Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen
Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen - Immanuel Kant Inhalt

Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen

Anmerkungen zur Transkription:

Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen.

Beobachtungen

über das Gefühl des Schönen

und Erhabenen

von

Immanuel Kant

11. bis 15. Tausend

Im Insel-Verlag zu Leipzig

Erster Abschnitt

Von den unterschiedenen Gegenständen des Gefühls vom

Erhabenen und Schönen

D ie verschiedenen Empfindungen des Vergnügens oder des Verdrusses beruhen nicht so sehr auf der Beschaffenheit der äußeren Dinge, die sie erregen,

als auf dem jedem Menschen eigenen Gefühle, dadurch mit Lust oder Unlust

gerührt zu werden. Daher kommen die Freuden einiger Menschen, woran andre

einen Ekel haben, die verliebte Leidenschaft, die öfters jedermann ein Rätsel ist,

oder auch der lebhafte Widerwille, den der eine woran empfindet, was dem

andern völlig gleichgültig ist. Das Feld der Beobachtungen dieser

Besonderheiten der menschlichen Natur erstreckt sich sehr weit und verbirgt

annoch einen reichen Vorrat zu Entdeckungen, die ebenso anmutig als lehrreich

sind. Ich werfe für jetzt meinen Blick nur auf einige Stellen, die sich in diesem

Bezirke besonders auszunehmen scheinen, und auch auf diese mehr das Auge

eines Beobachters als des Philosophen.

Weil ein Mensch sich nur insofern glücklich findet, als er eine Neigung

befriedigt, so ist das Gefühl, welches ihn fähig macht, große Vergnügen zu

genießen, ohne dazu ausnehmende Talente zu bedürfen, gewiß nicht eine

Kleinigkeit. Wohlbeleibte Personen, deren geistreichster Autor ihr Koch ist und

deren Werke von feinem Geschmack sich in ihrem Keller befinden, werden bei

gemeinen Zoten und einem plumpen Scherz in ebenso lebhafte Freude geraten,

als diejenige ist, worauf Personen in edeler Empfindung so stolz tun. Ein

bequemer Mann, der die Vorlesung der Bücher liebt, weil es sich sehr wohl dabei

einschlafen läßt, der Kaufmann, dem alle Vergnügen läppisch scheinen,

dasjenige ausgenommen, was ein kluger Mann genießt, wenn er seinen

Handlungsvorteil überschlägt, derjenige, der das andre Geschlecht nur insofern

liebt, als er es zu den genießbaren Sachen zählt, der Liebhaber der Jagd, er mag

nun Fliegen jagen, wie Domitian, oder wilde Tiere, wie A . ., alle diese haben ein

Gefühl, welches sie fähig macht, Vergnügen nach ihrer Art zu genießen, ohne

daß sie andere beneiden dürfen oder auch von andern sich einen Begriff machen

können; allein ich wende für jetzt darauf keine Aufmerksamkeit. Es gibt noch

ein Gefühl von feinerer Art, welches entweder darum so genannt wird, weil man es länger ohne Sättigung und Erschöpfung genießen kann, oder weil es

sozusagen eine Reizbarkeit der Seele voraussetzt, die diese zugleich zu

tugendhaften Regungen geschickt macht, oder weil es Talente und

Verstandesvorzüge anzeigt, da im Gegenteil jene bei völliger Gedankenlosigkeit

stattfinden können. Dieses Gefühl ist es, wovon ich eine Seite betrachten will.

Doch schließe ich hievon die Neigung aus, welche auf hohe

Verstandeseinsichten geheftet ist, und den Reiz, dessen ein Kepler fähig war,

wenn er, wie Bayle berichtet, eine seiner Erfindungen nicht um ein Fürstentum

würde verkauft haben. Diese Empfindung ist gar zu fein, als daß sie in

gegenwärtigen Entwurf gehören sollte, welcher nur das sinnliche Gefühl

berühren wird, dessen auch gemeinere Seelen fähig sind.

Das feinere Gefühl, was wir nun erwägen wollen, ist vornehmlich zwiefacher

Art: das Gefühl des Erhabenen und des Schönen. Die Rührung von beiden ist

angenehm, aber auf sehr verschiedene Weise. Der Anblick eines Gebirges,

dessen beschneite Gipfel sich über Wolken erheben, die Beschreibung eines

rasenden Sturms oder die Schilderung des höllischen Reichs von Milton erregen

Wohlgefallen, aber mit Grausen; dagegen die Aussicht auf blumenreiche Wiesen,

Täler mit schlängelnden Bächen, bedeckt von weidenden Herden, die

Beschreibung des Elysium oder Homers Schilderung von dem Gürtel der Venus

veranlassen auch eine angenehme Empfindung, die aber fröhlich und lächlend

ist. Damit jener Eindruck auf uns in gehöriger Stärke geschehen könne, so

müssen wir ein Gefühl des Erhabenen und, um die letztere recht zu genießen, ein

Gefühl für das Schöne haben. Hohe Eichen und einsame Schatten im heiligen

Haine sind erhaben, Blumenbetten, niedrige Hecken und in Figuren geschnittene

Bäume sind schön. Die Nacht ist erhaben, der Tag ist schön. Gemütsarten, die

ein Gefühl für das Erhabene besitzen, werden durch die ruhige Stille eines

Sommerabendes, wenn das zitternde Licht der Sterne durch die braunen Schatten

der Nacht hindurchbricht und der einsame Mond im Gesichtskreise steht,

allmählich in hohe Empfindungen gezogen, von Freundschaft, von Verachtung

der Welt, von Ewigkeit. Der glänzende Tag flößt geschäftigen Eifer und ein

Gefühl von Lustigkeit ein. Das Erhabene rührt, das Schöne reizt. Die Miene des

Menschen, der im vollen Gefühl des Erhabenen sich befindet, ist ernsthaft,

bisweilen starr und erstaunt. Dagegen kündigt sich die lebhafte Empfindung des

Schönen durch glänzende Heiterkeit in den Augen, durch Züge des Lächelns und

oft durch laute Lustigkeit an. Das Erhabene ist wiederum verschiedener Art. Das

Gefühl desselben ist bisweilen mit einigem Grausen oder auch Schwermut, in

einigen Fällen bloß mit ruhiger Bewunderung und in noch andern mit einer über einen erhabenen Plan verbreiteten Schönheit begleitet. Das erstere will ich das

Schreckhaft-Erhabene, das zweite das Edle und das dritte das Prächtige nennen.

Tiefe Einsamkeit ist erhaben, aber auf eine schreckhafte Art.(1) Daher große,

weitgestreckte Einöden, wie die ungeheure Wüste Schamo in der Tartarei,

jederzeit Anlaß gegeben haben, fürchterliche Schatten, Kobolde und

Gespensterlarven dahin zu versetzen.

Das Erhabene muß jederzeit groß, das Schöne kann auch klein sein. Das

Erhabene muß einfältig, das Schöne kann geputzt und geziert sein. Eine große

Höhe ist ebensowohl erhaben als eine große Tiefe; allein diese ist mit der

Empfindung des Schauderns begleitet, jene mit der Bewunderung; daher diese

Empfindung schreckhaft erhaben und jene edel sein kann. Der Anblick einer

ägyptischen Pyramide rührt, wie Hasselquist berichtet, weit mehr, als man sich

aus aller Beschreibung es vorstellen kann, aber ihr Bau ist einfältig und edel. Die

Peterskirche in Rom ist prächtig. Weil auf diesen Entwurf, der groß und einfältig

ist, Schönheit, z. E. Gold, mosaische Arbeit usw. usw. so verbreitet ist, daß die

Empfindung des Erhabenen doch am meisten hindurch wirkt, so heißt der

Gegenstand prächtig. Ein Arsenal muß edel und einfältig, ein Residenzschloß

prächtig und ein Lustpalast schön und geziert sein.

Eine lange Dauer ist erhaben. Ist sie von vergangener Zeit, so ist sie edel;

wird sie in einer unabsehlichen Zukunft vorausgesehen, so hat sie etwas vom

Schreckhaften an sich. Ein Gebäude aus dem entferntesten Altertum ist

ehrwürdig. Hallers Beschreibung von der künftigen Ewigkeit stößt ein sanftes

Grausen und von der vergangenen starre Bewunderung ein.

Zweiter Abschnitt

Von den Eigenschaften des Erhabenen und Schönen am

Menschen überhaupt

V erstand ist erhaben, Witz ist schön. Kühnheit ist erhaben und groß, List ist klein, aber schön. Die Behutsamkeit, sagte Cromwell , ist eine

Bürgermeistertugend. Wahrhaftigkeit und Redlichkeit ist einfältig und edel,

Scherz und gefällige Schmeichelei ist fein und schön. Artigkeit ist die Schönheit

der Tugend. Uneigennütziger Diensteifer ist edel, Geschliffenheit (Politesse) und

Höflichkeit sind schön. Erhabene Eigenschaften flößen Hochachtung, schöne

aber Liebe ein. Leute, deren Gefühl vornehmlich auf das Schöne geht, suchen

ihre redlichen, beständigen und ernsthaften Freunde nur in der Not auf; den

scherzhaften, artigen und höflichen Gesellschafter aber erwählen sie sich zum

Umgange. Man schätzt manchen viel zu hoch, als daß man ihn lieben könnte. Er

flößt Bewunderung ein, aber er ist zu weit über uns, als daß wir mit der

Vertraulichkeit der Liebe uns ihm zu nähern getrauten.

Diejenige, welche beiderlei Gefühl in sich vereinbaren, werden finden: daß

die Rührung von dem Erhabenen mächtiger ist wie die vom Schönen, nur daß sie

ohne Abwechselung oder Begleitung der letzteren ermüdet und nicht so lange

genossen werden kann.(2) Die hohen Empfindungen, zu denen die Unterredung

in einer Gesellschaft von guter Wahl sich bisweilen erhebt, müssen sich

dazwischen in heiteren Scherz auflösen, und die lachenden Freuden sollen mit

der gerührten, ernsthaften Miene den schönen Kontrast machen, welcher beide

Arten von Empfindung ungezwungen abwechseln läßt. Freundschaft hat

hauptsächlich den Zug des Erhabenen, Geschlechterliebe aber des Schönen an

sich. Doch geben Zärtlichkeit und tiefe Hochachtung der letzteren eine gewisse

Würde und Erhabenheit, dagegen gaukelhafter Scherz und Vertraulichkeit das

Kolorit des Schönen in dieser Empfindung erhöhen. Das Trauerspiel

unterscheidet sich meiner Meinung nach vom Lustspiele vornehmlich darin: daß

in dem ersteren das Gefühl fürs Erhabene, im zweiten für das Schöne gerührt

wird. In dem ersteren zeigen sich großmütige Aufopferung für fremdes Wohl,

kühne Entschlossenheit in Gefahren und geprüfte Treue. Die Liebe ist daselbst

schwermütig, zärtlich und voll Hochachtung; das Unglück anderer bewegt in dem Busen des Zuschauers teilnehmende Empfindungen und läßt sein großmütig

Herz für fremde Not klopfen. Er wird sanft gerührt und fühlt die Würde seiner

eigenen Natur. Dagegen stellt das Lustspiel feine Ränke, wunderliche

Verwirrungen und Witzige, die sich herauszuziehen wissen, Narren, die sich

betrügen lassen, Späße und lächerliche Charaktere vor. Die Liebe ist hier nicht

so grämisch, sie ist lustig und vertraulich. Doch kann so wie in andern Fällen,

also auch in diesen das Edle mit dem Schönen in gewissem Grade vereinbart

werden.

Selbst die Laster und moralischen Gebrechen führen öfters gleichwohl einige

Züge des Erhabenen oder Schönen bei sich; wenigstens so wie sie unserem

sinnlichen Gefühl erscheinen, ohne durch Vernunft geprüft zu sein. Der Zorn

eines Furchtbaren ist erhaben, wie Achilles’ Zorn in der Iliade. Überhaupt ist der

Held des Homers schrecklich erhaben, des Virgils seiner dagegen edel.

Offenbare dreiste Rache nach großer Beleidigung hat etwas Großes an sich, und

so unerlaubt sie auch sein mag, so rührt sie in der Erzählung gleichwohl mit

Grausen und Wohlgefallen. Als Schach Nadir zur Nachtzeit von einigen

Verschwornen in seinem Zelte überfallen ward, so rief er, wie Hanway erzählt,

nachdem er schon einige Wunden bekommen und sich voll Verzweiflung wehrte:

»Erbarmung! ich will euch allen vergeben.« Einer unter ihnen antwortete, indem

er den Säbel in die Höhe hob: »Du hast keine Erbarmung bewiesen und

verdienst auch keine.« Entschlossene Verwegenheit an einem Schelmen ist

höchst gefährlich, aber sie rührt doch in der Erzählung, und selbst wenn er zu

einem schändlichen Tode geschleppt wird, so veredelt er ihn noch

gewissermaßen dadurch, daß er ihm trotzig und mit Verachtung entgegengeht.

Von der andern Seite hat ein listig ausgedachter Entwurf, wenn er gleich auf ein

Bubenstück ausgeht, etwas an sich, was fein ist und belacht wird. Buhlerische

Neigung (Koketterie) im feinen Verstande, nämlich eine Geflissenheit

einzunehmen und zu reizen, an einer sonst artigen Person ist vielleicht tadelhaft,

aber doch schön und wird gemeiniglich dem ehrbaren, ernsthaften Anstande

vorgezogen.

Die Gestalt der Personen, die durch ihr äußeres Ansehen gefallen, schlägt

bald in eine, bald in die andere Art des Gefühls ein. Eine große Statur erwirbt

sich Ansehen und Achtung, eine kleine mehr Vertraulichkeit. Selbst die

bräunliche Farbe und schwarze Augen sind dem Erhabenen, blaue Augen und

blonde Farbe dem Schönen näher verwandt. Ein etwas größeres Alter vereinbart

sich mehr mit den Eigenschaften des Erhabenen, Jugend aber mit denen des

Schönen. So ist es auch mit dem Unterschiede der Stände bewandt, und in allen diesen nur erwähnten Beziehungen müssen sogar die Kleidungen auf diesen

Unterschied des Gefühls eintreffen. Große, ansehnliche Personen müssen

Einfalt, höchstens Pracht in ihrer Kleidung beobachten, kleine können geputzt

und geschmückt sein. Dem Alter geziemen dunklere Farben und Einförmigkeit

im Anzuge, die Jugend schimmert durch hellere und lebhaft abstechende

Kleidungsstücke. Unter den Ständen muß bei gleichem Vermögen und Range der

Geistliche die größte Einfalt, der Staatsmann die meiste Pracht zeigen. Der

Cicisbeo kann sich ausputzen, wie es ihm beliebt.

Auch in äußerlichen Glücksumständen ist etwas, das wenigstens nach dem

Wahne der Menschen in diese Empfindungen einschlägt. Geburt und Titel finden

die Menschen gemeiniglich zur Achtung geneigt. Reichtum auch ohne

Verdienste wird selbst von Uneigennützigen geehrt, vermutlich weil sich mit

seiner Vorstellung Entwürfe von großen Handlungen vereinbaren, die dadurch

könnten ausgeführt werden. Diese Achtung trifft gelegentlich auch manchen

reichen Schurken, der solche Handlungen niemals ausüben wird und von dem

edlen Gefühl keinen Begriff hat, welches Reichtümer einzig und allein schätzbar

machen kann. Was das Übel der Armut vergrößert, ist die Geringschätzung,

welche auch nicht durch Verdienste gänzlich kann überwogen werden,

wenigstens nicht vor gemeinen Augen, wo nicht Rang und Titel dieses plumpe

Gefühl täuschen und einigermaßen zu dessen Vorteil hintergehen.

In der menschlichen Natur finden sich niemals rühmliche Eigenschaften,

ohne daß zugleich Abartungen derselben durch unendliche Schattierungen bis

zur äußersten Unvollkommenheit übergehen sollten. Die Eigenschaft des

Schrecklich-Erhabenen, wenn sie ganz unnatürlich wird, ist abenteuerlich.(3)

Unnatürliche Dinge, insofern das Erhabene darin gemeint ist, ob es gleich wenig

oder gar nicht angetroffen wird, sind Fratzen. Wer das Abenteuerliche liebt und

glaubt, ist ein Phantast, die Neigung zu Fratzen macht den Grillenfänger.

Andererseits artet das Gefühl des Schönen aus, wenn das Edle dabei gänzlich

mangelt, und man nennt es läppisch. Eine Mannsperson von dieser Eigenschaft,

wenn sie jung ist, heißt ein Laffe; ist sie im mittleren Alter, so ist es ein Geck.

Weil dem höheren Alter das Erhabene am notwendigsten ist, so ist ein alter Geck

das verächtlichste Geschöpf in der Natur, so wie ein junger Grillenfänger das

widrigste und unleidlichste ist. Scherze und Munterkeit schlagen in das Gefühl

des Schönen ein. Gleichwohl kann noch ziemlich viel Verstand

hindurchscheinen, und insofern können sie mehr oder weniger dem Erhabenen

verwandt sein. Der, in dessen Munterkeit diese Dazumischung unmerklich ist,

faselt. Der beständig faselt, ist albern. Man merkt leicht, daß auch kluge Leute bisweilen faseln und daß nicht wenig Geist dazu gehöre, den Verstand eine kurze

Zeit von seinem Posten abzurufen, ohne daß dabei etwas versehen wird.

Derjenige, dessen Reden oder Handlungen weder belustigen noch rühren, ist

langweilig. Der Langweilige, insofern er gleichwohl beides zu tun geschäftig ist,

ist abgeschmackt. Der Abgeschmackte, wenn er aufgeblasen ist, ist ein Narr.(4)

Ich will diesen wunderlichen Abriß der menschlichen Schwachheiten durch

Beispiele etwas verständlicher machen; denn der, welchem Hogarths Grabstichel

fehlt, muß, was der Zeichnung am Ausdrucke mangelt, durch Beschreibung

ersetzen. Kühne Übernehmung der Gefahren für unsere, des Vaterlandes oder

unserer Freunde Rechte ist erhaben. Die Kreuzzüge, die alte Ritterschaft waren

abenteuerlich: die Duelle, ein elender Rest der letztern aus einem verkehrten

Begriff des Ehrenrufs, sind Fratzen. Schwermütige Entfernung von dem

Geräusche der Welt aus einem rechtmäßigen Überdrusse ist edel. Der alten

Eremiten einsiedlerische Andacht war abenteuerlich. Klöster und dergleichen

Gräber, um lebendige Heilige einzusperren, sind Fratzen. Bezwingung seiner

Leidenschaften durch Grundsätze ist erhaben. Kasteiungen, Gelübde und andere

Mönchstugenden mehr sind Fratzen. Heilige Knochen, heiliges Holz und aller

dergleichen Plunder, den heiligen Stuhlgang des großen Lama von Tibet nicht

ausgeschlossen, sind Fratzen. Von den Werken des Witzes und des feinen

Gefühls fallen die epischen Gedichte des Virgils und Klopstocks ins Edle,

Homers und Miltons ins Abenteuerliche. Die Verwandelungen des Ovids sind

Fratzen, die Feenmärchen des französischen Aberwitzes sind die elendesten

Fratzen, die jemals ausgeheckt worden. Anakreontische Gedichte sind

gemeiniglich sehr nahe beim Läppischen.

Die Werke des Verstandes und der Scharfsinnigkeit, insofern ihre

Gegenstände auch etwas für das Gefühl enthalten, nehmen gleichfalls einigen

Anteil an den gedachten Verschiedenheiten. Die mathematische Vorstellung von

der unermeßlichen Größe des Weltbaues, die Betrachtungen der Metaphysik von

der Ewigkeit, der Vorsehung, der Unsterblichkeit unserer Seele enthalten eine

gewisse Erhabenheit und Würde. Hingegen wird die Weltweisheit auch durch

viel leere Spitzfindigkeiten entstellt, und der Anschein der Gründlichkeit hindert

nicht, daß die vier syllogistischen Figuren nicht zu Schulfratzen gezählt zu

werden verdienten.

In moralischen Eigenschaften ist wahre Tugend allein erhaben. Es gibt

gleichwohl gute sittliche Qualitäten, die liebenswürdig und schön sind und,

insofern sie mit der Tugend harmonieren, auch als edel angesehen werden, ob sie

gleich eigentlich nicht zur tugendhaften Gesinnung gezählt werden können. Das Urteil hierüber ist fein und verwickelt. Man kann gewiß die Gemütsverfassung

nicht tugendhaft nennen, die ein Quell solcher Handlungen ist, auf welche zwar

auch die Tugend hinauslaufen würde, allein aus einem Grunde, der nur

zufälligerweise damit übereinstimmt, seiner Natur nach aber den allgemeinen

Regeln der Tugend auch öfters widerstreiten kann. Eine gewisse

Weichmütigkeit, die leichtlich in ein warmes Gefühl des Mitleidens gesetzt wird,

ist schön und liebenswürdig; denn es zeigt eine gütige Teilnehmung an dem

Schicksale anderer Menschen an, worauf Grundsätze der Tugend gleichfalls

hinausführen. Allein diese gutartige Leidenschaft ist gleichwohl schwach und

jederzeit blind. Denn setzet, diese Empfindung bewege euch, mit eurem

Aufwande einem Notleidenden aufzuhelfen, allein ihr seid einem andern

schuldig und setzt euch dadurch außerstand, die strenge Pflicht der Gerechtigkeit

zu erfüllen, so kann offenbar die Handlung aus keinem tugendhaften Vorsatze

entspringen, denn ein solcher könnte euch unmöglich anreizen, eine höhere

Verbindlichkeit dieser blinden Bezauberung aufzuopfern. Wenn dagegen die

allgemeine Wohlgewogenheit gegen das menschliche Geschlecht in euch zum

Grundsatze geworden ist, welchem ihr jederzeit eure Handlungen unterordnet,

alsdann bleibt die Liebe gegen den Notleidenden noch, allein sie ist jetzt aus

einem höhern Standpunkte in das wahre Verhältnis gegen eure gesamte Pflicht

versetzt worden. Die allgemeine Wohlgewogenheit ist ein Grund der

Teilnehmung an seinem Übel, aber auch zugleich der Gerechtigkeit, nach deren

Vorschrift ihr jetzt diese Handlung unterlassen müsset. Sobald nun dieses Gefühl

zu seiner gehörigen Allgemeinheit gestiegen ist, so ist es erhaben, aber auch

kälter. Denn es ist nicht möglich, daß unser Busen für jedes Menschen Anteil

von Zärtlichkeit aufschwelle und bei jeder fremden Not in Wehmut schwimme,

sonst würde der Tugendhafte, unaufhörlich in mitleidigen Tränen wie Heraklit

schmelzend, bei aller dieser Gutherzigkeit gleichwohl nichts weiter als ein

weichmütiger Müßiggänger werden.(5)

Die zweite Art des gütigen Gefühls, welches zwar schön und liebenswürdig,

aber noch nicht die Grundlage einer wahren Tugend ist, ist die Gefälligkeit, eine

Neigung, andern durch Freundlichkeit, durch Einwilligung in ihr Verlangen und

durch Gleichförmigkeit unseres Betragens mit ihren Gesinnungen angenehm zu

werden. Dieser Grund einer reizenden Geselligkeit ist schön und die

Biegsamkeit eines solchen Herzens gutartig. Allein sie ist so gar keine Tugend,

daß, wo nicht höhere Grundsätze ihr Schranken setzen und sie schwächen, alle

Laster daraus entspringen können. Denn nicht zu gedenken, daß diese

Gefälligkeit gegen die, mit welchen wir umgehen, sehr oft eine Ungerechtigkeit gegen andre ist, die sich außer diesem kleinen Zirkel befinden, so wird ein

solcher Mann, wenn man diesen Antrieb allein nimmt, alle Laster haben können,

nicht aus unmittelbarer Neigung, sondern weil er gerne zu gefallen lebt. Er wird

aus liebreicher Gefälligkeit ein Lügner, ein Müßiggänger, ein Säufer usw. usw.

sein, denn er handelt nicht nach den Regeln, die auf das Wohlverhalten

überhaupt gehen, sondern nach einer Neigung, die an sich schön, aber, indem sie

ohne Haltung und ohne Grundsätze ist, läppisch wird.

Demnach kann wahre Tugend nur auf Grundsätze gepfropft werden, und je

allgemeiner sie sind, desto erhabener und edler wird sie. Diese Grundsätze sind

nicht spekulativische Regeln, sondern das Bewußtsein eines Gefühls, das in

jedem menschlichen Busen lebt und sich viel weiter als auf die besonderen

Gründe des Mitleidens und der Gefälligkeit erstreckt. Ich glaube, ich fasse alles

zusammen, wenn ich sage, es sei das Gefühl von der Schönheit und der Würde

der menschlichen Natur. Das erstere ist ein Grund der allgemeinen

Wohlgewogenheit, das zweite der allgemeinen Achtung, und wenn dieses Gefühl

die größte Vollkommenheit in irgendeinem menschlichen Herzen hätte, so würde

dieser Mensch sich zwar auch selbst lieben und schätzen, aber nur insofern er

einer von allen ist, auf die sein ausgebreitetes und edles Gefühl sich ausdehnt.

Nur indem man einer so erweiterten Neigung seine besondere unterordnet,

können unsere gütigen Triebe proportioniert angewandt werden und den edlen

Anstand zuwege bringen, der die Schönheit der Tugend ist.

In Ansehung der Schwäche der menschlichen Natur und der geringen Macht,

welche das allgemeine moralische Gefühl über die mehrsten Herzen ausüben

würde, hat die Vorsehung dergleichen hülfeleistende Triebe als Supplemente der

Tugend in uns gelegt, die, indem sie einige auch ohne Grundsätze zu schönen

Handlungen bewegen, zugleich andern, die durch diese letzteren regiert werden,

einen größeren Stoß und einen stärkern Antrieb dazu geben können. Mitleiden

und Gefälligkeit sind Gründe von schönen Handlungen, die vielleicht durch das

Übergewicht eines gröberen Eigennutzes insgesamt würden erstickt werden,

allein nicht unmittelbare Gründe der Tugend, wie wir gesehen haben, obgleich,

da sie durch die Verwandtschaft mit ihr geadelt werden, sie auch ihren Namen

erwerben. Ich kann sie daher adoptierte Tugenden nennen, diejenige aber, die auf

Grundsätzen beruht, die echte Tugend. Jene sind schön und reizend, diese allein

ist erhaben und ehrwürdig. Man nennt ein Gemüt, in welchem die ersteren

Empfindungen regieren, ein gutes Herz und den Menschen von solcher Art

gutherzig; dagegen man mit Recht dem Tugendhaften aus Grundsätzen ein edles

Herz beilegt, ihn selber aber einen rechtschaffenen nennt. Diese adoptierten Tugenden haben gleichwohl mit den wahren Tugenden große Ähnlichkeit, indem

sie das Gefühl einer unmittelbaren Lust an gütigen und wohlwollenden

Handlungen enthalten. Der Gutherzige wird ohne weitere Absicht aus

unmittelbarer Gefälligkeit friedsam und höflich mit euch umgehen und

aufrichtiges Beileid bei der Not eines andern empfinden.

Allein da diese moralische Sympathie gleichwohl noch nicht genug ist, die

träge menschliche Natur zu gemeinnützigen Handlungen anzutreiben, so hat die

Vorsehung in uns noch ein gewisses Gefühl gelegt, welches fein ist und uns in

Bewegung setzen oder auch dem gröberen Eigennutze und der gemeinen Wollust

das Gleichgewicht leisten kann. Dieses ist das Gefühl für Ehre und dessen Folge

die Scham. Die Meinung, die andere von unserm Werte haben mögen, und ihr

Urteil von unsern Handlungen ist ein Bewegungsgrund von großem Gewichte,

der uns manche Aufopferungen ablockt, und was ein guter Teil der Menschen

weder aus einer unmittelbar aufsteigenden Regung der Gutherzigkeit noch aus

Grundsätzen würde getan haben, geschieht oft genug bloß um des äußeren

Scheines willen aus einem Wahne, der sehr nützlich, obzwar an sich selbst sehr

seicht ist, als wenn das Urteil anderer den Wert von uns und unsern Handlungen

bestimmte. Was aus diesem Antriebe geschieht, ist nicht im mindesten

tugendhaft, weswegen auch ein jeder, der für einen solchen gehalten werden

will, den Bewegungsgrund der Ehrbegierde wohlbedächtig verhehlt. Es ist auch

diese Neigung nicht einmal so nahe wie die Gutherzigkeit der echten Tugend

verwandt, weil sie nicht unmittelbar durch die Schönheit der Handlungen,

sondern durch den in fremde Augen fallenden Anstand derselben bewegt werden

kann. Ich kann demnach, da gleichwohl das Gefühl für Ehre fein ist, das

Tugendähnliche, was dadurch veranlaßt wird, den Tugendschimmer nennen.

Vergleichen wir die Gemütsarten der Menschen, insofern eine von diesen

drei Gattungen des Gefühls in ihnen herrscht und den moralischen Charakter

bestimmt, so finden wir, daß eine jede derselben mit einem der

gewöhnlichermaßen eingeteilten Temperamente in näherer Verwandtschaft stehe,

doch so, daß über dieses ein größerer Mangel des moralischen Gefühls dem

phlegmatischen zum Anteil werden würde. Nicht als wenn das Hauptmerkmal in

dem Charakter dieser verschiedenen Gemütsarten auf die gedachten Züge

ankäme; denn das gröbere Gefühl, z. E. des Eigennutzes, der gemeinen Wollust

usw. usw., erwägen wir in dieser Abhandlung gar nicht, und auf dergleichen

Neigungen wird bei der gewöhnlichen Einteilung gleichwohl vorzüglich

gesehen; sondern weil die erwähnten feineren moralischen Empfindungen sich

leichter mit einem oder dem andern dieser Temperamente vereinbaren lassen und wirklich meistenteils damit vereinigt sind.

Ein innigliches Gefühl für die Schönheit und Würde der menschlichen Natur,

und eine Fassung und Stärke des Gemüts, hierauf als auf einen allgemeinen

Grund seine gesamten Handlungen zu beziehen, ist ernsthaft und gesellt sich

nicht wohl mit einer flatterhaften Lustigkeit, noch mit dem Unbestand eines

Leichtsinnigen. Es nähert sich sogar der Schwermut, einer sanften und edlen

Empfindung, insofern sie sich auf dasjenige Grausen gründet, das eine

eingeschränkte Seele fühlt, wenn sie, von einem großen Vorsatze voll, die

Gefahren sieht, die sie zu überstehen hat, und den schweren, aber großen Sieg

der Selbstüberwindung vor Augen hat. Die echte Tugend also aus Grundsätzen

hat etwas an sich, was am meisten mit der melancholischen Gemütsverfassung

im gemilderten Verstande zusammenzustimmen scheint.

Die Gutherzigkeit, eine Schönheit und feine Reizbarkeit des Herzens, nach

dem Anlaß, der sich vorfindet, in einzelnen Fällen mit Mitleiden oder

Wohlwollen gerührt zu werden, ist dem Wechsel der Umstände sehr

unterworfen, und indem die Bewegung der Seele nicht auf einem allgemeinen

Grundsatze beruht, so nimmt sie leichtlich veränderte Gestalten an, nachdem die

Gegenstände eine oder die andere Seite darbieten. Und da diese Neigung auf das

Schöne hinausläuft, so scheint sie sich mit derjenigen Gemütsart, die man

sanguinisch nennt, welche flatterhaft und den Belustigungen ergeben ist, am

natürlichsten zu vereinbaren. In diesem Temperamente werden wir die beliebten

Eigenschaften, die wir adoptierte Tugenden nannten, zu suchen haben.

Das Gefühl für die Ehre ist sonst schon gewöhnlich als ein Merkmal der

cholerischen Komplexion angenommen worden, und wir können dadurch Anlaß

nehmen, die moralischen Folgen dieses feinen Gefühls, welche mehrenteils nur

aufs Schimmern abgezielt sind, zu Schilderung eines solchen Charakters

aufzusuchen.

Niemals ist ein Mensch ohne alle Spuren der feineren Empfindung, allein ein

größerer Mangel derselben, der vergleichungsweise auch Fühllosigkeit heißt,

kommt in den Charakter des phlegmatischen, den man sonst auch sogar der

gröbern Triebfedern, als der Geldbegierde usw. usw., beraubt, die wir aber

zusamt andern, verschwisterten Neigungen ihm allenfalls lassen können, weil sie

gar nicht in diesen Plan gehören.

Laßt uns anjetzt die Empfindungen des Erhabenen und Schönen,

vornehmlich sofern sie moralisch sind, unter der angenommenen Einteilung der

Temperamente näher betrachten.

Der, dessen Gefühl ins Melancholische einschlägt, wird nicht darum so genannt, weil er, der Freuden des Lebens beraubt, sich in finsterer Schwermut

härmt, sondern weil seine Empfindungen, wenn sie über einen gewissen Grad

vergrößert würden oder durch einige Ursachen eine falsche Richtung bekämen,

auf dieselbe leichter als einen andern Zustand auslaufen würden. Er hat

vorzüglich ein Gefühl für das Erhabene. Selbst die Schönheit, für welche er

ebensowohl Empfindung hat, muß ihn nicht allein reizen, sondern, indem sie

ihm zugleich Bewunderung einflößt, rühren. Der Genuß der Vergnügen ist bei

ihm ernsthafter, aber um deswillen nicht geringer. Alle Rührungen des

Erhabenen haben mehr Bezauberndes an sich als die gaukelnden Reize des

Schönen. Sein Wohlbefinden wird eher Zufriedenheit als Lustigkeit sein. Er ist

standhaft. Um deswillen ordnet er seine Empfindungen unter Grundsätze. Sie

sind desto weniger dem Unbestande und der Veränderung unterworfen, je

allgemeiner dieser Grundsatz ist, welchem sie untergeordnet werden, und je

erweiterter also das hohe Gefühl ist, welches die niederen unter sich befaßt. Alle

besonderen Gründe der Neigungen sind vielen Ausnahmen und Änderungen

unterworfen, wofern sie nicht aus einem solchen oberen Grunde abgeleitet sind.

Der muntere und freundliche Alcest sagt: »Ich liebe und schätze meine Frau,

denn sie ist schön, schmeichelhaft und klug.« Wie aber, wenn sie nun durch

Krankheit entstellt, durch Alter mürrisch und, nachdem die erste Bezauberung

verschwunden, euch nicht klüger scheinen würde wie jede andere? Wenn der

Grund nicht mehr da ist, was kann aus der Neigung werden? Nehmet dagegen

den wohlwollenden und gesetzten Adrast, welcher bei sich denkt: »Ich werde

dieser Person liebreich und mit Achtung begegnen, denn sie ist meine Frau.«

Diese Gesinnung ist edel und großmütig. Nunmehr mögen die zufälligen Reize

sich ändern, sie ist gleichwohl noch immer seine Frau. Der edle Grund bleibt

und ist nicht dem Unbestande äußerer Dinge so sehr unterworfen. Von solcher

Beschaffenheit sind Grundsätze in Vergleichung der Regungen, die bloß bei

einzelnen Veranlassungen aufwallen, und so ist der Mann von Grundsätzen in

Gegenhalt mit demjenigen, welchem gelegentlich eine gutherzige und liebreiche

Bewegung anwandelt. Wie aber, wenn sogar die geheime Sprache seines

Herzens also lautete: »Ich muß jenem Menschen da zu Hülfe kommen, denn er

leidet; nicht daß er etwa mein Freund oder Gesellschafter wäre oder daß ich ihn

fähig hielte, dereinst Wohltat mit Dankbarkeit zu erwidern. Es ist jetzt keine Zeit

zu vernünfteln und sich bei Fragen aufzuhalten: er ist ein Mensch, und was

Menschen widerfährt, das trifft auch mich.« Alsdann stützt sich sein Verfahren

auf den höchsten Grad des Wohlwollens in der menschlichen Natur und ist

äußerst erhaben, sowohl seiner Unveränderlichkeit nach, als um der Allgemeinheit seiner Anwendung willen.

Ich fahre in meinen Anmerkungen fort. Der Mensch von melancholischer

Gemütsverfassung bekümmert sich wenig darum, was andere urteilen, was sie

für gut oder für wahr halten, er stützt sich desfalls bloß auf seine eigene Einsicht.

Weil die Bewegungsgründe in ihm die Natur der Grundsätze annehmen, so ist er

nicht leicht auf andere Gedanken zu bringen; seine Standhaftigkeit artet auch

bisweilen in Eigensinn aus. Er sieht den Wechsel der Moden mit

Gleichgültigkeit und ihren Schimmer mit Verachtung an. Freundschaft ist

erhaben und daher für sein Gefühl. Er kann vielleicht einen veränderlichen

Freund verlieren, allein dieser verliert ihn nicht ebensobald. Selbst das

Andenken der erloschenen Freundschaft ist ihm noch ehrwürdig. Gesprächigkeit

ist schön, gedankenvolle Verschwiegenheit erhaben. Er ist ein guter Verwahrer

seiner und anderer Geheimnisse. Wahrhaftigkeit ist erhaben, und er haßt Lügen

oder Verstellung. Er hat ein hohes Gefühl von der Würde der menschlichen

Natur. Er schätzt sich selbst und hält einen Menschen für ein Geschöpf, das da

Achtung verdient. Er erduldet keine verworfene Untertänigkeit und atmet

Freiheit in einem edlen Busen. Alle Ketten von den vergoldeten an, die man am

Hofe trägt, bis zu dem schweren Eisen des Galeerensklaven sind ihm

abscheulich. Er ist ein strenger Richter seiner selbst und anderer, und nicht selten

seiner sowohl als der Welt überdrüssig.

In der Ausartung dieses Charakters neigt sich die Ernsthaftigkeit zur

Schwermut, die Andacht zur Schwärmerei, der Freiheitseifer zum Enthusiasmus.

Beleidigung und Ungerechtigkeit zünden in ihm Rachbegierde an. Er ist alsdann

sehr zu fürchten. Er trotzt der Gefahr und verachtet den Tod. Bei der

Verkehrtheit seines Gefühls und dem Mangel einer aufgeheiterten Vernunft

verfällt er aufs Abenteuerliche. Eingebungen, Erscheinungen, Anfechtungen. Ist

der Verstand noch schwächer, so gerät er auf Fratzen. Bedeutende Träume,

Ahndungen und Wunderzeichen. Er ist in Gefahr, ein Phantast oder ein

Grillenfänger zu werden.

Der von sanguinischer Gemütsverfassung hat ein herrschendes Gefühl für

das Schöne. Seine Freuden sind daher lachend und lebhaft. Wenn er nicht lustig

ist, so ist er mißvergnügt und kennt wenig die zufriedne Stille. Mannigfaltigkeit

ist schön, und er liebt die Veränderung. Er sucht die Freude in sich und um sich,

belustigt andere und ist ein guter Gesellschafter. Er hat viel moralische

Sympathie. Anderer Fröhlichkeit macht ihn vergnügt und ihr Leid weichherzig.

Sein sittliches Gefühl ist schön, allein ohne Grundsätze, und hängt jederzeit

unmittelbar von dem gegenwärtigen Eindrucke ab, den die Gegenstände auf ihn machen. Er ist ein Freund von allen Menschen oder, welches einerlei sagen will,

eigentlich niemals ein Freund, ob er zwar gutherzig und wohlwollend ist. Er

verstellt sich nicht. Er wird euch heute mit seiner Freundlichkeit und guten Art

unterhalten, morgen, wenn ihr krank oder im Unglücke seid, wahres und

ungeheucheltes Beileid empfinden, aber sich sachte davonschleichen, bis sich

die Umstände geändert haben. Er muß niemals Richter sein. Die Gesetze sind

ihm gemeiniglich zu strenge, und er läßt sich durch Tränen bestechen. Er ist ein

schlimmer Heiliger, niemals recht gut und niemals recht böse. Er schweift öfters

aus und ist lasterhaft, mehr aus Gefälligkeit als aus Neigung. Er ist freigebig und

wohltätig, aber ein schlechter Zahler dessen, was er schuldig ist, weil er wohl

viel Empfindung für Güte, aber wenig für Gerechtigkeit hat. Niemand hat eine

so gute Meinung von seinem eigenen Herzen als er. Wenn ihr ihn gleich nicht

hochachtet, so werdet ihr ihn doch lieben müssen. In dem größeren Verfall seines

Charakters gerät er ins Läppische, er ist tändelnd und kindisch. Wenn nicht das

Alter noch etwa die Lebhaftigkeit mindert oder mehr Verstand herbeibringt, so

ist er in Gefahr, ein alter Geck zu werden.

Der, welchen man unter der cholerischen Gemütsbeschaffenheit meint, hat

ein herrschendes Gefühl für diejenige Art des Erhabenen, welche man das

Prächtige nennen kann. Sie ist eigentlich nur der Schimmer der Erhabenheit und

eine stark abstechende Farbe, welche den inneren Gehalt der Sache oder Person,

der vielleicht nur schlecht und gemein ist, verbirgt und durch den Schein täuscht

und rührt. So wie ein Gebäude durch eine Übertünchung, welche gehauene

Steine vorstellt, einen ebenso edlen Eindruck macht, als wenn es wirklich daraus

bestände, und geklebtem Gesimse und Pilastern die Meinung von Festigkeit

geben, ob sie gleich wenig Haltung haben und nichts unterstützen: also glänzen

auch tombakene Tugenden, Flittergold von Weisheit und gemaltes Verdienst.

Der Cholerische betrachtet seinen eigenen Wert und den Wert seiner Sachen

und Handlungen aus dem Anstande oder dem Scheine, womit er in die Augen

fällt. In Ansehung der inneren Beschaffenheit und der Bewegungsgründe, die der

Gegenstand selber enthält, ist er kalt, weder erwärmt durch wahres Wohlwollen,

noch gerührt durch Achtung.(6) Sein Betragen ist künstlich. Er muß allerlei

Standpunkte zu nehmen wissen, um seinen Anstand aus der verschiedenen

Stellung der Zuschauer zu beurteilen; denn er frägt wenig darnach, was er sei,

sondern nur, was er scheine. Um deswillen muß er die Wirkung auf den

allgemeinen Geschmack und die mancherlei Eindrücke wohl kennen, die sein

Verhalten außer ihm haben wird. Da er in dieser schlauen Aufmerksamkeit

durchaus kalt Blut bedarf und nicht durch Liebe, Mitleiden und Teilnehmung seines Herzens sich muß blenden lassen, so wird er auch vielen Torheiten und

Verdrießlichkeiten entgehen, in welche ein Sanguinischer gerät, der durch seine

unmittelbare Empfindung bezaubert wird. Um deswillen scheint er gemeiniglich

verständiger, als er wirklich ist. Sein Wohlwollen ist Höflichkeit, seine Achtung

Zeremonie, seine Liebe ausgesonnene Schmeichelei. Er ist jederzeit voll von

sich selbst, wenn er den Anstand eines Liebhabers oder eines Freundes annimmt,

und ist niemals weder das eine noch das andere. Er sucht, durch Moden zu

schimmern; aber weil alles an ihm künstlich und gemacht ist, so ist er darin steif

und ungewandt. Er handelt weit mehr nach Grundsätzen als der Sanguinische,

der bloß durch gelegentliche Eindrücke bewegt wird; aber diese sind nicht

Grundsätze der Tugend, sondern der Ehre, und er hat kein Gefühl für die

Schönheit oder den Wert der Handlungen, sondern für das Urteil der Welt, das

sie davon fällen möchte. Weil sein Verfahren, insofern man nicht auf die Quelle

sieht, daraus es entspringt, übrigens fast ebenso gemeinnützig als die Tugend

selbst ist, so erwirbt er vor gemeinen Augen eben die Hochschätzung als der

Tugendhafte, aber vor feineren Augen verbirgt er sich sorgfältig, weil er wohl

weiß, daß die Entdeckung der geheimen Triebfeder der Ehrbegierde ihn um die

Achtung bringen würde. Er ist daher der Verstellung sehr ergeben, in der

Religion heuchlerisch, im Umgange ein Schmeichler, in Staatsparteien

wetterwendisch nach den Umständen. Er ist gerne ein Sklave der Großen, um

dadurch ein Tyrann über Geringere zu werden. Die Naivetät, diese edle oder

schöne Einfalt, welche das Siegel der Natur und nicht der Kunst auf sich trägt,

ist ihm gänzlich fremde. Daher wenn sein Geschmack ausartet, so wird sein

Schimmer schreiend, d. i. auf eine widrige Art prahlend. Er gerät alsdann sowohl

seinem Stil als dem Ausputze nach in den Gallimathias (das Übertriebene), eine

Art Fratzen, die in Ansehung des Prächtigen dasjenige ist, was das

Abenteuerliche oder Grillenhafte in Ansehung des Ernsthaft-Erhabenen. In

Beleidigungen fällt er alsdann auf Zweikämpfe oder Prozesse und in dem

bürgerlichen Verhältnisse auf Ahnen, Vortritt und Titel. Solange er nur noch eitel

ist, d. i. Ehre sucht und bemüht ist, in die Augen zu fallen, so kann er noch wohl

geduldet werden, allein wenn bei gänzlichem Mangel wirklicher Vorzüge und

Talente er aufgeblasen wird, so ist er das, wofür er am mindesten gerne möchte

gehalten werden, nämlich ein Narr.

Da in der phlegmatischen Mischung keine Ingredienzien vom Erhabenen

oder Schönen in sonderlich merklichem Grade hineinzukommen pflegen, so

gehört diese Gemütseigenschaft nicht in den Zusammenhang unserer

Erwägungen.

Von welcher Art auch diese feineren Empfindungen sein mögen, von denen

wir bis daher gehandelt haben, es mögen erhabene oder schöne sein, so haben sie

doch das Schicksal gemein, daß sie in dem Urteil desjenigen, der kein darauf

gestimmtes Gefühl hat, jederzeit verkehrt und ungereimt scheinen. Ein Mensch

von einer ruhigen und eigennützigen Emsigkeit hat sozureden gar nicht die

Organen, um den edlen Zug in einem Gedichte oder in einer Heldentugend zu

empfinden, er liest lieber einen Robinson als einen Grandison und hält den Cato

für einen eigensinnigen Narren. Ebenso scheint Personen von etwas ernsthafter

Gemütsart dasjenige läppisch, was andern reizend ist, und die gaukelnde

Naivetät einer Schäferhandlung ist ihnen abgeschmackt und kindisch. Auch

selbst wenn das Gemüt nicht gänzlich ohne ein einstimmiges feineres Gefühl ist,

sind doch die Grade der Reizbarkeit desselben sehr verschieden, und man sieht,

daß der eine etwas edel und anständig findet, was dem andern zwar groß, aber

abenteuerlich vorkommt. Die Gelegenheiten, die sich darbieten, bei

unmoralischen Dingen etwas von dem Gefühl des andern auszuspähen, können

uns Anlaß geben, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch auf seine Empfindung

in Ansehung der höheren Gemütseigenschaften und selbst derer des Herzens zu

schließen. Wer bei einer schönen Musik Langeweile hat, gibt starke Vermutung,

daß die Schönheiten der Schreibart und die feinen Bezauberungen der Liebe

wenig Gewalt über ihn haben werden.

Es ist ein gewisser Geist der Kleinigkeiten (esprit des bagatelles), welcher

eine Art von feinem Gefühl anzeigt, welches aber gerade auf das Gegenteil von

dem Erhabenen abzielt. Ein Geschmack für etwas, weil es sehr künstlich und

mühsam ist, Verse, die sich vor- und rückwärts lesen lassen, Rätsel, Uhren in

Ringen, Flohketten usw. usw. Ein Geschmack für alles, was abgezirkelt und auf

peinliche Weise ordentlich, obzwar ohne Nutzen ist, z. E. Bücher, die fein

zierlich in langen Reihen im Bücherschranke stehen, und ein leerer Kopf, der sie

ansieht und sich erfreuet; Zimmer, die wie optische Kasten geziert und überaus

sauber gewaschen sind, zusamt einem ungastfreien und mürrischen Wirte, der sie

bewohnt. Ein Geschmack an allem demjenigen, was selten ist, so wenig wie es

auch sonst innern Wert haben mag. Epiktets Lampe, ein Handschuh von König

Karl dem Zwölften; in gewisser Art schlägt die Münzensucht mit hierauf ein.

Solche Personen stehen sehr im Verdacht, daß sie in den Wissenschaften Grübler

und Grillenfänger, in den Sitten aber für alles das, was auf freie Art schön oder

edel ist, ohne Gefühl sein werden.

Man tut einander zwar unrecht, wenn man denjenigen, der den Wert oder die

Schönheit dessen, was uns rührt oder reizt, nicht einsieht, damit abfertigt, daß er es nicht verstehe. Es kommt hiebei nicht so sehr darauf an, was der Verstand

einsehe, sondern was das Gefühl empfinde. Gleichwohl haben die Fähigkeiten

der Seele einen so großen Zusammenhang, daß man mehrenteils von der

Erscheinung der Empfindung auf die Talente der Einsicht schließen kann. Denn

es würden demjenigen, der viele Verstandesvorzüge hat, diese Talente vergeblich

erteilt sein, wenn er nicht zugleich starke Empfindung für das wahrhaftig Edle

oder Schöne hätte, welche die Triebfeder sein muß, jene Gemütsgaben wohl und

regelmäßig anzuwenden.(7)

Es ist einmal gebräuchlich, nur dasjenige nützlich zu nennen, was unserer

gröberen Empfindung ein Gnüge leisten kann, was uns Überfluß im Essen und

Trinken, Aufwand in Kleidung und in Hausgeräte, imgleichen Verschwendung in

Gastereien verschaffen kann, ob ich gleich nicht sehe, warum nicht alles, was

nur immer meinem lebhaftesten Gefühl erwünscht ist, ebensowohl den

nützlichen Dingen sollte beigezählt werden. Allein alles gleichwohl auf diesen

Fuß genommen, so ist derjenige, welchen der Eigennutz beherrscht, ein Mensch,

mit welchem man über den feineren Geschmack niemals vernünfteln muß. Ein

Huhn ist freilich in solchem Betracht besser als ein Papagei, ein Kochtopf

nützlicher als ein Porzellängeschirr, alle witzigen Köpfe in der Welt gelten nicht

den Wert eines Bauren, und die Bemühung, die Weite der Fixsterne zu

entdecken, kann so lange ausgesetzt bleiben, bis man übereingekommen sein

wird, wie der Pflug auf das vorteilhafteste könne geführt werden. Allein welche

Torheit ist es, sich in einen solchen Streit einzulassen, wo es unmöglich ist, sich

einander auf einstimmige Empfindungen zu führen, weil das Gefühl gar nicht

einstimmig ist! Gleichwohl wird doch ein Mensch von der gröbsten und

gemeinsten Empfindung wahrnehmen können: daß die Reize und

Annehmlichkeiten des Lebens, welche die entbehrlichsten zu sein scheinen,

unsere meiste Sorgfalt auf sich ziehen, und daß wir wenig Triebfedern zu so

vielfältigen Bemühungen übrig haben würden, wenn wir jene ausschließen

wollten. Imgleichen ist wohl niemand so grob, daß er nicht empfinde, daß eine

sittliche Handlung wenigstens an einem andern um desto mehr rühre, je weiter

sie vom Eigennutze ist und je mehr jene edleren Antriebe in ihr hervorstechen.

Wenn ich die edele und schwache Seite der Menschen wechselsweise

bemerke, so verweise ich es mir selbst, daß ich nicht denjenigen Standpunkt zu

nehmen vermag, von wo diese Abstechungen das große Gemälde der ganzen

menschlichen Natur gleichwohl in einer rührenden Gestalt darstellen. Denn ich

bescheide mich gerne: daß, sofern es zu dem Entwurfe der großen Natur gehört,

diese grotesken Stellungen nicht anders als einen edelen Ausdruck geben können, ob man schon viel zu kurzsichtig ist, sie in diesem Verhältnisse zu

übersehen. Um indessen doch einen schwachen Blick hierauf zu werfen: so

glaube ich folgendes anmerken zu können. Derjenigen unter den Menschen, die

nach Grundsätzen verfahren, sind nur sehr wenige, welches auch überaus gut ist,

da es so leicht geschehen kann, daß man in diesen Grundsätzen irre und alsdann

der Nachteil, der daraus erwächst, sich um desto weiter erstreckt, je allgemeiner

der Grundsatz und je standhafter die Person ist, die ihn sich vorgesetzt hat.

Derer, so aus gutherzigen Trieben handeln, sind weit mehrere, welches äußerst

vortrefflich ist, ob es gleich einzeln nicht als ein sonderliches Verdienst der

Person kann angerechnet werden; denn diese tugendhaften Instinkte fehlen wohl

bisweilen, allein im Durchschnitte leisten sie ebensowohl die große Absicht der

Natur, wie die übrigen Instinkte, die so regelmäßig die tierische Welt bewegen.

Derer, die ihr allerliebstes Selbst als den einzigen Beziehungspunkt ihrer

Bemühungen starr vor Augen haben und die um den Eigennutz als um die große

Achse alles zu drehen suchen, gibt es die meisten, worüber auch nichts

Vorteilhafteres sein kann, denn diese sind die emsigsten, ordentlichsten und

behutsamsten; sie geben dem Ganzen Haltung und Festigkeit, indem sie auch

ohne ihre Absicht gemeinnützig werden, die notwendigen Bedürfnisse

herbeischaffen und die Grundlage liefern, über welche feinere Seelen Schönheit

und Wohlgereimtheit verbreiten können. Endlich ist die Ehrliebe in aller

Menschen Herzen, obzwar in ungleichem Maße, verbreitet worden, welches dem

Ganzen eine bis zur Bewunderung reizende Schönheit geben muß. Denn

wiewohl die Ehrbegierde ein törichter Wahn ist, sofern er zur Regel wird, der

man die übrigen Neigungen unterordnet, so ist sie doch als ein begleitender

Trieb äußerst vortrefflich. Denn indem ein jeder auf der großen Bühne seinen

herrschenden Neigungen gemäß die Handlungen verfolgt, so wird er zugleich

durch einen geheimen Antrieb bewogen, in Gedanken außer sich selbst einen

Standpunkt zu nehmen, um den Anstand zu beurteilen, den sein Betragen hat,

wie es aussehe und dem Zuschauer in die Augen falle. Dadurch vereinbaren sich

die verschiedenen Gruppen in ein Gemälde von prächtigem Ausdruck, wo mitten

unter großer Mannigfaltigkeit Einheit hervorleuchtet und das Ganze der

moralischen Natur Schönheit und Würde an sich zeigt.

Dritter Abschnitt

Von dem Unterschiede des Erhabenen und Schönen in

dem Gegenverhältnis beider Geschlechter

D erjenige, so zuerst das Frauenzimmer unter dem Namen des schönen Geschlechts begriffen hat, kann vielleicht etwas Schmeichelhaftes haben sagen

wollen, aber er hat es besser getroffen, als er wohl selbst geglaubt haben mag.

Denn ohne in Erwägung zu ziehen, daß ihre Gestalt überhaupt feiner, ihre Züge

zarter und sanfter, ihre Miene im Ausdrucke der Freundlichkeit, des Scherzes

und der Leutseligkeit bedeutender und einnehmender ist als bei dem männlichen

Geschlecht, ohne auch dasjenige zu vergessen, was man für die geheime

Zauberkraft abrechnen muß, wodurch sie unsere Leidenschaft zum vorteilhaften

Urteile für sie geneigt machen, so liegen vornehmlich in dem Gemütscharakter

dieses Geschlechts eigentümliche Züge, die es von dem unseren deutlich

unterscheiden und die darauf hauptsächlich hinauslaufen, sie durch das Merkmal

des Schönen kenntlich zu machen. Andererseits könnten wir auf die Benennung

des edlen Geschlechts Anspruch machen, wenn es nicht auch von einer edlen

Gemütsart erfordert würde, Ehrennamen abzulehnen und sie lieber zu erteilen als

zu empfangen. Hiedurch wird nun nicht verstanden: daß das Frauenzimmer

edeler Eigenschaften ermangelte oder das männliche Geschlecht der Schönheiten

gänzlich entbehren müßte, vielmehr erwartet man, daß ein jedes Geschlecht

beide vereinbare, doch so, daß von einem Frauenzimmer alle anderen Vorzüge

sich nur dazu vereinigen sollen, um den Charakter des Schönen zu erhöhen,

welcher der eigentliche Beziehungspunkt ist, und dagegen unter den männlichen

Eigenschaften das Erhabene als das Kennzeichen seiner Art deutlich

hervorsteche. Hierauf müssen alle Urteile von diesen zwei Gattungen, sowohl

die rühmliche als die des Tadels, sich beziehen, alle Erziehung und

Unterweisung muß dieses vor Augen haben und alle Bemühung, die sittliche

Vollkommenheit des einen oder des andern zu befördern, wo man nicht den

reizenden Unterschied unkenntlich machen will, den die Natur zwischen zwei

Menschengattungen hat treffen wollen. Denn es ist hier nicht genug, sich

vorzustellen, daß man Menschen vor sich habe, man muß zugleich nicht aus der

Acht lassen, daß diese Menschen nicht von einerlei Art sind.

Das Frauenzimmer hat ein angebornes stärkeres Gefühl für alles, was schön,

zierlich und geschmückt ist. Schon in der Kindheit sind sie gerne geputzt und

gefallen sich, wenn sie geziert sind. Sie sind reinlich und sehr zärtlich in

Ansehung alles dessen, was Ekel verursacht. Sie lieben den Scherz und können

durch Kleinigkeiten, wenn sie nur munter und lachend sind, unterhalten werden.

Sie haben sehr früh ein sittsames Wesen an sich, wissen sich einen feinen

Anstand zu geben und besitzen sich selbst; und dieses in einem Alter, wenn

unsere wohlerzogene männliche Jugend noch unbändig, tölpisch und verlegen

ist. Sie haben viel teilnehmende Empfindungen, Gutherzigkeit und Mitleiden,

ziehen das Schöne dem Nützlichen vor und werden den Überfluß des Unterhalts

gerne in Sparsamkeit verwandeln, um den Aufwand auf das Schimmernde und

den Putz zu unterstützen. Sie sind von sehr zärtlicher Empfindung in Ansehung

der mindesten Beleidigung, und überaus fein, den geringsten Mangel der

Aufmerksamkeit und Achtung gegen sie zu bemerken. Kurz, sie enthalten in der

menschlichen Natur den Hauptgrund der Abstechung der schönen Eigenschaften

mit den edelen, und verfeinern selbst das männliche Geschlecht.

Man wird mir hoffentlich die Herzählung der männlichen Eigenschaften,

insofern sie jenen parallel sind, schenken und sich befriedigen, beide nur in der

Gegeneinanderhaltung zu betrachten. Das schöne Geschlecht hat ebensowohl

Verstand als das männliche, nur es ist ein schöner Verstand, der unsrige soll ein

tiefer Verstand sein, welches ein Ausdruck ist, der einerlei mit dem Erhabenen

bedeutet.

Zur Schönheit aller Handlungen gehört vornehmlich, daß sie Leichtigkeit an

sich zeigen und ohne peinliche Bemühung scheinen vollzogen zu werden;

dagegen Bestrebungen und überwundene Schwierigkeiten Bewunderung erregen

und zum Erhabenen gehören. Tiefes Nachsinnen und eine lange fortgesetzte

Betrachtung sind edel, aber schwer, und schicken sich nicht wohl für eine

Person, bei der die ungezwungenen Reize nichts anders als eine schöne Natur

zeigen sollen. Mühsames Lernen oder peinliches Grübeln, wenn es gleich ein

Frauenzimmer darin hoch bringen sollte, vertilgen die Vorzüge, die ihrem

Geschlechte eigentümlich sind, und können dieselbe wohl um der Seltenheit

willen zum Gegenstande einer kalten Bewunderung machen, aber sie werden

zugleich die Reize schwächen, wodurch sie ihre große Gewalt über das andere

Geschlecht ausüben. Ein Frauenzimmer, das den Kopf voll Griechisch hat, wie

die Frau Dacier, oder über die Mechanik gründliche Streitigkeiten führt, wie die

Marquisin von Chastelet, mag nur immerhin noch einen Bart dazu haben; denn

dieser würde vielleicht die Miene des Tiefsinns noch kenntlicher ausdrücken, um welchen sie sich bewerben. Der schöne Verstand wählt zu seinen Gegenständen

alles, was mit dem feineren Gefühl nahe verwandt ist, und überläßt abstrakte

Spekulationen oder Kenntnisse, die nützlich, aber trocken sind, dem emsigen,

gründlichen und tiefen Verstande. Das Frauenzimmer wird demnach keine

Geometrie lernen; es wird vom Satze des zureichenden Grundes oder den

Monaden nur so viel wissen, als da nötig ist, um das Salz in den Spottgedichten

zu vernehmen, welche die seichten Grübler unseres Geschlechts durchzogen

haben. Die Schönen können den Cartesius seine Wirbel immer drehen lassen,

ohne sich darum zu bekümmern, wenn auch der artige Fontenelle ihnen unter

den Wandelsternen Gesellschaft leisten wollte, und die Anziehung ihrer Reize

verliert nichts von ihrer Gewalt, wenn sie gleich nichts von allem dem wissen,

was Algarotti zu ihrem Besten von den Anziehungskräften der groben Materien

nach dem Newton aufzuzeichnen bemüht gewesen. Sie werden in der Geschichte

sich nicht den Kopf mit Schlachten und in der Erdbeschreibung nicht mit

Festungen anfüllen; denn es schickt sich für sie ebensowenig, daß sie nach

Schießpulver, als für die Mannspersonen, daß sie nach Bisam riechen sollen.

Es scheint eine boshafte List der Mannspersonen zu sein, daß sie das schöne

Geschlecht zu diesem verkehrten Geschmacke haben verleiten wollen. Denn

wohl bewußt ihrer Schwäche in Ansehung der natürlichen Reize desselben, und

daß ein einziger schalkhafter Blick sie mehr in Verwirrung setze als die

schwerste Schulfrage, sehen sie sich, sobald das Frauenzimmer in diesen

Geschmack einschlägt, in einer entschiedenen Überlegenheit und sind in dem

Vorteile, den sie sonst schwerlich haben würden, mit einer großmütigen

Nachsicht den Schwächen ihrer Eitelkeit aufzuhelfen. Der Inhalt der großen

Wissenschaft des Frauenzimmers ist vielmehr der Mensch und unter den

Menschen der Mann. Ihre Weltweisheit ist nicht Vernünfteln, sondern

Empfinden. Bei der Gelegenheit, die man ihnen geben will, ihre schöne Natur

auszubilden, muß man dieses Verhältnis jederzeit vor Augen haben. Man wird

ihr gesamtes moralisches Gefühl und nicht ihr Gedächtnis zu erweitern suchen,

und zwar nicht durch allgemeine Regeln, sondern durch einiges Urteil über das

Betragen, welches sie um sich sehen. Die Beispiele, die man aus andern Zeiten

entlehnt, um den Einfluß einzusehen, den das schöne Geschlecht in die

Weltgeschäfte gehabt hat, die mancherlei Verhältnisse, darin es in andern

Zeitaltern oder in fremden Landen gegen das männliche gestanden, der

Charakter beider, sofern er sich hiedurch erläutern läßt, und der veränderliche

Geschmack der Vergnügungen machen ihre ganze Geschichte und Geographie

aus. Es ist schön, daß einem Frauenzimmer der Anblick einer Karte, die entweder den ganzen Erdkreis oder die vornehmsten Teile der Welt vorstellt,

angenehm gemacht werde. Dieses geschieht dadurch, daß man sie nur in der

Absicht vorlegt, um die unterschiedlichen Charaktere der Völker, die sie

bewohnen, die Verschiedenheiten ihres Geschmacks und sittlichen Gefühls,

vornehmlich in Ansehung der Wirkung, die diese auf die

Geschlechterverhältnisse haben, dabei zu schildern, mit einigen leichten

Erläuterungen aus der Verschiedenheit der Himmelsstriche, ihrer Freiheit oder

Sklaverei. Es ist wenig daran gelegen, ob sie die besonderen Abteilungen dieser

Länder, ihr Gewerbe, Macht und Beherrscher wissen oder nicht. Ebenso werden

sie von dem Weltgebäude nichts mehr zu kennen nötig haben, als nötig ist, den

Anblick des Himmels an einem schönen Abende ihnen rührend zu machen,

wenn sie einigermaßen begriffen haben, daß noch mehr Welten und daselbst

noch mehr schöne Geschöpfe anzutreffen sind. Gefühl für Schildereien von

Ausdruck und für die Tonkunst, nicht insofern sie Kunst, sondern Empfindung

äußert, alles dieses verfeinert oder erhebt den Geschmack dieses Geschlechts

und hat jederzeit einige Verknüpfung mit sittlichen Regungen. Niemals ein kalter

und spekulativer Unterricht, jederzeit Empfindungen, und zwar die so nahe wie

möglich bei ihrem Geschlechtverhältnisse bleiben. Diese Unterweisung ist

darum so selten, weil sie Talente, Erfahrenheit und ein Herz voll Gefühl

erfordert, und jeder andern kann das Frauenzimmer sehr wohl entbehren, wie es

denn auch ohne diese sich von selbst gemeiniglich sehr wohl ausbildet.

Die Tugend des Frauenzimmers ist eine schöne Tugend.(8) Die des

männlichen Geschlechts soll eine edele Tugend sein. Sie werden das Böse

vermeiden, nicht weil es unrecht, sondern weil es häßlich ist, und tugendhafte

Handlungen bedeuten bei ihnen solche, die sittlich schön sind. Nichts von

Sollen, nichts von Müssen, nichts von Schuldigkeit. Das Frauenzimmer ist aller

Befehle und alles mürrischen Zwanges unleidlich. Sie tun etwas nur darum, weil

es ihnen so beliebt, und die Kunst besteht darin, zu machen, daß ihnen nur

dasjenige beliebe, was gut ist. Ich glaube schwerlich, daß das schöne Geschlecht

der Grundsätze fähig sei, und ich hoffe dadurch nicht zu beleidigen, denn diese

sind auch äußerst selten beim männlichen. Dafür aber hat die Vorsehung in ihren

Busen gütige und wohlwollende Empfindungen, ein feines Gefühl für

Anständigkeit und eine gefällige Seele gegeben. Man fordere ja nicht

Aufopferungen und großmütigen Selbstzwang. Ein Mann muß es seiner Frauen

niemals sagen, wenn er einen Teil seines Vermögens um einen Freund in Gefahr

setzt. Warum will er ihre muntere Gesprächigkeit fesseln, dadurch, daß er ihr

Gemüt mit einem wichtigen Geheimnisse belästigt, dessen Aufbewahrung ihm allein obliegt? Selbst viele von ihren Schwachheiten sind sozureden schöne

Fehler. Beleidigung oder Unglück bewegen ihre zarte Seele zur Wehmut. Der

Mann muß niemals andre als großmütige Tränen weinen. Die, so er in

Schmerzen oder über Glücksumstände vergießt, machen ihn verächtlich. Die

Eitelkeit, die man dem schönen Geschlechte so vielfältig vorrückt, wofern sie ja

an demselben ein Fehler ist, so ist sie nur ein schöner Fehler. Denn zu

geschweigen, daß die Mannspersonen, die dem Frauenzimmer so gerne

schmeicheln, übel daran sein würden, wenn dieses nicht geneigt wäre, es wohl

aufzunehmen, so beleben sie dadurch wirklich ihre Reize. Diese Neigung ist ein

Antrieb, Annehmlichkeiten und den guten Anstand zu zeigen, ihren munteren

Witz spielen zu lassen, imgleichen durch die veränderlichen Erfindungen des

Putzes zu schimmern und ihre Schönheit zu erhöhen. Hierin ist nun so gar nichts

Beleidigendes für andere, sondern vielmehr, wenn es mit gutem Geschmacke

gemacht wird, so viel Artiges, daß es sehr ungezogen ist, dagegen mit

mürrischem Tadel loszuziehen. Ein Frauenzimmer, das hierin gar zu flatterhaft

und gaukelnd ist, heißt eine Närrin; welcher Ausdruck gleichwohl keine so harte

Bedeutung hat als mit veränderter Endsilbe beim Manne, sogar daß, wenn man

sich untereinander versteht, es wohl bisweilen eine vertrauliche Schmeichelei

anzeigen kann. Wenn die Eitelkeit ein Fehler ist, der an einem Frauenzimmer

sehr wohl Entschuldigung verdient, so ist das aufgeblasene Wesen an ihnen nicht

allein, so wie an Menschen überhaupt, tadelhaft, sondern verunstaltet gänzlich

ihren Geschlechtscharakter. Denn diese Eigenschaft ist überaus dumm und

häßlich und dem einnehmenden bescheidenen Reize gänzlich entgegengesetzt.

Alsdann ist eine solche Person in einer schlüpfrigen Stellung. Sie wird sich

gefallen lassen müssen, ohne alle Nachsicht und scharf beurteilt zu werden; denn

wer auf Hochachtung pocht, fordert alles um sich zum Tadel auf. Eine jede

Entdeckung, auch des mindesten Fehlers, macht jedermann eine wahre Freude,

und das Wort Närrin verliert hier seine gemilderte Bedeutung. Man muß

Eitelkeit und Aufgeblasenheit jederzeit unterscheiden. Die erstere sucht Beifall

und ehrt gewissermaßen diejenige, um deren willen sie sich diese Bemühung

gibt, die zweite glaubt sich schon in dem völligen Besitze desselben, und indem

sie keinen zu erwerben bestrebt, so gewinnt sie auch keinen.

Wenn einige Ingredienzien von Eitelkeit ein Frauenzimmer in den Augen des

männlichen Geschlechts gar nicht verunzieren, so dienen sie doch, je sichtbarer

sie sind, um desto mehr, das schöne Geschlecht untereinander zu veruneinigen.

Sie beurteilen einander alsdann sehr scharf, weil eine der anderen Reize zu

verdunkeln scheint, und es sind auch wirklich diejenigen, die noch starke Anmaßungen auf Eroberung machen, selten Freundinnen voneinander im

wahren Verstande.

Dem Schönen ist nichts so sehr entgegengesetzt als der Ekel, so wie nichts

tiefer unter das Erhabene sinkt als das Lächerliche. Daher kann einem Manne

kein Schimpf empfindlicher sein, als daß er ein Narr, und einem Frauenzimmer,

daß sie ekelhaft genannt werde. Der englische Zuschauer hält dafür: daß einem

Manne kein Vorwurf könne gemacht werden, der kränkender sei, als wenn er für

einen Lügner, und einem Frauenzimmer kein bitterer, als wenn sie für unkeusch

gehalten wird. Ich will dieses, insofern es nach der Strenge der Moral beurteilt

wird, in seinem Werte lassen. Allein hier ist die Frage nicht, was an sich selbst

den größten Tadel verdiene, sondern was wirklich am allerhärtesten empfunden

werde. Und da frage ich einen jeden Leser, ob, wenn er sich in Gedanken auf

diesen Fall setzt, er nicht meiner Meinung beistimmen müsse. Die Jungfer Ninon

Lenclos machte nicht die mindesten Ansprüche auf die Ehre der Keuschheit, und

gleichwohl würde sie unerbittlich beleidigt worden sein, wenn einer ihrer

Liebhaber sich in seinem Urteile so weit sollte vergangen haben; und man weiß

das grausame Schicksal des Monaldeschi um eines beleidigenden Ausdrucks

willen von solcher Art bei einer Fürstin, die eben keine Lukretia hat vorstellen

wollen. Es ist unausstehlich, daß man nicht einmal sollte Böses tun können,

wenn man gleich wollte, weil auch die Unterlassung desselben alsdann jederzeit

nur eine sehr zweideutige Tugend ist.

Um von diesem Ekelhaften sich so weit als möglich zu entfernen, gehört die

Reinlichkeit, die zwar einem jeden Menschen wohl ansteht, bei dem schönen

Geschlechte unter die Tugenden vom ersten Range und kann schwerlich von

demselben zu hoch getrieben werden, da sie gleichwohl an einem Manne

bisweilen zum Übermaße steigt und alsdann läppisch wird.

Die Schamhaftigkeit ist ein Geheimnis der Natur, sowohl einer Neigung

Schranken zu setzen, die sehr unbändig ist und, indem sie den Ruf der Natur für

sich hat, sich immer mit guten, sittlichen Eigenschaften zu vertragen scheint,

wenn sie gleich ausschweift. Sie ist demnach als ein Supplement der Grundsätze

höchst nötig; denn es gibt keinen Fall, da die Neigung so leicht zum Sophisten

wird, gefällige Grundsätze zu erklügeln, als hier. Sie dient aber auch zugleich,

um einen geheimnisvollen Vorhang selbst vor die geziemendsten und nötigsten

Zwecke der Natur zu ziehen, damit die gar zu gemeine Bekanntschaft mit

denselben nicht Ekel oder zum mindesten Gleichgültigkeit veranlasse in

Ansehung der Endabsichten eines Triebes, worauf die feinsten und lebhaftesten

Neigungen der menschlichen Natur gepfropft sind. Diese Eigenschaft ist dem schönen Geschlecht vorzüglich eigen und ihm sehr anständig. Es ist auch eine

plumpe und verächtliche Ungezogenheit, durch die Art pöbelhafter Scherze,

welche man Zoten nennt, die zärtliche Sittsamkeit desselben in Verlegenheit oder

Unwillen zu setzen. Weil indessen, man mag nun um das Geheimnis so weit

herumgehen, als man immer will, die Geschlechterneigung doch allen den

übrigen Reizen endlich zum Grunde liegt, und ein Frauenzimmer immer als ein

Frauenzimmer der angenehme Gegenstand einer wohlgesitteten Unterhaltung ist,

so möchte daraus vielleicht zu erklären sein, warum sonst artige Mannspersonen

sich bisweilen die Freiheit nehmen, durch den kleinen Mutwillen ihrer Scherze

einige feine Anspielungen durchscheinen zu lassen, welche machen, daß man sie

lose oder schalkhaft nennt, und wo, indem sie weder durch ausspähende Blicke

beleidigen, noch die Achtung zu verletzen gedenken, sie glauben berechtigt zu

sein, die Person, die es mit unwilliger oder spröder Miene aufnimmt, eine

Ehrbarkeitspedantin zu nennen. Ich führe dieses nur an, weil es gemeiniglich als

ein etwas kühner Zug vom schönen Umgange angesehen wird, auch in der Tat

von jeher viel Witz darauf ist verschwendet worden; was aber das Urteil nach

moralischer Strenge anlangt, so gehört das nicht hieher, da ich in der

Empfindung des Schönen nur die Erscheinungen zu beobachten und zu erläutern

habe.

Die edlen Eigenschaften dieses Geschlechts, welche jedoch, wie wir schon

angemerkt haben, niemals das Gefühl des Schönen unkenntlich machen müssen,

kündigen sich durch nichts deutlicher und sicherer an als durch die

Bescheidenheit einer Art von edler Einfalt und Naivetät bei großen Vorzügen.

Aus derselben leuchtet eine ruhige Wohlgewogenheit und Achtung gegen andere

hervor, zugleich mit einem gewissen edlen Zutrauen auf sich selbst und einer

billigen Selbstschätzung verbunden, welche bei einer erhabenen Gemütsart

jederzeit anzutreffen ist. Indem diese feine Mischung zugleich durch Reize

einnimmt und durch Achtung rührt, so stellt sie alle übrigen schimmernden

Eigenschaften wider den Mutwillen des Tadels und der Spottsucht in Sicherheit.

Personen von dieser Gemütsart haben auch ein Herz zur Freundschaft, welches

an einem Frauenzimmer niemals kann hoch genug geschätzt werden, weil es so

gar selten ist und zugleich so überaus reizend sein muß.

Da unsere Absicht ist, über Empfindungen zu urteilen, so kann es nicht

unangenehm sein, die Verschiedenheit des Eindrucks, den die Gestalt und

Gesichtszüge des schönen Geschlechts auf das männliche machen, womöglich

unter Begriffe zu bringen. Diese ganze Bezauberung ist im Grunde über den

Geschlechtertrieb verbreitet. Die Natur verfolgt ihre große Absicht; und alle Feinigkeiten, die sich hinzugesellen, sie mögen nun so weit davon abzustehen

scheinen, wie sie wollen, sind nur Verbrämungen und entlehnen ihren Reiz doch

am Ende aus derselben Quelle. Ein gesunder und derber Geschmack, der sich

jederzeit sehr nahe bei diesem Triebe hält, wird durch die Reize des Anstandes,

der Gesichtszüge, der Augen usw. usw. an einem Frauenzimmer wenig

angefochten, und indem er eigentlich nur aufs Geschlecht geht, so sieht er

mehrenteils die Delikatesse anderer als leere Tändelei an.

Wenn dieser Geschmack gleich nicht fein ist, so ist er deswegen doch nicht

zu verachten. Denn der größte Teil der Menschen befolgt vermittelst desselben

die große Ordnung der Natur auf eine sehr einfältige und sichere Art.(9)

Dadurch werden die meisten Ehen bewirkt, und zwar von dem emsigsten Teile

des menschlichen Geschlechts; und indem der Mann den Kopf nicht von

bezaubernden Mienen, schmachtenden Augen, edlem Anstande usw. usw. voll

hat, auch nichts von allem diesem versteht, so wird er desto aufmerksamer auf

haushälterische Tugenden, Sparsamkeit usw. usw. und auf das Eingebrachte. Was

den etwas feineren Geschmack anlangt, um dessentwillen es nötig sein möchte,

einen Unterschied unter den äußerlichen Reizen des Frauenzimmers zu machen,

so ist derselbe entweder auf das, was in der Gestalt und dem Ausdrucke des

Gesichts moralisch ist, oder auf das Unmoralische geheftet. Ein Frauenzimmer

wird in Ansehung der Annehmlichkeiten von der letzteren Art hübsch genannt.

Ein proportionierlicher Bau, regelmäßige Züge, Farben von Auge und Gesicht,

die zierlich abstechen, lauter Schönheiten, die auch an einem Blumenstrauße

gefallen und einen kalten Beifall erwerben. Das Gesicht selber sagt nichts, ob es

gleich hübsch ist, und redet nicht zum Herzen. Was den Ausdruck der Züge, der

Augen und der Mienen anlangt, der moralisch ist, so geht er entweder auf das

Gefühl des Erhabenen oder des Schönen. Ein Frauenzimmer, an welchem die

Annehmlichkeiten, die ihrem Geschlecht geziemen, vornehmlich den

moralischen Ausdruck des Erhabenen hervorstechen lassen, heißt schön im

eigentlichen Verstande, diejenige, deren moralische Zeichnung, sofern sie in den

Mienen oder Gesichtszügen sich kennbar macht, die Eigenschaften des Schönen

ankündigt, ist annehmlich und, wenn sie es in einem höheren Grade ist, reizend.

Die erstere läßt unter einer Miene von Gelassenheit und einem edlen Anstande

den Schimmer eines schönen Verstandes aus bescheidenen Blicken

hervorspielen, und indem sich in ihrem Gesicht ein zärtlich Gefühl und

wohlwollend Herz abmalt, so bemächtigt sie sich sowohl der Neigung als der

Hochachtung eines männlichen Herzens. Die zweite zeigt Munterkeit und Witz

in lachenden Augen, etwas feinen Mutwillen, das Schäkerhafte der Scherze und schalkhafte Sprödigkeit. Sie reizt, wenn die erstere rührt, und das Gefühl der

Liebe, dessen sie fähig ist und welche sie anderen einflößt, ist flatterhaft, aber

schön, dagegen die Empfindung der ersteren zärtlich, mit Achtung verbunden

und beständig ist. Ich mag mich nicht in gar zu ausführliche Zergliederungen

von dieser Art einlassen; denn in solchen Fällen scheint der Verfasser jederzeit

seine eigene Neigung zu malen. Indessen berühre ich noch: daß der Geschmack,

den viele Damen an einer gesunden, aber blassen Farbe finden, sich hier

verstehen lasse. Denn diese begleitet gemeiniglich eine Gemütsart von mehr

innerem Gefühl und zärtlicher Empfindung, welches zur Eigenschaft des

Erhabenen gehört, dagegen die rote und blühende Farbe weniger von der

ersteren, allein mehr von der fröhlichen und muntern Gemütsart ankündigt; es ist

aber der Eitelkeit gemäßer, zu rühren und zu fesseln, als zu reizen und

anzulocken. Es können dagegen Personen ohne alles moralische Gefühl und

ohne einigen Ausdruck, der auf Empfindungen deutete, sehr hübsch sein, allein

sie werden weder rühren noch reizen, es sei denn denjenigen derben Geschmack,

von dem wir Erwähnung getan haben, welcher sich bisweilen etwas verfeinert

und dann nach seiner Art auch wählt. Es ist schlimm, daß dergleichen schöne

Geschöpfe leichtlich in den Fehler der Aufgeblasenheit verfallen durch das

Bewußtsein der schönen Figur, die ihnen ihr Spiegel zeigt, und aus einem

Mangel feinerer Empfindungen; da sie dann alles gegen sich kaltsinnig machen,

den Schmeichler ausgenommen, der auf Absichten ausgeht und Ränke

schmiedet.

Man kann nach diesen Begriffen vielleicht etwas von der so verschiedenen

Wirkung verstehen, die die Gestalt ebendesselben Frauenzimmers auf den

Geschmack der Männer tut. Dasjenige, was in diesem Eindrucke sich zu nahe

auf den Geschlechtertrieb bezieht und mit dem besondern wollüstigen Wahne,

darin sich eines jeden Empfindung einkleidet, einstimmig sein mag, berühre ich

nicht, weil es außer dem Bezirke des feinern Geschmackes ist; und es kann

vielleicht richtig sein, was der Herr v. Buffon vermutet, daß diejenige Gestalt,

die den ersten Eindruck macht, zu der Zeit, wenn dieser Trieb noch neu ist und

sich zu entwickeln anfängt, das Urbild bleibe, worauf in der künftigen Zeit alle

weiblichen Bildungen mehr oder weniger einschlagen müssen, welche die

phantastische Sehnsucht rege machen können, dadurch eine ziemlich grobe

Neigung unter den verschiedenen Gegenständen eines Geschlechts zu wählen

genötigt wird. Was den etwas feineren Geschmack anlangt, so behaupte ich, daß

diejenige Art von Schönheit, welche wir die hübsche Gestalt genannt haben, von

allen Männern ziemlich gleichförmig beurteilt werde und daß darüber die Meinungen nicht so verschieden seien, wie man wohl gemeiniglich dafür hält.

Die zirkassischen und georgischen Mädchen sind von allen Europäern, die durch

ihre Länder reisen, jederzeit für überaus hübsch gehalten worden. Die Türken,

die Araber, die Perser müssen wohl mit diesem Geschmacke sehr einstimmig

sein, weil sie sehr begierig sind, ihre Völkerschaft durch so feines Blut zu

verschönern, und man merkt auch an, daß der persischen Rasse dieses wirklich

gelungen ist. Die Kaufleute von Indostan ermangeln gleichfalls nicht, von einem

boshaften Handel mit so schönen Geschöpfen großen Vorteil zu ziehen, indem

sie solche den leckerhaften Reichen ihres Landes zuführen, und man sieht, daß,

so sehr auch der Eigensinn des Geschmacks in diesen verschiedenen

Weltgegenden abweichend sein mag, dennoch dasjenige, was einmal in einer

derselben als vorzüglich hübsch erkannt wird, in allen übrigen auch dafür

gehalten werde. Wo aber sich in das Urteil über die feine Gestalt dasjenige

einmengt, was in den Zügen moralisch ist, so ist der Geschmack bei

verschiedenen Mannspersonen jederzeit sehr verschieden, sowohl nachdem ihr

sittliches Gefühl selbst unterschieden ist, als auch nach der verschiedenen

Bedeutung, die der Ausdruck des Gesichts in eines jeden Wahne haben mag.

Man findet, daß diejenigen Bildungen, die beim ersten Anblicke nicht

sonderliche Wirkung tun, weil sie nicht auf eine entschiedene Art hübsch sind,

gemeiniglich, sobald sie bei näherer Bekanntschaft zu gefallen anfangen, auch

weit mehr einnehmen und sich beständig zu verschönern scheinen; dagegen das

hübsche Ansehen, was sich auf einmal ankündigt, in der Folge mit größerem

Kaltsinn wahrgenommen wird, welches vermutlich daher kommt, daß

moralische Reize, wo sie sichtbar werden, mehr fesseln, imgleichen weil sie sich

nur bei Gelegenheit sittlicher Empfindungen in Wirksamkeit setzen und sich

gleichsam entdecken lassen, jede Entdeckung eines neuen Reizes aber immer

noch mehr derselben vermuten läßt; anstatt daß alle Annehmlichkeiten, die sich

gar nicht verhehlen, nachdem sie gleich anfangs ihre ganze Wirkung ausgeübt

haben, in der Folge nichts weiter tun können, als den verliebten Vorwitz

abzukühlen und ihn allmählich zur Gleichgültigkeit zu bringen.

Unter diesen Beobachtungen bietet sich ganz natürlich folgende Anmerkung

dar. Das ganz einfältige und grobe Gefühl in den Geschlechterneigungen führt

zwar sehr grade zum großen Zwecke der Natur, und indem es ihre Forderungen

erfüllt, ist es geschickt, die Person selbst ohne Umschweife glücklich zu machen,

allein um der großen Allgemeinheit willen artet es leichtlich in Ausschweifung

und Lüderlichkeit aus. An der anderen Seite dient ein sehr verfeinigter

Geschmack zwar dazu, einer ungestümen Neigung die Wildheit zu benehmen und, indem er solche nur auf sehr wenig Gegenstände einschränkt, sie sittsam

und anständig zu machen, allein sie verfehlt gemeiniglich die große Endabsicht

der Natur, und da sie mehr fordert oder erwartet, als diese gemeiniglich leistet,

so pflegt sie die Person von so delikater Empfindung sehr selten glücklich zu

machen. Die erstere Gemütsart wird ungeschlacht, weil sie auf alle von einem

Geschlechte geht, die zweite grüblerisch, indem sie eigentlich auf keinen geht,

sondern nur mit einem Gegenstande beschäftigt ist, den die verliebte Neigung

sich in Gedanken schafft und mit allen edlen und schönen Eigenschaften

ausziert, welche die Natur selten in einem Menschen vereinigt und noch seltner

demjenigen zuführt, der sie schätzen kann und der vielleicht eines solchen

Besitzes würdig sein würde. Daher entspringt der Aufschub und endlich die

völlige Entsagung auf die eheliche Verbindung, oder, welches vielleicht ebenso

schlimm ist, eine grämische Reue nach einer getroffenen Wahl, welche die

großen Erwartungen nicht erfüllt, die man sich gemacht hatte; denn nicht selten

findet der äsopische Hahn eine Perle, welchem ein gemeines Gerstenkorn besser

würde geziemt haben.

Wir können hiebei überhaupt bemerken, daß, so reizend auch die Eindrücke

des zärtlichen Gefühls sein mögen, man doch Ursache habe in der Verfeinigung

desselben behutsam zu sein, wofern wir uns nicht durch übergroße Reizbarkeit

nur viel Unmut und eine Quelle von Übel erklügeln wollen. Ich möchte edleren

Seelen wohl vorschlagen, das Gefühl in Ansehung der Eigenschaften, die ihnen

selbst zukommen, oder der Handlungen, die sie selber tun, so sehr zu

verfeineren, als sie können, dagegen in Ansehung dessen, was sie genießen oder

von andern erwarten, den Geschmack in seiner Einfalt zu erhalten: wenn ich nur

einsähe, wie dieses zu leisten möglich sei. In dem Falle aber, daß es anginge,

würden sie andere glücklich machen und auch selbst glücklich sein. Es ist

niemals aus den Augen zu lassen: daß, in welcher Art es auch sei, man keine

sehr hohen Ansprüche auf die Glückseligkeiten des Lebens und die

Vollkommenheit der Menschen machen müsse; denn derjenige, welcher jederzeit

nur etwas Mittelmäßiges erwartet, hat den Vorteil, daß der Erfolg selten seine

Hoffnung widerlegt, dagegen bisweilen ihn auch wohl unvermutete

Vollkommenheiten überraschen.

Allen diesen Reizen droht endlich das Alter, der große Verwüster der

Schönheit, und es müssen, wenn es nach der natürlichen Ordnung gehen soll,

allmählich die erhabenen und edlen Eigenschaften die Stelle der schönen

einnehmen, um eine Person, sowie sie nachläßt liebenswürdig zu sein, immer

einer größeren Achtung wert zu machen. Meiner Meinung nach sollte in der schönen Einfalt, die durch ein verfeinertes Gefühl an allem, was reizend und

edel ist, erhoben worden, die ganze Vollkommenheit des schönen Geschlechts in

der Blüte der Jahre bestehen. Allmählich, sowie die Ansprüche auf Reizungen

nachlassen, könnte das Lesen der Bücher und die Erweiterung der Einsicht

unvermerkt die erledigte Stelle der Grazien durch die Musen ersetzen, und der

Ehemann sollte der erste Lehrmeister sein. Gleichwohl, wenn selbst die allem

Frauenzimmer so schreckliche Epoche des Altwerdens herankommt, so gehört es

doch auch alsdann noch immer zum schönen Geschlecht, und es verunziert sich

selbst, wenn es in einer Art von Verzweiflung, diesen Charakter länger zu

erhalten, sich einer mürrischen und grämischen Laune überläßt.

Eine bejahrte Person, welche mit einem sittsamen und freundlichen Wesen

der Gesellschaft beiwohnt, auf eine muntere und vernünftige Art gesprächig ist,

die Vergnügen der Jugend, darin sie selbst nicht Anteil nimmt, mit Anstand

begünstigt und, indem sie für alles sorgt, Zufriedenheit und Wohlgefallen an der

Freude, die um sie vorgeht, verrät, ist noch immer eine feinere Person als ein

Mann in gleichem Alter, und vielleicht noch liebenswürdiger als ein Mädchen,

wiewohl in einem anderen Verstande. Zwar möchte die platonische Liebe wohl

etwas zu mystisch sein, welche ein alter Philosoph vorgab, wenn er von dem

Gegenstande seiner Neigung sagte: »Die Grazien residieren in ihren Runzeln,

und meine Seele scheint auf meinen Lippen zu schweben, wenn ich ihren welken

Mund küsse«; allein dergleichen Ansprüche müssen alsdann auch aufgegeben

werden. Ein alter Mann, der verliebt tut, ist ein Geck, und die ähnlichen

Anmaßungen des andern Geschlechts sind alsdann ekelhaft. An der Natur liegt

es niemals, wenn wir nicht mit einem guten Anstande erscheinen, sondern daran,

daß man sie verkehren will.

Damit ich meinen Text nicht aus den Augen verliere, so will ich noch einige

Betrachtungen über den Einfluß anstellen, den ein Geschlecht aufs andere haben

kann, dessen Gefühl zu verschöneren oder zu veredlen. Das Frauenzimmer hat

ein vorzügliches Gefühl für das Schöne, sofern es ihnen selbst zukommt, aber für

das Edle, insoweit es am männlichen Geschlechte angetroffen wird. Der Mann

dagegen hat ein entschiedenes Gefühl für das Edle, was zu seinen Eigenschaften

gehört, für das Schöne aber, insofern es an dem Frauenzimmer anzutreffen ist.

Daraus muß folgen, daß die Zwecke der Natur darauf gehen, den Mann durch

die Geschlechterneigung noch mehr zu veredlen und das Frauenzimmer durch

ebendieselbe noch mehr zu verschönern. Ein Frauenzimmer ist darüber wenig

verlegen, daß sie gewisse hohe Einsichten nicht besitzt, daß sie furchtsam und zu

wichtigen Geschäften nicht auferlegt ist usw. usw., sie ist schön und nimmt ein, und das ist genug. Dagegen fordert sie alle diese Eigenschaften am Manne, und

die Erhabenheit ihrer Seele zeigt sich nur darin, daß sie diese edlen

Eigenschaften zu schätzen weiß, sofern sie bei ihm anzutreffen sind. Wie würde

es sonst wohl möglich sein, daß so viel männliche Fratzengesichter, ob sie gleich

Verdienste besitzen mögen, so artige und feine Frauen bekommen könnten!

Dagegen ist der Mann viel delikater in Ansehung der schönen Reize des

Frauenzimmers. Er ist durch die feine Gestalt desselben, die muntere Naivetät

und die reizende Freundlichkeit genugsam schadlos gehalten wegen des Mangels

von Büchergelehrsamkeit und wegen anderer Mängel, die er durch seine eigenen

Talente ersetzen muß. Eitelkeit und Moden können wohl diesen natürlichen

Trieben eine falsche Richtung geben und aus mancher Mannsperson einen süßen

Herren, aus dem Frauenzimmer aber eine Pedantin oder Amazone machen, allein

die Natur sucht doch jederzeit zu ihrer Ordnung zurückzuführen. Man kann

daraus urteilen, welche mächtigen Einflüsse die Geschlechterneigung

vornehmlich auf das männliche Geschlecht haben könnte, um es zu veredlen,

wenn anstatt vieler trockenen Unterweisungen das moralische Gefühl des

Frauenzimmers zeitig entwickelt würde, um dasjenige gehörig zu empfinden,

was zu der Würde und zu den erhabenen Eigenschaften des anderen Geschlechts

gehört, und dadurch vorbereitet würde, den läppischen Zieraffen mit Verachtung

anzusehen und sich keinen andern Eigenschaften als den Verdiensten zu ergeben.

Es ist auch gewiß, daß die Gewalt ihrer Reize dadurch überhaupt gewinnen

würde; denn es zeigt sich, daß die Bezauberung derselben mehrenteils nur auf

edlere Seelen wirke, die anderen sind nicht fein genug, sie zu empfinden. Ebenso

sagte der Dichter Simonides, als man ihm riet, vor den Thessaliern seine schönen

Gesänge hören zu lassen: »Diese Kerle sind zu dumm dazu, als daß sie von

einem solchen Manne, wie ich bin, könnten betrogen werden.« Man hat es sonst

schon als eine Wirkung des Umganges mit dem schönen Geschlecht angesehen,

daß die männlichen Sitten sanfter, ihr Betragen artiger und geschliffener und ihr

Anstand zierlicher geworden; allein dieses ist nur ein Vorteil in der Nebensache.

(10) Es liegt am meisten daran, daß der Mann als Mann vollkommner werde und

die Frau als ein Weib, d. i. daß die Triebfedern der Geschlechterneigung dem

Winke der Natur gemäß wirken, den einen noch mehr zu veredlen und die

Eigenschaften der andren zu verschönern. Wenn alles aufs Äußerste kommt, so

wird der Mann, dreist auf seine Verdienste, sagen können: »Wenn ihr mich gleich

nicht liebt, so will ich euch zwingen, mich hochzuachten«, und das

Frauenzimmer, sicher der Macht ihrer Reize, wird antworten: »Wenn ihr uns

gleich nicht innerlich hochschätzet, so zwingen wir euch doch, uns zu lieben.« In Ermangelung solcher Grundsätze sieht man Männer Weiblichkeiten annehmen,

um zu gefallen, und Frauenzimmer bisweilen (wiewohl viel seltner) einen

männlichen Anstand künstlen, um Hochachtung einzuflößen; was man aber

wider den Dank der Natur macht, das macht man jederzeit sehr schlecht.

In dem ehelichen Leben soll das vereinigte Paar gleichsam eine einzige

moralische Person ausmachen, welche durch den Verstand des Mannes und den

Geschmack der Frauen belebt und regiert wird. Denn nicht allein, daß man

jenem mehr auf Erfahrung gegründete Einsicht, diesem aber mehr Freiheit und

Richtigkeit in der Empfindung zutrauen kann, so ist eine Gemütsart, je erhabener

sie ist, auch um desto geneigter, die größte Absicht der Bemühungen in der

Zufriedenheit eines geliebten Gegenstandes zu setzen, und andererseits je

schöner sie ist, desto mehr sucht sie durch Gefälligkeit diese Bemühung zu

erwidern. Es ist also in einem solchen Verhältnisse ein Vorzugsstreit läppisch

und, wo er sich ereignet, das sicherste Merkmal eines plumpen oder ungleich

gepaarten Geschmackes. Wenn es dahin kommt, daß die Rede vom Rechte des

Befehlshabers ist, so ist die Sache schon äußerst verderbt; denn wo die ganze

Verbindung eigentlich nur auf Neigung errichtet ist, da ist sie schon halb

zerrissen, sobald sich das Sollen anfängt hören zu lassen. Die Anmaßung des

Frauenzimmers in diesem harten Tone ist äußerst häßlich und des Mannes im

höchsten Grade unedel und verächtlich. Indessen bringt es die weise Ordnung

der Dinge so mit sich: daß alle diese Feinigkeiten und Zärtlichkeiten der

Empfindung nur im Anfange ihre ganze Stärke haben, in der Folge aber durch

Gemeinschaft und häusliche Angelegenheiten allmählich stumpfer werden und

dann in vertrauliche Liebe ausarten, wo endlich die große Kunst darin besteht,

noch genugsame Reste von jenen zu erhalten, damit Gleichgültigkeit und

Überdruß nicht den ganzen Wert des Vergnügens aufheben, um dessentwillen es

einzig und allein verlohnt hat, eine solche Verbindung einzugehen.

Vierter Abschnitt

Von den Nationalcharaktern(11), insofern sie auf dem

unterschiedlichen Gefühl des Erhabenen und Schönen

beruhen

U nter den Völkerschaften unseres Weltteils sind meiner Meinung nach die Italiener und Franzosen diejenigen, welche im Gefühl des Schönen , die

Deutschen aber, Engländer und Spanier, die durch das Gefühl des Erhabenen

sich unter allen übrigen am meisten ausnehmen. Holland kann für dasjenige

Land gehalten werden, wo dieser feinere Geschmack ziemlich unmerklich wird.

Das Schöne selbst ist entweder bezaubernd und rührend, oder lachend und

reizend. Das erstere hat etwas von dem Erhabenen an sich, und das Gemüt in

diesem Gefühl ist tiefsinnig und entzückt, in dem Gefühl der zweiten Art aber

lächlend und fröhlich. Den Italienern scheint die erstere, den Franzosen die

zweite Art des schönen Gefühls vorzüglich angemessen zu sein. In dem

Nationalcharaktere, der den Ausdruck des Erhabenen an sich hat, ist dieses

entweder das von der schreckhaften Art, das sich ein wenig zum

Abenteuerlichen neigt, oder es ist ein Gefühl für das Edle, oder für das

Prächtige. Ich glaube Gründe zu haben, das Gefühl der ersteren Art dem Spanier,

der zweiten dem Engländer und der dritten dem Deutschen beilegen zu können.

Das Gefühl fürs Prächtige ist seiner Natur nach nicht original, so wie die übrigen

Arten des Geschmacks, und obgleich ein Nachahmungsgeist mit jedem andern

Gefühl kann verbunden sein, so ist er doch dem für das Schimmernd-Erhabene

mehr eigen, denn es ist dieses eigentlich ein gemischtes Gefühl aus dem des

Schönen und des Edlen, wo jedes, für sich betrachtet, kälter ist, und daher das

Gemüt frei genug ist, bei der Verknüpfung desselben auf Beispiele zu merken,

und auch deren Antrieb vonnöten hat. Der Deutsche wird demnach weniger

Gefühl in Ansehung des Schönen haben, als der Franzose, und weniger von

demjenigen, was auf das Erhabene geht, als der Engländer, aber in den Fällen,

wo beides verbunden erscheinen soll, wird es seinem Gefühl mehr gemäß sein,

wie er denn auch die Fehler glücklich vermeiden wird, in die eine

ausschweifende Stärke einer jeden dieser Arten des Gefühls allein geraten könnte.

Ich berühre nur flüchtig die Künste und die Wissenschaften, deren Wahl den

Geschmack der Nationen bestätigen kann, welchen wir ihnen beigemessen

haben. Das italienische Genie hat sich vornehmlich in der Tonkunst, der Malerei,

Bildhauerkunst und der Architektur hervorgetan. Alle diese schönen Künste

finden einen gleich feinen Geschmack in Frankreich für sich, obgleich die

Schönheit derselben hier weniger rührend ist. Der Geschmack in Ansehung der

dichterischen oder rednerischen Vollkommenheit fällt in Frankreich mehr in das

Schöne, in England mehr in das Erhabene. Die feinen Scherze, das Lustspiel, die

lachende Satire, das verliebte Tändeln und die leicht und natürlich fließende

Schreibart sind dort original. In England dagegen Gedanken von tiefsinnigem

Inhalt, das Trauerspiel, das epische Gedicht und überhaupt schweres Gold von

Witze, welches unter französischem Hammer zu dünnen Blättchen von großer

Oberfläche kann gedehnt werden. In Deutschland schimmert der Witz noch sehr

durch die Folie. Ehedem war er schreiend, durch Beispiele aber und den

Verstand der Nation ist er zwar reizender und edler geworden, aber jenes mit

weniger Naivetät, dieses mit einem minder kühnen Schwunge als in den

erwähnten Völkerschaften. Der Geschmack der holländischen Nation an einer

peinlichen Ordnung und einer Zierlichkeit, die in Bekümmernis und

Verlegenheit setzt, läßt auch wenig Gefühl in Ansehung der ungekünstelten und

freien Bewegungen des Genies vermuten, dessen Schönheit durch die ängstliche

Verhütung der Fehler nur würde entstellt werden. Nichts kann allen Künsten und

Wissenschaften mehr entgegen sein als ein abenteuerlicher Geschmack, weil

dieser die Natur verdreht, welche das Urbild alles Schönen und Edlen ist. Daher

hat die spanische Nation auch wenig Gefühl für die schönen Künste und

Wissenschaften an sich gezeigt.

Die Gemütscharaktere der Völkerschaften sind am kenntlichsten bei

demjenigen, was an ihnen moralisch ist; um deswillen wollen wir noch das

verschiedene Gefühl derselben in Ansehung des Erhabenen und Schönen aus

diesem Gesichtspunkte in Erwägung ziehen.(12)

Der Spanier ist ernsthaft, verschwiegen und wahrhaft. Es gibt wenig

redlichere Kaufleute in der Welt als die spanischen. Er hat eine stolze Seele und

mehr Gefühl für große als für schöne Handlungen. Da in seiner Mischung wenig

von dem gütigen und sanften Wohlwollen anzutreffen ist, so ist er öfters hart und

auch wohl grausam. Das Autodafé erhält sich nicht sowohl durch den

Aberglauben, als durch die abenteuerliche Neigung der Nation, welche durch

einen ehrwürdig-schrecklichen Aufzug gerührt wird, worin es den mit Teufelsgestalten bemalten San Benito den Flammen, die eine wütende Andacht

entzündet hat, überliefern sieht. Man kann nicht sagen, der Spanier sei

hochmütiger oder verliebter als jemand aus einem andern Volke, allein er ist

beides auf eine abenteuerliche Art, die seltsam und ungewöhnlich ist. Den Pflug

stehen lassen und mit einem langen Degen und Mantel so lange auf dem

Ackerfelde spazieren, bis der vorüberreisende Fremde vorbei ist, oder in einem

Stiergefechte, wo die Schönen des Landes einmal unverschleiert gesehen

werden, seine Beherrscherin durch einen besonderen Gruß ankündigen und dann

ihr zu Ehren sich in einen gefährlichen Kampf mit einem wilden Tiere wagen,

sind ungewöhnliche und seltsame Handlungen, die von dem Natürlichen weit

abweichen.

Der Italiener scheint ein gemischtes Gefühl zu haben von dem eines

Spaniers und dem eines Franzosen; mehr Gefühl für das Schöne als der erstere

und mehr für das Erhabene als der letztere. Auf diese Art können, wie ich meine,

die übrigen Züge seines moralischen Charakters erklärt werden.

Der Franzose hat ein herrschendes Gefühl für das moralisch Schöne. Er ist

artig, höflich und gefällig. Er wird sehr geschwinde vertraulich, ist scherzhaft

und frei im Umgange, und der Ausdruck ein Mann oder eine Dame von gutem

Tone hat nur eine verständliche Bedeutung für den, der das artige Gefühl eines

Franzosen erworben hat. Selbst seine erhabenen Empfindungen, deren er nicht

wenige hat, sind dem Gefühle des Schönen untergeordnet und bekommen nur

ihre Stärke durch die Zusammenstimmung mit dem letzteren. Er ist sehr gerne

witzig und wird einem Einfalle ohne Bedenken etwas von der Wahrheit

aufopfern. Dagegen, wo man nicht witzig sein kann(13), zeigt er ebensowohl

gründliche Einsicht als jemand aus irgendeinem andern Volke, z. E. in der

Mathematik und in den übrigen trockenen oder tiefsinnigen Künsten und

Wissenschaften. Ein Bonmot hat bei ihm nicht den flüchtigen Wert als

anderwärts, es wird begierig verbreitet und in Büchern aufbehalten, wie die

wichtigste Begebenheit. Er ist ein ruhiger Bürger und rächt sich wegen der

Bedrückungen der Generalpächter durch Satiren, oder durch Parlaments-

Remonstrationen, welche, nachdem sie ihrer Absicht gemäß den Vätern des

Volks ein schönes patriotisches Ansehen gegeben haben, nichts weiter tun, als

daß sie durch eine rühmliche Verweisung gekrönt und in sinnreichen

Lobgedichten besungen werden. Der Gegenstand, auf welchen sich die

Verdienste und Nationalfähigkeiten dieses Volks am meisten beziehen, ist das

Frauenzimmer.(14) Nicht, als wenn es hier mehr als anderwärts geliebt oder

geschätzt würde, sondern weil es die beste Veranlassung gibt, die beliebtesten Talente des Witzes, der Artigkeit und der guten Manieren in ihrem Lichte zu

zeigen; übrigens liebt eine eitele Person eines jeden Geschlechts jederzeit nur

sich selbst; die andere ist bloß ihr Spielwerk. Da es den Franzosen an edlen

Eigenschaften gar nicht gebricht, nur daß diese durch die Empfindung des

Schönen allein können belebt werden, so würde das schöne Geschlecht hier

einen mächtigern Einfluß haben können, die edelsten Handlungen des

männlichen zu erwecken und rege zu machen, als irgend sonst in der Welt, wenn

man bedacht wäre, diese Richtung des Nationalgeistes ein wenig zu begünstigen.

Es ist schade, daß die Lilien nicht spinnen.

Der Fehler, woran dieser Nationalcharakter am nächsten grenzt, ist das

Läppische oder, mit einem höflicheren Ausdrucke das Leichtsinnige. Wichtige

Dinge werden als Spaße behandelt, und Kleinigkeiten dienen zur ernsthaftesten

Beschäftigung. Im Alter singt der Franzose alsdann noch lustige Lieder und ist,

soviel er kann, auch galant gegen das Frauenzimmer. Bei diesen Anmerkungen

habe ich große Gewährsmänner aus ebenderselben Völkerschaft auf meiner Seite

und ziehe mich hinter einen Montesquieu und d’Alembert, um wider jenen

besorglichen Unwillen sicher zu sein.

Der Engländer ist im Anfange einer jeden Bekanntschaft kaltsinnig und

gegen einen Fremden gleichgültig. Er hat wenig Neigung zu kleinen

Gefälligkeiten; dagegen wird er, sobald er ein Freund ist, zu großen

Dienstleistungen auferlegt. Er bemüht sich wenig, im Umgange witzig zu sein

oder einen artigen Anstand zu zeigen, dagegen ist er verständig und gesetzt. Er

ist ein schlechter Nachahmer, frägt nicht viel darnach, was andere urteilen, und

folgt lediglich seinem eigenen Geschmacke. Er ist in Verhältnis auf das

Frauenzimmer nicht von französischer Artigkeit, aber bezeigt gegen dasselbe

weit mehr Achtung und treibt diese vielleicht zu weit, indem er im Ehestande

seiner Frauen gemeiniglich ein unumschränktes Ansehen einräumt. Er ist

standhaft, bisweilen bis zur Hartnäckigkeit, kühn und entschlossen, oft bis zur

Vermessenheit, und handelt nach Grundsätzen gemeiniglich bis zum Eigensinne.

Er wird leichtlich ein Sonderling, nicht aus Eitelkeit, sondern weil er sich wenig

um andre bekümmert und seinem Geschmacke aus Gefälligkeit oder

Nachahmung nicht leichtlich Gewalt tut; um deswillen wird er selten so sehr

geliebt als der Franzose, aber, wenn er gekannt ist, gemeiniglich mehr

hochgeachtet.

Der Deutsche hat ein gemischtes Gefühl aus dem eines Engländers und dem

eines Franzosen, scheint aber dem ersteren am nächsten zu kommen, und die

größere Ähnlichkeit mit dem letzteren ist nur gekünstelt und nachgeahmt. Er hat eine glückliche Mischung in dem Gefühle sowohl des Erhabenen und des

Schönen; und wenn er in dem ersteren es nicht einem Engländer, im zweiten

aber dem Franzosen nicht gleichtut, so übertrifft er sie beide, insofern er sie

verbindet. Er zeigt mehr Gefälligkeit im Umgange als der erstere, und wenn er

gleich nicht so viel angenehme Lebhaftigkeit und Witz in die Gesellschaft bringt,

als der Franzose, so äußert er doch darin mehr Bescheidenheit und Verstand. Er

ist, sowie in aller Art des Geschmacks, also auch in der Liebe ziemlich

methodisch, und indem er das Schöne mit dem Edlen verbindet, so ist er in der

Empfindung beider kalt genug, um seinen Kopf mit den Überlegungen des

Anstandes, der Pracht und des Aufsehens zu beschäftigen. Daher sind Familie,

Titel und Rang bei ihm sowohl im bürgerlichen Verhältnisse als in der Liebe

Sachen von großer Bedeutung. Er frägt weit mehr als die vorigen darnach, was

die Leute von ihm urteilen möchten, und wo etwas in seinem Charakter ist, das

den Wunsch einer Hauptverbesserung rege machen könnte, so ist es diese

Schwachheit, nach welcher er sich nicht erkühnt, original zu sein, ob er gleich

dazu alle Talente hat, und daß er sich zu viel mit der Meinung anderer einläßt,

welches den sittlichen Eigenschaften alle Haltung nimmt, indem es sie

wetterwendisch und falsch gekünstelt macht.

Der Holländer ist von einer ordentlichen und emsigen Gemütsart, und indem

er lediglich auf das Nützliche sieht, so hat er wenig Gefühl für dasjenige, was im

feineren Verstande schön oder erhaben ist. Ein großer Mann bedeutet bei ihm

ebensoviel als ein reicher Mann, unter dem Freunde versteht er seinen

Korrespondenten, und ein Besuch ist ihm sehr langweilig, der ihm nichts

einbringt. Er macht den Kontrast sowohl gegen den Franzosen als den Engländer

und ist gewissermaßen ein sehr phlegmatisierter Deutscher.

Wenn wir den Versuch dieser Gedanken in irgendeinem Falle anwenden, um

z. E. das Gefühl der Ehre zu erwägen, so zeigen sich folgende

Nationalunterschiede. Die Empfindung für die Ehre ist am Franzosen Eitelkeit,

an dem Spanier Hochmut, an dem Engländer Stolz, an dem Deutschen Hoffart

und an dem Holländer Aufgeblasenheit. Diese Ausdrücke scheinen beim ersten

Anblicke einerlei zu bedeuten, allein sie bemerken nach dem Reichtum unserer

deutschen Sprache sehr kenntliche Unterschiede. Die Eitelkeit buhlt um Beifall,

ist flatterhaft und veränderlich, ihr äußeres Betragen aber ist höflich. Der

Hochmütige ist voll von fälschlich eingebildeten großen Vorzügen und bewirbt

sich nicht viel um den Beifall anderer, seine Aufführung ist steif und

hochtrabend. Der Stolz ist eigentlich nur ein größeres Bewußtsein seines eigenen

Wertes, der öfters sehr richtig sein kann (um deswillen er auch bisweilen ein edler Stolz heißt; niemals aber kann ich jemanden einen edlen Hochmut

beilegen, weil dieser jederzeit eine unrichtige und übertriebene Selbstschätzung

anzeigt), das Betragen des Stolzen gegen andere ist gleichgültig und kaltsinnig.

Der Hoffärtige ist ein Stolzer, der zugleich eitel ist.(15) Der Beifall aber, den er

bei andern sucht, besteht in Ehrenbezeugungen. Daher schimmert er gerne durch

Titel, Ahnenregister und Gepränge. Der Deutsche ist vornehmlich von dieser

Schwachheit angesteckt. Die Wörter: Gnädig, Hochgeneigt, Hoch- und

Wohlgeb. und dergleichen Bombast mehr, machen seine Sprache steif und

ungewandt und verhindern gar sehr die schöne Einfalt, welche andere Völker

ihrer Schreibart geben können. Das Betragen eines Hoffärtigen in dem Umgange

ist Zeremonie. Der Aufgeblasene ist ein Hochmütiger, welcher deutliche

Merkmale der Verachtung anderer in seinem Betragen äußert. In der Aufführung

ist er grob. Diese elende Eigenschaft entfernt sich am weitesten vom feineren

Geschmacke, weil sie offenbar dumm ist; denn das ist gewiß nicht das Mittel,

dem Gefühl für Ehre ein Gnüge zu leisten, daß man durch offenbare Verachtung

alles um sich zum Hasse und zur beißenden Spötterei auffordert. In der Liebe

haben der Deutsche und der Engländer einen ziemlich guten Magen, etwas fein

von Empfindung, mehr aber von gesundem und derbem Geschmacke. Der

Italiener ist in diesem Punkte grüblerisch, der Spanier phantastisch, der

Franzose vernascht.

Die Religion unseres Weltteils ist nicht die Sache eines eigenwilligen

Geschmacks, sondern von ehrwürdigerem Ursprunge. Daher können auch nur

die Ausschweifungen in derselben und das, was darin den Menschen

eigentümlich angehört, Zeichen von den verschiedenen Nationaleigenschaften

abgeben. Ich bringe diese Ausschweifungen unter folgende Hauptbegriffe:

Leichtgläubigkeit (Credulität), Aberglaube (Superstition), Schwärmerei

(Fanaticism) und Gleichgültigkeit (Indifferentism). Leichtgläubig ist mehrenteils

der unwissende Teil einer jeden Nation, ob er gleich kein merkliches feineres

Gefühl hat. Die Überredung kommt lediglich auf das Hörensagen und das

scheinbare Ansehen an, ohne daß einige Art des feinern Gefühls dazu die

Triebfeder enthielte. Die Beispiele ganzer Völker von dieser Art muß man im

Norden suchen. Der Leichtgläubige, wenn er von abenteuerlichem Geschmack

ist, wird abergläubisch. Dieser Geschmack ist sogar an sich selbst ein Grund,

etwas leichter zu glauben(16), und von zwei Menschen, deren der eine von

diesem Gefühl angesteckt, der andere aber von kalter und gemäßigter Gemütsart

ist, wird der erstere, wenn er gleich wirklich mehr Verstand hat, dennoch durch

seine herrschende Neigung eher verleitet werden, etwas Unnatürliches zu glauben, als der andere, welchen nicht seine Einsicht, sondern sein gemeines und

phlegmatisches Gefühl vor dieser Ausschweifung bewahrt. Der Abergläubische

in der Religion stellt zwischen sich und dem höchsten Gegenstande der

Verehrung gerne gewisse mächtige und erstaunliche Menschen, Riesen

sozureden der Heiligkeit, denen die Natur gehorcht und deren beschwörende

Stimme die eisernen Tore des Tartarus auf- oder zuschließt, die, indem sie mit

ihrem Haupte den Himmel berühren, ihren Fuß noch auf der niederen Erde

stehen haben. Die Unterweisung der gesunden Vernunft wird demnach in

Spanien große Hindernisse zu überwinden haben, nicht darum, weil sie die

Unwissenheit daselbst zu vertreiben hat, sondern weil ein seltsamer Geschmack

ihr entgegensteht, welchem das Natürliche gemein ist und der niemals glaubt, in

einer erhabenen Empfindung zu sein, wenn sein Gegenstand nicht abenteuerlich

ist. Die Schwärmerei ist sozusagen eine andächtige Vermessenheit und wird

durch einen gewissen Stolz und ein gar zu großes Zutrauen zu sich selbst

veranlaßt, um den himmlischen Naturen näherzutreten und sich durch einen

erstaunlichen Flug über die gewöhnliche und vorgeschriebene Ordnung zu

erheben. Der Schwärmer redet nur von unmittelbarer Eingebung und vom

beschaulichen Leben, indessen daß der Abergläubische vor den Bildern großer

wundertätiger Heiligen Gelübde tut und sein Zutrauen auf die eingebildeten und

unnachahmlichen Vorzüge anderer Personen von seiner eigenen Natur setzt.

Selbst die Ausschweifungen führen, wie wir oben bemerkt haben, Zeichen des

Nationalgefühls bei sich, und so ist der Fanaticismus(17) wenigstens in den

vorigen Zeiten am meisten in Deutschland und England anzutreffen gewesen

und ist gleichsam ein unnatürlicher Auswuchs des edlen Gefühls, welches zu

dem Charakter dieser Völker gehört, und überhaupt bei weitem nicht so

schädlich als die abergläubische Neigung, wenn er gleich im Anfange ungestüm

ist, weil die Erhitzung eines schwärmerischen Geistes allmählich verkühlt und

seiner Natur nach endlich zur ordentlichen Mäßigung gelangen muß, anstatt daß

der Aberglaube sich in einer ruhigen und leidenden Gemütsbeschaffenheit

unvermerkt tiefer einwurzelt und dem gefesselten Menschen das Zutrauen

gänzlich benimmt, sich von einem schädlichen Wahne jemals zu befreien.

Endlich ist ein Eiteler und Leichtsinniger jederzeit ohne stärkeres Gefühl für das

Erhabene, und seine Religion ist ohne Rührung, mehrenteils nur eine Sache der

Mode, welche er mit aller Artigkeit begeht und kalt bleibt. Dieses ist der

praktische Indifferentismus, zu welchem der französische Nationalgeist am

meisten geneigt zu sein scheint, wovon bis zur frevelhaften Spötterei nur ein

Schritt ist, und der im Grunde, wenn auf den inneren Wert gesehen wird, vor einer gänzlichen Absagung wenig voraushat.

Gehen wir mit einem flüchtigen Blicke noch die anderen Weltteile durch, so

treffen wir den Araber als den edelsten Menschen im Oriente an, doch von

einem Gefühl, welches sehr in das Abenteuerliche ausartet. Er ist gastfrei,

großmütig und wahrhaft; allein seine Erzählung und Geschichte und überhaupt

seine Empfindung ist jederzeit mit etwas Wunderbarem durchflochten. Seine

erhitzte Einbildungskraft stellt ihm die Sachen in unnatürlichen und verzogenen

Bildern dar, und selbst die Ausbreitung seiner Religion war ein großes

Abenteuer. Wenn die Araber gleichsam die Spanier des Orients sind, so sind die

Perser die Franzosen von Asien. Sie sind gute Dichter, höflich und von ziemlich

feinem Geschmacke. Sie sind nicht so strenge Befolger des Islam und erlauben

ihrer zur Lustigkeit aufgelegten Gemütsart eine ziemlich milde Auslegung des

Koran. Die Japoneser könnten gleichsam als die Engländer dieses Weltteils

angesehen werden, aber kaum in einer andern Eigenschaft als ihrer

Standhaftigkeit, die bis zur äußersten Halsstarrigkeit ausartet, ihrer Tapferkeit

und Verachtung des Todes. Übrigens zeigen sie wenig Merkmale eines feineren

Gefühls an sich. Die Indianer haben einen herrschenden Geschmack von Fratzen

von derjenigen Art, die ins Abenteuerliche einschlägt. Ihre Religion besteht aus

Fratzen. Götzenbilder von ungeheurer Gestalt, der unschätzbare Zahn des

mächtigen Affen Hanuman, die unnatürlichen Büßungen der Fakirs (heidnischer

Bettelmönche) usw. sind in diesem Geschmacke. Die willkürliche Aufopferung

der Weiber in ebendemselben Scheiterhaufen, der die Leiche ihres Mannes

verzehrt, ist ein scheußliches Abenteuer. Welche läppische Fratzen enthalten

nicht die weitschichtigen und ausstudierten Komplimente der Chineser; selbst

ihre Gemälde sind fratzenhaft und stellen wunderliche und unnatürliche

Gestalten vor, dergleichen nirgend in der Welt anzutreffen sind. Sie haben auch

ehrwürdige Fratzen, darum, weil sie von uraltem Gebrauch sind(18), und keine

Völkerschaft in der Welt hat deren mehr als diese.

Die Negers von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das

Läppische stiege. Herr Hume fordert jedermann auf, ein einziges Beispiel

anzuführen, da ein Neger Talente gewiesen habe, und behauptet: daß unter den

Hunderttausenden von Schwarzen, die aus ihren Ländern anderwärts verführt

werden, obgleich deren sehr viele auch in Freiheit gesetzt werden, dennoch nicht

ein einziger jemals gefunden worden, der entweder in Kunst oder Wissenschaft

oder irgendeiner andern rühmlichen Eigenschaft etwas Großes vorgestellt habe,

obgleich unter den Weißen sich beständig welche aus dem niedrigsten Pöbel

emporschwingen und durch vorzügliche Gaben in der Welt ein Ansehen erwerben. So wesentlich ist der Unterschied zwischen diesen zwei

Menschengeschlechtern, und er scheint ebenso groß in Ansehung der

Gemütsfähigkeiten als der Farbe nach zu sein. Die unter ihnen weit ausgebreitete

Religion der Fetische ist vielleicht eine Art von Götzendienst, welcher so tief ins

Läppische sinkt, als es nur immer von der menschlichen Natur möglich zu sein

scheint. Eine Vogelfeder, ein Kuhhorn, eine Muschel oder jede andere gemeine

Sache, sobald sie durch einige Worte eingeweiht worden, ist ein Gegenstand der

Verehrung und der Anrufung in Eidschwüren. Die Schwarzen sind sehr eitel,

aber auf Negerart, und so plauderhaft, daß sie mit Prügeln müssen

auseinandergejagt werden.

Unter allen Wilden ist keine Völkerschaft, welche einen so erhabenen

Gemütscharakter an sich zeigte, als die von Nordamerika. Sie haben ein starkes

Gefühl für Ehre, und indem sie, um sie zu erjagen, wilde Abenteuer Hunderte

von Meilen weit aufsuchen, so sind sie noch äußerst aufmerksam, den mindesten

Abbruch derselben zu verhüten, wenn ihr ebenso harter Feind, nachdem er sie

ergriffen hat, durch grausame Qualen feige Seufzer von ihnen zu erzwingen

sucht. Der kanadische Wilde ist übrigens wahrhaft und redlich. Die

Freundschaft, die er errichtet, ist ebenso abenteuerlich und enthusiastisch, als

was jemals aus den ältesten und fabelhaften Zeiten davon gemeldet worden. Er

ist äußerst stolz, empfindet den ganzen Wert der Freiheit und erduldet selbst in

der Erziehung keine Begegnung, welche ihm eine niedrige Unterwerfung

empfinden ließe. Lykurgus hat wahrscheinlicherweise eben dergleichen Wilden

Gesetze gegeben, und wenn ein Gesetzgeber unter den sechs Nationen aufstände,

so würde man eine spartanische Republik sich in der neuen Welt erheben sehen;

wie denn die Unternehmung der Argonauten von den Kriegeszügen dieser

Indianer wenig unterschieden ist, und Jason vor dem Attakakullakulla nichts als

die Ehre eines griechischen Namens voraushat. Alle diese Wilden haben wenig

Gefühl für das Schöne im moralischen Verstande, und die großmütige Vergebung

einer Beleidigung, die zugleich edel und schön ist, ist als Tugend unter den

Wilden völlig unbekannt, sondern wird wie eine elende Feigheit verachtet.

Tapferkeit ist das größte Verdienst des Wilden, und Rache seine süßeste Wollust.

Die übrigen Eingebornen dieses Weltteils zeigen wenig Spuren eines

Gemütscharakters, welcher zu feineren Empfindungen aufgelegt wäre, und eine

außerordentliche Fühllosigkeit macht das Merkmal dieser Menschengattungen

aus.

Betrachten wir das Geschlechterverhältnis in diesen Weltteilen, so finden

wir, daß der Europäer einzig und allein das Geheimnis gefunden hat, den sinnlichen Reiz einer mächtigen Neigung mit so viel Blumen zu schmücken und

mit so viel Moralischem zu durchflechten, daß er die Annehmlichkeiten

desselben nicht allein überaus erhöht, sondern auch sehr anständig gemacht hat.

Der Bewohner des Orients ist in diesem Punkte von sehr falschem Geschmacke.

Indem er keinen Begriff hat von dem sittlich Schönen, das mit diesem Triebe

kann verbunden werden, so büßt er auch sogar den Wert des sinnlichen

Vergnügens ein, und sein Harem ist ihm eine beständige Quelle von Unruhe. Er

gerät auf allerlei verliebte Fratzen, worunter das eingebildete Kleinod eins der

vornehmsten ist, dessen er sich vor allem zu versichern sucht, dessen ganzer

Wert nur darin besteht, daß man es zerbricht, und von welchem man überhaupt

in unserem Weltteil viel hämischen Zweifel hegt und zu dessen Erhaltung er sich

sehr unbilliger und öfters ekelhafter Mittel bedient. Daher ist die Frauensperson

daselbst jederzeit im Gefängnisse, sie mag nun ein Mädchen sein oder einen

barbarischen, untüchtigen und jederzeit argwöhnischen Mann haben. In den

Ländern der Schwarzen: was kann man da Besseres erwarten, als was

durchgängig daselbst angetroffen wird, nämlich das weibliche Geschlecht in der

tiefsten Sklaverei? Ein Verzagter ist allemal ein strenger Herr über den

Schwächeren, sowie auch bei uns derjenige Mann jederzeit ein Tyrann in der

Küche ist, welcher außer seinem Hause sich kaum erkühnt, jemanden unter die

Augen zu treten. Der Pater Labat meldet zwar, daß ein Negerzimmermann, dem

er das hochmütige Verfahren gegen seine Weiber vorgeworfen, geantwortet

habe: »Ihr Weißen seid rechte Narren, denn zuerst räumet ihr euren Weibern so

viel ein, und hernach klagt ihr, wenn sie euch den Kopf toll machen«; es ist auch,

als wenn hierin so etwas wäre, was vielleicht verdiente, in Überlegung gezogen

zu werden, allein kurzum, dieser Kerl war vom Kopf bis auf die Füße ganz

schwarz, ein deutlicher Beweis, daß das, was er sagte, dumm war. Unter allen

Wilden sind keine, bei denen das weibliche Geschlecht in größerem wirklichen

Ansehen stände, als die von Kanada. Vielleicht übertreffen sie darin sogar

unseren gesitteten Weltteil. Nicht als wenn man den Frauen daselbst demütige

Aufwartungen machte; das sind nur Komplimente. Nein, sie haben wirklich zu

befehlen. Sie versammlen sich und beratschlagen über die wichtigsten

Anordnungen der Nation, über Krieg und Frieden. Sie schicken darauf ihre

Abgeordneten an den männlichen Rat, und gemeiniglich ist ihre Stimme

diejenige, welche entscheidet. Aber sie erkaufen diesen Vorzug teuer genug. Sie

haben alle häuslichen Angelegenheiten auf dem Halse und nehmen an allen

Beschwerlichkeiten der Männer mit Anteil.

Wenn wir zuletzt noch einige Blicke auf die Geschichte werfen, so sehen wir den Geschmack der Menschen wie einen Proteus stets wandelbare Gestalten

annehmen. Die alten Zeiten der Griechen und Römer zeigen deutliche Merkmale

eines echten Gefühls für das Schöne sowohl als das Erhabene in der Dichtkunst,

der Bildhauerkunst, der Architektur, der Gesetzgebung und selbst in den Sitten.

Die Regierung der römischen Kaiser veränderte die edle sowohl als die schöne

Einfalt in das Prächtige und dann in den falschen Schimmer, wovon uns noch die

Überbleibsel ihrer Beredsamkeit, Dichtkunst und selbst die Geschichte ihrer

Bitten belehren können. Allmählich erlosch auch dieser Rest des feinern

Geschmacks mit dem gänzlichen Verfall des Staats. Die Barbaren, nachdem sie

ihrerseits ihre Macht befestigten, führten einen gewissen verkehrten Geschmack

ein, den man den gotischen nennt und der auf Fratzen auslief. Man sah nicht

allein Fratzen in der Baukunst, sondern auch in den Wissenschaften und den

übrigen Gebräuchen. Das verunartete Gefühl, da es einmal durch falsche Kunst

geführt ward, nahm eher eine jede andere natürliche Gestalt als die alte Einfalt

der Natur an, und war entweder beim Übertriebenen oder beim Läppischen. Der

höchste Schwung, den das menschliche Genie nahm, um zu dem Erhabenen

aufzusteigen, bestand in Abenteuern. Man sah geistliche und weltliche

Abenteurer und oftmals eine widrige und ungeheure Bastardart von beiden.

Mönche mit dem Meßbuch in einer und der Kriegesfahne in der andern Hand,

denen ganze Heere betrogener Schlachtopfer folgten, um in andern

Himmelsgegenden und in einem heiligeren Boden ihre Gebeine verscharren zu

lassen, eingeweihte Krieger, durch feierliche Gelübde zur Gewalttätigkeit und

Missetaten geheiligt, in der Folge eine seltsame Art von heroischen Phantasten,

welche sich Ritter nannten und Abenteuer aufsuchten, Turniere, Zweikämpfe

und romantische Handlungen. Während dieser Zeit ward die Religion zusamt

den Wissenschaften und Sitten durch elende Fratzen entstellt, und man bemerkt,

daß der Geschmack nicht leichtlich auf einer Seite ausartet, ohne auch in allem

übrigen, was zum feineren Gefühl gehört, deutliche Zeichen seiner Verderbnis

darzulegen. Die Klostergelübde machten aus einem großen Teil nutzbarer

Menschen zahlreiche Gesellschaften emsiger Müßiggänger, deren grüblerische

Lebensart sie geschickt machte, tausend Schulfratzen auszuhecken, welche von

da in größere Welt ausgingen und ihre Art verbreiteten. Endlich, nachdem das

menschliche Genie von einer fast gänzlichen Zerstörung sich durch eine Art von

Palingenesie glücklich wiederum erhoben hat, so sehen wir in unsern Tagen den

richtigen Geschmack des Schönen und Edlen, sowohl in den Künsten und

Wissenschaften als in Ansehung des Sittlichen, aufblühen, und es ist nichts mehr

zu wünschen, als daß der falsche Schimmer, der so leichtlich täuscht, uns nicht unvermerkt von der edlen Einfalt entferne, vornehmlich aber, daß das noch

unentdeckte Geheimnis der Erziehung dem alten Wahne entrissen werde, um das

sittliche Gefühl frühzeitig in dem Busen eines jeden jungen Weltbürgers zu einer

tätigen Empfindung zu erhöhen, damit nicht alle Feinigkeit bloß auf das

flüchtige und müßige Vergnügen hinauslaufe, dasjenige, was außer uns vorgeht,

mit mehr oder weniger Geschmacke zu beurteilen.

1764.

Gedruckt in der Roßberg’schen Buchdruckerei in Leipzig.

(1) Ich will nur ein Beispiel von dem edlen Grausen geben, welches die

Beschreibung einer gänzlichen Einsamkeit einflößen kann, und ziehe um

deswillen einige Stellen aus Carazans Traum im Brem. Magazin, Band IV,

Seite 539 aus. Dieser karge Reiche hatte nach dem Maße, als seine Reichtümer

zunahmen, sein Herz dem Mitleiden und der Liebe gegen jeden andern

verschlossen. Indessen, so wie die Menschenliebe in ihm erkaltete, nahm die

Emsigkeit seiner Gebete und der Religionshandlungen zu. Nach diesem

Geständnisse fährt er also fort zu reden. An einem Abende, da ich bei meiner

Lampe meine Rechnungen zog und den Handlungsvorteil überschlug,

überwältigte mich der Schlaf. In diesem Zustande sah ich den Engel des Todes

wie einen Wirbelwind über mich kommen, er schlug mich, ehe ich den

schrecklichen Streich abbitten konnte. Ich erstarrte, als ich gewahr ward, daß

mein Los für die Ewigkeit geworfen sei und daß zu allem Guten, das ich verübt,

nichts konnte hinzugetan, und von allem Bösen, das ich getan, nichts konnte

hinweggenommen werden. Ich ward vor den Thron dessen, der in dem dritten

Himmel wohnt, geführt. Der Glanz, der vor mir flammte, redete mich also an:

»Carazan, dein Gottesdienst ist verworfen. Du hast dein Herz der Menschenliebe

verschlossen und deine Schätze mit einer eisernen Hand gehalten. Du hast nur

für dich selbst gelebt, und darum sollst du auch künftig in Ewigkeit allein und

von aller Gemeinschaft mit der ganzen Schöpfung ausgestoßen leben.« In

diesem Augenblicke ward ich durch eine unsichtbare Gewalt fortgerissen und

durch das glänzende Gebäude der Schöpfung getrieben. Ich ließ bald unzählige

Welten hinter mir. Als ich mich dem äußersten Ende der Natur näherte, merkte

ich, daß die Schatten des grenzenlosen Leeren sich in die Tiefe vor mich

herabsenkten. Ein fürchterliches Reich von ewiger Stille, Einsamkeit und

Finsternis. Unaussprechliches Grausen überfiel mich bei diesem Anblick. Ich

verlor allgemach die letzten Sterne aus dem Gesichte, und endlich erlosch der

letzte glimmernde Schein des Lichts in der äußersten Finsternis. Die Todesängste

der Verzweiflung nahmen mit jedem Augenblicke zu, so wie jeder Augenblick

meine Entfernung von der letzten bewohnten Welt vermehrte. Ich bedachte mit

unleidlicher Herzensangst, daß, wenn zehntausendmal tausend Jahre mich jenseit den Grenzen alles Erschaffenen würden weitergebracht haben, ich doch noch

immerhin in den unermeßlichen Abgrund der Finsternis vorwärts schauen würde

ohne Hülfe oder Hoffnung einiger Rückkehr. – – In dieser Betäubung streckte

ich meine Hände mit solcher Heftigkeit nach Gegenständen der Wirklichkeit aus,

daß ich darüber erwachte. Und nun bin ich belehrt worden, Menschen

hochzuschätzen; denn auch der Geringste von denjenigen, die ich im Stolze

meines Glücks von meiner Türe gewiesen hatte, würde in jener erschrecklichen

Einöde von mir allen Schätzen von Golconda weit sein vorgezogen worden. – –

(2) Die Empfindungen des Erhabenen spannen die Kräfte der Seele stärker

an und ermüden daher eher. Man wird ein Schäfergedicht länger in einer Folge

lesen können als Miltons Verlorenes Paradies und den de la Bruyere länger wie

den Young. Es scheint mir sogar ein Fehler des letzteren als eines moralischen

Dichters zu sein, daß er gar zu einförmig im erhabenen Tone anhält; denn die

Stärke des Eindrucks kann nur durch Abstechungen mit sanfteren Stellen

erneuert werden. Bei dem Schönen ermüdet nichts mehr als mühsame Kunst, die

sich dabei verrät. Die Bemühung zu reizen wird peinlich und mit

Beschwerlichkeit empfunden.

(3) Insofern die Erhabenheit oder Schönheit das bekannte Mittelmaß

überschreitet, so pflegt man sie romantisch zu nennen.

(4) Man bemerkt bald, daß diese ehrwürdige Gesellschaft sich in zwei Logen

teile, in die der Grillenfänger und die der Gecken. Ein gelehrter Grillenfänger

wird bescheidentlich ein Pedant genannt. Wenn er die trotzige Weisheitsmiene

annimmt, wie die Dunse alter und neuer Zeiten, so steht ihm die Kappe mit

Schellen gut zum Gesichte. Die Klasse der Gecken wird mehr in der großen Welt

angetroffen. Sie ist vielleicht noch besser als die erstere. Man hat an ihnen viel

zu verdienen und viel zu lachen. In dieser Karikatur macht gleichwohl einer dem

andern ein schief Maul und stößt mit seinem leeren Kopf an den Kopf seines

Bruders.

(5) Bei näherer Erwägung findet man, daß, so liebenswürdig auch die

mitleidige Eigenschaft sein mag, sie doch die Würde der Tugend nicht an sich

habe. Ein leidendes Kind, ein unglückliches und artiges Frauenzimmer wird

unser Herz mit dieser Wehmut anfüllen, indem wir zu gleicher Zeit die Nachricht

von einer großen Schlacht mit Kaltsinn vernehmen, in welcher, wie leicht zu

erachten, ein ansehnlicher Teil des menschlichen Geschlechts unter grausamen

Übeln unverschuldet erliegen muß. Mancher Prinz, der sein Gesicht vor Wehmut

für eine einzige unglückliche Person wegwandte, gab gleichwohl aus einem

öfters eitlen Bewegungsgrunde zu gleicher Zeit den Befehl zum Kriege. Es ist hier gar keine Proportion in der Wirkung, wie kann man denn sagen, daß die

allgemeine Menschenliebe die Ursache sei?

(6) Er hält sich auch sogar nur insofern für glücklich, als er vermutet, daß er

dafür von andern gehalten wird.

(7) Man sieht auch, daß eine gewisse Feinigkeit des Gefühls einem

Menschen zum Verdienste angerechnet wird. Daß jemand in Fleisch oder

Kuchen eine gute Mahlzeit tun kann, imgleichen daß er unvergleichlich wohl

schläft, das wird man ihm wohl als ein Zeichen eines guten Magens, aber nicht

als ein Verdienst auslegen. Dagegen wer einen Teil seiner Mahlzeit dem

Anhören einer Musik aufopfert oder bei einer Schilderei sich in eine angenehme

Zerstreuung vertiefen kann, oder einige witzige Sachen, wenn es auch nur

poetische Kleinigkeiten wären, gerne liest, hat doch fast in jedermanns Augen

den Anstand eines feineren Menschen, von dem man eine vorteilhaftere und für

ihn rühmlichere Meinung hat.

(8) Diese wurde oben, Seite 19, in einem strengen Urteil adoptierte Tugend

genannt; hier, da sie um des Geschlechtscharakters willen eine günstige

Rechtfertigung verdient, heißt sie überhaupt eine schöne Tugend.

(9) Wie alle Dinge in der Welt auch ihre schlimme Seite haben, so ist bei

diesem Geschmacke nur zu bedauern, daß er leichter wie ein anderer in

Lüderlichkeit ausartet. Denn weil das Feuer, das eine Person entzündet hat, eine

jede andre wieder löschen kann, so sind nicht genug Schwierigkeiten da, die eine

unbändige Neigung einschränken könnten.

(10) Dieser Vorteil selbst wird gar sehr gemindert durch die Beobachtung,

welche man gemacht haben will, daß diejenigen Mannspersonen, welche zu früh

und zu häufig in solchen Gesellschaften eingeflochten sind, denen das

Frauenzimmer den Ton gibt, gemeiniglich etwas läppisch werden und im

männlichen Umgange langweilig oder auch verächtlich sind, weil sie den

Geschmack an einer Unterhaltung verloren haben, die zwar munter, aber doch

auch von wirklichem Gehalt, zwar scherzhaft, aber auch durch ernsthafte

Gespräche nützlich sein muß.

(11) Meine Absicht ist gar nicht, die Charaktere der Völkerschaften

ausführlich zu schildern, sondern ich entwerfe nur einige Züge, die das Gefühl

des Erhabenen und Schönen an ihnen ausdrücken. Man kann leicht erachten, daß

an dergleichen Zeichnung nur eine leidliche Richtigkeit könne verlangt werden,

daß die Urbilder davon nur in dem großen Haufen derjenigen, die auf ein

feineres Gefühl Anspruch machen, hervorstechen und daß es keiner Nation an

Gemütsarten fehle, welche die vortrefflichsten Eigenschaften von dieser Art vereinbaren. Um deswillen kann der Tadel, der gelegentlich auf ein Volk fallen

möchte, keinen beleidigen, wie er denn von solcher Natur ist, daß ein jeglicher

ihn wie einen Ball auf seinen Nachbar schlagen kann. Ob diese

Nationalunterschiede zufällig seien und von den Zeitläuften und der

Regierungsart abhängen, oder mit einer gewissen Notwendigkeit an das Klima

gebunden seien, das untersuche ich hier nicht.

(12) Es ist kaum nötig, daß ich hier meine vorige Entschuldigung

wiederhole. In jedem Volke enthält der feinste Teil rühmliche Charaktere von

aller Art, und wen ein oder anderer Tadel treffen sollte, der wird, wenn er fein

genug ist, seinen Vorteil verstehen, der daraus ankommt, daß er jeden andern

seinem Schicksale überläßt, sich selbst aber ausnimmt.

(13) In der Metaphysik, der Moral und den Lehren der Religion kann man

bei den Schriften dieser Nation nicht behutsam genug sein. Es herrscht darin

gemeiniglich viel schönes Blendwerk, welches in einer kalten Untersuchung die

Probe nicht hält. Der Franzose liebt das Kühne in seinen Aussprüchen; allein,

um zur Wahrheit zu gelangen, muß man nicht kühn, sondern behutsam sein. In

der Geschichte hat er gerne Anekdoten, denen nichts weiter fehlt, als daß zu

wünschen ist, daß sie nur wahr wären.

(14) Das Frauenzimmer gibt in Frankreich allen Gesellschaften und allem

Umgange den Ton. Nun ist wohl nicht zu leugnen, daß die Gesellschaften ohne

das schöne Geschlecht ziemlich schmacklos und langweilig sind; allein wenn die

Dame darin den schönen Ton angibt, so sollte der Mann seinerseits den edlen

angeben. Widrigenfalls wird der Umgang ebensowohl langweilig, aber aus

einem entgegengesetzten Grunde: weil nichts so sehr verekelt als lauter

Süßigkeit. Nach dem französischen Geschmacke heißt es nicht: Ist der Herr zu

Hause?, sondern: Ist Madame zu Hause? Madame ist vor der Toilette, Madame

hat Vapeurs (eine Art schöner Grillen); kurz, mit Madame und von Madame

beschäftigen sich alle Unterredungen und alle Lustbarkeiten. Indessen ist das

Frauenzimmer dadurch gar nicht mehr geehrt. Ein Mensch, welcher tändelt, ist

jederzeit ohne Gefühl sowohl der wahren Achtung als auch der zärtlichen Liebe.

Ich möchte wohl, um wer weiß wieviel, dasjenige nicht gesagt haben, was

Rousseau so verwegen behauptet: daß ein Frauenzimmer niemals etwas mehr als

ein großes Kind werde. Allein der scharfsichtige Schweizer schrieb dieses in

Frankreich, und vermutlich empfand er es als ein so großer Verteidiger des

schönen Geschlechts mit Entrüstung, daß man demselben nicht mit mehr

wirklicher Achtung daselbst begegnet.

(15) Es ist nicht nötig, daß ein Hoffärtiger zugleich hochmütig sei, d. h. sich eine übertriebene, falsche Einbildung von seinen Vorzügen mache, sondern er

kann vielleicht sich nicht höher schätzen, als er wert ist, er hat aber nur einen

falschen Geschmack, diesen seinen Wert äußerlich geltend zu machen.

(16) Man hat sonst bemerkt, daß die Engländer als ein so kluges Volk

gleichwohl leichtlich durch eine dreiste Ankündigung einer wunderlichen und

ungereimten Sache können berückt werden, sie anfänglich zu glauben; wovon

man viele Beispiele hat. Allein eine kühne Gemütsart, vorbereitet durch

verschiedene Erfahrungen, in welchen manche seltsamen Dinge gleichwohl

wahr befunden worden, bricht geschwinde durch die kleinen Bedenklichkeiten,

von denen ein schwacher und mißtrauischer Kopf bald aufgehalten wird und so

ohne sein Verdienst bisweilen vor dem Irrtum verwahrt wird.

(17) Der Fanaticism muß vom Enthusiasmus jederzeit unterschieden werden.

Jener glaubt eine unmittelbare und außerordentliche Gemeinschaft mit einer

höheren Natur zu fühlen, dieser bedeutet den Zustand des Gemüts, da dasselbe

durch irgendeinen Grundsatz über den geziemenden Grad erhitzt worden, es sei

nun durch die Maxime der patriotischen Tugend, oder der Freundschaft, oder der

Religion, ohne daß hiebei die Einbildung einer übernatürlichen Gemeinschaft

etwas zu schaffen hat.

(18) Man begeht noch in Peking die Zeremonie, bei einer Sonnen- oder

Mondfinsternis durch großes Geräusch den Drachen zu verjagen, der diese

Himmelskörper verschlingen will, und behält einen elenden Gebrauch aus den

ältesten Zeiten der Unwissenheit bei, ob man gleich jetzt besser belehrt ist.



Zuletzt geändert: 23/10/2026