Was heißt: sich im Denken orientieren?
Was heißt: sich im Denken orientieren? - Immanuel Kant Inhalt

Was heißt: sich im Denken orientieren?

Anmerkungen zur Transkription:

Der Text stammt aus: Immanuel Kants Werke. Band IV. Schriften von 1783–

1788. Herausgegeben von Dr. Artur Buchenau und Dr. Ernst Cassirer. Berlin:

Bruno Cassirer 1913. S. 349–366 und 545–548 (Lesarten).

Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;

lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Änderungen sind im

Text so gekennzeichnet. Der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der

Maus. Eine Liste der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des

Textes.

Was heißt: sich im Denken orientieren?

sehr von der Sinnlichkeit abstrahieren, so hängen ihnen doch noch immer Wir mögen unsere Begriffe noch so hoch anlegen und dabei noch so

b i l d l i c h e Vorstellungen an, deren eigentliche Bestimmung es ist, sie, die

sonst nicht von der Erfahrung abgeleitet sind, zum

E r f a h r u n g s g e b r a u c h e tauglich zu machen. Denn wie wollten wir auch

unseren Begriffen Sinn und Bedeutung verschaffen, wenn ihnen nicht irgendeine

Anschauung, (welche zuletzt immer ein Beispiel aus irgendeiner möglichen

Erfahrung sein muß), untergelegt würde? Wenn wir hernach von dieser

konkreten Verstandeshandlung die Beimischung des Bildes, zuerst der zufälligen

Wahrnehmung durch Sinne, dann sogar die reine sinnliche Anschauung

überhaupt weglassen: so bleibt jener reine Verstandesbegriff übrig, dessen

Umfang nun erweitert ist und eine Regel des Denkens überhaupt enthält. Auf

solche Weise ist selbst die allgemeine Logik zustande gekommen; und manche

h e u r i s t i s c h e Methode zu denken liegt in dem Erfahrungsgebrauche unseres

Verstandes und der Vernunft vielleicht noch verborgen, welche, wenn wir sie

behutsam aus jener Erfahrung herauszuziehen verständen, die Philosophie wohl

mit mancher nützlichen Maxime, selbst im abstrakten Denken, bereichern

könnte.

Von dieser Art ist der Grundsatz, zu dem der sel. MENDELSSOHN, soviel

ich weiß, nur in seinen letzten Schriften (den Morgenstunden S. 165–66 und dem

Briefe an Lessings Freunde S. 33 und 67) sich ausdrücklich bekannte: nämlich

die Maxime der Notwendigkeit, im spekulativen Gebrauche der Vernunft,

(welchem er sonst in Ansehung der Erkenntnis übersinnlicher Gegenstände sehr

viel, sogar bis zur Evidenz der Demonstration zutraute), durch ein gewisses

Leitungsmittel, welches er bald den G e m e i n s i n n (Morgenstunden), bald die

g e s u n d e Ve r n u n f t, bald den s c h l i c h t e n M e n s c h e n v e r s t a n d

(an Lessings Freunde) nannte, sich zu o r i e n t i e r e n. Wer hätte denken sollen,

daß dieses Geständnis nicht allein seiner vorteilhaften Meinung von der Macht des s p e k u l a t i v e n Vernunftgebrauchs in Sachen der Theologie so

verderblich werden sollte, (welches in der Tat unvermeidlich war); sondern daß

selbst die gemeine gesunde Vernunft bei der Zweideutigkeit, worin er die

Ausübung dieses Vermögens im Gegensatze mit der Spekulation ließ, in Gefahr

geraten würde, zum Grundsatze der Schwärmerei und der gänzlichen

Entthronung der Vernunft zu dienen? Und doch geschah dieses in der

M e n d e l s s o h n - und J a c o b i schen Streitigkeit, vornehmlich durch die nicht

unbedeutenden Schlüsse des scharfsinnigen Verfassers der R e s u l t a t e;(1)

wiewohl ich keinem von beiden die Absicht, eine so verderbliche Denkungsart

in Gang zu bringen, beilegen will, sondern des letzteren Unternehmung lieber als

argumentum ad hominem ansehe, dessen man sich zur bloßen Gegenwehr zu

bedienen wohl berechtigt ist, um die Blöße, die der Gegner gibt, zu dessen

Nachteil zu benutzen. Andererseits werde ich zeigen, daß es in der Tat b l o ß die

Vernunft, nicht ein vorgeblicher geheimer Wahrheitssinn, keine

überschwengliche Anschauung unter dem Namen des Glaubens, worauf

Tradition oder Offenbarung ohne Einstimmung der Vernunft gepfropft werden

kann, sondern, wie MENDELSSOHN standhaft und mit gerechtem Eifer

behauptete, bloß die eigentliche reine Menschenvernunft sei, wodurch er es nötig

fand und anpries, sich zu orientieren; ob zwar freilich hiebei der hohe Anspruch

des spekulativen Vermögens derselben, vornehmlich ihr allein gebietendes

Ansehen (durch Demonstration) wegfallen und ihr, sofern sie spekulativ ist,

nichts weiter als das Geschäft der Reinigung des gemeinen Vernunftbegriffs von

Widersprüchen und die Verteidigung gegen i h r e e i g e n e n sophistischen

Angriffe auf die Maximen einer gesunden Vernunft übrig gelassen werden muß.

– Der erweiterte und genauer bestimmte Begriff des S i c h - O r i e n t i e r e n s

kann uns behülflich sein, die Maxime der gesunden Vernunft in ihren

Bearbeitungen zur Erkenntnis übersinnlicher Gegenstände deutlich darzustellen.

Sich o r i e n t i e r e n heißt in der eigentlichen Bedeutung des Worts: aus

einer gegebenen Weltgegend, (in deren vier wir den Horizont einteilen), die

übrigen, namentlich den A u f g a n g zu finden. Sehe ich nun die Sonne am

Himmel und weiß, daß es nun die Mittagszeit ist, so weiß ich Süden, Westen,

Norden und Osten zu finden. Zu diesem Behuf bedarf ich aber durchaus das

Gefühl eines Unterschiedes an meinem eigenen S u b j e k t, nämlich der rechten

und linken Hand. Ich nenne es ein G e f ü h l, weil diese zwei Seiten äußerlich in

der Anschauung keinen merklichen Unterschied zeigen. Ohne dieses Vermögen,

in der Beschreibung eines Zirkels, ohne an ihm irgendeine Verschiedenheit der

Gegenstände zu bedürfen, doch die Bewegung von der Linken zur Rechten von der in entgegengesetzter Richtung zu unterscheiden und dadurch eine

Verschiedenheit in der Lage der Gegenstände a priori zu bestimmen, würde ich

nicht wissen, ob ich Westen dem Südpunkte des Horizonts zur Rechten oder zur

Linken setzen und so den Kreis durch Norden und Osten bis wieder zu Süden

vollenden sollte. Also orientiere ich mich g e o g r a p h i s c h bei allen objektiven

Datis am Himmel doch nur durch einen s u b j e k t i v e n Unterscheidungsgrund;

und wenn in einem Tage durch ein Wunder alle Sternbilder zwar übrigens

dieselbe Gestalt und ebendieselbe Stellung gegeneinander behielten, nur daß die

Richtung derselben, die sonst östlich war, jetzt westlich geworden wäre, so

würde in der nächsten sternhellen Nacht zwar kein menschliches Auge die

geringste Veränderung bemerken und selbst der Astronom, wenn er bloß auf das,

was er sieht und nicht zugleich, was er fühlt, achtgäbe, würde sich

unvermeidlich d e s o r i e n t i e r e n. So aber kömmt ihm ganz natürlich das zwar

durch die Natur angelegte, aber durch öftere Ausübung gewohnte

Unterscheidungsvermögen durchs Gefühl der rechten und linken Hand zu Hülfe,

und er wird, wenn er nur den Polarstern ins Auge nimmt, nicht allein die

vorgegangene Veränderung bemerken, sondern sich auch ungeachtet derselben

o r i e n t i e r e n können.

Diesen geographischen Begriff des Verfahrens sich zu orientieren kann ich

nun erweitern und darunter verstehen: sich in einem gegebenen Raum überhaupt,

mithin bloß m a t h e m a t i s c h orientieren. Im Finstern orientiere ich mich in

einem mir bekannten Zimmer, wenn ich nur einen einzigen Gegenstand, dessen

Stelle ich im Gedächtnis habe, anfassen kann. Aber hier hilft mir offenbar nichts

als das Bestimmungsvermögen der Lagen nach einem s u b j e k t i v e n

Unterscheidungsgrunde; denn die Objekte, deren Stelle ich finden soll, sehe ich

gar nicht; und hätte jemand mir zum Spaße alle Gegenstände zwar in derselben

Ordnung untereinander, aber links gesetzt, was vorher rechts war, so würde ich

mich in einem Zimmer, wo sonst alle Wände ganz gleich wären, gar nicht finden

können. So aber orientiere ich mich bald durch das bloße Gefühl eines

Unterschiedes meiner zwei Seiten, der rechten und der linken. Eben das

geschieht, wenn ich zur Nachtzeit auf mir sonst bekannten Straßen, in denen ich

jetzt kein Haus unterscheide, gehen und mich gehörig wenden soll.

Endlich kann ich diesen Begriff noch mehr erweitern, da er denn in dem

Vermögen bestände, sich nicht bloß im Raume d. i. mathematisch, sondern

ü b e r h a u p t i m D e n k e n d. i. l o g i s c h zu orientieren. Man kann nach der

Analogie leicht erraten, daß dieses ein Geschäft der reinen Vernunft sein werde,

ihren Gebrauch zu lenken, wenn sie von bekannten Gegenständen (der Erfahrung) ausgehend sich über alle Grenzen der Erfahrung erweitern will und

ganz und gar kein Objekt der Anschauung, sondern bloß Raum für dieselbe

findet; da sie alsdann gar nicht mehr imstande ist, nach objektiven Gründen der

Erkenntnis, sondern lediglich nach einem subjektiven Unterscheidungsgrunde, in

der Bestimmung ihres eigenen Urteilvermögens, ihre Urteile unter eine

bestimmte Maxime zu bringen.(2) Dies subjektive Mittel, das alsdann noch übrig

bleibt, ist kein anderes als das Gefühl des der Vernunft eigenen

B e d ü r f n i s s e s. Man kann vor allem Irrtum gesichert bleiben, wenn man sich

da nicht unterfängt zu urteilen, wo man nicht soviel weiß, als zu einem

bestimmenden Urteile erforderlich ist. Also ist Unwissenheit an sich die Ursache

zwar der Schranken, aber nicht der Irrtümer in unserer Erkenntnis. Aber wo es

nicht so willkürlich ist, ob man über etwas bestimmt urteilen wolle oder nicht,

wo ein wirkliches B e d ü r f n i s und wohl gar ein solches, welches der Vernunft

an sich selbst anhängt, das Urteilen notwendig macht und gleichwohl Mangel

des Wissens in Ansehung der zum Urteil erforderlichen Stücke uns einschränkt,

da ist eine Maxime nötig, wornach wir unser Urteil fällen; denn die Vernunft will

einmal befriedigt sein. Wenn denn vorher schon ausgemacht ist, daß es hier

keine Anschauung vom Objekte, nicht einmal etwas mit diesem Gleichartiges

geben könne, wodurch wir unseren erweiterten Begriffen den ihnen

angemessenen Gegenstand darstellen und diese also ihrer realen Möglichkeit

wegen sichern könnten, so wird für uns nichts weiter zu tun übrig sein, als zuerst

den Begriff, mit welchem wir uns über alle mögliche Erfahrung hinauswagen

wollen, wohl zu prüfen, ob er auch von Widersprüchen frei sei; und dann

wenigstens das Ve r h ä l t n i s des Gegenstandes zu den Gegenständen der

Erfahrung unter reine Verstandesbegriffe zu bringen, wodurch wir ihn noch gar

nicht versinnlichen, aber doch etwas Übersinnliches wenigstens tauglich zum

Erfahrungsgebrauche unserer Vernunft denken; denn ohne diese Vorsicht würden

wir von einem solchen Begriffe gar keinen Gebrauch machen können, sondern

schwärmen anstatt zu denken.

Allein hiedurch, nämlich durch den bloßen Begriff, ist doch noch nichts in

Ansehung der Existenz dieses Gegenstandes und der wirklichen Verknüpfung

desselben mit der Welt (dem Inbegriffe aller Gegenstände möglicher Erfahrung)

ausgerichtet. Nun aber tritt d a s R e c h t d e s B e d ü r f n i s s e s der Vernunft

ein als eines subjektiven Grundes, etwas vorauszusetzen und anzunehmen, was

sie durch objektive Gründe zu wissen sich nicht anmaßen darf, und folglich sich

im Denken, im unermeßlichen und für uns mit dicker Nacht erfülleten Raume

des Übersinnlichen lediglich durch ihr eigenes Bedürfnis zu o r i e n t i e r e n.

Es läßt sich manches Übersinnliche denken; (denn Gegenstände der Sinne

füllen doch nicht das ganze Feld aller Möglichkeit aus), wo die Vernunft

gleichwohl kein Bedürfnis fühlt, sich bis zu demselben zu erweitern, viel

weniger dessen Dasein anzunehmen. Die Vernunft findet an denen Ursachen in

der Welt, welche sich den Sinnen offenbaren (oder wenigstens von derselben Art

sind als die, so sich ihnen offenbaren), Beschäftigung genug, um noch den

Einfluß reiner geistiger Naturwesen zu deren Behuf nötig zu haben; deren

Annehmung vielmehr ihrem Gebrauche nachteilig sein würde. Denn da wir von

den Gesetzen, nach welchen solche Wesen würken mögen, nichts, von jenen

aber, nämlich den Gegenständen der Sinne, vieles wissen, wenigstens noch zu

erfahren hoffen können; so würde durch solche Voraussetzung dem Gebrauche

der Vernunft vielmehr Abbruch geschehen. Es ist also gar kein Bedürfnis, es ist

vielmehr bloßer Vorwitz, der auf nichts als Träumerei ausläuft, darnach zu

forschen oder mit Hirngespinsten der Art zu spielen. Ganz anders ist es mit dem

Begriffe von einem ersten U r w e s e n als oberster Intelligenz und zugleich als

dem höchsten Gute, bewandt. Denn nicht allein, daß unsere Vernunft schon ein

Bedürfnis fühlt, den B e g r i f f des Uneingeschränkten dem Begriffe alles

Eingeschränkten, mithin aller anderen Dinge(3) zum Grunde zu legen; so geht

dieses Bedürfnis auch auf die Voraussetzung des D a s e i n s desselben, ohne

welche sie sich von der Zufälligkeit der Existenz der Dinge in der Welt, am

wenigsten aber von der Zweckmäßigkeit und Ordnung, die man in so

bewunderungswürdigem Grade (im Kleinen, weil es uns nahe ist, noch mehr wie

im Großen) allenthalben antrifft, gar keinen befriedigenden Grund angeben

kann. Ohne einen verständigen Urheber anzunehmen, läßt sich, ohne in lauter

Ungereimtheiten zu verfallen, wenigstens k e i n v e r s t ä n d l i c h e r Grund

davon angeben; und ob wir gleich die Unmöglichkeit einer solchen

Zweckmäßigkeit ohne eine erste v e r s t ä n d i g e U r s a c h e nicht

b e w e i s e n können; (denn alsdann hätten wir hinreichende objektive Gründe

dieser Behauptung und bedürften es nicht, uns auf den subjektiven zu berufen),

so bleibt bei diesem Mangel der Einsicht doch ein genugsamer subjektiver

Grund der A n n e h m u n g derselben darin, daß die Vernunft es b e d a r f, etwas,

was ihr verständlich ist, vorauszusetzen, um diese gegebene Erscheinung daraus

zu erklären, da alles, womit sie sonst nur einen Begriff verbinden kann, diesem

Bedürfnisse nicht abhilft.

Man kann aber das Bedürfnis der Vernunft als zwiefach ansehen: e r s t l i c h

in ihrem t h e o r e t i s c h e n, z w e i t e n s in ihrem p r a k t i s c h e n Gebrauch.

Das erste Bedürfnis habe ich eben angeführt; aber man sieht wohl, daß es nur bedingt sei, d. i. wir müssen die Existenz Gottes annehmen, wenn wir über die

ersten Ursachen alles Zufälligen, vornehmlich in der Ordnung der wirklich in der

Welt gelegten Zwecke, u r t e i l e n w o l l e n. Weit wichtiger ist das Bedürfnis

der Vernunft in ihrem praktischen Gebrauche, weil es unbedingt ist und wir die

Existenz Gottes vorauszusetzen nicht bloß alsdann genötigt werden, wenn wir

urteilen w o l l e n, sondern weil wir u r t e i l e n m ü s s e n. Denn der reine

praktische Gebrauch der Vernunft besteht in der Vorschrift der moralischen

Gesetze. Sie führen aber alle auf die Idee des h ö c h s t e n G u t e s, was in der

Welt möglich ist, sofern es allein durch F r e i h e i t möglich ist: die

S i t t l i c h k e i t; von der anderen Seite auch auf das, was nicht bloß auf

menschliche Freiheit, sondern auch auf die N a t u r ankommt, nämlich auf die

größte G l ü c k s e l i g k e i t, sofern sie in Proportion der ersten ausgeteilt ist.

Nun b e d a r f die Vernunft ein solches a b h ä n g i g e s höchste Gut und zum

Behuf desselben eine oberste Intelligenz als höchstes u n a b h ä n g i g e s Gut

anzunehmen; zwar nicht, um davon das verbindende Ansehen der moralischen

Gesetze oder die Triebfeder zu ihrer Beobachtung abzuleiten; (denn sie würden

keinen moralischen Wert haben, wenn ihr Bewegungsgrund von etwas anderem

als von dem Gesetz allein, das für sich apodiktisch gewiß ist, abgeleitet würde);

sondern nur, um dem Begriffe vom höchsten Gut objektive Realität zu geben,

d. i. zu verhindern, daß es zusamt der ganzen Sittlichkeit nicht bloß für ein

bloßes Ideal gehalten werde, wenn dasjenige nirgend existierte, dessen Idee die

Moralität unzertrennlich begleitet.

Es ist also nicht E r k e n n t n i s, sondern gefühltes(4) B e d ü r f n i s der

Vernunft, wodurch sich MENDELSSOHN (ohne sein Wissen) im spekulativen

Denken orientierte. Und da dieses Leitungsmittel nicht ein objektives Prinzip der

Vernunft, ein Grundsatz der Einsichten, sondern ein bloß subjektives (d. i. eine

Maxime) des ihr durch ihre Schranken allein erlaubten Gebrauchs, ein Folgesatz

des Bedürfnisses ist und f ü r s i c h a l l e i n den ganzen Bestimmungsgrund

unsers Urteils über das Dasein des höchsten Wesens ausmacht, von dem es nur

ein zufälliger Gebrauch ist, sich in den spekulativen Versuchen über denselben

Gegenstand zu orientieren: so fehlte er hierin allerdings, daß er dieser

Spekulation dennoch so viel Vermögen zutraute, für sich allein auf dem Wege

der Demonstration alles auszurichten. Die Notwendigkeit des ersteren Mittels

konnte nur stattfinden, wenn die Unzulänglichkeit des letzteren völlig

zugestanden war: ein Geständnis, zu welchem ihn seine Scharfsinnigkeit doch

zuletzt würde gebracht haben, wenn mit einer längeren Lebensdauer ihm auch

die den Jugendjahren mehr eigene Gewandtheit des Geistes, alte gewohnte Denkungsart nach Veränderung des Zustandes der Wissenschaften leicht

umzuändern, wäre vergönnet gewesen. Indessen bleibt ihm doch das Verdienst,

daß er darauf bestand, den letzten Probierstein der Zulässigkeit eines Urteils hier

wie allerwärts nirgend als a l l e i n i n d e r Ve r n u n f t zu suchen: sie mochte

nun durch Einsicht oder bloßes Bedürfnis und die Maxime ihrer eigenen

Zuträglichkeit in der Wahl ihrer Sätze geleitet werden. Er nannte die Vernunft in

ihrem letzteren Gebrauche die gemeine Menschenvernunft; denn dieser ist ihr

eigenes Interesse jederzeit zuerst vor Augen, indes man aus dem natürlichen

Geleise schon muß getreten sein, um jenes zu vergessen und müßig unter

Begriffen in objektiver Rücksicht zu spähen, um bloß sein Wissen, es mag nötig

sein oder nicht, zu erweitern.

Da aber der Ausdruck: A u s s p r u c h d e r g e s u n d e n Ve r n u n f t, in

vorliegender Frage immer noch zweideutig ist und entweder, wie ihn selbst

MENDELSSOHN mißverstand, für ein Urteil aus Ve r n u n f t e i n s i c h t oder,

wie ihn der Verfasser der Resultate zu nehmen scheint, ein Urteil aus

Ve r n u n f t e i n g e b u n g genommen werden kann, so wird nötig sein, dieser

Quelle der Beurteilung eine andere Benennung zu geben, und keine ist ihr

angemessener als die eines V e r n u n f t g l a u b e n s. Ein jeder Glaube, selbst

der historische, muß zwar v e r n ü n f t i g sein; (denn der letzte Probierstein der

Wahrheit ist immer die Vernunft), allein ein Vernunftglaube ist der, welcher sich

auf keine andere Data gründet als die, so in der r e i n e n Vernunft enthalten sind.

Aller G l a u b e ist nun ein subjektiv zureichendes, objektiv aber m i t

B e w u ß t s e i n unzureichendes Fürwahrhalten; also wird er dem W i s s e n

entgegengesetzt. Andrerseits, wenn aus objektiven, obzwar mit Bewußtsein

unzureichenden Gründen etwas für wahr gehalten, mithin bloß g e m e i n e t

wird, so kann dieses M e i n e n doch durch allmähliche Ergänzung in derselben

Art von Gründen endlich ein W i s s e n werden. Dagegen, wenn die Gründe des

Fürwahrhaltens ihrer Art nach gar nicht objektiv gültig sind, so kann der Glaube

durch keinen Gebrauch der Vernunft jemals ein Wissen werden. Der historische

Glaube z. B. von dem Tode eines großen Mannes, den einige Briefe berichten,

k a n n e i n W i s s e n w e r d e n, wenn die Obrigkeit des Orts denselben, sein

Begräbnis, Testament usw. meldet. Daß daher etwas historisch bloß auf

Zeugnisse für wahr gehalten, d. i. geglaubt wird, z. B. daß eine Stadt Rom in der

Welt sei, und doch derjenige, der niemals da gewesen, sagen kann: I c h w e i ß,

und nicht bloß: I c h g l a u b e, es existiere ein Rom, das steht ganz wohl

beisammen. Dagegen kann der reine Ve r n u n f t g l a u b e durch alle natürliche

Data der Vernunft und Erfahrung niemals in ein W i s s e n verwandelt werden, weil der Grund des Fürwahrhaltens hier bloß subjektiv, nämlich ein notwendiges

Bedürfnis der Vernunft ist (und, solange wir Menschen sind, immer bleiben

wird), das Dasein eines höchsten Wesens nur v o r a u s z u s e t z e n, nicht zu

demonstrieren. Dieses Bedürfnis der Vernunft zu ihrem sie befriedigenden

t h e o r e t i s c h e n Gebrauche würde nichts anders als reine

Ve r n u n f t h y p o t h e s e sein, d. i. eine Meinung, die aus subjektiven Gründen

zum Fürwahrhalten zureichend wäre; darum, weil man, gegebene

W i r k u n g e n z u e r k l ä r e n, niemals einen andern als diesen Grund

erwarten kann und die Vernunft doch einen Erklärungsgrund bedarf. Dagegen

der Ve r n u n f t g l a u b e, der auf dem Bedürfnis ihres Gebrauchs in

p r a k t i s c h e r Absicht beruht, ein P o s t u l a t der Vernunft heißen könnte;

nicht, als ob es eine Einsicht wäre, welche aller logischen Forderung zur

Gewißheit Genüge täte, sondern weil dieses Fürwahrhalten, (wenn in dem

Menschen alles nur moralisch gut bestellt ist), dem Grade nach keinem Wissen

nachsteht,(5) ob es gleich der Art nach davon völlig unterschieden ist.

Ein reiner Vernunftglaube ist also der Wegweiser oder Kompaß, wodurch der

spekulative Denker sich auf seinen Vernunftstreifereien im Felde übersinnlicher

Gegenstände orientieren, der Mensch von gemeiner, doch (moralisch) gesunder

Vernunft aber seinen Weg, sowohl in theoretischer als praktischer Absicht, dem

ganzen Zwecke seiner Bestimmung völlig angemessen vorzeichnen kann; und

dieser Vernunftglaube ist es auch, der jedem anderen Glauben, ja jeder

Offenbarung zum Grunde gelegt werden muß.

Der B e g r i f f von Gott, und selbst die Überzeugung von seinem D a s e i n,

kann nur allein in der Vernunft angetroffen werden, von ihr allein ausgehen und

weder durch Eingebung, noch durch eine erteilte Nachricht von noch so großer

Auctorität zuerst in uns kommen. Widerfährt mir eine unmittelbare Anschauung

von einer solchen Art, als sie mir die Natur, soweit ich sie kenne, gar nicht

liefern kann, so muß doch ein Begriff von Gott zur Richtschnur dienen, ob diese

Erscheinung auch mit allen dem übereinstimme, was zu dem Charakteristischen

einer Gottheit erforderlich ist. Ob ich gleich nun gar nicht einsehe, wie es

möglich sei, daß irgendeine Erscheinung dasjenige auch nur der Qualität nach

darstelle, was sich immer nur denken, niemals aber anschauen läßt, so ist doch

wenigstens soviel klar, daß, um nur zu urteilen, ob das Gott sei, was mir

erscheint, was auf mein Gefühl innerlich oder äußerlich wirkt, ich ihn an meinen

Vernunftbegriff von Gott halten und darnach prüfen müsse, nicht ob er diesem

adäquat sei, sondern bloß, ob er ihm nicht widerspreche. Ebenso: wenn auch bei

allem, wodurch er sich mir unmittelbar entdeckte, nichts angetroffen würde, was jenem Begriffe widerspräche, so würde dennoch diese Erscheinung,

Anschauung, unmittelbare Offenbarung oder wie man sonst eine solche

Darstellung nennen will, das D a s e i n eines Wesens niemals beweisen, dessen

Begriff, (wenn er nicht unsicher bestimmt und daher der Beimischung alles

möglichen Wahnes unterworfen werden soll), U n e n d l i c h k e i t der Größe

nach zur Unterscheidung von allem Geschöpfe fodert, welchem Begriffe aber

gar keine Erfahrung oder Anschauung adäquat sein, mithin auch niemals das

Dasein eines solchen Wesens unzweideutig beweisen kann. Vom Dasein des

höchsten Wesens kann also niemand durch irgendeine Anschauung z u e r s t

überzeugt werden; der Vernunftglaube muß vorhergehen, und alsdann könnten

allenfalls gewisse Erscheinungen oder Eröffnungen Anlaß zur Untersuchung

geben, ob wir das, was zu uns spricht oder sich uns darstellt, wohl befugt sind

für eine Gottheit zu halten und nach Befinden jenen Glauben bestätigen.

Wenn also der Vernunft in Sachen, welche übersinnliche Gegenstände

betreffen, als das Dasein Gottes und die künftige Welt, das ihr zustehende Recht,

z u e r s t zu sprechen bestritten wird, so ist aller Schwärmerei, Aberglauben, ja

selbst der Atheisterei eine weite Pforte geöffnet. Und doch s c h e i n t in der

J a c o b i schen und M e n d e l s s o h n i schen Streitigkeit alles auf diesen

Umsturz, ich weiß nicht recht, ob bloß der Ve r n u n f t e i n s i c h t und des

Wissens (durch vermeinte Stärke in der Spekulation) oder auch sogar des

Ve r n u n f t g l a u b e n s, und dagegen auf die Errichtung eines andern

Glaubens, den sich ein jeder nach seinem Belieben machen kann, angelegt. Man

sollte beinahe auf das letztere schließen, wenn man den S p i n o z i s t i s c h e n

Begriff von Gott als den einzigen mit allen Grundsätzen der Vernunft

stimmigen(6) und dennoch verwerflichen Begriff aufgestellt sieht. Denn, ob es

sich gleich mit dem Vernunftglauben ganz wohl verträgt einzuräumen, daß

spekulative Vernunft selbst nicht einmal die M ö g l i c h k e i t eines Wesens, wie

wir uns Gott denken müssen, einzusehen imstande sei: so kann es doch mit gar

keinem Glauben und überall mit keinem Fürwahrhalten eines Daseins

zusammenbestehen, daß Vernunft gar die U n m ö g l i c h k e i t eines

Gegenstandes einsehen und dennoch aus anderen Quellen die Wirklichkeit

desselben erkennen könnte.

Männer von Geistesfähigkeiten und von erweiterten Gesinnungen! Ich

verehre Eure Talente und liebe Euer Menschengefühl. Aber habt Ihr auch wohl

überlegt, was Ihr tut, und wo es mit Euren Angriffen auf die Vernunft hinaus

will? Ohne Zweifel wollt Ihr, daß F r e i h e i t z u d e n k e n ungekränkt

erhalten werde; denn ohne diese würde es selbst mit Euren freien Schwüngen des Genies bald ein Ende haben. Wir wollen sehen, was aus dieser Denkfreiheit

natürlicherweise werden müsse, wenn ein solches Verfahren, als Ihr beginnt,

überhandnimmt.

Der Freiheit zu denken ist e r s t l i c h der b ü r g e r l i c h e Z w a n g

entgegengesetzt. Zwar sagt man: die Freiheit zu s p r e c h e n oder zu

s c h r e i b e n, könne uns zwar durch obere Gewalt, aber die Freiheit zu

d e n k e n durch sie gar nicht genommen werden. Allein wie viel und mit

welcher Richtigkeit würden wir wohl d e n k e n, wenn wir nicht gleichsam in

Gemeinschaft mit andern, denen wir unsere und die uns ihre Gedanken

m i t t e i l e n, dächten! Also kann man wohl sagen, daß diejenige äußere Gewalt,

welche die Freiheit, seine Gedanken öffentlich m i t z u t e i l e n, den Menschen

entreißt, ihnen auch die Freiheit zu d e n k e n nehme; das einzige Kleinod, das

uns bei allen bürgerlichen Lasten noch übrig bleibt, und wodurch allein wider

alle Übel dieses Zustandes noch Rat geschafft werden kann.

Z w e i t e n s wird die Freiheit zu denken auch in der Bedeutung genommen,

daß ihr der G e w i s s e n s z w a n g entgegengesetzt ist; wo ohne alle äußere

Gewalt in Sachen der Religion sich Bürger über andere zu Vormündern

aufwerfen, und statt Argument durch vorgeschriebene, mit ängstlicher Furcht vor

der G e f a h r e i n e r e i g e n e n U n t e r s u c h u n g begleitete

Glaubensformeln alle Prüfung der Vernunft durch frühen Eindruck auf die

Gemüter zu verbannen wissen.

D r i t t e n s bedeutet auch Freiheit im Denken die Unterwerfung der

Vernunft unter keine andere Gesetze, als d i e s i e s i c h s e l b s t g i b t; und

ihr Gegenteil ist die Maxime eines g e s e t z l o s e n G e b r a u c h s der

Vernunft, (um dadurch, wie das Genie wähnt, weiter zu sehen als unter der

Einschränkung durch Gesetze). Die Folge davon ist natürlicherweise diese, daß,

wenn die Vernunft dem Gesetze nicht unterworfen sein will, das sie sich selbst

gibt, sie sich unter das Joch der Gesetze beugen muß, die ihr ein anderer gibt;

denn ohne irgendein Gesetz kann gar nichts, selbst nicht der größte Unsinn, sein

Spiel lange treiben. Also ist die unvermeidliche Folge der e r k l ä r t e n

Gesetzlosigkeit im Denken (einer Befreiung von den Einschränkungen durch die

Vernunft) diese: daß Freiheit zu denken zuletzt dadurch eingebüßt und, weil

nicht etwa Unglück, sondern wahrer Übermut daran schuld ist, im eigentlichen

Sinne des Worts v e r s c h e r z t wird.

Der Gang der Dinge ist ungefähr dieser. Zuerst gefällt sich das G e n i e sehr

in seinem kühnen Schwunge, da es den Faden, woran es sonst die Vernunft

lenkte, abgestreift hat. Es bezaubert bald auch andere durch Machtsprüche und große Erwartungen und scheint sich selbst nunmehr auf einen Thron gesetzt zu

haben, den langsame, schwerfällige Vernunft so schlecht zierete; wobei es

gleichwohl immer die Sprache derselben führet. Die alsdann angenommene

Maxime der Ungültigkeit einer zu oberst gesetzgebenden Vernunft nennen wir

gemeine Menschen S c h w ä r m e r e i; jene Günstlinge der gütigen Natur aber

E r l e u c h t u n g. Weil indessen bald eine Sprachverwirrung unter diesen selbst

entspringen muß, indem, da Vernunft allein für jedermann gültig gebieten kann,

jetzt jeder seiner Eingebung folgt, so müssen zuletzt aus inneren Eingebungen

durch äußere Zeugnisse bewährte Fakta, aus Traditionen, die anfänglich selbst

gewählt waren, mit der Zeit a u f g e d r u n g e n e Urkunden, mit einem Worte,

die gänzliche Unterwerfung der Vernunft unter Fakta d. i. der A b e r g l a u b e

entspringen, weil dieser sich doch wenigstens in eine g e s e t z l i c h e F o r m

und dadurch in einen Ruhestand bringen läßt.

Weil gleichwohl die menschliche Vernunft immer noch nach Freiheit strebt,

so muß, wenn sie einmal die Fesseln zerbricht, ihr erster Gebrauch einer lange

entwöhnten Freiheit in Mißbrauch und vermessenes Zutrauen auf

Unabhängigkeit ihres Vermögens von aller Einschränkung ausarten, in eine

Überredung von der Alleinherrschaft der spekulativen Vernunft, die nichts

annimmt, als was sich durch o b j e k t i v e Gründe und dogmatische

Überzeugung rechtfertigen kann, alles übrige aber kühn wegleugnet. Die

Maxime der Unabhängigkeit der Vernunft von ihrem e i g e n e n B e d ü r f n i s

(Verzichttuung auf Vernunftglauben) heißt nun U n g l a u b e; nicht ein

historischer, denn den kann man sich gar nicht als vorsätzlich, mithin auch nicht

als zurechnungsfähig denken, (weil jeder einem Faktum, welches nur

hinreichend bewährt ist, ebensogut als einer mathematischen Demonstration

glauben muß, er mag wollen oder nicht); sondern ein Ve r n u n f t u n g l a u b e,

ein mißlicher Zustand des menschlichen Gemüts, der den moralischen Gesetzen

zuerst alle Kraft der Triebfedern auf das Herz, mit der Zeit sogar ihnen selbst

alle Autorität benimmt und die Denkungsart veranlaßt, die man

F r e i g e i s t e r e i nennt, d. i. den Grundsatz, gar keine Pflicht mehr zu

erkennen. Hier mengt sich nun die Obrigkeit ins Spiel, damit nicht selbst

bürgerliche Angelegenheiten in die größte Unordnung kommen; und da das

behendeste und doch nachdrücklichste Mittel ihr gerade das beste ist, so hebt sie

die Freiheit zu denken gar auf und unterwirft dieses, gleich anderen Gewerben,

den Landesverordnungen. Und so zerstört Freiheit im Denken, wenn sie so gar

unabhängig von Gesetzen der Vernunft verfahren will, endlich sich selbst.

Freunde des Menschengeschlechts und dessen, was ihm am heiligsten ist! Nehmt an, was Euch nach sorgfältiger und aufrichtiger Prüfung am

glaubwürdigsten scheint, es mögen nun Fakta, es mögen Vernunftgründe sein;

nur streitet der Vernunft nicht das, was sie zum höchsten Gut auf Erden macht,

nämlich das Vorrecht ab, der letzte Probierstein der Wahrheit(7) zu sein!

Widrigenfalls werdet Ihr, dieser Freiheit unwürdig, sie auch sicherlich einbüßen

und dieses Unglück noch dazu dem übrigen schuldlosen Teile über den Hals

ziehen, der sonst wohl gesinnt gewesen wäre, sich seiner Freiheit

g e s e t z m ä ß i g und dadurch auch zweckmäßig zum Weltbesten zu bedienen!

Königsberg.

I. K a n t.

Lesarten

Drucke:

1. Berlinische Monatsschrift. Oktober-Heft 1786. S. 304–330.

2. I. Kant. Kleine Schriften. Neuwied 1793. Haupt. 8o. S. 104–138.

3. I. Kant. Zerstreute Aufsätze. Frankfurt und Leipzig 1793. S. 122–147.

4. I. Kants sämmtliche kleine Schriften. 4 Bände. 8 o. Königsberg und Leipzig

(Voigt, Jena) 1797–98. Bd. III, S. 275–304.

5. I. Kants vermischte Schriften. 3 Bände. Halle 1799. (Tieftrunk.) Bd. III,

S. 61–88.

6. Kant. Vorzügliche kleine Schriften und Aufsätze, hrsg. mit Noten von

F. Ch. Starke. 2 Bände. Leipzig 1833 und Quedlinburg 1838. Bd. I, S. 85–102.

351, 6 wollten (A)] sollten Vorl. (wohl Df.?) 355, 27 noch (A)] nicht (T)

357, 5 bewunderungswürdigem (A, 93, Ak)] bewundernswürdigen T, H, Vorl.

357, 11 eine erste (A, 93, Vorl.)] eine T, H, R 357, 33 Gutes, was] Gutes, auf

das, was (Maier in Ak.). Unnötig. 360, 1 v. u. d. Anm. Sachen (A, 93, T)] Sache

(H, Vorl.) 361, 2 diese (A, 93, T)] die (H, Vorl). 362, 15 d. Anm.

Unmöglichkeit] Hartenstein hält das für falsch und schlägt vor: »Notwendigkeit«

zu lesen. 364, 22 äußere Zeugnisse (H)] Zeugnisse äußere (A, 93)

(1) J a c o b i, Briefe über die Lehre des S p i n o z a. Breslau 1785. –

J a c o b i, Wider M e n d e l s s o h n s Beschuldigung betreffend die Briefe über

die Lehre des S p i n o z a. Leipzig 1786. – Die R e s u l t a t e der Jacobischen und

Mendelssohnschen Philosophie, kritisch untersucht von einem Freiwilligen.

Ebendas.

(2) Sich im Denken überhaupt o r i e n t i e r e n, heißt also: sich, bei der

Unzulänglichkeit der objektiven Prinzipien der Vernunft, im Fürwahrhalten nach

einem subjektiven Prinzip derselben bestimmen.

(3) Da die Vernunft zur Möglichkeit aller Dinge Realität als gegeben

vorauszusetzen bedarf und die Verschiedenheit der Dinge durch ihnen

anhängende Negationen nur als Schranken betrachtet, so sieht sie sich genötigt,

eine einzige Möglichkeit, nämlich die des uneingeschränkten Wesens als

ursprünglich zum Grunde zu legen, alle anderen aber als abgeleitet zu

betrachten. Da auch die durchgängige Möglichkeit eines jeden Dinges durchaus

im Ganzen aller Existenz angetroffen werden muß, wenigstens der Grundsatz der

durchgängigen Bestimmung die Unterscheidung des Möglichen vom Wirklichen

unserer Vernunft nur auf solche Art möglich macht, so finden wir einen

subjektiven Grund der Notwendigkeit, d. i. ein Bedürfnis unserer Vernunft

selbst, aller Möglichkeit das Dasein eines allerrealesten (höchsten) Wesens zum

Grunde zu legen. So entspringt nun der C a r t e s i a n i s c h e Beweis vom

Dasein Gottes: indem subjektive Gründe, etwas für den Gebrauch der Vernunft,

(der im Grunde immer nur ein Erfahrungsgebrauch bleibt), vorauszusetzen, für

objektiv – mithin B e d ü r f n i s für E i n s i c h t – gehalten werden. So ist es mit

diesem, so ist es mit allen Beweisen des würdigen M e n d e l s s o h n in seinen

Morgenstunden bewandt. Sie leisten nichts zum Behuf einer Demonstration.

Darum sind sie aber keinesweges unnütz. Denn nicht zu erwähnen, welchen

schönen Anlaß diese überaus scharfsinnigen Entwickelungen der subjektiven

Bedingungen des Gebrauchs unserer Vernunft zu der vollständigen Erkenntnis dieses unsers Vermögens geben, als zu welchem Behuf sie bleibende Beispiele

sind; so ist das Fürwahrhalten aus subjektiven Gründen des Gebrauchs der

Vernunft, wenn uns objektive mangeln und wir dennoch zu urteilen genötigt

sind, immer noch von großer Wichtigkeit; nur müssen wir das, was nur

abgenötigte Vo r a u s s e t z u n g ist, nicht für f r e i e E i n s i c h t ausgeben, um

dem Gegner, mit dem wir uns aufs D o g m a t i s i e r e n eingelassen haben, nicht

ohne Not Schwächen darzubieten, deren er sich zu unserem Nachteil bedienen

kann. M e n d e l s s o h n dachte wohl nicht daran, daß das D o g m a t i s i e r e n

mit der reinen Vernunft im Felde des Übersinnlichen der gerade Weg zur

philosophischen Schwärmerei sei, und daß nur Kritik ebendesselben

Vernunftvermögens diesem Übel gründlich abhelfen könne. Zwar kann die

Disziplin der scholastischen Methode (der W o l f f i schen z. B., die er darum

auch anriet), da alle Begriffe durch Definitionen bestimmt und alle Schritte

durch Grundsätze gerechtfertigt werden müssen, diesen Unfug wirklich eine

Zeitlang hemmen, aber keinesweges gänzlich abhalten. Denn mit welchem

Rechte will man der Vernunft, der es einmal in jenem Felde, seinem eigenen

Geständnisse nach, so wohl gelungen ist, verwehren, in ebendemselben noch

weiter zu gehen? und wo ist dann die Grenze, wo sie stehen bleiben muß?

(4) Die Vernunft fühlt nicht; sie sieht ihren Mangel ein und wirkt durch den

E r k e n n t n i s t r i e b das Gefühl des Bedürfnisses. Es ist hiemit wie mit dem

moralischen Gefühl bewandt, welches kein moralisches Gesetz verursacht; denn

dieses entspringt gänzlich aus der Vernunft, sondern durch moralische Gesetze,

mithin durch die Vernunft verursacht oder gewirkt wird, indem der rege und

doch freie Wille bestimmter Gründe bedarf.

(5) Zur F e s t i g k e i t des Glaubens gehört das Bewußtsein seiner

U n v e r ä n d e r l i c h k e i t. Nun kann ich völlig gewiß sein, daß mir niemand

den Satz: E s i s t e i n G o t t, werde widerlegen können; denn wo will er diese

Einsicht hernehmen? Also ist es mit dem Vernunftglauben nicht so wie mit dem

historischen bewandt, bei dem es immer noch möglich ist, daß Beweise zum

Gegenteil aufgefunden würden, und wo man sich immer noch vorbehalten muß,

seine Meinung zu ändern, wenn sich unsere Kenntnis der Sachen erweitern

sollte.

(6) Es ist kaum zu begreifen, wie gedachte Gelehrte in der K r i t i k d e r

r e i n e n Ve r n u n f t Vorschub zum Spinozism finden konnten. Die Kritik

beschneidet dem Dogmatism gänzlich die Flügel in Ansehung der Erkenntnis übersinnlicher Gegenstände, und der Spinozism ist hierin so dogmatisch, daß er

sogar mit dem Mathematiker in Ansehung der Strenge des Beweises wetteifert.

Die Kritik beweiset, daß die Tafel der reinen Verstandesbegriffe alle Materialien

des r e i n e n Denkens enthalten müsse; der Spinozism spricht von Gedanken,

die doch selbst denken, und also von einem Accidens, das doch zugleich für sich

als Subjekt existiert: ein Begriff, der sich im menschlichen Verstande gar nicht

findet und sich auch in ihn nicht bringen läßt. Die Kritik zeigt: es reiche noch

lange nicht zur Behauptung der Möglichkeit eines selbst gedachten Wesens zu,

daß in seinem Begriffe nichts Widersprechendes sei (wiewohl es alsdann

nötigenfalls allerdings erlaubt bleibt, diese Möglichkeit anzunehmen); der

Spinozism gibt aber vor, die Unmöglichkeit eines Wesens einzusehen, dessen

Idee aus lauter reinen Verstandesbegriffen besteht, wovon man nur alle

Bedingungen der Sinnlichkeit abgesondert hat, worin also niemals ein

Widerspruch angetroffen werden kann, und vermag doch diese über alle Grenzen

gehende Anmaßung durch gar nichts zu unterstützen. Eben um dieser willen

führt der Spinozism gerade zur Schwärmerei. Dagegen gibt es kein einziges

sicheres Mittel, alle Schwärmerei mit der Wurzel auszurotten, als jene

Grenzbestimmung des reinen Vernunftvermögens. – Ebenso findet ein anderer

Gelehrter in der Kritik d. r. Vernunft eine S k e p s i s; obgleich die Kritik eben

darauf hinausgeht, etwas Gewisses und Bestimmtes in Ansehung des Umfanges

unserer Erkenntnis a priori festzusetzen. Imgleichen eine D i a l e k t i k in den

kritischen Untersuchungen, welche doch darauf angelegt sind, die

unvermeidliche D i a l e k t i k, womit die allerwärts dogmatisch geführte reine

Vernunft sich selbst verfängt und verwickelt, aufzulösen und auf immer zu

vertilgen. Die Neuplatoniker, die sich E k l e k t i k e r nannten, weil sie ihre

eigenen Grillen allenthalben in älteren Autoren zu finden wußten, wenn sie

solche vorher hineingetragen hatten, verfuhren gerade ebenso; es geschieht also

insofern nichts Neues unter der Sonne.

(7) S e l b s t d e n k e n heißt: den obersten Probierstein der Wahrheit in sich

selbst (d. i. in seiner eigenen Vernunft) suchen, und die Maxime, jederzeit selbst

zu denken, ist die A u f k l ä r u n g. Dazu gehört nun eben so viel nicht, als sich

diejenigen einbilden, welche die Aufklärung in Kenntnisse setzen; da sie

vielmehr ein negativer Grundsatz im Gebrauche seines Erkenntnisvermögens ist

und öfter der, so an Kenntnissen überaus reich ist, im Gebrauche derselben am

wenigsten aufgeklärt ist. Sich seiner e i g e n e n Vernunft bedienen, will nichts

weiter sagen, als bei allem dem, was man annehmen soll, sich selbst fragen, ob man es wohl tunlich finde, den Grund, warum man etwas annimmt, oder auch

die Regel, die aus dem, was man annimmt, folgt, zum allgemeinen Grundsatze

seines Vernunftgebrauches zu machen. Diese Probe kann ein jeder mit sich selbst

anstellen; und er wird Aberglauben und Schwärmerei bei dieser Prüfung alsbald

verschwinden sehen, wenn er gleich bei weitem die Kenntnisse nicht hat, beide

aus objektiven Gründen zu widerlegen. Denn er bedient sich bloß der Maxime

der S e l b s t e r h a l t u n g der Vernunft. Aufklärung in e i n z e l n e n

S u b j e k t e n durch Erziehung zu gründen, ist also gar leicht; man muß nur früh

anfangen, die jungen Köpfe zu dieser Reflexion zu gewöhnen. Ein Z e i t a l t e r

aber aufzuklären, ist sehr langwierig; denn es finden sich viel äußere

Hindernisse, welche jene Erziehungsart teils verbieten, teils erschweren.

Anmerkungen zur Transkription:

Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, wobei jeweils zuerst

die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle steht.

Seite 363:

und wodurch allein wider alle Ubel dieses Zustandes noch Rat

und wodurch allein wider alle Übel dieses Zustandes noch Rat



Zuletzt geändert: 23/10/2026