihre Erdichtungen aufdringt – ihn Dinge sagen läßt, von denen allen er gerade das Gegenteil gelehrt hat. Leibniz konnte von nichts weiter entfernt sein, als von dem spekulativen Hirngespinnst einer Welt von Dingen an sich, die, von keinem Geiste erkannt und angeschaut, doch auf uns wirkt und alle Vorstellungen in uns hervorbringt. Der erste Gedanke, von dem er ausging, war: »daß die Vorstellungen von äußern Dingen in der Seele kraft ihrer eigenen Gesetze wie in einer besondern Welt entstünden, als wenn nichts als Gott (das Unendliche) und die Seele (die Anschauung des Unendlichen) vorhanden wären.« – Er[116] behauptete in seinen letzten Schriften noch die absolute Unmöglichkeit, daß eine äußere Ursache auf das Innere eines Geistes wirke; behauptete, daß sonach alle Veränderungen, aller Wechsel von Perzeptionen und Vorstellungen in einem Geiste nur aus einem innern Prinzip hervorgehen könne. Als Leibniz dies sagte, sprach er zu Philosophen. Heutzutage haben sich Leute zum Philosophieren gedrungen, die für alles andere, nur für Philosophie nicht, Sinn haben. Daher, wenn unter uns gesagt wird, daß keine Vorstellung in uns durch äußere Einwirkung entstehen könne, des Anstaunens kein Ende ist. Jetzt gilt es für Philosophie, zu glauben, daß die Monaden Fenster haben, durch welche die Dinge hinein und heraus steigen14.
Es ist gar wohl möglich, auch den entschiedensten Anhänger der Dinge an sich als des Bewirkenden der Vorstellungen durch Fragen aller Art in die Enge zu treiben. Man kann ihm sagen: ich verstehe, wie Materie auf Materie wirkt, nicht aber, weder wie ein An-sich auf das andre wirkt, da im Reiche des Intelligibeln keine Ursache und keine Wirkung sein kann, noch wie dieses Gesetz von einer Welt in eine von ihr ganz verschiedene, ja ihr entgegengesetzte, reicht15: du müßtest also, wenn ich von äußern Eindrücken abhängig bin, gestehen, daß ich selbst nichts mehr bin, als Materie, ein optisches Glas etwa, in dem sich der Lichtstrahl der Welt bricht. Aber das optische Glas sieht nicht selbst, es ist nur Mittel in der Hand des Vernünftigen. Und was ist denn dasjenige in mir, was urteilt, es sei ein Eindruck auf mich geschehen? Abermals ich selbst, der doch, insofern er urteilt, nicht leidend, sondern tätig ist – also etwas in mir, das sich vom Eindruck frei fühlt und das doch um den Eindruck weiß, ihn auffaßt, ihn zum Bewußtsein erhebt.
Ferner, während der Anschauung entsteht kein Zweifel über die Realität der äußern Anschauung. Aber nun kommt der Verstand, fängt an zu teilen und teilt ins Unendliche. Ist die Materie außer euch wirklich, so muß sie aus unendlichen Teilen bestehen. Besteht sie aus unendlich vielen Teilen, so mußte sie aus diesen Teilen zusammengesetzt werden. Allein für diese Zusammensetzung[117] hat unsere Einbildungskraft nur ein endliches Maß. Also müßte eine unendliche Zusammensetzung in endlicher Zeit geschehen sein. Oder die Zusammensetzung hat irgendwo angefangen, d.h. es gibt letzte Teile der Materie, so muß ich (bei der Teilung) auf solche letzte Teile stoßen; allein ich finde immer wieder nur gleichartige Körper und komme nie weiter, als bis zu Oberflächen, das Reale scheint vor mir zu fliehen oder unter der Hand zu verschwinden, und die Materie, die erste Grundlage aller Erfahrung, wird das Wesenloseste, das wir kennen.
Oder ist dieser Widerstreit vielleicht nur da, um uns über uns selbst aufzuklären? Ist die Anschauung etwa nur ein Traum, der allen vernünftigen Wesen Realität vorspiegelt, und ist ihnen der Verstand nur dazu gegeben, sie von Zeit zu Zeit zu wecken – zu er innern, was sie sind, damit so ihre Existenz (denn offenbar genug sind wir ja Mittelwesen) zwischen Schlaf und Wachen geteilt sei? Aber einen solchen ursprünglichen Traum begreife ich nicht. Alle Träume sind sonst doch Schatten der Wirklichkeit, »Erinnerungen aus einer Welt, die vorher da war«. Wollte man annehmen, ein höheres Wesen bewirkte uns diese Schattenbilder von Wirklichkeit, so würde auch hier die Frage nach der realen Möglichkeit des Begriffs von einem solchen Verhältnis zurückkehren, (da ich in dieser Region einmal nichts kenne, was nach Ursache und Wirkung erfolgte) und da jenes doch das was es mir mitteilte aus sich selbst produzierte, so wäre, vorausgesetzt, wie notwendig ist, daß es keine transitive Wirkung auf mich haben könne, keine andre Möglichkeit als, daß ich jene Schattenbilder bloß als eine Beschränkung oder Modifikation seiner absoluten Produktivität, also innerhalb dieser Schranken immer wieder durch Produktion, erhielte16.
Die Materie ist nicht wesenlos, sagt ihr, denn sie hat ursprüngliche Kräfte, die durch keine Teilung vernichtet werden.[118] »Die Materie hat Kräfte.« Ich weiß, daß dieser Ausdruck sehr gewöhnlich ist. Aber wie? »die Materie hat« – hier wird sie also vorausgesetzt als etwas, das für sich und unabhängig von seinen Kräften besteht. Also wären ihr diese Kräfte nur zufällig? Weil die Materie außer euch vorhanden ist, so muß sie auch ihre Kräfte einer äußern Ursache verdanken. Sind sie ihr etwa, wie einige Newtonianer sagen, von einer hohem Hand eingepflanzt? Allein von Einwirkungen, wodurch Kräfte eingepflanzt werden, habt ihr keinen Begriff. Ihr wißt nur, wie Materie, d.h. selbst Kraft gegen Kraft wirkt; und wie auf etwas, das ursprünglich nicht Kraft ist, gewirkt werden könne, begreifen wir gar nicht. Man kann so etwas sagen, es kann von Mund zu Munde gehen, aber noch nie ist es in eines Menschen Kopf wirklich gekommen, weil kein menschlicher Kopf so etwas zu denken vermag. Also könnt ihr Materie ohne Kraft gar nicht denken.
Ferner: jene Kräfte sind Kräfte der Anziehung und Zurückstoßung. – »Anziehung und Zurückstoßung« – findet denn die im leeren Raum statt, setzt sie nicht selbst schon erfüllten Raum, d.h. Materie voraus? Also müßt ihr eingestehen, daß weder Kräfte ohne Materie, noch Materie ohne Kräfte vorstellbar ist. Nun ist aber Materie das letzte Substrat eures Erkennens, über das ihr nicht hinausgehen könnt; und da ihr jene Kräfte aus der Materie nicht erklären könnt, so könnt ihr sie überall nicht empirisch, d.h. aus etwas außer euch erklären, was ihr doch eurem Systeme gemäß tun müßtet.
Dessenungeachtet wird in der Philosophie gefragt, wie Materie außer uns möglich sei, also auch, wie jene Kräfte außer uns möglich seien. Man kann auf alles Philosophieren Verzicht tun (wollte Gott, es gefiele denen, die sich nicht darauf verstehen), aber wenn ihr denn philosophieren wollt, so könnt ihr jene Frage einmal nicht abweisen. Nun könnt ihr aber gar nicht verständlich machen, was eine Kraft unabhängig von euch sein möge. Denn Kraft überhaupt kündigt sich bloß eurem Gefühl an. Aber das Gefühl allein gibt euch keine objektiven Begriffe. Gleichwohl macht ihr von jenen Kräften objektiven Gebrauch. Denn ihr erklärt die Bewegung der Weltkörper – die allgemeine Schwere[119] – aus Kräften der Anziehung und behauptet, in dieser Erklärung ein absolutes Prinzip dieser Erscheinungen zu haben. In eurem System aber gilt die Anziehungskraft für nichts mehr oder weniger als eine physische Ursache. Denn da die Materie unabhängig von euch außer euch da ist, so könnt ihr auch, welche Kräfte ihr zukommen, nur durch Erfahrung wissen. Als physischer Erklärungsgrund aber ist die Anziehungskraft nichts mehr und nichts weniger, als eine dunkle Qualität. Allein laßt uns erst zusehen, ob denn überhaupt empirische Prinzipien hinreichen können, die Möglichkeit eines Weltsystems zu erklären. Die Frage verneint sich selbst; denn das letzte Wissen aus Erfahrung ist dieses, daß ein Universum existiert; dieser Satz ist die Grenze der Erfahrung selbst. Oder vielmehr, daß ein Universum existiere, ist selbst nur eine Idee. Noch viel weniger also kann das allgemeine Gleichgewicht der Weltkräfte etwas sein, das ihr aus Erfahrung geschöpft hättet. Denn ihr könnt diese Idee nicht einmal für das einzelne System aus der Erfahrung nehmen, wenn sie überall Idee ist; auf das Ganze übergetragen aber wird sie nur durch analogische Schlüsse: dergleichen Schlüsse aber geben nur Wahrscheinlichkeit; dagegen Ideen, wie jene eines allgemeinen Gleichgewichts, an sich selbst wahr, also Produkte von etwas, oder in etwas gegründet sein müssen, das selbst absolut, nicht von der Erfahrung abhängig ist17.
Also müßt ihr einräumen, daß diese Idee selbst in ein höheres Gebiet, als das der bloßen Naturwissenschaft, hinübergreift. Newton, der sich ihr nie ganz überließ, und selbst noch nach der wirkenden Ursache der Anziehung fragte, sah nur allzu gut, daß er an der Grenze der Natur stand und daß hier zwei Welten sich scheiden. – Selten haben große Geister zu gleicher Zeit gelebt, ohne von ganz verschiedenen Seiten her auf denselben Zweck hinzuarbeiten. Während Leibniz auf die prästabilierte Harmonie das System der Geisterwelt gründete, fand Newton im Gleichgewicht der Weltkräfte das System einer materiellen Welt. Aber wenn anders im System unsers Wissens Einheit ist, und wenn[120] es je gelingt, auch die letzten Extreme desselben zu vereinigen, so müssen wir hoffen, daß eben hier, wo Leibniz und Newton sich trennten, einst ein umfassender Geist den Mittelpunkt finden wird, um den sich das Universum unsers Wissens – die beiden Welten bewegen, zwischen welchen jetzt noch unser Wissen geteilt ist – und Leibnizens prästabilierte Harmonie und Newtons Gravitationssystem als ein und dasselbe oder nur als verschiedene Ansichten von einem und demselben erscheinen werden18.
Ich gehe weiter. Die rohe Materie, d.h. die Materie, insofern sie bloß als den Raum erfüllend gedacht wird, ist nur der feste Grund und Boden, auf welchem erst das Gebäude der Natur aufgeführt wird. Die Materie soll etwas Reales sein. Was aber real ist, läßt sich nur empfinden. Wie ist nun Empfindung in mir möglich? Daß von außen auf mich gewirkt wird, wie ihr sagt, ist nicht genug. Es muß etwas in mir sein, das empfindet, und zwischen diesem und dem, was ihr außer mir voraussetzt, ist keine Berührung möglich. Oder wenn dieses Äußere auf mich, wie Materie auf Materie, wirkt, so kann ich nur auf dieses Äußere (etwa durch repulsive Kraft), nicht aber auf mich selbst zurückwirken. Und doch soll dieses geschehen; denn ich soll empfinden, soll diese Empfindung zum Bewußtsein erheben.
Was ihr von der Materie empfindet, heißt ihr Qualität, und nur insofern sie eine bestimmte Qualität hat, heißt sie euch real. Daß sie Qualität überhaupt hat, ist notwendig, daß sie aber diese bestimmte Qualität hat, erscheint euch als zufällig. Ist dies, so kann die Materie überhaupt nicht eine und dieselbe Qualität haben: es muß also eine Mannigfaltigkeit von Beschaffenheiten geben, die ihr doch alle durch bloße Empfindung kennt. Was ist denn nun das, was die Empfindung bewirkt? »Etwas Inneres, eine innere Beschaffenheit der Materie«. Dies sind Worte, nicht Sachen. Denn wo ist es denn dieses Innere der Materie? Ihr mögt teilen ins Unendliche und kommt doch nie weiter, als bis zu Oberflächen der Körper. Dies alles war euch längst einleuchtend; darum habt ihr schon lange[121] das, was bloß empfunden wird, für etwas erklärt, was bloß in eurer Empfindungsart seinen Grund hat. Allein dies ist das Wenigste. Denn daß nichts außer euch existieren soll, das an sich süß oder sauer wäre, macht die Empfindung deshalb noch nicht begreiflicher; denn immer nehmt ihr doch eine Ursache an, die, außer euch wirklich, diese Empfindung in euch bewirkt. Gesetzt aber wir räumen euch die Einwirkung von außen ein, was haben denn Farben, Gerüche usw. oder die Ursachen dieser Empfindungen außer euch mit eurem Geiste gemein? Ihr untersucht wohl sehr scharfsinnig, wie das Licht, von den Körpern zurückgestrahlt, auf eure Sehnerven wirkt, auch wohl, wie das verkehrte Bild auf der Netzhaut in eurer Seele doch nicht verkehrt, sondern gerade erscheint. Aber was ist denn dasjenige in euch, was dieses Bild auf der Netzhaut selbst wieder sieht und untersucht, wie es wohl in die Seele gekommen sein möge? Offenbar etwas, das insofern vom äußern Eindruck völlig unabhängig ist, und dem doch dieser Eindruck nicht unbekannt ist. Wie kam also der Eindruck bis in diese Gegend eurer Seele, in der ihr euch völlig frei und von Eindrücken unabhängig fühlt? Mögt ihr doch zwischen die Affektion eurer Nerven, eures Gehirns usw. und die Vorstellung eines äußern Dinges noch so viele Zwischenglieder einschieben, ihr täuscht nur euch selbst; denn der Übergang vom Körper zur Seele kann nach euern eigenen Vorstellungen nicht kontinuierlich, sondern nur durch einen Sprung geschehen, den ihr doch vermeiden zu wollen vorgebt.
Ferner, eine Masse wirkt auf die andere vermöge ihrer bloßen Bewegung (durch Undurchdringlichkeit), dies heißt ihr Stoß oder mechanische Bewegung.
Oder eine Materie wirkt auf die andere ohne Bedingung einer zuvor erhaltenen Bewegung, so daß Bewegung aus Ruhe hervorgeht19: durch Anziehung, und dies heißt ihr Schwere.
Ihr denkt euch die Materie als träg, d.h. als etwas, das sich nicht selbsttätig bewegt, sondern nur durch äußere Ursache bewegt werden kann.[122]
Ferner, die Schwere, welche ihr den Körpern zu schreibt, setzt ihr als spezifisches Gewicht der Quantität der Materie (ohne Rücksicht auf das Volumen) gleich20.
Nun findet ihr aber, daß ein Körper dem andern Bewegung mitteilen kann, ohne doch selbst bewegt zu sein, d.h. ohne durch Stoß auf ihn zu wirken.
Ihr bemerkt ferner, daß zwei Körper sich wechselseitig anziehen können schlechterdings unabhängig vom Verhältnis ihrer Masse, d.h. unabhängig von den Gesetzen der Schwere.
Ihr nehmt also an, der Grund dieser Anziehung könne weder in der Schwere, noch auf der Oberfläche des auf solche Art bewegten Körpers gesucht werden, der Grund müsse ein innerer sein und von der Qualität des Körpers abhängen. Allein ihr habt noch nie erklärt, was ihr unter dem Innern eines Körpers versteht. Ferner, es ist erwiesen, daß Qualität bloß in bezug auf eure Empfindung gilt. Hier aber ist nicht von eurer Empfindung, sondern von einem objektiven Faktum die Rede, das außer euch vorgeht, das ihr mit euern Sinnen auffaßt und das euer Verstand in verständliche Begriffe übersetzen will. Gesetzt nun wir räumen ein, Qualität sei etwas, das nicht bloß in eurer Empfindung, sondern im Körper außer euch einen Grund hat, was heißen denn nun die Worte: ein Körper zieht den andern an vermöge seiner Qualitäten? Denn was an dieser Anziehung real ist, d.h. was ihr abzuschauen vermögt, ist bloß – die Bewegung des Körpers. Bewegung ist aber eine rein mathematische Größe, und kann rein phoronomisch bestimmt werden. Wie hängt denn nun diese äußere Bewegung mit einer innern Qualität zusammen? Ihr entlehnt bildliche Ausdrücke, die von lebendigen Wesen hergenommen sind, z.B. Verwandtschaft. Aber ihr würdet sehr verlegen sein, dieses Bild in einen verständlichen Begriff zu verwandeln. Ferner, ihr häuft Grundstoffe auf Grundstoffe: diese aber sind nichts anders, als ebensoviele Asyle eurer Unwissenheit. Denn was denkt ihr euch unter ihnen? Nicht die Materie selbst, z.B. die Kohle,[123] sondern etwas, das in dieser Materie noch enthalten, gleichsam verborgen ist, und ihr erst diese Qualitäten mitteilt. Aber wo im Körper ist denn dieser Grundstoff? Hat ihn je einer durch Teilung oder Scheidung gefunden? Nicht einen dieser Stoffe konntet ihr bis jetzt sinnlich darstellen. Gesetzt aber, wir räumen ihre Existenz ein, was ist damit gewonnen? Ist etwa dadurch die Qualität der Materie erklärt? Ich schließe so: Entweder kommt den Grundstoffen selbst die Qualität zu, die sie den Körpern mitteilen, oder nicht. Im erstern Falle habt ihr nichts erklärt, denn eben das war die Frage, wie Qualitäten entstehen? Im andern Falle ist wiederum nichts erklärt, denn wie ein Körper (mechanisch) auf den andern stoßen und so ihm Bewegung mitteilen könne, verstehe ich; wie aber ein von Qualitäten völlig entblößter Körper einem andern Qualität mitteilen könne, dies versteht niemand, und niemand wird es verständlich machen. Denn überhaupt ist Qualität etwas, wovon ihr bis jetzt keinen objektiven Begriff zu geben imstande waret, und wovon ihr doch (in der Chemie wenigstens) objektiven Gebrauch macht.
Dies sind die Elemente unsers empirischen Wissens. Denn, wenn wir einmal Materie und mit ihr Kräfte der Anziehung und Zurückstoßung, ferner eine unendliche Mannigfaltigkeit von Materien, die sich alle durch Qualitäten voneinander unterscheiden, voraussetzen dürfen, so haben wir, nach Anleitung der Kategorientafel,
1. quantitative Bewegung, die einzig der Quantität der Materie proportional ist: Schwere;
2. qualitative Bewegung, die den innern Beschaffenheiten der Materie gemäß ist – chemische Bewegung;
3. relative Bewegung, die den Körpern durch Einwirkung von außen (durch Stoß) mitgeteilt wird – mechanische Bewegung.
Diese drei möglichen Bewegungen sind es, aus welchen die Naturlehre ihr ganzes System entstehen und werden läßt.
Der Teil der Physik, welcher sich mit der ersten beschäftigt, heißt Statik. Der, welcher sich mit der dritten beschäftigt, heißt Mechanik. Dies ist der Hauptteil der Physik; denn[124] im Grunde ist die ganze Physik nichts als angewandte Mechanik21. Derjenige Teil, welcher sich mit der zweiten Art von Bewegung beschäftigt, dient in der Physik nur hilfsweise: die Chemie nämlich, deren Gegenstand es eigentlich ist, die spezifische Verschiedenheit der Materie abzuleiten, ist die Wissenschaft, welche erst der Mechanik (einer an sich ganz formalen Wissenschaft) Inhalt und mannigfaltige Anwendung verschafft. Es ist nämlich sehr geringe Mühe, aus den Prinzipien der Chemie die Hauptgegenstände, welche die Physik (ihren mechanischen und dynamischen Bewegungen nach)22 untersucht, abzuleiten, z.B. daß chemische Anziehung zwischen den Körpern stattfinde, kann man sagen, muß es eine Materie geben, die sie ausdehnt, der Trägheit entgegenwirkt – Licht und Wärme; ferner Stoffe, die sich wechselseitig anziehen, und, damit die größte Einfachheit möglich sei, Einen Grundstoff, den alle übrigen anziehen. Und da die Natur selbst zu ihrer Fortdauer viele chemische Prozesse nötig hat, so müssen diese Bedingungen der chemischen Prozesse überall gegenwärtig sein, daher die Lebensluft, als Produkt aus Licht und jenem Grundstoff. Und weil diese Luft die Gewalt des Feuers allzusehr beförderte, die Kraft unserer Organe zu sehr erschöpfte, eine Mischung aus ihr und einer andern ihr gerade entgegen gesetzten Luftart – atmosphärische Luft usw.
Dies ist ungefähr der Weg, auf welchem die Naturlehre zur Vollständigkeit gelangt. Allein uns ist es jetzt nicht darum zu tun, wie wir ein solches System, wenn es einmal existiert, darstellen, sondern darum, wie überhaupt ein solches System existieren könne. Die Frage ist nicht, ob und wie jener Zusammenhang der Erscheinungen und die Reihe von Ursachen und Wirkungen, die wir Naturlauf nennen, außer uns, sondern wie sie für uns wirklich geworden, wie jenes System und jener Zusammenhang der Erscheinungen den Weg zu unserm Geiste gefunden, und[125] wie sie in unserer Vorstellung die Notwendigkeit erlangt haben, mit welcher sie zu denken wir schlechthin genötigt sind? Denn als unleugbare Tatsache wird vorausgesetzt, daß die Vorstellung einer Sukzession von Ursachen und Wirkungen außer uns unserm Geiste so notwendig ist, als ob sie zu seinem Sein und Wesen selbst gehörte. Diese Notwendigkeit zu erklären, ist ein [das] Hauptproblem aller Philosophie. Die Frage ist nicht, ob dieses Problem überhaupt existieren solle, sondern wie dasselbe, wenn es einmal existiert, gelöst werden müsse.
Vorerst, was heißt es: wir müssen uns eine Sukzession der Erscheinungen denken, die schlechthin notwendig ist? Offenbar so viel: diese Erscheinungen können nur in dieser bestimmten Sukzession aufeinander folgen, und umgekehrt, nur an diesen bestimmten Erscheinungen kann diese Sukzession fortlaufen.
Denn daß unsere Vorstellungen in dieser bestimmten Ordnung aufeinander folgen, daß z.B. der Blitz dem Donner vorangeht, nicht nachfolgt usw., davon suchen wir den Grund nicht in uns, es kommt nicht auf uns an, wie wir die Vorstellungen aufeinander folgen lassen; der Grund muß also in den Dingen liegen, und wir behaupten, diese bestimmte Aufeinanderfolge sei eine Aufeinanderfolge der Dinge selbst, nicht bloß unserer Vorstellungen von ihnen, nur insofern die Erscheinungen selbst so und nicht anders aufeinander folgen, seien wir genötigt, sie in dieser Ordnung vorzustellen, nur weil und insofern diese Sukzession objektiv-notwendig sei, sei sie auch subjektiv– notwendig.
Daraus folgt nun ferner: diese bestimmte Sukzession kann nicht von diesen bestimmten Erscheinungen getrennt werden; die Sukzession muß also zugleich mit den Erscheinungen, und umgekehrt, die Erscheinungen müssen zugleich mit der Sukzession werden und entstehen; beide also, Sukzession und Erscheinung, sind in einem Wechselverhältnis, beide sind in bezug aufeinander wechselseitig notwendig.
Man darf nur die gemeinsten Urteile, welche wir über den Zusammenhang der Erscheinungen alle Augenblicke fällen, analysieren, um zu finden, daß in ihnen jene Voraussetzungen enthalten sind.[126]
Wenn nun weder die Erscheinungen von ihrer Sukzession, noch umgekehrt die Sukzession von ihren Erscheinungen getrennt werden kann, so sind nur folgende zwei Fälle möglich:
Entweder, Sukzession und Erscheinungen entstehen beide zugleich und ungetrennt außer uns.
Oder, Sukzession und Erscheinungen entstehen beide zugleich und ungetrennt in uns.
Nur in diesen beiden Fällen ist die Sukzession, die wir uns vorstellen, eine wirkliche Sukzession der Dinge, nicht bloß eine ideale Aufeinanderfolge unserer Vorstellungen.
Die erste Behauptung ist die des gemeinen Menschenverstandes, selbst von Philosophen Reid, Beatti und A. Humes Skeptizismus förmlich entgegengesetzt. In diesem System folgen die Dinge an sich aufeinander, wir haben dabei nur das Zusehen; wie aber die Vorstellung davon in uns gekommen, ist eine Frage, die für dieses System viel zu hoch liegt. Nun wollen wir aber nicht wissen, wie die Sukzession außer uns möglich sei, sondern wie diese bestimmte Sukzession, da sie ganz unabhängig von uns erfolgt, doch als solche und insofern mit absoluter Notwendigkeit von uns vorgestellt werde. Auf diese Frage nimmt nun jenes System gar keine Rücksicht. Es ist daher keiner philosophischen Kritik fähig; es hat mit der Philosophie nicht einen Punkt gemein, von wo aus man es untersuchen, prüfen oder bestreiten könnte, denn es weiß nicht einmal um die Frage, welche aufzulösen eigentlich das Geschäft der Philosophie ist.
Man müßte jenes System vorerst philosophisch machen, um es nur prüfen zu können. Allein dann läuft man Gefahr, gegen eine bloße Erdichtung zu kämpfen, denn der gemeine Verstand ist so konsequent nicht, und ein solches System, als das konsequente des gemeinen Verstandes wäre, hat in der Tat noch in keines Menschen Kopf existiert; denn sobald man es auf philosophische Ausdrücke zu bringen sucht, wird es völlig unverständlich. Es spricht von einer Sukzession, die, unabhängig von mir, außer mir stattfinden soll. Wie eine Sukzession (der Vorstellungen) in mir stattfinde, verstehe ich; eine Sukzession aber, die in den Dingen selbst, unabhängig von den endlichen Vorstellungen, er-[127]
folgt, ist mir ganz unverständlich. Denn setzen wir ein Wesen, das nicht endlich, demnach an die Sukzession der Vorstellungen gebunden wäre, sondern alles Gegenwärtige und Künftige in Einer Anschauung zusammenfaßte, so würde für ein solches Wesen in den Dingen außer ihm keine Sukzession sein: sie ist also überhaupt nur unter der Bedingung der Endlichkeit der Vorstellung. Wenn aber die Sukzession auch unabhängig von allen Vorstellungen in den Dingen an sich gegründet wäre, so müßte es auch für ein solches Wesen, als wir angenommen haben, eine Sukzession geben, was sich widerspricht.
Deswegen haben bis jetzt alle Philosophen einmütig behauptet, Sukzession sei etwas, was unabhängig von den Vorstellungen eines endlichen Geistes gar nicht könne gedacht werden. Nun haben wir aber festgesetzt, wenn die Vorstellung einer Sukzession notwendig sei, so müsse sie zugleich mit den Dingen und umgekehrt entstehen; die Sukzession müsse ohne die Dinge so wenig, als die Dinge ohne die Sukzession möglich sein. Ist also Sukzession etwas, was nur in unsern Vorstellungen möglich ist, so hat man nur zwischen zwei Fällen die Wahl.
Entweder, man bleibt dabei, die Dinge existieren außer uns, unabhängig von unsern Vorstellungen. Man erklärt also eben dadurch die objektive Notwendigkeit, mit der wir uns eine bestimmte Sukzession der Dinge vorstellen, für bloße Täuschung, indem man leugnet, daß die Sukzession in den Dingen selbst stattfinde.
Oder, man entschließt sich zu der Behauptung, daß auch die Erscheinungen selbst zugleich mit der Sukzession nur in unsern Vorstellungen werden und entstehen, und daß nur insofern die Ordnung, in der sie aufeinander folgen, eine wahrhaft objektive Ordnung sei.
Die erste Behauptung nun führt offenbar auf das abenteuerlichste System, das je existiert hat, und das auch erst in unseren Zeiten von einigen wenigen, ohne daß sie es selbst wußten, behauptet wurde. – Hier ist nun der Ort, den Grundsatz, daß Dinge von außen auf uns einwirken, völlig zu vernichten. Denn man frage einmal, was denn die Dinge außer uns, unabhängig von diesen Vorstellungen, seien? – Vorerst müssen wir sie[128] von allem entkleiden, was nur zu den Eigentümlichkeiten unseres Vorstellungsvermögens gehört. Dahin gehört nicht nur Sukzession, sondern auch aller Begriff von Ursache und Wirkung, und, wenn man konsequent sein will, auch alle Vorstellung von Raum und Ausdehnung, die beide ohne Zeit, aus der wir die Dinge an sich hinweggenommen haben, gar nicht vorstellbar sind. Nichtsdestoweniger müssen diese Dinge an sich, obgleich unserem Anschauungsvermögen gänzlich unzugänglich, doch – man weiß nicht wie und wo? – wahrscheinlich in den Zwischenwelten Epikurs – wirklich vorhanden sein; und diese Dinge müssen auf mich wirken, meine Vorstellungen veranlassen. Zwar hat man sich noch nie darauf eingelassen, welche Vorstellung man sich eigentlich von solchen Dingen mache. Daß man sagt: sie sind nicht vorstellbar, ist ein Ausweg, der bald abgeschnitten ist. Indem man davon redet, muß man eine Vorstellung davon haben, oder man redet, wie man nicht reden soll. Auch vom Nichts hat man eine Vorstellung, man denkt es sich wenigstens als das absolut Leere, als etwas rein Formales usw. Man könnte denken, die Vorstellung vom Dinge an sich wäre eine ähnliche Vorstellung. Allein die Vorstellung vom Nichts kann man sich doch noch durch das Schema des leeren Raumes versinnlichen. Die Dinge an sich aber werden ausdrücklich aus Zeit und Raum hinweggenommen, denn diese gehören ja nur zur eigentümlichen Vorstellungsart endlicher Wesen. Also bleibt nichts übrig als eine Vorstellung, die zwischen Etwas und Nichts in der Mitte schwebt, d.h. die nicht einmal das Verdienst hat, absolut Nichts zu sein. Es ist in der Tat kaum glaublich, daß solch eine widersinnige Zusammensetzung von Dingen, die, aller sinnlichen Bestimmungen beraubt, dennoch als sinnliche Dinge wirken sollen, je in eines Menschen Kopf gekommen sei23. – In der Tat, wenn man vorher alles aufgehoben hat, was zu den Vorstellungen einer objektiven Welt gehört, was bleibt mir noch übrig, das ich verstünde? Offenbar nur ich selbst. Also müßten[129] aus mir selbst alle Vorstellungen einer äußeren Welt sich entwickeln. Denn wenn Sukzession, Ursache, Wirkung usw. erst in meiner Vorstellung zu den Dingen hinzukommen, so begreift man ebensowenig, was jene Begriffe ohne die Dinge, als was die Dinge ohne jene Begriffe sein können. Daher die abenteuerliche Erklärung, die dieses System vom Ursprung der Vorstellung zu geben genötigt ist. Den Dingen an sich stellt es gegenüber ein Gemüt, und dieses Gemüt enthält in sich gewisse Formen a priori, die vor den Dingen an sich nur den Vorzug haben, daß man sie wenigstens als etwas absolut Leeres vorstellen kann. In diese Formen werden die Dinge gefaßt, indem wir sie vorstellen. Dadurch erhalten die formlosen Gegenstände Gestalt, die leeren Formen Inhalt. Wie es zugehe, daß Dinge überhaupt vorgestellt werden, darüber ist tiefes Stillschweigen. Genug, wir stellen Dinge außer uns vor, tragen aber erst in der Vorstellung auf sie über Raum und Zeit, ferner die Begriffe von Substanz und Akzidens, Ursache und Wirkung usw.; so entsteht Sukzession unserer Vorstellungen in uns, und zwar eine notwendige Sukzession, und diese selbstgemachte, mit Bewußtsein erst hervorgebrachte Sukzession heißt man den Naturlauf.
Dieses System bedarf keiner Widerlegung. Es darstellen, heißt es von Grund aus umstürzen. Wirklich darüber erhaben, mit ihm gar nicht vergleichbar ist der Humische Skeptizismus. Hume läßt (seinen Prinzipien getreu) völlig unentschieden, ob unseren Vorstellungen Dinge außer uns entsprechen oder nicht. Auf jeden Fall aber muß er annehmen, daß die Sukzession der Erscheinungen nur in unseren Vorstellungen stattfinde; – daß wir aber gerade diese bestimmte Sukzession als notwendig denken, erklärt er für bloße Täuschung. Allein, was man von Hume mit Recht fordern kann, ist, daß er wenigstens den Ursprung dieser Täuschung erkläre. Denn daß wir uns wirklich eine Aufeinanderfolge von Ursachen und Wirkungen als notwendig denken – daß darauf alle unsere empirischen Wissenschaften, Naturlehre und Geschichte (in der er selbst ein so großer Meister war), beruhen, kann er nicht ableugnen. Woher aber diese Täuschung selbst? – Hume antwortet: »aus Gewohnheit; weil die Erscheinungen bisher in dieser Ordnung[130] aufeinander folgten, hat sich die Einbildungskraft gewöhnt, dieselbe Ordnung auch aufs Künftige zu erwarten, und diese Erwartung ist uns endlich, wie jede lange Gewohnheit, zur anderen Natur geworden«. – Allein diese Erklärung geht im Zirkel. Denn eben das sollte ja erklärt werden, warum die Dinge (was Hume nicht leugnet) bisher in dieser Ordnung aufeinander gefolgt sind. War diese Aufeinanderfolge etwa in den Dingen außer uns? Aber außer unseren Vorstellungen ist keine Sukzession. Oder war es bloße Sukzession unserer Vorstellungen, so muß sich auch ein Grund der Beständigkeit dieser Sukzession angeben lassen. Was unabhängig von mir da ist, vermag ich nicht zu erklären; was aber nur in mir vorgeht, davon muß sich auch der Grund in mir finden lassen. Hume kann sagen: Es ist so, und dies genügt mir. Allein dies heißt nicht philosophieren. Ich sage nicht, daß ein Hume philosophieren solle, aber wenn man einmal philosophieren zu wollen vorgibt, so kann man die Frage warum nicht mehr abweisen.
Also bleibt nichts mehr übrig als der Versuch, aus der Natur unseres, und insofern des endlichen Geistes überhaupt, die Notwendigkeit einer Sukzession seiner Vorstellungen abzuleiten und, damit diese Sukzession wahrhaft objektiv sei, die Dinge selbst zugleich mit dieser Aufeinanderfolge in ihm werden und entstehen zu lassen.
Unter allen bisherigen Systemen nun kenne ich nur die beiden – das Spinozische und Leibnizische – welche diesen Versuch nicht nur unternahmen, sondern deren ganze Philosophie nichts anders als dieser Versuch ist. Weil nun jetzt noch über das Verhältnis dieser beiden Systeme – ob sie sich widersprechen, oder wie sie zusammenhängen – viel Zweifelns und Redens ist, so scheint es nützlich, einiges darüber zum voraus beizubringen.
Spinoza, wie es scheint, sehr frühzeitig bekümmert über den Zusammenhang unserer Ideen mit den Dingen außer uns, konnte die Trennung nicht ertragen, die man zwischen beiden gestiftet hatte. Er sah ein, daß in unserer Natur Ideales und Reales (Gedanke und Gegenstand) innigst vereinigt sind. Daß[131] wir Vorstellungen von Dingen außer uns haben, daß unsere Vorstellungen selbst über diese hinaus reichen, konnte er sich nur aus unserer idealen Natur erklären; daß aber diesen Vorstellungen wirkliche Dinge entsprechen, mußte er sich aus den Affektionen und Bestimmungen des Idealen in uns erklären. Des Realen also konnten wir uns nicht bewußt werden, als im Gegensatz gegen das Ideale, sowie des Idealen nur im Gegensatz gegen das Reale. Mithin konnte zwischen den wirklichen Dingen und unseren Vorstellungen von ihnen keine Trennung stattfinden. Begriffe und Dinge, Gedanke und Ausdehnung waren ihm daher eins und dasselbe, beides nur Modifikationen einer und derselben idealen Natur.
Anstatt aber in die Tiefen seines Selbstbewußtseins hinabzusteigen und von dort aus dem Entstehen zweier Welten in uns – der idealen und realen – zuzusehen, überflog er sich selbst; anstatt aus unserer Natur zu erklären, wie Endliches und Unendliches, ursprünglich in uns vereinigt, wechselseitig auseinander hervorgehen, verlor er sich sogleich in der Idee eines Unendlichen außer uns. In diesem Unendlichen entstanden, oder vielmehr waren ursprünglich – man wußte nicht woher – Affektionen und Modifikationen, und mit diesen eine endlose Reihe endlicher Dinge. Denn weil es in seinem System vom Unendlichen zum Endlichen keinen Übergang gab, so war ihm ein Anfang des Werdens so unbegreiflich, als ein Anfang des Seins. Daß aber diese endlose Sukzession von mir vorgestellt wird, und mit Notwendigkeit vorgestellt wird, folgte daraus, daß die Dinge und meine Vorstellungen ursprünglich eins und dasselbe waren. Ich selbst war nur ein Gedanke des Unendlichen oder vielmehr selbst nur eine stete Sukzession von Vorstellungen. Wie ich mir aber selbst wieder dieser Sukzession bewußt würde, vermochte Spinoza nicht verständlich zu machen.
Denn überhaupt ist sein System, sowie es aus seiner Hand kam, das unverständlichste, das je existiert hat. Man muß dieses System in sich selbst aufgenommen, sich selbst an die Stelle seiner unendlichen Substanz gesetzt haben, um zu wissen, daß Unendliches und Endliches nicht außer uns, sondern in uns – nicht entstehen, sondern – ursprünglich zugleich und ungetrennt [132] da sind, und daß eben auf dieser ursprünglichen Vereinigung die Natur unseres Geistes und unser ganzes geistiges Dasein beruht. Denn wir kennen unmittelbar nur unser eigen Wesen, und nur wir selbst sind uns verständlich. Wie in einem Absoluten außer mir Affektionen und Bestimmungen sind und sein können, verstehe ich nicht. Daß aber in mir auch nichts Unendliches sein könnte, ohne daß zugleich ein Endliches sei, verstehe ich. Denn in mir ist jene notwendige Vereinigung des Idealen und Realen, des absolut Tätigen und absolut Leidenden (die Spinoza in eine unendliche Substanz außer mir versetzte) ursprünglich, ohne mein Zutun, da, und eben darin besteht meine Natur24.
Diesen Weg ging Leibniz, und hier ist der Punkt, wo er von Spinoza sich scheidet und mit ihm zusammenhängt. Es ist unmöglich, Leibnizen zu verstehen, ohne auf diesen Punkt sich gestellt zu haben. Jacobi hat erwiesen, daß sein ganzes System vom Begriff der Individualität ausgeht und darauf zurückkehrt. Im Begriff der Individualität allein ist ursprünglich vereinigt, was alle übrige Philosophie trennt, das Positive und das Negative, das Tätige und Leidende unserer Natur. Wie im Unendlichen außer uns Bestimmungen sein können, wußte Spinoza nicht verständlich zu machen, und vergebens suchte er einen Übergang vom Unendlichen zum Endlichen zu vermeiden. Dieser Übergang findet sich nur da nicht, wo Endliches und Unendliches ursprünglich vereinigt sind, und diese ursprüngliche Vereinigung ist nirgends, als im Wesen einer individuellen Natur. Leibniz ging also weder vom Unendlichen zum Endlichen, noch von diesem zu jenem über, sondern beides war ihm auf einmal – gleichsam durch eine und dieselbe Entwicklung unserer Natur – durch eine und dieselbe Handlungsweise des Geistes wirklich gemacht.
Daß die Vorstellungen in uns aufeinander folgen, ist notwendige[133] Folge unserer Endlichkeit; daß aber diese Reihe endlos ist, beweist, daß sie von einem Wesen ausgeht, in dessen Natur Endlichkeit und Unendlichkeit vereinigt sind.
Daß diese Sukzession notwendig ist, folgt in Leibnizens Philosophie daraus, daß die Dinge zugleich mit den Vorstellungen, kraft der bloßen Gesetze unserer Natur, nach einem inneren Prinzip in uns, wie in einer eigenen Welt entstehen. Was Leibniz allein für ursprünglich-real und an sich wirklich hielt, waren vorstellende Wesen; denn in diesen allein war jene Vereinigung ursprünglich, aus welcher erst alles andere, was wirklich heißt, sich entwickelt und hervorgeht. Denn alles, was außer uns wirklich ist, ist ein Endliches, also nicht denkbar ohne ein Positives, das ihm Realität, und ein Negatives, das ihm Grenze gibt. Diese Vereinigung positiver und negativer Tätigkeit aber ist nirgends als in der Natur eines Individuums ursprünglich. Äußere Dinge waren nicht wirklich an sich selbst, sondern nur wirklich – geworden durch die Vorstellungsweise geistiger Naturen; dasjenige aber, aus dessen Natur erst: alles Dasein hervorgeht, d.h. das vorstellende Wesen allein mußte etwas sein, das in sich selbst Quell und Ursprung seines Daseins trägt.
Entspringt nun die ganze Sukzession der Vorstellungen aus der Natur des endlichen Geistes, so muß sich daraus auch die ganze Reihe unserer Erfahrungen ableiten lassen. Denn daß alle Wesen unserer Art die Erscheinungen der Welt in derselben notwendigen Aufeinanderfolge vorstellen, läßt sich einzig und allein aus unserer gemeinschaftlichen Natur begreifen. Diese Übereinstimmung unserer Natur aber durch eine prästabilierte Harmonie erklären, heißt sie wirklich nicht erklären. Denn dieses Wort sagt nur, daß eine solche Übereinstimmung stattfinde, aber nicht wie und warum. Es liegt aber in Leibnizens System selbst, daß aus dem Wesen endlicher Naturen überhaupt jene Übereinstimmung folge. Denn wäre dies nicht, so hörte der Geist auf, absoluter Selbstgrund seines Wissens und Erkennens zu sein. Er müßte den Grund seiner Vorstellungen doch noch außer sich suchen, wir wären wieder auf denselben Punkt zurückgekommen, den wir gleich anfangs verließen, die Welt und ihre Ordnung[134] wäre für uns zufällig und die Vorstellung davon käme uns nur von außen. Damit aber schweifen wir unvermeidlich über die Grenze, innerhalb welcher wir allein uns verstehen. Denn wenn eine höhere Hand erst uns so eingerichtet hat, daß wir eine solche Welt und eine solche Ordnung der Erscheinungen vorzustellen genötigt sind, so ist, abgerechnet, daß diese Hypothese uns völlig unverständlich ist, diese ganze Welt abermals eine Täuschung; ein Druck jener Hand vermag sie uns zu entreißen oder uns in eine ganz andere Ordnung der Dinge zu versetzen; selbst, daß Wesen unserer Art (von gleichen Vorstellungen mit uns) außer uns seien, ist dann völlig zweifelhaft. Mit der prästabilierten Harmonie also kann Leibniz nicht die Idee verbunden haben, die man gewöhnlich damit verbindet. Denn er behauptet ausdrücklich, kein Geist könne entstanden sein, d.h. auf einen Geist lassen sich Begriffe von Ursache und Wirkung gar nicht anwenden. Er ist: also absoluter Selbstgrund seines Sein und Wissens, und dadurch, daß er überhaupt ist, ist er auch das, was er ist, d.h. ein Wesen, zu dessen Natur auch dieses bestimmte System von Vorstellungen äußerer Dinge gehört. Philosophie also ist nichts anderes, als eine Naturlehre unseres Geistes. Von nun an ist aller Dogmatismus von Grund aus umgekehrt. Wir betrachten das System unserer Vorstellungen nicht in seinem Sein, sondern in seinem Werden. Die Philosophie wird genetisch, d.h. sie läßt die ganze notwendige Reihe unserer Vorstellungen vor unseren Augen gleichsam entstehen und ablaufen. Von nun an ist zwischen Erfahrung und Spekulation keine Trennung mehr. Das System der Natur ist zugleich das System unseres Geistes, und jetzt erst, nachdem die große Synthesis vollendet ist, kehrt unser Wissen zur Analysis (zum Forschen und Versuchen) zurück. Aber noch ist dieses System nicht da; viele verzagte Geister verzweifeln zum voraus, denn sie reden von einem System unserer Natur (deren Größe sie nicht kennen) nicht anders, als ob von einem Lehrgebäude25 unserer Begriffe die Rede wäre.[135]
Der Dogmatiker, der alles als ursprünglich außer uns vorhanden (nicht als aus uns werdend und entspringend) voraussetzt, muß sich doch wenigstens dazu anheischig machen, das was außer uns ist auch aus äußeren Ursachen zu erklären. Dies gelingt ihm, solange er sich innerhalb des Zusammenhangs von Ursache und Wirkung befindet, unerachtet er nie begreiflich machen kann, wie dieser Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen selbst entstanden ist. Sobald er sich über die einzelne Erscheinung erhebt, ist seine ganze Philosophie zu Ende; die Grenzen des Mechanismus sind auch die Grenzen seines Systems.
Nun ist aber Mechanismus allein bei weitem nicht das, was die Natur ausmacht. Denn sobald wir ins Gebiet der organischen Natur übertreten, hört für uns alle mechanische Verknüpfung von Ursache und Wirkung auf. Jedes organische Produkt besteht für sich selbst, sein Dasein ist von keinem anderen Dasein abhängig. Nun ist aber die Ursache nie dieselbe mit der Wirkung, nur zwischen ganz verschiedenen Dingen ist ein Verhältnis von Ursache und Wirkung möglich. Die Organisation aber produziert sich selbst, entspringt aus sich selbst; jede einzelne Pflanze ist nur Produkt eines Individuums ihrer Art, und so produziert und reproduziert jede einzelne Organisation ins Unendliche fort nur ihre Gattung. Also schreitet keine Organisation fort, sondern kehrt ins Unendliche fort immer in sich selbst zurück. Eine Organisation als solche demnach ist weder Ursache noch Wirkung eines Dinges außer ihr, also nichts, was in den Zusammenhang des Mechanismus eingreift. Jedes organische Produkt trägt den Grund seines Daseins in sich selbst, denn es ist von sich selbst Ursache und Wirkung. Kein einzelner Teil konnte entstehen, als in diesem Ganzen, und dieses Ganze selbst besteht nur in der Wechselwirkung der Teile. In jedem anderen Objekt sind die Teile willkürlich, sie sind nur da, insofern ich teile. Im organisierten Wesen allein sind sie real, sie sind da ohne[136] mein Zutun, weil zwischen ihnen und dem Ganzen ein objektives Verhältnis ist. Also liegt jeder Organisation ein Begriff zugrunde, denn wo notwendige Beziehung des Ganzen auf Teile und der Teile auf ein Ganzes ist, ist Begriff. Aber dieser Begriff wohnt in ihr selbst, kann von ihr gar nicht getrennt werden, sie organisiert sich selbst, ist nicht etwa nur ein Kunstwerk, dessen Begriff außer ihm im Verstande des Künstlers vorhanden ist. Nicht ihre Form allein, sondern ihr Dasein ist zweckmäßig. Sie konnte sich nicht organisieren, ohne schon organisiert zu sein. Die Pflanze nährt sich und dauert fort durch Assimilation äußerer Stoffe, aber sie kann sich nichts assimilieren, ohne schon organisiert zu sein. Die Fortdauer des belebten Körpers ist an die Respiration gebunden. Die Lebensluft, die er einatmet, wird durch seine Organe zerlegt, um als elektrisches Fluidum die Nerven zu durchströmen. Aber um diesen Prozeß möglich zu machen, mußte selbst schon Organisation da sein, die doch hinwiederum ohne diesen Prozeß nicht fortdauert. Daher nur aus Organisation Organisation sich bildet. Im organischen Produkt ist eben deswegen Form und Materie unzertrennlich; diese bestimmte Materie konnte nur zugleich mit dieser bestimmten Form, und umgekehrt, werden und entstehen. Jede Organisation ist also ein Ganzes; ihre Einheit liegt in ihr selbst, es hängt nicht von unserer Willkür ab, sie als Eines oder als Vieles zu denken. Ursache und Wirkung ist etwas Vorübergehendes, Vorüberschwindendes, bloße Erscheinung (im gewöhnlichen Sinne des Wortes). Die Organisation aber ist nicht bloße Erscheinung, sondern selbst Objekt, und zwar ein durch sich selbst bestehendes, in sich selbst ganzes, unteilbares Objekt, und weil in ihm die Form von der Materie unzertrennlich ist, so läßt sich der Ursprung einer Organisation, als solcher, mechanisch ebensowenig erklären, als der Ursprung der Materie selbst.
Soll also die Zweckmäßigkeit der organischen Produkte erklärt werden, so sieht sich der Dogmatiker völlig von seinem Systeme verlassen. Hier hilft es nicht mehr, Begriff und Gegenstand, Form und Materie zu trennen wie uns beliebt. Denn hier wenigstens ist beides nicht in unserer Vorstellung, sondern im[137] Objekt selbst ursprünglich und notwendig vereinigt. Auf dieses Feld, wünschte ich, wagte sich mit uns einer von denen, die ein Spiel mit Begriffen für Philosophie und Hirngespinste von Dingen für wirkliche Dinge halten.
Vorerst müßt ihr zugeben, daß hier von einer Einheit die Rede ist, die sich schlechterdings nicht aus der Materie, als solcher, erklären läßt. Denn es ist eine Einheit des Begriffs; diese Einheit ist nur da in bezug auf ein anschauendes und reflektierendes Wesen. Denn daß in einer Organisation absolute Individualität ist, daß ihre Teile nur durch das Ganze und das Ganze nicht durch Zusammensetzung, sondern durch Wechselwirkung der Teile möglich ist, ist ein Urteil, und kann gar nicht geurteilt werden, als nur von einem Geiste, der Teil und Ganzes, Form und Materie wechselseitig aufeinander bezieht, und nur durch und in dieser Beziehung erst entsteht und wird alle Zweckmäßigkeit und Zusammenstimmung zum Ganzen. Was haben auch diese Teile, die doch nur Materie sind, mit einer Idee gemein, die der Materie ursprünglich fremd ist, und zu der sie doch zusammenstimmen? Hier ist keine Beziehung möglich, als durch ein Drittes, zu dessen Vorstellungen beides, Materie und Begriff, gehört. Ein solches Drittes aber ist nur ein anschauender und reflektierender Geist. Also müßt ihr einräumen, daß Organisation überhaupt nur in bezug auf einen Geist vorstellbar ist.
Dies räumen selbst diejenigen ein, welche auch die organischen Produkte durch einen wundervollen Zusammenstoß von Atomen entstehen lassen. Denn indem sie den Ursprung dieser Dinge vom blinden Zufall ableiten, heben sie sofort auch alle Zweckmäßigkeit in ihnen und damit selbst alle Begriffe von Organisation auf. Dies heißt konsequent gedacht. Denn da Zweckmäßigkeit nur vorstellbar ist in bezug auf einen urteilenden Verstand, so muß auch die Frage: wie die organischen Produkte unabhängig von mir entstanden, so beantwortet werden, als ob es zwischen ihnen und einem urteilenden Verstande gar keine Beziehung gäbe, d.h. als ob in ihnen überall keine Zweckmäßigkeit wäre.
Das Erste also, was ihr zugebt, ist dieses: Aller Begriff von[138] Zweckmäßigkeit kann nur in einem Verstande entstehen, und nur in bezug auf einen solchen Verstand kann irgend ein Ding zweckmäßig heißen.
Gleichwohl seid ihr nicht minder genötigt, einzuräumen, daß die Zweckmäßigkeit der Naturprodukte in ihnen selbst wohnt, daß sie objektiv und real, daß sie also nicht zu euern willkürlichen, sondern zu euern notwendigen Vorstellungen gehört. Denn ihr könnt gar wohl unterscheiden, was in den Verbindungen eurer Begriffe willkürlich und notwendig ist. So oft ihr Dinge, die durch den Raum getrennt sind, in Eine Zahl zusammenfaßt, handelt ihr völlig frei; die Einheit, die ihr ihnen gebt, tragt ihr nur aus euern Gedanken auf sie über, in den Dingen selbst liegt kein Grund, der euch nötigte, sie als Eines zu denken. Daß ihr aber jede Pflanze als ein Individuum denkt, in welchem alles zu Einem Zweck zusammenstimmt, davon müßt ihr den Grund in dem Ding außer euch suchen; ihr fühlt euch in euerm Urteil gezwungen, ihr müßt also einräumen, daß die Einheit, mit der ihr es denkt, nicht bloß logisch (in euern Gedanken), sondern real (außer euch wirklich) ist.
Nun verlangt man von euch, ihr sollt die Frage beantworten: wie es zugeht, daß eine Idee, die doch offenbar bloß in euch existieren und bloß in bezug auf euch Realität haben kann, doch von euch selbst als außer euch wirklich angeschaut und vorgestellt werden muß.
Zwar gibt es Philosophen, die für alle diese Fragen Eine Universalantwort haben, die sie bei jeder Gelegenheit wiederholen und nicht genug wiederholen können. Was an den Dingen Form ist, sagen sie, tragen wir erst auf die Dinge über. Aber eben das verlange ich längst zu wissen, wie ihr das könnt, was denn die Dinge sind ohne die Form, die ihr erst auf sie übertragt, oder was die Form ist, ohne die Dinge, auf welche ihr sie übertragt. Ihr müßt aber zugeben, daß hier wenigstens die Form von der Materie, der Begriff vom Objekt schlechterdings unzertrennlich ist. Oder wenn es in eurer Willkür steht, die Idee von Zweckmäßigkeit auf Dinge außer euch überzutragen oder nicht, wie kommt es, daß ihr diese Idee nur auf gewisse Dinge, nicht auf alle übertragt, daß ihr euch ferner bei dieser Vorstellung[139] zweckmäßiger Produkte gar nicht frei, sondern schlechthin gezwungen fühlt? Für beides könnt ihr keinen Grund angeben, als den, daß jene zweckmäßige Form ursprünglich und ohne Zutun eurer Willkür gewissen Dingen außer euch schlechthin zukomme.
Dies vorausgesetzt gilt auch hier wieder, was oben galt: Form und Materie dieser Dinge konnten nie getrennt sein, beide konnten nur zugleich und wechselseitig durcheinander werden. Der Begriff, der dieser Organisation zugrunde liegt, hat an sich keine Realität, und umgekehrt, diese bestimmte Materie ist nicht als Materie, sondern nur durch den inwohnenden Begriff, organisierte Materie. Dieses bestimmte Objekt also konnte nur zugleich mit diesem Begriff und dieser bestimmte Begriff nur zugleich mit diesem bestimmten Objekt entstehen.
Nach diesem Prinzip müssen sich alle bisherigen Systeme beurteilen lassen.
Um jene Vereinigung von Begriff und Materie zu begreifen, nehmt ihr einen höheren, göttlichen Verstand an, der seine Schöpfungen in Idealen entwarf und diesen Idealen gemäß die Natur hervorbrachte. Allein ein Wesen, in welchem der Begriff der Tat, der Entwurf der Ausführung vorangeht, kann nicht hervorbringen, kann nur Materie, die schon da ist, formen, bilden, kann der Materie nur von außen das Gepräge des Verstandes und der Zweckmäßigkeit aufdrucken; was er hervorbringt, ist nicht in sich selbst, sondern nur in bezug auf den Verstand des Künstlers, nicht ursprünglich und notwendig, sondern zufälligerweise zweckmäßig. Ist nicht der Verstand ein totes Vermögen und dient er zu etwas anderem, als Wirklichkeit, wenn sie da ist, aufzufassen, zu begreifen, und entlehnt nicht der Verstand anstatt das Wirkliche zu schaffen, vom Wirklichen selbst erst seine eigene Realität, und ist es nicht bloß die Sklaverei dieses Vermögens, seine Fähigkeit, Umrisse der Wirklichkeit zu beschreiben, was zwischen ihm und der Wirklichkeit Vermittlung stiftet? Aber hier ist die Frage, wie das Wirkliche, und mit ihm erst und ungetrennt von ihm das Ideale (Zweckmäßige) entstehe. Nicht, daß die Naturdinge überhaupt zweckmäßig sind, sowie jedes Werk der Kunst auch zweckmäßig ist, sondern daß diese Zweckmäßigkeit etwas ist, was[140] ihnen von außen gar nicht mitgeteilt werden konnte, daß sie zweckmäßig sind ursprünglich durch sich selbst, dies ist, was wir erklärt wissen wollen.
Ihr nehmt also eure Zuflucht zum schöpferischen Vermögen einer Gottheit, aus welchem die wirklichen Dinge zugleich mit ihren Ideen entsprangen und hervorgingen. Ihr sähet ein, daß ihr das Wirkliche zugleich mit dem Zweckmäßigen, das Zweckmäßige zugleich mit dem Wirklichen entstehen lassen müßt, wenn ihr außer euch etwas annehmen wollt, das in sich selbst und durch sich selbst zweckmäßig ist.
Allein laßt uns einen Augenblick annehmen, was ihr behauptet (obgleich ihr selbst außerstande seid, es verständlich zu machen), laßt uns annehmen, es sei durch die Schöpferkraft einer Gottheit das ganze System der Natur und damit die ganze Mannigfaltigkeit zweckmäßiger Produkte außer uns entstanden: sind wir wirklich auch nur um Einen Schritt weiter als vorhin und sehen wir uns nicht wieder auf demselben Punkte, von dem wir gleich anfangs ausgingen? Wie organisierte Produkte außer – und unabhängig von mir wirklich geworden, war ja gar nicht das, was ich zu wissen verlangte; denn wie könnte ich mir davon auch nur einen deutlichen Begriff machen? Die Frage war: wie die Vorstellung zweckmäßiger Produkte außer mir in mich gekommen, und wie ich genötigt sei, diese Zweckmäßigkeit, obgleich sie den Dingen nur in bezug auf meinen Verstand zukommt, doch als außer mir wirklich und notwendig zu denken. – Diese Frage habt ihr nicht beantwortet.
Denn sobald ihr die Naturdinge als außer euch wirklich und somit als Werk eines Schöpfers betrachtet, kann in ihnen selbst keine Zweckmäßigkeit wohnen, denn diese gilt ja nur in bezug auf euern Verstand. Oder wollt ihr auch im Schöpfer der Dinge Begriffe von Zweck usw. voraussetzen? Allein sobald ihr dies tut, hört er auf, Schöpfer zu sein, er wird bloßer Künstler, er ist höchstens Baumeister der Natur; ihr zerstört aber alle Idee von Natur von Grund aus, sobald ihr die Zweckmäßigkeit von außen durch einen Übergang aus dem Verstande irgend eines Wesens in sie kommen laßt. Sobald ihr also die[141] Idee des Schöpfers endlich macht, hört er auf, Schöpfer zu sein; erweitert ihr sie bis zur Unendlichkeit, so verlieren sich alle Begriffe von Zweckmäßigkeit und Verstand und es bleibt nur noch die Idee einer absoluten Macht übrig. Von nun an ist alles Endliche bloße Modifikation des Unendlichen. Aber ihr begreift ebensowenig, wie im Unendlichen überhaupt eine Modifikation möglich sei, als ihr begreift, wie diese Modifikationen des Unendlichen, d.h. wie das ganze System endlicher Dinge in eure Vorstellung gekommen, oder, wie die Einheit der Dinge, die im unendlichen Wesen nur ontologisch sein kann, in eurem Verstande teleologisch geworden sei.
Ihr könntet zwar versuchen, dies aus der eigentümlichen Natur eines endlichen Geistes zu erklären. Allein wenn ihr das tut, so bedürft ihr des Unendlichen als eines Außer-euch nicht mehr. Ihr könnt von nun an alles nur in euerm Geiste werden und entstehen lassen. Denn wenn ihr auch außer und unabhängig von euch Dinge voraussetzt, die an sich zweckmäßig sind, so müßt ihr dessenungeachtet noch erklären, wie eure Vorstellungen mit diesen äußeren Dingen zusammenstimmen. Ihr müßt zu einer prästabilierten Harmonie eure Zuflucht nehmen, müßt annehmen, daß in den Dingen außer euch selbst ein Geist herrsche, der dem eurigen analog ist. Denn nur in einem Geiste von schöpferischem Vermögen kann Begriff und Wirklichkeit, Ideales und Reales so sich durchdringen und vereinigen, daß zwischen beiden keine Trennung möglich ist. Ich kann nicht anders denken, als daß Leibniz unter der substantiellen Form sich einen den organisierten Wesen inwohnenden regierenden Geist dachte.
Diese Philosophie also muß annehmen, es gebe eine Stufenfolge des Lebens in der Natur. Auch in der bloß organisierten Materie sei Leben; nur ein Leben eingeschränkterer Art. Diese Idee ist so alt und hat sich bis jetzt unter den mannigfaltigsten Formen bis auf den heutigen Tag so standhaft erhalten – (in den ältesten Zeiten schon ließ man die ganze Welt von einem belebenden Prinzip, Weltseele genannt, durchdrungen werden, und das spätere Zeitalter Leibnizens gab jeder Pflanze ihre Seele) – daß man wohl zum voraus vermuten kann, es müsse irgend[142] ein Grund dieses Naturglaubens im menschlichen Geiste selbst liegen. So ist es auch. Der ganze Zauber, der das Problem vom Ursprung organisierter Körper umgibt, rührt daher, daß in diesen Dingen Notwendigkeit und Zufälligkeit innigst vereinigt sind. Notwendigkeit, weil ihr Dasein schon, nicht nur (wie beim Kunstwerk) ihre Form, zweckmäßig ist; Zufälligkeit, weil diese Zweckmäßigkeit doch nur für ein anschauendes und reflektierendes Wesen wirklich ist. Dadurch wurde der menschliche Geist frühzeitig auf die Idee einer sich selbst organisierenden Materie geführt und, weil Organisation nur in bezug auf einen Geist vorstellbar ist, auf eine ursprüngliche Vereinigung des Geistes und der Materie in diesen Dingen. Er sah sich genötigt, den Grund dieser Dinge einerseits in der Natur selbst, andererseits in einem über die Natur erhabenen Prinzip zu suchen; daher geriet er sehr frühzeitig darauf, Geist und Natur als Eines zu denken. Hier trat es zuerst hervor aus seinem heiligen Dunkel jenes idealische Wesen, in welchem er Begriff und Tat, Entwurf und Ausführung als Eines denkt. Hier zuerst überfiel den Menschen eine Ahndung seiner eigenen Natur, in welcher Anschauung und Begriff, Form und Gegenstand, Ideales und Reales ursprünglich eines und dasselbe ist. Daher der eigentümliche Schein, der um diese Probleme her ist, ein Schein, den die bloße Reflexionsphilosophie, die nur auf Trennung ausgeht, nie zu entwickeln vermag, während die reine Anschauung oder vielmehr die schöpferische Einbildungskraft längst die symbolische Sprache erfand, die man nur auslegen darf, um zu finden, daß die Natur um so verständlicher zu uns spricht, je weniger wir über sie bloß reflektierend denken.
Kein Wunder, daß jene Sprache, dogmatisch gebraucht26 bald selbst Sinn und Bedeutung verlor. Solange ich selbst mit der Natur identisch bin, verstehe ich was eine lebendige Natur ist so gut, als ich mein eigenes Leben verstehe; begreife, wie dieses allgemeine Leben der Natur in den mannigfaltigsten Formen, in stufenmäßigen Entwicklungen, in allmählichen Annäherungen zur Freiheit sich offenbaret; sobald ich aber mich und mit mir alles Ideale von der Natur trenne, bleibt mir nichts[143] übrig als ein totes Objekt und ich höre auf, zu begreifen, wie ein Leben außer mir möglich sei.
Frage ich den gemeinen Verstand, so glaubt er nur da Leben zu sehen, wo freie Bewegung ist. Denn die Vermögen tierischer Organe – Sensibilität, Irritabilität usw. – setzen selbst ein impulsives Prinzip voraus, ohne welches das Tier unfähig wäre, Reizen von außen Reaktion entgegenzusetzen, und nur durch diese freie Zurückwirkung der Organe wird der von außen angebrachte Stimulus Reiz und Eindruck; es herrscht hier die völligste Wechselwirkung: nur durch Reiz von außen wird das Tier zur Hervorbringung von Bewegungen bestimmt, und umgekehrt, nur durch diese Fähigkeit, Bewegungen in sich hervorzubringen, wird der äußere Eindruck zum Reiz. (Daher ist weder Irritabilität ohne Sensibilität, noch Sensibilität ohne Irritabilität möglich.)
Allein alle diese Vermögen der Organe rein bloß als solche reichen nicht hin, das Leben zu erklären. Denn wir könnten uns gar wohl eine Zusammensetzung von Fibern, Nerven usw. denken, in welcher (wie z.B. in Nerven eines destruierten organischen Körpers durch Elektrizität, Metallreiz usw.) durch Reize von außen freie Bewegungen hervorgebracht würden, ohne daß wir doch diesem zusammengesetzten Ding Leben zuschreiben könnten. Man erwidert vielleicht, daß doch die Zusammenstimmung aller dieser Bewegungen Leben bewirke; allein dazu gehört ein höheres Prinzip, das wir nicht mehr aus der Materie selbst erklären können, ein Prinzip, das alle einzelnen Bewegungen ordnet, zusammenfaßt und so erst aus einer Mannigfaltigkeit von Bewegungen, die untereinander übereinstimmen, sich wechselseitig produzieren und reproduzieren, ein Ganzes schafft und hervorbringt. Also begegnen wir hier abermals jener absoluten Vereinigung von Natur und Freiheit in einem und demselben Wesen, die belebte Organisation soll Produkt der Natur sein; aber in diesem Naturprodukt soll herrschen ein ordnender, zusammenfassender Geist; diese beiden Prinzipien sollen in ihm gar nicht getrennt, sondern innigst vereinigt sein; in der Anschauung sollen sich beide gar nicht unterscheiden lassen, zwischen beiden soll kein Vor und kein Nach, sondern absolute Gleichzeitigkeit und Wechselwirkung stattfinden.[144]
Sobald die Philosophie diese innige Verbindung aufhebt, entstehen zwei sich gerade entgegengesetzte Systeme, von denen keines das andere widerlegen kann, weil beide alle Idee von Leben von Grund aus zerstören, die um so weiter vor ihnen entflieht, je näher sie ihr zu kommen glauben.
Ich rede nicht von der sogenannten Philosophie derjenigen, die auch Denken, Vorstellen und Wollen in uns bald aus einem zufälligen Zusammenstoß schon organisierter Körperchen, bald durch eine wirklich künstliche Zusammenfügung von Muskeln, Fasern, Häufchen, Häkchen, welche den Körper zusammenhalten, und flüssigen Materien, die ihn durchströmen, usw. entspringen lassen. Ich behaupte aber, daß wir ein Leben außer uns so wenig als ein Bewußtsein außer uns empirisch begreifen, daß weder das eine noch das andere aus physischen Gründen erklärbar, daß es in dieser Rücksicht völlig gleichgültig ist, ob der Körper als ein zufälliges Aggregat organisierter Körperteilchen, oder als eine hydraulische Maschine, oder als eine chemische Werkstätte betrachtet wird. Gesetzt z.B. daß alle Bewegungen einer belebten Materie durch Veränderungen in der Mischung ihrer Nerven, ihrer Fibern oder der Flüssigkeit, die man in ihnen zirkulieren läßt, erklärbar seien, so fragt sich nicht nur, wie jene Veränderungen bewirkt werden, sondern auch, welches Prinzip alle diese Veränderungen harmonisch zusammenfaßt. Oder, wenn endlich ein philosophischer Blick auf die Natur als ein System, das nirgends stille steht, sondern fortschreitet, entdeckt, daß die Natur mit der belebten Materie aus den Grenzen der toten Chemie tritt, also, weil sonst chemische Prozesse im Körper unvermeidlich wären und weil der tote Körper durch wahrhaft chemische Auflösung zerstört wird, im lebenden Körper ein Prinzip sein muß, das ihn den Gesetzen der Chemie entreißt, und wenn nun dieses Prinzip Lebenskraft genannt wird, so behaupte ich dagegen, daß Lebenskraft (so geläufig auch dieser Ausdruck sein mag), in diesem Sinn genommen, ein völlig widersprechender Begriff ist. Denn Kraft können wir uns nur als etwas Endliches denken. Endlich aber ist ihrer Natur nach keine Kraft, als insofern sie durch eine entgegengesetzte beschränkt wird. Wo wir daher Kraft denken (wie in der Materie), da[145] müssen wir uns auch eine ihr entgegengesetzte Kraft denken. Zwischen entgegengesetzten Kräften aber können wir uns nur ein doppeltes Verhältnis denken. Entweder sie sind im relativen Gleichgewicht (im absoluten Gleichgewicht würden sich beide völlig aufheben); dann werden sie als ruhend gedacht, wie in der Materie, die deshalb träg heißt. Oder man denkt sie in fortdauerndem, nie entschiedenem Streit, da eine wechselseitig siegt und unterliegt; dann aber muß wieder ein Drittes da sein, das diesem Streit Fortdauer gibt und in diesem Streit wechselseitig siegender und unterliegender Kräfte das Werk der Natur erhält. Dieses Dritte kann nun nicht selbst wieder eine Kraft sein, denn sonst kämen wir auf die vorige Alternative zurück. Es muß also etwas sein, das höher ist als selbst Kraft; Kraft aber ist das Letzte, worauf (wie ich erweisen werde) alle unsere physikalischen Erklärungen zurückkommen müssen: also müßte jenes Dritte etwas sein, was ganz außerhalb der Grenzen der empirischen Naturforschung liegt. Nun wird aber außer und über der Natur in der gewöhnlichen Vorstellung nichts Höheres erkannt als der Geist27. Allein wollten wir nun die Lebenskraft als geistiges Prinzip begreifen, so heben wir ebendamit jenen Begriff völlig auf. Denn Kraft heißt, was wir wenigstens als Prinzip an die Spitze der Naturwissenschaft stellen können und was, obgleich nicht selbst darstellbar, doch seiner Wirkungsart nach durch physikalische Gesetze bestimmbar ist. Allein wie ein Geist physisch wirken könne, davon haben wir auch nicht den geringsten Begriff; also kann auch ein geistiges Prinzip nicht Lebenskraft heißen, ein Ausdruck, wodurch man immer noch wenigstens die Hoffnung andeutet, jenes Prinzip nach physikalischen Gesetzen wirken zu lassen28.[146]
Begeben wir uns aber, wie wir denn dazu genötigt sind, dieses Begriffs (einer Lebenskraft), so sind wir genötigt, nun in ein ganz entgegengesetztes System zu flüchten, in welchem auf einmal wieder Geist und Materie einander gegenüberstehen, unerachtet wir jetzt so wenig begreifen, wie Geist auf Materie, als wir bisher begreifen konnten, wie Materie auf Geist wirke.
Geist, als Prinzip des Lebens gedacht, heißt Seele. Ich werde nicht wiederholen, was man gegen die Philosophie der Dualisten schon längst eingewandt hat. Man hat sie bis jetzt großenteils aus Prinzipien bestritten, die so wenig Gehalt hatten als das bestrittene System selbst. Wir fragen nicht, wie eine Verbindung von Seele und Leib überhaupt möglich sei, (eine Frage, zu der man nicht berechtigt ist, weil sie der Fragende selbst nicht versteht), sondern – was man verstehen kann und beantworten muß, wie nur überhaupt die Vorstellung einer solchen Verbindung in uns gekommen sei. Daß ich denke, vorstelle, will, und daß dieses Denken usw. so wenig ein Resultat meines Körpers sein kann, daß vielmehr dieser selbst nur durch jenes Vermögen, zu denken und zu wollen, mein Körper wird, weiß ich gar wohl. Ferner, es sei indes verstattet zum Behuf der Spekulation das Prinzip der Bewegung vom Bewegten, Seele vom Körper zu unterscheiden, unerachtet wir, sobald vom Handeln die Rede ist, diese Unterscheidung gänzlich vergessen. Nun ist mit all diesen Voraussetzungen doch so viel offenbar, daß, wenn Leben und Seele, die letztere als etwas vom Körper Verschiedenes, in mir ist, ich von beiden nur durch unmittelbare Erfahrung gewiß werden kann. Daß ich bin (denke, will, usw.), ist etwas, das ich wissen muß, wenn ich nur überhaupt etwas weiß. Wie also eine Vorstellung von meinem eigenen Sein und Leben in mich komme, verstehe ich, weil ich, wenn ich nur überhaupt verstehe, dieses verstehen muß. Auch weil ich mir meines eigenen Seins unmittelbar bewußt bin, beruht der Schluß auf eine Seele in mir, wenn auch die Konsequenz falsch sein sollte, wenigstens auf Einem unzweifelbaren Vordersatz, dem, daß ich bin,[147] lebe, vorstelle, will. Aber wie komme ich nun dazu, Sein, Leben usw. auf Dinge außer mir überzutragen. Denn sobald dies geschieht, verkehrt sich mein unmittelbares Wissen alsobald in ein mittelbares. Nun behaupte ich aber, daß von Sein und Leben nur ein unmittelbares Wissen möglich ist und daß, was ist und lebt, nur insofern ist und lebt, als es vorerst und vor allem andern für sich selbst da ist, seines Lebens durch sein Leben sich bewußt wird. Gesetzt also es komme in meiner Anschauung vor ein organisiertes Wesen, das sich frei bewegt, so weiß ich gar wohl, daß dieses Wesen existiert, daß es für mich da ist, nicht aber auch, daß es für sich selbst und an sich da ist. Denn das Leben kann so wenig außer dem Leben als das Bewußtsein außer dem Bewußtsein vorgestellt werden29. Also ist auch eine empirische30 Überzeugung davon, daß etwas außer mir lebe, schlechterdings unmöglich. Denn, kann der Idealist sagen, daß du dir organisierte, frei sich bewegende Körper vorstellst, kann auch nur zu den notwendigen Eigenheiten deines Vorstellungsvermögens gehören; und die Philosophie selbst, die alles außer mir belebt, läßt doch die Vorstellung dieses Lebens außer mir nicht von außen in mich kommen. Wenn aber diese Vorstellung nur in mir entsteht, wie kann ich überzeugt werden, daß ihr etwas außer mir entspreche? Auch ist offenbar, daß ich von einem Leben und Selbstsein außer mir nur praktisch überzeugt werde. Ich muß praktisch dazu genötigt sein, Wesen, die mir gleich seien, außer mir anzuerkennen. Wäre ich nicht genötigt, mit Menschen außer mir in Gesellschaft und in alle praktischen Verhältnisse, die damit verbunden sind, zu treten; wüßte ich nicht, daß Wesen, die der Erscheinung der äußeren Gestalt nach mir ähnlich sind, nicht mehr Gründe haben, Freiheit und Geistigkeit in mir anzuerkennen, als ich habe, dieselbe in ihnen anzuerkennen; wüßte ich endlich nicht, daß meine moralische Existenz erst durch die Existenz anderer moralischer Wesen außer mir Zweck und Bestimmung erhält, so könnte ich, der bloßen Spekulation überlassen, allerdings zweifeln, ob hinter jedem[148] Antlitz Menschheit und in jeder Brust Freiheit wohne. – Dies alles wird durch unsere gewöhnlichsten Urteile bestätigt. Nur von Wesen außer mir, die sich mit mir im Leben auf gleichen Fuß setzen, zwischen welchen und mir Empfangen und Geben, Leiden und Tun völlig wechselseitig ist, erkenne ich an, daß sie geistiger Art sind. Dagegen, wenn etwa die neugierige Frage aufgeworfen wird, ob auch den Tieren eine Seele zukomme, ein Mensch von gemeinem Verstande alsobald stutzig wird, weil er mit der Bejahung derselben etwas einzuräumen glaubte, was er nicht unmittelbar wissen kann31.
Gehen wir endlich zurück auf den ersten Ursprung des dualistischen Glaubens, daß eine vom Körper verschiedene Seele wenigstens in mir wohne, was ist denn wohl jenes in mir, was selbst wieder urteilt, daß ich aus Körper und Seele bestehe, und was ist dieses Ich, das aus Körper und Seele bestehen soll? Hier ist offenbar etwas noch Höheres, das, frei und vom Körper unabhängig, dem Körper eine Seele gibt, Körper und Seele zusammendenkt und selbst in diese Vereinigung nicht eingeht – wie es scheint, ein höheres Prinzip, in welchem selbst Körper und Seele wieder identisch sind.
Endlich, wenn wir auf diesem Dualismus bestehen, so haben wir nun ganz in der Nähe den Gegensatz, von dem wir ausgingen: Geist und Materie. Denn immer noch drückt uns dieselbe Unbegreiflichkeit, wie zwischen Materie und Geist Zusammenhang möglich sei. Man kann sich das Abschneidende dieses Gegensatzes durch Täuschungen aller Art verbergen, kann zwischen Geist und Materie so viel Zwischenmaterien schieben, die immer feiner und feiner werden, aber irgend einmal muß doch ein Punkt kommen, wo Geist und Materie Eins oder wo der große Sprung, den wir so lange vermeiden wollten, unvermeidlich wird, und darin sind alle Theorien sich gleich. Ob ich die Nerven von animalischen Geistern, elektrischen Materien oder Gasarten durchströmen oder davon erfüllt sein, und durch[149] sie Eindrücke zum Sensorium von außen fortpflanzen lasse, oder ob ich die Seele bis in die äußersten (noch dazu problematischen) Feuchtigkeiten des Hirns (ein Versuch, der wenigstens das Verdienst hat, das Äußerste getan zu haben) verfolge, ist in Rücksicht auf die Sache völlig gleichgültig. Es ist klar, daß unsere Kritik ihren Kreislauf vollendet hat, nicht aber, daß wir über jenen Gegensatz, von dem wir ausgingen, um das Geringste klüger geworden sind, als wir es anfangs waren. Wir lassen den Menschen zurück, als das sichtbare, herumwandernde Problem aller Philosophie, und unsere Kritik endet hier an denselben Extremen, mit welchen sie angefangen hat.
Fassen wir endlich die Natur in Ein Ganzes zusammen, so stehen einander gegenüber Mechanismus, d.h. eine abwärts laufende Reihe von Ursachen und Wirkungen, und Zweckmäßigkeit, d.h. Unabhängigkeit vom Mechanismus, Gleichzeitigkeit von Ursachen und Wirkungen. Indem wir auch diese beiden Extreme noch vereinigen, entsteht in uns die Idee von einer Zweckmäßigkeit des Ganzen, die Natur wird eine Kreislinie, die in sich selbst zurückläuft, ein in sich selbst beschlossenes System ist. Die Reihe von Ursachen und Wirkungen hört völlig auf und es entsteht eine wechselseitige Verknüpfung von Mittel und Zweck; das Einzelne konnte weder ohne das Ganze, noch das Ganze ohne das Einzelne wirklich werden.
Diese absolute Zweckmäßigkeit des Ganzen der Natur nun ist eine Idee, die wir nicht willkürlich, sondern notwendig denken. Wir fühlen uns gedrungen, alles einzelne auf eine solche Zweckmäßigkeit des Ganzen zu beziehen; wo wir etwas in der Natur finden, das zwecklos oder gar zweckwidrig zu sein scheint, glauben wir den ganzen Zusammenhang der Dinge zerrissen oder ruhen nicht eher, bis auch die scheinbare Zweckwidrigkeit in anderer Rücksicht zur Zweckmäßigkeit wird. Es ist also eine notwendige Maxime der reflektierenden Vernunft, in der Natur überall Verbindung nach Zweck und Mittel vorauszusetzen. Und ob wir gleich diese Maxime nicht in ein konstitutives Gesetz verwandeln, befolgen wir sie doch so standhaft und so unbefangen, daß wir offenbar voraussetzen, die Natur werde unserm Bestreben, absolute Zweckmäßigkeit in ihr zu entdecken, freiwillig[150] gleichsam entgegenkommen. Ebenso gehen wir mit vollem Zutrauen auf die Übereinstimmung der Natur mit den Maximen unserer reflektierenden Vernunft von speziellen, untergeordneten Gesetzen zu allgemeinen, höheren Gesetzen fort; und von Erscheinungen sogar, die noch in der Reihe unserer Kenntnisse isoliert da stehen, hören wir doch nicht auf, a priori vorauszusetzen, daß auch sie noch durch irgend ein gemeinschaftliches Prinzip unter sich zusammenhängen. Und nur da glauben wir an eine Natur außer uns, wo wir Mannigfaltigkeit der Wirkungen und Einheit der Mittel erblicken32.
Was ist denn nun jenes geheime Band, das unsern Geist mit der Natur verknüpft, oder jenes verborgene Organ, durch welches die Natur zu unserm Geiste oder unser Geist zur Natur spricht? Wir schenken euch zum voraus alle eure Erklärungen, wie eine solche zweckmäßige Natur außer uns wirklich geworden. Denn diese Zweckmäßigkeit daraus erklären, daß ein göttlicher Verstand ihr Urheber sei, heißt nicht philosophieren, sondern fromme Betrachtungen anstellen. Ihr habt uns damit so gut wie nichts erklärt; denn wir verlangen zu wissen, nicht, wie eine solche Natur außer uns entstanden, sondern, wie auch nur die Idee einer solchen Natur in uns gekommen sei; nicht etwa mir, wie wir sie willkürlich erzeugt haben, sondern wie und warum sie ursprünglich und notwendig allem, was unser Geschlecht über Natur von jeher gedacht hat, zugrunde liegt. Denn die Existenz einer solchen Natur außer mir erklärt noch lange nicht die Existenz einer solchen Natur in mir: denn wenn ihr annehmt, daß zwischen beiden eine vorherbestimmte Harmonie stattfinde, so ist ja ebendas der Gegenstand unserer Frage. Oder wenn ihr behauptet, daß wir eine solche Idee auf die Natur nur übertragen, so ist nie eine Ahndung von dem, was uns Natur ist und sein soll, in eure Seele gekommen. Denn wir wollen, nicht daß die Natur mit den Gesetzen unsers Geistes zufällig (etwa durch Vermittelung eines Dritten) zusammentreffe, sondern daß sie selbst notwendig und ursprünglich die[151] Gesetze unsers Geistes nicht nur ausdrücke, sondern selbst realisiere, und daß sie nur insofern Natur sei und Natur heiße, als sie dies tut.
Die Natur soll der sichtbare Geist, der Geist die unsichtbare Natur sein. Hier also, in der absoluten Identität des Geistes in uns und der Natur außer uns, muß sich das Problem, wie eine Natur außer uns möglich sei, auflösen. Das letzte Ziel unserer weiteren Nachforschung ist daher diese Idee der Natur; gelingt es uns, diese zu erreichen, so können wir auch gewiß sein, jenem Problem Genüge getan zu haben.
* * *
Dies sind die Hauptprobleme, welche aufzulösen der Zweck dieser Schrift sein soll.
Aber diese Schrift beginnt nicht von oben (mit Aufstellung der Prinzipien), sondern von unten (mit Erfahrungen und Prüfung der bisherigen Systeme).
Erst wenn ich beim Ziel, das ich mir vorgesetzt habe, angekommen bin, wird man mir verstatten, die durchlaufene Bahn rückwärts zu wiederholen.[152]
Fußnoten
3 Erste Auflage: die Idee von Philosophie nur das Resultat der Philosophie selbst, eine allgemeingültige Philosophie aber ein ruhmloses Hirngespinst.
4 Die größten Philosophen waren immer die ersten, die dahin zurückkehrten, und Sokrates, nachdem er (wie Platon erzählt) die Nacht hindurch, in Spekulationen versunken, gestanden hatte, betete früh die aufgehende Sonne an (Zusatz der ersten Auflage).
5 Hier und auf den folgenden Seiten, sowie auch später noch, stand in der ersten Auflage »Spekulation« statt »Reflexion«, »spekulieren« statt »reflektieren«.
6 Der letzte Passus lautet in der ersten Auflage: Die bloße Spekulation also ist eine Geisteskrankheit des Menschen, noch dazu die gefährlichste von allen, die den Keim seiner Existenz tötet, die Wurzel seines Daseins ausrottet. Sie ist ein Plagegeist, der, wo er einmal übermächtig geworden ist, nicht mehr – nicht durch die Reize der Natur (denn was vermögen diese auf eine erstorbene Seele?) – nicht durch das Geräusch des Lebens – zu vertreiben ist.
Scandit aeratas vitiosa naves
Cura nec turmas equitum relinquit.
Gegen eine Philosophie, die Spekulation nicht zum Mittel, sondern zum Zweck macht, ist jede Waffe gerecht. Denn sie peinigt die menschliche Vernunft mit Chimären, gegen welche, weil sie jenseits aller Vernunft liegen, selbst kein Krieg möglich ist. Sie macht jene Trennung zwischen dem Menschen und der Welt permanent, indem sie die letzte als ein Ding an sich betrachtet, das weder Anschauung noch Einbildungskraft, weder Verstand noch Vernunft zu erreichen vermag. (Erste Auflage.)
7 Der Philosoph, der seine Lebenszeit oder einen Teil derselben dazu anwendet, der spekulativen Philosophie in ihre bodenlosen Abgründe zu folgen, um dort ihr letztes Fundament zu untergraben, bringt der Menschheit ein Opfer, das, weil es Aufopferung des Edelsten ist, was er hat, vielleicht den meisten andern gleichgeachtet werden darf. Glücklich genug, wenn er die Philosophie so weit bringt, daß auch das letzte Bedürfnis derselben, als einer besonderen Wissenschaft, und damit sein eigener Name auf immer aus dem Gedächtnis der Menschen verschwindet. (Erste Auflage.)
8 Dies haben gleich anfangs einige scharfsinnige Männer der Kantischen Philosophie entgegengesetzt. Diese Philosophie läßt alle Begriffe von Ursache und Wirkung nur in unserem Gemüt, in unseren Vorstellungen entstehen, und doch die Vorstellungen selbst wieder, nach dem Gesetz der Kausalität, durch äußere Dinge in mir bewirken. Man wollte es damals nicht hören; wird es aber nun doch hören müssen.
9 Es war ein freier Schwung, den sie sich selbst gaben, und der sie dahin erhob, wohin die bleiernen Flügel eurer Einbildungskraft euch nicht zu tragen vermögen. Nachdem sie so sich selbst über den Naturlauf erhoben hatten, wurde ihnen manches unbegreiflich, was euch so begreiflich ist. (Erste Auflage.)
10 in Materie zu verwandeln. (Erste Auflage.)
11 als ein selbständiges Wesen (Erste Auflage).
12 einer schöpferischen Einbildungskraft, die vom Unendlichen in der Idee zum Endlichen in der Anschauung überging (Erste Auflage).
13 die alles, und die Wahrheit selbst unter sich erblicken (Erste Auflage).
14 Leibnitii Princip. Philosoph. § 7.
15 »nicht aber, weder wie ein An sich – reicht« fehlt in der ersten Auflage.
16 Gesetzt auch ein höheres Wesen äffte uns mit solchen Schattenbildern, so begreife ich doch nicht, wie es auch nur ein Bild der Wirklichkeit in mir wecken konnte, ohne daß ich Wirklichkeit selbst zum voraus gekannt hätte – das ganze System ist zu abenteuerlich, als daß es irgend jemand im Ernste hätte behaupten können. (Erste Auflage.)
17 Ideen aber wie jene eines allgemeinen Gleichgewichts, sind nur Produkte eines schöpferischen Vermögens in uns. (Erste Auflage.)
18 »und Leibnizens – erscheinen werden« fehlt in der ersten Auflage.
19 »ohne Bedingung – hervorgeht« fehlt in der ersten Auflage.
20 Ferner den Körpern kommt zu spezifische Schwere, d.h. die Quantität der Anziehung ist gleich der Quantität der Materie (ohne Rücksicht auf ihr Volumen). Erste Auflage.
21 In der Mechanik können zugleich die allgemeinen Eigenschaften der Körper, insofern sie auf mechanische Bewegung Einfluß haben, mitgenommen werden, wie Elastizität, Härte, Dichtigkeit. – Die allgemeine Bewegungslehre aber gehört gar nicht in die empirische Naturlehre. – Ich glaube, daß nach dieser Einteilung die Physik einen weit einfacheren und natürlicheren Zusammenhang bekommt, als sie bis jetzt noch in den meisten Lehrbüchern erhalten hat.
22 »und dynamischen« ist Zusatz der zweiten Auflage.
23 Das Wahre ist, daß die Idee der Dinge an sich an Kant durch Tradition gekommen war und in der Überlieferung allen Sinn verloren hatte. (Diese Anmerkung fehlt in der ersten Auflage.)
24 Die genauere Betrachtung aber wird jeden unmittelbar lehren, daß jedes In-Mir-Setzen der absoluten Identität des Endlichen und Unendlichen ebenso wie das Außer-Mir-Setzen wiederum nur mein Setzen, jene also an sich weder ein In-Mir noch ein Außer-Mir sei. (Diese Anmerkung ist der Zusatz der zweiten Auflage.)
25 In Schriften und Übersetzungen aus den ersten Zeiten des deutschen Purismus findet man sehr häufig die Ausdrücke: Lehrgebäude von Wesen, Lehrgebäude der Natur. Schade, daß unsere neueren Philosophen diesen Ausdruck außer Gebrauch kommen ließen.
26 szientifisch und dogmatisch gebraucht (Erste Auflage).
27 Nun wissen wir aber nichts Höheres, für das Kräfte überhaupt da sein könnten, als den Geist; denn nur der Geist vermag Kräfte und Gleichgewicht oder Streit von Kräften sich vorzustellen. (Erste Auflage.)
28 Dies sieht man sehr deutlich aus den Äußerungen mancher Verteidiger der Lebenskraft. Hr. Brandis z.B. (in seinem Versuche über die Lebenskraft § 81) fragt: »Sollte die Elektrizität (die bei phlogistischen Prozessen überhaupt mitzuwirken scheint) auch an dem phlogistischen Lebensprozesse (den der Verfasser annimmt) Anteil haben, oder Elektrizität die Lebenskraft selbst sein? Ich halte es für mehr als wahrscheinlich.«
29 Jacobis David Hume. S. 140.
30 theoretische (Erste Auflage).
31 was er nur von sich und seinesgleichen auszusagen Fug und Recht habe. (Erste Auflage.)
32 wo wir Unendlichkeit der Wirkungen und Endlichkeit der Mittel erblicken. (Erste Auflage.)
Zusatz zur Einleitung
Darstellung der allgemeinen Idee der Philosophie überhaupt und der Naturphilosophie insbesondere als notwendigen und integranten Teils der ersteren
Gegen den empirischen Realismus, welcher vor Kant zum allgemeinen Denksystem geworden und selbst in der Philosophie herrschend war, konnte, der Notwendigkeit zufolge, daß jedes Einseitige unmittelbar ein andres ihm entgegengesetztes Einseitiges hervorruft, zunächst nur ein eben so empirischer Idealismus aufstehen und geltend gemacht werden. So ausgebildet in seiner ganzen empirischen Qualität, als er sich bei den Kantischen Nachfolgern zeigte, lag er allerdings nicht in Kant selbst, aber er war dem Keim nach in seinen Schriften enthalten. Denjenigen, die den Empirismus nicht zuvor abgelegt hatten, ehe sie zu ihm kamen, wurde er auch durch ihn nicht genommen; er blieb, nur in eine andre, idealistisch klingende Sprache übersetzt, ganz derselbe und kehrte in einer veränderten Gestalt desto hartnäckiger zurück, je gewisser die, welche ihn in dieser Form aus Kant genommen hatten, überzeugt waren, sich in jeder Rücksicht davon befreit und über ihn erhoben zu haben. Daß die Bestimmungen der Dinge durch und für den Verstand keineswegs die Dinge an sich treffen, dies war von ihnen angenommen: indes hatten diese Dinge an sich doch zu dem Vorstellenden dasselbe Verhältnis, welches man zuvor den empirischen Dingen zugeschrieben hatte, das Verhältnis des Affizierens, der Ursache und Einwirkung. Teils gegen den empirischen Realismus[153] an sich selbst, teils gegen jene widersinnige Verbindung des rohesten Empirismus mit einer Art des Idealismus, die sich aus der Kantischen Schule entwickelt hatte, ist die voranstehende Einleitung gerichtet.
Beide werden gewissermaßen mit ihren eignen Waffen geschlagen. Gegen den ersten werden diejenigen Begriffe und Vorstellungsarten, die er selbst, als aus der Erfahrung genommen, braucht, insofern geltend gemacht, als gezeigt wird, daß sie ausgeartete und mißbrauchte Ideen sind: gegen die letzte bedurfte es nur der Herauskehrung des ersten Widerspruchs, der ihr zugrunde liegt und der in den einzelnen Fällen nur auffallender und greller wiederkehrt.
In dem gegenwärtigen Zusatze ist es darum zu tun, mehr auf positive Weise die Idee der Philosophie, an sich, und die der Naturphilosophie insbesondere, als der Einen notwendigen Seite des Ganzen dieser Wissenschaft, darzulegen.
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Der erste Schritt zur Philosophie und die Bedingung, ohne welche man auch nicht einmal in sie hineinkommen kann, ist die Einsicht: daß das absolut-Ideale auch das absolut-Reale sei, und daß außer jenem überhaupt nur sinnliche und bedingte, aber keine absolute und unbedingte Realität sei. Man kann denjenigen, welchem das absolut-Ideale noch nicht als absolut-Reales aufgegangen ist, auf verschiedene Weise bis zu diesem Punkt der Einsicht hintreiben, aber man kann sie selbst nur indirekt, nicht direkt beweisen, da sie vielmehr Grund und Prinzip aller Demonstration ist.
Wir zeigen eine der möglichen Arten an, jemand zu dieser Einsicht zu erheben. Die Philosophie ist eine absolute Wissenschaft; denn was sich als allgemeine Übereinstimmung aus den widerstreitenden Begriffen herausnehmen läßt, ist, daß sie, weit entfernt, die Prinzipien ihres Wissens von einer andern Wissenschaft zu entlehnen, vielmehr, unter andern Gegenständen wenigstens, auch das Wissen zum Objekt hat, also nicht selbst wieder ein untergeordnetes Wissen sein kann. Es folgt unmittelbar aus dieser formellen Bestimmung der Philosophie als einer[154] Wissenschaft, die, wenn sie ist, nicht bedingter Art sein kann, daß sie ferner von ihren Gegenständen, welche sie sein mögen, nicht auf bedingte, sondern nur auf unbedingte und absolute Weise wissen, also auch nur das Absolute dieser Gegenstände selbst wissen könne. Gegen jede mögliche Bestimmung der Philosophie, nach welcher sie irgend eine Zufälligkeit, Besonderheit oder Bedingtheit zum Objekt hätte, ließe sich zeigen, daß diese Zufälligkeit oder Besonderheit schon von einer der andern, angeblich oder wirklich vorhandenen, Wissenschaften in Beschlag genommen sei. Wenn denn also die Philosophie, um auf absolute Art zu wissen, auch nur vom Absoluten wissen kann und ihr dieses Absolute nicht anders als durch das Wissen selbst offen steht, so ist klar, daß schon die erste Idee der Philosophie auf der stillschweigend gemachten Voraussetzung einer möglichen Indifferenz des absoluten Wissens mit dem Absoluten selbst, demnach darauf beruhe, daß das absolut-Ideale das absolut-Reale sei.
Es ist mit dieser Schlußfolge noch keineswegs etwas für die Realität dieser Idee bewiesen, die auch, wie gesagt, als der Grund aller Evidenz nur sich selbst beweisen kann; unser Schluß ist bloß hypothetisch: wenn Philosophie ist, so ist jenes ihre notwendige Voraussetzung. Der Gegner kann nun entweder die Hypothesis oder die Richtigkeit der Folge leugnen. Das Erste wird er entweder auf wissenschaftliche Art tun, also schwerlich anders als dadurch leisten können, daß er sich selbst auf eine Wissenschaft des Wissens, d.h. auf Philosophie einläßt. Wir müssen ihn bei diesem Versuch erwarten, um ihm zu begegnen, können aber zum voraus überzeugt sein, daß, was er auch in der erwähnten Absicht vorbringen möge, sicher selbst Grundsätze sein werden, die wir ihm mit zureichenden Gründen bestreiten können, so daß allerdings wir ihn nicht zu überzeugen vermögen, da er die erste Einsicht nur sich selbst zu geben vermag, er aber auch nicht das Geringste vorbringen kann, wodurch er nicht uns auffallende Blößen gäbe: oder er wird ganz ohne wissenschaftliche Gründe nur überhaupt versichern, daß er Philosophie als Wissenschaft nicht zugebe und nicht zuzugeben gesonnen sei: hierauf hat man sich gar nicht einzulassen,[155] da er ohne Philosophie auch gar nicht wissen kann, daß es keine Philosophie gebe, und nur sein Wissen uns interessiert. Diese Sache muß er also andre unter sich ausmachen lassen; er selbst begibt sich der Stimme darüber.
Der andre Fall ist, daß er die Richtigkeit der Folge leugnet. Dies wird nach den obigen Beweisen nur dadurch geschehen können, daß er einen andern Begriff der Philosophie aufstellt, kraft dessen in ihr ein bedingtes Wissen möglich wäre. Man wird ihn nicht irgend hindern können, irgend etwas der Art, wäre es sogar die empirische Psychologie, Philosophie zu nennen, aber die Stelle der absoluten Wissenschaft und die Nachfrage nach ihr wird nur desto gewisser bleiben, da es sich versteht, daß der Mißbrauch des eine Sache bezeichnenden Wortes, indem man ihm die Bedeutung geringerer Dinge gibt, die Sache selbst nicht aufheben kann. Auch kann wer die Philosophie besitzt zum voraus vollkommen überzeugt sein, daß, welcher Begriff von Philosophie, außer dem der absoluten Wissenschaft, vorgebracht werden möge, er immer und unfehlbar würde beweisen können, daß jener Begriff, weit entfernt der der Philosophie zu sein, nicht einmal überhaupt der einer Wissenschaft ist.
Mit Einem Wort: jene Einsicht, daß das absolut-Ideale das absolut-Reale sei, ist die Bedingung aller hohem Wissenschaftlichkeit, nicht nur in der Philosophie, sondern auch in der Geometrie und gesamten Mathematik. Dieselbe Indifferenz des Realen und Idealen, welche die mathematischen Wissenschaften im untergeordneten Sinn aufnehmen, macht die Philosophie nur in der höchsten und allgemeinsten Bedeutung, nachdem von ihr alle sinnliche Beziehung entfernt ist, also an sich geltend. Auf ihr beruht jene Evidenz, die den hohem Wissenschaften eigentümlich ist; nur auf diesem Boden, wo zur absoluten Realität nichts als die absolute Idealität erfordert wird, kann der Geometer seiner Konstruktion, die doch wohl ein Ideales ist, absolute Realität zuschreiben und behaupten, daß, was von jener als Form gilt, ewig und notwendig auch von dem Gegenstand gelte.
Wollte hingegen jemand dem Philosophen in Erinnerung[156] bringen, daß jenes absolut-Ideale es doch wieder nur für ihn und nur sein Denken sei, wie denn der empirische Idealismus vornehmlich gegen Spinoza in der Regel nichts vorbringen kann, als einzig, daß er darin gefehlt habe, nicht wieder auf sein eigenes zu reflektieren, wo er denn ohne Zweifel würde inne geworden sein, daß sein System doch wieder nur ein Produkt seines Denkens sei, so bitten wir einen solchen nur seinerseits die ganz einfache Überlegung anzustellen, daß ja auch diese Reflexion, wodurch er jenes Denken zu seinem Denken und demnach einem Subjektiven macht, wieder nur seine Reflexion, also etwas bloß Subjektives, sei, so daß hier eine Subjektivität durch die andre verbessert und aufgehoben wird. Da er jenes nicht wird in Abrede ziehen können, so wird er zugestehen, daß demnach jenes absolut-Ideale an sich weder etwas Subjektives noch etwas Objektives, und weder sein noch irgend eines Menschen Denken, sondern eben absolutes Denken sei.
Wir setzen bei der ganzen folgenden Darstellung diese Erkenntnis der Indifferenz des absolut-Idealen mit dem absolut-Realen, welche selbst eine absolute ist, voraus und müssen jeden versichern, daß, wenn er außer jenem noch ein anderes Absolutes denkt oder verlangt, wir ihm nicht nur zu keinem Wissen um dasselbe verhelfen, sondern auch in unserem eignen Wissen von dem Absoluten unmöglich verständlich werden können.
Wir haben von jener Idee des absolut-Idealen auszugehen; wir bestimmen es als absolutes Wissen, absoluten Erkenntnisakt.
Ein absolutes Wissen ist nur ein solches, worin das Subjektive und Objektive nicht als entgegengesetzte vereinigt, sondern worin das ganze Subjektive das ganze Objektive und umgekehrt ist. Man hat die absolute Identität des Subjektiven und Objektiven als Prinzip der Philosophie teils bloß negativ (als bloße Nichtverschiedenheit) teils als bloße Verbindung zweier an sich entgegengesetzten in einem andern, welches hier das Absolute sein sollte, verstanden und versteht sie zum Teil noch so. Die Meinung war vielmehr, daß Subjektives und Objektives auch jedes für sich betrachtet, nicht bloß in einer ihnen entweder[157] zufälligen oder wenigstens fremden Vereinigung, Eines sei. Es sollte überhaupt bei dieser Bezeichnung der höchsten Idee Subjektives und Objektives nicht vorausgesetzt, sondern vielmehr angedeutet werden, daß beide als Entgegengesetzte oder Verbundene eben nur aus jener Identität begriffen werden sollen.
Das Absolute ist, wie vielleicht jeder, der nur einiges Nachdenken hat, von selbst zugibt, notwendig reine Identität; es ist nur Absolutheit und nichts anderes, und Absolutheit ist durch sich nur sich selbst gleich: aber es gehört eben auch zur Idee derselben, daß diese reine, von Subjektivität und Objektivität unabhängige, Identität als diese, und ohne daß sie in dem einen oder in dem andern aufhöre, es zu sein, sich selbst Stoff und Form, Subjekt und Objekt sei. Dies folgt daraus, daß nur das Absolute das absolut-Ideale ist, und umgekehrt.
Jene gleich reine Absolutheit, jene gleiche Identität im Subjektiven und Objektiven, war, was wir in dieser Bezeichnung als die Identität, das gleiche Wesen des Subjektiven und Objektiven, bestimmt haben. Subjektives und Objektives sind nach dieser Erklärung nicht Eins, wie es Entgegengesetzte sind, denn hiemit würden wir sie selbst als solche zugeben: es ist vielmehr nur eine Subjektivität und Objektivität, inwiefern jene reine Absolutheit, die in sich selbst von beiden unabhängig sein muß und weder das eine noch das andre sein kann, sich für sich selbst und durch sich selbst in beide als die gleiche Absolutheit einführt.
Wir haben die Notwendigkeit jenes Subjekt-Objektivierens der ungeteilten Absolutheit noch genauer darzutun.
Das Absolute ist ein ewiger Erkenntnisakt, welcher sich selbst Stoff und Form ist, ein Produzieren, in welchem es auf ewige Weise sich selbst in seiner Ganzheit als Idee, als lautere Identität, zum Realen, zur Form wird, und hinwiederum auf gleich ewige Weise sich selbst als Form, insofern als Objekt, in das Wesen oder das Subjekt auflöst. Man denke das Absolute vorerst, nur um sich dieses Verhältnis deutlich zu machen (denn an sich ist hier kein Übergang), rein als Stoff, reine Identität, lautere Absolutheit; da nun sein Wesen ein Produzieren ist und es die Form nur aus sich selbst nehmen kann, es selbst aber reine[158] Identität ist, so muß auch die Form diese Identität, und also Wesen und Form in ihm eines und dasselbe, nämlich die gleiche reine Absolutheit sein.
In jenem Moment, wenn wir es so nennen dürfen, wo es bloß Stoff, Wesen ist, wäre das Absolute reine Subjektivität, in sich verschlossen und verhüllt: indem es sein eignes Wesen zur Form macht, wird jene ganze Subjektivität in ihrer Absolutheit Objektivität, sowie in der Wiederaufnahme und Verwandlung der Form in das Wesen die ganze Objektivität, in ihrer Absolutheit, Subjektivität.
Es ist hier kein Vor und kein Nach, kein Herausgehn des Absoluten aus sich selbst oder Übergehen zum Handeln, es selbst ist dieses ewige Handeln, da es zu seiner Idee gehört, daß es unmittelbar durch seinen Begriff auch sei, sein Wesen ihm auch Form und die Form das Wesen sei.
In dem absoluten Erkenntnisakt haben wir vorläufig zwei Handlungen unterschieden, die, in welcher es seine Subjektivität und Unendlichkeit ganz in die Objektivität und die Endlichkeit bis zur wesentlichen Einheit der letzteren mit der ersteren gebiert, und die, in welcher es sich selbst in seiner Objektivität oder Form wieder auflöst in das Wesen. Da es nicht Subjekt, nicht Objekt, sondern nur das identische Wesen beider ist, kann es als absoluter Erkenntnisakt nicht hier rein Subjekt, dort rein Objekt sein, es ist immer, und es ist als Subjekt (wo es die Form auflöst in das Wesen) und als Objekt (wo es das Wesen in die Form bildet) nur die reine Absolutheit, die ganze Identität. Alle Differenz, welche hier stattfinden kann, ist nicht in der Absolutheit selbst, welche dieselbe bleibt, sondern nur darin, daß sie in dem einen Akt als Wesen ungeteilt in Form, in dem andern als Form ungeteilt in Wesen verwandelt wird, und sich so ewig mit sich selbst in Eins bildet.
Im Absoluten selbst sind diese beiden Einheiten nicht unterschieden. Man könnte versucht werden, nun das Absolute selbst wieder als die Einheit dieser beiden Einheiten zu bestimmen, aber genau zu reden, ist es das nicht, da es als die Einheit[159] jener beiden nur insofern erkennbar und bestimmbar ist, als diese unterschieden werden, welches eben in ihm nicht der Fall ist. Es ist also nur das Absolute ohne weitere Bestimmung; es ist in dieser Absolutheit und dem ewigen Handeln schlechthin Eines, und dennoch in dieser Einheit unmittelbar wieder eine Allheit, der drei Einheiten nämlich, derjenigen, in welcher das Wesen absolut in die Form, derjenigen, in welcher die Form absolut in das Wesen gestaltet wird, und derjenigen, worin diese beiden Absolutheiten wieder Eine Absolutheit sind.
Das Absolute produziert aus sich nichts als sich selbst, also wieder Absolutes; jede der drei Einheiten ist der ganze absolute Erkenntnisakt und wird sich selbst als Wesen oder Identität, ebenso wieder wie das Absolute selbst, zur Form. Es ist in jeder der drei Einheiten, von ihrer formalen Seite aufgefaßt, eine Besonderheit, z.B. daß in ihr das Unendliche ins Endliche gebildet ist oder umgekehrt, aber diese Besonderheit hebt die Absolutheit nicht auf, noch wird sie von ihr selbst aufgehoben, obgleich sie in der Absolutheit, wo die Form dem Wesen ganz gleich gebildet und selbst Wesen ist, nicht unterschieden wird.
Was wir hier als Einheiten bezeichnet haben, ist dasselbe, was andre unter den Ideen oder Monaden verstanden haben, obgleich die wahre Bedeutung dieser Begriffe selbst längst verloren gegangen ist. Jede Idee ist ein Besonderes, das als solches absolut ist; die Absolutheit ist immer Eine, ebenso wie die Subjekt-Objektivität dieser Absolutheit in ihrer Identität selbst; nur die Art, wie die Absolutheit in der Idee Subjekt-Objekt ist, macht den Unterschied.
In den Ideen, welche nichts anders als Synthesen der absoluten Identität des Allgemeinen und Besondern (des Wesens und Form), sofern sie selbst wieder Allgemeines ist, mit der besondern Form sind, kann eben deswegen, weil diese besondre Form der absoluten oder dem Wesen wieder gleich gesetzt ist, kein einzelnes Ding sein. Nur inwiefern eine der Einheiten, die im Absoluten selbst wieder als Eine sind, sich selbst, ihr Wesen, ihre Identität, als bloße Form, demnach als relative; Differenz, auffaßt, symbolisiert sie sich durch einzelne wirkliche Dinge. Das einzelne Ding von jenem ewigen Akt der Verwandlung[160] des Wesens in die Form nur ein Moment; deswegen wird die Form als besondre, z.B. als Einbildung des Unendlichen ins Endliche, unterschieden, das aber, was durch diese Form objektiv wird, ist doch nur die absolute Einheit selbst. Da aber von der absoluten Einbildung (z.B. des Wesens in die Form) alle Momente und Grade in der absoluten zumal liegen und in alles, was uns als Besonderes erscheint, in der Idee das Allgemeine oder Wesen absolut aufgenommen ist, so ist an sich weder irgend etwas endlich noch wahrhaft entstanden, sondern in der Einheit, worin es begriffen, auf absolute und ewige Art ausgedrückt.
Die Dinge an sich sind also die Ideen in dem ewigen Erkenntnisakt, und da die Ideen in dem Absoluten selbst wieder Eine Idee sind, so sind auch alle Dinge wahrhaft und innerlich Ein Wesen, nämlich das der reinen Absolutheit in der Form der Subjekt-Objektivierung, und selbst in der Erscheinung, wo die absolute Einheit nur durch die besondere Form, z.B. durch einzelne wirkliche Dinge, objektiv wird, ist alle Verschiedenheit zwischen diesen doch keine wesentliche oder qualitative, sondern bloß unwesentliche und quantitative, die auf dem Grad der Einbildung des Unendlichen in das Endliche beruht.
In Ansehung des Letztern ist folgendes Gesetz zu bemerken: daß in dem Verhältnis, in welchem einem Endlichen das Unendliche eingebildet ist, es selbst auch wieder als Endliches im Unendlichen ist, und daß diese beiden Einheiten in Ansehung jedes Wesens wieder Eine Einheit sind.
Das Absolute expandiert sich in dem ewigen Erkenntnisakt in das Besondre nur, um in der absoluten Einbildung seiner Unendlichkeit in das Endliche selbst dieses in sich zurückzunehmen, und beides ist in ihm Ein Akt. Wo also von diesem Akt der eine Moment, z.B. der Expansion der Einheit in die Vielheit als solcher objektiv wird, da muß auch der andre Moment der Wiederaufnahme des Endlichen ins Unendliche, sowie der, welcher dem Akt, wie er an sich ist, entspricht – wo nämlich das eine (Expansion des Unendlichen ins Endliche) unmittelbar auch das andre (Wiedereinbildung des Endlichen ins Unendliche) ist – zugleich objektiv und jeder insbesondre unterscheidbar werden.[161]
Wir sehen, daß auf diese Weise, sowie sich jenes ewige Erkennen in der Unterscheidbarkeit zu erkennen gibt und aus der Nacht seines Wesens in den Tag gebiert, unmittelbar die drei Einheiten aus ihm als besondre hervortreten.
Die erste, welche als Einbildung des Unendlichen in das Endliche in der Absolutheit sich unmittelbar wieder in die andre, sowie diese sich in sie, verwandelt, ist, als diese unterschieden, die Natur, wie die andre die ideale Welt, und die dritte wird als solche da unterschieden, wo in jenen beiden die besondre Einheit einer jeden, indem sie für sich absolut wird, sich zugleich in die andre auflöst und verwandelt.
Aber eben deswegen, weil Natur und ideelle Welt, jede in sich einen Punkt der Absolutheit hat, wo die beiden Entgegengesetzten zusammenfließen, muß auch jede in sich wieder, wenn nämlich jede als die besondre Einheit unterschieden werden soll, die drei Einheiten unterscheidbar enthalten, die wir in dieser Unterscheidbarkeit und Unterordnung unter eine Einheit Potenzen nennen, so daß dieser allgemeine Typus der Erscheinung sich notwendig auch im besonderen und als derselbe und gleiche in der realen und idealen Welt wiederholt.
Wir haben durch das Bisherige den Leser so weit geführt, daß er überhaupt erstens eine Anschauung der Welt, worin die Philosophie allein ist, der absoluten nämlich, alsdann auch der wissenschaftlichen Form, worin diese sich notwendig darstellt, verlangen konnte. Wir bedurften der allgemeinen Idee der Philosophie selbst, um die Naturphilosophie als die eine notwendige und integrante Seite des Ganzen dieser Wissenschaft darzustellen. Die Philosophie ist Wissenschaft des Absoluten, aber wie das Absolute in seinem ewigen Handeln notwendig zwei Seiten, eine reale und eine ideale, als eins begreift, so hat die Philosophie, von seiten der Form angesehen, notwendig sich nach zwei Seiten zu teilen, obgleich ihr Wesen eben darin besteht, beide Seiten als eins in dem absoluten Erkenntnisakt zu sehen.
Die reale Seite jenes ewigen Handelns wird offenbar in der Natur; die Natur an sich oder die ewige Natur ist eben der in das Objektive geborne Geist, das in die Form eingeführte Wesen[162] Gottes, nur daß in ihm diese Einführung unmittelbar die andre Einheit begreift. Die erscheinende Natur dagegen ist die als solche oder in der Besonderheit erscheinende Einbildung des Wesens in die Form, also die ewige Natur, sofern sie sich selbst zum Leib nimmt und so sich selbst durch sich selbst als besondre Form darstellt. Die Natur, sofern sie als Natur, d.h. als diese besondre Einheit erscheint, ist demnach als solche schon außer dem Absoluten, nicht die Natur als der absolute Erkenntnisakt selbst (Natura naturans), sondern die Natur als der bloße Leib oder Symbol desselben (Natura naturata). Im Absoluten ist sie mit der entgegengesetzten Einheit, welche die der ideellen Welt ist, als Eine Einheit, aber eben deswegen ist in jenem weder die Natur als Natur noch die ideelle Welt als ideelle Welt, sondern beide sind als Eine Welt.
Bestimmen wir also die Philosophie im Ganzen nach dem, worin sie alles anschaut und darstellt, dem absoluten Erkenntnisakt, von welchem auch die Natur nur wieder die eine Seite ist, der Idee aller Ideen, so ist sie Idealismus. Idealismus ist und bleibt daher alle Philosophie, und nur unter sich begreift dieser wieder Realismus und Idealismus, nur daß jener erste absolute Idealismus nicht mit diesem andern, welcher bloß relativer Art ist, verwechselt werde.
In der ewigen Natur wird das Absolute für sich selbst in seiner Absolutheit (welche lautere Identität) ein Besonderes, ein Sein, aber auch hierin ist es absolut-Ideales, absoluter Erkenntnisakt; in der erscheinenden Natur wird nur die besondre Form als besondre erkannt, das Absolute verhüllt sich hier in ein andres, als es selbst in seiner Absolutheit ist, in ein Endliches, ein Sein, welches sein Symbol ist und als solches, wie alles Symbol, ein von dem was es bedeutet unabhängiges Leben annimmt. In der ideellen Welt legt es die Hülle gleichsam ab, es erscheint auch als das, was es ist, als Ideales, als Erkenntnisakt, aber so, daß es dagegen – die andre Seite zurückläßt und nur die eine, die der Wiederauflösung der Endlichkeit in die Unendlichkeit, des Besondern in das Wesen, erhält.
Dies, daß das Absolute in dem erscheinenden Idealen unverwandelt in ein anderes erscheint, hat die Veranlassung gegeben,[163] diesem relativ-Idealen eine Priorität über das Reale zu geben und als die absolute Philosophie selbst einen bloß relativen Idealismus aufzustellen, dergleichen unverkennbarer Weise das System der Wissenschaftslehre ist.
Das Ganze, aus welchem Naturphilosophie hervorgeht, ist absoluter Idealismus. Die Naturphilosophie geht dem Idealismus nicht voran, noch ist sie ihm auf irgend eine Weise entgegengesetzt, sofern er absoluter, wohl aber sofern er relativer Idealismus ist, demnach selbst nur die eine Seite des absoluten Erkenntnisaktes begreift, die ohne die andre undenkbar ist.
Wir haben, um unserem Zweck ganz Genüge zu tun, noch insbesondere etwas von den innern Verhältnissen und der Konstruktion der Naturphilosophie im Ganzen zu erwähnen. Es ist bereits erinnert worden, daß die besondre Einheit eben deswegen, weil sie dies ist, auch in sich und für sich wieder alle Einheiten begreife. So die Natur. Diese Einheiten, deren jede einen bestimmten Grad der Einbildung des Unendlichen ins Endliche bezeichnet, werden in drei Potenzen der Naturphilosophie dargestellt. Die erste Einheit, welche in der Einbildung des Unendlichen ins Endliche selbst wieder diese Einbildung ist, stellt sich im Ganzen durch den allgemeinen Weltbau, im Einzelnen durch die Körperreihe dar. Die andre Einheit der Zurückbildung des Besondern in das Allgemeine oder Wesen drückt sich, aber immer in der Unterordnung unter die reale Einheit, welche die herrschende der Natur ist, in dem allgemeinen Mechanismus aus, wo das Allgemeine oder Wesen als Licht, das Besondere sich als Körper, nach allen dynamischen Bestimmungen, herauswirft. Endlich die absolute Ineinsbildung oder Indifferenzierung der beiden Einheiten, dennoch im Realen, drückt der Organismus aus, welcher daher selbst wieder, nur nicht als Synthese, sondern als Erstes betrachtet, das An sich der beiden ersten Einheiten und das vollkommene Gegenbild des Absoluten in der Natur und für die Natur ist.
Aber eben hier, wo die Einbildung des Unendlichen in das Endliche bis zu dem Punkt der absoluten Indifferenzierung geht, löst sich jene unmittelbar auch wieder in ihre entgegengesetzte[164] und somit in den Äther der absoluten Idealität auf, so daß mit dem vollkommenen realen Bild des Absoluten in der realen Welt, dem vollkommensten Organismus, unmittelbar auch das vollkommene ideale Bild, obgleich auch dieses wieder nur für die reale Welt in der Vernunft eintritt, und hier in der realen Welt die zwei Seiten des absoluten Erkenntnisakts sich ebenso, wie im Absoluten, als Vorbild und Gegenbild voneinander zeigen, die Vernunft ebenso, wie der absolute Erkenntnisakt in der ewigen Natur, im Organismus sich symbolisierend, der Organismus ebenso, wie die Natur in der ewigen Zurücknahme des Endlichen in das Unendliche, in der Vernunft, in die absolute Idealität verklärt.
Die Bezeichnung derselben Potenzen und Verhältnisse für die ideale Seite, wo sie dem Wesen nach als dieselbe, obgleich der Form nach verwandelt, zurückkehren, liegt hier außer unsrer Sphäre.
Betrachtet man die Naturphilosophie, von der das vorliegende Werk in seiner ersten Gestalt nur noch die entfernten und durch die untergeordneten Begriffe des bloß relativen Idealismus verworrenen Ahndungen enthielt, von ihrer philosophischen Seite, so ist sie bis auf diese Zeit der durchgeführteste Versuch von Darstellung der Lehre von den Ideen und der Identität der Natur mit der Ideenwelt. In Leibniz hatte sich zuletzt diese hohe Ansicht erneuert, allein es blieb großenteils selbst bei ihm, noch mehr bei seinen Nachfolgern, bloß bei den allgemeinsten, überdies von diesen ganz unverstandenen, bei ihm selbst nicht wissenschaftlich entwickelten Lehren, ohne Versuch, das Universum wahrhaft durch sie zu begreifen und sie allgemein und objektiv geltend zu machen. Was man vor vielleicht nicht langer Zeit kaum geahndet oder wenigstens für unmöglich gehalten hätte, die vollkommene Darstellung der Intellektualwelt in den Gesetzen und Formen der erscheinenden und also hinwiederum vollkommenes Begreifen dieser Gesetze und Formen aus der Intellektualwelt, ist durch die Naturphilosophie teils schon wirklich geleistet, teils ist sie auf dem Wege dazu, es zu leisten.
Wir führen als das vielleicht anschaulichste Beispiel die Konstruktion an, welche sie von den allgemeinen Gesetzen der Bewegungen[165] der Weltkörper gibt, eine Konstruktion, von der man vielleicht nie geglaubt hätte, daß der Keim derselben schon in der Ideenlehre Platos und der Monadologie Leibnizens liege.
Von seiten der spekulativen Erkenntnis der Natur, als solcher, oder als spekulative Physik betrachtet, hat die Naturphilosophie nichts Ähnliches vor sich, man wollte denn die mechanische Physik le Sage's hierher rechnen, welche, wie alle atomistischen Theorien, ein Gewebe empirischer Fiktionen und willkürlicher Annahmen ohne alle Philosophie ist. Was das Altertum etwa näher Verwandtes getragen hat, ist großenteils verloren. Mit der Naturphilosophie beginnt, nach der blinden und ideenlosen Art der Naturforschung, die seit dem Verderb der Philosophie durch Baco, der Physik durch Boyle und Newton allgemein sich festgesetzt hat, eine höhere Erkenntnis der Natur; es bildet sich ein neues Organ der Anschauung und des Begreifens der Natur. Wer sich zur Ansicht der Naturphilosophie erhoben hat, die Anschauung, die sie fordert, und ihre Methode besitzt, wird schwerlich umhin können zu gestehn, daß sie gerade die der bisherigen Naturforschung undurchdringlich scheinenden Probleme mit Sicherheit und Notwendigkeit, obgleich freilich auf einem ganz andern Felde, als dem, wo man ihre Auflösung gesucht hatte, aufzulösen in den Stand setzt. Das, wodurch sich die Naturphilosophie von allem, was man bisher Theorien der Naturerscheinungen genannt hat, unterscheidet, ist, daß diese von den Phänomenen auf die Gründe schlössen, die Ursachen nach den Wirkungen einrichteten, um diese nachher aus jenen wieder abzuleiten. Abgerechnet den ewigen Zirkel, in dem sich jene fruchtlosen Bemühungen herumdrehen, konnten Theorien dieser Art doch, wenn sie das Höchste erreichten, nur eine Möglichkeit, daß es sich so verhalte, dartun, niemals aber die Notwendigkeit. Die Gemeinsprüche gegen diese Art von Theorien, gegen welche die Empiriker beständig eifern, während sie die Neigung zu ihnen nie unterdrücken können, sind es, die man auch noch jetzt gegen die Naturphilosophie vorbringen hört. In der Naturphilosophie finden Erklärungen so wenig statt als in der Mathematik; sie geht von den an sich gewissen Prinzipien aus, ohne alle ihr etwa durch die Erscheinungen vorgeschriebene Richtung; ihre Richtung liegt[166] in ihr selbst, und je getreuer sie dieser bleibt, desto sicherer treten die Erscheinungen von selbst an diejenige Stelle, an welcher sie allein als notwendig eingesehen werden können, und diese Stelle im System ist die einzige Erklärung, die es von ihnen gibt.
Mit dieser Notwendigkeit begreifen sich in dem allgemeinen Zusammenhang des Systems und dem Typus, der für die Natur im Ganzen wie im Einzelnen aus dem Wesen des Absoluten und der Ideen selbst fließt, die Erscheinungen nicht nur der allgemeinen Natur, über welche man zuvor nur Hypothesen kannte, sondern eben so einfach und sicher auch die der organischen Welt, deren Verhältnisse man von jeher zu den am Tiefsten verborgenen und auf immer unerkennbaren gezählt hat. Was bei den sinnreichsten Hypothesen noch übrig blieb, die Möglichkeit, sie anzunehmen oder nicht anzunehmen, fällt hier gänzlich weg. Dem, welcher nur überhaupt den Zusammenhang gefaßt und den Standpunkt des Ganzen selbst erreicht hat, ist auch aller Zweifel genommen; er erkennt, daß die Erscheinungen nur so sein können und also auch auf diese Weise sein müssen, wie sie in diesem Zusammenhang dargestellt werden: er besitzt mit einem Wort die Gegenstände durch ihre Form.
Wir schließen mit einigen Betrachtungen über die höhere Beziehung der Naturphilosophie auf die neuere Zeit und die moderne Welt überhaupt.
Spinoza hat unerkannt gelegen über hundert Jahre. Das Auffassen seiner Philosophie als einer bloßen Objektivitätslehre ließ das wahre Absolute in ihr nicht erkennen. Die Bestimmtheit, mit welcher er die Subjekt-Objektivität als den notwendigen und ewigen Charakter der Absolutheit erkannt hat, zeigt die hohe Bestimmung, die in seiner Philosophie lag und deren vollständige Entwicklung einer spätern Zeit aufbehalten war. In ihm selbst fehlt noch aller wissenschaftlich erkennbare Übergang von der ersten Definition der Substanz zu dem großen Hauptsatz seiner Lehre: quod quidquid ab infinito intellectu percipi potest tanquam substantiae essentiam constituens, id omne ad unicam tantum substantiam pertinet, et consequenter, quod substantia cogitans et substantia extensa una eademque est substantia, quae[167] jam sub hoc jam sub illo attributo comprehenditur. Die wissenschaftliche Erkenntnis dieser Identität, deren Mangel in Spinoza seine Lehre den Mißverständnissen der bisherigen Zeit unterwarf, mußte auch der Anfang der Wiedererweckung der Philosophie selbst sein.
Fichtes Philosophie, welche zuerst die allgemeine Form der Subjekt-Objektivität wieder als das Eins und Alles der Philosophie geltend machte, schien, je mehr sie sich selbst entwickelte, desto mehr jene Identität selbst wieder als eine Besonderheit auf das subjektive Bewußtsein zu beschränken, als absolut und an sich aber zum Gegenstand einer unendlichen Aufgabe, absoluten Forderung, zu machen, und auf diese Weise, nach Extraktion aller Substanz aus der Spekulation, sie selbst als leere Spreu zurückzulassen, dagegen, wie die Kantische Lehre, die Absolutheit durch Handeln und Glauben aufs Neue an die tiefste Subjektivität zu knüpfen33.
Die Philosophie hat höhere Forderungen zu erfüllen und die Menschheit, die lange genug, es sei im Glauben oder im Unglauben, unwürdig und unbefriedigt gelebt hat, endlich ins Schauen einzuführen. Der Charakter der ganzen modernen Zeit ist idealistisch, der herrschende Geist das Zurückgehen nach innen.[168] Die ideelle Welt drängt sich mächtig ans Licht, aber noch wird sie dadurch zurückgehalten, daß die Natur als Mysterium zurückgetreten ist. Die Geheimnisse selbst, welche in jener liegen, können nicht wahrhaft objektiv werden, als in dem ausgesprochenen Mysterium der Natur. Die noch unbekannten Gottheiten, welche die ideelle Welt bereitet, können nicht als solche hervortreten, ehe sie von der Natur Besitz ergreifen können. Nachdem alle endlichen Formen zerschlagen sind, und in der weiten Welt nichts mehr ist, was die Menschen als gemeinschaftliche Anschauung vereinigte, kann es nur die Anschauung der absoluten Identität in der vollkommensten objektiven Totalität sein, die sie aufs Neue und in der letzten Ausbildung zur Religion auf ewig vereinigt.[169]
Fußnoten
33 Man braucht sich wegen dieser gänzlichen Ausscheidung aller Spekulation aus dem reinen Wissen und Integrieren des letzteren in seiner Leerheit durch den Glauben eben nicht auf die Bestimmung des Menschen, die Sonnenklaren Berichte usw. zu berufen. In der Wissenschaftslehre selbst finden sich Stellen, wie folgende: »Für diese Notwendigkeit (der höchsten Einheit, wie es der Verfasser nennt, der absoluten Substanz) gibt er (Spinoza) weiter keinen Grund an, sondern sagt: es sei schlechthin so, und er sagt das, weil er gezwungen ist, etwas absolut Erstes, eine höchste Einheit anzunehmen: aber wenn er das will, so hätte er ja gleich bei der im Bewußtsein gegebenen Einheit stehen bleiben sollen und hätte nicht nötig gehabt, eine noch höhere zu erdichten, wozu nichts ihn trieb.« (S. 46.) Nachher wird gezeigt: es sei ein praktisches Datum gewesen, welches ihn nötigte, stille zu stehn, nämlich »das Gefühl einer notwendigen Unterordnung und Einheit alles Nicht-Ich unter die praktischen Gesetze des Ich; welches aber gar nicht als Gegenstand eines Begriffs etwas ist, das ist, sondern als Gegenstand einer Idee etwas, das da sein soll und durch uns hervorgebracht werden soll« usw.
Erstes Buch
Daß der Mensch auf die Natur selbsttätig wirkt, sie nach Zweck und Absicht bestimmt, vor seinen Augen handeln läßt und gleichsam im Werke belauscht, ist die reinste Ausübung seiner rechtmäßigen Herrschaft über die tote Materie, die ihm mit Vernunft und Freiheit zugleich übertragen wurde. Daß aber die Ausübung dieser Herrschaft möglich ist, verdankt er doch wieder der Natur, die er vergebens zu beherrschen strebte, könnte er sie nicht in Streit mit sich selbst und ihre eignen Kräfte gegen sie in Bewegung setzen.
Besteht das Geheimnis der Natur darin, daß sie entgegengesetzte Kräfte im Gleichgewicht oder in fortdauerndem, nie entschiedenem Streit erhält, so müssen dieselben Kräfte, sobald eine derselben ein fortdauerndes Übergewicht erhält, zerstören, was sie im vorigen Zustande erhielten. Dies zu bewerkstelligen nun ist der Hauptkunstgriff, der in unserer Gewalt steht und dessen wir uns bedienen, um die Materie in ihre Elemente aufzulösen. Dabei haben wir den Vorteil, daß wir die entzweiten Kräfte in Freiheit erblicken, während sie da, wo sie harmonisch zusammenwirken, im ersten Moment ihres Wirkens auch schon wechselseitig durcheinander beschränkt und bestimmt erscheinen.
Wir werden also unsere Betrachtungen der Natur am zweckmäßigsten mit dem Hauptprozeß der Natur, durch welchen Körper zerstört und aufgelöst werden, eröffnen.[170]
Erstes Kapitel.
Vom Verbrennen der Körper
Der alltäglichste Prozeß dieser Art ist das Verbrennen. Der erste Anblick schon belehrt, daß man ihn vergebens durch eine äußere Auflösung zu erklären versuchte; er ist eine Umwandlung, die auf das Innere des verbrannten Körpers Bezug hat, und eine solche innere Umwandlung muß chemisch erklärt werden. Kein chemischer Prozeß aber geht vor sich, ohne daß zwischen zwei Körpern wenigstens Anziehung stattfinde.
Diese Anziehung findet nun im gegenwärtigen Falle zwischen dem Körper, der verbrannt wird, und der ihn umgebenden Luft statt. Dies ist unbezweifeltes Faktum. Aber es fragt sich: ist diese Anziehung einfach, oder ist sie gedoppelt? Ist sie einfach, worin liegt der Grund der Verwandtschaft zwischen dem Körper und dem Sauerstoff der Luft, den jener an sich ziehen soll? Kann man sich mit der allgemeinen Versicherung, der Sauerstoff der Luft habe eine größere Verwandtschaft zum Körper, als zum Wärmestoff, mit dem er bisher verbunden war34 befriedigen lassen? Überhaupt fragt es sich, wie man die brennbaren Körper betrachten muß; was wird dazu erfordert, daß der Sauerstoff (der Lebensluft) gegen den Körper Verwandtschaft habe? Denn wenn es keinen Grund dieser Verwandtschaft im Körper selbst gibt, warum kommt sie nicht allen Körpern gleich zu?
Das Abstraktum Verwandtschaft ist recht gut, das Phänomen zu bezeichnen; aber es reicht: nicht hin, es zu erklären. Jede erweisbare Erklärung desselben aber müßte uns zugleich Aufschlüsse über das Wesen dessen, was man Grundstoffe nennt, geben. Das neue System der Chemie, das Werk eines ganzen Zeitalters, breitet seinen Einfluß auf die übrigen Teile der Naturwissenschaft immer weiter aus; und in seiner ganzen Ausdehnung benützt kann es gar wohl zum allgemeinen Natursysteme heranwachsen.[171]
Setzen wir voraus, worüber alle einig sind, daß das Verbrennen nur durch eine Anziehung zwischen dem Grundstoffe des Körpers und dem der Luft möglich ist, so werden wir auch zwei mögliche Fälle annehmen müssen, die man zwar nur als verschiedene Ausdrücke eines und desselben Faktums betrachten kann, die es aber doch vorteilhaft ist, zu unterscheiden.
Entweder der Grundstoff der Luft fixiert sich in dem Körper, die Luft verschwindet, der Körper wird gesäuert (oxydé) und hört auf verbrennlich zu sein. Von diesen Körpern vorzüglich gelten die Erklärungen: verbrannte Körper sind solche, die sich mit dem Sauerstoff gesättigt haben; einen Körper verbrennen heißt nichts anders, als ihn säuern usw.35.
Oder: der Körper, indem er verbrennt, verflüchtigt sich zugleich und verwandelt sich selbst in eine Luftart36.
Der erste Fall wird eintreten z.B. bei solchen Körpern, die gegen die Wärme äußerst geringe Kapazität beweisen, bei denen also auch der innere Zusammenhang ihrer Grundstoffe schwerer zu überwältigen ist, als bei anderen Körpern. Unter diese Klasse gehören die Metalle. Sind sie endlich durch die Gewalt des Feuers auf den Punkt gebracht, auf welchem sie eine Zersetzung der Luft bewirken können, so geht doch der Grundstoff der Luft weit leichter in die Körper, als umgekehrt der Grundstoff der Körper in die Luft über; von ihnen gilt daher vorzüglich der Satz, daß das Gewicht der Luft, in welchem der Prozeß vorgeht, in eben dem Maße abnimmt, in welchem das Gewicht der Körper zunimmt, ganz natürlicherweise, weil hier der Verlust auf seifen der Luft, der Gewinn auf seiten des Körpers ist.
Ferner, alle Körper dieser Art können reduziert, d.h. in ihren vorigen Zustand zurückversetzt werden, was abermals sehr begreiflich ist, weil sie beim Prozeß des Verbrennens nichts von ihrem Grundstoffe verloren, sondern einen Zuwachs bekommen[172] haben, den man ihnen sehr leicht wieder entziehen kann. Dazu gehört weiter nichts, als daß man erstens sie allmählich erhitze und die äußere Luft nicht ungehindert zuströmen lasse, beides, damit sie nicht zum zweiten Male den Grundstoff der Luft an sich reißen; zweitens, daß man einen Körper mit ihnen in Verbindung bringe, der gegen den Sauerstoff eine stärkere Anziehung beweist, als sie selbst. Denn daß sie an die Luft nichts verlieren können, ist aus dem vorigen Experiment bekannt. Der ganze Prozeß der Reduktion ist also auch nichts anderes als der umkehrte vorige.
Der andere Fall, daß sich der Grundstoff des Körpers mit dem der Luft verbindet, kann nur bei solchen Körpern eintreten, welche gegen die Wärme (das allgemeine Beförderungsmittel aller Zersetzungen) eine sehr große Kapazität beweisen, wie die vegetabilischen Körper, die Kohle, der Demant (der, nach Macquers Versuchen, beim Verbrennen kohlengesäuertes Gas erzeugt) usw.
Alle diese Körper können nicht reduziert werden, der Gewinn ist in diesem Fall auf seilen der Luft, der Grundstoff des Körpers hat sich mit dem der Luft verbunden, sie hat an Gewicht gerade um so viel zugenommen, als der verbrannte Körper verloren hat.
Merkwürdig ist vorzüglich (in bezug auf die oben festgesetzten zwei Fälle, die beim Verbrennen stattfinden) das Verbrennen des Schwefels und des Phosphors. Zündet man Schwefel unter der Glocke in Lebensluft an, so entstehen bald weiße Dämpfe, die allmählich die Flamme auslöschen, so daß notwendig ein Teil des Schwefels unverbrannt bleiben muß. Offenbar ist es, daß der Grundstoff des Schwefels sich mit dem der Luft vereinigt hat; aber die Wärme vermag beide nicht in Gasgestalt zu erhalten, der Schwefel setzt sich daher an der Oberfläche der Glocke als Säure an, die in Vergleichung mit dem verbrannten Schwefel an Gewicht gerade um so viel gewonnen, als die Luft verloren hat.
Noch merkwürdiger ist das Verbrennen des Phosphors, weil bei ihm wirklich drei Fälle zugleich möglich sind, welche bei anderen brennbaren Körpern nur einzeln stattfinden. Wird der Phosphor in atmosphärischer Luft über eine Stunde lang einer[173] höheren Temperatur ausgesetzt, so raubt er der Luft einen Teil ihres Grundstoffs, wird gesäuert, verwandelt sich in eine durchsichtige, farbenlose, spröde Masse37. Hier verhält es sich also völlig, wie die Metalle beim Verkalken38.
Wird der Phosphor unter einer Glocke mit Lebensluft verbrannt, so verhält er sich völlig wie der Schwefel, indem er an der inneren Oberfläche der Glocke als trockene Phosphorsäure in Gestalt weißer Flocken anfliegt39.
Wird der Phosphor in einem verschlossenen Gefäße mit atmosphärischer Luft sehr lange erhitzt, so erhält man eine Luft, die von allen bekannten (und namentlich von der brennbaren Phosphorluft) völlig verschieden ist40.
Daraus erhellt, daß Ein Körper alle verschiedenen Zustände des Verbrennens von der Verkalkung an bis dahin wo er zu Luft wird durchgehen kann41. Der allgemeine Schluß aber, den ich aus dem Bishergesagten ziehen zu dürfen glaube, ist dieser: Um die Zersetzung des Körpers durch Feuer zu begreifen, müssen wir annehmen, der Körper enthalte einen Grundstoff, der gegen den Sauerstoff der Luft Anziehung beweiset. Die An- oder Abwesenheit dieses Grundstoffs im Körper enthalte den Grund seiner Brennbarkeit oder Nichtbrennbarkeit. Dieser Grundstoff kann in verschiedenen Körpern aufs Verschiedenste modifiziert sein. Wir können also auch annehmen, daß es überall derselbe Grundstoff ist, der die Körper verbrennlich macht, nur daß er in verschiedenen Modifikationen erscheint. Alle Körper, die wir kennen, haben sehr verschiedene Zustände durchgegangen; der Grundstoff, der sie ausmacht, ging wahrscheinlich mehr als einmal durch[174] die Hand der Natur, und, ob er gleich die verschiedensten Modifikationen erhielt, kann er doch seine Abkunft nicht verleugnen. Als Grundstoff der vegetabilischen Körper nimmt Lavoisier den Kohlenstoff (Carbon) an. Dieser Stoff verrät überall sehr auffallend seine Verwandtschaft mit dem Sauerstoff. Wie kommt es, daß er so leicht mit dem Sauerstoffgas sich verbindet, daß Kohle zur Reduktion der Metalle so brauchbar ist, daß sie, mehrmals dem Feuer ausgesetzt, immer wieder neuen Sauerstoff aus der Luft an sich zieht, dadurch immer wieder zum Verbrennen tauglich wird und so, bis sie völlig verzehrt ist, eine Quantität Luft gibt, die das Gewicht der Kohle, aus der sie sich entwickelt hat, dreimal übersteigt? Sollten wir also nicht annehmen, daß der Kohlenstoff ein Extrem der Verbrennbarkeit und in seiner Sphäre vielleicht dasselbe, was der Sauerstoff in der seinigen, darstellt42? Es ist also vielleicht wohl möglich, zu finden, wie beide sogenannte Stoffe zusammenhängen. Man sollte wirklich denken, daß der Sauerstoff, der nach der neueren Chemie eine so große Rolle in der Natur spielt, doch wohl diese Rolle nicht allein in der atmosphärischen und Lebensluft spielen wird. Die neuesten, von Girtanner, von Humboldt und anderen scharfsichtigen Naturforschern angestellten Beobachtungen des großen Einflusses, den er auf die Vegetation der Pflanzen, die Wiedererweckung der, wie es schien, völlig erloschenen, tierischen Reizbarkeit usw. äußert, müssen wenigstens die Vermutung erwecken, daß sich die Natur dieses mächtig wirkenden Grundstoffes wohl weit allgemeiner und selbst zu wichtigeren Absichten bediene, als man insgemein annimmt. So viel scheint mir klar zu sein, daß das Oxygene der neueren Chemie, wenn es das ist, wofür man es ausgibt, wohl noch mehr als das ist. Überdies sind die verschiedensten Modifikationen desselben Grundstoffes nichts Unmögliches, und die Natur kann durch sehr viele Mittelglieder hindurch die Verwandtschaften[175] desselben Prinzips ins Unendliche fort vervielfältigen.
Diese Bemerkungen können darauf aufmerksam machen, daß die Entdeckungen der neueren Chemie am Ende doch noch die Elemente zu einem neuen Natursystem hergeben dürften. Eine so weit durchgreifende Verwandtschaft, als die jetzt außer Zweifel gesetzte, nicht mehr (wie ehemals die Gegenwart des Phlogistons) bloß hypothetisch angenommene Verwandtschaft der Körper gegen einen überall in der ganzen Natur verbreiteten Stoff, muß notwendig wichtige Folgen für die ganze Naturforschung haben und kann sogar, sobald jene Entdeckung nur nicht ausschließliches Eigentum der bloßen Chemie bleibt, leitendes Prinzip für Naturforschung werden. Wenigstens hat die neuere Chemie hierin das Beispiel der älteren vor sich, die das Phlogiston durch die ganze Natur hindurch verfolgte, nur mit dem Unterschied, daß jene dabei den Vorteil eines reellen, nicht bloß eingebildeten Prinzips vor dieser voraus hat.
Die zweite Frage, ob beim Verbrennen der Körper eine einfache oder eine doppelte Wahlanziehung stattfindet, läßt sich so abstrakt, wie sie hier ausgedrückt ist, nicht leicht beantworten. Es fragt sich: findet außer der Anziehung, die der Körper gegen den Grundstoff der Lebensluft beweist, noch eine Anziehung zwischen dem Wärmestoff der Luft und einem Grundstoff des Körpers statt? Es erweckt kein günstiges Vorurteil für die Bejahung dieser Frage, daß man den letzteren bis jetzt noch nicht näher zu bestimmen vermochte, und daß man sich, sobald eine solche Bestimmung versucht wird, auf einmal aus dem Gebiete realer Kenntnisse in das weite Feld der Einbildung und der Möglichkeit verliert. Das einige zuverlässige Phänomen des Verbrennens ist Wärme und Licht, und um diese zu erklären, brauchen wir kein hypothetisches Element, oder irgend einen besonderen Grundstoff im Körper anzunehmen. Wärme und Licht, wie sich auch diese beiden zueinander verhalten mögen, sind doch wahrscheinlich beide der gemeinschaftliche Anteil aller elastischen Flüssigkeiten. Diese sind höchst wahrscheinlich das allgemeine Medium, durch welches die Natur höhere Kräfte auf die tote[176] Materie wirken läßt. Die Einsicht in die Natur dieser Flüssigkeiten muß uns also auch unfehlbar eine Aussicht auf die Wirksamkeit der Natur im Großen eröffnen. Daß ponderable Stoffe sich nach mannigfaltigen Verwandtschaften anziehen, daß einige derselben das Vermögen haben, die umgebende Luft zu zersetzen usw., sind Erscheinungen, die wir in einem sehr kleinen Kreise bemerken. Aber ehe alle die kleineren Systeme, in welchen diese Prozesse geschehen, möglich waren, mußte das große System da sein, in welchem alle jene untergeordneten Systeme begriffen sind. Und so wird es glaublich, daß jene Fluida das Medium sind, durch welches nicht nur Körper mit Körpern, sondern Welten mit Welten zusammenhängen, und daß sich ihrer die Natur im Großen, wie im Kleinen bedient, schlummernde Kräfte zu wecken und die tote Materie der ursprünglichen Trägheit zu entreißen.
Zu solchen Aussichten aber erweitert sich der Geist nicht, so lange er noch fähig ist, sich mit unbekannten Elementen, dem Notbehelf einer dürftigen Physik, zu schleppen. Umgibt nicht die Luft, selbst ein Schauplatz unzählbarer Zersetzungen und Veränderungen, unsern ganzen Erdball? Kommt nicht das Licht und mit ihm allesbelebende Wärme von einem entfernten Gestirne zu uns? Durchdringen nicht belebende Kräfte die ganze Erde, und brauchen wir Kräfte, die überall frei wirken, frei sich verbreiten, als Materien in die Körper zu bannen, um die großen Wirkungen der Natur zu begreifen – unsere Einbildungskraft auf Möglichkeiten zu beschränken, während sie kaum hinreicht, die Wirklichkeit zu umfassen?
Auch ist es sehr leicht, alte Meinungen, die einst nur zu einem Ausfluchtsmittel der Verlegenheit dienten, durch neue Deutungen zu verewigen. Die alte Physik dachte sich das Phlogiston nicht als ein zusammengesetztes, sondern als ein einfaches Prinzip, der klarste Beweis, daß sie sich selbst außerstande sah, die Phänomene des Verbrennens zu erklären. Was macht die Körper brennbar, war die Frage. Dasjenige, was sie brennbar macht, war die Antwort. – Oder wenn gar das Phlogiston selbst brennbar sein sollte, so kehrte dieselbe Frage dringender als vorher zurück: macht denn das Phlogiston brennbar?[177]
Das Phlogiston dachten übrigens längst schon berühmte Naturforscher als ein zusammengesetztes Prinzip. Büffon z.B. behauptete, das Phlogiston sei nichts Einfaches, sondern eine Verbindung zweier verschiedenen Prinzipien, durch deren Trennung erst das Phänomen des Verbrennens entstehe. Nur war es ihm bei den damaligen Fortschritten der Chemie nicht so leicht, diese beiden Prinzipien zu bestimmen, als es jetzt mit Hilfe der neueren Chemie geworden ist43. Doch setzte Büffon auf seine Meinung keinen großen Wert und erwartete selbst noch von der Beobachtung der Gewichtzunahme der Körper im Feuer (die er durch einen Verlust der Luft erklärte) eine große Revolution, die der Chemie bevorstehe.[178]
Fußnoten
34 Girtanners Anfangsgründe der antiphlogistischen Chemie, neue Ausgabe S. 53.
35 Girtanner a. a. O. S. 61. 139. Fourcroy, chemische Philosophie, übersetzt von Gehler, Leipzig 1796 S. 18.
36 Oder: der Grundstoff des Körpers verbindet sich mit der Luft, die Luft verliert dadurch an Elastizität, während sie an Gewicht gewinnt. (Erste Auflage.)
37 Girtanner a. a. O. S. 125.
38 Auch Metallkalke, wenn sie einem verstärkten Feuer ausgesetzt werden, verglasen sich bis zur völligen Durchsichtigkeit.
39 Das. S. 52.
40 Jäger in Grens neuem Journal für Physik. Bd. II. S. 460.
41 Bei den Metallen finden jedoch zum Teil auch beide Fälle statt. Dieselben Metalle, die im gewöhnlichen Feuer verkalkt werden, werden im Brennpunkte des Brennspiegels in Gas verwandelt.
42 Der letzte Satz lautet in der ersten Auflage: Sind wir also einmal berechtigt, in den vegetabilischen Körpern einen eignen Grundstoff anzunehmen, der sich beim Verbrennen entwickelt, so müssen wir auch annehmen, daß dieser Grundstoff dem Sauerstoff homogen, daß er vielleicht selbst in seinem Ursprung schon jenem Grundstoffe verwandt war.
43 Büffons Worte sind diese: »Le fameux Phlogistique des Chimistes (être de leur méthode plutôt que de la. Nature), n'est pas un principe simple et identique, comme ils nous le présentent; c'est un composé, un produit de l'alliage, un résultat de la combinaison des deux élémens, de l'air et du feu fixés dans le corps. Sans nous arrêter donc sur les idées obscures et incompletes, que pourroit nous fournir la consideration de cet être précaire, tenons-nous-en à celle de nos quatre élémens réels, auxquels les Chimistes, avec tous leurs nouveaux principes, seront toujours forcés de revenir ultérieurement.« Hist. nat. générale et partic. ed. des Deuxp. T. VI. P. 51.
Zusatz. Neuere Ansicht des Verbrennungsprozesses
Neuere Ansicht des Verbrennungsprozesses.
(Zusatz zum ersten Kapitel.)
Die Alten haben unter dem Namen Vesta (Hestia) die allgemeine Substanz und diese selbst unter dem Sinnbild des Feuers verehrt. Sie haben uns dadurch einen Wink hinterlassen, daß das Feuer nichts anderes als die reine in der Körperlichkeit durchbrechende Substanz oder dritte Dimension sei, eine Ansicht, die uns über die Natur des Verbrennungsprozesses, dessen Haupterscheinung das Feuer ist, vorläufig schon einiges Licht gibt.
Der chemische Prozeß überhaupt ist die Totalität des dynamischen, worin alle Formen des letzten zusammentreffen und sich[178] ausgleichen. Der Verbrennungsprozeß ist selbst wieder die höchste und lebendigste Erscheinung des chemischen überhaupt, wo wir die Bedeutung des letzten im Feuer sogar ausgesprochen sehen.
Wir haben hier auf einige allgemeinere Wahrheiten zurückzugehen, welche die Grundlage der Konstruktion aller qualitativen oder dynamischen Prozesse sind.
Alle Qualitäten sind in die Materie ursprünglich durch die Kohäsion gelegt, an der wir nach Maßgabe der beiden ersten Dimensionen wiederum die absolute als die Länge-bestimmende und die relative als die Breite-bestimmende unterscheiden. In der höchsten Beziehung, in Ansehung der Erde, ist die erste diejenige, wodurch sie ihre Individualität behauptet, die andere diejenige, wodurch die Sonne sie (in der Achsendrehung) sich zu unterwerfen sucht. Wir haben schon hierin hinlänglichen Grund, die erste als die Süd-Nordpolarität, die andere als die Ost-Westpolarität zu bezeichnen.
Wir können nun ferner alle Kohäsion überhaupt als Synthesis der Identität und der Differenz eines Allgemeinen und Besondern bestimmen, nur daß in der ersten Art das Allgemeine in das Besondere gebildet, dieses selbst also als Allgemeines gesetzt wird, dagegen in dem anderen Fall das Besondere unter das Allgemeine subsumiert und demnach als Besonderes gesetzt wird. In der nämlichen Rücksicht kann die erste Art der Kohäsion auch selbst wieder die allgemeine, die andere die besondere heißen.
Da durch die relative Identität des Allgemeinen und Besondern in der absoluten Kohäsion der Körper sich zu einem Selbständigen macht, so trübt er sich eben dadurch für die Sonne, welche in Ansehung der Erde und jedes Körpers insbesondere bestrebt ist, sie als Besondere sich unterzuordnen; er wird undurchsichtig. Durchsichtigkeit ist daher nur, entweder wo von der absoluten Kohäsion entweder das rein Allgemeine (welches, wie Steffens in den Beiträgen zur inneren Naturgeschichte der Erde bewiesen hat, sich in dieser Reinheit für die Erde in dem darstellt, was man Stickstoff genannt hat) oder das rein Besondere (welches nach den Beweisen desselben Verfassers sich auf gleiche Weise in dem Kohlenstoff, dessen reinste Erscheinung[179] der Diamant ist, darstellt): oder wo von der relativen Kohäsion auch entweder das rein Allgemeine und Besondere (welches nach den Beweisen in der Zeitschrift für spekulative Physik Band I, Heft 2, Seite 68 in dem Wasserstoff und Sauerstoff der Fall ist) oder die, nicht durch ein Dazwischentreten der absoluten Kohäsion vermittelte oder gestörte, absolute Indifferenz beider (welche überhaupt nur in Ansehung der Faktoren dieser Art der Kohäsion möglich ist) produziert wird – im Wasser also, wo das ganze Allgemeine auch das ganze Besondere, das ganze Besondere das ganze Allgemeine ist. Es versteht sich, daß Durchsichtigkeit auch in verschiedenen Graden der Annäherung zu jenen angegebenen Extremen oder zu dem Indifferenzpunkt des Wassers mehr oder weniger stattfinden kann. Alle andere Durchsichtigkeit, die außer den angegebenen Fällen noch stattzufinden schiene, muß sich, wie wir bald bestimmter finden werden, auf einen derselben, auf welche Weise es nur sei, reduzieren.
Wenn nun Sauerstoff, welcher in der relativen Kohäsion der Faktor des Besondern ist, allgemeine Bedingung des Verbrennungsprozesses ist, so wird auch aller Verbrennungsprozeß notwendig auf eine Indifferenzierung entweder des Allgemeinen von der relativen, besonderen Kohäsion selbst, oder des Allgemeinen und Besondern von der absoluten – da sich dieses zu dem Besondern der relativen, als Besonderes im Allgemeinen, selbst wieder als allgemein verhält – mit dem Besonderen der relativen Kohäsion ausgehen müssen. Der vollkommenste Verbrennungsprozeß wird sich uns da zeigen, wo der Streit des Allgemeinen und Besondern vollkommen ausgeglichen wird, in jenem versuchten Zeugungsprozeß, wo das Allgemeine und Besondere von der relativen Kohäsion indifferenziert, das hermaphroditische Produkt des Wassers gibt, das als absolut Flüssiges nicht nur die gänzliche Auslöschung der beiden ersten Dimensionen in der dritten, sondern auch durch das Besondere ganz Erde, durch das Allgemeine ganz Sonne ist: und eben hier in dieser Ausgleichung bricht die Sonne am vollkommensten durch, nur daß sie sich wegen des Elements von der Erde, das darin mitbegriffen ist, nicht rein als Licht, sondern nur als Feuer (Licht mit Wärme verbunden) zeigen kann.[180]
Am unabhängigsten von diesem Prozeß wird sich das allgemeine Prinzip von der allgemeinen Kohäsion halten, da aber, wo beide Prinzipien der letzten zur Starrheit vereinigt sind, ein noch höherer Streit, der der relativen und absoluten Kohäsion selbst, stattfinden, dessen Ausgleichung in dem höchsten Grad der Oxydation der Metalle sich wieder als Durchsichtigkeit, gleichsam in der höheren Potenz, darstellt, wo ein fester Körper als solcher ganz Sonne und ganz Erde wird.
Wir bemerken noch wegen eines Mißverständnisses der Behauptung, daß Sauerstoff Kohäsion – erhöhendes Prinzip sei, indes er durch die Säuren aber auch im Verbrennen in der Regel vielmehr Kohäsion aufzulösen scheint, daß Sauerstoff Prinzip der relativen Kohäsion ist, und daß Erhöhung der letzten allerdings der Verminderung oder Auflösung der absoluten koexistiert, ohne sie zu bewirken; daß also die Solution der Körper durch die Oxydation bloß scheinbar sei, daß die Körper in der Auflösung, sie geschehe durch Säuren oder, wie beim Diamant, im Verbrennen, durch Einwirkung der Hitze vielmehr sich oxydieren, um der gänzlichen Auflösung zu widerstreben, als daß sie aufgelöst würden, weil sie sich oxydieren.
Die weitere Auseinandersetzung dieser Grundsätze findet sich in der Zeitschrift für spekulative Physik Band II, Heft 2, § 112 bis 134.[181]
Zweites Kapitel.
Vom Licht
Die Phänomene der Wärme sind so lange unvollkommen erklärt, als uns die Phänomene des Lichts noch dunkel sind; beide sind gewöhnlich zugleich und oft beinahe in demselben Augenblicke da, beide so ähnlich und doch wieder so verschieden in ihrer Wirkungsart, daß es wohl der Mühe wert ist, ihr wechselseitiges[181] Verhältnis zu ergründen. Indes scheint bis jetzt die Naturwissenschaft in Erforschung der Gesetze, nach denen sich dieses wunderbare Element bewegt, glücklicher gewesen zu sein, als in Erforschung seiner Natur. Die Kenntnis jener Gesetze hat mehr als die meisten andern Wissenschaften dazu beigetragen, die Grenzen des menschlichen Wissens zu erweitern, denn sie hat dem menschlichen Geiste die Aussicht auf eine Unendlichkeit nie zu vollendender Entdeckungen eröffnet. Vielleicht aber, daß die vollkommenste Aufklärung über die Natur des Lichts den Gesichtskreis des Menschen nach innen und für die ideale Welt nicht minder erweiterte, als ihn die Entdeckung jener Gesetze nach außen erweitert hat, vielleicht, daß sie manches, was unbegreiflich schien, begreiflicher, manches, was groß dünkte, noch größer machte – Gewinn genug, um zu unausgesetzten Untersuchungen zu reizen.
Die erste Frage, die uns beschäftigen muß, ist diese: wie hängen Licht und Wärme zusammen? Sind sie beide ganz verschiedener Natur? Ist etwa das eine Ursache, das andere Wirkung? Oder unterscheiden sie sich nur dem Grade nach? Oder ist das eine nur die Modifikation des andern, und sollte wohl in diesem Falle das wunderbar schnelle, leicht bewegliche Element des Lichts eine Modifikation der Wärme sein, einer Materie, wie es scheint, die sich mühsam und nur allmählich in weit kleineren Räumen verbreitet?
Verschiedener Natur scheinen beide nicht zu sein; denn gemeinschaftlich ist beiden das Bestreben nach Ausdehnung und Verbreitung. Aber das eine verbreitet sich unendlich schneller als das andere. Also wären sie dem Grade nach verschieden? Aber die größte Hitze ist lichtlos, während oft mit großer Flamme weit geringere Wärme verbunden ist. Diese Voraussetzungen also führen zu keinem zuverlässigen Resultat.
Das Licht wärmt. Aber ob das Licht an sich warm sei, können wir nach der bloßen Empfindung, die wir davon haben, weder bejahen noch verneinen, weil wir nicht bestimmen können, was unser Körper zu dieser Empfindung mit beiträgt. Gesetzt aber die bloße Berührung des Lichts wärmte die Körper, so müßten verschiedene Körper, demselben Licht ausgesetzt, gleiche Wärme zeigen. Dies ist aber nicht der Fall.[182]
Man weiß, daß auf schwarze Körper das Licht am stärksten wirkt. Aus der Optik aber weiß jeder, daß Körper schwarz erscheinen, weil sie gegen das Licht stärkere Anziehung beweisen, weil sie also auch weniger davon zurückstrahlen, als andere. Das Licht geht also im Körper Verbindungen ein – wird mehr oder weniger angezogen – findet mehr oder weniger Widerstand – (oder wie man sich hierüber ausdrücken will) und dieses Mehr oder Weniger bestimmt den Grad der Wärme, die es im Körper erregt. Mit dem höchsten Grad, den es zu erregen imstande ist, wird es auch unsichtbar, und so erscheint hier das Licht, indem es aus dem Zustand der Sichtbarkeit in den entgegengesetzten übergeht, zugleich seine ganze Wirkungsart zu ändern; obgleich dem Auge nimmer fühlbar, hört es doch nicht auf, auf einen andern Sinn, den des Gefühls, zu wirken.
Herr Pictet verschloß zwei Thermometer, die einander völlig ähnlich und gleich waren, ausgenommen, daß die Kugel des einen geschwärzt war, in einem dem Licht völlig unzugänglichen Schrank. Als er diesen öffnete, standen beide gleich hoch; kurze Zeit, nachdem auf beide das Tageslicht gewirkt hatte, stieg das geschwärzte um zwei bis drei Zehntteile eines Grads höher, als das andere. – Aber überhaupt scheint das Licht zu wärmen im Verhältnis des Widerstands, den es findet. Läßt man einen Strahl auf einen Spiegel fallen, von diesem auf einen zweiten, vom zweiten auf einen dritten usf. zurückwerfen, so erleidet der Strahl eine allmähliche Verminderung und es entsteht fühlbare Wärme.
Herr von Saussüre machte, um die verschiedene Erwärmung der Körper durch das Sonnenlicht genauer zu untersuchen, frühzeitig sehr sinnreiche Versuche, die nachher auch Herr Pictet mit mehreren Modifikationen wiederholte. Er hing ein Thermometer in freier Luft auf, während er mehrere andere mit gläsernen Kapseln in Berührung brachte, die ineinander eingeschachtelt waren. Er bemerkte, daß das erste Thermometer, der Sonne ausgesetzt, am allerwenigsten stieg, während die anderen stufenweise, je nachdem sie an einer tiefer oder höher stehenden Kapsel angebracht waren, mehr oder weniger stiegen. Man kann nicht leugnen, daß diese Versuche noch verschiedene Erklärungen zulassen.[183] Allein die späteren Versuche des Herrn Pictets bestätigen ohne alle Zweideutigkeit den Satz, daß die Erwärmung durch die Sonnenstrahlen um so größer ist, je mehr Widerstand sie finden.
Diese Versuche stehen in genauem Zusammenhang mit allgemein bekannten Erfahrungen, auf welche vorzüglich Herr Delüc aufmerksam gemacht hat. Besonders gehört hierher die auf Bergen, je höher man steigt, immer mehr zunehmende Kälte, wovon das ewige Eis, das selbst die Kordilleras unter dem Äquator bedeckt, der auffallendste Beweis ist – ferner die verschiedene Wärme und Kälte derselben Jahreszeiten in gleichen geographischen Breiten usw. Man findet, wenn man von hohen Bergen herabsteigt, daß die Wanne der Luft immer in geradem Verhältnis mit ihrer Dichtigkeit und im umgekehrten mit ihrer Verdünnung wächst. Man bemerkt, daß wolkichte Sommertage, ohne Sonnenschein, durch ihre drückende Hitze weit beschwerlicher sind, als die hellsten Sonnentage. – Nichts als gemeine, hundertmal gemachte Beobachtungen, aus denen man längst den Schluß hätte ziehen können, daß das Sonnenlicht stärker leuchtet, je geringer die Wärme ist, die es erregt, und umgekehrt.
Nach diesen Erfahrungen scheint man zu der Behauptung berechtigt zu sein: Licht und Wärme sind an sich nicht verschieden, das Letztere ist bloße Modifikation des Ersteren. Zu sagen, das Licht sei eine Modifikation des Wärmestoffs, z.B. es sei nichts anderes als verstärkte Wärme usw., geht deswegen nicht an, weil sonst die Quantität der Wärme immer in gleichem Verhältnisse mit der Quantität des Lichts stehen müßte, was nach obigen Erfahrungen nicht möglich ist.
Es fragt sich: ob die vorgetragene Hypothese mit allen Phänomenen des Lichts ebenso leicht vereinbar ist, als sie mit den oben angeführten Erfahrungen übereinstimmt.
Gewöhnlich nimmt man zwei verschiedene Zustände der Wärme an, einen, da sie völlig gebunden ist und insofern latente Wärme heißt, den andern, da sie durch ein erlangtes Übergewicht fühlbar wird und sensible Wärme heißt. Ich kann und will mich[184] auf die Richtigkeit dieser Unterscheidung hier nicht einlassen – will nicht fragen, welchen Grund und Recht man habe, Licht und Wärme als Grundstoffe anzusehen, die wie jeder andere einer chemischen Bindung fähig sind. Genug, ich setze jetzt diese Unterscheidung voraus und bemerke nur, daß man noch einen dritten Zustand der Wärme annehmen kann, den, da sie ihre Verbindung verläßt, völlig frei von einer Verbindung zur andern übergeht, und in diesem Übergang ganz andere Eigenschaften annimmt als sie in den beiden vorhergehenden Zuständen zeigte. In diesem Zustande wäre sie Licht, und insofern scheint es völlig gleichgültig, ob man nach der bisherigen Sprache der Chemie zu sprechen – Licht als freie Wärme, oder Wärme als gebundenes Licht betrachtet44.
Ist die oben vorgetragene Erklärung des Verbrennens richtig, so wissen wir, daß in demselben Augenblick, da der vegetabilische Körper aufgelöset, das Metall verkalkt, d.h. in demselben Moment, da nach unserer Voraussetzung die Luft zerlegt wird, Wärme und Licht zugleich da sind. Auch ist es nicht ein bestimmter Grad von Wärme, mit dem das Licht erst erscheint, vielmehr ist Wärme überhaupt, sie mag dem Grade nach so gering sein, als sie will, von Licht begleitet, sobald sie nur, wie beim Verbrennen geschieht, frei wird, und umgekehrt, die größte Hitze lichtlos, solange keine Zersetzung bewirkt wird. Daher wird bei den Auflösungen der Metalle in Säuren kein Licht sichtbar, unerachtet dieser Prozeß mit dem des Verkalkens völlig derselbe ist. Die Metalle rauben den Säuren das Oxygene: die Kapazität des letzteren wird dadurch vermindert, es entsteht Aufbrausung und fühlbare Wärme; aber diese wird nicht frei, denn sie bleibt mit dem Grundstoff der Säuren verbunden, um den Rest der letzteren in Gasgestalt zu entführen. Der ganze Prozeß ist nichts weiter als eine Wiederherstellung der Kapazität. Die tropfbare Flüssigkeit geht in luftförmige über und bindet so, ihres Verlustes unerachtet, dieselbe[185] Wärme, die eine Flüssigkeit von geringerer Kapazität aber größerer Quantität der Grundstoffe zu binden vermochte.
Das Umgekehrte geschieht bei der Zersetzung der Salpeterluft mit der atmosphärischen. Indem sie der letzteren das Oxygene entzieht, wird ihre Kapazität vermindert. Sie geht daher aus dem luftförmigen in dampfförmigen Zustand über. Sie beharrt aber in diesem Zustande nicht, nimmt wieder Luftgestalt an, und bindet dadurch die aus der atmosphärischen Luft freigewordene Wärme. Daraus erhellt, warum auch bei diesem Prozeß die Wärme nicht Licht wird45.
Ganz anders ist dies bei den phosphorischen Erscheinungen. Der Phosphor entzieht vermöge seiner großen Verwandtschaft zum Oxygene der Luft diesen Grundstoff. Dadurch wird Wärme frei; diese Wärme, kann man sagen, wird zu nichts verwandt, sie fängt also an zu leuchten, aber, da die Zersetzung der Luft sehr gering ist, nur auf der Grenze der Berührung zwischen dem Körper und der Luft. Dies ist zugleich der deutlichste Beweis, daß Licht von Wärme nicht bloß dem Grade nach verschieden sein kann. Denn keine phosphorische Zersetzung ist von fühlbarer Wärme begleitet, zum Beweis, wie wenig Wärme dabei frei wird; nichtsdestoweniger ist Licht das beständige Phänomen dieser Prozesse. Eine zweifache Zersetzung findet z.B. dann statt, wenn Körper, die in einem höheren Grade verbrennlich sind, mit Säuren behandelt werden. So entzünden sich Öle mit der Salpetersäure vermischt. Indem sie der letzteren den Sauerstoff rauben, wird zugleich die Wärme frei, und damit beginnt eine zweite Zersetzung zwischen ihnen und der umgebenden Luft; die Flamme ist um so lebhafter, je leichter Öle sich verflüchtigen.
Vielleicht wendet man ein: eben deswegen, weil beim Verbrennen der Körper Wärme und Licht zugleich da seien, müssen[186] sie auch zwei voneinander ganz verschiedene Elemente sein. Allein die freiwerdende Wärme strebt sehr bald wieder Verbindungen einzugehen, sie seien nun welcher Art sie wollen; denn das kann uns hier völlig gleichgültig sein. In diesen Verbindungen behauptet sie das Übergewicht und wird dadurch fühlbare Wärme. Daher erscheint auch die Flamme, welche das Verbrennen vegetabilischer Körper begleitet, weit weniger rein als die Flamme, die beim Verbrennen anderer Körper sichtbar wird. Aus dem vegetabilischen Körper entwickeln sich außer dem kohlengesäuerten Gas und der brennbaren Luft heterogene Stoffe, mit denen die Wärme Verbindungen eingeht. Daher kann man die Flamme nur als den Obergang des Lichts aus dem Zustande der Sichtbarkeit in den der Unsichtbarkeit betrachten. Da, wo die Flamme sich endigt, erblickt man nur noch den Rauch, und man könnte, anstatt mit Newton zu sagen: die Flamme ist ein leuchtender Rauch46, ebensogut sagen: der Rauch ist die Flamme, welche zu leuchten aufgehört hat. Je mehr wässerige und andere Teile der verbrannte Körper enthält (wie frisches Holz), desto früher wird die Flamme zu Rauch, daher wird auch begreiflich, warum bei einem schnelleren Verbrennen weit mehr Wärme sich verbreitet als bei einem langsameren.
Der Hauptunterschied des Lichts und der Wärme besteht darin, daß beide auf ganz verschiedene Sinne wirken. Zwar ist es noch nicht lange, daß man aufgehört hat, das Licht, als solches, für warm zu halten, ohne Zweifel, weil es Wärme wird, sobald es mit dem Körper in Verbindung tritt. Jener Unterschied wäre sehr entscheidend gegen die Behauptung, daß Licht und Wärme gar nicht voneinander verschieden seien; gegen die Behauptung aber, daß Wärme eine bloße Modifikation des Lichtes sei, kann sie nichts beweisen. Es ist begreiflich, daß das freigewordene Licht (ich bediene mich immer der gangbarsten Ausdrücke) dem geistigen Organe sich offenbare, während das gebundene nur auf den niedern Sinn zu wirken vermag. Das Licht verbreitet sich mit unglaublicher Schnelligkeit von seinem Ursprunge aus in die Ferne, die Wärme ist auf eine bestimmte Sphäre beschränkt; denn überhaupt[187] wirkt sie nur in Verbindung mit einer entgegengesetzten Materie; für sie also haben wir den Sinn, der nur durch gröbere Berührung Eindrücke empfängt, für jenes das Organ, das, einer feineren Rührung fähig, dem Licht, das aus der größten Entfernung zu uns kommt, offen steht.
Wofür man auch immer das Licht halten mag, so verschwindet die Zeit, die es zu seiner Fortpflanzung nötig hat, in nichts, sobald man den Widerstand berechnet, den es auf seinem Wege findet. Dieser Widerstand, den es findet, dehnt seine Verbreitung zu Zeitmomenten aus; in diesem Widerstande erst bekommt es Eigenschaften einer Materie für uns, seine Geschwindigkeit wird eine endliche, durch Zahlen bestimmbare Geschwindigkeit; gleich einer Materie erleidet es jetzt Anziehung und Zurückstoßung, und wird so erst ein möglicher Gegenstand der Physik und der physikalischen Untersuchung. Diese Bemerkung, dünkt mir, ist hinreichend, die Frage zu entscheiden: ob das Licht überhaupt als Materie betrachtet werden kann. Solange wir uns, wie hier, auf dem Gebiete der bloß empirischen Physik befinden, werden wir nie anders von ihm sprechen dürfen. Physik und Chemie haben ihre eigene Sprache, die sich in einer höheren Wissenschaft in eine ganz andere auflösen muß. Bis dahin also sei es uns immer vergönnt, vom Licht, von der Wärme usw. so zu sprechen, wie man in der Physik von ihnen sprechen muß47. Dazu kommt, daß[188] jene Frage: sind Licht und Wärme besondere Materien, etwas voraussetzt, was eine gesunde Philosophie so schnell nicht einräumen dürfte, nämlich, daß es überhaupt besondere Materien gebe.
Die Wärme, sagt man ferner, durchdringt die Körper, das Licht nicht. Besser würde man sagen: das Licht, indem es in die Körper eindringt, hört auf, Licht zu sein, und wird von nun an fühlbare Wärme. Einige Körper, die, eine Zeitlang erleuchtet, im Dunkeln zu leuchten fortfahren, machen eine scheinbare Ausnahme.
Wichtiger sind die eigentümlichen (der bloßen Wärme nicht zukommenden) Wirkungen des Lichts, welche einige Anhänger der neueren Chemie als Beweis für das Dasein eines von dem Wärmestoff verschiedenen Lichtstoffes anzuführen pflegen48. Diese eigentümlichen Wirkungen sind vorzüglich folgende: Gewächse, dem Licht ausgesetzt, werden dadurch farbig, flüchtig, entzündlich, schmackhaft usw. Abgesehen davon, daß Pflanzen, sobald sie dem Licht ausgesetzt sind, auch dem freien Zutritt der Luft ausgesetzt werden, daß das Licht selbst nur durch das Medium der Luft auf sie wirkt usw., kann man doch immer noch den Beweis fordern, daß alle diese Wirkungen dem Lichte, als solchem, eigentümlich seien. Das Licht, kann man sagen, insofern es auf die Pflanzen Einfluß hat, hört doch auf Licht zu sein und wird Wärme. Ferner die Vegetation der Pflanzen ist weiter nichts als ein komplizierter chemischer Prozeß, – wenn man will, ein chemischer Prozeß höherer Art. – Der Beweis davon ist die Lebensluft, welche die Pflanzen, dem Licht ausgesetzt, aushauchen. Alle Beobachtungen, welche Haies, Bonnet, Ingenhouß, Senebier u. a. darüber angestellt haben, machen es wahrscheinlich, daß in den Pflanzen eine Zerlegung des Wassers vor sich geht,[189] daß der brennbare Bestandteil in ihnen zurückbleibt, während der Sauerstoff in Luftgestalt davongeht. Daß also Licht, und insofern auch Wärme – beide die großen Agentien der Natur, deren sie sich bei jedem chemischen Prozesse bedient – diese Entwicklung des Sauerstoffs aus den Pflanzen befördern, ist an sich sehr begreiflich, und da die ganze Vegetation der Pflanzen von dem Fortgange jenes Prozesses abhängig ist, so sind insofern Licht (und Wärme) notwendige Bedingungen des vegetabilischen Lebens. Daß aber Licht weit mehr als Wärme jenen Prozeß befördert, sollte das so schwer zu erklären sein? Wärme verbreitet sich langsam, dringt also in die Körper nur allmählich ein, während das Licht schneller, lebendiger einwirkt und im Innern der Pflanzen den Prozeß beginnt, der zu ihrer Erhaltung notwendig ist.
Nicht schwerer begreift man den Einfluß, den das Licht sowohl auf Verkalkung als Entsäurung gewisser Metalle hat. Einige Metalle säuern sich von selbst, sobald sie nur der atmosphärischen Luft ausgesetzt werden. Andere werden durch Berührung des Lichts entsäuert, weil das Licht in allen Körpern, die einer Zersetzung fähig sind, Zersetzungen bewirkt. Wenn also Fourcroy sagt49: »daß der Wärmestoff mit dem Lichtstoff einerlei sei, ist nicht erwiesen. Je mehr unsere physikalischen Kenntnisse sich erweitern, desto mehr findet man Verschiedenheit in der Wirkung beider, des Lichts und der Wärme,« – so wäre sehr zu wünschen, daß er Beispiele davon angeführt hätte. Daß Licht ganz anders wirkt als Wärme, hat niemand in Zweifel gezogen, aber niemand hat auch behauptet, daß Licht und Wärme einerlei Zustände derselben Materie seien.
Ist das Licht das große Mittel, dessen sich die Natur bedient, um Zersetzungen und Verbindungen überall zu bewirken, wo sie zur Erhaltung des vegetabilischen und animalischen Lebens notwendig sind, so ist es begreiflich, daß die Körper gegen das Licht – scheinbare oder wirkliche? – Anziehung beweisen. Ob das Licht auch als Grundstoff in den chemischen Prozeß mit eingehe, ist noch sehr zweifelhaft; daß aber bei den meisten chemischen[190] Prozessen Licht oder Wärme tätig sind, ist außer Zweifel. Selbst bei dem Prozeß des Verbrennens, da das Licht aus seiner Verbindung tritt, so ist es selbst wieder dasjenige, was den Prozeß anfängt und unterhält. Wir können nur Körper an Körper zünden, gewöhnlich ist es schon freigewordene Wärme, d.h. Licht, was den Prozeß eröffnet. Sobald der Grundstoff der Luft von dem des Körpers angezogen wird, erscheint Licht; von nun an setzt sich der eingeleitete Prozeß von selbst fort, der Körper verbrennt, wie man sagt, von selbst und das Licht, das durch Zersetzung der Luft frei wird, dient nur dazu, die Zersetzung immerfort zu unterhalten.
Daß aber diese Anziehung der Körper gegen das Licht nicht immer nach dem Verhältnis ihrer Masse geschieht, hat Newton längst außer Zweifel gesetzt. Er bemerkte, daß schwefelichte und ölichte Körper das Licht ganz unverhältnismäßig mit ihrer Dichtigkeit brechen, und diese einzige Bemerkung war für ihn hinreichend, die Verbrennlichkeit des Demants und das Dasein eines brennbaren Stoffs im Wasser vorauszusagen. Das Bestreben also, welches das Licht gegen die Körper äußert, wird im Verhältnis stehen mit ihrer größeren oder geringeren Zersetzbarkeit; wo keine Zersetzbarkeit stattfindet, wird das Licht dem dichtem Körper zueilen. – Nach den obigen Bemerkungen beweist das Licht durch den Widerstand, den es findet, unwidersprechlich, daß es Materie ist; noch unwidersprechlicher beweisen es die Anziehungen, die es erleidet. Fände es überall keinen Widerstand, so würde es sich in der allgemeinen Repulsivkraft verlieren, es verwandelte sich nicht für die Sinne in Materie. In der Physik ist es vorteilhaft, sich auf Analogien zu berufen. So ist die Elastizität der Luft proportioniert dem Drucke (dem Widerstände), den sie erleidet. Die Luft würde aufhören elastisch zu sein, sobald sie keinen Widerstand fände, d.h. sobald sie sich unendlich ausdehnte. Dieser Analogie zufolge kann das Licht nur elastisch sein, insofern es, es sei wodurch es wolle, z.B. Attraktion, Widerstand findet.
Verfolgen wir jene Analogie weiter, so wissen wir, daß Elastitizität nur zwischen zwei extremen Zuständen, dem der unendlichen Extension und dem der unendlichen Kompression, möglich ist. Daher kommt es, daß Elastizität in verschiedenen[191] Körpern durch Druck ebenso leicht vermindert als vermehrt werden kann. Eine totale Vernichtung der Elastizität ist unmöglich, weil unendliche Kompression ebenso gut als unendliche Extension unmöglich ist.
Wenden wir diese Analogie auf das Licht an, so erleidet das Licht durch unverhältnismäßigen Widerstand allerdings eine Verminderung. Daher findet das Licht, als solches, im dichtem Körpern seinen Tod, es wird Wärme, d.h. seine Elastizität wird vermindert. Daher kommt es, daß von zwei Körpern, die demselben Licht ausgesetzt sind, derjenige, der dem Licht starkem Widerstand leistet, welches nicht immer genau im Verhältnis der Dichtigkeit geschieht, stärker erhitzt wird. Der Einfluß, den die Qualität der Körper auf ihre Anziehung gegen das Licht beweist, erhellt vorzüglich aus manchen Beobachtungen über den Ursprung der Farben.
Alles Licht unserer Atmosphäre geht von der Sonne aus; aber wie es sich von der Sonne zu uns fortpflanzt, ist eine Frage, über die man noch nicht gewiß zu sein scheint. Kommt etwa das Licht, das von der Sonne ausströmt, selbst zu uns, oder bewirkt es nur in unserer Atmosphäre Veränderungen, durch welche unser Planet erleuchtet wird? Alles Licht wenigstens, das wir uns selbst verschaffen können, gewinnen wir nur durch Zersetzungen der Luft.
Begreiflich würde durch diese Voraussetzung die gleichförmig schnelle Verbreitung des Lichts. Lassen wir das Licht mit Euler durch bloß mechanische Erschütterungen des Äthers fortgepflanzt werden, so begreift man nicht die Regelmäßigkeit dieser Erschütterungen, die immer in gerader Richtung sich fortpflanzen müßten, während aller übrigen Erfahrung zufolge mechanische Erschütterungen eines Fluidums nur durch Undulationen sich verbreiten. Nehmen wir aber an, daß das Licht von der Ärosphäre der Sonne bis zu unserer Atmosphäre in einem leeren Raume sich bewegt, so können wir es mit einer Schnelligkeit fortgehen lassen, die der kurzen Zeit, in der es bis zu uns sich fortpflanzt, völlig proportioniert ist. Oder müssen wir annehmen, daß der ganze Raum des Himmels mit einem feinen elastischen Fluidum, dem Vehikel aller Kräfte, mit denen Welten auf Welten wirken, erfüllt ist[192] (ist irgendwo ein Raum, wo alles Licht wird, wie im Empyreum der Alten?), so muß dieses Fluidum immer feiner werden, je weiter es sich von den festen Körpern entfernt. Das Licht also würde, wenn die Atmosphäre der Sonne, wie die unsrige, allmählich sich verdünnte, mit immer beschleunigter Schnelligkeit fortgehen, bis es endlich da, wo es in unsere Atmosphäre eintritt, allmählich langsamer und langsamer sich fortpflanzte.
Nehmen wir an, daß das Licht in unserer Atmosphäre nur durch Zersetzungen50 sich fortpflanzt, so sieht man ein, warum das Licht allein keine Wärme bewirkt. Erst da, wo das Licht näher gegen die Erde kommt, wo die untere Luftschicht durch den Druck der ganzen oberen Atmosphäre allmählich dichter und mit heterogenen Teilen immer mehr vermischt wird, kann fühlbare Wärme entstehen; kein Wunder, daß auf einer beträchtlichen Höhe die Temperatur der Luft überall dieselbe ist. Ebenso wird dadurch erklärbar, daß die Wirkung des Lichts in Ansehung der Wärme sehr langsam sein muß, daß die Sonnenhitze erst in den spätern Monaten des Jahres und an einzelnen Tagen erst, nachdem Mittag vorbei ist, ihren höchsten Grad erreicht, daß unmittelbar nach Aufgang der Sonne die Luft kälter wird usw. Könnten wir noch überdies eine gewisse Beschaffenheit unserer Atmosphäre erweisen, die es notwendig machte, daß sie in beständiger Zersetzung erhalten würde, so wäre jene Voraussetzung um so wahrscheinlicher. Man wird schwerlich den Einwurf machen, daß diese beständige Zersetzung der Luft doch nicht so auf unser Auge wirkt, wie einzelne Zersetzungen, die wahrscheinlich bei allen meteorischen Erscheinungen stattfinden. Vielmehr sieht man, wie eine solche gleichförmige, nie unterbrochene, immer wiederholte Modifikation der Luft das Phänomen des Tages, d.h. einer gleichförmig verbreiteten Helle geben kann, so wie z.B. eine ungleichförmige Lichtentwicklung das Phänomen der Morgen- und Abendröten, vielleicht auch des Nordlichts und anderer Meteore gibt. Weil das Licht allgemein und[193] überall gleichförmig ist, kann es in keinem einzelnen Punkte besonders bemerkbar sein. Es mäßigt selbst den Eindruck, den eine einzelne Lichtentwicklung auf unser Auge machen würde, nach demselben Gesetz, das die Gestirne vor dem Glanz der Sonne verschwinden macht.
Ich verkenne die Schwierigkeiten jener Voraussetzung nicht, die auch nur innerhalb gewisser Grenzen gelten kann. Sollte die Wirkung entfernter Gestirne, deren Strahlen erst nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten zu uns gekommen sind, auf unsere Atmosphäre noch groß genug sein, um eine solche Modifikation in ihr zu bewirken, als wir bei dieser Erklärung voraussetzen51? Doch darf gegen keine Hypothese der Einwurf geltend gemacht werden, daß sie allzu große Wirkungen in der Natur voraussetze52. Größe und Entfernung tun hier nichts: denn was in der einen Beziehung ferne ist, ist in der andern nahe, und wir haben für alles Räumliche bloß relative Maßstäbe. Wenn nun der im Universum ausgegossene Äther die absolute Identität aller Dinge selbst ist, so hebt sich in ihm Nähe und Entfernung vollends auf, da in ihm alle Dinge als Ein Ding und er selbst an sich und wesentlich Eines ist.
Die allgemeinste Behauptung, die über das Licht möglich ist, ist ohne Zweifel die, daß es eine bloße Modifikation der Materie sei, – sobald wir fragen, was das Licht wirklich sei, nicht, was es zu sein scheine, müssen wir auf diese Antwort kommen53 – und darum wenigstens ist die Frage unnütz,[194] ob das Licht eine besondere Materie sei? – Nur ist der Gewinn, den Physik und Naturbeobachtung daraus ziehen können, sehr gering oder gar keiner, und es ist billig, daß man dann erst mit ihr hervorrückt, wenn eine krasse Physik allzu sehr vergißt, was z.B. Lichtenberg oft genug wiederholt, daß, was wir über Licht, Wärme, Feuer, Materie sagen können, nichts mehr und nichts weniger als eine Bildersprache ist, die nur innerhalb[195] ihrer bestimmten Grenzen gilt. – Ebendarin besteht einem großen Teile nach das Geschäft einer philosophischen Naturwissenschaft, die Zulässigkeit sowohl, als die Grenzen solcher Fiktionen in der Physik zu bestimmen, die zum weiteren Fortschritt der Untersuchung und der Beobachtung schlechterdings notwendig sind, und nur dann unsern wissenschaftlichen Fortschritten entgegen sind, wenn wir sie außerhalb ihrer Grenze gebrauchen wollen.
Diese Betrachtungen müßten den bloßen Empiriker lehren, gegen widersprechende Meinungen über solche Dinge tolerant zu sein, und die Anmaßungen einzelner, die ihre Meinung (die doch auf keinen Fall mehr als Meinung ist) gegen alle übrigen geltend zu machen suchen, zurückweisen. Gesetzt also, wir können die Fortpflanzung des Lichts nicht erklären, jede bisher versuchte Hypothese habe ihre eigentümlichen Schwierigkeiten usw., so ist das kein Grund für uns, diese Hypothesen künftig nicht mehr, wie bisher, zu gebrauchen; eher können wir auf den Gedanken kommen, daß wohl alle jene Hypothesen gleich falsch sein möchten und daß ihnen allen eine gemeinschaftliche Täuschung zugrunde liege.
In der Physik aber, die diese Täuschung voraussetzt und voraussetzen muß, kann das Licht nach wie vor eine Materie bleiben, die von entfernten Weltkörpern bis zu uns sich fortpflanzt, und wenn wir gleich nicht mehr anzunehmen brauchen, daß die Sonne ein brennender Körper ist, so können wir sie doch immer noch als den Urquell betrachten, aus dem das Licht ausströmt. Also bleibt uns auch die Untersuchung wichtig, welche Beschaffenheit jenes Gestirn haben müsse, um einem ganzen System von Weltkörpern ununterbrochen Licht und Wärme zuzusenden.
Setzt man voraus (was nach den bisherigen Untersuchungen vorausgesetzt werden muß), daß das Licht in der Natur eine der ersten Rollen spielt, daß es vielleicht das große Mittel ist, dessen sich die Natur bedient, um auf jedem einzelnen Weltkörper Leben und Bewegung hervorzubringen und zu unterhalten, so läßt es sich erwarten, daß der Körper, der ein ganzes System untergeordneter[196] Körper regiert, also selbst der erste und größte in diesem System ist, auch unter diesen Körpern der erste Sitz des Lichts und der Wärme sein muß. Selbst dann, wenn uns das Licht nichts mehr als eine Modifikation der Materie überhaupt ist, die zur Erhaltung eines Natursystems notwendig ist, begreifen wir leicht, daß der Hauptkörper jedes Systems die Hauptursache des Lichts in den untergeordneten Systemen sein müsse.
Noch mehr wird diese Voraussetzung bestätigt durch die Vermutungen, die wir über die erste Bildung unsers Planetensystems wagen können. Die gegen den Äquator hin erhabene, gegen die Pole hin abgeplattete Gestalt der Erde läßt kaum zweifeln, daß die Erde erst allmählich aus flüssigem Zustande in festen übergegangen ist. Aus dieser Voraussetzung wenigstens hat Kant die allmähliche Bildung der jetzigen Gestalt der Erde, soweit sich so etwas begreiflich machen läßt – in wenigen Worten – begreiflicher gemacht, als sie durch manche weitläufige geologische Versuche und verwickelte Hypothesen geworden ist54.
War nämlich, sagt Kant, der Urstoff der Erde anfänglich in dunstförmiger Gestalt verbreitet, so mußten, als durch Kräfte der chemischen Anziehung jene Körper aus dem flüssigen Zustande in den festen übergingen, sogleich auch große Luftentwicklungen (man kann hinzusetzen: auch Entwicklungen verschiedener Luftarten) in ihrem Innern vorgehen, welche, durch die zugleich freigewordene Wärme bis zum höchsten Grad der Elastizität ausgedehnt und durch die Vermischung untereinander in noch größere Bewegung versetzt, bald den festen Körper durchbrachen, die Materie in großer Menge als Gebirge aufwarfen, sich selbst untereinander so lange zersetzten und niederschlugen, bis die mit sich selbst ins Gleichgewicht gekommene Luft von selbst sich erhob, ein Teil derselben aber als Wasser niederfiel, das vermöge seiner Schwere bald sich in dem Krater jener allgemeinen Eruption[197] ergoß, jetzt erst durch das Innere der Erde sich selbst seinen Weg brach, so allmählich durch seinen Lauf die regelmäßige Gestalt der Gebirge (deren Winkel großenteils wenigstens sich entsprechen) bildete und durch fortgesetzte Anspülungen im Lauf der Jahrhunderte jene regelmäßigen Schichten kalkartiger, verglaster oder versteinerter, vegetabilischer und tierischer Körper im Innern der Berge zustande brachte, zuletzt aber aus immer höheren Becken endlich in das tiefste von allen, das Meer, sich zurückzog.
Diese Hypothese vom Ursprung unserer Erde ist um so wichtiger, da wir, aller Analogie zufolge, das Recht haben, sie wenigstens auf die Bildung unseres Planetensystems auszudehnen. Wenigstens hat Kant55 äußerst wahrscheinlich gemacht, daß die vorgeblichen vulkanischen Krater im Monde, nach Analogie der großen Becken, in welchen das Wasser auf der Erde sich gesammelt hat und die man unmöglich für Folgen vulkanischer Ausbrüche halten kann, gleichfalls nichts anders, als Folgen atmosphärischer Eruptionen seien, durch welche sich allmählich auf allen festen Körpern die großen Gebirgsmassen und die Bassins der Strome und der Meere gebildet haben.
Darf ich zu dieser Hypothese eine andere hinzufügen, so sind die Kometen, diese im Systeme der Welt so rätselhaften Körper, allein Anschein nach keine festen Körper wie unsere Erde und die übrigen Planeten unseres Sonnensystems. Wenigstens gelang es selbst Herscheln nicht, in sechs von seiner Schwester entdeckten und fünf andern von ihm beobachteten Kometen, mit den möglich stärksten Vergrößerungen einen Kern zu entdecken56. Bei dieser Gelegenheit trägt Herr Hofrat Lichtenberg57 eine längstgefaßte Mutmaßung vor, daß entweder alle Kometen nur bloße Nebel seien, die uns gegen die Mitte zu dichter erscheinen müssen oder doch am Ende zu solchen[198] Nebeln werden. Wie, wenn uns diese Mutmaßung zu einer andern berechtigte, nämlich, daß die Kometen werdende Weltkörper sind, die, bis jetzt in Dunstgestalt verbreitet, den Gesetzen des allgemeinen Gleichgewichts der Schwere noch nicht völlig unterworfen, keinem System ausschließend angehören und eine in mehr als einer Hinsicht regellose Bahn durchlaufen. Läßt sich aus dieser Voraussetzung erklären, was nur mühsam erklärbar ist, sobald man die Kometen für feste Körper hält, daß ihre Bahn ebensowenig vollkommen elliptisch, als parabolisch oder hyperbolisch ist, daß sie alle mögliche Richtungen in ihrem Laufe haben, während alle Planeten die Eine von Abend gegen Morgen haben usw. Ich weiß wohl, daß man alle diese Phänomene teleologisch erklären kann, und dies hat Lambert getan, indem er zeigte, daß nur durch diese Unregelmäßigkeiten in der Bahn der Kometen die größte Zahl von Weltkörpern in diesem Raume möglich wird58. Aber damit ist nichts ausgerichtet; denn man will es mathematisch erklärt wissen, wie, nach Gesetzen der allgemeinen Gravitation, die Regellosigkeit in den Bewegungen dieser Körper möglich ist. – Ich weiß auch, daß Whiston schon die Kometen für unreife Planeten gehalten hat. Aber er verband damit ganz andere Begriffe, denn er dachte sie als brennende Körper, die erst (so wie ehemals unsere Erde) ausgebrannt sein müßten, um Planeten zu werden. Diese Vorstellung hat freilich nicht die geringste Wahrscheinlichkeit; allein sie ist auch von der oben vorgetragenen völlig verschieden.
Auf diese Analogien gestützt, können wir die Hypothese vom Ursprung der Erde keck auf die Bildung unsers ganzen Planetensystems, also auch auf die der Sonne selbst, ausdehnen. Denn die Sonne kann einmal in unserm Systeme für nicht mehr, als für den ersten Planeten gelten; könnten wir heute die Sonne aus dem Mittelpunkte ihres Systems hinwegnehmen, so würde sich bald der größte Planet in Besitz desselben setzen, und könnten wir auch diesen wieder wegnehmen, so hätte auch er wieder seinen Nachfolger, der die Sonne des Systems würde.[199]
Indem die festen Körper unseres Planetensystems aus dem dunstförmigen Zustand in den festen übergingen, mußte eine Quantität Wärme, die zur Erhaltung jenes Zustandes notwendig gewesen war und die wir beinahe so groß annehmen können, als wir wollen, frei werden. Derjenige Körper, welcher der Masse nach der größte war, mußte natürlich auch die größte Quantität Wärme zersetzen, und so wird es begreiflich, wie jeder Zentralkörper notwendig auch die Sonne seines Systems werden mußte59.
Diese Hypothese stimmt mit den neuesten Entdeckungen der Astronomie überein. Nachdem Schröter und andere die Atmosphäre des Monds, der Venus, des Jupiters außer Zweifel gesetzt hatten, war es an sich schon glaublich, daß auch die übrigen Weltkörper, und namentlich die Sonne, mit einer Ärosphäre umgeben seien. Herschel hat dieser Vermutung einen hohen Grad von Wahrscheinlichkeit gegeben, indem er die sogenannten Fackeln der Sonne als leuchtende, wolkenähnliche Dünste in der Atmosphäre der Sonne zu betrachten angefangen hat60. Wenigstens ist durch seine Bemühungen so viel ausgemacht, daß, wenn die Sonne von einer Atmosphäre umgeben ist, und wenn in dieser Atmosphäre Wolken entstehen, die mit Lichtzersetzungen verbunden sind, die Sonne uns gerade so erscheinen muß, wie sie uns wirklich erscheint. – Herschel glaubt, daß wirklich diese lichten Wolken in der Sonnenatmosphäre durch Niederschlag und Dekomposition der Luft entstehen, und daß es eigentlich dieses durch Zersetzungen entwickelte Licht ist, was in der Sonne leuchtet, während die übrigen durchsichtigen Gegenden ihrer Atmosphäre, durch welche man den Sonnenkörper selbst erblicken kann, als Flecken erscheinen. Daraus folgt denn weiter ganz natürlich, daß die Sonne kein brennender, unbewohnbarer Körper, daß sie überhaupt den übrigen Weltkörpern ihres Systems weit ähnlicher ist, als man gewöhnlich sich vorzustellen pflegt.
Die Hypothese, daß das Licht der Sonne sich aus Zersetzungen[200] ihrer Atmosphäre entwickelt, könnte noch wichtiger werden, sobald man diesen Gedanken weiter verfolgte. Wodurch werden jene Zersetzungen bewirkt? Und warum sind oder scheinen sie nur partial zu sein? Wenn wir aber einmal Lichtentwicklungen in der Atmosphäre eines Weltkörpers annehmen, so läßt sich dies auch auf die Atmosphären der übrigen Weltkörper anwenden. Wenigstens scheint Herschel selbst zu glauben, daß diese Lichtentwicklungen der Sonne nicht eigentümlich seien. Er beruft sich auf das Nordlicht, das oft so groß und so glänzend erscheint, daß es wahrscheinlich vom Monde aus gesehen werden kann, ferner auf das Licht, das oft in heitern, mondlosen Nächten den ganzen Himmel überzieht. – Das Nordlicht, könnte man darauf erwidern, hat einen hohem Glanz, weil es (wie das Licht der Morgen- und Abendröten) ein partielles Licht ist. Wenn nun also durch Einwirkung der Sonne die Lichtentwicklung, die in diesen Fällen bloß partiell ist, allgemein würde, ließe sich dadurch nicht das ganze Phänomen des Tages begreifen61?
Auch Herschel bleibt dabei stehen, daß die Sonne Licht aussende, und kann auch den Einwurf nicht: ganz vorbeigehen, daß die Sonne durch so häufige Lichtzersetzungen allmählich erschöpft werden müßte. Ist das Licht der Sonne bloß ein Phänomen ihrer Atmosphäre, so hat dieser Einwurf ohnehin nicht mehr soviel auf sich, als wenn man die Sonne für einen glühenden oder brennenden Körper hält. Indes kann er sich, um diesem Einwurf zu begegnen, doch die Hypothese nicht versagen, daß die Kometen vielleicht das Vehikel seien, durch welches der Sonne ihr beständiger Lichtverlust wieder ersetzt wird. Alles kommt auf die Begriffe an, die man sich vom Lichte macht. Mein kann ohnehin nicht glauben, daß in einem System, wo alles zusammenhängt,[201] irgend etwas beständigen Verlust erleide, ohne Ersatz zu erhalten, und es lassen sich unzählige Quellen denken, aus welchen auch der Sonne Licht zuströmt. Auf die übrigen Einwürfe, die man gegen eine Verbreitung der Lichtmaterie von der Sonne aus gemacht hat, nimmt Herr Herschel keine Rücksicht. Nur einige derselben treffen auch seine Hypothese; auf jeden Fall sind sie alle zusammen für den Empiriker neugierige Fragen, die zur Last fallen, und die man nicht so recht, wie man gerne wünschte, von sich weisen kann, so lange man sich noch mit den krassen Begriffen vom Lichte trägt.
So bleibt also jede Hypothese über den Ursprung des Lichts, sobald sie die Fortpflanzung desselben erklären soll, bei Schwierigkeiten stellen, die sie nicht auflösen kann, und das Resultat einer unparteiischen Untersuchung scheint doch am Ende dieses zu sein, daß noch keine der bisherigen Hypothesen die Wahrheit ganz getroffen habe; dieses Resultat aber ist so gewöhnlich und den meisten unserer Untersuchungen so gemein, daß man nichts Besonderes damit gesagt zu haben glauben darf.[202]
Fußnoten
44 Ein Beweis, daß gerade diejenige Chemie, die eine chemische Bindung der Wärme annimmt, am wenigsten nötig hat, zum Wärmestoff auch noch einen Lichtstoff hinzuzutun.
45 Dies läßt aber doch so gewiß nicht behaupten, wenn man nicht etwa besondere Experimente darüber angestellt hat. Die Flamme der hellsten, mit dem größten Glänze brennenden Lampen (der Argandischen) erscheint, der Mittagssonne ausgesetzt, in der Gestalt eines toten, gelben, halbdurchsichtigen Rauchs. Vergl. die Bemerkungen des Grafen von Rumford in Grens neuem Journal der Physik Band II, 1. Heft, S. 61.
46 Flamma est fumus candens.
47 »Freilich wird von der eigentlichen Natur des Feuers immer noch vieles vor unsern Augen verborgen bleiben, allein wenn auch alle diese Vorstellungsarten von der absoluten Wahrheit sehr weit entfernt bleiben, so haben sie doch immer für uns einen sehr großen relativen Wert; sie sind schickliche Bilder, uns die mannigfaltigen Erscheinungen der Natur im Zusammenhang zu denken und uns die Kenntnis derselben zu erleichtern. Gesetzt, die Ursache der Hitze sei kein Fludium, es sei etwas, wovon sich nichts Gleiches in der Natur fände, so ist doch nicht zu leugnen, daß sich die Erscheinungen, so weit wir sie kennen, sehr schicklich unter dem Bilde eines flüssigen Wesens denken lassen, und ist ein solches Zeichen glücklich gewählt, so kann es selbst dienen, den Geist auf neue Verhältnisse des unbekannten Wesens zu leiten. Was Wunder also, wenn die Naturforscher anfangen, ihre Erklärungen der natürlichen Phänomene für etwas mehr als bloße Bildersprache zu halten. – Und was ist denn das Reelle in unsern Vorstellungen von Dingen außer uns überhaupt, und was haben sie für Verhältnisse zu denselben? Laßt uns daher immer jene Bildersprache studieren und uns bemühen, ihr mehr Reichtum zu geben, so treffen wir am Ende vielleicht die Wahrheit so, wie sie der unterrichtete Taubstumme endlich trifft, der unsere Sprache für das Ohr für eine für das Auge, und was eigentlich Töne sind, für Bewegung der Kehle und der Lippen hält, aber, indem er sich die letztere zu sprechen bestrebt, auch demjenigen Sinne, ohne es zu wissen, vernehmlich spricht, dessen er gänzlich beraubt ist.« Lichtenbergs Anmerkung zu Erxlebens Naturlehre, 6. Auflage, S. 453.
48 Man siehe z.B. Fourcroys chemische Philosophie erster Abschnitt.
49 A. a. O. S. 11.
50 Ich brauche auch hier wieder einen Ausdruck der Chemie, ohne damit eben etwas Chemisches in diesem Verhältnis andeuten zu wollen.
51 Oder, was sollen wir mehr bewundern, die Subtilität des Lichts, oder die Feinheit unseres Organs?
52 Von hier bis zum Ende dieses Absatzes lautet es in der ersten Auflage so: Müssen wir uns nicht gestehen, daß das System, in welchem wir existieren, ein System der untersten Ordnung ist, daß schon die Größe des nächsten Systems, zu welchem unsere Sonne gehört, alle Anstrengung unserer Einbildungskraft übersteigt, daß, wenn unsere Sonne selbst zugleich mit ihren Planeten und Kometen sich fortbewegt, Jahrtausende kaum einen Maßstab dieser Bewegung abgeben, und daß dann vielleicht auch das Licht, das unsere Dunkelheit erhellt, nur von der Grenze des Universums zu uns kommt?
53 Mehrere philosophische Naturforscher haben diesen Gedanken nicht ungereimt gefunden. Zum Beweis setze ich eine Stelle aus Büffon hierher, die vielleicht aufmerksam darauf machen kann, daß der Streit über die Natur des Lichts nur von einem höheren Standpunkt aus entschieden werden kann: »Toute matière deviendra lumière, dès que toute cohérence étant détruite, elle se trouvera divisée en molécules suffisamment petites, et que ces molécules étant en liberté, seront déterminées par leur attraction mutuelle à se précipiter les unes contres les autres; dans l'instant du choc la force répulsive s'exercera, les molécules se fuiront en tout sens avec une vitesse presque infinie, laquelle néanmoins n'est qu' égale à leur vitesse acquise au moment du contact: car la loi de l'attraction êtant d'augmenter comme l'espace diminue, il est évident qu'au contact l'espace toujours proportionnel au carré de la distance devient nul, et que par conséquent la vitesse acquise en vertu de l'attraction, doit à ce point devenir presqu' infinie; cette vitesse seroit même infinie si le contact étoit immédiat, et par conséquent la distance entre les deux corps absolument nulle; mais, comme nous l'avons souvent répété, il n'y a rien d'absolu, rien de parfait dans la Nature et de même rien de absolument grand, rien d'absolument petit, rien d'entièrement nul, rien de vraiment infini; et tout ce que j'ai dit de la petitesse infinie des atomes qui constituent la lumière, de leur ressort parfait, de la distance nulle dans le moment du contact, ne doit s'entendre qu'avec restriction. Si l'on pouvoit douter de cette vérité métaphysique, il seroit possible d'en donner une démonstration physique, sans même nous écarter de notre sujet. Tout le monde sait que la lumière emploie environ sept minutes et demie de temps à venir du soleil jusqu'à nous; supposant donc le soleil à trentesix millions de lieues la lumière parcourt cette énorme distance en sept minutes et demie, ou ce qui revient au même (supposant son mouvement uniforme), quatrevingt mille lieues en une soconde. Cette vitesse quoique prodigieuse est néanmoins bien éloignée d'être infinie, puisqu'elle est déterminable par les nombres; elle cessera même de paroître prodigieuse, lorsqu'on réfléchira que la Nature semble marcher en grand, presque aussi vite qu'en petit; il ne faut pour cela que supputer la célérité du mouvement des comêtes à leur périhélie, ou même celle des planêtes qui se mouvent le plus rapidement, et l'on verra que la vitesse de ces masses immenses quoique moindre, se peut néanmoins comparer d'assez près avec celle de nos atomes de lumière.« T. VI. p. 20-22.
54 Man siehe seine Abhandlung über die Vulkane im Monde in der Berliner Monatsschrift. März 1785. Ich weiß sehr wohl, daß die Voraussetzung des ursprünglich flüssigen Zustandes der Erde weit älter ist, als diese Abhandlung; aber hier ist von der Anwendung die Rede, die von dieser Voraussetzung gemacht wurde.
55 A. a. O.
56 Daß die Kometen keine festen Körper seien, ist ferner außer Zweifel gesetzt durch Herrn Olbers Beobachtungen, der durch einen im April 1786 beobachteten Kometen Sterne der fünften Größe erblickte.
57 Anmerkung zu Erxlebens Naturlehre § 644.
58 Kosmologische Briefe über die Einrichtung des Weltbaues. 1761.
59 Kant a. a. O.
60 Herschels Abhandlung steht in den philos. Transact. 1795. Vol. I. und im Auszug in Lichtenbergs Kalender für das Jahr 1797.
61 Dazu müßte man noch die Bemerkung nehmen, daß das Licht unendlicher Grade von Elastizität fähig ist. Ohne Zweifel hängt der größere oder geringere Glanz des Lichts von der größeren oder geringeren Elastizität der Lichtteilchen ab. Das Sonnenlicht aber ist das glänzendste, das wir kennen, und zwischen ihm und der Flamme, die wir durch unsere gewöhnlichen Luftzersetzungen erhalten, kann es eine Menge Abstufungen des Glanzes – und also auch der Elastizität – geben. (In der ersten Auflage steht in dieser Note »Subtilität« statt »Elastizität«.)
Über die Lehre der Naturphilosophie vom Licht.
(Zusatz zum zweiten Kapitel.)
Da dieser Gegenstand in der Folge noch öfters zur Sprache kommen wird, so wollen wir hier nur die Hauptpunkte der Lehre vom Licht nach der Naturphilosophie angeben.
1. Betreffend die Verhältnisse zur Wärme, so sind diese ganz sekundäre Verhältnisse, die in der Bestimmung der Natur des Lichts an sich keine Berücksichtigung erfordern. Alle Wärme überhaupt, sofern sie sich äußert, und andre kennen wir nicht, ist ein Kohäsionsbestreben des Körpers, wodurch er sich zur Indifferenz rekonstruiert; denn jeder Körper ist nur erwärmt, sofern er leitet, alle Leitung aber ist eine Funktion der Kohäsion (Zeitschr. für spekul. Physik. Bd. II. Heft 2. § 88).[202]
Daß nun das Licht – nicht durch unmittelbare Wirkung, sondern durch Vermittlung desjenigen, worin es selbst mit dem Körper eins ist, der absoluten Identität, der prästabilierten Harmonie, sofern sie für diesen Punkt der Natur stattfindet – den Körper aus dem Indifferenzzustand und dadurch jenes Kohäsionsbestreben in ihm setzen könne, wird aus dem Folgenden klar werden.
2. Es ist bereits bemerkt worden, daß die Konstruktionen der Naturphilosophie nur im Zusammenhang des Ganzen nach ihrer Notwendigkeit eingesehen werden können. Wir haben diesen hier in Ansehung des Lichts zu supplieren. Schon oben (in dem Zusatz zur Einleitung) wurde gezeigt, daß das Universum nicht nur im Ganzen, sondern auch im Einzelnen, z.B. in der Natur, und selbst in der Natur wieder in der einzelnen Sphäre, kraft des ewigen Gesetzes der Subjekt-Objektivierung der Absolutheit in die zwei Einheiten zerfällt, wovon wir die eine als die reale, die andre als die ideale bezeichnet haben. Das An sich ist immer die dritte Einheit, worin die beiden ersten gleichgesetzt sind, nur daß sie nicht als dritte, als Synthesis, wie sie in der Erscheinung vorkommt, sondern als absolute aufgefaßt werde. So offenbart sich auch das identische Wesen der Natur nach der einen Seite notwendig als reale Einheit, welches in der Materie geschieht, nach der andern als ideale im Licht; das An sich ist das, wovon Materie und Licht selbst bloß die beiden Attribute sind und aus dem sie als ihrer gemeinschaftlichen Wurzel hervorgehen.
Dieses An sich, dieses identische Wesen der Materie und des Lichtes ist der Organismus und was in der Erfahrung als das Dritte erscheint, ist an sich wieder das Erste.
Wir haben nun die Natur des Lichts, da es nur in diesem Gegensatze ist, ohne Zweifel nach dem Verhältnis desselben zu bestimmen. Das Licht ist dasselbe, was die Materie, die Materie dasselbe, was das Licht ist, nur jene im Realen, diese im Idealen. Jene nun ist der reale Akt der Raumerfüllung, und insofern der erfüllte Raum selbst. Dieses also wird nicht die Raumerfüllung selbst, noch erfüllter Raum, sondern nur die ideelle Rekonstruktion derselben nach den drei Dimensionen[203] sein können. Umgekehrt, wenn allgemein bewiesen ist, daß jedem Reellen, z.B. der Raumerfüllung, dasselbe im Ideellen entspreche, so werden wir finden, daß dieser ideell angeschaute Akt der Produktion nur in das Licht fallen könne. Das Licht beschreibt alle Dimensionen, ohne den Raum wirklich zu erfüllen (dies eben ist das ganz eigentümliche, nur der Konstruktion durchdringliche Verhältnis des Lichts, daß es alle Eigenschaften, der Materie, aber nur ideell, an sich trägt). Erfüllte das Licht den Raum, so würde ein Licht das andre ebenso wie ein Körper den andern ausschließen, während bei bestirntem Himmel in einer gewissen Ausdehnung schlechthin in jedem Punkt derselben alle sichtbaren Sterne gesehen werden, jeder der letzern für sich also diese ganze Ausdehnung erfüllt, ohne die andern auszuschließen, welche dieselbe gleichfalls in allen Punkten erfüllen. Man begreift allerdings kaum, wie diese einfachen Reflexionen nicht schon längst hinreichend gewesen, auch den bloßen Empiristen zu der hohem Ansicht zu treiben, ebenso wie die Schlüsse, die sich unmittelbar aus dem Phänomen der Durchsichtigkeit ergeben. Gegen die Folgerung, daß, weil ein durchsichtiger Körper es in allen Punkten auf gleiche Weise ist oder sein kann, ein solcher Körper in allen Richtungen geradlinig durchbohrt, demnach nichts als Porus sein müßte, wofern die Newtonische Vorstellung des Lichts gegründet wäre, findet sich auch bei den sorgfältigsten Empirikern keine andre Erwiderung, als daß doch kein Körper absolut durchsichtig sei. Dies hat seine vollkommene Richtigkeit, nur daß die unvollkommene Durchsichtigkeit nicht ihren Grund in undurchsichtigen Zwischenräumen hat, sondern der (größere oder geringere) Grad der Durchsichtigkeit, den der Körper überhaupt hat, in jedem Punkte gleichförmig ist. Wir könnten hier ebenso der gleichförmigen Abnahme der Erleuchtung in einem bestimmten Verhältnis der Entfernung von dem leuchtenden Punkt erwähnen, da, wenn das Licht in materiellen Strahlen ausströmte, die geringere Erleuchtung einer Fläche in bestimmter Entfernung lichtleere Stellen, ebenso wie der geringere Grad der Durchsichtigkeit in dem eben angeführten Fall undurchsichtige Zwischenräume voraussetzte, während die schwächere Erleuchtung der Fläche vielmehr ganz gleichförmig[204] ist: etwas, das schon Kant in einer Stelle seiner metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft angeführt hat, obgleich die Antwort, die er darauf gibt, nur oberflächlich und unzulänglich ist.
Ich weiß nicht, ob es diese Betrachtungen waren, oder andere, welche kurz vor der ersten Erscheinung der gegenwärtigen Schrift der alten Meinung von der Immaterialität des Lichts einige neue Verteidiger verschafften. Allein dieser Ausdruck sagt doch schlechterdings nichts; auch ist die Lehre der Naturphilosophie keineswegs mit dieser Behauptung zu verwechseln. Abgesehen davon, daß Immaterialität eine bloß negative Bestimmung ist, womit sich dann übrigens, die Eulerischen Ätherschwingungen oder irgend eine andre sogenannte dynamische, nicht viel bessere Hypothese vollkommen verträgt, so ist die Meinung und Voraussetzung der Immaterialisten, daß nun dagegen die Materie doch wirklich und wahrhaft materiell sei. Dies ist aber eben nicht der Fall; denn in dem Sinn jener Physiker ist auch die Materie nicht materiell, und indem Sinn, in welchem ihnen das Licht immateriell ist, ist es auch die Materie selbst. Es bedarf also, die Natur dieses Wesens zu begreifen, weit höherer Bestimmungen.
Wenn wir nach der Bestimmung des Lichts als dessen, was auf positive Art im Ideellen dasselbe ist, was die Materie im Realen, nun auf diese Begriffe selbst reflektieren, so ergibt sich aus dem, was schon in dem obigen Zusatz zur Einleitung gesagt: worden ist, daß auch das Ideelle ebensowenig ein rein Ideelles, als das Reelle ein rein Reelles sei. Reell ist allgemein und immer die Identität, sofern sie Einpflanzung des Ideellen ins Reelle ist; ideell ist dieselbe, sofern sie Wiederaufnahme des Reellen ins Ideelle ist. Jenes ist in der Materie der Fall, wo die der Leiblichkeit eingebildete Seele in der Farbe, im Glanz, im Klang offenbar wird, dieses ist in dem Licht der Fall, welches daher, als das Endliche im Unendlichen dargestellt, der absolute Schematismus aller Materie ist.
Sonst inwiefern sich die Schwere zu den Körpern allgemein als Grund von Existenz und empfangendes Prinzip, das Licht[205] aber als tätiges verhält, können wir jene als das mütterliche Prinzip und die Natur in der Natur, dieses als das zeugende Prinzip und das Göttliche in der Natur betrachten.
3. Es geht aus den bisherigen Betrachtungen von selbst hervor, daß wir keine unmittelbare Wirkung des Lichts auf die Körper, ebensowenig als der Körper auf das Licht, z.B. durch Anziehung oder in der Refraktion, zugeben, sondern daß alles Verhältnis beider durch das Dritte, jenes An sich, darin sie Eines sind und welches sie, gleichsam auf einer höheren Stufe als Schwere eintretend, zu synthesieren sucht, zu begreifen sei.
Es fallen hiermit von selbst alle Gründe hinweg, welche man teils von den sogenannten chemischen Wirkungen des Lichts auf die Körper, teils von der gegenseitigen Wirkung der Körper auf das Licht für die materielle Beschaffenheit des letzern hernehmen wollte. Jenes Prinzip, welches hier aus seinem Dunkel nur noch unvollkommen hervortritt, ist dasselbe, welches auch auf der höheren Stufe Seele und Leib in Eins bildet und nicht Körper ist und nicht Licht.
Wieviel Dunkles hier übrigens in der Anwendung auf die einzelnen Fälle, worauf wir uns hier nicht einlassen können, stattfinden müsse, wird der nachdenkende Leser von selbst ermessen.
4. Betreffend endlich die im obigen Kapitel gleichfalls berührte Frage nach dem Grund, der eben den Zentralkörper jedes Systems auch zur Quelle des Lichtes für selbiges bestimmt, erwähnen wir vorläufig nur, daß es ja eben das Zentrum ist, in welchem durch die Schwere das Besondere der Materie dieses Systems ins Allgemeine zurückgebildet wird, daß also an ihm vorzugsweise auch das Licht als die lebendige Form der Einbildung des Endlichen ins Unendliche offenbar werden müsse.
Übrigens ist über das Entstehen sowohl als die Verhältnisse der Weltkörper zueinander die Ansicht der Philosophie notwendig eine höhere, als die im obigen Kapitel aus Kant angeführte empirische Vorstellungsweise. Die Weltkörper gehen aus ihren Zentris hervor und sind ebenso in ihnen, wie Ideen aus Ideen hervorgehen und in ihnen sind, abhängig zugleich und doch selbständig. In dieser Unterordnung eben zeigt sich das materielle[206] Universum als die aufgeschlossene Ideenwelt. Diejenigen Weltkörper, welche dem Zentro aller Ideen am nächsten liegen, haben notwendig mehr Allgemeinheit in sich, diejenigen, die entfernter, mehr Besonderheit; dies ist der Gegensatz der selbstleuchtenden und der dunkeln Weltkörper, obgleich ein jeder nur relativ selbstleuchtend oder dunkel ist. Jene sind in dein organischen Leib des Universums die höheren Sensoria der absoluten Identität, diese die entfernten, mehr äußerlichen Glieder. Es ist kein Zweifel, daß eine höhere Ordnung existiere, die auch diese Differenz noch als Indifferenz begreife, und in der als Einheit liege, was für diese untergeordnete Welt sich in Sonnen und Planeten getrennt hat.
Mehrere andere zu der Lehre der Naturphilosophie vom Licht gehörigen Bemerkungen werden in der Folge noch vorkommen.[207]
Drittes Kapitel.
Von der Luft und den Luftarten
Unsern Erdball umgibt ein durchsichtiges, elastisches Fluidum, das wir Luft nennen, ohne dessen Gegenwart kein Prozeß der Natur gelänge, ohne welches animalisches sowohl als vegetabilisches Leben unausbleiblich erlöschen würde – wie es scheint das allgemeine Vehikel aller belebenden Kräfte, eine unerschöpfliche Quelle, aus der die belebte sowohl als die unbelebte Natur alles an sich zieht, was zu ihrem Gedeihen notwendig ist. Aber die Natur hat in ihrer ganzen Ökonomie nichts zugelassen, was für sich und unabhängig vom ganzen Zusammenhange der Dinge existieren könnte, keine Kraft, die nicht durch eine entgegengesetzte beschränkt, nur in diesem Streit ihre Fortdauer fände, kein Produkt, das nicht durch Wirkung und Gegenwirkung allein geworden wäre, was es ist, und das unaufhörlich zurückgäbe, was es empfangen hat, und unter neuer Gestalt wieder erhielte, was es zurückgegeben hatte. Dies ist der große Kunstgriff der Natur, durch welchen allein sie den beständigen Kreislauf, in[207] welchem sie fortdauert, und damit ihre eigne Ewigkeit sichert. Nichts, was ist und was wird, kann sein oder werden, ohne daß ein anderes zugleich sei oder werde, und selbst der Untergang des einen Naturprodukts ist nichts als Bezahlung einer Schuld, die es gegen die ganze übrige Natur auf sich genommen hat; daher ist nichts Ursprüngliches, nichts Absolutes, nichts Selbstbestehendes innerhalb der Natur. Der Anfang der Natur ist überall und nirgends, und der forschende Geist findet im Zurückschreiten ebensogut als im Fortschreiten dieselbe Unendlichkeit ihrer Erscheinungen. Um diesen beständigen Wechsel zu unterhalten, mußte die Natur alles auf Gegensätze berechnen, mußte Extreme aufstellen, innerhalb welcher allein die unendliche Mannigfaltigkeit ihrer Erscheinungen möglich war.
Eines dieser Extreme nun ist das bewegliche Element, die Luft, durch welches allein allem, was lebt und vegetiert, Kräfte und Stoffe, durch welche es fortdauert, zugeführt werden, und das doch selbst großenteils durch die beständige Ausbeute der animalischen und vegetabilischen Schöpfung in dem Zustand erhalten wird, in welchem es fähig ist, Leben und Vegetation zu befördern.
Die atmosphärische Luft verändert sich täglich auf die mannigfaltigste Weise, und nur die Beständigkeit dieser Veränderungen gibt ihr einen gewissen allgemeinen Charakter, der ihr nur überhaupt und im Ganzen genommen zukommen kann. Mit jedem Wechsel der Jahreszeit müßte ihr auch eine weit größere Veränderung bevorstehen, als sie wirklich erleidet, wenn nicht die Natur durch die gleichzeitigen Revolutionen auf der Oberfläche und im Innern der Erde auf der einen Seite ersetzte, was sie auf der andern entzieht, und so immerfort eine totale Katastrophe unsers Luftkreises verhinderte.
Unsere Luft ist das Resultat tausendfacher Entwicklungen, die auf und in der Erde vorgehen. Während die vegetabilische Schöpfung die reinste Luft aushaucht, atmet die animalische eine Luftart aus, die, zu Beförderung des Lebens untauglich, die Reinheit der Luft verhältnismäßig vermindert. Die im Ganzen genommen gleichförmige Verbreitung der Körper, die dem Luftkreis nach fein berechneten Proportionen immer neue Stoffe spenden,[208] läßt es nie so weit kommen, daß eine völlig reine Luft unsere Lebenskraft erschöpfe, oder ein mephitisches Gas alle Keime des Lebens ersticke. Stoffe, die die Natur nicht jedem Erdreich anvertrauen konnte und die zur beständigen Erneuerung der Luft notwendig sind, führt sie doch dem Luftkreis entfernter Gegenden durch Winde und Stürme zu. Was der Luftkreis den Pflanzen leiht, geben sie ihm veredelt zurück. Der rohe Stoff, den sie einsaugen, entwickelt sich aus ihnen als Lebensluft. Wenn sie verwelken, geben sie ihrer großen Ernährerin zurück, was sie einst aus ihr an sich zogen, und während die Erde zu veralten scheint, verjüngt sich der Luftkreis durch die Stoffe, die er der allgemeinen Zerstörung entreißt. Während die eine Seite der Erde alles ihres Schmuckes beraubt wird, steht die andre eben in voller Frühlingspracht da. Was die Atmosphäre der einen, durch den Aufwand, den sie für die vegetabilische Schöpfung machen muß, verliert, gewinnt der Luftkreis der andern durch das, was er aus verwelkenden und verwesenden Pflanzen an sich zieht. Regelmäßig beginnen daher mit Herbst und Frühling die großen Bewegungen, wodurch sich die Luftmasse, die unsern Erdball umgibt, mit sich selbst ins Gleichgewicht setzt. So allein ist es begreiflich, wie die atmosphärische Luft, der zahllosen Veränderungen in ihr ungeachtet, doch im Ganzen genommen immer dieselben Eigenschaften behält.
Nach diesen Ideen ist leicht zu beurteilen, was man neuerdings über die Bestandteile der atmosphärischen Luft behauptet hat. Es ist schwer zu begreifen, wie zwei so heterogene Luftarten, als die beiden sind, aus denen die atmosphärische bestehen soll, in so inniger Vereinigung sich befinden können, als wir sie in der atmosphärischen Luft antreffen. Die leichteste Art, sich aus der Verlegenheit zu ziehen, ist ohne Zweifel die, anzunehmen, daß sie nicht wirklich miteinander vermischt, sondern abgesondert voneinander den Luftkreis erfüllen. Nach Herrn Geh. Hofrat Girtanners Behauptung wenigstens62 befinden sich die beiden Gasarten, aus denen die atmosphärische Luft besteht, in keiner genauen und innigen Mischung. Sie sondern sich, wie[209] er glaubt, von selbst in zwei übereinander schwebende Schichten ab: das leichtere Salpeterstoffgas schwebt oben, das schwerere Sauerstoffgas senkt sich nieder.
Diese Annahme wäre sehr erwünscht, wenn man nur begreifen könnte, warum das leichtere Salpeterstoffgas schichtenweise zwischen dem schwereren Sauerstoffgas liegt, und warum es sich nicht vielmehr ganz über das letztere erhebt? In diesem Fall müßte die unterste Region der Luft mit reiner Lebensluft, die oberste mit rein azotischer Luft erfüllt sein, was unmöglich ist.
Auch begreift man, ohne eine innigere Verbindung beider anzunehmen, nicht, warum nicht oft an einem Orte bald bloß azotische, bald reine Lebensluft angehäuft würde. Wäre die azotische Lebensluft getrennt vorhanden, so müßte sie dem Leben äußerst schädlich sein; ist sie es nicht, so ist jene nicht mehr azotische, diese nicht mehr reine Luft.
Man scheint also genötigt, eine innige Mischung beider Luftarten, und insofern die atmosphärische Luft als ein wirkliches chemisches Produkt aus beiden anzusehen, von dem man nur so viel sagen kann: die Luft, die uns umgibt, beruht auf solchen Verhältnissen, daß sie, nach Aufhebung derselben, Lebensluft oder azotische sein kann, aber so lange diese Verhältnisse bestehen keine von beiden ist, weil beide nur in ihrer Reinheit das sind, was sie sind, und gemischt aufhören zu sein, was sie vorher waren.
Ohne Bedenken, scheint es mir, kann man hier eine chemische Durchdringung annehmen. Es fragt sich nur, durch welches Mittel die Natur diese innige Mischung bewirkt. Ich glaube dieses Mittel im Licht gefunden zu haben, das, seiner ganzen Wirkungsart nach, die Luft in beständiger Zersetzung erhalten muß, und so, wie in Pflanzen, doch wohl auch im Medium, durch welches es zu uns kommt, beständige Mischungsveränderungen bewirken kann. Experimente würden diese Vermutung ohne Zweifel bestätigen.
Im Allgemeinen unterscheiden sich die verschiedenen Luftarten vorzüglich durch quantitative Verhältnisse ihrer Bestandteile. Das vollkommenste Gleichgewicht hat die Natur vielleicht[210] bei den beiden Extremen der Lebens- und der azotischen Luft getroffen. Das relative Übergewicht der ponderablen Teile zeichnet die mephitischen, nichtentzündbaren aus, sowie umgekehrt das relative Übergewicht der Wärme mephitische Luftarten entzündbar macht. Die erstern könnte man auch oxydierte, sowie die letzern desoxydierte heißen, eine Benennung, wodurch zugleich ihre innere Beschaffenheit und ihre Brennbarkeit und Nichtbrennbarkeit angezeigt würde.
Zur Erklärung des berühmten Versuchs der Was serzusammensetzung aus brennbarer und Lebensluft hat die neuere Chemie das Hydrogene, d.h. ein besonderes wassererzeugendes Prinzip, angenommen, das die Grundlage aller brennbaren Luftarten sein soll. Es fragt sich aber, ob es diesen Namen verdiene. Das Verbrennen der inflammablen mit der Lebensluft ist ganz derselbe Prozeß wie jedes andere Verbrennen. Der Grundstoff der erstern reißt den Sauerstoff der letzern an sich; die Wärme wird in großer Quantität frei; was übrig bleibt, vermag die schwerere Luft nicht mehr in Gasgestalt zu erhalten. Sie müßte daher entweder in sichtbaren Dampf oder in tropfbare Flüssigkeit übergehen. Daß das Letztere geschehe, zeigt die Erfahrung. Allein dieser Prozeß ist doch von jedem andern, bei welchem eine Verminderung der Kapazität vorgeht, nur dem Grade nach verschieden. So wird nach demselben Gesetze die Salpeterluft durch Berührung mit der atmosphärischen sichtbarer Dampf. Auch hier geht eine Verminderung der Kapazität vor nach dem allgemeinen Gesetze: was die Natur, im bisherigen Zustande, nicht erhalten kann, erhält sie durch Veränderung seines Zustandes, d.h. durch Vergrößerung oder Verminderung seiner Kapazität.
Was den Grundstoff der brennbaren Luft allein zum Hydrogene machen kann, ist die chemische Wirkung, die er auf den Sauerstoff äußert. Dadurch nur, daß in diesem Übergange der beiden Luftarten in den tropfbar flüssigen Zustand ihre beiden Grundstoffe wechselseitig durcheinander gebunden werden, entsteht Wasser, d.h. eine durchsichtige, geruch- und geschmacklose Flüssigkeit. Dadurch unterscheidet sich diese Zersetzung von andern, z.B. von der Zersetzung der azotischen und der[211] Lebensluft durch den elektrischen Flinken. Die tropfbare Flüssigkeit, die sich hier niederschlägt, hat den Charakter einer Säure, deren Basis der Grundstoff der azotischen Luft, Salpeterstoff, ist. Das Hydrogene wirkt also auf den Sauerstoff als chemisches Bindungsmittel. Daraus erklärt sich, warum das aus jenem Prozeß gewonnene Wasser die Eigenschaften einer Säure zeigt, sobald eine der beiden Luftarten nicht völlig rein ist, sondern neben ihrem Grundstoffe noch heterogene Teile enthält, oder wenn nach Priestleys Experimenten das gehörige quantitative Verhältnis zwischen dem verbrannten Wasserstoffgas und der dazu angewandten Lebensluft nicht beobachtet wird.
Hier scheint sich noch ein weites Feld für chemische Untersuchungen zu eröffnen. Die Erscheinung der azotischen Luft, welche man aus Wasserdämpfen erhält, wenn sie durch ein glühendes irdenes Rohr geleitet werden, ist bis jetzt nicht hinlänglich erklärt. So viel ist aus den evidentesten, schon von Priestley zum Teil angestellten, Versuchen gewiß, daß die äußere (atmosphärische) Luft zu dieser Entwicklung der azotischen mitwirkt. Aber was sie eigentlich dazu beiträgt, ist bisher nicht ausgemacht. Was man darüber auch festgesetzt hat, ist bloße Hypothese. Daß die azotische Luft ganz bloß von außen eingedrungen sei – daß sie etwa bloß von der durch die brennenden Kohlen, welche zum Experiment angewendet werden, zersetzten atmosphärischen Luft herkomme, ist möglich zwar; aber es fragt sich immer noch, wo denn bei diesem Experiment die Wasserdämpfe hingekommen seien. Was auch das Resultat weiterer Untersuchungen hierüber sein möge, so ist es so lange, als diese Untersuchungen nicht angestellt sind, erlaubt, auch Möglichkeiten zur Untersuchung vorzulegen, die jetzt freilich nichts weiter als Möglichkeiten sind, die aber Untersuchung verdienen, weil sie viele Erscheinungen, die jetzt noch isoliert dastehen, in Zusammenhang bringen und durch ihre Anwendung (auf die Meteorologie) selbst über ein weit größeres Feld Licht verbreiten könnten.
Die Chemie wird auf keinen Fall dabei stehen bleiben, die Basis der brennbaren Luft nur als Hydrogene, sowie die Basis der azotischen Luft nur als Azot zu kennen. Auch muß die[212] Meteorologie früher oder später doch die Frage beantworten: ob das Wasser in bezug auf unsern Luftkreis wirklich so ganz müßig ist, als man es bis jetzt noch anzunehmen für gut findet. So viel ist freilich gewiß, daß reine Wasserluft, wenn eine existierte, so wenig als das Wasser, aus dem sie entstanden ist, durch innere, qualitative Eigenschaften sich auszeichnen könnte. Aber es fragt sich: was aus dem Wasser werden kann, wenn das innere Verhältnis seiner beiden Grundstoffe aufgehoben wird. Davon haben wir bis jetzt nur Ein Beispiel – die brennbare Luft, die aus der völligen chemischen Scheidung beider Grundstoffe entsteht. Aber es lassen sich wohl noch andere chemische Wasserprozesse denken, welche wahrscheinlich die Natur nicht unbenutzt läßt, unerachtet sie uns vielleicht noch unbekannt sind – ein dringender Aufruf an die Chemiker, den Grundstoff des Wassers näher, womöglich, als bisher geschehen ist, zu untersuchen.
Die Theorie der Luftarten überhaupt hat ihre eigentümlichen Schwierigkeiten, so lange man über die Bildung der Luftarten noch so ungewiß ist, als man es trotz der vielen Untersuchungen darüber bis diese Stunde noch ist. Daß die Wärme mit den Grundstoffen der Luftarten eine chemische Verbindung eingehen müsse, um Luft hervorzubringen, wird zwar fast allgemein angenommen, ist aber nichts weniger als ausgemacht. Den Hauptgrund nimmt man von den Wasserdämpfen her, die, durch Kälte und Druck zerstörbar, beweisen, daß die Wärme bloß mechanisch sie ausgedehnt hatte. Weil nun Luft weder durch Kälte noch durch Druck zerstört werden kann, so soll die Wärme einen chemischen, durch keine bloß mechanischen Mittel von ihr zu trennenden, Grundstoff der Luft ausmachen. Daß die Wärme chemisches Mittel ist, ist außer Zweifel. Chemisch wirken also kann sie, ohne deswegen selbst chemischer Bestandteil einer Luftart zu werden. Wenn nun die Wärme, da wo sie bloß Dämpfe erzeugt, wirklich bloß mechanisch als extensive Kraft wirkt, da aber, wo sie Luft erzeugt, die Grundteilchen der Luft völlig auflöst, so wirkt sie im letzern Fall chemisch, ohne deswegen selbst chemischer Grundstoff zu werden. Im erstern Fall wirkt sie mechanisch, im letzern dynamisch. Daher[213] wirkt sie im erstern Falle bloß auf das Volumen des flüssigen Körpers. Dünste sind eben deswegen auch viel leichter und bei weitem nicht so dicht, als die atmosphärische Luft. Ohne diese große Ausdehnung könnten sie sich gar nicht in unsichtbarer Gestalt erhalten, während die Luft, ihrer weit größeren Dichtigkeit unerachtet, diese Gestalt permanent beibehält. Im erstern Fall also wirkt die Wärme offenbar bloß durch Entfernung der Luftteilchen voneinander, im letzern aber wirkt sie durch Auflösung, dadurch, daß sie die Luftteilchen durchdringt. Eine ähnliche Durchdringung der festen Körper durch die Wärme müssen wir doch annehmen, um zu erklären, wie ein Körper erwärmt sein könne. Denn denken wir uns die Wärme bloß in den Poren des Körpers verteilt, so mag sie wohl den Körper ausdehnen, aber nicht ihn erwärmen63. In diesem Fall müssen wir also wirklich eine Durchdringung der Körper durch die Wärme annehmen, die nicht einmal von einer Auflösung begleitet ist.
Noch ein Beispiel dieser Wirkungsart der Wärme gibt das Wasser. Daß das Wasser, bloß um flüssig zu werden, einer großen Quantität Wärme bedarf (die seine Temperatur um nichts erhöht), ist bekannt. Allein das Wasser hat im Zustand der Flüssigkeit ein kleineres Volumen, als im Zustand der Festigkeit. Ein Beweis, daß die Wärme im Wasser die Teilchen desselben nicht ausdehnt, sondern durchdringt. Dagegen, sobald die Wärme aus dem Wasser austritt, die flüssigen Teile allmählich zu festeren anschießen, wobei jedoch die Wärme wenigstens noch als mechanisch-ausdehnende Kraft wirkt, nachdem sie aufgehört hat, dynamisch, oder, wenn man will, chemisch zu wirken. Man weiß, daß Salz im Wasser aufgelöst nicht früher sich kristallisiert, als bis das Wasser in Dunstgestalt (und damit die Wärme) weggeht. Ebenso zeigt die regelmäßige Gestalt der Schneeflocken und der Strahlen, in denen das Eis anschießt, eine im Wasser wirksame expansive Kraft an, und die Ausdehnung des Wassers im Gefrieren ist offenbar nichts anders als die letzte Wirkung – gleichsam der letzte Stoß der scheidenden Wärme.[214]
Fußnoten
62 Man siehe die Anfangsgründe der antiphl. Chemie. S. 65.
63 Vergl. Kants metaphysische Anfangsgründe der Naturwissenschaft. S. 99. [2. W. Hart, IV, 427.]
Einiges zur Geschichte der Wasserzersetzung.
(Zusatz zum dritten Kapitel.)
Schwerlich kann ein widersinnigeres Unternehmen gedacht werden, als aus partikulären Experimenten eine allgemeine Theorie der Natur entwerfen zu wollen; gleichwohl ist die ganze französische Chemie nichts anders als ein solcher Versuch: schwerlich aber möchte sich auch der überwiegende Wert höherer, auf das Ganze gerichteter Ansichten vor solchen, die auf Einzelheiten gegründet sind, am Ende so vortrefflich bewährt haben, als gerade in der Geschichte jener Lehre, vornehmlich desjenigen Teils derselben, der die Natur des Wassers betrifft.
Im Jahr 1791 schrieb de Lüc in einem Brief an Fourcroy folgendes: »Wenn der Fundamentalsatz zugelassen wird (daß der Regen sich nicht aus bloßen Dünsten, sondern aus der Luft als solcher bilde, und daß ferner diese Bildung nicht aus einem Zusammentreten des Sauer- und Wasserstoffs erklärbar sei), so bleibt die Folgerung unvermeidlich (daß die atmosphärische Luft das Wasser selbst als ponderable Substanz zur Grundlage habe). Es muß folglich jener Satz selbst widerlegt werden, sonst bleibt es gewiß, daß die zwölf Unzen Wasser, die binnen mehreren Tagen in Ihrem Laboratorium hervorgebracht worden sind, die Zusammensetzung des Wassers keineswegs beweisen. Denn diese geringe Wassererzeugung hat gar nichts mit der von heftigen Güssen gemein, die sich plötzlich in sehr trockener Luft bilden, noch mit irgend einem Phänomen des Regens, der früh oder spät die neue Physik ersäufen wird, wenn sie sich nicht dagegen festiglich verwahren kann64.«
Es ist bekannt, daß Lichtenberg ganz in denselben Grundsätzen war; ja er hat in der bekannten Vorrede, worin er sich über die neuere Chemie erklärt, in dem berühmten Amsterdamer Versuch bereits dasselbe erblickt, was man nach ihm in den mit[215] der Voltaischen Säule angestellten freilich palpabler erkannt hat. Er verlangt in seiner populären Sprache: man solle nur zusehen, ob sich nicht vielmehr die elektrische Materie zersetzt, und ob nicht ein Teil von ihr mit dem Wasserdampf inflammable Luft und der andere mit demselben dephlogistisierte Luft gemacht habe. (Man sehe a. a. O. S. XXIX.)
In der Abhandlung vom dynamischen Prozeß in der Zeitschrift für spekulative Physik Bd. I. H. 2. S. 71 stand folgende Stelle: »Aus dem allem zusammengenommen erhellt, inwiefern man sagen könne, negative Elektrizitätsei Sauerstoff, nämlich nicht das Gewichtige der sogenannten Materie, sondern das, was die Materie (an sich bloße Raumerfüllung) zum Stoff potenziert, sei negative Elektrizität. Der vortreffliche Lichtenberg behauptete fortwährend und, wie es scheint, ohne einen weiteren Grund als die Analogie dafür zu haben, die Verbindung der beiden Luftarten zu Wasser könnte eher ein Verbinden von beiden Elektrizitäten genannt werden. Er hat völlig recht. Das Tätige, was unter der groben chemischen Erscheinung eigentlich sich verbindet, ist nur positive und negative Elektrizität, und so ist das hermaphroditische Wasser nur die ursprünglichste Darstellung der beiden Elektrizitäten in Einem Ganzen. Denn daß der Wasserstoff, d.h. abermals nicht das Ponderable der sogenannten Materie, sondern das, was sie zum Stoff macht – positive Elektrizität sei, daß der Wasserstoff die gerade entgegengesetzte Funktion des Sauerstoffs habe, nämlich die: dem negativ-elektrischen Körper (durch Desoxydation) Attraktivkraft zu entziehen und dadurch in positiv-elektrischen Zustand zu versetzen, betrachte ich als einen unumstößlich gewissen Satz – und so wären also die beständigen und allgemeinen Repräsentanten der potenzierten Attraktiv- und Repulsivkraft – die beiden Stoffe, Sauerstoff und Wasserstoff.«
Bald nachher hat in Deutschland Herr J. W. Ritter die Versuche mit der Voltaischen Säule angestellt, wodurch man Hoffnung bekam, diese Art des Hergangs bei der sogenannten Wasserzersetzung sogar auf empirische Art anschaulich zu machen. Es hat sich bei dieser Gelegenheit Folgendes hervorgetan.[216]
1. Daß der größte Teil der Physiker und Chemiker von den früheren Sätzen de Lücs und Lichtenbergs nicht das Allergeringste verstanden haben müsse.
2. Wie blind und ohne Nachdenken die meisten bis dahin die Erzählungen, die sie über die von ihnen beobachteten Tatsachen gemacht hatten, für die Theorie dieser Tatsachen selbst, für eine wirkliche Erkenntnis des inneren Hergangs dabei gehalten hatten, da ihre Experimente, z.B. daß sie in gewissen Fällen aus dem Wasser brennbare Luft erhielten, während ein anderer Körper durch Vermittlung desselben Wassers oxydiert wurde, oder: daß sie durch das Verbrennen der beiden Luftarten zusammen eine Quantität Wassers erhalten hatten, ihnen ja ganz ruhig stehen blieben (wie denn auch de Lüc in obiger Stelle das Faktum mit den zwölf Unzen nicht leugnet), und diese für sie ganz neuen Ideen nur die Physik des ganzen Hergangs betrafen, sie aber nichtsdestoweniger meinten oder sich bereden ließen, daß damit eine totale Veränderung in der Chemie selbst, als solcher, gedroht werde. So sehr hatte das leere chemische Experimentalwesen der Franzosen einwiegend gewirkt, daß man von einem höheren Forum, wovor diese Erscheinungen gezogen werden können, auch nicht den geringsten Begriff hatte. Es ist kaum zu zweifeln, daß wer auch nur einmal sich selbst die Frage aufgeworfen hätte, was es denn wohl mit aller sogenannten Zerlegung oder Zusammensetzung in der Chemie auf sich habe, oder wie es damit physisch zugehe, auch eingesehen haben würde, daß diese Reduktion der Zerlegung des Wassers auf eine Darstellung derselben und Einer Substanz unter differenten Formen ebenso in Ansehung aller Zerlegung gelte und nur Anwendung der allgemeinen Formel derselben auf den besondern Fall sei, daß also in dem Sinn, in welchem das Wasser einfach ist, es überhaupt alle Materie sei, und umgekehrt, daß in dem (gemeinen) Sinn, in welchem man überhaupt sagen kann, daß Materie zersetzt und wieder zusammengesetzt werde, dasselbe auch von dem Wasser gesagt werden könne.
Wir bemerken noch beiläufig wegen der in obigem Kapitel berührten Frage von der Art der Verbindung des Stickstoffs und[217] Sauerstoffs in der Atmosphäre, daß selbige nur in einer allgemeinen Konstruktion der Verhältnisse der Planeten im Sonnensystem beantwortet werden kann, wegen welcher wir den Leser auf die im zweiten Heft des ersten Bandes der Neuen Zeitschrift für spekulative Physik (Tübingen bei Cotta) § VIII. enthaltene Darstellung verweisen.[218]
Fußnoten
64 Man sehe den ganzen merkwürdigen Brief in Grens Journal der Physik von 1793. VII. Band. 1. Heft. S. 134.
Viertes Kapitel.
Von der Elektrizität65
Bis jetzt kannten wir nur Eine Kraft der Natur, Licht und Wärme, die in ihrer Wirksamkeit nur durch das Entgegenstreben toter Stoffe gehemmt werden konnte; jetzt erweckt ein ganz neues Phänomen unsere Aufmerksamkeit, in welchem Tätigkeit gegen Tätigkeit, Kraft gegen Kraft aufzustehen scheint. Dies ist aber auch das Einzige beinahe, was wir vom Ursprunge jenes merkwürdigen Phänomens Gewisses und Zuverlässiges wissen. Daß entzweite Kräfte da sind und wirken, glauben wir zu sehen, und die genaueste Untersuchung, die das Phänomen verstattet, hat es beinahe zweifellos gemacht. Aber was eigentlich die Natur und Beschaffenheit jener beiden Kräfte sei, ob sie Erscheinung einer und derselben ursprünglichen Kraft sind, die nur durch irgend eine dritte Ursache mit sich selbst entzweit ist, oder ob zwei ursprünglich einander entgegenstrebende Kräfte, die im gewöhnlichen Zustande irgend ein Drittes gebunden hält, hier – man weiß nicht wie – entfesselt und miteinander in Streit gesetzt sind, dies sind Fragen, auf die es bis jetzt noch keine zuverlässige Antwort gibt. Vielleicht gibt es keine Erscheinung in der Natur, die in allen[218] ihren Verhältnissen, in allen einzelnen Wendungen, die sie nimmt, mit solcher Genauigkeit beobachtet ist, als das Phänomen, von dem wir sprechen. Das schnelle Vorüberschwinden der elektrischen Erscheinungen nötigte die Naturforscher, auf künstliche Mittel zu denken, die sie in den Stand setzten, jene Erscheinungen, so oft es ihnen beliebte, so stark oder so schwach es ihrem jedesmaligen Zweck gemäß war, zu erregen. Beinahe mit gleichem Dank wurde die Erfindung der Maschine, wodurch die größtmögliche Elektrizität erregt, und der halbleitenden Platte, durch welche die schwächste noch fühlbar gemacht wird, aufgenommen; der Triumph ihrer Maschinerie aber war der Harzkuchen, der durch besondere Vorrichtungen die Elektrizität länger als jedes andere Instrument zurückhält. Dadurch wurde die Lehre von der Elektrizität beinahe mehr eine Aufzählung der Maschinen und Instrumente, die man zu ihrem Behuf erfand, als eine Erklärung ihrer Phänomene. Je mehr aber mit Hilfe dieser Erfindungen Erscheinungen und Beobachtungen sich vervielfältigten, desto weniger fügten sie sich in die Schranken der bisherigen Hypothesen, und man kann wirklich behaupten, daß, den Einen großen Hauptsatz dieser Lehre und einige demselben untergeordnete Sätze ausgenommen, in der ganzen Lehre von der Elektrizität nicht ein einziger allgemeiner Grundsatz zu finden ist.
Nachdem man die Einteilung der Körper in elektrische und unelektrische aufgegeben, und eine andere in Leiter, Nichtleiter und Halbleiter an ihre Stelle gesetzt hat, hat man doch bis jetzt noch kein Gesetz gefunden, nach welchem die Körper Leiter oder Nichtleiter sind. Körper, die man unter eine Klasse gesetzt hatte, versetzte bald eine erweiterte Erfahrung in beide. Veränderungen der Quantität, der Temperatur usw. machen auch Veränderungen in der Leitungsfähigkeit der Körper. Glühendes Glas leitet, trockenes Holz ist ein Halbleiter, völlig gedörrtes oder ganz frisches ein Leiter. Selbst die besten Nichtleiter, wie Glas, können durch häufigen Gebrauch Leiter werden. Noch viel weniger aber weiß man, woher eigentlich dieser ganze Unterschied der Körper kommt, und der möglichen Vorstellungsarten hierüber gibt es auch jetzt noch mehrere. Man hat den Grund[219] davon bald in der größeren oder geringeren Anziehung, bald in der größeren oder geringeren Kapazität dieser Körper gegen die elektrische Materie gesucht. Besser vielleicht hätte man beides verbunden. Gibt es Körper, die gegen die elektrische Materie (so müssen wir uns auf jeden Fall ausdrücken, so lange wir das Phänomen nehmen, wie es den Sinnen auffällt) weder Anziehung noch Kapazität beweisen? Hierher würden alle Materien gehören, die sich durch keine innere Qualitäten auszeichnen, wie das Glas, dessen Durchsichtigkeit schon verrät, wie sehr es aller inneren qualitativen Eigenschaf ten beraubt ist. Dienen diese Körper vielleicht eben deswegen am besten dazu, Elektrizität anzuhäufen, die, von nichts angezogen, wie eingeschläfert auf ihnen ruht, bis ein anderer Körper, der gegen sie Anziehung beweist, in ihren Wirkungskreis kommt? –
Gibt es außer diesen Körpern andere, die jene Materie stark anziehen, ohne eine verhältnismäßige Kapazität für sie zu haben? Das Maximum, was sie in jedem einzelnen Punkt davon aufnehmen können, wäre sogleich erreicht, die überall gleich starke Anziehung führte die Materie über die ganze Oberfläche weg; ebenso leicht, als sie die elektrische Materie aufgenommen hätten, würden sie dieselbe an andere Körper verlieren. –
Eine dritte Klasse wären diejenigen Körper, die gegen die elektrische Materie ebensoviel Kapazität als Anziehung beweisen, in denen sie daher ebenso leicht erregt als zurückgehalten wird. Gehörten unter diese Klasse etwa alle die Körper, die durch Wärme leicht schmelzbar sind [wie Harz, Pech u.a.m.]. Dies sind nichts als Möglichkeiten, die vielleicht erst im Zusammenhange mit anderen erwiesenen Sätzen Wahrscheinlichkeit oder Gewißheit erlangen.
In derselben Ungewißheit sind wir bis jetzt noch in Ansehung der Erregung der elektrischen Erscheinungen. Ist es der bloße Mechanismus des Reibens, der die elektrische Materie im Innern der Körper in Bewegung setzt? Oder ist es die durch Reibung zugleich erregte Wärme, die erst auf jene Materie wirkt, sie elastischer macht, oder wohl gar zersetzt? Oder – doch[220] ich will nicht alle Möglichkeiten, auf die wir im Verlauf der Untersuchung stoßen müssen, zum voraus erschöpfen.
Man darf beinahe nur die ersten einfachsten Experimente, die Äpinus mit dem Tourmalin angestellt hat, lesen66, um überzeugt zu werden, wie unwissend wir noch in Ansehung dieser Fragen sind. Dieser Stein, sobald er erwärmt ist, zieht an und stößt ab nach Gesetzen der Elektrizität, er vereinigt in sich entgegengesetzte Elektrizitäten, ungleich erhitzt verwechselt er, um mich so auszudrücken, seine elektrischen Pole, überhaupt scheint er ebenso nahe dem Magnet als dem Bernstein verwandt zu sein.
Die verschiedenen Elektrizitäten können wir bis jetzt gar nicht anders als durch ihr wechselseitiges Anziehen unterscheiden. Anfangs wollte man sie nach den Körpern unterscheiden, in welchen sie erregt werden. Allein schon jetzt kennen wir wirklich nur noch Einen Körper, der nicht beider Elektrizitäten fähig wäre67. Selbst Glas, wenn es mattgeschliffen ist, oder eine rauhe Oberfläche hat, oder (nach Cantons Versicherung) so lange gerieben ist, bis es Glanz und Durchsichtigkeit verliert, ist negativer Elektrizität fähig. Hingegen bleibt so viel sicher, daß gewisse Körper an gewissen gerieben immer dieselbe Elektrizität zeigen. Aber darüber gibt: es nur einzelne Erfahrungen, und, so viel ich weiß, bis diese Stunde noch keine bestimmte Angabe, die den Namen eines Gesetzes, nach welchem verschiedene Elektrizitäten erregt werden, verdiente. Das wissen wir, daß die Elektrizität völlig gleichartiger Nichtleiter = 0 ist, vorausgesetzt, daß beide auf der ganzen Oberfläche gleich stark aneinander gerieben werden. Dies ist aber eine Voraussetzung, die selten zu erfüllen ist; daher kommt es, daß jene Regel selten eintrifft. Indes können diese kleinen Erfahrungen doch zu einigen Schlüssen hinreichen.[221] Vorerst bemerke ich, daß, wenn wir zwei ursprünglich einander entgegengesetzte Elektrizitäten annähmen, die Gesetze, nach welchen jetzt die eine, jetzt die andere Elektrizität erregt wird, vielleicht gar nicht zu erfinden wären. Denn, um beide elektrische Materien in Ruhe zu denken, müßten wir sie wechselseitig durcheinander binden lassen. Demnach müßten in jedem Körper beide erregt werden können. Nun ist wirklich jeder Körper, den wir jetzt kennen, beider Elektrizitäten fähig; allein durch welche Mittel erhält man diese verschiedene Elektrizität? Daß z.B. der geriebene Körper eine glatte oder rauhe Oberfläche hat, kann auf die verschiedene Erregbarkeit heterogener Elektrizitäten, d.h. solcher, die nicht der Quantität, dem Mehr oder Weniger, sondern ihrer inneren Qualität nach voneinander verschieden sind, keinen Einfluß haben. Höchstens hat diese Oberfläche Einfluß auf den Mechanismus des Reibens, das in diesem Fall mit stärkerer Friktion geschieht. Dadurch aber entsteht höchstens ein Unterschied in der Leichtigkeit der Erregung. Und diese größere oder geringere Leichtigkeit der Erregung macht einen Unterschied der Elektrizitäten selbst? Ich will noch einige Beispiele geben. Warum ist oft die Elektrizität desselben Körpers verschieden, je nachdem ich ihn stärker oder schwächer gerieben habe? Warum bringt ein verschiedener Grad der Trockenheit verschiedene Elektrizitäten hervor? Feuchte Körper sind Leiter, d.h. sie beweisen starke Anziehung gegen die Elektrizität; aber sie leiten beide Elektrizitäten gleich stark; also bleibt hier, wie es scheint, nichts übrig, was die Verschiedenheit der in feuchten und in trockenen Körpern erregten Elektrizität erklären könnte, als die größere Leichtigkeit, mit der sie in den letzteren erregt werden. Also ist es auch hier wieder der Unterschied in der Leichtigkeit der Erregung, der den Unterschied der Elektrizitäten zu machen scheint. Es fragt sich aber, was denn den Unterschied in der Leichtigkeit der Erregung macht, und mit dieser Frage werden wir der Sache vielleicht näher kommen.
Im gewöhnlichen Zustande der Körper ruht die Elektrizität. Diese Ruhe hat man auf verschiedene Art erklärt. Die elektrische Materie ist dann überall gleich verbreitet und also im[222] Gleichgewicht mit sich selbst, sagt Franklin. Dieser Hypothese zufolge beginnen alle elektrischen Erscheinungen erst dann, wenn zwei Körper, miteinander gerieben, mehr oder weniger Elektrizität bekommen, als sie im gewöhnlichen Zustande haben. Das einzige in diesem Fall Tätige ist die positive Elektrizität, d.h. die in einem Körper angehäufte elektrische Materie. Allein es gibt Erscheinungen, bei welchen auch die negative Elektrizität nicht untätig zu sein scheint. Darauf gründet sich die Symmersche Hypothese von zwei positiv entgegengesetzten elektrischen Materien. Allein die Erfahrungen, auf welche sich diese Theorie beruft, setzen nicht notwendig voraus, daß diese Elektrizitäten einander ursprünglich entgegengesetzt seien. Sie könnten gar wohl erst durch die Mittel, die wir anwenden, sie zu erregen, entzweit werden, und doch beide positiv, d.h. tätig erscheinen.
Eine solche Hypothese würde die Vorteile der Franklinschen und der Symmerschen vereinigen, während sie den Schwierigkeiten beider entginge. Auch wird das System der Natur offenbar einfacher, wenn wir annehmen, die Ursache der elektrischen Erscheinungen – die Kraft, die Tätigkeit, oder wie wir uns darüber ausdrücken wollen, die in den elektrischen Erscheinungen in Streit gesetzt erscheint, sei Eine, ursprünglich ruhende Kraft, die in ihrer Einigkeit mit sich selbst vielleicht bloß mechanisch wirkt und eine höhere Wirksamkeit erst dann erhält, wenn sie die Natur zu besonderem Behuf mit sich selbst entzweit. Ist das, was die elektrischen Erscheinungen bewirkt, ursprünglich Eine Kraft oder Eine Materie – (denn beides gilt für jetzt bloß hypothetisch) – so läßt sich daraus begreifen, warum entgegengesetzte Elektrizitäten sich zufliegen – entzweite Kräfte sich zu vereinigen streben. Offenbar ist, daß beide nur in ihrem Streit wirklich sind, daß nur das wechselseitige Streben nach Vereinigung beiden eine eigene, abgesonderte Existenz gibt.
Ist diese Hypothese wahr, so kann man das Entgegengesetztsein beider nur durch Voraussetzung eines Dritten begreifen, durch das sie in Streit gesetzt sind und das ihre Vereinigung hindert. Dieses Dritte könnte nun nirgends anders als in den Körpern selbst gesucht werden. Welche Verschiedenheit zeigen[223] nun Körper, die, miteinander gerieben, verschiedene Elektrizitäten zeigen?
Was uns auf den ersten Anblick auffallen kann, ist die verschiedene Elastizität dieser Körper. Da man sich das Phänomen entgegengesetzter Elektrizitäten aus einer ungleichen Erregung einer und derselben Kraft erklären könnte, so wäre begreiflich, warum die Elektrizität im minder elastischen Körper schwächer (negativ), im elastischem stärker (positiv) erregt würde. Die Analogie läßt sich wirklich sehr weit treiben. Man weiß, daß Reiben überhaupt Elastizität vermehrt oder vermindert, je nachdem es verhältnismäßig oder unverhältnismäßig geschieht. Alles was Elastizität vermehrt oder vermindert, scheint auch die Erregung der Elektrizität zu befördern oder zu verhindern. Ein Körper, durch Wärme übermäßig ausgedehnt, verliert seine Elastizität. So wird glühendes Glas zum Leiter. Ein Körper verliert von seiner Elastizität, wenn er feucht wird. Dasselbe erfolgt mit der Elektrizität. Sie wird, wenn der Körper feucht ist, schwächer erregt, und ein verschiedener Grad von Trockenheit bringt auch verschiedene Elektrizitäten hervor. Das polierte und das mattgeschliffene, das reine und das unreine Glas unterscheiden sich, wie es scheint, bloß durch größere oder geringere Elastizität, und doch geben beide verschiedene Elektrizitäten. Auch braucht man etwa nur von Du Fays Harz- und Glaselektrizität gehört zu haben, um den Schluß zu machen: das spröde Glas ist elastischer als das Harz, also usw.
Beinahe könnte man sich wundern, daß noch kein Naturforscher auf den Gedanken gekommen ist, die elektrische Materie möchte etwa das Fluidum sein, das einige Physiker in den Körpern zirkulieren lassen, um ihre Elastizität zu erklären. Freilich hieße dieses, etwas Ungewisses durch etwas noch Ungewisseres zu erklären; indes wäre dies eben nicht der erste Fall dieser Art. – –
Diese ganze Vorstellungsart dient also vorläufig nur dazu, im Allgemeinen darauf aufmerksam zu machen, daß wir vielleicht durch Untersuchung des verschiedenen Verhältnisses der Körper zur Elektrizität, oder der Elektrizität zu den Körpern allmählich auf ein sicheres Resultat über die Natur dieser Erscheinungen[224] kommen können. Dies ist zugleich das sicherste Mittel, sich gegen eine träge Naturphilosophie zu verwahren, die alles erklärt zu haben glaubt, wenn sie die Ursachen der Erscheinungen als Grundstoffe in den Körpern voraussetzt, aus denen sie nur dann (tamquam Deus ex machina) hervortreten, wenn man ihrer bedarf, um irgend eine Erscheinung auf die bequemste und kürzeste Art zu erklären.
Besser also wir betrachten das verschiedene Verhältnis der Elektrizität zu verschiedenen Körpern noch etwas näher, als bisher geschehen ist. Jeder Aufschluß, den wir über die Verschiedenheit beider Elektrizität erhalten, ist zugleich ein Aufschluß über die Elektrizität überhaupt. Die Frage ist also diese: Durch welche Beschaffenheit zeichnet sich unter zwei aneinander geriebenen Körpern derjenige, welcher positiv-elektrisch wird, vor dem andern aus, welcher negativ-elektrisch wird, oder umgekehrt?
Am schnellsten kommt man ohne Zweifel zum Zweck, wenn man unter den Körpern Extreme wählt, z.B. Glas und Schwefel, Glas und Metalle, Harz und Metalle usw.
Also: Glas und Schwefel aneinander gerieben, geben – jenes positive, dieser negative Elektrizität. Durch welche Qualitäten unterscheiden sich diese beiden Körper? Glas ist, wie es scheint, für sehr viele qualitative Beziehungen nach außen tot68. Das Licht setzt ungehindert seinen Weg dadurch fort, und die Brechung, die es beim Glas erleidet, richtet sich bloß nach dem Verhältnis seiner Dichtigkeit. Wasserdämpfe, durch glühende Glasröhren geleitet, ändern ihre Natur nicht, weil das Glas keinen ihrer Grundstoffe anzuziehen, keine Zersetzung des Wassers zu bewirken fähig ist. Glas ist im Feuer nur schmelzbar, nicht verbrennlich. Schwefel dagegen ist ein Körper, der durch Farbe, Geruch, Geschmack verrät, daß er innere Qualitäten besitzt. Noch mehr unterscheidet er sich durch seine Verbrennlichkeit, durch die starke Anziehung, die er gegen das Oxygene der Lebensluft beweist. – Ebenso Glas und Siegellack, Glas und Harz usw.
Vergleichen wir aber brennbare Körper mit brennbaren, etwa[225] Haar mit Siegellack, Holz mit Schwefel usw., was ergibt sich? – Haar und Siegellack miteinander gerieben, werden – jenes positiv-, dieses negativ-elektrisch. Holz mit Schwefel zeigen – jenes positive, dieses negative Elektrizität. Wie unterscheiden sich diese Körper – vorzüglich in Rücksicht auf ihre Brennbarkeit? – ein Verhältnis, worauf wir schon durch die erste Erfahrung aufmerksam gemacht sind. Antwort: beide sind brennbar, beide beweisen Anziehung gegen das Oxygene – aber brennbarer sind und stärkere Anziehung gegen das Oxygene beweisen diejenigen, welche negativ-elektrisch werden. Nach der Franklinischen Theorie ausgedrückt steht das Mehr oder Weniger der Elektrizität im umgekehrten Verhältnis mit dem Mehr oder Weniger des Brennbaren in den Körpern (so sage ich der Kürze halber).
Vergleichen wir alle bis jetzt untereinander verglichene Körper mit den Metallen, so werden Siegellack und Schwefel – dieselben Körper, die vorher mit andern negativ wurden – mit Metallen positiv-elektrisch. – Vergleichen wir Glas und Metall, so zeigt auch hier Glas immer noch positive, dieses negative Elektrizität. Metalle aber unterscheiden sich durch nichts so sehr, als durch ihre Verwandtschaft zum Sauerstoff, die groß genug ist, um sie einer Verkalkung fähig zu machen. (Man vergleiche hierüber das erste Kapitel.)
Also, dies ist der Schluß, den wir zu ziehen berechtigt sind: dasjenige, was die Körper negativ-elektrisch macht, ist zugleich dasjenige, was sie brennbar macht, oder mit andern Worten: von zwei Körpern wird immer derjenige negativ-elektrisch, der die größte Verwandtschaft zum Sauerstoff hat69. Also (dieser Schluß folgt unmittelbar[226] aus dem vorhergehenden, wenn man nämlich überhaupt eine elektrische Materie annimmt und nicht noch willkürlicher diese Materie zu einer absolut von allen bekannten verschiedenen machen will): die Basis der negativen elektrischen Materie ist entweder der Sauerstoff selbst, oder irgend ein anderer, ihm völlig homogener Grundstoff70.
Sieht man nun auf die Art, wie Elektrizität erregt wird, so ist außer den zwei geriebenen Körpern dabei nichts gegenwärtig, als die umgebende Luft. Aus den Körpern kann kein Sauerstoff kommen – also aus der Luft? – Aus der Luft aber wird der Sauerstoff nur durch Zersetzung erhalten. Wird also etwa beim Elektrisieren die Luft auch zersetzt? Aber dann müßten wir die Phänomene des Verbrennens dadurch bewirken. Wie unterscheiden sich also Elektrisieren und Verbrennen? Das letztere erfolgt nie ohne chemische Zersetzung der Luft. Diese kann beim Elektrisieren ohnehin nicht stattfinden. Überdies wird die Elektrizität in der Regel wenigstens durch bloßes Reiben, d.h. durch ein bloß mechanisches Mittel erregt.
Also: Wie eine chemische Zersetzung der Lebensluft die Phänomene des Verbrennens bewirkt, so bewirkt eine mechanische Zerlegung, worunter hier überhaupt jede nur nicht chemische verstanden wird, derselben die Phänomene der Elektrizität – oder: was das Verbrennen in chemischer Rücksicht ist, ist das Elektrisieren in mechanischer Rücksicht. Bekannt ist, daß Reiben nicht nur Elektrizität, sondern immer auch Wärme und in gewissen Fällen[227] sogar Feuer erregt. Der Wilde bereitet sich sein Feuer selten anders, und in der Sprache ehemals und zum Teil jetzt noch wilder Völker (wie der Araber) sind noch jetzt die Worte vorhanden, mit denen sie die beiden Hölzer bezeichneten. Diesen ganzen Unterschied aber: – ob nämlich Wärme und Elektrizität – oder ob auch Feuer erregt wird, macht, wie es scheint, das stärkere oder schwächere Reiben. Wird durch das Reiben eine totale und insofern chemische Zersetzung der Luft bewirkt, so muß Feuer entstehen; eine geringere – und insofern, bloß mechanische – Dekomposition bewirkt Wärme, und wenn die beiden Körper Nichtleiter oder isoliert sind und, was die Hauptsache ist, gegen den Sauerstoff – (denn gleichartige Körper mit gleichartigen gerieben geben o) – ein verschiedenes Verhältnis haben – Elektrizizität. Ich leugne also nicht, daß auch durch ein bloßes Reiben eine chemische Luftzersetzung bewirkt werden kann. Indem der Körper gerieben wird, kann er, auf welche Art es sei, in einen Zustand versetzt werden, in welchem er das Oxygene stärker anzieht, und dadurch kann Feuer entstehen. Aber ich leugne, daß dies bei der Elektrizität stattfinde, ja es gibt Fälle, in welchen das Reiben die Wärme offenbar bloß durch mechanische Dekomposition der Luft bewirken konnte.
Ich könnte hier schließen und die weitere Anwendung andern überlassen. Ich behaupte auch nicht, durch die folgenden Erklärungen alles erschöpft zu haben. Es ist gar wohl möglich, daß zu den elektrischen Erscheinungen noch mehrere Materien (etwa die azotische Luft?) mitwirken. Darüber müssen Experimente entscheiden, welche anzustellen ich andern Glücklicheren überlassen muß. Das Folgende also macht auf keine andere als hypothetische Gültigkeit Anspruch. Denn es beruht auf der Voraussetzung, daß die elektrischen Phänomene der Lebensluft allein ihren Ursprung verdanken, was zu beweisen (nicht bloß als möglich darzustellen), ich mich außerstande sehe.
Worin besteht also eigentlich die mechanische Dekomposition der Lebensluft, durch welche nach der Voraussetzung die elektrischen Phänomene entstehen? Die Dekomposition kann, dem Obigen zufolge, nicht total sein, d.h. es kann keine völlige[228] Trennung der Wärme und des ponderabeln Stoffs vorgehen. Werden also zwei ungleichartige Körper aneinander gerieben, so setzt die Luft, die, zwischen beiden Körpern eingeschlossen, dem ganzen Druck des Reibens ausgesetzt ist, den größten Teil ihres ponderablen Grundstoffs, der jedoch von der Wärme nie völlig sich losreißt, an denjenigen von beiden Körpern ab, der gegen das Oxygene die größere Anziehung beweist. Der Rest der Luft, durch diesen Verlust beweglicher – elastischer – gemacht, häuft sich als positive Elektrizität auf dem andern Körper so lange an, bis er, von einem dritten stärker angezogen, jenen verläßt. So wird also, wenn die Maschine ein Glaszylinder ist, die Luft ihren Sauerstoff großenteils an das Reibzeug absetzen. Daher der Vorteil des Amalgamas, vorzüglich des Quecksilberamalgamas, womit jenes überzogen ist. Der Rest der zerlegten Luft aber hängt sich an den Glaszylinder an und ruht, halbangezogen, so lange bis ein anderer Körper in seine Nähe kommt, der ihn ableitet. Wo das Reibzeug den Zylinder berührt, oder wo dieser mit dem ersten Leiter zusammenhängt, sieht man Licht, zum offenbaren Beweis, daß hier eine Luftzersetzung erfolgt ist. – Besteht die Maschine aus einem Harzzylinder, so wird gerade der umgekehrte Prozeß stattfinden. (Es fragt sich, welche Beschaffenheit des Reibzeugs in diesem Fall die vorteilhafteste ist.)
Was großen Einfluß auf die Phänomene der elektrischen Materie zu haben scheint, ist der Druck der umgebenden Luft, den sie zu erleiden hat. Zu schwach, um die Luft zu zersetzen, und doch angezogen von ihr, verweilt sie weit länger auf dem festen Körper, auf welchem sie sich angehäuft hat. Schwingt sie sich von einem Körper zum andern, so erfährt sie auch hier denselben Widerstand der Luft, den sie jedoch überwindet. Einen Raum, in welchem die Luft verdünnt ist, durchläuft sie eben deswegen mit wunderbarer Schnelligkeit und zersetzt die ganze in ihm eingeschlossene Luft augenblicklich. Läßt man einen elektrischen Feuerpinsel in eine gläserne Röhre mit verdünnter Luft gehen, so erfüllt sich im Augenblick der ganze Raum mit Licht; ein Funken, der durch sie geht, zeigt blitzähnliche Erscheinungen. Wird dieselbe gläserne Röhre von außen gerieben,[229] so dringt die erregte positive Elektrizität von außen ein, und der ganze Raum leuchtet.
Daß man unter der Glocke der Luftpumpe Elektrizität zu erregen imstande ist71, beweist nichts gegen die angenommene Hypothese, teils weil man keinen luftleeren Raum hervorzubringen imstande ist, teils weil wahrscheinlich die darüber angestellten Experimente, nach den damaligen Begriffen von Elektrizität, nicht mit der Sorgfalt angestellt wurden, die nötig wäre, wenn sie etwas gegen die Hypothese beweisen sollten72. Weit entscheidender müßte ein in reiner Lebensluft angestellter Versuch sein.
Wahrscheinlich hat der Widerstand der Luft auch großen Einfluß auf elektrisches Anziehen und Zurückstoßen. (Daß es auch in verdünnter Luft erfolgt, beweist nichts dagegen.) Die elektrische Materie würde mit weit größerer Schnelligkeit fortgehen, wenn sie imstande wäre, den Widerstand der Luft zu überwinden. Sie strebt daher, sich durch die Luft Weg zu machen, und wird natürlicherweise dahin gezogen, wo sie den mindesten Widerstand findet. Weit geringeren Widerstand aber findet sie da, wo sie der schwesterlichen Elektrizität begegnet, als wo sie den ganzen Zusammenhang der Luftteilchen unter sich zu überwinden hat. Ebenso begreiflich ist aber, daß gleichartige Elektrizitäten einander mehr Widerstand leisten, als ihnen die Luft entgegenzusetzen vermag, und daß sie deswegen einander[230] abstoßen. Ungleichartige Elektrizitäten aber sind auch ungleich-elastisch, sie können also ihre Elastizitäten gegeneinander verwechseln, und deswegen ziehen sie sich an. Jetzt ist alle entgegengesetzte Elektrizität verschwunden; nur dieses Streben und Gegenstreben beider hatte ihre abgesonderte Existenz zu Momenten ausgedehnt.
Daraus folgt nun auch das große Gesetz der Verteilung und der elektrischen Wirkungskreise, das allein fast alle Phänomene der Elektrizität erklärt. Die positive Elektrizität bewirkt in den nächstliegenden Luftteilchen eine Trennung und zieht, zufolge ihres Bestrebens nach Verbindung, die ponderablen Teile der Luft an; dasselbe tut die negative Elektrizität, indem sie die elastischen Teilchen an sich zieht. Daher entsteht, wenn ein nichtelektrisierter Körper in die Atmosphäre eines positiv-elektrischen kommt, immer negative und positive Elektrizität zugleich; negative an der der positiven zugekehrten, positive an der entgegengesetzten Seite, und umgekehrt; und diese Verteilung setzt sich um so weiter fort, je stärker die ursprüngliche Elektrizität, je größer also auch ihr Wirkungskreis ist. Daher die elektrischen Zonen, die vorzüglich Aepinus bemerkt hat.
Keine Elektrizität ist also je ohne die andere da; denn jede ist nur im Gegensatz gegen die andere das, was sie ist, keine erzeugt sich, ohne daß die andere mit erzeugt werde73. Darauf allein beruht der ganze Mechanismus der Leidener Flasche, des Elektrophors und des Kondensators.
Ein anderes Merkmal, wodurch man negative und positive Elektrizität unterscheidet, ist das verschiedene Licht beider, der leuchtende Punkt, das beständige Phänomen der ersteren, und der Strahlenpinsel, das Phänomen der letzteren. Dieser erscheint jedoch nur, wenn man dem elektrisierten Körper eine Spitze entgegenhält. Bekanntlich ist man über die elektrische Ableitungsfähigkeit der Spitzen noch nicht einig. Hr. de Lüc (in seinen Ideen über die Meteorologie) hat gezeigt, daß die elektrische[231] Materie um die abgerundeten Leiter herum im Kreise geht. Deswegen setzt die runde Gestalt des Leiters, aus dem man einen Funken ziehen will, seiner Erweckung große Hindernisse entgegen. Wird daher einem solchen Leiter seine Elektrizität durch einen stumpfen Körper entrissen, so bricht sie mit Gewalt und in Gestalt eines Funkens aus. Wird ihm aber eine Spitze entgegengestellt oder wird auf seiner Oberfläche eine Spitze errichtet, so wird der Kreislauf der elektrischen Materie leichter unterbrochen, sie strömt beinahe ohne Geräusch mit einem leisen Wellen aus der aufgerichteten Spitze aus oder der entgegengehaltenen Spitze zu, vorausgesetzt, daß der Körper positiv elektrisiert ist; denn, ist er negativ, so zeigt sich auf seiner Seite der Punkt an der entgegengesetzten Spitze der Strahlenkegel. Dieser Unterschied des elektrischen Lichts erklärt sich sehr gut aus unserer Voraussetzung. Denn es ist begreiflich, daß die freiere Elektrizität (die positive) leichter (in Strahlen) ausströmt, während die entgegengesetzte, deren ponderable Teile vom Körper weit stärker angezogen werden, diesem nur mit Mühe entrissen, immer als ein Punkt erscheint, so wie auch die positive nur dann in Strahlen ausströmt, wenn ihr eine Spitze entgegengehalten, d.h. wenn sie sehr leicht abgeleitet wird. – Auf demselben Gesetz, scheint es, beruhen die Lichtenbergischen Figuren, die, durch positive Elektrizität entstanden, gerad ausfahrende Strahlen zeigen, im entgegengesetzten Falle aber stumpf und abgerundet sind.
Über das verschiedene Verhältnis der Körper zur Elektrizität kann nun keine Frage mehr sein. Zur Anhäufung der positiven Elektrizität laugt am besten ein Körper, der gegen den Grundstoff der Lebensluft geringe oder gar keine Anziehung beweist. Doch kann auch ein Körper, bei dem der entgegengesetzte Fall stattfindet, positiv-elektrisch werden, vorausgesetzt, daß der andere Körper, mit dem er gerieben wird, noch größere Verwandtschaft zum Oxygene habe.
Da die elektrische Materie nichts anderes ist als eine zerlegte Lebensluft, so werden alle Körper Anziehung gegen sie beweisen, die gegen Wärme und Oxygene Anziehung beweisen74.[232] Unter den Körpern aber, welche die elektrische Materie anziehen, kann ein zweiter Unterschied in Ansehung der Kapazität stattfinden. Diejenigen, welche zwar große Anziehung, aber geringe Kapazität gegen die elektrische Materie beweisen, werden sie fortleiten, bei den andern wird das Gegenteil stattfinden. Also ergibt sich aus den kombinierten Verhältnissen der Anziehung und der Kapazität, welche die Körper gegen Elektrizität beweisen, der Unterschied zwischen Leitern, Halbleitern und Nichtleitern, wovon schon oben die Rede war.
Der Ursprung der elektrischen Erscheinungen macht nun begreiflich, wie und warum Elektrizität eines der stärksten Zersetzungsmittel ist, dessen sich die Natur im Großen vielleicht ebenso oft, als wir im Kleinen, bedient. Die elektrische Materie verläßt die eine Verbindung, nur um eine andere einzugehen. Frei, aber der Freiheit ungewohnt, strebt sie zu trennen, was entgegengesetzte Kraft gebunden hält, und findet gewöhnlich in diesem Bestreben selbst ihren Untergang. Genauere Beobachtungen haben gelehrt, daß die Elektrizität in Rücksicht auf den Weg, den sie nimmt, denselben Gesetzen folgt, denen das Licht folgt, daß sie unter verschiedenen Körpern denjenigen aussucht, der sie entweder am schnellsten fortleitet, oder denjenigen, welcher der zersetzbarste ist, und daß sie nur da, wo in dieser Rücksicht alles gleich ist, dem dichteren Körper zueilt. Daraus ist begreiflich die Zerstörung, die sie im Innern der Körper anrichtet, wo sie mit Gewalt trennt, was vorher verbunden war, oder verbindet, was vorher sich floh – begreiflich ihre gewaltsame Wirkung auf den animalischen Körper, in dessen Innerstes sie eindringt, unaufhaltsam den Muskeln, dem Sitz der animalischen Kontraktilität, zueilt, um überall zu verbinden, was in der Ökonomie eines lebendigen Körpers ewig getrennt sein sollte – begreiflich daher auch ihre große Wirksamkeit zu Wiedererweckung der erloschenen Lebenskraft im ganzen Körper oder in einzelnen Teilen, weil sie, auf Augenblicke wenigstens, dasjenige wieder trennt, mit dessen Trennung das Leben beginnt[233] – ein Phänomen, auf das unsere Untersuchungen späterhin zurückkommen und dessen Erklärung sie in der hier vorgetragenen Hypothese finden werden.
Ebenso begreiflich ist, daß der elektrische Funke Metalle verkalt und wiederherstellt75, andere Metalle, die keiner Verkalkung fähig sind und nur in der Hitze des Brennpunkts sich verflüchtigen, in Dunst verwandelt, das letztere, wohl zu merken, ohne Verminderung der Lebensluft, in der es geschah, zum Beweis, daß hier die Elektrizität allein vermochte, was man sonst nur von einer Zersetzung der Lebensluft erwarten konnte. Kein Wunder, daß auch in mephitischen Luftarten (in der Salpeterluft, in brennbarem, in kohlengesäuertem Gas nach van Marum) der Erfolg derselbe ist. Zum Beweis, daß die elektrische Materie den zum Verkalken der Metalle erforderlichen Grundstoff ebenso hergibt, als ihn sonst die Lebensluft herzugeben pflegt.
Priestley fand, daß die atmosphärische Luft durch den Funken zugleich vermindert wird. Da die Lakmustinktur, mit der die Glocke gesperrt wird, (auf der Oberfläche wenigstens) gefärbt wird, so ist offenbar, daß dabei eine Zersetzung der beiden Luftarten, der Lebensluft und der azotischen, vorgeht, und daß aus der atmosphärischen Luft, gerade so, wie (nach Cavendish Versuch) aus einer künstlichen Mischung von azotischer und reiner Lebensluft, Salpetersäure niedergeschlagen wird. – Aus Kalkwasser gezogen schlägt der elektrische Funke den Kalk nieder. – Die Zersetzung des Wassers gelang den holländischen Physikern vermittelst des elektrischen Funkens76 –.
Offenbar aber ist, wenigstens bei einigen dieser Versuche (z.B. bei Verkalkung der Metalle in mephitischen Luftarten durch den elektrischen Funken), daß die Elektrizität dabei nicht bloß mechanisch gewirkt hat, und so ist es glaublich, daß sie in allen diesen Versuchen selbst chemisch mitwirkte. Ich[234] weiß nicht, ob man bei so völlig gleichen Wirkungen beider – der Elektrizität und der Lebensluft – noch evidentere Beweise für ihre Identität verlangen kann. Begreiflich ist, daß die Zersetzungsfähigkeit der Elektrizität doppelt stark sein muß, da sie zugleich Kraft und Mittel ist, weil sie dem Feuer einerseits und dem Grundstoff der Luft, der zu allen Zersetzungen mitwirken muß, andererseits gleiche nahe verwandt ist.
Ist die Elektrizität ein so gewaltiges Zersetzungsmittel, so kann es auch im Großen nicht unbenutzt bleiben. Zu derselben Zeit, da die Natur am tätigsten wirkt, beginnt auch das oft wiederholte Schauspiel der Gewitter. Ohne Zweifel durchdringt ein elektrisches Fluidum selbst unsere Erde, sobald sie die Fesseln des Winters abgestreift hat. Daher jene Regungen der Lebenskraft, die mit dem ersten Strahle der Frühlingssonne alles, was lebt und vegetiert, zu durchdringen scheinen, daher das schnelle, allgemeine Keimen im Reiche der Organisationen und das neue Leben, das, wie mit einem Hauch, alles in der Natur zu verjüngen scheint. Je stärker im freien Raume des Himmels die elektrische Materie sich anhäuft, desto fühlbarer werden jene Bewegungen im Innern der Erde, und in diesem Moment scheint es wirklich, daß nicht [mehr] allein Gesetze der Schwere, sondern daß lebendige, elektrische Kräfte uns gegen die Sonne ziehen. Gewitterjahre sind nicht selten Jahre großer Erderschütterungen, auf jeden Fall sind sie die fruchtbarsten. – Nicht selten brechen entfernte Vulkane zu gleicher Zeit aus, und das Wasser auf der Oberfläche und im Innern der Erde ist vielleicht das schnellste Vehikel elektrischer Ströme. Die Erschütterung, welche durch die großen elektrischen Explosionen erfolgt, scheint nicht bloß mechanisch zu wirken77. Ohne Zweifel bewirkt sie wenigstens im Reiche der Vegetabilien nicht nur, sondern auch im Innern der Erde wohltätige chemische Revolutionen.
Wie die Elektrizität der Atmosphäre entstehe, bleibt, nach allen bisherigen Untersuchungen, noch ein Rätsel. Daß sie nach demselben Gesetze, nach welchem wir sie zu erregen imstande sind, auch in den Höhen der Atmosphäre erregt werde, ist wohl[235] außer Zweifel. Aber es fragt sich, durch welche Mittel die Natur eine solche mechanische Zerlegung der Luft im Großen bewirke. Daß es dieser Mittel sehr viele geben kann, ist abermals glaublich. Aber es fragt sich, welcher sich die Natur nach den Erfahrungen, die wir von unserm Standpunkt aus machen können, wirklich bediene.
Gewiß ist, daß, wo sich Dämpfe und Dünste erzeugen, auch Elektrizität erzeugt wird. Wo wir sie nicht bemerken, da ist sie entweder zu schwach, oder die Mangelhaftigkeit unserer Instrumente ist daran schuld. Cavallo fand, daß, wenn man auf glühende Kohlen in einem isolierten metallenen Körper Wasser gießt, dieser Körper Zeichen von negativer Elektrizität gebe; Hr. von Saussüre fand, daß sich nicht selten positive Elektrizität erzeuge. Hr. Volta, auf ähnliche Erfahrungen gestützt, nahm an, in der Atmosphäre gehe der umgekehrte Prozeß vor; indem Dünste wieder Wasser werden, werde Elektrizität frei usw. Hr. de Lüc78 macht ihm den Einwurf, dies würde dann allgemein gelten, und so oft Dünste sich zu Wasser niederschlügen, müßte sich auch Elektrizität zeigen. Volta konnte diesen Einwurf zugeben, denn wirklich ist selten Regen ohne Elektrizität; daß sie unsere Elektrizitätszeiger bisweilen nicht anzeigen, beweist nichts dagegen.
Diese Bemerkungen nun reichen vielleicht hin, einige Aufschlüsse über die Erzeugung der Elektrizität im Großen zu geben. Daß, wo Dämpfe und Dünste entstehen oder niedergeschlagen werden, eine Zerlegung der Luft vorgeht, ist begreiflich, weil im ersten Fall ein Aufwand von Wärme nötig ist, im andern Wärme frei wird. Daß aber diese Zersetzung keine totale, chemische Zersetzung ist, begreift man ebenfalls. Also ist diese Zerlegung der Luft durch Dünste ungefähr wenigstens dieselbe, die wir durch Reiben zu erregen pflegen, d.h. eine bloß partielle und insofern mechanische Zerlegung. Auch geht diese Zerlegung gewiß weit öfter vor, als wir uns einbilden. Aus den Rauchwolken des Vesuvs brechen Blitze aus, wir würden etwas Ähnliches bei jedem Rauche gewahr werden, wenn die erregte Elektrizität nicht zu schwach wäre. Bei jedem Dampf kann sie sich[236] erzeugen, nur daß sie nicht die Wirkung tun kann, wie die durch große, über weite Landstrecken hin sich ausdehnenden Gewölke erzeugte Elektrizität. Wirklich entsteht nie ein Gewitter ohne Wolken, wenigstens sobald Donner gehört wird, erzeugen sich Wolken, und es geschieht oft, daß Gewitter und Gewölke in Einem Moment da sind. Indem also Dünste als Wolken sich niederschlagen, kann nicht nur in der Luftregion, aus welcher sie sich niederschlagen, sondern auch in der unteren, zu welcher sie herabsinken, Elektrizität erzeugt werden, weil in beiden eine Zerlegung der Luft vorgeht, wodurch zugleich die Erzeugung entgegengesetzter Elektrizitäten in der Atmosphäre erklärbar ist.
Indes brauchen wir uns gar nicht auf diese einzige Möglichkeit zu beschränken. Elektrizität kann überall erzeugt werden, wo keine totale Zersetzung der Luft (wie beim Feuer) stattfindet, und die einmal rege gewordene Aufmerksamkeit der Naturforscher, unterstützt durch die neuerfundenen Instrumente, wird bald noch mehrere Beispiele, als bisher bekannt sind, zur Bestätigung jenes Satzes auffinden können.
Die wohltätigste Wirkung der großen elektrischen Explosionen auf unsere Atmosphäre ist ohne Zweifel die Zersetzung, die sie in ihr bewirken. Die Luft der untersten Atmosphäre ist mit einer Menge fremdartiger, ponderabler Teile erfüllt, welche allmählich die reinere Luft in die Höhe treiben. Daher kommt, größtenteils wenigstens, die Bangigkeit, die vor jedem Gewitter vorhergeht, und der dumpfe Zustand, in welchen dann alles zu versinken scheint. Vielleicht hat selbst auf die Entstehung der Gewitter im Sommer die häufigere Entwicklung der Lebensluft großen Einfluß. Der Erfolg eines Gewitters ist, daß die heterogenen Teile aus der Luft niedergeschlagen werden, daß sich die beiden Luftarten, aus welchen die Atmosphäre besteht, inniger vermischen. Die erfrischende Kühle nach dem Gewitter ist teils eine Folge der verdünnten Luft, auf welche das Licht nicht mehr so wie auf die dichtere zu wirken vermag, teils des Aufwands von Wärme, der sogleich wieder für den reichlich gefallenen Regen gemacht wird, deswegen oft erst ein lange anhaltender Regen die ganze Wirkung eines Gewitters auf unsern Luftkreis vollendet.[237]
Die bisher vorgetragene Hypothese über die Ursache der elektrischen Erscheinungen kann nicht völlig neu heißen. Spuren davon findet man schon bei früheren Naturforschern, deren Sprache man nur in die der jetzigen Chemie und Physik übersetzen darf, um den Keim jener Hypothese bei ihnen zu entdecken. So wollte Dr. Priestley durch elektrische Experimente, die er mit verschiedenen Luftarten anstellte, gefunden haben, daß der elektrische Funke in ihnen einen phlogistischen Prozeß bewirke. Seinem Systeme gemäß vermutete er daher, Elektrizität sei entweder das Phlogiston selbst oder enthalte wenigstens Phlogiston. Noch mehr glaubte er seine Hypothese durch die Bemerkung zu unterstützen, daß das, was alle leitenden Körper, auch das Wasser (das Priestley jedoch ausnimmt), Gemeinschaftliches haben, das Phlogiston ist. Daß sie aber ihre leitende Eigenschaft nur dem Phlogiston verdanken, schloß er daraus, daß sie jene Eigenschaft mit dem Phlogiston beibehalten und mit demselben verlieren79. Daß Priestley die Elektrizität – eine ihrem Grunde nach unbekannte Erscheinung – durch ein noch unbekannteres, prekäres Prinzip – das Phlogiston – zu erklären unternahm, war gewiß nicht der Hauptgrund, warum seine zwar hier und da wiederholte, aber nur selten öffentlich angenommene oder gar verteidigte Hypothese nicht mehr Beifall fand. Priestleys Bemerkung, daß der allen leitenden Körpern gemeinschaftliche Bestandteil das Phlogiston ist, bleibt auf jeden Fall in ihrem Wert, denn die Sache ist richtig, nur die Erklärung ist falsch. Allein, was dieser Hypothese fehlt, ist, daß man selbst mit der gewissesten Überzeugung, die elektrische Materie sei entweder das Phlogiston selbst oder ein Bestandteil desselben, die elektrischen Phänomene noch lange nicht erklärt hat.
Es ist eine unnötige Mühe, die sich viele gegeben haben, zu beweisen, wie ganz verschieden Feuer und Elektrizität wirken. Das weiß jeder, der einmal etwas von beiden gesehen oder gehört hat. Aber unser Geist strebt nach Einheit im System seiner Erkenntnisse, er erträgt es nicht, daß man ihm für jede einzelne Erscheinung ein besonderes Prinzip aufdringe, und er[238] glaubt nur da Natur zu sehen, wo er in der größten Mannigfaltigkeit der Erscheinungen die größte Einfachheit der Gesetze und in der höchsten Verschwendung der Wirkungen zugleich die höchste Sparsamkeit der Mittel entdeckt. Also verdient auch jeder – selbst vor jetzt rohe und unbearbeitete – Gedanke, sobald er auf Vereinfachung der Prinzipien geht, Aufmerksamkeit, und wenn er zu nichts dient, so dient er wenigstens zum Antrieb, selbst nachzuforschen und dem verborgenen Gang der Natur nachzuspüren.
Auch darf man nicht glauben, daß jener Gedanke nie weiter verfolgt oder weiter ausgebildet worden sei, als ihn Priestley ausgebildet hatte. Henly (derselbe, dem wir das bekannte Elektrometer verdanken) nahm zufolge verschiedener von ihm angestellten Versuche an, die elektrische Materie sei weder Phlogiston noch Feuer selbst, aber doch eine verschiedene Modifikation beider – alle jene Phänomene seien nichts als verschiedene Zustände, welche dasselbe Prinzip durchlaufe, und in Welchen es immer neue und verschiedene Erscheinungen zeige. Er stützte sich vorzüglich auf folgende Beobachtungen: daß Körper, welche dieselbe Quantität Phlogiston enthalten, wie Metalle, aneinander gerieben, wenig oder gar keine Elektrizität zeigen: daß ein gewisser Grad des Reibens Elektrizität, ein gewaltsameres Reiben aber Feuer und keine Elektrizität hervorbringt, daß Körper, welche eine größere Menge Phlogiston enthalten, mit andern, die weniger davon enthalten, gerieben, negativ-elektrisch werden, weil sie (wie er es nach seiner Voraussetzung – freilich falsch – erklärt) ihren Überfluß an elektrischer Materie in den andern Körper übergehen lassen. So werden z.B., sagt er, vegetabilische Körper, besonders aromatische Gewächse, am Tuche gerieben, negativ, animalische positiv, weil jene weit mehr Phlogiston enthalten als diese, also die elektrische Materie an andere Körper abgeben, während diese sie aufnehmen. Aus diesen Beobachtungen schloß nun Henly: Phlogiston, Elektrizität und Feuer seien bloß verschiedene Zustände desselben Elements, das erste sei sein ruhender Zustand, die zweite der erste Grad seiner Wirksamkeit und das letzte der Zustand seiner heftigen Bewegung80.[239] Ich verfolge die Geschichte dieser Hypothesen jetzt nicht – (ohnehin kann sich jeder selbst aus Werken, wie Gehlers Wörterbuch und andere, darüber unterrichten), ich habe meinen Zweck erreicht, wenn man einerseits an diesen Beispielen das allgemeine Bestreben bemerkt, die Prinzipien der Natur zu vereinfachen, andererseits darauf aufmerksam wird, daß wir, seitdem die neuen Entdeckungen über die Natur des Feuers, des Lichts, der Wärme allmählich immer gewisser und zuverlässiger geworden sind, auch ein größeres Recht haben, mit unsern zuverlässigeren Prinzipien denselben Versuch, den man früher mit unvollkommeneren Prinzipien wagte, aufs neue zu unternehmen.
Die Erscheinung des Lichts bei den elektrischen Experimenten war wirklich ein Fingerzeig der Natur, eine Einheit der Prinzipien zwischen beiden Erscheinungen aufzusuchen. So ist die Hypothese, welche Hr. de Lüc in seinen Ideen über die Meteorologie von der Elektrizität aufgestellt hat, völlig analog seiner Hypothese vom Licht. Er unterscheidet auch hier wieder das fluidum deferens (fluide déferant) der Elektrizität (das Licht) von der elektrischen Materie, und, wenn ich mich nicht irre, hält er das erstere für die Ursache der positiven, so wie die letztere für die der negativen Elektrizität. Ferner, der spezifische Geruch, der sich in einem Zimmer verbreitet, in welchem man elektrisiert, der säuerlich-zusammenziehende Geschmack, den man empfindet, wenn man einen elektrischen Strahlenpinsel auf die Zunge gehen läßt, konnte längst darauf aufmerksam machen, daß bei der Elektrizität Zersetzungen vorgehen oder daß die elektrische Materie in Verbindung mit einem ponderablen Grundstoff stehe oder gestanden habe, ehe sie erregt wurde. – Vielleicht wurde hierdurch Herr Krazenstein veranlaßt, zu behaupten, die elektrische Materie bestehe aus Phlogiston und einer Säure. Herr Hofrat Lichtenberg, dem ich diese Notiz verdanke, machte noch nicht lange den Vorschlag, die elektrische Materie aus Oxygene, Hydrogene und Calorique bestehen zu lassen81. Früher schon behauptete Lametherie, die elektrische Materie sei nichts anderes als eine Art von inflammabler Luft. Auch Herr von Saussüre[240] zeigte sich geneigt, das elektrische Fluidum als das Resultat einer Verbindung des Feuerelements mit irgend einem andern noch unbekannten Prinzip anzusehen. Dies wäre, sagt er, eine der brennbaren Luft ähnliche, aber bei weitem subtilere Flüssigkeit82. Mit dieser Hypothese stimmt die unsrige insofern wenigstens überein, als sie die positive Elektrizität aus der Lebensluft durch eine Absetzung des Oxygens an den Einen Körper entstehen läßt.
Noch merkwürdiger in dieser Rücksicht sind die von Herrn van Marum angestellten Versuche zum Erweise, daß in dem elektrischen Fluidum Wärmestoff zugegen ist83. Es ist dadurch ausgemacht, daß die Thermometerkugel, in elektrische Ströme gehalten, steigt, und daß der Grund davon nicht in einer Zersetzung der atmosphärischen Luft liegen kann: daß ferner nicht-elastische Flüssigkeiten durch Elektrizität in elastische, luftförmige verwandelt werden (wie Wasser, Alkohol, flüchtiges Alkali) usw. Wichtig ist das Resultat dieser Versuche, das mit der vorgetragenen Hypothese völlig übereinstimmt: »Es ist sehr evident (so beschließt Herr van Marum die Erzählung84 seiner Versuche), daß das elektrische Fluidum nicht der Wärmestoff selbst ist; denn wenn es da, wo wir es als Funken von dem einen Körper in den andern übergehen sehen, bloßer durch Reiben freigewordener Wärmestoff wäre, so müßte es die Körper erwärmen, durch welche es geht. Da aber die beschriebenen Versuche zeigen, daß Körper nicht im geringsten erwärmt werden, wenn auch die Quantität des elektrischen Fluidums, die sie aufnehmen, im Verhältnis ihrer Masse sehr beträchtlich ist, so erhellt, daß das elektrische Fluidum, welches man in Form der Funken von einem Körper in den andern gehen sieht, nicht Wärmestoff allein ist. Diese Versuche verstatten also anzunehmen, daß der Wärmestoff, welcher sich im elektrischen Fluidum befindet, daselbst mit einer andern Substanz verbunden ist, welche ihn hindert, bei einigen elektrischen Erscheinungen frei zu wirken, und daß folglich das elektrische Fluidum nur dann allein die Körper erwärmt, wenn der Wärmestoff von der Substanz, womit[241] er verbunden ist, getrennt und dadurch in freie Wirksamkeit gesetzt wird.«
»Wenn diese aus den vorhergehenden Experimenten hergeleiteten Folgerungen gegründet sind, wie sie es mir wirklich zu sein scheinen, so beweisen sie zugleich, daß das elektrische Fluidum nicht einfach und nicht ganz von allen andern Flüssigkeiten unterschieden ist, wie mehrere Personen sich eingebildet haben, sondern daß es ein zusammengesetztes Fluidum ist, worin der Wärmestoff mit einer andern noch unbekannten Substanz verbunden ist.«
Können also Auktoritäten gelten, so sieht man, daß die vorgetragene Erklärung die Hypothesen sowohl, als die Versuche bedeutender Naturforscher für sich hat, und es ist kein Zweifel, daß Experimente in der Absicht, sie zu prüfen, angestellt, sie bald ebenso sehr bestätigen würden, als sie bereits durch die oben angeführten Versuche des Herrn van Marum (vorzüglich die Verkalkung der Metalle in mephitischen Luftarten vermittelst des elektrischen Funkens) bestätigt ist.[242]
Fußnoten
65 Wer eine neue Hypothese aufzustellen wagt, muß nicht bloß die Resultate hinstellen. Vorteilhafter für die Sache selbst und für ihn ist es, wenn er den ganzen Gang seiner Untersuchungen verfolgt bis dahin, wo keine andere Möglichkeit mehr übrig blieb, als die, welche er eben jetzt zur Untersuchung vorlegt.
66 Aepinus zwo Schriften von der Ähnlichkeit der elektrischen und magnetischen Kraft und von den Eigenschaften des Tourmalins. Deutsch übersetzt, Gräz 1771. In dieser Schrift findet man auch Nachricht von einem Schwefelelektrophor, dessen der Verfasser bereits sich bediente.
67 Man siehe die Tafel bei Cavallo über die Elektrizität. Deutsche Übersetzung. S. 19.
68 von allen inneren Qualitäten völlig entblößt. (Erste Auflage.)
69 Ich leugne nicht, daß es scheinbare Ausnahmen gibt, sobald man z.B. Leiter mit Nichtleitern reibt, da ein und dasselbe Gesetz sich allerdings verschieden modifizieren kann, je nachdem zwei Körper derselben Klasse oder von verschiedenen in Konflikt gesetzt werden. Überhaupt aber läßt der Begriff der Brennbarkeit des Grades der Verwandtschaft zum Sauerstoff noch große Zweideutigkeit zu, so lange nicht bestimmt ist, wonach jene und dieser geschätzt werde.
(Diese Anmerkung lautet in der ersten Auflage: Ich leugne nicht, daß es scheinbare Ausnahmen gibt, so bald man Leiter mit Nichtleitern reibt. Das Metall z, B. hat offenbar größere Verwandschaft zum Sauerstoff, als ein seidenes Band, das jedoch mit jenem gerieben negative Elektrizität zeigt. Allein in diesem Falle zeigt das Metall gar keine Elektrizität, ein Beweis, daß es hier blos als Leiter gedient hat, der die positive elektrische Materie leichter, als die negative entführte, und daher die letztere an den nichtleitenden Körper absetzte.)
70 Sehr merkwürdig wird dadurch die Erfahrung, daß – alles Übrige gleich gesetzt – die Farbe der Körper den Unterschied der Elektrizitäten bestimmt. Nach den Versuchen von Symmer (in den Philosoph, transact Vol. LI. P. 1. Nr. 36) z.B. werden, schwarze und weiße Bänder aneinander gerieben, jene negativ, diese positiv. Man erinnere sich des Zusammenhangs, in welchem die Farbe der Körper mit ihrem Verhältnis zum Oxygene steht, um dies erklärbar zu finden.
71 Erxlebens Naturlehre. S. 487.
72 Nach Hrn. Pictets Erfahrungen wird in verdünnter Luft sogar weit mehr Hitze als in gewöhnlicher durch gleiches Reiben erregt. (Versuch über das Feuer, deutsche Übersetzung. Tübingen, 1790. S. 184 ff.) Man darf hierbei nicht vergessen, daß, wenn Indifferenz der im Prozeß begriffenen Körper die vornehmste Bedingung der Erregung von Wanne durch Reibung ist, die verdünnte Luft weit weniger, als selbst different und als Mittel zur Differenzierung, die erwähnte Erregung verhindert als dichtere Luft. Dagegen ist die Bedingung für die Elektrizitätserregung die entgegengesetzte der angegebenen, womit denn auch andere Beobachtungen jenes Gelehrten trefflich übereinstimmen, z.B. S. 189, daß das Reiben in verdünnter Luft keine Funken, sondern nur an den Berührungspunkten der beiden Körper einen phosphorartigen Schein zeigt, der dem ähnlich ist, welchen man beim Aneinanderschlagen harter Steine in der Dunkelheit erblickt. Hrn. Ps. Apparat kann zur Prüfung der oben vorgetragenen Hypothese sehr leicht benützt werden.
73 Bei den Phänomenen der Verteilung kann man am wenigsten zweifelhaft sein, daß alle Elektrizität aus der Luft komme, da diese Phänomene sich bei leitenden Körpern, die also auch äußerst schwer selbst elektrisch werden, am gewöhnlichsten und am auffallendsten zu zeigen pflegen.
74 Man vergleiche Memoire sur l'analogie, qui se trouve entre la production et les effêts de l'électricité et de la chaleur de même qu'entre la propriété des corps, de conduire le fluide électrique et de recevoir la chaleur, par Mr. Achard. (Rozier T. XXII. Avril. 1785.)
75 Frage: Zeigt sich dabei kein Unterschied positiver und negativer Elektrizität?
76 Vielleicht läßt sich aus der vorgetragenen Hypothese leichter erklären, was sonst nicht so leicht erklärbar ist (vergl. Grens Journal Band III, Heft I, S. 14) warum sich bei der Wasserzersetzung durch den elektrischen Funken brennbare Luft ohne Lebensluft erzeugt.
77 Quo bruta tellus – – concutitur. Horat.
78 Idées sur la Météorologie. Vol. II. § 644.
79 Observations on different Kinds of air. Vol. II. Sect. 12. 13. Cavallo a. a. O. 2., 3. Kapitel.
80 Man vergl. Cavallo a. a. O. 2. Kapitel.
81 Vorrede zur 6. Auflage von Erxlebens Naturlehre. S. XXXI.
82 Voyages dans les Alpes. Tome III. § 222.
83 Grens neues Journal der Physik. Dritten Bandes erstes Heft, S. 1 ff.
84 S. 16-17.
Über die Konstruktion der Elektrizität in der Naturphilosophie.
(Zusatz zum vierten Kapitel.)
Folgende Punkte sind es ohne Zweifel, welche eine Theorie oder Konstruktion der Elektrizität zu berücksichtigen hat: Natur der Elektrizität selbst, Art der Erregung dieser Wirkungsweise, Grund der positiven und negativen Elektrizität und ihres Verhältnisses zur Qualität der Körper, Art der Leitung und Unterschied der Leiter und Nichtleiter. Die beglückenden Phänomene, sowie alle Wirkungen der Elektrizität, ergeben sich aus diesen zuvor ins Reine gebrachten Punkten von selbst. Nach denselben soll nun auch hier die Konstruktion der Elektrizität in der Naturphilosophie kurz dargestellt werden.
* * *
Da in dein Universum die Form der Subjekt-Objek tivierung sich ins Unendliche verzweigt, so kann auch die Materie, obgleich sich hier als an der äußersten Grenze die Realität in die[242] reine Objektivität und Leiblichkeit zu verlieren scheint, doch nicht unbeseelt gedacht werden. Die Beseelung ist ihr durch den ersten Akt der Einbildung des Unendlichen ins Endliche, von dem sie der äußerste Moment ist, mitgeteilt. Durch dieselbe hat sie außerdem, daß sie als Endliches in dem Unendlichen und der allgemeinen Identität unterworfen ist, (in der Schwere) auch noch das Vermögen in sich selbst, sich selbst gleich zu sein und sich in dieser Identität zu erhalten. Aus diesen Grundsätzen sind schlechthin alle dynamischen Erscheinungen zu begreifen, gänzlich ohne Annahme besonderer, feiner, wohl gar imponderabler Materien, welche nicht nur an sich bloß hypothetisch, sondern auch zur Konstruktion dieser Erscheinungen völlig unzureichend sind.
Wir können nun als allgemeinen Grundsatz aufstellen, daß ein jeder Körper ohne Veränderung seiner Verhältnisse zu einem andern außer ihm beständig in demselben Zustande der Identität mit sich selbst verharrte, daß dagegen jede Veränderung jener Verhältnisse in ihm ein Bestreben setze, dieser Veränderung ungeachtet die Gleichheit mit sich selbst zu behaupten. Allgemein wird diese Veränderung eine Veränderung räumlicher Verhältnisse, also der Nähe oder Entfernung sein, und jede Annäherung oder Entfernung eines Körpers von einem andern wird notwendig in beiden dynamische Veränderungen setzen müssen. Annäherung bis zum Zusammenfließen der beiderseitigen Grenze ist Berührung: am vorzüglichsten werden sich also jene Veränderungen bei der Berührung je zwei dem Raume nach verschiedener (außereinander befindlicher) Körper zutragen.
Es können aber hier zwei Fälle stattfinden. Es sind entweder zwei qualitativ indifferente (sich gleiche) Körper, oder aber zwei der Qualität nach verschiedene, differente Körper, die sich berühren. Wir müssen nun bemerken, daß dasjenige, wodurch ein Körper mit sich selbst eins ist, notwendig zugleich auch das sei, wodurch er mit einem andern eins sein kann, vorausgesetzt nämlich, daß dieser ihm zur Ergänzung werden könne; da nämlich jeder für sich bestrebt ist, ein Ganzes, eine Totalität zu sein, und er durch die Berührung eines andern als Nicht-Ganzes gesetzt ist, so strebt er sowohl wie dieser, in der Berührung[243] mit diesem zusammen eine Totalität darzustellen. Dazu wird aber erfordert, daß beide sich zueinander wirklich als die zwei verschiedenen Seiten einer Einheit verhalten, daß also in jedem derselben eine Berührung oder Bestimmbarkeit liege, die in dem andern nicht liegt, denn nur insofern kann einer dem andern Mittel zur Ergänzung werden.
Jenes kann nun der Fall nicht sein, wo indifferente, qualitativ gleiche Körper sich berühren. In diesem Fall wird also das wechselseitige Bestreben eines jeden, in die Individualität des andern einzudringen, nur die Folge haben können, daß jeder sich in sich selbst mehr zusammenzieht und desto mehr strebt, die Identität mit sich selbst zu behaupten. Hier müssen wir nun erwähnen, daß jene relative Gleichheit mit sich selbst sich an dem Körper durch die Starrheit, die Kohäsion ausdrücke, welche, wie man ohne Beweis einsehen kann, eben das In-sich-selbst-sein des Körpers, das individuierende Prinzip, der Akt der Absonderung von der Totalität der Körper ist. Wir werden also das angegebene Gesetz so ausdrücken können: Berührung indifferenter Körper setzt in jedem derselben für sich das Bestreben, in sich selbst, ohne Integration durch den andern, zusammenzuhangen. Nun ist aber die Form der Kohäsion, sofern sie aktiv ist, überhaupt Magnetismus, ein Satz, den wir hier vorläufig nur dadurch begründen wollen, daß eben mit dem Maximum der aktiven Kohäsion auch das des Magnetismus, und umgekehrt, sich einfindet. Magnetismus ist aber nicht ohne ein Differenzieren des Körpers nach entgegengesetzten Richtungen, so daß nach der einen Seite die Identität (das Allgemeine), nach der andern die Differenz (das Besondere) überwiegend wird (welches sich am Magnet durch die zwei Pole ausdrückt) bei übrigens vollkommener Gleichsetzung beider im Ganzen. Diese Indifferenzierung in der Differenzierung findet übrigens ins Unendliche und unter der gleichen Form im einzelnen Teil wie im Ganzen des Körpers statt. Um nun dies auf den vorliegenden Fall anzuwenden, so wird in der Berührung homogener Körper, obgleich jeder für sich Totalität zu sein strebt, doch, weil jeder, indem er dies ist, zugleich mit dem andern im Gleichgewicht sein muß, jeder den andern so[244] weit bestimmen, als es nötig ist, damit sie, der Einheit in sich selbst unbeschadet, zugleich im Gleichgewicht untereinander seien, das heißt, beide werden außerdem, daß sie in sich wechselseitig aktive Kohäsion setzen, sie auch zwischeneinander setzen (wo dann, welchen Pol jeder von beiden für diese Kohäsion mit dem andern annehme, von Bestimmungsgründen abhängt, die wir hier nicht weiter verfolgen können).
Dieser Zustand der Kohäsion zwischen indifferenten Körpern ist das was man Adhäsion zu nennen pflegt, da diese Art des Zusammenhanges durchgängig im Verhältnis der quantitativen Gleichheit beider Körper stattfindet und die homogensten am stärksten aneinander hängen.
Man setze nun an die Stelle der Berührung Reibung, welche nur sukzessive, wiederholte Berührung ist, wobei der Kontakt selbst und der Berührungspunkt beständig verändert wird, so wird, weil bei dieser Berührung kein permanenter Gleichgewichtszustand zwischen beiden entstehen kann, die aktive Kohäsion, die jeder in sich setzt, desto höher gesteigert werden, es wird, wie bei jedem Übergang eines Körpers aus dem Zustand geringer in höhere Kohäsion, fühlbare Wärme entstehen, welche um so mehr zunimmt, da der Leitungsprozeß, wodurch der Körper sich erkältet (und welcher wieder ein Kohäsionsprozeß ist, in den er mit andern Körpern tritt), durch die beständige Veränderung des Berührungspunkts gestört wird, so daß im Fortgang des Prozesses notwendig der Punkt herbeigeführt wird, wo das Maximum der aktiven Kohäsion durch den Übergang zur relativen sich löst und der Körper (nach dem, was im Zusatz zum ersten Kapitel gezeigt wurde) in Verbrennungsprozeß übergeht. Hiermit ist der Ursprung der Wärme durch Reibung zugleich mit dem Gesetz desselben, daß es nämlich eben indifferente Körper sind, welche wechselseitig die größte Hitze erzeugen, konstruiert.
Wir mußten den Folgen des ersten der beiden angenommenen Fälle zuerst nachgehen, um die des zweiten desto reiner zu erhalten. Wir können, wenn wir uns auf den allgemeinsten Ausdruck in Ansehung des ersten Falls beschränken, uns so ausdrücken: Indifferente Körper in der Berührung magnetisieren sich.[245]
Verschieden wird die Folge in dem andern der angenommenen Fälle sein, wo zwei differente Körper sich berühren.
Da nämlich jeder zu dem andern ein solches Verhältnis hat, daß er den andern ergänzen kann, so werden sie sich bestreben, zusammen eine Totalität, eine geschlossene Welt, darzustellen, und da dies bewiesenermaßen überhaupt, also auch hier wiederum nicht anders als unter der Form der Kohäsion möglich ist, und so, daß in den einen die entgegengesetzte Bestimmung von der fällt, die in den andern fällt, so werden sie beide gegenseitig Kohäsionsänderungen ineinander setzen, so daß in dem Verhältnis, in welchem der eine sich in der Kohäsion erhöht (der Faktor des Besonderen in ihm überwiegend wird), der andere in demselben sich vermindert (der Faktor des Allgemeinen in ihm überwiegend wird).
Daß nun diese gegenseitigen Kohäsionsänderungen sich nur entweder im Moment des Kontakts oder in dem der Aufhebung desselben als solche äußern können, ist von selbst klar, da beide Körper im Zustand der ruhigen Berührung, wie gesagt, eine geschlossene Welt sind, und keiner von beiden nach außen zu streben hat, um durch einen andern seinen Zustand wiederherzustellen und mit diesem in einen gleichen Prozeß zu treten. Es kann aber ferner der Unterschied stattfinden, daß die sich berührenden Körper fähig sind, die in ihnen gesetzte Kohäsionsänderung über ihre ganze Oberfläche zu verbreiten oder nicht (auf welche Weise dies nun geschehe); im letzteren Falle wird sich jene Veränderung bloß auf den Berührungspunkt einschränken, und, um sie über das Ganze zu verbreiten, wird sukzessive Berührung beider in allen Punkten, d.h. Reibung erforderlich sein. Es leuchtet ferner von selbst ein, daß, wenn in dem ersten Falle, der Berührung indifferenter Körper, aktive, demnach absolute Kohäsion in ihnen selbst und zwischen ihnen gesetzt war, welche, wie bekannt, eine Funktion der Länge ist, im Fall der Berührung differenter Körper relative Kohäsion gesetzt sein müsse, welche, wie gleichfalls bekannt, reine Funktion der Breite ist. Es folgt also auch, daß, wenn die Form der Wirkungsweise im ersten Fall die reine Länge ist, die der Wirkungsweise im zweiten die Breite sein werde.[246]
Wir brauchen aber ferner auch nichts weiter hinzuzusetzen, um zu beweisen, daß die Wirkungsweise der Körper unter den Bedingungen des zweiten der angenommenen Fälle die Elektrizität sei, da sowohl jene (die Bedingungen), als auch die Bestimmungen der letzteren (der Art der Wirkung) einzig auf die Elektrizität zusammentreffen. Wir führen in dieser Beziehung nur die Beschränkung der Elektrizität auf die Oberfläche der Körper und, was noch mehr ist, ihre Bestimmbarkeit, z.B. in Ansehung der quantitativen Verteilung zwischen verschiedenen Körpern durch die Gleichheit und Ähnlichkeit der Oberflächen an, indem mehrere Beispiele in der Folge weitläufig werden erwähnt werden.
Wir können nun mit wenigen Worten jeden der oben bestimmten Punkte erörtern.
1. Natur der Elektrizität selbst. Es ist klar, daß sie das dynamische oder Identitäts-Bestreben zweier differenter, miteinander in relative Kohäsion tretender Körper sei. Die Zurückführung aller Elektrizität und elektrischen Erscheinungen auf das Prinzip der Kohäsion ist ein der Naturphilosophie ganz eigentümliches Resultat. Da selbst der um Aufstellung des Grundsatzes der Berührung differenter Körper so einzig verdiente Volta doch die letzte Frage: wie denn diese Körper wechselseitig ineinander Elektrizität erregen können, unbeantwortet lassen mußte, auch wohl nicht beantworten konnte, solange auch er den Grund der elektrischen Erscheinungen in den Strömungen eines Fluidums suchte. Was diese Meinung unterstützt hat, ist außer einigen Wirkungen der Elektrizität, von denen später die Rede sein wird, ohne Zweifel die gleiche Meinung in Ansehung des Lichts, welches als begleitendes Phänomen der Elektrizität, der empirischen Art zu schließen zufolge, sogar zu den Bestandteilen der elektrischen Materie gerechnet werden mußte. Wir haben auch hierüber Rechenschaft zu geben, oder vielmehr, wir haben sie schon in dem, was oben (Zusatz zum ersten Kapitel) verhandelt worden ist, gegeben. Im Magnetismus wird die Identität in die Differenz aufgenommen, hier kann Licht nicht erscheinen. Die Erscheinung des Lichts ist die der Resumtion der Differenz in die Identität (man sehe a. a. O.); auch stellt es sich eben[247] in der Elektrizität ein, welche sich dadurch vom Magnetismus unterscheidet, daß in ihr eine Differenz Identität, anstatt daß in jenem die Identität Differenz wird.
Wir sehen hieraus zugleich, daß Magnetismus und Elektrizität in anderer Beziehung wieder eins, nämlich eine und dieselbe dynamische Tätigkeit sind, welche dort nur die Körper unter der Form der ersten, hier unter der der zweiten Dimension affiziert.
2. Art der Erregung der Elektrizität. Wir sehen aus dem Vorhergehenden, daß sie ihren Grund allein in den respektiven Kohäsionsveränderungen hat, welche differente Körper ineinander einzig durch die Berührung und ohne alle Dazwischenkunft eines andern Agens setzen. Die Erregungsart der Elektrizität im ganzen und großen kann, nach der allgemeinen Ansicht derselben, als Breite-Polarität, in dem schon oben (Zusatz zum ersten Kapitel) berührten Verhältnis der Erde zur Sonne nicht mehr zweifelhaft erscheinen.
3. Grund der positiven Elektrizität und ihres Verhältnisses zu der Qualität der Körper. In der Berührung zweier indifferenter Körper wird der Indifferenzpunkt des Magnets, aber allerdings nur in der Differenz hergestellt; die beiden Körper verhalten sich im Zustand der Kontiguität, wie sich die zwei Seiten des Magnets verhalten; so gewiß nun dieser (wie die Erde und das Planetensystem im Großen) nach der einen Seite im Zustand der verminderten, nach der andern im Zustand der erhöhten Kohäsion sein muß, so gewiß auch die beiden sich wechselseitig elektrisierenden Körper. Derjenige, welcher sich expandiert (ein Zustand, der sich selbst durch die ausbrechenden Feuerbüschel darstellt), wird im Zustand der positiven, der, welcher im Fall der Kontraktion ist (welcher auch die Erscheinung des Lichtpunkts anzeigt), wird im Zustand der negativen Elektrizität sein.
Wir können demnach das allgemeine Gesetz des elektrischen Verhältnisses der Körper so aussprechen: derjenige von beiden, der im Gegensatz gegen den andern seine Kohäsion erhöht, wird negativ-, derjenige, der sie vermindert, positiv-elektrisch erscheinen müssen. Es ergibt sich hieraus, wie die Elektrizität jedes Körpers bestimmt[248] sei nicht allein durch seine Qualität, sondern ebenso sehr durch die des andern. Man begreift die Beziehung, welche, wie in dem obigen Kapitel, obgleich sehr unvollständig, gezeigt wird, das elektrische Verhältnis der Körper zu dem ihrer Oxydabilität hat, da eben auch diese (Zusatz zum ersten Kapitel) durch Kohäsionsverhältnisse bestimmt ist. Man braucht nur die über diesen Gegenstand von den Physikern entworfenen Tabellen nachzusehen, um sich von der durchgängigen Gültigkeit dieses Gesetzes zu überzeugen. Das Glas wird in dem Verhältnis positiv-elektrisch, in welchem ihm als Reibungsmittel ein leicht oxydabler Körper dargeboten wird; es ist bekannt, daß das Quecksilber-Amalgam im Prozeß des Elektrisierens zugleich oxydiert wird, das heißt, in seiner relativen Kohäsion sich erhöht. In den galvanischen Versuchen ist die + E beständig auf der Seite des Körpers von der geringeren Kohäsion, z.B. des Zinks im Gegensatz gegen Gold, Silber, Kupfer. Aber selbst die am konstantesten negativ sich verhaltenden Metalle, wie Platina, können im Zustand der Erwärmung mit andern, sonst positiven, ja sogar mit einem, übrigens homogenen, nicht erwärmten Stück desselben Metalls positiv werden. (Man sehe die Schrift des Cavallo, neueste Ausg. im II. Teil.) Man begreift hieraus den großen Einfluß der Oberflächen, der Rauhigkeit (so daß z.B. mattgeschliffenes Glas in demselben Verhältnis, in welchem anderes positiv-, negativ-elektrisch wird), der Farben usw. Inwiefern nun die Fähigkeit sich in der Kohäsion relativ zu erhöhen oder zu vermindern auch alle chemischen und andern Qualitäten des Körpers bestimmt, so kann man von hieraus die Verzweigungen des Einen, nur immer in verschiedenen Formen wiederkehrenden und doch sich gleich bleibenden Verhältnisses leicht weiter verfolgen.
4. Mechanismus der Leitung und Unterschied der Leiter und Nichtleiter. Hier stelle ich zuvörderst den Grundsatz auf, daß der Mechanismus der Leitung ganz auf denselben Gründen beruht, wie der der ersten Erregung. Denn indem ein Körper durch Berührung eines andern in einem Punkt elektrisiert ist, so ist er eben dadurch mit dem zunächstliegenden Punkt in Differenz; es ist also die Bedingung des elektrischen Prozesses gegeben, und zwar, da der erste Punkt das notwendige[249] Bestreben hat, sich zur Identität zu rekonstruieren, wird er in der Kohäsion sich auf Kosten des andern entweder erhöhen oder vermindern, diesen also negativ- oder positiv-elektrisch setzen und seine Elektrizität ihm mitgeteilt zu haben scheinen. Dasselbe findet aber auch zwischen zwei verschiedenen Körpern statt, so daß wir auf keine Weise eine wahre und eigentliche Mitteilung der Elektrizität gleichsam durch Transfusion, sondern allein eine Fortpflanzung durch immer nun geschehende Erregung zugeben.
Betreffend nun den Unterschied der Leiter und Nichtleiter, so wird man gestehen, daß die Physiker bis jetzt über dieses Verhältnis gänzlich in der Dunkelheit gewesen sind und nicht die geringste Auskunft über den Grund jenes Unterschiedes geben konnten.
Nach dem Grundsatz, daß alle Leiter unter der Form der Kohäsion und des Magnetismus geschehen, ist es notwendig, daß alle diejenigen Körper, welche an die Grenzen der allgemeinen Kohäsionsreihe, also entweder am nächsten gegen den kontrahierten oder den expandierten Pol fallen, weil sie in sich den einen Faktor der Kohäsion in großem Übergewicht haben, demnach nur mit andern Körpern zusammen Kohäsion herstellen können, der Leitung in sich selbst unfähig sind. In der Berührung mit einem elektrisierten Körper leiten sie allerdings, in dein Sinn wie jeder andere leitet, das heißt, sie setzen sich mit jenem in Kohäsionsprozeß, aber sie leiten nicht über den Punkt der Berührung hinaus, weil sie nicht Leiter in sich sind. Man wird leicht selbst finden, daß alle möglichen Isolatoren unter die eine oder andere dieser beiden Klassen von Körpern fallen, wie z.B. die metallischen Gläser, die Erden usw., in die Kategorie der Körper mit überwiegender, bloß relativer Kohäsion, andere, wie Schwefel usw., bereits auf die Seite der überwiegenden Expansion fallen. Bloß also in der Sphäre der herrschenden aktiven Kohäsion, der Metalle, wird der Sitz der absoluten Leitungskraft sein, obgleich aus Gründen, welche zu verfolgen hier zu weitläufig wäre, es nicht eben die Körper der höchsten Kohäsionsgrade sind, welche die vollkommenste Leitungskraft haben. Dem Indifferenzpunkt der aktiven Kohäsion[250] entspricht, als Indifferenzpunkt der relativen, das Wasser. Da dieses, welches nach außen völlig gleichgültig, jede Bestimmung von außen annimmt, auch in sich ebenso eins ist, so tritt es in jeden Leitungsprozeß als Ein Faktor ein und transmittiert die Kohäsionsveränderung durch sich, das heißt, es isoliert nicht, ohne deswegen in sich mehr als ein bloß relativer Leiter zu sein, Bekannt ist indes, daß es im Zustand der Ebullition ebenso wie durch einen Zusatz kohärenterer Flüssigkeiten, wie mineralischer Säuren, beträchtlich an Leitungsvermögen zunimmt.
5. Begleitende Phänomene und Wirkungen der Elektrizität. Jene begreifen sich aus dem Vorhergehenden ohne Zweifel von selbst, z.B. die der Anziehung und Abstoßung. Von den Lichterscheinungen war schon bei 1. die Rede. Es verdient, in Beziehung auf das dort Gesagte noch bemerkt zu werden, daß die Elektrizität in dem Grade leuchtend dargestellt werden kann, in welchem der körperliche Inhalt des leitenden Mittels oder elektrisierten Körpers vermindert, die Fläche also relativ vermehrt wird. Daher die elektrischen Erscheinungen der verdünnten Luft.
Die Wirkungen der Elektrizität, sofern sie Auflösung der Kohäsion, Schmelzung oder auch Verwandlung der absoluten in relative durch Oxydation sind, bedürfen keiner weiteren Erläuterung. Von den Wirkungen der elektrischen Polarität der Voltaischen Säule ist zu erinnern, daß eben auch hier die Elektrizität sich als Breitepolarität in Darstellung der beiden chemischen Formen derselben, dem Sauer- und Wasserstoff (Zusatz zum ersten und dritten Kapitel) erweiset, und zwar müßte man entweder den Hergang dieser Potenzierung des Wassers gänzlich nicht verstehen, oder von einer kläglichen Originalitätssucht befallen sein, wenn man aus dem Grunde, daß es die vom positiv-elektrischen Pol ausgehende Bestimmung ist, welche das Wasser als Sauerstoff, die vom negativ-elektrischen, welche es als Wasserstoff darstellt, die + E Sauerstoff-, die – E Wasserstoff-Elektrizität nennen wollte. In dem System der Voltaischen Säule setzt jeder Pol immer und notwendig seinen entgegengesetzten, das Plus des Zinkpols also das Minus oder die negative Form des Wassers, ebenso wie das Minus des entgegengesetzten Pols das[251] Plus oder die positive Form des Wassers. Jene Benennung wäre ebenso nach dem groben Augenschein gewählt, als wenn man den Nordpol eines Magnets aus dem Grunde, weil er im Eisen den Südpol erweckt, Südpol nennen wollte und umgekehrt. Sonst verträgt sich die Ansicht des Wasserstoffs als chemischen Repräsentanten der + E, die des Sauerstoffs als gleichen Repräsentanten der – E einzig mit allen anderen Verhältnissen.
Wegen der Wirkungen der Elektrizität auf Organisation, vorzüglich auf tierische, ist es hinreichend, zu bemerken, daß allgemein auch Nerv und Muskel im Verhältnis der + und – E sind, wie umgekehrt auch Wasser, obgleich auf unerkennbare Weise, in Muskel und Nerv gegliedert ist; daß der Nerv in dem natürlichen Bestreben ist, seine Kohäsion auf Kosten des Muskels zu erhöhen, sowie dieser jede Bestimmung zur Kohäsionsverminderung durch Kontraktion vernichtet. Die äußere Elektrizität findet also in dem Organismus selbst schon die vollkommensten, hier nur zur höheren Potenz entwickelten elektrischen Verhältnisse.[252]
Fünftes Kapitel.
Vom Magnet
Bisher gelang es uns, zu beweisen, daß wir zur Erklärung der physikalischen Erscheinungen keiner unbekannten, im besondern Körper, als solchem, verborgenen Kräfte bedürfen, daß vielmehr die Natur die Mannigfaltigkeit dieser Phänomene durch das einfachste Mittel zu erhalten wüßte, dadurch nämlich, daß sie die festen Körper mit einem flüssigen Medium umgab, das sie nicht nur zum allgemeinen Repositorium des Grundstoffs, der der Mittelpunkt aller partiellen Anziehungen zu sein scheint, sondern zugleich auch zum Vehikel höherer Kräfte bestimmte, die allein alle jene Erscheinungen, welche den Wechsel der Verhältnisse unter den Grundstoffen der Körper begleiten, zu bewirken imstande sind.[252]
Jetzt ist noch eine Erscheinung übrig, die uns droht, das Prinzip, dem wir bisher gefolgt sind, verlassen und am Ende doch, im einzelnen Körper wenigstens, etwas annehmen zu müssen, was wir in den Körpern überhaupt zuzulassen standhaft uns weigerten – eine innere, nicht allgemein wirkende, dem einzelnen Körper, als solchem, eigentümliche Grundkraft. Die Ursache der magnetischen Erscheinungen, kann man sagen, fällt gar nicht in die Sinne. – Hier scheinen also unsere physikalischen Erklärungen zu Ende zu sein – sie wirkt in einem Körper ursprünglich, ohne erregt zu sein, dieser Körper braucht nicht isoliert zu werden, um seine Kraft zu behalten, durch Mitteilung verliert er nichts oder sehr weniges davon – offenbare Beweise einer Kraft, die im Innern des Körpers seinen ersten Grundteilen anzuhängen scheint – nur Kräfte, die die Körper durchdringen, wie Wärme und Elektrizität, nicht solche, die nur seine Oberfläche erreichen, wie Wasser u. a. (die der Elektrizität gefährlich sind), sind imstande, diese Kraft zu schwächen – abermals ein Beweis, daß uns hier wenigstens unser bisheriges Prinzip völlig zu verlassen scheint. Allein man muß bedenken, daß allem Ansehen nach der Magnetismus (so heiße ich der Kürze halber die Eigenschaften des Magnets überhaupt) nichts Ursprüngliches ist, daß er nicht nur überhaupt künstlich erregt werden kann, sondern daß es sogar möglich ist, Magnete durch Kunst hervorzubringen.
Diese Bemerkung allein schon macht Hoffnung, daß wir an einer physikalischen Erklärung der magnetischen Phänomene zu verzweifeln keine Ursache haben und daß es uns früher oder später noch gelingen muß, die wirkliche (nicht bloß eingebildete) Ursache derselben zu erforschen.
Diese Bemerkung setzt ferner außer Zweifel, daß im Magnet allerdings eine Kraft wirkt, die freilich eine innere Kraft heißen kann, nicht etwa, als ob sie ursprünglich und ihrer Natur nach eine solche wäre, sondern weil sie gerade nur in diesem Verhältnisse diese Erscheinungen hervorzubringen imstande ist – ferner: daß diese Kraft dem Magnet zwar eigen, aber nicht eigentümlich, also ursprünglich auch wohl keine besondere, im eigentlichen Sinne dieses Ausdrucks, bloß magnetische[253] Kraft ist – endlich: daß diese Kraft dem Magnet zufällig ist und nicht als eine ihm notwendige, d.h. zu seinem Wesen selbst gehörige Kraft betrachtet werden kann.
Zwar wissen wir nicht, wie sich im Innern der Erde der Magnet bildet; aber so viel wissen wir, daß er so wenig, als Metalle überhaupt, ein ursprüngliches Naturprodukt ist, daß er mehrere Stufen der Bildung durchlaufen mußte, ehe er zum Magnet wurde, und daß wahrscheinlich bei seiner Bildung die großen wirkenden und bildenden Kräfte der Natur, Feuer und Wärme, nicht müßig waren. Wir wissen, daß der Magnet (ein Eisenerz) in allen reichhaltigen Eisengruben gefunden wird; wissen, daß das Eisen selbst fortgehenden Veränderungen im Innern der Erde unterworfen ist, daß sich im Lauf der Jahrhunderte Eisen erzeugt, wo vorher keines zu finden war, und daß Eisenminen verschwinden, wo sie sonst häufig anzutreffen waren – Bemerkungen, welche alle darauf aufmerksam machen, daß der Grund der magnetischen Eigenschaften wohl in der ursprünglichen Bildung des Eisens und des Magnets zu suchen ist – daß der Magnet wohl nichts anders ist, als ein unvollkommenes Eisen, das im Innern der Erde ungleichförmig ausgebildet wurde, in welchem vielleicht gewisse Grundstoffe – oder Kräfte – die im Eisen ruhen – nicht zur Ruhe gekommen sind usw.
Mehr als durch alles Übrige wird diese Ansicht des Magnets durch die künstliche Art, dem Eisen selbst magnetische Eigenschaften zu geben, bestätigt.
Ich rede hier nicht von der magnetischen Erregung, die durch das Streichen mit dem Magnet geschieht. Diese ist in anderer Rücksicht wichtig, weil sie die große Ähnlichkeit der magnetischen und elektrischen Erscheinungen dartut. Führe ich den einen Pol des Magnets über die Hälfte des Eisenstabs, so wird hier die entgegengesetzte Kraft erregt; von nun an haben der Magnet und der Stab freundschaftliche Pole. Verwechsle ich diese Pole so, daß ich mit dem andern Pol des Magnets dieselbe Seite streiche, oder mit demselben Pol die entgegengesetzte Seite, so erfolgt nichts. Streiche ich aber die andere Hälfte des Stabs mit dem entgegengesetzten Pol, so werden[254] diese freundschaftlich, und das Eisen hat Pole wie der Magnet. Noch merkwürdiger ist in dieser Rücksicht, daß beim Magnet die Phänomene der Verteilung ebenso stattfinden wie bei der Elektrizität85. Ja alle magnetischen Wirkungen lassen sich auf Verteilung zurückführen. Kein Wunder, daß der Magnet dadurch so wenig von seiner Kraft verliert, als der elektrische Körper. Elektrizität kann aber auch durch Mitteilung erregt werden, was wegen der Schranken der magnetischen Kraft unmöglich ist. Daraus, daß die magnetische Kraft ihrer Natur nach beschränkt ist, lassen sich beinahe alle Verschiedenheiten der elektrischen und der magnetischen Erscheinungen86 erklären. Ganz richtig hat daher schon Aepinus87 bemerkt, daß man zwar jeder magnetischen Erscheinung eine elektrische, aber nicht umgekehrt jeder elektrischen eine magnetische entgegenstellen könne – zum Beweis, daß beide sich in ihren Gesetzen völlig ähnlich und nur ihren Schranken nach verschieden sind. – Daraus folgt noch nicht, daß die Ursachen beider Erscheinungen eine und dieselbe seien, wohl aber, daß beide zu einer Art von Ursachen gehören.
Was näher und unmittelbarer zu meinem Zweck gehört, ist, daß man, ohne die Beihilfe eines Magnets, das Eisen magnetisch machen kann. Hierher gehören folgende Erfahrungen.
Eisen und Stahl werden magnetisch, wenn sie, bis zum Glühen erhitzt, in kaltem Wasser schnell abgekühlt werden. Dasselbe erfolgt, wenn eine glühend gemachte eiserne Stange perpendikulär aufgerichtet und so abgekühlt wird. In beiden Fällen ist die Abkühlung ungleichförmig. Nicht nur wird die Oberfläche schneller als das Innere, sondern in beiden Fällen wohl auch die eine Spitze schneller als die andere abgekühlt. Welche Vermutungen man auf diese Erfahrung bauen könne, mögen meine Leser selbst beurteilen.[255]
Ferner, Eisen (auch geschwefelte Eisenerze)88 vom Blitz getroffen oder durch einen starken elektrischen Funken (das gewaltigste Zersetzungsmittel der Natur) erschüttert, wird magnetisch, eine Erfahrung, die auch Franklin bestätigt hat.
Dasselbe bewirkt zwar auch eine bloß mechanische, starke Erschütterung des Eisens, aber es fragt sich noch: hat hier die Erschütterung unmittelbar gewirkt, oder ist erst mittelbar durch sie eine Zersetzung bewirkt worden, welche nun die eigentliche Ursache des im Eisen erregten Magnetismus ist?
Umgekehrt kann, durch eben die Mittel, durch welche im Eisen Magnetismus erregt wird, der des Magnets vernichtet werden.
Die Versuche mit dem Magnetometer haben auf eine auffallende Art bewiesen, daß schon bloße Wärme die magnetische Kraft schwächt89. Völlig vernichtet wird sie, wenn der Magnet, glühend gemacht, allmählich und gleichförmig erkaltet. Selbst das bloße Aussetzen an die freie Luft, wobei der Magnet rostet (Oxygene an sich zieht), beraubt ihn seiner Kraft.
Elektrische Erschütterungen können dem Magnet seine magnetische Kraft völlig entziehen. Wenn auch gleich durch van Marums Experimente zweifelhaft gemacht wird, ob wirklich (wie doch Knight in den philosophischen Transaktionen, auch auf Experimente gestützt, behauptet) durch Wirkung der Elektrizität die magnetischen Pole umgekehrt werden können, so bleiben doch immer noch die daselbst angeführten Berichte von Seefahrern übrig, die den Kompaß, von einem Wetterstrahle getroffen, plötzlich seine Pole umkehren sahen.
Eine bloß mechanische – aber starke – Erschütterung raubt dem Magnete seine Kraft ebensogut, als eine elektrische, und so gilt wohl als allgemeines Gesetz der Satz: Was das Eisen magnetisiert, demagnetisiert den Magnet selbst.
Diese Erfahrungen beweisen, daß man kein Recht hat, eine [256] besondere magnetische Kraft – oder gar eine – oder zwei magnetische Materien anzunehmen. Die Annahme der letzteren ist gut, so lange man sie bloß als eine (wissenschaftliche) Fiktion betrachtet, die man seinen Experimenten und Beobachtungen (als Regulativ), nicht aber seinen Erklärungen und Hypothesen (als Prinzip) zugrunde legt. Denn wenn man von einer magnetischen Materie spricht, so hat man in der Tat damit nichts weiter gesagt, als was man ohnehin wußte, nämlich, daß es irgend etwas geben muß, das den Magnet magnetisch macht. Geht man aber weiter, so kommt man notwendig entweder auf Cartesische Wirbel oder auf Eulers magnetische Kanäle und Ventile, und was dergleichen ist. Ganz anders machte es Aepinus – (ein Naturforscher, dessen Experimente und Hypothesen, beide das Gepräge der Einfachheit tragen, das den erfinderischen Geist überall charakterisiert) – intern er die Franklinische Theorie der elektrischen Erscheinungen auf die magnetischen vorerst hypothetisch anwandte und, dieser Hypothese gemäß, nicht erklärte, sondern beobachtete und versuchte.
Wenn z.B. Häuy, auf den sich Herr Prevost beruft90, sagt: »Es ist sehr wahrscheinlich, daß man, wenn die Natur dieser Erscheinungen erst besser bekannt sein wird, entdecken werde, daß sie von den gleichzeitigen Wirkungen zweier Flüssigkeiten abhängen, die so beschaffen sind, daß die Grundmassen einer jeden die Eigenschaft besitzen, sich wechselseitig abzustoßen und zu gleicher Zeit die Grundmassen der andern anzuziehen,« – so frage ich, was wir denn wirklich mit diesen näheren Aufschlüssen über die Natur der magnetischen Erscheinungen gewonnen hätten? Offenbar nichts, als das Wort Flüssigkeiten. Denn annehmen, daß diese sich unter sich selbst zurückstoßen und untereinander anziehen, heißt das Phänomen selbst nicht erklären, sondern die Frage nur zurückschieben. Statt daß wir vorher untersuchen mußten, warum gleichnamige magnetische Pole sich zurückstoßen, ungleichnamige sich anziehen, fragen wir nun, warum dies bei den angenommenen Flüssigkeiten geschieht –[257] und die Beantwortung ist offenbar durch diese Veränderung der Frage um nichts leichter geworden. Solche vorgeblichen Erklärungen der Natur sind also nichts anderes als Selbsttäuschungen, da man, mit veränderten Bezeichnungen der Sache, der Sache selbst nähergekommen zu sein glaubt und sich, anstatt mit Realitäten, indes mit Worten bezahlt macht.
Herr Prevost sah ein, daß man mit solchen Voraussetzungen in der Naturwissenschaft wirklich nicht von der Stelle kommt. Er unternahm also, durch seine Schrift zu beweisen, was Herr Häuy nur gefühlt hatte, nämlich, daß jene Voraussetzungen immer noch über den Ursprung dieser Erscheinungen, d.h. über die Hauptsache – nichts aufklären, und daß man sich schwierigeren Untersuchungen unterziehen müsse, um sich mit solchen Erklärungen befriedigen zu können.
Durch Herrn Prevost gewinnt also die Annahme zweier elementarischer Flüssigkeiten, die er als die Ursache der magnetischen Erscheinungen betrachtet, freilich eine ganz andere Gestalt, als sie bei den meisten seiner Vorgänger hatte. Indem er sie auf die Prinzipien der mechanischen Physik des Herrn le Sage gründet, gibt er seiner Hypothese nicht nur überhaupt eine Stütze, sondern er gibt ihr, was noch mehr ist, realen Gehalt und Bedeutung. Man weiß, daß die ältere Physik überhaupt mit elastischen Materien sehr freigebig war, die, damit sie bei jedem Phänomen gleich bei der Hand sein könnten, überall verbreitet sein sollten. Diese Fiktion hat durch die neuen Entdeckungen über die Natur und Beschaffenheit der Luft aufgehört, eine bloße Fiktion zu sein. Herr Prevost gebraucht sie gleichfalls. In seinem Systeme aber hat sie wirklich Zusammenhang und Notwendigkeit, weil jene elementarischen Flüssigkeiten in der mechanischen Physik, deren Verteidiger er ist, wirklich notwendig sind. Man muß also das System und den Zusammenhang, in welchem er sie behauptet, selbst zerstören, um seine Hypothese zu widerlegen. In diesem System bleibt alsdann auch nicht unerklärt, warum die Grundteilchen (les molecules) der beiden elementarischen Flüssigkeiten wechselseitig sich anziehen, und zwar so, daß die Grundteilchen der heterogenen Flüssigkeiten[258] mit größerer Kraft sich zu vereinigen streben, als die der homogenen. Sobald man (wie Herr Prevost tut) voraussetzt, daß diese Wechselanziehung mechanisch-erklärbar ist, und sobald man wenigstens versucht, sie so zu erklären, so hört das Willkürliche der Behauptung auf und man befindet sich so lange wenigstens, als das System nicht widerlegt ist – auf festem Grund und Boden. – Bis dahin also, wo wir dieses System unserer Untersuchung unterwerfen können, müssen wir auch Herrn Prevosts Hypothese vom Ursprung der magnetischen Kräfte unberührt lassen.
Herr Prevost schreibt dem Eisen eine Wahlanziehung gegen das kombinierte magnetische Fluidum zu. Da auch Wahlanziehungen in der mechanischen Physik ihre mechanische Erklärung finden, so müssen wir auch über diese bestimmte Art von magnetischer Wahlanziehung ihre Aufschlüsse erst erwarten.
So lange, bis dies geschehen ist, oder so lange, als man noch nicht überzeugt ist, daß auf diesem Wege einer spekulativen Physik (denn daß die mechanische Physik nichts anders ist, als das, werde ich beweisen) eine Naturwissenschaft überhaupt möglich sei, gibt der oben aufgestellte Satz (was das Eisen magnetisiert, demagnetisiert den Magnet selbst und umgekehrt), wenigstens ein leitendes Prinzip, dem Grund dieser Wahlanziehung auf dem gewöhnlichen, bisher noch einzig zuverlässigen Weg nachzuforschen. Vorzüglich wird sich die Aufmerksamkeit der Naturforscher dahin richten, zu sehen, mit welchen Veränderungen des Eisens auch sein Verhältnis zum Magnet geändert wird. Eine Hauptveränderung dieser Art ist das Verkalken des Eisens, womit es aufhört, vom Magnet ebenso stark als vorher angezogen zu werden. Daß im Eisen selbst vielleicht eine Verteilung stattfinde, wie sie im Magnet stattfindet, ließe sich daraus schließen, daß selbst andere metallische Körper, z.B. nach Bergmann der reinste Nibelkönig, von ihm gezogen wird. Entdeckungen neuer metallischer oder metallartiger Körper, die magnetische Eigenschaften entweder selbst zeigen91 oder vom Magnet angezogen werden, müssen noch mehrere Aufschlüsse darüber geben.[259]
Aus der Richtung des Magnets gegen die Pole und seinen Abweichungen von dieser Richtung erhellt, daß die Ursache der magnetischen Erscheinungen den ersten wirkenden Ursachen der Natur verwandt sein muß, oder daß jenes Unbekannte, dem sie verwandt ist, und das vielleicht den Grund aller ihrer einzelnen Verwandtschaften (z.B. mit dem Eisen) enthält, über die ganze Erde verbreitet sein muß. Es gibt beinahe kein Phänomen der Natur, das nicht auf die Richtung der Magnetnadel Einfluß hätte. Sie zeigt eine tägliche Abweichung, die wahrscheinlich den bloßen Veränderungen der Luft zuzuschreiben ist. Erdbeben und vulkanische Ausbrüche wirken auf sie. Das Nordlicht sowohl als das Zodiakallicht hat auf sie Einfluß, und eine neue – mit jetzt erweitertem Organ – unternommene Untersuchung ihrer jetzigen sowohl als ihrer ehemaligen Abweichung könnte leicht der Weg sein, die Ursache aller magnetischen Erscheinungen endlich zu ergründen.[260]
Fußnoten
85 Lichtenberg zu Erxleben. S. 551.
86 Man vergleiche denselben Schriftsteller S. 554.
87 Man siehe die schon oben (Kap. 4) angeführten zwei Schriften, deren eine von der Ähnlichkeit der elektrischen und magnetischen Materien handelt.
88 Man siehe einen Brief von Beccaria im Rozier. Band IX. Mai 1777.
89 Prevost vom Ursprung der magnetischen Kräfte. Deutsche Übersetzung von Bourguet nebst einer Vorrede von Gren. S. 165.
90 A. a. O. S. X der Vorrede.
91 Äußerst erwünscht müssen daher dem Naturforscher solche Entdeckungen sein, als diejenige ist, welche unlängst Herr von Humboldt in der A. L. Z. mitgeteilt hat. (S. das Intelligenzblatt der A. L. Z. vom Jahr 1797, Nr. 38.)
Lehre der Naturphilosophie vom Magnetismus.
(Zusatz zum fünften Kapitel.)
Da in dem Zusatz zum vorhergehenden Kapitel sehr viele Punkte der Lehre vom Magnetismus mit berührt worden sind, so beschränken wir uns hier auf die Angabe der hauptsächlichsten derselben, welche folgende sind:
1. Der Magnetismus ist der allgemeine Akt der Beseelung, Einpflanzung der Einheit in die Vielheit, des Begriffs in die Differenz. Dieselbige Einbildung des Subjektiven ins Objektive, welche im Idealen, als Potenz angeschaut, Selbstbewußtsein ist, erscheint hier ausgedrückt in dem Sein, obgleich auch dieses Sein an sich betrachtet wieder eine relative Einheit des Denkens und des Seins ist. Die allgemeine Form der relativen Einbildung der Einheit in die Vielheit, ist die Linie, die reine Länge; der Magnetismus ist daher Bestimmendes der reinen Länge, und da diese am Körper sich durch absolute Kohäsion äußert, der absoluten Kohäsion.[260]
Durch den Magnetismus ist jeder Körper Totalität in bezug auf sich selbst, und seine beiden Pole die notwendigen Erscheinungsweisen der beiden Einheiten des Besondern und Allgemeinen, sofern sie auf der tiefsten Stufe des Seins als differenziert zugleich und als indifferenziert erscheinen. Vermöge der Schwere ist der Körper in der Einheit mit allen anderen, durch den Magnetismus hebt er sich heraus, faßt sich in sich selbst als besondere Einheit: Magnetismus ist demnach die allgemeine Form des Einzelnen in sich selbst zu sein.
2. Es geht aus dieser Ansicht von selbst hervor, daß der Magnetismus eine allgemeine Bestimmung und Kategorie der Materie sei, daß er also nicht einem einzelnen Körper ausschließlich eigentümlich, sondern allen sich individuierenden und individuierten Körpern gemein sein müsse. Dies ist eine der ersten Lehren der Naturphilosophie, die im Entwurf des Systems dieser Wissenschaft (I, III, 254 d. O. A.) so ausgedrückt ist: »Der Magnetismus ist so allgemein in der allgemeinen Natur, als die Sensibilität in der organischen, die auch der Pflanze zukommt. Aufgehoben ist er in einzelnen Substanzen nur für die Erscheinung; in den sogenannten unmagnetischen Substanzen verliert sich bei der Berührung unmittelbar in Elektrizität, was bei den magnetischen noch als Magnetismus unterschieden wird, sowie bei den Pflanzen unmittelbar in Zusammenziehungen sich verliert, was beim Tier noch als Sensation unterschieden wird. Es fehlt also nur an den Mitteln, um den Magnetismus der sogenannten unmagnetischen Substanzen zu erkennen usw.«
Auch diese Mittel sind jetzt gefunden; Coulomb hat zuerst diese Schranken auch für die Erscheinung durchbrochen. Es ist unterhaltend genug, daß es Leute gegeben hat, die gegen diese allgemeine Ansicht des Magnetismus und Konstruktion derselben als notwendiger Kategorie der Materie92 den Einwurf vorbrachten: nach dieser Ansicht müßten alle starren Körper überhaupt magnetisch[261] sein, wogegen doch die Erfahrung streite. Dieselbige Erfahrung streitet nun durch Coulomb dagegen, daß nicht alle starren Körper magnetisch seien.
Nach seiner Versicherung ist noch keiner der bisher untersuchten Körper dem Einfluß großer magnetischer Stäbe entgangen, nur daß die Wirkung bei einigen Körpern so gering ist, daß sie bis jetzt den Augen der Physiker entging. Coulomb gab jedem der untersuchten Körper die Gestalt eines kleinen zylindrischen Stäbchens, und in diesem Zustand hing er sie wagrecht an einen Faden roher Seide auf, und brachte sie zwischen zwei entgegengesetzte Pole von zwei Stahlmagneten. Die Wirkung war (bei einer Länge dieser Stäbchen von 7-8 Millimetern und einer Dicke von 3/4 Millimeter) bei nicht metallischen Körpern (denn bei den metallenen wurde sie noch ums Dreifache vermindert), daß, wenn die entgegengesetzten magnetischen Pole voneinander um 5 bis 6 Millimeter weiter entfernt waren, als die Länge der Nadel betrug, welche zwischen ihnen schwingen sollte, die Nadeln jedesmal, sie mochten sein von welchem Stoffe sie wollten, sich genau in die Richtung der beiden Magnetstäbe begaben, und, aus dieser Richtung gebracht, durch mehrere Oszillationen (oft über 30 in einer Minute) in die vorige Richtung zurückkehrten.
3. Da sich alle Ursachen, wodurch der Magnetismus eines Körpers, unter dem Einfluß des Erdmagnetismus, verstärkt wird, ebenso wie diejenigen, wodurch er zerstört werden kann, offenbar und ohne Mühe auf solche, welche die Kohäsion affizieren, zurückbringen lassen, so wäre es unnötig, hierüber noch etwas insbesondere zu bemerken, sowie dagegen
4. die Abweichungen der Magnetnadel und andere Eigentümlichkeiten ihrer Bewegungen nur in dem Zusammenhang der allgemeineren Ansicht des Planetensystems, der Achsendrehungen und anderer allgemeiner Bewegungen eingesehen werden können.[262]
Fußnoten
92 In der Einleitung zum Entwurf der Naturphilosophie S. 75 (des Erstdruckes 1799) [unten S. 733] und in der Abhandlung: Allgemeine Deduktion des dynamischen Prozesses oder der Kategorien der Physik in der Zeitschrift Bd. I, Heft 1, 2 (unten S. 739 ff.).
Sechstes Kapitel.
Allgemeine Betrachtungen, als Resultate aus dem Vorigen
Das, was auch die träge Materie in Bewegung setzen und tote Stoffe dem Gleichgewicht entreißen kann, Licht und Wärme, kommt beides aus Einer Quelle, und längst hat der Mensch beide – das eine als Ursache, das andre als Wirkung – zusammengedacht. Aber das Licht, dieses Element des Himmels, ist zu allgemein verbreitet, zu allgemein wirksam, als daß das Auge des gewöhnlichen, an den Boden gefesselten Menschen es suchte, um die Wonne des Sehens mit Bewußtsein zu genießen. Das Licht, als solches, rührt nur das geistigere Organ – und was wir ihm, insofern es Licht ist, verdanken, sind Schauspiele, für die der Mensch, dessen Sinn zur Erde sich kehrt, keine Empfänglichkeit hat. Mit dem reichlicheren Licht der Frühlingssonne erscheint auch aufs Neue das immer wechselnde Spiel vielfach ineinanderfließender Farben auf der Oberfläche unserer Erde, die kaum vorher noch das einförmige Gewand des Winters getragen hatte, und das Steigen und Sinken, das Entstehen, Wechseln und Vergehen dieser Farben, ist das Maß einer Zeitrechnung, die, überall gegenwärtig, uns in die Mitte der Natur selbst begleitet. Aus weiter Ferne erscheint uns das jugendliche Licht der Gestirne und knüpft unser Dasein an die Existenz einer Welt an, die, für die Einbildungskraft unerreichbar, doch dem Auge nicht ganz verschlossen ist.
Aber alle die mannigfaltigen Schauspiele, welche das Licht uns gewährt, haben auf unsern Nutzen keinen unmittelbaren Einfluß: sie sind auf einen edleren Sinn berechnet. Näher schon an die niedrigeren Sinne – näher an die gebieterischen Bedürfnisse des Menschen schließt sich die Wärme an; kein Wunder, daß sie für ihn, den alle ihre Wirkungen unmittelbar rühren, das erste ist, was ihn zur Anbetung der Sonne hinreißt. Eine sehr verfeinerte Religion war es schon, die jenes wohltätige Gestirn als Urquell des Lichts, des reinsten, lautersten Elements, das[263] wir kennen, anbeten lehrte, unerachtet schon ein früherer, weit über die Erde verbreiteter Jugendglaube der Völker, der unter keiner Nation des Altertums je ganz erlosch, im Symbol des Feuers die erste Kraft der Natur verehrte. Schon der Wechsel des Tages und der Nacht, sowie die Veränderungen in der belebten und unbelebten Natur, die an die Wiederkehr und das Verschwinden jenes Gestirns geknüpft sind, lehrten den Menschen, daß Licht und Wärme die einzigen belebenden Kräfte des Universums seien; noch mehr der Wechsel der Jahreszeiten, da die Sonne, sobald ihre Strahlen senkrechter auffallen, die Natur selbst dem Todesschlafe zu entreißen und ins Leben zurückzurufen scheint, was vorher tote Erstarrung gefesselt hielt; mehr als alles aber der traurige Anblick jener Gegenden, wo eine ewige Kälte unter nie geschmolzenen, zu Fels und Klippe verhärteten Eismassen alle Regungen der Lebenskraft zu ersticken scheint.
Alles, was Entwicklung, Bildung, Ausdehnung der toten Materie bewirkt, schien dem Menschen lebendige Kraft zu sein. Das Phänomen der äußern Ausdehnung roher Materie durch die Wärme ist gleichsam nur ein Schatten jener inneren, lebendigen Wärme, welche die Knospe schwellt, den werdenden Menschen im Keime bewahrt, fortbildet und organisiert. Die Pflanze, durch den Einfluß der Wärme hervorgetrieben, verwelkt doch wieder, sobald Licht und Wärme aufhören zu entwickeln, wovon sie sich nährte; wenigstens verliert sie den Schmuck ihrer Blätter, zum Beweis, daß sie nichts mehr zurückzugeben hat, weil sie nichts mehr empfängt. Aber die Organisation, in welche einmal der Funke des Lebens fiel, trägt fortgehend in sich selbst einen Quell innerer Wärme, der erst mit dem Leben selbst versiegt, und der von äußerer Wärme so unabhängig ist, daß er gerade dann den Körper stärker durchströmt, wenn außer dem Körper alles von Kälte starr ist. Die Natur selbst hat alles dafür getan, die innere Wärme mit Klima und Temperatur des Himmelsstrichs ins genaueste Verhältnis zu setzen. Wo sie das Maß der inneren Wärme im Verhältnis mit der Kälte des Klimas ohne Gefahr nicht überschreiten konnte, verkleinerte sie die Organisation selbst, um in kleinerem Umfang zu konzentrieren, was, in größeren zerstreut, nur halb so viel gewirkt hätte. Die beweglichsten und lebendigsten[264] Tiere (wie die Vögel) haben auch das verhältnismäßig wärmste Blut, und die kaltblütigen stehen an der Grenze der lebendigen Natur. Die innere tierische Wärme bleibt sich in jeder Temperatur der Luft gleich, und ist jene erloschen, so beschleunigt äußere Wärme nur die Auflösung der toten Organisation.
Aber die Natur selbst beobachtet in Rücksicht auf diese Kraft Grade, die sie nie ohne Nachteil für die lebendige und organische Natur überschreitet. Von den heißen sowie von den kalten Erdstrichen sind auf immer eine Menge von Pflanzen und Tieren ausgeschlossen, während die gemäßigten nur wenigen ganz fremd sind; davon nichts zu sagen, daß nur in den letzteren die edelste Menschheit geblüht, sich entwickelt und gebildet hat. In den gemäßigten Erdstrichen selbst ist die Natur genötigt, sobald das natürliche Maß von Wärme überschritten ist, das Gleichgewicht durch Revolutionen herzustellen. Das Licht selbst findet auf seinem Wege zu uns überall Widerstand, und die Natur läßt keine Kraft je ganz aus ihren Schranken treten. Dazu kommt, daß Wärme selbst nichts Ursprüngliches ist, daß sie nur insofern da ist, als das Licht Widerstand findet, und so beweisen selbst die tätigen Kräfte der Natur nur widerstrebenden Kräften gegenüber ihre ganze Macht, die, sobald sie schrankenlos wäre, alles, woran sie sich äußern könnte, und damit sich selbst, vernichtete. Kein Wunder, daß Licht und Wärme immer im Verhältnis ihrer Quantität mit Entgegengesetzten sich zu verbinden streben, weil sie nur in dieser Beschränkung sind, was sie sind – ausdehnende, repulsive, belebende Kräfte.
So ist es selbst zur Erhaltung dieser Kräfte notwendig, daß träge, tote Stoffe ihnen entgegenwirken. Für sich selbst also würde die Erde ruhen und sich bewegen nur ihrer Trägheit gemäß, unentwickelt in ihren Kräften und Wirkungen, die sie in sich verschlösse, strömten nicht, wie aus einer höheren Ordnung, belebende Tätigkeiten, die ihre Einheit entfalten, das innere Leben und jene Kräfte in ihr wecken, die, den Gesetzen der Schwere entgegenwirkend, die tote Masse selbst andern Gesetzen, als denen der allgemeinen Anziehung, gehorchen lehren93. Denn dies ist der[265] Charakter alles dessen, was durch höhere Kräfte regiert wird, daß Gesetze der Trägheit und Schwere darüber nicht, wie über alles andere, Gewalt haben. Alles Unedlere neigt sich zur Erde, alles Edlere erhebt sich von selbst über sie. Die unbelebte Pflanze schon strebt vom Boden sich zu entfernen; wo sie ihren üppigen Wuchs selbst nicht aufrecht zu erhalten weiß, strebt sie wenigstens an andern empor, der Sonne entgegen; traurig senkt sie ihr Haupt, sobald sie die Kräfte verlassen, die sie emportrieben94. Durch Wirkung der Wärme ändern die festesten Körper ihren Zustand, die meisten werden flüssig, viele verflüchtigt sie ganz, nur wenige widerstehen ihrer Gewalt, und auch diese scheinen nur da zu sein, die edleren Körper zu tragen.
Im Innern sowohl, als auf der Oberfläche der Erde wirken fürnehmlich nur Kräfte der Anziehung. Eine geheime Verwandtschaft verbindet Stoffe mit Stoffen, oder zieht sie wechselseitig an, sobald eine höhere Kraft (wie Feuer und Wärme) ihre bisherige Verbindung getrennt hat. Diese Verwandtschaften alle scheinen einen gemeinschaftlichen Mittelpunkt zu haben. Die Natur, um die größte Mannigfaltigkeit der Erscheinungen möglich zu machen, stellte überall Heterogenes Heterogenem entgegen. Aber damit in jener Mannigfaltigkeit Einheit, in diesem Streit Harmonie herrsche, wollte sie, daß Heterogenes sich mit Heterogenem zu verbinden strebe und erst in seiner Verbindung ein Ganzes werde. So hat die Natur überall mannigfaltige Stoffe ausgebreitet, die sich selbst alle nur dadurch verwandt sind, daß sie gemeinschaftlich nach Verbindung mit einem Dritten streben. Selbst tote Stoffe, die keine Verwandtschaften mehr zeigen, sind vielleicht nur solche, bei denen längst jene Verbindung vollzogen ist, und deren Anziehungskräfte dadurch zur Ruhe gekommen sind. Der Kunstgriff der Natur scheint also der gewesen zu sein: Stoffe, die ihrer Natur nach homogen waren, zu trennen und, so viel möglich, getrennt[266] zu erhalten, weil sie, einmal verbunden, keiner Trennung mehr fähig, nichts als tote, träge Materie sind. – Aber wo ist es, jenes Mittelglied, das allein alle diese Verwandtschaften der Körper unter sich bindet? Es muß überall gegenwärtig und als allgemeines Prinzip der partiellen Anziehungen über die ganze Natur verbreitet sein. Wo anders sollten wir es suchen als in dem Medium, in dem wir selbst leben, das alles umgibt, alles durchdringt, allem gegenwärtig ist?
Täglich neuverjüngt umfängt die Luft unsre Erde; selbst ein Schauplatz beständiger Veränderungen, ist sie nicht nur das Medium, das der Erde die hohem Kräfte (des Lichts und der Wärme) zuführt, wodurch Verbindungen getrennt und Anziehungen bewirkt werden, sondern sie ist zugleich die Mutter jenes merkwürdigen Grundstoffs, der, als allgemeines Mittelglied aller Verwandtschaften zwischen Körpern und Körpern, mittelbar oder unmittelbar in jeden chemischen Prozeß eingreift. Und so hat die Natur den größten Teil ihrer Erscheinungen schon durch das einfachste Mittel möglich gemacht, dadurch, daß sie zwei Ordnungen von Körpern einander entgegenstellte, flüssige und feste. Kein chemischer Prozeß geht vonstatten, ohne die Gegenwart irgend eines flüssigen Körpers. Während die festen Körper die ponderabeln Grundstoffe hergeben, welche zum chemischen Prozeß gehören, geben die flüssigen gewöhnlich beides, Kraft und Mittel, zum Prozeß her, weil sie ebensowohl Vehikel des Lichts oder der Wärme als des Grundstoffs sind, der zum chemischen Prozeß gehört.
Mit Recht also konnte man, sobald die Natur verschiedener elastischer Flüssigkeiten entdeckt war, von diesen Entdeckungen die wichtigsten Folgen für die Erweiterung unserer Kenntnisse erwarten. Die Natur selbst hat jene beiden Klassen von Körpern durch allzuscharfe Grenzen abgesondert, als daß man nicht hoffen dürfte, in diesem Gegensatz das Geheimnis zu finden, das es ihr möglich macht, durch die einfachsten Mittel die größten Wirkungen hervorzubringen. Vergebens würde man sich bemühen, diese Grenzen ineinander fließen zu lassen und zu behaupten, daß der Übergang von flüssigen zu festen Körpern kontinuierlich sei. Freilich macht die Natur keinen Sprung; aber es scheint mir, daß dieses Prinzip sehr mißverstanden wird, wenn man Dinge, die die[267] Natur nicht nur getrennt, sondern selbst einander entgegengesetzt hat, in Eine Klasse zu bringen versucht. Jenes Prinzip will nur so viel sagen: alles, was in der Natur wird, wird nicht durch einen Sprung, alles Werden geschieht in einer stetigen Folge. Aber daß deswegen alles was ist kontinuierlich zusammenhänge – daß auch zwischen dem, was ist, kein Sprung sein solle, folgt daraus noch lange nicht. Von allem dem also, was ist, ist nichts geworden ohne stetiges Fortschreiten, stetigen Übergang von einem Zustand zum andern. Aber jetzt, da es ist, steht es zwischen seinen eignen Grenzen als ein Ding besondrer Art, das sich von andern durch scharfe Bestimmungen unterscheidet.
Die schärfste Grenzlinie zwischen festen und flüssigen Körpern ist die ausschließliche Bestimmung der letzteren, Vehikel positiver Ursachen zu sein. Feste Körper dagegen gehorchen entweder einzig und allein den Gesetzen der Schwere, oder wenn sie höheren (chemischen) Gesetzen gehorchen, so geschieht es nach Gesetzen der (qualitativen) Anziehung, d.h. durch negative Kräfte.
Noch mehr unterscheidet sich von allen übrigen festen oder flüssigen Körpern jenes merkwürdige Fluidum (die Lebensluft), das für uns die einzige Quelle des Lichts zu sein scheint. Denn während alle übrigen Körper nur die einzelnen, einer chemischen Anziehung fähigen, Grundstoffe enthalten, hat jenes in sich selbst das allgemeine Prinzip, das allen chemischen Anziehungen gemeinschaftlich zugrunde liegt.
Da dieses Fluidum das Heterogenste in sich vereinigt, so ist es schon daraus begreiflich, daß es der mannigfaltigsten Erscheinungen fähig ist. Daher die elektrischen Attraktionen und Repulsionen, daher die Phänomene von Zersetzungen jener Luft und vom Verbrennen der Körper, daher die Erscheinung des Lichts, das uns allmählich begreiflicher wird, wenn wir das Phänomen des Lichts (seine Wirkung auf unser Organ) unterscheiden von dem, was es für den Verstand ist und sein muß. Und wenn vielleicht die ganze Natur, wenn selbst die Ökonomie des tierischen Körpers auf Attraktionen und Repulsionen beruhen sollte, so begreifen wir, warum die Natur überall jenes Fluidum verbreitet, und warum sie an die Gegenwart desselben nicht nur das Gelingen[268] vieler chemischen Prozesse, sondern selbst die Fortdauer des vegetabilischen und des animalischen Lebens geknüpft hat.
Die heterogenen Prinzipien, die die Natur in diesem Fluidum vereinigte, können uns nur nach ihrer Wirkung auf die Sinne bekannt sein, und das Gefühl, das diese Wirkung in uns hervorbringt, hängt selbst den Ausdrücken an, deren wir uns bedienen. Licht und Wärme ist bloßer Ausdruck unseres Gefühls, nicht eine Bezeichnung dessen, was auf uns wirkt. Schon daraus, daß Licht und Wärme auf ganz verschiedene Sinne – so ganz verschieden wirken, können wir schließen, daß wir mit beiden bloße Modifikationen unseres Organs bezeichnen. Eine ungewöhnliche Oszillation unsrer Kopf- und Sehnerven, ein plötzlicher Schrecken, plötzliches Erstaunen oder irgend eine andere Rührung unsers Auges macht, daß wir Licht sehen, wo wirklich keines ist. Selbst Menschen, deren Gesichtssinn völlig zerstört ist, sehen Licht bei Nacht oder bei plötzlichen Erschütterungen. Und vielleicht ist selbst die Stufenfolge der Färben nicht die Folge der Teilung des Lichtstrahls, sondern eine Stufenfolge, die unser Auge macht, und die das ermüdete Organ nicht selten von selbst durchläuft. Wenigstens hat man Menschen gekannt, die mit sehendem Auge völlig unfähig waren, Farben zu unterscheiden.
Dasselbe ist der Fall mit dem Prinzip aller chemischen Anziehung, das die neuere Chemie mit dem Namen Sauerstoff bezeichnet hat. Der Name ist von einer Wirkung auf unser Organ hergenommen, die dieser Stoff nicht einmal für sich selbst, sondern nur in seiner Verbindung mit Körpern ausübt, und bezeichnet so wenig als Licht und Wärme das, was dieses Prinzip an sich ist. Aber wir können diesen Ausdruck ohne Bedenklichkeit beibehalten, sobald wir nur einmal gewohnt sind, an etwas Allgemeineres dabei zu denken, als an die Zusammenziehung der Geschmacksnerven. – Da dieses Prinzip negativer Art ist, so läßt sich sogar zweifeln, ob die Hoffnung es für sich und einzeln darzustellen je erfüllt werden wird. Genug ist es indes für uns, zu wissen, daß die Natur die ganze Mannigfaltigkeit ihrer Erscheinungen, im Kleinen wie im Großen, durch entgegengesetzte Kräfte der Anziehung und der Zurückstoßung zu erreichen weiß.[269]
Unser Blick erweitert sich jetzt. Von den einzelnen Gesetzen, nach welchen untergeordnete Kräfte in kleineren Sphären den ewigen Wechsel der Natur unterhalten, erheben wir uns zu den Gesetzen, welche das Universum regieren, Welten gegen Welten treiben, und immerfort verhindern, daß nicht Körper auf Körper, System auf System stürze.[270]
Fußnoten
93 Der letzte Satz lautet in der ersten Auflage: Unten also ruht und bewegt sich, nur ihrer Trägheit gemäß, die feste Erde; sie selbst enthält keine anderen, als tote Kräfte, und nur von oben, gleichsam aus einer anderen Welt, strömen auf sie und durchdringen ihr Inneres belebende Kräfte, die den Gesetzen. . .
94 Die belebtere Organisation liegt nie im Verhältnis der Masse, die sie enthält, und der alternde Körper, unerachtet er an Masse verliert, verliert nicht verhältnismäßig an Gewicht. (Dieser Satz fehlt in der zweiten Auflage.)
Das Allgemeine vom dynamischen Prozeß.
(Zusatz zum sechsten Kapitel.)
Vergebens würde man glauben, die vielfachen Wirkungen der Natur oder die wundervollen Hervorbringungen, worin sie ihr Innerstes kundgibt, aus bloß äußeren Wirkungen auf die Materie zu begreifen, dergleichen in denjenigen Systemen, welchen die Materie das absolut Tote, Unbeseelte ist, doch im Grunde alle Einflüsse sind, aus deren Wirkung auf die Materie man die lebendigeren Erscheinungen und die höheren Produktionen erklärt. Der obwohl noch verschlossene Keim des Lebens liegt schon in der Masse, und wenn sich auch der reine leibliche Anteil der Natur in der Körperreihe, der geistige oder die allgemeine Seele in dem Licht abgesondert herauszuwerfen scheint, so finden sich doch beide wieder in dem Organismus, wo die Seele oder Form so sehr die Materie festhält und sich ihr verbindet, daß im Ganzen des organischen Wesens wie in der einzelnen Handlung die Form ganz Stoff, der Stoff ganz Form ist.
Wenn diejenige von beiden Einheiten im Absoluten, worin das Allgemeine ein Besonderes wird, die der Natur, und diese demnach das allgemeine Reich des Fürsichselbstseins ist, so ist der Weltbau die ganze Einbildung des Unendlichen ins Endliche, also selbst wieder die Einheit, die alle andren, sofern sie in der Natur wiederkehren, begreift. Das materielle Universum und jeder Weltkörper für sich ist daher keine der besondern Einheiten, die erst aus ihm hervorgehen, nicht anorganische Masse, nicht Pflanze oder Tier, sondern die dem gemeinen Auge umfaßbare Identität von diesem allem. Erst innerhalb der Einheit jedes Weltkörpers, d.h. jedes solchen Ganzen, welches, als erscheinend Körper und in der Erscheinung zugleich Idee, Universum für sich ist, wiederholt[270] sich jener Akt der Einbildung, wodurch die absolute Identität in die Besonderheiten der Weltkörper einging, in dem Auswachsen der Identität des Weltkörpers in die Reihe der besondern Körper, die hier nicht als Universa, sondern nur als einzelne Einheiten erscheinen können, weil sie der herrschenden Einheit unterworfen sind.
In dem Zustand der ersten Identität der Materie jedes Weltkörpers ruhen alle Verschiedenheiten in ihm unausgebreitet, unentfaltet, aber derselbe ewige Akt, durch den er in der Besonderheit erscheint, setzt seine Wirkung auch in ihm selbst fort. Jede ihm eingebildete Idee wird ebenso, wie er, sich selbst zur Form und erscheint durch ein einzelnes wirkliches Ding.
Die erste Potenz dieses Entfaltens der Identität ist, wie gesagt, die der Einbildung der Einheit in die Vielheit, deren absolute Form der absolute Raum, wie die relative die Linie ist. Alle Formen, wodurch die Dinge in dieser Potenz sich sondern, werden demnach bloße Formen des Raums und, da auch der Raum in seiner Identität als Abbild des Absoluten in der Differenz nur wieder die drei Einheiten begreift, die drei Einheiten oder Dimensionen des Raums sein. Daß nun überhaupt alle Verschiedenheiten der Körper einzig auf ihr Verhältnis zu den drei Dimensionen des Raums zurückkommen müssen und die Körper in allen Qualitäten nach den drei Klassen sich sondern, daß sie entweder das Übergewicht der ersten Dimension und der absoluten Kohärenz, oder das der andern und des relativen Zusammenhangs, oder endlich die größere oder geringere Indifferenz beider im Flüssigen zeigen, dieses folgt schon aus dem allgemeinen Beweis, kann aber auch durch vollständige Induktion begründet werden.
Es fallen hiermit alle absolut qualitativen Verschiedenheiten der Materie hinweg, die eine falsche Physik in den sogenannten Grundstoffen fixiert und permanent macht: alle Materie ist innerlich eins, dem Wesen nach reine Identität; alle Verschiedenheit kommt einzig von der Form und ist demnach bloß ideell und quantitativ.
Die andre Einheit innerhalb der absoluten Einbildung des Unendlichen in das Endliche, welche das Zurückstreben aller Besonderheit in die Allgemeinheit, aller Differenz in die Identität,[271] und da diese hier als Licht erscheint, in das Licht ist, wie dagegen in der ersten Potenz das Licht sich in die Nichtidentität gebildet und in ihr verfinstert hatte, diese andre Einheit, sage ich, begreift alle Formen wieder ebenso in sich, wie die erste, nur als Formen der Tätigkeit, wie jene als Formen des Seins. Jene Zurückbildung der einzelnen Dinge in das Licht ist das, was allgemein als dynamischer Prozeß erscheint, und alle Formen desselben werden, ebenso wie die der ersten Potenz, den drei Raumdimensionen entsprechen müssen.
Es ist in dein Vorhergehenden bewiesen worden, daß der Magnetismus als Prozeß, als Form der Tätigkeit, der Prozeß der Länge, die Elektrizität der Prozeß der Breite, wie dagegen der chemische Prozeß derjenige ist, der allein die Kohäsion oder Form in allen Dimensionen, und demnach der dritten, affiziert.
Auch hier sind durch die Konstruktion selbst alle fixe qualitative Gegensätze besondrer Materien ausgeschlossen, aus deren Wirkung man jene Erscheinungen lange genug umsonst zu begreifen gesucht hat: ihr Grund und Quelle liegt in der Form und dem innern Leben der Körper selbst, obgleich das Licht als allgemeines notwendig allem dynamischen Prozesse vorsteht. Die Verschiedenheit der Formen desselben beruht einzig auf dem verschiedenen Verhältnis derselben Tätigkeit zu den drei Dimensionen, und so können wir auch umgekehrt wieder alle qualitativen Verschiedenheiten der Körper in der ersten Potenz auf ihrem verschiedenen Verhältnis zu den drei Dimensionen des dynamischen Prozesses beruhen lassen.
Es ist mit dieser Konstruktion zugleich ausgemacht, daß der chemische Prozeß als Totalität die beiden ersten Formen in sich begreift.
Die Substanz, das Wesen der absoluten Einheit, stellt sich ganz dar in dem Organismus, welcher die dritte Potenz bezeichnet. Allgemeines und Besonderes sind hier ganz indifferenziert, so daß der Stoff ganz Licht, das Licht ganz Stoff ist; äußerlich angesehen, z.B. in der Farbe, welche nicht mehr, wie die des Körpers in der ersten Potenz, eine tote, ruhende, sondern eine lebendige, bewegliche, innerliche ist; innerlich angesehen dadurch, daß das ganze Sein hier Tätigkeit, die Tätigkeit zugleich Sein ist. Und selbst in[272] dieser höchsten Vermählung des Stoffs und der Form kehrt jener erste Typus in den drei Formen alles organischen Lebens zurück.
Was in der ersten und zweiten Potenz Kohäsion und Magnetismus war, kehrt hier, nachdem das ideelle Prinzip sich dem Stoff für die erste Dimension identifiziert hat, als Bildlingstrieb, Reproduktion zurück. Was dort sich als relative Kohäsion oder Elektrizität darstellte, ist hier in der absoluten Identifizierung der Form und des Stoffs für die zweite Dimension zur Irritabilität, zum lebendigen Kontraktionsvermögen erhoben. Endlich, wo das Licht ganz an die Stelle des Stoffes tritt, in die dritte Dimension dringt, Wesen und Form auf diese Weise ganz eins wird, geht der chemische Prozeß der untern Potenz in der Sensibilität zum innern absoluten Bildungsvermögen über.
Hiermit erst ist das ganze Problem eines jeden Weltkörpers, das, was er in sich als Identität verschloß, als Differenz darzustellen, gelöst. Die dritte Einheit ist in ihm die erste und absolute. Aber sie kann nicht als die besondre erscheinen, ohne als die Indifferenz der beiden entgegengesetzten zu erscheinen und umgekehrt.
Unmittelbar mit der Produktion des realen Indifferenzpunkts in der realen Welt tritt er in derselben auch ideal hervor in der Vernunft, der Identität, dem wahren idealen Urstoff aller Dinge.
Vergleicht man die verschiedenen Potenzen unter sich wieder, so sieht man ein, daß die ersten im Ganzen der ersten Dimension, die zweite der zweiten unterworfen, in dem Organismus aber zuerst die wahre dritte Dimension erreicht sei, während in der potenzlosen Vernunft, dem ruhigen Spiegel der absoluten Identität, ebenso wie in ihrem Gegenbild, dem grundlosen Raum, welcher die in der Relativität der Einbildung des Unendlichen ins Endliche durchbrechende Identität ist, alle Dimensionen sich indifferenzieren und als Eine liegen.
Dies ist die allgemeine Artikulation des Universums, welche als dieselbe für alle Potenzen der Natur nachzuweisen das eigentliche Geschäft der Naturphilosophie ist.
(Ende des ersten Buchs.)[273]
Zweites Buch
Was eine streng wissenschaftliche Form nicht verstattet hätte, verstattete die freiere Form unserer Untersuchungen, anstatt von reinen Prinzipien allmählich zu empirischen herabzukommen, umgekehrt von Erfahrungen und empirischen Gesetzen allmählich zu reinen, aller Erfahrung vorangehenden Prinzipien emporzusteigen.
Längst schon hat man allgemeine Anziehung und Gleichgewicht als das Gesetz des Universums betrachtet, und jeder Versuch, die ganze Natur auch in untergeordneten Systemen, nach denselben Gesetzen handeln zu lassen, nach welchem sie im Systeme des Ganzen handelt, wurde von dieser Zeit an als Verdienst betrachtet.
Unser Zweck ist jetzt dieser: auszumachen, wie die Gesetze der partiellen – mit den Gesetzen der allgemeinen Anziehung und Zurückstoßung zusammenhängen mögen, ob nicht vielleicht beide Ein gemeinschaftliches Prinzip vereinigt, ob nicht beide im System unseres Wissens gleich notwendig sind? – Fragen, deren Beantwortung vielleicht der Preis folgender Untersuchungen sein wird.
Erstes Kapitel.
Von Attraktion und Repulsion überhaupt, als Prinzipien eines Natursystems
Wir setzen indes voraus, daß die Gesetze wechselseitiger Anziehung und Zurückstoßung allgemeine Naturgesetze seien, und fragen, was aus dieser Voraussetzung notwendig folgen müsse.[274]
Sind beide allgemeine Naturgesetze, so müssen sie die Bedingungen der Möglichkeit einer Natur überhaupt sein. Zunächst aber betrachten wir sie nur in bezug auf die Materie, insofern sie Gegenstand unserer Erkenntnis überhaupt ist, abgesehen von aller spezifischen und qualitativen Verschiedenheit derselben. Sie müssen also vorerst als Bedingungen der Möglichkeit der Materie überhaupt betrachtet werden, und es muß keine Materie ursprünglich gedacht werden können, ohne daß zwischen ihr und einer andern Anziehung und Zurückstoßung stattfinde.
Dies setzen wir voraus. Ob und warum das so sein müsse, wird späterhin untersucht werden.
Materie ist uns vorjetzt nichts, als überhaupt etwas was, nach drei Dimensionen ausgedehnt, den Raum erfüllt.
Setzen wir nun Anziehung und Zurückstoßung zwischen zwei ursprünglichen Massen, denn dies ist das Geringste, was wir voraussetzen können; diese Massen können wir so klein, oder so groß denken, als wir wollen, mit der Einschränkung jedoch, daß wir beide als gleich annehmen (denn bis jetzt haben wir keinen Grund, sie als ungleich anzunehmen), so ergibt sich folgendes: Ihre anziehenden und zurückstoßenden Kräfte müßten sich wechselseitig aufheben (wechselseitig sich erschöpfen), ihre Attraktions- und Repulsionskraft ist nur eine gemeinschaftliche, und da sie ihr Dasein im Raume nur durch jene Kräfte offenbaren, so fällt auch der Grund der Verschiedenheit zwischen ihnen hinweg, sie können nicht als Entgegengesetzte, sondern nur als eine Masse betrachtet werden.
Aber keine Materie ist und kann sein anders, als durch Wirkung und Gegenwirkung anziehender und zurückstoßender Kräfte; befindet sich also außer jenen beiden Grundmassen A und B nicht eine dritte C, gegen die sie jetzt ihre gemeinschaftliche Wirkung richten, so sind A und B, da sich ihre Kräfte wechselseitig aufheben und jetzt nur Eine gemeinschaftliche Kraft vorstellen, in der Tat = 0, denn es ist nichts da, worin sie wirken, und nichts, was in ihnen wirken könnte; setzen wir aber eine dritte (den beiden ersten immer noch gleiche) Masse, so wird dies das reinste, schönste und ursprünglichste Verhältnis sein.[275]
Denn zwei gleiche Massen können als solche nicht außereinander und demnach verschieden sein, ohne in einer dritten wieder eins und ineinander zu sein, und zwar so, daß sie in dieser dritten sich nicht summieren oder eine die andere vermehrt: denn sonst wären sie wieder nur in jener und nicht außereinander, sondern so, daß die zwei unter sich und mit der dritten eins und jede der beiden ersten zugleich die ganze dritte und ihre eine Seite sei. Denn allgemein können zwei Dinge, wie Plato im Timäus sagt, ohne ein Drittes nicht bestehen, und das schönste Band ist dasjenige, welches sich selbst und das Verbundene auf das Beste zu Eins macht, so daß sich das Erste zu dem Zweiten wie dieses zu dem Mittleren verhält.95
Nehmen wir aber anstatt der zwei gleichen Grundmassen A und B zwei ungleiche an, so werden sich zwar ihre beiderseitigen Kräfte nicht wechselseitig, aber die Kraft der einen (etwa A) wird die der andern (B) völlig aufheben, und so haben wir immer wieder nur Eine Masse, die einen Überschuß von Kraft hat, den wir uns nicht denken können, ohne ihm sogleich wieder ein Objekt zu geben, an dem er sie nütze.
In beiden Fällen also müssen wir, um das Verhältnis zwischen zwei Grundmassen zu denken, schon ein zweites, in welchem sie beide zu einem dritten stehen, hinzudenken, und dies gilt von der kleinsten, wie von der größten Masse.
Betrachten wir das Verhältnis zwischen drei ursprünglichen gleichen Massen, die sich alle wechselseitig anziehen und zurückstoßen, so wird zwar keine einzelne ihre Kraft an der andern erschöpfen, denn jede einzelne stört in jedem Augenblick die Einwirkung der einen auf die andere, da jede (nach der Voraussetzung) in jeder andern auf gleiche Weise das Zentrum hat und auf gleiche[276] Weise außer ihr ist. Nach demselben Grunde, nach welchem A oder B eine Einwirkung von C erfahren müßte, erfährt dieses die gleiche von A und B und umgekehrt; es ist also bei dieser Gleichheit der Bestimmungsgründe überall keine Wirkung und, da diese sich in der Körperwelt als Bewegung ausdrückt, auch überall keine Bewegung. Diese könnte unter den angenommenen Massen nur gedacht werden, wenn A und B auf die gleiche Weise, wie C sich in sie zerlegt, sich wieder in andere und so zerlegte, daß die Gleichheit mit der dritten nur im Ganzen, aber nicht im Einzelnen existierte: nur in diese sekundäre Massen fiele die Bewegung, weil nur von diesen jede für sich mit der dritten ungleich ist, obschon sie im Ganzen die vollkommenste Einheit mit derselben darstellend.96
Soll also Bewegung in einem System entstehen, so müssen die Massen als ungleich angenommen werden. Daraus folgt allein schon, daß die ursprünglichste Bewegung vermöge dynamischer Kräfte keine geradlinigte sein kann. Dies muß auch so sein, wenn anders je ein System von Körpern möglich sein soll. Denn, da es der Begriff von System mit sich bringt, daß es ein in sich selbst beschlossenes Ganzes sei, so muß auch die Bewegung im System als lediglich relativ vorstellbar sein, ohne doch auf irgend etwas außer dem System Vorhandenes bezogen[277] zu werden. Dies wäre aber unmöglich, wenn alle Körper des Systems sich nach einer geraden Linie bewegten. Dagegen bedarf ein System, in welchem untergeordnete Körper um einen gemeinschaftlichen, unverrückbaren Mittelpunkt Linien beschreiben, die sich der Kreislinie mehr oder weniger annähern, eines außer ihm vorhandenen empirischen Raums nicht einmal in bezug auf mögliche Erfahrung (damit seine Bewegung als relativ vorgestellt werden könne). Denn in der Tat ist (wie Newton schon und Kant gezeigt haben) die Bewegung in einem solchen System ohne alle Beziehung auf einen außer ihm vorhandenen empirischen Raum doch keine absolute, sondern relative Bewegung, relativ nämlich in Beziehung auf das System selbst, in welchem die Körper, die zu ihm gehören, ihre Verhältnisse zueinander kontinuierlich verändern, aber immer nur in bezug auf den Raum, den sie selbst durch ihre Bewegungen (um den gemeinschaftlichen Mittelpunkt) einschließen. In bezug auf jedes andere mögliche System ist das vorausgesetzte System schlechthin Eines.
Gesetzt also auch, es wäre einem noch höheren untergeordnet, so würde das die Verhältnisse des Systems unter sich, als eines in sich selbst beschlossenen Ganzen, nicht ändern. Alle Bewegung in diesem System findet nur in bezug auf das System selbst statt. Jede Bewegung also, die ihm in Beziehung auf ein anderes System zukäme, wäre notwendig Eine Bewegung des ganzen Systems (als Einheit betrachtet). Eine solche Bewegung des ganzen Systems (in bezug auf ein System außer ihm) wäre, bezogen auf das System selbst, absolute, d.h. gar keine Bewegung (und so muß es sein, wenn das System ein System sein soll). Wohin auch im Weltraum das Ganze sich bewege, das System in sich selbst bleibt dasselbe, seine Körper beschreiben ins Unendliche fort dieselben Bahnen, und die innern Verhältnisse, worauf z. E. der Wechsel der Zeiten, der Klimate usw. auf dem einzelnen Körper beruht, begleiten das System auch durch die Laufbahn, für welche Jahrtausende keinen Maßstab abgeben.
Da also das untergeordnete System in bezug auf das höhere Einem Körper gleichgilt, und da man sich die Anziehungskräfte des ganzen Systems im Mittelpunkt vereinigt denken kann, so müßte der Zentralkörper (als Planet, der die übrigen als Trabanten[278] mit sich führte) zugleich einem höheren System angehören, ohne daß dieses Verhältnis auf die inneren Verhältnisse des untergeordneten Systems Einfluß hätte. Denn die Kraft, mit welcher der Zentralkörper gegen den Mittelpunkt eines andern Systems gezogen wird, ist zugleich auch die Kraft, mit der er die Planeten seines Systems anzieht. So beruht auf denselben Gesetzen, auf welchen das einzelne System beruht, auch das System der Welt, und mit der Auflösung des Problems, wie Materie überhaupt ursprünglich möglich ist, ist auch das Problem eines möglichen Universums aufgelöst.
Hat man die Prinzipien der allgemeinen Anziehung bis auf ihre ganze Höhe verfolgt,97 so kann man nun wieder zum einzelnen Weltkörper des Systems herabsteigen. Auf ihm muß nach demselben Gesetz, das ihn in seiner Bahn erhält, alles dem Mittelpunkt zustreben. Diese Bewegung gegen den Mittelpunkt des größeren Körpers heißt dynamisch, weil sie vermöge dynamischer Kräfte geschieht. Jede Bewegung aber ist nur relative, und der apagogische Beweis eines Satzes, daß aus seinem Gegenteil eine absolute Bewegung erfolgen müßte, gilt überall mit gleicher Evidenz. Jede Bewegung ist relativ, heißt: ich muß, um Bewegung wahrzunehmen, außer dem bewegten Körper einen andern setzen, der wenigstens in bezug auf diese Bewegung ruht, ob er gleich in bezug auf einen dritten, insofern ruhenden Körper selbst wieder bewegt sein kann, und so ins Unendliche fort. Daher die zur Möglichkeit der Erfahrung notwendigen sinnlichen Täuschungen z.B. von Ruhe der Erde und Bewegung des Himmels, die der Verstand zwar aufdecken, aber nie vernichten kann.
Nicht genug; im Körper, der sich bewegt, selbst muß relative Ruhe stattfinden, d.h. die Teile des Körpers, indem sie alle ihr Verhältnis zu andern Körpern im Raume ändern, müssen ihr Verhältnis unter sich nicht ändern, und wenn sie es ändern, so müssen, um dieses wahrnehmen zu können, andere da sein,[279] die es nicht ändern, d.h. der Körper muß wenigstens beharrend sein, auch wenn er nicht in beharrlichem Zustande ist.
Die Materie (als solche) ist keiner Veränderung ihres Zustandes fähig, ohne Einwirkung äußerer Ursache. Dies ist das Gesetz der Trägheit der Materie, das vom Zustand der Ruhe und Bewegung ganz gleich gilt. Allein die Materie kann durch äußere Ursache nicht bewegt werden, es sei denn, sie setze ihr tätige, bewegende Kräfte (Undurchdringlichkeit) entgegen. Ruht also der Körper, oder bewegt er sich, durch äußere Kräfte getrieben (denn beides ist in dieser Rücksicht völlig gleichgültig), so muß die Wirkung seiner eigentümlichen Bewegungskräfte als unendlich klein gedacht werden; im ersten Fall, weil er in seinem Zustande beharret, im andern, weil er ausdrücklich durch äußere Ursache in Bewegung gesetzt sein soll. Die relative Ruhe also, die dem Körper in bezug auf sich selbst zukommt, findet statt, er mag in bezug auf Körper außer ihm in Ruhe oder in Bewegung gedacht werden.
Allein ich kann mir ebensowenig Bewegung ohne Ruhe, als Ruhe ohne Bewegung denken. Alles, was ruht, ruht nur insofern, als ein anderes bewegt ist. Die allgemeine Bewegung des Himmels nehme ich nur wahr, insofern ich die Erde als ruhend ansehe. So beziehe ich selbst die allgemeine Bewegung auf partiale Ruhe. Allein gerade so wie die allgemeine Bewegung partiale Ruhe voraussetzt, setzt diese wieder eine noch partialere Bewegung, diese eine noch partialere Ruhe voraus, und so ins Unendliche. Ich kann mir die Erde in bezug auf den Himmel nicht als ruhend vorstellen, es sei denn, daß auf ihr selbst wieder partiale Bewegung stattfinde, und diese partiale Bewegung z.B. der Luft, der Ströme, der festen Körper, wieder nicht, ohne in ihnen selbst partiale Ruhe vorauszusetzen usw.
In jedem Körper also, der sich bewegt, denke ich mir innere Ruhe, d.h. ein Gleichgewicht der innern Kräfte; denn er bewegt sich nur, insofern er Materie innerhalb bestimmter Grenzen ist. Bestimmte Grenzen aber können nur als Produkt entgegengesetzter, wechselseitig sich beschränkender Kräfte gedacht werden.[280]
Allein dieses Gleichgewicht der Kräfte, diese partiale Ruhe des Körpers kann ich mir nicht denken, als in bezug auf das Gegenteil – aufgehobenes Gleichgewicht und partiale Bewegung. Dieses aber soll jetzt, indem der Körper sich bewegt, nicht stattfinden, denn er soll sich als Körper, d.h. als Materie innerhalb bestimmter Schranken (in Masse) bewegen. Also kann ich mir auch jenes gestörte Gleichgewicht (die partiale Bewegung im bewegten) Körper nicht als wirklich, aber ich muß es notwendig als möglich denken. Diese Möglichkeit aber soll keine bloß gedachte, sie soll eine reale Möglichkeit sein, die in der Materie selbst ihren Grund hat.
Aber die Materie ist träg. Bewegung der Materie ohne äußere Ursache ist unmöglich. Also kann auch jene partiale Bewegung nicht eintreten ohne äußere Ursache. Nun kann aber, so viel wir bis jetzt wissen, nur ein bewegter Körper einem andern Bewegung mitteilen. Die partiale Bewegung aber, von der wir sprechen, soll völlig verschieden sein von jener, die durch Stoß, durch Mitteilung bewirkt wird, – sie soll ihr sogar entgegengesetzt sein. Also kann es keine Bewegung sein, die ein bewegter Körper dem andern mitteilt – also – dies folgt notwendig – muß eine Bewegung sein, die auch der ruhende Körper dem ruhenden mitteilt. Nun heißt jede Bewegung, die durch Stoß bewirkt wird, mechanisch, Bewegung aber, die der ruhende Körper im ruhenden bewirkt, chemisch; also hätten wir eine Stufenfolge der Bewegungen – nämlich:
Allen übrigen Bewegungen geht notwendig voran die ursprüngliche, dynamische (die nur durch Kräfte der Anziehung und Zurückstoßung möglich ist). Denn auch mechanische, d.h. durch Stoß mitgeteilte Bewegung kann nicht stattfinden, ohne Wirkung und Gegenwirkung anziehender und zurückstoßender Kräfte im Körper. Kein Körper kann gestoßen werden, ohne daß er selbst rebellierende Kraft äußere, und keiner kann sich in Masse bewegen, ohne daß in ihm Kräfte der Anziehung wirken. Noch viel weniger kann eine chemische Bewegung stattfinden, ohne ein freies Spiel der dynamischen Kräfte.
Der mechanischen gerade entgegengesetzt ist die chemische Bewegung. Jene wird einem Körper durch äußere[281] Kräfte mitgeteilt, diese im Körper zwar durch äußere Ursachen, aber doch, wie es scheint, durch innere Kräfte bewirkt. Jene setzt im bewegten Körper partiale Ruhe, diese setzt, gerade umgekehrt, im unbewegten Körper partiale Bewegung voraus.
Wie sich die chemische Bewegung zur allgemeinen dynamischen verhalte, ist so schnell nicht ausgemacht. So viel ist gewiß, daß beide nur durch anziehende und zurückstoßende Kräfte möglich sind. Die allgemeinen Kräfte der Anziehung und Zurückstoßung aber, insofern sie Bedingungen der Möglichkeit einer Materie überhaupt sind,98 liegen jenseits aller Erfahrung. Dagegen setzen die Kräfte der chemischen Anziehung und Zurückstoßung bereits die Materie voraus und können deshalb gar nicht anders als durch Erfahrung erkannt werden. Jene werden, da sie aller Erfahrung vorangehen, als absolut-notwendig, diese als zufällig gedacht.
Die dynamischen Kräfte aber können nicht in ihrer Notwendigkeit gedacht werden, als nur insofern sie zugleich in ihrer Zufälligkeit erscheinen. In jedem einzelnen Körper sind anziehende und zurückstoßende Kräfte notwendig im Gleichgewicht. Aber diese Notwendigkeit wird gefühlt nur im Gegensatz gegen die Möglichkeit, daß dieses Gleichgewicht gestört werde. Diese Möglichkeit nun müssen wir in der Materie selbst suchen. Der Grund davon kann sogar gedacht werden als ein Bestreben der Materie, aus dem Gleichgewicht zu treten und sich dem freien Spiel ihrer Kräfte zu überlassen. Wenigstens heißt Materie, in welcher wir keine solche Möglichkeit voraussetzen (die keiner chemischen Behandlung fähig ist), im besondern Sinne des Worts, tote Materie. –
Aber die träge Materie bedarf, um das Gleichgewicht ihrer Grundkräfte zu verlassen, einer äußern Einwirkung. Sobald diese aufhört, sinkt sie in ihre vorige Ruhe zurück, und das ganze chemische Phänomen ist nicht sowohl ein Bestreben, das Gleichgewicht zu verlassen, als ein Bestreben, das Gleichgewicht zu behaupten. Aber weil das Wesen der Materie im Gleichgewicht[282] ihrer Kräfte besteht, so mußte die Natur notwendig über diese Stufe erst zu höheren emporsteigen.
Denn wenn einmal der erste Schritt vom Notwendigen zum Zufälligen getan ist, so ist gewiß, daß die Natur auf keiner tiefern Stufe stehen bleibt, wenn sie zu einer höheren fortgehen kann. Dazu aber ist genug, daß die Natur Einmal ein freies Spiel der Kräfte in der Materie verstatte; denn, wenn diese einmal aus dem Gleichgewichte tritt, das sie erhält, so ist es auch nicht unmöglich, daß irgend ein Drittes (was es nun sei) diesen Streit freier Kräfte permanent mache, und daß so die Materie (jetzt ein Werk der Natur) in diesem Streit selbst ihre Fortdauer finde. Also liegen wirklich schon in den chemischen Eigenschaften der Materie die ersten, obwohl noch völlig unentwickelten Keime eines künftigen Natursystems, das in den mannigfaltigsten Formen und Bildungen bis dahin sich entfalten kann, wo die schaffende Natur in sich selbst zurückzukehren scheint. So ist zugleich ferneren Untersuchungen der Weg bis dahin vorgezeichnet, wo in der Natur das Notwendige und das Zufällige, das Mechanische und das Freie sich scheidet. Das Mittelglied zwischen beiden machen die chemischen Erscheinungen.
So weit also führen in der Tat die Prinzipien der Attraktion und Repulsion, sobald man sie als Prinzipien eines allgemeinen Natursystems betrachtet. Um so wichtiger ist es, den Grund und unser Recht auf den uneingeschränkten Gebrauch derselben tiefer aufzusuchen.
Da die Kraft der allgemeinen Anziehung überall der Quantität der Materie proportional ist, so wird sie künftig auch quantitative, sowie die der partiellen (chemischen) Anziehung, weil sie auf Qualitäten der Körper zu beruhen scheint, qualitative heißen können.[283]
Fußnoten
95 Statt des letzten Passus heißt es in der ersten Auflage: setzen wir aber eine dritte (den beiden ersten immer noch gleiche) Masse, was folgt?
Diese, vermöge ihrer ursprünglichen Anziehungs- und Zurückstoßungskraft, wird A und B nötigen, ihre gemeinschaftlichen Kräfte jetzt gegen sie zu richten, die Kraft jeder einzelnen wirkt gemeinschaftlich auf die beiden übrigen, und jede einzelne verhindert nun, daß nicht die beiden übrigen ihre ursprünglichen Kräfte aneinander erschöpfen.
96 Der letzte Passus lautet in der ersten Auflage so: Betrachten wir das Verhältnis zwischen drei ursprünglichen, gleichen Massen, die sich alle wechselseitig anziehen und zurückstoßen, so wird zwar keine einzelne ihre Kraft an der andern erschöpfen, denn jede einzelne stört in jedem Augenblick die Einwirkung der einen auf die andere. Allein nach demselben Gesetz, nach welchem z.B. C die Einwirkung von B auf A störet, stört A hinwiederum die Einwirkung von C auf B. In diesem Augenblick aber wird die Einwirkung von A auf C durch B gestört, und so dauert dieser Wechsel ins Unendliche fort, weil er sich ins Unendliche fort selbst wiederherstellt. Die Einwirkung jeder einzelnen auf die beiden übrigen also muß zwar beständig fortdauern, weil sie immer wiederhergestellt wird, aber sie muß in jedem einzelnen Augenblicke als unendlich klein gedacht werden, weil sie immer wieder gestört wird, und da die ursprünglichen Kräfte der Materie nur als bewegende Kräfte wirken können, so wird die Bewegung, welche jede einzelne in beiden übrigen bewirkt, als unendlich klein vorgestellt. In einem Systeme von Körpern also, die alle als gleich angenommen werden, findet keine Bewegung statt.
97 Daß ein Weltsystem überhaupt möglich ist, dafür gibt es keinen weiteren Grund, als die Prinzipien der Attraktion und Repulsion. Daß aber das Weltsystem dieses bestimmte System ist, kann und muß einzig aus Gesetzen der allgemeinen Anziehung erklärt werden, warum? – davon späterhin ein Mehreres.
98 Dies wurde oben ausdrücklich vorausgesetzt.
Allgemeine Ansicht des Weltsystems.
(Zusatz zum ersten Kapitel.)
Sehr bedeutend haben die Alten und nach ihnen die Neueren die reale Welt als natura rerum oder die Geburt der Dinge bezeichnet:[283] denn sie ist derjenige Teil, in welchem die ewigen Dinge oder die Ideen zum Dasein kommen. Dieses geschieht nicht durch Dazwischenkunft eines Stoffs oder Materie, sondern durch die ewige Subjekt-Objektivierung des Absoluten, kraft deren es seine Subjektivität und die in ihr verborgene und unerkennbare Unendlichkeit in der Objektivität und Endlichkeit zu erkennen gibt und zu Etwas macht. Dieser Akt ist, wie wir aus dem Vorhergehenden wissen, in dem An sich nicht von seinen entgegengesetzten getrennt, und erscheint als dieser überhaupt nur dem, welches selbst in ihm liegt und sich nicht durch die entgegengesetzte Einheit integriert, wodurch es sich in sein An sich oder absolutes Dasein rekonstruierte.
Durch den Akt selbst nämlich, in welchem das Absolute seine Einheit in der Unterscheidbarkeit zu erkennen gibt, hat jede in das Besondere gebildete Einheit das notwendige Bestreben in sich selbst zu sein und in der Besonderheit oder Art ihrer Identität als solcher das Wesen erkennbar zu machen. Wie also das Universum überhaupt, so wird auch jedes Ding in der Natur nur von seiner Einen Seite, nämlich der der Einbildung seines Wesens in die Form, erkannt.
Da nun das Ding nicht in der Sphäre des Für-sich-selbst- und In-sich-selbst-Seins als solcher existieren kann, ohne in seiner Besonderheit zu sein, diese aber nur in der bloß relativen und unvollkommenen Identität erkennbar ist (weil in der absoluten Form alles eins ist), so erscheint es notwendig mit bloß relativer Identität des Unendlichen und Endlichen und, weil diese von der absoluten, der Idee, immer und notwendig nur ein Teil ist, in der Zeit; denn die Zeitlichkeit ist in Ansehung eines jeden Dings eben dadurch gesetzt, daß es nicht alles, was es seinem Wesen oder der Idee nach sein kann, in der Tat und der Form oder Wirklichkeit nach ist.
Die Form nun der Objektivierung des Unendlichen im Endlichen, rein als solche in der Unterscheidbarkeit aufgenommen, als Erscheinungsform des An sich oder Wesens, ist die Leiblichkeit oder Körperlichkeit überhaupt. Inwiefern also die in jener Objektivierung der Endlichkeit eingebildeten Ideen erscheinen, insofern[284] sind sie notwendig körperlich; inwiefern aber in dieser relativen Identität als Form gleichwohl das Ganze sich abbildet, so daß sie auch in der Erscheinung noch Ideen sind, sind sie Körper, die zugleich Welten sind, d.h. Weltkörper. Das System der Weltkörper ist demnach nichts anderes als das sichtbare, in der Endlichkeit erkennbare Ideenreich.
Das Verhältnis der Ideen zueinander ist, daß sie ineinander sind, und doch jede für sich absolut ist, daß sie also abhängig und unabhängig zugleich sind, ein Verhältnis, das wir nur durch das Symbol der Zeugung ausdrücken können. Unter den Weltkörpern wird demnach eine Unterordnung stattfinden, wie unter den Ideen selbst, nämlich eine solche, welche ihre Absolutheit in sich nicht aufhebt. Für jede Idee ist diejenige, in der sie ist, das Zentrum: das Zentrum aller Ideen ist das Absolute. Dasselbe Verhältnis drückt sich in der Erscheinung aus. Das ganze materielle Universum verzweigt sich von den obersten Einheiten aus in besondere Universa, weil jede mögliche Einheit wieder in andere Einheiten zerfällt, von denen jede als die besondere nur durch fortgesetzte Differenzierung erscheinen kann. Es muß aber unter Weltkörpern die erste Identität verstanden werden, in der noch nichts gesondert ist, obgleich mit der ersten Sonderung des Weltkörpers, als endlichen, auch die fernere Sonderung dessen was in ihm ist gesetzt wird, so daß er, selbst endlich, auch keine andere als endliche Früchte tragen kann. Denn so wie er selbst eine Idee ist, die durch sich selbst, als besondere Form, erscheint, so können auch alle andern Ideen, die ihm eingebildet sind, und die er aus sich hervorbringt, nicht in ihrem An sich, sondern nur durch einzelne wirkliche Dinge objektiv werden. Von jener ersten Identität sind also das, was wir organische und unorganische Materie nennen, selbst wieder nur Potenzen. Insofern ist der Weltkörper in seiner ersten Identität nicht unorganisch, da er zugleich organisch ist; nicht organisch in dem Sinn, daß er nicht zugleich das Unorganische oder den Stoff, den das Organische außer sich hat, in sich selbst hätte. Wir nennen Tier nur das relative Tier, für welches der Stoff seines Bestehens in der unorganischen Materie liegt; der Weltkörper aber ist das absolute Tier, das alles, dessen es bedarf, also auch das, was für das[285] relative Tier noch als unorganischer Stoff außer ihm ist, in sich selbst hat.
Das Sein nun und Leben aller Weltkörper, welches in der Erscheinung dem der Ideen gleicht, ruht in der gedoppelten Einheit aller Ideen, der, wodurch sie in sich selbst, und der, wodurch sie im Absoluten sind. Diese beiden Einheiten sind aber wieder eine und dieselbe Einheit. Die erste ist die, in welcher das Unendliche sich in ihrer Besonderheit expandiert, die andere die, in welcher ihre Besonderheit in die Absolutheit zurückkehrt, jene, wodurch sie in sich selbst, außer dem Zentro, die andere, wodurch sie im Zentro sind.
Inwiefern nun diese beiden Einheiten mit denen der Ausdehnungs- und Anziehungskraft verglichen werden können, welche die bisherige Physik als allgemeine Prinzipien eines Natursystems ihren Theorien zugrunde gelegt hat, wird in den folgenden Zusätzen genauer beantwortet werden. Indes verweisen wir den Leser, welcher von den Gesetzen des Weltsystems nach der Lehre der Naturphilosophie weiter unterrichtet sein will, auf das Gespräch: Bruno oder über das göttliche und natürliche Prinzip der Dinge (Berlin bei Unger 1802), sowie auf die ferneren Darstellungen aus dem System der Philosophie, § VII, in der Neuen Zeitschrift für spekulative Physik, ersten Bandes zweites Heft.[286]
Zweites Kapitel.
Vom Scheingebrauch jener beiden Prinzipien
Wenn auch Newton, wie es scheint, über die Bedeutung des von ihm aufgestellten Prinzips der allgemeinen Anziehung mit sich selbst uneinig war, so fingen doch seine Anhänger sehr bald an, die Anziehung der Weltkörper gegeneinander nicht mehr als eine bloß scheinbare, sondern als eine dynamische, der Materie ursprünglich zukommende, Anziehung zu betrachten, Scheinbar[286] nämlich wäre diese Anziehung, wenn sie durch die Wirkung irgend einer dritten Materie, die die Körper wechselseitig gegeneinander triebe und voneinander entfernte (des Äthers etwa), hervorgebracht würde. Wenn also Newton wirklich, wie er in einigen Stellen äußert (unerachtet er in andern ausdrücklich das Gegenteil behauptet), zweifelhaft war, was »die wirkende Ursache der Anziehung« sei, ob sie vielleicht nicht durch einen Stoß oder auf andere uns unbekannte Art bewirkt werde, so war der Gebrauch, den er von jenem Prinzip zur Errichtung eines Weltsystems machte, in der Tat ein bloßer Scheingebrauch, oder vielmehr die Anziehungskraft selbst war ihm eine wissenschaftliche Fiktion, die er gebrauchte, bloß um das Phänomen überhaupt auf Gesetze zurückzuführen, ohne es dadurch erklären zu wollen.
Newton wollte aber höchstwahrscheinlich eben dadurch einem andern möglichen Scheingebrauch jenes Prinzips entgehen, in den bald nachher ein großer Teil seiner Nachfolger verfiel. Um dem Wahn vorzubeugen, als ob er wirklich durch jene Grundkraft die allgemeine Gravitation physisch erklären wollte, nahm er lieber eine Zeitlang das ganze Phänomen der Anziehung für scheinbar an, und suchte deshalb selbst wieder eine physische Erklärung davon in der mechanischen Wirkung einer hypothetisch-angenommenen Flüssigkeit, die er Äther nannte; bald aber widersprach er selbst wieder dieser Annahme ebensosehr, als er sie vorher behauptet hatte, – ein offenbarer Beweis, daß ihm weder das Eine noch das Andere Genüge tat, und daß er eine dritte Auskunft für möglich hielt.
Soll das Prinzip der allgemeinen Anziehung irgend etwas erklären, so gilt es nichts mehr und nichts weniger als irgend eine qualitas occulta der Scholastiker – als die fuga vacui, und was dergleichen mehr ist. Steht aber jenes Prinzip selbst an der Grenze aller physikalischen Erklärung, – ist es das, was erst überhaupt eine Nachfrage nach Ursache und Wirkung möglich macht, so muß man aufhören, selbst wieder eine Ursache dafür zu suchen oder es selbst als Ursache (d.h. als etwas, das nur im Zusammenhang der Naturerscheinungen möglich ist) aufzustellen.[287]
Wenn selbst Newton von der Anziehungskraft sagte, sie sei materiae vis insita, innata usw., so lieh er in Gedanken der Materie eine von der Anziehungskraft unabhängige Existenz. Die Materie könnte demnach auch wirklich sein ohne alle anziehenden Kräfte; daß sie diese Kräfte hat – (daß etwa, wie einige Schüler Newtons sagten, eine höhere Hand ihr dieses Bestreben eingedrückt hat), – ist, in bezug auf die Existenz der Materie selbst, etwas Zufälliges.
Wenn aber anziehende und zurückstoßende Kräfte selbst Bedingungen der Möglichkeit der Materie sind, oder vielmehr, wenn Materie selbst nichts anderes ist als diese Kräfte im Konflikt gedacht, so stehen diese Prinzipien an der Spitze aller Naturwissenschaft entweder als Lohnsätze aus einer höheren Wissenschaft, oder als Axiome, die vor allem vorausgesetzt werden müssen, wenn anders physikalische Erklärung überhaupt möglich sein soll.
Weil man aber in der Reflexion Anziehungs- und Zurückstoßungskraft als von der Materie verschieden sich vorstellen kann, so denkt man (nach einer eben nicht sehr seltenen Täuschung), daß was in Gedanken getrennt werden kann auch in der Sache selbst getrennt ist. Überläßt man sich dieser Täuschung, so ist die Materie da, ohne alle einziehenden und zurückstoßenden Kräfte.
Ist dies, so können diese nicht mehr auf die Würde erster Prinzipien Anspruch machen, sie treten jetzt selbst in die Reihe von Naturursachen und Wirkungen – als Ursachen gedacht aber bieten sie dem Verstande nichts als dunkle Qualitäten der Materie dar, die, anstatt die Naturforschung zu fördern, ihr vielmehr im Wege sind.
Derselbe Schein der Reflexion, der über diese Prinzipien irreführte, verbreitet seinen Einfluß über alle Wissenschaften. Leibniz verwarf die Newtonische Anziehungskraft, weil er sie für die Fiktion einer trägen Philosophie hielt, die, anstatt physische Ursachen mit Mühe zu erforschen, lieber sogleich zu dunkeln, unbekannten Kräften (dem Ziel aller Naturkenntnis) ihre Zuflucht nimmt. Allein wenn Newton die allgemeine Anziehung aus einer der Materie selbst eingepflanzten Kraft erklärte, so tat er nichts anderes, als was Leibniz, so wie er insgemein verstanden wird,[288] in einem andern Gebiete selbst tat, wenn er die ursprünglichen und notwendigen Handlungen des menschlichen Geistes aus angebornen Kräften erklärte. So wie Newton die Materie von ihren Kräften trennte, als ob eines ohne das andere bestehen könnte, oder als ob die Materie etwas anderes wäre als ihre Kräfte, so trennten die Leibnizianer den menschlichen Geist (als ein Ding an sich) von seinen ursprünglichen Kräften und Handlungen, gleichsam als ob der Geist anders als nur durch seine Kräfte und in seinen Handlungen wirklich wäre. – Lange vor Newton hatte Kepler, dieser schöpferische Geist, in poetischen Bildern gesagt, was Newton nachher prosaischer ausdrückte. Als jener zuerst von der Sehnsucht, die Materie gegen Materie triebe, dieser von der Anziehung zwischen Körper und Körper sprach, dachte keiner von beiden daran, daß diese Ausdrücke ihnen selbst oder andern je für Erklärungen gelten sollten. Denn Materie und anziehende und zurückstoßende Kraft war ihnen eins und dasselbe – beide nur zwei gleichgeltende Ausdrücke derselben Sache, der eine für die Sinne, der andere für den Verstand gültig.
Selbst als Newton sich zwischen der Alternative erblickte, die allgemeine Anziehungskraft entweder als qualitas occulta (was er nicht wollte und nicht konnte) oder als bloß scheinbar, d.h. als Wirkung einer fremden Ursache anzusehen, entwickelte er sich doch, wie es scheint, niemals selbst den Grund, der ihn zwischen zwei widersprechenden Behauptungen ungewiß hin und her trieb. Wozu hätte er das auch nötig gehabt? Jener Grund betraf nur die Möglichkeit der Prinzipien; das System, in sich selbst gewiß, nahm keinen Anteil daran.
Unser Zeitalter, das, nicht nur selbsterfindend, auch die Möglichkeit früherer Erfindungen untersucht, hat jene durch alle Wissenschaften hindurchgehende Täuschung der Reflexion aufgedeckt. Der Naturlehre, innerhalb ihrer bestimmten Grenze, kann dies sehr gleichgültig sein. Sie geht ihren gebahnten Weg fort, auch wenn sie über die Prinzipien nicht im Reinen ist. Desto wichtiger ist jene Entdeckung für die Philosophie, vor deren Gerichtshof zuletzt alle jene Streitigkeiten entschieden werden müssen, mit denen sich andere Wissenschaften, im sichern Vertrauen auf die Anschaulichkeit ihrer Begriffe oder auf den[289] Probierstein der Erfahrung, den sie jeden Augenblick zur Hand haben, nicht bemengen mögen. – Inzwischen ist es bisher der Philosophie selbst, so sehr auch ihre Prinzipien mit allem übereinstimmen, was der richtige Sinn allgemein erkennt und voraussetzt, noch nicht gelungen, jene finstere Scholastik zu verdrängen, die das, was nur in einem absoluten Gebiete, dem der Vernunft, gilt, auf die sinnlichen Dinge überträgt, Ideen zu physischen Ursachen herabsetzt, und, indem sie, was die Sache betrifft, sich mit keinem Schritt über die Erfahrungswelt erhebt, doch mit realen Kenntnissen übersinnlicher Dinge sich brüstet99. Man hat großenteils noch nicht eingesehen, daß das Ideale der Dinge auch das einzig Reale ist, und trägt sich mit Hirngespinsten von Dingen, die außer den sinnlichen Dingen dennoch noch ihre Eigenschaften an sich tragen.100 Weil es der Reflexion möglich ist, zu trennen, was an sich selbst nie getrennt ist, weil die Phantasie das Objekt von seiner Eigenschaft, das Wirkliche von seiner Wirkung trennen und so festhalten kann, glaubt man, daß auch außer der Phantasie diese wirklichen Objekte ohne Eigenschaft, Dinge ohne Wirkung sein können, uneingedenk, daß, abgesehen von der Reflexion, jedes Objekt durch seine Eigenschaft, jedes Ding nur durch seine Wirkung für uns da ist. – Die Philosophie hat gelehrt, daß das Ich in uns – abstrahiert von seinen Handlungen – nichts ist; dessenungeachtet gibt es Philosophen, die mit dem großen Haufen immer noch glauben, die Seele sei irgend ein Ding – sie wissen selbst nicht, welcher Art – das gar wohl sein könnte, auch wenn es weder empfände, noch dächte, noch wollte, noch handelte. Dies drücken sie so aus: Die Seele ist etwas, das an sich existiert. Daß sie nun gerade denkt, will, handelt, ist zufällig und macht nicht ihr Wesen selbst aus, sondern ist ihr nur eingepflanzt; und wenn irgend einer fragt,[290] warum sie denkt, will und handelt, so sagt man ihm, daß es einmal so ist, und daß es wohl auch nicht so sein könnte.
Derselbe Geist herrscht nun in den gewöhnlichen Vorstellungen von anziehenden und zurückstoßenden Kräften in der Materie. Denn das will man, daß diese Kräfte nicht die Materie selbst, sondern nur in der Materie seien. Sobald man ihnen eine von der Materie unabhängige Existenz gegeben hat, fragt man auch weiter, was sie an sich sein mögen, nicht mehr, was sie in bezug auf uns sind, und ebendarin liegt das prôton pseudos alles Dogmatismus. Man vergißt, daß sie die ersten Bedingungen unserer Erkenntnis sind, die wir vergebens aus unserer Erkenntnis (physisch oder mechanisch) erklären wollen, daß sie, ihrer Natur nach, schon jenseits alles Erkennens liegen, daß wir, sobald man nach ihrem Grunde fragt, das Gebiet der Erfahrung, die jene Kräfte voraussetzt, verlassen müssen, und daß wir nur in der Natur unsers Erkennens überhaupt, in der ersten ursprünglichsten Möglichkeit unsers Wissens, einen Rechtsgrund finden können, sie aller Naturwissenschaft als Prinzipien, die in ihr selbst schlechthin unerweisbar sind, voranzuschicken.
Materie und Körper also sind selbst nichts, als Produkte entgegengesetzter Kräfte, oder vielmehr selbst nichts anderes, als diese Kräfte. Wie kommen wir doch zum Gebrauch des Begriffs von Kraft, der in keiner Anschauung darstellbar ist und dadurch schon verrät, daß er etwas ausdrückt, dessen Ursprung jenseits alles Bewußtseins liegt – alles Bewußtsein, Erkennen und also auch alles Erklären nach Gesetzen von Ursache und Wirkung erst möglich macht? Warum sind wir doch genötigt, mit unserm Wissen zuletzt bei Kräften stehen zu bleiben, wenn diese selbst wieder Erklärungen der Naturphänomene oder Gegenstand einer physikalischen Erklärung sein sollen?
Es gibt also einen doppelten Scheingebrauch jener Prinzipien.
Einen, da man die Materie unabhängig vorerst in Gedanken, dann aber auch wirklich voraussetzt, um ihr erst nachher Anziehungs- und Zurückstoßungskräfte (man weiß nicht wodurch) einpflanzen zu lassen. Denn da diese Kräfte nur als Bedingungen[291] der Möglichkeit der Materie Realität haben, so können sie sich, wenn die Materie abhängig von ihnen wirklich ist (wenn sie der Materie nur eingepflanzt sind), nun nicht mehr unter diesem Titel unsern physikalischen Untersuchungen entziehen; in der Reihe von Naturursachen und Wirkungen aber stellen sie nichts anderes vor als verborgene Qualitäten, die man in keiner gesunden Naturwissenschaft aufkommen läßt.
Klüger also ist es in diesem Fall, das ganze Phänomen der Anziehung für scheinbar zu erklären. Diese Annahme hat jedoch mit der vorigen gemein, daß sie Materie voraussetzen muß, um sie nachher zu erklären. Denn überhaupt ist alles Erklären unmöglich, ohne irgend etwas zum voraus anzunehmen, das, als Substrat, aller künftigen Erklärung zugrunde liegt. Also setzt auch die mechanische Physik als Datum zu ihren Erklärungen voraus den leeren Raum, die Atomen und eine feinere Materie, die jene gegeneinandertreibt und voneinander zurückstößt.
Was nun diese Voraussetzungen betrifft, so ist es hier genug, zu bemerken, daß die mechanische Physik, indem sie es unternimmt, die Körperwelt aus mechanischen Gesetzen zu erklären, wider ihren Willen Körper, und damit attraktive und repulsive Kräfte, vorauszusetzen genötigt ist. Denn daß sie die ursprünglichen Körperchen (corpuscula) für absolut-undurchdringlich und absolut-unteilbar ansieht, um so jener Kräfte entbehren zu können, ist nichts anderes als ein Ausfluchtsmittel der trägen Philosophie, die, weil sie etwas nicht aufkommen lassen will, was sie doch aufkommen lassen muß, sobald sie sich auf Untersuchungen einläßt, lieber durch einen diktatorischen Machtspruch alle Untersuchungen zum voraus abschneidet, und so die widerstrebende Vernunft nötigt, da Schranken anzuerkennen, wo sie ihrer Natur nach keine anerkennen kann.
Also kann auch der Atomistiker ohne einen Scheingebrauch jener beiden Prinzipien nicht abkommen, den er sich jedoch hütet, einzugestehen, weil, wenn er ihn eingestünde, seine ganze Arbeit vergeblich wäre. Denn er setzt (wider sein Wissen) jene Prinzipien so weit voraus, als er es nötig hat, um sie als entbehrlich darstellen zu können, und braucht sie selbst, um sie nachher ihrer Würde zu entsetzen. Sie allein geben ihm den[292] festen Punkt, an den er selbst seinen Hebel anlegen muß, um sie aus der Stelle zu rücken, und indem er sie als entbehrlich zu Erklärung des Weltsystems darstellen will, zeigt er, daß sie wenigstens in seinem Lehrsystem unentbehrlich waren.
Da jetzt noch ein neuer Versuch erwartet wird, durch welchen die mechanische Physik (ehrwürdig wenigstens durch ihr Alter) völlig außer Zweifel gesetzt und als das einzig-mögliche System des Universums behauptet werden soll, so ist es nicht zweckwidrig, zu sehen, was man wohl zum voraus von einem solchen Versuch (soweit man ihn bis jetzt beurteilen kann) sich versprechen darf.[293]
Fußnoten
99 jene finstere Scholastik zu verdrängen, die, unwissend in Ansehung aller Forderungen, welche Erfahrung und Erfahrungswissenschaften an die Philosophie machen, noch jetzt fortfährt, sich ihrem spekulativen Wahn zu überlassen, und, mit vermeinten realen Kenntnissen sich brüstend, auf alle Versuche, unser Wissen allein auf die Erfahrungswelt zu beschränken, stolz herabzusehen (Erste Auflage).
100 nicht eingesehen, daß die Dinge von ihren Wirkungen nicht verschieden sind, und tragt sich noch jetzt mit Hirngespinsten von Dingen, die außer den Dingen selbst vorhanden sein sollen (Erste Auflage).
Über den Begriff der Kräfte überhaupt und im Newtonianismus insbesondere.
(Zusatz zum zweiten Kapitel.)
Da wir uns über den Begriff der Kräfte hier allgemein erklären wollen, so bemerken wir, auch für die künftige Untersuchung, sogleich, daß, wenn, nach Kant, Materie aus den beiden, einander widerstrebenden Kräften der Attraktion und Repulsion konstruktibel wäre, wir doch, so wenig als wir irgend ein rein Endliches oder Unendliches zugeben (indem dies bloß formelle Faktoren sind und die Identität das schlechthin Eine und erste Reale ist), ebensowenig auch eine reine Expansiv- oder Attraktivkraft zugeben könnten, und daß in dem angenommenen Falle das was wir als die erste bezeichneten als die erste unserer beiden Einheiten, welche Expansion der Identität in der Differenz ist, die andere als die andere, welche Zurücknahme der Differenz in die Identität ist, gedacht werden müßte, jede also der beiden entgegengesetzten Kräfte die andere begriffe.
Allein ebendamit wäre schon der Begriff der Kräfte als solcher aufgehoben, da es zu demselben gehört, daß sie einfach, demnach als rein ideelle Faktoren, gedacht werden, das aber, was wir Expansivkraft nennen würden, vielmehr schon ein Ganzes oder eine Identität aus Expansiv- und Attraktivkraft wäre (beide formell gedacht), ebenso wie das, was wir Attraktivkraft nannten.[293]
Der Begriff dieser beiden Kräfte, wie er bei Kant bestimmt ist, ist also ein bloß formeller, durch die Reflexion erzeugter Begriff.
Betrachten wir denselben in der höheren Anwendung, welche ihm der Newtonianismus gegeben hat, indem er die Umlaufsbewegungen der Weltkörper aus einer in bezug auf das Zentrum gedachten Anziehungs- und Fliehkraft erklärte, so haben sie in dieser Erklärung in der Tat keine höhere Bedeutung, als die einer Hypothese, und wenn Kepler mit den Worten Zentrifugal- und Zentripetalkraft wirklich nichts anderes als das reine Phänomen bezeichnete, so ist dagegen unleugbar, daß im Newtonianismus beide wirklich den Sinn physikalischer Ursachen und Erklärungsgründe erhalten haben.
Es muß bemerkt werden, daß der Begriff von Kraft nicht nur überhaupt, sondern auch insbesondere in dem ebengenannten System ein einseitiges Kausalitätsverhältnis bezeichnet, welches für die Philosophie an sich verwerflich ist. Nicht als ob Newton nicht lehrte, daß auch der angezogene Körper auf den anziehenden Anziehung äußert, und in diesem Verhältnis Wirkung und Gegenwirkung wieder gleich ist, sondern weil er den ersten in der Qualität seines Angezogenwerdens doch bloß passiv sein läßt, und unter dem dynamischen Schein die bloß mechanische Erklärungsart verbirgt. Die Ursache der Zentripetenz des angezogenen Körpers als solche liegt nach Newton in dem anziehenden, da sie vielmehr ein inwohnendes Prinzip des angezogenen selbst ist, der so notwendig auch im Zentro ist, als er in sich selbst absolut ist. Die Zentrifugalkraft als Erklärungsgrund ist nicht minder Hypothese; das Verhältnis der beiden Ursachen in der Hervorbringung des Umlaufs aber ist wiederum als ein ganz formelles gedacht und alle Absolutheit darin aufgehoben.
Wir geben kurz die Hauptideen an, nach welchen alle sogenannten physischen Erklärungen der höheren Verhältnisse der Dinge gewürdigt werden müssen.
In der Sphäre der reinen Endlichkeit als solcher ist ins Endlose jedes bestimmt durch ein anderes Einzelnes ohne Leben in sich selbst; dies ist die Region des bloßen Mechanismus, welche[294] für die Philosophie überall nicht existiert, und in der sie nichts begreift, was sie überhaupt begreift.
In derjenigen Sphäre, worin allein die Philosophie alle Dinge kennt, reißt der mechanische Faden völlig ab, hier ist die Abhängigkeit zugleich Absolutheit, die Absolutheit Abhängigkeit. In derselben ist nichts bloß bestimmt oder bloß bestimmend, denn alles ist absolut Eines, und alle Tätigkeit quillt unmittelbar aus der absoluten Identität hervor. Die Substanz, die Einheit, wird nicht geteilt dadurch, daß sie in eine Vielheit sich zerstreut; denn sie ist nicht durch Negation der Vielheit, sondern kraft ihres Wesens oder ihrer Idee Eine, und hört es auch in der Vielheit nicht auf zu sein. Jedem Ding wohnt also die ungeteilte und unteilbare Substanz bei, welche gemäß den Beschränkungen seiner Form unmittelbar aus sich und ohne äußere Einwirkung alles, was in diesem Ding gesetzt ist, produziert, als ob nichts außer ihm wäre, denn so gewiß jedes Ding für sich in der Absolutheit ist, so gewiß ist es auch mit jedem andern, ohne andere Vermittlung als die der Substanz, eins. Es wird also (in der Schwere z.B.) einem andern Ding nicht durch eine äußere Ursache (eine Ziehkraft), sondern durch die allgemeine prästabilierte Harmonie verbunden, kraft welcher alles eins und eins alles ist. Es ist demnach in dem Universum nichts gedrückt, rein abhängig oder unterjocht, sondern alles ist in sich absolut: und dadurch auch im Absoluten, und weil dieses eins und alles ist, zugleich in allem andern. Die Erde, wenn sie ein Bestreben gegen die Sonne oder einen andern Körper zu haben scheint, gravitiert nicht gegen den Körper der Sonne oder eines andern Gestirns, sondern allein gegen die Substanz; und dieses nicht vermöge eines Kausalitätsverhältnisses, sondern kraft der allgemeinen Identität.
Um auf die sogenannte zentrifugale Neigung die Anwendung zu machen, so ist diese dasselbe inwohnende Prinzip oder Wesen des Weltkörpers, wie die zentripetale; durch jene nämlich ist er in sich absolut, in seiner Besonderheit ein Universum, durch diese ist er im Absoluten: dieses beides ist selbst eins, wie wir gesehen haben, jene beiden fälschlich so bezeichneten Kräfte sind also wahrhaft nur die beiden Einheiten der Ideen, so wie Rhythmus[295] und die Harmonie der aus ihnen entspringenden Bewegungen der Reflex des absoluten Lebens aller Dinge. Für die Erkenntnis dieser hohen Verhältnisse ist also der Verstand völlig tot, nur der Vernunft sind sie offenbar; sie, wie Newton die Zentrifugalkraft, aus göttlicher Wirkung dennoch nur mechanisch fassen, heißt recht eigentlich, um uns mit Spinoza des Ausdrucks eines Alten zu bedienen, mit dem Verstande rasen.[296]
Drittes Kapitel.
Einige Bemerkungen über die mechanische Physik des Herrn le Sage
Die mechanische Physik des Herrn le Sage kennt man bis jetzt teils aus einigen Abhandlungen ihres Urhebers, aus dem Lucrèce Newtonien und seiner Preisschrift: Versuch einer mechanischen Chemie, teils aus dem, was einige seiner Freunde davon bekannt gemacht haben, z.B. Herr de Lüc in seinen beiden Werken über die Atmosphäre, und weit zusammenhängender und systematischer Herr Prevost in seinem Werke über den Ursprung der magnetischen Kräfte101. Die letztgenannte Schrift ist bei den folgenden Bemerkungen überall zugrunde gelegt.
Was das Auffallendste zu sein scheint, ist, daß die mechanische Physik mit Postulaten beginnt, auf diese Postulate erst Möglichkeiten aufführt, und am Ende ein über allen Zweifel erhabenes System errichtet zu haben meint.
Ihr erstes Postulat sind mehrere erste Körper (corpuscules) in einem gewissen Raume verteilt, alle von gleicher Masse, doch klein genug, um, wenn sie sich berühren, nicht sehr merklich voneinander unterschieden zu sein, ferner, so beschaffen,[296] daß jedes derselben die Körperchen seiner Art weniger, als die der andern Art, anzieht102.
Die ersten Körperchen also denkt sich die mechanische Physik als Punkte, doch als erfüllte (materielle, physische) Punkte. Wenn aber diese Punkte noch materiell sind, so fragt sich was den Atomistiker berechtigt, bei diesen Punkten stehen zu bleiben. Denn die Mathematik fährt deswegen doch fort, auf der unendlichen Teilbarkeit des Raums zu bestehen, und die Philosophie, ob sie sich gleich hütet, zu sagen: die Materie (an sich betrachtet) bestehe aus unendlich vielen Teilen, hört deswegen nicht auf eine unendliche Teilbarkeit, d.h. die Unmöglichkeit einer je vollendeten Teilung zu behaupten. Wenn also die mechanische Physik erste (oder letzte) Körperchen voraussetzt, so kann sie den Grund für diese Voraussetzung nicht aus der Mathematik oder aus der Philosophie hernehmen. Der Grund kann also nur ein physischer sein, d.h. sie muß (wenn nicht beweisen, doch) behaupten, es seien Körperchen, welche weiter zu teilen physisch unmöglich sei. Allein nachdem man vorher den Gegenstand aller möglichen Erfahrung entzogen hat, wie dies der Fall ist, wenn man physisch-unteilbare Körperchen behauptet, hat man auch weiter kein Recht, sich auf Erfahrung, d.h. auf einen physischen Grund (wie hier auf die physische Unmöglichkeit) zu berufen. Also ist jene Annahme eine völlig willkürliche Annahme, d.h. man bildet sich ein, es sei möglich, in der Teilung der Materie auf Körperchen zu stoßen, welche ferner zu teilen, der Natur dieser Körperchen nach, unmöglich sei. Allein es gibt keine physische Unmöglichkeit, die, als solche, absolut wäre. Jede physische Unmöglichkeit ist relativ, d.h. nur in Beziehung auf gewisse Kräfte oder Ursachen in der Natur gültig, es sei denn, daß man zu verborgenen Qualitäten seine Zuflucht nehme. Also behauptet man mit der physischen Unteilbarkeit jener ersten Körperchen nur so viel: es sei in der Natur keine (bewegende) Kraft vorhanden, die den Zusammenhang jener Körperchen unter sich überwältigen könnte. Allein für diese Behauptung läßt sich weiter kein Grund anführen als ein aus dem System selbst hergenommener,[297] d.h. weil ohne sie das System nicht bestehen könnte. Also muß sie darauf beschränkt werden: man könne sich keine Naturkraft denken, der es möglich wäre, jene Körperchen zu teilen. Wird aber die Behauptung so ausgedrückt, so springt ihre Unwahrheit in die Augen. Denn jeder Zusammenhang in der Welt hat Grade, und sobald es darauf ankommt, was ich mir denken kann, kann ich keinen Grad von Zusammenhang denken, für den ich mir nicht auch eine Kraft denken könnte, die hinreichend wäre ihn zu überwältigen.
Vielleicht aber sieht die mechanische Physik auf diese Einwürfe als auf unnütze Grübeleien einer anmaßlichen Metaphysik herab und sucht alle weiteren Untersuchungen durch den Machtspruch: es sei so, ein für allemal abzuschneiden. Allein dieser Machtspruch gilt nur, so lange man sich auf dem Gebiet der Erfahrung befindet, wo alle Beweise von Möglichkeit und Unmöglichkeit eines Dings vor seiner Wirklichkeit verstummen müssen; nicht aber auch dann noch, wenn man sich selbst in ein Feld gewagt hat, wo über Möglichkeit oder Unmöglichkeit keine Belehrung der Erfahrung mehr möglich ist, sondern wo der Geist nur was er als absolute Möglichkeit erkennt, auch als absolute Wirklichkeit erkennt.103
Was berechtigte dich doch, kann man den Korpuskularphilosophen fragen, überhaupt eine unendliche Teilbarkeit der Materie vorauszusetzen und die Auflösung der Materie in ihre Elemente – nicht etwa nur als möglich anzunehmen, sondern – wirklich zu versuchen? – Die Erfahrung, daß die Materie etwas Zusammengesetztes ist? Allein wenn du sonst keinen Grund aufzuweisen hast, so mußt du die Teilung der Materie auch nur so weit verfolgen, als du in der Erfahrung ein Zusammengesetztes vor dir hast. Allein dies widerspricht deinem Unternehmen, die Materie in ihre Elemente aufzulösen. Also mußt du irgendwo auf einen Punkt kommen, wo nicht mehr die Erfahrung dich weiter zu teilen nötigt, sondern wo du dich völlig der Freiheit deiner Einbildungskraft überlassest, die auch da noch Teile voraussetzt, wo keine mehr erkennbar sind. Hast du[298] aber einmal deinem Geistvolle Freiheit gelassen zu teilen, auch wo Erfahrung nicht mehr zu teilen nötigt, so hast du keinen Grund, diese Freiheit irgendwo zu beschränken. Im menschlichen Geist selbst kann kein Grund liegen, irgendwo aufzuhören, also müßte der Grund außer ihm liegen, d.h. man müßte in der Erfahrung irgend einmal auf Elemente stoßen, die der Freiheit im Teilen der Materie schlechthin Schranken setzten. Allein so sehen wir uns wieder in der Notwendigkeit, eine absolute Unmöglichkeit anzunehmen, die doch zugleich physisch sein soll, d.h. eine Unmöglichkeit, für die sich weiter kein Grund angeben läßt, und die doch in der Natur liegt, wo alles Grund und Ursache haben muß – also eine Unmöglichkeit, die selbst unmöglich ist, weil sie sich widerspricht.
Wenn also die mechanische Physik genötigt ist, einzugestehen, daß es für ihre Annahme ursprünglicher, schlechthin unteilbarer Körperteilchen keinen Grund mehr gebe, so sieht man nicht ein, warum sie sich auf die Möglichkeit der Materie überhaupt noch einläßt. Allein sie bekümmert sich auch darum gar nicht, sondern beschränkt sich darauf, die Möglichkeit einer bestimmten Materie, oder was dasselbe ist, der spezifischen Verschiedenheit der Materie aus jenen Elementen und ihrem Verhältnisse zum leeren Raum zu erklären. Dabei hat sie den Vorteil, daß sie die Materie in ihren Elementen als völlig gleichartig voraussetzt. Diese aber, da sie als absolut-undurchdringlich vorausgesetzt werden, können sich voneinander doch durch ihre Figur unterscheiden, die nun als unveränderlich betrachtet werden muß. Also ist schon eine Möglichkeit vorhanden, bei aller ursprünglichen Gleichartigkeit der Elemente doch eine spezifische Verschiedenheit der Grundmassen, je nachdem sie aus Körperchen von gleicher oder verschiedener Figur zusammengesetzt sind, darzutun. Dazu kommt endlich noch der leere Raum, der der Einbildungskraft volle Freiheit verstattet, auch die größte Verschiedenheit der Materie in Ansehung ihrer spezifischen Dichtigkeit durch willkürliche Verhältnisse des Leeren in den Körpern zum Erfüllten, und umgekehrt, begreiflich zu machen.
Dies ist denn auch der größte Vorteil aller mechanischen Physik, daß sie sinnlich anschaulich machen kann, was eine dynamische[299] Physik (d.h. eine solche, die die spezifische Verschiedenheit der Materie nur aus den gradualen Verhältnissen anziehender und zurückstoßender Kräfte zu erklären unternimmt) niemals in der sinnlichen Anschauung darzustellen vermag. So kann selbst die mechanische Physik, innerhalb ihrer Grenzen betrachtet, ein Meisterstück des Scharfsinns und der mathematischen Präzision werden, selbst wenn sie in ihren Prinzipien völlig grundlos ist. Hier ist also nicht davon die Rede, was das System des Herrn le Sage in mathematischer Rücksicht zu leisten vermöge, sobald seine Voraussetzungen eingeräumt werden, sondern es ist darum zu tun, diese Voraussetzungen selbst und die Anwendung seines Systems auf Physik und Naturwissenschaft überhaupt in Untersuchung zu nehmen; denn, was das System selbst betrifft, so liegt es so weit jenseits der Grenzen unserer Erfahrung, daß es in sich selbst vollkommene Evidenz haben und doch in der Anwendung auf Erfahrung äußerst zweifelhaft werden könnte.
Herrn le Sage's System setzt also voraus, daß in einem leeren Raume eine unendliche Anzahl harter, sehr kleiner, beinahe gleicher Körper gleichförmig verteilt sei104. Was nun den leeren Raum betrifft, so ist er etwas, das sich in keiner Erfahrung dartun läßt. Denn wenn man ihn nötig glaubt, um die ungehinderte Bewegung der Weltkörper erklären zu können (so wie etwa Newton den Weltraum als leer annahm, bloß um in seiner Berechnung der Himmelsbewegungen nicht durch Einmischung einer Materie, die sie hindern könnte, gestört zu werden), so läßt sich auch eine Materie denken, deren Widerstand gegen die Bewegung dieser Körper (in bezug auf eine mögliche Erfahrung) = 0 angenommen werden kann. Allein überhaupt läßt dieses System der Einbildungskraft gleich anfangs völlig freies Spiel. Eine unendliche Anzahl sehr kleiner, beinahe gleicher Körper! Hier wird man unwillkürlich fragen, wie klein sie dann seien, oder inwieweit sie sich gleich seien. Wenigstens sollte man denken, daß Atome weder sehr klein, noch sich beinahe gleich, sondern absolut-gleich und absolut-klein sein müßten. Ferner,[300] der Begriff von hart gilt nur relativ, in bezug auf die Kraft, die angewendet wird, die einzelnen Teile eines Körpers zu trennen oder zu verrücken. Also müßte auch den ersten Körperchen nur relative Härte zukommen, d.h. es müßte irgend eine Kraft möglich sein, die den Zusammenhang ihrer Teile aufheben könnte, was mit dem Begriff erster Körperchen nicht übereinstimmt.
Diese Körperchen nun bewegen sich in einer geraden, unveränderten Linie, aber nach den verschiedensten Richtungen: ihre Bewegung ist so gleich-schnell, daß man jeden Punkt des Raums für einen Augenblick wenigstens als Mittelpunkt annehmen kann.
Dies ist die zweite Voraussetzung der mechanischen Physik – auf die sie aber nicht anders als durch einen Sprung kommen kann. Denn da sie alle Phänomene, und selbst die Gravitation der Körper, von einem Stoße herleitet, so setzt sie sich außerstand, für diesen Stoß (die ursprüngliche Bewegung) einen weitem Grund anzugeben. Denn wenn man auch die Elemente des schwermachenden Fluidums als ursprünglich ungleichartig, d.h. von verschiedener Figur annähme, so könnte durch diese Ungleichartigkeit doch keine Bewegung entstehen, ob man gleich einräumen muß, daß, wenn einmal Bewegung entstanden ist, zwischen ungleichartigen Elementen scheinbare Anziehung stattfinden kann.
Wenn also die mechanische Physik der dynamischen den Vorwurf macht, daß sie die Anziehung als Grund der allgemeinen Bewegung nicht zu erklären vermag, so muß diese, da sie von der allgemeinen Anziehung nichts wissen will, hinwiederum darauf Verzicht tun, die ursprüngliche Bewegung zu erklären. Da aber (nach der dynamischen Philosophie) Anziehungs- und Zurückstoßungskräfte das Wesen der Materie selbst ausmachen, so ist es begreiflicher, daß man für diese Kräfte weiter keinen Grund anzugeben weiß, als daß man Bewegung durch Stoß, die das Dasein der Materie schon voraussetzt, also einer Erklärung fähig sein muß, nicht zu erklären imstande sein solle. – Überdies ist es der mechanischen Physik nicht genug, die Bewegung des schwermachenden Fluidums überhaupt zu postulieren,[301] sondern sie postuliert auch noch eine bestimmte Art von Bewegung, nämlich die Bewegung in unveränderlich-gerader Richtung, so doch, daß die Richtungen der einzelnen Bewegungen die möglich mannigfaltigsten seien.
Das dritte Postulat der mechanischen Physik endlich ist – in irgend einem beliebigen Punkt des Raums, in welchem sich die Atome bewegen, ein sphärischer Körper, der viel größer ist, als die ersten Körperchen105. Man muß sich wundern, daß, wenn es möglich ist mit solchen Voraussetzungen auszureichen, irgend jemand die undankbare Mühe auf sich nehmen mochte, zu fragen, wie Materie überhaupt möglich sei. Denn, sollte man denken, wenn wir nur erst feste Körper, die noch überdies der Masse nach voneinander verschieden sind, ferner ein Fluidum, das sich selbst bewegt, und die größeren Körper anstößt, voraussetzen dürfen, so begreift man nicht, wie ein Mann von Newtons Geist bis zu Kräften der Materie selbst zurückgehen mochte, um die Möglichkeit einer materiellen Welt zu erklären. Wirklich geht die mechanische Physik, wenn sie nur einmal über die drei Postulate hinweg ist, ihren Weg unaufhaltsam fort.
Zwar begreift man sogleich nicht, wie die mechanische Physik die Mitteilung der Bewegung erklären will. Denn Bewegung kann überhaupt nur vermittelst der Wirkung und Gegenwirkung repulsiver oder attraktiver Kräfte mitgeteilt werden. Eine Materie, die nicht ursprünglich-bewegende Kräfte hat, könnte, selbst wenn sie zufälligerweise Bewegung hätte, keine Kraft erhalten, die ihr ursprünglich gar nicht zukommt. Wenn die Materie keine ursprünglich-bewegende Kräfte hat, die ihr zukommen, auch wenn sie in Ruhe ist, so muß man ihr Wesen in eine absolute Trägheit, d.h. in eine völlige Kraftlosigkeit setzen. Dies ist aber ein Begriff ohne Sinn und Bedeutung. Einem Unding aber, wie die Materie in diesem Falle ist, kann ebensowenig etwas mitgeteilt, als etwas entzogen werden. Die mechanische Physik selbst ist also genötigt, der Materie, als solcher, ursprüngliche repulsive und attraktive Kräfte beizulegen, nur will sie den Namen nicht (obgleich die Sache) haben.[302]
Ferner, es findet keine Mitteilung der Bewegung statt, ohne Wechselwirkung der Undurchdringlichkeit (ohne Druck und Gegendruck). Nun kann die mechanische Physik für die Undurchdringlichkeit ihrer ersten Körperchen und der Materie überhaupt keinen weitem Grund anführen. Die ersten Körperchen also muß sie als absolut-undurchdringlich annehmen; nur sekundären Körpern kommt, insofern sie nicht absolut dicht sind, sondern leere Räume enthalten, relative Undurchdringlichkeit (die einen Grad zuläßt) zu. Man sieht also auch nicht, wie die ersten Körperchen, insofern sie absolut-undurchdringlich, also keiner Zusammendrückung fähig sind, einem andern Körper Bewegung mitteilen können.
Dies alles sind metaphysische Einwürfe, wenn man will, die aber gegen eine hyperphysische Physik ganz an ihrer Stelle sind. Denn in der Tat geht dieses System von hyperphysischen Erdichtungen (erster Körper von absoluter Undurchdringlichkeit und absoluter Dichtigkeit) aus, die durch keine Erfahrung realisiert werden können, und die sie doch nach Erfahrungsgesetzen behandelt.
Auf den sphärischen Körper also, den sie postuliert, läßt die mechanische Physik die ersten Körperchen wirken. Natürlich hält er ihre Bewegung auf, und der Anstoß aller Körperteilchen zusammen muß ihm eine gewisse Geschwindigkeit mitteilen. Alle Ströme von Atomen aber haben ihre Antagonisten, d.h. Atome, die sich in entgegengesetzter Richtung gegen den Körper bewegen. Dieser wird also ruhig und im Gleichgewicht sein.106
Man setze also in den Raum einen andern großen sphärischen Körper. Die Körperchen, die den einen treffen, treffen nun den andern nicht, diese beiden Körper also werden sich gegeneinander bewegen, die Ströme der kleinen Körperchen treiben sie gegeneinander, und werden so – die Ursache der allgemeinen Gravitation. Diese Körperchen können daher schwermachende Teilchen (corpuscules gravifiques) heißen107.
[303] Herr Prevost fürchtet, daß man vielleicht beim ersten Anblick in dieser Vorstellungsart Schwierigkeit finden werde, weil man sich weder von der Größe, noch den Geschwindigkeiten der schwermachenden Körperchen, noch von der Durchdringlichkeit der ihren Einwirkungen ausgesetzten Körper richtige Begriffe machen werde108. Ich denke aber, daß diese Schwierigkeiten sehr leicht gehoben wären, wenn man sich nur erst über eine andere, weit größere, hinweggesetzt hätte, diese: daß die mechanische Physik die Hauptsache – das, was allen Philosophen und Physikern von jeher am meisten zu schaffen gemacht hat – die Möglichkeit der Materie und der Bewegung überhaupt schon voraussetzt. Denn das erste Problem aller Naturphilosophie ist nicht, wie diese oder jene bestimmte Materie, diese oder jene bestimmte Bewegung möglich sei. – Wenn wir aber einmal voraussetzen, die Materie sei selbst nichts anders als das Produkt ursprünglicher, wechselseitig sich beschränkender Kräfte; ferner: es sei überhaupt keine Bewegung möglich ohne ursprünglich-bewegende Kräfte, die der Materie, nicht nur in einem bestimmten Zustande, sondern insofern sie überhaupt Materie ist (sie mag nun in Ruhe oder in Bewegung sein), notwendig zukommen, wenn wir, sage ich, einmal dieses voraussetzen, so fragt sich: was uns nötigt, zur Erklärung der allgemeinen Bewegung noch mechanische Ursachen zu Hilfe zu rufen, so lange wenigstens, als wir mit jenen ursprünglichen, dynamischen Kräften, die zur Möglichkeit: einer Materie überhaupt schon erfordert werden, ausreichen können.
Die mechanische Physik selbst vermeidet eben des wegen alle jene Fragen: über die Möglichkeit einer Bewegung und der Materie überhaupt. Dies ist auch notwendig, wenn sie ihr Ansehen behaupten soll. Denn wenn es schon zum Wesen der Materie gehört, wenn sie nur dadurch Materie ist, daß sie wechselseitig anzieht und zurückstößt, wenn eben diese anziehenden und zurückstoßenden Kräfte selbst wieder vorausgesetzt werden müssen, um die mechanische Bewegung begreifen zu können, so findet[304] man sich auch zum voraus geneigt, die Bewegung des Universums selbst aus den allgemeinen Kräften der Materie überhaupt, nicht aus mechanischen Ursachen zu erklären, weil man, wenn man diese auch zulassen wollte, doch am Ende immer wieder auf die ersteren zurückkommen müßte. Wenn nun vollends dazu kommt, was Herr Prevost selbst so aufrichtig gesteht, daß ein (großer) Teil der Naturerscheinungen, namentlich die astronomischen Erscheinungen, durch die rein dynamische Hypothese der allgemeinen Anziehung sehr leicht erklärbar sind, ohne auf eine mögliche mechanische Ursache dieser Kraft Rücksicht zu nehmen109, so ist es sehr begreiflich, wenn man einem System, das, so bewundernswürdig es auch – innerhalb seiner bestimmten Grenzen – sein mag, doch auf bloße Möglichkeiten erbaut ist, nicht sogleich Beifall gibt. Nach Herrn Prevost's eignem Geständnis bleiben im dynamischen System nur einige Erscheinungen der besondern Naturlehre (wie z.B. die Kohäsion, die spezifische Verschiedenheit der Materie usw.) unerklärt.110 Darauf kann nun hier noch nicht (wiewohl späterhin) Rücksicht genommen werden. Ich begnüge mich also, noch einige Anmerkungen, dieses System im Ganzen betreffend, beizufügen.
Die mechanische Physik ist ein rein-räsonierendes System. Sie fragt nicht, was ist, und was läßt sich aus Erfahrung dartun? sondern sie macht eigene Voraussetzungen, und fragt nun: wenn dies oder jenes so wäre, wie ich es annehme, was würde daraus erfolgen? Es ist nun freilich sehr begreiflich, daß man mit gewissen Voraussetzungen alles, was man sonst nach Gesetzen einer dynamischen Anziehung erklärt hat, auch nach mechanischen Ursachen erklären kann. So beweist Herr le Sage Galileis Gesetz vom Fall der Körper aus seiner Hypothese von schwermachenden Teilchen. Zu diesem Behuf aber nimmt er vorerst an: »ein Zeitteilchen, das eine unveränderliche Größe hat, in einer ganz eigentlichen Bedeutung ein Zeitatom ist, und gar nicht zerstückt werden kann.« So etwas scheint Begriffe von der Zeit vorauszusetzen, wie sie in keiner gesunden Philosophie, noch vielweniger in der Mathematik, geduldet werden[305] können. Die Zeit wäre etwa ein diskretes Fluidum, das außer uns existierte, ungefähr so, wie sich Herr le Sage das schwermachende Fluidum denkt. Nun ferner, »die schwermachende Ursache stößt den Körper nur im Anfang jedes solchen Zeitatoms (der doch unteilbar sein soll), während daß er verfließt, wirkt sie nicht in den Körper; nur wenn der nächste anhebt, wiederholt sie ihren Stoß.« Ich weiß nicht, ob gegen diese Voraussetzung nicht ein bekanntes Argument der alten Skeptiker an seiner Stelle wäre: entweder wirkt der Stoß im letzten Moment, der vor dem Zeitatom vorhergeht, oder im ersten Moment des Zeitatoms selbst. Das Erste aber widerspricht der Voraussetzung, und im zweiten Fall ist der Zeitatom, der ja unteilbar ist, bereits verflossen, indem der Stoß wirkt; was gleichfalls der Voraussetzung widerspricht. Aus diesen Subtilitäten bringt Herr le Sage ein Gesetz heraus, das dem bekannten (daß sich die Fallräume verhalten wie die Quadrate der Zeiten) sehr nahe kommt. Allein man muß streng bei Herrn le Sage's Zeitatom bleiben. Denn wenn man, wie Herr Hofrat Kästner111, das Gesetz für eine teilbare Zeit berechnet, so stößt man auf Widersprüche, was freilich Herr le Sage nicht will, »denn er rechnet nur für ganze Zeiten, nicht für Teile davon112.«
Was Herr Hofrat Kästner bei dieser Gelegenheit über Herrn le Sage's Verfahren sagt, kann auf sein ganzes System angewandt werden. – »Was Herr le Sage, sagt er, dem Galileischen Gesetze entgegenstellt, läßt sich ungefähr folgendermaßen ausdrücken: Es gibt gewisse kleine Zeitteilchen von bestimmter Größe, man weiß aber nicht, wie groß; am Anfange jedes solchen Zeitteilchens, und sonst nie, stößt einen fallenden Körper Etwas, man weiß nicht, was? auch nicht wie stark? so geht er in dieser Zeit einen Weg, man weiß nicht, wie weit, und nun fällt er ferner nicht nach dem Gesetz, das die Leute wollen erfahren haben, sondern nach einem ganz andern, das sich aber durch die Erfahrung nicht als von jenem unterschieden erkennen läßt. Und dies alles angenommen, was lernen wir? – Daß sich das Fallen[306] der Körper sehr begreiflich aus Dingen erklären läßt, von denen allen man nichts weiß. Das gefundene Gesetz ist dieses: Die Wege jedes fallenden Körpers verhalten sich wie113 x Mengen eines x Zeitatoms. – Le Sage erklärt alles so, daß er erdichtet, wie die schwermachende Materie sein könnte usw.«
Der größte Vorteil für Herrn le Sage's System ist, daß es in einer Gegend liegt, wo es keine Erfahrung weder bestätigen noch widerlegen kann. Gewiß ist, daß in einem solchen Felde die reinste Ausübung der mathematischen Methode möglich ist. Herr de Lüc sagt bei Gelegenheit des neuen Gesetzes für den Fall der Körper: »Wenn dieses Gesetz auch um vieles (hier um 100 solcher Zeitteilchen) von dem längstbekannten und erwiesenen Gesetz des Galilei abweicht, so ist doch diese Differenz so gering, daß es unmöglich wird, in der Beobachtung eines vom andern zu unterscheiden.« Mir dünkt, dies lasse sich allgemeiner so ausdrücken: Ein Hauptvorzug des Systems liegt in der Subtilität seiner Gegenstände, die so groß ist, daß die beträchtlichsten Abweichungen des Kalküls in der Erfahrung noch nicht einmal bemerkbar sind.
Das ganze System geht von abstrakten Begriffen114 aus, die sich in keiner Anschauung darstellen lassen. Beruft man sich auf letzte Kräfte, so gesteht man damit unverhohlen, man befinde sich an der Grenze möglicher Erklärung. Spricht man aber von ersten Körperchen usw., so ist dies etwas, worüber ich noch Rechenschaft zu fordern befugt bin. In der Natur gibt es weder etwas absolut Undurchdringliches, noch etwas absolut Dichtes, oder absolut Hartes. Alle Vorstellungen von Undurchdringlichkeit, Dichtheit usw. sind immer nur Vorstellungen von Graden, und so wie kein möglicher Grad der letzte für mich sein kann, ebensowenig ist irgend ein Grad für mich der erste, über den kein anderer, höherer, gedenkbar wäre. Zur Vorstellung einer absoluten Undurchdringlichkeit usw. gelangt man daher nicht anders als dadurch, daß man der Einbildungskraft absolute Schranken[307] setzt. Weil es nun, wenn einmal die Einbildungskraft ertötet ist, so leicht wird, sich etwas absolut Undurchdringliches usw. vorzustellen, so glaubt man damit auch der Wirklichkeit dieser Vorstellung sich versichert zu haben, die doch ins Unendliche fort in keiner Erfahrung realisiert werden kann.
Das dynamische System endlich verteidigt sich selbst am besten gegen jedes Unternehmen einer mechanischen Physik. Diese kann nicht von der Stelle kommen, ohne Körper, Bewegung, Stoß, d.h. gerade die Hauptsache vorauszusetzen. Sie erkennt damit an, daß die Frage über die Möglichkeit der Materie und der Bewegung überhaupt eine Frage ist, die einer physikalischen Beantwortung unfähig ist, und daher in jeder Physik bereits als beantwortet vorausgesetzt werden muß.[308]
Fußnoten
101 De l'origine des forces magnétiques. Genève 1788. Deutsche Übersetzung Halle 1794.
102 Prevost § 1. 2.
103 wo der Geist sich völlig seiner Freiheit überläßt, nur darum bekümmert, daß nichts seine Freiheit beschränke (Erste Auflage).
104 Prevost § 31.
105 Prevost a. a. O.
106 A. a. O. §31.
107 § 32.
108 A. a. O.
109 § 33.
110 A. a. O.
111 Man sehe seine Abhandlung am Ende von de Lücs Untersuchungen über die Atmosphäre, übersetzt von Gehler. S. 662.
112 A. a. O. S. 663.
113 A. a. O. S. 664 ff.
114 Die erste Auflage hat: »spekulativen Begriffen«, (wie auch S. 305: »rein-spekulatives System«). Vgl. S. 109, Anmerkung.
Allgemeine Anmerkung über die Atomistik.
(Zusatz zum dritten Kapitel.)
Was in dem voranstehenden Kapitel über den Wert der Atomistik an sich gesagt ist, überhebt uns fernerer Erklärungen darüber: wir erinnern nur in Ansehung ihres relativen Werts, daß Atomistik überhaupt das einzig konsequente System der Empirie ist, daß für den, der die Natur nur als ein Gegebenes betrachtet und sich streng auf diesem Standpunkt hält, keine andre letzte Annahme als die der Atomen und der Zusammengesetztheit der Materie möglich ist, und daß es nur der Gedankenlosigkeit eines empirischen Zeitalters und der Unfähigkeit zu allgemeinen Ansichten selbst innerhalb der Empirie zuzuschreiben sei, wenn z.B. das System des le Sage nicht allgemeinen Beifall gefunden und weiter ausgebildet worden ist. Wer, der nur einigen wissenschaftlichen Sinn hat, wird nicht offenherzig gestehen, daß er in der Reinheit der le Sage'schen Atomistik sich geistig besser befinde, als in dem unreinen Gemengsel der gewöhnlichen Physik aus mechanischen und halb dynamischen Vorstellungsarten? Bei jenem ist alles klar und faßlich, sobald man über die ersten Vorstellungsarten einig ist, welches der empirischen Ansicht leicht wird: hier dagegen ist alles verworren in schwankendem und unerkennbarem Zustande. Man kann anführen, daß diejenigen Physiker, welche[308] eine lange Zeit ausschließend die Naturlehre mit Ideen bereicherten, wie de Lüc und Lichtenberg diesem System zugetan oder wenigstens geneigt waren. Erhebt man sich über den Standpunkt des Gegebenseins und zur Idee des Universums, so fällt freilich alle Atomistik zusammen; denjenigen aber, die dies nicht vermögen, könnte man zumuten, wenigstens in jener (welche doch ihre wahre und einzige Sphäre ist) es zu einiger Vollendung zu bringen.[309]
Viertes Kapitel.
Erster Ursprung des Begriffs der Materie aus der Natur der Anschauung und des menschlichen Geistes
Der mißlungene Versuch, die allgemeine Anziehung aus physikalischen Ursachen zu erklären, kann wenigstens den Nutzen haben, die Naturwissenschaft aufmerksam zu machen, daß sie sich hier eines Begriffs bediene, der, nicht auf ihrem Grund und Boden entsprossen, seine Beglaubigung anderwärts, in einer hohem Wissenschaft aufsuchen müsse. Denn es kann ihr nicht zugegeben werden, etwas geradezu anzunehmen, wovon sie keinen weitem Grund aufweisen kann. Sie muß gestehen, daß sie auf Prinzipien sich stützt, die aus einer andern Wissenschaft entlehnt sind: damit aber gesteht sie nichts mehr, als was jede andere untergeordnete Wissenschaft gleichfalls gestehen muß, und macht sich zugleich von einer Forderung los, die sie nie ganz abweisen, ebensowenig aber erfüllen konnte.
Die Anmaßung aber, die in der Behauptung zu liegen scheint, daß anziehende und zurückstoßende Kräfte zum Wesen der Materie, als solcher, gehören, hätte die Naturlehrer längst aufmerksam machen können, daß es hier darauf ankomme, den Begriff der Materie selbst bis auf seinen ersten Ursprung zu verfolgen. Denn Kräfte sind doch einmal nichts, das in der Anschauung darstellbar ist. Gleichwohl verläßt man sich auf jene[309] Begriffe von allgemeiner Anziehung und Zurückstoßung so sehr, setzt sie überall so offenbar und bestimmt voraus, daß man von selbst auf den Gedanken gerät, sie müssen, wenn sie nicht selbst Gegenstände möglicher Anschauung, doch Bedingungen der Möglichkeit aller objektiven Erkenntnis sein.
Wir gehen also darauf aus, die Geburtsstätte jener Prinzipien und den Ort aufzusuchen, wo sie eigentlich und ursprünglich zu Hause sind. Und da wir wissen, daß sie notwendig allem vorangehen, was wir über Dinge der Erfahrung behaupten und aussagen können, so müssen wir zum voraus vermuten, daß ihr Ursprung unter den Bedingungen der menschlichen Erkenntnis überhaupt zu suchen ist, und insofern wird unsere Untersuchung eine transzendentale Erörterung des Begriffs von einer Materie überhaupt sein.
Hier sind nun zweierlei Wege möglich. Entweder man analysiert den Begriff der Materie selbst und zeigt etwa, daß sie überhaupt gedacht werden muß als etwas, das den Raum, jedoch unter bestimmten Schranken, erfüllt, daß wir also als Bedingung ihrer Möglichkeit voraussetzen müssen eine Kraft, die den Raum erfüllt, und eine andere jener entgegengesetzte, die dem Raum Grenze und Schranke gibt. Allein bei diesem, sowie bei allem analytischen Verfahren, geschleift es nur gar zu leicht, daß die Notwendigkeit, die der Begriff ursprünglich mit sich führt, unter der Hand verschwindet, und daß man durch die Leichtigkeit, ihn in seine Bestandteile aufzulösen, verführt wird, ihn selbst als einen willkürlichen, selbstgemachten Begriff zu betrachten, so daß ihm am Ende keine andere, als bloß logische Bedeutung übrig bleibt.
Sicherer also ist es, man läßt den Begriff vor seinen Augen gleichsam entstehen, und findet so in seinem Ursprung selbst den Grund seiner Notwendigkeit. Dies ist das synthetische Verfahren.
Da wir deshalb genötigt sind, zu philosophischen Grundsätzen aufzusteigen, so ist es nützlich, ein für allemal die Prinzipien aufzustellen, auf welche wir im Fortgang unserer Untersuchungen immer zurückkommen werden. Denn ich erinnere, daß es nicht allein um den Begriff der (toten) Materie zu tun[310] ist, sondern daß viel weiter entfernte Begriffe uns erwarten, auf welche alle sich der Einfluß jener Prinzipien erstrecken muß. Die tote Materie ist nur die erste Staffel der Wirklichkeit, über welche wir allmählich bis zur Idee einer Natur emporsteigen. Diese ist das letzte Ziel unserer Untersuchungen, das wir schon jetzt im Auge haben müssen.
Die Frage ist: Woher die Begriffe von attraktiver und repulsiver Kraft der Materie? – Aus Schlüssen, antwortet man vielleicht, und glaubt die Sache damit auf einmal geendet zu haben. Die Begriffe von jenen Kräften verdanke ich allerdings den Schlüssen, die ich gemacht habe. Allein Begriffe sind nur Schattenrisse der Wirklichkeit. Sie entwirft ein dienstbares Vermögen, der Verstand, der erst dann eintritt, wenn die Wirklichkeit schon da ist, der nur auffaßt, begreift, festhält, was nur ein schöpferisches Vermögen hervorzubringen imstande war. Weil der Verstand alles, was er tut, mit Bewußtsein tut (daher der Schein seiner Freiheit), so wird unter seinen Händen alles – und die Wirklichkeit selbst – ideal; der Mensch, dessen ganze Geisteskraft auf das Vermögen, sich Begriffe zu machen und Begriffe zu analysieren, zurückgekommen ist, kennt keine Realität, die bloße Frage danach dünkt ihm Unsinn115 Der bloße Begriff ist ein Wort ohne Bedeutung, ein Schall für das Ohr, ohne Sinn für den Geist. Alle Realität, die ihm zukommen kann, leiht ihm doch nur die Anschauung, die ihm voranging. Und[311] deswegen kann und soll im menschlichen Geist Begriff und Anschauung, Gedanke und Bild nie getrennt sein.
Wenn unser ganzes Wissen auf Begriffen beruhte, so wäre keine Möglichkeit da, uns von irgend einer Realität zu überzeugen. Daß wir anziehende und zurückstoßende Kräfte uns Vorstellen – oder auch wohl nur uns vorstellen können – macht sie höchstens zu einem Gedankenwerk. Aber wir behaupten, die Materie sei außer uns wirklich, und der Materie selbst, insofern sie außer uns wirklich (nicht bloß in unsern Begriffen vorhanden) ist, kommen anziehende und zurückstoßende Kräfte zu.
Nichts aber ist für uns wirklich, als was uns, ohne alle Vermittlung durch Begriffe, ohne alles Bewußtsein unserer Freiheit, unmittelbar gegeben ist. Nichts aber gelangt unmittelbar zu uns anders als durch die Anschauung, und deswegen ist Anschauung das Höchste in unserem Erkenntnis. In der Anschauung selbst also müßte der Grund liegen, warum der Materie jene Kräfte notwendig zukommen. Es müßte sich aus der Beschaffenheit unserer äußeren Anschauung dartun lassen, daß, was Objekt dieser Anschauung ist, als Materie, d.h. als Produkt anziehender und zurückstoßender Kräfte angeschaut werden muß. Sie wären also Bedingungen der Möglichkeit äußerer Anschauung, und daher stammte eigentlich die Notwendigkeit, mit der wir sie denken.
Damit kommen wir nun auf die Frage zurück: Was ist Anschauung? Die Antwort darauf gibt die reine theoretische Philosophie; hier, da es um ihre Anwendung zu tun ist, können nur ihre Resultate kurz wiederholt werden.
Der Anschauung, sagt man, muß vorangehen ein äußerer Eindruck. – Woher dieser 116Eindruck? – Davon späterhin. Wichtiger[312] für unsern Zweck ist es, zu fragen: wie ein Eindruck auf uns möglich sei. Auch auf die tote Masse, von der jener Ausdruck hergenommen ist, kann nicht gewirkt werden, es sei denn, daß sie zurückwirke. Aber auf mich soll nicht gewirkt werden, wie auf die tote Materie, sondern diese Wirkung soll zum Bewußtsein kommen. Ist dies, so muß der Eindruck nicht nur auf eine ursprüngliche Tätigkeit in mir geschehen, sondern diese Tätigkeit muß auch nach dem Eindruck noch frei bleiben, um ihn zum Bewußtsein erheben zu können.
Es gibt Philosophen, die das Wesen (die Tiefen) der Menschheit erschöpft zu haben glauben, wenn sie alles in uns auf Denken und Vorstellen zurückführen. Allein man begreift nicht, wie für ein Wesen, das ursprünglich nur denkt und vorstellt, irgend etwas außer ihm Realität haben könne. Für ein solches Wesen müßte die ganze wirkliche Welt (die doch nur in seinen Vorstellungen da ist) ein bloßer Gedanke sein. Daß etwas ist, und unabhängig von mir ist, kann ich nur dadurch wissen, daß ich mich schlechterdings genötigt fühle, dieses Etwas mir vorzustellen, wie kann ich aber diese Nötigung fühlen, ohne das gleichzeitige Gefühl, daß ich in Ansehung alles Vorstellens ursprünglich frei bin, und daß Vorstellen nicht mein Wesen selbst, sondern nur eine Modifikation meines Seins ausmacht.
Nur einer freien Tätigkeit in mir gegenüber nimmt, was frei auf mich wirkt, die Eigenschaften der Wirklichkeit an; nur an der ursprünglichen Kraft meines Ich bricht sich die Kraft einer Außenwelt. Aber umgekehrt auch (sowie der Lichtstrahl nur an Körpern zur Farbe wird)117 wird die ursprüngliche Tätigkeit in mir erst am Objekte zum Denken, zum selbstbewußten Vorstellen.
Mit dem ersten Bewußtsein einer Außenwelt ist auch das Bewußtsein meiner selbst da, und umgekehrt, mit dem ersten Moment[313] meines Selbstbewußtseins tut sich die wirkliche Welt vor mir auf. Der Glaube an die Wirklichkeit außer mir entsteht und wächst mit dem Glauben an mich selbst; einer ist so notwendig als der andere; beide – nicht spekulativ getrennt, sondern in ihrer vollsten, innigsten Zusammenwirkung – sind das Element meines Lebens und meiner ganzen Tätigkeit.
Es gibt Menschen, welche glauben, daß man sich der Wirklichkeit nur durch die absoluteste Passivität versichern könne. Allein dies ist der Charakter der Menschheit (wodurch sie sich von der Tierheit scheidet), daß sie das Wirkliche nur in dem Maße erkennt und genießt, als sie imstande ist sich darüber zu erheben. Auch spricht die Erfahrung laut dagegen, die an vielfachen Beispielen zeigt, daß in den höchsten Momenten der Anschauung, des Erkennens und des Genusses Tätigkeit und Leiden in vollster Wechselwirkung sind, denn daß ich leide, weiß ich nur dadurch, daß ich tätig bin, und daß ich tätig bin nur dadurch, daß ich leide. Je tätiger der Geist, desto höher der Sinn, und umgekehrt, je dumpfer der Sinn, desto niedergedrückter der Geist. Wer anders ist, schaut auch anders an, und wer anders anschaut, ist auch anders. Der freie Mensch allein weiß, daß eine Welt außer ihm ist; dem andern ist sie nichts, als ein Traum, aus dem er niemals erwacht.
Allem Denken und Vorstellen in uns geht also notwendig voran eine ursprüngliche Tätigkeit, die, weil sie allem Denken vorangeht, insofern schlechthin – unbestimmt und unbeschränkt ist. Erst nachdem ein Entgegengesetztes da ist, wird sie beschränkte, und eben deswegen bestimmte (denkbare) Tätigkeit. Wäre diese Tätigkeit unseres Geistes ursprünglich beschränkt (so wie es die Philosophen sich einbilden, die alles auf Denken und Vorstellen zurückführen), so könnte der Geist niemals sich beschränkt fühlen. Er fühlt seine Beschränktheit nur, insofern er zugleich seine ursprüngliche Unbeschränktheit fühlt118
Auf diese ursprüngliche Tätigkeit nun wirkt – (so scheint es uns wenigstens von dem Standpunkte aus, auf welchem wir hier[314] stehen) – eine ihr entgegengesetzte bis jetzt gleichfalls völlig unbestimmte Tätigkeit, und so haben wir zwei einander widersprechende Tätigkeiten als notwendige Bedingungen der Möglichkeit einer Anschauung.
Woher jene entgegengesetzte Tätigkeit? – Diese Frage ist ein Problem, das wir ins Unendliche fort aufzulösen streben müssen, aber nie real auflösen werden. Unser gesamtes Wissen und mit ihm die Natur in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit entsteht aus unendlichen Approximationen zu jenem x, und nur in unserm ewigen Bestreben, es zu bestimmen, findet die Welt ihre Fortdauer. – Damit ist uns unsere ganze weitere Bahn vorgezeichnet. Unser ganzes Geschäft wird nichts sein, als ein fortgehender Versuch, jenes x zu bestimmen, oder vielmehr, unsern eigenen Geist in seinen unendlichen Produktionen zu verfolgen. Denn darin liegt das Geheimnis unserer geistigen Tätigkeit, daß wir genötigt sind, uns ins Unendliche fort einem Punkt anzunähern, der ins Unendliche fort jeder Bestimmung entflieht. Es ist der Punkt, gegen welchen hin unser ganzes geistiges Bestreben gerichtet ist, und der sich eben deswegen immer weiter entfernt, je näher wir ihm zu kommen versuchen. Hätten wir ihn je erreicht, so sänke das ganze System unseres Geistes – diese Welt, die nur im Streit entgegengesetzter Bestrebungen ihre Fortdauer findet – ins Nichts zurück, und das letzte Bewußtsein unserer Existenz verlöre sich in seiner eigenen Unendlichkeit.
Als der erste Versuch, jenes x zu bestimmen, wird sich uns bald der Begriff von Kraft zeigen. Die Objekte selbst können wir nur als Produkte von Kräften betrachten, und damit verschwindet von selbst das Hirngespinst von Dingen an sich, die die Ursachen unserer Vorstellung sein sollten. – Überhaupt, was vermag auf den Geist zu wirken, als er selbst, oder was seiner Natur verwandt ist. Darum ist es notwendig, die Materie als ein Produkt von Kräften vorzustellen; denn Kraft allein ist das Nichtsinnliche an den Objekten, und nur was ihm selbst analog ist, kann der Geist sich gegenüberstellen.
Ist nun die erste Einwirkung geschehen, was erfolgt? – Durch jene Einwirkung kann die ursprüngliche Tätigkeit nicht vernichtet, sie kann nur beschränkt, oder wenn man einen[315] zweiten Ausdruck aus der Erfahrungswelt entlehnen will, reflektiert werden. Aber der Geist soll sich als beschränkt fühlen, und dies kann er nicht, ohne daß er fortfahre überhaupt frei zu handeln und auf den Punkt jenes Widerstands zurückzuwirken.
Im Gemüte sind also vereinigt Tätigkeit und Leiden, eine ursprünglich-freie, und insofern unbeschränkte Tätigkeit nach außen, und eine andere, dem Gemüt abgedrungene (reflektierte) Tätigkeit auf sich selbst. Die letztere kann man betrachten als die Schranke der erstern. Jede Schranke aber ist nur als Negation eines Positiven denkbar. Also ist jene Tätigkeit positiver, diese negativer Art. Jene äußert sich völlig unbestimmt und geht insofern ins Unendliche, diese gibt jener Ziel, Grenze und Bestimmtheit und geht insofern notwendig auf ein Endliches.
Soll das Gemüt sich als beschränkt fühlen, so muß es diese zwei entgegengesetzten Tätigkeiten, die unbeschränkte und die beschränkende, frei zusammenfassen. Nur indem es diese auf jene und umgekehrt bezieht, fühlt es seine jetzige Beschränktheit zugleich mit seiner ursprünglichen Unbeschränktheit.
Wenn also das Gemüt, Tätigkeit und Leiden in sich, positive und negative Tätigkeit in Einem Momente zusammenfaßt, was wird das Produkt dieser Handlung sein119?
Das Produkt entgegengesetzter Tätigkeiten ist immer etwas Endliches. Das Produkt wird also ein endliches Produkt sein.
Ferner, das gemeinschaftliches Produkt unbeschränkter und beschränkender Tätigkeit sein soll, so wird es vorerst in[316] sich begreifen eine Tätigkeit, die an sich (ihrer Natur nach) nicht beschränkt ist, sondern, wenn sie beschränkt werden soll, erst durch ein Entgegenstrebendes beschränkt werden muß. Das Produkt aber soll ein Endliches – soll ein gemeinschaftliches Produkt entgegengesetzter Tätigkeiten sein, also wird es auch die entgegengesetzte Tätigkeit enthalten, welche ursprünglich und ihrer Natur nach beschränkend ist. So, durch Zusammenwirkung einer ursprünglich-positiven und einer ursprünglich-negativen Tätigkeit, wird das gemeinschaftliche Produkt entstehen, das wir suchten.
Man bemerke noch folgendes: Die negative Tätigkeit, die ursprünglich und ihrer Natur nach für uns nur beschränkende Tätigkeit ist, kann gar nicht handeln, ohne daß ein Positives vorhanden sei, das sie beschränkt. Aber ebenso ist die positive Tätigkeit nur positiv im Gegensatz gegen eine ursprüngliche Negation. Denn wäre sie absolut (schrankenlos), so könnte sie selbst nur noch negativ (als absolute Negation aller Negation) vorgestellt werden. Beide also, unbeschränkte und beschränkende Tätigkeit, setzen jede ihr Entgegengesetztes voraus. In jenem Produkt also müssen beide Tätigkeiten mit gleicher Notwendigkeit vereinigt sein.
Jene Handlung des Geistes nun, in welcher er aus Tätigkeit und Leiden – aus unbeschränkter und beschränkender Tätigkeit in sich selbst ein gemeinschaftliches Produkt schafft, heißt – Anschauung.
Also – dies ist der Schluß, den wir aus dem Bisherigen zu ziehen berechtigt sind – das Wesen der Anschauung, das, was die Anschauung zur Anschauung macht, ist, daß in ihr absolut-entgegengesetzte, wechselseitig sich beschränkende Tätigkeiten vereinigt sind. Oder anders ausgedrückt: Das Produkt der Anschauung ist notwendig ein endliches, das aus entgegengesetzten, wechselseitig sich beschränkenden Tätigkeiten 120hervorgeht.[317]
Daraus ist klar, warum Anschauung nicht – wie viele vorgebliche Philosophen sich einbilden – die unterste – sondern die erste Stufe des Erkennens, das Höchste im menschlichen Geiste, dasjenige ist, was eigentlich seine Geistigkeit ausmacht. Denn ein Geist ist, was aus dem ursprünglichen Streite seines Selbstbewußtseins eine objektive Welt zu schaffen und dem Produkt in diesem Streit selbst Fortdauer zu geben vermag. – Im toten Objekt ruht alles, in ihm herrscht kein Streit, sondern ewiges Gleichgewicht. Wo physische Kräfte sich entzweien, bildet sich allmählich belebte Materie; in diesem Kampf entzweiter Kräfte dauert das Lebendige fort, und darum allein betrachten wir es als ein sichtbares Analogen des Geistes. Im geistigen Wesen aber ist ein ursprünglicher Streit entgegengesetzter Tätigkeiten, aus diesem Streit erst geht – (eine Schöpfung aus Nichts) – hervor eine wirkliche Welt. Mit dem unendlichen Geist erst ist auch eine Welt (der Spiegel seiner Unendlichkeit) da, und die ganze Wirklichkeit ist doch nichts anders, als jener ursprüngliche Streit in unendlichen Produktionen und Reproduktionen. Kein objektives Dasein ist möglich, ohne daß es ein Geist erkenne, und umgekehrt: kein Geist ist möglich, ohne daß eine Welt für ihn daseie.
Vorausgesetzt also wird jetzt, daß Anschauung selbst unmöglich ist, ohne ursprünglich-streitende Tätigkeiten, und umgekehrt, daß der Geist nur in der Anschauung den ursprünglichen Streit seines Selbstbewußtseins zu enden vermöge121.[318]
Von selbst ist nun klar, daß auch das Produkt der Anschauung jene entgegengesetzte Tätigkeiten in sich vereinigen muß. Nur weil es ein schöpferisches Vermögen in uns aus diesem Streit hervorgehen ließ, kann es nun der Verstand auffassen als ein Produkt, das, unabhängig von ihm, durch den Zusammenstoß entgegengesetzter Kräfte wirklich geworden ist. Dieses Produkt ist also nicht da durch Zusammensetzung seiner Teile, sondern umgekehrt, seine Teile sind da, erst nachdem das Ganze – jetzt erst ein mögliches Objekt des teilenden Verstandes – durch ein schöpferisches Vermögen (das nur ein Ganzes hervorbringen kann) wirklich geworden ist. – Und so gehen wir der bestimmten Ableitung der dynamischen Grundsätze entgegen.[319]
Fußnoten
115 In unserem Zeitalter wurde zuerst – in ihrer höchsten Allgemeinheit und Bestimmtheit – die Frage aufgeworfen: Woher stammt eigentlich das Reale in unsern Vorstellungen? Wie kommt es, daß wir von einem Dasein außer uns, obgleich es nur durch unsere Vorstellung uns kund wird, doch so unüberwindlich und unerschütterlich fest überzeugt sind, als von unserem eigenen Dasein? – Man hätte denken sollen, daß, wer diese Frage unnütz glaubte, sich enthalten würde, darüber mitzusprechen. Keineswegs! Man hat diese Frage als eine bloß spekulative vorzustellen gesucht. Sie ist aber eine Frage, die den Menschen angeht, und auf die nur ein bloß spekulatives Wissen nicht führt. »Wer nichts Reales in sich und außer sich fühlt und erkennt, – wer überhaupt nur von Begriffen lebt und mit Begriffen spielt – wem seine eigene Existenz selbst nichts als ein matter Gedanke ist, wie kann der doch über Realität (der Blinde über die Farben) sprechen?«
116 Allein enthalten kann ich mich doch nicht, schon hier zu fragen, was dieser Ausdruck bedeuten soll. Menschenalter hindurch sind oft Ausdrücke im Gebrauch, an deren Realität kein Mensch zweifelt – gewöhnlich weit größere Hindernisse des Fortschreitens, als selbst falsche Begriffe, die nicht so fest wie Worte dem Gedächtnis anhängen.
117 Dieses Bild ist uralt – (derselbe Philosoph, der es brauchte, sagte das treffliche Wort: logou archê ou logos, alla ti kreitton) – Es gibt noch andere nahe liegende Dinge, die man zur Erläuterung des Obigen brauchen kann. So wird der freie Wille, nur an fremdem Willen gebrochen, zum Recht usw.
118 Liegt hier die Quelle der platonischen Mythen?
119 Es kann Leser geben, die sich entgegengesetzte Tätigkeiten in uns etwa noch denken können, die aber nie gefühlt haben, daß auf jenem ursprünglichen Streit in uns selbst das ganze Triebwerk unserer geistigen Tätigkeit beruht. Diese werden nun nicht begreifen können, wie aus zwei bloß gedachten Tätigkeiten etwas anderes, als wiederum etwas bloß Gedachtes entstehe. Darin haben sie auch vollkommen Recht. – Hier aber ist die Rede von entgegengesetzten Tätigkeiten in uns, insofern sie gefühlt und empfunden werden. Und aus diesem gefühlten und ursprüng lich-empfundenen Streit in uns selbst, wollen wir, daß das Wirkliche hervorgehe.
120 Diese ganze Ableitung folgt den Grundsätzen einer Philosophie, die, bewundernswürdig wegen des Umfangs und der Tiefe ihrer Untersuchungen, nachdem sie durch eine Menge großenteils schlechter Schriften, die sich ewig in denselben Worten und Zirkeln herumdrehten, ihrem Buchstaben nach sattsam bekannt gemacht war, endlich einen selbsttätigeren Interpreten fand, der dadurch, daß er es zuerst unternahm, ihren Geist darzustellen, der zweite Schöpfer dieser Philosophie wurde. Aber bis jetzt noch haben nur parteiische, oder geistesschwache, oder endlich gar spaßhafte Schriftsteller – ihr respektives Urteil über diese Unternehmung dem Publikum vorgelegt. –
121 Dies bestätigt die gemeinste Aufmerksamkeit auf das, was beim Anschauen vorgeht. – Was man beim Anblick von Gebirgen, die in die Wolken sich verlieren, beim donnernden Sturz einer Katarakte, überhaupt bei allem, was groß und herrlich ist in der Natur, empfindet – jenes Anziehen und Zurückstoßen zwischen dem Gegenstand und dem betrachtenden Geist, jenen Streit entgegengesetzter Richtungen, den erst die Anschauung endet – alles das geht, nur transzendental und bewußtlos, bei der Anschauung über haupt vor. – Diejenigen, die so etwas nicht begreifen, haben gewöhnlich nichts vor sich, als ihre kleinen Gegenstände – ihre Bücher, ihre Papiere und ihren Staub. Wer wollte aber auch Menschen, deren Einbildungskraft durch Gedächtniskram, tote Spekulation, oder Analyse abstrakter Begriffe ertötet ist – wer, wissenschaftlich – oder gesellschaftlich – verdorbene Menschen – der menschlichen Natur (so reich, so tief, so kraftvoll in sich selbst) zum Maßstab aufdringen? Jenes Vermögen der Anschauung zu üben, muß der erste Zweck jeder Erziehung sein. Denn sie ist das, was den Menschen zum Menschen macht. Keinem Menschen, die Blinden ausgenommen, kann man absprechen, daß er sieht. Aber daß er mit Bewußtsein anschaue, dazu gehört ein freier Sinn und ein geistiges Organ, das so vielen versagt ist.
Zusatz. Die Konstruktion der Materie
Die Konstruktion der Materie.
(Zusatz zum vierten Kapitel.)
Keine Untersuchung war für die Philosophen jeder Zeit von so vielem Dunkel umgeben, als die über das Wesen der Materie. Und dennoch ist die Einsicht in dasselbe notwendig zur wahren Philosophie, sowie alle falschen Systeme gleich anfangs an dieser Klippe scheitern. Die Materie ist das allgemeine Samenkorn des Universums, worin alles verhüllt ist, was in den spätern Entwicklungen sich entfaltet. »Gebt mir einen Atom der Materie, könnte[319] der Philosoph und Physiker sagen, und ich lehre euch, das Universum daraus zu begreifen.« Die große Schwierigkeit dieser Untersuchung könnte man auch schon daraus schließen, daß von dem Anbeginn der Philosophie an bis auf die heutige Zeit, zwar in sehr verschiedenen Formen, aber doch immer erkennbar genug, in bei weitem den meisten sogenannten Systemen die Materie als ein bloß Gegebenes angenommen, oder als eine Mannigfaltigkeit postuliert wurde, die man der obersten Einheit als vorhandenen Stoff unterlegen müßte, um aus ihrer Wirkung auf denselben das geformte Universum zu begreifen. So gewiß es ist, daß alle diese Systeme, die den Gegensatz, um welchen sich die ganze Philosophie bewegt, gerade in seinen äußersten Grenzen unaufgehoben und absolut bestellend, zurücklassen, auch nicht einmal die Idee oder Aufgabe der Philosophie erreicht haben, so offenbar ist von der andern Seite, daß das in allen bisherigen Systemen der Philosophie, auch denjenigen, welche das Urbild des Wahren mehr oder weniger ausdrücken, noch unentwickelte und nur unvollkommen begriffene Verhältnis der absoluten Welt zur Erscheinungswelt, der Ideen zu den Dingen, auch die Keime der wahren Einsicht in das Wesen der Materie, die in ihnen enthalten sind, unerkennbar gemacht hat.
Auch die Materie, wie alles was ist, strömt von dem ewigen Wesen aus, und ist eine, in der Erscheinung zwar nur indirekte und mittelbare, Wirkung der ewigen Subjekt-Objektivierung und der Einbildung seiner unendlichen Einheit in die Endlichkeit und die Vielheit. Aber jene Einbildung in der Ewigkeit enthält nichts von der Leiblichkeit oder der Materialität der erscheinenden Materie, sondern diese ist das An-sich jener ewigen Einheit, aber erscheinend durch sich selbst als bloß relative Einheit, in welcher sie die leibliche Form annimmt. Das An-sich erscheint uns durch einzelne wirkliche Dinge, insofern wir selbst nur in diesem Akt der Einbildung als Einzelheiten oder Durchgangspunkte liegen, an welchen der ewige Strom von dem, was in ihm absolute Identität ist, so viel absetzt, als mit ihrer Besonderheit verknüpft ist; denn insofern erkennen wir auch das An-sich nur in der Einen Richtung, das heißt, wir erkennen es überhaupt[320] nicht, da es nur der ewige Erkenntnisakt nach seinen zwei ungeteilten Seiten und als absolute Identität ist.
Die Materie, absolut betrachtet, ist also nichts anders als die reale Seite des absoluten Erkennens, und als solche eins mit der ewigen Natur selbst, in welcher der Geist Gottes auf ewige Art die Unendlichkeit in der Endlichkeit wirkt; insofern verschließt sie in sich, als die ganze Eingebärung der Einheit in die Differenz, wieder alle Formen, ohne selbst irgend einer gleich oder ungleich zu sein, und ist, als das Substrat aller Potenzen, selbst keine Potenz. Das Absolute würde sich wahrhaft teilen, wenn es nicht auch in der realen Einheit mit dieser zugleich die ideale und die, worin beide eins sind, abbildete, denn nur diese ist das wahre Gegenbild von ihm selbst. So wenig als das Absolute in der Materie (der realen Seite des ewigen Produzierens) sich teilt, so wenig kann sich auch die Materie teilen, indem eben, sowie das Absolute in ihr, so sie sich nun wieder, als das An-sich, durch die einzelnen Potenzen in ihr symbolisiert, daher, in welcher Potenz sie auch erscheine, sie doch immer und notwendig wieder als das Ganze (der drei Potenzen) erscheint.
Die erste Potenz nun innerhalb der Materie ist die Einbildung der Einheit in die Vielheit, als relative Einheit oder in der Unterscheidbarkeit, und als diese eben ist sie die Potenz der erscheinenden Materie rein als solcher. Das An-sich, das in diese Form der relativen Einheit sich einsenkt, ist wiederum die absolute Einheit selbst, nur daß sie in der Unterordnung unter die Potenz, deren Herrschendes Differenz, Nicht-Identität ist (denn in jeder Potenz herrscht das, was das andere aufnimmt), aus der absoluten Einheit in das Außer-einander als Tiefe sich bildet und als dritte Dimension erscheint. Von diesem Realen der Erscheinung sind nun wieder die beiden Einheiten, die erste der Einpflanzung der Einheit in die Differenz, welche die erste, die andere der Zurückbildung der Differenz in die Einheit, welche die zweite Dimension bestimmt, die idealen Formen, welche in der vollkommenen Produktion der dritten Dimension als indifferenziert erscheinen.
Dieselben Potenzen sind auch in der entsprechenden Potenz[321] der idealen Reihe, aber sie sind dort als Potenzen eines Erkenntnisaktes, anstatt daß sie hier in ein Anderes, nämlich in ein Sein verstellt erscheinen.
Die erste, welche Einbildung des Unendlichen ins Endliche ist, ist im Idealen Selbstbewußtsein, welches die lebendige Einheit in der Vielheit ist, die im Realen gleichsam getötet, ausgedrückt im Sein, als Linie, reine Länge erscheint.
Die zweite, welche die entgegengesetzte der ersten, erscheint im Idealen als Empfindung, im Realen ist sie die objektiv gewordene, gleichsam erstarrte Empfindung, das reine Empfindbare, Qualität.
Die beiden ersten Dimensionen an den körperlichen Dingen verhalten sich wie Quantität und Qualität, die erste ist ihre Bestimmung für die Reflexion oder den Begriff, die andere für das Urteil. Die dritte, welche im Idealen Anschauung ist, ist die Setzende der Relation, die Substanz ist die Einheit als Einheit selbst, das Akzidenz ist die Form der beiden Einheiten.
Die drei Potenzen in beiden Reihen sind eins: der ewige Erkenntnisakt läßt in der einen nur die rein-reale, in der andern die rein-ideale Seite, aber eben deswegen in beiden das Wesen nur in der Form der Erscheinung zurück. Daher ist die Natur nur die zu einem Sein erstarrte Intelligenz, ihre Qualitäten sind die zu einem Sein erloschenen Empfindungen, die Körper ihre gleichsam getöteten Anschauungen. Das höchste Leben verhüllt sich hier in den Tod und bricht nur erst durch viele Schranken wieder hindurch zu sich selbst. Die Natur ist die plastische Seite des Universums, auch die bildende Kunst tötet ihre Ideen und verwandelt sie in Leiber.
Es ist zu bemerken, daß die drei Potenzen nicht als nacheinander, sondern in ihrem Zugleichsein aufgefaßt werden müssen. Die dritte Dimension ist dritte und als solche reale, nur inwiefern sie selbst in der Unterordnung unter die erste (als relative Einpflanzung der Einheit in die Vielheit) gesetzt ist, und hinwiederum können die beiden ersten als Formbestimmungen nur an der dritten hervortreten, welche insofern wieder die erste ist.[322]
Hier ist noch vom Verhältnis der Materie und des Raums zu reden. Denn eben weil in jener zwar das Ganze, aber doch nur in die relative Einheit der Einheit und der Vielheit, sich einsenkt und nur das absolut-Reale auch das absolut-Ideale ist, erscheint dieses für die gegenwärtige Potenz als unterschieden vom Realen, als das, worin dieses ist, aber eben deswegen, weil dieses Ideale nur seinerseits ohne Realität ist, erscheint es auch als bloß-Ideales, als Raum.
Hieraus erhellt, daß die Materie wie der Raum, jedes bloße Abstraktionen sind, daß eines die Unwesenheit des andern beweiset und dagegen in der Identität oder gemeinschaftlichen Wurzel beider, eben weil sie nur als Gegensätze sind, was sie sind, das eine nicht Raum, das andere nicht Materie sei.
Wer nach den weiteren Ausführungen dieser Konstruktion verlangt, findet sie in den mehrmals angezeigten Schriften, vornehmlich aber in den Darstellungen aus dem System. der Philosophie im 2. Heft des l. Bands der Neuen Zeitschrift für spekulative Physik.[323]
Fünftes Kapitel.
Grundsätze der Dynamik
In der Anschauung selbst war ein steter Wechsel und ein stetes Zusammentreffen entgegengesetzter Tätigkeiten. Diesen Wechsel endet der Geist dadurch, daß er frei, wie er ist, zu sich selbst zurückkehrt. Jetzt tritt er wieder in seine Rechte ein, er fühlt sich als freies, selbständiges Wesen. Dies kann er aber nicht, ohne zugleich dem Produkt, das ihn gefesselt hielt, Selbstdasein und Unabhängigkeit zu geben. Jetzt zuerst stellt er sich, als freies, betrachtendes Wesen dem Wirklichen gegenüber, und jetzt zuerst steht es als Objekt vor dem Richterstuhl des Verstandes. Subjektive und objektive Welt scheiden sich; die Anschauung wird Vorstellung.[323]
Aber122 in dem Objekt sind zugleich jene entgegengesetzten Tätigkeiten, aus denen es in der Anschauung hervorging, permanent geworden. Der geistige Ursprung des Objekts liegt jenseits des Bewußtseins. Denn mit ihm erst entstand das Bewußtsein. Es erscheint daher als etwas, das völlig unabhängig von unserer Freiheit da ist. Jene entgegengesetzten Tätigkeiten also, die die Anschauung in ihm vereinigt hat, erscheinen als Kräfte, die dem Objekt an sich selbst, ohne allen Bezug auf ein mögliches Erkenntnis, zu kommen. Für den Verstand sind sie etwas bloß Gedachtes und durch Schlüsse Gefundenes. Aber er setzt sie als reell voraus, weil sie aus der Natur unseres Geistes und der Anschauung selbst notwendig hervorgehen.
Hier ist nun der Ort, dem Begriff von Grundkräften der Materie seine Realität, aber auch seine Schranken zu sichern. Kraft überhaupt ist ein bloßer Begriff des Verstandes, also etwas, was unmittelbar gar kein Gegenstand der Anschauung sein kann. Dadurch ist diesem Begriff nicht nur sein Ursprung, sondern auch sein Gebrauch angewiesen. – Aus dem Verstände entsprungen, läßt er völlig unbestimmt, was ursprünglich auf uns gewirkt hat. Denn er gilt nur von dem Produkt der Anschauung, insofern ihm der Verstand Substantialität (Selbstdasein) gegeben hat. Das Produkt der Anschauung selbst aber ist nichts Ursprüngliches, sondern ein gemeinschaftliches Produkt objektiver und subjektiver Tätigkeit (so drücken wir uns der Kürze halber aus, nachdem die Sache selbst deutlich genug gemacht ist, um möglichen Mißverständnissen vorzubeugen). Die Grundkräfte der Materie sind also nichts weiter, als der Ausdruck jener ursprünglichen Tätigkeiten für den Verstand, die Reflexion, nicht das wahre An-sich, welches nur in der Anschauung ist;123 und so wird es uns leicht werden, sie vollends ganz zu bestimmen.
Die eine jener Tätigkeiten, welche die Anschauung vereinigt[324] hat, ist ursprünglich positiv, ihrer Natur nach unbeschränkt; nur durch eine entgegengesetzte Tätigkeit beschränkbar. Die Kraft also, welche ihr im Objekt entspricht, wird gleichfalls eine positive Kraft sein, die, wenn sie auch beschränkt ist, wenigstens gegen die Beschränkung ein Bestreben äußert, das unendlich ist, und durch keine entgegengesetzte Kraft je völlig aufgehoben oder vernichtet werden kann. Dieser Grundkraft der Materie also kann ich mich nicht anders versichern, als dadurch, daß ich entgegengesetzte Kräfte auf sie handeln lasse. Das Bestreben nun, das sie gegen solche Kräfte äußert, kündigt sich, wenn ich selbst diese Kraft anwende, meinem Gefühle als eine zurücktreibende, repellierende Kraft an. Diesem Gefühl gemäß schreibe ich der Materie überhaupt zu eine repulsive Kraft, das Bestreben aber, das sie jeder auf sie wirkenden Kraft entgegensetzt, denke ich als Undurchdringlichkeit, und diese nicht als absolut, sondern als unendlich (dem Grade nach).
Die andere ursprüngliche Tätigkeit ist beschränkend, ursprünglich-negativ, und in dieser Eigenschaft gleichfalls unendlich.
Die Kraft also, die ihr im Objekt entspricht, muß gleichfalls negativer Art und ursprünglich beschränkend sein. Da sie nur im Gegensatz gegen eine positive Kraft Wirklichkeit hat, so muß sie der repulsiven geradezu entgegengesetzt, d.h. sie muß attraktive Kraft sein.
Ferner: die ursprüngliche Tätigkeit des menschlichen Geistes ist völlig unbestimmt; sie hat keine Grenze, also auch keine bestimmte Richtung, oder vielmehr, sie hat alle möglichen Richtungen, die nur noch nicht unterschieden werden können, so lange sie alle gleich unendlich sind. Wird aber die ursprüngliche Tätigkeit durch die entgegengesetzte beschränkt, so werden alle jene Richtungen endliche, bestimmte Richtungen, und die ursprüngliche Tätigkeit handelt jetzt nach allen möglichen bestimmten Richtungen. Diese Handlungsweise des Geistes, allgemein aufgefaßt, gibt den Begriff vom Raum, der nach drei Dimensionen ausgedehnt ist.
Dies angewandt auf die repulsive Kraft, gibt den Begriff[325] von einer Kraft, die nach allen möglichen Richtungen handelt, oder was dasselbe ist, den Raum nach drei Dimensionen zu erfüllen strebt.
Eine ursprünglich-negative Kraft hat, als solche, gar keine Richtung. Denn insofern sie schlechthin beschränkend ist, ist sie in bezug auf den Raum Einem Punkte gleich. Insofern sie aber im Streit gedacht wird mit einer entgegengesetzten positiven Tätigkeit, ist ihre Richtung durch die letztere bestimmt. Umgekehrt aber kann auch die positive Tätigkeit auf die negative, nur nach dieser Einen Richtung zurückwirken. Und so haben wir eine Linie zwischen zwei Punkten, die vorwärts ebensogut als rückwärts beschrieben werden kann.
Diese Linie beschreibt auch der menschliche Geist wirklich im Zustand der Anschauung. Dieselbe Linie, in welcher seine ursprüngliche Tätigkeit reflektiert wurde, beschreibt er wieder, indem er auf den Punkt des Widerstands zurückwirkt. Diese Handlungsweise des menschlichen Geistes allgemein aufgefaßt, gibt den Begriff von Zeit, die nur nach Einer Dimension ausgedehnt ist.
Wendet man dies auf die attraktive Kraft der Materie an, so ist sie eine Kraft, die nur nach Einer Dimension wirkt, oder (anders ausgedrückt) eine Kraft, die für alle mögliche Linien ihrer Tätigkeit nur Eine Richtung hat. Diese Richtung gibt der idealische Punkt, in welchem man sich alle Teile der Materie vereinigt denken müßte, wenn die Anziehungskraft absolut wäre. Wäre die Materie in Einen mathematischen Punkt vereinigt, so wäre sie keine Materie mehr, der Raum hörte auf erfüllt zu sein. Insofern kann man die Attraktivkraft im Gegensatz gegen die Repulsivkraft (die den Raum zu erfüllen bestrebt ist), auch als eine solche beschreiben, die den Raum aufs Leere zurückzubringen bestrebt ist. Wenn jene aller Grenze schlechthin entgegenstrebt, so strebt diese umgekehrt alles auf absolute Grenze (den mathematischen Punkt) zurückzubringen. Jene, in ihrer Schrankenlosigkeit gedacht, wäre Raum ohne Zeit, Sphäre ohne Grenze, diese, gleichfalls schrankenlos, wäre Zeit ohne Raum, Grenze ohne Sphäre. Daher kommt es, daß Raum nur bestimmbar ist durch Zeit, und daß im unbestimmten,[326] absoluten Raum nichts nacheinander, alles nur zugleich gedacht werden kann. Daher ferner, daß Zeit nur durch Raum bestimmbar ist, daß in einer absoluten Zeit nichts außer-einander (alles in Einen Punkt) vereinigt gedacht werden muß.
Der Raum ist nichts anders als die unbestimmte Sphäre meiner geistigen Tätigkeit, die Zeit gibt ihr Grenze. Die Zeit dagegen ist, was an sich bloße Grenze ist und nur durch meine Tätigkeit Ausdehnung gewinnt.
Da nun jedes Objekt ein endliches, bestimmbares sein muß, so ist von selbst offenbar, daß es weder Grenze ohne Sphäre, noch Sphäre ohne Grenze sein kann. Wird es ein Gegenstand des Verstandes, so ist es die Repulsivkraft, die ihm Sphäre, und die Attraktivkraft, die ihm Grenze gibt. Beide sind also Grundkräfte, d.h. solche Kräfte der Materie, die, als notwendige Bedingungen ihrer Möglichkeit, aller Erfahrung und aller erfahrungsmäßigen Bestimmung vorangehen. Alles Objekt der äußern Sinne ist als solches notwendig Materie, d.h. ein durch anziehende und zurückstoßende Kräfte begrenzter und erfüllter Raum.
Nun sind wir mit unsern Untersuchungen bei dem Punkte angekommen, wo der Begriff von Materie einer analytischen Behandlung fähig wird, und die Grundsätze der Dynamik aus diesem Begriffe allein mit Fug und Recht abgeleitet werden können. Dieses Geschäft aber ist in Kants metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft mit einer solchen Evidenz und Vollständigkeit geschehen, daß hier nichts weiter zu leisten übrig ist. Folgende Sätze stehen also hier, teils des Zusammenhangs wegen, als Auszüge aus Kant, teils als zufällige Bemerkungen über die von ihm aufgestellten Grundsätze.
Die Materie erfüllt einen Raum nicht durch ihre bloße Existenz (denn dies annehmen, heißt alle weitere Untersuchung ein für allemal abschneiden), sondern durch eine ursprünglich-bewegende Kraft, durch welche erst die mechanische Bewegung der Materie möglich ist124. Oder vielmehr: Die Materie ist selbst nichts anders, als eine bewegende Kraft, und unabhängig von einer solchen, sie ist höchstens etwas bloß Denkbares,[327] aber nimmermehr etwas Reales, das Gegenstand einer Anschauung sein kann.
Dieser ursprünglich-bewegenden Kraft steht notwendig gegenüber eine andere gleichfalls ursprünglich-bewegende Kraft, die sich von jener nur durch die umgekehrte Richtung unterscheiden kann. Dies ist Anziehungskraft. Denn, hätte die Materie bloß repel lierende Kräfte, so würde sie sich ins Unendliche zerstreuen, und in keinem möglichen Raume wäre eine bestimmte Quantität Materie anzutreffen. Folglich würden alle Räume leer und eigentlich gar keine Materie da sein. Da nun repulsive Kräfte weder durch sich selbst (denn sie sind lediglich positiv), noch durch den leeren Raum (denn obgleich ausdehnende Kraft im umgekehrten Verhältnis des Raums schwächer wird, so ist doch kein Grad derselben der kleinstmögliche – quovis dabili minor) noch durch andere Materie (die wir noch nicht voraussetzen dürfen), ursprünglich beschränkt werden können, so muß eine ursprüngliche Kraft der Materie, welche in entgegengesetzter Direktion der repulsiven wirkt, d.h. eine Anziehungskraft angenommen werden, die nicht einer besondern Art von Materie, sondern der Materie überhaupt, als solcher, zukommt125.
Es fragt sich nun nicht weiter, warum diese zwei Grundkräfte der Materie notwendig sind. Die Antwort ist: weil ein Endliches überhaupt nur Produkt zweier entgegengesetzter Kräfte sein kann. Aber es fragt sich: wie Anziehungs- und Zurückstoßungskraft zusammenhangen, welche von beiden die ursprüngliche ist.
Die Zurückstoßungskraft haben wir bereits als positive, die entgegengesetzte als negative Kraft bestimmt. (Schon Newton erläuterte die Anziehungs kraft durch das Beispiel der negativen Größen in der Mathematik.) Daraus ist klar, daß, weil das Negative überhaupt in logischer Bedeutung nichts an sich selbst, sondern nur die Verneinung des Positiven ist (wie Schatten, Kälte usw.), die Zurückstoßungskraft der Anziehungskraft [328] logisch vorangehen muß. Allein die Frage ist, welche von beiden der andern in der Wirklichkeit vorangehe, und darauf ist die Antwort: keine von beiden; jede einzelne ist nur da, insofern ihre entgegengesetzte da ist, d.h. sie sind selbst in bezug aufeinander wechselseitig positiv und negativ, jede einzelne beschränkt notwendig die Wirkung der andern, und nur dadurch werden sie ursprüngliche Kräfte einer Materie.
Denn man nehme an, daß repulsive Kraft der negativen in der Wirklichkeit vorangehe, so ist doch Zurückstoßung nur zwischen zwei Punkten denkbar. Die Zurückstoßung läßt sich gar nicht anschaulich machen, ohne einen Punkt anzunehmen, von dem sie ausgeht, und der insofern ihre Grenze ist, und einen andern, auf den sie wirkt, gleichfalls ihre Grenze. Eine nach allen Richtungen hin grenzenlose Zurückstoßung ist gar kein Gegenstand möglicher Vorstellung mehr. Dieser Satz zeigt sich in den Anwendungen, welche die Physik davon macht, sehr deutlich. Die Zurückstoßungskraft der Körper, insofern sie ihren bestimmten Grad hat, heißt Elastizität. Allein die Physik läßt die Elastizität nur zwischen zwei Extremen zu (dem der unendlichen Ausdehnung und dem der unendlichen Zusammendrückung), wovon sie keines für real-möglich hält. Die Physik stellt von elastischen Flüssigkeiten, z.B. von der Luft, den Satz auf, daß ihre Elastizität im umgekehrten Verhältnis steht mit dem Raum, den sie einnimmt, oder, was dasselbe ist, im geraden Verhältnis mit der Zusammendrückung, die sie erleidet. Also muß sie auch den Satz annehmen, daß die Elastizität z.B. der Luft geringer wird im umgekehrten Verhältnisse des Raums, in dem sie sich ausdehnt. Auf diesen Voraussetzungen beruht der Mechanismus der Feder: denn es kann kein Druck auf sie ausgeübt werden, noch kann sie diesem entgegenwirken anders als im Verhältnis der Anziehung, die zwischen ihren einzelnen Teilen (denen, welche der Spitze des Winkels am nächsten sind) stattfindet. Also ist offenbar, daß die zurückstoßende Kraft selbst die anziehende voraussetzt; denn sie kann nur als zwischen Punkten wirkend vorgestellt werden. Diese aber (als Grenzen der Repulsivkraft) setzen eine entgegengesetzte anziehende Kraft voraus. Könnte die Materie je aufhören, unter sich zusammenzuhängen,[329] so hörte sie auch auf, sich zurückzustoßen, und die Repulsivkraft in ihrer Schrankenlosigkeit hebt sich selbst auf.
Daß attraktive Kraft der repulsiven vorangehe, zu behaupten, ist man wegen des negativen Charakters der letztern bei weitem weniger geneigt. Indes haben doch einige nicht unberühmte Naturforscher, z.B. Büffon, Hoffnung gemacht, daß es wohl gelingen möchte, auch die Repulsivkraft auf die attraktive zurückzuführen. Sie scheinen sich aber durch die Unmöglichkeit, Zurückstoßung ohne Anziehung zu denken, getäuscht zu haben, weil sie nicht bedachten, daß auch umgekehrt Anziehung ohne Zurückstoßung undenkbar ist. Sie verwandelten daher sehr unrecht das Verhältnis der wechselseitigen Unterordnung, das zwischen diesen beiden Kräften stattfindet, in ein Verhältnis der einseitigen (der einen unter die andere). Denn auch Anziehung ist nur zwischen Punkten vorstellbar. Allein vermöge der bloßen Anziehung gibt es keine Punkte, sondern nur einen imaginären Punkt (die absolute Grenze). Um also die Anziehung auch nur vorstellen zu können, muß ich zwischen zwei Punkten Zurückstoßung voraussetzen.
Zurückstoßungskraft ohne Anziehungskraft ist formlos; Anziehungskraft ohne Zurückstoßungskraft objektlos. Jene repräsentiert die ursprüngliche, bewußtlose, geistige Selbsttätigkeit, die ihrer Natur nach unbeschränkt ist, diese die bewußte, bestimmte Tätigkeit, die allem erst Form, Schranke und Umriß gibt. Das Objekt aber ist nie ohne seine Schranke, die Materie nie ohne ihre Form. In der Reflexion mag man beides trennen; in der Wirklichkeit es getrennt zu denken, ist widersinnig. Weil aber, nach einer gewöhnlichen Täuschung, das Objekt früher in der Vorstellung da zu sein scheint, als seine Form (es ist aber nie ohne diese da, sondern schwebt nur in jenem Zustande zwischen unbestimmten, Ungewissen Umrissen), so erhält das Materiale der Vorstellung, in bezug auf jene (unter Philosophen sehr gemeine) Täuschung, eine gewisse Ursprünglichkeit vor dem Formalen des Objekts, obgleich in der Wirklichkeit keines ohne das andere und das eine nur durch das andere da ist.
Ferner: beide Kräfte in ihrer Schrankenlosigkeit gedacht, sind nur noch negativ-vorstellbar: Zurückstoßungskraft als[330] Negation aller Grenze, Anziehungskraft als Negation aller Größe. Allein, weil die Negation einer Negation doch etwas Positives ist, so läßt die absolute Negation aller Grenze wenigstens eine unbestimmte Idee von etwas Positivem überhaupt übrig, welchem die Einbildungskraft eine momentane Wirklichkeit leiht. Dagegen läßt uns die absolute Negation aller Größe, d.h. die Anziehungskraft absolut gedacht, nicht nur keinen Begriff von einem bestimmten Objekt, sondern überhaupt keinen Begriff von einem Objekt übrig. Die Vorstellung, die sie uns läßt, ist die eines idealischen Punkts, den wir uns nicht einmal, wie Kant will126, als den Richtungspunkt der Anziehung denken können, ohne einen zweiten Punkt außer ihm (d.h. Zurückstoßung zwischen ihm und einem andern) vorauszusetzen. Wenn daher Kant127 sagt, daß man sich hüten solle, die Anziehungskraft als im Begriffe der Materie enthalten zu denken, so ist die Rede nur davon: die Anziehungskraft sei kein bloß logisches Prädikat der Materie. Denn, wenn man dem Ursprung dieses Begriffs synthetisch nachforscht, so gehört Anziehungskraft notwendig zu seiner Möglichkeit (in bezug auf unser Erkenntnisvermögen). Allein keine Analysis überhaupt ist möglich ohne Synthesis, und so ist es freilich leicht möglich, die ursprüngliche Anziehungskraft aus dem bloßen Begriff der Materie abzuleiten, nachdem man ihn vorher synthetisch erzeugt hat. Allein man darf nicht glauben, dieselbe aus einem – ich weiß nicht welchem – bloß logischen Begriffe der Materie nach dem Grundsatz des Widerspruchs allein ableiten zu können. Denn der Begriff der Materie ist selbst, seinem Ursprunge nach, synthetisch; ein bloß logischer Begriff der Materie ist sinnlos, und der reale Begriff der Materie geht selbst erst aus der Synthesis jener Kräfte durch die Einbildungskraft hervor.
Was also an der Materie Form, Schranke, Bestimmung ist, werden wir auf die Anziehungskraft zurückführen müssen. Daß überhaupt eine Materie etwas Reales ist, werden wir der Repulsivkraft zuschreiben: daß aber dieses Reale[331] unter diesen bestimmten Schranken, dieser bestimmten Form erscheint, muß nach Gesetzen der Anziehung erklärt werden. Deswegen können wir auch die Zurückstoßungskraft in der Anwendung nicht weiter gebrauchen, als um überhaupt begreiflich zu machen, wie eine materielle Welt möglich sei. Sobald wir aber erklären wollen, wie ein bestimmtes System der Welt möglich sei – bringt uns die Repulsivkraft um keinen Schritt weiter.
Den Bau des Himmels und die Bewegungen der Weltkörper können wir einzig und allein aus Gesetzen der allgemeinen Anziehung erklären. Nicht, als ob wir uns ein System von Weltkörpern überhaupt ohne Voraussetzung einer Repulsivkraft denken könnten. Dies ist nach dem obigen unmöglich. Aber die Repulsivkraft ist doch nur die negative Bedingung (die conditio sine qua non) für ein bestimmtes System von Weltkörpern, nicht aber die positive Bedingung, unter welcher allein gerade dieses bestimmte System möglich ist. Als eine solche Bedingung können wir allein die Gesetze der allgemeinen Anziehung betrachten, weil von dieser allein alles abgeleitet werden muß, was an der Materie oder in einem System (das auf Grundkräften der Materie beruht) Form und Bestimmung ist. Die Zentrifugalkraft, auf die Bewegungen der Weltkörper angewandt, ist also ein bloßer Ausdruck des Phänomens, das, wenn es auf sein Prinzip zurückgeführt wird, zuletzt wiederum in ein Verhältnis der den Körpern inwohnenden Attraktivkraft, wel che sie selbständig macht, sich auflösen möchte128.
Dies vom Gebrauch der dynamischen Philosophie im großen. Jetzt von ihrer Anwendung auf einzelne Begriffe.
Die Grundkräfte der Materie können in ihrer Schrankenlosigkeit gar nicht vorgestellt werden, d.h. es muß über jeden Grad einer solchen Kraft ein höherer, und zwischen jedem möglichen Grad und dem Zero eine Unendlichkeit von Mittelgraden möglich sein. Das Maß einer Grundkraft also ist allein der Grad von Kraft, den eine äußere Kraft anwenden muß, entweder den Körper zusammenzudrücken, oder den Zusammenhang seiner[332] Teile aufzuheben. »Die expansive Kraft einer Materie nennt man auch Elastizität. Alle Materie ist demnach ursprünglich elastisch«129. Man muß also unterscheiden zwischen absoluter und relativer Elastizität. Von der letztern gebraucht man das Wort Elastizität gewöhnlich. In diesem Sinn aber kann die Elastizität der Körper nicht allein das Maß ihrer Expansivkraft abgeben.
Denn wenn man Körper in dieser Rücksicht miteinander vergleichen will, so muß Volumen und Masse mit in Anschlag genommen werden, so daß in Rücksicht auf die Quantität der Expansivkraft das doppelte Volumen mit einfacher Masse gleich gilt der doppelten Masse mit einfachem Volumen.
Ferner, da jedem Körper Elastizität ursprünglich zukommt, so kann die Materie ins Unendliche zusammengedrückt, niemals aber durchdrungen werden130; denn dies setzte eine völlige Vernichtung der Repulsivkraft voraus.
Läßt man die Materie ins Unendliche sich ausdehnen, so wird ihre Repulsivkraft unendlich-klein, denn sie verhält sich umgekehrt wie die Räume, in denen sie wirkt; läßt man sie ins Unendliche zusammengedrückt werden (= einem Punkt), so ist ihre Repulsivkraft unendlich-groß aus demselben Grunde. Keines von beiden aber kann stattfinden, wenn Materie möglich sein soll. Also muß man eine unendliche Menge von Graden zwischen jedem Zustand der Zusammendrückung und der Durchdringung, sowie zwischen jedem Zustand der Expansion und dem der unendlichen Ausdehnung annehmen.
Durch diese Annahme nun entgeht man der Notwendigkeit, mit dem Atomistiker letzte Körperchen anzunehmen, für deren Undurchdringlichkeit es weiter keinen Grund gibt131. Diese träge Art zu philosophieren würde auch nie so großen Beifall gefunden haben, wenn man nicht vorausgesetzt hätte, zur Erklärung des spezifischen Unterschieds der Materien sei die Annahme leerer Räume unumgänglich notwendig132. In diesem System also kann[333] man nur in sekundären Körpern, nicht aber auch in ursprünglichen Körperteilchen Zusammendrückbarkeit zulassen.
Diese Notwendigkeit ist nun völlig aufgehoben dadurch, daß man die Materie ursprünglich schon nur durch die Wechselwirkung von Kräften entstehen läßt, so daß (dem Naturgesetze der Kontinuität gemäß) zwischen jedem möglichen Grade derselben bis zum völligen Verschwinden aller Intensität (= 0) eine unendliche Menge von Zwischengraden (also unendliche Zusammendrückbarkeit ebensogut, als unendliche Ausdehnbarkeit der Materie) möglich ist.
Ferner, da die Materie nichts anders ist, als das Produkt einer ursprünglichen Synthesis (entgegengesetzter Kräfte) in der Anschauung, so entgeht man damit den Sophismen, die unendliche Teilbarkeit der Materie betreffend, indem man ebensowenig nötig hat, mit einer sich selbst mißverstehenden Metaphysik zu behaupten, die Materie bestehe aus unendlich vielen Teilen (was widersinnig ist), als mit dem Atomistiker der Freiheit der Einbildungskraft im Teilen Grenzen zu setzen. Denn wenn die Materie ursprünglich nichts anders ist als ein Produkt meiner Synthesis, so kann ich diese Synthesis auch ins Unendliche fortsetzen – meiner Teilung der Materie ins Unendliche fort ein Substrat geben. Dagegen wenn ich die Materie aus unendlichen Teilen bestehen lasse, leihe ich ihr eine von meiner Vorstellung unabhängige Existenz und gerate so in die unvermeidlichen Widersprüche, die mit der Voraussetzung der Materie, als eines Dinges an sich selbst, verknüpft sind133. – Nichts aber beweist evidenter, daß die Materie kein für sich bestehendes Ding sein kann, als ihre Teilbarkeit ins Unendliche. Denn sie mag geteilt werden, so viel sie will, so finde ich nie ein andres Substrat derselben, als dasjenige, was ihr meine Einbildungskraft leiht.
Daß die Materie aus Teilen bestehe, ist ein bloßes Urteil des Verstandes. Sie besteht aus Teilen, wenn und solange ich sie teilen will. Aber daß sie ursprünglich, an sich, aus Teilen bestelle, ist falsch, denn ursprünglich – in der produktiven Anschauung[334] – entsteht sie als ein Ganzes aus entgegengesetzten Kräften, und erst durch dieses Ganze in der Anschauung werden Teile für den Verstand möglich.
Endlich die Schwierigkeit, die man darin findet, die Anziehungskraft als eine in die Ferne durch den leeren Raum wirkende Kraft anzusehen, verschwindet, sobald man bedenkt, daß die Materie ursprünglich nur durch anziehende Kräfte wirklich ist, und daß kein Körper ursprünglich gedacht werden kann, ohne daß man bereits einen andern außer ihm annehme, von dem er angezogen werde und gegen welchen er hinwiederum seine Anziehungskräfte richte.
Auf diesen dynamischen Grundsätzen beruht nun erst die Möglichkeit einer Mechanik; denn es ist klar, daß das Bewegliche durch seine Bewegung (durch Stoß) keine bewegende Kraft haben würde, wofern es nicht ursprünglich-bewegende Kräfte besäße134, und so ist die mechanische Physik in ihren Fundamenten untergraben. Denn es erhellt, daß sie eine völlig verkehrte Art zu philosophieren ist, da man voraussetzt, was man zu erklären versucht, oder vielmehr, was man mit Hilfe dieser Voraussetzung selbst umstoßen zu können vermeint.[335]
Fußnoten
122 Jetzt erst, da das Produkt der Anschauung Selbstdasein hat, kann der Verstand eintreten, es als Objekt aufzufassen und festzuhalten. Das Objekt steht vor ihm als etwas, das unabhängig von ihm da ist. Aber... (Erste Aufl.)
123 die Reflexion – in der Anschauung ist (Zusatz der zweiten Auflage).
124 Kant S. 33. [2. ed. Hart. IV, 388; ed. Kirchm. VII, 205 f.]
125 Kant S. 53. [2. ed. Hart. IV, 400; ed. Kirchm. VII, 220.] – Es ist also klar, daß jede dieser beiden Kräfte in ihrer Schrankenlosigkeit gedacht auf absolute Negation (das Leere) führt.
126 S. 56. [2. ed. Hart. IV, 402; ed. Kirchm. VII, 222.]
127 S. 54. [Ebd. IV, 401; ed. Kirchm. VII, 220.]
128 Die Zentrifugalkraft – ist also ein bloßer Ausdruck des Phänomens, das, wenn es erklärt werden soll, allein aus dem Verhältnis der Anziehungskraft; der Körper zu ihrer Entfernung voneinander erklärbar ist (Erste Auflage).
129 Kant S. 37. [2. ed. Hart. IV, 391; ed. Kirchm. VII, 208.]
130 S. 39. [Ebd. 392; ed. Kirchm. VII, 210.]
131 S. 41. [Ebd. 393; ed. Kirchm. VII, 211.]
132 S. 101. [Ebd. 428; ed. Kirchm. VII, 252 f.]
133 Kant S. 47. [2. ed. Hart. IV, 397; ed. Kirchm. VII, 215 f.]
134 Kant S. 106. [2. ed. Hart. IV, 431; ed. Kirchm. VII, 256.]
Anmerkungen über die voranstehende idealistische Konstruktion der Materie.
(Zusatz zum fünften Kapitel.)
1. Der relative Idealismus ist, wie schon oben (Zusatz zur Einleitung) gezeigt worden, bloß die Eine Seite der absoluten Philosophie. Er faßt den absoluten Erkenntnisakt, zwar als Erkenntnisakt, aber nur von seiner idealen Seite, mit Ausschluß der realen, auf. Im Absoluten sind beide Seiten eins und ein und derselbe absolute Erkenntnisakt. Eben deswegen können sie niemals durch Kausalverhältnis eins sein. Das An-sich der Seele oder des Erkennens produziert auf ideale Weise das Reale, nicht als ob nichts außer ihm wäre, sondern weil wirklich nichts[335] außer ihr ist. Das Reale fällt als die andre Einheit aus ihm heraus, bloß inwiefern ihm im endlichen Erkennen das Ideale als relativ-Ideales zur Form (der Erscheinung) wird, nicht aber inwiefern es an sich betrachtet wird. Der Idealismus auch, als wahrhaft transzendentaler, integriert zwar die ideale Einheit durch die reale, aber nur im Idealen; er erkennt das An-sich des absoluten Erkenntnisaktes, aber doch nur insofern es das An-sich des Idealen ist, er integriert nicht hinwiederum im Realen die reale Einheit durch die ideale, er erkennt das An-sich des absoluten Erkenntnisaktes nicht als das gleiche An-sich des Realen, und erkennt es daher immer noch unter einer Bestimmung (der idealen), und gelangt nicht zur wahren absoluten Identität.
Indes da jener ungeteilte Akt auf gleiche Weise und in den gleichen Formen, im Realen wie im Idealen, dort nur objektiv, hier subjektiv, absetzt, was in ihm begriffen ist, so ist auch jede mögliche Konstruktion von der realen und idealen Seite eine und dieselbe dem Wesen nach, und da die ideale Erscheinung des absoluten An-sich wenigstens das voraus hat, daß es hier als Ideales (nicht verwandelt in ein Anderes, ein Sein) erscheint, so führt der Idealismus auch in seiner Einseitigkeit genommen, wie in dem gegenwärtigen Werk, doch unmittelbarer zum Wesen der Dinge als ein von allem Licht des Ideellen verlassener und dessen beraubter Realismus. So war nach dem System des transzendentalen Idealismus nur Ein Schritt zu tun, um auf das in ihm ideal entworfene Gerüste das System der absoluten Philosophie in ihrer Totalität aufzutragen.
2. Es ist schon oben (Zusatz zum zweiten Kapitel) erinnert worden, daß die beiden Kräfte, so wie sie Kant in seiner, übrigens bloß analytischen, Deduktion als Faktoren der Materie gebraucht hat, bloß formelle Faktoren sind, und daß, wenn beide auf irgend eine Weise als reale Faktoren gedacht werden sollen, sie nach Analogie unsrer beiden Einheiten gedacht werden müssen, so daß eine die andre begreift und einschließt, worauf auch in der Darstellung des voranstehenden Kapitels, obgleich sehr entfernt, gedeutet ist, in dem, was S. 328 von der wechselseitigen Voraussetzung der einen durch die andre, der wechselseitigen Unterordnung beider untereinander, und[336] die Unmöglichkeit, die eine ohne die andre zu begreifen, gesagt ist.
3. Insbesondre teilt die vorangehende Konstruktion die Mangelhaftigkeit der Kantischen darin, daß ihr die (selbst innerhalb ihrer Voraussetzungen stattfindende) Notwendigkeit des dritten Prinzipes der Konstruktion entgeht, welches, als Schwerkraft, nachher Franz Baader in der Schrift: das Pythagoreische Quadrat, oder die vier Weltgegenden der Natur, so vortrefflich in seine Rechte eingesetzt hat. – Daß die Attraktivkraft der Schwerkraft, und umgekehrt, gleichgesetzt wird, ist nur eine Folge jenes ersten Mangels.
4. Von nicht minderer Bedeutung ist die, daß alle Realität in die Zurückstoßungskraft, sowie aller Grund von Form in die Anziehungskraft, gelegt wird. Die erste dieser Kräfte ist so wenig wie die andre etwas Reelles. Reell ist einzig das für die Erscheinung Dritte, an sich aber Erste, die absolute Indifferenz, die Einheit des Allgemeinen und Besondern an und für sich selbst; zur Form gehört das Besondre und Allgemeine selbst; jenes, sofern es Expansion der Identität in der Differenz ist (was man unter Zurückstoßungskraft im angegebenen Sinn verstanden haben mußte), dieses, sofern es Einbildung der Differenz in die Identität ist (und welchem die Attraktivkraft in dem angegebenen Sinn gleich gedacht werden könnte). Beide also würden in diesem Sinn bloß zur Form gehören.[337]
Sechstes Kapitel.
Von zufälligen Bestimmungen der Materie.
Allmählicher Übergang ins Gebiet der bloßen Erfahrung
Es wird als erwiesen vorausgesetzt, daß wir genötigt sind, Anziehungs- und Zurückstoßungskraft als Bedingungen unsrer Anschauung zu denken, die eben deswegen aller Anschauung [337] vorangehen müssen. Eine Folge davon ist, daß ihnen in bezug auf unsere Erkenntnis absolute Notwendigkeit zukommt Notwendigkeit aber fühlt der Geist nur im Gegensatz gegen Zufälligkeit, er fühlt sich gezwungen, nur insofern er sich in anderer Rücksicht frei fühlt. Also muß jede Vorstellung Notwendiges und Zufälliges in sich vereinigen.
Vorerst ist klar, daß attraktive und repulsive Kräfte nur überhaupt eine begrenzte Sphäre geben. In der Anschauung nun ist die Grenze bestimmt, und daß sie so und nicht anders bestimmt ist, erscheint uns als zufällig, weil diese Bestimmung nicht mehr zu den Bedingungen der Anschauung überhaupt gehört. Nichtsdestoweniger ist das Objekt und seine Bestimmung in der Anschauung nie getrennt; Reflexion allein vermag zu trennen, was die Wirklichkeit immer vereinigt. Also ist klar, daß in der ersten Anschauung schon, damit unser Geist das Notwendige unterscheide, Notwendiges und Zufälliges innigst vereinigt sind. –
Zufällig also ist und nur erfahrungsmäßig erkennbar die bestimmte Grenze, die Größe des Objekts (seine Quantität). Diese aber, nachdem sie erkannt ist, auch messen zu können, bedarf es anderer Objekte. Aus vielfältigen Vergleichungen zusammengenommen bildet sich erst die Einbildungskraft ein Mittleres von Größe, als Maß aller Größe.
Die Ursache nun, durch welche die Materie auf eine bestimmte Grenze beschränkt wird, heißen wir Zusammenhang (Kohäsion), und weil die Kraft des Zusammenhangs verschiedener Grade fähig ist, so macht dies eine spezifische Verschiedenheit der Materie aus.
Inwiefern nun die Größe eines Körpers, d.h. die Sphäre der Kohäsion seiner Teile, ferner der Grad von Kraft, mit welchem diese Teile zusammenhangen, als zufällig erscheint, so wäre es ein eitles Verlangen, über Kohäsion oder über spezifische Verschiedenheit der Materie etwas a priori auszumachen. Besser ist, man unterscheidet sogleich die verschiedenen Arten von Kohäsion. Man muß also unterscheiden die ursprüngliche Kohäsion und die abgeleitete.
Wie nun Kohäsion ursprünglich möglich sei, läßt sich[338] nicht beantworten, solange man Materie als etwas unabhängig von allen unsern Vorstellungen Vorhandenes voraussetzt. Denn aus dem Begriff der Materie läßt sich Kohäsionskraft nicht analytisch ableiten. Also glaubt man sich genötigt, eine physische Erklärung zu versuchen, d.h. in der Tat alle Kohäsion bloß als scheinbar anzunehmen. Denn wenn wir den Zusammenhang der Körper aus dem Druck, den der Äther oder irgend ein sekundäres Fluidum auf sie ausübt, erklären, so gilt auch jener Ausdruck nur von dem Schein unsrer Vorstellung, objektiv gebraucht wird er Täuschung. Da aber Kohäsion von der kleinsten wie von der größten Masse gilt, so müßte man, wofern sie bloß scheinbar wäre, die Materie zuletzt aus Körperchen bestehen lassen, für deren Kohäsion man weiter keinen Grund anführen könnte.
Auch steht der Grad der Kohäsion in gar keinem Verhältnis mit den Flächen der Körper, wie es doch sein müßte, wenn sie mechanisch durch Druck oder Stoß irgend eines Fluidums bewirkt würde. Man müßte denn zu einer neuen Fiktion seine Zuflucht nehmen, zu einer ursprünglichen, unveränderlichen Verschiedenheit der Figur der ersten Körperteilchen, wodurch eine verschiedene, der Oberfläche der Körper nicht proportionale Wirkung des Stoßes begreiflich würde. Zu diesem Behuf aber müßte man sich abermals eine Materie von ganz besonderer Art denken, die, wie Herr Hofrat Kästner sagt, durch alle Körper durchginge und zugleich überall anstieße.
Hier äußert sich nun ein Bestreben, etwas zu erklären, was weder Philosophie noch Naturlehre zu erklären vermag. Denn wir können uns einmal keine Materie überhaupt, sondern nur eine Materie innerhalb bestimmter Grenzen und von bestimmtem Grad des Zusammenhanges ihrer Teile vorstellen. Diese Bestimmungen nun sind und müssen uns zufällig sein. Sie lassen sich also auch nicht a priori erweisen. Gleichwohl gehören sie so sehr zur Möglichkeit einer bestimmten Vorstellung von Materie (sie sind, wie schon oben bemerkt wurde, die partes integrantes der Vorstellung, die Notwendiges und Zufälliges in sich vereinigen muß), daß es ebenso unmöglich ist, eine physische Erklärung davon zu geben; denn jede physische[339] Erklärung setzt sie schon voraus, wie das aus dem oben angeführten Versuch der mechanischen Physik hervorleuchtet, die zuletzt doch Körperchen annehmen muß, deren Kohäsion zu erklären sie nicht imstande ist. In Ansehung der ursprünglichen Kohäsion also sind wir, wie es scheint, genötigt, in der Naturlehre beim bloßen Ausdruck des Phänomens stehen zu bleiben135.
Die abgeleitete Kohäsion heiße ich diejenige, die nicht zur Möglichkeit einer Materie überhaupt gehört.
Diese kann man nun zur Berichtigung der gemeinen Vorstellungen einteilen in die dynamische, die mechanische, die chemische und organische Kohäsion.
Denn was die erste betrifft, so ist sie bloß scheinbare Kohäsion. Daß sie in der Berührung wirkt, reicht noch nicht hin, sie als Kohäsion zu betrachten. Denn da sie nur in der gemeinschaftlichen Grenze zweier Räume wirkt, so kann man diese Grenze auch als einen, zwar unendlich-kleinen, jedoch leeren Raum vorstellen. Hier ist also Anziehung, d.h. eine Wirkung in die Ferne (actio in distans); diese Anziehung aber, als Kohäsion vorgestellt, ist bloß scheinbar. Kohäsion, wenn sie nicht bloß scheinbar sein soll, darf nicht als zwischen verschiedenen Körpern wirkend gedacht werden. Denn sie ist eben dasjenige, was den Körper zum Körper (zum Individuum) macht. Und deswegen ist nur chemische, aber noch weit mehr organische Kohäsion – Kohäsion im eigentlichen Sinne des Worts.
Denn auch die mechanische Kohäsion kann nur sehr uneigentlich Kohäsion heißen; besser, Adhäsion. Denn der Zusammenhang ist hier eine bloße Folge der Figur der Körperteilchen und beruht ganz allein auf der wechselseitigen Reibung. Indes gibt es wohl wenige bloß mechanische Adhäsionen, die den Schein einer Kohäsion geben. Gewöhnlich wirkt noch chemische Kohäsion zum Teil wenigstens mit. Man erlaube mir, das Wort chemisch hier in der weitesten Bedeutung zu[340] gebrauchen, von jedem Erfolg, der mit dem Übergang eines Körpers aus einem Zustand in den an dern verbunden ist. Bei den gewöhnlichen regellosen Anhäufungen der Materie nun, die sich im Lauf der Jahrhunderte zu Klipp' und Felsen verhärten, wirkt, um nur Eines zu nennen, vorzüglich Wasser mit, das, z.B. mit Kalk verbunden, seinen Zustand ändert (daher wenigstens die Festigkeit unsers Mörtels, unserer Kütte usw.).
Die durch chemische Mittel bewirkte Kohäsion findet überall statt, wo aus zwei Körpern von verschiedener Masse und verschiedenen Graden der Elastizität ein dritter als gemeinschaftliches Produkt entsteht. Diese Kohäsion unterscheidet sich von der bloß dynamischen oder mechanischen dadurch, daß (bei einem vollkommenen chemischen Prozeß) eine wechselseitige Durchdringung vorgeht. Oder die Kohäsion ist wenigstens die Folge des Übergangs eines Körpers aus einem Zustand in den andern, wie aus dem flüssigen in den festen. Da das Feuer auf Körper ganz gleichförmig wirkt, so erhalten sie, wenn die Abkühlung gleichförmig ist (denn sonst geschieht das Gegenteil, wie bei den Springgläsern, den Bologneserflaschen usw.), einen durchaus gleichen Grad von Elastizität, woraus sich erklären läßt, daß solche Körper gebrochen bei weitem nicht mehr den Grad von Anziehung zeigen, den sie von ihrer Erstarrung nach dem Flusse her hatten136, auch daß gerade Körper, die mit der größten Kraft zusammenhangen, sehr oft die sprödesten sind, weil ihr Zusammenhang, wenn er nur verändert werden soll, sofort aufgehoben wird.
Daraus erklärt sich auch der große Zusammenhang der Teilchen flüssiger Körper. Denn da jede Flüssigkeit, soviel wir wissen, chemisch gebildet wird, so erhält sie dadurch einen völlig gleichförmigen Grad von Elastizität, der Zusammenhang ihrer Teile ist kontinuierlich, und dies scheint bei jeder ursprünglichen Kohäsion der Fall zu sein, da hingegen, wo die Kohäsion durch mechanische Anhäufung entsteht, der Zusammenhang der Körperteilchen mehr oder weniger unterbrochen ist. Im letzteren Falle kann man die Figur der Körperteilchen[341] bestimmen; bei flüssigen Körpern wenigstens ist es unmöglich, denn der Körper ist Eine Masse. Je mehr er sich dieser Kontinuität annähert, desto flüssiger ist er.
Von der organischen Kohäsion kann hier noch nicht die Rede sein.
Noch gehören hierher Fragen über die verschiedene Gestalt der Körper. Ich wünschte aber, diese Materie in ihrem ganzen Zusammenhange – da, wo von der Form organisierter Körper die Rede sein wird – vorzutragen.
Was die spezifische Verschiedenheit der Materie anbelangt, – davon späterhin. Jetzt nur die Bemerkung: daß, da attraktive und repulsive Kraft ursprünglich voneinander unabhängig sind, jede Veränderung des Grads der einen aber unausbleiblich mit einem veränderten Verhältnisse der andern verbunden ist, unendlich viele Verhältnisse dieser Grundkräfte möglich sind. Die beiden äußersten Extreme von Körpern aber sind – flüssige und feste. Es fragt sich, was der (mathematische) Begriff von flüssigen Körpern sei. Man kann sie als solche erklären, deren Teile untereinander der vollkommensten Berührung fähig sind, oder, was dasselbe ist, wovon kein Teil vom andern durch Figur sich unterscheidet.
Man könnte einwenden, daß auch bei festen Körpern eine vollkommene Berührung wenigstens denkbar sei. Ich leugne dies nicht; die Rede ist aber davon, daß die Teile einer flüssigen Materie ein natürliches, ihnen eigenes Bestreben zeigen die Gestalt anzunehmen, durch welche sie in das vollkommenste Gleichgewicht und damit in die größtmögliche Berührung unter sich selbst kommen (die Kugelgestalt)137, wovon die festen Körper nichts zeigen. Es ist also Eigenschaft der flüssigen Körper, als solcher, daß sie der vollkommensten Berührung unter sich fähig sind, und nur dadurch sind und werden sie flüssige Körper.
Daraus erklärt sich nun, wie man darauf gekommen ist, die Flüssigkeit der Körper durch den geringsten Grad des Zusammenhangs[342] ihrer Teilchen zu erklären. Die Leichtigkeit, den Zusammenhang zwischen den Teilchen einer flüssigen Materie aufzuheben, läßt sich nicht leugnen; aber diese Leichtigkeit selbst ist ein Beweis, wie sehr sie unter sich zusammenhangen. Denn weil jedes einzelne Teilchen von allen Seiten gleich angezogen wird, so kann es ohne Mühe verschoben, nie aber aus der Berührung gesetzt werden.
Aus dieser Leichtigkeit, den Zusammenhang flüssiger Teilchen unter sich zu verändern, erklärt sich ohne Zweifel die große Anziehung, die z.B. Glas gegen Wasser beweist (daher das in den Haarröhrchen unverhältnismäßige Steigen desselben, die vertiefte Oberfläche im nicht vollen Gefäße usw.). Auch hat Kant, der Erste, soviel ich weiß, der die gewöhnlichen Begriffe von Flüssigkeit aus dem Wege geschafft hat138, den Hauptsatz der Hydrodynamik: (»der Druck, der auf ein flüssiges Teilchen ausgeübt wird, pflanzt sich nach allen Richtungen mit gleicher Stärke fort«), aus jenem Begriff abgeleitet.
Damit fällt nun auch die falsche Vorstellungsart, als ob Flüssigkeiten ein Aggregat einzelner abgesonderter, kugelförmiger Körperchen seien (ein Nachlaß der älteren atomistischen Philosophie), von selbst. Denn das Wesen der Flüssigkeit besteht in der Kontinuität der Masse, die bei einem bloßen Aggregat unmöglich stattfinden kann.
Das neue System der Atomistik aber setzt ein großes Verdienst in die mechanische Erklärung, die es von den Eigenschaften expansibler Flüssigkeiten allein geben zu können vermeint. Die Elastizität derselben, behauptet Herr le Sage, lasse sich nur dadurch erklären, daß die Grundmassen (molecules) dieser Flüssigkeiten mit großer Schnelligkeit in verschiedenen Richtungen sich bewegen139. Mathematisch läßt sich wirklich Elastizität als die Beweglichkeit eines ruhenden Körpers in entgegengesetzten Richtungen erklären, und die gewöhnliche Erklärung der Elastizität (»die Fähigkeit eines Körpers, seine durch Druck von außen veränderte Größe oder Gestalt wieder anzunehmen, sobald der Druck nachläßt«) kommt ganz auf jene[343] zurück. Allein Herr le Sage wendet jenen Begriff physisch an und ist daher bemüht, die Ursachen einer solchen Bewegung in der Beschaffenheit der Grundteilchen der Flüssigkeiten aufzusuchen.
Ich erinnere nur, daß, obgleich bei Herrn Prevost bloß von der Elastizität der Flüssigkeiten die Rede ist, Herr le Sage doch wahrscheinlich alle Elastizität, auch die der festen Körper (die er ohne Zweifel als abgeleitete betrachtet), auf dieselben Ursachen zurückführt.
Schon Daniel Bernoulli in seiner Preisschrift über die Natur und die Eigenschaften des Magnets140 hatte die Expansibilität der Luft aus einer inneren Bewegung ihrer Grundteilchen erklärt. Er läßt die Elastizität der Luft »durch eine viel feinere Flüssigkeit, als die Luft selbst ist, unterhalten werden«. Daher glaubt er das Gesetz ableiten zu können, daß die Elastizität der Luft im umgekehrten Verhältnis des Raumes wächst, in dem sie ausgedehnt ist. Ferner diese innere Bewegung, glaubt er, sei die eigentliche Ursache der Flüssigkeit (die gewöhnliche Physik setzt das Wesen, den Charakter der Flüssigkeit in die Beweglichkeit einzelner Teilchen innerhalb einer [ruhenden] flüssigen Masse), und auf jene innere Bewegung gründet er mehrere hydrodynamische Prinzipien. Als Prinzip der inneren Bewegung endlich vermutete Bernoulli die Wärme. Herr Prevost fragt141, woher denn die Wärme diese ursprüngliche Bewegung habe? Ich fürchte, man werde ihm eine ähnliche Frage entgegenstellen.
Um nun eine innere Bewegung der Grundmassen einer elastischen Flüssigkeit überhaupt zu erklären, könnte man nach Herrn le Sage eine Ungleichheit der Stöße der schwermachenden Teilchen annehmen. Zwei entgegengesetzte Ströme, welche auf einen und denselben Körper in einem und demselben unteilbaren Augenblick stoßen, können nicht immer, streng genommen, einander gleich sein. Daraus also entspringt die unregelmäßige Bewegung oder Schwingung eines zweiten Fluidums, das Herr le Sage Äther nennt und welches er überhaupt erst[344] durch das primitive Fluidum (dessen Bewegung bis jetzt nicht erklärt ist) in Bewegung setzen läßt.
Allein diese Ungleichheit der Stöße ist doch eine zu unbestimmte Ursache, als daß sie allein zur Erklärung des Phänomens hinreichen sollte. Herr le Sage will eine Ursache, die den ersten Grundteilchen inhäriert, eine Ursache, die notwendig und zu jeder Frist die Bewegung produziert und reproduziert, welche alle durch die Erscheinungen der Expansibilität bestimmten Bedingungen erfüllt142.
Was anderes könnte nun diese Ursache sein, da die Materie ursprünglich völlig gleichartig ist, und da von einer bloß mechanischen Bewegung (durch Stoß) die Rede ist, als die äußere Form oder die Figur der Grundteilchen des Äthers?
Gesetzt, ein elementarischer Körper wäre ohne Konkavität, so könnte er, von allen Seiten gleich angestoßen, gar keine Bewegung haben. Ist er aber konkav, so wird er sich in der entgegengesetzten Richtung der Konkavität bewegen, da die schwermachenden Teilchen, welche diese treffen, stärker stoßen als ihre Antagonisten, welche die konvexe Fläche treffen. Dadurch haben also die Grundteilchen der elementarischen Flüssigkeit eine Quelle der Bewegung in sich selbst, die von Gesetzen der Schwere ganz unabhängig ist, obgleich sie durch das schwermachende Fluidum bewirkt wird.
Alle diese Grundteilchen zusammen haben ihr Summum von Geschwindigkeit, dem sie sich durch sukzessive Akzeleration annähern. Da sie ferner immer in der Richtung der Konkavität bewegt werden, ihre Konkavitäten aber nach verschiedenen Seiten gekehrt sein können, so wird dadurch Bewegung in entgegengesetzter Richtung entstehen. Diese Bewegung aber geschieht nach jeder Richtung mit derselben (endlichen) Geschwindigkeit, daher die gleiche Expansibilität nach allen Seiten.
Ferner, je kleiner die Grundteilchen, desto schneller die Bewegung (des Lichts und Feuers z.B. in Vergleichung mit der Bewegung der Luft), und je stärker die Bewegung, desto größer auch die Abstände eines Grundteilchens vom andern, also desto geringer ihre Dichtigkeit.[345]
So sehr man sich auch der neuen und sinnreichen Wendung, welche die uralte Voraussetzung der atomistischen Physik durch Herrn le Sage erhalten hat, freuen mag, so bleiben doch folgende Fragen unbeantwortet: vorerst, die schwermachenden Teilchen sind ein primitives Fluidum nach Herrn le Sage. Allein woher hat denn dieses die Eigenschaften einer elastischen Flüssigkeit erhalten?
Ferner, dieses primitive Fluidum besteht »aus elementarischen, sehr harten und undurchdringlichen Körperchen«. Flüssige Materien (wie das schwermachende Fluidum) sind also ein bloßes Aggregat fester Körper. Festigkeit ist der primitive Zustand der Materie; Flüssigkeit nur eine besondere Art der Bewegung fester Körperchen. Allein, wie die mechanische Physik gewöhnlich verfährt, verfährt sie auch hier, indem sie einem bloß mathematischen Begriffe sogleich auch physische Bedeutung gibt. Denn die Beweglichkeit eines ruhenden Körpers in entgegengesetzten Richtungen gibt zwar einen Begriff von Elastizität überhaupt, nicht aber von Elastizität expansibler Flüssigkeiten. Nun läßt sich aber nicht begreifen, wie durch Bewegung in entgegengesetzten Richtungen, man mag sie so schnell annehmen als man will, ein Aggregat fester Körper das Phänomen einer flüssigen Materie geben soll. Denn das Aggregat kann seiner Natur nach nichts anderes sein, als was die einzelnen Teile sind (ganz anders ist es mit einem Produkt aus verschiedenen Körpern).
Daß wir uns die elementarischen Körper so klein wie möglich vorstellen, tut nichts zur Sache. Groß oder klein, sie sind feste Körper. Ein Aggregat fester Körper aber kann nie ein Fluidum geben, schon aus dem einigen Grunde, weil zwischen festen Körpern Reibung stattfindet, die bei flüssigen (wenn anders Gesetze der Hydrodynamik und Hydrostatik nicht trügen) unmöglich ist.
Jene Bewegung in entgegengesetzten Richtungen erklärt also, wie auch Herr le Sage selbst zu sagen scheint, nur die Expansibilität elastischer Flüssigkeiten. Allein, damit ist ihre Flüssigkeit noch nicht erklärt, worauf man billig am begierigsten ist, weil es mit atomistischen Voraussetzungen äußerst schwer scheint, dieselbe überhaupt zu erklären. Dann müßte[346] sich die Erklärung auch auf die, gewöhnlich nicht so genannten, elastischen Flüssigkeiten erstrecken, was Herr le Sage nicht beabsichtigt zu haben scheint.
Was allen solchen mißlungenen Versuchen zugrunde liegt, ist eine gemeinschaftliche Täuschung, die wir schon oben aufgedeckt haben. Weil man z.B. die Expansibilität eines Fluidums in Gedanken von ihm selbst trennen kann, so leiht man ihm damit eine von seiner Expansibilität unabhängige Existenz. Allein es ist nur durch seine Expansibilität dieses bestimmte Fluidum, oder vielmehr es ist selbst nichts anderes als diese bestimmte Expansibilität der Materie. Ist das Fluidum etwas für sich Bestehendes, und ist ihm diese Expansibilität zufällig, dann mag man fragen, was ihm diese Expansibilität gegeben hat, nicht aber, wenn von der Expansibilität als allgemeiner Eigenschaft der Flüssigkeiten die Rede ist.
Wenn wir also in Ansehung der spezifischen Verschiedenheit der Materie auf die atomistische Erklärungsart völlig Verzicht tun müssen, so bleibt uns nichts anderes übrig, als die dynamische Erklärungsart zu versuchen. Nun gibt uns aber die Dynamik nichts weiter, als den allgemeinen Begriff von einem Verhältnis der Grundkräfte überhaupt, und dieser allgemeine Begriff allein ist das Notwendige, was wir allen Vorstellungen von äußeren Dingen zugrunde legen.
Weil aber im Bewußtsein immer Notwendiges und Zufälliges vereinigt sein muß, müssen wir, um jenes Verhältnis der Grundkräfte selbst als das Notwendige vorstellen zu können, dasselbe in anderer Rücksicht als zufällig vorstellen, und um es als zufällig vorstellen zu können, müssen wir als möglich voraussetzen ein freies Spiel der beiden Grundkräfte. Aber die Materie ist trag, also kann jenes Spiel der Grundkräfte nur durch äußere Ursachen bewirkt werden. Auch soll jenes Spiel in der Natur, also nach Naturgesetzen stattfinden.
Ein freies Spiel jener Kräfte erfolgt nur dadurch, daß wechselseitig attraktive und repulsive Kraft das Übergewicht erhält. Dies muß aber nach einer Regel geschehen. Also müssen wir Ursachen voraussetzen, die regelmäßig jenen Wechsel bewirken.
Diese Ursachen können nicht bloß gedacht, – nicht bloße[347] Begriffe sein, wie etwa die von anziehenden und zurückstoßenden Kräften.
Sie müssen sogar in bezug auf diese beiden Grundkräfte zufällig sein, d.h. sie müssen nicht zu den Bedingungen der Möglichkeit der Materie selbst gehören; Materie könnte auch ohne sie wirklich sein.
Sie können eben deswegen schlechterdings nicht a priori erkannt oder abgeleitet werden. Sie sind schlechterdings nur erfahrungsmäßig erkennbar.
Sie müssen sich bloß durch die Sinne ankündigen. Objektiv an sich betrachtet, können sie also auch etwas ganz anderes sein, als was sie subjektiv – nach ihrer Wirkung aufs Gefühl – zu sein scheinen.
Sie sind eben deswegen ihrer Natur nach qualitativ, und über sie findet gar keine andere, als eine bloß physikalische Untersuchung statt.
Diese Ursachen müssen sich beziehen auf attraktive sowohl als repulsive Kraft, denn sie sollen den freien Wechsel dieser Kräfte bewirken.
Da aber anziehende und zurückstoßende Kräfte zur Möglichkeit der Materie überhaupt gehören, so müssen jene Ursachen als in einer engeren Sphäre wirksam gedacht werden. Sie werden daher als Ursachen partieller Anziehungen und Zurückstoßungen gedacht werden.
Man muß insofern ihre Wirkungen betrachten können als Ausnahmen von den Gesetzen der allgemeinen Anziehung und Zurückstoßung. Sie werden also von Gesetzen der Schwere ganz unabhängig sein.
Jene Ursachen sind uns bloß durch ihre Qualitäten (in bezug auf Empfindung) vorstellbar. Sie werden also als Ursachen qualitativer Anziehungen und Zurückstoßungen gedacht werden. Die Wissenschaft nun, welche die Qualität der Materie zum Gegenstand hat, heißt Chemie. Also werden jene Ursachen Prinzipien der Chemie sein, und der allgemeinen Dynamik, als Wissenschaft, die in sich selbst notwendig ist, steht, unter dem Namen der Chemie, die spezielle Dynamik gegenüber, die in ihren Prinzipien schlechthin zufällig ist.[348]
Fußnoten
135 Kant (a. a. O. S. 89) [2. ed. Hart. IV, 421; ed. Kirchm. VII, 244.] erklärt Zusammenhang durch Anziehung, insofern sie bloß (ausschließend) als in der Berührung wirksam gedacht wird. – Diese Erklärung aber ist nichts mehr und nichts weniger, als ein sehr präziser Ausdruck des Phänomens.
136 Vergl. Kant a. a. O. S. 88. [2. ed. Hart. IV, 420; ed. Kirchm. VII, 244.]
137 Vorausgesetzt, daß keine Wahlanziehung zwischen dem Wasser und einem andern Körper stattfinde. Denn diese stört die natürliche Anziehung der flüssigen Teilchen untereinander.
138 A. a. O. S. 88. [2. ed. Hart. IV, 420; ed. Kirchm. VII, 244.]
139 Man sehe Herrn Prevost a. a. O. § 34.
140 Vom Jahre 1746.
141 A. a. O. § 35.
142 A. a. O. § 37, 38.
Von den Formbestimmungen und der spezifischen Verschiedenheit der Materie.
(Zusatz zum sechsten Kapitel.)
Nach der Kantischen Dynamik ist kein anderer Grund aller Varietät der Materie gegeben als das arithmetische Verhältnis beider Kräfte, durch welches bloß verschiedene Dichtigkeitsgrade bestimmt sind und aus dem keine andere Form der Besonderheit, wie Kohäsion, eingesehen werden kann. Nach Anleitung dieser Dynamik mußte in dem voranstehenden Kapitel der Widerspruch allerdings unüberwindlich sein, daß Kohäsion nicht empirisch, durch Druck oder Stoß einer Materie, und gleichwohl auch nicht a priori begriffen wurde, und ich schäme mich dieser hier gesetzten Schranke nicht, da Kant an so vielen Stellen seiner metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft gesteht, daß er die spezifische Verschiedenheit der Materie aus seiner Konstruktion der letzten zu begreifen für ganz unmöglich halte.
Selbst unter Voraussetzung der Konstruktion aus Kräften müßte außer dem arithmetischen doch noch ein anderes Verhältnis derselben zum Raum statuiert werden, welches den Grund ihrer qualitativen Verschiedenheiten enthielte. Allein nach der wahren Konstruktion kann auch die spezifische Dichtigkeit oder Schwere nicht allein aus einem relativen Erhöhen der einen oder der andern Kraft, und nicht ohne die Kohäsion als Form mit in Anschlag zu nehmen, begriffen werden. Die Schwere, nach dem, was in den Zusätzen zu den beiden vorhergehenden Kapiteln gezeigt ist, die Indifferenz der beiden Einheiten, ist an sich keiner quantitativen Differenz empfänglich, denn in ihr ist alles eins. Das Spezifische der Schwere kann also nur in dem Ding, als Besonderem, liegen, allein als Ding, als Besonderes ist es eben nur durch die Form gesetzt, und die spezifische Schwere schließt demnach ebenso die Kohäsion in sich, als ihrerseits die Kohäsion die spezifische Schwere in sich begreift, da sie von dieser Form ist.
Daß nach diesen Voraussetzungen eine wahre Konstruktion[349] auch der spezifischen Verschiedenheiten der Materie möglich sei, darüber können wir uns auf die in den verschiedenen Darstellungen der Zeitschrift für spekulative Physik (besonders Bd. I. Heft 2 und Bd. II. Heft 2; der Neuen Zeitschrift Bd. I. Heft 2 und 3, vorzüglich in der Konstruktion des Planetensystems und der Abhandlung von den vier edlen Metallen) hierüber gegebene Beweise berufen.
Wir können hier nur die Hauptzüge dieser Darstellung angeben.
Schon, der Begriff Metamorphose der Materie weist uns auf die Identität der Form und Substanz als die gemeinschaftliche Wurzel aller Metamorphose hin, von der wir daher auch in unserer gegenwärtigen Konstruktion auszugehen haben.
Die beiden Arten der Kohäsion entsprechen den beiden Einheiten der Form, da in der absoluten – Identität in Differenz, in der relativen – Differenz in der Identität gesetzt ist.
Je vollkommener nun die Indifferenz dieser beiden Einheiten gesetzt ist, welche den beiden ersten Dimensionen entsprechen, desto vollkommener kann auch die Schwere, welche der dritten entspricht, eintreten: denn sie ist selbst jene Indifferenz, dem Wesen nach betrachtet. Dieser Zentralpunkt aller Metamorphose ist demnach durch die spezifisch schwersten Dinge, welche in der größten Indifferenz der Form am vollkommensten den Charakter der Metallität zeigen, den edlen Metallen, dargestellt.
Die vollkommene Indifferenz aber der allgemeinen und besonderen Kohäsion wird kraft des allgemeinen Gesetzes der Entzweiung selbst notwendig wieder auf gedoppelte Weise, entweder im Besonderen oder im Allgemeinen, ausgedrückt.
Im Besonderen dadurch, daß in der absoluten, wie relativen Kohäsion der Faktor der Besonderheit der herrschende ist (da jene ebenso eine Besonderung des Allgemeinen, als diese eine Allgemeinerung des Besonderen ist). Dieser Punkt ist ohne Zweifel durch die höchste Individualisierung bezeichnet.
Im Allgemeinen dadurch, daß in beiden Einheiten gleicherweise der Faktor des Allgemeinen herrschend ist, womit Tilgung der Individualität, sofern sie auf Besonderheit beruht, im Produkt verbunden.[350]
Diese zwei Punkte sind durch zwei Produkte, Platina und Quecksilber, bezeichnet.
Außer den angegebenen Punkten werden absolute und relative Kohäsion nur noch auf zwei mögliche Weisen indifferent sein können, daß nämlich in dem Verhältnis, in welchem in der allgemeinen Kohäsion das Allgemeine, in der besondern das Besondere herrschend sei, oder umgekehrt, daß in gleichem Verhältnis als in der allgemeinen Kohäsion das Besondere, in der besondern das Allgemeine herrschend sei. Jene Art der Indifferenz drückt das Gold, diese das Silber aus.
Außer dieser Zentralregion wird nicht mehr der absolute Indifferenzpunkt, sondern es werden nur relative, entweder der der allgemeinen, oder der der besondern Kohäsion gesetzt werden können. Hiermit ist zugleich das Abnehmen der spezifischen Schwere notwendig verbunden.
Die allgemeine Subjekt-Objektivierung setzt sich auch hier noch bis in ihre Extreme fort; die Materie in ihrer Subjektivität und Wesenheit als absolute Indifferenz des Allgemeinen und Besondern symbolisiert sich selbst durch sich selbst, indem sie in der Kohäsion – der einen oder beiden Einheiten nach – sich selbst zur Form wird.
Wir verfolgen zuerst den Indifferenzpunkt der absoluten Kohäsion, denjenigen also, in welchem das Allgemeine ins Besondere bis zum relativen Gleichgewicht gebildet ist. Es ist angenommen, daß dieser Punkt vorzugsweise durch das Eisen repräsentiert werde.
Von demselben ausbilden sich notwendig zwei Reihen. Nur bei einem gewissen Grad der Einbildung des Allgemeinen in das Besondere findet Kohäsion als solche statt. Denn nach der einen Seite – in dem Verhältnis, wie es zur gänzlichen Einbildung kommt, so daß das Allgemeine ganz in dem Besondern objektiviert ist – wird dieses als Besonderes vertilgt und aufgelöst in der Identität. Hierher fällt der Zustand der Expansion.
Nach der andern Seite aber auch, je geringer der Grad der Einbildung der Identität in die Differenz ist, desto mehr ist notwendig diese, als die Besonderheit, herrschend, wohin also die Kontraktion fällt.[351]
Jene Seite mag auch die positive, diese die negative Seite heißen. Jene verliert sich in dem Extrem in die Materie, welche die Chemiker Stickstoff, diese in die, welche dieselben Kohlenstoff genannt haben.
Indem nun nach der ersten Seite zu, in der gänzlichen Auflösung des Allgemeinen ins Besondre, der letzte Grad der Einbildung produziert wird, kann der Indifferenzpunkt nur noch ganz im Besondern, also für die relative Kohäsion, produziert werden. Dieses ist im Wasser, als dem dem Eisen entsprechenden Identitätspunkt, der Fall. Selbiges kann nun als Indifferenz wieder nach zwei Seiten potenziert werden, aber ohne absolute und andere als bloß relative Polarität, so daß im Moment des Entstehens der Differenz auch die Identität aufgehoben, und zwar die eine und selbe Substanz unter zwei differenten, aber auch dem Raum nach verschiedenen, Formen dargestellt wird.
Dieses ist das letzte Ende aller irdischen Metamorphose. Diese beiden entsprechenden Punkte, aus deren Verhältnis zugleich das der Starrheit und Flüssigkeit überhaupt eingesehen wird, bilden in der hohem Metamorphose des Sonnensystems zwei besondre Welten in der Planeten- und Kometenwelt.
Da die ganze Produktion der Materie auf die Einbildung des Allgemeinen in das Besondre geht, so ist, von der einen Seite aus betrachtet, das Flüssige, als das, worin das Besondere das ganze Allgemeine, beide also wahrhaft eins sind, der Prototyp aller Materie. Je nachdem nun entweder diese letzte Indifferenz produziert ist, oder in der Produktion eine der beiden Einheiten das Übergewicht hat, sind auch verschiedene Verhältnisse der Körper zu den drei Dimensionen gesetzt, so daß man, da diese in den drei Formen des dynamischen Prozesses nur in der hohem Potenz reproduziert werden, sagen kann: daß alle besondern oder spezifischen Bestimmungen der Materie ihren Grund in dem verschiedenen Verhältnis der Körper zu dem Magnetismus, der Elektrizität und dem chemischen Prozeß haben143.[352]
Fußnoten
143 Zeitschrift für spekulative Physik. Band I, Heft 2; Abhandl. vom dynamischen Prozeß § 47.
Siebentes Kapitel.
Philosophie der Chemie überhaupt
Wir setzen voraus den allgemeinsten Begriff von Chemie als einer Erfahrungswissenschaft, welche lehrt, wie ein freies Spiel dynamischer Kräfte möglich sei dadurch, daß die Natur neue Verbindungen bewirkt und bewirkte Verbindungen wieder aufhebt.
Der Ort, welchen die Chemie im System unseres Wissens behauptet, ist zum Teil schon durch die bisherigen Untersuchungen bestimmt144 und soll fernerhin noch genauer bestimmt werden. So viel ist bereits ausgemacht, daß sie eine Folge der allgemeinen Dynamik ist.
Ferner, ihr Zweck ist, die qualitative Verschiedenheit der Materie zu erforschen, denn nur insofern ist sie im Zusammenhang unsers Wissens notwendig145. Diesen Zweck sucht sie dadurch zu erreichen, daß sie künstlich zwar, jedoch durch Mittel, die die Natur selbst anbietet, Trennungen und Verbindungen bewirkt. Diese Trennungen und Verbindungen müssen sich also auf die Qualität der Materie beziehen. Denn mechanische Trennungen und Verbindungen betreffen bloß die Quantität der Materie, sie sind bloße Verminderungen oder Anhäufungen der Masse, abgesehen von allen Qualitäten derselben.
Die Chemie hat demnach zum Gegenstand Attraktionen und Repulsionen, Verbindungen und Trennungen, insofern sie von qualitativen Eigenschaften der Materie abhängen.
Sie setzt also146 voraus erstens ein Prinzip der qualitativen Anziehung. Alle Anziehung, welche von Qualitäten der Materie abhängig ist, führt sie auf Verwandtschaften gewisser Grundstoffe zurück, gleichsam als ob einige derselben zu Einer[353] Familie, alle aber zu einem gemeinschaftlichen Stamme gehörten. Das Prinzip der chemischen Anziehungen also muß das gemeinschaftliche sein, wodurch Grundstoff mit Grundstoff zusammenhängt, oder das Mittelglied, welches die Verwandtschaften der Grundstoffe untereinander vermittelt.
Damit nimmt man nun auf einmal eine Ungleichartigkeit der Materie an, nachdem sie vorher als ursprünglich-gleichartig betrachtet wurde. Das System breitet sich weiter und weiter aus, die Materie wird mannigfaltiger.
Was aber das Mittelglied der chemischen Anziehung sei, kann nur durch Erfahrung ausgemacht werden. Nach den Untersuchungen der neuern Chemie ist es ein Grundstoff, den die Natur dem allgemeinen Medium, in welchem wir leben, und das zur Fortdauer des vegetabilischen und tierischen Lebens gleich notwendig ist, anvertraut hat.
Jeder neuen Verbindung, die durch chemische Mittel bewirkt wird, muß eine chemische Trennung vorangehen, oder die Grundteilchen eines chemisch behandelten Körpers müssen sich untereinander abstoßen, um mit fremden Grundstoffen sich verbinden zu können. Um nun jene Trennung mittelbar oder unmittelbar zu bewirken, muß es wieder ein Prinzip geben, das vermöge seiner qualitativen Eigenschaften imstande ist, Grundstoffe, die wechselseitig sich binden, dem Gleichgewicht zu entreißen und dadurch neue Verbindungen möglich zu machen.
Was dieses Prinzip sei, kann abermals nur durch Erfahrung entschieden werden. Die Chemie findet es im Licht, oder (um sogleich auch seinen Zusammenhang mit der Wärme anzudeuten) im Feuer. Die Chemie betrachtet dieses Element ganz erfahrungsmäßig und sieht es daher auch für einen besondern Grundstoff an, der als solcher in den chemischen Prozeß mit eingeht. Die Vehikel desselben sind Flüssigkeiten, besonders aber jenes elastische Fluidum, welches zugleich das Prinzip aller chemischen Anziehung enthält (die Lebensluft).
Dies ist die Darstellung der Prinzipien der Chemie, insofern sie innerhalb der bestimmten Grenzen der bloßen Erfahrung bleibt. Denn da hat sie kein anderes Geschäft als das, die Natur vor unsern Augen handeln zu lassen, und das, was sie dabei[354] beobachtet, so wie es in den Sinnen auffällt, zu erzählen, die zerstreuten Beobachtungen aber, so viel möglich, auf einzelne Hauptsätze zurückzuführen, die jedoch nie über die Grenzen der bloßen sinnlichen Erkenntnis hinausgehen dürfen. Sie macht sich also gar nicht anheischig, die Möglichkeit dieser Phänomene zu erklären, sondern sucht nur, diese Phänomene unter sich in Zusammenhang zu bringen. Da sie ferner alles so nimmt, wie es den Sinnen auffällt, hat sie auch das Recht, zum Behuf der Erklärungen, die sie gibt, sich einzig und allein auf die Qualitäten dieser Grundstoffe zu berufen, für die sie weiter keinen Grund angibt, sondern bloß sich bemüht, diese Grundstoffe auf so wenige wie möglich zurückzubringen.
Qualität aber ist nur was uns in der Empfindung gegeben ist. Nun ist außer Zweifel, daß, was in der Empfindung gegeben ist, als solches, keiner weitem Erklärung fähig ist, wie z.B. die Farben der Körper, Geschmacksempfindungen usw. Wer aber eine Wissenschaft z.B. der Farben (Optik genannt) unternimmt, muß sich jener Frage unterziehen, unerachtet er durch Erklärung des Ursprungs der Farben auch die Empfindung, welche die Farben in uns erregen, erklärt zu haben, niemals sich überreden wird.
Ebenso ist es mit der Chemie. Sie mag alle Phänomene ihrer Kunst auf Qualitäten der Grundstoffe, auf Verwandtschaften derselben usw. zurückführen, so lange sie nur keinen wissenschaftlichen Ton annimmt. Sobald sie aber dies tut, muß sie auch zugeben, daß man sie erinnere, fernerhin nicht auf etwas sich zu berufen, was nur in bezug auf Empfindung gilt und was durch Begriffe gar nicht (allgemein) verständlich gemacht werden kann. So ist das Licht für uns ursprünglich nichts anders als die Ursache der beiden Empfindungen, die wir mit den Worten: Helle und Wärme ausdrücken. Allein, was erlaubt uns denn, diese Begriffe von Helle und Wärme usw., die doch nur aus unsrer Empfindung geschöpft sind, auf das Licht selbst überzutragen, und zu glauben, daß das Licht etwa an sich warm, oder an sich hell sei? So ist es mit dem Begriff von Verwandtschaft; ein schickliches Bild allerdings, um das bloße Phänomen zu bezeichnen, das aber, sobald es für Ursache des Phänomens[355] genommen wird, nichts mehr und nichts weniger ist, als eine qualitas occulta, die aus jeder gesunden Philosophie verbannt werden muß.
Darein kann also die mechanische Physik wirklich ein Verdienst setzen, daß sie bis jetzt allein unternommen hat, eine bloße Experimentallehre zur Erfahrungswissenschaft zu erheben und die Bildersprache der Chemie und Physik in allgemeinverständliche, wissenschaftliche Ausdrücke zu übersetzen. Sie hat diesen Versuch nicht erst seit gestern und ehegestern gewagt; sie ist sich aber, wie in allem, so auch hier von Büffon an bis auf Morveau in der Hauptsache bis jetzt beinahe ganz gleich geblieben.
Das, was ihren Erklärungen der chemischen Verwandtschaften zugrunde liegt, kann ich nicht besser, als mit Büffons Worten, sagen.
»Die Gesetze der Verwandtschaften,« dies sind seine Worte147, »nach welchen die Bestandteile verschiedener Substanzen sich voneinander trennen, um sich wieder unter sich zu verbinden und homogene Materien zu bilden, kommen völlig mit dem allgemeinen Gesetze, vermöge dessen alle himmlischen Körper aufeinander wirken, überein. Sie äußern sich auf gleiche Weise und nach denselben Verhältnissen der Massen und der Entfernungen. Ein Kügelchen Wasser, Sand oder Metall wirkt auf ein anderes Kügelchen, wie die Erdkugel auf den Mond. Wenn man bis jetzt diese Gesetze der Verwandtschaft von den Gesetzen der Schwere verschieden gehalten hat, so liegt solches bloß daran, daß man diesen Gegenstand nach seinem ganzen Umfange nicht recht gefaßt und begriffen hat. Die Figur, welche bei den himmlischen Körpern nichts oder fast gar nichts zu dem Gesetze ihrer Wirkung aufeinander tut, weil ihre Entfernung sehr groß ist, tut im Gegenteil fast alles, wenn der Abstand sehr klein oder gar nicht zu rechnen ist. Wenn der Mond und die Erde statt einer sphärischen Figur, beide die Figur eines kurzen Zylinders hätten, dessen Durchmesser mit dem Durchmesser ihrer Kugel gleich wäre, so würde das Gesetz ihrer Wirkung aufeinander nicht[356] merklich durch diesen Unterschied der Figur verändert sein, weil der Abstand aller Teile des Monds und der Erde auch nur sehr wenig verändert wäre. Wenn aber eben diese Kugeln sehr lange Zylinder würden und sich einander sehr nahe kämen, so würde das Gesetz von der gegenseitigen Wirkung dieser beiden Körper sehr verschieden erscheinen, weil der Abstand ihrer Teile unter sich und in Beziehung auf die Teile des andern Körpers wundersam verändert wäre. Also wenn die Figur, wie ein Element, zur Entfernung kommt, so scheint sich das Gesetz zu verändern, obgleich es immer eben dasselbe bleibt.«
»Nach diesem Prinzip kann der menschliche Geist noch einen Schritt tun und weiter ins Innere der Natur eindringen. Wir wissen, welche Figur die Bestandteile der Körper haben. Das Wasser, die Luft, die Erde, die Metalle, alle homogene Teile bestehen gewiß aus elementarischen Teilchen, welche unter sich gleich sind, aber deren Gestalt man nicht kennt. Unsere Nachkommen können, mit Hilfe der Rechnung, sich dieses neue Feld von Kenntnissen eröffnen und beinahe wissen, welche Gestalt die Elemente der Körper haben. Sie müssen bei dem Prinzip, welches wir eben festgesetzt haben, anfangen, und folgendes zum Grunde legen: Jede Materie zieht sich an, nach dem umgekehrten Verhältnisse des Quadrats der Entfernung, und dieses allgemeine Gesetz scheint bei den besondern Anziehungen bloß durch die Wirkung der Figur von den Bestandteilen jeder Substanz verändert zu werden, indem diese Figur als ein Element zu der Entfernung kommt. Wenn sie also durch wiederholte Erfahrungen die Kenntnisse von dem Anziehungsgesetze einer besondern Substanz werden kennen gelernt haben, so werden sie durch Berechnung die Figur ihrer Bestandteile finden können. Um dieses besser einzusehen, wollen wir z.B. setzen, daß man aus Erfahrung wisse, wenn man Quecksilber auf eine ganz glatte Fläche gießt, daß sich dieses flüssige Metall stets nach dem umgekehrten Verhältnisse des Würfels der Entfernung anziehe. Man wird also nach den Regeln des falschen Satzes (Reg. falsi) suchen müssen, welche Figur das sei, die dieser Ausdruck gibt, und diese wird alsdann die[357] Figur der Bestandteile des Quecksilbers sein. Wenn man durch diese Erfahrungen fände, daß sich dieses Metall im umgekehrten Verhältnisse des Quadrats der Entfernung anzöge, so würde es bewiesen sein, daß dessen Bestandteile sphärisch wären, weil die Sphäre die einzige Figur ist, die dieses Gesetz gibt, und man mag Kugeln, in welcher Entfernung man will, legen, so bleibt das Anziehungsgesetz derselben immer eben dasselbe«.
»Newton hat richtig vermutet, daß die chemischen Verwandtschaften, welche nichts anders als die besondern Anziehungen, von welchen wir eben geredet haben, sind, nach sehr ähnlichen Gesetzen, mit denen von der Schwerkraft, entstünden. Allein er scheint nicht bemerkt zu haben, daß alle diese besondern Gesetze bloße Modifikationen des allgemeinen Gesetzes sind und nur deshalb verschieden scheinen, weil die Figur der Atomen, die sich anziehen, in einer sehr kleinen Entfernung ebensoviel und mehr als die Masse zur Vollführung des Gesetzes tut, da diese Figur alsdann sehr in das Element der Entfernung wirkt«148
Die Aussicht, welche diese Hypothese auf ein wissenschaftliches System der Chemie eröffnet, besonders aber die Hoffnung, daß es ihr gar wohl gelingen könnte, was keinem andern System so leicht gelingen dürfte, die chemischen Anziehungen auch dem Kalkül zu unterwerfen, ist so reizend, daß man sich gern, eine Zeitlang wenigstens, dem Glauben an die Ausführbarkeit der Sache überläßt und sich freut, wenn das System selbst, allmählich wenigstens, hypothetische Gewißheit erhält. Denn, wenn Naturlehre nur in dem Maße Naturwissenschaft wird,[358] als Mathematik in ihr angewandt werden kann149, so wird man ein System der Chemie, das zwar auf falschen Voraussetzungen beruht, mit solchen Voraussetzungen aber doch imstande ist, diese Experimentallehre mathematisch dar zustellen, zum Behuf des wissenschaftlichen Vertrags immer einem andern vorziehen, das zwar das Verdienst hat, auf wahren Prinzipien zu beruhen, aber, dieser Prinzipien unerachtet, doch auf wissenschaftliche Präzision (auf mathematische Konstruktion der Phänomene, die es aufzählt) Verzicht tun muß.
Hier hätte man also ein Beispiel einer erlaubten und sehr nützlichen wissenschaftlichen Fiktion, vermöge welcher eine sonst bloß experimentierende Kunst zur Wissenschaft werden, und (zwar nur hypothetische, innerhalb ihrer Grenzen aber nichtsdestoweniger) vollkommene Evidenz erlangen könnte.
Die (bis jetzt freilich sehr Ungewisse) Hoffnung der Ausführbarkeit jener Idee hat doch durch Herrn le Sage's Bemühungen aufs neue einige Wahrscheinlichkeit bekommen.
Herr le Sage glaubt nicht, wie Büffon, daß die allgemeine Gravitation die Erscheinungen der Verwandtschaften vollkommen erklären könne, unerachtet Herr Prevost einräumt, manches, was man unter Verwandtschaften gerechnet habe, könne Folge der allgemeinen Anziehung sein, weil wir die Gestalt und Lage der aufeinanderwirkenden Körperteilchen nicht kennen150. Er unterscheidet daher die eigentlich sogenannten Verwandtschaften, die nicht von den Gesetzen, noch von der allgemeinen Ursache der Schwere abhängig sind, von den uneigentlich sogenannten Verwandtschaften, die nur besondere Fälle des großen allgemeinen Phänomens der Anziehung oder wenigstens denselben Gesetzen, wie dieses, unterworfen sind. (Diese Unterscheidung ist, wie schon oben bemerkt wurde, im Zusammenhang unseres Wissens notwendig).[359]
Wie nun, nach Gesetzen der allgemeinen Gravitation, scheinbare Verwandtschaften möglich seien, hat Herr le Sage schon in seinem Versuch einer mechanischen Chemie zu zeigen versucht. Er führt alles auf verschiedene Dichtigkeit und Figur der Grundmassen zurück, z.B. man nehme Flüssigkeiten an, deren Grundmassen ähnlich und gleich, aber von verschiedener Dichtigkeit sind, so werden die homogenen sich zu vereinigen streben. Was heißt hier homogen? Sollte es sich auf gleiche Grade der Dichtigkeit beziehen, so sollte man denken, daß gerade heterogene Grundmassen leichter sich vereinigen. Innere Qualitäten kann Herr le Sage nicht meinen, da die mechanische Physik kein Recht hat, solche anzunehmen.151 Unter Homogeneität müßte also Ähnlichkeit und Gleichheit der Figur verstanden sein, wo man wiederum eher das Entgegengesetzte vorauszusetzen Grund hätte.
Ferner, da die Anziehung nach dem Verhältnis der Masse geschieht, kann eine kleine Masse die andre ebenso kleine stärker als der Erdball selbst anziehen, vorausgesetzt, daß sie weit dichter ist.
Ferner, die Teilchen einer Flüssigkeit können weit kleiner sein, als die Zwischenräume der andern, diese werden sich durchdringen. Endlich, da die Figur der Grundmassen verschieden ist, so müssen sie sich bei sonst gleichen Umständen mit der größtmöglichen Fläche untereinander zu vereinigen streben usw.152
Wichtiger für unsern Zweck ist Herrn le Sage's Untersuchung über die Ursache der eigentlich sogenannten (qualitativen) Verwandtschaften. Die allgemeine durchgreifende Ursache derselben ist ihm das sekundäre Fluidum, der Äther, von dem schon oben die Rede war. Die Eigenschaften des Äthers sind folgende. Er ist in beständiger Agitation. Seine Ströme werden oft unterbrochen, aber es entstehen wieder neue. Seine Elemente sind der Masse, und, da alle diese Körper elementarisch sind, auch dem Volumen nach merklich voneinander[360] verschieden. Es gibt also gröberen und feineren Äther. In den Äther sollen nun gleichsam eingetaucht sein mehrere Körperchen, bei welchen man von ihren Verhältnissen zum schwermachenden Fluidum abstrahiert. Dagegen können sie sich gegen den Äther gleich oder ungleich verhalten. Dieses ungleiche Verhältnis kommt von der verschiedenen Größe ihrer Poren her, die dem Äther entweder gar keinen, oder geringen, oder völlig freien Durchgang verstatten.
Im allgemeinen reichen nun schon die (hypothetischen) Eigenschaften des Äthers allein hin, die Erscheinungen der Verwandtschaft zu erklären153. Herr le Sage gibt seinen Strömen eine sehr geringe Ausdehnung; deshalb, sagt er, finden Verwandtschaften, die von seinen Wirkungen abhängen, nur bei der Berührung, oder sehr nahe dabei, statt. Auch kann seine Wirkung nicht der Masse der Körperteilchen proportional sein, sondern der Fläche. Deshalb ist auch die Adhärenz, die er in der Berührung (bei vergrößerter Fläche) hervorbringt, viel stärker, als die, welche er bei der kleinsten Entfernung bewirkt, und zwar in einem viel größern Verhältnisse, als aus dem allgemeinen Gesetze folgen sollte154. Indes kann Herr le Sage mit allen diesen Voraussetzungen die chemischen Verwandtschaften doch nur sehr einseitig erklären: denn aus dem verschiedenen Verhältnis der Pore der Körperchen, gegen den gröberen oder feineren Äther, leitet er den einzigen Satz ab, daß ungleichartige Partikeln mit geringerer Kraft sich zu vereinigen streben, als gleichartige155. Freilich erklärt er die Verwandtschaft der ungleichartigen Körperteilchen (die Hauptsache in der Chemie) dadurch, daß er ihre Figuren kongruieren läßt (bekanntlich setzt er einige als konkav, andere als konvex voraus). Diese Anziehung aber erklärt er aus Gesetzen der Gravitation; auch findet sie nur in der Berührung, nicht auch in der Entfernung statt.
Herr Prevost selbst gesteht aber, daß es Fälle gebe, in welchen man zwischen ungleichartigen Grundmassen größere[361] Verwandtschaft, als zwischen gleichartigen voraussetzen müsse156. Herr le Sage war also genötigt, wenigstens für die Verwandtschaften der expansibeln Flüssigkeiten eine Anziehung ungleichartiger Grundmassen anzunehmen und für diese auch eine besondre Ursache aufzusuchen. Hier kommt nun wieder alles auf die Figur der Grundmassen zurück, und diese Verschiedenheiten der Figur vervielfältigen sich, so wie man sie nötig hat, allmählich willkürlicher und immer willkürlicher. Einige Körperchen sind konkavkonkav, andere konvexkonvex, andere konkavkonvex, wieder andere sind Zylinder, deren eines Ende bis zu einer gewissen Tiefe ausgehöhlt ist, andere gar Arten von Käfigen, »deren Drähte selbst, in Gedanken durch den Durchmesser der schwermachenden Körperchen vermehrt, in Rücksicht auf die gegenseitigen Distanzen der parallelen Drähte desselben Käfigs so klein sind, daß der Erdball nicht einmal den zehntausendsten Teil der Körperchen, die sich, um ihn durchzustreichen, darbieten, auffangen kann157« usw. Alle diese Körperchen nun oszillieren, stoßen sich oder werden gestoßen, passen aufeinander oder passen nicht, ziehen sich an oder stoßen sich zurück – alles das, so wunderbar es klingt, nach bloßen Schlüssen, die man aus einfachen Erfahrungen zieht und die nicht einmal selbst völlig evident sind.
Diese Erfahrung nun, daß es bis jetzt nicht gelang, die mechanische Chemie zur Evidenz zu erheben, muß notwendig die oben geäußerte Hoffnung um sehr vieles herabstimmen. Allein nun ist es Zeit, ohne alle Rücksicht auf das, was eine solche Wissenschaft Wünschenswertes haben mag, auf ihr Fundament zurückzugehen. Das ganze System also steht und fällt mit den atomistischen Voraussetzungen, die vielleicht in einzelnen Teilen der Naturlehre nicht ohne Vorteil hypothetisch angewandt, von der Philosophie der Natur aber, die auf sichern Grundsätzen beruhen soll, nimmermehr zugelassen werden können. Da es uns nun um eine solche Philosophie zu tun ist, so liegt uns auch ob, die Ansprüche, welche dieser Teil der Naturlehre auf wissenschaftliche Behandlung macht, in Prüfung zu nehmen, und zu[362] sehen, wie groß denn für das System unserer Kenntnisse der Nutzen oder der Nachteil sein könnte, der aus der Möglichkeit oder Unmöglichkeit einer solchen Behandlung entspringen würde, ein Geschäft, wovon wir uns auf jeden Fall wenigstens negativen Nutzen versprechen dürfen.
Alles, was zur Qualität der Körper gehört, ist bloß in unserer Empfindung vorhanden, und was empfunden wird, läßt sich niemals objektiv (durch Begriffe), sondern nur durch Berufung auf das allgemeine Gefühl verständlich machen. Allein damit ist nicht aufgehoben, daß das, was in einer Rücksicht Gegenstand der Empfindung ist, in anderer Rücksicht auch Objekt für den Verstand werden könne. Will man nun das, was bloß in bezug auf die Empfindung gilt, auch dem Verstand als Begriff aufdringen, so beschränkt man den letztern in Ansehung der empirischen Nachforschung allzu sehr; denn über das, was empfunden wird, als solches, ist keine weitere Untersuchung möglich. Oder man sieht ein, daß das Empfundene, als solches, nie in allgemein verständliche Begriffe verwandelt werden kann und leugnet demzufolge überhaupt die Möglichkeit, für qualitative Eigenschaften Ausdrücke zu finden, die auch für den Verstand gültig sind.
Hier ist also ein Widerstreit, dessen Grund nicht in der Sache selbst, sondern nur in dem Gesichtspunkt liegt, von dem aus man sie ansieht; denn es kommt darauf an, ob man den Gegenstand bloß in bezug auf die Empfindung betrachtet oder vor das Forum des Verstandes bringt, und wenn dieser (ganz natürlicherweise) außerstande ist die Empfindung auf Begriffe zu bringen, so weigert sich umgekehrt auch der Verstand, Ausdrücke, die bloß von Empfindungen gelten (wie Qualität), auch auf Begriffe anzuwenden.
Es scheint also nötig, den Ursprung unserer Begriffe von Qualität überhaupt genauer zu untersuchen. Wenn ich auch hier wieder zu philosophischen Prinzipien zurückkehre, so wird dies nur solchen Lesern unnütz scheinen, denen es zur Gewohnheit geworden ist, unter empirischen Begriffen blind herumzutappen, nicht aber solchen, die im menschlichen Wissen überall Zusammenhang und Notwendigkeit zu suchen gewohnt sind.[363]
Was in unsern Vorstellungen von äußern Dingen notwendig ist, ist bloß ihre Materialität überhaupt. Diese beruht nun auf dem Konflikt anziehender und zurückstoßender Kräfte, und darum gehört zur Möglichkeit eines Gegenstandes überhaupt nichts weiter als ein Zusammentreffen dynamischer Kräfte, die sich wechselseitig beschränken und so durch ihre Wechselwirkung ein Endliches, überhaupt – ein vor jetzt völlig unbestimmtes Objekt möglich machen. Allein damit haben wir auch nichts weiter als den bloßen Begriff von einem materiellen Objekt überhaupt, und selbst die Kräfte, deren Produkt es ist, sind jetzt noch etwas bloß Gedachtes.
Der Verstand entwirft sich also selbsttätig ein allgemeines Schema – gleichsam den Umriß eines Gegenstandes überhaupt, und dieses Schema in seiner Allgemeinheit ist es, was in allen unsern Vorstellungen als notwendig gedacht wird, und im Gegensatz gegen welches erst das, was nicht zur Möglichkeit des Gegenstandes überhaupt gehört, als zufällig er scheint. Weil dieses Schema allgemein – weil es das verallgemeinerte Bild eines Gegenstandes überhaupt – sein soll, so denkt es der Verstand gleichsam als ein Mittel158, dem alle einzelne Gegenstände gleich nahe kommen, eben deswegen aber kein einzelner völlig entspricht, daher es der Verstand allen Vorstellungen von einzelnen Gegenständen, als ein Gemeinbild, zugrunde legt, in bezug auf welches sie erst als individuelle, bestimmte Gegenstände erscheinen.
Dieser Umriß von einem Gegenstande überhaupt gibt nun nichts weiter als den Begriff von einer Quantität überhaupt, d.h. von einem Etwas innerhalb unbestimmter Grenzen. Erst durch die Abweichung von der Allgemeinheit dieses Umrisses entsteht allmählich Individualität und Bestimmtheit, und man kann sagen: daß ein bestimmter Gegenstand schlechterdings nur insofern vorstellbar ist, als wir (ohne es[364] zu wissen, durch eine wunderbar schnelle Operation der Einbildungskraft) seine Abweichung vom Gemeinbild eines Objekts überhaupt, oder wenigstens vom Gemeinbild der Gattung, zu welcher er gehört, zu schätzen imstande sind.
Diese Eigentümlichkeit unseres Vorstellungsvermögens liegt so tief in der Natur unseres Geistes, daß wir sie unwillkürlich und nach einer beinahe allgemeinen Übereinkunft auf die Natur selbst (jenes idealische Wesen, in welchem wir Vorstellen und Hervorbringen, Begriff und Tat als identisch denken) übertragen. Da wir die Natur als zweckmäßige Schöpferin denken, so stellen wir uns auch vor, als ob sie die ganze Mannigfaltigkeit von Gattungen, Arten und Individuen in der Welt durch allmähliche Abweichung von einem gemeinschaftlichen Urbild (das sie gemäß einem Begriffe entwarf) hervorgebracht habe. Und Plato hat schon bemerkt, daß alles menschliche Kunstvermögen auf der Fähigkeit beruht ein allgemeines Bild des Gegenstandes zu entwerfen, welchem gemäß selbst der bloße Handwerker (der auf den Namen des Künstlers Verzicht tun muß) den einzelnen Gegenstand mit den mannigfaltigsten Abweichungen von der Allgemeinheit – und nur mit Beibehaltung des Notwendigen – in seinem Entwurf hervorzubringen imstande ist. –
Ich nehme den Faden wieder auf. Jenes unbestimmte Etwas, das Notwendige in allen unsern Vorstellungen von einzelnen Dingen, ist ein bloßes Objekt der reinen Einbildungskraft – eine Sphäre, eine Quantität, überhaupt etwas, was bloß denkbar oder konstruierbar ist.
Unser Bewußtsein ist so lange bloß formal. Aber das Objekt soll real und unser Bewußtsein soll material – gleichsam erfüllt – werden. Dies ist nun nicht anders möglich, als dadurch, daß die Vorstellung die Allgemeinheit verlasse, in der sie sich bisher gehalten hatte. Erst, indem der Geist von jenem Mittel [Medium] abweicht, in welchem nur die formale Vorstellung von einem Etwas überhaupt möglich war, bekommt das Objekt, und mit ihm das Bewußtsein, Realität. Realität aber wird nur gefühlt, ist nur in der Empfindung vorhanden. Was aber empfunden wird, heißt Qualität. Also bekommt[365] das Objekt erst, indem es von der Allgemeinheit des Begriffs abweicht, Qualität; es hört auf bloße Quantität zu sein.
Jetzt erst bezieht das Gemüt das Reale in der Empfindung (als das Zufällige) auf ein Objekt überhaupt (als das Notwendige), und umgekehrt. Durch das Zufällige aber fühlt sich das Gemüt schlechthin bestimmt, und sein Bewußtsein ist nicht mehr ein allgemeines (formales), sondern ein bestimmtes (materiales) Bewußtsein. Aber auch diese Bestimmung wieder muß ihm zufällig erscheinen, d.h. das Reale in der Empfindung muß ins Unendliche wachsen oder abnehmen – können, d.h. es muß einen bestimmten Grad haben, der aber unendlich größer sowohl, als unendlich kleiner gedacht werden kann, oder, anders ausgedrückt, zwischen welchem und der Negation alles Grads (= 0) eine unendliche Frage von Zwischengraden gedacht werden kann.
So ist es auch. Wir fühlen bloß das Mehr oder Weniger der Elastizität, der Wärme, der Helle usw., nicht Elastizität, Wärme usw. selbst. Jetzt erst ist die Vorstellung vollendet. Das schöpferische Vermögen der Einbildungskraft entwarf aus der ursprünglichen und reflektierten Tätigkeit eine gemeinschaftliche Sphäre. Diese Sphäre ist jetzt das Notwendige, das unser Verstand jeder Vorstellung von einem Gegenstand zugrunde legt. Was aber das ursprünglich Reale am Gegenstand ist, was dem Leiden in mir entspricht, ist in bezug auf jene Sphäre ein Zufälliges (Akzidens). Vergebens also versucht man es a priori abzuleiten oder auf Begriffe zurückzubringen. Denn das Reale selbst ist nur insofern ich affiziert bin. Es gibt mir aber schlechterdings keinen Begriff von einem Objekt, sondern nur das Bewußtsein des leidenden Zustandes, in dem ich mich befinde. Nur ein selbsttätiges Vermögen in mir bezieht das Empfundene auf ein Objekt überhaupt; dadurch erst erhält das Objekt Bestimmtheit, und die Empfindung Dauer. Daraus ist klar, daß Quantität und Qualität notwendig verbunden sind. Jene erhält durch diese erst Bestimmtheit, diese durch jene erst Grenze und Grad. Aber das Empfundene selbst in Begriffe verwandeln, heißt ihm seine Realität rauben. Denn nur im Moment seiner[366] Wirkung auf mich hat es Realität. Erheb' ich es zum Begriff, so wird es Gedankenwerk; sobald ich ihm selbst Notwendigkeit gebe, nehme ich ihm auch alles, was es zu einem Gegenstand der Empfindung machte.
Diese allgemeinen Grundsätze von Qualität über haupt lassen sich nun auf die Qualität der Körper überhaupt sehr leicht übertragen.
Das Notwendige, was der Verstand allen seinen Vorstellungen von einzelnen Dingen zugrunde legt, ist ein in Zeit und Raum überhaupt vorhandenes Mannigfaltige. Dynamisch ausgedrückt heißt das so viel: Was der Verstand unsern (dynamischen) Vorstellungen von Materie als das Notwendige zugrunde legt, worauf erst das Zufällige derselben bezogen wird, ist ein unbestimmtes Produkt anziehender und zurückstoßender Kräfte überhaupt, das die Einbildungskraft ganz allgemein verzeichnet, das für jetzt ein bloßes Objekt des Verstandes, eine Quantität überhaupt ohne alle qualitative Eigenschaft ist. Wir können uns dieses Produkt der Einbildungskraft als ein Mittleres von allen möglichen Verhältnissen denken, welche zwischen anziehenden und zurückstoßenden Kräften möglich sind. Kraft ist wohl da, aber bloß in unserem Begriffe; Kraft überhaupt, nicht bestimmte Kraft. Kraft ist allein das was uns affiziert. Was uns affiziert, heißen wir real, und was real ist, ist nur in der Empfindung: Kraft ist also dasjenige, was allein unserem Begriffe von Qualität entspricht. Jede Qualität aber, insofern sie uns affizieren soll, muß einen Grad haben, und zwar einen bestimmten Grad, einen Grad, der höher oder geringer sein könnte, jetzt aber (in diesem Moment) gerade dieser bestimmte Grad ist.
Kraft überhaupt also kann nur insofern uns affizieren, als sie einen bestimmten Grad hat. So lange wir aber jene dynamischen Kräfte ganz allgemein – in einem völlig unbestimmten Verhältnis – denken, hat keine derselben einen bestimmten Grad. Man kann sich dieses Verhältnis als ein absolutes Gleichgewicht jener Kräfte vorstellen, in welchem die eine immer die andere aufhebt, keine die andere bis zu einem bestimmten Grad anwachsen läßt. Soll also Materie überhaupt qualitative[367] Eigenschaften erhalten, so müssen ihre Kräfte einen bestimmten Grad haben, d.h. sie müssen von der Allgemeinheit des Verhältnisses, in welchem sie der bloße Verstand denkt – oder deutlicher – sie müssen von dem Gleichgewicht abweichen, in welchem sie ursprünglich und mit Notwendigkeit gedacht werden.
Jetzt erst ist die Materie etwas Bestimmtes für uns. Der Verstand gibt die Sphäre überhaupt, die Empfindung gibt die Grenze; jener gibt das Notwendige, diese das Zufällige; jener das Allgemeine, diese das Bestimmte; jener das bloß Formale, diese das Materiale der Vorstellung.
Also – dies ist das Resultat der bisherigen Untersuchungen – alle Qualität der Materie beruht einzig und allein auf der Intensität ihrer Grundkräfte, und, da die Chemie eigentlich nur mit den Qualitäten der Materie sich beschäftigt, so ist dadurch zugleich der oben aufgestellte Begriff der Chemie (als einer Wissenschaft, welche lehrt, wie ein freies Spiel dynamischer Kräfte möglich sei), erläutert und bestätigt.
Oben zeigte es sich, daß die Chemie nur insofern sie eine solche Wissenschaft ist im Zusammenhang unseres Wissens Notwendigkeit hat. Hier haben wir denselben Begriff auf einem ganz andern Wege gefunden, dadurch nämlich, daß wir untersuchten, inwiefern der Materie überhaupt Qualität zukomme.
Ehe wir nun zur wissenschaftlichen Anwendung dieser Prinzipien schreiten, dachte ich es vorteilhaft ihre Realität an solchen Gegenständen zu prüfen, die bis jetzt noch zu den problematischen in dieser Wissenschaft gehören.[368]
Fußnoten
144 Die Notwendigkeit der Chemie im System unseres Wissens ist gleich anfangs (Kap. 1) dargetan worden.
145 Siehe das vorige Kapitel.
146 A. a. O.
147 De la nature. Seconde Vue. (Hist. naturelle des Quadrupèdes. T. IV.) p. XXXII – XXXIV.
148 Wenn auch diese Bemerkung in der Ausdehnung, welche ihr Büffon gibt, keine Anwendung finden sollte, so kann sie doch vielleicht auf einige – bis jetzt noch nicht zur Befriedigung erklärte – Phänomene angewandt werden. Vielleicht gehören hierher die Kristallisationen. Ich bin mit den Untersuchungen, die Herr Häuy über diesen Gegenstand angestellt hat, nicht bekannt genug, um zu wissen, inwieweit sich seine Theorie auf eine solche Voraussetzung stützt.
Ich habe oben (1. Buch, 3. Kapitel) die Regelmäßigkeit der Eisstrahlen usw. als eine Wirkung der Wärme (einer gleichförmig wirkenden Kraft) betrachtet. Vielleicht aber wirkt beides zusammen, der Stoß der scheidenden Wärme und die Anziehung, welche durch die Figur der Teilchen bestimmt wird. Da diese aus einem gemeinschaftlichen Medium unter gleichen Umständen geschieden werden, so läßt sich schon daraus eine gleiche Bildung ihrer Figur begreifen.
149 Man vergleiche Kants Äußerungen hierüber, und über die Anwendbarkeit der Mathematik auf Chemie, in der Vorrede zu seiner oft angeführten Schrift S. VIII – X. [2. ed. Hart. IV, 360 ff; ed. Kirchm. VII, 170-171.]
150 § 42 des oft angeführten Werkes.
151 Oder versteht Herr le Sage darunter innere Qualitäten der Grundmassen, so hat die mechanische Physik kein Recht, solche anzunehmen. (Erste Auflage, in welcher auch der darauffolgende Satz fehlt.)
152 Prevost § 42.
153 A. a. O. §43.
154 § 46.
155 § 45.
156 § 48 flg.
157 De Lücs Ideen über die Meteorologie. Deutsche Übersetzung. S. 120.
158 [Medium, erste Auflage.] Kant sagt: Das Schema überhaupt vermittelt den Begriff (das Allgemeine) und die Anschauung (das Einzelne). Es ist also etwas, was zwischen Bestimmtheit und Unbestimmtheit, Allgemeinheit und Einzelnheit gleichsam in der Mitte schwebt.
Ist Chemie als Wissenschaft möglich?
(Zusatz zum siebenten Kapitel.)
Daß eine wissenschaftliche Einsicht in den Grund der spezifischen Differenzen der Materie möglich sei, ist in dem vorhergehenden Zusatz bewiesen worden: daß eine gleiche Einsicht in die durch jene Verschiedenheiten der Materie bedingten Erscheinungen, die wir chemisch nennen, möglich ist, ließe sich schon aus dem Ersten zur Genüge einsehen.[368]
Allein daraus würde noch nicht folgen, daß Chemie, als solche, eine Wissenschaft sein könne, denn alle jene Untersuchungen gehören in ein viel höheres und allgemeineres Gebiet, das der allgemeinen Physik, welche keine Naturerscheinung isoliert, sondern alle im Zusammenhange und der absoluten Identität darzustellen hat. Wenn also Chemie, als solche, ein besonderer Zweig der Kenntnis sein sollte, so wäre dies nur insofern möglich, als sie sich bloß auf das Experimentieren beschränkte, nicht aber insofern sie die Prätension hätte Theorie zu sein.
Nur ein Zeitalter, welches fähig war, die Chemie selbst an die Stelle der Physik zu setzen, konnte sie in dieser ihrer wissenschaftlichen Nackt- und Bloßheit für eine selbständige Skienz und ihren durch bedeutungslose Begriffe entstellten Bericht von beobachteten Tatsachen für die Theorie selbst halten. Es bedarf nur der einfachen Reflexion, daß das was Ursache oder Grund des chemischen Prozesses ist, nicht selbst wieder Gegenstand chemischer Untersuchung sein könne, um das Widersprechende einer durch die Chemie selbstgefundenen Theorie der chemischen Erscheinungen und die Eitelkeit ihres Erhebens über die Physik einzusehen.
Was aber die Gründe betrifft, die gegen eine wirkliche Physik der Chemie vorgebracht werden könnten, so würden die hauptsächlichsten ohne Zweifel von der allgemeinen und tief eingewurzelten Vorstellung des Spezifischen in der Natur hergenommen sein, welche die unendliche Differenzierung bis in das Wesen der Materie selbst fortsetzt, absolute qualitative Verschiedenheiten behauptet und unter dem Namen einer falschen, bloß äußern Verwandtschaft die wahre innere Verwandtschaft und Identität der Materie gänzlich aufhebt. Es gehört zu dieser Vorstellungsart, zur Erklärung der Qualitäten Wesen einer eigenen Art zu denken, und da man weder die Anzahl dieser Wesen sicher bestimmen noch durch Erfahrung alle Launen derselben kennen lernen kann, so ist hiermit eine erschöpfende Physik und wahre Wissenschaft ihrer Erscheinungen so unmöglich, als etwa eine Physik der Luftgeister oder anderer unfaßbarer Wesen.
Die absolute Identität und wahrhaft innere Gleichheit aller[369] Materie bei jeder möglichen Verschiedenheit der Form ist der einzige wahre Kern und Mittelpunkt aller Erscheinungen der Materie, von dem sie als ihrer gemeinschaftlichen Wurzel ausgehen und in den sie zurückstreben. Die chemischen Bewegungen der Körper sind der Durchbruch des Wesens, das Zurückstreben aus dem äußeren und besonderen Leben in das innere und allgemeine, in die Identität.
Andere Gründe gegen die Möglichkeit einer Erkenntnis der Ursachen der chemischen Erscheinungen könnten von den Voraussetzungen hergenommen sein, nach welchen die inwohnenden Prinzipien der Bewegungen und des Lebens selbst zu Materien gemacht werden.
In diesem Fall läßt man sie entweder selbst chemischen Verhältnissen unterworfen sein, so daß auch sie der Zerlegung, Zusammensetzung, Verwandtschaft usw. fähig sind: hiermit kehrt die Frage nach dem Grund aller chemischen Erscheinungen und dessen, was man Verwandtschaft, Bindung usw. nennt, bei ihnen selbst, nur in dem hohem Fall, zurück, oder man läßt diese Materien die chemischen Erscheinungen äußerlich, mechanisch bewirken, so daß mit dieser Erklärung die ganze Art dieser Erscheinungen selbst, als solche, nämlich als dynamische, aufgehoben wird; in diesem Fall ist, weil der bleibende Grund jener Erscheinungen dann einzig in der Figur der kleinsten Teile gesucht werden kann, welche für alle Erfahrung unerreichbar ist, vollends alle Aussicht auf eine Wissenschaft der Chemie gänzlich aufgehoben.
Die andere Bedingung der Möglichkeit einer solchen, außer der innern und wesentlichen Einheit der Materie, ist also, daß die Tätigkeit der Wärme, des Magnetismus, der Elektrizität usw. immanente und der Substanz der Körper selbst ebenso inhärierende Tätigkeiten seien, wie die Form überhaupt auch in Ansehung der toten Materie mit dem Wesen eins und von ihm unzertrennlich ist. Es ist aber durch die dynamische Physik hinlänglich bewiesen, daß alle jene Tätigkeiten ein ebenso unmittelbares Verhältnis zur Substanz haben, als die drei Dimensionen der Form selbst, und andere Veränderungen als der Verhältnisse der Körper zu den drei Dimensionen sind auch die chemischen nicht.[370]
Endlich ist für die letzte Aufgabe einer Physik der Chemie, die auch in diesen Erscheinungen nur das All darzustellen hat, notwendig ihre Sinnbildlichkeit und Beziehung auf höhere Verhältnisse zu fassen, da jeder Körper von eigentümlicher Natur in seiner Idee allerdings wieder ein Universum ist. Erst wenn man in den chemischen Erscheinungen nicht mehr Gesetze, die ihnen als solchen eigentümlich, sondern die allgemeine Harmonie und Gesetzmäßigkeit des Universums sucht, werden sie unter die höheren Verhältnisse der Mathematik treten, wozu durch den Scharfsinn eines deutschen Mannes einige Schritte geschehen sind, dessen Entdeckungen, wovon wir hier als Beispiel nur die der beständigen arithmetischen Progression der Alkalien im Verhältnis zu jeder Säure, und der geometrischen der Säuren zu jedem Alkali anführen wollen, in der Tat auf die tiefsten Naturgeheimnisse deuten.[371]
Achtes Kapitel.
Anwendung dieser Prinzipien auf einzelne Gegenstände der Chemie
Es scheint ein Vorteil der mechanischen Chemie zu sein, daß sie mit leichter Mühe die größte spezifische Verschiedenheit der Materie begreiflich zu machen weiß. Indes wenn man die Sache näher betrachtet, so ist ein Prinzip, das am Ende alles auf verschiedene Dichtigkeit zurückzuführen genötigt ist, in der Tat ein sehr dürftiges Prinzip, so lange man Materie als ursprünglich gleichartig und alle einzelne Körper als bloße Aggregate der Atomen betrachten muß. Dagegen läßt die dynamische Chemie gar keine ursprüngliche Materie, d.h. eine solche zu, aus welcher erst alle übrige durch Zusammensetzung entstanden wären. Vielmehr, da sie alle Materie ursprünglich als Produkt entgegengesetzter Kräfte betrachtet, so ist die größtmögliche Verschiedenheit der Materie doch nichts anders als eine Verschiedenheit des Verhältnisses jener Kräfte. Kräfte aber[371] sind an sich schon unendlich, d.h. es kann für jede mögliche Kraft eine unendliche Menge von Graden gedacht werden, wovon kein einzelner der höchste oder der niedrigste ist, und da auf Graden allein alle Qualität beruht, so läßt sich aus dieser Voraussetzung allein schon die unendliche Verschiedenheit der Materie, in Ansehung ihrer Qualitäten (so wie sie uns aus Erfahrung bekannt sind), ableiten und begreifen. Denken wir uns überdies aber einen Konflikt entgegengesetzter Kräfte, so daß jede von der andern ursprünglich unabhängig ist, so geht die Mannigfaltigkeit möglicher Verhältnisse zwischen beiden abermals ins Unendliche. Denn nicht nur die einzelne Kraft ist unendlicher Grade fähig, sondern auch ein und derselbe Grad kann ganz verschieden modifiziert werden durch die entgegengesetzte Kraft, die, während jene ins Unendliche vermindert werden, ins Unendliche wachsen kann, oder umgekehrt. Offenbar also ist das Prinzip der dynamischen Chemie (daß alle Qualität der Materie auf graduellen Verhältnissen ihrer Grundkräfte beruhe) an sich schon bei weitem reicher, als das der atomistischen Chemie.
Dieses Prinzip weist nun der Chemie ihre eigentliche Stelle an und scheidet sie scharf und bestimmt von der allgemeinen Dynamik sowohl, als von der Mechanik. Die erstere ist eine Wissenschaft, die unabhängig von aller Erfahrung aufgestellt werden kann. Die Chemie aber, obgleich eine Folge der Dynamik, ist doch in bezug auf diese Wissenschaft ganz zufällig und kann ihre Realität einzig und allein durch Erfahrungen dartun. Eine Wissenschaft aber, die ganz auf Erfahrung beruht und deren Gegenstand die chemischen Operationen sind, kann nicht von einer einzelnen Grundkraft, z.B. der Anziehungskraft, sondern mit von dem empirischen Verhältnis der beiden Grundkräfte abhängig sein. Dieses Verhältnis der Grundkräfte nun läßt die Dynamik völlig unbestimmt. Also ist die Chemie keine Wissenschaft, die aus der Dynamik notwendig erfolgte, etwa so wie die Theorie der allgemeinen Schwere. Vielmehr ist sie selbst nichts anders als die angewandte Dynamik oder die Dynamik in ihrer Zufälligkeit gedacht.
Die Chemie also, da sie mit der Dynamik parallel ist,[372] muß unabhängig sein von allen Gesetzen, die den dynamischen untergeordnet sind. Unabhängig also sind chemische Operationen von Gesetzen der Schwere; denn diese beruhen auf der bloßen Anziehungskraft der Materie und setzen voraus, daß die dynamischen Kräfte in der Materie bereits zur Ruhe gekommen sind. Die Chemie aber stellt diese Kräfte in Bewegung dar; denn ihre Erscheinungen alle sind nichts als Phänomene einer Wechselwirkung der Grundkräfte der Materie.
Der berühmte Chemist, Bergmann, fragt: wie groß wohl die Überraschung desjenigen gewesen sein möge, der zuerst sah, wie ein Metall in einer hellen, durchsichtigen Flüssigkeit aufgelöst wurde, wie der schwere, undurchsichtige Körper völlig verschwand und auf einmal, nachdem eine andere Materie beigemischt wurde, aus der ganz gleichartig scheinenden Flüssigkeit wieder als fester Körper zum Vorschein kam. – Der Hauptgrund der Überraschung mußte wohl gleich anfangs darin liegen, daß man hier Materie vor seinen Augen gleichsam entstehen und werden sah; wer weiter darüber dachte, konnte wohl bald einsehen, daß Eine Erfahrung dieser Art hinreiche, über das Wesen der Materie selbst Aufschluß zu geben. Denn man sah offenbar, daß sie hier nicht aus Teilen zusammengesetzt oder in Teile aufgelöst werde, sondern daß das Fluidum, in welchem der feste Körper verschwand, ein gemeinschaftliches Produkt aus den Graden der Elastizität beider Körper sei – daß also wohl die Materie überhaupt ursprünglich nichts anders sei, als ein Phänomen gradualer Verhältnisse – gleichsam ein Ausdruck dieser Verhältnisse für die Sinne.
Unabhängig ferner ist die Chemie von der Mechanik; denn auch diese ist der Dynamik untergeordnet. Sie setzt ein bestimmtes, unverändertes Verhältnis der dynamischen Kräfte voraus, sie bezieht sich auf Körper, d.h. auf Materie innerhalb bestimmter Grenzen, deren bewegende Kräfte einen Anstoß von außen erwarten, Wenn der Körper sich bewegen soll. Die Chemie dagegen betrachtet die Materie in ihrem Werden und hat ein freies Spiel – also auch eine freie Bewegung der dynamischen Kräfte unter sich, ohne Stoß von außen, zum Gegenstand.
Der Chemie, innerhalb ihrer gewöhnlichen Grenzen, mag es[373] verstattet sein, die Elemente der Körper nach Bedürfnis zu vervielfältigen. Sie nimmt daher gewisse permanente, unveränderliche Grundstoffe an, die sich voneinander durch innere Qualitäten unterscheiden. Allein Qualität überhaupt ist etwas, was nur in der Empfindung vorhanden ist. Man trägt also etwas, das bloß empfunden wird, auf das Objekt selbst über – es fragt sich, mit welchem Recht. Denn der Körper an sich, d.h. ohne bezug auf unsere Empfindung, bloß als Objekt des Verstandes betrachtet, hat keine innere Qualität, sondern insofern beruht alle Qualität bloß auf dem gradualen Verhältnis der Grundkräfte. Dann aber kann man jene Stoffe nicht mehr als permanent und unveränderlich denken; sie sind selbst nichts anders als ein bestimmtes, dynamisches Verhältnis und nehmen, sobald dieses verändert wird, selbst eine andere Natur – auch ein anderes Verhältnis zu unserer Empfindung an.
Man hat dies auch, wie es scheint, in manchen Theorien vorausgesetzt, wenigstens was die feineren Materien betrifft. So hat man sehr häufig von latentem Licht, latenter Wärme usw. gesprochen. Die Sache ist nicht zu leugnen, wenn man auch nur die Erwärmung der Körper durchs Licht in Betrachtung zieht, die desto größer ist, je unsichtbarer das Licht wird usw. Allein wenn das Licht sich von andern Materien durch innere qualitative Eigenschaften unterscheidet, wenn seine Existenz nicht bloß auf gradualen Verhältnissen beruht, so sieht man nicht ein, wie es, durch bloße Berührung anderer Körper, seine Natur so ändert, daß es nun aufhört aufs Auge zu wirken.
Hier ist nun der Ort, die gewöhnlichen Vorstellungsarten von Licht, Wärme usw. zu beurteilen. Man hat neuerdings oft gefragt, ob das Licht eine besondere Materie sei. (Ich frage dagegen: was in aller Welt ist denn besondere Materie?) Ich würde sagen: Alles, was wir Materie nennen, ist doch nur Modifikation der einen und selben Materie, die wir in ihrem absoluten Gleichgewichtszustand allerdings nicht sinnlich erkennen, und die in besondere Verhältnisse treten muß, um für uns auf diese Weise erkennbar zu sein159.[374]
Oder, will man das Licht als eine Kraft betrachten, und in die Physik philosophische Prinzipien einmischen, so frage ich hinwiederum: was von allem, was auf uns zu wirken scheint, ist nicht Kraft, und was überhaupt kann auf uns wirken, als Kraft? Und wenn man sagt: die Lichtmaterie sei, als solche, ein bloßes Produkt unserer Einbildungskraft, so frage ich wiederum: welche Materie ist das nicht, und welche Materie ist, als solche, unabhängig von unsern Vorstellungen außer uns wirklich?
Aber es fragt sich: ob ein Element, wie das Licht, das, wenn es Materie ist, an der Grenze aller Materie steht, auch chemischer Bestandteil werden160 und als chemischer Grundstoff in den chemischen Prozeß mit eingehen könne. Allein dieser Zweifel beweist schon, daß man von Licht und von Materie überhaupt sehr dunkle Begriffe hat. Das Licht ist selbst nichts anders als ein bestimmtes graduales Verhältnis dynamischer Kräfte (wenn man will, der uns bekannte höchste Grad der Expansivkraft). Verläßt also die Materie dieses bestimmte Verhältnis, so ist sie nicht mehr Licht, nimmt nun auch andere qualitative Eigenschaften an und hat eine chemische Veränderung erlitten.
Dies wird sehr klar, sobald man die Stufenfolgen betrachtet, die das Licht selbst durchläuft. Das Licht der Sonne scheint uns unendlich heller und reiner, als das gewöhnliche Licht, das wir zu erregen imstande sind. Auch glänzt das Licht der Sonne weit mehr, wenn es auf seinem Wege zu uns weniger Widerstand findet. Dadurch aber kann nur seine Elastizität vermindert werden, und mit dieser verminderten Elastizität ist auch eine geringere Wirkung auf unser Organ verbunden. Es ändert also seine Qualität, sobald seine Elastizität verändert wird161.
Weit reiner und lebhafter ist das Licht, das wir durch Zersetzung der Lebensluft erhalten, als das Licht aus der atmosphärischen Luft. Mehrere neuere Chemiker162 betrachten daher die[375] erstere als die einzige Quelle des Lichts. Auch bemerkte Lavoisier schon, daß zur Bildung der Lebensluft schlechterdings Licht mitwirken müsse. Ferner gehört hierher der große Einfluß des Lichts auf Wiederherstellung der verbrannten Körper. Dies beweist aber nicht mehr und nicht weniger als so viel: Die Lebensluft im Zustande ihrer Zersetzung kommt demjenigen Verhältnis der Kräfte von allen Substanzen am nächsten, mit welchen Lichterscheinungen verbunden sind163. Denn sonst könnte, wie schon Büffon sagt, jede Materie Licht werden, nur daß bei ihr dieser Übergang durch weit mehrere Zwischengrade geschehen muß, als bei der Lebensluft, die, sobald ihre Elastizität vermehrt wird, indem sie einen Teil ihrer Masse (das Oxygene) verliert, zu leuchten anfängt.
Dies kann nun auch rückwärts gelten, nämlich, daß das Plus von Elastizität, das dem Licht eigentümlich ist, für das Minus von Elastizität, das dem Oxygene zukommt, die meiste Kapazität hat.
Die atmosphärische Luft ist des Leuchtens nur in dem Maße fähig, als sie sich dem bestimmten Grad von Elastizität, der der Lebensluft eigentümlich ist, annähert164. Ja selbst das Licht, das wir aus Zersetzung der atmosphärischen Luft erhalten, ist mehr oder weniger rein nach Beschaffenheit der Luft, aus welcher es entwickelt wird.
Die Natur hat sehr deutlich die beiden Extreme bezeichnet, zwischen welchen Lichtentwicklungen überhaupt möglich sind. Die minderelastischen Luftarten (die mephitischen nicht entzündbaren) taugen dazu ebensowenig, als die am meisten elastischen (die mephitischen entzündbaren). In der Mitte zwischen beiden liegt die Quelle des Lichts, die Lebensluft.[376]
Zuverlässig zeigt sich auch eine große Verschiedenheit in Ansehung der Schnelligkeit, mit der das Licht im Verhältnis seiner größeren oder minderen Reinheit sich fortpflanzt.
Der evidenteste Beweis, daß das Licht mit dem Grad seiner Elastizität auch seine Qualität ändert, ist das Phänomen der Farben. Denn offenbar sind die sieben Hauptfarben nichts anders als eine Stufenfolge der Intensität des Lichts, vom höchsten, für unser Auge empfindlichsten Grad an bis zum völligen Verschwinden. Selbst die mechanische Teilung des Strahls im Prisma hängt davon ab, daß die Elastizität des Strahls stufenweise vermindert wird.
Das Phänomen des Schattens, oder der völligen Dunkelheit, sobald der erleuchtete Körper dem Licht entzogen wird, beweist, daß das Licht, indem es den Körper berührt, seine Natur völlig ändert. Denn warum leuchtet der Körper, dem Licht entzogen, nicht fort, wenn mit dem letztern keine Veränderung vorgegangen ist? Aber es geht keine weitere Veränderung mit ihm vor, als eine Verminderung seiner Elastizität.
Was in der materiellen Ansicht des Lichts die meisten Zweifel erregt hat, ist die außerordentliche Subtilität dieser Materie. – Der Mensch hat von Natur Tendenz zum Großen. Das Größte, mag es doch seine Einbildungskraft übersteigen, findet Glauben bei ihm, denn er fühlt sich selbst dadurch erhoben. Aber er sträubt sich gegen das Kleine, uneingedenk, daß die Natur im einen so wenig als im andern Grenzen anerkenne.
Hier ist vielleicht der Ort, noch etwas über die neueren Hypothesen vom Phlogiston zu sagen.
Mehrere berühmte Chemiker (Richter, Gren u. a.) lassen das Licht aus Brennstoff und Wärmestoff bestehen. Was die Annahme selbst betrifft, so kann man fragen: aus was denn alsdann wohl der Brennstoff und Wärmestoff bestehen werde? – Wenn aber der Beweis dieser Annahme daraus geführt wird, daß beim Verbrennen eine doppelte Wahlanziehung stattfinde, – daß es also einen Bestandteil des Körpers geben müsse, der beim Verbrennen frei geworden, mit dem Wärmestoff der Luft zusammentrete und Licht bewirke, – so gibt es dafür nicht Einen entscheidenden Beweis. Da sich übrigens das Licht von[377] jeder andern Materie nur durch den Grad seiner Elastizität unterscheidet, so kann wirklich jede Materie als Lichtstoff betrachtet werden, d.h. jede kann Licht werden, jede eine Elastizität erhalten, die der Elastizität des Lichts gleich ist. Allein die Rede ist nicht von dem, was sein kann, sondern von dem, was ist. Nun hat aber der Körper im gewöhnlichen Zustande diese Elastizität nicht. Sogar Licht, das den Körper berührt, verliert seine Elastizität und hört damit auf Licht zu sein. Es fragt sich also, ob der Grundstoff des Körpers während des Verbrennens erst Eigenschaften des Lichts annehme. Und könnte man dies beweisen, was aber unmöglich ist, so hätte man damit nichts gewonnen und nichts verloren. – Was aus einer Materie alles werden kann, kann niemand sagen; was aber jetzt, bei diesem bestimmten Prozeß, aus ihr wird, muß man sagen können, denn das lehrt Erfahrung, und diese sagt offenbar, daß die Lebensluft allein bei diesem Prozeß Verhältnisse der Elastizität annimmt, die das Phänomen des Lichtes geben.
165Macquer schon behauptete, das Phlogiston sei nicht schwer. Neuerdings behauptet Herr Gren (wie früher schon Dr. B lack), es sei negativ-schwer. Auch Herr Piktet gibt dem Feuer eine direction antigrave. Mit dem nämlichen Rechte könnte man jedem Körper eine solche Tendenz gegen die Schwere geben, in dem Prinzip der Extension nämlich, und also auch hier bloße Gradverschiedenheiten stattfinden lassen, so daß das Licht nur nahezu die reine Expansivkraft repräsentierte, und deswegen irgend ein Verhältnis zur Schwere166 bei ihm für alle Mittel unerkennbar wäre.
Ganz anders ist es mit dem Wärmestoff, als mit dem Licht. Das Licht erscheint selbst als Materie von bestimmter[378] Qualität, die Wärme aber ist selbst keine Materie, sondern bloße Qualität – bloße Modifikation jeder – gleichviel welcher? – Materie. Wärme ist ein bestimmter Grad von Expansion. Dieser Zustand der Expansion ist nicht nur Einer bestimmten Materie eigentümlich, sondern kann jeder möglichen Materie zukommen. Man wird vielleicht einwenden, Körper seien doch nur insofern warm, als sich das Wärmefluidum in ihren Zwischenräumen anhäufe. Allein, auch vorausgesetzt, daß eine solche Anhäufung stattfindet, so begreift man noch nicht, wie die Körper selbst dadurch erwärmt werden. Und wenn die Wärme nur ein bestimmter Grad von Elastizität ist, so muß sie, sobald sie den Körper berührt, diese Elastizität entweder verlieren oder den Körper selbst in einen gleichen Zustand versetzen. Wenigstens muß man sagen: das Wärmefluidum durchdringe die Körper. Allein keine Durchdringung eines Körpers findet statt, ohne daß der letztere seinen Zustand ändere.
Damit wird nicht geleugnet, daß z.B. feste Körper durch Vermittlung des Fluidums, das sie umgibt, (der Luft) erwärmt werden. Aber dieses Fluidum ist selbst nicht die Wärmematerie, sondern nur Fluidum von bestimmterem Grade der Expansion, wodurch es fähig wird ein Gefühl von Wärme in unserm Organ hervorzubringen. Auch ist es nicht der bloße Beitritt dieses Fluidums zum Körper, was ihn erwärmt, sondern es ist die Wirkung, die es auf die Grundkräfte des Körpers selbst ausübt. Jetzt erst, nachdem das Gradverhältnis seiner Grundkräfte verändert ist, kann der Körper selbst erwärmt heißen; wo nicht, so ist seine Erwärmung bloß scheinbar, sie kommt nur dem Fluidum zu, das sich in seinen Zwischenräumen befindet.
Hier ist es also ganz anders als beim Licht. Denn wir kennen bis jetzt nur Eine Materie (die Lebensluft und einige, die sich ihr annähern), als solche, welche zu dem Grad von Elastizität, der von dem Phänomen des Lichts begleitet ist, übergehen können. Darum haben wir das Recht, von einer Lichtmaterie zu sprechen. Allein erwärmt werden kann unmittelbar in sich selbst (durch Reibung) jede Materie, und das nicht durch den Beitritt eines unbekannten Fluidums allein, sondern durch gleichzeitige Veränderung, die im Körper selbst vorgeht.[379]
Wenn man nun noch hierzu nimmt, daß Wärme in sehr vielen unbezweifelten Fällen durch bloße Veränderung der Kapazität entsteht, so wird man geneigt, Wärme überhaupt für ein bloßes Phänomen des Übergangs einer Materie aus dem elastischeren Zustand in den minderelastischen (wie aus dampfförmigem in tropfbar-flüssigen) anzusehen. Man wird einwenden, daß doch z.B. zur Bildung des Dampfes Wärme erforderlich war. Aber was war denn diese Wärme? Etwa ein besonderes Fluidum, das sich mit dem Wasser zu Dampf verband? Aber alles was die Erfahrung beim Verdampfen des Wassers von einem erhitzten Körper zeigt, ist, daß das Wasser durch die Wechselwirkung und Ins-Gleichgewicht-Setzung mit diesem in seiner Expansivkraft beträchtlich erhöhten Körper einen Grad von Expansion annahm, der es in Dampfgestalt fortführt.167
Nun ist ferner durch Crawfords Experimente ausgemacht, daß Wärme ein völlig relativer Begriff ist, daß durch gleiche Quantitäten von Wärme verschiedene Körper ganz verschieden erwärmt werden. Crawford hat für diese verschiedene Beschaffenheit der Körper den Ausdruck der Kapazität erfunden, der sehr gut gewählt war, weil er das Phänomen ganz – aber auch nicht mehr als dieses – bezeichnete. Auf jeden Fall aber folgt daraus, daß nicht etwa ein bestimmter absoluter Grad von Expansivkraft das Phänomen der Wärme gibt, sondern daß jeder Körper seinen eigenen, bestimmten Grad von Expansion hat, auf welchem er als erwärmt oder als erhitzt erscheint.
Es gibt also keine absolute Wärme, und Wärme überhaupt ist nur das Phänomen eines Zustandes, in welchem der Körper sich befindet. Wärme ist keine absolute – überall sich selbst gleiche – sondern eine von zufälligen Bedingungen abhängige Qualität. Man setze selbst unter den empirisch unbekannten elastischen und ursprünglich expansiven Fluidis eines, welches[380] das vorzüglichste Vermögen hat, Körper zu erwärmen, so ist doch das Wesen desselben Materie, die aller andern gleich ist, und nur die Bestimmung, einer relativ größern Expansionskraft das, wodurch es sich von andern unterscheidet. Allein diese Bestimmung kommt auch dem festen Körper zu, der einem andern Wärme mitteilt. Wenn ein Fluidum, als solches, seinem Wesen nach Ursache der Wärme ist, woher hat denn dieses Fluidum seine Fähigkeit, Wärme mitzuteilen? – Eine Wärmematerie als Ursache der Wärme annehmen, heißt die Sache nicht erklären, sondern sich mit Worten bezahlen.
Aber, wird man einwenden, es ist erwiesen, daß der Wärmestoff chemische Verbindungen eingeht, daß er z.B. die Ursache der Flüssigkeit, daß er also Grundstoff jedes flüssigen Körpers ist. Aber, was ist denn überhaupt der Begriff von einem Flüssigen? Crawford sagt: »Ein flüssiger Körper hat mehr Kapazität als ein fester, und daher kommt es, daß er beim Übergang aus dem festen in flüssigen Zustand so viel Wärme aufnimmt, die seine Temperatur um nichts erhöht.« Für den Ausdruck Kapazität aber läßt sich sehr leicht ein allgemeinerer Ausdruck finden. Und dann läßt sich Crawfords Satz umkehren: weil, kann man sagen, dem Eis weit mehr Wärme zugeführt wird, als es in seinem bisherigen Zustand aufnehmen kann, ändert es diesen Zustand; nicht also, weil es jetzt mehr Kapazität hat, nimmt es mehr Wärme auf, sondern weil und insofern es mehr Wärme aufgenommen hat, hat es von nun an größere Kapazität. Also ist die Kapazität eines flüssigen Körpers selbst ein Plus oder Minus von Wärme, das er aufgenommen hat. Je mehr er davon aufnehmen mußte, um in diesen bestimmten Zustand zu kommen, desto mehr muß angewandt werden, um ihn in einen noch elastischeren Zustand übergehen zu lassen168. Wenn also Wärme z.B. Ursache der Flüssigkeit des Eises ist, so heißt dies nur so viel: Wärme (d.h. ein[381] höherer Grad von Expansibilität) der dem Eis durch irgend eine Materie (z.B. Wasser, das bis zu einem gewissen Grad erhitzt ist) mitgeteilt wird (indem dieses sich mit ihm ins Gleichgewicht zu setzen und seine Expansion im Verhältnis zu ihm zu vermindern sucht), gibt dem vorher festen Körper einen hohem Grad von Expansibilität, wodurch er die Eigenschaften eines flüssigen annimmt. Also ist es nicht die Wärme, oder ein besonderer Wärmestoff, der mit dem Eis eine chemische Verbindung eingeht, sondern es ist die erwähnte Materie selbst, z.B. Wasser, das man zum Experiment anwendet, die sich mit der andern Materie in einen dynamischen Prozeß setzt, und die Flüssigkeit, die man erhält, ist ein gemeinschaftliches Produkt aus dem Plus und Minus von Wärme des erhitzten und des gefrornen Wassers, sowie, wenn man flüssige Materien von verschiedener Dichtigkeit vermischt, die Flüssigkeit, die man erhält, das Produkt aus den Dichtigkeiten beider ist. Niemand wird an einen besondern Stoff denken, der sich mit der flüssiger-gewordenen Materie verbunden hat. – Mit dein nämlichen Recht konnte man, da das Wasser in dem obigen Prozeß seine Wärme verliert, einen kaltmachenden Stoff annehmen, den das Eis dem Wasser gegen den Wärmestoff abgibt.
Ein scharfsichtiger Naturforscher macht gegen Crawfords Vorstellungsart über das Entstehen flüssiger Körper folgende Einwendungen. »Es entsteht die Frage«, sagt er, »die für die Crawfordische Theorie von großer Wichtigkeit ist: Rührt das Verschlucken (der Wärme durch schmelzendes Eis) bloß von einer vermehrten Kapazität her, oder geht der Wärmestoff hier eine Art chemischer Verbindung mit dem Körper ein und bewirkt dadurch Flüssigkeit? – Erklärt man jenes Verschlucken der Wärme aus einer bloßen vermehrten Kapazität, und wirklich sollen sich die Kapazitäten des Eises und Wassers wie 9 und 10 verhalten, so hängt zwar, flüchtig angesehen, alles gut zusammen; das Wasser ist nichts weiter als ein Eis von größerer Kapazität. Allein man bedenkt alsdann nicht, daß bei dieser Art zu räsonieren eine der größten Erscheinungen in der Natur ohne alle Erklärung bleibt. Wenn durch einen beträchtlichen Aufwand von Wärme aus Eis Wasser wird, das nicht wärmer ist als jenes Eis, so ist wohl die[382] erste Frage: ist nicht diese Wärme zum Teil dazu verwendet worden, dem Eise Flüssigkeit zu geben? und dann erst, wenn dieses ausgemacht ist, kann man untersuchen, was das entstandene Fluidum für eine Kapazität habe. Es muß erst erklärt werden, wie Flüssigkeit entsteht, ehe man sich um die Kapazität derselben bekümmert, denn die größere Kapazität kann doch nicht die Ursache der größeren Kapazität sein. Ich kann mir gar wohl Fluidum gedenken, dessen Kapazität um nichts größer wäre, als die des festen Körpers, aus dem es entstanden ist, und das demungeachtet eine große Menge Wärme bei seiner Entstehung verschluckt hätte. Es scheint vielmehr, daß, um aus Eis Wasser zu machen, die Wärme eine Verbindung mit dem Eise eingehe, dadurch einen neuen Körper bilde, und durch diese Verbindung alle Kraft zu wärmen verliere, und also nicht mehr frei sei, und folglich nicht zu jener Wärme gerechnet werden könne, von welcher Kapazität abhängt.169«
Über diese Einwendungen seien mir folgende Bemerkungen erlaubt.
Daß sich Wärmestoff mit dem Eis chemisch verbindet, könnte – auch wenn man es einräumte – doch das Flüssigwerden des letztern nicht erklären, wofern man nicht wieder auf einen bestimmten Begriff von chemischer Verbindung zurückginge, wodurch man am Ende doch darauf zurückkommt: das Wasser sei ein Produkt aus dem Plus und Minus von Expansibilität (so werde ich mich der Kürze halber immer ausdrücken) der Wärmematerie und des Eises. Allein jenes Plus von Expansibilität, durch welches Flüssigkeit bewirkt wird, kann auch nur eine Modifikation des Fluidums sein, das man zum Prozeß angewandt hat, und man ist nicht genötigt, in diesem Fluidum z.B. dem Wasser, noch ein zweites anzunehmen, durch welches es selbst erst warm geworden ist.
Was aber den Begriff von Kapazität betrifft, so ist dieser Begriff in der Crawfordschen Theorie viel zu enge, er läßt sich aber erweitern, und dann fällt der Einwurf: »Es muß erst das Entstehen der Flüssigkeit erklärt werden, ehe man sich um ihre[383] Kapazität bekümmert,« weg. Denn diese Flüssigkeit und diese bestimmte Kapazität (d.h. dieser bestimmte Grad von Expansibilität) sind eins und dasselbe. Nur insofern das Wasser diese bestimmte Flüssigkeit ist, hat es auch diese bestimmte Kapazität, und umgekehrt, nur insofern es diese bestimmte Kapazität hat, ist es diese bestimmte Flüssigkeit. Verändert sich seine Kapazität, so ändert sich auch der Grad seiner Flüssigkeit170, und umgekehrt, setzt man eine andere Flüssigkeit voraus, so setzt man auch eine andere Kapazität voraus.
Es existiert keine Flüssigkeit überhaupt, wie also Flüssigkeit überhaupt entstehe, und welche Flüssigkeiten möglich seien – darauf braucht man sich nicht einzulassen. Aber diese einzelne, bestimmte Flüssigkeit verschluckt bei ihrem Entstehen diese bestimmte Quantität Wärme, und eben deswegen und nur insofern ist sie diese bestimmte Flüssigkeit und dieser bestimmte Grad von Kapazität.
Man hat sehr richtig unterschieden luftförmige Flüssigkeiten, die durch Kälte zerstörbar, und solche, die nicht zerstörbar sind. Die erstern setzen, wenn sie durch Druck oder Kälte zerstört werden, eine große Quantität Wärme ab; es fragt sich, woher dieser Unterschied rühre. Wir bemerken, daß im ersten Fall die Materie, das Wasser, bloß ihren äußern Zustand ändert, wie es auch die atmosphärische Luft tut, wenn sie unter der Glocke verdünnt wird, die dadurch doch nicht zu inflammabler wird: dagegen in dem andern Fall das innere dynamische Verhältnis verändert ist und die luftförmigen Flüssigkeiten, die nur durch Zersetzung zerstörbar sind, nicht mehr, wie der Dampf des verschiedenen Zustandes unerachtet noch Wasser, sondern Materie eigentümlicher und von andern verschiedener Art sind.171[384]
Mir scheint es, als ob zwischen der Crawfordschen Theorie der Wärme (abgerechnet die Hypothesen der altern Chemie, die ihr beigemischt sind, aber nicht zur Sache selbst gehören) und der Theorie der neuern Chemiker keine so große Verschiedenheit stattfinde, als man gewöhnlich annimmt. Zuletzt liegt die ganze Verschiedenheit in der Sprache. Die Sprache der Chemiker, der sie sich mit Vorteil bedienen, ist populärer, und den gewöhnlichen Vorstellungen angemessener; Crawfords Sprache ist philosophischer. Selbst die Theorie des Verbrennens muß am Ende doch in dieser Sprache ausgedrückt werden, sobald man sich nicht mit den Ausdrücken der populären Chemie, Verwandtschaft usw. begnügen will. Und die erweiterte Crawfordsche Theorie, – an und für sich selbst schon das Werk eines echt philosophischen Geistes – wird früher oder später die Theorie aller philosophischen Naturforscher werden; denn, was die experimentierenden betrifft, so ist es vorteilhaft, daß sie bei ihrer kürzeren und allgemeinverständlicheren Sprache bleiben.
Was ist nun aber der eigentliche Grund des Interesses, das die Naturforscher an der Behauptung eines besonderen Wärmestoffs nehmen? – Ohne Zweifel fürchten sie, daß, wenn man die Wärme als bloßes Phänomen – als bloße Modifikation der Materie überhaupt betrachtete, eine solche Voraussetzung der Einbildungskraft allzuviel Freiheit verstatten, und so die Fortschritte der Naturforschung aufhalten würde. Diese Furcht ist nicht ungegründet. Da uns die Wärme ursprünglich bloß durch Empfindung bekannt wird, so können wir uns ganz nach Belieben einbilden, was sie wohl unabhängig von unserer Empfindung sein möge; denn eine bestimmte Materie läßt der Einbildungskraft wenig Freiheit übrig, bloße Modifikationen der Materie aber können wir uns unendlich viele, und doch keine einzige davon bestimmt vorstellen, wenn sie uns nicht in der Anschauung gegeben sind.[385]
Allein wir wissen doch sonst Gegenstände, die an sich problematisch sind, der Willkür der Erdichtung dadurch zu entziehen, daß wir ihre Erscheinungen bestimmten Gesetzen unterwerfen und die Ursachen derselben zu bestimmen suchen; denn dadurch erhalten unsere Kenntnisse Zusammenhang und Notwendigkeit, und der Willkür der Einbildung werden Zügel angelegt.
Das erstere nun haben die scharfsinnigsten Naturforscher unseres Zeitalters unternommen. Immerhin mögen sie zur Erleichterung ihrer Untersuchungen das Dasein eines besondern Wärmestoffs voraussetzen. Sind einmal die Gesetze, denen die Phänomene der Wärme folgen, in ihrer ganzen Allgemeinheit aufgefunden, so wird es sehr leicht werden, sie in die philosophischere Sprache zu übersetzen.
Wenn aber Wärmestoff nichts mehr und nichts weniger andeuten soll als die Ursache der Wärme, so werden über die Notwendigkeit der Annahme eines Wärmestoffs alle sonst noch so verschieden denkende Naturforscher einig sein, vorausgesetzt, daß diese Ursache nicht wiederum etwas bloß Hypothetisches sei. Denn es ist eine sehr bequeme Philosophie, Modifikationen der Materie anzunehmen, ohne eine bestimmte Ursache anzuführen, die diese Modifikationen bewirkt, und so lange wir diese nicht angeben können, ist unsere ganze Philosophie eitel. Gibt man aber eine Ursache an, die selbst wieder nur problematisch ist (wie der Wärmestoff), so ist der Erdichtung kein Ziel gesetzt.
Hierher gehört nun, die Mittel abgerechnet, welche die Natur anwendet, um die Kapazität der Körper zu vermindern, als Hauptursache der Wärme das Licht, eine Behauptung, worin ich das Urteil des gemeinen Verstandes sowohl, als das Zeugnis der Erfahrung für mich habe172. Das Licht ist nun etwas, was nicht bloß in der Empfindung gegeben ist, sondern was auch objektiv durch Gesetze bestimmt, und dessen Bewegungen sowohl als Intensität gemessen werden können. Eine vollkommene Wissenschaft des Lichts, wozu ich vorzüglich Photometrie rechne, wird auch den Untersuchungen über die Phänomene der Wärme, zum Teil wenigstens, sicheren Weg bahnen.[386]
Man hat aber kein Recht, das Licht an sich für wärmend zu halten. Vielmehr habe ich oben schon erwiesen, daß das Licht gerade indem Grade wärmt, in welchem es aufhört Licht zu sein. Den Erfahrungen, die dort zum Beweis angeführt worden sind, könnten noch mehrere beigefügt werden, wenn man genaue Versuche über die verschiedene Erwärmung derselben Körper durch die verschiedenen Strahlen des Prisma anstellte.173
Auch kann noch sehr viel geleistet werden durch Untersuchung des verschiedenen Einflusses des Lichts auf verschiedene Luftarten und auf verschiedene Materien aller Art überhaupt. Der Zusammenhang der Farben der Körper mit dem Grad ihrer Oxydation muß darauf aufmerksam machen.
Wenn man aber das Licht für die Ursache der Wärme ausgibt, so muß man nie vergessen, daß in der Natur nichts einseitig ist, daß also auch umgekehrt Wärme als Quelle des Lichts betrachtet werden kann: denn so gut das Licht aus seinem elastischeren Zustand in den minderelastischen der Wärme übergehen kann, kann auch umgekehrt Wärme aus diesem Zustand zu jenem zurückkehren. Daher kommt es, daß mehrere Naturforscher das Licht als Modifikation der Wärme betrachtet haben, eine Ansicht, die deswegen unrichtig scheint, weil nicht jede Wärme – Licht, sowie jedes Licht – Wärme werden kann.
So viel von den feineren Materien. Ich gehe zu den gröberen Stoffen über.
Schon das Bestreben der gemeinen Chemie, die Stoffe so viel möglich auf Grundstoffe zurückzuführen, verrät, daß sie (in der Idee wenigstens) ein Prinzip der Einheit vor Augen hat, dem sie sich standhaft und so weit als möglich anzunähern sucht. Gibt es aber ein solches Prinzip, so ist kein Grund vorhanden, in dem Bestreben nach Einheit unserer Erkenntnisse irgendwo stille zu stehen, vielmehr müssen wir wenigstens als möglich voraussetzen, daß fortgesetzte Untersuchung und ein tieferer Griff in das Innere[387] der Natur Stoffe, die jetzt noch völlig heterogen erscheinen, als Modifikationen eines gemeinschaftlichen Prinzips finden werde.
Wenn man aber, wie es dann notwendig ist, fragt, was denn zuletzt dasjenige sei, wovon alle Qualitäten Modifikationen seien, so bleibt uns dafür nichts übrig als die Materie überhaupt. Das Regulativ einer wissenschaftlich-fortschreitenden Chemie wird also immer die Idee bleiben, alle Qualitäten nur als verschiedene Modifikationen und Verhältnisse der Grundkräfte zu betrachten. Denn diese sind das einzige, was die empirische Naturlehre postulieren darf, sie sind die Data jeder möglichen Erklärung, und indem die Naturforschung sich selbst diese Grenze setzt, macht sie sich zugleich anheischig, alles, was innerhalb dieser Grenzen liegt, als Gegenstand ihrer Erklärungen zu betrachten. Die Chemie muß durch ein Prinzip dieser Art außerordentlich viel gewinnen.
Denn erstens dient es als Hypothese wenigstens, die man den Angriffen eines halbphilosophischen Skeptizismus, denen die bloß empirische Chemie sehr leicht ausgesetzt ist, mit Fug und Recht entgegensetzen kann. Die Qualitäten der Körper, könnte ein solcher Skeptiker sagen, können doch nur in bezug auf eure Empfindung Qualitäten heißen, welches Recht habt ihr also, etwas was bloß für eure Empfindung gültig ist, auf die Gegenstände selbst überzutragen?
Man kann einen solchen Einwurf ganz ignorieren, solange man sich auf die gemeine, praktische Chemie einschränkt. Allein der theoretische, wissenschaftliche Ton, den die Chemie neuerdings angenommen hat, verträgt sich nicht mit der völligen Gleichgültigkeit gegen erste Prinzipien, auf die man am Ende, wenn man lange genug experimentiert hat und nun seiner Wissenschaft auch im Zusammenhange des ganzen Wissens ihre Stelle anweisen will, doch zurückkommen muß.
Eine Chemie, die Grundstoff auf Grundstoff annimmt, ohne einmal zu wissen, mit welchem Recht sie das tut, und wie weit die Gültigkeit einer solchen Annahme reicht, verdient nicht den Namen einer theoretischen Chemie.
Denn eine Menge von Grundstoffen, die sich alle durch[388] besondere Qualitäten voneinander unterscheiden, sind ebenso viele Schranken der weiteren Nachforschung, so lange wenigstens, als man noch nicht untersucht hat, worauf denn am Ende alle Qualität einzig und allein beruhe. Hat man aber einmal gefunden, daß Qualität überhaupt etwas ist, was sich auch für den Verstand gültig – allgemein verständlich – ausdrücken läßt, so mag man ohne Scheu so viele verschiedene Qualitäten der Materie – also auch ebenso viele Grundstoffe annehmen, als man zum Behuf der empirischen Naturforschung nötig hat.
Denn Grundstoff in der Chemie soll doch wohl so viel sagen, als ein Stoff, über den wir mit unsern Experimenten nicht hinaus können. Was sich aber allein allen empirischen Naturforschungen mit Fug und Recht entziehen kann, ist das Verhältnis der Grundkräfte der Materie. Denn da dieses selbst erst eine bestimmte Materie – (eine andere gibt es nicht) – möglich macht, so können wir es nicht selbst wieder aus einem physischen Grunde, d.h. einem solchen, der Materie voraussetzt, erklären. Mit dieser Voraussetzung also (daß alle Qualität der Materie auf Verhältnissen ihrer Grundkräfte beruhe) haben wir die Befugnis dargetan, der empirischen Naturforschung gewisse Schranken zu setzen, über die sie nicht hinausgehen darf. Und damit hat man das Recht erlangt, jede besondere Qualität der Materie, wenn sie nur eine bestimmte und permanente Qualität ist, durch Grundstoffe auszudrücken, die man als Grenzen betrachten kann, welche das Gebiet einer erfahrungsmäßigen, auf Tatsachen beruhenden Naturlehre von dem Gebiet der bloß philosophischen Naturwissenschaft oder dem unsicheren, weiten Feld der bloßen Einbildung und der Erdichtung unterscheiden.
Der Begriff eines Grundstoffs in der Chemie also ist dieser: Die unbekannte Ursache einer bestimmten Qualität der Materie. Also darf man unter Grundstoff nicht die Materie selbst, sondern nur die Ursache ihrer Qualität verstehen. Ferner: Wo sich diese Ursache angeben und darstellen läßt, hat man kein Recht, zu Grundstoffen seine Zuflucht zu nehmen.
Dies vorausgesetzt – einige Rückblicke auf Licht und Wärme! – Es ist eine kaum zu ertragende Verwirrung der Begriffe, wenn[389] man von Lichtstoff sprechen hört, worunter die meisten doch nichts anderes als das Licht selbst verstehen. Daß aber diese Materie, die man Licht nennt, diese bestimmten Qualitäten hat, mag man immerhin, d.h. mit dem nämlichen Recht, von einem Grundstoff ableiten, wie die Qualitäten anderer Materien; nur hat man gerade hier so viel wie nichts gewonnen, da das Licht ohnehin an der Grenze aller uns bekannten Materie steht, und insofern selbst reine Qualität scheint174.
Noch viel weniger Recht aber hat man, von einem Wärmestoff zu sprechen, wenn man darunter eine unbekannte Ursache versteht, durch welche die Materie so modifiziert werden kann, daß sie die Phänomene der Wärme zeigt. Denn eine solche Ursache ist nichts Unbekanntes; denn das Licht kann schon deswegen nicht Wärmestoff heißen, weil es eine Materie ist, deren Gesetze wir kennen, und ebenso ist es mit den Ursachen, durch welche die Kapazität der Körper vermindert und somit Wärme hervorgebracht wird.
Ferner: Grundstoff kann nur die Ursache einer Qualität heißen, aber einer solchen Qualität, die weder der Materie überhaupt, noch einer bestimmten Materie bloß zufällig zukommt. Insofern hat freilich die Annahme von Grundstoffen sehr weite Grenzen. So spricht die neuere Chemie von Riechstoff, Zuckerstoff – vielleicht daß wir bald einen allgemeinen Geschmackstoff bekommen. So etwas läßt sich verteidigen. Aber einen Wärmestoff gibt es nicht; denn Wärme ist eine Qualität, die aller Materie zukommen kann, die zufällig und relativ ist, die sich bloß auf den Zustand des Körpers bezieht, und mit deren Dasein oder Nichtdasein der Körper auch nicht Eine absolute Qualität gewinnt oder verliert. Wenn man endlich gar jemand von einem Hart– oder Weichstoff, oder von einem Leicht– oder Schwerstoff sprechen hört oder hörte, so wüßte man nicht, was man von ihm halten sollte.
Was nun die Hauptstoffe der neueren Chemie betrifft, so ist Keiner derselben für sich darstellbar, und nur insofern auch können sie Grundstoffe heißen.[390]
Wenn man aber die Idee vor Augen hat, die allen Untersuchungen über die verschiedene Qualität der Materie als Regulativ zugrunde liegen muß, so ist man genötigt vorauszusetzen, daß der ganze Unterschied dieser Grundstoffe bloß auf gradualen Verschiedenheiten beruhe. Wenn also von mehreren Stoffen keiner den andern, alle zusammen aber einen dritten anziehen, so kann man annehmen, dieser dritte habe das mittlere Verhältnis zu allen übrigen. Diese aber unterscheiden sich voneinander nur durch ihre größere oder geringere Abweichung von jenem gemeinschaftlichen Medium, sie seien insofern alle durch ihr gemeinschaftliches Verhältnis zu diesem Medium sich selbst homogen, heterogen aber jenem gemeinschaftlichen Grundstoff, den sie alle anziehen (denn nur zwischen heterogenen Materien ist qualitative Anziehung).
Diese Idee ist selbst für die Fortschritte der empirischen Nachforschung nicht ohne Nutzen. Denn sie erregt die Hoffnung, am Ende alle Verschiedenheit der Grundstoffe nur auf einen einzigen Gegensatz zurückführen zu können. Die Natur wird dadurch einfacher. Der Kreislauf, in welchem sie besteht, ist uns begreiflicher.
Ich gebe einige Beispiele. – Als Grundstoff der vegetabilischen Körper nennt man den Kohlenstoff (Carbon); geht man nun auf das Wachstum der Pflanzen zurück, so ist die einzige Quelle ihrer Nahrung der Boden und die Luft. Was sie aber aus beiden vorzüglich an sich ziehen, ist Wasser. Der eine Bestandteil desselben ist das Oxygene, eben der Grundstoff, welcher, allen heterogen, eben deswegen von allen übrigen angezogen wird. Der andere das völlig problematische Hydrogene der neueren Chemie. Es fragt sich, welcher Veränderungen diese Grundstoffe fähig sind. Da der Unterschied aller zusammen nur ein gradualer Unterschied ist, so kann man antworten: aller möglichen Veränderungen; denn die Natur kann eine Menge chemischer Mittel anwenden, die gar nicht in unserer Gewalt sind, und der Mechanismus des Wachstums aller organischen Produkte läßt keinen Zweifel übrig, daß die Organe derselben in der Hand der Natur Instrumente sind, durch welche sie Modifikationen der Materie[391] bewirkt, welche wir mit all unserer chemischen Kunst vergebens zu bewirken streben. Wir brauchen daher auch nicht anzunehmen, daß die Natur den Pflanzen (bei denen der Mechanismus der Assimilation nicht so auffallend ist, wie bei den Tieren) schon völlig zubereitete Nahrungssäfte zuführe. Die Pflanze ist nicht durch ihre Bestandteile das was sie ist (wir kennen die Bestandteile der meisten Pflanzen und können doch keine hervorbringen), sondern ihre ganze Existenz hängt an einem fortgehenden Prozeß der Assimilation.
Dies vorausgesetzt, so ist bekannt, daß die Pflanzen den Einen Bestandteil des Wassers als Lebensluft aushauchen. Also wäre wohl der Hauptstoff aller vegetabilischen Körper, der Kohlenstoff, nichts anderes als eine Modifikation des brennbaren Grundstoffs im Wasser (des Hydrogenes der neueren Chemie), und man hätte dadurch schon zwischen zwei Grundstoffen, die sonst isoliert dastehen, eine Einheit des Prinzips entdeckt.
Wichtiger ist die Frage: durch welches Mittel die Natur den beständigen Verlust an reiner Lebensluft, den die Atmosphäre erleidet, zu ersetzen imstande sei. Von der Entwicklung dieser Luftart aus den Pflanzen (die von Zeit und Umständen abhängig ist) kann das Dasein eines für das Leben so wichtigen Elements. nicht ausschließend abhängig sein. Nun lassen sich freilich noch viele andere Möglichkeiten denken, z.B. daß das Wasser seinen brennbaren Grundstoff an andere Körper absetzen und in Lebensluft übergehen könne, daß durch beständige Wiederherstellungen (Desoxydationen) ehemals verbrannter Körper in und auf der Oberfläche der Erde jener Grundstoff der reinen Luft entbunden werde usw. Allein alle diese Möglichkeiten überlassen allzuviel dem Zufall, als daß man sich mit ihnen begnügen könnte. Also muß wohl die Natur Mittel haben, diesen Grundstoff der Lebensluft immerfort zu erneuern, Modifikationen zu bewirken, welche hervorzubringen uns schlechterdings unmöglich ist. Und dies sollte jetzt das große Ziel der Bemühungen der Chemiker und Naturforscher sein, der Wirkungsart der Natur (welche sie bisher im Kleinen mit so glücklichem Erfolg nachzuahmen suchten) im Großen nachzuspüren, zu erforschen, durch welche Mittel und[392] nach welchen unveränderlichen Gesetzen die Natur dem ewigen Kreislauf, in welchem sie fortdauert – nicht dem Einzelnen, sondern dem Ganzen – nicht dem Individuum, sondern dem System – Bestand und Fortdauer gebe.
Merkwürdig ferner ist in dieser Rücksicht die innige Mischung zweier ganz heterogener Luftarten in der Atmosphäre und das beinahe immer gleiche, nie verletzte, für die Fortdauer des animalischen und vegetabilischen Lebens fein berechnete Verhältnis derselben. Dazu kommt, daß uns der Ursprung einer dieser Luftarten (der azotischen) bis jetzt noch völlig unbekannt ist. – Denn daß die Basis dieser Luftart der Grundstoff des Salpeters ist, dient nur als ein Wink, eine gemeinschaftliche Entstehungsart beider vorauszusetzen. Dieser Ungewißheit wegen glaubte ich im Abschnitt von den Luftarten175 selbst einen bis jetzt noch ganz problematischen Versuch (die Entstehung dieser Luftarten betreffend) als ein Mittel, der Sache näher zu kommen, der noch genaueren Untersuchung der Chemiker empfehlen zu dürfen.
Da die Verbindung der beiden Luftarten in der Atmosphäre eine Art der chemischen Verbindung sein muß, so entsteht sehr leicht die Vermutung, beide möchten wohl schon in ihrer ursprünglichen Entwicklung verbunden gewesen sein. Ihre Quelle wäre also eine gemeinschaftliche und so beschaffen, daß durch das Mittel, welches die Natur zu ihrer Entwicklung anwendet, nur beide zugleich aus ihr entwickelt werden könnten. Doch ist man um so weniger zu einer solchen Voraussetzung genötigt, da, soviel wir jetzt einsehen, und wenn uns nicht neue Entdeckungen eines andern belehren, in der Natur ein weit geringerer Aufwand von azotischem Gas als von Lebensluft gemacht wird.
Aber daran muß sich der Naturforscher erinnern, daß die Natur bei ihren großen chemischen Prozessen Mittel anwenden kann, die wir erst entdecken müssen, daß also auch die Unmöglichkeit, in der wir uns befinden, einen gegebenen Körper oder Grundstoff auf bestimmte Art zu modifizieren, kein Beweis ist, daß sich die Natur in derselben Unmöglichkeit befinde. So ist z.B.[393] das Wasser ein Körper, dessen Bestandteile, wie es scheint (und wie selbst Versuche zeigen), verschiedener quantitativer Verhältnisse fähig sind, und von denen die beiden durch Oxygen und Hydrogen Bezeichneten selbst nur zwei mögliche Arten sind176. Da dieses Fluidum das Mittelglied zwischen den elastischen Flüssigkeiten und den festen Körpern ist, so kann man zum voraus vermuten, daß es bei den Hauptprozessen der Natur, bei Bildung von Grundstoffen und festen Körpern, vielleicht selbst bei Bildung von Luftarten im Großen nicht ganz müßig ist.
Diese Beispiele sind, wie ich glaube, hinreichend, darzutun, welchen Vorteil für Erweiterung unserer Kenntnisse die Idee, daß sich alle Grundstoffe der Körper am Ende doch nur durch graduale Verhältnisse voneinander unterscheiden, gewähren könne, sobald man sie der empirischen Nachforschung als Regulativ zugrunde legt.
Der Zweck dieser ganzen Untersuchung war, an die Stelle des lediglich subjektiven Begriffs der Qualität (der, objektiv gebraucht, Sinn und Bedeutung verliert) einen allgemein verständlichen, objektiv-anwendbaren Begriff zu setzen.
Der Zweck konnte nicht dieser sein, die Beschaffenheit unserer Empfindung zu erklären. Wenn man z.B. sagt: »Licht ist der höchste Grad, Wärme ein schon verminderter Grad von Elastizität«, so hat man dadurch die Empfindung des Lichts und der Wärme nicht erklärt, aber (wenn man weiß, was man tut) auch nicht erklären wollen. Diese Anmerkung ist viel leicht in bezug auf manche Leser nicht ganz überflüssig.
Die Chemie selbst ist eine Wissenschaft, die auf dem gebahnten Wege der Erfahrung sicher fortschreitet, auch wenn sie nicht bis auf die ersten Prinzipien zurückgeht. Aber eine Wissenschaft, die in sich selbst so reich ist und die seit kurzer Zeit so große Fortschritte zum System gemacht hat, ist es wohl wert auf solche Prinzipien zurückgeführt zu werden.
Solange aber die Chemie (wie sie von nun an immer tun wird) bloß an Erfahrung sich hält, ist selbst der negative Vorteil, den[394] eine solche Zurückführung auf Prinzipien (zur Abweisung eitler Hypothesen) haben könnte, nicht so einleuchtend, als er es im entgegengesetzten Falle werden müßte. Glücklich, wenn sie (die einzige unter allen empirischen Wissenschaften, die alles auf Experimente baut) der philosophischen Disziplin nie bedürftig ist.
Auch kann die Chemie selbst, innerhalb ihrer empirischen Grenzen, immerfort die Sprache beibehalten, die sie bisher gesprochen hat. Denn eine philosophischere Sprache ist zwar dem Verstand angemessener, allein eine empirische Wissenschaft verlangt, daß Begriffe und Gesetze, auf denen sie beruht, anschaulich seien. Ob dies mit den vorgetragenen Prinzipien der Chemie der Fall sei und sein könne, werde ich im folgenden Kapitel beantworten. Sollte die Antwort etwa verneinend ausfallen, so sieht man zum voraus ein, daß es zuträglich ist, der gemeinen Chemie, anstatt ihr philosophische Begriffe, die sich nicht konstruieren lassen. und eine abstrakte Sprache aufzudringen, lieber ihre bildlichen Begriffe und die sinnliche Sprache zu lassen, die, wenn sie den Verstand nicht befriedigt, wenigstens der Einbildungskraft (welche in empirischen Wissenschaften ihr Recht nie aufgibt) weit mehr Genüge leistet.[395]
Fußnoten
159 Alles, was wir Materie heißen, ist doch nur Modifikation der Materie überhaupt – wenn nur die Materie überhaupt ein bloßer Gedanke wäre. (Erste Auflage.)
160 ob eine so subtile Materie als das Licht, auch chemischer Bestandteil werden (Erste Auflage).
161 Es ist daher für die Naturlehre äußerst wichtig, die verschiedenen Arten von Licht zu unterscheiden.
162 Z.B. Fourcroy in seiner oft angeführten Schrift.
163 [Die Lebensluft kommt dem Grad von Elastizität, der der Lichtmaterie eigentümlich ist, unter allen uns bekannten Luftarten am nächsten. (Erste Auflage)]. Falsch ist also die oben (S. 176) vorgetragene Vermutung, das Licht sei ein gemeinschaftlicher Anteil aller elastischen Flüssigkeiten und hiermit beantwortet die Frage (S. 185, 186), warum bei anderen Zersetzungen kein Licht sichtbar werde. Überhaupt finden alle oben vorgetragene Hypothesen über das Licht hier erst ihre Berichtigung aus Prinzipien.
164 Daraus erklärt sieh auch, warum der brennbare Körper das Licht unverhältnismäßig mit seiner Dichtigkeit bricht, Entwicklung des Oxygenes aus den Pflanzen.
165 eines Grads von Elastizität fähig ist, der das Phänomen des Lichtes gibt. (Erste Auflage.)
166 Mit dem nämlichen Recht könnte man auch der entzündbaren Luft die Schwere absprechen. Ohne Beweis aus der Erfahrung kann ein solcher Satz nicht behauptet werden, und will man ihn aus einzelnen Erfahrungen beweisen, so verwechselt man, ohne daran zu denken, Schwere und (spezifisches) Gewicht. Es gibt aber Erfahrungen genug, die beweisen, daß das Licht Gewicht haben muß. (Erste Auflage.)
167 Aber warum heißen wir dieses Fluidum Wärmematerie? Deswegen, weil es einen bestimmten Grad von Expansivkraft hat – also ist es doch immer dieses Gradverhältnis allein, was Wärme bewirkt. Das Fluidum ist nicht die Wärme selbst (noch viel weniger Wärmestoff), sondern jetzt – in diesem bestimmten Fall – das Vehikel der Wärme. (So die erste Auflage statt des obigen Satzes.)
168 Hier ist in der zweiten Auflage folgendes ausgefallen: Kapazität also ist, allgemeiner ausgedrückt, ein bestimmter Zustand eines Körpers, ein bestimmter Grad von Expansibilität, oder wie man es sonst heißen will. Also ist auch jede Flüssigkeit nichts anders als ein bestimmter Grad von Expansibilität, oder, was dasselbe ist, ein bestimmter Grad von Kapazität.
169 Lichtenberg zu Erxleben. S. 444.
170 Man kann als allgemeinen Grundsatz aufstellen: der Grad der Kapazität ist der Grad der Unerregbarkeit durch Wärme.
171 Der letzte Passus lautet in der ersten Auflage: Die ersteren setzen, wenn sie durch Druck oder Kälte zerstört werden, eine große Quantität Wärme ab; es fragt sich, in welcher Verbindung diese Wärme mit ihnen gestanden hat. Ohne Zweifel war es bloß die erwärmte, durch Wärme elastischer gewordene Luft, welche zwischen die Teilchen des Wassers innerhalb bestimmter Zwischenräume eindrang und so eine Ausdehnung desselben bewirkte, welche fähig war, es in Dampfgestalt zu erhalten. Dagegen sind luftförmige Flüssigkeiten, die nur durch chemische Zersetzung zerstörbar sind, stete und gleichförmig-elastische Fluida; die Wärmematerie und die Basis des Fluidums sind nicht getrennt, sondern beide, auf Einen Grad der Elastizität zurückgebracht, stellen jetzt nur Eine gemeinschaftliche Masse vor. Und darum hatten die Chemiker recht, die Wärme in diesem Fall als gebunden vorzustellen.
172 Man siehe erstes Buch, zweites Kapitel.
173 Senebier hat es zum Teil getan, aber unter Rücksichten, die seine Untersuchungen zu sehr einschränkten.
174 Die letzten Worte sind Zusatz in der zweiten Auflage.
175 S. o. S. 212.
176 Die letzten Worte sind Zusatz der zweiten Auflage.
Anhang zum vorigen Abschnitt
Es ist für die Experimentalwissenschaften äußerst vorteilhaft, genau ihre Grenzen zu kennen, damit sie sich nicht etwa mit Untersuchungen bemengen, die vor ein ganz anderes Forum gehören, und so selbst in Widersprüche und Streitigkeiten verwickelt werden, die gar kein Ende nehmen, weil bloße Erfahrung über sie gar nicht mehr zu entscheiden vermag. Umgekehrt aber, wenn man Prinzipien aufstellt, um die Experimentallehre von Schwierigkeiten und Zweifeln, die sie sich unnötigerweise selbst aufgebürdet hat, durch Einschränkung ihrer Anmaßungen zu befreien, geschieht es leicht, daß der Empiriker nachher jene Schwierigkeit selbst ableugnet und wohl gar vorgibt, sie seien erst zum Vorteil der neuen Theorie erdichtet worden.
Da Fragen über die Prinzipien der Chemie, meines[395] Erachtens, nicht vor das Forum der bloß experimentierenden Chemie gehören, so freut es mich, noch vor Schluß dieses Teils einem kenntnisreichen und um die empirische Chemie selbst bereits verdienten Schriftsteller zu begegnen, der gleichfalls bei seinen Bemühungen die Absicht hat, aus seiner Wissenschaft unnötige, außerhalb ihrer Grenzen liegende Untersuchungen zu verbannen177.
Vorzüglich haben folgende Abhandlungen dieses Schriftstellers meine Aufmerksamkeit erregt: 1. Über die Identität des Lichts und der Wärme178, 2. über die chemischen Verhältnisse beider179 und 3. über die Immaterialität des Wärme– und Lichtstoffs180.
Wenn der Verfasser von der Identität der Materien des Lichts und der Wärme spricht, so kann nicht absolute Identität beider gemeint sein. Es wäre also vorteilhaft gewesen, zum voraus zu bestimmen, was erfordert wird, um zwei Materien als eine und dieselbe zu betrachten. Wenn alle Verschiedenheit der Materie bloß auf dein verschiedenen Verhältnis ihrer Grundkräfte beruht, so werden wir so viele verschiedene Materien haben, als wir Qualitäten kennen. Qualität aber gilt überhaupt nur in bezug auf Empfindung. Verschiedene Empfindungen also berechtigen auch, verschiedene Qualitäten und somit verschiedene Materien anzunehmen.
Allein dieser allgemeinen Identität der Materie unerachtet (da alle Materie sich von der anderen nur durch Gradverhältnisse unterscheidet) kann es doch noch Gründe geben, zwischen verschiedenen Materien A und B eine unmittelbare Identität anzunehmen, im Fall nämlich, daß die eine, B, nur als ein besonderer Zustand der anderen betrachtet werden kann. Dies scheint nun der Fall mit Wärme und Licht zu sein. Wärme ist eine Modifikation der Körper, die durch Licht bewirkt werden kann, oder Wärme ist der nächste Zustand, in welchen das Licht[396] übergeht, sobald es aufhört Licht zu sein (oder – – was dasselbe ist – denn wodurch anders kennen wir das Licht als durch unsere Empfindung? – sobald es aufhört aufs Auge zu wirken).
Allein hier tut sich doch eine Schwierigkeit hervor, die uns nicht erlaubt, sogleich eine Identität der Licht- und Wärmematerie zu behaupten. Denn wären sie identisch, so müßte umgekehrt auch Licht als bloße Modifikation der Wärme betrachtet werden können; dies ist aber, wie mir dünkt, schlechterdings unmöglich.
Denn erstens leihen wir dadurch der Wärme eine absolute Existenz, die ihr gar nicht (etwa so wie dem Lichte) zukommt. Denn nach Crawfords Entdeckungen gibt es keine absolute Wärme, sondern sie ist etwas lediglich Relatives; sie ist nicht nur überhaupt bloße Modifikation anderer Materie, sondern auch eine Modifikation, für die es kein absolutes Maß gibt (daher der Begriff von Kapazität der Körper). Ich sehe sehr wohl ein, daß ohne diesen Begriff von Wärme der Gedanke, Licht und Wärme als wechselseitige Modifikationen zu betrachten, sehr natürlich ist, und ich selbst habe es oben (S. 185, da ich jenen Begriff noch nicht voraussetzte) für ganz gleichgültig erklärt, ob man Licht als freie Wärme oder Wärme als gebundenes Licht betrachtet.
Allein man hat auch nicht Einen evidenten Beweis, daß Wärme, – ich will nicht sagen überhaupt und nach einer Regel, – sondern auch nur im einzelnen Falle Licht werde, so wie Licht immer und regelmäßig, sowie es auf Körper wirkt, Wärme wird.
Der einzige mögliche Beweis dieser Behauptung ist das Licht, das sich aus der Lebensluft entwickelt. Denn, kann man sagen, was der allgemeine Anteil aller Luftarten ist, ist Wärmestoff, in diesem Falle also wenigstens nimmt der Wärmestoff der Lebensluft durch die Zersetzung Eigenschaften des Lichts an. Allein man hat dabei folgendes übersehen, daß nach der Aussage der vortrefflichsten Chemiker unserer Zeit zur Bildung der Lebensluft schlechterdings Licht erforderlich ist. Nun räume ich sehr gerne ein, daß Licht, sobald es Verbindungen mit andern Stoffen eingeht, Wärme oder Wärmestoff wird, daß also auch das Licht, das die Lebensluft bildet, die Eigenschaften und die Wirkungsart[397] des Wärmestoffs angenommen hat: und daraus ist begreiflich, warum gerade die Lebensluft auch rückwärts wieder Phänomene des Lichts zeigt.181 Allein der vorliegende Fall ist ein Fall besonderer Art, woraus man nicht sogleich den allgemeinen Schluß ziehen darf: Also kann Wärme überhaupt Eigenschaften des Lichts annehmen.
Sehr konsequent also ist es wenigstens, wenn Hr. S. leugnet, daß die Lebensluft allein Quelle des Lichtes sei. Aber man behauptet mit diesem Satz, so viel ich einsehe, nur so viel: Die Lebensluft kennen wir bis jetzt als die einzige Materie, welche die Phänomene des Leuchtens gibt. Solange also, bis wir eine andere Materie dieser Art entdecken, etwa ein Gas, mit dessen Zersetzung Lichtentwicklungen verbunden sind, hat man kein Recht, zu behaupten, daß Wärmestoff überhaupt (der doch gemeinschaftlicher Anteil aller elastischen Flüssigkeiten ist) mit der Luftmaterie identisch sei.
Nun ist man ferner doch genötigt, zu fragen, wodurch sich denn Licht und Wärme als Modifikationen einer gemeinschaftlichen Materie unterscheiden; was die Ursache ist, daß dieselbe Materie jetzt als Licht, jetzt als Wärme, das eine Mal aufs Auge, das andere Mal aufs Gefühl wirkt.
Daß nun Licht in den Verbindungen, die es mit den Körpern eingeht, Wärme wird oder Wärme bewirkt, dafür gibt es Erfahrungen182 und wo Erfahrungen entscheiden, braucht man nicht mehr unter Möglichkeiten blind herumzugreifen.[398]
Wie aber umgekehrt Wärme so modifiziert werde, daß sie Phänomene des Lichtes zeigt, darüber gibt es keine Erfahrung, und – daher kommen eigentlich die unbestimmten Erklärungen, die man darüber selbst bei scharfsinnigen Naturforschern findet, z.B. S. 106 (aus einer Schrift des Herrn Professors Link): »Ob ein Körper leuchtet oder wärmt, oder beides zugleich, in einem geraden Verhältnisse oder nicht, tut, kommt allein auf die verschiedene Schnelligkeit an, womit die Teile des Wärmestoffs entwickelt werden. Geraten alle in eine langsamere Bewegung, so wird er bloß wärmen, geraten alle in die schnellste Bewegung, so wird er bloß leuchten, und, wie leicht daraus folgt, je mehr Teile sich schnell bewegen, desto mehr wird er leuchten, im umgekehrten Fall wärmen. Ob ferner dieses oder jenes geschehe, das beruht allein auf der Art, wie der Wärmestoff ausgeschieden wird.« – (Herr S. rühmt die Leichtigkeit dieser Erklärung. Aber eben diese Leichtigkeit macht sie verdächtig; denn man kann sich nicht enthalten, zu fragen: Wie schnell sich denn der Wärmestoff bewegen müsse, um zu leuchten? Die Physik scheut alle mehr oder weniger, für die es kein Maß und Gewicht mehr gibt.) – Oder S. 114: »Es läßt sich annehmen, daß nach der verschiedenen Art der Bewegung des Wärmestoffs auch unsere Sinne sehr verschieden affiziert werden können, und daß demnach Licht bemerkt werde, wenn derselbe sich äußert schnell in geraden Linien – (diese tun wohl nichts zur Sache) – fortbewegt, Wärme hingegen nur empfunden werde, wenn er sich langsamer und nach allen Seiten – (tut das Licht nicht dasselbe?) – in den Körpern bewegt«.183[399]
So viel, die Verhältnisse des Lichts und der Wärme unter sich betreffend. Jetzt von ihrem Verhältnis zu andern Materien.
Der Verfasser leugnet geradezu, daß der Wärmestoff mit irgend einem Körper chemische Verbindungen eingehe. Im Vorhergehenden habe ich diese Annahme widerlegt, aus der Voraussetzung, daß kein besonderer Wärmestoff existiere. Die Gründe des Herrn S. beweisen gegen die chemische Verbindung des Wärmestoffs, selbst unter Voraussetzung dieses erdichteten Wesens. »Der Wärmestoff«, sagt er184, »erwärmt doch nicht bloß einige Körper, zu denen er Wahlanziehung besitzt, sondern er bringt in allen die Modifikation hervor, welche die Empfindung der Wärme in uns erregt. Er dehnt nicht bloß einige Substanzen aus, sondern äußert diese Wirkung auf alle. – Ist dies aber nicht ganz den chemischen Wirkungen widersprechend? Ist denn das Resultat der chemischen Verbindungen des Sauerstoffs in allen Fällen eine Säure, und zwar eine und dieselbe Säure? Bringt er nicht mit dem Wasserstoff nur Wasser, mit den Metallen nur Metallkalke, mit den verschiedenen Radikalen der Säure auch verschiedene Säuren hervor? Welche mannigfaltig voneinander abweichende Produkte werden nicht durch die Verbindung der verschiedenen Säuren mit den ebenso verschiedenen salzfähigen Substanzen (Alkalien, Erden und Metallen) hervorgebracht? Und der Wärmestoff sollte mit allen Körpern nur Erwärmung und Ausdehnung erzeugen ? – Ja, wenn ferner auch sogar spezifischer, gebundener, latenter Wärmestoff angenommen wird, was ist denn[400] dadurch hervorgebracht? Gar nichts! Wie kann er aber als ein chemisch-wirkender Körper mit einem andern Körper eine chemische Verbindung eingegangen sein, ohne die Natur des letzteren umgeändert oder überhaupt ein neues Produkt hervorgebracht zu haben? – Ist es nicht ganz etwas anderes mit allen andern Stoffen? Wird nicht das Metall sehr auffallend umgeändert, wenn es sich mit dem Wärmestoff vereinigt? Was geschieht aber, wenn das Metall Wärmestoff aufnimmt, bleibt es nicht Metall, wenn es gleich flüssig wird? Wie konnte man also so voreilig einen latenten Wärmestoff da annehmen, wo man keine Wärme empfindet«?
Ich kann mich nicht enthalten, diesen Bemerkungen noch die Äußerungen eines andern philosophischen Naturforschers beizufügen. Es ist so weit gekommen, daß man philosophische Gründe, in solchen Dingen vorgebracht, unter dem Verwände, daß sie das sind, als unstatthaft abweist. Aber der Philosophie gebührt es, zu entscheiden, was an unsern Erkenntnissen objektiv, und was bloße Empfindung ist. Es ist also vorteilhaft, zu beweisen, daß auch der empirische Naturforscher (denn man glaubt jetzt, daß Philosophie der Erfahrung nichts nützen könnte) zu philosophischen Prinzipien zurückgehen muß, wenn er sich nicht den Fiktionen der bloß empirischen Naturlehre blindlings überlassen will.
»Die Anziehungskraft«, sagt Herr Link185, »welche die Körper auf den Wärmestoff äußern, hat gar keine Ähnlichkeit mit der chemischen Verwandtschaft. Hier entreißt ein Körper dem andern seinen Bestandteil ganz oder doch größtenteils, dort entzieht ein Körper dem andern nur so viel Wärmestoff, bis die absolute Elastizität des Wärmestoffs in beiden Körpern einander gleich ist. Ebensowenig kann man behaupten, daß diese Anziehung mit der allgemeinen Anziehung einerlei sei. Die letztere wirkt in die Ferne, nimmt ab, wie die Quadrate der Entfernung zunehmen, und richtet sich nach der Menge der Materie, welche von beiden Seiten ihre Ziehkraft äußern. Von allem diesen bemerken wir hier nichts;[401] wir sehen nicht, daß dichtere Körper den Wärmestoff stärker anziehen als minder dichte, auch nicht, daß sich die Verteilung des Wärmestoffs nach der Dichtigkeit desselben richte, wie man doch erwarten müßte, wenn hier bloß allgemeine Anziehungskraft im Spiele wäre«.
»Es würde ein Mißbrauch genau bestimmter Ausdrücke sein, wenn man behaupten wollte, der Wärmestoff, welcher die größere Menge der spezifischen Wärme in irgend einem Körper ausmacht, sei darin chemisch gebunden. Dieser Wärmestoff geht aus dem wärmeren in den kälteren Körper, er geht ebenso zu dem ersteren zurück, sobald dieser wiederum kälter wird. Von allem diesen beobachten wir bei chemischen Verbindungen nichts. Deswegen trennt sich noch kein Bestandteil von dem andern, weil er sich darin in größerer Menge befindet, und niemals kehrt er zu dem vorigen Körper zurück, wenn dieser Mangel daran leidet. Die chemischen Trennungen und Verbindungen zeigen sich bestimmter; sie sind Folgen einer Wahlanziehung und lassen sich nach Verwandtschaftstafeln ordnen, aber allen solchen Regeln unterwirft sich der Wärmestoff, wenigstens in diesem Falle, nicht. Gesetzt aber, es gäbe Wärmestoff, der so fest mit dem Körper verbunden wäre, daß er sich durch einen kälteren Körper nicht ausscheiden oder vermindern ließe, so würde der Ausdruck, chemisch verbunden, doch fehlerhaft sein können, da mehrere Stufenfolgen in der Vereinigung der Körper möglich sind, die sehr verschieden unter sich, aber von der chemischen Verwandtschaft sehr unterschieden sein möchten«.
Ich habe mich im Vorhergehenden über die neuerdings mehrmals schon aufgeworfene Frage: Sollte das Licht wirklich eine Materie sein? wie ich glaube, hinlänglich erklärt. Da ich jetzt mit Herrn S. Untersuchungen »über die Immaterialität des Wärme- und Lichtstoffs« bekannt geworden bin, so trage ich hier einige Gründe nach, welche mir immer noch scheinen, für die Materialität des Lichtes angeführt werden zu können.186
Die Gründe, welche der Verfasser für seine Meinung vorbringt,[402] gelten eigentlich nur gegen die Behauptung eines Lichtstoffs, nicht gegen die Behauptung einer Lichtmaterie. Diesen Unterschied (der bei gegenwärtiger Untersuchung nicht ohne Bedeutung ist) habe ich im Vorhergehenden, wie ich glaube, deutlich gemacht. Ich habe gezeigt, daß Grundstoffe überhaupt, nicht nur dieser oder jener bestimmte Stoff, etwas völlig Imaginäres sind. Diese Behauptung beweist sich selbst, sobald man nur die chemischen Grundstoffe kennt; denn Keiner derselben ist bis jetzt in der Anschauung dargestellt. Auch darf man nicht hoffen sie je darzustellen. Und was angeschaut wird, heißt nicht mehr Grundstoff, sondern Materie. Es versteht sich also zum voraus, daß auch der Lichtstoff (d.h. nicht die Lichtmaterie, sondern die imaginäre Ursache der Eigenschaften dieser Materie) ebenso gut, aber auch nicht mehr, als jeder andere Grundstoff der Chemie, zu den chemischen Fiktionen gehört (die ich, innerhalb bestimmter Grenzen, selbst für unvermeidlich halte).
Ferner hoffe ich, daß, wenn philosophische Prinzipien künftig mehr als bisher in empirischen Wissenschaften gelten, die Voraussetzung von Materien, die sich durch innere (insofern verborgene) Qualitäten voneinander unterscheiden sollen, aus unsern Theorien völlig verschwinden. Nach diesen Prinzipien ist nun freilich jede einzelne Materie bloße Modifikation der Materie überhaupt, und alle Qualitäten der Materie, so verschieden sie auch sein mögen, sind nichts anderes als verschiedene Verhältnisse ihrer Grundkräfte. Dies ist also abermals etwas was von jeder Materie, nicht nur vom Lichte gilt, und wenn man etwa aus dem Satz: »das Licht ist eine bloße Modifikation der Materie«, seine Immaterialität beweisen wollte, so könnte man mit demselben Rechte die Immaterialität aller Materien beweisen – denn wo haben wir je Materie überhaupt – nicht bloße Modifikationen der Materie – gesehen?
Die Untersuchungen, welche in der angeführten Schrift über die Materialität oder Immaterialität des Lichts angestellt sind, bedürfen also vielleicht nur einer philosophischen Erweiterung, um mit den Resultaten der Philosophie völlig übereinzustimmen. Ich schließe dies daraus, daß der Verfasser selbst, um seine Theorie[403] der Wärme zu erweisen, sich auf die Grundsätze der philosophischen Dynamik beruft. »Wenn es erwiesen ist«, sagt er187, »daß die Möglichkeit der Materie – als des Beweglichen im Raume – auf den beiden Grundkräften, der attraktiven und repulsiven, beruhe; wenn endlich durch die bloße Verschiedenheit in der Verbindung dieser ursprünglichen Kräfte die bis ins Unendliche mögliche spezifische Verschiedenheit der Materien erklärbar ist, was nötigt uns dann noch weiter, die verschiedenen Formen der Körper von einem körperlichen Verhältnisse zwischen dem Wärmestoff und den Substanzen abzuleiten? – Kann denn die Form der Aggregation nicht bloß von dem wechselseitigen Einflusse der Grundkräfte und ihrer respektiven Intensität abhängen«?
»Der wichtigste Einwurf, der gegen diesen Satz aufgestellt werden könnte, ist unleugbar dieser, daß doch die verschiedene Form, die wir durch Erwärmung fester Körper hervorbringen, scheinbar der Erfolg einer Verbindung des in seiner Form geänderten Körpers mit der Ursache der Wärme sein möchte. Ich gestehe, daß dieser Umstand allerdings, dem ersten Anblicke nach, alles weitere Räsonnement überflüssig zu machen scheint, indem ja hier die größte Evidenz nicht zu verkennen ist. Indes wage ich es doch zu behaupten, daß diese Evidenz erst hineingelegt ist; sie gründet sich bloß auf das einseitige Räsonnement der atomistischen Philosophie, nach welcher alle und jede Erscheinung nur in der Zusammenfügung oder Verbindung der verschiedenen gestalteten Grundteile (Atome) der zusammengesetzten Körper ihren Grund haben soll, als ob ohne diese Voraussetzung keine einfachere, der Natur angemessenere Erklärung denkbar sei«.
»Es ist mir sehr wahrscheinlich, daß durch die Erwärmung eines Körpers nicht etwas an denselben tritt, sondern nur das Verhältnis der Grundkräfte gegeneinander abgeändert werde, so daß die repulsive ein Übergewicht vor der attraktiven erhalte. Wodurch wird dieses wohl hervorgebracht? Ich glaube durch den Stoß der ponderablen Teile der Luft, welche durch Erwärmung (d.h. durch die in Wirksamkeit gesetzten Grundkräfte),[404] diesen auszuüben fähig wird. Ich setze dieses Vermögen, während der Erwärmung der Körper in der Luft, bloß in den ponderablen Teilen der Luft, weil dieser Einfluß doch nur von der Materie – also etwas Ponderablen, im Raume sich Bewegenden – gelten kann. Die Wärme ist demnach bloß die Erscheinung, die jedesmal mit dieser Kraftäußerung verbunden ist. Der Stoß wirkt, meiner Meinung nach, insofern, als dadurch die Aufhebung des Gleichgewichts zwischen den Kräften hervorgebracht wird, so wie wir demselben doch gewiß ebenso allgemeine Erscheinungen, als die Bewegung usw., zuzuschreiben uns genötigt sehen. Ich nähere mich hier, wie man leicht bemerkt, den Vorstellungen eines le Sage (?), was ich auch gerne zugebe, nur glaube ich, daß hier das Reich des Mechanischen genau zu sondern sein wird von dem Gebiete des Chemischen; daß man die Gesetze der Dynamik durchaus nicht aus den Augen verlieren müsse. Denn für jetzt ist es uns noch nicht erlaubt, den Unterschied zwischen chemischen und mechanischen Kräften gänzlich aufzuheben, wie man dies schon hin und wieder auch versucht hat«.
Ich habe diese Stelle angeführt, zum Beweis, daß die jetzt so streitigen Untersuchungen in der Chemie zuletzt auf philosophische Prinzipien über das Wesen der Materie und den Grund ihrer Qualitäten selbst zurückzugehen genötigt sind, nicht als ob ich mit den Äußerungen des Verfassers (der dynamische und mechanische Physik sonderbar genug kombinieren zu wollen scheint) völlig einverstanden wäre. Denn wenn er z.B. die Erwärmung der festen Körper von einem Stoß der ponderablen Teile der Luft ableitet, so fragt sich: was denn diesen Stoß selbst bewirkt hat? (Ohne Zweifel wieder die Erwärmung; allein diese soll ja gerade erklärt werden.) Ferner, wie durch (mechanischen) Stoß »das Verhältnis der Grundkräfte (das lediglich dynamisch ist) verändert werden könne, so daß die repulsive Kraft vor der attraktiven das Übergewicht erhalte«? Denn ein Stoß kann selbst wiederum nur mechanisch wirken usw.
Was den bisherigen Untersuchungen über diese Gegenstände sehr im Wege war, ist die ganz gleiche Behandlung des Lichts und der Wärme, unerachtet von der letzteren nun doch lange genug[405] erwiesen ist, daß sie gar nichts an sich – nichts Absolutes – sondern lediglich eine Modifikation der Körper und noch überdies etwas völlig Relatives ist. Nun ist freilich das Licht auch bloße Modifikation – aber sie ist eine Modifikation, der nicht jede Materie fähig ist, sie ist eine eigentümliche Modifikation – Etwas, das selbst Qualitäten hat, nicht bloß Qualität ist, wie die Wärme.
Eben deswegen aber kann man auch, wenn der Ursprung des Lichts erklärt werden soll, nicht mit der allgemeinen philosophischen Erklärung: »sie sei eine Modifikation der Materie der in Tätigkeit gesetzten Grundkräfte überhaupt« usw., zufrieden sein. Glücklicherweise kommt uns hier die Erfahrung selbst entgegen, welche uns über die eigentliche Quelle des Lichts nicht unwissend läßt.
Mehrere berühmte Naturforscher (Bacos Name kann statt aller übrigen hier stehen) haben die Substantialität des Feuers geleugnet und das ganze Phänomen als eine bloße eigentümliche Bewegung, in welche die Körper versetzt werden, angesehen. Es ist aber klar, daß diese Bewegung nicht als bloß mechanisch bewirkt gedacht werden konnte. Sie mußte chemisch, d.h. durch einen Einfluß auf das Verhältnis der Grundkräfte im Körper erklärt werden. Nur hatte die Erfahrung noch nicht Data genug gegeben, um eine solche chemische Bewegung begreiflich zu machen. Jetzt ist die empirische Chemie so weit vorgerückt, daß ein solches Unternehmen nicht mehr als unausführbar gefürchtet werden darf.
Was Herr S. hierin versucht hat, teile ich aus der angeführten Schrift mit und enthalte mich aller weiteren Anmerkungen darüber, da der Verfasser selbst seine Erklärung bloß als den ersten und insofern auch unvollkommensten Versuch angesehen wissen will.
»Die Eigenschaften der Körper«, heißt es S. 286, »sind als Erfolg der in Tätigkeit gesetzten Grundkräfte der Körper zu betrachten«.
»Durch die in Tätigkeit gesetzten Grundkräfte wird eine Bewegung der Körper hervorgebracht, wodurch sie Gelegenheit erhalten, aufeinander zu wirken«.[406]
»Jeder chemischen Durchdringung geht die bloße mechanische Berührung voraus; daher erklärt sich die Notwendigkeit der Formänderung, um die Affinität säußerungen hervorzubringen«.
»Die verschiedenen Formen der Aggregation der Körper hängen von dem Verhältnisse der Grundkräfte zueinander ab. Je nachdem die repulsive oder attraktive Kraft ins Obergewicht während der Störung ihres beiderseitigen Gleichgewichts gerät, wird auch eine mehr flüssigere oder festere Form hervorgebracht«.
»Durch die Affinitätsäußerungen werden die Formen umgeändert, und zwar größtenteils die flüssigere in eine festere, wobei gewöhnlich Wärme, Licht oder Feuer bemerkt wird. – Die simplen Auflösungen oder mechanischen Verbindungen (die Vermengungen) sind gemeiniglich mit einer Verwechslung der festeren Form gegen die flüssigere begleitet; daher entsteht hierbei nur Kälte«.
»Während der Entstehung des Feuers sind hierbei der Sauerstoff und die oxydierbaren Stoffe tätig – es scheint also das Feuer bloß in der Bewegung seinen Grund zu haben, in welche die sich vereinigenden Substanzen durch die Aufhebung des Gleichgewichts ihrer Grundkräfte geraten. Gewinnt hierbei die attraktive Kraft das Übergewicht, so entsteht Wärme usw.; prädominiert im Gegenteile die repulsive, so werden diese Erscheinungen entweder gar nicht oder doch nur in einem sehr geringen Grade bemerkt«.
Noch merke ich an, daß Herr S. einige sehr interessante Bemerkungen über Wärme und Licht, insofern beide durch Reiben erzeugt werden, mitgeteilt hat. Nach dem, was S. 274 (oben S. 370) darüber gesagt ist, ist es schwer, zu glauben, daß die Quelle derselben in den Körpern selbst zu suchen ist. Ich merke das an, weil es mir für die oben vorgetragene Theorie der Elektrizität wichtig scheint.
Wichtiger noch in dieser Rücksicht ist eine Äußerung Lavoisiers, die S. 492 aus seinen physisch-chemischen Schriften Teil III, S. 270 mitgeteilt wird: »Ich denke einst«, sagt er, »von den Gründen Rechenschaft zu geben, welche mich zu glauben bewegen, daß die elektrischen Erscheinungen, welche wir wahrnehmen, nur ein Erfolg einer Zerlegung der Luft seien«. – (Der[407] Hauptgrund, wie mir scheint, ist wohl die Verteilung der beiden elektrischen Materien an die geriebenen Körper; denn sie geschieht nach dem Verhältnis der näheren oder entfernteren Verwandtschaft zum Oxygene) »daß die Elektrizität nur eine Art von Verbrennung sei, bei welcher die Luft den elektrischen Stoff ebenso liefere, wie sie, nach meiner Meinung, den Stoff des Feuers und des Lichts bei der gewöhnlichen Verbrennung liefert. Man wird erstaunen, zu sehen, wie anwendbar diese neue Lehre auf die Erklärung der mehrsten Erscheinungen ist«.
Herr S. stimmt dieser Vermutung bei. »Lange schon«, sagt er188, »beschäftigte mich die Vermutung, daß zwischen den Erscheinungen des Feuers und der Elektrizität eine sehr große Analogie stattfinde. Die Verkalkung des Amalgamas während der Reibung des Glases der Elektrisiermaschine an demselben machte mich noch aufmerksamer auf diese Übereinstimmung. Endlich konnte ich nichts wahrscheinlicher finden, als daß die Elektrizität eine Art des Feuers sei, deren Erzeugung auf eben den Gründen vielleicht beruhen möchte, als die des gewöhnlichen Feuers. Diese Mutmaßung gewann für mich den höchsten Grad der Wahrscheinlichkeit teils durch den Gesichtspunkt, den Lavoisier in der angeführten Stelle seiner Schriften hierüber bestimmt, teils durch die Erfahrung eines van Marum, welche die Übereinkunft der Erscheinungen der Elektrizität mit denen der Wärme noch in ein helleres Licht setzen«.
»Höchstwahrscheinlich189 bewirken wir durch alle Manipulationen, vermittelst welcher wir die sogenannte elektrische Materie erwecken, nichts anderes als eine Zersetzung der atmosphärischen Luft. Freilich ist diese Art der Zersetzung auffallend verschieden von derjenigen, welche durch das Verbrennen und Verkalken bewerkstelligt wird, sie geschieht sehr wahrscheinlich viel langsamer, der Erfolg derselben ist aber dafür desto auffallender«. – Ich glaube dargetan zu haben, daß diese Zersetzung der Luft mechanisch geschieht, daß aber dieser Mechanismus (des[408] Reibens) wohl Phänomene der Wärme oder des Feuers, nicht aber Phänomene der Elektrizität bewirken könnte ohne Mitwirkung der Heterogeneität der Körper, die dazu angewandt werden.
Aus einem Briefe des Chemisten van Mons endlich teilt Herr Scherer S. 199 die Vermutung mit: das elektrische Fluidum könnte von einer Verdichtung der Luft herrühren. Ohne Zweifel, sagt er, werden die beiden Gasarten, welche die atmosphärische Luft ausmachen, dabei getrennt und wieder verbunden. Die Verkalkung der Metalle durch Elektrizität aber erklärt er gleichfalls aus der Gegenwart des Oxygenes.
Ich habe absichtlich alles, was bis jetzt zum Vorteil der vorgetragenen Hypothese bekannt geworden ist, zusammengestellt, weil ich wünsche, durch welche Mittel es auch geschehe, eine Prüfung derselben durch angestellte Experimente veranlassen zu können.
* * *
Noch nenne ich hier mit großem Vergnügen eine treffliche akademische Schrift, die bekannter zu werden verdiente, als Schriften dieser Art gewöhnlich werden, in welcher der Verfasser, der Erste, soviel ich weiß, unternommen hat, die Prinzipien der Dynamik, sowie sie von Kant aufgestellt sind, mit echt-philosophischem Geiste, auf empirische Naturlehre, vorzüglich Chemie, anzuwenden.190[409]
Fußnoten
177 Ich rede von Herrn D. Scherers Nachträgen zu seinen Grundzügen der neueren chemischen Theorie. Jena 1796.
178 A. a. O. S. 18 – 120.
179 S. 121 – 156.
180 Das. 157 – 185.
181 Die Frage: warum z.B. bei Zersetzung der Lebensluft durch Salpetergas kein Licht bemerkt wird, ist unbeantwortlich, sobald man das Licht als einen Stoff, nicht, wie wir, als eine Materie betrachtet, die der verschiedensten Modifikationen fähig ist, und deren Eigenschaften einzig und allein von diesen Modifikationen abhängen.
182 Siehe oben S. 182 – 184. Das Phänomen der Kälte in den höheren Regionen der Atmosphäre glaubt Herr S. als einen Erfolg der mechanischen Ausdehnung der Luft betrachten zu können, »die in steter Bewegung ist«, – (in den oberen Regionen aber ist die Atmosphäre in steter Ruhe,) – »bei welcher (Bewegung) elastische Flüssigkeiten die Wärme anziehen oder verschlucken, während bei ihrer mechanischen Verdichtung der Wärmestoff wieder aus ihnen gepreßt wird, welcher Fall eintritt, indem die Luft in den niedrigeren Gegenden von der auf ihr liegenden Luftsäule zusammengedrückt wird.« – – Ich glaube, daß eine andere Erklärung möglich ist, man vergl. oben S. 183, 185. – S. 110 führt der Verfasser auch das oben S. 183 angeführte Experiment von Pictet als eine sehr wichtige Erfahrung an. Ich glaube daher um so eher, bei dem Schluß, den ich daraus gezogen habe, auf seine Beistimmung rechnen zu dürfen.
183 Weit bestimmter und auf Erfahrungen gegründet ist eine andere Äußerung desselben Schriftstellers, die S. 116 angeführt wird: »Licht bringt nur bloß in solchen Körpern Wärme hervor, welche seinem Durchgange einigen Widerstand entgegensetzen, es erhitzt undurchsichtige, dunkelgefärbte Körper am meisten, durchsichtige weniger, und völlig durchsichtige, wenn solche anzutreffen waren, vielleicht gar nicht. Die Erklärung dieser Erscheinung ist am leichtesten und einfachsten, wenn man bei dem bleibt, was den Physikern, welche die Erscheinungen zuerst bemerkten, so gleich einfiel. Das Licht verliert nämlich seine schnelle Bewegung, nimmt eine langsamere an und zeigt sich als fühlbare Wärme, verliert auch vielleicht ganz seine Bewegung und wird verborgene Wärme. Ich möchte sagen, diese Erscheinungen dienen mehr als Beweise für die Übereinstimmung des Lichts und der Wärme, als gegen sie, ungeachtet sie auf die meisten Hypothesen über die Bestandteile des Licht- oder Wärmestoffs geleitet haben.«
184 S. 127 – 128.
185 Ich entlehne diese Stellen aus der angeführten Schrift des Hrn. Scherer S. 138 – 140.
186 Erste Auflage: welche mich immer noch nötigen, auf der Materialität des Lichts zu bestehen.
187 S. 164 – 166.
188 S. 493 – 494
189 S. 496.
190 Principia quaedam disciplinae naturali, in primis Chemiae, ex Metaphysica naturae substernenda. Auctore C. A. Eschenmayer. Tubingae, 1796.
Zum Beleg des obigen Urteils mögen hier einige der Hauptsätze des Verfassers stehen.
»Qualitas materiae sequitur rationem mutuam virium attractivarum et repulsivarum.
Omnis materiae varietas hoc respectu earundem virium diversa unice proportione absolvitur, atque adeo ad graduum discrimen redit.
Quia materia non sola existentia, sed viribus spatiurn implet, virium autem earundem varians unice proportio nonnisi graduale discrimen affert, omnes materiae diversitates ad graduum diversitatem demum redeunt. Qualitates igitur materiae sunt relationes graduales.
Operationes chemicae versantur circa mutationes gradualium relationum materiae.
Victoria vis vel attractivae vel repulsivae chemices nititur motus, illarumque pace chemica quies.
Admitti debet maximum et minimum in gradualibus relationibus, quibus tanquam intermedii reliqui gradus interjecti sunt.
Naturae metaphysica vi attractivae infinite parvi, repulsivae infinite magni, notionem applicat. Signetur vis attractiva litt. A., repulsiva litt. B, et erit A = 1/∞ · B ∞. Ut igitur 1/∞ · ∞ = 1. ita et A. B aliquid finiti dat. Cum vero materia connubio vis repulsivae cum attractiva constet, erit A. B = M, si M pro materia ponimus.
Repulsiva vis empiricae nostrae intuitioni positivum prodit ingenium, quia spatium implet, vis attractiva vero negativum, qui limitationem impletionis affert.
Pro positivi vel negativi elementi praepollentia in duos ordines materiarum scala describi potest, cujus medium, quod plane exaequata utriusque elementi potestas tenet, tanquam ad potentiam = 0 evectum exprimi debet.
Solutio chemica duarum materiarum, dynamica duorum graduum distributione fit; unde characteres homogeneitatis et neutralitatis prodire debent.
Admisso positivi ordinis eminente gradu in natura phlogisti, negativi contra conspicuo gradu in basi aëris, phaenomena combustionis ex principiis propositis facile explicantur, simul autem conciliandis Phlogisticorum et Antiphlogisticorum theoriis via aperitur.«
Über die Stoffe in der Chemie.
(Zusatz zum achten Kapitel.)
Auf welche Weise die schlechthin eine und selbe Materie sich in die Mannigfaltigkeit der Formen gebiert, ist im Vorhergehenden hinlänglich auseinandergesetzt. Wie sie im Einzelnen ihre Einheit nur unter der Form des Magnetismus in die Differenz bildet, ebenso auch im Ganzen. Die innere und wesentliche Identität wird dadurch nicht aufgehoben und bleibt dieselbe unter allen Formen oder Potenzen, die sie in der Metamorphose empfängt. Wie sich die Blätter, Blüten und sämtliche Organe der Pflanze zu der Identität der Pflanze verhalten, so die sämtlichen Verschiedenheiten der Körper zu der Einen Substanz, aus der sie durch stufenweise Verwandlung hervorgehen. Wenn wir die Faktoren[410] der Form allgemein als Potenzen bezeichnen, so ist es notwendig, daß das größte Übergewicht der einen Potenz über die andere in die Extreme jener magnetischen Linie falle, und da wir (nach dem Zusatz zum sechsten Kapitel) einen doppelten Indifferenzpunkt anzunehmen haben, so muß die Materie auch nach vier verschiedenen Seiten, als vier Weltgegenden, in Pole auslaufen, so daß nach jeder Seite die Identität der Materie besteht, die Indifferenz der Form aber mehr und mehr aufgehoben wird.
Die Pole der absoluten Kohäsion werden sich, nach der einen Seite durch ein Maximum der Expansion, nach der andern durch ein Maximum der Kontraktion, darstellen. Die der relativen werden, weil in dem Indifferenzpunkt derselben die Kohäsion selbst als aufgelöst erscheint, sich nur im expandierten Zustand, jedoch so darstellen, daß innerhalb desselben der eine wieder als der kontrahierte, der andere als der expandierte Pol erscheint.
Von diesen Extremen der Materie, wo die Formbestimmungen in der größten Geschiedenheit erscheinen, nimmt nun der chemische Empirismus seine Stoffe her. Wenn man untersucht, welcher Begriff ihn dabei leitet, so ist es der der Zusammengesetztheit der Materie überhaupt und der Nichtdarstellbarkeit einer besonderen als solcher. Alle seine sogenannten Stoffe sind nach ihm mit irgend einem andern, z.B. Wärmestoff, zusammengesetzt, und solcher Art, daß, wenn sie aus irgend einer Verbindung gesetzt werden, sie sogleich in eine andere übergehen. Insofern, als diese Stoffe nicht für sich erscheinen, sind sie offenbar erdichtete Wesen, da die Empirie nicht über die Erscheinung hinauszugehen das Recht hat: man erwidert dagegen, daß sie doch durch das Gewicht darstellbar seien, und daß jene Nichtdarstellbarkeit nur in bezug auf die uns anwendbaren Mittel stattfinde, also mehr zufällig als notwendig sei. Man setze nun aber die wirklich geschehene und gelungene Darstellung, so würde, was vorher Stoff war, nun in die Reihe der Materien treten, und das eigentliche Prinzip der Qualität, das man in dieser Materie gesucht hatte, würde noch weiter zurückweichen. Der Charakter der Nichtdarstellbarkeit ist also zugleich ein für den Begriff von Stoff wesentlicher,[411] im einzelnen Falle aber durchaus zufälliger Charakter. Ein wesentlicher, weil der Stoff, sobald er rein abgesondert für sich darstellbar ist, eine Materie wird, die man nun wieder weiter zusammengesetzt denken kann; ein zufälliger, da man die Nichtdarstellbarkeit des Stoffs als zufällig annehmen muß, um nicht in der Annahme seiner Existenz über die Erfahrung hinauszugehen.
Die höchste Instanz in einem solchen Beginnen ist allerdings das Gewicht und das einzig Reale das ins Gewicht Fallende; dafür aber ist in demselben auch nicht Ein chemischer Prozeß seinem Wesen nach begriffen. Was hier wirkt, ist nicht auf die Wage zu legen. Es ist das, wovon die einzelnen Dinge und alle Körper die bloßen Organe und Glieder sind. Obgleich also jene Art der Chemie sich die pneumatische genannt hat, ist sie deswegen doch weder geistig noch geistreich, sondern handgreiflich und über das Wesen der Sache blind.[412]
Neuntes Kapitel.
Versuch über die ersten Grundsätze der Chemie
Nachdem wir die ersten Prinzipien der Chemie unserer Kritik unterworfen haben, bleibt uns noch die Untersuchung übrig, ob diese Prinzipien auch einer wissenschaftlichen Darstellung fähig sind.
Die unnachläßliche Bedingung einer solchen Darstellung aber ist die Möglichkeit der mathematischen Konstruktion solcher Begriffe. »So lange«, sagt Kant191, »als für die chemischen Wirkungen der Materien aufeinander kein Begriff ausgefunden wird, der sich konstruieren läßt, so kann Chemie nichts mehr, als systematische Kunst oder Experimentallehre, niemals aber eigentliche Wissenschaft werden, weil die Prinzipien derselben bloß empirisch sind und keine Darstellung a priori in der Anschauung erlauben, folglich die Grundsätze chemischer Erscheinungen ihrer Möglichkeit[412] nach nicht im mindesten begreiflich machen, weil sie der Anwendung der Mathematik unfähig sind«. Sollte etwa das Resultat dieses Versuchs verneinend ausfallen, so haben die bisherigen Untersuchungen wenigstens das negative Verdienst, die Chemie in ihre bestimmten Grenzen (der bloßen Erfahrung) zurückgewiesen zu haben.
* * *
Prinzip
Alle Qualität der Körper beruht auf dem quantitativen (gradualen) Verhältnis ihrer Grundkräfte.
Denn Qualität ist nur in bezug auf Empfindung. Empfunden werden aber kann nur was einen Grad hat: nun ist in der Materie kein Grad denkbar, außer dem der Kräfte, und auch dieser nur in Beziehung aufeinander. Alle Qualität also beruht auf Kräften, insofern sie eine bestimmte Quantität (Grad) haben, und, da Materie zu ihrer Möglichkeit entgegengesetzte Kräfte voraussetzt, auf dem Verhältnis dieser Kräfte, ihrem Grade nach.
Erklärungen
1. Homogen heißen solche Stoffe, in welchen das quantitative Verhältnis der Grundkräfte dasselbe ist.
Denn Homogeneität bezeichnet gleiche Qualitäten. Nun beruht alle Qualität auf dem quantitativen Verhältnis der Grundkräfte, also usw.
Man sieht von selbst ein, daß eine absolute Homogeneität Identität der Qualitäten wäre. Allein man braucht den Ausdruck homogen noch in weiterer Bedeutung, da er eine bloße Annäherung zur Identität bezeichnet.
2. Heterogen heißen zwei Stoffe, wenn das quantitative Verhältnis der Grundkräfte in einem das verkehrte vom Verhältnis der Grundkräfte im andern ist.
Homogen also können Grundstoffe auch dann noch heißen, wenn das quantitative Verhältnis ihrer Grundstoffe verschieden ist, so lange es nur nicht entgegengesetzt ist. Es erhellt daraus von selbst, daß es weit mehr homogene als[413] heterogene Grundstoffe geben muß. Ferner ist klar, daß es auch stufenmäßige Annäherungen zur absoluten Heterogeneität gibt, die in der Natur vielleicht nirgends angetroffen wird.
Grundsätze.
I. Allgemeine Bedingungen eines chemischen Prozesses
1. Kein chemischer Prozeß ist etwas anderes als eine Wechselwirkung der Grundkräfte zweier Körper.
Denn kein chemischer Prozeß geht vor sich, ohne daß qualitative Anziehung zwischen zwei Körpern stattfinde. Er ist also eine Wechselwirkung der Qualitäten. Nun ist Qualität nichts anders als usw.
2. Zwischen homogenen Grundstoffen findet kein chemischer Prozeß statt.
Denn das quantitative Verhältnis der Grundkräfte ist in beiden mehr oder weniger dasselbe, also kann auch kein Wechsel dieser Verhältnisse stattfinden, also auch kein chemischer Prozeß zwischen beiden.
3. Zwischen heterogenen Grundstoffen findet allein ein chemischer Prozeß statt.
Denn nur zwischen diesen ist eine Wechselwirkung der Grundkräfte möglich. Da es aber stufenmäßige Annäherungen zur absoluten Heterogeneität gibt, so wird es auch zwischen den chemischen Prozessen einen Unterschied in Ansehung der Leichtigkeit geben, mit der sie bewirkt werden.
4. Nur wenn das quantitative Verhältnis der Grundkräfte im einen das umgekehrte ist von demselben Verhältnis im andern, ist zwischen zwei Körpern ein chemischer Prozeß möglich.
(Das Maß der Repulsivkraft ist die Elastizität, das der Attraktivkraft die Masse. Also kann der Satz auch so ausgedrückt werden: Nur wenn sich Masse und Elastizität im einen umgekehrt verhalten wie Masse und Elastizität im andern, findet ein chemischer Prozeß statt.)
Denn nur in diesem Fall ist ein Wechsel der Grundkräfte – eine Ausgleichung der Elastizitäten und der Massen möglich.[414]
Auf diesen Grundsätzen beruht die Kunst, einen chemischen Prozeß zu bewirken. Denn da in der Natur keine absolute Heterogeneität existiert, da es auch Unterschiede in Ansehung der Leichtigkeit chemischer Prozesse gibt, so ist es ein Gegenstand der chemischen Kunst, Prozesse zu bewirken, die sonst nicht möglich wären, andere, die sonst nur sehr schwer erfolgen würden, zu erleichtern. Dahin gehört z.B. die Erhöhung der Temperatur, die zu nichts dient, als jenes Verhältnis der Grundkräfte, das zum chemischen Prozeß erforderlich ist, in beiden hervorzubringen.
Jede chemische Bewegung ist ein Bestreben nach Gleichgewicht: um also eine solche Bewegung zu veranlassen, muß das Gleichgewicht der Kräfte in beiden Körpern gestört werden.
Daher das alte Prinzip der Chemie: Chemica non agunt nisi soluta, d.h. zwischen zwei festen Körpern ist keine chemische Verbindung möglich. Selbst wo keine chemische Verbindung im engern Sinne des Worts vorgehen soll, müssen auch gleichartige Körper in Fluß versetzt werden, ehe sie sich miteinander verbinden. – Wo aber zwischen ungleichartigen Körpern Verbindung bewirkt werden soll, muß entweder einer derselben ursprünglich flüssig sein, oder einer, wo nicht beide, müssen durch Feuer in flüssigen Zustand versetzt werden. Man könnte den Satz auch so ausdrücken: Nur zwischen Extremen ist ein chemischer Prozeß möglich. Wenigstens hat die Natur, zum Behuf der meisten chemischen Prozesse, Extreme, flüssige und feste Körper, aufgestellt.
Da ein chemischer Prozeß nichts anders ist, als Wiederherstellung des gestörten Gleichgewichts der Kräfte, so kann man den allgemeinen Grundsatz aufstellen:
5. Soll zwischen zwei Körpern ein chemischer Prozeß entstehen, so muß die Kraft, mit der sie unter sich zusammenhängen, in beiden geringer sein, als die Kraft, mit der sie sich bestreben, untereinander ins Gleichgewicht zu kommen.
Daraus folgt ein Hauptsatz, auf den wir späterhin zurückkommen werden. Kein chemischer Prozeß erfolgt anders, als[415] kontinuierlich. Die Körper müssen mehrere Stufen durchgehen bis zu dem Punkt, wo der Prozeß selbst erst beginnt. So müssen Metalle, um in Säuren aufgelöst zu werden, erst verkalkt (oxydiert) sein. Nur nachdem dies geschehen ist, beginnt die Auflösung. Hat man etwa nicht die gehörige Quantität Säure angewandt, so bleibt der Prozeß bei der bloßen Verkalkung stehen.
Es wird nun so viel verschiedene Arten einen chemischen Prozeß zu bewirken geben, als es Mittel gibt, das Gleichgewicht der Kräfte in einem Körper zu verändern, oder, was dasselbe ist, die Kohäsionskraft der Körper zu schwächen. Das Hauptmittel aber sind Flüssigkeiten, die, ihrer Verwandtschaft zu festen Körpern gemäß, sich mit diesen verbinden und dadurch den Zusammenhang ihrer Teilchen untereinander verändern. Dahin gehören nun die luftförmigen Flüssigkeiten, bald als Vehikel der Wärme, bald als Vehikel desjenigen Grundstoffs, gegen welchen alle übrigen Grundstoffe Verwandtschaft beweisen. Durch Feuer werden feste Körper in flüssige verwandelt. Diese Verwandlung selbst schon wird gewöhnlich als ein chemischer Prozeß betrachtet und heißt insofern Auflösung, und zwar Auflösung auf trockenem Wege. – Ein anderes Mittel, den Zusammenhang der Körper zu verändern, ist die Verkalkung, die auch auf trockenem Wege, durch Feuer, geschieht, selbst ein chemischer Prozeß und zugleich Beförderungsmittel totaler Auflösung.
Ferner gehören hierher die tropfbaren Flüssigkeiten, die als Vehikel des Oxygenes dazu dienen, feste Körper, wie die Metalle, erst zu verkalken und dann aufzulösen. Geschieht das Letztere, so heißt eine solche Auflösung Auflösung auf nassem Wege.
6. Körper, in welchen das Gleichgewicht der Grundkräfte nicht aufgehoben werden kann, sind keiner chemischen Behandlung fähig.
Es versteht sich, daß eine solche Unmöglichkeit bloß relativ ist, in bezug nämlich auf die vorhandenen chemischen Mittel.
II. Erfolg eines chemischen Prozesses
1. Das Resultat des chemischen Prozesses ist das Produkt einer Wechselwirkung der Grundkräfte, die,[416] durch künstliche Mittel in Tätigkeit gesetzt, zum Gleichgewicht zurückkehren.
2. Das chemische Produkt, seiner Qualität nach betrachtet, ist das mittlere dynamische Verhältnis der Grundkräfte, die beim Prozeß in Tätigkeit gesetzt werden.
Denn die Grundkräfte beschränken sich wechselseitig so lange, bis eine Identität des Grads vorhanden ist. Das Produkt aus einem elastisch-flüssigen und festen Körper z.B. kann man ausdrücken durch das mittlere Verhältnis zwischen der Masse des festen und der Elastizität des flüssigen und umgekehrt.
3. Das chemische Produkt ist seinen qualitativen Eigenschaften nach völlig verschieden von den Bestandteilen, aus welchen es zusammenging.
Man kann es betrachten als die mittlere Qualität zwischen den beiden Extremen, aus welchen es entstanden ist.
4. Im chemischen Produkt muß Identität des Grads oder der Qualität stattfinden.
Es versteht sich, daß, da ein vollkommener chemischer Prozeß eine Idee ist, dieser Satz in der Erfahrung Einschränkungen zuläßt.
5. Chemisch heißt nur diejenige Wirkung der Körper aufeinander, wodurch Qualitäten entstehen oder vernichtet werden, nicht aber, wenn bloß der Zustand des einen Körpers verändert wird.
Chemische Vernichtung einer Qualität durch die andere heißt Bindung. So binden sich Hydrogene und Oxygene im Wasser – Säure und Alkali im Neutralsalz usw. – Begriff von Neutralisation.
6. Alle chemischen Prozesse lassen sich auf chemische Verbindung zurückführen.
Denn auch die chemische Scheidung geschieht nur vermittelst der Wahlanziehung eines dritten Körpers gegen den Bestandteil des chemischen Produkts.
7. Zwischen festen Körpern ist keine chemische Verbindung möglich, es sei denn, daß sie vorher aufgelöst werden.[417]
Dies geschieht entweder durch tropfbare Flüssigkeiten (Säuren) und die Körper heißen aufgelöst (im engern Sinne des Worts), oder durch Gewalt des Feuers, und dies heißt die Körper schmelzen. Hier ist also, im erstern Falle wenigstens, der chemische Prozeß doppelt. Denn was das Schmelzen der Körper betrifft, so ist es eine bloß einseitige Veränderung des Verhältnisses ihrer Grundkräfte. – Es fragt sich ferner, ob die gemeinschaftliche Auflösung von zwei Körpern oder das Zusammenschmelzen derselben ein chemischer Prozeß heißen könne. Strenggenommen, kann nur ein solcher Prozeß chemisch heißen, dessen Produkt von seinen Bestandteilen der Qualität nach verschieden ist. Dies geschieht aber nicht, wenn völlig homogene Körper verbunden werden. Also gehört hierher nur das Zusammenschmelzen heterogener Körper, das sehr häufig erst durch Vermittlung eines dritten möglich wird.
8. Zwischen flüssigen und festen Körpern findet kein vollkommener chemischer Prozeß statt, ohne daß beide auf einen gemeinschaftlichen Grad der Elastizität gebracht werden, so, daß der feste an Elastizität gewinne, was der flüssige daran verliert.
Hier haben wir also den Begriff von Auflösung im engern Sinne. Nach den Begriffen der Atomistiker ist die Auflösung immer nur partial, d.h. sie erstreckt sich nur bis auf die kleinsten Teilchen der festen Körper, die in dem Auflösungsmittel in unendlich-kleinen Entfernungen voneinander verbreitet sind. Allein diese Voraussetzung läßt sich nur mit Hilfe der Hypothese, daß alle Körper Aggregate von Teilchen sind, welche ferner zu teilen physisch unmöglich ist, begreiflich machen. Denn sonst sieht man nicht ein, warum die Kraft des Auflösungsmittels (vorausgesetzt, daß das quantitative Verhältnis desselben zum aufzulösenden Körper vollkommen beobachtet sei) eine Grenze habe und die Auflösung irgendwo stillstehe.
Jene Theorie verrät sich auch dadurch schon als unnatürlich, daß sie, um die Auflösung zu erklären, zu Unbegreiflichkeiten ihre Zuflucht nehmen muß, z.B. daß ein Auflösungsmittel in die innersten Poren auch der dichtesten Körper eindringe (wodurch immer noch unerklärt bleibt, wie dieses Eindringen eine so große[418] Gewalt haben solle, als nötig ist, die festen Körper zu zerreißen), oder gar, daß die kleinen Teilchen Menstruums als kleine Keile wirken, die die festen Teile des Körpers auseinandertreiben usw.
Indes sieht man ebensowenig ein, wie einige neuere Schriftsteller nach dem Beispiel Kants192 eine Durchdringung (des festen Körpers durch den flüssigen) annehmen können, ohne zugleich anzunehmen, daß der chemische Prozeß ein Wechsel der dynamischen Kräfte selbst ist. Denn ein Körper, in welchem die dynamischen Kräfte im Gleichgewicht sind, kann nur in Masse wirken vermöge mechanisch-rebellierender (stoßender) Kräfte. Also müßte, wenn die Auflösung nicht eine Wechselwirkung der Kräfte ist, das Auflösungsmittel den festen Körper mechanisch durchdringen, d.h. es müßte seine Repulsivkraft auf Zero zurückbringen, was ungereimt ist.
Man ist also zum Behuf der Erklärung der Möglichkeit einer Auflösung genötigt anzunehmen, daß bei dem chemischen Prozeß (im engern Sinne des Worts) die dynamischen Kräfte selbst aus dem Gleichgewichte treten und damit eine ganz andere Wirkungsart annehmen, als ihnen im Zustand der Ruhe oder des Gleichgewichts zukommt.193
Und da wir uns die Entstehung der Materie selbst nur durch einen Zusammenstoß dynamischer Kräfte denken können, so müssen wir jeden solchen Prozeß uns vorstellen als das Werden einer Materie, und deswegen ist die Chemie eine Elementarwissenschaft, weil durch sie das, was in der Dynamik nur Gegenstand des Verstandes ist, Gegenstand der Anschauung wird. Denn sie ist nichts anders als die sinnliche – (anschaulich[419] gemachte) Dynamik und bestätigt so rückwärts wieder die Grundsätze selbst, von welchen sie abhängig ist.
Auch setzt jene irrige Vorstellungsart einer Durchdringung des festen Körpers durch den flüssigen den falschen Begriff von einem Auflösungsmittel voraus, den schon mehrere Naturforscher mit Recht gerügt haben194, als ob nämlich das letztere beim Prozeß der Auflösung allein tätig, der feste Körper aber völlig leidend wäre. –
Die Idee einer vollkommenen Auflösung bringt es übrigens schon mit sich, daß sie sich durch keine Erfahrungen beweisen läßt. Denn daß in einer Solution, selbst mit den größtmöglichen Vergrößerungen, kein einzelnes Teilchen des festen Körpers mehr entdeckt werden kann, beweiset noch lange nicht, daß die Auflösung (im angegebenen Sinne) vollkommen ist; vielmehr, daß die. Auflösung als unendlich gedacht werden müßte, beweist man daraus, daß sie überhaupt möglich ist, denn sie ist mechanisch nicht erklärbar, also dynamisch, durch eine Bewegung dynamischer Kräfte.
Dann aber ist nicht mehr von Teilen der Materie die Rede; denn hier wird nicht die Materie durch ihre Teile (wie bei der mechanischen Zusammensetzung), sondern umgekehrt, die Teile werden durch die Materie gegeben, und deswegen heißt die Auflösung unendlich. Denn gehe ich von Teilen der Materie zum Ganzen fort, so ist die Synthesis endlich. Gehe ich umgekehrt vom Ganzen zu Teilen fort, so ist die Analysis unendlich. Bei jeder Auflösung also ist mir ein chemisches Ganzes gegeben, das völlig homogen ist, das eben deswegen wie jedes andere ins Unendliche teilbar, nirgends mich nötigt, mit der Teilung stille zu stehen, weil ich ins Unendliche fort auf homogene, also immer noch gleich teilbare, Partikeln stoße.
Die Grundkräfte der Materien also, die durcheinander aufgelöst sind, sind jetzt gemeinschaftliche Kräfte. Weil ihnen Masse und Elastizität gemeinschaftlich ist, so erfüllen sie, wie Kant sagt, einen und denselben Raum, und es läßt sich kein Teil finden, der nicht aus dem Auflösungsmittel und dem aufzulösenden Körper zusammengesetzt wäre.[420]
Eben deswegen, weil eine solche Auflösung durch keine Erfahrung unmittelbar erweisbar ist, läßt sich nie behaupten, daß die einzelne Auflösung der Idee einer vollkommenen Auflösung völlig adäquat sei: dies betrifft aber nicht den Begriff von Auflösung, sondern die Mittel, die wir angewendet haben, oder die wir überhaupt anwenden können.
Wenn man bedenkt, welche große Gewalt Flüssigkeiten auf Metalle ausüben, wie ein paar Tropfen Säure Metalle augenblicklich in Pulver oder pulverichten Kalk verwandeln, so sieht man sich von den gewöhnlichen Begriffen der Materie völlig verlassen und ist genötigt einzugestehen, daß die Materie für den Verstand etwas ganz anderes ist, als für die Sinne. Dieselbe Schwierigkeit, mit den gemeinen Begriffen von Materie auszulangen, zeigt sich auch anderwärts. Kant erinnert bei dieser Gelegenheit, man könne sich einen scheinbar-freien Durchgang gewisser Materien durch andere auf solche Weise (als Durchdringung) denken (z.B. der magnetischen Materie), ohne ihr dazu offene Gänge und Zwischenräume in allen, selbst den dichtesten Materien, vorzubereiten. In der Tat, wenn man die Hypothesen eines des Cartes, Eulers u. a., die magnetische Materie betreffend, überlegt, so sieht man recht deutlich, auf welche dürftige Vorstellungen die Maxime, alles in der Natur mechanischen Gesetzen zu unterwerfen, führen muß.
Weit fruchtbarer und der nötigen Erweiterung unserer Gedanken zuträglicher ist das Gesetz des Gleichgewichts in der Natur, wodurch das Größte wie das Kleinste regiert wird und was überhaupt erst eine Natur möglich macht. Nur wo höhere Kräfte in Ruhe sind, wirkt Stoß, Druck und was noch sonst zu mechanischen Ursachen gerechnet werden mag. Wo jene in Tätigkeit gesetzt sind, da ist innere Bewegung in der Materie, Wechsel und die erste Stufe von Bildung; denn damit entstehen und wechseln nicht Formen allein (die der Materie auch von außen eingedrückt werden können), sondern Qualitäten und Eigenschaften, die keine bloße äußere Kraft zu zerstören vermag. – Was ist es doch, was dem Erz, das wir Magnet nennen, die stete Richtung gegen die Weltpole gibt, wenn es nicht das Bestreben nach Gleichgewicht ist? Daß eine herrschende Verschiedenheit[421] unserer Hemisphären auf ein so unansehnliches Metall wirke, dünkt uns wunderbar, aber unbegreiflich nur, wenn eingeschränkte Begriffe von der Natur uns vergessen machen, daß sie selbst nichts ist, als dieses ewige Gleichgewicht, das selbst im Wechsel streitender Kräfte seine Fortdauer findet.
Doch ich kehre zurück, wovon ich ausging. – Es gibt verschiedene Arten von Auflösung. Die Unterscheidung zwischen Auflösung auf trockenem und nassem Wege wird hier schon vorausgesetzt. Die Unterscheidung von mechanischen (uneigentlich sogenannten) und chemischen Auflösungen ist wichtiger. Es wird nicht geleugnet, daß auch bloß mechanische Auflösungen möglich seien von solchen Materien, die wirklich leere Räume enthalten und schwach zusammenhängen, daher sie, wenn eine Flüssigkeit in sie eindringt, zerstückt werden. Solche Auflösungen heißen mit Recht oberflächlich (superficiales); denn sie können zwar eine Materie, in gleichartige Teilchen getrennt, und in einem Fluidum von hinlänglicher Qualität allerwärts verbreitet, enthalten, allein die Wirkung, welche sie darauf ausüben, erstreckt sich bloß auf ihre Oberflächen, auch kann die Scheidung sehr oft durch bloß mechanische Mittel bewirkt werden.
Eine eigentlich-sogenannte Auflösung findet nur da statt, wo eine Veränderung des Grads der Elastizität, Expansibilität, Kapazität des Auflösungsmittels und des aufzulösenden Körpers erfolgt, so doch, daß beide auf einen gemeinschaftlichen Grad zurückgebracht werden. Daher die meisten chemischen Auflösungen mit Aufbrausen und mit Entwicklung von Wärme und Gasarten verbunden sind.
Indes kann auch zwischen chemischen Auflösungen wieder eine Unterscheidung gemacht werden. Sie sind chemisch, entweder bloß in bezug auf die Mittel, die man dazu angewandt hat, ohne daß dabei eine chemische Verbindung im strengen Sinne des Worts oder eine Scheidung heterogener Bestandteile vorgegangen wäre. Ein Beispiel davon sind homogene Metalle, die durch Gewalt des Feuers (ein chemisches Mittel) zusammengeschmelzt werden. Auch gehört hierher die Auflösung von Salzen, z.B. des Salpeters im Wasser, der in kaltem Wasser nur sehr schwer, in wärmerem hingegen sehr leicht auflösbar ist. Aber[422] durch dieses chemisch-wirkende Mittel wird keine chemische Verbindung des Wassers und des Salzes bewirkt, sondern das letztere scheint bloß, durch Wärme aufgelöst, im Wasser gleichförmig verbreitet zu sein. Daher kommt es, daß mehrere Salze, ohne daß ihnen Wasser entzogen wird, durch bloße oft sehr geringe Entziehung des Wärmestoffs schon sich kristallisieren.
Zu einer vollkommenen chemischen Durchdringung gehört auch, daß kein Teil der Auflösung weniger aufgelöst enthalte, als er enthalten könnte, d.h. daß beide Körper durcheinander195 gesättigt sind. Allein wenn man die Möglichkeit einer mechanischen Auflösung einräumt, so versteht sich, daß auch diese ihre Grenze habe, und alsdann ist jenes Merkmal kein solches, das der chemischen Auflösung eigentümlich wäre.
Der Hauptgrundsatz nun für alle Auflösungen (im eigentlichen Sinn des Worts) ist folgender:
9. Jede Auflösung eines festen und flüssigen Körpers durcheinander gibt das mittlere Gradverhältnis zwischen der Elastizität des einen und der Masse des andern.
10. Verbindung zwischen gleichartigen flüssigen Körpern heißt Mischung.196
11. Die Dichtigkeit der Flüssigkeiten in der Mischung[423] ist gleich dem mittleren Verhältnis zwischen den Dichtigkeiten beider vor der Mischung.
12. In der Regel wird der Raum, den eine chemische Mischung einnimmt, das mittlere Verhältnis der Räume beobachten, welche die beiden Fluida vor der Auflösung einnahmen.
Nicht jede Mischung (auch heterogener Flüssigkeiten) ist chemisch. Chemisch kann nur diejenige Mischung heißen, bei welcher beide Ingredienzen der Mischung Eigenschaften verlieren oder neue annehmen.
Das sicherste Merkmal davon ist eine Verminderung oder Erhöhung der Kapazität, so daß Wärme dabei verschluckt oder frei wird. So ist die Mischung von Weingeist und Wasser, noch mehr die Mischung von brennbaren Flüssigkeiten mit Säuren, der Öle z.B. mit Salpetersäure usw. chemischer Art.
Dagegen können Luftarten, die an sich völlig heterogen sind, wie Lebens- und Stickluft, miteinander vermischt werden, ohne daß die eine oder die andere ihre Eigenschaften veränderte. Nur das spezifische Gewicht der Mischung ist gleich der Summe der spezifischen Gewichte beider vor der Mischung.
Mehrere flüssige Körper vermischen sich miteinander gar nicht ohne Vermittlung eines dritten; so Wasser und Öle erst durch Vermittlung von Salzen oder von Seife (die letztere wirkt kraft ihres Ursprungs aus Ölen und Pottasche). Der vermittelnde Körper heißt (wie auch zwischen festen Körpern) das Aneignungsmittel.
Flüssige Körper unterscheiden sich voneinander nur durch den Grad ihrer Flüssigkeit, nicht auch durch Struktur ihrer Teile, Verschiedenheit der Oberflächen, der leeren Räume, die sie enthalten usw.; deswegen sind sie zu Experimenten über Mitteilung der Wärme am brauchbarsten.
Der Grad von Wärme, den ein Fluidum aufnehmen kann, ohne seinen Zustand (das Wort im engern Sinne genommen) zu ändern, bestimmt seine Wärmefähigkeit, Kapazität. Die Differenz der Grade, welche verschiedene Körper von gleicher Masse aufzunehmen fähig sind, ist gleich der Differenz ihrer spezifischen Kapazität.[424]
Die Regel für Mischungen gleichartiger, aber verschiedenerwärmter Flüssigkeiten ist die bekannte Richmannische, daß die Wärme der Mischung das arithmetische Mittel zwischen den Wärmen beider Flüssigen ist.
Das allgemeine Gesetz aber für Mischungen ungleichartiger Flüssigkeiten ist dieses: Um zwei ungleichartige Flüssigkeiten zu einem gleichen Grad von Wärme zu bringen, muß entweder das quantitative Verhältnis der Flüssigkeiten oder das Verhältnis der Quantität von Wärme, die beiden zugeführt wird, gleich sein der Differenz ihrer Kapazitäten. – Die letztere aber muß durch Experimente gefunden werden. – Übrigens findet auch hier seine Anwendung, was oben bemerkt wurde: daß keine Mischung chemisch heißt, bei welcher weder Qualitäten verloren gehen, noch solche erzeugt werden. Wärme aber ist keine permanente Qualität, sondern nur eine zufällige Eigenschaft der Körper.
13. Verbindung zwischen tropfbaren und luftförmigen Flüssigkeiten heißt gewöhnlich Auflösung.
Dieser Satz ist, wie bekannt, neuerdings sehr scharfsinnig bestritten worden. Gesetzt auch, die Meteorologie hätte sich von ihm nichts zu versprechen (was bis jetzt noch nicht erwiesen ist), so kann doch das Faktum nicht geleugnet werden, daß wenigstens scheinbare Auflösungen tropfbarer Flüssigkeiten durch die Luft stattfinden.
Aber ich gestehe, daß ich, der vielen Erörterungen dieses Gegenstandes unerachtet, doch bis jetzt nirgends einen bestimmten Begriff dieser Art von Auflösung finden konnte.
Das Wort im gewöhnlichen Sinn genommen – kann die Luft das Wasser nicht auflösen, ohne daß das letztere selbst einen verhältnismäßig höheren Grad von Elastizität erhalte. Wodurch aber erlangt es diesen? Es verbreitet sich nicht von selbst, wie starkriechende und überhaupt alle geistigen Stoffe, vermöge der ursprünglichen Fliehkraft seiner Teile – durch Wärme etwa? – So ist es nicht mehr die Luft, sondern Wärme, die das Wasser aufgelöst hat. Allein dann fragt sich, was ist das Wasser geworden, Dunst oder Luft? Ich finde nichts Widersinniges darin, beim ersteren stehen zu bleiben. Denn dafür sprechen wenigstens[425] mehrere Erfahrungen. So enthält das kohlengesäuerte Gas, mit dessen Entwicklung ohne Zweifel immer auch Entwicklung von wässrigten Teilen verbunden ist, Wasser aufgelöst (die holländischen Naturforscher haben es mittelst des elektrischen Funkens zersetzt). Das große Volumen, zu welchem sich Wasser in Dunst- oder Dampfgestalt ausdehnt, macht begreiflich, daß es sich frei verbreitet und die dichtere Luft durchdringt. Nun kann man ferner annehmen, daß die größere Elastizität der Dünste (die man voraussetzen muß, wenn sie sich in die Luft erheben sollen) durch die geringere Elastizität der Luft allmählich vernichtet wird, und daß, wenn Luft und Wasser in verhältnismäßigen Quantitäten den Raum der Atmosphäre erfüllen, beide allmählich auf denselben Grad von Elastizität zurückkommen können. Eine unverhältnismäßige Erhöhung der Elastizität der Luft könnte dann den umgekehrten Prozeß veranlassen und das Wasser wieder in tropfbarer Gestalt niedergeschlagen werden. Denn, daß das Wasser aus der Luft durch eine schnelle Erkältung derselben niedergeschlagen wird, ist, den gemeinsten Erfahrungen gemäß, nicht sehr wahrscheinlich; denn obgleich man die Wärme, die vor einem Regen vorhergeht, von einem Freiwerden der Wärme aus der Luft herleiten kann, so ist damit doch dieses Freiwerden selbst noch gar nicht erklärt. Das Natürlichste bleibt eine schnelle Erhöhung der Elastizität der Luft anzunehmen, die, wie viele Prozesse dieser Art, lange verbreitet sein kann, jetzt aber plötzlich und auf einmal erfolgt, wodurch dann die Dünste, jetzt nicht mehr gleich-elastisch mit der Luft, also auch nicht mehr von ihr getragen, in Gestalt von Wolken niedergeschlagen, endlich in tropfbarer Gestalt niederfallen.
14. Der umgekehrte Prozeß des vorigen, da sich luftförmige Flüssigkeiten mit tropfbaren verbinden, heißt Verschluckung (Absorption).
Hier wird die chemische Verbindung sehr zweifelhaft. – Als Beispiel dieses Satzes kann die atmosphärische Luft nicht so geradezu, als gewöhnlich geschieht, angeführt werden. Denn sie wird vom Wasser nur dann verschluckt, wenn eine starke Bewegung beider vorhergegangen ist. (Priestley bemerkte sehr frühzeitig, daß, Luft und Wasser in einem verschlossenen Gefäße zusammengeschüttelt, die erstere verdorben werde. Er schloß[426] daraus schon, das Wasser müsse Phlogiston enthalten.) – Ein zuverlässiges Beispiel ist die Verschluckung von kohlengesäuertem Gas durch Wasser.
15. Die Verbindung des Lichts mit verschiedenen Flüssigkeiten ist eine wahrhaft chemische Verbindung.
Denn es geschieht dabei alles, was bei jeder chemischen Verbindung geschieht. Das Licht, eine eigentümliche Materie, verliert so viel an Elastizität, als der andere Körper gewinnt. Indem es aus den Pflanzen, aus oxidierten Körpern usw. Lebensluft entwickelt, hört es auf zu leuchten, es verliert eine Qualität, die es vorher zeigte, sowie umgekehrt auch eine Scheidung des Wassers in den Pflanzen vorgehen muß, damit es mit dem Licht sich verbinde. Hier geschieht also alles, was bei jedem chemischen Prozeß geschieht.
Das Licht nur als eine Modifikation der Materie überhaupt zu betrachten, geht deswegen nicht an, weil es sich wirklich offenbar genug als bestimmte Modifikation und insofern auch als bestimmte Materie zeigt.
Hingegen kann es keine chemische Verbindung der Wärme mit irgend einer andern Materie geben; denn die Wärme ist bloße Modifikation der Materie überhaupt. Also kann zwar eine Materie der andern Wärme mitteilen, d.h. in einer andern diese Modifikation bewirken, nach dem bekannten Gesetz: Ein Körper teilt dem andern so lange Wärme mit, bis die Wärme in beiden im Gleichgewicht ist. Allein dadurch entsteht eine bloße zufällige Veränderung des Zustandes, nicht ein Produkt, das sich durch neue Qualitäten auszeichnete. So wird das Wasser durch Wärme Dampf, d.h. es ändert seinen Zustand, aber nicht seine Qualitäten. Lasse ich aber Wasser über glühendes Eisen gehen, so ändert es nicht nur seinen Zustand, sondern auch seine Qualitäten. Die Gasart, die sich entwickelt, ist Resultat einer chemischen Anziehung; was an diesem Prozeß Chemisches ist, findet bloß zwischen dem Wasser und dem Metall, nicht zwischen dem Wasser und der Wärme statt.
* * *[427]
Von chemischen Verbindungen zwischen ursprünglich-elastischen Materien (so nenne ich Licht usw.) wissen wir nichts Zuverlässiges; denn die von mehreren angenommene Verbindung des Brennstoffs in den Körpern und des Wärmestoffs der Lebensluft beim Verbrennen ist noch zweifelhaft. Das einzige Beispiel dieser Art sind die elektrischen Phänomene, welche durch die Trennung der beiden elektrischen Materien bewirkt werden, und aufhören, sobald diese wechselseitig ihre Elastizitäten aneinander vernichten. Dieses Beispiel gehört aber nicht hierher, weil diese Materien, so viel wir einsehen, nicht ursprünglich heterogen, sondern nur künstlich entzweit sind.
* * *
Der umgekehrte Prozeß der chemischen Verbindung (gleichsam die chemische Rechenprobe) ist die chemische Scheidung.
17. Eine vollkommene chemische Verbindung müßte alle Scheidung unmöglich machen (jene ist also eine bloße Idee, der sich die Wirklichkeit mehr oder weniger annähert).
Denn, wenn eine chemische Verbindung zweier Körper vollkommen wäre, so müßte zwischen beiden eine Identität des Grads und der Qualität stattfinden. Wäre dies, so müßte das chemische Produkt gegen einen dritten Körper ein ganz gleiches chemisches Verhältnis haben, d.h. er könnte nie chemisch geschieden werden.
Daß wir hier Ideen von chemischer Verbindung, Auflösung usw. aufstellen, kann niemand befremden, der sich erinnert, daß in Erfahrungswissenschaften überhaupt nur Approximationen zu allgemeinen Grundsätzen möglich sind.
Die Mittel, welche zur Trennung verbundener Grundstoffe notwendig sind, sind dieselben, durch welche eine Verbindung von Grundstoffen bewirkt wird. – (Siehe oben.)
Die Kraft, mit welcher die verbundenen Stoffe zusammenhängen, muß geschwächt, das Gleichgewicht beider aufgehoben werden. Das letztere kann nicht geschehen ohne ein Drittes, wodurch es gestört wird. Dieses Dritte ist entweder ein dritter[428] Körper, der gegen den Einen der verbundenen Grundstoffe Anziehung beweist, oder das allgemeine auflösende Mittel, Feuer.
18. Körper von absoluter Identität des Grads und der Qualität heißen unzerlegbare Körper.
Gewöhnlich einfache, wie das Licht usw. Von keinem Körper läßt sich zuverlässig behaupten, daß er unzerlegbar ist, obgleich es von vielen höchst wahrscheinlich ist, z.B. vom Licht. Nach dem größern oder geringern Grad der Wahrscheinlichkeit, Körper zerlegen zu können, hießen sie bisher unzerlegte oder einfache – besser unzerlegte oder unzerlegbare Körper. – Das Wort Element – auch nur von den letztern zu gebrauchen – ist dem ursprünglichen Sinne des Worts zuwider. Das Wort im ältesten Sinne genommen, gibt es kein Element; denn nach unserer Philosophie gibt es keine ursprüngliche Materie.
19. Feste Körper von festen werden geschieden durch Feuer und Wahlanziehung.
Was Wahlanziehung heiße, wird als bekannt vorausgesetzt. Gleichfalls was chemische Anziehung überhaupt sei, und worauf sie beruhe (denn die oben aufgestellten Gesetze gelten auch hier). Wahlanziehung findet nur dann statt, wenn zwischen zwei Körpern besonders (vor einem oder mehreren anderen) das Gleichgewicht der Kräfte aufgehoben ist. Das Bestreben, dieses Gleichgewicht herzustellen, heißt Anziehung, und in diesem Falle Wahlanziehung.
Was einfache und doppelte Wahlanziehung sei, ist gleichfalls bekannt, und die oben aufgestellten Gesetze treffen bei der letztern doppelt ein.
Ein Beispiel der einfachen Wahlanziehung ist, so viel man jetzt noch sieht, auch das Verbrennen der Körper.
20. Das Resultat der Trennung fester und flüssiger Körper ist Kristallisation, Gerinnung, Aufschlag oder Niederschlag der letzteren.
Welches von beiden letztern erfolge, hängt vom Verhältnis des spezifischen Gewichts des aufgelösten Körpers zu dem des Menstruums ab.
Wäre die Auflösung vollkommen, so könnte kein Niederschlag erfolgen. Er erfolgt nur dann, wenn die Auflösung nicht vollkommen[429] gesättigt ist (denn was gewöhnlich Sättigung heißt, ist es nur mehr oder weniger). Entweder ist es das Bestreben des Menstruums, den zugesetzten Körper aufzulösen, oder es ist die Anziehung, die der aufgelöste Körper gegen den zugesetzten beweist, was die Scheidung veranlaßt. Aber weder das Eine noch das Andere würde stattfinden, wenn die wechselseitige Durchdringung (die Sättigung) vollkommen wäre.
21. Auch flüssige Körper können durch Feuer oder Wahlverwandtschaft geschieden werden, wenn sie eines verschiedene n Verhältnisses zur Wärme oder zu irgend einem dritten Körper fähig sind.
Flüssige Körper geben Beispiele vollkommener Mischung, weil sie überhaupt ihrer Natur nach einer Identität des Grads fähiger sind, als andere Körper.
Ob z.B. die Scheidung des Wassers aus der Luft (beim Regen) ein Niederschlag heißen könne, kommt auf Begriffe an, worüber. ich mich schon oben erklärt habe.
Ursprünglich-elastische Flüssigkeiten, wie das Licht, können wir bis jetzt nur durch einfache Wahlanziehung aus ihrer Verbindung scheiden.
III. Konstruktion der chemischen Bewegungen
Es verstellt sich von selbst, daß das allgemeine Gesetz der Trägheit auch auf chemische Bewegungen angewandt wird.
22. Keine chemische Bewegung erfolgt ohne Sollizitation von außen, und
23. In jeder chemischen Bewegung sind Wirkung und Gegenwirkung einander gleich.
Die Erörterung dieser Gesetze, insofern sie zur Mechanik gehören, wird hier vorausgesetzt197.
Was aber ihre Anwendung auf Chemie betrifft, so sind schon[430] die oben aufgestellten Gesetze nichts anders als Anwendungen dieses allgemeinen Gesetzes der chemischen Wechselwirkung.
24. Die chemische Bewegung, als solche, kann nicht rein-phoronomisch konstruiert werden; denn sie ist, als solche, keine extensive, sondern lediglich intensive Größe.
Dies ist der Hauptsatz, der bewiesen werden muß, und aus welchem sich alle übrigen Sätze, die Konstruktion der chemischen Bewegung betreffend, leicht ableiten lassen.
Jede chemische Bewegung ist nur ein Wechsel gradualer Verhältnisse. Sie besteht in bloßen Gradveränderungen, da ein Körper dem Grade nach verliert, was der andre gewinnt, und umgekehrt.
Die chemische Bewegung, als solche, kann da h er nur als intensive Größe, nach den Gesetzen der Stetigkeit, konstruiert werden.
Als intensive Größe aber kann sie nur als kontinuierliche Annäherung der Grade von beiden Seiten zum gemeinschaftlichen Produkt vorgestellt werden. Die Annäherungen beider Körper zum gemeinschaftlichen Produkt können also zwar konstruiert werden, insofern sie überhaupt stetig sind, nicht aber insofern sie in jedem einzelnen Moment gradweise fortschreiten; denn Grade überhaupt sind keiner Darstellung a priori fähig.
Es fragt sich aber, ob sich ein Gesetz dieser kontinuierlichen Annäherung finden lasse. Ein solches ist das Gesetz der Beschleunigung : Die Beschleunigung der chemischen Bewegung wächst, wie die Summe der Oberflächen, ins Unendliche. Dieses Gesetz befolgt wenigstens die praktische Chemie bei den Auflösungen fester Körper, indem sie die Oberfläche des aufzulösenden Körpers so viel möglich zu vergrößern sucht. Man sieht von selbst, daß, da man sich die Summe der Oberflächen eines aufzulösenden Körpers als ins Unendliche wachsend vorzustellen genötigt ist, auch die Akzeleration unendlich wächst, was (weil die Auflösung doch in einer endlichen Zeit erfolgt) gar nicht anders als nach dem Gesetze der Stetigkeit (da kein möglicher Augenblick der kleinstmögliche ist) vorgestellt werden kann.[431]
Eben deswegen aber ist dieses Gesetz, da es auf nichts weniger als eine unendliche Teilung der Materie geht, von gar keinem konstitutiven Gebrauch; es dient einzig und allein zum Behuf einer möglichen Vorstellung, die man den Anmaßungen der Atomistik entgegensetzen kann, welche die Auflösung fester Körper in flüssigen als einen Rechtsgrund betrachtet, die Materie aus letzten Teilen bestehen zu lassen. Es soll also zu nichts dienen, als die Freiheit der Untersuchung zu sichern. Denn wenn die Materie aus letzten Teilen besteht, so sind dies Schranken, welche die Naturforschung nicht anerkennt. Wollte man also jenes Prinzip konstitutiv gebrauchen, so würde man damit selbst in die atomistischen Voraussetzungen verfallen. Es ist also eine bloß theoretische Maxime, bei der Auflösung eines Körpers nichts anzuerkennen was ein letzter Teil wäre, nicht aber zu behaupten, daß, da die Auflösung vollkommen ist, wirklich eine Teilung ins Unendliche geschehen sei. Vielmehr umgekehrt, wenn die Auflösung vollkommen ist, kann uns das Ganze nicht durch seine Teile (denn sonst wäre die Auflösung endlich), sondern umgekehrt vielmehr, die Teile müssen uns durch das Ganze gegeben sein.
Was die Quantität der chemischen Bewegung, als solcher, betrifft, so kann sie nicht, wie die Quantität der mechanischen Bewegung, nach dem zusammengesetzten Verhältnis der Quantität der Materie und ihrer Geschwindigkeit gemessen werden; denn die chemische Bewegung, als solche, muß bezogen werden auf eine bestimmte Qualität als Produkt dieser Bewegung. Sie ist daher eine zwar kontinuierlich-wachsende, aber doch nur intensive Größe.
In der mechanischen Bewegung wird der Körper betrachtet, insofern er sich in Masse bewegt. Indem er sich in bezug auf andere Körper bewegt, ist er, in bezug auf sich selbst, in Ruhe (die Bewegung ist in bezug auf seine Teile absolute Bewegung). Er ist also jetzt Materie innerhalb bestimmter Grenzen und kann (bei gleicher Geschwindigkeit), der Quantität der Bewegung nach, mit jeder andern verglichen werden. Ganz anders ist es mit der chemischen Bewegung, als solcher. Denn da ist die Materie nicht innerhalb bestimmter Grenzen, der Körper ist[432] im Werden, und das Resultat der chemischen Bewegung selbst erst ist ein bestimmter erfüllter Raum.
Ferner: jede Bewegung ist nur relativ vorstellbar, und insofern auch (nach phoronomischen Grundsätzen) konstruierbar. Wenn man fragt, ob chemische Bewegung, als solche, konstruiert werden könne, so heißt dies so viel: ob die chemischen Bewegungen, wechselsweise aufeinander (nicht etwa auf einen Körper, der nicht in den chemischen Prozeß fällt) bezogen, konstruiert werden können? Wird die Frage so ausgedrückt, so sieht man sogleich ein, daß sie verneint werden muß – denn chemische Bewegungen, als solche, bestimmen keinen materiellen Raum, auf den ich sie beziehen könnte. Dieser materielle Raum ist selbst erst Resultat der chemischen Bewegung, d.h. er wird nicht phoronomisch – beschrieben, sondern dynamisch (durch Wechselwirkung von Kräften) erzeugt.
Nun sind aber Begriffe, die sich auf Grade überhaupt beziehen, wie Qualität, Kraft usw. in gar keiner Anschauung a priori darstellbar.
Nur insofern die in Wechselwirkung gesetzten Kräfte einen Grad haben, sind sie Gegenstände einer Synthesis – zwar, aber nur – in bezug auf den innern Sinn. Alles aber, was der Empfindung entspricht, wird nur als Einheit apprehendiert; das Ganze entsteht nicht durch Zusammensetzung der Teile, sondern umgekehrt, Teile, oder besser Vielheit ist in ihm nur durch Annäherung zum Zero vorstellbar. Jede Konstruktion aber setzt eine Größenerzeugung durch Teile voraus, also ist gar keine Konstruktion der chemischen Bewegung möglich, sie kann überhaupt nur nach dem Gesetz der Stetigkeit, als eine Erzeugung intensiver (nicht extensiver) Größe apprehendiert werden.198[433]
Fußnoten
191 A. a. O. Vorrede S. X. [2. ed. Hart. IV, 360; ed. Kirchm. VII, 171.]
192 Man siehe die oft angeführte Schrift S. 96. [2. ed. Hart IV, 425.]
193 Kant (in dem angeführten Werke) hat sich nirgends ausdrücklich über seinen Begriff von Chemie erklärt; aber diese Äußerung (von der Notwendigkeit der Annahme einer chemischen Durchdringung) setzt offenbar den Begriff voraus, daß die chemischen Operationen nur durch dynamische Kräfte, insofern sie in Bewegung gedacht werden, möglich sind. – Denn eine Durchdringung zweier Materien durcheinander ist schlechterdings undenkbar, es sei denn, daß aus beiden durch Wechselwirkung (wechselseitige Beschränkung) der Grundkräfte Eine Materie werde.
194 Z.B. Herr Professor Gren in seinem systematischen Handbuche der gesamten Chemie. Erster Teil. (Halle 1794.) S. 55.
195 So muß man sich ausdrücken, sobald man das Menstruum nicht allein als tätig bei der Auflösung annimmt.
196 In der ersten Auflage Nr. 11, indem das Folgende vorausging:
10. Der Raum, den die Körper in der Auflösung einnehmen, wird in der Regel der mittlere sein, zwischen den beiden Räumen, die sie vor der Auflösung einnahmen.
Dies ist notwendig, sobald die Auflösung vollkommen ist. Wo das Gesetz nicht zutrifft, ist sie es nicht. Zur vollkommenen chemischen Auflösung aber gehört, daß eine vollkommene Durchdringung beider Körper durcheinander (im oben bestimmten Sinne) stattfinde, so daß kein Teil der Auflösung mehr aufgelöst enthalten könnte, als er wirklich enthält (d.h. daß beide Körper durcheinander gesättigt sind).
In der Regel also ist der Raum, den die Auflösung einnimmt, größer, als der Raum, den jeder einzeln, kleiner aber als die Summe der Räume, die beide vor der Auflösung einnahmen.
197 Es ist wichtig, daß man wisse, welche Bedeutung sie durch Kant erhalten haben. Man siehe in der angeführten Schrift das dritte Hauptstück, die Mechanik.
198 Hier folgte in der ersten Auflage als »Schluß und Übergang zu einem folgenden Teil«: »Vom Ursprung der Materie aus der Natur unsrer Anschauung gingen wir aus. Aus Prinzipien a priori erweisen wir, daß sie ein Produkt entgegengesetzter Kräfte sei, und daß die Kräfte erst durch ihre Wechselwirkung den Raum erfüllen. Aus diesen Grundsätzen entwickelte sich die Dynamik. Nach Prinzipien a posteriori bewiesen wir denselben Satz aus Erfahrungen, die nur aus einer Wechselwirkung der Grundkräfte erklärbar sind. Mit diesen Erfahrungen beschäftigt sich die Chemie, oder die angewandte Dynamik. Jetzt erst können wir die Materie als ein Ganzes betrachten, das, insofern seine Grundkräfte in Ruhe sind, Gesetzen quantitativer Anziehung (der Schwere) oder mechanischen Einwirkungen gehorcht. Diese Gesetze sind der Gegenstand der Statik und der Mechanik, zwei Wissenschaften, zu welchen wir jetzt fortgehen«.
Die Konstruktion des chemischen Prozesses
(Zusatz zum neunten Kapitel.)
Der chemische Prozeß ist überall nur im Zusammenhang mit den andern Formen des dynamischen Prozesses zu fassen. Denn wenn uns der magnetische die Linie oder erste Dimension bestimmt, der elektrische die zweite hinzubringt, so schließt der chemische das Dreieck, indem er die im elektrischen gesetzte Differenz durch ein Drittes eins macht, welches zugleich in sich selbst eins ist.
Nach diesen Gründen ist das ursprüngliche Schema des in seiner Reinheit vorgestellten chemischen Prozesses ein, in der einfachsten Konstruktion, aus zwei differenten, starren Körpern und dem dritten flüssigen zusammengesetztes Ganzes. Denn da jene in sich wechselseitige und relative Kohäsionsveränderungen setzen, auf solche Weise, daß der eine in derselben erhöht, der andere vermindert ist, und beide zusammen sich als eine Totalität und gleich dem Magneten verhalten, von dem jeder Pol außer sich nur seinen entgegengesetzten setzen kann, so wird in jenem Wechselverhältnis das Dritte, welches an sich gleichgültig ist, zugleich nach zwei Seiten potenziert oder polarisiert, jedoch, weil es als das Flüssige nur Indifferenzpunkt der relativen Kohäsion ist, auf solche Weise, daß im Moment der entstehenden Differenz auch die Identität beider Pole aufgehoben, und beide durch differente Materien dargestellt werden, welches dann in der gemeinen Ansicht als eine Zerlegung des Flüssigen erscheint.
Da nun überall alles, was Zerlegung und chemischer Prozeß heißen kann, auf eine Wechselwirkung von Flüssigem und Festem[434] zurückkommt, wobei beides seinen Zustand ändert, so ist offenbar, daß das von uns angenommene Verhältnis das einfachste ist, unter welchem überhaupt chemischer Prozeß stattfinden kann.
Hinlänglich bekannt ist und jetzt angenommen, daß von jenem allgemeinen Fall der, wo das dritte Glied ein tierisches Organ ist, bloß der besondere Fall ist, indem hier eigentlich zwei Prozesse zugleich stattfinden, der ganz allgemeine, gleichsam anorganische, in welchem das tierische Glied nur in der allgemeinen Eigenschaft eines Flüssigen eintritt, und der besondere, der sich in diesem als Kontraktion zeigt, und der zwar durch seine Bedingungen von dem ersten nicht verschieden, aber der Art der Wirkung nach durch die besondere organische Natur desselben bestimmt ist.
So wie nun alle Form des dynamischen Prozesses einzig dadurch bestimmt ist, daß Allgemeines, Besonderes, und das, worin beide eins sind, als verschieden und auseinandergesetzt sind, so kann dieses auch entweder unter der Form des Magnetismus geschehen, wo die drei Faktoren als drei Punkte in einer und derselben Linie liegen, oder unter der Form der Elektrizität, wo die zwei Körper die entgegengesetzten Faktoren, der Berührungspunkt beider die Indifferenz bezeichnet, oder endlich unter der des chemischen Prozesses, wo jeder derselben durch ein besonderes Produkt ausgedrückt ist.
Da also jene Triplizität des Allgemeinen, Besondern und der Indifferenz beider in der Identität ausgedrückt, Magnetismus, in der Differenz Elektrizität, in der Totalität chemischer Prozeß ist, so sind diese drei Formen nur Eine Form, und der chemische Prozeß selbst eine bloße Verschiebung der drei Punkte des Magnetismus in das Dreieck des chemischen Prozesses.
Es kann daher nicht befremden, in der vollkommeneren Form des chemischen Prozesses die Totalität aller Formen des dynamischen anzutreffen, so daß es möglich ist, den sogenannten Galvanismus in der Voltaischen Säule ganz als Magnetismus, ganz als Elektrizität und ganz als chemischen Prozeß aufzufassen. Dies hängt bloß davon ab, welchen Moment des Ganzen man fixieren will. Der Prozeß in diesem Ganzen ist nach den Bestimmungen[435] aufzufassen, die wir von der magnetischen Linie gegeben haben (Zeitschrift für spekul. Physik, Bd. II, Hft. 2, § 46 Zus.). Es ist durch das Ganze dasselbe gesetzt, nämlich die Indifferenz, die als dieselbe nach zwei Seiten polarisiert ist. Was von dem Ganzen gilt, gilt wieder von jedem Teil, so daß jedes Glied für sich positiv, negativ und indifferent ist. Das Ganze ist ins Unendliche teilbar, und alles innerhalb desselben bloß relativ bestimmbar, so daß dasselbe Glied, welches in der einen Beziehung indifferent, in der andern positiv oder negativ, oder dasselbe, welches in gewisser Beziehung negativ ist, in der andern positiv gedacht werden kann und umgekehrt.
So bestimmt aber als sich in dem Voltaischen Ganzen das Schema des Magnetismus wiederholt, so bestimmt kann der Prozeß desselben als Elektrizität aufgefaßt werden, wie von Volta geschieht, und zwar so, daß diese Elektrizität von dem chemischen Prozeß unabhängig und nicht durch ihn vermittelt ist, indem sie vielmehr die Vermittlerin desselben und die Form ist, durch welche jener notwendig hindurchgeht.
Faßt man den Prozeß in einem spätern Moment auf, und will man zugleich ihn in seiner Totalität aussprechen, so muß man ihn als chemischen Prozeß bezeichnen, indem nach unsrer Ansicht dadurch der elektrische keineswegs ausgeschlossen, vielmehr ausdrücklich gesetzt wird. Ich bemerke hier, daß meine Behauptung, der sogenannte Galvanismus sei der chemische Prozeß selbst, von einigen gänzlich mißverstanden wurde, indem sie dies so deuteten, als ob ich die Elektrizität in demselben als eine durch den chemischen Prozeß als solchen hervorgebracht ansähe, welches ganz gegen den Typus meiner Konstruktion läuft, welche die Elektrizität dem chemischen Prozesse voransetzt, sowie es auch von der Erfahrung auffallend widersprochen wird. Denn die Oxydation ist so wenig das Bedingende der Elektrizität, daß die Erscheinungen der letzteren vielmehr in einem gewissen umgekehrten Verhältnis mit ihr stehen, wie es notwendig ist, wenn der elektrische Prozeß dem chemischen vorangeht und in ihm sich verliert.
Wollte man aber, wie von einigen geschehen, fragen, wozu[436] das Wasser in dem Voltaischen Ganzen zu den Elektrizitätserscheinungen erforderlich sei, da nach meiner Ansicht die Elektrizität durch die Berührung starrer, differenter Körper an und für sich schon hinlänglich vermittelt sei, und auch durch wiederholte Addition dieses Verhältnisses zu sich selbst gesteigert werden müßte: so antworte ich, daß zwei starre, differente Körper sich für sich selbst unmittelbar durch Berührung ins Gleichgewicht setzen, das nur wieder durch Aufhebung der Berührung gestört werden könnte, daß dasselbe zwischen einer Reihe differenter, aus bloß surren Körpern bestehender Glieder geschehen würde, und daß, um den Prozeß lebendig und in fortwährender Tätigkeit zu erhalten, ein stets veränderliches Mittelglied, dergleichen das Wasser, und sogar, um dieses in dem Zustand fortdauernder Veränderlichkeit zu erhalten, der freie Zutritt der Sauerstoffluft erforderlich sei.
Wir wenden uns nach diesen Erklärungen zu der Betrachtung des Hergangs beim chemischen Prozeß, als solchen, zurück.
Was wir von der Möglichkeit der Reduktion des chemischen Dreiecks auf die magnetische Linie gesagt haben, überzeugt uns schon hinlänglich, daß, was in dem chemischen Prozeß verwandelt wird, nicht die Substanz der Materie an sich selbst, sondern die bloßen Potenzen der Form oder Kohäsion sind, daß es also im Sinne des Empirismus ebensowenig eine wahre chemische Zusammensetzung als eine wahre Zersetzung gibt. Alle Zusammensetzung besteht in einem wechselseitigen Aufheben von entgegengesetzten Potenzen durcheinander, so daß die vollkommenste die gänzliche Depotenzierung ist. Alle Zerlegung dagegen, als Darstellung einer und derselben Substanz unter differenten Formen, ist Potenzierung nach verschiedenen Richtungen.
Alle Materie ist daher an sich einfach, denn jede mögliche Entzweiung in ihr ist immer nur durch das Hinzukommen eines andern gesetzt. Die Säure z.B. als ein Körper, der durch die Potenz des negativen Faktors der relativen Kohäsion bestimmt ist, ist insofern einfach und bloß der hinzukommende Körper, das Metall, setzt in ihr die Entzweiung des Festen und Flüssigen, so daß jenes, indem es sich aus seiner Expansion herzustellen sucht, den hinzukommenden Körper in seiner Kohäsion vermindert[437] und bestimmt aus der absoluten in relative überzugehen. Mit dem geringeren Grad der Oxydation ist überhaupt ein Zerfallen der ersteren, mit dem folgenden ein gänzliches Auflösen derselben, sowie mit dem höchsten Grad, der aber nur durch Verbrennung erreicht wird, der höchste Grad der relativen Kohäsion gesetzt.
Von dem Verbrennungsprozeß ist schon oben (Zusatz zum 1. Kapitel 1. Buchs) die Rede gewesen.[438]
Schlußanmerkung und Übergang
zum folgenden Teil
199
Der letzte Endzweck aller Betrachtung und Wissenschaft der Natur kann einzig die Erkenntnis der absoluten Einheit sein, welche das Ganze umfaßt, und die sich in der Natur nur von ihrer einen Seite zu erkennen gibt. Diese ist gleichsam ihr Werkzeug, wodurch sie auf ewige Weise das im absoluten Verstande Vorgebildete zur Ausführung und Wirklichkeit bringt. In der Natur ist daher das ganze Absolute erkennbar, obgleich die erscheinende Natur nur sukzessiv und in (für uns) endlosen Entwicklungen gebiert, was in der wahren zumal und auf ewige Weise ist.
Die Wurzel und das Wesen der Natur ist dasjenige, welches die unendliche Möglichkeit aller Dinge mit der Wirklichkeit der besondern verbindet und daher der ewige Trieb und Urgrund aller Zeugung ist. Wenn wir demnach von diesem vollkommensten aller organischen Wesen, welches aller Dinge Möglichkeit und Wirklichkeit zugleich ist, bisher nur die getrennten Seiten, worein es sich, in Licht und Materie, für die Erscheinung verliert, betrachtet haben, so steht uns nun der Zugang zu dem wahren Innern in den Enthüllungen der organischen Natur offen, durch welche wir endlich bis zu der vollkommensten Erkenntnis der göttlichen[438] Natur dringen, in der Vernunft, als der Indifferenz, worin in gleichem Maße und Gewicht alle Dinge als eins liegen, und diese Hülle, in welche der Akt des ewigen Produzierens sich kleidet, selbst in das Wesen der absoluten Idealität aufgelöst erscheint.
Der höchste Genuß der Seele ist, durch die Wissenschaft bis zur Anschauung dieser vollkommensten, alles befriedigenden und in sich fassenden Harmonie gedrungen zu sein, deren Erkenntnis jede andere so weit übertrifft, als das Ganze vortrefflicher ist als der Teil, das Wesen besser als das Einzelne, der Grund der Erkenntnis herrlicher als die Erkenntnisselbst.
(Ende des zweiten Buchs.)[439]
Fußnoten
199 Das geplante dritte Buch sollte die organische Naturlehre umfassen und in einer wissenschaftlichen Physiologie gipfeln, es erschien jedoch nie. Vgl. S. 102 und 433 sowie die Nachschrift zur Vorrede der ersten Auflage der nun folgenden Schrift von der Weltseele S. 447 N. S.
Biographie
1775
27. Januar: In einem Pfarrhaus zu Leonberg bei Stuttgart wird Friedrich Wilhelm Joseph Schelling geboren. Ersten Unterrricht erhält er von seinem gelehrten Vater.
1790
Schelling tritt in das Tübinger Stift ein, um Theologie zu studieren. Hier befreundet er sich mit Hegel und Hölderlin. Mit beiden teilt er die Begeisterung für die Französische Revolution. Studiert wurden Kant, Fichte und Spinoza.
1792
Schelling promoviert mit einer lateinischen Abhandlung über den Ursprung des Bösen in der Menschenwelt »Antiquissimi de prima malorum origine philosophematis explicandi tentamen criticum«.
1793
»Über Mythen, historische Sagen und Philosopheme der ältesten Welt«.
1794
»Über die Möglichkeit einer Form der Philosophie überhaupt«.
1795
Im Stift besteht Schelling die Abschlußprüfung.
Er nimmt eine Stelle als Hauslehrer der Barone von Riedesel an.
»De Marcione Paulinarum epistolarum emendatore«.
»Vom Ich als Prinzip der Philosophie oder über das Unbedingte im menschlichen Wissen«.
»Neue Deduktion des Naturrechts«.
»Philosophische Briefe über Dogmatismus und Kritizismus«.
Bei diesen frühen Publikationen Schellings handelt es sich um eine an Fichtes identitätstheoretisch fundierter Philosophie der Tathandlung orientierte Kritik an Kants theoretischer Philosophie der »Kritik der reinen Vernunft«, in der Kant über die Endlichkeit eines lediglich bedingt gültigen, weil auf die begrenzte Welt der Erscheinungen bezogenen, Denkens nicht hinausgekommen war.
1796
Der Hauslehrer begleitet die beiden Barone über Jena nach Leipzig. Dort beschäftigt er sich vor allem mit Naturwissenschaft, Mathematik und Medizin.
1796/97
»Abhandlungen zur Erläuterung des Idealismus der Wissenschaftslehre«.
1797
»Ideen zu einer Philosophie der Natur als Einleitung in das Studium dieser Wisenschaft«.
1798
»Von der Weltseele«.
Hier ergänzt Schelling die nunmehr als einseitig eingesehene moralphilosophische Position Fichtes um das die Welt der Objekte berücksichtigende naturphilosophische Element und tritt so in eine geistige Verwandtschaft mit Goethe, der ihm zu einer Anstellung an der Jenaer Universität verhilft.
1798/99
Im Winter beginnt Schelling seine akademische Lehrtätigkeit in Jena. Er gehört zum Romantikerkreis um Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Caroline Schlegel, Novalis und Tieck.
1799
Nach Fichtes Entlassung befindet sich Schelling in hervorragender Stellung an der Jenaer Universität.
»Erster Entwurf eines Systems der Naturphilosophie«.
»Einleitung zu dem Entwurf eines Systems der Naturphilosophie«.
1800
»System des transzendentalen Idealismus«.
Es handelt sich bei dieser Publikation um das bekannteste Werk des Philosophen, in dem er ein System des gesamten Wissens zu geben unternimmt, gipfelnd in einer »Philosophie der Kunst«.
1801
»Über den wahren Begriff der Naturphilosophie und die richtige Art, ihre Probleme aufzulösen«.
»Darstellung meines Systems der Philosophie«.
Hier, eigentlich jedoch im »System des transzendentalen Idealismus« bezieht Schelling den Standpunkt der absoluten, und folglich bestimmungslosen Identitätsphilosophie, was Hegel in der Vorrede der »Phänomenologie des Geistes« dazu veranlaßte, von der »Nacht« des Absoluten zu sprechen, in der »alle Kühe schwarz sind«, wörtlich: »Irgendein Dasein, wie es im Absoluten ist, betrachten, besteht hier in nichts anderem, als daß davon gesagt wird, es sei zwar jetzt von ihm gesprochen worden als von einem Etwas; im Absoluten, dem A = A, jedoch gebe es dergleichen gar nicht, sondern darin sei alles eins. Dies Eine Wissen, daß im Absoluten Alles gleich ist, der unterscheidenden und erfüllten oder Erfüllung suchenden und fordernden Erkenntnis entgegenzusetzen, – oder sein Absolutes für die Nacht auszugeben, worin, wie man zu sagen pflegt, alle Kühe schwarz sind, ist die Naivität der Leere an Erkenntnis.« Mit diesen Sätzen war der Bruch im Verhältnis Schellings zu Hegel eingeleitet.
Hegel kommt nach Jena und habilitiert sich als Privatdozent.
1802
»Bruno oder über das göttliche und natürliche Princip der Dinge«.
»Fernere Darstellungen aus dem System der Philosophie«.
»Über das Wesen der philosophischen Kritik überhaupt, und ihr Verhältnis zum gegenwärtigen Zustand der Philosophie insbesondere«.
»Über das Verhältnis der Naturphilosophie zur Philosophie überhaupt«.
1802/03
Schelling und Hegel geben gemeinsam die Zeitschrift »Kritisches Journal der Philosophie« heraus.
1803
Schelling siedelt an die Universität Würzburg über und wird dort Professur für Philosophie.
Er verbindet sich mit Caroline, deren Ehe mit August Wilhelm Schlegel getrennt worden ist.
»Vorlesungen über die Methode des akademischen Studiums«.
1804
Schelling schreibt einen Nachruf »Immanuel Kant«.
»Philosophie und Religion«.
»System der gesamten Philosophie und der Naturphilosophie insbesondere. Erster Teil«.
1804/05
Schelling hält die »Würzburger Vorlesungen«, die aus dem Nachlaß herausgegeben sind. Zu dieser Zeit setzt seine Beschäftigung mit dem Neuplatonismus und der mystischen Theosophie Jacob Böhmes ein.
1805
Schelling gibt zusammen mit dem Mediziner A. F. Marcus die »Jahrbücher der Medicin als Wissenschaft« heraus (bis 1808).
1806
Das Bistum Würzburg wird auf Veranlassung Napoleons der österreichischen Herrschaft unterstellt; protestantische Professoren müssen die Universität verlassen.
Schelling geht nach München und wird Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Generalsekretär der Akademie der bildenden Künste. Er bleibt jedoch ohne Lehramt.
»Darlegung des wahren Verhältnisses der Naturphilosophie zu der verbesserten Fichte`schen Lehre«.
1806
Es erscheinen Aufsätze in den »Jahrbüchern der Medizin« (bis 1808).
1807
Am Namenstag des Königs hält Schelling die Festrede »Über das Verhältnis der bildenden Künste zur Natur«.
1809
»Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit«.
7. Februar: Caroline stirbt. Das dem Andenken Carolines gewidmete Gespräch »Clara oder über den Zusammenhang der Natur mit der Geisterwelt« bleibt unveröffentlicht und erscheint erst 1861 posthum in Auszügen aus dem Nachlaß, der von Schellings Sohn herausgegeben wird.
1811
Nachdem von »Die Weltalter« bereits ein großer Teil gedruckt ist, zieht Schelling das Manuskript zurück und läßt die fertigen Bogen wieder vernichten. Erst 1861 wird das Werk posthum teilweise publiziert.
1812
Schelling heiratet die 23jährige Pauline Gotter, Tochter des Dichters F. W. Gotter. Aus dieser Ehe gehen drei Söhne und drei Töchter hervor.
»Denkmal der Schrift Jacobis von den göttlichen Dingen« ist eine Entgegnung auf einen Angriff seitens Jacobis.
1815
»Über die Gottheiten von Samothrake«.
1820
Es beginnt eine Gastprofessur in Erlangen.
1821
Schelling hält unentgeltlich Vortragsreihen über Geschichte der neueren Philosophie, Philosophie der Mythologie und Philosophie der Offenbarung.
1827
Er wird von König Ludwig I. als General-Konservator der wissenschaftlichen Sammlung des Staats, Vorstand der Bayrischen Akademie der Wissenschaften und Universitätsprofessor nach München berufen.
Von hier ab datiert die sogenannte »positive Philosophie« oder die »Philosophie der Mythologie« bzw. der »Offenbarung«. Ihr kontrastiert, einmal mehr, die »negative oder rationale Philosophie« vor allem Hegels. Die »positive Philosophie« schließlich sieht Schelling bereits im »Durchbruch zur Freiheitslehre« von 1809 gewonnen. Die entscheidende Frage lautet dabei, inwieweit das Wirkliche restlos im Begriff aufgeht. Dadurch, daß Schelling die unmittelbare Wirklichkeit dem Begriff kontrastiert und auf diese Weise den sogenannten Panlogismus Hegels kritisiert zu haben glaubt, ist er der eigentliche Urheber der stets positiven und dabei allenthalben auf die Leistungen des Intellekts schmähenden Existenzphilosophie seit Kierkegaard.
1829
Schelling trifft Hegel in Karlsbad.
1831
14. November: Hegel stirbt.
1834
Schelling verfaßt die Vorrede zu der deutschen Übersetzung einer Schrift von V. Cousins, darin eine Fortsetzung der Polemik gegen Hegel.
1841/42
Schelling wird nach dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. auf den Berliner Lehrstuhl berufen, um die »Drachensaat des Hegelianismus auszureuthen«. Zu seinen Zuhörern zählen u.a. Kierkegaard, Friedrich Engels und Bakunin. Seine Antrittsrede erregt Aufsehen, danach jedoch erlahmt das Interesse, zumal da Schelling insgesamt nur fünfmal über Philosophie der Mythologie und lediglich einmal über Philosophie der Offenbarung liest.
1848
Von nun an zieht sich der Philosoph auf den engsten Familien- und Freundeskreis zurück.
1850
Die »Abhandlung über die Quelle der ewigen Wahrheiten« wird gelesen in der Gesamtsitzung der Akademie der Wissenschaften zu Berlin.
1854
20. August: F.W.J. Schelling stirbt in Ragaz in der Schweiz, wohin er sich zwecks Behandlung eines Bronchialkatarrhs begeben hat.
Lektürehinweise
K. Rosenkranz, Schelling, Danzig 1843.
H. J. Sandkühler, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling, Stuttgart 1970.
P. Szondi, Poetik und Geschichtsphilosophie, 2 Bde., Frankfurt a. M. 1974.
J. Kirchhoff, F. W. J. v. Schelling, Reinbek bei Hamburg 1982.
A. Gulyga, Schelling. Leben und Werk, Stuttgart 1989.
Impressum
Bibliographische Angaben
Friedrich Wilhelm Joseph Schelling: Ideen zu einer Philosophie der Natur
Vollständiger, durchgesehener Neusatz mit einer Biographie des Autors bearbeitet und eingerichtet von Michael Holzinger.
ISBN 978-3-8430-2225-5
Historische Angaben
Erstdruck: Jena und Leipzig (Breitkopf und Härtel) 1797. Zweite Ausgabe: Landshut (Krüll) 1803. Der Text folgt dem Abdruck der zweiten Ausgabe in Schellings »Sämtlichen Werken«, hg. von K.F.A. Schelling, Stuttgart (Cotta) 1856-1861 (= O[riginalausgabe]). Dort wurde der Text durch Zusätze und Bemerkungen aus Schellings Handexemplaren und Manuskripten erweitert, die der Herausgeber teils in eckigen Klammern in den Text einfügte, teils in den Fußnoten mitteilte. Abweichungen der ersten Ausgabe sind ebenfalls in den Fußnoten verzeichnet.
Textgrundlage
Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling: Werke. Auswahl in drei Bänden. Herausgegeben und eingeleitet von Otto Weiß, Leipzig: Fritz Eckardt, 1907.
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Zuletzt geändert: 23/10/2026