Das Bücher-Dekameron / Eine Zehn-Nächte-Tour durch die europäische Gesellschaft und Literatur

K A S I M I R E D S C H M I D :
D A S
B Ü C H E R -
D E K A M E R O N
Eine
Zehn-Nächte-Tour
durch die europäische Gesellschaft und Literatur
Zweite Auflage
E R I C H R E I S S V E R L A G / B E R L I N 1 9 2 3
Geschrieben im Juli und halben August
Neunzehnhundertzweiundzwanzig
Copyright by Erich Reiß Verlag 1922
INHALT
Erster Vormittag
DEUTSCHLAND
SEITE 9
Die erste Nacht
DEUTSCHE
SEITE 41
Die zweite Nacht
FILM • THEATER • SCHAUSPIELER • REGISSEURE • ESSAYISTEN •
LEBENDIGE
SEITE 69
Die dritte Nacht
BIBLIOTHEK (ABER DAS LEBEN IST HERRLICHER)
SEITE 95
Die vierte Nacht
SATIRE
SEITE 121
Die fünfte Nacht
KUNST UND GESELLSCHAFT
SEITE 145
Die sechste Nacht
POLITISCHE DICHTUNG??
SEITE 185
Die siebente Nacht
NEUE SCHULEN
SEITE 227
Die achte Nacht
DIE ANDERN
SEITE 251
Die neunte Nacht
UND EUROPA??
SEITE 267
Die zehnte Nacht
MIJNHEER!
SEITE 297
Letzter Vormittag
GELASSENHEIT
SEITE 301
Erster Vormittag
Mijnheer, wir sind eingeschneit.
Von den Spießhörnern bis zur Todtnauer Hütte jagt der Schneesturm schon
den dritten Tag. Das Zastler Loch ist verhüllt und um Herzogenhorn ballt sich
die Schneeflut zu neuem Angriff. Zum Bärental häuft sich der Schnee schon wie
Meer. Als ich zuletzt Sie traf in ähnlicher Lage, war es am Brenner, Sie kamen mit Wolken Schnee auf breiten Eschenbrettern herauf, ich schnallte die
Hickorys, um in die Schweiz zu fahren, und die schon fast italienische Sonne
glühte über Tirol das Gebirge zu Metall.
An diesem Tag zog D’Annunzio mit seinen Freischaren nach Fiume, heut
empfängt er den russischen Volksbeauftragten Tschitscherin. Was ich an dem
blitzkurzen Tag Ihnen damals sagte, steht in der „Doppelköpfigen Nymphe“. Was macht es, solange meine Landsleute sich mit seinem Ja und Nein nicht
lernend auseinandersetzen? Habe ich recht behalten oder nicht? Wie hat in der
Zwischenzeit das Karussell der Zeit sich umgedreht!
Finden Sie Boden in diesem Mosaik, das mit Pferden und Menschen und
Schreien um die eigne Achse sich ohne Pause dreht? Damals schoß man in
Haufen auf den Straßen um Weltanschauungen. Heute doziert in Offenburg,
während die Witwe geladen ist, der Staatsanwalt an Erzbergers präpariertem Schädel den Bauern-Geschworenen mit dem Bleistift die Einschußrichtungen
seiner Mörder. In den Festungen sitzen nach dem Proletarischen hin
ausgeschwärmte Dichter. Feldherren des Kaisers nehmen Paraden ab über die
Truppen der Republik. Auf dem Rhein flitzen belgische Kanonenboote, auf
keinem der Dampfer zwischen Mainz und Bingen sehen Sie die Farbe Schwarz-
Rot-Gold. Die Bäder der deutschen Ostsee-Küste sind zwischen den Strandkorbburgen millionenhaft mit den Fahnen des Kaiserreichs beflaggt. Der
erste deutsche Botschafter in Amerika übergibt seine Beglaubigung im Namen
von „The German Empire“, und man antwortet ihm in Washington, er meine
wohl seine Republik. In Bayern ist in Sturmtrupps die Bauernschaft blockiert:
vivat Rupertus Rex. Der Reichspräsident, der München besucht, erhält feierlich
am Bahnhof unter Gepfiff eine rote Badehose gereicht.
Sie interessieren sich nicht für Politik?
Ich auch nicht.
Es ist unsere Zeit aber Mijnheer. Das ist der Boden, den wir treten, das sind
die Wolken, unter denen wir atmen. Wo schieben sich ähnlich knisternd Begriffe
und Revolten und erlauchte Traditionen durcheinander!
Zwei Stunden nördlich übers Gebirge, in Baden-Baden, endigte früher die bevorzugte Schnellzugslinie von Paris. Hier fuhr als Dauphin Eduard der
Siebente in Hemdsärmeln vierspännig den Blumenkorso über die Lichtenthaler
Allee, führte Prinz Hamilton am blauen Band ein Schwein als Wette durch den
Kurgarten, sauste der britische Hoftroß mit Bettlaken nachts in Droschken zum
alten Schloß, Gespenster für harmlose Passanten zu spielen. Die Fürstin Gagarin
telegraphierte aus Syrakus an ihr Palais Stourdza, um ihre Ankunft zu melden:
„Préparez trois cotelettes pour les chiens“, hier wurde den Gazellen des siamesischen Sultans jeden Morgen in einem Springbrunnen ein Bad fin
champagne gerüstet, wurde dem jungen Portugiesenprätendenten eine Straße
gebaut, um zwei Gärten zu vereinen. Hier, wo Liane von Pouchi tanzend ihre
Triumphe feierte, beginnt einige Jahre nach Krieg und Revolte unbedrückt vor
Angst, daß niedere Klassen mit Schüssen und Raub darauf antworten, unter
jahrhundertalten Bäumen das Leben wieder feierlich und reich zu spielen.
Die bengalischen Feuer schmeicheln dem sanften Anfang der dunklen Höhen,
und unter den Schatten der Bosketts gleiten die Lampions mit den wohligen
Seufzern der Menschen zusammen zum immer festlich bereiten Nachthimmel.
Die Blüte aller Bäume von Flieder bis Magnolien und von den feierlichen
Kastanien bis zu den wilden Rosen und Geisblatthecken wird dieses Jahr
zusammenfallen, und die von den Fontänen besprühten siebenfarbenen Rhododendronbüsche werden vor der Spiegelfassade des Hotel Stefanie mit
unbekannter unterdrückter Leidenschaft blühen.
Ein Geschlecht von wenigen bevorzugten und finanzierten Deutschen, aber
Hollands und Amerikas Kleinbürgerschaft wird die wundervolle Burg des
großen Lebens in Besitz nehmen, indem es sich das Vorrecht der früheren
Jahrhunderte mit einem Geld, das mit Hundertzwanzig bis Zweitausend usw. die Mark kauft, sichert. Guizots Rat: „Enrichissez-vous!“ hat nach jeder Revolte und
jedem endlosen Krieg sein Publikum verstanden, eine neue Schicht, die nach
Leben und Wirkung mit allen Zähnen bleckt, ist aus der Tiefe aufgehoben
worden und hat von der Oberfläche die seitherigen Gebieter ablaufen lassen.
Aber Gambettas Beispiel, der die Subskriptionsbälle für die neue Gesellschaft
seines Landes schuf und Salons aus der Erde zauberte, indem er flüsterte: „La
république manque de femmes“, Gambettas Beispiel hat keine Nachfolge gefunden. Die Elite des deutschen Volkes und seine Gesellschaft grollt
unversöhnlich, ja vernichtend der Republik, deren Vorsteher nicht die
Weltmännischkeit besaßen, diese Masse an sich heranzuziehen. Ich habe an
kaum einem sichtbaren bürgerlichen Ort einen Republikaner gefunden, ich
kenne keinen Republikaner außerhalb des Klüngels der Politiker und Schreiber.
Ja sogar der befreundete Leiter einer Sternwarte, der behauptet, mit einem Überguß Schwefelsäure auf seiner äußersten Linse das politische Bewußtsein seiner Opfer gespiegelt zu sehen, versicherte betrübt und gelangweilt, seit
Monaten sehe er in Flugzeugen und Autos und Äckern nur die Farben der
Vorkriegszeit.
Man mußte den manischen Alten, der vor Sucht nach einem Republikaner
verging, wegen Farbenblindheit einer Heilanstalt zuführen, die Sehnsucht nach
der Republik hatte ihm seinen Beruf und seine wissenschaftliche Carriere
gekostet. Kein Bankier kaum ansonst, kein Industrieller, der auf die neue Flagge schwört und höchstens einige Juden, die verschämt über die Thora mit ihr
kokettieren. Selbst die Direktoren demokratischer Industrieregenten wagen in
Ruhrort und Recklinghausen und Duisburg nicht, durch das gleiche Bekenntnis
wie ihr Zar dem gesellschaftlichen Terror zu widerstehen. Denn Gesellschaft
heißt in Deutschland nicht wie in anderen Ländern: durch die Jahrhunderte in
einem Rassebewußtsein zu gewissen Neigungen und Bewegungen filtriert sein, sondern heißt jene Clique, die vor dem Krieg zufällig verdiente, adlig war und
die Ämter beherrschte. Die schwört heute auf die Reaktion. Die arbeitende
Klasse kämpft, schon in der Verteidigung wieder, um den Achtstundentag. Die
großen Auseinandersetzungen werden noch kommen.
Auf dieser Atempause der Geschichte, auf einem gläsernen Regenbogen steht
die Republik.
Eine Generation junger frecher und halb hilfloser Leute mit sehr roten
Handschuhen und hellen Koffern aus Leder hat zwischen Franc und Dollar die
Plätze der Eisenbahnen belegt. In Innsbruck sahen wir, von den Ötztaler Alpen
vor drei Wochen heruntersteigend, den Adel Tirols aus den Schlössern
zusammenströmen und ihre Komtessen tanzen in den Kostümen der Mode von
vor fünfzehn Jahren, da ihr Geld die neue nicht mehr kauft, aber mit phantastischem Familienschmuck, den sie nicht veräußern, noch exklusiver wie
früher, und einen gewissen tötlichen Stolz in den zwanzigjährigen Gesichtern.
Das ist Deutschland.
Bald haben alle Fürsten und Feldherrn ihre Memoiren herausgegeben und alle
schieben die Schuld auf den andern genau wie, als die Franzosen den vorletzten
Krieg verloren, Ollivier, Benedetti, Leboeuf, Wimpfen sich die Niederlage an die
Köpfe warfen, bis man in dem Spitzbart Bazaine den Prügeljungen entdeckte. Für unser Schrifttum ist der Haufen Papier ein verwegenes Nichts, für die
Erinnerungsliteratur keine Bereicherung des Stolzes, der letzte große
Memoirenschreiber der Deutschen aber, der pfaueneitle jedoch illustre Fürst von
Muskau hätte mit einer Handbewegung diesen Hahnenkampf seiner Kaste
abgelehnt: „Quelle blague.“ Ich traf im Sommer auf einem Bodenseedampfer
einen früheren russischen Attaché, der Schweine für die deutsche Regierung in Belgrad gekauft hatte, der riet, zur Südsee auszuwandern mit einem Harem von Frauen und schönen Tieren, und fünfzigjährig in das dann befriedete Europa
zurückzukehren wie Apoll, der bei Winterbeginn zu den Hyperboräern jagt, um
erst wieder, von Päanen gerufen, im Frühling zum silbernen Kephissos und
seiner geliebten Quelle Kastalia im Schwanenwagen zurückzukehren.
Den Russen langweilten die Zuckungen, mit denen die Erde Europas sich
langsam wieder in ein festes Bett zurückstemmt und er wußte, daß nicht die Spur
nachzuhelfen sei mit Kongressen, Parlamenten und Paraden des Geschwätzes, und daß elementare Gewitter nicht durch Beschwörungen der Regenmacher
sondern nur durch elementare Ausströmungen langsam sich sänfteten.
Ich bin, obwohl ich abenteuerlustig las, in Mozambique bei Beira hätten
Kaffern endlich die Seeschlange angeschwemmt gefunden, und obgleich Sir
William Loyd Davkins in „Manchester Guardian“ hinzufügt, ihre Köpfe seien
groß wie die Leuchtfeuer von Makuti gewesen und die Kaffern hätten zwölf Tage lang an der gelben Gallerte fressend gelegen . . . . . . ich bin, obwohl alle
Himmel der Fremde und alle noch nicht genossene Seligkeit der Erde mit
beispiellosen Kontinenten, Mondgebirgen und barbarisch dunklen Meeren
dahinter locken . . . . ich bin für Bleiben.
Die Luft unserer Jugend ist elektrisch wie die Cinnas und Hannibals und des
dritten Otto und jenes vierten Heinrich, der einer der schlausten Anwälte der Deutschen war, aber sie ist auch noch schicksalgesättigter in ihrer zuckenden
Röte als die des großen Korsen. Die Ausschweifungen der noblen Jugend, die
Reisen ins Tropische unserer Leidenschaft sind uns verdorben. Die
Sommernachtsfahnen der Freude haben unter anderen Sternen anderen
Generationen geflaggt. Es gibt nur eine Haltung des Anstandes, in den
Krisenfeuern, in denen Europa sich anschickt einen neuen Stern zu gebären oder zu krepieren, mitten im Land und unter seinen Leuten zu stehen, ihnen zu helfen
zur Lösung oder zu neuem Kurs sie zu überreden, oder wie auf einem Schiff mit
ihnen zu ersaufen . . . . und sei es auch nur, den hoffnungslosen Kampf mit der
Politik zu sehen, den diese Menschen, die Andersdenkende ruhig (wie zur Zeit,
wo Mord bei den Germanen noch reine Privatsache der betreffenden Familien
war) erschießen aber die Pferde innig lieben, die oft roh sind wie Tataren aber
gütig und sentimental wie die Engel, die manchmal wie jener Thomas Münzer, der sich mit dem Schwert Gideonis unterzeichnete, unflätig in den Gesten aber
in den Herzen voll dunkel flackernder Begeisterung sind . . . . . . sei es auch nur
dem hoffnungslosen Kampf dafür unbegabter aber herrlicher Menschen mit der
Politik in einer mitleidlosen Zeit beizuwohnen.
Diese Deutschen!
Man muß hinter Düsseldorf am Rhein
gelegen sein, um die Größe dieses Landes mit dem stillen Verströmen des Flusses zu spüren. Man muß zwischen Bingen und Sankt Goar seine Romantik
fliegen gesehen haben voll jahrhundertblauer Gewalt. Wie haben die
Spessartwälder gedröhnt von der Musik ihrer donnernden Wölbung. Wie haben
die bayrischen Seen unter der Pranke des Herbstmonds mit aufschießenden
Nebeln gebuhlt und die Morgenberge mit wilder Idylle gespiegelt. Wie hat der
sommerliche Schwarzwald vor Behagen aus allen samtenen Fichtenhängen
geraucht und die Nacht noch sanfter an den glatten Muskeln des Vogesenbruders in den Rheingau fallen sehen. Wie hat der Odenwald von Sagen an allen Quellen
aufgezittert und wie reif sind über der Mosel die Sonnensegnungen gelegen.
Wie haben die Sturmfluten die Nordseehäfen überdeckt, während der Mond
bleirote Lähmung gespenstisch darüber flutete, daß die Molen verzaubert von
soviel Glanz reglos von den Raubwellen zerrissen wurden — und mit welchem
Jubel haben wir als Jünglinge die tänzerische Grazie Bayreuths und die Stierwucht von Bamberg und die Rothenburger Silhouette vor den
Abendhimmeln des Sommers empfunden. Die Parke unserer Kindheit waren voll
von Tritonen und Bächen und flötentragenden Göttern der Büsche und Wälder
und den stampfenden Pferden besinnungslosen Glücks auch im dunklen
Erschauern der Zukunft.
Wie hat Friesland uns später mit schwarzen Bauerngütern in fetter Erde unter seinen Herden gebebt, wie haben die Ostseeleuchttürme den Dreimastern und
Hochseebooten herzbange Grüße durch die Jasminnacht geworfen, wie haben
die Züge gejauchzt, als die süddeutschen Erntefelder sie mit beispielloser
Goldfülle verschlangen. Wie hat der Wein des Elsaß sich zur Melancholie der
Eifel in unseren Knabenfahrten herrlich gesellt, und mit welchen Farben haben
die mecklenburgischen Teiche sich noch an den grauen Himmel pommerscher Riesengüter gemalt, wenn die Wildgänse darüber flogen.
Wie hat das ganze Land sich gereckt wie ein Weib, bis es die Schönheit
erreichte und bis aus jeder Falte ihrer Erde der Duft der Anmut und der
Vollendung in solcher Musik stieg, daß wir vor Liebe und Demut die Sünden
und Fehler der Bewohner fast vergaßen. Die Luft unserer Jugend ist stürmisch
wie die des Cinna und Hannibal, aber, unverrückbar, die Seen und Wälder und
Berge unserer Leidenschaft und unserer Heimat sind von erhabenem Gleichmut der Schönheit.
Welche Zeiten!
Gleichsam auf einer zweiten
unsichtbaren Ebene darüber aber steht wie ein zitternder Kessel zwischen den
Manometern und Fieberkursen der Valuten „The German Empire“, so, als sei
zwischen den Zustand seiner Fluren und den eines möglichen Glückes die heutige Misere wie ein verlegener Alpdruck hineingeschmettert und als seien die Geister, die um diesen Zustand irrten, vor Verzweiflung fast schon bereit sich
selbst zu verhöhnen und auch der letzten Entschlußkraft beraubt. Ich fürchte,
gäbe es in der Politik einen Eros und Stufungen der Geschlechter wie bei den
Lebewesen, man würde „The German Empire“, das weder wagt mit dem Glanz
der Senatoren von Catos Strenge bis zu Clemenceaus Unerbittlichkeit eine
Republik zu sein, noch sich für ein wahrlich neues Kaiserreich zu entscheiden,
zu den Zwischenstufen zählen, denen zwar viel Nüancen aber keine eindeutigen Himmelfahrten erlaubt sind.
Aber der Haß auf ihre Gegenwart hat nie vermocht, die Liebe zu ihr zu
unterdrücken, und die besten Augen des Landes sind unbeirrbar auf jede ihrer
Bewegungen gerichtet. Denn man liebt nur, wo man helfen will und man ist voll
Zärtlichkeit nur da, wo man zu verzweifeln begonnen hat.
Im Kreis darum aber laufen die Ringe unerbittlich weiter, die die Mörder mit den Heiligen und die Tüchtigen mit den Träumenden durcheinander werfen. Ein
Tropf, der nicht sein Schicksal zu korrigieren sucht, wo Kunst und Wahrheit nie
so isoliert (aber kaum je von den Wenigen geliebter) in der Welt standen. Wer
vermag festen Grund zu sehen, wo alle Maßstäbe aufhören, wo das Natürlichste:
gut zu speisen und innerhalb Deutschland zu reisen, schon ungewöhnlicher
Luxus dünkt und das Leben der mittleren Schichten (ohne daß sie es merken, weil sie ihr früheres Glück in soviel Fatalität vergaßen) eine Versuchung ist mit
Gott zu hadern. Die apartesten Gegensätze durchdringen sich mit einer gewissen
Heiterkeit, und jede Handlung wird mit auffälligem Ernst von einer
Gegenhandlung begleitet, deren Gesicht die Grimasse des Widerspruchs trägt.
Vermuten Sie, daß am Tag, als Max Hölz mit Kommunisten und Räubern das
Vogtland unterjochte, ein eigens gebautes Segelboot mit dreiundzwanzig deutschen Künstlern aufbrechen sollte, die Welt zu umreisen zum größeren
Ruhm des Geistes? Ach Sie vermuten nicht, daß am gleichen Vormittag, als
diejenigen Deutschen, die gerne mit endlichem und praktischem Erfolg die Welt
befrieden möchten, zu einer großen Konferenz zusammentraten, in der anderen
Ecke dieses Landes die männlichen Mitglieder einer Junkerfamilie zum Spaß mit
Schrotgewehren auf alle vorbeifahrenden Automobilisten schossen. Täglich
beobachtet man, daß führende Generäle der Kriegszeiten plötzlich ausgerechnet die Agenturen der Lebensversicherungen übernehmen, daß Juden mit einem
Male führende Sportleute werden, daß korrekte Assessoren Autofabriken
gründen, daß die Bohèmes der Literaturkaffees plötzlich infolge der
Beschäftigung mit Wohnungsschiebung liebenswürdige Cavaliere werden mit
einem Anflug sicherer Beleibtheit, die den Frieden mit Gott, Welt und Satan
immer voraussetzt.
Sehen Sie die Wirtschaft gigantisch wachsen, die von der Kohle über die Erze, die Hochöfen, die Walzwerke, die Maschinenfabriken, über den Vertrieb der
Erzeugnisse, über die Schiffahrtslinien eine ungeahnte neue Konzentration
herstellt und, fast schon mächtiger als der Staat, beinahe alles erzwingen aber
alles verhindern kann, während vor sechs Jahren man glaubte, sie sei in der
Hochkurve? Vermutlich wird sich das technische Zeitalter noch zu einer
mythischen Größe recken, Dampfer von ungeheuren Maßstäben und
tausendfacher Kraft werden durch Motore gelenkt werden, daß sie wie die Delphine im kleinen Kreise tanzen, und die Luft wird derart bezwungen
scheinen, daß die Menschen, knapp an die Grenze der großen Weltgeheimnisse
wirklich kommend, erst im letzten Augenblick, und nicht ohne Größe, gestürzt
werden.
Aber heute gastieren im Schatten dieses Wachstums noch die vielen
Schauspieler der Verwirrung und ich vergesse nicht, wie es entrüstete und amüsierte, als auf dem Concours hippique in Kissingen im Frühjahr nur der
Stallmeister der luxemburgischen Großherzogin im grauen Seidenzylinder
erschien und dann ein Kinobesitzer und nicht Graf Görtz die Sache machte. Man
glaubte, das Apokalyptische käme hernieder und die germanische
Midgardschlange lasse die Erde aus ihrer Umklammerung fallen. Die Oberfläche
der Zersetzung schwankte ein wenig und man sah die gesamten Akteure der Zeit mit einem Male, wie sie über die Hürden und Koppelricks herauf und
herunterjagten, als welle sich die Erde unter ihnen.
Europa ist heute ein großer Faschingsball mit schönen Debardeurs und
anderen maskierten Gestalten und dem fallen die Triumphe zu, der die kühnsten
Griffe und die besten Lenden aufweist. Man demaskiert erst in einer späteren
Zeit. Ich habe daran denken müssen heute Nacht, als ich hörte, man habe den großen Ahnen aller Abenteurer des Geistes und Lebens zurückgerufen, indem
man das Grab des Marquis von Seintgalt in Dux in Böhmen gefunden. Es war
nur ein Zufall, der es beim Legen von Wasserrohren wieder in die Welt spielte,
auf dem Grabstein stand mit einer gewissen schlichten Haltung: „Casanova
Siebzehnhundertneunundneunzig.“ Im gleichen Jahre wurden der Baron Balzac
und der Jude Heinrich Heine geboren, die die gleichen Umschichtungen des
Lebens in Frankreich in ihren Büchern damals schon schilderten und mit Kunst einen gewissen Schlußstrich setzten unter die letzte große Kurve einer Zeit, die
der kluge und genießende Casanova im Leben noch einmal unerhört gespiegelt
hat: den Glanz und die spielerische Abenteuerlichkeit der Welt . . . ., eh sich die
Wagschalen des Daseins in die tragischen Entscheidungen von heute stellten.
Man hat nunmehr gelernt nüchtern zu werden, selbst in der erregtesten Zeit,
teilt Arbeit und Leben und berechnet selbst seine Zufälle. Wir sind eingeschneit, Mijnheer. Ihr großes Gepäck ist nicht transportabel, der Schneepflug braucht drei Stunden für hundert Meter Weg. Die Dame, die Sie erwarten, kann nicht herauf,
es sei denn, sie flöge. Von Stübenwasen bis Gisiböden steht der Schneesturm
und wirft Sie über den Kamm, sobald Sie ihn betreten. Versuchten Sie ohne
Gepäck ins Tal zu kommen auf Skiern, ist Ihnen nur der Weg der Waldflächen
offen, wo der Schnee sich nicht so hoch gesetzt hat, aber schon an den ersten
Matten ersaufen Sie im Schnee trotz Ihrer Bretter wie eine Maus.
Wir sitzen fest. Am Tage ists manchmal möglich, vielleicht sich in die Latschen zu schlagen oder Sprunghügel zu bauen, vielleicht geht die Sonne auf
und drückt die Schneeflut zusammen, man hat Möglichkeiten und man rechnet
mit ihnen. Völlig abmarschieren kann man aber erst, wenn der Sturm gefallen
ist, jedoch der Meteorologe versichert, er stehe zehn Tage über dem Gebirg. Das
war noch nie, und solche Kaskade von Weiß warf der deutsche Himmel seit
meiner Geburt noch nie über Baden. Man muß resignieren und eine Beschäftigung suchen, die wir leicht von selbst gehabt hätten, wäre es uns nicht
eingefallen, die braun brennende Sonne des Arlberg mit der schwarzen des
Schwarzwalds noch zu vertauschen. In St. Anton wäre der Sirocco uns zu Hilfe
geeilt und hätte die Wolken nach Norden geschmissen, die hier von allen
Schwarzwaldbergen sich heben und wie Rabenchöre um den Feldberg kreisen.
Schon Lukian hat die Reiselust verspottet, nun sind wir die Opfer. Es gibt nichts, was einem unabhängigen Gentleman unerträglich werden könne? Beweisen wir
es.
Als im Jahre Dreizehnhundertachtundvierzig sich unter Pampineas Führung
die sieben Frauen Boccacces mit den drei Liebhabern vor der Pest aus Florenz
flüchteten, lag es nahe, daß sie dem Gespenst nur die Anmut von Vergnügungen
entgegenhielten, die ihre Zeit ihnen bot. Es war ihre einzige Waffe. Um sie blühte die Zeit, große Männer und erfüllte Epochen umstanden ihre Welt und es
gab nur die Möglichkeit, mit Grazie und gepflegtester Sinnlichkeit dem
barbarischen Tod gegenüber sich verächtlich zu zeigen.
Wir haben hier kein Schloß, Mijnheer, mit Dienerinnen, wir haben keine
Frauen, was ich sah seit der Ankunft ist nicht erregend und unsere Freundinnen,
mit denen wir vertraut sind, sind von uns getrennt. Wir verstehen die Einfalt
jener Menschen des Dekameron nicht mehr, die bei Dambrettspiel in den Gärten mit Anrufung Gottes pikante Geschichten erzählten, daß vor der Anmut ihrer
lorbeergeschmückten Königin selbst das Schicksal zurückrauschte. Wir sind
nicht Kinder einer erlesenen Epoche, sondern Freibeuter eines Zusammenbruchs.
Wir haben die Pest nicht draußen und die runde und vollendete Welt im Herzen,
sondern um uns kracht die nüchterne Phantastik unseres Säkulums und wir
haben nichts in der Brust als die Kühnheit es doch zu lieben.
Boccacces Jahrhundert hatte die Pflicht zu genießen, was bleibt einem Gentleman anderes heute, als die Freiheit, sich mit seiner Zeit in Ordnung zu
bringen. Man kann das auch bei Cocktails aus Milch, Ei, Gin, Whisky und
Worchestersauce, und wenn der Tag dem Leben reserviert bleibt, haben die
Nächte Raum für eine europäische Diskussion. Was kann einen Holländer,
dessen Land neutral blieb, dessen Literatur ihn nicht interessiert, der die Musen
liebt und Horaz in einer seltenen Ausgabe im Koffer mitführt (wie Casanova
selbst in die intimsten Situationen), was kann einen holländischen Edelmann mehr reizen, als zu sehen, wie die Zeit sich in den wichtigsten Literaturen
spiegelt, denn in nichts erkennt man, wie Flaubert in seiner Einsamkeit schon
verspürte, den Menschen und die Nation so sehr wie im Buch.
Auch den Boccacce hat seine Zeit, weil er ein Ausschweifender und
gleichzeitig ein frommer Mann war, mitten in die Kirche seiner Vaterstadt
beigesetzt, weil die Zeit in ihm ihre Vorzüge und Eigenschaften am besten erkannte. Und doch hat seine Stimme die Wollust wie kein anderer zierlich bis in
das Herz der Frömmigkeit getragen, aber es war die Sprache eines Dichters, und
seine Sprache kam aus der des Apulejus und des Lukian und sang sich weiter bis
zu dem roten Hymnus des d’Annunzio. Welche Vergangenheit einer Sprache! Ja,
Mijnheer, man muß, um ein europäisches Gespräch zu führen, zuerst den Sinn
der Sprache begreifen und ihren Weg betasten. Das ist wichtiger wie Whisky und Frauen und der fatale Ernst unserer Einsamkeit.
Ich habe heute Nacht daran denken müssen, als ich am Fenster nichts vernahm
als die Dünung des Sturms, den Aufschlag des weichen Schnees und das
Zustreun des Geländes, und ich unter dem Bord der hölzernen Veranda eine
Schar Vögel entdeckte, die vor der Katastrophe der Natur zu den Menschen
flüchteten und nichts hatten sich verständlich zu machen, als ihren aufgeregten, im Hals zitternden Herzschlag und die schreckliche Angst ihrer Augen. Ich
hörte, während ich Stare und Amseln auf die Heizung hereinhob, die
Wetterhähne dröhnen und die Blitzableiter wie die Elstern schreien. Hinter ihnen
aber stand auf den Untertönen des Winds die Musik der Schwarzwaldwälder mit
einem dunklen Brausen. Durch die gleiche Musik haben Germanen hier
manchen ihrer Kaiser auf kreuzgelegten Speeren aus dem Ruhm des Südens, den
sein Haupt gesucht, tot zurückgetragen.
Ach es stand im Donnerton der Tannen in der Dünung mit verzweifelter
Melancholie die Irrnis unserer Geschichte, die das Unmögliche stets wie
knabenhaft begehrte und ohne Ziel dann ihren schönsten Kopf sich einschlug.
Erst als ich vom Balkon zurücktrat, gelang mirs ohne Bitterkeit zu atmen, und
als ich mit den Vögeln sprach, war ich lauter als das Sturmwehen. Der
Schneezyklon schoß von oben auf den Dachfirst, warf sich zu Boden und hob sich in einem flimmernden selbst in der Nacht sichtbaren Kreis über dem Steinsee. Da blieb er wie ein Krater, der sich rasend drehte.
Es klang verführerisch jetzt hinter dem geschlossenen Fenster, wenn ich die
Vögel ansprach, gleichwie als sammelte die Sprache sich in seinen Rhythmen
und hebe aus den Jahrhunderten den Ton der Heimatlaute herauf voll unerfüllter
Leidenschaft und der heiteren Wehmut seiner unbewußten Schönheit.
Geliebte Sprache:
Als die antiken Zeiten sich von unseren
schieden, entführten sie als Dialekt der Mythen und Götter das Griechisch und es
blieb nur noch eine moderne Sprache, das Latein. Nie gab es vorher und später
ein menschliches Ausdrucksmittel, das so präzis und zugleich flimmernd die
Begriffe aufstach und die Umwelt dazu glänzend umschrieb, das ebenso
vollendet das Vorgestellte in kristallene Nähe zwang und zugleich das
Phantastische in eine Bannmeile atemloser Erregung darum sammelte. Es war die Sprache der Weltleute und der Kommis, der Dichter und der Feldherrn.
Herrlich band schon Tacitus ihre Kühnheit im Bilde, als er beschrieb, Germanien
sei von anderen Nationen getrennt durch Furcht und Berge. Für die Deutschen
war es zu scharf, wie diese Prosa blitzte, zuhieb und trennte. Eine Zeitlang
versuchten sie miteinander die Verschmelzung, aber die Mönche jagten das
Latein in ihre Klöster. Wie zuckte es manchmal noch aus Klerikerhand brünstig ins Weltliche hinaus, wie mischte es sich anfangs voll und farbig mit den steifen
kirchlichen Liedstollen, wie gab es noch der Mariensequenz von Muri die
demütige Schlankheit: „Ave vil liehtu maris stella.“ Umsonst, es mußte nach
Westen fliehen und ließ seinen Schatten nur zurück, der als Theologie
vermummt und enthauptet durch das Mittelalter irrte.
Der deutsche Dialekt der Germanen kam jetzt in seinen raschen tropischen Glanz. Allein gelassen nun ward er die Stimme der großen Epen und der
germanischen Troubadoure. Wie glühte der kurze Sommer seiner Pracht in des
Vogelweiders Strophen, wie verschlang sich Gedanke und Reim und kehrte voll
Musik zurück in die heiß und kindlich gefaltete Kadenz. Nie hat, selbst in Rilkes
Versgeäder, Deutsch wieder die Größe der Einfalt und die Vollendung des Tons
und die Linie der Grazie erreicht wie in der flötenhaften Lage der Walther-
Strophe:
Daz er bî mir laege, —
wessez iemen
(nu enwelle got!), sô schamt ich mich.
Wes er mit mir pflaege,
niemer niemen
bevinde daz, wan er und ich.
Wunderbar füllte die deutsche liedhafte Zartheit die gläserne Wölbung des
frühen Mittelalters mit Auben, Weckrufen, Taggesängen, Hörnern, Kreuzzügen
und heroisch-sanften Mythen, aus deren Bau die Sprache jubeln konnte noch
stolzer wie Horaz, daß wahrlich nie gehörte Sänge ihr entströmten . . . ., bis mit
der schönsten Zeit der Welt, der Epoche der Dome und Kaiser und lichter
Maienhaftigkeit Europas sie in den tragischen Schlußvers fiel. Deutsch ward nun
die Knochensprache kleinbürgerlicher Meistersinger, die barbarische und oft wildsaftige der Volksbücher oder die robuste Dämonie Grimmelshausens und die
Pedanterie der gelehrten Habenichtse.
Doch wie hatte das Latein, das über den Rhein gezogen und mit den Galliern
sich vereinigt hatte, im Französisch sich zu geschliffener Klarheit mittlerweile
vollendet! Wie hatte auch sein Mittelalter gehallt von den unter Ölbäumen von
den Sarazenen heraufreitenden Trouveres, wie hatten die Regenbogen der großen deutschen Epen mit einem Fuße tief in der Provence gestanden, die breit und
groß am feierlichsten Meer wiederum sich der Levante und den Dichtern
afrikanischer Erde hingab. Wie lärmte über Spanien und Frankreich graziös und
gottselig der vogelvolle Himmel der Frühzeit der Menschheit dann aber weiter
bis hoch in den vollen Zenith. Und wie erfüllte er sich neu immer durch die
lateinische Vergangenheit, die stets die zarte umschwebende Luft blieb, bis zu schönster Vollendung aus den Allegorien der Götter noch tief in der Renaissance
der herrlichen Plejade und den späten Prunk des Rokoko. Immer gings aufwärts
aus dem Blutsaft der Antike bis in ihre kühnste Moderne.
Aber wir:
Als der ältere Balzac seine„Lettres“ wie
Schlittschuhkurven der französischen Prosa vorbog, sielte das Deutsch noch im Jargon der Sauhatz; glaubte Herr Opitz aus Bunzlau am Bober durch
Beschreibung des Vesuvs deutsche Dichtung einem neuen Frühling
entgegenzuführen. Als der taube Gentleman Ronsard und die Sechs seiner
Plejade den Horizont Frankreichs mit dem Duft der farbigsten Lieder bewölkten,
knabberte Hans Sachs die Klebsilben aus dem Skelett seiner sechsunddreißig
Bücher deutscher Sprache. Während der flotte Offizier Descartes kristallinische
Treppen mit seinem Französisch in den Nebel der Philosophie hineinbaute, sang Herr Simon Dach, Professor der Poesie in Königsberg: „Der Mensch hat nichts
so eigen / so wohl steht ihm nichts an / als daß er Treu erzeigen / und
Freundschaft halten kann“, und glaubte damit, während Shakespeare schon lebte,
eine Revolution der deutschen Dichtung geschmissen zu haben. Rabelais, ein
entlaufeper Benediktiner, der wundervollste Vagabund neben Villon, und
vierzigjährige Medizinstudent führte das Französisch in das ungeheuerlichste Barock, während der Bürger Ayrer seine üblen Fastnachtsscherze schrieb. Im Französischen bildete sich Niveau. Bei den Deutschen war es nur, wenn
Wundervolles aufsprang, eine begabte Revolution. Denn auch Ekkhart war den
Deutschen nur das mystische Gewissen, Fischart blieb nur die skurrile Blähung
voll gewaltiger Einfälle und Luther war keine Sprache sondern nur ein
Temperament.
Die Kriege der anderen und die Reformationen, denen Deutschland den
Rücken hinzuhalten das Schicksal hatte, haben die Einheit der Empfindung und die Sprache zerstört. Als man sie wieder hätte sammeln können, gelang es nicht
den schlanken Bau der Gotik und die Süße mittelalterlicher Gefühlskraft wieder
zu entzaubern. Es gab keine Gemeinschaft, keinen so zentralen Hof, der sie
glanzvoll gepflegt hätte. Die Führer und Verantwortlichen haben von jeher den
Geist und das Volk im Stich gelassen. Man hetzte Hirsche und drillte Soldaten.
Das war genug.
Wie anders hat Frankreichs Volk die Muse gehegt! Als Marquisen mit
Vaugelas Grammatik unter dem Arm dozierend durch die Schloßparke schritten,
korksten deutsche Fürsten wie Stotterer den Dialekt oder retteten sich ins
Französisch. Wie hat die Literatur seit Margarethe von Navarra, dieser erlesenen
Frau, seit Karl dem Neunten, seit dem ersten Franz, dem vierzehnten,
fünfzehnten Louis um die Höfe sich gereckt, die Sprache sich veredelt, wie war der Ausdruck des Menschen Maßstab fast mehr wie die Geburt geworden, daß
schon über die Übertreibungen die Spötter des Molière in Lachkrämpfe
verfielen. Ja die Macht war so groß, daß selbst revolutionäre Dinge gelitten
wurden, wenn ihr Anspruch ihrer Würde und Vollendung entsprach, und die
Gesellschaft vernahm mit der Grazie der Gegeißelten die Anmut der Geißler.
Den blauen Salon des Hotel Rambouillet besuchten die Prinzen neben Bossuet und Scudéry, und die Geistigkeit der Marquise, die empfing, war stark genug aus
ihren Jours und Empfängen eine literarische Bewegung zu machen, die
Richelieu zur Gründung der Akademie trieb. Und während über Deutschland der
Dreißigjährige Krieg flutete, war der politische Einfluß der Literatur so
ungemein, daß der größte Staatsmann Frankreichs im Streit um Corneilles „Cid“
mit allen Pressionen die gebildeten Kreise mobil machte, Corneille zu zerreißen,
weil ihm dessen Geschwärm für Duelle und Spanien seine Taktik kontrekarrierte, die den Adel auf den Bauch warf und Spanien an die Wand
drückte. Am Arm von Herzoginnen aber besuchte der große Dramatiker den sich
über die Ehre tief verbeugenden und den Besuch des höchsten Adels wahrlich
gewohnten Bernini, Italiens damals größten Künstler, unter der Aufmerksamkeit
der ganzen gebildeten Nation, während in Wasserstiefeln deutsche Pastoren,
submissest verhungernd, als schlesische Dichterschule schüchtern verkleidet, weltfremd einen dünnen, wenn auch nicht uncharmanten Barock auf deutsche Flaschen ziehen wollten. Wie hat noch hundert Jahre später der große Friedrich
seine armseligen Dichter verachtet und mit welcher frivolen Überlegenheit dem
Schweizer Henri de Catt die Aperçus über einen gewissen Hofmann erzählt, der
mit demselben Hemd ein ganzes Wörterbuch verfertigte und der, als man ihm
drohte, am jüngsten Tage werde er allein unter den lichten Gottseligen unrein
bekleidet vor Gott erscheinen, den saftigen Wunsch aussprach, daß er lieber, als
das Hemd zu wechseln, auf die Auferstehung verzichte.
Wie verachtet, wie schmählich verkuppelt ist in dieser Gesellschaft die
Sprache der Heimat geworden, wie erlösend und rührend aber ist sie manchmal
dennoch in die Hände von Einzelnen zurückgekehrt, die sie für ihre Launen und
für ihre Begeisterung züchteten und sie auf dem langen Weg der Erniederung
schön über die beflaggten Barrieren ritten! In Frankreich steht ein gezüchteter
Schlag.
Bei uns kommen manchmal die interessanteren Hengste und wiehern die
Erinnerung der großen Zeit und blitzen Hoffnung auf die Zukunft aus dem
schönen Schlag der Hufe.
Heil Lessing, der mit Strenge säuberte, Sturz, der sie schlank wie ein Florett
im Kreis auf seine Hände zurückband. Grabbe, der sie dunkel durchwühlte,
Kleist, der ihr die Stahlsehnen des jungen Genius durch den Torso zog, Jean Paul, der erste, der ihr den Nebel und die göttliche Atmosphäre der Worte wie
einem gigantischen Stern zur Wielandschen Grazie gab, Büchner, der sie zu
heroischer Schlankheit des Mutes begeisterte, Heine, ihr geliebtester Sänger der
vogelleichten Kraft, die Romantik, die sie träumerisch wieder mit dem Gesicht
ins Übersinnliche wandte, Nietzsche am Schluß mit dem jubilierenden Hurra der
obersten Verzweiflung. Geliebte Dichter! Sie waren gute Jokeys und vorzügliche Trainer, aber sie ritten ohne Tribüne und ihre Ställe und Concours hatten keinen
Zulauf ihres Publikums, auch hatten sie keine Kenner, obwohl ihre Klasse von
internationaler Güte war. Sie waren Desperados der Kunst gegen die
Gesellschaft, die sich nie recht formierte, während sonst in Europa diese
Gesellschaft die Kunst wie eine sanfte und schöne Krönung über sich trägt.
Selbst Pindar war nur in diesem Sinne ein Dichter für feinere Sportfeste seiner
dorischen homosexual gerichteten Geldaristokratie, Shakespeare und Molière die Fabrikanten der von ihren Höfen bestellten Theaterstücke, Calderon war seines
spanischen Hofs Arrangeur für pompöse Vergnügung, die Maler der Renaissance
die Hauseinrichter ihres sie bezahlenden geschmacklich kultivierten Publikums,
Bernini der Baumeister für luxuriöse Ausschweifungen des Barock und der
Vogelweider im Lyrischen der Pressechef seines staufischen Adels.
Die Menschen guter Zeiten gaben sich durch die Leute, deren sie sich zur Herstellung angenehmer Verzierung ihrer Epoche bedienten, ein veredeltes Gesicht. Das war alles. Manchmal achteten sie diese Leute nicht einmal, erst
Michelangelo machte sich mit seinem Anspruch zum Fürsten. Damit blieb er,
genau wie wenn man ihn als Sklaven gehalten, das gleiche Ornament seiner Zeit.
Daß man aber ohne Zusammenhang mit seiner Epoche, rund um eine Zeit
rasend, die keine Gesellschaft barg, Dramen zusammenschrieb, Bilder
zusammenmalte, Türme in die Wolken hineinschickte, Bücher wohl über
Probleme der Ideen aber nicht über die Erziehung zur Nation zusammenstapelte, das ist in seiner generationenlangen Dauer so rührend wie unglaublich, aber
deutsch. Hat uns nun, seit man in Autos und Flugzeugen und Bahnen fährt,
telephoniert und drahtlose Depeschen sendet, die Muse heftiger und
vereinigender geküßt? Man hat uns, Mijnheer, noch mehr wie die Schafe
auseinandergetrieben. Die Techniken haben uns ein jagendes Tempo in die
Adern gesetzt, aber sie haben uns weiter von den Wurzeln deutschen Seins gescheucht wie der Dreißigjährige Krieg.
Was hinter den Romantikern herkam, hatte Plattes und Sauberes, hatte
Persönliches und Albernes aber es hatte kein Niveau. Die bärtigen Leute um
Paul Heyse hatten die Vehemenz des Dichterischen schon ganz vergessen, als sie
nazarenisch in ihren lombardischen Wein den Zucker ihrer Gefühle füllten. Die
Holz und Schlaf, die diese in schwacher Nachahmung des großen Zola entthronten, hatten nur schlechte Manieren aber keine Kraft. Es blieb wohl
Einsicht, aber keine Stärke, sondern Geschrei. Daß gegen diese dann wiederum
die geölten und geschmackvollen Jünglinge des Dichters George marschierten,
der ihnen langsam an Baudelaires und Mallarmés erhabenem Beispiel das
Geheimnis der strengen Form beigebracht hatte, bewies wohl Einsicht und Sinn
für das Dichterische, aber es stellte gegen den Schlamm der Epoche nur einen Salon von Süßlingen. In der Tat, Georges Beispiel ist sinnbildhaft von
Bedeutung, es schuf in Wahrheit nur einen Zenakel und dieser war denkbar nur
in Frankreich, aus dem er kam.
Erst als die Schicksalsuhren tragischer ins Volk bellten, suchten einige Dichter
und fanden einige einer neuen Generation eine Sprache, die, wie die keiner
Epoche vorher, wenn auch nicht aus den Klarheiten so doch aus den Krämpfen
ihrer Dezennien sich der Zeit anschloß. Die Unerbittlichkeit Wedekinds, der Zauber Schickeles, der breite Döblin, die tapfere Kolb, der hell urteilende Kerr,
Sternheim, Benn, Kaiser versuchten ihre Generation zu einem mörderischen
Glanz zu verdichten. Das Material Balzacs war ihnen nicht gegeben zwar,
sondern nur ein zersplitterter Spiegel. Sie pappten ihn nicht, sondern sie
schossen ihn zusammen. Eine Weile deckte sich Kunst und Zeit. Wir sind in der
Gegenwart.
Wir sind in der Gegenwart, Mijnheer. Sie liegt vor uns wie Land und Meer, und wo sie zusammentreffen ist Hafen und Schiff. Und wo sie sich schneiden,
hat Kunst und Nation sich berührt. Zehn Nächte bei Flips und Cocktails und Gin
und Kerzen sind eine knappe Zeit das Terrain zu beschauen. Was interessiert
einen holländischen Gentleman an der Gegenwart? Er hat ein Haus in ’s
Gravenhage, eine Herde in Utrecht, eine Bibliothek in Delft. Er reist durch die
Welt, von Krieg verschont, von Kriegssteuern ledig, den Passeport von der
Königin visiert, unabhängig und gebildet, gelangweilt von seinem Lande, und neugierig, was aus Europa geworden ist. Dazu, weil er bereits aus den Gärten der
Jugend in die Üppigkeit gepflegter Gelehrsamkeit geführt ward, voll Eifer zu
sehen, wie in den Literaturen das europäische Gewürm sich vereinigt. Was kann
Sie besonders reizen, nehmen Sie das Glas und beschauen Sie die Linie
zwischen Meer und Land.
Die paar Pioniere, von nicht sehr großer Lunge, die die Vereinigung betrieben, haben nicht natürlich Gesellschaft gebildet und Volk und Kultur sich wie im
Paradies unter Tränen gerührt ans Herz sinken lassen. Sie haben das Wichtige,
wohl unter großen Fehlern, dem Wachstumfähigen genähert. Mehr nicht, aber es
ist wohl viel. Will einer nun wissen was kommt, was sonst an Schiff, Barke,
Floß, an Haus und Matrose diese Phantasie-Gegend bevölkert, ist die
Untersuchung der Gegenwart immer von Reiz, das Prophezeihen aber Kinderei. Der Ehrliche sagt immer nur, was ist. Das Kommende folgert er zum Teil, ahnt
er zum andern, zum größten weiß er es nicht. O navis referent in mare te novi
fluctus? Ich zweifle nicht, aber ich begebe mich der Antwort. Wir sind zu
verwirrt ineinander, man reißt die Kunst nicht der Zeit aus dem Bauch und gibt
ihr eine gewünschte Direktion. Auf Zukünftiges die Antwort kann nur
Deutschland geben.
In diesem Augenblick, wo es sich anschickt, in die Arena der Entscheidungen
Europas zu treten, nimmt es uns alle mit in seine Fahrt. Wie auch immer es sich
anschickt, mit seinen dunklen Meeren, den blauen Gewässern und den
flammenden Ernten seine Fahrt zu nehmen, sind auch unsere Schicksale mit dem
seinen in sein Gesicht gebrannt. Wir können uns nicht trennen. Ob es der rechte
Weg ist oder der verfluchte, wir müssen ihn gehen, vielleicht müssen wir ihn
auch lieben. Wir können nur hoffen, es möge der rechte Weg sein.
Zehn Nächte Mijnheer sind lange Zeit, man muß alles bereden. In Boccacces
„Dekameron“ beginnt unter Pampineas Szepter das Spiel, sich die
Ergötzlichkeiten des Daseins zu erzählen, und reihum geht der Königsstab von
Frau zu Mann jeden Tag, ein König führt sie am Ende lebend nach Florenz. Wir
sind nur zwei, zu wenig für einen König. Und mit zuviel Gestrüpp und Sturm um
unser Gespräch, als daß das Spielerische eines Fürsten hinein passe. Mijnheer, Sie sind Monarchist. Ihren Ahnen hat Greco gemalt, ein anderer fuhr zu Cortez und zog in Mexiko ein. Ihr Wappen zeigt mit einem verschnörkelten M, daß
einer mit Karl dem Fünften zum Kloster ging. Mit einem anderen kam Ihr
Geschlecht nach Holland, nahm javanisches Blut auf, hatte vielleicht schon
jüdisches in sich. Mijnheer, Sie sind konservativ und urban. Sie sind nicht
reaktionär und dumm. Ihre Tradition macht Sie gepflegt und weit und nicht
verkümmert und eng. Was seither je vor unseren Blick kam, hatte die gleiche
Geltung für Sie und für mich. Sie sind nicht weniger Europäer als ich, ich aber bin nicht weniger stolz ein Deutscher als Sie ein Mann der Niederlande. Aber
vermögen wir die Gegenwart, deren erlesene Dinge nicht deutlich von der Zeit
distanziert sind, mit gleichem Auge zu beurteilen in einer Epoche, die nicht nach
Vorzügen und Glanz, sondern nach Zwecken, nach Angst, nach Wünschen und
Richtungen urteilt? Haben wir den gleichen Blick, wenn wir, wie vor Kanonen,
vor die Gegenwart geprellt stehn?
Wie soll ich es Ihnen am deutlichsten sagen?
Hören Sie die Geschichte meines Geburtstags.
Am Tag, als im Grunewald die Mörder den Reichsminister Walther Rathenau
erschossen, fuhr ich aus dem Süden im Auto in meine Heimat. Als wir gegen
Mittag den Main überkreuzten, kamen wir, von nickenden Birkenalleen flankiert,
nach Wilhelmsbad, wo die Prinzen von Hanau ihr Versailles in einen schönen Park gebaut hatten. Über einem Atlas mit einer Löwenpranke vor dem
Geschlecht, der eine sechzehnflächige Sonnenuhr trug, sahen wir einen kleinen
innen gehöhlten Berg, in dessen Innerem zwei Pferde seinerzeit im Dunkeln
nebst den Lakaien einen Hebel im Kreise drehten. Oben jedoch, vor dem
seidigen blauen Himmel flogen auf dem derart gedrehten Karussell die Prinzen
der Zeit durch die Luft ihrer spielerischen Entzückung. Wir lachten und kamen in die Wetterau.
Aus den weichen Schatten, mit denen die Wolken über die Ähren wanderten,
am bläulichen Grün des Saftes in den meilengroßen Ebenen, im Wind der
Weiler, die aus Baumspalieren mittaglich träumten, aus der fetten Kraft und
sprudelnden Wucht des Bodens spürte ich die Heimat. Hier haben meine Ahnen,
die Lanzen im Arm, gewohnt. Durch diese Täler sind sie von ihren Burgen
gezogen. Meine Mutter hatte etwas von dem besinnlichen braunen Glanz alter Wildheit im Auge. In Friedberg, das am Horizont blieb wie ein Starnest, habe ich
sechsjährig auf den Burgzinnen Dohlen gejagt und unter den Sommerbüschen
der Schwarzdorne und gelben Ginster habe ich die Platten der Rittergräber mit
dem Finger abgefahren. In Büdingen hängt in der Schloßkapelle die Isenburger
Kriegsfahne, gegen die sie gezogen. Am Schloßportal erfuhr ich die Ermordung
des Ministers, die Lakaien standen am Schloßgraben und schwatzten, der Pförtner in einer sagenhaften Uniform öffnete das Tor.
Ich bin den Mittag weiter durch meine Heimat gefahren, die Störche saßen auf
allen Giebeln, die Schwalben sangen sich über den Eichen, die wie Pappeln
gewachsen sind, in klarem Sang herauf und herunter, und an den Enden des
Horizonts zogen sich violette Schatten, die langsam den Himmel wie große
Zeichen der Festlichkeit heraufkamen.
Um uns rauschte das reifende Korn geheimnisvoll in den mittaglichen Glanz,
und die Felder mit farbigem Mohn bogen verführerisch in die Stille der Hänge. Wie ein roter Regen flogen die Alleen mit den satten Kirschen über uns, als wir
nach Gelnhausen kamen und sofort die Pfalz des besten Hohenstaufen suchten.
Während seine Vorgänger und seine Nachfolger den Dom bauten, setzte er in
den Sumpf für eine Geliebte die Pfalz von wunderbarer Wucht, den Pallas von
einer Brust der leichtesten Säulen gegliedert. Der Jasmin flutete mit dem Geruch
des weißen Hollunders durch die Ruinen und umdampfte das steinerne Gesicht des Barbarossa.
Sein Kopf springt aus der Wand über dem Eingang hervor und läßt keinen, der
eintritt, ohne Blick. Der Bart ist gespalten und nach außen in die Höhe gezogen,
bis er die Höhe seiner Augen erreicht. Auf den Spitzen des Bartes tanzen da
zwei kleinere Köpfe, der des Hundes, der ihn in die weiten Jagdfelder führte, der
jenes Weibes Gela, die er liebte wie ein Toller, die ihn zwanzigmal von italienischen Fahrten und deutschen Revolten an ihre Wärme zurückriß. Aus der
Tiefe dieser Schatten kam mir manches ins Blut geschossen, als sich die
Hollunderbüsche teilten.
Ich bin wie trunken, gesättigt vom Atem aller großen Zeiten durch meine
Heimat gefahren und die Bäume hatten etwas Erkennendes in ihrem
Dunklerwerden und die Vögel in ihrem Schweigen und die Felder in ihrem helleren Rauschen und die Wolken selbst, die den satten Ton der Dämmerung
auf ihre lila Segel genommen, erstiegen die Höhe des Himmels mit grüßendem
Triumph. Ich sah die Rehe flüchten und den Mond über den Barockschlössern
aufgehen, deren Spiegel die Nacht silbern erhellten, ich sah die Nymphen der
Dächer fester in ihre Hörner blasen, wenn die Nachtwinde aus den Feldern sie
trafen und ich sah den Main mit seinen Schiffen heraufkommen in der weißen
Nacht mit einer Größe und Verwandtheit, die ich aus den Jahrhunderten, die wir hier verbrachten, sofort verstand.
Ich bin durch die Empfänglichkeit meines romantischen Blutes wie ein zu
dem Stern der großen Kaiser und adliger Erinnerungen Verführter durch die
Nacht meiner Heimat gefahren, in deren Landschaft deutsches Schicksal und
deutsche Welt sich durch Generationen entschied und Ausdruck und Figur
erhielt bis an ihre besten Maße. An diesem Tage wurde Rathenau als der vierhundertste wehrlos, von hinten, erschossen. Ich bin für die Republik.
Ich bin für die Republik, Mijnheer, wir sind angelangt bei politischen Dingen
und haben sie schon überwunden, indem wir es erkannten. Denn Sie wie ich
werden bemüht sein, ich von dem Ihren und Sie von meinem Herzen aus die
Gegenwart zu sehen. Und wir sind beide genug voll innerer Distanz zu den
Dingen, um nicht zu verstehen, das Saubere von dem Gemeinen und das Echte
vom Gefälschten zu unterscheiden. Sonst ist nichts von Belang. Welches Volk
aber von Barbaren, Mijnheer! Man kann mit diesen Leuten nicht sein, die den Mord heiligen, um zu Monarchien zu kommen, deren Absurdheit Sie wie ich in
jener Form verachten, wie vernarrte Jünglinge und verbissene Greise sie wollen.
Das hat kein Band mit den Erinnerungen meines Blutes.
In meinem Wappen stehen unter dem springenden Löwen die sechs Punkte
des Gleichgewichtes. Der Wahlspruch schrieb: „fidèle sans blâme“. In Ihrem ist
das Segel der Fregatte, mit dem ein Ahn die Mauren jagte, ein späterer seinen König nach den Niederlanden führte und darunter steht: „Illum oportet crescere
me autem minui“ wie bei dem furchtbaren Johannes des Grünewald, der
vergehen wollte wie ein Blatt, damit der Nazarener aufschieße wie ein Baum.
Ach, wenn die Könige Europas doch auch wie junge Heilige wüchsen! Auch Ihr
Monarchismus hat eine Idee und es wäre Ihnen darum unmöglich, den
Meuchelmörder zu rufen, wo ein Gedanke Sie erfüllt. Napoleon Bonaparte hat als Letzter die Monarchie einer europäischen Idee verfochten und ich gestehe,
daß ich das Verführerische dieses Glaubens spüre. Ich sehe aber in diesem
Europa meiner Jugend keinen Weg und keinen Führer dazu. Ich bin für die
Republik.
Mijnheer, wir sind eingeschneit. Die Läufer, die zurückkehren, haben die
Figuren von Tieren. Wir sind mit ihnen in dieser angenehmen Höhle eingesperrt. Sie wollen nunmehr mich in der Zwischenzeit veranlassen, mit der gleichen
animalischen Unvoreingenommenheit der Kunst nicht nur die Knospen des
Busens zu bewundern und den zitternden Elan der Schenkel zu bestaunen,
sondern der schönen Gejagten den Bauch zu beklopfen und alle
Sehenswürdigkeiten aber auch alle Fehler ihres Baues in unser Entzücken und in
unser Urteil aufzunehmen. Die Wertungen ihrer Schönheit fällt allerdings erst
die spätere Geschichte.
Aber die Göttlichkeit des Augenblicks, die versteckte Herrlichkeit einer ihrer
sekündlichen Bewegungen und den Schatten der Sonne auf ihrer schlanken
Hüfte bringt keine Ewigkeit zurück. Es lebe der Augenblick!
Ich habe daran denken müssen, als nicht nur die Wände des Barbarossa-Pallas
mit den schmalen Scharnieren der Säulen sondern auch die Färbungen der Ecken
und die Dunkelheiten der Verließe und die schmerzlichen Lücken des Fehlenden mir den Ruhm ihrer Zeit erst völlig entgegenbrachten. Fesseln wir den Augenblick! Durchbohren wir ihn, weil er erst dann unsterblich ist. Alles andere
geht, wie Deutschland geht. Es lebe die Republik!
Wir gehen in die erste Nacht, Mijnheer, als ob wir in die Verbannung gingen
und Deutschland so fern hinter den Schneewehen sei, als habe das Exil sich
wahrlich zwischen uns und die Heimat gelegt. Der Sturm, der an den
Schwarzwaldbergen hängt, hat die Gegenwart wie die eines Sternes entfernt,
man sieht durch den Kerzenschein nur Kämpfe und Gesinnungen wie bei Homers großer Schlacht. Man sieht nur die Dichte der Leistung und den Adel
des Wettspiels und erschrickt nicht, wenn man beim Reden das Herzblut der Zeit
auf den Lippen spürt und stirbt nicht daran wie jene Geliebte und Liebende von
Coucy, die wie am Blitz starb, als sie das Kreuzzugherz ihres Freundes durch
Irrtum verspeiste. Hinter dieser Betrachtung formieren sich dann schon die
Massen. Man kommt nirgens ohne innere Haltung aus: „Après vous, messieurs,“ schrien englische Cavaliere französischen Rittern zu, als diese höflich den Briten
den Vorrang der ersten Salve bei einer Schlacht lassen wollten. Diese Devise ist
nicht flacher in einer Zeit, wo die Schwengel sich duellieren und die Edelleute
sich öffentlich verleumden. Man darf nicht erstaunt sein, beim Untersuchen der
Zeit statt einer Armee von Helden ein Lager von Schelmen anzufinden, aber
man braucht deshalb seine Unparteilichkeit und seine Manieren nicht zu verlieren. Man kann unbefangen sein und kalt wie ein Fisch im Urteil und doch
seine private Sehnsucht vor alles Richtige nachher wie einen Traber vorspannen.
O Deutschland!
In seinen Tälern beginnen die zaghaften Anfänge des Frühlings schon in den
ersten Sommer einzukreisen und aus den Gärten bricht schon der Geruch der
vielen Blumen. Unsere Träume haben keine Muse, teilzunehmen an so sanften Entzückungen seines Wesens. Im Gewirr seiner Pfade einen Weg suchen und die
Beete zu unterscheiden ist eine Aufgabe, die verflucht ist, auch wenn die Donner
eines stürmischen Frühjahrs nicht mit dunklen Gewittern über uns hingen. Unser
dreißigstes Jahr ist nicht heiter wie das der Jünglinge des Boccacce und unsere
Jugend ist stürmischer wie die des Cinna und Hannibal. Was ist noch zu tun?
Ich habe gehört, daß über mein Ordnen und Schichten und Höhe- und Tiefe-
Weisen einige schrien, es sei Diktatur, die versucht werde, aber da es, wie ich näher hinsah, erbärmliche Schatten waren, die schrien, habe ich nicht
geantwortet und mein Ehrgeiz war nicht klein genug zum Kampf mit den
Gerippen. Die Erfolglosen, die das Nein gegen die Gesunden stets im Munde
führen, haben mich nie gereizt und Verneiner sind nichts anderes als frühzeitige
Tote.
Man hat in Deutschland wie das züchtigende Ja so auch das Ringen um die klar erkannten Ziele und das Bewußtsein der handwerklichen Leistung ganz verlernt. Man hat sich so zerspalten, daß man nichts mehr weiß von jener
weltumspannenden Kameraderie der Handwerke, von der gemeinsamen Wollust
europäischer Arbeit, von jener Staffelung in Gut und Schlecht und Volk und
Arbeit . . . . und wie in seinem Mittelalter man sich verehrte, nicht weil man
berühmt war, sondern weil man etwas konnte, wie man sich gegenseitig
unterwarf und lernte und schließlich allesamt bewußt dann kreiste, der
Vollendung nahe nachher, um die Achse eines sicheren Weltgefühls. Es gibt heute keine Schüler mehr und keine Belehrer, nur seltsame Meister ohne Boden
und ohne Himmel.
Man muß ihnen zeigen, was ist, diesen armen unbelehrbaren Menschen. „Ich
werde Euch lehren den Arm, ein Bein, mit Grazie zu biegen,“ sagte Boucher zu
seinen ungelenken begabten Schülern. Hokusai, der seit dem fünften Jahre
unendlich viel zeichnete, verwarf, was er vor dem siebenzigsten Jahr geschaffen und glaubte, mit Dreiundsiebzig etwas von der Farbe der Dinge zu begreifen.
Ronsard empfiehlt in seiner Poetik den Dichtern, zu Schlossern und
Goldschmieden zu gehen, um zu lernen die Sprache zu ziselieren. Ingres
empfahl, wenn man für hunderttausend Francs Handwerk habe, keine Sekunde
zu zögern noch für einen Sou dazuzukaufen. Und Flaubert, der es wissen mußte,
wie keiner, schrieb nachts an Madame X. von Croisset nach Paris, er habe auf hunderttausend Arten einen Ausdruck gesucht, behauen, gegraben, gewendet,
durchstöbert, gebrüllt, bis er ihn unter Garantie endlich habe und nun, nachts um
ein Uhr stehe er mit fieberndem Kopf und brennender Kehle seiner Geliebten zur
Verfügung.
Sie wußten alle, daß Talent nichts sei als lächerliche Voraussetzung und daß
bei genauer Prüfung schließlich wohl jedermann ein Talent habe, und daß ohne die grauenvollste Arbeit nach einem Ziel, das man sehe, im Sinne aller Meister
jedes Geschreib und Gemale nur ein dilettantischer Schmus und ein zweckloser
Unfug sei. Sie wußten, man müsse den Menschen zeigen, wie sie arbeiten
sollten, wo die Quellen lägen und wohin sie ihre vom Übermaß der Bemühung
geröteten Gesichter freudig wenden sollten.
Ein Glockengeläute gibt zuerst, weil der Klöppel eine Seite lediglich berührt,
einen hellen dünnen Ton. Erst wenn er die andere Seite unter geschickter Führung dazu noch erreicht, überbaut den ersten Anschlag die dunkle Kraft des
zweiten . . . . und so, voneinander nehmend und sich überbietend, baut sich die
Stufe der Melodie immer breiter dröhnend in den Himmel.
Man darf nicht zögern, das Seil zu führen, wenn man Musik liebt. Man will
das nicht wissen? Man kann es nicht sehen? Um so besser. Ist niemand da, der
die Kontrolle führen will . . . . hier ist er. Vergessen Sie die Kerzen nicht, Mijnheer. Der Sturm hat ein Rad über die Gletscher geschlagen. Er vergißt uns nicht.
Die erste Nacht
Die Mäuse huschen unter den Heizungsrohren durch die Zimmer. Erschrecken Sie nicht, wenn die Fallen klappen. Elf Uhr. Die elektrischen Bogenlampen
draußen auf den Fahnenmasten für die Verirrten dringen keine zwanzig Meter in
diese Nacht.
Das dumpfe Dröhnen sagt, daß der Neufundländer Bary vom Hebelhof diese Nacht nicht im Schnee schlafen kann und morgen nicht seine Geliebte, die
Wolfshündin auf Herzogenhorn besuchen wird. Als wir vom Blösling das
erstemal in der Lawinenzeit unter den Wächten herkamen und uns die schöne
Frau mit dem Monocle und die beiden Badener von der Terrasse des
Blockhauses, das unten mitten in der Ebene stand und jede Minute weggewischt
ward von Schneewehen, mit Posaunen und Reiterdrommeln begrüßten, wie lachten wir vor Wonne über die Musik, die man wie ein Geschoß uns
entgegenknallte . . . . . . aber wie entsetzten wir uns, als über der Grafenmatte
mitten im Schußfeld wir Bary zum erstenmal erblickten, der unfehlbar einem
schwarzen Bären glich, und wie umfuhren wir ihn mit entsetzten Schwüngen.
Denn der Wechsel von Licht und Schnee war so gespenstisch, daß uns kein
Tier der Urzeit erstaunt hätte, wäre es aus diesem von Sonnenkanonaden und
Luftspiegelungen durchwehten Tag aus der Landschaft herausgetreten, über die wir wie Götter herabkamen, achtzig Kilometer Stundengeschwindigkeit, auf
Hickorys, immer neue schier unabsehbare Terrassen von Hängen hinunter. Nun
sitzen wir auf den Fenstern und starren bei Kerzenschein in die Nacht. Kommt
uns ein Echo zurück aus dem Brausen?
„Was nun ist deutsch?“, fragt Ihr Auge, Mijnheer, frug es schon oft an
meinem. Frug es, als man den jungen Springer vom Hügel gestern brachte, der, als die Chirurgen die scharfen Knochenenden in den Oberschenkel
zurückspießten, Ziehharmonika spielte. Es war schneidig, doch ich sah dasselbe
bei Blériot. Sie frugen, ohne zu reden, das Gleiche, als hinter Konstanz ein
Rotbart ins Coupé schaute und ehe er Platz nahm, schrie: „Sind Juden drin?“ Das
war nur untermenschlich. Sie sagten einmal, daß in Ihrer Jugend in Grénoble, als
französische Studenten den wahren Mut der Deutschen bezweifelten, ein alemannischer Skulptore vor Ihren Augen am Tisch des Cafés sich die Brust
aufschnitt. Das war barbarisch aber nett. Nicht deutsch. Nun fragen Sie ernstlich
und wollen eine Antwort, rund und klar und voll Verantwortung. Das ist nicht
leicht. Das ist unmöglich.
Was ist italienisch, was spanisch? D’Annunzio oder Michelangelo? Cervantes
oder Goya? Ein Teil jeder Nation würde jeden dieser Reflektanten bestreiten. Die Deutschen haben aber sogar in der Gesamtheit den Sinn für das wirklich
nationale Grundgefühl verloren und sich falsche Götter aufgebaut. Goethe ist
eine völlig romanische Mischung. Und Schiller hat das Pathos, nach dem sie sich
vergeblich sehnen, weil sie es nicht wie die Romanen im Blut besitzen. Die
Weimarer Tradition hat mit keiner deutschen Vergangenheit irgend etwas zu tun.
Diese Klassik ist der stehengebliebene Wunsch der deutschen Germanen nach
der südlichen Erlösung, der sie früher mit Schwerten und Kreuzzügen dienten. Rodin, der bestimmt Germanisches in seinem Wurf besaß, hielt die griechische
Kunst nicht für mehr als gute Geometrie. Ein wahrhaft innerlich deutscher
klassischer Stil würde nie bei dem von Pelasgern bewohnten Griechenland
anfangen, die uns bei allem Neid auf ihre Vollendetheit so wesensfremd sind wie
Chinesen und uns nur durch die Renaissance als Blutsbrüder vorgetäuscht
wurden. Sondern er würde sich in jener Herbe erfüllen, die von den Domportalen her, von Mäleskirchner und Cranach, den Sängern des Nibelungenliedes, von
Ekkhart, von Fischart, von Grünewald ausgeht und aus einer barocken Fontäne
in einen stillgewordenen Himmel hinein sich formt.
Eher ist der Bamberger Platz bei all seinem Chaos deutsch, der immerhin
einen Riesenwurf darstellt von dem romanischen Geist des Doms an über die
Paläste der Renaissance und des Barock bis zur Schlußgestaltung des monumentalen Raums, als daß Deutsch sich offenbare in jener nichts-als-
harmonischen Geste, auch wenn sie die größte Begabung, die je den Deutschen
ward, zelebriert.
Dazu braucht es anderes Klima und anders vor Wonne des reinen Seins
geschüttelte Himmel. Das Deutsche hat immer als Reiz, selbst in seiner
landschaftlichen Atmosphäre den unbestimmbaren Hintergrund getragen, und war immer fern der farbigen Plastik, mit der die Südländer ihre Gebärden
schließen. Constant, der gescheiteste Franzose, der gleichzeitig Deutschland, in
dem er Jahre lang hörig hinter der Staël herreiste, heiß liebte, hat Goethes
zentrale Schwäche rasch durchschaut. Denn er spürte unfehlbar, wo das schönste
Genie der Deutschen abbog von seiner Bestimmung, die Menschen in Liebe
zueinanderzuführen, indem es keine Stellung nahm zu ihren kriegerischen
Konflikten, und statt in den geistigen Kampf zu jagen, einbog in die Verherrlichung einer Klarheit, die bei Deutschen nie Inhalt sondern nur Fassade
sein konnte. Constant hielt den „Faust“ daher für eine Verhöhnung des
Menschengeschlechtes und stellte Voltaires „Candide“ darüber, den er zwar
gleich unmoralisch und dürftig aber geistreicher und besser gemacht fand.
Teutonische Ajaxe werden dies Urteil unerhört finden, weil sie die Welt nur
zwischen Elbe und Rhein und mit viel Vorurteilen gemalt sehen. Es ist jedoch nur gerecht. Denn andere Völker sehen mit Puppille, wie ihre Leidenschaft am idealsten sich in der entsprechendsten Form löst.
Die Deutschen haben aber keinen Sinn mehr für ihre Eigenart, verehren
Götter, die keine sind und Heroen, die sich als Puppen aus falschen Sentiments
entschleiern. Deutsch ist daher fast nie, was die heutigen Deutschen lieben,
deren Andachtsheißhunger vor allem Anders-Seienden sie in Ideale hineinreißt,
die andere, nur nicht sie selbst besitzen. Sie lieben entweder das Sentimentale,
das klassisch aussieht, im Grunde aber Lüge ist. Oder sie verehren das unvollkommen Dunkle, das nicht das groß Barocke, sondern die eitle Ohnmacht
von Narren ist, die ihre Schwäche damit verbergen. Stellen sie aber einmal ein
Denkmal von Qualität auf ihre Landschaft, in der die verlogenen
Feldmarschallbilder des Tuaillon mit erbärmlicher Glätte neben dem Kölner
Dom stehen, so stellen sie Figuren Meuniers auf die Frankfurter Mainbrücke, die
zwar Kunst sind, aber den nationalen Ausdruck wallonischer Fischer und nicht deutscher Seeleute ausdrücken.
Deutsch ist nicht das unvollkommen gestaltete Klare, sondern das im Dunkel
ringend Gebaute. Deutsch ist nicht der magyarische Melancholiker Lenau aber
etwas an Grabbe. Deutsch ist nicht Herr von Münchhausen, der einfach einen
Panzer umtat und blödsinnig mit kriegerischem Gebrüll das Maul aufriß, wie er
es für adlig hielt, aber sicher etwas von Richard Dehmel. Deutsch ist nicht etwa jener mit Kothurn auftretende Gott der Langeweile, der mit Paul Ernsts
gesammelten Schriften am Arm erscheint, aber sicher etwas von der Malerei des
Max Beckmann. Deutsch ist nicht das dumme hohle Zeug, das mit klassischem
Jambus Herr von Wildenbruch in anständigster Gesinnung verbrach, aber sicher
etwas in den tollen Phantasien des Architekten Poelzig, dem Deutschland keine
Bauaufträge gibt. Deutsch ist vor allem nicht Gerhart Hauptmann, aber sicher etwas in Wedekind.
Was hat gerade diese sehr starke Begabung des Naturalismus, dieser Schlesier
Hauptmann Unrechtes getan, daß ihn die jüdischen Literaten aus Respekt vor
seiner arischen Rasse als Repräsentanten deutschen Wesens der Welt mit
begeistertem Finger zeigen? Er ist der blendendste Beweis für den Irrtum, alles
Halbe und Sentimentale, alles Greise und Weibisch-menschliche sei Deutsch,
wenn es nur von Mondschein und einer gewissen hellen Hilflosigkeit übergossen sei . . ., während der blitzende Genius Wedekind, der sich ohne weiteres in die
Kette der barocken Meister einordnet und der aus dunkelster Wirrung ein
metallisches Werk hingab, von allen Hunden und Untermenschen Deutschlands
noch heute zerfetzt wird. Was hat die badische Exzellenz, der Wirkliche
Geheime Rat Dr. Hans Thoma Unrechtes getan, daß er, der den Schwarzwald
wahrlich mit einer Fülle des Gefühls wie wenige malte, aber ungeheuerliche Dinge an Heiligen und Madonnen nebenher, daß an ihm bewiesen ward, Mondschein und Geige und jene penetrante Innigkeit der falschen
Sentimentalitäten sei alleinig deutsch. Ach die Deutschen haben, als ihre
Gesellschaft sich scheinbar in kleinbürgerlichen Behausungen konsolidierte, sich
Markenschilder und Klischees ihres Wesens so anfertigen lassen, wie es ihren
wirtschaftlichen Sehnsüchten am geeignetsten schien und sie sind vom
Heroischen mit kalkiger Angst zum Sentimentalen gelaufen und haben der
Antike, die sich ihnen in den Klassikern offenbarte, einige Denkmale der Huldigung unter der Adresse des deutschen Genius gesetzt.
Man schuf eine Waffenbrüderschaft für alles Dilettierende und Epigonenhafte,
das sich „naiv“ gebärdete und erschlug die fabelhaften Wölfe der Sprache, wo
sie in die Wälder kamen. Man verdarb mit falschem Zucker den Geschmack und
hetzte die Mittelmäßigen auf das Ungewöhnliche. Man begann alles
Unzureichende, soweit es auf Klarheit oder Erlösung sich färbte, als deutsch zu flaggen und alles Dramatische und Glühende zu hassen. Man liebt den
Jungnickel mit den Papierblumen in der Hand, aber man will nicht den jungen
elsässischen Dionysos Schickele. So war man für Freytag und gegen Nietzsche.
Man schwärmte für Paul Heyse aber ließ den Günther krepieren. Man liebt die
koiffierten Sänger des Rheins von dem Scheffel bis zu den Lauff und Bloem und
Herzog, aber man ist gegen Heinse, gegen den Büchner, gegen den Eisenkonstrukteur Georg Kaiser und man nimmt Romantik (wo es ins
Übersinnliche schon geht), nur durch die Verlegenheitsform der Musik.
Die Deutschen halten es mit der Dichtung wie die Weiber mit den Männern,
die, wie Jean Paul meint, stets mehr den Bürger als den Menschen achten. Sie
haben sich deutschem Wesen ganz entfremdet, haben sich von den Stilen
entfernt, die ihr vielspältiges unruhvolles Wesen am deutlichsten geben, haben sich gegen die großen Formen erklärt, in denen germanischer Wuchs
heroengleich in den Horizont sich trotzte und haben aus angestrichenen
Fellgermanen mit Lippenrouge und Trikotbäuchen sich eine germanische
Vergangenheit im Stile Richard Wagners, und aus unbestimmbaren qualvoll
süßlichen Stimmungen klassischer Schlichte eine Gegenwart gezimmert für den
Begriff des Deutschen, der niemals, der eine wie der andere, auch mit einer
Ahnung nur am Leib der deutschen Dichtung war.
Es ist leichter zu sagen, was nicht deutsch ist, als das, was es ausmacht. Die
Deutschen halten sich für schlicht und sind immer Verzweifelte gewesen. Sie
haben keine Kultur, aber einzelne Herrlichkeiten. Ihre Haltung ist jener der
Skandinaven unterlegen, ihre Grazie jener der Österreicher, ihre Motorräder,
Tennisschläger, Kleider jenen der Engländer, ihr Weltdrang selbst dem der
dickblütigen holländischen Germanen, ihre Parfüms den Franzosen, ihre
Tänzerinnen den Russen, ihre Boxer den Niggern. Auf ihren Theatern pissen die Akteure, wie Heine sagt, mit den Herzen, während die Briten mit den outrierten
Bewegungen der Shakespearezeit, die der Franzosen mit dem durch Ironie
durchsüßten Pathos des Racine spielen. Ihre Maler malen den Kosmos, aber
nicht nationale Farben und nicht ein gelungenes Weltbild ihrer Rasse. Der
Kunsthändler Flechtheim hatte nicht unrecht, als er, der völlig französisch
orientiert war, durch eine Ausstellung wildester moderner Kunst der Deutschen gehend, ausrief: „Herrlichkeiten, meine Herren, zwar keine Malerei und ich ahne
es nicht, was es sein soll, aber ich glaube, daß es vorzüglich ist!“ . . . denn er
zollte unbewußt neben dem Spott dem dunklen Trieb der echten Deutschen, sich
mit Figur und toll aus dem Dunkel hochzuwühlen, den Tribut.
Da erscheint die Erinnerung jener Fanatiker wieder, die von den Dombauern
bis zu Jean Paul sich zu jenem Barock im Ausdruck durchzuschlagen wußten, das auch die Strenge der Gotik und die Süße des Mittelalters umschließt. Damit
seien aber im selben Atem die Überläufer gestäupt, die aus dem Unvermögen,
sich auszudrücken, in jenes gescheite problematische Dunkel des Geschwätzes
sich hüllen, das ein deutsches Publikum genau so begeistert und unverstehend
aufnimmt, wie es erregt die Hände faltet, wenn Herr Bonsels sich auf Seele und
Idylle frisiert. Im Grunde sind das die gleichen Täuschungen, nur daß die verquollene Geste die raffiniertere und spekulativere ist, ihrer beider Verfasser
aber Charlatane, die von den jüdischen Literaten wenigstens die Psychologie
gelernt haben, die diese in die deutsche Dichtung importierten: ihr Publikum
genau zu kennen und zu bewerten.
Es gelang ihnen auf der ganzen Linie. Denn da es tragisches Schicksal
deutscher Dichtung ist, unvollendet und fast an der Spitze der Vollendung
abzubrechen und Torso zu bleiben, vollbrachten sie das Fälscherstück, den Torso überhaupt als das typisch Deutsche auszuschreien. Diese Komiker, die als
Hamlete auftraten, vergaßen, daß es dem Unbestechlichen immer noch leicht ist,
unverständliches und aufgeblasen gemurmeltes Zeug zu unterscheiden von
einem metallen geglühten Stück Kunst, das nur an der Kulturlosigkeit der Zeit
zerbricht.
Ja selbst, wie das gemeinhin leicht, aus dem Wesen der Frau die Statur des Volkes farbenklar zu erkennen, ist uns versagt. Die germanische Rasse ist bei den Britinnen viel klarer in der Zeichnung, anmutiger bei den Wienern, von
geistreichster Grazie bei den schönen Frauen der Skandinaven Schwedens
gezüchtet. Dennoch traf ich in der Heimat unvergleichbar lichte Frauen,
zusammengesetzt jedoch aus Unbegreiflichem, mit vernichtenden
Widersprüchen selbst in ihrer Anmut, unbestimmbar in ihrer Rasse und ihrem
Wesen schon eine Stunde nach ihrer Entfernung.
Aber aus Erinnerung an sie formte sich plötzlich nachträglich die Idee: das war die Deutsche. Doch es war ein Hauch nur, unerklärlich. Aus einer Handlung
der Gegangenen kam plötzlich ein Echo: das war sie. Schon entflohen, schon
nicht mehr gestaltbar. Fast ein Traum und doch eine Gegenwart. Ein Abglanz
vielleicht, der bleibt und den man nicht sieht. Aber man weiß dennoch, auch
wenn man es nicht bestimmt, wenn man es nicht enträtselt: das gibt es. Das ist
schon viel!
In Lyon traf ich in einer gebildeten Gesellschaft einen Kaufmann, der dachte,
preußisch und deutsch sei zweierlei. Er hatte Recht wider Wissen. Preußisch ist
leichter zu fangen als deutsch, es ist auch an Tiefe nicht so dunkelschön.
Immerhin, es besteht, wenn auch nur als Erbteil von Potsdam. Mein Vermögen,
meine geliebtesten Dinge gäbe ich, wenn ich auf Monate in fernes Ausland
müßte, eher dem preußischen Granden, dem älteren General der aussterbenden Generation als einem der in Gesinnung der Menschenliebe bramarbasierenden
Internationalen, so nah diese Ansicht mir steht. Ich bin für die Tradition und ich
weiß, daß diese Ehre früher über den Tod hinaus unverbrüchlich als Weltbild der
Samuraikaste der Preußen eingebrannt war, während ich nicht ahne, ob hinter
dem Gesicht der Bruderliebe dieses oder jenes mehr steckt, als daß damit alles
zu gewinnen und nichts zu verlieren ist. Das Ehrgefühl des preußischen Offiziers hatte früher Weltgeltung wie eine gewisse Treue der Germanen und darum ist
Lessings „Minna von Barnhelm“ das beste deutschgeschriebene Lustspiel, weil
wahrhaftiges auf beiden Beinen aufgepflanztes Weltgefühl hier tragisch gegen
alle Seiten der Windrose rennt . . . so langweilig und trocken das Stück auch sein
mag, und so sehr die Franzosen sich unter ihm krümmen, denen seine Klarheit
und Gescheitheit überhaupt erst die Voraussetzung zu Dichtung scheint, während
sie hier das Ende und Ziel schon ist. Man darf sich nichts vormachen. Wir sind, ohne Boden unter uns, um Jahrhunderte gehandikapt.
Es gab keinen Olymp bei den Deutschen, wo der Chor des Volkes und der
Götter sich mit den Musen band, um im Zug vereint immer wachsend in einem
unbeschreiblichen Hymnus die Kraft eines ganzen Zeitalters, die Götter und
Heroen an der Spitze, zu gestalten. Einmal nur spielten in der Feinheit des
Glücks die Dinge und die Menschen in organischer (nicht goethescher) Harmonie aus dem Bodenschoß des Landes her kurz ineinander, als in geheimnisvoll durchbluteter Fülle die Kraft seines Geistes so ungeheuer glänzte,
daß die gotischen Götter von den Kirchen niederschritten, daß fromm und tapfer
das gleiche Wort schien, daß in Schöpfungsmut die Vögel diesen kurzen
Sommer mit den steinernen Heiligen um die Wette musizierten und die Engel
Zeitgenossen der Erde geworden zu sein schienen.
Damals war das Helle und das Dunkle geeint, und die barocke Kraft hatte eine
Flut von Licht in die Dunkelheit deutschen Wesens gesprengt, daß das Jahrhundert schwebte, wie von seidiger Luft gebildet aber wie von Stahl in der
Rundung genietet. Die Wage war aufgestellt zwischen der Kraft und der
Seligkeit, und wie auch das Ringende tobte, gesellte sich zu endgültiger Form
ihm die Idylle. Die Strophen des Vogelweiders hatten jenes unersetzliche Gleiten
aus den mythischen Schatten in die kristallene Lichte. Und wo sie geschliffen
wie Glas in Bögen sprangen, war hinter ihnen noch das Blau der Schatten sichtbar, aus denen heraus sie sich rangen. Und über dem Rhein stand ihren
hellsten Lichtern das dumpfe Schwälen Wolframs gegenüber, den aus dem
Leichten es in wundervollem Abwägen schicksalshaft stets ins Dunkle
zurückzwang.
Eine Kreatur blieb dann zurück, durch die Jahrhunderte der Zersplitterung
hindurchgerissen, deutsch genannt, nicht mehr bestimmbar mit Kreis und Logik, mehr kühn wie gelassen, mehr zerbrechend als weise, schon etwas
lorbeergeschmückter Barbar aber nie ganz Christ, doch stets voll Leidenschaft
nach Erkenntnis in seinen besseren Exemplaren. Das gab Temperatur, aber noch
nicht Guß und Statur. Das ward wohl aufgebrochener Acker, aber nicht Ernte. Es
gab durch die Jahrhunderte hindurch keine Kette von jungen Helden, aber
Kreise, die ohne Zusammenhang, aber wie die Jahrringe der Bäume umeinander gegürtet, die ewigen Quellen umringten. Und in der Isoliertheit voneinander gab
es mehr mörderisch Verzweifelte als Jauchzende und es gab die kleine Menge
derer, die zwischen den Pfäffischen und Geschickten, zwischen den Satrapen
und Gauklern der Dichtung mit Genie das wirre Schicksal in Figur zu bringen
suchten, in dem unsere beste Hoffnung liegt.
Sich ins Groß Barocke hinein zu äußern ist sowohl Schicksal als auch der
gemäße Stil für das Deutsche. Die Chauvins, die ihm die aufgemalte italienisierende Statuenpose zuerteilen wollen, möchten am liebsten, es gebe nur
Eichendorff, wobei sie beschränkt und heuchlerisch, wie alle falschen Radikalen,
den Stoff mit der Melodie verwechseln und das für deutsch halten, was nur
Anlaß zur Kunst ist. Denn Eichendorff ist eine jener graziösesten Verzierungen
in der Architektur der deutschen Dichtung, deren oberste Ornamente (die über
den dunklen Fittigen der Kreuzschiffe sich erheben) manchmal vor liedhafter Reinheit beben, als seien sie nicht mehr dem Bau zugehörig, sondern lägen wie die Falter frei in der Luft.
Es blieben immer nämlich einige Reiter und Figuren an den Firsten der
Kathedrale deutscher Dichtung durch jede Epoche hindurch übrig und genau
erblickbar, in deren Bewegtheit und linder Anmut man alle Helden des goldenen
Zeitalters wieder erkannte, dessen schönster Ritter der von der Vogelweide war.
Über den Eschenbacher Vaganten, über Günther und Hölty und Klopstock und
Malermüller und Eichendorff geht es bis zu Heine. Zwischen den wilden Streitrufen des Thomas Murner und der Weltflucht des Silesius haben sie den
Ton und das Vollendete weiter getragen und sich begnügt, etwas zu sein, was
zwischen Schriftstellern und Dichtern die Deutschen allein als „Poeten“
besitzen, und was nicht das Deutsche, aber eine Spielart des Deutschen ist und
im Ausgleich der beiden Wagen, die die Melodie bestimmen, die höchste und
hellste Stimme ist, die der dunkelsten und schwersten Grundmelodie entspricht.
Sie haben etwas von Beschaulichkeit, manchmal von Weisheit an sich. Mit
unmöglichen Vorstellungen von den Dingen dieser Welt beladen, sind sie
jederzeit bereit beim Anblick des Meeres, des Frühlings und der Wiesen die
Zahlenstaffel ihres Jahrhunderts zu vergessen. Aber sie sind in ihren
sinnierenden und klaren Klängen niemals jenen Rotten verschrieben, die als
Elegiker ihrer mißlungenen Karriere Hunger und Abstinenz als die Privilege der Dichter rühmen oder als Erfolglose neidig die Nutzlosigkeit des Ruhmes
verkünden oder als klassizistische Epigonen, die zufällig in einer romantische
Periode geboren wurden, Agitatoren ihrer Impotenz werden, welche sie dann
von kleinen Schreibern und Eunuchen der Kritik als diskrete Erfüllung deutscher
Mission in allen Blättchen loben lassen.
Sie haben nur die eine Absicht: zu musizieren. Ohne das stürben sie. Ihre schönste Stimme hat der Dauthendey. Er war so empfindsam, daß er in Tränen
ausbrach, wenn ihn etwas störte. Er starb mit Fünfzig wie ein Kreuzfahrer auf
Java (während in Deutschland alles verhungerte) bei guter Nahrung inmitten
phantastischer Natur, vor Heimweh. Vielleicht, daß die Seele eines Schülers des
Vogelweiders in ihn geflogen war, und daß Herr Ulrich von Singenberg oder der
Brennenberger Reinmar aus ihm sang wie die verzauberten Vögel seiner
Geschichten.
Nach soviel mißlungenen Skulpturen endlich ein Maler der Sprache, endlich
einer, der so tief aus dem Dämmrigen kam, daß er das Schaumhelle
spielmannshaft beherrschte. Er war so schön und so wichtig für seine Zeit, daß
die Deutschen ihn auf der Stelle vergaßen.
Seit „Ardinghello“ aber hatte kein Deutscher diese helle Farbigkeit. Bei den
Romantikern verschwamm zwar eine gewisse Leuchtkraft in ewig schönen Nebeln, Jean Paul hat Farbe gewiß zu riesigen Wolken jahrhundertgroß aufgewühlt. Die hellen glatten Farben hat seit Heinse keiner mehr so gehabt.
Schon seine Valeurs bringen ihn nah ans Märchenhafte: Weiß, Perlmutter, Silber,
Gold, Elfenbein. Er kam aus dem Kreis des lyrischen Dandy George, dessen
Zucht sein Formgefühl anzog und wollte zu den glühenden Südseefarben des
Malers Gauguin. Dazwischen lag der deutsche Naturalismus. Er hat von ihm
seine Saloppheiten und das Banale einiger unkünstlerischer Wendungen. Er
stellte ihm aber eine Prosa entgegen, die voll duftigem Atem, voll dichterischer Anmut und voll buntem Pathos war.
Endlich malträtierte Einer deutsche Erzählersprache nicht zu Ackerdienst,
sondern ritt sie in die hohe Schule. Nun fing auch die Luft zwischen den Sätzen
wieder einmal an zu leben, zu zittern und zu glänzen. Die Taumorgen und die
Rosen und der Frühling bekamen das Geheimnis beispielloser Neuheit. Was war
das Grau der Schilderer seiner Zeit, was war die Prosa der Wildenbruch und Schlaf und Beyerlein gegen diesen Glänzer!
Er kennt endlich wieder die Musik der Farben, er setzt sie mit den leichtesten
Kühnheiten und bekommt immer Grazie und Melodie. Seine Farben, die
ungebrochen von Weiß zu Gold gehen, wären ohne dieses Musikalische die
kühlen Schilder irgendeiner nachempfundenen Klassik. Die schwälenden Farben
von Purpur bis Mond-Orange haben schon die Romantiker aller Länder ins Übersinnliche geführt. Bei Dauthendey jedoch wandelt sich Weiß sofort zu
Perlmutter, zu Lotos, zu Rose, zu Elfenbein, zu tausend Spiegelungen, die so
leicht zueinander gesetzt sind, daß aus ihrer Helligkeit und ihrer Klarheit auch in
der träumerischsten Luft nichts anderes als das Märchen sich entwickeln kann,
das den Vorzug hat, ebenso deutlich wie unwirklich zu sein.
Das hat seit den „Serapionsbrüdern“ auch keiner vermocht. Deren Dichter hatte den Märchenton allerdings durch den romantisch besinnlichen Stoff und
die Form des Erzählens und eine gewisse gedämpfte Dämonie zu beschwören
vermocht. Der Dauthendey hat ihn schon von vornherein in der Atmosphäre, in
die er lediglich hineinfabuliert. Seine Sprache ist nämlich derart ausdrucksvoll
durch die mit allen träumerischen Schattierungen, aber auch durch alle
Sinnlichkeiten phantastisch gefüllte Leuchtkraft, daß seine Figuren und
Handlungen immer ohne Bemühung ins musikalisch Unwirkliche schweben, wo die Gesetze des Denkens aufhören, aber in einer liebenswürdigen Freiheit die
Begebenheiten sinnbildhafte klare Schönheit annehmen.
Das Geheimnis des Märchenhaften liegt in der Tat nicht im Stoff, sondern im
Ton. Der E. T. A. Hoffmann hatte ihn nach der dramatischen Wirkung hin, der
Dauthendey nach der lyrischen. Aber es kommt nur auf den Ton an. Es kommt
nicht auf die Naivität an und sicher nicht auf die Einfalt nationalen Gemüts, wie Annexionisten dieses Literaturgebietes so gerne träumen, und zwischen Vollmond und der Ausgabe von Grimm, zwischen Hans Thoma und
Rotkäppchen die Erde als deutsches Terrain buchen. Die besten deutschen
Märchen sind aus Asien gekommen, und ihr Ton ist wie der aller großen
Literatur international. Zwischen Negern und Eskimos gibt es nur Unterschiede
da in den Färbungen, nicht im Klang, wenn die Bäume einmal anfangen zu reden
und der Mensch durch Zaubereien mit den Elementen kokettiert.
Von außenheran ist an das Märchenmotiv nicht zu kommen. Wer das denkbar Einfache, das in Wirklichkeit das unausdenkbar Raffinierte ist, versuchte,
scheitert wie Oskar Wilde, der die Naturlaute mit Spitzenhosen und manikürten
Rosanägeln maskierte. Neben Dauthendeys Neuheit ist selbst der Däne Jakobsen
nur ein nervöser Empfindling, der doch dem Märchenhaften sehr nahe kam und
selbst gegen Andersen, der, wirklich berufenen Tons, die alten Fabeln in seiner
kindhaften Sprache ohne Eitelkeit noch einmal erzählte, hat Dauthendey eine unwahrscheinlich schöpferische Modernität.
Man war aber, als Dauthendey antrat, an das landläufige Klischee so sehr
gewöhnt, daß man groteskerweise den Ton hinter dem neuartigen Äußern nicht
erkannte. Welche Revolte, als „Der brennende Kalender“ und „Die in sich
versunkenen Lieder im Laub“ erschienen! Als der Mann, der die Tradition der
Märchenerzähler deutscher Erde weiter trug ins Neue, auftrat, warf man ihm wie einem exotischen Teufel alle Bannflüche entgegen, mit denen man den heiligen
Herd schützt.
Dauthendey hatte aber alles gute Deutsche als Erbschaft in sich und nicht zum
Geringsten die Sehnsucht nach der Welt, die er durchwandert. Er hat in seiner
Heimatstadt Würzburg nicht nur die Helligkeit der Sonne auf dem Main, sondern
auch die Inbrunst der Linien des Holzbildhauers Riemenschneider gesehen, er hat die tanzende Freudigkeit der Weingärten und das Katholische einer
flötenhaften Gotik erfahren, und er hat das Spielmannhafte der Franken ebenso
verschwenderisch wie ihre gut fundierte Eleganz. So kommt das Mystische zu
dem Sinnlichen und die Heiterkeit des Lichtes zur Grazilität der Form, aber auch
die Einfalt des künstlerischen Blickes zu einer fast unbegrenzten Möglichkeit der
Farben. Und da er den Ton hat, der dies alles erst instrumentiert, ergibt sich,
nicht ganz erlesen oft und im einzelnen sicher nicht vollendet, als Erscheinung aber erstaunlich, eine Prosa von nicht genügend erkannter Bedeutsamkeit.
Auch vermochte er, was bloß die besten deutschen Epiker des Mittelalters
konnten, die ganze Welt zu sehen und in seinem Ton zu fangen, ihr nicht
nachzulaufen in allen ihren Wundern, sondern sie, fast offenen Mundes, zu
bestaunen, daß vor soviel Hingabe sie sich dem Stauner ergab. Dauthendey hat
mit heidnischster Freude, animalisch und dichterisch zugleich, das Exotischste aus Asien und seinen Reisen gezogen, aber seine Musik, die mit der Schönheit und der Eleganz eines ritterlichen Spielmannes gelenkt wird, erzählt es nicht
anders wie eine Aventure aus Herrn Walthers Lusamgarten in Würzburg. Die
deutschen Dichterreisenden hingegen haben sich nur hingegeben, wenn sie die
Welt durchfuhren, und nichts dagegen eingetauscht: es war nicht der deutsche
Ton, aber wahrlich nicht die Stimme der fremden Völker; der Schwabe Hesse
nicht und nicht der Rheinländer Ewers, der Breslauer Ludwig nicht und nicht der
Holsteiner Bonsels, der Luxemburger Norbert Jacques nicht und nicht der Frankfurter Schmitz und nicht der Schlesier Hauptmann. Der Franke
Dauthendey hat es gekonnt.
Dabei hat er nie Märchen geschrieben, indem er die bekannten Puppen tanzen
läßt. Er konnte auch dies und hat von Java her noch in den „Heiligen Nächten“
das Innigste dieser Art seit vielen Jahrzehnten den Deutschen geschrieben. Er hat
die kleinen malaiischen Kokotten und die Chinesen und die Wunder des „Bivasee“ und die sinnlichste Ausschweifung der genußfrohen Phantasie
geschrieben. Er ist einer der unbekümmertesten Erotiker unserer Sprache, da
seine Voraussetzungen so natürlich sind, daß selbst die nacktesten Frivolitäten
sein Liebreiz kostbar macht. Aber er hat nie hinter fremden Stoffen herexerziert,
sondern aus dem heißesten Morgenland seinen zeitlosen Zauber gemacht, zum
Lotos den Tannenbaum, zum Stillen Ozean den Main gefügt und nichts besonderes dabei empfunden, da es harmonisch war. Es gibt nur in diesem Sinn
einen Vergleichspunkt in der Gegenwart, das ist René Schickele, der, vom Elsaß
kommend, aus Rhein und Ganges den gleichen Ton zu machen versteht, weil
auch er als Nachkomme Gottfried von Straßburgs die Melodie hat und die Farbe,
die alles in sich einbezieht.
Welch ein Musikant, welch ein Farbenkenner, der Dauthendey! Welch blitzende Haut auf all seinen Sachen und dabei in der Kontur (wie bei Schickele)
diese weiße, helle Reinheit. Er, der sich nach Schwanken zwischen Malerei und
Dichtung für die Literatur entschied und dessen „Singsangbuch“ noch die
selbstgemachte Silhouette seines Kopfes schmückt, der von Würzburg aus die
Welt immer wieder durchmaß und kein Schillern der Luft, den Geruch keiner
indischen Frau und den Abenddampf keines Tierzwingers zu schildern vergaß,
der den Mond liebte und um die Spiegelung aller Meere ebenso wußte wie um die Flamme jeder Leidenschaft, dieser Dauthendey hat — seltsamerweise —
nichts groß und nichts vollendet gemacht. Auch ist Unterschiedliches im Verlauf
selbst seiner besten kleinen Geschichten, die deshalb klein sind, weil sie nur
Anlaß sind, zu fabulieren, nicht etwa, weil sie bescheiden an Umfang sind.
Zwischen Naturalisten und artistisch gesalbten Versmachern brachte er
deutscher Prosa Licht und schwebende Farbe, Duft, Eleganz und Arom. Endlich war ein Erzähler leicht und dichterisch, glatt und voll Welt. Wie umschmeichelt er die Sätze, wie körperlich hautnah reibt er sich an den Hauptworten, wie
poliert er die Adjektive und wie prall und voll Farbe setzt er das Verbum an!
Zwischendurch erlahmt er zeitweise im Geschmus. Mitten in verzauberten
Worten und bei höchster Eleganz trägt er den Vollbart seiner Epoche. Er ist
trotzdem der schönste farbige Deutsche seiner Zeit. Allerdings hat er von den
Ahnen, die er fortsetzt, wohl den Ton, aber, um gerecht abzugrenzen, nicht das
Format. Gegen die ungeheuerliche Schönheit des Mittelalters hat er nur den Sinn einer lichten Erinnerung. Er ist vollendet, aber wie ein Schmetterling, nicht wie
ein Gott. Er hat wohl den Schmelz, aber nicht die Heftigkeit der Couleurs. Er hat
Bedeutendes, aber nicht den Zusammenhang mit der tiefen Tragik. Er ist
Aquarellist, aber nicht ein flammender Entfacher. Er ist in seiner Mission
vollendet, wenn auch nicht als groß geratene Figur über der Dichtung seiner
Zeit, sondern als sanfter Chimärenreiter der Erinnerung, der, fast schon in Luft sich lösend, ins Spielerische seiner Art vom Dach der Kathedrale unserer
Dichtung hineinsprengt.
Hinter ihm her tummelt eine kleine Eskorte, die, wenn sie auch im Einzelnen
nicht großer Dichtung zugehört, die Liebe zum Schönen doch voll besitzt und
auch im kleinsten Werk bewußt ist, daß ihr Ehrenwort Trouvere nichts anderes
bedeutete, als den Könner der Phantasie und der Musik des Gedichts. Ins Gigantische begabt war ein Jean Paul aus ihrem Saft geworden. Der beste
Bohème der Deutschen, Peter Hille, war aus der Schar. Als die Fabrikhausse um
ihn rauchte, die sozialen Fragen alle deutschen Dichter fraßen (sie hatten keinen
Zola), die Automobile anfingen mit offenem Auspuffrohr durch die
Landschaften zu jagen, sang ein reiner Musikton aus ihm durch die Wälder. Er
war ein Hüter des Wortes, er lebte an Lagerfeuern und in Kabaretts und auf dem Boden seines Landes. Aus seinen Briefen noch, die Pfennigaffären, kindische
Unwichtigkeiten stammeln, steigt, wie über die ganze Misere seiner Person und
seiner Zeit der Perlmuttglanz seiner Prosa. Sein Leben zersprang ohne Ordnung
und sein Werk kam nur auf einige Splitter, aber wo er unterging, blieb das
Durchleuchtende in dem Grau seiner Epoche, als wüßte man nichts weiter, kaum
den Namen, kaum seine Gedichte . . . . nur daß einer der Chimärenreiter hier an
deutsches Wesen streifte. Es geht nicht verloren.
Sein südlicher Bruder in der vagierenden Weise, Zeitgenosse wie Hille der
Wallot, Bleibtreu, Hart, Henckell, Mackay, Wille, Oswald, Puttkamer, der
Kretzer, Hartleben, Hirschfeld, Halbe, Bierbaum, Gumppenberg, M. G. Conrad
(wo sind sie außer dem wüsten Panizza und dem tapferen Conradi?) sein
südlicher Genosse in der Masse der Übergangsbegabungen, von denen keiner der
deutschen Dichtung auch nur Anstoß oder sich selbst die Berechtigung seines Daseins zu beweisen verstände, sein südlicher Bruder ist Altenberg. Es ist fast, als breche hier die Spitze ab der Entwicklung, denn, obwohl er den Ton hat,
bohrt er ihn in alles moderne Gekröse hinein, läßt wie zum Scherz durch
Sanatorien und Pathologien ihn zwitschern und postuliert seine seltsame Figur
zur Sehenswürdigkeit der Großstadt, daß bald der Ruf seines Gehabes, seiner
Einfälle und seines Treibens mit Dirnenverehrung und narrenhaften
Vermummungen seines Leibes fast mit Unrecht seine dichterische Note übertraf.
Ja er versuchte wohl, schlau wie die Naturkinder, den raffinierten Europäer dieses Jahrhunderts durch seine Späße zu zwingen, sein Leben zu zahlen, jedoch,
indem er seinen Lebensstil in den Vordergrund bluffte, hielt er seiner Dichtung
eine verzweifelte Wacht. A corsaire corsaire et demi. Als Spaßmacher entriß er
dem modernen amusischen Menschen sein Geld, dahinter schuf er neben Eduard
Keyserling den einzigen Versuch eines Impressionismus in Deutschland, der sich
neben Bang und Jakobsen halten könnte und führte eine neue, etwas alberne Drolerie in die deutsche Dichtung. Aus Nervenschwäche und Spielmannston,
aus Menschenliebe und Verrücktheit, aus einer zeitlosen Heftigkeit seiner
Gesichte und bescheidenen Anmut des Stils machte er seine Komik, die in der
inneren Klarheit des Tons über Paul zu den tumben Sängern besserer Epochen
führt.
Auch er hielt die Hand in der Luft und in der Luft hing ihm entgegen das geheimnisvolle Schlagwerk, das auch den Verschnittenen und Buckligen
erscheint, wenn sie erlesen sind. Die Deutschen sind ein Volk der Zufälle, und
selbst an den Unmöglichsten kann die Stunde herantreten, zu der er auserlesen
ist. Sie sind mit einer gewissen Haltung irgendwo gestört und auf der anderen
Seite voll Glanz. Sie haben, was Bonaparte von Murat sagte, er sei ein Narr aber
der beste General der Kavallerie, oftmals scheinbar als eine der sichersten Tugenden ihrer unbestimmbaren nationalen Eigenschaften.
Manchmal hat sich jene deutsche Melodie, da die Erwachsenen sie nicht
verstanden, zu den Knaben geflüchtet und dort mit einer Zartheit des
Empfindens den Einzug gefeiert, der, wie dem genußsüchtigen Smyndiridus das
gefaltete Rosenblatt, jede Berührung mit der Welt die Wollust trübte. Da kommt
dann in der Gebärde ästhetischer Zärtlinge, mit primitiven aber samtenen Worten
weltunwissende Unschuld des Gefühls wie im Paradies heran. Selbst das Homosexuale hat bei Eckart Peterich einen stillen Adel erreicht und ein
idyllisches Entsetzen entsteht, wenn der junge Dichter, dem ein sanftes Weib in
der Schlafstube erscheint, zum Lavoir flieht und mit Wasser sich begießt, statt
von der Großäugigen sich verführen zu lassen. Denn wie Kurzbold, des nahen
Limburger Domes Gründer, haßt er die Weiber wie das Äpfelessen, und aus dem
Dunkel seiner Hintergründe taucht die Welt der silbern bestickten Gobelins mit Heiterkeit und Ruhe. Fragen der Kunst scheiden aus, wo nur die Atmosphäre des geteilten Lichtes spricht. Man zerstört nicht den Charme, wenn man nicht
aufspießt und, indem man sich des Vergnügens nicht beraubt, rührt man nicht an
die Zerbrechlichkeit der Werte.
Etwas viel Künstlicheres ist von derselben Farbe unter dem Schweizerhut des
Robert Walser, der schon aus der unliterarischen Heiterkeit dieses Knaben tief in
die Literatur springt. Das ist ein Maler, wenn er anhebt, und ein eitler Wissender
wenn er aufhört, denn wenn er wie in ein Stereoskop die Welt bunt hineingepappt hat, hat sie den Glanz des Salomon Geßner verloren, dem sie
nachgebildet ist, weil statt ihrer eigenen Einfalt die gespreizte
Jünglingshaftigkeit ihres Dichters darin sitzt. Das Geckentum Walsers, der nur in
ewiger Schlankheit die Welt nicht gläubig erleben, sondern in seine Tirolerjodler
hinein blasen will, ist das gleiche wie das des Wilhelm Schäfer, nur daß der
Schäfer mit seiner breiten Brust und seinem enormen Können ein böser Raunzer ist, der seine Verkanntheit mit naturburschenhafter Eitelkeit verbrämt.
Der Schäfer hat prachtvolle Sachen über Pestalozzi geschrieben, aber die
Dunkelheit seines Blutes genügt nicht, ihn anders als einen Epigonen des Keller
gefärbt zu sehen. Auch in den „Kammachern“ Kellers sinniert jedoch derselbe
Vogelsang wie in den Jugendträumen Hermann Hesses. Und selbst der
ungeschlachte Schlesier Stehr, dieser rührende Zu-Nichts-Kommer, hat manchmal den Wunsch, wie ein Füllen aus seiner Elefantiasis auf die Weide zu
springen. Es scheint manchmal, die Deutschen vermöchten, wenn ein Kunstgriff
ihnen die Änderung der Natur erlaubte, sofort aus ihren Gegensätzen sich zu
lösen und mit Vorzug in der Lage zu sein, auch in der Form der Vögel zu
existieren.
Aber auch die Prinzen haben sich an dem Rand der großen Symphonie deutscher Dichtung eingestellt. Aus den Märchen schon hob sich die leichte
Grazie der mit seltsamer Jugendwürde verzauberten Edlen und manchmal trägt
einer den unsichtbaren Kranz noch durch unser Jahrhundert. Sie sind bestimmt
rasch zu sterben. In den Briefen des Zeichners Thylmann, der Bäume und Felsen
geliebt und gezeichnet hat, hält einen Augenblick diese geheimnisvolle schlanke
Würde. Er kam ebenfalls aus dem Kreis des Dichters George, der die Barbarei
beging, so sehr es seiner salbentrunkenen Weltentrücktheit widersprach, durch Vergewaltigung in Taggesängen und Minneliedern das Mittelalter
zurückzwingen zu wollen, das er selber nicht besaß. Seinem Schüler Thylmann
aber gelang es, auch den märchenhaften Farbton neben die überlegene Würde
des unbewußt erlesenen Menschen zu setzen und seiner Prosa eine
schicksalshafte Kindlichkeit zu geben, die der schlanken Maße und der Reinheit
der Haltung nicht vergaß.
Wurden die Prinzen früher verzaubert, genügte es ihnen, die Welt zu durchstreifen als Bettler oder Hirtenjungen von uns unverständlicher Grazie. Als
sei des abgeschossenen Thylmann Seele in die Augen eines anderen getreten,
geht sein Geist, nur ein wenig verwildert, durch die Sehnsucht Hans Siemsens.
Denn auch dieses Vaganten Stimme hat die gleiche Kurve, in der der Fall von
Glück und Traurigkeit und das Sichablösen der Stimmungen von der Landschaft
hin und herschwingt und wo jede Frage schon ohne Erwartung ihres Echos
angestimmt wird. Denn es ist bestimmt, daß diese Menschen unbegreiflicherweise dem Zustand ihres Glückes am nächsten sind, wenn es
ihnen am entferntesten schaukelt. Denn es genügt ihnen, nichts zu haben, nichts
zu erreichen, nichts zu wünschen, sondern nur großäugig zu staunen und zu
bewundern und höchstens ihrer Besitzlosigkeit eine gewisse Gepflegtheit ihrer
Körper wie ein heimliches Erkennungszeichen hinzuzufügen. Wäre sein
Ansehen und sein Einfluß nicht zu deutlich, würde man den Meister in der Erziehung zur Schönheit dieser Jünglinge, den Sammler des Maler-Zöllners
Rousseau, Wilhelm Uhde, leicht von ihnen weg zu den reinen Ästheten stellen.
Es wäre ein Irrtum. Die Breite seines Romans von „Fortunat“ entspricht
allerdings nicht seiner Gewalt, und seine Ründe sicher nicht seinem Aufbau, und
es ist überhaupt bezweifelbar, ob der ein Künstler ist, der ihn schrieb, und nicht
ein Bewahrer ausgezeichneter Traditionen, die, wenn auch überkultiviert und ein wenig blaß in der Farbe, dennoch die leichte Lösung unserer Krämpfe eher
begünstigen, als daß sie sie bekämpften. Denn in der Ansicht mehr als im
Ausdruck und in der Pflege seiner Idee von der Melodie mehr als in ihrer
Ausübung ist hier die schlanke Grazie alter Farben gehütet, und wenn all diese
Jünglinge auch Zärtlinge sind und Wollüstige und ihre kleinen Begabungen mehr
als Lohn einer gewissen Verweibtheit als tiefer Abgründigkeitsqualen um die Kunst tragen, so nimmt ihnen kein Vorwurf die Anerkennung ihrer Existenz, mit
der sie, wohl schmaler und feiner und unmännlicher als andere aber lebend und
existierend mit ihren Melodien hinter den Reitern des Mittelalters her ziehen.
Manche als Kavaliere wie Uhde in der Berline mit sechs Pferden, manche mit
Kindertrompeten und Drachen, die über ihren Händen im Herbstwind steigen,
manche auf gezüchteten Pferden oder bukolischen Ziegen oder auf den Rücken
ihrer Freunde, in einer fast immer schon in dem Blau verschwimmenden Bewegung, mit dem die Luft sich unter ihre Körper schiebt und sie entführt.
Auch auf den geschnäbelten Wikinger-Schiffen der Dichtung hat sich der Ton
gehalten, und als ob seine Galeere sich piratenhaft vom Domfirst höbe, schwingt
René Schickele seine fast kämpferisch helle Melodie. Er ist der schönste und
bewundernswerteste deutsche Dichter der Gegenwart. Wie Schickele schreibt
keiner das Deutsch, daß es Prosa bleibt von aquamariner Dichte und doch Gesang. Sein Buch „Mädchen“ sind die schönsten und reinsten Erzählungen unserer Sprache seit Jahrzehnten. Er hat die Fülle seiner elsässischen Heimat zu
der fliegenden Kraft seiner Sätze gezogen, und was die anderen alle an Kunst
nicht erreichten, sondern an Anmut nur wiesen, hat er mit einer schmetternden
Kühnheit auch an dichterischer Gewalt noch seiner Eleganz hinzugefügt. Hinter
ihm wendet mancher sein Gesicht um in die Zeit. Da beginnt schon Gegenwart
und manchmal grenzt das Träumen der Jünglinge schon an die Weite der Welt
und nimmt den Kopf in die Hand und denkt nach. „Karlos und Nikolas“ ist die Geschichte zweier Jungen von einem gewissen aus Argentinien gekommenen
nach ihm zurückgekehrten Rudolf Johannes Schmied, aber die Deutschen sollten
dies Buch kennen wie die Franzosen Daudets „Lettres de mon moulin“ oder den
„Tartarin“. Hätten sie Sinn für die Bescheidenheit und zugleich Sicherheit
gegenüber der Welt, für Phantastisches, das mit Belehrendem sich mischt, für die
Eleganz ihrer Schwächen und die Größe der Welt und die Anmut selbst in der Verzeichnung ihrer Typen, in Schulen und Auswärtigen Ämtern würde dieses
Buch aufgestapelt. Ach die Deutschen flüchten lieber, weil sie den Glanz ihres
tieferen Wesens auf dem Grund der Dinge nicht mehr sehen, zu den Plakaten,
reißen sich um antisemitische Schmarren des Herrn Dinter, um erbärmliche
Schlachtgeschichten des Bloem, um Borussiaden, die nur das Fatale, nicht das
Edle der Preußen zeigen und wenden sich wie von läppischem Unrat von ihrem eignen Herzen. Seltsames Volk, das sich mit den Klappern der Wilden Götzen
baut, wo es Götter hat.
Einmal mischte sich die alte zärtliche Melodie sogar mit Handlung und Urteil.
Über Schmieds Distanz zur Welt geht Robert Müller zum Angriff. Er ist primitiv
und raffiniert. Seine Frische hat eine sportlich gepflegte Gedanklichkeit. Aber
sein Naturburschentum ist nervös. Wo er an die Grenze des landschaftlichen Dichters kommt, fängt der in großen Zusammenhängen kombinierende
Journalist an. Wo die Gefahren des Reporters liegen, steht seine Tatkraft
aufgepflanzt. Denkerisch bringt er im „Barbar“ manche Kühnheit, handelnd
einen Pfauenschwanz von Zeit.
Dazwischen geht der Ton des Dauthendey wie auf Wiesen und läuft,
bestimmend zwar und wichtig, aber fast unsichtbar zwischen trainierten Muskeln
und geschultem Hirn in die europäische Arena, einer Troyka gleich, deren Außenpferde ziehen und deren drittes nur schön ist und die Richtung gibt, sonst
nichts.
Ich bin nicht der Chargé d’affaires der Süßlinge. Ich erwarte kein Heil der Zeit
von den Troubadouren, und meine Zweifel an der Kraft der Gefälligen sind wie
meine Eigenliebe groß. Ich glaube nicht, daß die Homosexualen uns in das
Glück führen, wie die heilige Schar der Thebaner, die nur aus sich Liebenden bestand, aber ich weiß, daß ihre Manieren besser sind und ihre Instinkte manches Männliche behielten, was die Robusten vergaßen. Absurd zu denken, daß ich
den Knaben die Flöte halte, um deutschen Himmel damit zu ersingen. Selbst
Don Quichote mußte sich gegen die Galeerensklaven sofort verteidigen, denen
er selbst die Freiheit gab und ich muß die Winkel richtig stellen zur Schau.
Indem ich den Irrtum nehmen wollte, Klassisches oder Naives sei typisch
deutsch, verlangte es mich die Verzierungen zu zeigen, die den wahren stillen
Ton der Deutschen tragen neben den Falschen, die die Masse hört. Diese Sänger, die die Kette zum Vogelweider irgendwo selbst in der einfältigsten Blässe
immerhin binden, sind nicht das Bild des Deutschen, sondern sie sind die
leichten Schönheiten des Schaumes, die nur anzeigen in ihrer Anmut, mit
welchen gigantischen Donnern das Element darunter liegt. Die schönen
Chimärenreiter blasen die rosane Melodie auf den Firsten, um die dunkle
Schönheit der Kathedralen unter ihnen und ihr gewaltiges Wachstum um so schöner zu beweisen. Ihre Töne kamen wie Blasen manchmal ins Urbane, sogar
bis ins Bewußte. Aber unter ihnen liegt die unentbundene und ach vielleicht nie
entbindbare wilde Kraft der deutschen Bestimmung.
Ach was wissen Sie nun, Mijnheer? Sie haben geträumt, gerochen, aber nichts
gefaßt. Wie sieht ein Deutscher aus? Sie wissen es nicht. Ein Dicker, ein
Bemonocleter, ein Tapferer, ein Schmalhüftiger, ein Zärtling, ein Hanswurst, einer mit Blumen am Hut, ein Amokläufer? Ich weiß es nicht. Ich ahne es kaum.
Wenn Sie mich gut verstanden haben, werden Sie ihn dennoch erkennen in der
Welt, des bin ich gewiß.
Manchmal, nicht selten, begab sich nämlich das Geheimnisvolle, daß mir war
in der Fremde, ich träfe Deutsches unter den Söhnen anderer Nationen. Ich
vertraute, ich liebte, ich wurde wieder geliebt, und ich erklomm die Höhe manches Glückes. Aber ich fand dagegen unter den Kindern meines Volkes, am
Rhein, am Neckar und den Seen meiner Segelzeiten alle Fehler gehaßter Völker,
ich wurde gehaßt und bekämpft und verleumdet. Ich starrte oft, wenn ich die
Gaffel am Mast nach den Launen der Böen studierte, in einen namenlos
entfremdeten Himmel über Bayern, aber ich fand in der Welt der Fremde oft
deutschen Himmel voll Reife und Glück, die ich in Deutschland nie sah.
Deutsches zu finden kann heißen vielleicht, in die Welt zu gehen und ist nicht abzumessen und anzugliedern vorerst nach Bau und Hand. Deutsches zu
gestalten wird heißen, es aus der Welt und gereift zurückzutragen in die Heimat,
aus der wie ein zersprungener Stern sich das Volk der Germanen über die Erde
stürzte und Afrika, den Norden, Spanien, Asien und die Slawen mit seinem
Blute düngte. Europäische Luft dringt durch die Kerzen herein, die unter dem
Bewußtsein des Sturmes allein schon beben.
Sie sind fast abgebrannt. Wir haben lang geredet, selbst die Mäuse schlafen und die Vögel haben sich beruhigt. Die Alpen waren gegen Abend einen
Augenblick lang aufgebrochen mit entflammter Idee, ihre Figuren geteilt wie
Heroen, dann sank die rote Dämmerung über die Bäume, die unter den Lasten
des Schnees schon tropischen Wäldern gleichen. Phantastische Palmen haben
sich den großen Fichten gesellt und die Weiden tragen eine gläserne
Gespenstigkeit, als kämen sie wie ein Traum von Hawai, wo die Bäume nicht
nur die Form der Orchideen, sondern auch die Vielfalt und tolle Kraft der Träume tragen.
Ich liebe die Eifel, die Rhön, die Vogesen, den wilden Karwendel, die
Alpspitze, den Schwarzwald, ich liebe alle Gebirge der Heimat, die ich
durchwandert, befahren, überflogen seit meiner Kindheit. Aber oft stieß ich an
Berge der Fremde, an Meere, die daran mit Größe und funkelnd sich schlossen,
an Prärien der Freude, und ich dachte nicht der fremden Namen und der anderen Sprache, sondern dachte: auch hier ist Deutschland.
Und ich empfing die gleiche hinreißende Liebe wie zu einer Eroberung der
Schönheit und ich verstand immer wieder den Wandertrieb der Germanen, die so
sehr schließlich ihre Heimat überall empfanden, daß sie glaubten: wo auch
immer es gut gehe, sei Deutschland gepflanzt. Es gibt keine deutsche Sehnsucht,
die nicht in die Welt hineinführte, aber keiner hat verstanden, sie erfüllt aus der Welt zurückzutragen und damit an ihren Menschen zu bauen. Darüber zu
trauern, ist chagrin de luxe. Es ist Bestimmung und Tragödie, das ändert kein
Gefühl.
Wie sollte der Deutsche aussehen, den ein Wunsch im Innern unbewußt
gestaltet? Der Fürst Pückler Muskau hatte etwas von ihm, der zur Melodie der
alten Sänger die Bildung eines Seigneurs legen konnte und dem noch die Haltung des Briten und die Gewandtheit des Romanen hinzufügte. Ich vertrieb
einmal, in den Gartenpavillon eines englischen Diplomaten tretend, den Besitzer,
allein ich sah noch, daß er im Kimono floh, um sich anzuziehen. Neben dem
Tisch seines Frühstücks aber lag eine Karte der Welt mit allen Festungen,
Flüssen und Schiffahrtslinien und den Küsten und Städten aller Kontinente
neben einem diplomatischen Bericht und den Oden des Horaz.
Das war ein Mann, der das Leben, das Geschäft und die Muse mit überlegener Würde anmutig zusammenhielt. In Schumanns Briefen steht er unbewußt einmal
im Umfang ähnlich, an Figur noch klarer gezeichnet, wo dieser Musiker träumt
von einem Mann, der zu Fuß Moskau, Rom, Marseille, Hamburg und die Welt
dazwischen durchwandert habe, gut sich kleide, Thukydides lese, Algebra treibe
und musiziere. Das ist die Zukunft, die wir hoffen, aber zuviel schon der
Hoffnung. Die Kerzen sind aus. Aber der Sturm hat kein Ende.
Die zweite Nacht
Halten Sie die kleine Mannpistole gegen die Lampe auf den Fahnenmast, visieren Sie genau, so entdecken Sie einen hellen Punkt. Er bewegt sich. Es ist
die Diva, die sich dem Schnee aussetzt.
Um acht Uhr öffneten sich die Türen zu dem Glasabschluß und in den
Speisesaal kamen die Filmer, die seither, geschminkt in der Arbeitspause unter sich speisten. Man applaudierte ihren Einzug, zwischen den Damen in
übermäßiger Toilette kamen die berühmten Allgeier und Schneeberger und
Schneider-Sankt Anton und stampften mit den Füßen. Es schien, zwischen den
sportliebenden Leuten der Gesellschaft, den Weltdamen des Films und den
Schneeschuhheroen werde eine Stimmung sich entfachen von der leisen
Heiterkeit des Kamins, aber es wurde nur Katastrophe. Es gab keinen gemeinsamen Ton, die Skiläufer waren zu laut, die Filmweiber ohne Gefühl für
die ihnen provinziell scheinenden Damen der Gesellschaft und diese hatten von
vornherein den Verdacht der Eingesessenen gegen das fahrende Volk. Die Musik
rettete mit einer silbernen Kaskade neben der sie noch überzitternden Stimme
einer italienischen Dame den Abend und gab mit dem wechselnden Überglänzen
des Flügels und des Alts ihm einen gewissen Abschluß.
Sie hatten wohl alle die beste Absicht und suchten es sich zu bezeugen, aber sie gelangten alle nicht über die Grenze ihres Blutes, dessen vielfache
Gehemmtheit Deutschland mehr zum Feldlager von Condottieri als zu einer
Nation macht. Wen haßt der Deutsche mehr wie den Deutschen und wen kennt
er weniger wie seinen Nachbarn? Wie nobel beweist sich manchmal sein Herz zu
den Feinden und welche Voreingenommenheit und welche Ungeheuerlichkeit
speit er dem Bruder ins Gesicht. Wenn Sie genau zusehen, werden Sie bemerken, daß die Diva in den roten Radius der Lampe geraten ist, und wenn Sie wollen,
werden Sie spüren, mit welcher Bewegung sie in die Skiablage eintritt, denn sie
reckt ihre Brust und den Nacken hoch und es ist als folgten geschmeidig die
Hüften und die langen Schenkel, genau so, als bemühe sie sich in der liebenden
Umklammerung einer Schlange aufzusteigen. Welche Rasse. Diese Filmbanden
sind ein glänzender Nachzug jener wandernden Trupps in grünen Wagen, die Theater ins Land brachten, wenn auch das Tempo ihrer Automobile, der
Schmuck ihrer Weiber und die Schecks ihrer Arrangeure andere Ansprüche dem
Schicksal entgegenstellen als früher jene Lust geschundener Komödianten zu
stellen hatte: nicht tiefer geachtet zu werden wie die Zigeuner, dafür aber Kunst
machen, lieben und bieten zu dürfen. Die prächtigen Intelligenzbärte und alle
Schleimsuppen des Geistes haben sich im Namen der Musen nicht zurückgehalten, „Stellung zu nehmen“ und den Film als unwürdig abzudonnern.
Die armen Schlauen haben ihr Geschütz falsch gerichtet und mit einem
Mörser einen Sperling erschossen und triefen vor Zufriedenheit wie alle falschen
Nimrods. Niemand hat die Behauptung so formuliert. Film ist keine Kunst. Aber
er macht Vergnügen. Daher beschäftige ich mich mit ihm. Er ist die zweitgrößte
Industrie des Landes und bewirtet die schärfsten Intelligenzen der Akteure,
Regisseure, Techniker, daher interessiert er mich in seinen Möglichkeiten. Ich weiß, daß ein Husten Bassermanns mehr ist als die Film-Zauber des Nils. Aber
es verlangt mich gelegentlich auf Seglern das Meer vor Nizza zu schauen, oder
den Pullmanzug durch die Prärien rattern zu sehen und angewidert von der
Arroganz und Erfindungslahmheit der zeitgenössischen Dichter eine Handlung
in fabelhaften Kurven vor mir hinsurren zu spüren.
Ich ziehe es vor, ein Drama in Verfolgung und Erschießen im Ballon und die Maskierung von Verbrechern atemlos zu verfolgen als im Theater erleben zu
müssen, wie Gerhart Hauptmann sich die seelischen Konflikte der Azteken
Mexikos vorstellt — und ich achte staunend lieber darauf, wie von Häusern
herabgeklettert wird und mit welchem Anstand man heute doch noch irgendwo
scheinbar lebt und Haltung behält, reitet und schießt und das Ganze im
Bildflimmern zusammensetzt, als daß ich schlafmohnumwunden die Dreizehn Bücher der Deutschen Seele von Wilhelm Schäfer lese. Wer Saphire in ein
Zahnrad schmeißt, ist ein Idiot, wer Kunst in den Film trichtert, den weise man
aus der guten Gesellschaft. Ich bin für den Film, wenn es mir Lust macht, und
dagegen, wenn ich Unbehagen habe. Ich tue ebenso tausend andere Dinge, die
mit Kunst nichts zu tun haben, ich reise, ich spiele Croquet, ich beschäftige mich
mit meinem Hund und niemand wird mit mir über Kunst dabei diskutieren, sondern höflich bei seinem Thema bleiben. Es blieb den deutschen Dichtern
vorbehalten, die so weltunwissend wie abgründig in ihrem Ausdruck sind, daß
sie, die unter maßloser Überschätzung ihres Berufes leben und Welt und Wolken
und Schicksal nur unter dem Gesichtspunkt ihrer Verse und Szenen erbärmlich
zu sehen wissen, es blieb ihnen vorbehalten, Bannstrahle „gegen Unbekannt“ zu
schleudern und da von Kunst zu reden, wo es ums Geldverdienen geht.
Als Friedrich der Große, der sein Leben lang eifersüchtig auf Voltaires besseres Hirn war, Rapporte las, die ihn veranlaßten loszuschlagen oder zu
verlieren, sagte er, beschwingt von dem schöpferischen Atem, der ihn beim
Handeln endlich gegen den geistigen Nebenbuhler bevorzugte, ein wenig
spöttisch vergleichend: „Was würde Voltaire tun?“, und schlug los. Er meinte,
die Dinge im Leben gehörten sauber auseinander und er wäre gewiß der Ansicht
gewesen, daß das Erlernen der Filmtechnik für deutsche Autoren wegen ihres Tempos und ihrer belebenden Form und auch für das Einkommen der Guten förderlicher sei, als daß man in dem Gebiet der Kunst für Geld erschreckliche
Dinge tue von Balzacs Anfangsromanen bis zu Hauptmanns „Lohengrin“ und
dem Kriminalbuch der waffenfrohen Amazone Huch. Um etwas anderes kann es
sich beim Streit um den Film nicht handeln, denn das wäre nicht nur dumm, es
wäre schon gefährlich.
Näher läge jetzt in die Halle zu gehen, die Diva zu laden und mit ihr über neue
Seiden, Crêpe marocain, über ihren Fiat-Wagen und wie sie aus dem Flugzeug springt, zu reden, widerspräche es nicht unserem Abkommen, die Nächte nicht
zu unterbrechen und hätte ich nicht einen Frisson gegen Weiber mit Beruf. Näher
liegt, vom Theater zu reden, aber auch das ist keineswegs in der Abwechselung
mondän. Wo anders geht der Mensch in Frack oder Smoking oder selbst
weichem Kragen, de rigueur oder wie es ihm beliebt, ins Theater, erheitert sich
und geht sodann zum Speisen. Der Autor des Stücks illustriert die Gesellschaft, und wo er dramatisch wird, hilft ihm die Ironie zu unbeschwertem Takt. Der
beste Dichter dieser Art seit Molière ist Shaw. In seinen Stücken ist keine Frage,
kein Leid und keine Sehnsucht, die einen Menschen unserer Tage angeht,
ungelöst und unbesprochen, trotzdem verläßt jedermann vergnügt das Haus.
Dieser Kelte hat es ihm ergötzlich serviert und den Weg, statt unterirdisch zu
brodeln, von der heiteren Oberfläche her zu allen Tiefen gemacht und ist wieder zur Oberfläche zurückgekehrt, weltmännisch, groß, überlegen und wahrhaft
modern. Die Schauspieler wirken daher in der Distinktion ihres Talentes
lediglich wie geschmackvoll bewegte Landsleute dieses Iren, die der Franzosen
aber sind überhaupt schon Gottes natürliche Schauspieler, die Zuschauer
erblicken in ihnen nichts als besonders kultivierte Exemplare ihrer Rasse und
Gewohnheit. Ähnliches hat, kann man überhaupt vergleichen, nur Wedekind bei den Deutschen, nur daß er lediglich infolge Fehlens einer Gesellschaft die
Sünden seiner Zeitgenossen zu einer schief und lahm gelachten Zeitbande
zusammenwarf.
Alles andere ist bei uns problematisches Zeug, Edelschmus und
monologisierende Vorgänge, die, meist unverständlich, geredet werden, während
man sie viel gemütlicher läse. Ohne Eindrillen der Jugend auf die Klassik, würde
Goethes „Faust“ im Theater genau so als verquollen abgelehnt wie der Wechselbalg, in dem irgendein Jüngling sich auf seine Weise unklar mit der Welt
ausdisputiert. Faust ist keine Rolle, und Gretchen, in dessen Lyrik Erhebliches an
Dichtung steckt, wirkt auf der Bühne als alberne Gans. Niemand geht letzten
Endes erlöst, kein Mensch erheitert aus dem Theater, die Bühne als moralische
Anstalt ist ein Schlagwort der Verlegenheit unter den Gebildeten, das ihre
Hilflosigkeit aber auch ihre Feigheit, gegen den dramatischen Theaterwust zu protestieren, schwülstig drapiert. Nie hat das Theater jemanden gebessert, niemand hat das gewünscht, das antike Theater ist kein Vergleich, weil es aus
den Kulten kam und religiös verankert lag.
In Deutschland hat Theater mit dem Volk nichts zu tun, es hat überhaupt mit
nichts etwas zu tun, sondern hängt wie ein Kunstwitz der Semiramis in der Luft.
Wie soll Theater, in dem ein Volk stets am deutlichsten gespiegelt ward,
zusammenhängen mit einer Nation, die Architekten aber keine neuen Städte,
Künstler aber keine Kunst, erstklassische Revolutionäre aber nie eine anständige Reaktion besitzt . . . wo durch die Trümmerhaufen wohl geniale Irrlichter fahren,
aber die Malerei sich nicht in die Wohnungen geschmiegt hat, die Plastik sich zu
keinen Kathedralen fand, die Dichtung keine Nabelschnur zur Seele der Masse
gewann. Das Witzkarnickel der Literaturgebildeten, Herr Sudermann, wollte viel
mehr, als diese Dummlinge glauben, denn er suchte Gesellschaft zu geben, aber
er gab Wasser und Leim. Er hatte tatsächlich nur das Mißgeschick kein Künstler zu sein, denn sonst wäre er Wedekind geworden. Jeder von ihnen suchte
Gesellschaft zu schildern, der eine die, welche er sich vormogelte, der andere
die, welche sein auf Disharmonien eingestelltes Jägerauge in das Vakuum
bannte, wo diese Gesellschaft sein sollte, aber, sapristi, nicht bestand.
Mit den Verzückungen der Hrotsvita begann etwas Leben im deutschen
Schauspiel, geistliche Herren setzten es fort, indem sie Weiber darstellten, die Rabbi Jesus salben wollten und den Engel trafen am Ostermorgen. Langweilige
Sachen wurden daraus in den Osterspielen und Passionen, wo tagelang hunderte
Menschen paradierten von Benediktbeuren bis Innsbruck, bis man schließlich
mit Zoten die Angelegenheit würzte und Christus den Stuhl wegzog, als er sich
setzten wollte. Die Rosenblüt und Sachs und die ihren brachten in die
verdrießlichen Bibelszenen wenigstens Charaktere und feuerten um sich gegen Ritter und Papst, vor einigen Jahrhunderten spielten sie in Uri bereits
nationalistisch den Tell. Die Kleriker riefen die Jesuiten zu Hilfe und diese
erfanden den bewegten Rhythmus kolossaler Barockmassen und den
sensationellen Klamauk musikalischer Aufzüge.
Es war an der Zeit, daß englische Akteure mit Marlowe und Shakespeare nach
Deutschland kamen und dort den Stand der Schauspieler erstmalig gründeten.
Sie lehrten die Deutschen ihr Gesicht zu mimischen Grimassen überhaupt erst zu verziehen, man lernte, was Tragödie war, und neben den italienischen Lazzis,
neben Jean Potage und dem Pickelhäring der Holländer zog in der Komödie
Hanswurst in Deutschland ein.
Nun kam Molière. Um Stil, koste es was es wolle, zu kriegen, krampfte sich
Gottsched, der klüger war als die ihn verlachen, an Boileau und Aristoteles und
schlug den Hanswurst übers Maul. Klopstock fürwahr brachte mit seinen sechs Dramen kein Theater auf die Höhe einer Gesellschaft, worauf Lessing wieder englisch auf Natur die Le Nôtre’sche Pallisade säuberte. Dann ging die Führung
von den Dichtern völlig zu den Akteuren über, wo der Schauspieler Schröder die
neue Nüchternheit mit seinem Organ beschwingte, Iffland die Schauspielerei
wieder vom Kothurn ins Aufgeregte und Mimische zurückriß, Devrient das
Zerblätterte ins Feurige des Eindrucks wieder hineintrug. Grillparzer floh
zwischendurch ins Griechische und Uhland verfaßte „Herzog Ernst.“ Da Sie ihn
nicht auf der Schule lasen, sind Sie einen Faden näher der Seligkeit wie ich. Wir sind in der Gegenwart.
Was sahen Sie? Entwicklung des deutschen Dramas? Sie sehen einen
Raubzug. Man brach aus nach allen Seiten, plünderte Stoffe, holte Stile, suchte
ein nationales Schauspiel. Man ging in freiem Ringkampf, catch as catch can, in
die Arena der Völker, um ein Theater zu erwerben und eroberte die
interessantesten Dinge. Aber was die Deutschen nicht besaßen, ließ sich nicht erwerben. Ihr Theater war immer das von anderen und von anderen nicht das
Beste. Und war wie eine photographische Platte höchstens genial in der
Kolportage von Fremdem, auf unserem Boden aber nie ein Stamm und ein
Wuchs.
Das große heutige dramatische Theater der Deutschen um Fürsten und ältere
germanische Herrschaften und unverständliche Riesenleidenschaften ist, wo man Gesellschaftliches und Zeitgemäßes will, nunmehr nur komisch. Das
alltäglichste Wort „Wie geht es?“ heißt russisch: „kak poživaješ“ und
schwedisch: „hur står det till?“ Was hält so irrsinnig andersredende Menschheit
zusammen außer der Geste überkommener Sitte und Gesellschaft und ihre
Mimik. Ihren Gesichtsausdruck mußten die Deutschen aber von den Engländern
lernen, ihre Sitte von den Franzosen, es gibt heute weniger wie je ein Theater, das von der Oberfläche her die deutsche Zeit und Gegenwart aussagt. Die
schweren in dramatischer Form gebotenen abstrakten und längst abgetakelten
Mammute, mit denen die Dichter immer noch am Zaum erscheinen mit der Bitte
um gefälliges Interesse, ersetzen nichts, sondern machen den Zwiespalt grotesk.
Unruhs Schick, ihnen eine messianische Predigt an die Gegenwart am Schwanz
prophetisch anzuhängen, ist die unkluge Geste eines sehr begabten Kopfes.
Solches Theater mit Weltausmaß, ehernen Ewigkeitsfiguren, Muskeldramen, Heroen mit Lotosblättern um die Gelenke, solches Theater: die Welt in tausend
Personen, aber den Gigantenapparat in genialer Hand wie geölt, das hat der
Shakespeare nur gekonnt. Aber er fügte auch die atemlose Spannung hinzu,
schuf Menschen, nicht verkrampfte zu Lebewesen zerboxte Ideen und hatte
Rollen von solcher Vielfalt, daß er sie gleich wie aus einem Füllhorn durch seine
Schöpferzunge meteorhaft über die Erde blies. „Shakespeare enfant“ sagte Hugo zu Rimbaud, es war ein Kompliment an dessen lyrische Wildheit. Für unsere Dramatiker gesagt ist es ein Witz. Aber auch für den britischen Hünen war seine
Urwelt, die er schuf, nur die Epoche seiner Fürsten, seiner Kriege und seines
Adels. Weiter nichts. Aus diesem Humus, nicht aus seinen Fingern gesogen kam
ihr Mark und Menschtum. Im Knochen unserer Titanen ist Tinte, Wasser und
etwas Idee.
Da wir so viele Solostimmen aber kein Orchester besitzen, ist jedoch immer
viel Lärm derer dagewesen, die den Stil erzwingen wollen. Da die Scharfschützen nicht von der Mitte aus schießen können, zielen sie von der
Peripherie nach der Mitte. Nirgends wird daher der zeitgemäße Ausdruck
übertriebener gesucht wie in Deutschland, kein Land färbte den Naturalismus so
widerlich, spitzte die Stilzeiten so nadelscharf, walzte den Impressionismus so
plump und gellte jede Kunstrevolte so exotisch in das friedliche Land. Wir sind
bei Gott auch in Dingen der Kunst ein freudiges Negerlager, während sonstwo man versucht ein Haus zu bauen und Vater und Sohn statt ewigen
Racheschwüren sich befriedigt nach dem Kampf die Hand schütteln. Sie fahren
sonstwo alle im selben Schiff und wissen es, reden im gleichen Parkett, tauchen
im selben Sumpf. Die Akteure spielen wie ihresgleichen, die nicht diesen Beruf
erwählt haben, wenn sie im Métro, in Hasselbaken, in der City, am Lido, in
Kopenhagen sich bewegen. Sie haben daher Theater. Wir haben nur Regisseure. Sie haben die bessere Schauspielerei. Wir haben die amüsanteren Kerle. Die
Ausländer spielen auf das Menschliche hin durch das Medium ihrer nationalen
Gebärde, die Deutschen aber spielen für den Mond. Das heißt, daß unsere
Ensembles nichts taugen, daß wir aber manchmal vortreffliche Schauspieler
haben.
Ich habe Schauspieler fast der ganzen Welt gesehen, ich fand Bassermann besser als Coquelin, Kraus amüsanter als Anders de Waal, die Durieux größer als
die Bosse. Aber was sie boten, waren Leistungen, die man bestaunte und waren
nicht vorzügliche Selbstverständlichkeiten. Als die Sarah Bernhardt mit
französischen Kolonialleoparden über den Boulevard fuhr, tat sie es, um in zehn
Roben bei fünf Gerichtsverhandlungen erscheinen zu können und die Quittung
an den Abenden ihres Spielens vom Publikum zu erfahren, nicht für ihre
Reklame, sondern für ihren Mut und ihre Phantasie, Nationaltugenden, die das Publikum bei ihr akklamierte. Wenn sie aber, die vollendetste Tragödin, an der
Rampe sterbend und grün schon, während das Publikum vor Rührung weinte,
ihrem Nachbar zuflüsterte „Merde“, so bewunderte ihr Publikum in diesem
Zwischenfall, wenn es ihn später erfuhr, nicht die Unanständigkeit der reizenden
Gebärde, sondern die Ironie der Überlegenheit, die selbst das Sterben meistert,
und in der es eine der besten Eigenschaften des Volkes sieht. Das ist Theater und das ist Gesellschaft. Man kennt und bestätigt sich gegenseitig.
Es gab einen Deutschen, der auch diesen Zusammenhang herzustellen
vermochte, wenn auch auf seine Weise: Wedekind. Ich sah ihn, sehr jung und
wenig auf Kunst eingestellt, und war d’accord mit der Masse, die sich krumm
über ihn lachte. Ich lachte herzlich und begriff nach Jahren, daß ich unbewußt
das beste Deutsche damit verraten hatte. Aus seiner dilettantischen Spielerei
reckte sich mit der ganzen Größe dichterischer Gewalt die Inbrunst des größten
deutschen Dramatikers mit barocker, wenn auch unglücklicher nationaler Gebärde. Ich begriff das, nachdem ich von den Niggern bis zu den Japanern und
den Provençalen Theater gesehen habe. Es ist natürlich Schwindel,
schauspielerische Kunst als heroisch oder lyrisch, naturgemäß oder gotisch
flankieren zu wollen, da es nur darauf ankommt, ob ein Bursche Blut hat und
sich aus einem Körper in den andern zu schmeißen versteht. Ach Wedekind
verstand keines, denn er war hilflos wie ein Kind auf der Bühne, aber er suchte, mit der Klarheit seiner Dichtung im Auge, die Figur dazustellen, die ihm, wenn
auch anklagend, das Zeitbild schien. Der besessene, barocke, ringende und zu
wundervoller Plastik sich bildende Mensch, mit Grübelei und Glanz um das
Haupt, wuchs über ihn hinaus, denn je mehr sein Schauspielertum versagte, um
so gewaltiger stieg die Kraft des Dichters aus ihm, ein berückendes Sinnbild
deutscher Art.
Er war genötigt, sich selbst auf die Bretter zu stellen, da die Akteure seiner
Zeit ihn nicht zu spielen vermochten, sie waren nach klassischen Attitüden oder
platten Gemeingültigkeiten hin abgedreht. Sein Beispiel aber hat nicht umsonst
gewirkt. Ich sah an jeder guten schauspielerischen Leistung in Deutschland
etwas von dem gleichen Zauber, ob einer nun starr oder brillant, mit Feuerwort
oder der Quaderstirn das Schicksal zu höhnen versuchte. Zwischen „Hidalla“ und „Wozzek“, zwischen Grabbe und Wedekind liegt der deutsche Stil und nicht
zwischen Iphigenie und Ibsen. Das Publikum weiß nach soviel Verwirrnis nicht,
wo die Quellen der nationalen Schauspielkunst liegen und schreit nach „Nora“
und Wildenbruch, aber die Selbstbewußtheit und der Instinkt verantwortlicher
Spieler sollte sie ihren Traditionen wieder zuführen, indem man Wedekind spielt
und da ansetzt, wo der Blutsaft deutschen Wesens einmal offen am Mund eines
gut Schlürfenden und Erlesenen lag. Das wenigstens darf im Bewußtsein eines Volkes, das Amok gegen sich selbst läuft, und dessen Landstriche rauchen von
den Autodafés seiner besten Bürger, nicht verloren gehn.
Die Eifrigen haben jedoch nicht versäumt, durch glänzende Kunststücke zu
ersetzen, was die Natur entzog. Wo das Niveau versagte, hoben sich die
Begabungen immer am steilsten ab, und was hier nicht aus dem
Volksbewußtsein wuchs, zimmerten die Regisseure. Man spielte vor dem Krieg daher in Berlin so gut Theater wie kaum in der Welt. Jedoch das waren Dressuren, die vorzüglich funktionierten, und man sieht, daß, wo nach dem
Krieg wirtschaftliche Zwischenfälle und die Gagen des Films diesen Zirkel
zerreißen, kaum in der Welt wohl so schlecht gespielt wird wie in Berlin. Die
besten Konstruktionen halten nicht ohne Basis und die genialsten Begabungen
ersetzen keine Kultur. Natürlich ward es nicht nationaler Ausdruck, wenn man
die Oper, das mittelalterliche Jesuitenstück, das antike Theater unter
Scheinwerfer setzte und damit immerhin glänzende Wirkungen schuf, aber dennoch war über seine Zeit hinaus, für die er keine Verantwortung trug, Max
Reinhardt wohl das stärkste Theatergenie unter den Deutschen. Denn er besaß
die Fülle der Gedanken und die Glut eines Rhythmus und die Buntheit einer
Phantasie neben der gestalterischen Kraft des Aufbaues, daß bei ihm wie
nirgendwo in seiner Zeit die Anmut mit der Größe des Bildes sich paarte. Er
hatte noch, zum letztenmal wohl, jene saftige Lockerung der Bildgefüge, jene fleischliche Gerecktheit und jenen wilden Duft der jungen Kraft, die sich
selbstgefällig wiegte vor Jugend.
Was nach ihm kam und den Deutschen vorzuspiegeln bestimmt war, sie
besäßen ein Theater, war schon wilde Steeplechaise, und die Regisseure waren
mit Peitsche, Revolver und Gefrierkammern hinter den Schauspielern her, denen
sie wie Papageiherden jedes Wort in den Mund legten und jede Bewegung einstudierten, daß die Vorstellungen manchmal so begannen, als führe ein Blitz
in ein Panoptikum. Man jagte von den menschlichen Kräften zu den geballten
Typen und man wechselte das Blut gegen eine ganz neue aber nicht sehr
tragfähige geistige Energie der Routine. Mit seinem Hirn hält von Herrn Hartung
bis Herrn Jessner jeder große Spielleiter der Nachkriegszeit sein Ensemble
zusammen. Schießt man dem Mann eine Kugel durch den Kopf, ist das Zusammenspiel entzwei, die Schauspieler entwurzelte Wichte und das
Geschwärm vom neuen Theaterstil der Deutschen eine geplatzte Blase.
Die Regisseure sind zu tief in die abstrakten Stile hineinmarschiert und haben
vergessen, daß Übertreibungen immer dekorativ werden und haben über die
Vergipsung ihrer Stücke vergessen, daß nur der Marmor eine Haut hat, die Milde
atmet. Immerhin sind die Regiezeiten der Hartung, Jessner, Martin, Berger,
Weichert, Viertel ungewöhnliche Steigerungen der Einzelkräfte, und wo sie verarmten an Atmosphäre und Grazilität und Fülle der bunten Gesichte, setzten
sie dafür einen derartigen Willen zu Monumentalität und Straffung, daß ihr
Fanatismus fast Reichtum vortäuschte statt Armut, die er irgendwie war. Sie
taten allerdings nichts anderes, als daß sie dem stark ins Steile und
Zusammengepreßte ausgeschlagenen Pendel der Zeit folgten, dessen wilde Kraft
noch Wedekind und Strindberg über Europa richteten, und das ein bedeutsames Winken zu großer Sammlung war. Die beiden Dramatiker haben die ihnen folgende Generation ziemlich vorweggenommen, außer Sternheim und Kaiser ist
die dramatische Generation nach Hauptmann (abgesehen von Hofmannsthal und
Schmidtbonn) unwichtig. Hauptmann hat neben Unzulänglichem, und trotz
allem, ein paar wenige Stücke großen Wurfs und starker Menschlichkeit
geschrieben, von seiner Generation bleibt auf dem Theater sonst nichts. Kaiser
hat mit einem verhüllten melancholischen Ton enorme quadrische Stücke
geschaffen, deren Bau metallisch die Härte und lieblose Konstruktion dieser Zeit herabblitzt. Sternheim hat seine Epoche nicht mit der Wedekindschen Plastik,
aber mit dem zugespitztesten Aperçu auf die Bühne begleitet und manche bittere
Entlarvung für die Nachwelt vorgenommen. In beiden nähert sich Mitwelt und
Dichtung soweit, wie Angreifer und Angefallene sich nähern können, da ja zu
friedlicherer und menschennäherer Berührung kein Boden unter ihnen liegt.
Doch sind die Regisseure, die dieses moderne Theater führen und das vergangener Epochen in dieselbe Schwingung bringen, keine Minute Erfüller
einer nationalen Kulturstufe, sondern sie sind höchstens Könner. Das Volk
gipfelt nicht in ihren Bühnen, sondern sie zwingen etwas der Masse auf. Sie sind
nicht für sondern immer noch gegen die Gesellschaft. Und sie haben kein
Theater sondern irgendeinen verzauberten Ort, wo unter Scheinwerfern und
Suggestionen geschrien, gestrampelt, getötet wird, wo aber, nie im Leben, das Volk sich edel spiegelt. Wenn sie den Ehrgeiz aber haben mit etwas wenigstens
kongruent zu sein, so ist dies das irrsinnige Tempo einer mörderischen Zeit. Sie
sind genau so Dompteure ihres Säkulum statt seine heiteren Erklärer, ebenso wie
die Dichter statt der liebenswürdigen Former die Prediger ihrer Zeit geworden
sind.
Denn ihnen fehlt die Festlichkeit und die Heiterkeit der Luft ihres Lebens und die Anmut jener Fruchtbarkeit des Geistes, die eine Dichtung wie einen
Obstgarten am Bodensee überbauscht. Sie haben alle etwas zu sagen und
vergessen das Blut in ihre Figuren zu pumpen und wissen nicht, daß sie doch nur
Aufsätze und Ansichten gebildet haben mit den Körpern der Menschen, und daß
diesen Puppen ihre Gescheitheiten und Lebensansichten purpurrot aber gedruckt
zum Hals heraus hängen. Neun Zehntel der Dichtung ist Essai und Dreiviertel
der Dichter sind Juden. Es scheint, das auserwählte Volk solle uns über die Zeit namenloser Zersplitterung, wenn auch nicht in Jehovas feurigem Wagen, so doch
in einer klugen Gewandtheit und mit zusammengepappten Rossen über den
Abgrund tragen, bis die Dampfwolken besserer Landeplätze zum deutschen
Wesen weisen.
Wir sind von Natur aus wenig für Üppiges bedacht, die Natur gab uns einen
kurzen regenschweren Sommer, kühle Nächte und wohl raffinierte Übergänge, aber ein scheußliches Klima ohne Goldton und ohne die ehern gefärbte Kantate eines begeisterten Himmels. Deshalb sind wir auch nicht das Volk der
Pantomimen. Wer eine Segelregatta an südlichen Buchten sah, einen Stierkampf
bei den Pyrenäen, weiß, daß der Sinn für Festliches, den die Skandinaven
wiederum stahlblond und feurig besitzen, uns versagt ist wie das Geld, das
diesen Aufwand in der Wage hält. Nie hätte eine Anlage wie Versailles, nie
Madrid, nie Rom entstehen können ohne die Voraussetzung von Völkern, die
ihre Freudigkeit zum Leben dadurch betonten, daß sie dem Leben hymnische und weite Gesten entgegenschlagen konnten. Wir Deutsche sind seit dem Verlust
des Mittelalters nicht mehr genug Kinder, aber auch noch nicht so ins Ernste
gestraffte Männer, daß wir den Prunk von beiden Enden des Lebens her lieben
könnten. Wir geben dem Dasein eine kluge, aber nicht einmal schöne Wahrheit
an den Kopf. Aber wir leben uns nicht unbekümmert, wie aus dem strahlenden
Meer steigend, aus dem Leben selbst heraus. Wir sagen Dinge aus, aber wir leben sie nicht. Unsere Dichtung ist darum Essai, aber was ist unser Essai?
Er liegt da wie die Magd, die der Teufel im Dampfbad schälte und von der
nichts zurückblieb als die Haut, an der aber die Augen, die Haare und die Nägel
sich noch befanden. Es fehlt der Saft und das Fleisch. Wie im Theater die
landläufigen Gescheiten und die gealterten Kritiker nur zwei Schablonen
kennen, die Posse und die dunkle Tragödie, aber nicht das feine Lustspiel und das gepflegte Schauspiel, so gibt es unter den Schreibern über Zustände und
Dinge nur Affen und Genies. Die deutschen Schriftsteller haben eine
wundervolle Begabung einfache Dinge zu verwirren, indem sie dem klaren Kern
eine Elefantiasis ins Geistige anwachsen lassen, oder indem sie hochstehende
Dinge in der albernsten Form zum Vortrag bringen. Sie wissen nicht, daß es
keineswegs auf die Dinge ankommt, sondern auf den Schriftsteller, der sie schreibt, und daß es dessen Pflicht ist, das dunkle Geheimnis des Seienden in
eine muskulöse und adlig gebogene Form der Eleganz vorzutreiben, den leichten
Angelegenheiten aber die angenehme Schwere der Bedeutsamkeit hinzuzufügen,
die ihnen die Grazie nicht nimmt. Was wäre der Griechenzug durch Asien ohne
Xenophon, wäre der wackre Mann Agricola ohne Tacitus, was bedeuteten
tausend Menschen und Vorgänge ohne den Schriftsteller, der sie faßt und in
bedeutsame und repräsentative Form bringt? Cäsar schrieb nicht wie ein General, sondern wie ein Autor. Napoleon nicht wie ein Kaiser, sondern wie ein
Mann von Geist. Die deutschen Schriftsteller schreiben ihre Essais wie Bajazzos
oder sie verfassen sie wie Alchimisten, denen daran gelegen ist, ihre Meinung
nicht kristallen herausspringen zu lassen, sondern sie möglichst zu verbergen.
Sie schreiben wie Geheimbündler, aber nicht wie Gentlemen.
Sie müßten natürlich allerdings die krummen Gänge und Qualen des Geistes, sich zu seinen Klarheiten durchzuringen, an der gestrafften Struktur der Sätze und der edlen Gebogenheit der Gedanken erkennen lassen, aber vor allem auch
bestrebt sein, das Schwierige mit jener Anmut zu mildern, wie man das im
Leben gemeinhin auch tut. Schon Fichte schrieb im Nachwort seiner Schrift über
die französische Revolution (wo er noch nicht um den nationalistischen
Schreibstuhl gewunden sich nach der Freiheit hin zu drehen suchte, sondern wo
er fast anarchisch europäische Ideen fauchte), Fichte schrieb, man klage, er sei
zu dunkel. Er meinte, wolle nur das Publikum sich bemühen ihn aufmerksamer zu lesen, verspreche er auch, faßlicher zu schreiben. Er wußte, daß durch das
gewohnte platte und ungepflegte Zeug der Tagesliteratur und Zeitung das
Publikum entwöhnt war, dem Gang der Feinheiten in der Sprache zu folgen.
Aber er wußte auch, daß es für ihn ebenfalls darauf ankam, mehr zu dem
Blutsaft des Ausdrucks vorzudringen, als im Nervendämmern hängen zu
bleiben. Er meinte, wenn er sagte „faßlicher“: durchsichtiger, fleischiger, fester. Er meinte nicht, wie Dummköpfe ewig zetern: grammatikalischer. Denn Sprache
ist keine Starre und vor allem in ihren Regeln eine nur zur leichteren
Erlernbarkeit hergerichtete Dressurübung, sie ist vielmehr eine tropische Frucht,
die wächst, vor Lust bebend, in alle Zonen des Traums und der Wirklichkeit, sie
ist keine Logik, keine Lehraufgabe, sondern ein Tier wie die Erde selbst, die
atmet vor Ewigkeit, sie ist ein Material weiblich und köstlich bereit für jede höchste Erkühnung, wenn nur der Meister kommt, der sie glüht und treibt und
verführt nach seiner Kraft und seinem Genie und seinem Ehrgeiz. Man müßte
zehntausend Herzen nur haben, um aus ebensoviel Kraft die Sprache klirren und
sich bäumen zu lassen vor Duft und Bewegtheit. Sprache war nie ein Vorwand,
sondern ist man selbst.
Da man dem Essai, statt ihn zu durchbluten, noch Saft für alle möglichen Sorten der Dichterei abzog, wankt er mit schlotternden Hüften in Deutschland
herum und sucht Unterkunft bei ländlicher Kost oder bei pompösen Reitern. Ihn
juckt es Pamphlete wie des Hutten und Luther zu reiten und unter des Büchner
Schenkelschwung als falber Hengst die Sprünge der tapferen Jugend zu machen.
Er war es gewohnt daß man ihn drillte, wie eine Nadel scharf und voll Kreiskraft
wie ein Adler zu sein, die hochmütigen Gesten mit der Schärfe des Säbelhiebs in
sich zu tragen, die großen Landschaften al fresco hinzuhauen, als käme er aus Tiepolos schöner Hand und die flammenden Sehnsüchte an einem Horizont voll
Dunkelheit festlich aufzuziehen. Ihn gelüstete immer nach gefitzten Abenteuern
der farbigen Ideen und langen ritterlichen Zügen durch das unterirdische Dunkel,
bis er aufwuchs wie ein Liebling der Schöpfung, gehärtet zu edelstem Ausdruck,
feurig und schmiegsam und voll Haß wie Liebe ausgewogen in den Hüften.
Wie war noch Heinse die Leiber antiker Statuen mit ihm so glücklich nachgezogen, daß diese Schilderungen, die schon Gesicht und erhöhtes Traumbild waren, bebend vor Kraft im Morgen der Sprache standen. In
vornehmer Sachlichkeit behüteten ihn stets dann einige Braven. George lehrte
ihn den byzantinischen Stelzschritt, aber es mißlang ihn auf die Würde der
Brokate festzulegen und es wurde, anders wie im Gedicht, dekorativer schlechter
Jugendstil. Hofmannsthal und Rilke schickten ihm das Flimmern und die Magie
der wie unter Wasser gemalten und gehauchten Sätze, sie bogen ihn samtartig bis
an die Gefühle, aber sie faßten ihn nicht, sondern ließen die Atmosphäre der Gedanken irisieren und begnügten sich mit diesem bengalischen Spiel.
Borchardt fügte dem noch die Wirrheit einer Üppigkeit hinzu, die aus sich selbst
wuchernd wie eine Pergola sich zuzog und mit mächtigen Bögen sich verrenkte.
Zur Helligkeit, die mit der Weisheit benachbart ist und der Anmut, die der
Schlagkraft nicht ermangelt, führte ihn René Schickele, der manchmal schon nah
an den Gesang ihn brachte, während die tapfere Frau, Annette Kolb, wie Heinrich Mann, aus dem Gallischen die Verstandesschärfe nehmend, ihn fast
antik in der ruhigen Haltung bauten. Wilhelm Michel verstand der Schwere der
Gedanken Musik zu geben, daß sie auf einer makellosen Sprache mit schönen
Linien flogen, Max Krell und Kesser setzten ihn auf das behutsame Postament
einer gläsernen Intelligenz. Kerr, meisterlich, ritt ihn aber in alle Gangarten,
schlug den Eindruck zu plastischer Form und traf mit dem nächsten die bunte blumige Fülle und zog die Landschaft an sich heran, was außer dem kleinen
malerischen Idylliker kaum einer konnte. Die Österreicher, die auf Geselligkeit
des Geistes immer bedacht waren, haben ihn spielender gehandhabt. Der
gescheiteste Mann Österreichs, Hermann Bahr, hat ihn liebenswürdig gepflegt in
der Disputation über die Dinge des Tages. Stefan Zweig hat ihm eine
außerordentliche, nicht flammend feurige, aber edel entflammte Haltung gegeben, mit der er das Profil bedeutender Menschen festhielt. Die deutschen
Aktivisten haben ihm den Imperativ wieder geschenkt, Kurt Hiller hat Schärfen
des Hiebes in seinen Schwung gebracht, eh’ er begann nur noch in die Luft damit
zu schlagen. Der größte deutsche politische Schriftsteller, Maximilian Harden,
hat ihm eine Bildung, eine Kraft, einen Eifer, ein Gewicht und durch die
Jahrzehnte der Verwilderung eine wöchentliche Erhabenheit gegeben wie keiner
vor ihm. Geplaudert hat ihn Wiegler, sichere Gescheitheit der Zeit gab ihm Hübner, köstlich gescheite Nüchternheit Dornseiff, Theodor Wolff führte in der
Journalistik ihm in Deutschland seltene Anmut zu, als Kritiker der bildenden
Künste haben ihm Meier-Gräfe männliche schöne Haltung, Hausenstein die
Differenziertheit, Däubler fast erzählerische Farbe bewahrt. Was bleibt? Drei fast
runde Nummern. Zu wenig. Es müßten hundert sein. Sie haben aber alle
irgendwie Taucherrüstungen, und wenn Borchardt noch schwimmt, sind das seine schlinggewächsigen Sätze, die wuchern, nicht er, und wenn Hiller einen Raubzug antritt, trägt er nicht Beute ins Positive, sondern er hat mit Domestiken
ein Gezänk. Selbst Schickele biegt manchmal, verführt von der schönen Fahrt
seiner Gedanken ab von den Urteilen und bestimmt nicht, sondern schildert.
Harden, Deutschlands politischster Kopf, vermag nur das Urteil neben den
Zustand zu setzen und die Anmut dem Angriff beizugesellen und aus Puppille
und Ausscheiden und Vorschnellen der Begriffe und Gebären des einkreisenden
Wortes das Ziel wie eine Frucht zu treffen. Kerr reitet es herunter. Es sind nur noch zwei.
Zu einem Mädchen, das er gehabt, sagte der blondperückte Übersetzer
Shakespeares: „Liebes Kind, vergiß nie diese weihevolle Stunde, wo A. W. von
Schlegel dich küßte!“ Ich nehme an, daß der Geck sie auf den Mund liebkoste.
Die deutschen Essayisten haben dieselbe Gespreiztheit, aber sie haben ihre Muse
mit dem gleichen Hochmut nur auf den Hintern geküßt. Sie haben nicht genug
Geist, um klar sein zu können und sie verfügen über zu wenig Kenntnis der
Welt, um einfach die Zeit zu erblicken, sie besitzen daher genügend Anmaßung, um das nicht einmal eingestehen zu wollen. Ein Essai ist kein dürrer Gaul, aber
er ist auch keine fette Dirne. Er ist: man selbst.
Kam aber einer, der von dem liebenswürdigsten der Lessingperiode, von dem
Peter Helfferich Sturz die Grazie, von Merck die Ironie, von Lichtenberg die
tolle Bitterkeit hatte, kam ein Hahn, so schön wie Heine und prunkte seinem
Erbteil noch den Kampfruf von europäischer Höhe hinzu, so schmähten ihn die seichten Enten der banalen Gewässer, aber die großen Chemiker der Prosa
höhnten: Journalist. Ist dies Land nicht seltsam, wo die Berufe sich miteinander
bombardieren, ein Musiker ein Schuster, ein Dichter ein Reporter, ein Journalist
ein Schwärmer gezankt wird und wo Keiner Respekt hat vor der Vollendung, die
jedes Handwerk zu erreichen in der Lage ist?
Geliebter Heine! Welche Fülle saß hinter seiner Glätte und welche Tapferkeit nistete in seinem Hohn. Welche Reife über seiner Eleganz und welche Idee
hinter der zart gefalteten wasserklaren Verästelung der Begriffe! Ihm war der
Tiefsinn nicht fern, und wenn er der schlechten Dunkelheit der Deutschen
spottete, war er ihnen näher, weil er sie liebte, als wenn er mit Lot und Blei
ihnen in ihren Wirrwarr gefolgt wäre, den er verachtete. Er konnte auch dies.
Aber er wußte, daß es nicht darauf ankam, die Welt zu verschleiern, sondern ihr Geheimnis zu zauberschöner Figur zu enthüllen.
Er hat die schönste deutsche Prosa geschrieben, hat die Landschaft erlebt,
seine Feinde gezüchtigt, seine Hasser übergangen, hat verachtet und maßlos
Deutschland geliebt und um die Freiheit geworben wie ein Geliebter, und hat
seine Sprache mit seinen Gefühlen durchschritten wie ein Page so erlesen und
wie ein Gentleman so groß. Er hat versucht Sprache gesellschaftlich zu machen,
und hat sie wahrlich aus den schönen Wäldern und aus den unklaren Schwülsten in die Üppigkeit eines noblen Barocks geleitet. Da aber schrieen genial
erscheinende Strizzis, es habe zur Journaille hin gemeutert. Er hatte aber nur die
Flüssigkeit einer Höhenlage erreicht, die ihn über alle in ihren Goldton stellte.
Dann starb er im Exil, furchtbar von den Göttern heimgesucht, die ihm zu
seinem Siechtum immerhin die Gabe nicht vorenthielten, es mit der inneren
Schönheit seiner Sprache wie ein Genius zu überstehen.
Nichts, Mijnheer, wird uns gegeben, was wir nicht zahlen müssen, und für die Höhe jedes Glückes wird uns die Rechnung eines Tages gewiesen. Sie wissen es
wie ich und ahnen, daß gutes Leben und beneidetes Schicksal nur in der Kunst
besteht, mit der wir diese Narben maskieren. Tyche, die Glücksgöttin, die der
Okeanos auswarf, hatte zwei Steuerruder in der gleichen zarten Hand, das des
guten und das des üblen Ausgangs und lenkte sie, wie es ihr gefiel, indem sie die
Sterne ansah, aber die wirklich Lebendigen haben immer ebenso wie die Spieler
an sie als die nur richtig und glückhaft Steuernde geglaubt, weil ihre Steuerung oft ins Rechte führte. Schon Pindar jubelte ihr als dem unbedingt
Glückbringenden zu, und der Sklave Servius Tullius setzte ihr Tempel, als er auf
dem Throne saß. Man muß nur vertrauen.
Höben Sie jetzt ihre kleine Pistole Mijnheer, so schössen Sie ins Nichts, denn
was sollten Sie anderes treffen als das heulende Dunkel um den Schnee. Und
doch lockt es mich hinaus von den Kerzen, und von den verschneiten Wäldern zog es mich die ganze Nacht schon in die Dämmerbläue des Südens, obwohl ich
nichts weiter wünsche, wie noch Wochen auf dem Berg hier zu bleiben und die
Kämpfe des Frühjahrs mit dem Firnschnee zu sehen und zu empfinden, wie die
schwarze Sonne des Mai die Matten auflodert zu Wolken von Geruch und den
Schneeharsch der Nordseiten mit dem gierigen Maul der Panterin beleckt. Aber
wie lockt mich toll der Gedanke an Brioni, daß ich den Hafen von Marseille wieder sehe und das Donnern der Jetée vor dem Blumengarten von Genf wieder
höre. Es reißt uns immer aus einem Zustand des besitzenden Glücks in die Leere
nach neuem und, seltsames Widerspiel der Kräfte, trägt uns die Blutfahrt von der
Eroberung zu dem Verlassenen zurück. Welches Glück, welche Wanderschaft,
mit der wir kreisen um unsere Achsen und, ach, welches Vertrauen, daß Tyche
das Steuer richtig warf.
Im Norden Schwedens erzählte mir der Dichter Didring, daß es ihn treibe aus
den wundervoll gewellten Wiesen, aus den Wäldern mit dunkelblauen Schatten
Skånes und Smålands, im Lauf der Jahre, in die Gletscher aufzubrechen, die das
Gebirge zwischen Lappland und Rußland formieren, bei den Bahnarbeitern in
Baracken zu leben wie ein Hund, die Sonne aufgehen zu sehen wie einen
geliebten Stern der Heimat und dann wieder, das Herz von Entbehrungen voll
wie ein Wolf aber in Glück gebadet, zu den rauschenden Pappeln und den Silberwinden seines Südens zurückzufahren. Welcher Widerspruch, Mijnheer,
der Gefühle, und wo, wenn dies unsere Wegfahrt ist, fängt Glück an, hört Glück
auf? Denn, wenn es da ist, fühlen wir es nicht, und wenn es war, wissen wir es
wohl, aber es ist schon Legende hinter den Wäldern und Jahren. Man legt sein
Leben daran, es, wie die bengalischen Jäger den Tiger, mit Raketen aufzujagen
und erkennen später vielleicht einmal, daß unbeachtet von uns, in der stillsten Stunde, auf einfachstem Lande, das Glück uns die Bestimmung und die lichteste Minute auf die Schultern warf. Was wollen Sie, was bleibt?
Weiterleben.
In Elis stand Tyche schon groß neben dem kleinen Halbgott
der Stadt als die Schützerin, denn man glaubte so stark an ihren guten Wurf, daß
sich die Zuversicht schon zum Monument verdichtete. Aber man war nicht
gesonnen, anzunehmen, daß das Steuer nach der dunklen Seite falle, und die
recht Lebendigen haben den Gedanken, daß das Furchtbare komme, stets mit der überlegenen Lache behandelt, mit der aus dem vollen Prunk des Rokoko der
Herzog von Lauzun von dem Miserabelen sprach: „Ich behandelte es nach
Kavaliersitte, es wurde zur Treppe hinuntergeworfen.“
Als wir vom Theater sprachen, dachte ich einen Augenblick, es sei vielleicht
an der Zeit und ein guter Stil, die alten Häuser der Melpomene abzubrechen und
mit Autos und Zelten durch die Hauptstädte der Welt und ihre Landschaft zu rasen, und, wo die Entfernungen nichts mehr gelten, die Kulte der Völker, von
ihren wild gewordenen Maschinen aus, durcheinanderzuwerfen und so einen
großen Stil der internationalen Vaganten wieder zu kreieren, aber auch die
Völker wie mit Blitzen untereinander und ohne die üblichen Sentimentalitäten zu
befruchten. Der Flieger Manucci stieg mit seinem Zweidecker über die Poebene
und streute aus viertausend Meter die Asche seiner Geliebten auf das Land, das er liebte, und auch in seiner modernen Geste stak die sinnbildhafte Liebe zur
Befruchtung. Warum sollte eine neue Generation nicht, da die alten Tempel
überall versagen, vom Tempo ihrer Zeit aus, auch wenn es verbrecherisch ist
aber wie alles Böse und Dämonische nicht ohne erhabene Schönheit, warum
sollte eine neue Generation nicht ihren Ausdruck und ihre Zufriedenheit mit
ihren verzehnfachten PS erjagen?
Aber als ich die Diva gereckt wie eine Liane und mit der Spannung der großen
Katzen über den Körper durch den Schneesturm in das blendende Hell der Halle
treten sah, reizte mich als das Zeitlichere die Filmform ihres Lebens. Denn diese
Leute haben nicht nur Erfolge, sondern auch Wirkung, sie geben nur ihre Körper
hin, aber sie sind nicht verpflichtet ihre Seelen hinauszuspeien. Sie haben den
Beifall und das Publikum der Millionen, sie erreichen die Schichten der
Menschheit, die keine Zeitung, keine Mobilmachungsordre, kein Gesetzbuchparagraph, selbst kein Beauftragter Gottes mehr erreicht und sie
haben den einzigartigen Vorzug, daß sie nicht an die Sprache ihrer Heimat,
sondern an die gesamte Menschheit nur verpflichtet sind. Welche Breite, welcher
Radius.
Aber auch welche Fülle, wenn sie aus den elektrischen Kanonaden der
Ateliers hinaustreten und ihnen, denen die Landschaft der Natur in ihrem Gewerbe lieblich schaukelt wie keinem anderen der Berufe, heute von den Sprunghügeln des Engadin herunterfegen können und morgen die Motorjachten
des Züricher Sees überfüllen, später den Bobsleigh in Oberwiesental führen,
Skijöring in Partenkirchen, Fuchsjagd über den Schnee Oberhofs und Kitzbühls
treiben, auf den Kamelen von Tunis schwanken und ohne über einen Scheck von
märchenhafter Größe zu erbleichen, sich beim Valutastand von einigen Tausend
auf den Dollar nach den Prärien von Texas, den Quecksilberurwäldern Mexikos
und den Bergen des Dalai-Lama aufmachen. Dies Leben ist zeitgemäß wie nur eines, denn es verneint alle Schwierigkeiten der wirtschaftlichen Krisen, hat die
Richtung nach der natürlichen und prunkvollen Erhöhung des Daseins, ohne
dabei seinem Wurfspieße zu entgehen oder sein Dunkel nicht zu kennen. Es ist
allerdings keine Kunst.
Aber was ist Kunst? Gehen wir schlafen. Denn die Sehnsucht nach der
Festlichkeit anderer Völker, nach Walpurgis auf Hasselbacken, nach Micarême in Paris, nach der Weihnacht der Magyaren schneit mit dem Triebschnee gegen
die Züge der Fenster. Kunst ist: mit Dreißig Jahren sein Leben auszubalancieren,
daß die Leistungen aber auch der Genuß in die erste Reihe des Möglichen treten.
Je suis l’ami des bons jours. Aber ich liebe die Nächte auch. Schlafen Sie tief,
aber nicht lang. Das Wetter ist ein Weib und wirft uns vielleicht Sonne durch den
Morgen herein.
Die dritte Nacht
Das Wetter ist ein Weib, Mijnheer, die Sonne hat geschienen und in den Kerzen liegt noch das beglückende Gefühl dieser Minute, als das Gestirn, selber
zitternd vor Wonne, die Riesenschleife über das Bärental begann. „Apportez-moi
une femme,“ schrie Bonaparte nach Marengo, er hatte das Wunder
abgeschlossen und begab sich zu seinem Widerspiel in den Realitäten.
Wären Sie die Frau, Mijnheer, mit der ich vor Jahren einen halben Monat hier
oben verbrachte, ich spräche lieber zu ihr wie zu Ihnen heute und ich sagte ihr
statt Ihnen, weil man Gedanken aus einem Zustand der Beglückung nur an einen
Gegenstand des Glückes zu adressieren vermag, ich sagte ihr:
„Liebe, im Schloßgrün Favorits ließ ein früherer Markgraf einen Türken aus
dem Bett seiner Gemahlin ziehen, enthaupten und stellte das Monument seines Kopfs auf den lieblichen Brunnen, aber er vermochte nicht zu verhindern, daß
das Auge des Mongolen das Schlafzimmer der tollen Dame mit einer
mörderischen Melancholie im Blick hielt. Selbst den Tod tragen die Männer
durch die Kunst den Frauen wie eine Bereicherung wieder zu. Wie viel heftiger
muß ihr Leben jede Sekunde bereit sein, an sie verschwendet zu werden. Säßest
du statt an dem Kamin, dessen Buchenfeuer dem Spiel deiner braunen Muskeln
Salut knattert, nach sieben Frühlingen und sieben Sommern, die du mit mir verlebtest, an einer Bai, bei Sankt Malo am Hafen, in einem Fischerhaus
Swinemündes, einer Villa Partenkirchens, ich umgäbe dich nach soviel Leben
erst mit Kunst. Aber ich würde vorher versucht haben, dir alles zuzuführen, was
an Entzückungen, Werten und Erfahrungen, an Reisen, Steinen, Wollüsten und
Leiden mir zugänglich und auf dich übertragbar ist, so daß du erst aus dem
vollsten Rahmen und glücklichsten Reifsein des Daseins heraus dich zu seinen seltsamen Spiegelungen in der Kunst wendetest, die manchmal noch gelungener
aber, gestehen wir es, nie so sehr Himmelfahrt sind wie es selbst. Erst wenn man
viel gelebt und fast alles erfahren, manches genossen und das meiste
durchforscht hat, bekommt der Abglanz des gedachten und gestalteten Daseins
jene wundervolle Süße, die dem Lebendigen sein Dasein bejaht und gereinigt
zurückreigt.
Ohne das sind Bücher langweilig wie tote Ratten und das Leben nur hat
„chien dans le ventre“. Ein schöner Mann flößt, wie die Chronik sagt, den
Frauen Vergnügen ein, jedoch ein Buch von seinen Träumen allein dürfte sie
beträchtlich verkühlen. Ich weiß, daß ich die Leiber des Rubens und Boucher
und Ingres aber auch die der blühendsten Statuen erst begriff, als ich reell wußte,
wie süß die Vertiefungen an den Gelenken der Lebenden, wie reich die Brüste, die mit der ganzen Wurzel den Busen umfangen, wie herrlich die Kreise über
den Hüften, wie rührend die Übergänge des Brustkorbs und des weichen
Unterleibes und wie heiß die Linien der Schenkel und Waden aus dem Leben
selber entgegenschlagen. Und auch erst, als ich das dritte Jahrzehnt meines
Daseins rastlos benutzte, alles zu wissen und das Mögliche zu erfahren aber das
Unausdenkbare selbst noch zu erfassen, erst nach dem Gelebten gelang es mir in
breiterer Fülle das Gespinst der Kunst und des zu Gestaltenden bis in die Tiefen zu durchprüfen, zu verwerfen oder zu begrüßen, je nachdem es unter dem
Anhieb vor Berufung brannte oder als Schwindel verknallte.
Kunst ist keine Sache neben dem Leben her, sondern springt aus dem Dasein
wie ein Tier aus der Mutter und wird begriffen nur durch das Beispiel der großen
Erzeugerin. Es ist verächtlich, der Kunst leben und das gewaltig sie überrollende
Leben nicht sehen zu wollen, aber jedes weit und herrlich gelebte Dasein kehrt, zum mindesten in dem erreichten Gleichmaß seines Wuchses, als Beispiel der
Vollendung zur Kunst zurück.
Was man Frauen sagt, muß man vorsichtig sagen. Es wird zu leicht eins vom
andern getrennt. Als Herr Herwarth Walden, berühmt durch die Proklamation
wichtiger Maler der Moderne und scheinbar auch durch Kompositionen eigner
Hand, in Paris bald nach dem Krieg ein Konzert gab, schrieb er in seiner Zeitschrift, es sei ein immenser Sukzeß gewesen, selbst der chinesische
Gesandte habe als dem ersten europäischen Konzert seines Lebens dem seinen
beigewohnt. Der Gesandte aber hatte lachend später gesagt, er habe geäußert,
zwar detestiere er Musik und sei unbeschreiblich unverständig auf diesem
Gebiete, aber in Anwesenheit so schöner Frauen (die ihn mitgebracht), habe er
zum erstenmal in seinem Leben es vermocht, einer Musiksache beizuwohnen bis zum Ende. Ich will sagen, um mich deutlich zu fassen, es verdrießt mich zu
sehen, wie die Frauen mit Buddhas Sprüchen und Konfutses Epigrammen und
des Grafen Hermann Keyserling (in Darmstadt für die ihn unterstützenden
jüdischen Finanzleute Deutschlands modisch aufgezäumten) Freibeuter-
Wahrheiten herumlaufen, Frauen, deren Lebensradius kaum den Kilometer ihrer
Heimatstädte durchmißt und die von Kindergebären und Motorrädern
ebensowenig wissen, wie sie davonlaufen, wenn sie einen Epileptiker fallen sehen. Ich finde es komisch, eine Blaugestrumpftheit gegen das Dasein zu
züchten, statt die blassen Literaturhyänen erst durch das erlebte Dasein auf diese
Papiersachen loszulassen. Es verdrießt mich, Sportmädels mit schönen Körpern
mit dem Strindberg und Dostojewski unter dem Arm durch die Landschaft
rennen zu sehen, als sei es nicht der offenbarlichste Greuel, zu so viel Frische so
viel wohl künstlerischen aber abscheulichen Ballast zu packen, und als gehöre zu der Anmut der kühnen Jugend nicht die Feurigkeit und der freche Adel eines apollonischeren Dichters.
Ach, es versteht niemand mehr heute die Kräfte und die Mittel
zueinanderzupassen, und die ausgewählten und füreinander bestimmten
Elemente des Lebens marschieren nicht zueinander. Die Frauen tragen Kostüme,
die ihrem Wuchs nicht entsprechen, essen Krebse im Frühjahr, Gänse im
Sommer, Aale im Winter, und tragen Farben, die barbarisch die Natur
rebellieren, statt dem Beige der Birke im Herbst und dem gedämpften Lila des Rhododendron im Frühling oder dem gepflegtesten Grün der atlantischen Zeder
im Sommer sich anzuschließen. Sie treiben den Sport, der ihrem Körper nicht
paßt, entblößen die Partien, die sie verschweigen sollen, und verhüllen die
Décolletés, die am vorzüglichsten sie ehren. Sie fahren in Wagen durch die
Parks, in denen man an Fontänen auf dem Rücken liegt, und pilgern zu
sportlichen Festen in Wüsten von Sand und Asphalt, die man mit den schnellsten Motoren gern flöhe. Sie reisen zu Zeiten, wo die Hitze jede Landschaft
unerträglich macht und verkennen die schönen Falten der Jahreszeiten, wo im
anschwellenden April und im ausgeweiteten Oktober der Glanz des Jahr-Beginns
und das Kupfer seines Endens voll Schönheit unser Klima überfunkelt. Sie
wissen ihre Zeit nicht zu ihrem Leben zu passen, scharen sich zu ihrem
Widerpart, treffen ihre Glückskrisen an den abscheulichsten Stellen, pflegen ihre Körper zu den falschen Jahreszeiten und wenn sie suchen ihr Leben mit dem
Adel einer Haltung zu vereinen, züchten sie einen Geschmack von Blech oder
eine Kultur von Benzin.
Ihre Hände sind wohl manikürt und auf den Nägeln gerötet aber sie haben
nicht die glücklichen Linien beachtet und wissen die Siegeszeichen und die des
Todes nicht von denen der tötlichen Anmut und der Bestimmung zur rasenden Liebe zu unterscheiden. Sie haben Risse zwischen sich und ihrer Umgebung,
sind geblendet vor ihrem eigenen Blut und wenn sie ihren Stil zu haben glauben,
haben sie den Schwanz ihres Bullis in der Hand oder das Hirn eines anderen in
der Pfanne oder statt dem Geliebten den Kühler des Autos am Herzen. Du
lächelst. Ich rede wie ein Père noble der französischen Bühne. Eine kluge Frau
zu lieben, sei das unbestrittene Vorrecht der Päderasten, sagte lachend ein
Wüstling, aber er wußte nicht, daß es Frauen gibt, die den Vorzug besitzen, ihren Verstand nicht aus den Schriften von Waldemar Bonsels oder des Doktor Steiner
aus Stuttgart, sondern aus einem alles klug beherrschenden aber sich nicht
versagenden Leben genommen zu haben.
Säßest du mit mir an jener Bai, über der Bucht von Sankt Malo, an einem
Hafen, in einer Villa von Rottach und wir dächten: wie sind wir gewandert,
welchen Genüssen und welchen Schmerzen haben wir, einander noch frisch wie Geliebte, am Busen gelegen, da baute dann ich eine Welt wohl um dich von Büchern und du durchschrittest sie wie den Spiegelsaal von Versailles, der jede
Linie deines Wuchses schöner zurückgab. Du fändest dich in jedem Abenteuer
und in jeder Verdammnis. Aber keine Wollust, die du genossen und keinen
Traum, den du unterdrückst, den du nicht auch darin fändest. Das wäre nicht
erlesen Gekünsteltes, sondern du fändest die Welt einfach wieder und würdest
nun klarer zu ihr geführt.
Mit einem deutschen Fürsten, belesen wie keiner der Schriftsteller Deutschlands, die selbst ihrer sechzig Jahre Bildungslosigkeit und Faulheit nicht
ekelt, redete ich in seinem Weinberg von seinen Büchern und er machte den
Unterschied, der mich verblüffte, zwischen Büchern für den Salon und den
anderen. Er gab seiner Geliebten bestimmte Sachen nie aus einem Gefühl der
Grandezza, während im Leben er ihr keine Rundfahrt der Leidenschaft versagte.
Ich fand dasselbe darin, wie in dem, was ich selber befolgte, nur schien mir, daß er seine seigneurale Reinlichkeit verwechselte mit dem Bestreben, nur das der
Geliebten entsprechende stets zu nehmen und daß er aus der Gepflogenheit
seiner Manieren heraus das für Ablehnen hielt, was in Wahrheit nur Auslese war,
die sein Instinkt bestimmte.
Man schenkt nach seinem Geschmack, bildet nach seinem Gefühl, liest nach
Temperament. Einer Sechzehnjährigen gäbe ich dasselbe wie einer von Vierzig, wenn ich den gleichen Flair für beide hätte, aber der von Dreißig würde ich
vielleicht das Gleiche wie der von Fünfzig versagen. Mit Fünfundzwanzig
entwarf ich den Plan einer Bibliothek, die man an zehn Armeekorps und in
dreißig Fabriken sandte. Du könntest sie alle lesen, aber ich würde dir keines
davon schenken. Ich würde mehr wollen und weniger, aber vor allem stets nur
deiner Ruhe wie deinen Leidenschaften gerne das gleiche zitternde Erlebnis der Schönheit zuzuführen wünschen. Alles andere ist hors de ligne. Was ich täte?
Was man im Gefühl hat, hat man nicht im Kopf wie die kleinen Lyriker, die ihre
Zehngroschenverse stets zur Rezitation bereit tragen. Was ich dir brächte nach
soviel Abschreibungen, Pathos und Abschweifung? Ich weiß es nicht.
Wenn du weiße Haut hättest, wäre es anders, besäßest du Lotosaugen statt die
eines Vogels, wäre mein Einfall ein wieder erneuter. Ich brächte dir, was für dich
paßte aus diesem Erleben, aus jener Reise, aus dieser Beglückung und aus irgendeinem Zorn. Und ich könnte dir höchstens heute so, morgen anders
spielerisch gleich den Wolken des Kamins eine Welt der Literatur an die Wand
malen, wenn du wünschest, daß ich dich mit Träumerei unterhalte. Denn ich
liebe die Welt vor allem um ihres Wechsels und ihrer Lust am Spiele willen, und
wenn du nicht die Fähigkeit hättest, aus allen Lagern deiner Seele und allen
Fallen und Festlichkeiten deines Körpers in immer andere hineinzuspringen, hättest du an mir schon lange nicht mehr den Jäger.
Geliebte Diana.
Ich ließe vor allem der Wildheit, mit der du die Hänge befährst, die Eleganz
des Geistes und das Seltene der Vergangenheit von ähnlich vollendeter Anmut
sich gesellen. Du lerntest zuerst, eh du die Grazie der Franzosen erführest, das
Deutsch des Mittelalters. Dem Mittelhochdeutsch naht der Deutsche sich noch
immer mit der barbarischen Geste des Gunther, der, als er zum erstenmal zu
Brünhild ins Bett sprang und ihre Nüancen nicht beachtete, erlebte, daß sie ihn fesselte und an einen Nagel der Wand hing. „Er wânde vinden friunde: dô vant er
vîntlichen haz.“ Du lerntest so das verlorene Paradies von des Reuenthalers
derben Späßen bis zu Walthers Süße, von Hartmans Wundern im „Iwein“ bis zu
Wolframs Herbe und des Alten Reinmars Seligkeit. Jede Übersetzung ist eine
lächerliche Dreistigkeit, denn man kann eine höhere Sprache nicht mit einer
niederen übertragen. Wir haben heute wohl gelernt, Tempos wie die Teufel in die Sprache zu bringen, Raffiniertes bis zur Verzweiflung auszudrücken und
Begriffe bis ins Aschgraue zu benennen und zu finden, aber den Wohllaut der
Musik und die Einfachheit der klar blitzenden Welt und die große Verzücktheit
der Gefühle erreichen wir nicht wieder. Wer aber glaubt, ohne Studium, den Fall
der Vokale, die Trennung der Diphthonge, die Rhythmik der Satzbogen
verstehen zu können, begeht die gleiche Dummheit wie jener, der ihrem Wesen nah zu sein denkt, weil die Worte alle den unseren ähnlich sind, aber fast alle
verfeinerten und anderen Sinn bedeuten. Du wirst diese Bemühung nicht auf
dich nehmen, ohne daß der Zauber, dem du begegnest, auf dich zurückwirkt.
Unser Hunger nach Dasein ist groß, das Leben zu kurz, unsere
Bewegungslinie zu eng, wir können nicht alles haben. Aber jedes Genossene
treibt uns nach mehr. Als im Jahre Zwölfhundert der Marschall der Champagne Villehardouin als erster Grande und Lebemann anfing, Geschichte zu schreiben
und die Menschen mit der Gewalt eines Rubens in sein Gemälde hineinwarf, als
der Pfaffe Konrad, der ein schlechter Künstler war, die „Kaiserchronik“ schrieb,
begann die Literatur der Briefe und Memoiren, uns die Völker und Menschen
mit jungfräulicher Plastik heranzutragen. Statt dünner Schicksale, die mäßige
Dichter gestalten, redet plötzlich die Phantastik der Zeit. Von den
Aufzeichnungen des Kardinal Retz, der sich nur so ausdrücken konnte, daß er an eine Dame schrieb, und der den Atem seiner Zeit zur höchsten Höhe blies, über
des großen Kanzelredners Bossuet Porträte verstorbener Fürsten, über
Montesquieus erwachenden Blick für die Breite gelebter Zusammenhänge bis zu
dem fabelhaften und glühenden Fresko, das der Herzog von Saint Simon von der
Zeit des vierzehnten Louis schrieb, lernst du, deinen eigenen Erfahrungen die
der großen Epochen und Menschen hinzufügend, einen Schritt mehr zur Weisheit.
Nimm die Memoiren der großen Katharina von Rußland hinzu, die Briefe der
bis zu den weißen Haaren hin geliebten Ninon de Lenclos, die Novellen der
Bibel, die Briefe der wilden Caroline und Brantômes Leben der galanten Frauen.
Lies die Aufzeichnungen Casanovas und des Deutschen Pückler-Muskau Bände.
In den barocken Sätzen des Abts von Brantôme hast du die Menschen der
Renaissance, in Casanova den Ausgang des Rokoko, in Caroline die Romantik.
Keiner konnte schreiben so wollüstig und so geistreich wie Casanova und niemand in Deutschland so mit Erhabenheit und Temperament sich mit Ideen
und Reisen der Welt gegenüberstellen wie der Pückler. Bürgerlicher aber
herumgeworfener hast du in des Frankfurter Friedrich-Fröhlich Aufzeichnungen
die Epoche des ersten, in Flauberts Briefen mit der Sand die des dritten
Napoleon. Jakob Burkhardts Briefe an einen Architekten malen nüchtern das
Jahrhundert am Anfang, nicht weit aber amüsant für dich gesehen, von einem hölzernen Liebhaber der Künste. Dagegen hat die furchtbare bürgerliche Epoche
am Ende des Jahrhunderts der gebildete und in guter Familie erwachsene
Schriftsteller Kurt Martens, wenn auch nicht seigneural, so doch mutig und
schlicht in seiner Lebensbeichte gegeben.
Mit Mozarts Briefen hast du Österreich und mit Benvenuto Cellinis Leben den
Radius des Glanzes, den ein Renaissance-Italien um sich häufte und in den Briefen des Van Gogh und in Bernards Erinnerungen an Cézanne siehst du das
Martyrium unserer Kunst und Zeit nicht ohne die Ironie, die dich das
Menschliche hier so absurd und das Künstlerische so verzweifelt schauen läßt.
Im „Pitaval“ sind die hervorragendsten Prozesse geschildert und du erkennst die
Menschen aller Jahrhunderte. Ich werde Hardens „Köpfe“ dir daneben legen. Du
wirst das Buch der entzückenden Staël über Deutschland lesen und mit Petrons „Gastmahl des Trimalchio“ vergleichen. Ich werde das Buch der Markgräfin von
Bayreuth hinzutun, die des großen Friedrich Schwester war und das
Kamasutram, wo nicht nur die Inder belehrt werden über die Zweihundertfünfzig
Formen des Liebesgenusses und über alle unzählbaren Formen der Entzückung
dazwischen, sondern wo der Liebende auch angehalten ist, nach allen Spielen
der Wollust auf das Dach des Hauses im Mondschein mit der Geliebten sich zu
setzen, den Glanz mit ihr anzuschauen und ihr die Reihe der Sternbilder zu erläutern, den Polarstern besonders sowie den Kranz der sieben Sterne des
großen Bären.
Die Zeit hinter dir hat sich geöffnet wie ein Weib, du kommst von den
Geschichten nicht zu Büchern sondern zu Schicksal und aus der Fülle nicht zu
Vorstellungen sondern zu Menschen. Von den kühnsten unter ihnen streift man
zur Erde zurück. Man muß die alten Exploiteure fremder Erdteile lesen, denen die Natur sich noch unberührt gab, die nicht gafften sondern eroberten, nicht Afrika vom Schiff aus sahen und weiches Garn aus ihren Gefühlen spannen,
sondern die darin starben, nicht solche, die empört, während sie innerlich
schmatzen, Bordelle in Ceylon beschreiben, von denen ein Portier ihnen
erzählte, sondern solche, die Elefanten noch mit dem Säbel gejagt haben und du
wirst sehen, wie die Natur mit derselben Frische riesig aufdampft, mit der du
einige Stücke aus ihr in deinem eigenen unverdorbenen Blute erlebt hast.
Lies, wie ein gewisser Barrow Esqu. im achtzehnten Jahrhundert in Begleitung des englischen Gesandten China durchquerte, lies die Geschichte der
Reisenden Percy und Gallow, die die Tatarenländer durchfuhren, lies die
Eroberung Mexikos und die Geschichte Cooks, den Insulaner erschlugen. Sieh,
wie mit Dominikanermönchen Curjello nach Afrika kam. Lies die Berichte der
Lebemänner, die Europa durchfuhren und von denen einer, dessen Name ich
nicht mehr kenne, auf Schlittenwagen sogar den Nordpol über Norwegens Poststationen erreichen wollte. Lies bei Franklin, wie sie die Wale harpunierten
und bei Livingstone, wie die Zähne ihnen ausfielen vor Fieberluft und sie die
Flamingos und das Nashorn jagten. Wie sie mit ihren Karawanen durch die
Wüsten sich durchhungerten, um zu entdecken und sich zu begeistern und den
menschlichen Geist an die Spitze des Abenteuers zu hissen. Lies Gessi, Gordon,
Emin Pascha, den Halbgrönländer Rasmussen, lies Stanley, lies die Jagden des Baker in Abessynien. Du riechst die Luft der anderen Kontinente und erfährst
die Beispiele menschlicher Tugend und Tapferkeit und du wirst nicht gebildet,
sondern du wirst klüger oder besser.
Nun ist für „Tausendundeine Nacht“, für den „Don Quichote“ des Cervantes
und den Defoe mit seiner Europamüde, ist für „Robinson Crusoe“ und
„Gullivers Reisen“ dein Hirn offen, denn sie geben zur einfachen Wildheit der Erde die Phantasie und das Spielerische, das alle Gefahren überwindet.
„Mesnevi“ mit seinen schönen Sprüchen, den indischen Roman von Dandin von
den zehn Prinzen, die Märchen der Südsee, „Tuti Nameh“, das persische
Papageienbuch machen die Welt noch bunter und führen schon an das Legendäre
einer großen Klugheit. Der Maler Gauguin hat auf Tahiti neue Farben gesucht
und hat die Abenteuer seiner modernen Sehnsucht in „Noa Noa“ geistreich und
ein wenig desolat wie ein echter Franzose beschrieben. Hundertzwanzig Jahre früher hat Bernardin de St. Pierre in „Paul et Virginie“ schon einmal die Natur in
prachtvoller Glut für Europa entdeckt. Hamsun hat den Kaukasus erlebt und ihn
in gestrichelter Weise mit neuer Optik für Naturbeschreibung dargestellt. Laurids
Bruun hat mit dänischer Weichheit den grauen Glanz seines norwegischen
größeren Freundes nachgemalt.
Das ist nur schwacher Schimmer noch von den früheren Heroen, doch ist, da du von heute bist, und ja auch ich dir nicht in der gekräuselten Allonge-Weise entgegentrete, doch ist von den Heutigen zwar Sven Hedin nur ein Schwätzer
aber kein Nahbringer, jedoch das Buch der Fürstin Lichnowski über Ägypten
von modernem preziösem Charme, ist zwar das Buch Ludwigs über Afrika eine
Sirupfalle für den Kurfürstendamm, aber des Suarès Italienbuch eine heroisch
gemalte Landschaft; und keusch wie Villehardouins Seele, wenn er im Kreuzzug
das Morgenland betritt, ist Lafcadio Hearns Sprache, wenn er das
verschwindende asiatische Japan, kurz vordem Europa es verschlingt, noch einmal wie eine Geliebte streichelt.
Du mußt noch den Kipling lesen, der mit Tieren dir die Welt bevölkert und
mußt sehen, wie der Däne Fleuron dem heldenhaften Anfang des Briten den
melancholischen und schönen Abgesang gibt, wenn er davon redet, wie die
edlen Tiere sterben. Nur wenn bei Jürgensen der Kongo vor Tiergebrüll donnert,
der Schwede Madelung seine Jagden schildert, der schönste aller raubtierhaften Dichter, Jensen, die Gletscherzeit zurückruft, kannst du das Gefühl haben, aus
deinem Säkulum rückwärts bis zum Paradies marschiert zu sein. Was heißt
Kunst, wenn du leben willst? Es bedeutet nichts gegen die Fülle des Lebens,
aber es wird schon helles Licht auf allen Zinnen, wenn du durch soviel Dasein
hindurch dich an die Erkenntnis herangetastet hast, daß auch ein vollkommenes
Leben einer gewissen Vollkommenheit in der künstlerischen Gestaltung bedürfe. Wenn du reicher bist, hast du mehr Anspruch. Hast du die Masse der Welt, willst
du sie in Schönheit. Hast du das Dasein begriffen, verlangt es dich auch nach
seiner schönsten Gestalt.
Aber vergiß nicht, es ist wichtiger, daß du lebst, als daß du träumst, nötiger,
daß du blühst, als daß du redest, und es ist alles umsonst, wie auch immer du von
der Welt schwärmst oder fluchst, wenn sie nicht wie eine Pantermeute in dein Blut gestürzt ist.
Zuerst du, dann alles andere.
Fähigkeiten hat jedermann, mir imponiert das allein keineswegs. In
Zentralafrika laufen die Neger so rasch wie die Schnellzüge, die Eskimos
schlagen sich als Duell stundenlang ohne Schwierigkeit wechselseitig auf den
Kopf und die Theosophen sollen durch anhaltendes Training im
Sichzurückvertiefen bereits das Jahr Sechstausend vor Anfang unserer Zeitrechnung erreicht haben. Es kommt bei Talenten nur darauf an, sie seinen
Fähigkeiten und Zielen nach zu entwickeln. Ich sehe es lieber, daß ein frischer
Menschenkerl in des Schwergewichtsmeisters Flint Buch über das Boxen, in die
„Gazette du bon ton“, in eine Zeitschrift des Hokeyspiels, in Henry Hoeks
vorzügliche Skibücher oder die „Vogue“ sich vertieft, als daß er mit der Herde
seiner Genossinnen Tagores flache Gedichte über Thee gießt, in Jakobus Böhmes Dunkelheit lustwandelt und, Herrn Blümners Niggerrezitation im Kopf und Dadaistenabende im Hirn, über Spenglers „Untergang des Abendlandes“
sich in Urteilen verzückt. Geistmayonnaise ist keine Speise für eine Diana und
Mode ist ein zu kleiner Witz für ihre Erhabenheit. Ein gebildeter Tiger ist eine
Dummheit, ein schöner Tiger wird aber, wenn er sich vollendet in seine Form
gefunden hat, auch immer etwas von jener höheren Klugheit haben, die stets der
letzten Vollkommenheit des Lebens zugeteilt ist.
Du wirst, wenn du dich nicht blenden läßt, spüren, daß die schon jenseits des Lebendigen abgebrochenen Dramen des Bildhauers Barlach, wenn du ohne
innere Reife an sie gerätst, genau so wenig zu deinem Temperament passen, wie
die feierliche Plattheit, mit der Herr Lienhard ein neues Weimar besingt. Und du
wirst mit bestimmter Sicherheit spüren, wie gleichgültig es dich läßt, wenn man
des Schönlings Gleichen-Rußwurm süßholzwässrigen Kulturgeschichten dir
nahebringt, gleichwie wenn du ein aus Schreien und Beleidigungen zusammengesetztes Gedicht von Johannes R. Becher nicht begreifst. Du bist
durch deine Gesundheit und Frische von vornherein dafür absolviert, daß dir
weder die Eunuchen noch die Verrannten liegen.
Aber ich werde dich gerne bei der Lektüre von allem sehen, das, wie ein
Springbrunnen einen Silberball, also mit Kraft und mit Anmut, die Welt
schaukelt, denn das entspricht dir ebenso wie jene Nüchternheit, die die robuste Kraft metallen aus dem Dunkel hebt. Du wirst alles von dem zärtlichen und
feurigen Melancholiker Alfred de Musset und alles von seinem Nachfolger Hugo
von Hofmansthal lesen, alles von Anatole France, der die Leidenschaften seiner
Welt in seinem Lächeln bannt und von Eduard Keyserling, dessen Romane die
zarte Vollendung der feudalen deutschen Rasse in wohlgeädertes Weltbild heben.
Du wirst etwas von Schnitzler und etwas von Sternheim haben. Alles von Shaw, alles von Byron. Fast nichts von den Russen. Vieles von Swift. Alles von
Voltaire, der eine Welt mit der Schärfe eines Geistes bekämpfte, der aber
verstand sich der Kadenzen der Nachtigall zu bedienen. Alles von Heine.
Einiges von Thackeray. Alles von Maeterlinck, der die Ahnungen in die
Atmosphäre brachte und alles von Georg Büchner, dessen Jünglingstorso die
Helligkeit eines schönen Athleten besitzt und alles von Shakespeare, dem
einzigen großen Dichter der Welt, der die Eisenscharniere seines Geistes mit Heroenschönheit frei um die Welt herum zu spannen bestimmt war, als seien es
Arabesken, die er im Traum hinmalte.
Lyrik wirkt bei Frauen fast immer provokant. Bei Männern versöhnt
wenigstens, daß sie sich infolge des natürlichen Egoismus ihres Geschlechts
stets wieder danach in Geschäfte und Politik schmeißen. Die Frau wird von
Lyrik aber zu unerträglichen Gefühlsstauungen verführt. Muß es Gereimtes sein, dann sei es Lyrik, die eine Distanz zu den Gefühlen hat und sich nicht hingibt, sondern sich behauptet. Shelly, Petrarka, Baudelaire, Keats, Lamartine, Stadler,
Novalis, d’Annunzio. Die heutige Zeit kann sich überhaupt der lyrischen Dichter
nur mit Erröten erinnern, denn sie ist weder so voll Schwung, daß sie diese
begriffe, noch so voll Sentimentalem im Untergrund, daß ihr die Eichendorff und
Ronsard und Verlaine und Mörike lägen. Ich gestehe, was ich auch künstlerisch
fühlen mag, daß ich eine Frau vorziehe, welche die Härte der weltmännischen
und zurückhaltenden Strophen ähnlich wie die Schönheit einer Plastik mit halb kalter, halb hingerissener, aber beherrschter Leidenschaft bewundert, statt eine
Dame zu schätzen, die zwischen den Erregungen der Börse und den
Demonstrationen der Politik heute, was man nicht kann, in Sentimenten
schluchzt und in Rhythmen wimmert. Die Epoche ist scharf wie Senf, aber die
Moustarde wird durch Tränen nicht leckerer.
Doch das Phantastische ist stets ein kleiner Park gewesen, in dem alles, was einer Zeit fehlt oder womit sie zuviel beladen ist, in der Nähe der Träume
ausgeglichen in Beeten und Pergolen duftet. In Achim von Arnims
„Majoratsherren“ ist das gespenstische Grau, das so schwer zu gestalten ist,
wundervoll in der Luft und nimmt den gesamten Meyrink voraus. In Hoffmanns
„Elixieren“ tobt das Diabolische wirklich, das in vielen seiner anderen Bücher
ein plattes Nichts ist. Die „Nachtwachen des Bonaventura“ bringen die Romantik. Der Russe Remisow das Gespenst der Slawen, das auch in Puschkins
Gespenstergeschichten, bei Gogol und Saltikow doch sich nie so lieblich befreit
wie bei den Deutschen, sondern an ihren Nerven angehängt bleibt und eine
Krankheit eher ausdrückt als das Jenseits und mehr verrückt ist als überirdisch.
Das Grausen mit aller Kälte hat Poe in die Wirklichkeit seiner Bücher
geschmettert, die auch nur zum Teil gelungen sind, dann aber die vortrefflichsten ihrer Art scheinen. Der Franzose Barbey d’Aurevilly hat in den „Teuflischen“
dasselbe leis verkitscht, Villiers de l’Isle Adam aber in „Edisons Weib der
Zukunft“ ihm eine zeitgemäße Mechanik verliehen. Der Maler Kubin hat noch
einmal liebenswürdig versucht, den Schatten der romantischen Gespenster
aufzurufen, aber sie sind aus den dichterischen Prärien in die Kriminal- und
Abenteurerbücher desertiert und haben dort eine exaktere und zeitgemäßere,
wenn auch uniformierte Anstellung gefunden.
Mit den Wissenschaften beleben sie den Mond in Erinnerung ihrer guten
Vergangenheit in des Polen Zulawskis Roman „Auf silbernen Gefilden“. Der
deutsche Scheerbart hat in „Lesabendio“ sie auf die Milchstraße verfrachtet und
der Franzose Renard hat sie mit Ironie und Grausen, aber vielem Charme uns
Menschen technisch mit unseren eigenen Waffen überwinden lassen. Zur Utopie
erzog sie der humane Brite Wells. Zur Exaktheit Conan Doyle, der sie wie Automaten der Klugheit dressierte und den Schlag der Verbrecher und Kriminalgeschichten gründete, der den Abenteurerroman der May und
Gerstäcker, Defoe, Kapitän Marryat und Cooper (zu denen auch Walther Scotts
„Pirat“ gehört und manches andere bis zu den Kreuzzugepen) völlig abgelöst hat
für einige Zeit.
Es war ganz klar, daß diese Mechanik, einen spannenden Vorgang nicht mit
Hilfe der Phantasie wie früher, sondern mit allen blitzglatten Hilfsmitteln unserer
Technik und Überlegung abrollen zu lassen, das Kino einfach aus der Luft herausziehen mußte, wenn es nicht entdeckt gewesen wäre. Denn Film ist nur
die glatte Übertragung der Techniken der Soyka, Heller, Jack London, Eje,
Elvestad ins Bildhafte. Film hat mit Theater nur soviel zu tun, als Schauspieler
dabei beschäftigt sind. Wer würde aber aus der Tatsache eßfroher Akteure oder
tribadischer Aktricen auf die Zusammengehörigkeit von Theater mit der
Kochkunst oder den Gebräuchen von Lesbos schließen? Dagegen beweist der Umstand, daß die schönen Gespenster klirrende Maschinen geworden sind, zwar
nicht gerade eine Erhöhung der Dichtung, aber keinesfalls, daß die Maschinen
schlecht sind. Die Kriminalbücher der Deutschen existieren zwar nicht, lediglich
der Österreicher Soyka gehört in die internationale Konkurrenz, allein einiges
bei den Skandinaven und Engländern ist in seiner Weise vortrefflich. Das
genügt.
In der Liebeslektüre kann man jeder Frau carte blanche für alle Gefühle
geben, denn es ist leicht die von fremden Leidenschaften Erschütterte zu den
eigenen Leidenschaften zurückzuführen. Von „Aucassin et Nicolettes“ rührender
Geschichte bis zu den Büchern des Charles Louis Philippe ist ein weiter Weg,
und die gesellschaftlichen Formen, unter deren furchtbarem Zwang die
Liebenden sich zwischen Kloster und Bastille suchen mußten, haben sich gewandelt. Heute stehen Spanier auf den Straßen und suchen die Augen ihrer
Auserwählten, flirten Engländer beim Sport, Franzosen in den Promenoirs und
Deutsche lieben sich in den Gärten. Keine Frau ist unerreichbar. Keine Liebe ist
so unselig und so beglückend zwischen das Schicksal und die Sehnsucht
gespannt wie früher, als das Mittelalter die Herzen auseinanderriß und die
Willkür menschlicher Elemente und starrer Satzung die Natur bei Seite schoben.
Du kannst von Richardsons „Clarissa“ über Rousseaus „Nouvelle Heloise“ bis zu Goethes „Werther“ lesen, wie ein Dichter sich auf den Sockel des anderen
stellte und wie ein Herz tragisch ans andere durch Nationen und Jahrzehnte
rührte.
Ich glaube jedoch nicht mehr an die sichtbare Existenz dieser Gefühle in
unserer Zeit, wo die Knechte an der Börse spekulieren und die Damen das
politische Wahlrecht ausüben und man den Kokotten, die man zum Diner einlud, am anderen Morgen eine bare Entschädigung für die Abnutzung der Toiletten als Supplement zusendet.
Aber ich glaube mit ganzem Credo meines Herzens, daß die großen
Leidenschaften, deren Anmut nicht in ihrer Tragödie endete, immer der Unterton
geblieben sind aller schönen Beziehungen, und daß die jetzt veränderten Formen
der Welt die gleichbleibende Lage ihrer Melodie nicht zu stören vermochten.
Wenn man wie du ein Gesicht sowohl zärtlich und schön wie Hermelin als
auch mit kühnem Bogen der Augen und Nase besitzt, vermag man bei einiger Breite des Sinnes auch zu verstehen, daß Cayennepfeffer die milden Gerichte auf
seine Art wie ein Wildpret anregt. Du hast Gelegenheit, um zu vergleichen.
Wenn du die Briefe gelesen hast, welche die Nonne von Alcoforado an einen
Offizier eines anderen Landes schrieb und die von Abälard und Heloise kennst
und Balzacs übersinnlich zarte „Ursula Mirouet“, und die bis ins
Verbrecherische zärtlichen Beziehungen Desgrieux und Manons in des Abbé Prevost „Lescaut“ dazugenommen hast und die Briefe der Mademoiselle de
l’Espinasse und Flauberts „November“ und des De Costers maischöne
„Hochzeitsreise“ und die Frauen des Jean Paul, die dahinbleichen an
übermenschlicher Verbundenheit . . . dann kannst du es wagen, nicht ohne
Gewinn zu sehen, wie in Crébillons „Sopha“ und in Heinses „Ardinghello“, in
Wielands „Biribinker“ und in Heinrich Manns „Göttinnen“, bei Rétif de la Bretonnes zweihundertdrei Bänden und den „Liaisons dangereuses“ des Laclos
bis zu des Marquis de Sade Abscheulichkeiten und den männerliebenden
Strophen Oscar Wildes und des großen Edelurnings Withman sich vom klaren
Fluß des liebenden Feuers die phantastischsten Bündel lösen. Aber du wirst
erkennen, daß auch diese Verzerrungen sich von der Liebe nicht trennen,
sondern sich von ihr ernähren und daß in ihren Formen, ob sie dir gefallen oder ob du sie verachtest, immer der gleiche Blitzschlag der Größe zuckt wie in der
dir gemäßen.
Du wirst dadurch nicht hochmütig werden, sondern du wirst nur eher die
Menschen verstehen, wenn sie mit ihren Schicksalen an dir vorüberschweifen
und gleich den anderen Kreaturen steigen und fallen nach diesem und jenem
Gesetz. Du wirst duldsamer sein und also weltwissender und es wird deiner
Leidenschaft auch nur noch das Verstehen jeder anderen hinzugeben. Man wird in Indien nicht Hetäre durch Verführung, Mißgeschick oder Neigung, sondern
durch Abstammung, man kann also keusch im Herzen und eine Dirne durch
Schicksal sein. Auch die Heiligen werden nicht gezüchtigt, und mancher, der ein
Mordbrenner im Herzen schien, erreichte durch Übung den Glauben. Im Grunde
ist alles die Liebe. Aber in der Liebe wird man eben alles durch das Leben oder
man wird nichts.
Die Venetianer besaßen die besten Diplomaten Europas und ihre Berichte waren erstaunliche Stücke an Schärfe des Auges und des Verstandes, ja sie
bildeten sie zu einer hohen Stufe der Kunst aus. Die Handlungen aber des
Staates nahmen die Dogen erst vor, nachdem sie alle eingeforderten Berichte
verglichen. Du hast nunmehr von dem dir als Frau am leichtesten
Zugänglichsten, von der Liebe her zu vergleichen gelernt. Was mir noch übrig
bleibt, ist so gut wie nichts. Nun kannst du schwimmen, in welches Problem,
welche Nation, welches Genre du willst. Du wirst Grabbe lesen neben des James Morier „Abenteuer des Hadschi Baba“, das der erste Roman über Persien aus
dem achtzehnten Jahrhundert ist, wirst den prachtvollen Rheinländer
Schmidtbonn mit seiner herben und männlichen Duftigkeit verstehen gegen des
Belgiers Rodenbach „Totes Brügge“. Wirst staunend des Bildhauers Rodin Werk
über die Kathedralen seiner Heimat neben des Thomas Manns schwächlich
schönem, formvollendetem, aber innerlich, dekadentem „Tod in Venedig“ halten, wirst die „Studien“ des pastelligen Idyllikers Stifters neben dem riesenhaften
Rabelais genießen, wirst fühlen daß die „Küsse und feierlichen Elegien des
Johannes Sekundus“ andere Worte sind wie die des zärtlichen und royalistisch
verschwärmten Francis Jammes in „Almaide“, der schönsten lyrischen
Tenorstimme des heutigen Frankreichs. Du wirst den Zola, der auch ein Gigant
war, trotzdem er etwas tierisch schaffte, neben der von Schwedens Bodendampf mythisch umwehten Lagerlöf lesen. Wirst Wisthlers „Die artige Kunst sich
Feinde zu machen“ zu Annette Kolbs zarter Kammermusik in „Zarastro“ legen
und die Geschichte des alemannischen Webers, der sich in kindlicher Einfalt der
„Arme Mann von Toggenburg“ nannte, zu des gescheitesten Engländers
Chesterton „Verteidigung des Schundromans“ tun. Du wirst Schlegels
„Luzinde“, das voll schöner leidenschaftlicher Süßigkeit ist, neben die Modebücher der Brüder Goncourt halten, wirst das Buch der Frau von
Winternitz von dem wilden Liebesleben der keuschen Vierzehnjährigen neben
dem „Schelmufsky“ des siebzehnten Jahrhunderts lesen und kannst die
satanischen Ausschweifungen des Huysmans in „La bas“ hinnehmen mit
derselben Überlegenheit, wie du an Kerrs Reiseberichten und Dauthendeys
Reinheit dich ergötzest. Du kannst den Frauenspiegel der Renaissance von
Castiglione und das Leben Dantes von Boccaccio und Quevedos Spitzbubenroman von Segovia mit derselben Gegenwärtigkeit lesen, wie du
Storms Novellen, Eichendorfs „Taugenichts“ und Dickens Roman aus den
Millionenstädten hinüberleiten kannst zu des Verhaeren flamisch breiten
Malereien, zu Schickeles „Glück“ und zu dem „Puppenbuch“, in dem der Lotte
Pritzel und Erna Pinner barocke und groteske Figuren einen höhnischen oder
vielleicht auch mitleidigen Cancan der Ausgelassenheit auf unsere Mühe, sie zu deuten, tanzen.
Du wirst dadurch so voll von gelesenem Erlebnis geworden sein, daß man dir
wie den Bankerotteuren Montecarlos eine Viatique geben muß, um aus den
verführerischen Launen der Literatur dich wieder ohne Kosten auf den Kontinent
des Daseins hinüberzuretten. Es wird wohl an der Zeit sein, wenn du das alles
gelesen und an deinem Wesen wie an einem Pegel und Thermometer die Höhe
und die Temperatur der Maße genommen hast, dich wieder der Natur allein
zuzuführen. Denn du hast dann für das diesseitige Existieren genug gelesen und jede Zeile mehr wäre zuviel.
Mehr verträgt ein Irdischer nicht, es sei denn, er sei vom Schicksal bestimmt,
eine noch steilere Kontrolle auszuüben und die Ausmaße des Lebens auch noch
mit denen der künstlerischen Vollendung zu vergleichen und den Gladiatoren der
Kunst die Urteile auf die Nacken zu brennen. Einer Frau kommt das nie zu, sei
ohne Sorge.
Männern sollte von der Natur erst in den sechziger Jahren, wenn sie statt mit
Frauen sich mit Schnepfenköpfen zu beschäftigen beginnen, das kritische Amt
vorbehalten sein. Ich fürchte, es würden bei allem Ehrgeiz, den das Greisentum
mitführt, selbst die Besterhaltensten dies Alter nicht erreichen wollen. Ist es
einem aber bestimmt, durch Schmutz und Crapule ein Stück verdammt geliebter
Jugend und herzrot gelebten Daseins dranzugeben, dies Handwerk mit Kunst zu vollführen, so sollen die heulenden Hunde spüren, daß es auf den Schriftsteller
ankommt und nicht auf die Meute, über die er sich in gerechter Leidenschaft
ausläßt und es soll zum mindesten, wie Châteaubriand von St. Simon sagte,
teufelsmäßig für die Unsterblichkeit geschrieben werden.
Man gewinnt kein Ding, wenn man es nicht zugleich liebt und abstößt, und
keine Vollendung eines Lebens ward erzielt, die nicht vorher ausgewogen war bei jedem großen Gefühl in den Wagschalen der Liebe und des Hasses. Du
kannst dich selbst nur erreichen, wenn du dich durch das Leben selbst gewinnst,
aber du darfst nicht scheuen, davor zu desertieren und wieder zu ihm
zurückzukehren. Denn nur die Treue, die sich an anderen Reizen durch Untreue
erprobt, hat den Zug der Beständigkeit in sich, der dein Leben dann um die stete
Achse rundet. Du wirst zwischen der Inbrunst der Bücher und den Banalitäten
des Lebens genau im selben Grade leiden, wie du die Unterschiedenheiten zwischen deinen Idealen und der Nüchternheit der gelesenen Schicksale gemein
findest.
Das Verhaftetsein an eine einzige Anschauung ist auch im Lesen nicht pikant,
und wahrlich zurück zu sich zwingt immer nur die Größe, die Betrug erträgt. Der
Herzog von Lauzun, der gerne und nicht ohne Tiefe lebte, schildert eine Dame:
„Sie erwiderte mir meinen Besuch zu Pferd, in Dragoneruniform und Lederhosen. Mehr brauchte es nicht, um mich für immer von einer Frau abzuschrecken. Das hielt mich aber keineswegs ab, sie dennoch zu besitzen.“ Er
liebte das Weibliche so abgründig, daß er es auch in der provokantesten Form
nicht abzulehnen in der Lage war und die sicheren Genüsse nicht über der
fatalen Aufmachung vergaß. Man hat verdammte Last mit seinem Dasein
zwischen Leben und Kunst und Sein und Schein sich durchzuschlagen, und es
bleibt auch dir als Frau nicht erspart, die Kämpfe zwischen deinen Vorstellungen
und deinem Blute bitter auszutragen.
Das aber verleiht endlich erst die Reife und die Wollüste jener Überlegenheit,
die die Ahnungslosen nie kennen werden, die ohne Geschmack jener Räusche
sind, in denen wahrhaftiges Leben und wahrhaftig gepflegter Geist
zusammenschlagen, und ich glaube manchmal, wenn du als Diana die Ränder
der Wächte mit der Geschwindigkeit des Blitzzuges auf Skiern herunterkommst,
ich vermöchte auf deiner Haut auch die Glut deines Geistes zu erblicken. Nur in Liebe vermögen beide sich zum Augenblick des größten Daseins zu
verschmelzen. Ich erinnere mich eines französischen Theaters in Paris, wo ein
Offizier desertierte und nach einem Dutzend Kniffen und Entwischungen gefaßt
wurde. Als sein General ihm die Degradierung verkündete, erlaubte er sich einen
Vorwand anzubringen, und als er salutierend vortrat und erklärte: „c’était par
amour,“ gelang es dem Kommandeur in keine andere Pose zu verfallen als in eine bewundernde Handbewegung des Verzeihens und Verstehens, und jenes
Publikum des Boulevardtheaters hatte mit seinem frenetischen Beifall auch
nichts anderes im Sinne, als sowohl die Leidenschaft des Offiziers als auch die
begreifende Tugend des Generals mit nationalem und, bei einem so
militaristischen Volk wie den Franzosen, menschlichem Beifall zu begrüßen. Mir
fällt diese Begebenheit, die an sich bedeutungslos ist, ein, weil an diesem Abend zum erstenmal die Linden für mich Paris mit dem Duft überzogen, der mir früher
nur der der Heimat allein war, aber der mir von diesem Tage ab hundertmal in
allen Zonen entgegenkam, daß er mir die freundliche Welle des Himmels für alle
Liebenden seither zu sein schien.
Denn wärest du durch die Sonne des Morgens nicht im bronzenen Mondglanz
deines braunen Gesichtes mit Telemarks um die jungen Bäume des
Winterwaldes geschwungen, sondern säßest mit mir im Jasmin eines frühen Sommers oder der Fruchtluft des Herbstes an Flüssen, an Weiden, an Seen, ich
würde dir, zwar ebensowenig vollkommen, aber in anderen Namen und
Nennungen dasselbe gesagt haben.
Denn nicht die Bücher und nicht die Jahreszeiten und nicht die Liebkosungen
machen die Form aus, in der das Glück und die Bereicherung sich begibt,
sondern der Sinn der Liebe ist immer der einzige Führer und der alleinige Grund. Und wenn ich von deinem Lächeln, das, selbst ermüdet, unter dem Kaminfeuer noch lockend zuckt, mit dem Vorbehalt des Liebenden sage, es sei wohl ein
süßes Lachen aber das Lachen eine Frau, so teile ich dich nicht auf in das
Beseligende und das Luder, sondern ich weiß, wie wundervoll der Zauber der
Verbundenheit aus diesen beiden dich gestaltet hat.
Denn du bist ja letzten Endes evahaft aus Lehm und Wollust gemacht und bist
schon jederzeit zum Leben zurückgekehrt, leiblich und frisch, wenn du nur,
etwas schlapp, die langen Beine der Jägerin weit ausstreckst und alles vergißt. Bist du für eine Limousine morgen lieber, oder für Schmuck oder eine Reise
nach Tunis, bleibst du die gleiche. Auch Geist wiegt nicht mehr als Eisen und
Fleisch, man muß es aufs deutlichste sagen, wenn diese Frage gestellt wird.
„Adieu Ihr Freunde, adieu Ihr Bücher“, schrie Petrarka, der gut und in
angefülltem Jahrhundert gelebt hatte, beim Sterben und jammerte zuerst um das
Dasein, das er verlassen mußte und dann erst um den Ruhm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .“
Solchergestalt Mijnheer hätte ich gesprochen, wenn Sie eine Frau wären.
Doch Sie sind ein Mann, aber es gilt dennoch dies Alles auch für Sie!
Mijnheer, man erzählt, daß griechische Helden eine Schar junger Nymphen im
Walde des Kythäron trafen, die sie durch liebliche Bewegungen und alle
Stellungen der Anmut zwangen, sie mit immer heißerem Atem zu verfolgen, bis sie an einer Quelle plötzlich die Mädchen Waffen ergreifen und mit feurigem
Päan schlachtlustig auf sich losstürzen sahen. Sie kämpften den Tag und die
Nacht mit den schönen Amazonen, ohne enttäuscht zu sein, denn, was sie zum
Liebesspiel zu locken schien am Morgen, blieb als streitbare Erregung in ihren
Adern und tobte in der Adligkeit der Kämpfe sich aus, in denen sie statt
Geliebten nur Krieger fanden. Ich hätte Ihnen, Mijnheer, nicht vermocht, heute so zu reden, wenn ich das nicht gelebt hätte vor Jahren, was ich heute sagte. Und
wenn das Fresko von Büchern etwas verwirrt hängen bleibt, inmitten dieser vorn
und hinten abgebogenen Geschichte, so hat es wie der von Löwen gesäugte
attische junge Eros die Fähigkeit, sich nach den beiden Seiten des Geschlechts
zu adressieren.
Denn was daran die Frau über das Leben zu Liebe entflammte, entzündet den
Mann zum Ringkampf mit der Welt. Man denkt oft seinen Kopf zur Ruhe zu legen und steht in Kürze vor dem Streitruf der Amazonen, aber es ist dennoch
fatal, einen holländischen Gentleman zu sehen, wo man mit aller Kraft der
Phantasie eine nördliche Diana zu sehen gezwungen ist.
Ein Mann ist eine triste Sache, wo die Luft noch nach dem Leben einer Frau
riecht. Auch Ihre Ironie vermag mich nicht zu desillusionieren. Ernüchtern ist
ein kalter Witz, den die Leidenschaft verzehnfacht an die Wand spritzt. Ich schwärme nicht für Vergangenes, aber ich habe alles gehabte Dasein im Blut. Mit dem faden Panzer des Lächelns und einer Flasche Cointreau kommt man
nicht über erbitterte Situationen hinweg, sondern man lügt sich nur eine falsche
Maske der Überlegenheit in den Spiegel, statt sich seiner Leidenschaft
hinzugeben.
Das Leben wäre verflucht einfach, wenn wir es nicht mit Stolz am falschen
und Demut am rechten Platz abscheulich komplizierten.
Ich werde eine Stunde auf den Damm hinausgehen und nach dem Mond ausschauen, der irgendwo in dem Schnee stecken geblieben ist.
Die vierte Nacht
Ich will Ihnen von Norland erzählen, Mijnheer, und die Geschichte vom Lachen des Ski. Zu witziges Zeug grimassiert heute schon durch den Morgen. Bereits,
als ich erwachte, glaubte ich das leise Panterrauschen der Sonne zu hören, da
entdeckte ich eine Fledermaus hinter dem Laden und draußen stand der Sturm.
Im Sportraum kam mir der Springer Schneeberger entgegen und hinter ihm saßen auf den breiten Ofengalerien die besten Läufer Deutschlands zwischen den
Aktrizen vom Film. In jedem Sporthotel der Welt siegt der Bedeutendste seiner
Branche, und Thor und Apoll und der junge Alexander treten trotz der
Seltsamkeit ihrer Schönheit zurück hinter Jockey Schmidt in Iffezheim, dem
Boxer Dempsey, dem Tennis-Wilding, dem Ski-Schneider aus St. Anton, der
seine vierzig Meter ebenso toll wie traumwandelnd sicher springt. Nun aber sah ich, daß die robusten Burschen ihre Haare in Netzen trugen, mit welchen
Toilettefirmen ihre Reklamehelden gern in Zeitungsinseraten zeigen. Sie sangen
ein bayrisches Schnadahüpferl mit Einstieg zum Fenster über das Heu, während
man doch hier zum Stall nur durch einen Tunnel unterm Schnee kommt, aber das
brachte mich nicht zum Lachen. Nur wie ich, nunmehr den Schneeberger,
Springer erster Klasse, an dem von Eiszapfen bis zum Boden vergitterten Fenster
die zwei Kufen seiner Springskis mit Skiwachs glätten sah, und sich sein schwarzes Gesicht über dem Katzenkörper verweibt in der beschleiften Haube
bewegte, fiel mir über alles Pêle-Mêle hier Norland ein und das Lachen des Ski.
Es wird keine lange Geschichte, Mijnheer, und sie ist nicht kurzweiliger wie
viele, aber ich muß ausholen dazu, jedoch nicht weiter wie mein Arm breit ist.
Ich bin Liebhaber der Sports wie Sie, nicht nur um des Mutes, der Gefahr und
des Risikos willen, die ich mir dabei beweise, sondern auch um der Pausen willen, in denen im Gegensatz zu „in Form sein“ der Fachausdruck „faul sein“
heißt. Man kann von diesem Beruf aus nämlich, ohne die Hetzjagd der Epoche
mitzumachen, auch wenn man manchmal verdammt gestrafft nach der Leistung
packt, sich nachher ohne Besorgnis die Welt auf den Bauch scheinen lassen, wie
alle Inselmenschen es jahrhundertelang taten und alle rassigen Tiere es lieben.
Aber, hören Sie, Mijnheer, ich bin nicht nur verliebt in die Sports, sondern ich bin passioniert an dem Handwerklichen, das ihre Ausübung bis zur Vollendung
erst ermöglicht. Ich bin nicht nur mit einem rotbraunen Segel an der Savoyer
Küste gefahren, mit einem roten in Bjerred, einem grauen in Brunshaupten, einer
weißen Fregatte in Genf, moosgrün zwischen Marstrand und Göteborg, purpurn
in Südfrankreich und mit milchgelbem Spinnacker vor Tutzing und Schloß Berg
im Gewitter gelegen. Sondern ich wußte auch, daß an dem savoyer Boot die Schwalbensegel kreuzweis den Wind nehmen mußten, daß mein
Ostseeflunderboot keinen Kiel hatte und einen fatalen Fock, daß die Rennjolle
des Starnberger Sees so überfeinert war, daß sie dem Fingerdruck, ja der Idee
schon parierte, während das Boot der Marseiller rund wie ein Walfischrücken
sein vierecktes Segel nicht anders wie eine Harpune gehißt hatte, und daß auf
dem Kahn, mit dem wir durch die Schären nach Christiania zu kommen suchten,
das Schwert nicht marschierte und bei Sturm das Großsegel riß . . . und ich war verliebt in die Fehler, weil ich sie kannte und daher beherrschte.
Aber die Vollkommenheit der Yacht erst, Mijnheer, die Vollkommenheit der
Yacht erst, mit der wir zwischen Schachen und Mersburg an den blühenden
Obstbäumen den Bodensee entlang fuhren, war so erschreckend, daß mich nur
die Grimassen trösteten, mit denen die Schweizerinnen im Badeanzug auf
meiner Luvseite beim Vorüberrauschen die Bewohner der Villen ärgerten und damit jede Sekunde der Blitzfahrt durch ihren Klamauk gefährdeten . . . . Denn
da ich Gefahr plötzlich sah, war ich gespannt auf dem Posten und durch die
Witze über die Unfehlbarkeit des Bootes versöhnt und erheitert.
Mijnheer, nebenbei, die Geschichte der Menschen ist möglich ohne Aeschylos
und Dante, aber ausgeschlossen ohne Segelei. Die Entdeckung der Beziehung
zwischen Leinwand, Wind und Pinne ist die genialste Kombination dieser Erde. Das gesegnete Hirn, das sie warf, besaß die Kühnheit vorher unvorstellbarer
Gedankenflüge. Daß man um Troja kämpfte, ist eine Bagatelle, daß man es
beschrieb, ein Witz. Daß man hinsegeln konnte, war erst die Leistung. Auch
sonst erfand sich ein Messer, ein Mord, ein Dampfer von selber. Beim ersten
Segel müßte die Zeitrechnung unserer Rasse beginnen. Ich liebe inbrünstig das
Segeln, ich beherrsche es besser wie den Ski, aber ich wollte Ihnen von Norland erzählen, ich schweife ab, aber es ist nicht ohne Sinn.
Ich habe in Norland die Vielheit des Schneehandwerkzeugs kennen gelernt,
das deshalb so vielfältig ist, weil man ohne es nicht leben kann in dieser Zone.
Von Finnland bis Lappland geht seit der Urzeit der Verkehr nur auf den Brettern,
gäbe es die nicht, stürbe man dort aus. Der Ski ist ein nationales Instrument, und
wer es nicht von Geburt besitzt, kennt es nicht wie alles Nationale, was man hat
aber nicht lernt. Darum sind diese Hölzer fast von Geschwätzigkeit, weil sie die Gefahr und die Kunst von Jahrhunderten erzählen, bis sie so wurden, wie sie
sind.
Während die Deutschen ohne Tradition dieser Art nur ein paar Sorten Hölzer
besitzen, ist von den blonden Schweden bis zu den fetten Eskimos die Form
verästelt in hunderte von Arten. Ich sah von Upsala bis zu den Lappen breite
Schaufeln wie Lotos, dünne Renner, dreifach über unser Maß gelängte, in der Mitte gekerbte, die aussahen wie Brillen, gewundene wie Schlangen, vorn geplattete oder plötzlich wie Zungen gespitzte, ich sah sie in abenteuerlichen
Formen und sah sie in roher Nüchternheit.
Aber einmal, als ich von dem Zeltdorf der grünlichen Lappen mit einem
Rudel schwarz gekleideter mit grünen Blusen geschmückter Kinder zur Feier der
Heimkehr specktragender Weiber den Hügel herunterlief und abschnallte, sah
ich eine Figur auf den Ski geritzt. Sie stellte einen Lappen dar in unanständiger
Stellung, der sich im Sturz befand und die Skispitze abbrach. Ich amüsierte mich über den Fetisch, aber ich hörte, daß der Besitzer der beste Läufer der Gegend
war, und daß seine Hölzer in Holz und Kufung so vollkommen waren, wie seine
Fähigkeit, sich ihrer zu bedienen. Er hielt es aus irgendeinem Gefühl aber für
nötig, seiner Vollkommenheit seinen Hohn entgegenzusetzen. Man hatte durch
die Jahrhunderte sein einziges Werkzeug bis zur letzten Spitze des Möglichen
getrieben und kann nicht weiter. Da belächelt man sich. Man nannte das Bild „das Lachen des Ski“.
An diesem Sonntag durchschaute ich guter Junge einen Haufen Weltbetrug:
Ich verstand, daß es nie Helden gegeben, und daß, wenn irgendwelche
Irdischen wirklich Kerle waren, die selbst den Himmel zu erschrecken im Stande
schienen, sie dennoch fraßen und stanken und es nicht verbargen, sondern sich
damit preisgaben, um nicht in Würde zu krepieren. Entweder gab es Götter oder es gab Menschen, und alle Halbgötter waren Humbug der Zeit, die sie zu ihrem
Gebrauch fabrizierte. Wer Größe hatte, besaß stets den Mut sich zu verspotten
und erhellte durch das Gelächter seinen Mut.
Selbst der Olymp mit den menschenähnlichen Göttern und das gute Walhall
suchte den Ausgleich und tobte vor Witzen. Kein großer Maler fiel mir ein, der
nicht Karikaturen von sich machte, und Eurypides hat ebenso den Diminutiv von sich geliebt wie Scipio sich verlachte und Bonaparte freudig fauchte, wenn einer
den Spott gegen seine Kriegsführung trieb. Die primitiven Völker entstellten
sogar die Bildwerke ihrer Weiber durch enorme Busen und Schenkel, um sich
mit dieser Verzeichnung ins Über-Üppige den Geschmack an der Wirklichkeit
noch gepfefferter zu machen, und selbst den Kultdramen der Griechen sandte
man, um die Heiligkeit des Pathos auszugleichen, gewisse Zoten hintennach.
Stets befreite sich die bedeutende Person ebenso wie die Vollendung einer Epoche von der Bürde der Größe, indem sie dieselbe ironisierte und ins
Menschliche somit zurückzog.
Nur die fahlen Schatten spanischer Kaiser ersannen den Trick, sich nie
zeigend, in ihrer Würde zu verschwinden und einige Dichter mit vielem Ehrgeiz
und mangelnder Sicherheit zu ihrem Talent machten die Geste ihnen nach, sich
nicht preiszugeben und täuschten durch gesalbte Regie und Prophetentum hinter den Mauern dem Volk eine Bedeutung vor, die sie vor sich selbst nie zu glauben gewagt hätten. Denn sie hätten den Mut sonst gehabt, sich preiszugeben statt
sich zu verstecken.
Wer den Schneeberger wie eine Katze des Gebirgs von der Schanze in die Luft
sausen und nach vorne fallen und nach vierzig Metern mit einer glühenden
Kurve den Boden des Abhangs wieder fassen sah, fand die Geste liebenswürdig,
mit der er sich durch das Kopfnetz verkleinerte, und wer den Lappen schwingen
sah, hatte erst an dem „Lachen des Ski“ den Maßstab, sein Könnertum zu bestaunen. Man gewinnt nur, wenn man riskiert. Und man ist nur schön, wenn
man sich im Häßlichen beweist. „Er verstehts,“ sagen die Liliputaner von den
Cagliostros, die sich mit Würdenebeln vor der Pupille der andern verstecken,
aber sie gröhlen dann mit vor Vergnügen und halten sich den Magen, wenn die
geölten Gauche bald zusammenkrachen. Das Leben ist verdammt grausam und
läßt den Würdling, der ihm ausweicht und sich aufbläst, platzen wie ein Meßschwein. Nichts bleibt verborgen, man kann beruhigt schlafen.
Das Lachen des Ski taucht auf, sowie eine Zeit ihren Zenith erreichte. Sie hat
dann stets für ihre Erhabenheit einen Gettatore mit dem bösen Blick gefunden,
der sie bis zur wollüstigen Komik beschielte. Das Mittelalter war bereits seiner
Sache so sicher, daß es sogar in seinen Domen sich verspottete und in die stolze
Brust dieser heiligen Monumente Wasserspeier voll Sodomie, Klerikerstatuen im Zustand wilder Cochonnerien und die Bilder seiner Baumeister in undezenten
Posen aufnahm, genau wie die ägyptischen Kulturen so mächtig saßen, daß sie
den Künstlern gestatteten, in den Friesen die Herrscher zu verhöhnen.
Die katholische Kirche, die das fundierteste Gebäude auf dieser Erdkugel hat,
ist so dehnbar und leutselig in ihrer Unangreifbarkeit, daß sie das Lächeln des
Spottes mit jener Vorliebe aufnahm, deren Liebenswürdigkeit von vornherein garantierte, daß es die Attacken tötete, indem es sie ohne Abwehr ertrug. Von
den sadistischen schwarzen Messen bis zu Origines, der sich der Sainte Vièrge
zuliebe entmannte und dem spanischen dritten Karl, der keine Geliebte nahm,
um es seinem Beichtvater nicht gestehen zu müssen, infolge seiner Vollblütigkeit
jedoch verrückt ward, ja bis zu den Faschingfesten, die dem Fasten vorausgehen,
und dem Papst, der ein Weib war, begleitet das Lächeln ihren Bau hinauf bis an
die Spitze.
Es begleitete auch, wie ein Zwerg die Fürstinnen, die Gesellschaft. Je höher
ihr Stil, um so klarer das Lächeln. Je verderbter und köstlicher die
gesellschaftlichen Formen, um so vollendeter das Lächeln. Es paßte sich denen
an, die es geleitete, und das Rokoko war schließlich und nicht nur in Mozarts
Musik und Molières Stücken ein ewiges zartes Gelächter über sich selbst. Die
Österreicher allein haben etwas von dieser Grazie der Satire bewahrt, da sie sich niemals ganz für ernst nahmen und genau wußten: daß sie bereits seit zweihundert Jahren tot seien und daß man also nur noch als sympathische Leiche
fast wider Willen und erstaunt über seine eigene Atmung noch lebe.
Die Deutschen verstanden die Satire nie im Sinn des Spiegels, sondern sie
führten sie fast stets als Streitaxt gegen zeitliche Feinde und machten sie zu
Waffen der Politik. Michelangelo hat in einem Sonett angedeutet, der Dichter
dürfe nichts schaffen, was die Zeit vernichten könne und hat gewußt, daß, wenn
die angegriffene Unke geplatzt ist, der Angreifer nur die komische Figur bleibt. Die Deutschen attackierten Zustände, aber trafen die Menschen nicht mit. Im
Mittelalter turnierten sie gegen die Dämonen, als die Blüte dieser Epoche schon
vorbei war, später mit Rosenblüt und Hans Sachs gegen den Klerus. Huttens
Satiren sind Plaidoyers eines Staatsanwaltes, Fischarts Werk ein ungeheuerliches
persönliches Pamphlet. Der„Simplizissimus“ Grimmelshausens ist nur zufällig
satirisch und im „Squenz“ hat Gryphius einen Spott ausgegeben, den er für seine Sachen in gleicher Weise verdient hätte. Das siebzehnte Jahrhundert ist von
Moscherosch bis Reuter pedantisch und ohne Grazie, lediglich der
„Schelmufsky“, der aber nur eine Mode belacht, hat einen zeitlichen Schmiß.
Wieland war ein glatter Bursche und hatte genau den Flair, worauf es ankam und
übte sich trefflich und elegant in der Manier des „Don Quichote“ und der
„Pucelle“, aber vergaß, daß die Grundlagen des deutschen Wesens in gar keiner Verbindung standen mit dem Feenspiegel, den er ihnen vorhielt. Denn es gab
keine Typen, die er hätte zeichnen, keinen Charakter, den er hätte karikieren
können und keine nationalen Zusammenhänge, die sich wieder erkannt hätten.
Er gab wie jene Leute, die mit Visitenkarten seinerzeit herumliefen, auf denen
„Neffe Rossinis“ und „Freund von Liszt“ stand, lediglich eine Kopie der
fremden Satiren und bedachte nicht, daß Freund oder Neffe eines Genius zu sein nicht bedeutet: Genie & Co.
Bei dem witzigen Liscow und dem hellen Lessing ward der Kampf eine
Zweckfrage des Schreibtums und blieb eng im Rahmen der Literatur. Zachariäs
„Renommist“ ist ein Studentenwitz, weiter nichts. Es gelang keinem, über die
Opfer seiner Schüsse hinaus, an menschlichen Zielscheiben die ewig
menschlichen Gebrechen zu belächeln. Sie schossen auf rohe Studenten,
armselige Pastoren und auf die Gans des Aberglaubens, ohne den Ehrgeiz zu haben, erst hinter dieser Jagd den Horizont der irdischen Schwächen und Stärken
liebevoll aufzuziehen. Sie durchbohrten einen Panzer, aber das Herz war ihnen
ein Schmarrn. Die Armen brauchten alle Kraft, um nur die ersten Hiebe zu tun,
denn um ein Zentrum zu treffen, muß eines vorhanden sein. Zeiten ohne Humor
sind miserable Zeiten, nicht weil ihnen das Salz fehlt, denn es können zahlreiche
Witzbolde in ihnen herumrennen, sondern weil sie nicht so üppig sind und so ausgewachsen, um sich mit einer gewissen Wollust in der Ironie zu baden.
Es kommt nämlich auf den Rückschluß an, nicht auf die Betonung. Es kommt
nicht auf die Mäuse an, sondern auf den Speck in der Nähe. Es ist an sich
gleichgültig, ob es Satirisches gibt, aber wo Satirisches funkelt, ist bombensicher
eine vollendete Zeit in der Nähe. So ist der Weg. Jean Paul, der mit seinen scharf
gedachten „Grönländischen Prozessen“ keinen Erfolg fand, der aber ein
Riesenwerk der Satire als Talent zu bauen in der Lage gewesen wäre, beweist,
daß nur Humor, daß nur das persönliche Gelächter über die Welt anzustimmen den Deutschen möglich war. Er konnte nicht die Zeit, ein wenig schief gelegt,
formen, sondern er amüsierte sich auf eigene Faust. Wilibald Alexis bluffte seine
Landsleute, indem er ihnen einen Roman als Übersetzung Scotts vorsetzte, das
war aber nicht Satire der Zeit, sondern ein Witz, den die Zeit ihm erlaubte.
Zweimal nur gelang es vor Heine, einen Zipfel der Epoche lustig und erhaben
zu stehlen aus der Rüstkammer der sortierten aber nie gesammelten deutschen Begriffe, das war in „Minna von Barnhelm“ und in Büchners „Leonce und
Lena“, wo Lessing das preußische, Büchner aber einen Teil jenes romantischen
reellen Weltgefühls der Deutschen (über ihre siebenundachtzig Potentaten
hinweg) menschlich festzuhalten vermochte. Meissonier macht mit Unrecht den
Deutschen den Vorwurf, der Protestantismus habe sie statt zu Überlegenheiten zu
nüchternen Kostspendern wie Kaulbach und Piloty geführt. Der Protestantismus hat ohne Zweifel den Wurzelkeim einer nationalen Kultur zerrissen, wenn er
überhaupt bestand, aber mehr Schuld ist ohne Zweifel, daß die Führer ihre
Deutschen klein gehalten und nur zum Genie der Gesetzparagraphen erzogen
haben. Ihre Freiheitsidee ist von der Schwungkraft eines Karussells, sie saust
nach außen, aber sie baut keinen Staat, ihre politische Einsicht vermag nicht die
Bedürfnisse augenblicklicher Not oder Gewinne zu überspringen, und ihr nationales Bewußtsein ist immer, soweit es öffentlich betont wurde, das von
Generälen oder nationalistischen Gauchos gewesen. Daß Deutschland viele
Hauptstädte hat, büßt es damit, daß es keine geistige Zentrale besitzt. Und daß
dadurch wohl Leben aber kein zentrales Bewußtsein in das Volk drang, zeigt sich
heute, wenn der republikanische Staat in seiner Ausbalanziertheit bereits
wackelt. Undenkbar, daß die Provence, daß Smaland, daß York abfiele von ihren
Mutterstaaten, weil ihnen da in der Leitung etwas nicht passe oder sie eine andere eigene Form der Gouvernements vorzögen. Daß Bayern wie ein Kind
monatlich damit droht, beweist nur deutlich, daß die Deutschen noch nicht
Deutsche sondern eine Zusammenstellung von Charakteren, und daß sie nicht
national, sondern Querköpfe sind.
Heine ist der einzige Künstler, der eben dies und dazu vom Ausland her, wo er
exiliert saß, fast zu einem Weltbild der deutschen Art zusammenzuschließen
vermochte, indem er es mit den Tönen der höchsten Liebe verspottete. Er
verstand es allein, wie Voltaire auch, im obersten Sinne national zu sein, indem
er angriff und spiegelte. Deutschland hat nicht an ihm gelernt, sondern hat ihn
verachtet, und weil Heine wagte, es durch seinen liebenswürdigen Hohn zu
erziehen, hat es ihm ein Denkmal verweigert, das es ihm unweigerlich gesetzt hätte, wäre er in der Lage gewesen, in der militärischen Laufbahn einige Städte
zu zerstören. Die Satire springt aber hier aus dem deutschen Spiegel und setzt
sich mit dem blanken Rückenteil der Epoche mitten in das Gesicht. Sie wird
unfreiwillig. Nicht das Vollendete erfreut sich seiner Karikatur, sondern das
Unharmonische macht sich erbärmlich, indem es die Windmühlen angreift, die
es von einem Feenberg necken. Die Deutschen verachten das Spiegelbild, das, wenn es in seiner satirischen Schiefe recht hätte, nur der Beweis der Höhe ihrer
nationalen Kultur wäre und sie verachten sich damit selbst.
Des Briten Pope „Lockenraub“ und Boileaus „Lutrin“ und des Italieners
Tassoni „Geraubter Eimer“ und Cervantes Bücher sind aber nicht Angriffe gegen
betrunkene Studiker oder eifersüchtige Lords oder ehrgeizige Kleriker oder
fahrende Ritter, sondern sie sind vorzügliche Karikaturen der Menschen in eine unbeschreiblich schöne Spiegelung der Zeit hineingezeichnet, so etwa, als beuge
sich jemand über Wasser und es bliebe, durch eine Welle gestört, das Bild auch
unter dem Zittern mit solcher Klarheit, daß man die Anmut und Grazie auch
durch die Verzerrung zu empfinden verstände.
England und Frankreich entwickelten die literarische Karikatur so, daß sie
Bestandteile des nationalen Lebens wurden und der Schritt vom Sublimen zum Belachbaren nicht ein Vorwurf, sondern ein Vorzug wurde. Molière und
Lafontaine und Boileau waren nicht die Karnickel, sondern die Schoßkinder
ihrer Zeit, die ein Entzücken darin fand, die Feinheit zu studieren, mit der man
die Fehler ihrer Rasse bespottete. Auf dem französischen Theater erzog man den
heroischen Ton so, daß er in seiner höchsten Pathetik bereits wieder die
Untermelodie des Mokanten erreichte, kein Staatsmann, kein Künstler war
zufrieden, wenn ihm nicht sein Erfolg und seine Bedeutung dadurch bezeugt wurde, daß man ihn anmutig verlachte. Fénélon hat den Franzosen seiner Zeit in
seinem „Télémaque“ über die Scherze, die er sich mit ihnen erlaubte, hinaus
sogar ein Idealstaat gezeigt, Le Sage ließ sie durch seinen Teufel einen Blick in
alle Häuser tun, Montesquieu traf mit den reisenden Orientalen, die über
Frankreich zum Orient berichten, den entzückenden Blickwinkel, der alles unter
dem Vergleich mit anderen Weltsitten veränderte,
Voltaire ward der Riese, der ohne Gewalt nur mit dem gierigen Zug seiner Grimasse den Klerus und die auf ihm hockende Masse des Staates zerlächelte,
bis Beaumarchais Gelächter eine Zeit völlig in ihrem Stürzen begleitete, deren
Rekonstruktion als bürgerliche Gesellschaft Anatole France mit einer weisen und
müden Ironie wieder zu Tod zu lächeln beginnt, wo sie schon wieder ein
Jahrhundert alt und schon greisenhaft zu werden anfängt. Man wird Satirisches
in Frankreich nie mißverstehen und nach Möglichkeit nicht verfolgen, das Volk
ist in der Lage, jede Bemerkung auf ihre Ironie und ihr Vorbild hin sofort zu verstehen, es ist tatsächlich so erzogen, daß es fast automatisch beim Heroischen
bereits das Belachbare sieht. Weil sie diese Fähigkeit, im wahren Sinne dem
Leben gegenüber Esprit zu beweisen, bei den Deutschen vermissen, haben
Constant dem Nüchternen und Stendhal dem Verquollenen und nicht
Charakterfesten an ihnen die Schuld für ihre fehlende Kulturbasis gegeben.
Wenn man der Sarah Bernhardt die dürr wie eine Peitsche war, aber sehr fette Finger besaß, den Rat gab, sich zur Bequemlichkeit lieber auf die Hände zu
setzen, so ist das ebenso bezaubernd wie unanständig, lobt und verspottet die
Künstlerin gleichermaßen und wird überall genau so verstanden, wie wenn ihr
großer Komödiendichter sagt: „J’aime mieux un vice commode / Qu’une
fatiguante vertu,“ — — — was nicht ein Paradox sondern ein witzig gebrachter
und verstandener Bestandteil des Volkscharakters ist.
In England folgte das Volk mit fast ehrfürchtiger Scheu den literarischen
Verzierungen, die, aus Gelächter gebogen, an den Bau der Gesellschaft angefügt
wurden. Pope ward zwar wegen einer Pasquille gegen einen Lehrer aus der
Schule geschmissen, vermochte aber ganz Europa mit dem Ruhm seiner
satirischen Schriften so zu erfüllen, daß er sich vom Erlös einer Übersetzung
allein ein Landgut kaufen konnte. Das England um Siebzehnhundert zitterte vor Swift, und die Regierung mußte, weil er dagegen war, achtzigtausend Pfund
Sterling Kupfergeld aus Irland zurückziehen, da, obwohl Newton die Güte
bescheinigte, Swift erklärte, es sei ungut und das Volk ihm glaubte. Auch
Dickens und hundert Jahre nach dem Verfasser des Gulliver hat Thackeray in
„Punch“ und in „Vanity-fair“ seine Gesellschaft in ganz großen Karikaturen
gefangen, die oft fast an die Predigt eines Sardonikers erinnern. Swift aber hat
am tollsten eine Tradition geschaffen, an deren Gültigkeit England glaubt, und hat, wie Demokrit mit dem Maskenbündel, bald dieser bald jener Seite seines
Volkscharakters ein anderes Spiegelbild gezeigt, unerschütterlich in seinem
Angriff und seiner Zusammenfassung der Zeit.
Er konnte seinem Werk sogar den ausgezeichneten Einfall hinzufügen, daß er
sein Leben dem Geist seiner Bücher anglich, indem er als Epileptiker geboren
ward und als Idiot verstarb. Während die Franzosen durch Frivolität weise zu werden suchten, indem sie lachen, haben die Briten eine orthodoxe Miene im Gesicht und haben darum eine unbegrenzte Hochschätzung vor ihren
Karikaturisten, weil sie den Sinn der Moral in ihnen sehen und sie daher
lediglich für eine Sorte von Lachern halten, die ein strengeres Zusammenraffen
des nationalen Geistes in dieser Maskerade verlangen. Beide aber wissen, daß
ihr Zerrbild im Grunde ein Lob ist und letzten Endes eine positive Sache wie
jeder Witz.
Die Deutschen aber haben für die, welche ihre Heimat lieben, den Spruch vom Vogel entdeckt, der sein Nest beschmutze und sich, was ihre Fehler angeht, in
einen abscheulichen „cant“ verkrochen. Sie haben ihn oft den Briten
vorgeworfen, aber diese haben an Selbstkritik stets das Letzte geleistet, wenn sie
auch Heuchler in anderen Dingen sind. Aber die Deutschen haben sich einen
Traum von ihrer Erlesenheit und Vorzüglichkeit angedichtet, dessen
Anzweiflung schon Ausschluß aus der Volksgemeinschaft bedeutet. Kritik aus Liebe zu Deutschland üben heißt Fehme auf sich nehmen.
Das hat diejenigen, welche ihre Heimat und ihre Zeit neuerdings satirisch
spiegeln wollten, durch diese erbiesterte Form der Ablehnung nicht zu Lächlern,
sondern zu Pasquillanten gemacht. Sie haben oft Liebe sagen wollen, aber es ist
ihnen im Mund zu Haß geworden. Es ist der gleiche Liebeshaß, der die
Geschlechter unter Bissen zueinanderwirft, der auch ihre Stellung zur Heimat ausmacht. Die Deutschen wollen nicht erzogen werden, die Dichter aber meinen,
man müsse sie erziehen oder sterben. Die Deutschen wünschen, daß diese
Schreier, die ihnen Fehler zeigen, das Land lieber verlassen. Diese aber meinen,
man müsse diese nationalistischen Schreier erst erschlagen, um an Deutschlands
Herz zu kommen. Was die Franzosen lieben und die Engländer verehren und was
beide zu einem Block nationaler Größe zusammenschließt, erregt in Deutschland den moralischen Bürgerkrieg. Das Volk vermag im Schild dieser Kämpfer nicht
sein Gesicht zu sehen, weil dieses Gesicht in Wirklichkeit nicht besteht, die
modernen Satiriker glauben aber, sie müßten wie Savonarola hetzen, um das
Volk auf seine Fehler zu stoßen.
Sie reden dabei aber eine Sprache, die das Volk nicht versteht, weil es ja auch
seine Fehler nicht sehen kann, da diese Fehler in seinem Gewissen nicht
bestehen. Die Deutschen haben eben keine Gesellschaft, denn besäßen sie diese, hätten sie einen nationalen Ausdruck und seinen Zwillingsbruder, die Satire. Es
wird hier ein furchtbarer Kampf gestritten, da jeder leider vom besten überzeugt
ist und man sich in dieser Überzeugung die Gurgeln abschneidet ohne Resultat.
Nach einer großen Demonstration gegen die Reaktion sah ich in einer Straße
der Altstadt ein neues Spiel, ein Junge hatte den anderen unter sich, schlug ihm
den Kopf auf den Boden und schrie: „Sag, es lebe die Republik!“ Man lehrt es so nicht, indem man dem, der rufen und glauben soll, den Kopf zerhaut. Man müßte eine überzeugendere und überlegenere Art finden, sich mit seiner Meinung
durchzusetzen. Da es ohne Frage ist, daß Satire nötig und daß sie fruchtbar ist,
darf sie sich nicht, wie in Deutschland gemeinhin üblich, vorher selbst
kastrieren. Es wird da leider aus Haß der Zuneigung nicht gespottet, sondern
gehaßt. Es wird nicht angegriffen, sondern es wird vernichtet. Der Delinquent,
den man überzeugen will, wird zuvor in den Bauch getreten, eh’ er Argumente
hört und hat infolgedessen Recht, sich Belehrungen zu verbitten, die Belästigungen sind.
Man rennt wie wild geworden gegen die Zeit los, aber man spießt auch
tatsächlich nur Institutionen auf. Man kommt, während man geistig hinreißend
sein will, in den Ruf, ungebildet und frech zu sein. Leider wird auch gar nicht
versucht, die Menschen durch ihre Zeit zu bespiegeln, sondern sie werden wie
Indianer-Gefangene skalpiert und hingerichtet und zum Schluß verspeist. Das gebildete Publikum hat seinen satirischen Schriftstellern gegenüber die
Einstellung des Mannes, der ausspuckt, oder es hat die Angst, die Andersen hatte
vor Heine, von dem er kindlicherweise annahm, er verschlinge ihn, obwohl es
ein Weltmann war, den er dann traf. Die deutschen Satiriker nutzen im
Augenblick nichts, sondern sie verderben nur, im besten Falle geben sie der
Zukunft ein Material über die Zeit.
Sie sind eben tragischerweise nicht die ungezogenen Kinder der Zeit und der
Nation, sondern sie sind fremde Bastarde. Die Nation erinnert sich keiner
Fehltritte, die Bastarde bestehen darauf, die Nation davon überzeugen zu wollen,
daß sie dennoch die Produkte dieses Fehltritts seien, sowie daß Fehltritte unnötig
seien, wenn die Nation sich rechtmäßig mit einer anständigen kulturellen
Haltung kopuliere. Schmerzlich ist, daß wohl seinerzeit die Kreuzzugprediger von allen begeisterten Völkern trotz ihrer anderen Sprachen verstanden wurden,
daß die Deutschen aber wie Kaffern und Chinesen einander nicht verstehen und
dadurch nur mißtrauischer werden.
Hätte Heinrich Mann die Zartheit Anatole Frances besessen, so hätte er seine
satirischen Bücher statt als Kanonade gegen seine Zeit mit der
Ewigkeitseinstellung des Dichters losgelassen. Er hat, wo er den Bürger
zerknittert, keine Distanz sondern Vergnügen an der Vernichtung. Es wäre darauf angekommen, zu zeigen, daß die „Untertanen“ und „Professor Unrat“ nicht
getötet werden müssen, sondern daß dies der winzige Teil einer menschlichen
Schwäche sei, die amüsant besonders im wilhelminischen Zeitalter blühte. So
wäre zur Objektivität die Heiterkeit gekommen, die Frances Spitzbart umwölkt,
und dazu vor allem die Wirkung. Denn Manns Romane haben die Deutschen
nicht gebessert, sondern ihren Feinden nur das Material zu ihrem schadenfrohen „Kreuziget“ gegeben. Er hat nicht die Einstellung des weisen Mannes gefunden, der das Kleine nicht allzusehr beachtet und das Große auch nicht als Dupe
hinnimmt, sondern vielmehr die die Welt als das Vergängliche, das sie ist, mit
graziöser Skepsis zwischen den gespitzten Fingern aufhebt. Obwohl neben den
Novellen die satirischen Romane seine besten Arbeiten sind, erreichen sie um
dieser Einschränkung willen nur den dokumentarischen, nicht den menschlichen
Wert großer Kunstwerke.
Sternheim hat den Instinkt für Voltaire viel gerissener im Blut und weiß eher, daß nicht die Zerfleischung, sondern die Sammlung der Untugenden in einer
komischen Linse not tut, er hat einige meisterliche Novellen für Deutschland
geschrieben, aber die Maßlosigkeit seiner Ausdrucksweise zerstört das meiste
seiner Wirkung. Er ist wohl der Ansicht, es sei überhaupt nicht für die
Gegenwart sondern für ein Publikum der Zukunft zu schreiben, allein er weiß
nicht, daß das Kolossale einer satirischen Wirkung nicht durch die Unflätigkeit des Ausdrucks, sondern durch die möglichst unbeteiligte Form geschieht, mit der
man seine Nation in den schrägen Winkel gleiten läßt, der das Bild ins Komische
bricht.
Gottfried Benn, der ein ausgezeichneter Dichter ist, hat sich manchmal in
einer Abhandlung über die Zeit dem trockenen Ton der Sachlichkeit genähert,
allein sein „Modernes Ich“ erfordert Voraussetzungen an Gescheitheit, die ein auf Wirkung lüsterner Autor nicht stellen sollte.
Trefflicher verwendet die chronologische Exaktheit in der Zeichnung
Hermann Essig, dessen „Taifun“ das beste satirische Romanbuch in Deutschland
seit langer Zeit ist. Allein seine Welt ist die einer künstlerischen Clique und
weder Herr Herwarth Walden noch sein Kreis, die sich mit der Lanzierung einer
abstrakten Malerei beschäftigen und hier beschrieben sind, rücken so in die Lupe, daß sie einem deutschen Nationalcharakter sich nähern, vielmehr eher
jener siebenten Sippe der ersten Familie der vierten Ordnung Raubtiere, nämlich
den Katzen (Felidae), deren Gehabe gleichfalls von Essig liebevoll und
distanciert betrachtet wird.
Noch skurriler verkümmert in literarischem Gehabe die satirische Bemühung
von Karl Kraus. Seine Stimme erlischt zwar nicht wie die der meisten kritischen
Schreiber, wenn ihr Verleger ihnen das Engagement kündigt und die aufgeblasenen Armseligen einflußlos auf der Straße liegen, denn erstens ist sie
so bissig, daß sie nur unabhängig ertönen kann und zweitens geht sie ohnehin
nicht über die Wiener Vorstädte hinaus. Er gibt seinem Organ daher gern die
Färbung des Teufels, der einhergeht wie ein brüllender Leu, aber es ist aus der
Nähe nicht ein Raubtier sondern ein Verbissener, und aus der Entfernung kein
Bespiegler sondern nur ein lokaler Craqueur. Die Satiriker, die nahe bei Epikur stehen müßten, haben sich Mars zugewandt und tragen keine überlegenen Falten im Gesicht, sondern scharf nach oben gewichste Schnurrbärte. Die Dinge
werden aber nicht mit Geschrei überwunden, sondern mit der Tat oder mit
Achselzucken.
Die literarischen Führer, die in der Regel weder Athleten noch an Wade und
Nerven kriegerische Erscheinungen sind, begehen eine Täuschung, wenn sie sich
wie Feldwebel verpuppen. Um ein Volk in den Fehlern zu karikieren, bedarf es
Liebe und Verständnis für die Schwächen und etwas Gift. Aber man langweilt sich auf die Dauer bei den Trommelwirbeln, die gegen den Bürger schallen, der
überhaupt nicht mehr lebt. An seiner statt hat ein vielfarbenes Zersetzungs- und
Umbildungsvolk sich geschaffen, und das liest Herrn Kraus deshalb nicht, weil
es sich um Literaturgeschrei gar nicht kümmert, und er sich wiederum nicht um
ein Volk zu kümmern vermag, das seine Art nicht nötig hat. Aber man wird zu
jeder Zeit den Swift lesen, weil er ein großartiges, auch giftiges, aber auf den Händen hergetragenes rundes Kugelbild seiner Zeit geben konnte, daß man zum
Lachen und zum Weinen kam, wenn man es besah. Die guten Satiriker sind
natürlich keine Verneiner, sondern mokante Bejaher. Sie stellen sich nur so, als
ob alles nichts sei in ihrer Pupille, sie stellen die Welt in Frage, damit man sie
um so liebevoller bejahe.
Die deutschen und die deutschjüdischen Satiriker haben aber nur den ersten Teil begriffen und sich in das Nein wie ein Hund in den Knochen verbissen.
Albert Ehrenstein hat diese Beschäftigung am weitesten ausgedehnt und sich ein
Leidvermögen an der Unvollkommenheit der Welt antrainiert, daß er an jedem
Portier das erlebt, was Musset und Byron nur in besonderen Melancholien
erreichten. Mit einer ewig wunden Seelennot schreibt er sich aber in ein
heroisches Maß der Verneinung hinein und steilt seine Klage um die Erde zu fast grandioser Monumentalität. Hier aber, wo er umkippen und endlich das Ja
erleben müßte, hütet er sein Leid wie eine Champignonzucht, und statt nun in
angenehmere Partien des Diesseits zu verziehen, wirft er den Trauermarsch
seines Hohen Liedes in das larmoyante Geschrei der jüdischen Klageweiber, die
gegen Bezahlung tagelang den Schmerz zu artikulieren verstehen. Die Balance
ist falsch, das Talent ist nicht als Schleuder, sondern als Kugel verwandt, die
Mauern stehen gar nicht mehr, gegen die sie geschleudert ist. Was will die deutsche Satire der Zeit? Zerstören! Aber es fehlt ihr der Partner, und der
unnötige Lärm und die Besessenheit machen nur die Unbeteiligten unlustig.
Eher vermöchten einige, weil sie von Hans Sachsens trockener Knitzigkeit
herkommen und bei Kortums „Jobsiade“ sich beim Knittelvers aufgehalten
haben, eine Karikatur der geistigen Zeit zu machen. Natürlich gelingt es auch
nicht, weil dieses Zeitbild ja fehlt, aber es wäre immerhin zu konstruieren oder amüsant anzudeuten. Der Versuch eines Unbekannten, Herrn Freeman, ist beträchtlich, obwohl der Autor barbarisch sich nach jedem Satz auf den Magen
klopft. Er macht den Trick, einen Naivling, einen unzivilisierten Bauer auf der
Suche nach einem Weib, Deutschland durchreisen zu lassen. Der agrarische
Parzival, der weder eine Eisenbahn noch ein Parlament ahnt, hat in der Reflexion
eine ähnliche Einstellung wie Montesquieus Orientalen, welche Frankreich
bereisen, aber er hat nicht ihre Vergleichspunkte und damit erlischt die höhere
Gesetzmäßigkeit der Satire.
Bei den Franzosen spiegelte eine Welt die andere, bei Freeman in seinem
„Michel“ grinst nur ein Bauernlachen über ihm vorkommende
Unverständlichkeiten. Die Welt, die Freeman sieht, ist ihm und uns nicht rund,
die Landleute sind aber nicht einfach, sondern schlau. Sein Lächeln ist nicht
überlegen, sondern nur pfiffig. Auch Herr Uzarski, der aus gleicher Richtung
kommt, sendet einen Naivling aus, aber er ist schon fiter und läßt ihn in Spanien reisen, wo immerhin ein Weltbild ihm entgegentritt. Auch in seiner
Hundegeschichte mischt er den derben Ton der knorzigen Fastenredner hinein
und bringt das deutsche Wesen manchmal schon zu Fastnachts-Komik. Allein
bei aller herzbrechenden Drastik ist dies nur ein vereinzelter deutscher Zug, der
dazu noch von den Meistersingern kommt. Hans Sachs aber ist nicht deutsch,
sondern nur ein vergröberter Auswuchs und keineswegs Gesellschaft, es sei denn die der Rüpel.
Dazu kommt Herr Scheerbart, ein Humorist, der neben allem anderen nicht
ohne das Phantastische auskommt. Eine Gesellschaft, die nicht besteht, auch
noch auf der Milchstraße karikieren zu wollen, ist vielleicht ein Zeichen von
Talent (er besitzt es), aber eine unmögliche Satire. Das hätte Cervantes nicht
gewagt. Albert H. Rausch sodann, der nicht den Bürger, sondern den Spießer wie Hoffmann und Paul ärgerlich zeigen wollte, im Zustand wie er sich über
Urningtum entrüstet, ist ein Zärtling, der, sonst ein gepflegter Dichter, hier seiner
Provinzstadt dauernd, statt sie stinken zu lassen, Parfüme über das Dach schüttet.
Er kann es ohne Ästhetisieren nicht lassen und zeigt sich immer wieder selbst,
elegant und heiter, zwischen den Bürgern seinem Publikum auf seinen eigenen
Händen serviert.
Exerziert man Deutschlands Satiriker alle nebeneinander nach Größe und beschaut ihre Einstellungen, haben fast alle gegen Zustände gefochten und nicht
Menschen geschildert. Die stofflichen Anlässe der Herren sind Späteren so
gleichgültig, wie uns die preziösen Salons der Molièrezeit, die
Arrangementgründe der Shakespear’schen Lustspiele, der Kitzel zu „Leonce und
Lena“. Wer hat, Sternheim in manchem ausgenommen, mit lachender Üppigkeit
die Zeit durch die Sanduhr laufen lassen, daß man sagen kann: hier ist Zeit zusammengelächelt und sonst nirgends? Die Antwort ist: nirgends. Bei einem Schüler von Anatole France, einem gewissen Übelhör, war alles da, wenn auch
geschwächt. Allein er hatte, wie Wieland, eine Satire auf die französische
Demokratie geschrieben. Es hätte eine Übersetzung aus dem Französischen sein
können. Es ist die Visitenkarte eines begabten Neffen von Herrn France.
Ein Börsenauftrag, Mijnheer, mit Ausführungsbestätigung dauert von London
nach New-York vier Minuten und kann tatsächlich effektuiert werden, da die
Börse in New-York um zehn beginnt und die Londoner bis vier Uhr handelt und in der Zeitrechnung zehn Uhr morgens etwa drei Uhr zehn britischen
Nachmittags entspricht. Die Zeit ist kurzlebig und schwer zu fassen. Wie faßt
man sie rasch?
In Frankreich begleiten, ob ein Präsident aus dem Wagen gestürzt ist oder eine
Apothekersfrau entdeckt ward, die nackt mit dem Keuschheitsgürtel vom
verreisten Gatten an die Wand geschmiedet ward, in Paris begleiten auf den Boulevards mit Postkarten handelnde Sänger und siebentausend in Café-
Konzerts auftretende Bretzel-Chanteusen diesen Vorfall mit einer Flut von Spott.
Die politischen Ereignisse werden in allen Revuen und Kabaretts glossiert. Die
Erklärungen der Conferenciers in den großen Schaupantomimen, in den
Guignols, in den Kaschemmen, wo Schattenbilder gezeigt werden, stellen den
Kontakt zwischen Tagesereignis und Illustrierung her. So wird das einzelne aufgesogen und bereitet die ungemeine Empfänglichkeit für die daraus addierten
Summen des künstlerisch satirischen Werkes vor. In England verarbeiten es die
viel heftiger als bei uns gelesenen Wochenschriften und Witzblätter und Variétés.
In Deutschland sind erst nach der Revolution einige Kabaretts eingezogen, die
das Tagesereignis glossieren, die Literatur dazu wurde von Herrn Mehring,
Tucholsky, Reimann und Ringelnatz geliefert. Sie nähert sich stark dem politischen Thema und damit jener Schärfe, mit der der deutsche Karikaturist
sich bemüht, seine Sachen seinem Publikum ins Gesicht zu speien, statt sie ihm
gefällig zu servieren. Der Kabarettstil der durchgängigen Nachkriegszeit
beschäftigt sich sonst mehr, soweit er diskutierbar ist, mit den „Faits divers“ der
Skandale der Hauptstadt. Lediglich den Schauspieler Paul Grätz mit einer
fiebrigen, aber gehämmerten Diktion vermochte dieser Stil herauszubringen, von
dem nicht gesagt werden kann, ob er überhaupt Satire ist oder eingeseifte Politik. Von der aber fliehen die Bäuche, die unten Sekt schlemmen, lebhaft lieber zu
Apachenszenen und „Zeig mir mal dein Muttermal.“ Man ist dann unter sich.
Diese Sprache, nicht nur die der Kreuzzüge, ist, nicht ohne Recht, international
verständlich. Es ist eine Sache, es sind Leiber und Frauen, um die es geht, und
nicht Experiment um Geschwätz.
Das ist die Geschichte vom Lachen des Ski, Mijnheer. Ich habe an ihm gelernt, daß es keine Helden gibt, daß aber nur erhaben ist, was sich belachen läßt. Ich bin durch die Karikatur von der Dichtigkeit des Menschen überzeugt
worden, und nicht davon, daß nur, wo kein Spott hinlange, Größe sei. Der
antikisierende Maler Mengs war überzeugt, daß er nach seinen beiden Vornamen
die Eigenschaften des Correggio und des Rafael von Urbino in sich vereinige. Er
war ein Idiot, der, statt seinen preziösen Bürzel ins Wasser zu stecken, ihn wie
eine Trompete in die Luft hob. Er machte sich lächerlich, indem er sich spreizte
mit überlieferter Würde, statt daß er sich durch Witze seine Unbefangenheit von soviel anspruchsvoller Tradition erkauft hätte.
Die Menschen, Mijnheer, haben nie den Instinkt für die Wirkung ihrer Figur
und ihres Esprits. Dieser Berg da oben nördlich heißt Schauinsland, ich finde ihn
köstlich benamst, weil er voll Schneesturm steht wie ein Vulkan. Dieser
Aussichtspunkt westlich heißt Notschrey, ich finde bei diesem Windspektakel
das fast verzweifelt komisch. Dieses Getränk hier, Rotwein und Sekt und Cognac und Himbeer heißt Horbener, weil das der Landstrich Badens ist, wo am
wenigsten wächst. Liegt nicht viel Anmut in diesem Sichverspotten? Man hätte
uns nicht nach den heroischen Idealen erziehen sollen, sondern lehren müssen,
aus dem Frivolen die Menschen sehen, man sähe gemeinhin sicherer und klarer.
Eine Serie Leben müßte man hinter sich haben, als Kammerdiener des
Rubens, als Knabe des Alcibiades, als General des Dschingiskhan, als Matrose des Kolumbus, als Geliebte Homers, um an ihren Schwächen und ihrem
Versagen fast kämpferisch sich den Glauben an ihre Größe zu erwerben. Aus den
Geschichtsbüchern klingt das hohe Pathos des Ruhms allein für den, der
Menschen kennt, leicht nur wie Gedudel aus einer Papiertrompete. Das wirkliche
Ja hat stets sein Lächeln mit sich wie Wotan seine Raben. Einmal hat übrigens
das Lachen des Ski sich umgedreht.
Man hat nämlich, wenn man nicht zünftig die Langriemen beim Skiern trägt,
die man selber knotet, den Fuß in der Huitfeldbindung, das ist eine Klammer
vorn, die mit einem Riemenschluß an den Absatz verbunden wird, oder man
trägt Bilgery, wo dafür eine Rolle mit Stahlfedern tritt. Die Preußen haben diese
beiden im Kriege kombiniert, damit wohl der Fuß vorn fest säße, die Stahlfeder
aber erlaube, in Reih und Glied, nach Kommando und auf dem Ski knieend zu
schießen, laut Reglement. Hier ist das Lachen nicht bei dem Menschen gewesen, sondern wahrlich bei dem Ski.
Hätte der es vermocht, er hätte seiner Heiterkeit Ausfluß gegeben, aber er
hätte nicht seine Vollendung damit bespiegelt, sondern sich über seinen Schützen
gefreut. Der nämlich war, wenn er nicht zwischen dem Schießen und der
Beobachtung des Skis selbst erschossen wurde, das Symbol jener Gattung von
Leuten, die unfreiwillig zum Lachen helfen, fatalerweise für sie.
Uns hier hilft nicht einmal das Schießen. Es schneit. Ob wir belachbar sind mit unseren Dialogen? Niemand ist seiner Wirkung sicher, Mijnheer, auch im
Schlaf nicht. Man kann auf jede Satire eine andere verfassen, die noch
mörderischer ist. Als Racine eine Sache von Port Royal aus drehte, die sich über
den König mokierte, traf ihn ein Blick Ludwig des Vierzehnten, und er starb.
Der König war ein Gettatore. Er hatte ihn tot gelächelt.
Die fünfte Nacht
Ich will Ihnen davon erzählen, wie ich das Steuer meines Lebens in die Hand bekam, Mijnheer, von einem Flugzeug, von Pernambuco und meiner Kindheit.
In unserer Bibliothek hing jeder Erstgeborene der Familie die Bilder dreier
Männer auf, die sein Leben schirmen sollten. Ich hing mit Siebzehn bereits unter
meines Vaters Führer, unter Montaigne, Homer und Bismarck die Bilder des Luftschiffers Blanchard, des Herrn von Lesseps, der den Suezkanal durchstieß,
des Meisters Blériot auf. Ich kam zur Strafe am folgenden Tag zu Tante Evelyn
aufs Land und begann sofort hinter ihrem Rücken einen Gleitapparat zu bauen,
um das hügelige Gelände auszunutzen. Tante Evelyn bemühte sich aber, mir eine
höhere Ansicht beizubringen und nahm mich mit in die Stadt, wo vor einer
glänzenden Gesellschaft ein bärtiger Herr über Ceylon und China Einiges vorlas.
Es waren für deutsche Verhältnisse sehr elegant gemachte Schilderungen
dabei von Pullmans und Chinatowns, aber obwohl er, wenn es spannend ward,
jeweils unverständliche Nutzanwendungen fürs praktische Leben dazu gab, zog
ich das Portefeuille, denn ich dachte, es sei ein Clerk vom Reisebureau, aber
Tante verbot es mir. Ich war gewohnt, die Börse zu ziehen, wenn bei uns Hinrek
Maasen von Sumatra erzählte und am Schluß seinem Affen den Schwanz
hochzog, daß die Weiber quietschten, aber ich ahnte nicht, daß meine Tante mich mit in die Weisheitsschule des Grafen Hermann Keyserling geführt hatte. Ich
sagte ihr, ich hätte Romane von ihm gelesen, aber sie zog auf der Heimfahrt
ihren Tibetpelz vor den schönen Mund, fröstelte in der Mondnacht und meinte,
das sei eine Verwechselung, fast jeder Balte sei ein Keyserling, und der, den ich
meine, sei nur ein Dichter und heiße Eduard.
Ich begriff nicht, warum man nur ein Dichter sei, wenn man glänzende Romane schriebe, aber hingegen gefeiert werde, wenn man unter dem Namen
Hermann den Baedeker in graziöse Philosophie übersetze und dadurch
unverständlich mache, und beschloß, mich mit den Schriften des Grafen
auseinanderzusetzen, nachdem ich meinen Gleitflugapparat mit Leinen aus
Tantes Vorrat bespannt und imprägniert hatte. Ich ersah daraus, daß der Balte
über Reisen gut schreibe, jedoch seine Landschaften mit Philosophie, seine Gelahrtheit aber mit Wasserfarben verdünne. Ich fand, daß er gegen den Krieg
sei, aber heroische Kriegerischkeit lobe, daß er mit dem Sozialismus kokettiere
und ein aristokratisches Standesbewußtsein lehre, daß er schrieb, Deutschlands
Bevölkerung sei erbärmlicher im Kriege gewesen wie die Frankreichs, und
dennoch mit allen abgesetzten Fürsten verhüllte Blicke wechsele, daß er die
Einfachheit des Lebens pries und sich allen Sprossen der Wirtschaftskapitäne als kluger Mentor im Sinne ihrer Weltauffassung empfahl.
„Findest du nicht, Tante Evelyn,“ sagte ich, „daß der Graf nichts anderes ist
wie ein God-Dag-Mann in Kopenhagen, der nach allen Tischen seine
Verbeugung macht?“ „Mein Junge,“ sagte Tante Evelyn, und winkte ihrem
schwarzen Diener, „mein Junge, du bist noch nicht alt genug, um zu wissen, daß
man alles kennen muß, um alles zu vereinen.“ Ich grübelte lange darüber nach
und beschäftigte mich darauf mit der konstruktiven Basis einer Welt-Auffassung, wie der Graf sie besaß. Mich interessierte die Mechanik, auf der so
verschiedenes Zeug beruhen konnte, aber ich fand keinen Punkt und kein System
innerhalb dieser Gedankenmaschine. Da kam mir eine phantastische Idee.
Diese Geschichte, Mijnheer, ist eine sehr abenteuerliche Sache, ich kürze sie
ab, so gut es geht, aber es geht darin herauf und herunter. Am anderen Tag kam
im Flugzeug aus Prag ein berühmter weißbärtiger indischer Dichter in die Weisheitsschule, und hatte der Graf vorher schon den größten Zulauf, so
wanderte nun halb Deutschland hin. Ich halte Tagore heute für einen gut
europäisierten Denker, meine aber, in Indien, mit dem er gar nichts zu tun hat
und wo Literatur seit Jahrtausenden gepflegt wird, dichten die Sackträger so.
Kurz, zumal der Graf aufforderte, nur die besten Deutschen sollten diese
exotische Schau vornehmen, begleitete ich Tante Evelyn lediglich, um den Äroplan des Inders anzusehn.
Ich ging nach dem Hangar und sah nach der Marke: „It is a Farman of
course,“ konstatierte ich zu dem Piloten. „In whose interest do you come here?“
Er antwortete in seinem tschechischen Slang: „C’est une affaire de propagande
pour la maison de Cook.“ Er hielt mich für einen Piloten und grinste mich
verständnisinnig an. Am Abend nahm ich den Schwarzen, den der Graf bei Tante Evelyn untergebracht hatte, mit hinter die Scheune, hielt ihm eine Pistole unter
die Nase und er gestand das gleiche. Ich lachte die halbe Nacht. Am Morgen
hatte ich den Punkt gefunden, von dem aus die Konstruktion so vieler Ansichten
gehalten wurde: Es war einfach Cook.
Cook transportierte die „Blüte der Nation“ zu jener Weisheit, die wiederum
Cook im Interesse seiner Reiserouten selbst kreiert hatte. Zwischen Niederwald
und Bayreuth kam ein neues Denkmal deutschen Geistes zu stehen. Es war eine glänzende Spekulation. Kein Deutscher würde sich die Besichtigung entgehen
lassen. Gemacht! Das Ausland würde sich die Sehenswürdigkeit eines
Aristokraten, von dessen Rasse man annahm, sie speisten belgische
Kinderhände, und der in Philosophie machte, nie verkneifen. Sensationeller als
ein Schlachtfeld! Ich sah mich für meine erste Bewegung nachträglich
gerechtfertigt, ich hatte mit Recht die Börse gezogen, und Hinrek Maasen mit seinem Affen und Sumatra hatte auch recht gehabt.
Ich stürzte den Mittag über den Treibhäusern Tante Evelyns ab und hatte das
Unrecht, mitten in ihnen zu landen. Ich mußte nämlich lachen, als Tante Evelyn
im gleichen Moment den Garten betrat, denn ich dachte an das Amulett an ihrem
Hals. Ich hatte aus den Geständnissen des Niggers entnehmen müssen, daß sein
Zweck war, seine Locken zu opfern für die Andenken, die täglich von dem
denkerischen Vorkämpfer Deutschlands gefordert wurden. Ich dachte daran, fiel,
und meine Rolle war ausgespielt.
„Ich wüßte keinen Balten,“ sagte mein Vater, als ich ihm die Sache mit allen
Umschweifen erzählte und mit meinem Sturz endete, „ich wüßte keinen Balten,
der mich aus dem Gleichgewicht brächte“ und lächelte ein wenig. Dies Lächeln
ging mit mir, als ich am nächsten Tag mit seiner Erlaubnis zu Onkel Gilbert fuhr,
der bei Citroën in Paris an einer Verbesserung des Dieselmotors bastelte. Seine
Motore sollten Schiffe anspringen lassen mit Hochgeschwindigkeit, drehen lassen wie Kreisel, unabhängig machen von Kohle. Es interessierte mich mit
allen Fibern und war mir mehr Glück als die Schule der Weisheit von Cook. Es
interessierte mich sehr, aber es mißlang.
Wir boten die Sache nunmehr auf mein Anraten auch Cook an, und siehe, der
Mißerfolg störte ihn keineswegs. „Kaufen wir,“ sagte er „es ist Sensation.“ Er
bot meinem Onkel dann die Schlußleitung des Baues der elektrischen Schnellbahn an durch Mittelamerika. Wir bauten die Sache fertig, ich
beaufsichtigte sechstausend Chinesen, schoß nachts mit Maschinengewehren
nach Pumas, die wie russische Kavallerie anrückten, ich fuhr mit Gilbert und
dem Präsidenten Huerta im fahnengeschmückten Lokomotivwagen die
Eröffnungsfahrt durch Mexiko.
An der Empfangsstation stand Cook und drückte dem Onkel und mir Scheks in die Hand. „Wie heißen Sie, Sennor?“, rief er hinter dem Onkel her. „Ich habe
Ihnen den besten Motor der Welt verkauft“, sagte Gilbert und steckte die Hände
in die Taschen. Cook lachte über das ganze Gesicht: „Sind Sie Ihr Motor,
Sennor? Name ist kein Geschäft.“ Mijnheer, ich wurde rot vor Wut und wußte
nicht warum. Ich bin von Geschäft zu Geschäft gefahren in der Folge, ich sah,
daß alles käuflich war, daß alles nur Geldwert hatte, Börsentaxe und Preis. Ich
flog zwar mit Ernst von Csala von Berlin bis Neapel, tauchte zweitausend Meter mit dem neuen Motor auf den Meeresgrund, ich liebte mein Dasein zwischen
Eisenkonstrukteuren, Hochstaplern, Erfindern. Geschäft, Geschäft! Ich bekam
Geld und war nicht glücklich. Ich war ein smarter Junge, Mijnheer, und auf
meinen Vorteil aus wie ein Balte, allein mir fehlte etwas und ich wußte nicht
was.
Auf einem Segler hinter Martinique wurde ich krank, der Arzt diagnostizierte gelbes Fieber. Auf der Höhe von Paramaribo hißten wir die gelbe Flagge, kein Hafen gab das Anlegesignal. In Maranhao zog man die Flagge ein, schmuggelte
mich ans Land, ein deutscher Arzt konstatierte die Pest, ich riß aus vor der
Baracke, ein andrer heilte mich, aber ich hatte auch da nicht das, was dieser
bestimmte. Aber ich hatte das Vergnügen, Herrn Kamnitzer zu empfangen, der
von Pernambuco heraufkam, in Firma Reiß Irmãos & Compagnia, ich hatte gute
Beziehungen von Mexiko zur Compagnia, ich hatte ihr manchen Gefallen getan
und sie umwarb mich, ich trat ein.
Ich trat in die erste Firma ein, die Brasilien besitzt. Trat ich in die Loge des
Theaters, sandte der Gouverneur Pernambucos seinen Adjutanten, mich zu
begrüßen, fuhr ich im Segelboot der Firma durch den Hafen, salutierte ein
Kriegsschiff. Doch das Kriegsschiff salutierte nicht mich und nicht Marion, die
Tochter von Reiß Irmãos & Compagnia, obwohl sie schöne Zähne und
entzückende Beine und die Hüften eines Jungen hatte, sondern es salutierte das Geld der Firma. Das ärgerte mich, aber ich verliebte mich in Marion, und nun
stand mir ein Reichtum bevor, wie keinem andern in Brazil, ich würde Land
haben, größer als „The German Empire“.
Ich konnte mich aber nicht gut mit Marion unterhalten, trotz ihrer breiten
Schultern, ihrem schmalen Becken und tiefgrauen Augen, denn sie verstand
nichts von Dingen, die uns angehen, und in ihrem Hirn war nichts als Luft! Ich schenkte ihr also, um sie anzuregen, das einzige Buch, das ich hatte, das Tante
Evelyn mir in diesen Tagen sandte, sie las es aber nicht, sondern schenkte es
einem deutsch redenden Koch, das kränkte mich, denn es war immerhin, wenn
es auch vom Grafen Keyserling war wie alles, was Tante Evelyn sandte, ein
gescheites, und für Marion, die nur auf Pferde dressiert war, ein gut
geschriebenes Buch. Sie war jedoch zu gut gewachsen, um ihr für Fehler ihrer Bildung zürnen zu können, ich überging es. Aber ich ging in die Küche, als ich
dort laut deutsch singen hörte.
Da fand ich den schwarzen Diener meiner Tante, er hatte das Buch des Grafen
auf eine Pfanne über den Herd gelegt, die in der Luft schaukelte, las laut und mit
Tränen die Seiten, und wenn er eine beendet, riß er sie gerührt aus der Bindung
und drehte sie als Pappillote in seine Haare. Er sah mich traurig an, als ich ihn
frug, warum er hier sei, griff an den Kopf und lüftete über einem nackt schillernden Schädel seine wollige Perücke. Seine Natur hatte einen furchtbaren
Streik geführt gegen die übergroße Beanspruchung seines Schädels, trotzdem er
zu einem besonderen Zweck, zur Wiederherstellung der Weisheit in
Deutschland, ihn zur Verfügung gestellt hatte.
Ich gab ihm fünf Dollars und dachte, es sei nicht gut, mit „clever“
geschriebenen Büchern eine faule geistige Bewegung in Deutschland starten zu wollen, denn das Papier und die Schädel gerieten nur tragisch aneinander. Aber ich dachte auch, es sei nicht gut, mit seinem Geist ein Geschäft zu machen, denn
Geschäft sei alles, und darin zu ersticken sei erbärmlicher und langweiliger als
ein Steward oder Chasseur zu sein. Ich dachte aber auch, es sei von Marion nicht
schön, das Buch gar nicht zu lesen, und daß der Nigger sie beschäme, der nur ein
wenig an Europa und nicht an seinem besten, sondern seinem anstößigen Teil
geleckt habe. Während ich das bedachte, in diesen Tagen, wurde der Gesang in
der Küche leiser und schwieg dann, der Schwarze mußte die Lektüre beendet und wohl alle Seiten in die Perücke gerollt haben.
Mijnheer, wie raten Sie, daß diese Geschichte endet? . . . Wie ging dies Stück
Jugend zu Ende? Sehr rasch. Ich ging eines Morgens in diesen Tagen in den
Garten nach Wochen einer säuigen Hitze, in deren Feuchte nachts die Schuhe
vor den Türen schimmelten, ich ging in den Garten. . . da lag das Himmelblau so
geschliffen, so unendlich zwischen den Bäumen ausgespannt, daß mir armem Burschen die Tränen in die Augen schossen. Ich hatte vorher zum ersten Male
ein Gedicht von Nietzsche gelesen und ich hatte plötzlich die Sehnsucht eines
besseren Lebens im Blut.
Ich riß die Nacht noch aus, ich fuhr instinktiv nach Europa zurück. Ich hatte
mein Herz und mein Temperament an die tackenden Rhythmen der Motore
gehängt und nichts erlebt als Geschäft. Ich hatte die öffentlichen Wunder abgegrast und nichts erlebt als Geschäft. Ich hatte mich meiner Zeit in die Arme
geschmissen und sie hatte mir nichts gegeben als Geschäft. Ich pfiff darauf.
Ich ahnte die Anerkennungen, die erst dahinter liegen mußten, ich spürte den
Glanz und den Ruhm einer höheren Bedeutung. Ich bekam Sehnsucht nach
Europa, wo gemalt und geschrieben wird, wo die Frauen die Bücher nicht den
Schwarzen schenken, wo die Vierzehnjährigen nicht die Dreizehnjährigen heiraten, wo die Nigger nicht das Wahlrecht haben und wo man die Mädchen
nicht in Hängematten halb wie Göttinnen und halb wie Schweine züchtet. Ich
wollte eine höhere Anerkennung meiner Leistung als Geld, ich wollte, daß man
meinen Namen behält, ohne Absicht auf Geschäft. Ich hatte die Entdeckung
eines Ruhms der inneren Leistung gemacht, ich fuhr nach der Alten Welt mit
einer Glückseligkeit ohne Maßen.
Ich desertierte wohl, damit Sie mich nicht falsch verstehen, von Reiß Irmãos & Compagnia, um den Ruhm zu finden, aber ich machte deshalb keine
geschäftlichen Dummheiten, sondern blieb smart. Ich machte mich auf, nun
endlich die geheimen Wunder zu suchen, etwas über Blériot hinaus und etwas
glänzender wie die Karikatur des Balten. Ich trennte mich an jenem Tag von
Chamforts Armee der Dummen, die alles Geistige verlacht, aber ich gesellte
mich keineswegs zu den hochmütigen Fratzen, die auf den Motor wie auf eine Ratte herabsehen. Ich war ein Meister der Impertinenz, aber ich habe das Erröten dazugelernt.
Das beste Gesicht der Gegenwart ist der Ausdruck des Mannes, der etwas
nach unten Lauschendes besitzt, weil sein Ohr den Gang des Motors zu
kontrollieren gewohnt ist, dessen Stirn aber mit einem gewissen Respekt vor der
Größe der geistigen Welt über der scharfen Nase nach oben getrieben
emporstrebt.
Man sagt Ja zu der Gegenwart so, ohne sie zu überschätzen. Man nimmt ihre Sensationen, Gottseidank und erheitert, und weiß sich eines ewigen Besitzes
dennoch nicht unteilhaftig.
Dies, glauben Sie, sei natürlich, und ein Narr, wer diese Verbindung nicht
fände? Es hieße, Mijnheer, die Diane de Gabies mit Aphrodite Kallipygos in eine
Figur bringen, das schmächtig Knabenhafte und die wollüstige Fülle verbinden,
es hieße Leben und Arbeit versöhnen, Kampf und Muse in dasselbe Bett zur Zeugung legen und schließlich Kunst und Dasein in eine seltsame Harmonie
wiegen.
Das, Mijnheer, ist fast Übermenschliches schon, und wer es völlig zu lösen
verstände, wäre ein Alchimist oder der Genius. Wer dem Ziel aber nur
nahekommt, hat verfluchtes Glück oder eine gesegnete Masse Blut gelassen.
In der Tat, Mijnheer, ich bin von Reiß Irmãos & Compagnia desertiert, weil ich andere Liquidationen vom Schicksal erwartete als den platten Erfolg oder
das angenehme Leben. Wie aber fand ich das Ideal gehütet jenseits der Scherze,
denen ich in meiner ersten Jugend beiwohnte? Wie fand ich später, als ich
nachdenklich und kritisch wurde, Nation und Leistung und Kultur
zusammengewachsen mit jener geheimnisvollen respektuösen geistigen
Erregung, die jeden bedeutenden Ruhm in ihren Tiefen lange über die Menschheit erzittern läßt?
Ach, Mijnheer, ich fand die Stellen nicht mehr, wo die Traditionen und die
Gegenwart sich zusammenfügten, und ich fand den Hebel noch weniger, mit
dessen Kraft die Gegenwart einen Einzelnen als ihren repäsentativen Träger
heben konnte. Ich fand nur Zauberkünstler und Akrobaten.
Aber ihre Trikots waren so durchsichtig und ihre Kunststücke so erbärmlich,
daß auch das Publikum ihnen bald nur Gelächter schenkte. Ich fand die Aristokraten, die das geistige Leben lange trugen, schmollend beiseite, weil es
ihnen politisch scheinbar kontrekarrierte, ich fand die Bürger das geistige Leben
subventionieren und innerlich verachten und die Arbeiter noch beschäftigt mit
der Befreiung aus der Sklaverei und weit entfernt, aus sich schon jetzt eine
Unterlage von Gesellschaft unter die Gegenwart zu schieben. Ich fand wohl die
irgendwo schwebende Ehrfurcht vor den Taten der Weisheit, aber ich fand nicht die Nation, die ihr schönes Geäste über sich hochtreiben könnte.
Ich muß daran denken, daß ich Anatole France und Herrn von Ghérardine an
einem und demselben Tage einmal traf. Ich sah, wie der greise Romancier die
Grenzen seiner Wirkungsmöglichkeit und die Geringfügigkeit eines wirklichen
Einflusses mit seiner melancholischen Heiterkeit klagte. Und ich hörte, wie mir
Ghérardine, der mit den violetten Farben des Quartier Latin geschmückte König
der Bohème, ein Verse machender verkommener Bürger, Bruder eines Admirals
der französischen Flotte, dem man Absynths bezahlte, mir abends vor einem Café des Boulmich gascognierend rühmte: wie sein Beispiel und seine
Angriffslust seine Bevölkerung beeinflußt habe.
Beide waren im Unrecht, ebenso wie Rousseau, der meinte, die Künstler
verdürben das Volk, und der ihnen damit eine Tätigkeit zubilligte. Kein Dichter
hat einen wahrhaften Einfluß von sich auf die Welt gehabt und keiner hat sie
verändert. Sie vermögen dem Volk und der Zeit und den Sitten nichts anzutun, denn sie sind nur deren Produkt. Rousseau war ein Naturbesessener, weil seine
Zeit auch ohne ihn begonnen hatte, aus den Zwängen und Vergipsungen zu
stürzen und die Freiheit wieder zu suchen. Anatole France hat das Pech, nicht
die Spitze einer erlesenen Epoche zu sein. Aber er ist darum gerade der
Repräsentant seiner Gesellschaft, die er nicht beeinflussen kann, weil sie fertig
ist, und die nicht auf ihn hört, weil sie genau so skeptisch ist wie er. Und er irrt, wenn er annimmt, daß sein Volk eine Anatole Francesche Ironie trage, vielmehr
besitzt sein Werk nichts anderes wie das müde und sich verspottende Lächeln
seines Volkes, in dessen Widerschein allerdings seine bürgerliche und
abgekämpfte Zeit wie in einem eleganten Todesurteil schläft.
Auch Herr von Ghérardine ist nicht ohne Sinn, obwohl er ein platter Narr war,
denn er hatte die Einfalt eines Glaubens, der so widernatürlich dumm war, daß ihn bloß die Idioten besitzen können. In Wahrheit hat nie ein Künstler
eingegriffen mit seinem Werk auf das Gefühl seiner Nation, sondern er ist als
Erfüller ihrer Höhe oder als revolutionärer Bekämpfer stets nur Seismograph
ihrer sichtbaren oder geheimen Veränderung gewesen.
Sprach er die Sprache seiner Zeit, so war er Zeuge ihrer Erlesenheit, rief er
aber zum Kampf auf gegen die Nation, so handelte er auch als ihr Beauftragter,
denn sie hatte dann jeweils Lust, statt der verbrauchten eine andere Form sich zu nehmen.
Für oder gegen die Gesellschaft sein heißt nur ihre momentane Kraft oder
ihren nahenden Zerfall spiegeln. Mehr hat kein Künstler vermocht, aber mancher
wohl gewünscht. Wer daraus schließt, daß erst die Dichter die Revolten ausriefen
und dann die Umstürze erst kämen, der verwechselt ganz an der Oberfläche des
Denkens die Ursachen mit den Wirkungen, indem er nicht einmal bedenkt, daß Gedanken sich rascher formen als die schweren politischen Tatsachen.
Darum sind die krampfhaften Messiasse mit den moralischen Wegweisern am
Hut und den Kommandos zur Läuterung auf der Zungenspitze bedingungslos
verdächtig, weil eine Epoche, wenn sie aus dem Verruchten heraus will, sich des
moralischen Zeichens ihrer Absicht bei den Dichtern mit einer natürlichen
Selbstverständlichkeit und einer organischen Innigkeit der künstlerischen Maße
bedient. Ethik als Dompteurnummer ist eine Erfindung schwacher Dichter und
verwirrter Perioden der Geschichte.
Die eindeutigen Perioden haben sich klarer zu entfalten gewußt:
Karl der Große benutzte Kunst, um eine christliche Politik zu üben, und im
„Rolandslied“ war es immerhin schon so, daß er der beste und seine Feinde die
schlechtesten sind. Aus diesem Säuglingsniveau der Geschichte trat im
Mittelalter die Dichtung als Spiegel neben die Zeit, die Gesellschaft der Höfe ist
ihre Tugend und die Gefühle ihrer Form sind die der Sitten ihrer Nation. Hermann von Thüringen gab Walther von der Vogelweide Aufträge und
Wünsche, und die ganze Veldecke-Epigonenschaft dichtete ihre Literatur um
seinen Hof so, als ob es seine Wünsche wären.
Um die Jahrtausendwende schrieb die Murasaki die vierundfünfzig Kapitel
des lasterhaften Erziehungsromans auf Befehl der Kaiserin am Biwasee, indem
sie das Mondspiel auf den Wellen ansah, und sie gab damit nichts wie die Gewohnheiten ihrer klassisch-japanischen Epoche.
Als die Teppichwirker von Arras und Tournai die Höhepunkte der
Gobelinkunst erreichten, spiegelten sie nur die Kurve ihrer Zeit ebenso wie die
Sorgfalt des burgundischen Philipps, der die Bedeutung dieses Kunstzweigs so
begriff, daß er ihm ein steinernes Magazin bauen ließ und sechs Offiziere
hineinsetzte. Ja er hat die Teppichfolge, die Karl der Siebente zum Andenken an seinen Sieg über die Engländer bei ihm bestellte, nicht nur selbst in den Kartons
kontrolliert, sondern auch selbst die Ideen dazu angegeben. Aber die Tatsache,
daß man überhaupt einen Triumph in dieser Form gestaltete, beweist noch
weiter, wie sehr das eine und das andere sich ergänzten.
Heinrich der Achte von England hat Holbein nach England berufen und seine
Regierung mit dem Beginn der größten Portraitistentradition Europas
geschmückt.
In den Armen Franz des Ersten starb Lionardo, der zärtlichste und
besinnlichste Meister, der sechs Jahre brauchte, wie Herr von Chanteloup
erzählt, um die Haare eines Bildes zu malen, und der König hätte kein edleres
Symbol als diesen finden können für seine Epoche, die sich zu veredeln begann.
Den Goya, der ein Messerheld, ein Bauer war, in Nonnenklöster einstieg und
nach Recht an den Strick gehörte, der sein Leben zeitweise mit der Ausübung des Stierkämpfergewerbes fristete, überhäufte der spanische Hof und seine Aristokratie mit Aufträgen, obwohl der glatte und klassizistische Mengs dort
herrschte, weil man in seiner Wildheit und revolutionären Kühnheit der Farben,
über die von ihm verübten Totschlägereien hinweg, das Barocke und Eigentliche
des spanischen Gesellschaftscharakters und in ihm genauer wie in Mengs’
Amouretten den Bruder des Velasquez erkannte.
In der ägyptischen Kunst hat sich jahrtausendlang die stets gleichbleibende
sakrale Haltung der Führerclique erhalten, und die fast ans Göttliche grenzende Stellung dieser Gesellschaft blieb, nur in Nüancen verändert, der gleichstrebende
Ausdruck ihrer Macht derart, daß, so allgemeingültig wie damals, nach
viereinhalbtausend Jahren auch heute noch die sitzende Figur der Nofrit die
schönste Frau ist, die je diese Erde berührte.
Bei den Indern ist, wenn auch nicht in der hohen Allgemeingültigkeit wie bei
den Nilvölkern, die Trennung der Kasten so scharf durchgeführt und steht derart im Mittelpunkt jeden gesellschaftlichen Bewußtseins, daß alle Kunst irgendwie
den belehrenden Zug bekommen mußte, der die Tugenden und Fehler jeder
Schicht abgrenzt nach oben und unten. Es konnte so das Witzige geschehen, daß
sowohl Karnisuta (in der Sprache, die am üppigsten das Poetische in der Welt
verwaltet), ein wissenschaftliches Lehrbuch für das Diebhandwerk schrieb, und
hingegen die Fürstenerzieher in der Form vollendeter großer Dichter den jungen Königen klar machten, daß sie die Pflicht, den Staat zu lenken, unbedenklich
über die sonst streng für andere von ihnen geforderte Moral stellen dürften.
Und wenn August der Starke dem Grafen Flemming, der ihm seine Orangerie
zum Kauf anbot, schrieb, mit diesem Spielzeug gehe es wie mit Porzellanen,
man wolle alle, wenn man einmal Appetit bekommen, so illustriert das die
Sorgfalt, die er seiner Meißener Manufaktur schenkte, die wiederum nichts anderes war als der graziöse Niederschlag der Sitten seines Hofes und der
Wünsche und Sehnsüchte seiner Umgebung. Und ebenso weiß man, daß
Friedrich der Große die Höhe der Porzellankunst in seiner eigenen königlichen
Manufaktur mit der Liebe bekleidet hat, die ihrer Bedeutung entsprach, daß er
den großen Dessertaufsatz für Katharina von Rußland selbst redigierte und
entwarf und daß dies nicht nur eine Spielerei von ihm war, sondern daß er nur
eine repräsentative Geste machte für jene Parallelität zwischen Gesellschaft und Kunst, die damals bestand.
Den europäischen Zenith hat dieser Ausgleich unter dem vierzehnten Ludwig
erreicht, wo mit einer genialen Methodik Colbert versuchte, auch die Künste in
sein Merkantilsystem einzufügen, das in der Figur des absoluten Königs eine
wunderbare kristallfeste Verdichtung sich erfand. Colbert zentralisierte alles in
den Ruhm seines Königs hinein. Er legte unter dem Polygenie Lebrun, (der die Architektur, die Akademie, die Malerei, das Kunstgewerbe unter sich hatte), auch noch als Konkurrenz zu den Niederlanden eine Fabrik von Wirkteppichen
an und suchte damit wie in Bank-, Forst- und Kriegsgeschäften nicht das
französische Genie, sondern seinen König farbiger zu zeigen. Ludwigs
Haushofmeister sagte Bernini bei dessen Besuch in Paris, Frankreichs
Kunstbudget sei so enorm, daß es jeden originellen Plan auszuführen bereit sei,
um ihn keinem anderen Volk zu gönnen. Die absolute Hofform war entschlossen,
alles Individuelle aufzusaugen, und die Kunst spiegelte diese Gesellschaft wieder in einer so konsequent gegliederten und auf eine imposante Herrlichkeit
bezogenen Form, daß sie das Gepräge der Geschlossenheit mit dem der Anmut
zeigte, welches die Epoche in einem einzigartigen Maße hier besaß.
Die Gegenbewegung kam mit Rousseau, und die Kunst gab sich mit ihrer
wundervollen Dirnenhaftigkeit einer revolutionären Klasse, die allerdings später
auch wieder bürgerlich sich zu beruhigen bestimmt war, bis ihr die neusten revolutionären Spreußen der Bolschewiken in das Antlitz sprangen.
Delacroix in Frankreich und Hogarth in England sind die Beweise, wie die
bürgerlich revolutionären Epochen sich in der Kunst deuten ließen. Holland
wiederum, das bürgerlich früh begonnen hatte, vermochte dem Zauber der
höfisch gerichteten Gesellschaft so wenig zu entgehen, daß nach einigen
Ausschlägen und Angleichungen an die spaßigen Figuren der neuen Schichten und deren Bedürfnis die Kunst am Ende ebenfalls wieder höfisch wurde.
England jedoch hat seine umstürzende Revolution so früh gehabt, daß seine
Kunst sehr bald das bürgerliche Leben in aller Breite umfaßte. Reynolds und
Gainsborough sind die Schilderer einer sehr bewußten bürgerlichen Schicht,
deren Gesundheit und Pompmangel nicht ihre Kraft, da zu sein und zu
herrschen, desavouierte, und die Demokratie Englands ist nicht etwa Zerfall der Einheit zwischen den Musen und den Menschen, sondern erst recht ein
ausgezeichnetes Vereinen. Die ganze große Literatur der Briten von Goldsmith
bis Shaw, von Smollet bis Scott, von Dickens bis Fielding ist ein Bild der
Gesellschaft, die sich bürgerlich und nicht aristokratisch bewegte, und das
machte sie bedeutend und gab ihr die große europäische Resonanz.
Das verlieh ihr mit den Geißlern Hogarth und Swift und den Ironikern
Dickens und Sheridan und den Predigten Thackerays jene Kontrolle, die auch die Gesellschaft an sich selbst dauernd übte, die sich nach oben und nach unten
abgrenzte und durch die strenge Moralinsucht dieser Menschen ihrer Literatur
das ethisch-weltmännische Cachet einer bürgerlich-stolzen Kunst gab. Während
der Franzosen vom Hof her oder von der Aufklärung her im Grunde skeptisch-
frivole Kunst wie alles Französische letzten Endes nicht in der Nabelschau der
Sitten hängen blieb, sondern, künstlerischer gezüchtet, stets ebenso sinnlich wie logisch sich durchdrang.
So prägten in sich gerundete Zeiten ihren Ausdruck und hatten von den
Königen bis zu den Zöllnern und den Abdeckern bis zu den Cromwells sich in
der Kunst ein Karussell geschaffen, das sich um sie drehte, und es wäre die
abscheulichste Gaucherie zu sagen: nicht die Figuren der Rutschbahn drehten
sich um die Epoche, sondern die Zeitläufte liefen hinter ihren Kirmis-Schatten
her. Man käme nicht nur zu falschen, sondern zu idiotischen Schlüssen, etwa wie
jener Engländer, der in Grénoble einem rothaarigen Kellner begegnete und in sein Journal schrieb, die Franzosen stotterten und besäßen ein rotes Fell; oder
wie Petron noch bissiger behauptet, man habe bei der Einnahme Numantias
durch Scipio Mütter mit angefressenen Kindern an der Brust gefunden, und
daraus schloß, es sei die Eigentümlichkeit mancher Völker, ihre Toten zu
verzehren. Er war ein Spaßmacher und wußte wohl, daß die Frauen nur hungrig
waren. Man darf ohne Zweifel auch den tragischsten Appetit mit der Religion nicht verwechseln.
Die Bindung war so innig, daß Wechselbeziehungen zwischen Nation und
Künstlern entstanden, die auf eine durchschnittliche Ehe schließen ließen. Der
Künstler war in seine Gesellschaftsstruktur verwoben wie irgend ein General
und irgend ein Erzieher, und nahm, je klarer die Zeit war, einen um so höheren
Platz ein. Voltaire war der Freund des großen Friedrich und Goya ehrte man mit einem Gehalt von hundertsiebenzehntausend Realen für eine Arbeit und öffnete
ihm alle Salons. Voltaires eigener König aber, um ihn zu ärgern, trug die Kosten
eines Stückes, das er bei dem älteren Crébillon bestellte. Die Maintenon ließ den
zärtlichen Racine biblische Stücke schreiben, von denen Friedrich wieder sagte,
er habe lieber die „Athalie“ geschrieben als seine Kriege gewonnen (aber er
dachte das nicht).
Das künstlerisch-politische Treiben war so verschmolzen, daß die
Korrespondenz von Grimm als Hauptabonnenten nicht nur Friedrich, sondern
auch die russischen, schwedischen und polnischen Höfe als begeisterte
Neugierige umfaßte. Petrarca konnte sich anmaßen, Schiedsrichter im Seekrieg
zwischen Genua und Venedig zu sein und selbst in kirchliche Dinge sich
einzumischen, indem er die Päpste beschwor, Avignon zugunsten von „Roma
urbs“ aufzugeben und tat das gewiß nicht als Vorrecht seines dichterischen Talentes, sondern weil sein Jahrhundert in einem so vollkommenen Literaten
einen vorzüglichen Bürger erblickte.
Die gesamte französische Literatur hatte Gelegenheit, sich an Preisen und
Ehrendotierungen zu letzen, und wenn die Beträge manchmal nicht gewaltig
waren, so war der Ruhm und das Aufsehen, das sie verschafften, nicht gering.
Viktor Maria Hugo, Sohn eines bonapartischen Grafen und zum Offizier bestimmt, erhielt mit fünfzehn Jahren von der Akademie eine ehrenvolle Erwähnung, mit siebzehn drei Preise der Blumenspiele von Toulouse und mit
zwanzig für seine Oden eine Jahrespension von tausend Francs durch den
achtzehnten Ludwig. Der vierzehnte Ludwig hatte den göttlichen Bernini wie
einen König an der Reichsgrenze abholen lassen, ihn mit erdenklichem Pomp
monatelang gefeiert und für sein Portrait ihm seine königliche Freundschaft
neben einer großen Summe und einer erträglichen Pension verehrt.
Dagegen besagt die Legende, daß Cumae dem Homer die Rente verweigert habe, weil sonst alle Blinden sie verlangen würden, nichts anderes, als daß man
einen Bürger nicht von einem anderen des Talentes willen zu unterscheiden
gewillt sei und nicht, daß man ihn nicht gerne auch mit dichterischem Ruhm
bekleidet an die Spitze des Staates stellen würde. Dasselbe haben, aus der
demokratischen Tugend ihres Staatswesens heraus, die Venetianer ohne Zweifel
gedacht, als sie Goldoni, der arm war, die Pension nicht gewährten, weil sie annahmen, er würde, reich, nichts mehr arbeiten.
Sie kannten das menschliche Herz wohl und haben in ebensolcher Klugheit
den Tizian, der nicht nur die fabelhafte Glanzfigur dieses Daseins, sondern auch
der prominenteste. Bürger ihrer Stadt war, unter der Teilnahme des Volkes in
ihrer schönsten Kirche beigesetzt. Die Briten haben das Gleiche veranschaulicht,
als sie Sir Joshua Reynolds, ihren weltmännischsten Maler, unter dem Beifall der Nation in der Paulskirche zu London begruben, und sie taten dies nicht, um die
Kunst zu ehren, sondern um dem Bürger ihren Beifall auszudrücken, der durch
Kunst dem Vaterlande Glanz und Ruhm hinzugefügt hatte.
Sie ehrten alle in diesem Diorama sich selbst und eher den Mann als den
Künstler. Darum wehrten sie den Dichtern auch nicht, die Staatsgeschäfte zu
führen, wenn ihr Geist sie dahin zog, und der Earl Lytton-Bulwer, der mit zweiundzwanzig Jahren den Preis von Cambridge für ein Gedicht erhielt, der mit
Achtundzwanzig Mitglied das Unterhauses wurde, der das glühend-weinerliche
Buch von Pompejis Untergang schrieb, wurde britischer Minister und beigesetzt
in der Westminsterabtei. Die Franzosen zogen ihre hervorragenden Dichter in die
Nähe der Höfe weit über ihren damaligen Stand hinauf, die demokratischen
Briten überließen ihnen, wenn sie nicht Zigeuner waren, im Tauglichkeitsfalle
die Leitung der Geschäfte ihrer Nation. Sie gehörten als Zeitgenossen in die Volksgemeinschaft, lebten, starben mit den andern, wurden wie die übrigen
geehrt und fühlten sich selbstbewußt nicht weniger wie die Offiziere und nicht
weniger borniert wie ihre Bekrittler und sicher ebenso hungrig nach Geld, das
sie speiste, wie jedermann ihrer Zeit.
Ihr höherer Ruhm umglänzte sie über die Zeit hinaus, aber sie gedachten nicht
der Kunst als etwas Absonderlichem allein zu leben, sondern sie trieben ihr Handwerk im Maß ihrer Talente. Die Veronese und Rubens wiederholten sich bis zur Verkitschung nur deshalb sooft, weil sie die Menge der Bestellungen ihrer
Zeitgenossen sonst nicht bewältigt hätten und sie bedurften dieser Aufträge, um
den Aufwand ihres Lebens zu bezahlen. Die Balzac, Thackeray, Scott schrieben
nur deshalb wie die Tollen, damit sie mit den Einkünften ihre wirtschaftlichen
Bankerotte balancieren konnten.
Schottlands bester Lyriker, Robert Burns, ließ seine Gedichte drucken, da er
durch Ausschweifungen pleite war und sich das Geld zur Reise nach Jamaika zu verschaffen suchte. Fielding zeigt ein ähnliches Gesicht und Gainsborough
sprach nicht ohne Lächeln, er wünsche Geige zu spielen und male lediglich, um
sich den Lebensunterhalt für dieses Vergnügen zu verschaffen. Noch Oscar
Wilde floh manchmal aus der Gesellschaft und verschwand, um rasch ein
Kunstwerk mit aller Konzentration zu machen, ebenso wie Tobias George
Smollet, der sich hin und wieder aus den Ausschweifungen des Landlebens und von seinen Gästen zurückzog, um seiner Monatsschrift die Fortsetzung eines
Romanes zu liefern, die ihm die Fortsetzung seines Lebens ermöglichte.
Die kalten Briten haben in ihrer unverfrorenen Form die meiste Freiheit
gehabt anzuzeigen, daß ihnen gute Kunst ein gutes Leben wert sei und daß ihre
Gesellschaft die verdammte Natürlichkeit haben müsse, es ihnen zu liefern. Sie
empfanden sich so sehr und so glatt als Partien einer Gesellschaft, wo jedes Verdienst sich in Geld umsetzte, daß ihnen der üble Ästhetenton gar nicht in den
Sinn kam, mit dem die schwächlichen Künstler jeweils mit häßlichem Pathos
von der Heiligkeit der Kunst predigen gingen, wenn ihnen, falschen Heuchlern,
die Zunge nach Roastbeefs heraushing.
Jede Leistung hat in der menschlichen Struktur ihr Anrecht auf die
entsprechende Vergütung. Walther von der Vogelweide verlangte unzweideutig sein Lehen als Lohn dafür, daß er sich für die Staufer die Kehle ausschrie, und
die Gesellschaft jeder besseren Epoche hat das anerkannt.
Mißfälle beweisen ebensowenig wie das Faillit großer Kaufleute, die nicht
einmal den Ruhm aus dem Zusammenbruch ihrer wirtschaftlichen Existenz
retten konnten. Die Künstler haben zu jeder Zeit aus den Truhen ihrer
Zeitgesponse gesäckelt, was sie scheffeln konnten, und haben versucht, sich das
Leben so prächtig zu machen wie es ging. Und die Bastonade gehört dem, der ihnen einen Vorwurf daraus machen möchte.
Denn daß jemand nur der Kunst leben wolle, wie manchmal heute unsinnig
geschwatzt wird, oder ähnliche Konfusionen auch nur zu denken, ist genau so
verwirrt als wünsche einer nur seinem Bein zu leben oder nur seinem Phallos,
wo er doch in seinem Körper einen Gesamt-Organismus mit guter Speisung so
zu versorgen hat, daß alle Glieder marschieren oder alle verloren sind.
Diese artistischen Kleine-Leute-Einstellungen beweisen höchstens, daß die Ausübenden sehr geringfügige Herrschaften sind, oder daß die Zeiten und ihre
Gesellschaft höllisch sein müssen. Denn daß jemand von ihnen in die Kunst
flüchtet, das heißt im Grunde nichts anderes, als wie sein eigener Schatten von
sich selbst davonlaufen. Die festen Leute haben im Gegenteil jederzeit erreicht,
daß Kunst keinen Heiligenschein aus Papiermaché bekam, vor dem sich nur die
Sonntagsjäger der Nation verneigen würden, sondern daß Kunst ihren
Zeitgenossen soviel wert war an Gold wie die beste Ware, die sie sonst zu verfertigen in der Lage waren, und daß es ihnen auch Glanz gab und jenen
heimlichen Ruhm noch hinzufügte, der keiner geistigen Heldentat zu nehmen ist.
Sie verstanden sich unter ihren Zeitgenossen als Männer der Erde auszuwirken
und dennoch dabei die geheimnisvolle Flagge der Kunst unsichtbar zu entfalten.
Mijnheer, als Heinrich Heine in seinem Gedicht „Deutschland ein
Wintermärchen“ allen Spott der Heimat antat, gelang es ihm nicht, die Tränen einer unerbittlichen Liebe zu ihr zu bemeistern. Mijnheer, derselbe Mond, der
seine heimatliche Landschaft überfunkelte, ist eben aus der gleichen Inbrunst
auch draußen über Ihrem Kopf aufgegangen und die Wolken haben sich so sanft
um ihn entschleiert, als wollten sie seine Seltenheit mit der Behutsamkeit ihrer
Eile begrüßen und die Pause feiern, die die neu formierten Sturmtruppen bald
wieder mit Geknatter zudecken werden. Indem er die Schneewüste sanftblau bis an die Gesichtsgrenze färbt und alle Gegenstände in eine geheimnisvolle
Entferntheit hineinrückt, hat das Gestirn einen Zauber, als trage es in seiner
stillen Heiterkeit über die Unfruchtbarkeit der Jahreszeit das Sinnbild einer
ewigen lichten Bestimmung.
Mijnheer, ich glaube, es war auch derselbe Vollmond der Verheißung, dem ich
von Pernambuco als junger Bursche nach Europa nachgelaufen bin, und die Kurve dieses Glanzes hat mich stets am innigsten an die Heimat gebunden. Ich
habe in Deutschland gesucht, jenes Gefühl Europas zu finden, das mich am
tiefsten anzog, aber der deutsche Mond hat sich mir nur selten entzaubert und ich
mußte in den langen Mondnächten fremder Nationen mir erst die Bestätigung für
meine Sehnsucht holen, die mir die Heimat nicht mit gleicher Deutlichkeit zu
geben vermochte, und die Mondnächte der Fremde waren oft von jener
glühenden Schönheit und Klarheit, die die Leidenschaft begeistert, wenn sie auch nicht die verschleierte Zartheit und die seltene Innigkeit der
unvollkommenen Deutschen besaßen . . . . . . . . . . . . . . .
Ganz unten spiegelten sich zuerst nur religiöse Agenten in der deutschen
Dichtung, dann gab sie den Vorgang einer Belehnung, nachdem die wilden
Dämonen des Heidentums aus ihr ausgetrieben waren, in „Ruodlieb“ kam
Phantastisches der ritterlichen Zeit schon schüchtern auf und „Rother“ schildert Vasallentreue. In „Blanche und Blancheflor“ aber liegt schon wie der Sternhimmel in einem Teich die Gesellschaft des Hofs. Das blieb in immer
heftigerer Pracht über die guten Jahrhunderte des Mittelalters. Österreich wehrte
sich lange ein wenig gegen den neuen Stil, der die Zeit irr ihren Gebräuchen und
in ihrer Seele wiederzugeben bestimmt schien, aber der Vogelweider brachte die
höfische Schärfe zusammen mit den Lilien, Rosmarin und Rosen des Volkslieds,
das damit ausstarb, in eine gelockerte Pracht. Um Hermann von Thüringens Hof
scharte sich der Olymp der Poesie, Walther, die Schüler des Veldecke und Wolfram, der wie Walther nicht zu lesen und schreiben vermochte. Um einen
anderen ritterlichen Mäzen sammelt sich die Nachfolgeschaft Gottfrieds von
Straßburg. Ein Würzburger schreibt nach einer Epoche des Ausgleichs zwischen
den Idealen und den Liebhabereien der Zeit das letzte höfische alemannische
Epos.
Die Kunst geht in die Städte und magert ab über den ganzen Körper. Die Bürgerschaft des Meistersangs hat keine Welt, sondern nur ein Gemäuer um
sich, sie läßt die Sprache nicht blühen, sondern benutzt sie als Turngerät für ihre
spießigen Launen. Es gibt nichts mehr, was gespiegelt werden soll, und es gibt
nichts mehr, was spiegelt. Statt in einen Park, hat man die Kunst in eine
Abdeckerei gefahren und statt als nackte Göttin haben sie als ihr Sinnbild einen
Paragraphen auf den Sockel gesetzt.
Es gibt keine Demokratie in den deutschen Städten wie in England, es hilft
kein breites bürgerliches Selbstbewußtsein sich mit ihr wie Venus mit dem
Spiegel an die Spitze des Ansehens der Erdnationen. Sie ist bestimmt, zwar
große Zeiten zu erfüllen und mit ihrer Schönheit den Glanz einer göttlichen
Epoche darzustellen, aber man hat sie als Magd an die bärtigen Krämer verkauft.
Es gab kein Deutschland, das sie repräsentiert hätte, sondern es gab Kriege und Balgereien, Reformationen und Friedensschlüsse, die alle für andere Rechnung
gingen als für das Nationalgefühl eines gesunden Volkes. Maximilian versuchte
noch einmal ritterliches Denken in ihr zu entfachen, aber er schrie in einen
leeren Wald. Wo keine Ritter standen, konnten keine Schatten ritterlicher
Gefühle fallen. Das war vorbei.
Die Gelehrten bemächtigten sich ihrer und haben bis Lessing furchtbar mit ihr
gehaust. Man kann wie durch das heimliche Glas eines Bienenstockes durch die Literaturen auf die Völker Frankreichs und Englands und ihren Bau und ihre
Geschichte und ihr Schicksal sehen. Durch die dürren Treillagen der deutschen
Poesie sieht man in eine Morgue.
Man sah lediglich auf einige Koterien, die sich seit längerem mit der Literatur
zu beschäftigen gewöhnt hatten zu ihrer eigenen Belustigung und ihrer eigenen
Not, aus einem falschen Ehrgeiz oder einem schmerzlichen Verhängnis heraus, denn im Herzen hätte mancher lieber die Stelle eines Profossen oder eines Hanswursts, die sich besser dotierten, ausgeübt. Man sieht auf eine Pantomime
von Herren, die ihre Glieder und Gedanken im Rhythmus der Sprache bewegen,
aber man sieht kein Volk. Denn weder in den Taten der Bejaher noch in den
Gesten der Verneiner lag etwas von dem Elend oder der Höhe des Volkstums,
sondern, was sie produzierten, waren der Mummenschanz von Carbonaris, und
ihr Geheimbund interessierte sie, aber nicht das Volk.
Waren sie für oder gegen die Gesellschaft, hatten sie das gleiche Unglück, daß keine bestand und daß sie daher eher Kuriositäten als Sinnbildern glichen. In
dieser Verwirrung schienen sie seit langem entschlossen zu sein, Revolutionäre
zum mindesten zu bleiben, soweit sie nicht die nächste Umgebung ihres Hauses
zu besingen sich mühten, und vor lauter Aufruhr kamen sie nie zu einer
gesunden konservativen Art.
In dem Zirkus der Eitelkeiten, in dessen Logen die Nation gar nicht einmal saß, liefen wie junge Engländer des Mittelalters die Männer des Sturms und
Drangs herum, die Schlegels als Prachtstücke der katholischen Propaganda, die
Gottschede frisiert à l’oiseau royal, und selbst die Tiere schienen eine andere
Zone des Klimas als ausgerechnet das deutsche darzustellen. Um was es bei
diesem Getöse ging, war keinesfalls die deutsche Nation, es war die
Beschäftigung einiger Schicksalbestimmter mit einer wichtigen Angelegenheit, um die sich die Nächst-Beteiligten aber gar nicht kümmerten.
Sie hatten keine Gelegenheit dazu, weil es kein nationales Deutschland gab,
sondern einige Dutzend Fürstentümer und daß deren Interesse ihre Landesgrenze
war und nicht die Welt. Das bürgerliche Volk las englische Romane, die
Aufgeklärten wandten sich der französischen Literatur zu, die Masse fand die
Verehrung der Klassiker als Rettung. Die Literatur blieb großenteils Beschäftigung der Künstler und bekämpfte sich durch sie, wie üblich in
Deutschland, bis aufs Blut.
Deshalb waren die deutschen Dichter gezwungen, in kleinen Stellen und auf
armselige Weise ihr Leben zu verbringen, während die Engländer in
Lordkutschen Europa durchreisten und die Franzosen in Paris geschliffen
wurden für eine einzige Geste weltlicher Urbanität. Die Deutschen waren so
zersplittert, daß sie in ihren Poeten nicht die besten Formen ihres Charakters und in ihren Werken nicht die erlesensten Tafeln ihres Ruhmes zu erkennen
vermochten. Es bestand keine Bindung, keine Ehe, ja nicht einmal eine flüchtige
„menage parisien“ zwischen der Gesellschaft und der Kunst, und die Rebellen
wurden beseitigt und nicht geehrt und gefürchtet, und die Starrköpfe wurden wie
das „Junge Deutschland“ gleich einer Savoyardenbande über die Grenzen
gekehrt.
Nur ein Volk, das hoffnungslos einer eigenen würdigen selbstbewußten
Sicherheit und Grazie entbehrt, kann mit dieser Grausamkeit gegen die
verfahren, die seine Lieblingskinder sein müßten. Wohl haben einige Fürsten die
Liebhaberei gehabt, sich nicht nur mit Jagd, sondern auch mit den Musen zu
umgeben, und nach dem großen Friedrich, der allerdings europäisch eingestellt
war, haben einige seiner Nachfolger sich auch für die Bühne interessiert. Allein,
es war nicht das Spiegelbild preußischer Tugend und deutschen Wesens, was sie da suchten, sondern sie haschten nach der Atmosphäre des Theaters und dem
Betrieb seiner unterhaltsamen Luft. Auch in Bayern ward Kunst ein Trumpf,
doch hatte der beste Wittelsbacher die falschen Karten in der Hand und den
Wahnsinn im Hirn, und ihm so wenig wie dem hessischen Brabanter, der
zwischen zwei Generationen sich setzte, gelang es, die Sünde der Jahrhunderte
und das Fehlen des Geistes und eines mächtigen nationalen Ausdrucks durch Schwanengrotten und Jugendstilkolonien zu ersetzen.
Die Deutschen haben ihre Dichter nicht nur nicht geachtet und zur Höhe ihrer
besten Zeiten hingezogen, sie haben sie nicht nur nicht kulminieren lassen wie
die besten Kaufleute ihrer Zeit und haben ihnen nicht nur nicht das Recht
gegeben, sie als Volk zu vertreten, sondern sie haben einen Makel auf diesen
Beruf geworfen, haben ihn von dem Adel her gefürchtet, vom Bürger her verachtet, haben ihm das Brot und die Karriere und die Bewegungsfreiheit
genommen und schließlich ihn behandelt wie jenen Eumolpus, von dem Petron,
der die Dichter lästerte, erzählt, man habe ihn vom Schlemmermahl aus, als er
rezitierte, mit Steinen beworfen, daß er ans Meeresufer flüchten mußte.
Das Bild der letzten Epochen ist nicht das der Gemeinschaft, sondern das
eines Schachspiels. Die Epoche vor dem Krieg hat mit Regimentsmusiken Treibjagden veranstaltet auf die Künste, die Verwaltungen haben sie
ausgestoßen, der Betreiber eines literarischen Handwerks vermochte die
Bestätigung des Reserveoffiziers nur mit Mühe und bei guten
Wirtschaftsverhältnissen zu erreichen, die Staatsanwälte witterten
Staatsfeindliches und das ins Verdienen gekommene Volk hielt die Musen nicht
für Spielerei mehr, sondern sogar bereits für einen Luxus, den es sich kaufen
könne.
Man hatte sie auch früher gekauft, aber man hatte auch alle Vorbedingungen
für die Musen selber geschaffen und gezeugt und bewies sich durch ihre
Förderung nur seinen eigenen geläuterten Geschmack und vielleicht seine Größe
damit.
Diese neuen Leute von gestern und heute aber waren Barbaren, die nichts
geschaffen und nichts gebaut hatten, sondern nur Geld verdient hatten und glaubten, damit alles zu können. Gold wiegt wohl den Geist auf, aber nur, wenn beide von der gleichen Substanz sind und für die Bilder Paläste und für die
Prediger die Dome und für die Dichter die Weltgefühle der Gesellschaft da sind,
die einander wert sind.
Dann ist alles käuflich und dann ist Kauf der einzige Maßstab, denn der Ruhm
hißt sich von selber an die Spitze der Zeit, und im irdischen Dasein hat die
Gesellschaft sich dann klar gezeigt, was sie untereinander schätzt. Auch ich bin
käuflich, sagte Maria Theresia, aber es kostet ein Land.
Diese Crapule aber, die nach einer irr flimmernden und sich des
Zusammenhangs nicht mehr bewußten Kunst die Hände ausstreckte, griff nicht
nach oben und lobte sich mit dieser Bewegung, sondern sie faßte nach unten und
kaufte den Geist wie ein Badezimmer. Sie bewiesen damit, daß sie die Kunst
nicht ablehnten, was ehrlich, und nicht liebten, was zuviel verlangt wäre,
sondern daß sie sie nicht nötig hätten.
In dieser Haltung, ergrimmt, feindlich auf den seitherigen Zustand, nicht auf
das Volk, sondern auf die Verhältnisse, trat die Literatur in die Republik.
Man kann, auch in der Literatur, nicht dauernd seinen neunten November
machen, und es wäre an der Zeit, sich nun endlich zu konsolidieren. In der
Republik wächst nun eine neue Gesellschaft, die Übergänge sind zwar
abscheulich, aber sie sind interessant wie die Zeiten des Balzac. Und Sprache und Literatur sind bereit, nach soviel Revolten, einige Jahrhunderte nach der
britischen und ein Jahrhundert nach der französischen Umwälzung, ein breiter
Spiegel der Kämpfe zu werden, in denen eine republikanische Volksschicht sich
formt. Die Literatur hat der Republik Zuneigung bewiesen und die Republik
wäre in der Lage, sich zu revanchieren. Konsolidiert sich Deutschland jetzt, ist
es an zwölfter Stunde.
Frankreich hat sich im letzten Jahrhundert fit und glatt gemacht, hat in
denselben oder in neuen Salons noch den alten Königen gehuldigt, Mirabeau und
George Sand zusammen gesehen, hat in den zwanziger Jahren für Theater darin
geschwärmt, unter dem Bürgerkönig für die Romanze, unter dem zweiten
Kaiserreich für die Chansonette, unter der Republik für den Monolog. Gambetta
erhielt durch die Herzogin von Beaumont rasch die Formen eines alten Viveurs
und in den Salons dieser Form fand sich die Gesellschaft mit ihren neuen Führern und ihren neuen Ideen rasch zusammen. Die Akademie und das
Panthéon säumten von jeher als nationale Monumente die Verdienste und den
Weg der Kunst, und jedes Gouvernement hat mit Eifer die Pflege des Geistes
von dem vorherigen übernommen und die Waffe, die es für die Nation hier
führte, zu schätzen gewußt, wenn auch die Simplen manchmal und nicht die
Heroen den Kranz zuweilen erhielten.
Die Siegesallee der deutschen Kunst ist aber nicht wie die der Hohenzollern mit Denkmalen und Ehrenzeichen gepflastert und die Republik hätte gut getan,
ein deutsches Panthéon zu gründen, in dessen Raum sich der Staat und die
Künste unter der Decke einer neuen Gesellschaft und einer breiten Demokratie
gefunden hätten.
Mijnheer, die Deutschen waren immer klug, wenn sie sich priesen, und nicht
ohne Geist, wenn sie sinnierend ihren Nabel besahen, und große Exploiteure,
wenn sie ins Reich der Sterne sich begaben, aber sie haben für ihre nächsten Aufgaben nie den Sinn eines Rayonchefs gehabt. Sie haben diese Gelegenheit
vorbeigehen lassen, haben sich in Parteien zerfleischt, in Doktrinen wie in
Wilderernetzen gefangen und haben die Gesellschaft sich selbst überlassen und
damit von dem Staat gestoßen und haben die Kunst wieder den Literaten
übergeben, die sich weiter damit befehden wie seither. Die Republik hat in der
Gestalt des Professor Brunner sogar noch die heilige Inquisition auf die Musen losgelassen, und die Jagd nach den Nuditäten und die Verfolgung der Freiheit
und die Haarspaltereien über Sinn und Wesen der Kunst vor den Schöffen der
Gerichte, die nichts davon verstehen, hat von neuem begonnen.
Die Dichter haben sich ihrerseits in keiner Weise über der Verantwortung der
Situation bewegt. Sie haben sich selbst zerrissen, ihre Aufgabe nicht erkannt und
sind einem Ton und einer Injurie der gegenseitigen Behandlung verfallen, der dem einzelnen den Kredit, der Masse aber die Ehre nimmt. Man hat verlernt, im
wichtigen Augenblick eine Aufgabe zu sehen, sondern man sieht sich nur noch
unter dem Gesichtspunkt der politischen Parteien, und Kunst ist nicht mehr eine
Devise, sondern ein Austragsfeld von Krakehlen, die nie in ihren Bereich
gehörten.
Es heißt, daß früher die Marquise von Châlet so sehr von der Schönheit und Würde der Poesie überzeugt war, daß sie sich nur von Dichtern und Gelehrten
küssen ließ. Man müßte heute in Deutschland Dichter, um sie vor der seltsamen
Zuneigung ihrer Zeitgenossen zu schützen, mit dem Schilde: „Défense d’uriner“
versehen, mit dem die Franzosen die Standbilder ihrer Generäle und ihre
Parlamente vor der Gunstbezeigung der erbärmlichsten Meuten bewahren.
Es hat ihnen jederzeit an Führern gefehlt, die die Gegenwart gliederten und
die Furchen zwischen Kunst und Volk richtig zogen. Über Literatur schrieb seit Lessing und außer Herder nur noch Heine und den Instinkt besaß lediglich für
sie noch Blei. Lessing schrieb kühl, vornehm, deutlich und tödlich, Heine voll
bunter Spielerei. Man hat auch damals Kämpfe geführt, Schiller nannte die
Schlegel Laffen, Tieck nannte Schiller einen spanischen Seneca und haßte
Kleist, weil der seiner Katze eingemachte Ananas zu fressen gab, Goethe schrieb
gegen die Schlegel, die ihn durch ihr Zelebrieren „gemacht“ hatten, einen undankbaren protestantischen Aufsatz. Brentano suchte die Tieckschen Weiber mit Sentiments zu girren, Racine hat Molière begaunert und Verlaine auf
Rimbaud geschossen, Börne hat Heine angegegriffen und Heine hat dem Platen,
dessen geschwollenem Hochmut alle Dichter auf der Parnaßreise im Weg waren,
unvergeßlich bittere Streiche versetzt. Aber man stritt und verwüstete sich nicht,
die Literatur bekam nicht täglich wie ein Weib „fureurs hysteriques“, sondern sie
erkannte mit einer gewissen Grandezza die Könner an.
Es fehlte uns ein Brunetière, es fehlte ein Sainte-Beuve, die wohl manche Dummheiten besaßen, aber Pupille und Augenmaß hatten und ihre Literatur wie
Chirurgen zerschnitten und nicht vergaßen, sie zusammenzunähen und klarer
nach Hause zu senden. Die Gelehrten, die sie bei uns behandelten, haben ein
seltsames Spiel mit ihr getrieben. Sie hatten keine Maßstäbe, durch die sie die
Ideen an den Literaturen und die Jahrhunderte an ihren Künsten heraufbegleiten
konnten in die Gegenwart, aber sie verstanden auch ihre Zeit nicht und dazu fehlte ihnen noch der dichterische Atem und der Sinn für Sprache. Sie saßen wie
die arm- und beinlosen Bettler unter Diderots Denkmal in der Rue de Rennes
und spielten auf einem Leierkasten dem Volk verständliche, aber zwecklose
Tiraden über die Werke und den Dichter, den in Figur zu sehen dem Volk viel
leichter fiel.
Es blieb den Deutschen sogar vorbehalten, von Herrn Bartels eine Literaturgeschichte zu erhalten, die Kunst nach Juden und Gojims schied. Der
Standpunkt ist dumm, aber ist sauber. Der Verfasser zeigt seine Visitenkarte und
lügt nicht. Man muß bei den erbärmlichsten Troubadouren heute schon die
Tatsache des Charakters als eine der liebenswürdigsten Überraschungen buchen.
Auch ist der Tanz nicht unamüsant, den er mit seinem Judensprung vornimmt,
zumal schon Atta Troll den Kindern des Alten Testamentes verbot, auf den Märkten öffentlich zu tanzen, da ihnen der Sinn für die Plastik völlig fehle. Man
hätte nicht gedacht, bei aller Liebe zu den Judäern und aller Hochachtung vor
der großen vermittelnden Rolle, die sie in unserer Zeit spielen, daß fast die ganze
Dichtung eines Tags aus ihnen bestehen würde.
Aber nicht genug damit hat der übereifrige Kompilator und Barde sich noch
einige Germanen zu Mosaischen hinzugedichtet, wobei seinem Furor, der Juden
schon in jedem Schreiber sieht, das scherzhafte Unglück zustieß, daß er das Pseudonym eines gewissen ironischen Philosophen Friedländer „Mynona“ für
eine schwarze Jüdin ansah und unter Gebrüll verstieß. Die Haltung dieses
Beurteilers der Künste ist eindeutig und wie die eines Stiers, der ein Herrenessen
nach seinem Geschmack durchwühlt und nichts anderes anrichtet wie ein
seltsam tierisches boeuf à la mode.
Zweideutiger ist der Gang, mit dem Herr Professor von der Leyen, Dozent der Kölner Universität, sich der Gegenwart nähert, denn er galt einige Zeit als Liebhaber und Kenner der neuen Literaturen und versteckt auch jetzt noch die
kriegerische und militärpolitische Absicht, mit der er nach alten Schlagwörtern
und den Gewohnheiten der ideenlosesten Pfaffen sein Thema aufteilte, geschickt
hinter einem männlichen und neugierigen Gegacker, wodurch er das Publikum
anlockt. Jedoch, wenn er genug Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat, mit den
langen Beinen und dem kleinen Kopf des Vogels Strauß und starkem
Flügelschlagen auf sein Thema zugeeilt ist, vertauscht er die Fronten, steckt, statt zu reden, den Kopf in den Sand und den Rumpf in die Luft. Am Rumpf
dieses Vogels befinden sich die schönsten Federn, und es mag seine Absicht
sein, die Tiere zu täuschen und zu hoffen, daß sie diesen Teil statt dem mageren
Schopf für seinen Kopf halten.
Die Menschen sind jedoch bereits zu scharf gebildet, als daß sie auf die
liebenswürdigen Blaguen der Tierwelt sich verirrten und wissen auch bei auffallenden Ähnlichkeiten zu unterscheiden, wo die Ansichten sitzen und wo
die Federn, wo die Schädel und wo die Steiße, und die guten Kritiker haben nie
verfehlt die Köpfe abzuschlagen, um zu beweisen, daß sie hohl sind. Mijnheer,
ich habe in dem Buche dieses Professors eine Fälschung gefunden, die vor
Jahren von einem gewissen kleinen Claqueur ausging, indem er eine Stelle aus
einem Buch und dem Zusammenhang nahm und sie einem anderen, nämlich mir selbst, zwischen die Lippen legte. Es handelt sich darum, daß, um in einer
Erzählung des Buches „Frauen“ ein rasches und rühmliches Ende des Krieges zu
erreichen, aus dem Umkreis eines Spionagezentrums aller Nationen einige
Menschen sich entfernen müssen, um ohne Kontrolle ihre Nachrichten
auszutauschen, und daß ein anderer, um die Aufmerksamkeit der internationalen
Bande, abzulenken und um ihren Geisteszustand zu charakterisieren, in frivoler Weise über Frauen redet. Ich finde diesen letzten Teil ohne Zusammenhang mit
der Erzählung, ich finde ihn ohne Hinweis auf das Buch, ohne Bemerkung, daß
das die Worte eines anderen und nicht die meinen sind, ich finde diese
grauenhafte Fälschung als meine Ansicht, meinen Ausspruch als Zeichen meiner
vaterländischen und moralischen Überzeugung abgedruckt in dem Buch des
Dozenten. Sie sagen das Rechte: Es hat keinen Sinn, sich mit der Meute zu
beschäftigen und für Unbegabung ist niemand verantwortlich zu machen außer vor der Vorsehung.
Schon Heine hat Lessing vorgeworfen, daß er aus Lust an der Aufgabe, die
deutsche Literatur zu säubern, die armseligsten Rosinanten erschlagen und den
Namen manches Pasquillanten der Unsterblichkeit überliefert habe. Es ist ein
Fehler, die kleinen Feinde zu züchtigen, weil man nicht sich, sondern sie allein
ehrt. Es gibt auch andrerseits wieder schwerlich Ergötzlicheres, als die Vernichtungen zu lesen, die Bürschchen an einem vornehmen, die ihren wankenden Hosenboden mit jener Kühnheit zu tragen suchen, die sie einem im
Gesicht abgelauscht haben und die das Schreiben, mit dem sie uns verpfeffern,
bei einem von A bis Z gelernt haben. Die Nützlichkeit der Nachahmer hat bereits
Constable erkannt, da, wie er meinte, sie zeigten, was man vermeiden wolle. Er
ahnte nicht, daß die Nachahmer in dieser von Wolfshaß zerfleischten Zeit bereits
zu den Gegnern übergingen, um scheinbar als Entschuldigung für ihren
Diebstahl sich die Überzeugung beizubringen, es sei gar keiner, und was sie gegen einen unternähmen, sei eigene Erfindung.
Ein neues Settlement der Literatur hat sich hier aufgetan, und die geraubten
Formen des Ausdrucks werden als allerdings blecherne Streitäxte geschwungen:
„Ce ne sont pas les pots, ce n’est pas la fayence. /// C’est ce qu’on met dedans
qui fait la différence,“ schrieb ein Plauderer der „Gazette du bon ton“, nachdem
er eine Stunde lang über die Plissées der neusten Damenhosen gesprochen. Es hat keinen Sinn, sich zu entsetzen und es bleibt unsere schönste Freiheit, über
das Miserabelste auch noch zu lachen. Aber ich muß, wenn selbst die
Professoren der Genauigkeit in das Lager der politischen Parteiungen
hinuntersteigen und nicht nach der Größe der Dichter, sondern nach der
Zweckmäßigkeit, sie politisch zu kompromittieren, urteilen, ich muß Mijnheer,
an Pernambuco denken.
Ich muß an die Revolten von Pernambuco denken und an den Streik der
Chauffeure, deren Fahrtverweigerung die Stadt in einer halben Stunde in ein
Feldlager verwandelte, und mir fällt ein die Geschichte des Redakteurs Petronio,
der einen unwahren Artikel gegen die Regierung geschrieben hatte. Ich muß
erzählen, mit welcher Grazie und welcher Promptheit man für die Wahrheit
eintritt unter den nicht so kultivierten Nationen, und wie der Gouverneur den Redakteur zu sich in die Wohnung bat und wie er ihn empfing, den Revolver in
der Hand und ein Glas Wasser auf dem Tisch.
Man sprach nicht viel, der Gouverneur hielt lediglich die Pistole nach der
anderen Seite und sagte, ob jener zugebe, daß die Tatsachen, die er geschildert,
unwahr seien, und der Angeklagte nickte. Mit einem Zeichen übergab der
Gouverneur ihm die Zeitung und ließ sie ihn verspeisen, indem er ihm nicht
verweigerte, sich des Wassers zu bedienen. Sie schieden mit einem Handdruck, man war in kurzer Weise über eine schmerzliche Angelegenheit
hinweggekommen und hatte vor Wiederholungen ein deutliches Schloß gelegt.
Ich bin zu wenig Illusionist, aber noch weniger genügend skeptisch, um dieses
Beispiel für Deutschland empfehlen zu wollen, und ich gestehe auch, daß ich,
wenn die „Chevaliers du lustre“ mit ihren bezahlten Händen von der Galerie
ihren Beifall toben, denselben fatalen Klang im Ohr habe, als wenn die Liliputaner giftig flüstern und die Marodeure gegen die Dichter anbrüllen. Aber ich habe die Hoffnung noch nicht verloren, daß Deutschland dennoch einmal
einem Beurteiler, der sein Volk aus Liebe tadelte, der nicht in die Hörner der
Vorurteile blies, der von nichts bewegt als der Leidenschaft zur Gerechtigkeit
lebte, der mit einem Stil, unerbittlich wie Granit und schwungvoll wie eine
Geige, sein Zeitalter geschildert hat, daß irgendeinem Mann dieser Art die
deutsche Heimat einmal auf den Grabstein schreiben kann: „simplicis veritatis
amantissimus“.
Der Mann, der seit Heine am meisten von Literatur verstand, ist Franz Blei,
von dem man mehr Anekdotisches erzählte als von ihm las. Er hatte unter
anderem die Ehre einen der drei Preise zu verteilen, mit denen Deutschland seine
Dichter ehrt und die, außer dem Schillerpreis, von privaten Stiftungen herrühren.
Diese Summen sind bedeutungslos, aber schlimmer ist: die Preise sind sinnlos,
weil nicht, wie in anderen Ländern und wie es sein müßte, die ganze Nation atemlos darauf den Blick richtete, sondern daß die Nation sich den Teufel um die
Preise kehrte, kaum einer der Literaten wußte, wer sie bekam, und das Volk den
Sieg Breidensträters in einem Boxkampf, oder Froitzheims in einem
Tennismatch oder der Firma Wanderer oder des Hengstes Ordensjäger in
Rüsselsheim oder Iffezheim mit tausendfach größerem Interesse verfolgt.
Die Republik hat den Dichtern in der Verfassung gute Worte gegeben, aber sie hat ihr Ansehen nicht erhöht, und wenn einige von ihnen, wie die Herren
Rauscher und Köster, in die Stellungen von Gesandten und Ministern gelangt
sind, so war das nicht, weil das Volk sich in ihnen ehrte, sondern weil die
Maschinerie der Partei sie an die Posten trieb. Die Verteilung der Preise hätte
lediglich unter diesen Umständen Sinn, wenn man, wie die Tschechen, Bulgaren,
Rumänen sogar tun, Millionen für sie auswürfe und sich das Gold als solches rentiere.
Die Ehrung wird aber eine Farce, wenn nicht ein materieller Gewinn, sondern
nichts als die Afferei eines Kartenspiels unter Literaten dahinter steckt und die
Öffentlichkeit währenddem aus dem Fenster nach einer anderen Sache schaut.
Die Inthronisierung der Gekrönten ist jeweils ohne weitere Aufmerksamkeit vor
sich gegangen und es hieße sich selbst langweilen, wolle man die falschen und
die rechten Ernennungen untersuchen. Ich glaube, daß Blei sich jeweils mit mehr Sinn für die Kuriositäten als für die zeitwichtigen Erscheinungen entschieden
hat.
Er ist ein geschmackvoller, aber der Stetigkeit seines Geschmackes nicht
sicherer Mann. Die Lessing und Heine wußten mit gewaltigem Instinkt, sei der
Gegenstand nüchtern, sei er barock, nicht nur die Werte zu erwittern, sondern sie
auch da anzuordnen, wo sie nötig waren und wo sie unsere zerfahrene Situation verbessern konnten. Sie wußten um den Mangel der Gesellschaft und um die Unfähigkeit der Dichter, nach einer nationalen Haltung hin sich durchzuarbeiten
und waren immer im Vordergrund bestrebt, die Möglichkeiten der beiden
einander zu nähern.
Sie waren sich des Sinns und der Mission des Deutschen bewußt, ahnten, wo
das Rechte stäke, irrten manchmal gewaltig, aber behielten den Sinn des
Ausgleichs zwischen Kultur und Nation unentwegt bei jedem Satz im Hirn.
Blei hat das wie alles ebenfalls gewittert, aber er hat keine Folgerung daraus gezogen, sondern hat lediglich spielerische Anmerkungen darum gemacht. Ihm
genügte, die Marginalien zu einem Thema zu ziehen, das die gesamte
rücksichtslose Wucht eines Mannes vorausgesetzt hätte, um es klar zu machen.
Blei ist ein großer Kenner der Literatur der letzten Jahrhunderte gewesen und ein
ausgezeichneter „Riecher“ der zeitgenössischen, aber kein Beurteiler. Er ist einer
der größten Talententdecker, einer der gebildetsten Literaten, die Deutschland sah, eine Wünschelrute der Verleger, ein Cagliostro der Begabungen, ein wahrer
großer „homme de lettres“, verliebt in Literatur bis zum Exzeß, und es gibt
keinen lebenden Schriftsteller von Bedeutung, der ihm nicht Dank schuldet und
eine gewisse Verehrung entgegenbringt, und den er nicht da oder dort schon
einmal verraten hätte. Blei ist von fast erotischer Empfindsamkeit für Literatur
und hat jede Mode, innerlich sicher ehrlich, vorausempfunden und propagiert und jede wieder verlassen.
Er hat die Neigung und den Instinkt und die geniale Empfindung für die
Valeurs, nicht für die Werte. Er ist weit mehr, wie unwissende Jünglinge meinen
und seine Feinde mit Handbewegungen abtun wollen, eine ungewöhnliche und
hoch überlegene Potenz unseres Schrifttums, aber aus Verliebtheit und nicht aus
Verantwortung. Der „homme de lettres“ ist wie der „homme à femmes“ letzten Endes nur auf die Details eingestellt, auf die Linie, auf die Grazie, auf die
Nüance, auf den Charme, aber nie auf die Totalität einer Erscheinung. Blei zieht
seine Assoziationen von allen Seiten. Katholisches und Rokoko, Satanismus und
linksradikal, Sinnliches und Besinnliches machen ihn zum geschmeidigsten
Verwerter einer Elastizität, die alles betastet und alles vertieft, aber nichts
ergründet.
Er ist ein aristokratisches Stil-Chamäleon. Die Sünde der Epoche hat in ihm einen Sylvester Schäffer gefunden: er schießt und dichtet, spielt auf dem Pferd
Violine, läuft Seil, spricht und drischt gleichzeitig guten Stil aus dem Hals, aber
alles ist kein Inhalt und kein Ziel und kein Fleisch, sondern nur Gewandtheit und
Akrobatik und zirzensischer Geist. Man springt geschickt und mit Esprit. Über
was man springt, ist Nebensache. Er ist der sinnfälligste Beweis dafür, wie eine
Begabung seines Ausmaßes wirken müßte und wie sie aber verführt wird von einer vielfarbigen Zeit, statt alles auf sein Ziel hinzulenken, allem wie ein Jüngling mit dem Schmetterlingsnetz nachzurennen.
Delacroix hat gemeint, jene kritischen Leute, welche die Manie des Urteilens
hätten, verwirrten erstens das Publikum, das ihre Dunkelheiten nicht begreife,
und verwirrten zweitens für die Künstler die einfachsten Ideen, weshalb diese sie
auch verabscheuten. Er irrte, denn eine große und mit den Hintergründen der
Zeit malende Kritik kann einer Epoche auf den Weg helfen durch die Säuberung
und durch den Hinweis. Blei aber hat, als man ihm das Talent gab und die Verantwortung, nicht nach beiden, sondern nur nach der Begabung gegriffen,
zwar immer das Rechte gefühlt und oft auch gesagt, aber es mit einer Stimme
getan und in einem Zusammenhang geäußert, daß es nicht die Wucht bekam und
nicht den Ernst erhielt, der ihm Masse und Sinn gegeben hätte. Es ist geistreich
geblieben und Gespiel und damit ohne höhere Fruchtbarkeit. Was ihn
entschuldigt, ist die Zeit, was ihn aber nicht freispricht, ist, daß er die Stilisten wie die Käfer sammelte, statt die Begabungen auf ihre Ziele zu hetzen.
Ich bin kein Angestellter der Weisheit und nicht im Schalterdienst der
Prophezeiung, Mijnheer, und ich bin weit entfernt, Ehren zu fordern für einen
Beruf, der seine beste Ehrung in sich selber findet. Aber ich sehe im Anspruch
auf die Beachtung durch die Nation, die sich in diesen Formen kundgibt, ein
nicht geringes Mittel zur Stärkung jener Partei der Freiheitsliebenden, die der Republik die Formung einer neuen deutschen Gesellschaft wünschen.
Ich weiß, man kann frei leben und frei sterben und nach keiner Würde gierig
sein und doch im Angedenken der Nation und ihrer Besten ein großer Mann und
eine schöne Erinnerung sein. Ich kenne das Testament Heines, der, obwohl ihm
Gutzkow vorwarf, daß er nach den höchsten Ehren des französischen Ruhmes
lüstern sei, nachdem ihn seine Heimat vertrieben, schrieb:
„Obwohl ich von der Natur und vom Glück mehr als andere Menschen
begünstigt ward, obgleich es mir zur Ausbeutung meiner Geistesgaben weder an
Verstand noch an Gelegenheit gebrach, obgleich ich, aufs engste befreundet mit
den Reichsten und Mächtigsten dieser Erde, nur zuzugreifen brauchte, um Gold
und Ämter zu erlangen, so sterbe ich dennoch ohne Vermögen und Würden.
Mein Herz hat es so wollt, denn ich liebte immer die Wahrheit und verabscheute
die Lüge.“ Auch dies ist Stolz und klingt mit aller Bitterkeit seiner ruhigen Größe hart ins Ohr der Heimat, die ihn verbannte.
Aber man lebt nicht, um Gesten der Kühnheit zu machen, sondern um die
Möglichkeiten des Lebens und der Zeit in der besten Form zu erwischen, und die
Lebenden stehen jede Sekunde im Kampf. Aber Kämpfen heißt nicht jene
Dummheit der Menschen, von denen ein litauisches Sprichwort sagt: „Je stärker
du ihm auf die Schnauze gibst, um so mehr Angst mußt du haben, daß er zurückgibt.“ Sondern es bedeutet das Wesenswichtige zu nähern, Weg zu machen und selbst das Ausrufen nicht scheuen. Alles andere marschiert, wie
Deutschland marschiert.
Es ist nur allmälig an der Zeit geworden, zu sehen, um was es geht. Werden
wir eine runde Literatur haben, müssen wir vorher zu einer Gesellschaft
kommen. Man muß die Gegensätze der Parteien in der Republik versöhnen oder
man muß sie austragen. Andere Möglichkeiten gibt es nicht und nur auf ihrer
Befolgung oder Verwerfung wächst eine Gesellschaft und eine Kunst. Es muß eine Zeit kommen, wo man in die Weisheitsschule der jeweiligen Grafen
Keyserling seine Automobile schicken wird, weil man so europäisch eingestellt
ist, daß man sich selbst nicht mehr an schöngewässerten Reflexionen über die
Welt begeistern braucht und wo man die „Indienfahrt“ des Herrn Bonsels in den
Regalen der Gartenlauben unserer vergilbten Zeit finden und wie ein altes
bürgerliches Kochbuch belächeln wird. Die Literatur wird so sehr Ergebnis einer an den Quellen des deutschen mittelalterlichen Wesens gelegenen Kraft sein und
so sehr erhabene Spiegelung ihrer Zeit werden, daß beide endlich mit
Genugtuung einander betrachten werden.
Sie wird nicht mehr sich verkriechen müssen und wird nicht verfolgt werden,
sondern sie wird mit dem Lächeln antworten, das die Hetäre Tschandrasêna
herrlich von sich schüttelte, als man ihr eine Augensalbe anbot, die sie von den Nachstellungen eines Königs retten, aber in eine Äffin verwandeln sollte. Sie
zog es vor, in ihrer keuschen Nacktheit dem Herrscher entgegenzugehen, der
mächtig und schön war, und sich so mit ihm an Stolz zu vergleichen. Das alles
ist, wenn es wird, besser als Prophezeihen. Die Farben des Fleisches sind stets
beweiskräftiger als Paragraphen. Man wird Kunst auf dem Rücken einer
Gesellschaft vereint wissen mit einer Heiterkeit und mit etwas von der legendären Größe, mit der der Doge jedes Jahr zum Strand ging, das Adriatische
Meer mit Venedig zu vermählen.
Man wird nicht mehr über Pernambuco fahren müssen, um die Entdeckung
der sichtbaren und der geheimnisvollen Wunder der Welt getrennt zu machen,
sondern man wird sie beisammen haben. Man wird das Leben bei der Kunst
haben und manches andere ähnlich zusammen und es wird ein gewaltiger Spaß
sein, zu leben.
Reiß Irmãos & Compagnia (Brazil) wird dann ein Witz scheinen und Europa
ein runder Kelch um die Blüte von Deutschland, und der ganze Himmel wird
gefärbt sein von ihrer Anmut und überzittert von ihrer Bewegung. Einer der
weltmännischen Deutschen, Friedrich der Große, hatte bereits etwas von jener
erlesenen Mischung: „Hören Sie,“ sagte er zu seinem Schweizer: „Ich habe den
traurigsten Eingriff über mich ergehen lassen, den die Heilkunst kennt: zwei Klistiere. Das hat mich erleichtert, und mein Geist fühlt sich freier. Kommen Sie her, ich habe ein Gedicht für meine Schwester von Bayreuth gemacht, über die
Freundschaft.“ Er hatte Natürlichkeit und Grazie und damit Überlegenheit über
Leben und Tod, da er Geist dazu besaß. Das Gesicht wird kommen, von dem ich
sprach, das auf den Takt des Motors horcht und dadurch gespannt in die
Gegenwart versunken ist, und über dem die Stirn sich voll ewiger Begeisterung
hebt und wird Deutschland regieren. Das träume ich manchmal, Mijnheer.
Gehen wir schlafen, wir Phantasten, der Mond ist aus.
Die sechste Nacht
Mijnheer, ich habe gestern vergessen, Ihnen von einer Ehrung zu erzählen, welche die Stadt Lübz in Mecklenburg an der deutschen Dichtung vornahm. Es
fällt mir ein, weil ich in dem seenreichen Land einen anmutigen Sommer
verbrachte und im Schilf das Boot von Sidney Smith entdeckte, der auf der
Entenjagd lag, ein Nomade von borstigen Rothaaren, Fischaugen, die stier und grün unter der langen Nase herausquollen, die Haare „tête carrée“ in die
sommersprossige Stirn gekämmt und über den Augenbrauen abgeschnitten.
„Hallo, Sir,“ sagte er, „wir werden einen Cocktail machen,“ schob den Priem in
die andere Mundseite und unterbrach die Jagd.
Dieser Smith war das amüsanteste Greenhorn, das ich traf. Eines Nachts frug
er: „Hallo Sir,“ er zischte, auf dem Bauch liegend, um die Ruhe nicht zu stören, „glauben Sie, daß Afrika einmal in zwei Teile geteilt war durch ein Meer?“
„Warum,“ frug ich und betrachtete einen Punkt, der wie ein Paar Stockenten
gegen den Kahn zutrieb, „warum denken Sie das?“ Er zog den Kopf in den
Nacken: „Ich dachte Sir.“
Nach einer Stunde ging der Mond auf und wir mußten unter eine abhängende
Weide rudern. Smith putzte an seiner Sechsschußflinte und sagte: „Hallo Sir,
glauben Sie, daß man mit Ochsenhäuten, wenn man sie wie Segel aufspannt, Kanonenkugeln auffangen kann?“ Ich sagte ihm: „Was Afrika betrifft, Mr.
Smith, so kann ich Ihnen noch sagen, daß lange Zeit eine Straße durch den
Kölner Dom ging. Warum soll nicht ein Wasserweg durch Afrika gezogen sein!
Was aber die Felle angeht, so müssen Sie einen Kanonier oder einen Gerber
fragen.“ „Very well,“ sagte er, steckte den Kopf zwischen die Schultern und
schwieg.
Nun kamen die Enten und er schoß sie mit Kugeln, trotzdem der Mondschein
beim Visieren täuscht, ohne Fehler. Während wir sie auffischten, starrte er
plötzlich in die Luft und sagte: „Hallo Sir, glauben Sie, daß, wenn man mit den
Zeigefingern das Hörnerzeichen macht, das den bösen Blick zurückschmeißt?“
Ich war am Rudern und sagte: „Mr. Smith, vergessen Sie die Ente nicht
aufzunehmen, an die ich Sie gerudert habe. Ich verstehe nicht, warum Sie Fragen stellen, die keine Beziehung auf das haben, was Sie tun.“ Er sah beleidigt vor
sich hin. Ich habe nie einen solchen Wilden gesehn.
Er hatte nur im Blick, wo er Lachsnetze werfen, Wachtelschlingen legen,
Tiefseeangeln für den Hecht durch das Meer schleifen konnte und dachte in der
Zwischenzeit sich die Welt zu einem Trumpel zusammen. Bei Beginn des
Sommers war er mit einem Klippfischsegler von Norwegen gekommen und in dem fetten Seeland mit seiner Büchse liegen geblieben wie der Sommer selbst,
der keine Anstalten machte, selbst im Oktober noch nicht, aus den silbernen
Grasstrichen aufzustehen.
Wie alle Schotten hatte er Leidenschaft für Cocktails aber auch die seltsame
Fähigkeit, seine Gefühle damit auszudrücken. Mit der Mischung von dreiviertel
Gin und ein Viertel Orangensaft bestach er den Beamten der Seekontrolle,
welche das Angeln zu verbieten hatte. Dieser Mann trug einen breiten blonden Bart und horchte auf den Namen Feuerstake. Mit der Zeit richtete er ihn zum
Treiber für das Vogelzeug ab, und wenn Smith ein paar Tage verschwand, saß er
in Lübz neben dem Kirchturm bei Feuerstake und mischte seine Drinks. „Wollen
Sie Cocktails versuchen, Sir?“ sagte er, wenn er von dort zurückkam und
mischte als Zeichen seiner Zufriedenheit Zitrone mit amerikanischem Whisky.
„Wissen Sie, warum ich keinen schottischen dazu nehme?“, frug er und schnallte die Büchse über die Schulter, und in der Tür stand Feuerstakes Gesicht winkend.
„Nein,“ sage ich. „Weil Scotch für einen Jäger kein Whisky ist, Sir.“
Die Enten lockten sich auf dem milchblauen See „rätsch . . . wack“ und
feierten überall nach seltsamen Schwimmkünsten und Verfolgungen unter
unerhörtem Geschrei eine wüste Liebesnacht. Man konnte nicht schießen.
„Kommen Sie, Sir,“ sagte Sidney und er mischte den seltsamsten Cocktail seines Lebens, der uns sehr heiter machte und der in Smiths Sprache das Erlebnis
ausdrückte, das er über der Enten erotische Scherze empfand. Es war ein guter
Junge nach meinem Sinn und hatte auf seine Weise Humor.
Eines Tages gab es einen abscheulichen Drink. Er hatte bei Feuerstake
gesessen, und da der Mann kein Wort sprach, in den zehn Jahrgängen des Lübzer
Tagblatts geblättert und dabei ein Gedicht von Gerhart Hauptmann gefunden, das begann: „Komm, wir wollen sterben gehn / in das Feld, wo Rosse stampfen / und
die Donnerbüchsen stehn / und sich tote Fäuste krampfen.“ / Smith verstand
nicht viel Deutsch, aber das verstand er. Unglückseligerweise hatte er in dem
nächsten Band aber einen sechs Jahre späteren ergriffen und fand unter dem
Namen des gleichen Autors ein Telegramm an den russischen Sowjetgesandten
in Berlin betreffs eines politischen Prozesses in Rußland: „Der Blutwahnsinn des
Krieges und seine Nachwehen sollten nun endlich überwunden sein. Ein sieghafter Friede muß der Achtung vor dem geheiligten Leben des Menschen,
muß dem Gebot — Du sollst nicht töten — wieder die alte Geltung verschaffen.
Ich lasse diese Friedenstaube zu den gemarterten Opfern fliegen. Möge sie mit
einem Ölzweig, von dem kein Blut tropft, zurückkehren.“
Das verstand er nicht, es war von Schießen nicht mehr die Rede und er hatte
nichts anderes im Kopf. Ich las ihm die andere Strophe aus dem ersten Gedicht vor, das er mit den ganzen Jahrgängen mitgebracht hatte. „Diesen Leib, den halt’ ich hin / Flintenkugeln und Granaten / eh’ ich nicht durchlöchert bin / kann der
Feldzug nicht geraten.“ Smith schickte sich vergnügt an, einen guten Cocktail zu
mischen, das begriff er wieder.
Nach einiger Zeit aber wurde er nachdenklich, wie könne, damned, der Mann
nun solche Telegramme senden, wenn er geschrieben habe, daß, eh’ er ein Sieb
sei, der Krieg nicht ende. Ich sagte ihm, Herr Hauptmann sei ein alter Mann
gewesen und habe wohl das eine wie das andere nur in einem dichterischen also unirdischen Sinne gemeint undwahrscheinlich sei eine gespenstische Ausgabe
von seiner Körperlichkeit ebenso auf den Schlachtfeldern, die er nicht besucht
habe, durchlöchert worden, wie wahrscheinlich eine andere als Vogel durch die
Luft zu fliegen vermöge. Etwas ähnliches meine wohl auch der
sozialdemokratische Minister Hänisch, wenn er über ihn in einer bürgerlichen
Zeitung nach einigen Fußtritten auf sozialistische Dichter schreibt: „So geht von Hauptmann ein Licht aus, das leuchtend und wärmend durch die Zeiten strahlen
wird. Er ist der große repräsentative Dichter unserer deutschen Gegenwart, der
die ganze Zerrissenheit unserer Zeit in seinen wissenden und milden Zügen
widerspiegelt. Werden wir uns des Glückes bewußt, daß Gerhart Hauptmann in
unserer Mitte lebt, freuen wir uns, ihn unser eigen nennen zu dürfen.“
Solchergestalt, meinte ich, sehen sogar ein Proletarier dies Hin und dies Her. „By Jove,“ meinte Sidney Smith und schaute lange verglast vor sich hin, das
verstände er nicht.
Ich sagte ihm, Herr Hauptmann habe, wie viele Dichter, und fast alle Leute,
die Karriere gemacht hätten, wie die Herren Lloyd George und Clemenceau von
links angefangen und habe sich langsam nach rechts entwickelt. Man müsse das
alles nicht so ernst nehmen, denn die Bourgeoisie brauche einen gewissen unaktuellen Radikalismus, bei dem sich ohne Gefahr für Haut und Geldbeutel
am Feuer der großen Revolutionssuppe gruseln lasse. Und die Herrschaften, die
im Zirkus in Berlin jubelten, wenn in seinen „Webern“ Kapitalistenhäuser
demoliert wurden, seien dieselben, die fanatisch die Erschießung
zeitgenössischer Revolutionäre forderten. Es handle sich darum, daß die Weber-
Revolte eine schon vierzigjährige sei, die man beruhigt lieben könne, aber eine
heutige eine verdammt ernste Sache sei, die man keineswegs lieben dürfe. Und ebenso menschlich begreiflich sei es ja sicher auch, daß ein Dichter seinen
Nachruhm halte mit Arbeiten, von denen er sich völlig entfernt habe. Es sei
dasselbe, wie wenn ich Smith wegen seiner Schulaufgaben lobe aber seine
Schießsicherheit dabei übergehe. Wir gingen darauf nach dem See und Smith
kam auf die Sache nicht mehr zu reden.
Beim Anschlag sagte er: „Beg your pardon, Sir, glauben Sie, daß man Kentauren noch jagen kann?“ „Nein, Mr.,“ sagte ich, „man kann es nicht.“ Er sah lange sinnend in den Himmel. Zwei Tage verschwand er zu Feuerstake. Am
dritten kam er zurück: „Wollen Sie Cocktail versuchen, Sir?“
Seltsamerweise erschien plötzlich Feuerstake mit einem Paket, legte es auf
den Tisch und verschwand. Ich machte es auf, es war in rotem Einband ein Buch
Gedichte, die Feuerstake über seinen Heimatsort geschrieben hatte. Der
bescheidene Mann hatte kein Wort darüber verloren, obwohl er tagelang mit
Smith zusammengesessen und brachte mit einer steifen Verschämtheit es plötzlich hinter ihm her. „All right,“ sagte Smith und legte es bei Seite.
Feuerstake interessierte ihn als Ententreiber, alles andere war ihm einerlei.
Feuerstake hörte nie ein Wort über sein Geschenk und, da er nichts sprach, frug
er nicht.
Sidney Smith hatte in dieser Zeit viel zu tun, mit seinen Gedanken fertig zu
werden. Ob ich denke, meinte er, daß es ein Land gebe, wo man die Schweine mit ihren eigenen Eingeweiden füttere. „Ja,“ sagte ich, „nichts ist verderblich
genug, daß es das nicht geben sollte.“ Die Antwort gefiel ihm nicht, er zog den
Kopf tief in die Achseln ein, stieß ihn dann geradeaus und schoß. Der Sommer
stand in diesen Wochen mit einem fleckenlosen Goldton über Holstein und
manchmal schien es fast, er spiegele das Meer. Je klarer die Luft aber wurde, um
so eigensinniger verwandelte sich Sidney Smith. Er hatte sich bei Feuerstake alle eingebundenen Jahrgänge des Lübzer Tageblattes geholt und ich sah ihn oft, so
sehr die flachsblonden Töchter des Hauses zum „Weißen Karpfen“ um ihn
herumstrichen, in die Schwarten vertieft. „Wollen Sie Cocktails versuchen,
Sir?“, frug er regelmäßig, wenn ich ihn ertappte, aber ich kannte seine
Stimmungen nach dieser Lektüre und lehnte ab.
Die Enten fingen an zu mausern, die Männchen rückten den Weibchen aus, buhlten um andere, es war ein Riesenspektakel auf dem Wasser und das lenkte
ihn ab. „Hallo, Sir,“ unterbrach er die Nachtwache, „denken Sie, daß man mit
der Vergiftung der Meere alle Tiere darin töten und durch ihr Faulen den
Kontinent verpesten könnte?“ „Nein,“ sagte ich, „Mr. Smith, denn etwas
ähnliches ist durch den Landkrieg nicht einmal erreicht worden,“ und hielt ihn
für gerettet, da erschien er am Morgen mit einem Bericht, den der Züricher
Vertreter des Lübzer Tageblatt gedrahtet hatte über die Vorlesung eines Dramas, das Fritz von Unruh gedichtet hatte, und wo deutsche Soldaten den gefangenen
britischen zugerufen haben sollten „Gott strafe England!“, und er verlangte von
mir zu wissen, weshalb man die Vorsehung anrief, statt sich bei den Stellen zu
beschweren, die für das Arrangement von Kriegen usw. verantwortlich
zeichneten, als er fast erbleichend aufstöhnte. Er hatte in einem anderen Band
einige Jahre später einen Abdruck aus dem gleichen Stück gesehen, nur daß hier die deutschen den britischen Soldaten armgebreitet mit den Worten „Freunde! . . . Brüder!“ entgegenliefen. „Dear Sir,“ sagte er fassungslos, „ich war ebenfalls
gefangen, aber man hat das eine nicht gerufen und nicht das andere. Aber hat
man das hier gleichzeitig gerufen?“ Er sah sich um, als halte er es schier für
möglich, daß, seit er sich mit deutscher Lektüre beschäftige, der Mond und die
Sonne gleichzeitig nebeneinander über den Himmel spazieren könnten.
„Nein, Mr. Sidney Smith,“ beruhigte ich ihn, „erstens ist das wahrscheinlich
eine Verleumdung und dann darf man solches nicht so genau nehmen wie das Schießen, wo man sehr scharf und grad sich halten muß, und beim Wackeln die
Sache vorbeigelingt. Im Leben ist das anders und man sagt oft das eine und
gleichzeitig das andere. Das Leben verändert sich selbst täglich, und was heute
schwarz ist, kann morgen weiß sein. Manche haben die Farben gleichzeitig, was
manche wiederum boshaft preußisch nennen, aber das ist es gar nicht. Wir haben
das bei einer großen Anzahl Menschen erlebt, da ist z. B. Herr Meidner, der einer der größten Helden gegen den Krieg war und gleichzeitig eine Zeichnung
zur Animierung der Kriegsanleihe an die Zeitungen schickte. Wer kennt der
Menschen Herz? Selbst der größte deutsche Dichter Goethe hat sich eines Tages
dem Vater eines jungen Schriftstellers v. Körner gegenüber mokiert, daß der
gegen den großen Bonaparte mit dem knitternden Papierzeug seiner Verse
anreite und hat, mit der französischen Ehrenlegion geschmückt, als Lützower in Meißen ihn ausrückend um den Waffensegen baten, die Hand auf ihre
Hirschfänger gelegt und gesagt: „Zieht mit Gott, und alles Gute sei Eurem
frischen deutschen Mut gegönnt!“ Ich suchte Smith mit der letzten Möglichkeit,
nämlich mit einem klassischen Zitat zu beruhigen, aber er war so beneidenswert
ungebildet, daß er auf Klassisches genau so sauer wie auf die Flachsblonden
reagierte.
Jedoch er hatte als Jäger ein gutes Ohr, er behielt den Namen und kam nach
einer Stunde mit dem Gedicht eines gewissen Julius Bab, dessen Ende lautete:
„Zeug uns, Stern, und zieh uns hoch hinan! / Dieses Werk der mörderischen
Nöte / werde doch in deinem Dienst getan! / Weile, werde, wachse in uns —
Goethe!“ / Das machte den Burschen völlig konfus. Es gelang mir nicht, ihm
klar zu machen, wieso ein Stern uns erzeugen könne und warum im Dienst eines
verstorbenen Dichters, der sich über den Krieg mokiert habe, man sich Jahre lang totschieße.
„Bei uns, Sir,“ meinte Smith, „sagt man, indeed, daß man im Dienst der
Kanonenfabriken und zum Ruhm der Generale schieße. Verrückte Idee, für einen
toten Mann sich zu töten.“ Rasch drehte ich, indem ich ihm versicherte, daß ich
den Herrn nicht kenne und daß das offensichtlich die Privatmeinung eines durch
Schrapnellschüsse am Kopf Schwerverletzten sei, das Blatt um, da las er in Fettschrift folgendes Gedicht: „Wenn der Kaiser einst kommen wird / schießen wir zum Krüppel den Wirth / knallen die Gewehre tack tack tack / aufs schwarze
und aufs rote Pack.“ / Er wurde sehr aufgeregt und überstürzte mich mit Bitten.
„Nein, Mr. Smith —,“ sagte ich zu ihm, „Pack ist kein Wildbret, das Sie noch
nicht kennen, es sind Kameraden, die eine andere Ansicht haben.“
Wieder sank seine Lippe tief auf das Buch, ich blätterte weiter. Da rief ein
Sportverein auf zu einem Gartenfest und man hatte das Bundeslied abgedruckt:
„Der Turner in den Wäldern haust / und Eichen raufet seine Faust / der nackte Arm mit Felsen spielt / der deutschen Lunge Kraft empfiehlt: / schießt ab den
Walther Rathenau / die gottverfluchte Judensau.“ / Ich hatte Angst, er könne
auch das für Wildbret halten und sagte ihm, diese Gedichte seien nicht wichtig,
weil sie schon wieder aus dem Frieden stammten.
Er schwieg eine Weile, sah mich stumm an, schüttelte den Kopf, erbleichte
plötzlich und sprach darüber nicht mehr. Am nächsten Tag waren die Bücher verschwunden. Nun kamen schon Frühnebel, es wurde Oktober, aber der
Sommer stand nicht aus dem fetten seenreichen Grünland auf, also blieb auch
Sidney Smith.
Man hatte Nachtreiher entdeckt und er war in großer Aufregung. Man
belauerte einen Baum, auf dem sie saßen, mit einer abscheulichen Gestankwolke
eingehüllt und einen gewaltigen Lärm untereinander machend, aber man wollte sie nicht vom Baum schießen, von dem sie dauernd Fische in verdautem und
unverdautem Zustand herunterschossen. Wir hatten Nachtpelze um und lagen in
der Sternkälte im Gras. Plötzlich flüsterte Smith: „Weile, werde, wachse . . . Sir,
ich habe mit Feuerstake gesprochen, er ist, by Jove, mit einem Male gesprächig
geworden seit gestern, ein toller Cowboy dieser Feuerstake plötzlich, was ihm
geschehen ist wohl, meinetwegen . . . . wollte sagen, Sir, Feuerstake erzählte mir, man habe Mr. Hauptmann von der Regierung geohrfeigt vor dem Krieg und
seine Stücke verboten und bei dem Krieg, weil er dafür schrieb, ihm Orden
gegeben, ihn herangepfiffen und ihn übers Fell gestrichen und er habe geweint
vor Freude. Er habe dann während dem ganzen Krieg eine Propaganda gemacht
für das Schießen und den Kaiser, und nun sei er aber verheiratet mit der
Republik und werde mit dem Präsidenten alle vierzehn Tage photographiert. Ich
verstehe das nicht. Wir haben gelesen, wie Mr. Bernard Shaw in England im Krieg, beim allmächtigen Gott, dem König und Mr. Lloyd George gesagt hat, es
sei ein Verbrechen und daß er es vorher und nachher gesagt hat. Es hat mir nicht
gefallen, Sir, weil ich für den Krieg bin und für das Schießen. Aber, damned, es
hat mir doch noch besser gefallen, wie das, was ich bei Ihnen jetzt hier gelesen
habe. Ich wollte Ihnen das sagen, Sir.“
Ich war eine Weile stumm, denn auf dem Baum tanzten die Schatten der Vögel derart herum, daß es wie ein nächtlicher Spuk vor der Himmelsilhouette stand, und jede Bewegung führte einen derartigen Regen von Niederschlägen der
Vögel mit sich, daß wir uns rückwärts bewegen mußten. „Weile werde wachse . .
. Sir, ich wollte das beim allmächtigen Gott auch noch gesagt haben, Ihre
Kriegsgedichte sind mehr gentlemanlike als die im Frieden.“ Ich versuchte ihn
wieder auf Hauptmann zu bringen und ihm klar zu machen, daß der Genius des
Dichters leichter alle Veränderungen aufnehmen und sich schneller wie
festgemauerte Charaktere von Jägern an die verschiedenen Institutionen des Staates wie des Lebens gewöhnen könne.
Es käme auf den Zweck an, meinte ich und erzählte ihm die Geschichte des
Mönchs, der auf der katholischen Propaganda tausend Herbeigeströmten als
Reliquie eine Papageienfeder als die des heiligen Gabriel zeigen wollte, aber, da
man sie ihm gestohlen und zum Bluff schwarze Erde hineingelegt hatte, diese
sofort als die heiligen Kohlen ausschrie, an denen der St. Lorenz geröstet worden sei. Allein er hörte scheinbar nicht auf mich, legte an und schoß aus der Luft
einen Reiher, riß ihm die Bismarckfedern aus, ließ den Braten für seine
Vogelkameraden liegen und sagte: „All right. Ist für mich erledigt. Kommen Sie
Cocktails versuchen, Sir?“
Zu seinem Geburtstag kam eine Kiste, er nagelte sie auf und man sah etwa
eine Batterie von vierzig Flaschenköpfen verschiedener Etikettierung. „Splendid,“ sagte Smith, und die Flachsblonden mischten Bacardi Cocktail wie
Engel, indem sie ein drittel Zitrone und zwei drittel Rum mit etwas Grenadine
und Zucker zusammentaten. Gegen Abend war, das gesamte Hotel erledigt. „Let
us go, Sir,“ sagte Smith, als Feuerstake nicht erschien, „der Mann gefällt mir
nicht mehr,“ wir legten die Büchsen über und sahen auf dem Wasser in der
Purpurröte der Dämmerung eine Reiherschlacht durch das Schilf.
Sie kamen in zwei Gruppen angeflogen und standen im Morast einander
gegenüber und in der Mitte lag eine tote Mordsschleie. Die beiden Parteien
zogen sich zurück, formierten sich, krächzten mit aufgerissenen Schnäbeln in
höchster Aufregung „koau . . . kräü“, die blutigroten Augen glühten, die Flügel
schlugen auf und nieder und mit gesträubten Nackenfedern schossen sie
aufeinander zu. In dem Augenblick aber, wo man dachte, daß sie sich mit den
dolchspitzen Schnäbeln durchbohren würden, gingen sie jammervoll aneinander vorbei und berührten sich kaum mit den Flügeln. Eine gewisse Entfernung
voneinander genügte aber, ihre Wut wieder aufs äußerste zu steigern. Klappernd,
mit wund geschrienen Rachen, erbost schossen sie aufeinander und spielten sich
eine Stunde lang das Theater ihrer Leidenschaft vor. „Hallo!,“ sagte Smith, der
etwas unruhig war, „wachse, werde, weile“ und schoß ab.
„Warum,“ sagte ich, „zitieren Sie immer das Kriegsgedicht des Mr., dessen Name mir entfallen ist.“ „Beg your pardon,“ meinte Sidney Smith, „ist die einzige Möglichkeit meinen Priem aus dem Gaumen heraus zu bekommen.“
Wir hatten große Last, die Nachtreiher zu erreichen und ihnen die Federn zu
nehmen, denn es war an der Stelle sehr sumpfig. Als wir an dem tags zuvor
geschossenen vorbeikamen, stob ein Schwarm seiner Brüder auf, die sich die
Kröpfe voll von seinem Fleisch gestopft hatten und nach dem Baum
hinüberflogen. Smith machte ein bedenkliches Gesicht, sagte aber nichts, denn
er war etwas betrunken.
„Versuchen Sie Cocktails, Sir,“ sagte er zu Hause und machte einen Martini
mit Gin und französischem Vermouth, da wurde er sauer und „dry“. Dann
machte er ihn mit italienischem Vermouth, da wurde er süß, und die
Flachsblonden nippten solang daran, bis sie wie verrückt im Garten
herumtanzten. „Hallo, was sagen Sie dazu, Sir?“ frug er mit einem halb
lachenden Blick auf sein Kunstwerk, aber ich äußerte nichts, weil ich nicht bestimmt wußte, ob er mit dem „einmal süß und einmal sauer“ gewisse Dichter
oder gewisse Reiher meinte, aber etwas Hinterhältiges war in seinem Blick, das
mich stutzen machte.
Im selben Augenblick bekam er aber Eulenaugen, stand ruckweise auf und
starrte auf ein Papier, das man vor ihn gelegt hatte, als er einen Priem zahlte.
Seine roten Haare sträubten sich aus der Stirn und standen borstig nach oben, der Schweiß rann ihm über die Stirn und er fuchtelte mit der rechten Hand in die
Luft. Dann fiel er mit rot verquollenem sommersprossigen Gesicht auf den Stuhl
zurück und stierte auf das Papier. Ich entsinne mich genau, daß ich nur langsam
es ihm wegzuziehen wagte, denn er saß darüber wie ein Hund über einem
Schinken, plötzlich riß ich daran und lachte, daß der Tisch schräg ging: Ich sah
in das Gesicht von Joachim Feuerstake. Das Rätsel seiner Redseligkeit war gelöst mit seiner Unsterblichkeit.
Die Stadt Lübz hatte ihm zu Ehren, der ihre siebenundzwanzig Hähne, ihren
Kirchturm, ihren großen Misthaufen, ihren Bürgermeister und die Kornfelder
und ein unbestimmbares Denkmal in dem roten von uns nie geöffneten Büchlein
besungen, die Stadt Lübz hatte ihm zu Ehren ihren Notgeldschein von
fünfundzwanzig Pfennigen unter dem Motto: „Treu der Heimat“ mit seinem Bild
geschmückt. Es schien, als werde Smith tiefsinnig. Er blieb blaß und schweißig, machte wieder Bacardi-Mischungen, behielt die runden Uhuaugen und steckte
den Rotkopf tief in die Schultern. Ich beruhigte ihn, indem ich auf seine Manier
ihn fragte: „Hallo Mr. Smith, denken Sie, daß es ein Land gibt, wo man in der
Luft fliegt, Landpartien auf den Boden herunter macht, wo die Könige den
Schädel unterm Arm tragen und die Fürsten auf dem Kopf gehn, wo die Bauern
sich Kokotten halten und die Arbeiter Fideikommisse gründen?“
„Yes Sir,“ sagte er, „ich habe das oft gedacht.“
Ich verstand, daß ich ihn so nicht kriegen könnte, denn, da er das Bestehende
nicht achtete, außer der Jagd, hatte er sich die Welt wie ein Kinderspielzeug
schon unzählige Male herrlich unlogisch neu zusammengesetzt. Ich bemerkte
jetzt, daß er zitterte, er hatte einfach Angst. Für ihn war Fischen und Dichten
einerlei, er sah keinen Unterschied und hatte einen hysterischen Anfall vor
Furcht, wie alle Wilden, er könne eines Tages für seine Jägerei ebenfalls auf
einen Schein gedruckt werden und wollte sofort zum Bürgermeister. Diese Ehrung Feuerstakes, dieses Simpels von Ententreiber, überstieg seinen Horizont,
es war ihm wie ein Steckbrief oder eine Anzeige beim Schicksal. Er war
entsetzlich abergläubisch wie alle einfachen Menschen.
Der Aufenthalt auf den Mecklenburger Seen hatte ihn etwas heftig mit Dingen
zusammenstoßen lassen, deren Konträrheit sein grades Hirn nicht faßte und er
bekam Angst vor dem Lande, in dem man im Frieden schoß und im Krieg nicht bei der Stange blieb, wo man vorgab, für Tote die Lebendigen gern ermorden zu
lassen und wo man die Angestellten auf Papierscheine druckte, die man als Geld
ausgab. Ich rüttelte ihn heftig am Arm. „My boy,“ schrie ich mitleidig, „hören
Sie, gute Haut“ und ich erreichte, daß sein Blick mich wenigstens fixierte, wenn
er auch mit verstockter Besessenheit schwieg.
Ich suchte ihm an Hand des Lübzer Stadtwesens, an Hand des Bürgermeisters, der Parteien und ihres Sängers die Situation eines modernen Staates und der
Gefühle seiner Bewohner klar zu machen und versenkte mich in das Beispiel des
Poeten, brachte seine Konflikte, ob er die Misthaufen beschimpfen oder die
Kirche loben, ob er dem Bürgermeister opponieren oder alle Parteien belecken,
ob er sollte sich fassen links oder ob er sollte fallen rechts im Gedicht, ob er
wählen sollte zwischen dem Ehrenschein oder einer eventuellen Schändung seines Grabes . . . . ich brachte dies sehr lebhaft vor, aber in dem Augenblick, wo
ich zur Unterstreichung meiner Rede den Fünfundzwanzigpfennigschein auf den
Tisch hieb, stiegen meinem Gegenüber wieder die Haare, die Grenze seines
mitteleuropäischen Fassungsvermögens war erreicht.
Im gleichen Augenblick erscholl vom Garten her ein wilder Schrei, Sidney
Smith zog einen langen spitzen Ton durch seine Nase, sah mich schräg mit dem
Ausdruck abergläubischen Entsetzens an, stieß die Augen nach oben, rollte sie über die Decke und stürzte in den Garten, wo, wie ich vom Fenster sah, die
Flachsblonden wie Katzen in den Bäumen jagten.
Er rannte wie besessen in die Landschaft hinaus und ich habe ihn nie wieder
gesehen.
Ich habe Sidney Smith nie wieder gesehen, Mijnheer, denn ich reiste am
nächsten Morgen an das Meer, über das der Herbst mit einer Donnerwolke von gelben Nebeln und dem roten Mond darin herein brach und ich vergaß die sanglante Posse. Ich vergaß jedoch nicht die Folgerungen, die Sidney Smith mir
zu ziehen durch seine schnöde Flucht nicht ermöglicht hatte, und sie steigen
nunmehr aus dem Suite-case meiner Erinnerungen, wo ihn aufzumachen und
auszupacken heute dieselbe Muße ist wie damals, sie zu erleben und
einzumotten. Diese Folgerungen, Mijnheer, sind sehr kurz und ebenso banal wie
grob: Die Menschen lieben stets die Feuerstakes, die auch ihren Mist zu
besingen bereit sind und hassen die Mirabeaus.
Es macht ihnen nichts, daß beide im Grunde dieselben Monarchisten sind und
beide, der eine imbezill und der andere glühend ihr Vaterland lieben und seinen
Ruhm wünschen. Die Tragik des menschlichen Herzens hat es verwehrt, daß die
Menschen auf die Ziel-Richtung der Gefühle zu schauen vermögen, sondern hat
ihnen auferlegt nur die Bequemlichkeit zu sehen, die ihnen momentan damit
gewährleistet oder gestört wird. Sie verwechseln das Wohlbefinden ihres Zustandes mit dem Heil der Nation, halten Geplärr für Vaterlandsliebe und
erblicken im Schmeichler den Helfer, im glühenden Tadler den Gegner.
Sie sind für die Gedankenlosigkeit und gegen die wahre Liebe. Und die Sitten
ihrer Mahlzeiten und Beerdigungen stellen sie in grausiger Verblendung über die
wahre Sittlichkeit der Nation. Ein Heinepark wäre ihrem Empfinden eine
öffentliche Dreistigkeit, ein Weg, nach dem Schönling Roquette benannt, erfrischt den Mut. Eine Hochschule nach dem Spötter Lichtenberg genannt, wäre
in Eile eine delabrierte Sache, während selbst in Skihütten der Name des Peter
Hebel gefeiert wird, der alemannisch und mit mikrozephaler Poesie
biedermeierliche Ideale besang.
„Fremder,“ sagte der Adjutant des Artaxerxes zu Themistokles, „die Sitten der
Menschen sind verschieden. Den einen gilt dies, den anderen jenes für schön, allen aber: die heimischen Sitten in Ehren zu halten.“ Dreiundzwanzighundert
Jahre später empfahl in der Sprache seines Säkulums der Verfasser der Pasquille
„Präservative wider Revolutionen“, zum Schutz der geltenden Gewohnheiten auf
in königlichen Gärten rauchende und sich zusammenpferchende Leute, unter
Anrufung des Nazareners, mit der Feuerspritze loszuschießen. Jede Epoche
hängt an ihren Sitten und nur Friedrich der Große konnte, da er zur Macht noch
Überlegenheit des Geistes besaß, eine Opposition lachend ertragen und mit einem gewissen Zynismus sagen, als er den verbannten Professor Wolff nach
Halle zurückrief: wenn jener lehre, seine Soldaten dürften desertieren, so stehe
ihm darüber hinaus die Belehrung zu, sie müßten daraufhin hängen.
Waren die Dichter nun so idiotisch oder temperamentvoll oder human, sich
aus menschlichen Gründen oder im Interesse einer neuen Form, die sie starteten,
mit einer gewissen revolutionären Geste zu präsentieren, so waren ihre Beurteiler ebenso einfältig, sie nach den Gesichtspunkten der Parteien, in deren Dienst sie standen, einzuverleiben. Der Mensch wurde mit der Sache verbandelt,
die Dichtung mit der Politik als Wechselbalg ausgetauscht, und erbärmliche
Zwecke wurden dahinein getragen, wo ein helles Haus der Kunst allein stehen
müßte. Da die Dichter gewöhnlich unkritische Feuerköpfe, ihre Kritiker aber
gestrandete und unterdrückte Poeten waren, ergab sich, daß im Durchschnitt
verärgerte Alte oder verkümmerte Junge die Dichtung beurteilten und mit der
schönen Gehässigkeit des Triumphes das Gesicht der Kunst mit den Plakaten überklebten, die die Dichter in ihrem Privatleben anzuerkennen beliebten. Man
hat Büchner und Grabbe und Hölderlin lange unter den Strich gesetzt und das
„Junge Deutschland“ in Anmerkungen besudelt, aber die Feuerstakes waren
jederzeit gewohnt auf Papierwagen in den Himmel des Ruhmes der deutschen
Literaturgeschichten zu fahren.
Ach, von welch grauenhaften Kleppern und welch seltsamen Fuhrknechten werden die Papierwagen der zeitgenössischen Literaturgeschichten immer noch
gefahren. Hat aber einer wie Gundolf ein glänzendes Gespann, so führt er es
nicht in die Arena, sondern jagt es als Reklamekasten, wenn auch mit
glänzenden Bögen nach der Kongregation des Heiligen George, und hat einer die
beste Absicht zu popularisieren, so wird es ein Bilderbuchwagen wie jener von
Martens. Ach, aber ein Lastwagen mit Maschinengewehren bespickt ist jenes Buch des Kölner Professor von der Leyen, der von der Gemeingefährlichkeit der
Kunst wohlanständig so überzeugt ist, daß er zwar mit den Handschuhen des
Weltmanns, aber dem Blick des Feldwebels ihr entgegenfährt. Wahrlich, mit
femininer Plauscherei und heroischer Haltung ist es hinter den Gewehren des
Nationalismus nicht schwer, Heinrich Mann als Schädling und Wedekind als
Papiermesser zu höhnen und durch Kartenkniffe von entstellten Zitaten die Dichter den Revolvern seiner nationalistischen Studenten zu empfehlen.
Wahrlich, in solchen Machwerken zittert nichts wie der Haß gegen die Republik,
aber nicht die geringste Liebe zur Kunst, und die von ihm Gepriesenen werden
nachdenken müssen, ob sie nicht damit Kompromittierte sind.
Ich bin nicht gegen solche Bücher, Mijnheer, weil ich anderer Ansicht wäre
wie ihr Verfasser, sondern weil dieses Verfahren ein subalternes und ein solcher
Charakter ein ungehöriger ist. Ich wäre mit derselben Leidenschaft gegen Entstellungen von sowjetischem Kurse, denn ich liebe das Gewissen und verehre
die Wahrheit und habe die große Schönheit der Kunst zu tief in meinem Leben
erfahren, als daß ich sie von irgendeiner Seite schänden ließe. Ich habe die
Freiheit des Gesichtspunkts und das Genie, die weiten Linien für die Kunst zu
ziehen und die gestaffelten Urteile zu fällen, zu sehr verehren gelernt, als daß ich
nicht protestierte, wenn ein ästhetischer Süßling mit einem politischen Morgenstern sich auf das Postament stellt und vorgibt die Gerechtigkeit zu sein, und nichts anderes ist als ihr Mixer. „Grattez le savant vous trouverez le
chauvin.“
„Ich bewundere die Fülle dieser Blumen,“ sagte auf einer Spazierfahrt eine
Dame zu ihrem Begleiter, aber der vermochte vor Wut kaum nach ihnen hin zu
schielen. „Die Veilchen, Gnädigste“ meint er, „sind zu sehr französische
Liebhaberei, die Magnolien entsprechen der britischen Kühle, die Rosen ziehe
ich vor zu verachten, weil ihr Besitzer republikanischer Anschauung ist.“ Der Gute war überzeugt von Blumen zu reden, aber er unterhielt sich nur mit seiner
Dummheit, auch verschwieg er nicht, daß er Erdäpfel und Eichen wegen ihrer
erhöhten Symbolkraft den zu geistreichen Blumen vorzog, wobei er, durch seine
Politik verblendet, übersah, daß die Eichen ein persischer Import sind und selbst
die Besitzer der kolossalsten Kartoffeln ihren ausländischen Duft nicht zu
leugnen berechtigt sind.
Selbst Casanova, der mit seinen Weibergeschichten alles durcheinanderwarf,
wußte die Politik wie eine Seuche von der geliebten Kunst fernzuhalten und er,
der Frauen betrog und Männern zu jeder Zeit diplomatisch zu kommen wußte,
überwarf sich ihrethalben mit den Mächtigen, beleidigte Voltaire, indem er
dessen „Pucelle“ und „Henriade“ stolz den Ariost vorzog und kränkte den
großen Friedrich, indem er sich gegen La Mettrie stellte, und war glücklich, Ansehen und Stellung verloren, aber die Kunst durch diese Ehrlichkeit geehrt zu
haben.
Doch er war nur ein tapferer Mann und ein wohlilluminierter, aber kein
ordnender Verstand. Wie aber, wo Dichter im Tageskampf toben und Kritiker
verleumden, findet man, denken Sie, die höhere Einsicht, von wo aus die Werte
sich enthüllen und die Bedingtheiten fallen? Wie, glauben Sie, erreicht man die Stelle, wo die Zeit sich löst und die Muse bleibt, wo die Larven nicht mehr
gelten und die Herzen gewogen werden, und wo die Urteile wie die Blitze und
nicht wie politische Raketen die Landschaft der Dichtung erhellen?
Man sucht diese Plattform nicht.
Man nimmt sie ein.
Literaturgeschichte seiner Zeit zu
schreiben, ist immer die Kunst gewesen, die Politik und die Werte zu trennen, statt sie zu verknäueln und sie später aber im Bild jenes Theaters auszugleichen,
wo die Zeit mit allen ihren Strömungen und Stilen und Moden auf die Kulissen
mit heftigen Farben gemalt ist und wo die Werte in der Gestalt der Schauspieler
erscheinen.
Es ist nun amüsant zu sehen, für welche Farben sich die einzelnen Akteure
entscheiden und welchen die anderen wiederum gleichen, und welcher Effekt aus dem Widerspiel von Hintergrund und Schauspiel sich ergibt. Es ist erlaubt, mit Wünschen und Verwünschungen sich an diesem unterirdischen Spiel zu
beteiligen, aber man wird sich dem Urteil nicht entziehen können, daß hier, wo
die Gegenüberstellungen so scharf sind, nicht unsere Wünsche, sondern die
Leistungen entscheiden und daß man sich beugen muß vor der grausamen
Tatsache, daß unter vielen Helden der Feige vielleicht der Begabte und unter
zahlreichen Gläubigen der Verbrecher der Könner und der Rebell das Genie sein
kann.
Denn in der Leidenschaft des fortgeschrittenen Spiels und der Helligkeit der
Beleuchtung werden sehr bald die Kulissen verschwinden und nur die besten
Spieler bleiben und es bleibt uns nur übrig, mit Sympathie unsere Lieblinge
ausscheiden und mit nackter Logik unsere Gegner siegen zu sehen und wir
dürfen höchstens aus den Kulissen uns die Fehler der eigenen und die Triumphe
der anderen erklären oder verzeihen.
Keinem Verständigen würde es einfallen, die Schauspieler aber mit den
Kulissen zu verwechseln und statt über das Stück über die Beleuchtung sich zu
ereifern. Von hundert deutschen Kritikern, denen die höhere Geschicklichkeit
fehlte, dies Theaterspiel in seiner richtigen Form aufzustellen, haben
neunundneunzig jeweils ihre Sympathie mit den Leistungen verwechselt und
haben ebenso viele, indem sie glaubten über die Akteure zu schreiben, über die Wandbehänge geurteilt. Literaturgeschichte seiner Zeit zu schreiben, Mijnheer,
heißt nicht ein „Chevalier de la bouche“ zu sein und Meinungen zu haben,
sondern: die glänzendste Optik neben dem Talent und die beste Fingerfertigkeit
neben der Loyalität. Überzeugungen sind ein Unfug, wo es sich darum handelt,
zugleich der Niedermetzler und der Heiland zu sein.
Man kommt so zu ähnlich rund geschliffenen Tatsachen, wie sie nach Jahrhunderten der Zeitstrom von selbst auswirft und hat dennoch das Vergnügen,
nach Lust und Überzeugung die Kulissen so bunt und die Draperien so suggestiv
für das Publikum aufzustellen, wie man will. Man macht so mit den Kulissen die
Politik und faßt die Leistungen sauber am Kragen und beide, die sich
gegenüberstehen wie ein Mann seinem Spiegel, bleiben dennoch reinlich
getrennt.
Denn es wäre wohl absurd, Shakespeares dichterische Kraft auf die Entfernung einiger Jahrhunderte aus Friedensschlüssen und aus Kriegen erklären
oder daraus, wie man ihn schon oder unter welcher Regie man ihn spielte, oder
daraus, ob man praßte oder hungerte, Könige liebte oder enthauptete, bestimmen
zu wollen. Aber man kann aus diesen Kulissen zeigen, daß er das Resultat seiner
Zeit war und daß die Friedensschlüsse und die Könige ihn so geformt haben und
daß sie gut oder schlecht waren. Absurd aber wäre es, damit ihn klein oder groß machen zu wollen.
Man kann aber ebenso, schreibt man die Geschichte seiner eigenen
verworrenen Zeit, auf den Kulissen seine Sympathien und seine Wünsche malen,
kann den einen hell, den anderen dunkel beleuchten, je nachdem einer sozial
richtig oder für den Augenblick verbrecherisch schreibt. Aber nach der
Vorstellung werden nur die Werte beurteilt, da gibt es keinen Eingriff, und wer
hier nicht reinen Herzens ist, der ist verworfen.
Literaturgeschichte seiner Zeit schreiben, heißt heftig Politik machen — nicht für die Freunde und nicht gegen die Feinde, sondern für die Gesinnungen, die
die rechten sind — heißt mit dem einzigen Einfluß, nämlich den geschickt
gestellten Draperien sein Publikum erziehen . . . aber so sehr diese Campagne
donnert und so bengalisch die Kulissen flammen, weiß man: es ist für die Kunst
nicht wichtig, man teilt schließlich dennoch die Zensuren nach der Größe und
nicht nach der Verliebtheit und man läßt nicht bekränzte Affen, sondern die großen Wertraubtiere an die Rampe und präsentiert sie richtig.
Wer anderes tut, ist ein armseliger Liebhaber oder ein verbrecherischer
Marodeur.
Wie das im Einzelnen aber vereint und getrennt, beleuchtet und abgedämpft,
gemischt oder verdeckt und am Ende dennoch gerecht verteilt wird, dieser
Schwertertanz zwischen Sein und Schein, dieser Pendelschwung zwischen Kunst und Politik, dieses Nüanzieren und doch Ballen ist die höchste Kunst des
kritischen Menschen.
Denn die rasche Entscheidung klingt immer tapfer und ist in der Regel dumm
und falsch. Ja und Nein sagen kann jeder Komiker, und die Gladiatoren, die, mit
Weltanschauungen eingeschient, mit Ansichten um den Bauch gebunden und mit
den Turnierzeichen ihres schließlichen Urteils schon im voraus dekoriert, in die Arena kommen, ahnen nicht eine Spur von den besseren Sitten und den höheren
Regeln des Handwerks. Aus dem Nein aber das Ja folgern oder aus dem Schein-
Positiven das Nichts herausziehen, Zeit im Zeitlosen schaubar machen und festes
Land schon im schwankenden Nebel der eigenen Epoche betreten, ist nicht nur
des Kolumbus sondern auch eines Cäsar wert.
Doch, retournons à nos moutons, das soll heißen: man kann verachten, wie
Herr Hauptmann Deutschland repräsentiert und dennoch eine Anzahl seiner Stücke ausgezeichnet finden. Es ist erlaubt, den Festungsgefangenen Toller für
einen Gentleman zu halten und einen mittelmäßigen Dichter in ihm zu finden. Es
ist erlaubt, Herrn Paul Claudel, Gesandten der französischen Republik und
Vollstrecker des Versailler Friedensvertrages zu hassen und ihn für einen
europäischen Dichter zu halten. Auch darf man Herrn Joachim v. d. Goltz den
Respekt vor der Konsequenz seiner vaterländischen Dichterei vor, während und nach dem Krieg nicht verweigern, auch wenn man diese Schillerei ablehnt. Dagegen wird niemand zweifeln, daß Deutschland in Herrn von Unruh ein
bedeutendes Talent besitzt, wenn auch bei der Begeisterung, mit der er die
Revolution begrüßte, es schwer verständlich ist, wieso er ein Stück wie „Louis
Ferdinand“, das in der Gesinnung unklar gebaut ist und zu nationalistischen
Demonstrationen reizen mußte, und also durch eine politische Auslegung und
nicht durch seine Qualität Erfolg hatte, trotz dieser Demonstrationen und ohne
Protest gegen sie wochenlang im „Deutschen Theater“ laufen ließ.
Man kann auch sagen, Barbusse sei einer der leidenschaftlichsten und
verehrungswürdigsten Menschen, aber ein mittelmäßiger Autor, d’Annunzio
aber ein bedeutender Dichter und eine unheilvolle Erscheinung. Man hat auf
diese Weise stets den Kerl am Genick, aber seine Bedeutung sicher deponiert
und kommt nicht in jene schelmenhafte Situation, wie jener von der Leyen, der,
während er eben noch mit ritterlicher Grandezza einen demokratischen Stier absticht, plötzlich wie ein Gassenjunge neben einer Kapelle herzulaufen und
darum begeistert zu schreien beginnt, weil sie militärisch ist, wenn tausendmal
auch an der Spitze ein miserabler Dirigent diesen Hohenfriedberger spielen läßt.
Heiliger Mars. Wer nur jenen unterbeamtenhaften Begriff des Vaterländischen
hat, daß lediglich Generäle und Kaiser ihm Ideale darstellen, kommt leicht in die
schändliche Lage, nicht nur, wie jener Professor, im Namen der deutschen Wissenschaft alle schlechten Wildenbruchs loben zu müssen, sondern
groteskerweise dem A das B folgen zu lassen und die übelsten Hetzer anderer
Nationen wegen ihrer ähnlichen Überzeugung, auch wenn sie gegen die Heimat
und gegen das menschliche Gefühl gerichtet sind, preisen zu müssen. Wahrlich,
das ist nicht mehr die Pose eines Unerschütterlichen, sondern es ist die Rolle
George Dandins, der sich in einen Kirmisirrgarten verlaufen hat. Er findet keinen Eingang und keinen Ausgang mehr, und wenn die Besitzer eines Abends die
Belustigung schließen, wird man auch seinem verzweifelten Gebrüll nur
glauben, daß man es mit einem Tollwütigen oder einem bemitleidenswerten Irren
zu tun hat.
Es ist im Grunde genau so feig, statt das Sachliche zu sagen, das Persönliche
aufzublasen, wie es ja bekanntermaßen auch ein Durchgehen nach vorne und
eines nach hinten gibt. Wer nach rückwärts durchbrennt, bekennt sich mit einem gewissen Mut zu seiner Feigheit, aber der nach vorn mit klappernden Rippen
Galoppierende hat die Lüge selbst noch einmal belogen. Wer die Person angreift
und damit dem Werk schaden will, begeht dieselbe amüsante Infamie wie jener
seltsame Heilige namens Schütze in Weimar, von dem der Balte Sternberg
erzählt, er habe Goethe brennenden Herzens gern angegriffen, es aber aus dem
privaten Grunde unterlassen müssen, weil es ihm in seiner Eigenschaft als Herausgeber des jährlichen Taschenkalenders „Für Lieb’ und Freundschaft“ geschadet hätte, plötzlich mit Galle statt mit süßem Speichel zu erscheinen. Der
Bund der Tartarins und der Sykophanten ist stets von denselben verächtlichen
Göttern gesegnet worden. Aber auch das Panthéon der Komik hat sie beide
lächelnd aufgenommen.
Denn die Halle des Ruhms hat sich manchem später geöffnet, den seine
Zeitgenossen in die Katakomben sandten, und der Name des Galilei und des
Sokrates ist in die Ewigkeit eingegangen, obwohl die römischen und
griechischen von der Leyens sie für religiöse und homosexuelle Verbrecher
ausschrien. Hat es dem Helvetius etwas gemacht, daß auf Parlamentsbeschluß
seine Bücher öffentlich verbrannt wurden, dem Wieland, daß die keuschen
Jünglinge des Hainbunds ihre armen Seelen an dem Feuer seiner graziösen Bücher wärmten, dem Luther, daß man ihn wie einen Bolschewisten jagte? Es
hat ihnen das Leben verbittert, aber ihr Werk ging daraus hervor, wie aus einem
Feuer der Läuterung. Beurteilt man Zola danach, daß er postulierte, die Republik
müsse naturalistisch oder gar nicht sein, bedenkt einer bei Courbets Bildern, daß
er wegen Umsturz der Vendômesäule im Gefängnis saß und auch als Exilierter
vom Staat die Millionen der Wiederherstellung tragen mußte und daß seine Kollegen vom „Salon“ seine Bilder nicht mehr aufhingen, weil sein Name nicht
mehr eine künstlerische Sache sei, sondern eine der Politik. Die heiligen
Perücken! Sie haben genau so gegen Voltaire und gegen Hutten und gegen
Flaubert getobt und haben nichts hervorgebracht als Exzesse der Langeweile.
Was hat es mit dem Ruhm Viktor Hugos zu tun, daß ein Kaiser ihn verbannte,
beeinträchtigt es die Staël, daß Bonaparte sie jagte? Und ist es nicht hochherzig, aber an seinem Werk nichts ändernd, daß Dickens sich gegen die Sklaverei und
Zola für den Dreyfuß aussprach. Verändert es die Bücher des Bulwer, daß er mit
sozialistischer Gebärde kam und als Toryminister für die Kolonien kulminierte,
hat Goethes Existenz in der Dichtung eine Verwandlung erhalten, daß zwischen
seinem Leben und seinem Werk ein bedenklicher Hohlraum klafft. Hat man
Mozarts Musik vorgeworfen, daß er ein unsozialer Mann war, die Briefe seiner Magd öffnete und Abscheuliches über das Los der Dienenden sagte? Hat das
Gesicht der Manzoni, Hugo, Byron, Foscolo, Lamartine andere Züge dadurch
bekommen, daß sie Oden zu Bonapartes Tode anstimmten, und hat es jene, die
es vermieden, im Urteil der Nachwelt verändert? Chapeau bas! Jeder Leistung
kann höchstens nur das Bedauern angehängt werden, daß ihr Vollbringer
vielleicht ein Schurke war. Sie kann hingegen nicht verändert, wohl aber geehrt
werden durch den besten Ruhm der humanen Gesinnung, und daß ihr Träger in seiner Haltung ein Edelmann und ein Freund der Menschen war.
Als Constant starb, begleitete ganz Frankreich seinen Sarg, nicht weil er nur
ein großer Schriftsteller allein, sondern weil er auch der schönste Anwalt der
Freiheit war. In der Wahl zwischen zwei gleichen Begabungen der Zeit, deren
eine gegen, eine für das Humane ist, entscheidet nur ein Gewaltakt, da man den
Zufall ablehnt. Es gibt in diesem Fall eine höhere Moral und sie ist nicht für die Feuerstakes eingerichtet. Schon Kant hat ähnlich „Über die Mißhelligkeit zwischen der Moral und der Politik in Absicht auf den ewigen Frieden“
geschrieben. Hat man die Wahl zwischen einem begabten Schurken und einem
dünnen Edling, zieht man das Los für den Schurken. Man muß gerecht sein.
Geht die Fragestellung jedoch aus der Kunst heraus in das, was für die
Zeitgeschichte nützlich oder verbrecherisch, human oder unsozial ist, so verstößt
man unbedenklich den Schurken, ohne sein Talent zu verkleinern und stellt den
begabten Brauchbaren an das sichtbarste Licht. Anders kann man nicht. Fiat iustitia, pereat mundus. Und wenn man dabei in die Krümpe geht.
Mijnheer, jener Sidney Smith, der Enten jagte und darum keine Zeit fand, sich
mit seiner Zeit zu beschäftigen, war ein ehrlicher Bursche, aber er verlor den
Verstand, als er mit der politischen Dichtung der Deutschen durch einen
grotesken Zufall zusammenstieß und nicht vermochte, über die Dichter hinweg
sich die Zeit zu erklären.
Aber die deutschen Jahrhunderte haben nie eine bessere Deutung gefunden,
als durch jenes Blut, mit dem deutsche Poeten die Bücher ihres Schmerzes oder
ihrer Zweifel an den Himmel geschrieben haben. Sie haben diesen Platz für ihre
Plakate gewählt, weil der Himmel selbst sich nicht herabließ, auf Deutschland
selbsteigen herunterzusteigen, und in seiner fernen Vollkommenheit der
unvollendeten Sehnsucht der Gequälten der sichtbarste und seltsamste Ort schien. Nur das Mittelalter hatte seine Bläue eine Weile auf der Erde erblickt, als
die Poeten mit ihren Höfen vereinigt durch die Gärten ritten.
Doch schon der Hans Sachs war für und gegen seinen Kaiser, wie es gerade
kam, und die Manuel und Rosenblüt waren bürgerliche Kondottieri, Luther war
ein sozialer Reaktionär und ein religiöser Rebell in einer Figur. Die Brant und
Fischart waren gegen alles, Murner war gegen, Hans Sachs war für Luther und Hutten stritt wie ein Engel, aber nicht für Deutschland, sondern gegen Rom.
Klopstock suchte an Stelle der griechischen Nymphen einen teutonischen
Wotanskult zu setzen und propagierte zur Ertüchtigung der Jugend den Eislauf,
während die Stolbergs, die in ihrer Jugend Tyrannen fraßen, das Glück der
Nation im Frieden mit der katholischen Kirche machen zu können meinten.
Goethe und Schiller wußten geschickt ihr Brausen zu dämpfen, während vom
„Sturm und Drang“, ohne ihren Frieden mit den herrschenden Sitten zu machen, Büchner ins Ausland floh, Schubart zehn Jahre in die Festung sauste, Klinger
aber in der Fremde als General verstarb. Gegen was fochten sie alle? Gegen
nichts.
Für ein Deutschland waren sie aufgestanden, ihre Glieder zu zerschmettern,
das nicht bestand, dessen Traum aber ihre besten Köpfe immer so sehr
beschäftigte, daß selbst die praktischsten Männer zu Schwärmern wurden. Sie schwärmten sich in eine Idee hinein, in deren paradiesisches Hafentor das Land selbst hineingelaufen wäre wie das glückhafte Schiff der Legende, wenn es
Ruder und Maste und Steuerzeug dazu gehabt hätte. Aber es war keine
Gesellschaft da, die es hätte leiten, keine Zentrale, die es hätte führen können, es
war ein Staat von siebenundzwanzig Ameisenhaufen, ein Gewirr sich
befehdender Zwerge, ein Mosaik wie das Italien des Quattrocento, nur daß es
des Glanzes und der Höhe des Geistes entbehrte, die aus dem zerrissenen Italien
eine so ungeheure Einheit machten, daß die vielen kleinen Kreise nur seine Eigenart nüanzierten statt sie zu sprengen. Die Deutschen aber waren in eine
hilflose Diaspora hinausgetaumelt und hatten wohl Trennungen, aber keine
Gemeinsamkeiten und wohl ein Mosaik, aber kein Weltgefühl, das sich darin
spiegelte.
So furchtbar war das Wirrwarr der Leidenschaften und Empfindungen in
Deutschland ausgewachsen, daß selbst die klügsten Männer sich zu den Utopien flüchteten und ein Mann wie Forster, der mit Cook die Welt umsegelt hatte, bei
Beginn der französischen Revolution das Rheinland daran schmeißen wollte, da
er wahrlich an einen großen Staat der Freiheit deshalb glaubte, weil er überhaupt
etwas glauben wollte, um nicht zu sterben vor Übelkeit und sich lieber
entschloß, das Unmögliche als gar nichts zu glauben.
Die Freiheitsfeuer des Körner und seiner Schar waren wirklich umsonst geschichtet, wenn ihre Folge war, daß der Bundestag von
Achzehnhundertfünfunddreißig das „Junge Deutschland“ in Bann tat, das schon
damals für die Republik und in der Tat ebenso glühend mit der Feder wie die
Schwertsänger mit den Säbeln für die Freiheit kämpfte. In ihnen verdammte man
wohl seine besten Söhne und machte damit keineswegs die Lyrik der Arndt und
Schenkendorf und Rückert zu besserer Literatur. Armes Deutschland, dessen politische Dichter schließlich nicht einmal die großen Ankündiger der
Umschwünge in seiner Gesellschaft waren, sondern nur seine flackernden
Ungewißheiten, seinen mangelnden Charakter oder seine unbestimmbaren
Sehnsüchte ausdrückten. Und die auf der Flucht vor der Leere um sich das,
wofür sie kämpften, mit einer gewissen unklaren Dämonie statt in das Gesicht
ihrer Nation in den Sternbogen schrieben.
Denn wenn sie auch gegen Papst und Tyrannen und Dummheit stritten mit dem Mut der Löwen, so war es doch nur das dumpfe Gefühl für ein unklar
empfundenes und ihnen stets verhüllt gebliebenes Standbild der Freiheit, das sie,
ohne Nation hinter sich, weder zu erblicken noch zu gestalten vermochten.
Ja sie waren so verblendet, daß sie, wenn Deutschland wieder einmal am
tiefsten verloren war, statt die Freiheit in ihren eigenen Herzen zu suchen, sie in
ihren Kostümen exhibierten und nach dem Wiener Kongreß genau wie nach dem Versailler Vertrag in Deutschtümeleien und antisemitischen Paraden jenes Heil suchten, das ihnen nur durch eine wahrhaft innerliche Kraft zu dem echten
Deutschtum kommen könnte. Sie kämpften immer gegen, aber nie für etwas.
Selbst die Romantik, die so glühend und herrlich begonnen, war verurteilt, mit
einer Posse zu enden. Das Puppenspiel der Freiheit, das seine Dichter spielten
und in dem die Bettina und Rahel die Männer und den Geist der Epoche
durcheinanderbrachten, war verloren, als zwischen livrierten, Silberleuchter
tragenden, Lakaien Herr Schlegel als Attaché des Metternich erschien und jener Tieck, der gegen die Hofräte sich weidlich getummelt hatte mit dem
schmerzhaften Roß seiner Phantasien, im Rock des Hofrats den Laden schloß
und als Vorleser des vierten Friedrich Wilhelm auf das Schloß hinauf eilte, eifrig
sein Buch ergriff und seine alten Scherze wiederholte, während der König,
blödes Zeug zeichnend, den alten Dichter nach jedem Satze unterbrach, um
seinen Hofdamen seine Witze zuzurufen.
Ja sie haben dieselbe Rolle gespielt wie die Adamiten des zweiten
Jahrhunderts, die unter den Verhöhnungen der Menge nicht abließen, zur
Prüfung der Enthaltsamkeit sich nackt in den Städten zu bewegen. Aber die
Dichter haben, wenn sie sich um der Freiheit willen entblößten, nur den Spott
ihrer Landsleute über diese Verhöhnung der bestehenden Sitten
entgegengenommen und weder ihre Tugend gefördert noch die Nation gebessert, sondern nur den Stand bei der Menge verächtlich gemacht.
Mijnheer, dieser Sidney Smith, der durch die Entenjagd verhindert war, an der
Gegenwart teilzunehmen, war ein grader Mensch und in seiner Einfachheit ein
Charakter. Er erkannte die Leistungen nicht an, aber die Gesinnung. Er hatte
etwas vor uns voraus in dieser unbedingten Fähigkeit, das eine nicht zu sehen
und das andere zu empfinden und er vermochte die Gerechtigkeit der Beurteilung außer Acht zu lassen, aber die Geradheit und den Charakter nur zu
loben. Er hatte Recht, daß er die Gesinnungen bevorzugte und die Visitenkarte
sehen wollte. In stürmischen Zeiten ist es wichtiger, den Gegner zu wissen und
zu achten, statt sich mit undefinierbaren Breien an die Tafel setzen zu müssen,
und es gibt Zeiten, die mehr die menschliche Konfession als das Schmalz einer
falschen Schönheit verlangen.
Der Zauber der französischen Revolution hat, mehr als Bekenntnis wie als politische Forderung, bis tief ins vorige Jahrhundert hinein gedonnert und es gibt
eine Kunst, die weniger den Anspruch erhebt, eine Nation auszudrücken als ihr
Gewissen zu sein.
Die ganze Generation Europas während des Krieges hat sich irgendwie für
oder gegen ihn entschieden und damit irgendwie einen übernationalen und
europäischen Standpunkt eingenommen, wie er kaum vorher erreicht worden ist. Die Lyriker und die Maler sind mit an der Spitze marschiert, und manche Gedichte der Russen hätten in Italien, manche der Franzosen aber in
Deutschland geschrieben sein können. Lamartines „La grandeur d’âme est à
l’ordre du jour“, schien für eine gewisse Zeit ganz Europa zu erfüllen.
Zwar flauten die Stimmen der Helden bald ab, die überall den Tyrtäus bliesen,
und die Maschinenschlacht von vier Jahren bewies manchem, daß es schöner zu
leben, als zu krepieren sei. Aber je gewaltiger die Kanonen Europa
auseinanderrissen, um so heftiger wurde die Stimme, die auf allen Fronten sich der Zeiten erinnerte, wo die Menschen mit friedlichen Gewohnheiten und ohne
mörderische Blicke sich begegneten, und die Dichtung Europas erlebte einen
Hymnus der Kameradschaftlichkeit.
Zwar nahm unter dem Schwinden des Kriegsdrucks die Spannung ab und
mancher, der geglaubt hatte, ein großer Dichter zu sein, fand, daß er nur ein
Mensch mit Gesinnung war, aber ohne Zweifel hat die Lyrik Deutschlands in den Sängen Werfels einen der besten Hochschwünge erreicht. Der Schatten des
großen amerikanischen Urnings Withman stand über der Epoche, die einen
großen Weltakkord anstimmte. Die Lyrik unter Däublers weit verwuchertem
Versspalier, unter Becher, der die Strophen in einer Verzweiflung ohne Maß zu
futuristischen Quadern zerbrach, unter den Brüdern Schnack, Schickele,
Wolfenstein, Rubiner, Ehrenstein, Stadler, dem sanften Trakl, der Lasker-Schüler, Georg Heym, Weiß, Zech und Hasenclever spiegelt die Epoche, in der
sich der Mensch wie ein Gotiker gegen den Materialwahnsinn des Mordens
auflehnt, am klarsten wieder.
Es gibt in Deutschland kein Kunstwerk, das den Krieg verherrlicht hätte, aber
eine Masse, die sich gegen ihn stellten wie die trojanischen Fechter. Der Krieg,
den die Kunst kämpfte, war nicht jener der Kruppschen und Creusotschen Kanonen, sondern war der Krieg der menschlichen Gesinnungen gegen die
Barbarei, denn auch die Griechen waren seinerzeit nur ausgezogen, den Bruch
der menschlichen Gesetze zu ahnden. Bleibt auch bei jeder Gesinnungskunst
immer ein kleiner Verdacht der mangelnden Größe und entpuppte sich mancher
humanitäre Bramarbas oft als kleiner Don Quichote, wenn man an die Leistung
klopfte und das humanitäre Ideal ihm ein wenig von der damit gepanzerten
Herzgrube wegschob, so ist in der Lyrik ohne Zweifel seit der Romantik Deutschlands beste Leistung im Krieg gesungen worden.
Auch die Maler hatten die Hinterlassenschaft der Hogarth und Gavarni
aufgenommen. Das ganze neunzehnte Jahrhundert war gefüllt mit der
Proklamierung menschlicher Thesen, die man mit dem dafür erfundenen Mittel
der Lithographie an die Wände und an die Zeitungen schlug. Die Zeiten haben
sich stets auch ihre Techniken geschaffen. Der Holzschnitt gab dem Mittelalter die Treue und die Gläubigkeit und die Überzeugung seiner religiösen Kämpfe. Kupfer und Stahlplatte führten in die artistischen Gärten. Die Lithos schrien
nach den Pallisaden, wo sie die Erregung der Sekunde sofort zu spiegeln bereit
waren. Die Daumiers und Delacroix und Steinles und Lautrecs haben ihr
Jahrhundert attackiert, und selbst der unpolitische Gavarni hat in dem von Politik
fast platzenden Zeitalter Louis Philippes durch seine Verspottung der
politisierenden Spießer seine politische Mission getan.
Wie hat die Graphik schon den Bonaparte gefaßt und wie haben die Jakobiner die anrückenden Fürsten belächelt und mit welcher Schamlosigkeit, aber
welchem Mut hat man die Erotik und die phallischsten Zeichnungen aufgerufen,
um Viktor Emanuel und die spanische Isabella und Eugénie und Napoleon
unmöglich zu machen! Félicien Rops hat, um die Größe des Königstums zu
beweisen, den vierzehnten Ludwig mit einem Riesenphallos gezeichnet, den eine
Krone schmückte.
Von diesen politisierenden Absichten und ohne jede Frivolität zog sich die
Graphik in der Zeit des Krieges zum Teil sogar auf den Holzschnitt zurück,
suchte entweder Symbole der Menschen zu schaffen oder gab ein
leidenschaftlich zerrissenes Gesicht der Gesinnung zu erkennen. In den Blättern
von Frans Masereel, der täglich in der Genfer „Feuille“ gegen den Krieg
protestierte, in den Zeitschilderungen von Beckmann und Großmann, und in den fatal das Skelett der Zeit weisenden Anklagen des George Groß ist eine
künstlerische Höhe mit der Tiefe eines gesinnungshaften Glaubens erreicht.
Man kann sehr skeptisch sein und seine Zeit dennoch sehr vollkommen in
diesen Dingen sehen. Dem einen ist es bestimmt zwischen achtzehn und dreißig
Jahren zweiundzwanzig Frauen zu besitzen, wie Stendhals Martial, und dem
anderen ist es auferlegt, seiner Kunst und seinem Gewissen die fletschende Gebärde einer Zeit abzuringen, deren Formung so genau mit seinem Glauben
übereinstimmt, daß man diese Epoche nur als die Vermischung von Fegefeuer
und Seligkeit zu begreifen imstande ist.
Die edelsten Figuren in dieser humanitären Welle haben mit Romain Rolland
und Henri Barbusse die Franzosen gestellt. Auch Rolland ist kein überragender
Dichter, aber ein Mensch, dessen Horizont und Gewissen so weit sind, daß sie
seine Werke tief durchdringen. Er wie Barbusse sind Epigonen des Tolstoi, nur daß Barbusse, der den einzigen großen Kriegsroman in seinem „Feuer“
geschrieben hat, der mit der imposanten Haltung seiner Figur jene wundervolle
Plejade eines Völkerbundes der besten Geistigen der Welt gründen wollte, seine
eigene „Clarté“ zerschlug, indem er unter die Satzungen der Sowjets sich bückte
und in die Politik das hineinführte, was höchstens innerlichstes Bekenntnis sein
durfte. Die Duhamels und Chennevières, den tapferen Paul Colin an der Spitze, die Vildracs und Balzagettes sind von ihm, der zu dem Schwert sich entschlossen hat, nachdem er es bekämpfte, zu der milderen Gestalt Rollands
hinübergegangen, der die Reinheit der Kunst durch keinen Gewaltgriff besudeln
möchte.
Die schönste Stimme aber unter diesen seltsamen Kämpfern gegen den Krieg
hat neben René Schickele die mutige Frau, Annette Kolb, der an dichterischer
Kraft nur noch die jüdische Dichterin Else Lasker- Schüler, an stilistischer
Schönheit aber niemand zu vergleichen ist. Ihr Buch „Zarastro“ ist eine Kammermusik sehr erlesener europäischer Gefühle und tadelloser Bekenntnisse
und damenhaft distanzierter Gepflegtheit der Worte. René Schickele hat das Blut
und die Klugheit des Hirnes zu einer grandiosen Proklamation an die
Überlegenheit der Vernunft und die Heiligkeit des Geistes gewendet, und
Leonhard Frank das brutale Gespenst seiner Sätze zur Verteidigung der
Menschlichkeit gegen die Dummheit aufgerufen. Die schärfste Sprache hat Sternheim gegen diese Epoche der ausschweifenden Irrsinnstaten gefunden, und
weder in seiner Gespitztheit noch in Heinrich Manns Würde noch in Franks
Verzweiflung oder des Schickele heller Wärme hat der deutschen Prosa der
Genius gefehlt, der dieser Überzeugtheit und dem untadeligen Anstand nicht
noch den Kranz einer gewissen Vollkommenheit hinzugefügt hätte.
Die Epoche im Umkreis des größten europäischen Krieges hat ein weites Leichenfeld von Dichtern, die ihn in schlechter Weise besungen oder in edler
Form getadelt haben, und von dem möglichen und wahrscheinlichen Adel der
Gesinnungen ist nichts geblieben als ein taubes Korn. Aber in dem Konzert von
Mohrentrommeln, Dudelsäcken, Mitrailleusen, Schalmeien, Motoren,
Feuerbrünsten, Sackpfeifen und Sirenen, das als Echo hinter der Epoche
aufsteigt, hat sich in diesen Dichtern ein Orchester der Erlesenheit gehalten, das zur Kunst den Anstand und zur Höhe der Sprache die Kraft eines Gewissens zu
legen verstand.
Es haben am Rand der Zeit aber weder die Harlekine noch die tragischen
Spaßmacher gefehlt und die Leuchtfeuer des großen Weltdébacles haben sich
manchmal sogar im phosphorischen Glanz der Maden gezeigt, die in den
Kadavern ihre Orgien hielten. Die Jünglinge, die sich in Zürich zusammentaten
und sich den Namen „Dadaisten“ gaben, haben, um ja nicht irgendwie das bürgerliche Zeitalter zu berühren, sowohl die Sentimentalitäten wie die
moralischen Begriffe der seitherigen Welten abgelehnt und sich nur für den
Tanzschritt einer absoluten Zerstörung entschlossen. Selbst zum Krieg, an dessen
Begriff sich heute die Leidenschaften der Völker am heftigsten schlagen, haben
sie keine Stellung genommen und sich begnügt, in seiner Saat an Kokotten und
Schiebern ein ebenso zynisches wie originelles Festspiel zu entfalten.
Guter Aristophanes! Soviel Zynismus war noch in keinem literarischen Stall. Und soviele Menschen, die eine neue Fauna, das Kriegsaas, als
Schilderungsboden entdeckten, hat noch keine Gesellschaft hervorgebracht. Sie
haben ihr Programm der Zerstörung, ihre unverständlichen Gedichte, ihre
graphischen Stottereien, ihre Abende, an denen Klaviere und Schreibmaschinen
und Niggertänze um die Wette klapperten, wohl als Scherz gemeint am Anfang,
aber der Bluff wandte sich gegen sie und verurteilte sie, als die Lärmmächer
eines Zusammenbruchs der Welt eine Zeit lang ihren disharmonischen Cancan zu tanzen, der schon apokalyptisch vor den Wetterwolken der kommenden
gesellschaftlichen Auseinandersetzungen der Menschheit dunkel sich reckte.
Diese Welt ist innerlich zerplatzt, Mijnheer. Bis zu dem vierzehnten Ludwig
lief jene feudale Kraft, die Volk, Kunst, Glauben, Politik mitriß, dann bröckelte
alles ab und stößt sich von Revolte zu Revolte. Mijnheer, die Welt ist kein
Football und geht nicht von Goal zu Goal, sondern von der Bewegtheit zum Kristall. Sie ist geplatzt und will wieder zueinander, und alle Sänger der Freiheit
haben nur die eine Idee, sie wieder zu einigen. Das kommunistische Experiment
in Rußland ist in denkwürdiger Größe verloren gegangen. Die britische Insel, die
sich sehr früh durch ihre Glaubensrevolte konsolidierte, fühlt sich von inneren
Gespenstern bedroht wie nie. Deutschland ist wie allezeit der Nabel der Welt,
ihm ist der Bauch völlig aufgeplatzt und man beginnt ihn langsam wieder einzunähen.
Diese lallenden Jünglinge des „Dada“, die alles zu verachten und alles zu
zerstören bereit waren und mit einem grausamen Hohn forderten, man solle die
geistigen Menschen öffentlich auf dem Potsdamer Platz speisen und die Kirchen
als Bordelle einrichten, diese dadaistischen Jünglinge, die noch kühner waren
wie die Jakobiner, welche aus den Domen nur die Ställe ihrer Kriegspferde machten, sind nur die ersten Frissons jener Gespenster gewesen, die sich aus
einem überpolitisierten Zeitalter als die Hyänen einer unvorstellbaren Anarchie
am Weltuntergang auf uns stürzen werden.
Sie sind eine amüsante Posse in der Art des Malers Ensor, der mit einem
hemmungslosen und narzissisch lüsternen Grauen auch die ganze Gegenwart
vernichten möchte. Aber in ihrer Leistung hat, obwohl Herr Hülsenbeck und
Serner begabte Männer sind, die Muse so wenig gewohnt wie in jenen sowjetischen Proklamationen, mit denen die Russen eine neue Kunst
kommandieren zu können glaubten und vergaßen, daß sich die Ideen wohl
glauben und die Herzen wohl erhöhen und die Gefühle wohl steigern, aber
niemals die einen wie die anderen sich irgendwas befehlen lassen.
Über ihnen aber sind mit großem Freskostil die Bilder gemalt, die der Däne
Pontoppidan vom untergehenden bürgerlichen Zeitalter gemalt hat, mit denen Gorki eine neue Klasse ankündigt, die der Bornholmer Nexö mit einer fabelhaften Gewalt vom Kommen der neuen Gesellschaft prophezeiht und die
der Amerikaner Sinclair in seinen Werken anzeigt, die alle zur Eroberung der
Macht durch eine neue Gesellschaft fest entschlossen sind. Delacroix hat die
Freiheit mit der Jakobinermütze noch gezeichnet als schönes Weib mit einer
Fahne. Pennel hat in seinen graphischen Blättern den Panamakanal und ein
denkwürdiges Monument des arbeitenden Fleißes widergespiegelt. Bei Sinclair
und bei Nexö findet sich mit paradiesischer Sicherheit bereits der von der Sklaverei befreite Mensch der niedersten Klasse, der sich mit den herrschenden
und schwer beschädigten Klassen zu vermischen oder sie zu vernichten bereit
ist. Wissen Sie, was das heißt, Mijnheer? Tod oder neue Gesellschaft.
Man soll nicht pathetisch werden, wenn die ernstesten Dinge kommen, die
großen Szenen der Wirklichkeit spielen sich von selbst. Man sieht sich leidlich
ebensogut nüchtern um. Um Siebzehnhundertsiebzig wurde von James Watt der Begriff der Pferdestärke geprägt, die Maschine war erfunden, expreß fast, wie es
scheinen möchte, um die Zerstörung der seitherigen Welt zu beschleunigen und
zu präzisieren. Die Eisenbahnen waren die teuflischste Erfindung der
Demokratie, und die Burgen der Feudalzeit hingen als schlechte Witze über
ihren Geleisen. Man fährt im Flugzeug nach Amerika und in einem Tag nach
Moskau, photographiert auf tausende Kilometer, telegraphiert ohne Draht über den Erdball, hat die Pole entdeckt und kein Geheimnis mehr auf dieser Welt.
Zu der Staël sagte ihr Vater Necker, da sie so dekolletiert sich zeige und nichts
dem Blick verweigere, möge sie wenigstens ihr Gesicht verhüllen. Europa hat
sich ausgerast und könnte nun beginnen, sich verhüllt auf sich selbst und seine
Aufgaben zu besinnen. Die Dichter, die sich gegen es gestellt haben, sind seine
besten Berater gewesen und haben seine Idee am wahrsten behütet. Es hat sogar nicht einmal einen einzigen deutschen Poeten der Reaktion gegeben, der von
Bedeutung gezeugt hätte und man kann wohl schließen, daß die Reaktion darum
eine Gott ungefällige und schlechte ist.
Auch die Neuauflage der Gedichte zum Krieg von Lissauer, Körner auf
Zeitungspapier und einige zwischen Weltfriedenssprüche rasch bestellte
Kriegslieder von Gerhart Hauptmann würden die Reaktion nicht mit dem Fleisch
versehen, das ihr ebenso fehlt wie der Geist. Die Republik müßte sehen, sich zu festigen zu einer neuen Gemeinschaft oder sie muß mit ihrer Getreuen sterben.
Europa muß eine Weile sein Haupt verhüllen und sich beruhigen und auf sich
besinnen. Daß seine Dichter sich gegen ihre Mutter gestellt haben, war diesmal
keine Politik und war keine deutsche ziellose Verzweiflung, sondern war sowohl
die Besorgnis des Geliebten wie die Vorbereitung der Zukunft. Mehr kann man
nicht tun.
Der Entenjäger Sidney Smith war vielleicht ein Narr, aber er ahnte, daß in manchen Zeiten die Menschen wichtiger sind als ihre Bücher. Das ist eine
Barbarei für den Künstler und eine Roheit für den Kultivierten. Aber auch im
Mittelalter sind die Könner manchmal in die Kutte der Prediger gesprungen,
Apollo hat wie in des Euripides „Alkestis“ auf einer so menschlichen Flöte
geblasen, daß zu den Rinderherden sich die gefleckten Luchse und die
feuerfarbene Schar der Löwen im Spiel gesellte.
Man tut das Seine und schafft seine Leistung wie man kann und keiner wird den Könner unwürdig ehren. Aber man lebt nicht für die Kunst, sondern für die
Zukunft und man steht am Vorabend einer abscheulichen Mörderei oder einer
neuen Gesellschaft. Man muß sich entsprechend einrichten. Denn man lebt
schließlich nicht auf einer begnadeten Zeit, sondern in manchem Sinn in einer,
wenn auch geliebten, Hölle.
Mijnheer, geschichtliche Tatsachen erklären heißt nicht Partei nehmen, sondern sich für den gesunden Gang der Dinge aussprechen. Eine alte Zeit, der
nachzujammern so dumm wie unbescheiden wäre, hat sich vollendet. Die letzte
Großherzogin von Baden war blind und fuhr viele Jahre hindurch durch ihre
Hauptstadt im Glauben, daß jedermann sie begrüße. Es wagte niemand ihr zu
sagen, daß sich die Zeit verändert habe und sie fuhr auf ihrem schon
unwahrscheinlichen Wagen grüßend und nickend durch die Jahre und die Straßen, ohne daß die Bevölkerung sich um sie scherte und ohne daß sie es
ahnte. Es hat eine gewisse Größe, wie diese Zeiten sich unbewußt neigten. Zur
selben Zeit sandten die französischen Regierungen Deputierte nach Afrika, die
Negerstämme zum fleißigen Verkehr der Geschlechter und zahlreichem
Kindersegen aufzufordern, um ihre Cadres für kommende Kriege und
Revolutionen aufzufüllen mit schwarzen Soldaten. Das ist Europa, Mijnheer, und zwischen beiden Bildern schwebt mit einer gewissen unbestimmbaren Schönheit
das dritte Bild seiner neuen Konsolidierung.
Nicht jedermann, Mijnheer, ist overdressed, der besser angezogen ist wie man
selbst, und nichts ist schlimmer wie ein Hochmut, hinter dem nichts steckt. Jedes
Volk hält sich für das auserlesene und keines hat die Demut, an seine innere
Kraft statt an seine sichtbaren und äußerlichen Symbole zu glauben und jedes
steht sich damit selber und der Menschheit im Licht. Man liebt es nicht, die Gesinnungen zu ehren, auch wenn sie befremdend sind, sondern man läßt die
Feuerstakes gewähren und hält die Sitten der Jahrzehnte über die Seele der
Nation. Ach, wenn die Nationen sich in Riesen verwandeln würden und wie
Antäus ihren Völkern zeigen könnten, daß nur seine wahre Kraft entfalten kann,
der wahrhaftig auf seiner eigenen Erde richtig steht und nicht auf Lügen
schaukelt, auf Einbildungsregenbogen dahergeht oder in Schlummerrollen der Bequemlichkeit schläft.
Die Riesen würden sich ein Geschlecht züchten, dessen Untergrund wohl
etwas von der Naivität hätte, mit der jener Sidney Smith die Welt anschaute
hinsichtlich ihres Charakters und ihrer Gradheit, denn ohne Menschlichkeit gerät
vielleicht ein Kunstwerk, aber keine Nation. Wo aber keine Gesellschaft ist, wird
auch die Kunst und die Könnerschaft verdorren und es werden vielleicht die
Disteln aber nicht die Dichter wachsen.
Die Riesen werden die fauligen Menschen ins Meer schmeißen, wie Kronos mit einem Teil seines gestürzten Vaters Uranos tat, worauf aus dem Blutschaum
sich ihm als das schönste Symbol die Aphrodite gebar. Man muß Europa auf sich
selbst bringen, sonst rast es sich tot.
Europa hat nach dem Krieg statt einundvierzig nur noch siebzehn Monarchen,
es betrübt das vielleicht den Monarchisten, aber es bedeutet im Grunde nichts.
Europa ist etwas größer wie die Hälfte von Südamerika, von dem die Europäer fast nichts wissen und ist lange nicht die Hälfte so groß wie der Norden
Amerikas, vor dem ihm graust. Europa ist in eine völlige wirtschaftliche
Unterordnung zur neuen Welt getreten und hat sich in siebenunddreißig Staaten
geteilt. Europa muß viel Hochmut haben, um seine Situation nicht zu verkennen
und sehr viel Bescheidenheit, um klar zu erkennen, wo es steht und wohin es
fährt.
Es fährt mit einem Schiff, in dem die Steuermänner und die Kapitäne und die
Matrosen dreißig Sprachen sprechen, wo alle bewaffnet sind und wo neben den
Gewittern die Hungersnot und das Elend und der Haß die einen gegen die
anderen voll mörderischer Gedanken gemacht haben. Viel anders sah es auch
nicht aus auf dem Schiff des Kolumbus, allein seine Leute vermochten dennoch
die Neue Welt zu entdecken. Sie führten unter anderem den abgeschlagenen Kopf eines Heiligen als Reliquie bei sich.
Ich entsinne mich, Mijnheer, hierbei eines Marmors im „Luxembourg“, den
ein Künstler jenem Dichter widmete, der zur Tröstung einer schönen
Mitgefangenen im Kerker einunddreißigjährig eines der drei großen Gedichte
der französischen Sprache schrieb, eh’ die Bergpartei der Schreiber ihn
guillotinierte. Er nannte es „die Muse André Chéniers“. Eine junge Frau, mit
unberührten Brüsten und der zärtlichsten Wollust der Schenkel drückt mit der Innigkeit unbrechbarer Zuneigung den abgeschlagenen Kopf des Dichters an
ihre Brust und ihren Mund.
Ach, hätte das Schiff Europas das gleiche Wahrzeichen wie jener Kolumbus
bei sich und vermöchte der Geist so stark zu werden in ihm, daß es die Liebe
seiner verstoßenen Söhne so begriffe, daß es sie ebenso zärtlich grüßte wie die
Muse den Kopf des Chénier. Denn im Augenblick der Berührung erhält der marmorne Kopf des Dichters neues Leben und seine Muse trinkt sein Blut.
Mijnheer, das Parabolische ist nicht der Genre eines holländischen Gentleman,
ich verwirre mich in Bilder und Erinnerungen und ich habe einen Augenblick
geträumt mit der Kühnheit eines Kindes. Kehren wir aus dichterischen Träumen
in die Zahlen unseres mathematischen Zeitalters zurück. In diesem Kursbuch
stehen die Tageszeiten aller Kontinente und ihre Tabellen zum Gebrauch der
Börse. Noch, Mijnheer, kann man, fährt man von New-York nach Europa,
täglich seine Uhr um dreiviertel Stunden vorrücken. Verstehen Sie mich, obwohl ich schon halb schlafe?
Möge nicht die Zeit kommen, wo man sie zurückstellt in seinem Herzen!
Die siebente Nacht
In der Tat, Mijnheer, Siebenzehnhundertsiebzig hat James Watt den Begriff der Pferdestärken geprägt. Achtzehnhunderteins stellte der Amerikaner Oliver Evans
die erste richtige Hochdruckmaschine her. Achtzehnhundertachtundzwanzig lief
durch den wackeren Mann George Stephenson auf der Stockton-Darlington-
Bahn der erste Personenwagenzug. Achtzehnhundertdreiundvierzig baut Morse die erste große Telegraphenlinie von Washington nach Baltimore.
Dreizehn Jahre später zieht sich das erste submarine Kabel durch den Hafen
Portsmouths und dreiundvierzig darauf ist die Erde mit
siebenhunderteinunddreißig Kabeln verbunden. Neun Jahre nach der Startung
des deutschen Kaiserreichs läßt Siemens & Halske die erste elektrische Bahn
laufen und im Jahr darauf beginnen die amerikanischen Hauptstädte sich telephonisch zu verbinden und die Welt damit in einen Zaubergarten zu
verändern.
Mittlerweile geschieht der Aufbruch der Menschheit aus der Innigkeit des
Mittelalters, wo die Seelenfähigkeit sich nach innen stellte, in die
leidenschaftliche Neugier des wissenschaftlichen Abenteuers.
Achtzehnhundertsechsunddreißig ließ Green den ersten Ballon mit Leuchtgas
steigen, fünfundsechzig Jahre später hat man Höhen von über zehntausend Metern mit Sauerstoffmasken erreicht, hat Apparate, um einige tausend Meter
unter dem Meer arbeiten zu können.
Die englischen Alpenklubisten überschwemmen die Schweiz. Ein Dutzend
Männer hat als Lebensaufgabe die Ersteigung von Bergen, auf die heute
Zahnradbahnen führen. Mr. Wimpher gelang es Achtzehnhundertfünfundsechzig
unter tödlichem Verlust seiner halben Expedition, das Matterhorn zu ersteigen. Vier Tage darauf folgten ihm Italiener von ihrer Seite. Livingstone, Emin
Pascha, Stanley, Baker, Gessi, Hedin erforschen Afrika, Asien. Man entdeckt die
Pole. Achtzehnhundertsechzig stellt Lenoir den ersten schüchternen Motor her.
Fünfzig Jahre später laufen Autostraßen durch die Wüste, Motorboote durch die
exotischsten Seen. Im selben Jahr photographierte man noch Latham, wenn er
von Paris zehn Kilometer zur Jagd flog, als Fabel-Helden in allen europäischen Gazetten. Blériot überspannte sodann mit seinem Äroplan, Heros einer neuen
Mythe, den Kanal. Zehn Jahre darauf fährt man im Flugzeug mit zwei
Unterbrechungen von Portugal nach Chile. Die Erde ist organisiert, sie hat keine
Wunder mehr, statt dem Geheimnisvollen ist das Exakte in das Dasein getreten
und statt der Frömmigkeit das Tempo, statt dem Glauben die Wissenschaft.
O gute alte Zeit! Selbst in ihrer Tragödie stak doch noch Intimität!
In Tegnérs Frithjofssaga wird den Gefangenen noch der Blutaar geritzt, ein
Adler in den Rücken geschnitten und das Rückgrat von den Rippen gelöst.
Cicero wird in einer Sänfte von Männern nach Bajä getragen. Sechzehnhundert
gab man Mäuse zu speisen gegen Zahnschmerzen. Bonapartes Adjutant ward
von Wölfen gefressen. Béranger, Balzac und Pückler mußten Stecknadeln in ihre
Kerzen stecken, um jedem bei ihrem Gespräch damit die Rededauer einzuteilen.
Goethe sandte Wieland für den „Oberon“ nicht eine Depesche, sondern einen Lorbeerkranz und Gleim schickte einen Korb Kiebitzeier . . . . . .
Mijnheer, zwar besaßen die Ägypter und die Hellenen auch bereits Bahnen
und Schienengeleise. Auch von Paris nach Lille telegraphierte man mit
Zeichensignalen über eine Stafette von zweihundertfünfundzwanzig Kilometern
in zwei Minuten, war aber bei Sturm, Nebel und Nacht noch verloren.
Man hatte aber die Elemente noch nicht gefangen und noch nicht das wilde Sausen über seinen eigenen Nacken gesetzt, mit dem sie ausbrachen und uns zu
den Schelmen und Sklaven unserer eignen Kühnheit machten. Wir leben in einer
wahrlich anderen Welt, und zwischen den stampfenden Maschinen Citroëns
wäre eine neue schwäbische Dichterschule genau so scherzhaft wie ein
vegetarianischer Wanderprediger auf der Sturmflutmole von Swinemünde.
Es bleiben zwar die Seelen und die Qualitäten der Menschen dieselben, aber in ihren Formen sind sie zwillingshaft jeweils an ihre Epoche geschmiedet. Graf
Leopardi, der aus Angst vor der Cholera starb und vorher Italiens
schwermutvollste Gedichte schrieb, im Flugzeug der Futuristen sitzend, wäre
schon das Bild eines Fieberwahnes, und Freya hätte, als sie, vom Zeitbaum
Ygdrasil aus, den Ödur suchend, goldene Tränen vergoß, in keinem anderen
Raum als dem der Mythen es vermocht. Die Zeit rollt mit allen ihren Hebeln und Kräften ihre Repräsentanten an die Rampe und es ist nicht die Schuld und nicht
das Verdienst ihrer Helden, wenn sie mit dem Weltdonner von Ragnarök in die
Götterdämmerung fahren oder im Zuckblitz der Scheinwerfer und zweihundert
PS die Ewigkeit suchen. Auch die Vehikel der Dichtung sind nur von dem
Sturmschritt der Erde mitgerissene Schatten, und die behäbige Karosse Jean
Pauls hat sich zu elektrisch zuckenden schlanken Rennwagen ausgewachsen.
Man hat nur die eine Freiheit, damit zu fahren oder aber das Roß am Schwanz aufzuzäumen und im Krebsschritt gegen diese Entwicklung zu reiten. Sich dem
entziehen, hat man die Freiheit nicht.
Das hat, für die Schwerhörigen gesagt, nichts mit der Größe der Leistung und
dem genialen Ritt einer Epoche oder ihrem Zusammenbruch zu tun, sondern
bestimmt nur ihre Musik, erklärt nicht ihr Herz, aber ihr Gesicht, deutet nicht
ihre Macht, aber ihre Muskulatur.
Mit Zola waren die Fabriken aufgeschossen, mit Eduard Keyserling war der letzte Rest des adeligen Feudalismus gestorben, mit Manets und Renoirs Fülle
hatte der Raumbegriff der seitherigen Welt sich durchbrochen und mit den
chauvinistischen Italienern um Boccioni und Carrà war er in die Luft gespritzt
worden und kaputt. Zwischen den Giganten von Maschinen, über den Leichen
der Götter und den Donnern der Funksprüche, der Autorennen, im Netz der
Bahnen, durch das Sirenentuten der Dampfer, der Flieger, im feurigen Zickzack
der Geräusche und Kriege und dämonischer Vehikel mußte ein Geschlecht groß werden, das seine Zeit zum mindesten schilderte, das sie vielleicht verwarf oder
ihr unterlag, das aber ihr Tempo trug. In der Ballung, in der Dichte und in der
Schnelligkeit der seelischen Entwicklung lag der Ausdruck der Literatur um die
Zeit, wo die Maschinen zum ersten Male einen Krieg endgültig bestimmten. Das
ist ein Leitsatz, der nicht aufzuheben ist.
Der militärfrohe Lahmfuß und Baronet Walther Scott sagt in der Einleitung zu seinem schönen Buch „Waverley“, seine Helden würden nicht Eisen auf dem
Haupt wie früher und auch nicht an den Absätzen wie zu seiner bürgerlichen Zeit
tragen und seine Weiber kämen wohl kaum in Purpur und Talaren wie Lady
Alice in alten Balladen und auch nicht halbnackt wie die preziösen Bürgerinnen
seines Jahrhunderts, sondern man werde mit Staunen bemerken, daß es sich
nicht um Sitten sondern um Menschen handle. Scott war ein schlechter Geschäftsmann und ein genialer Dummkopf, denn er gab als Sohn seiner Epoche
natürlich genau so die Sitten wie die Menschen.
Erst als die Kreuzundquerschnitte der elektrischen Gewitter, die feindlich
gegen unsere Jahrhundertwende aufzogen, mit Säbelblitzen die Beschaulichkeit
von den Nationen trennten und die Sitten von den Menschen schieden, als die
Tempi der Schicksale niederfielen wie die Taktschläge der Motore und in dem unbeschreiblichen Pêle-mêle von stürzenden Gesellschaftsschichten bald kein
Untergrund, sondern auch im Leben der Nationen nur noch Bewegungen zu
sehen waren, erst dann geschah es, daß neben den Gerippen der Äroplane und
Tauchboote auch die Skelette der Seele sichtbar wurden.
Ach, die Dichtung begann, nachdem sie wie der größte Vagabund unter ihren
Verbreitern, nachdem sie wie der famose Villon von Bett zu Bett geworfen und
heimatlos geworden war, nicht mehr mit den Kostümen der Zeit durch die Gärten der Poesie zu gehen, trug nicht mehr das Kostüm der byzantinischen
Königinnen, nicht mehr die Spitzmütze bourbonischer Frauen, nicht mehr den
Turban der troubadourgeliebten Falconiere, nicht mehr den Charme der
Byronschen Geliebten, nicht mehr die Trauer der den gefallenen Puschkin
beklagenden Freundin, nein, sie zog wie ein telegraphischer Aufruf durch die
Dämmerung Europas.
Sie war besitzlos geworden in Europa, das nicht mehr auf der reichen Empore von Ständen und Königen stand, sondern sich in Schrecken wälzte, und sie zog
sich von den Kostümen auf das Unverlierbare zurück, indem sie den Menschen
allein, aber mit allen Mitteln der Zeit sich formte. Das Bild dieses Zeitgenossen
bestimmten große klare Linien: Ballung, Dichte und Tempo.
Nur die Schwachköpfe staunten und wußten keine Erklärung, als die
kulturloseste Zeit zu gleichen Symbolen kam wie die von Reichtum alles
Ausdrucks übersättigten, und daß Archipenkos Menschen dieselbe Allgemeingültigkeit hatten wie die schöne Nofrit des Jahres
Zweitausendachthundert der vierten ägyptischen Dynastie vor unserer
Zeitrechnung. Die Zeiten, wo alles von der Anwesenheit der Götter bebte und
diejenigen, wo sie völlig ausgezogen scheinen, haben die gleiche
Unerbittlichkeit des Zustands ausgeübt.
Und während die einen aus der Überfülle des Reichtums sich die stärksten Sinnbilder schufen, indem sie alles außer dem Einfachsten ausschieden, haben
die anderen durch die Kraft ihrer Verzweiflung sich aus dem Nichts dieselben
einfachen Sinnbilder geschaffen. Die tiefe Ruhe und der Schrei begegnen sich,
und die Seele, die aus der Üppigkeit sich zum Einfachen hin unter unendlicher
Mühe kristallisiert hatte, fand ihre Schwester, die völlig nackt und ähnlich
erlesen von der Seite der besten Armut kam.
Das ist eine Gleichung, deren Schönheit zu bezweifeln, deren Gültigkeit aber
nicht anzugreifen ist.
Mijnheer, Sie wissen, daß diese Entwicklung in Taten umgesetzt zu haben das
Werk einiger befähigter Künstler in Europa war und daß man die Schulen, die
sich darum schlossen, und alle Mißverständnisse, die die Öffentlichkeit darum
bildete, „Expressionismus“ nennt. Es ist so albern wie wahr, daß dieses Wort eine Unsumme von einzelnen Koterien wiederum umschließt und daß wie in
allen revolutionären Epochen die ursprünglichen Armeen sich bald in
Condottierihaufen teilten.
Manche davon haben den sanften Anblick des Fleisches ganz verlassen und
sind sektiererhaft auf Formeln und in die Gesellschaft abstrakter Gespenster
abgewandert, indem sie sich wie dogmatische Gelehrte je nach der parabolischen
Form, ob nämlich aus Punkten, Ellipsen, Quadraten oder Dreiecken sich das Gefüge ihres Weltbildes zusammensetzte, nach Art der Fakirorden: Kubisten,
Pointellisten, Konstruktionisten nannten.
Diesen Jakobinern der Kunst erging es wie allen Sklavenaufständen, die sich
weiter vorwagten, als es ihnen das Gesetz ihrer Armut zuschrieb. Sie kamen aus
dem Bereich der Kunst in das qualvolle Gebiet der Ideen und wurden dort, weil
sie zwischen beidem schwankten, zermalmt und zerhauen wie die Bauernhorden des Thomas Münzer. Sie waren wie alle Jakobiner der Gefahr erlegen, daß sie zu weit von dem Erreichbaren ausgerutscht waren und mit Ausnahme schöner
Grenzfälle wie dem des anmutigen Malers Klee und des bedeutenden Picasso in
eine Fata Morgana nach links hineingestürzt waren.
Diese Teiltruppen des Expressionismus hatten nicht begriffen, daß sie der
Glücksfall, mit gar keiner Gesellschaft hinter sich ihre Werke bauen zu dürfen,
verpflichtete, in Erinnerungen der besten Zeit der Nationen glänzende
Neuigkeiten aufzubauen, statt zu zerstören. Sie hätten sich heftig an das Fleisch der Zeit drängen müssen, statt es zu Schemen zu zersetzen. Denn die glatte und
vereinfachte Schönheit der ägyptischen Nofrit war der erlesenste Ausdruck einer
untadligen Zeit, die aus ihrer beispiellosen Fülle sich ein Sinnbild der Dürftigkeit
wählen konnte, das ihr jedoch nie ins Nichts entgleiten, sondern, von einem
ungeheuren Gesellschaftsgefühl maschenhaft gehalten, nur immer glänzender an
Reichtum steigen konnte.
Aber die Nacktheit unserer maschinellen Epoche, ohne Gesellschaft hinter
sich, war nicht das kühne Symbol der Üppigkeit, sondern das schimmernde der
Armut, und war jeden Moment in Gefahr, in die Tiefe zurückzustürzen, aus der
es stieg. Man kann heute daher nur arbeiten mit Verantwortung und für die
Zukunft, aber nicht für die Eitelkeit und nicht für Quatsch und Theorie.
Es ist wahr, daß diese Flucht ins Gegenstandlose eines Teils, und zwar des schwach begabten Teils der neuen Schulen, die Liebhaber der Muskulatur
kränkte und jene ermutigte, die gern das Feldgeschrei anzuheben bereit waren,
auch diese Richtung sei wie tausend andere nichts gewesen.
Ich habe in der „Doppelköpfigen Nymphe“ von Sternheim bis Heinrich Mann,
von Döblin bis Schickele, Benn bis Kaiser, Frank bis Wedekind, Däubler bis
Werfel die begabten und schöpferigen Dichter geschildert, die diese Epoche in Deutschland gestempelt haben. Ihre Wirkungen sind unverlierbar, hinter Wenzig,
Karlweis, V. C. Habicht, Lichnowsky, Kesser, Heinrich Eduard Jakob,
Kamnitzer sind die Nachfolger Legion, ihre Werte mag mein Nachfolger in
hundert Jahren bei einer hoffentlich für ihn sympathischeren Gelegenheit als
einer umstürmten und zugeschneiten Schneekuppe ziehen.
Vielleicht wird dieser Nachfolger zwischen einem angenehmen Frühling
sitzen und ein Boccaccisches Zeitalter schon wieder um sich haben, wo die Dichter bukolisch auf den Pfeifen blasen und mit galanten Damen nicht nur
unter gewagten Gesprächen die klügsten Sachen sagen, sondern auch mit der
Heiterkeit einer gefestigten Zeit zwischendurch in klaren Bächen baden, schön
speisen und das Ungemach des Schicksals mit der Harmonie ihres Säkulums und
nicht ohne Genuß überwinden. Vielleicht werden sie die Anmut ihrer Flüsse und
ihrer Weiber dazu benutzen, Witze über uns zu machen und wenig kühne Beiwörter unseren Namen hinzufügen, aber vielleicht wird die Schönheit und der Friede ihres Frühlings sie zu gerechtem Preisen über unsere Tapferkeit
ermuntern. Es kann uns gleich sein, Mijnheer, aber wer sein Leben genießt,
wünscht auch den Nachfahren die saftigsten Dinge. Mögen sie leben, es ist auf
die Dauer noch nie ein Urteil nicht gefallen, wie es gefällt werden müßte.
Vielleicht werden zur Herrschaft gekommene Sklaven uns auf ihre neue
Lebenstafel kreiden, wenn die anderen uns verwerfen. Aber die Sklaven der
Dummheit und der Böswilligkeit wird man heute wie morgen an den Pilori binden müssen. Man hat nunmehr eine gewisse Größe unter der Hand mit den
neuen Schulen in Europa wachsen sehen, aber auch die Stimme der Tadler (wie
die der Lobenden) nur mit Mißtrauen vernommen. Denn die einen suchten
gewöhnlich mit den neuen Helden, die anderen gegen sie ihre Karriere zu
machen. Der Bau aber steht.
Man hört nun im fünften Jahr nach Wedekinds Tod und zehn Jahre, nachdem man sich an die Tempis und das Ballen machte, nur noch die Kläffer. Faute de
mieux on couche avec sa femme: Ich muß mich nach den Feinden des in die
Manneshöhe gewachsenen Expressionismus umsehn.
Man darf sich dem Anblick dieser artigen menschlichen Komödie nicht
entziehen und man wird mit Vergnügen sehen, daß die Don Quichotes wieder
aufgestanden sind mit der Klugheit Sancho Pansas, die ewigen Windmühlen zu erstechen. Man wird eine sachliche Diskussion erwarten, aber man wird das
Schlachtfeld privater Angelegenheiten und menschlicher Eitelkeit erblicken. Daß
der Expressionismus entstand, war eine elementare Notwendigkeit. Die tapfern
Barden aber, die nun sein „Ende“ ausschreien, kommen aus einer verdächtigen
Gesellschaft und sind nichts als die Nutznießer einer Nervenermüdung des
Publikums. Wenn die Leute eine bunte Sache eine Zeitlang sahen, sehnten sie sich immer nach einer neuen, gleichgültig, ob dies ein Bild, ein Meer, eine Frau
oder eine Heimat war. Dies Stück Verräterei ist eine der bezauberndsten
Kontrollen im Auf und Ab der Zeit und ihrer Werte.
Der einfache Mensch denkt immer richtig. Er geht nach seinem Gefühl. Die
Sache langweilt ihn. Man kann es ihm nicht übel nehmen. „Ende des
Expressionismus“: er gähnt. Er ist bedeutend einfacher und anständiger als die
Grübler, die neoklassisch schwärmen. Meine Angorakatze, mein russischer Riesenschnauzer wissen, um Gottes willen, ebenfalls Bescheid, daß, nachdem
die Feldlager geflackert haben, auch in der Literatur die Nymphen zu schweben
beginnen.
Die Zeitgenossen ertragen stets nur eine gewisse Durchdringung an
Aufklärung, an Sensation, an Broschüren, an Ausstellungen eines neuen Stils.
Selbst guter Mokka, der doch anderen Anspruch auf Qualität macht als durchgängiges Publikum, erlaubt nur einer bestimmten Dosis Zucker seine Vermischung. Nachdem man seit zehn Jahren von dem sehr klugen Kritiker
Wilhelm Hausenstein bis in die Provinzmuseen nichts getan als aufgeklärt hat,
ist es nicht erstaunlich, daß das Publikum genug davon hat. Als Hausenstein
einer Mappe des Malers Seewald, in der Leute übers Seil liefen, das hymnische
Vorwort schrieb und Däubler auf den Flügeln des „Neuen Standpunkts“
aufklärend Deutschland durchschnob und der Kritiker der„Frankfurter Zeitung“,
Bernhard Diebold, in Kornfelds „Verführung“ noch die Melodie des neuen Jahrhunderts bebend verspürte, da war ein eckiger Seiltanz und ein Drama aus
lyrischen Grammophonen auch am Kurfürstendamm noch neue Mode. Als aber
Lunaparke in diesem Stil entstanden, Jungfrauen ihn zu tanzen feurig
übernahmen, Filme ihn aufs Plakat, Revolutionäre auf die Fahne schrieben,
Jünglinge sich in Poemen die Zähne daran brachen, Kaffeehäuser seine
scheußlichen mißverstandenen Ornamente an die Wände klebten, und selbst ein Eiskünstler in einem Kristallpalast seine Kurven fuhr, hatte man genug; mit
Recht.
Sehr amüsanterweise sah man als die ersten Deserteure die liebenswerten
Ajaxe abschwenken, die sich wohl bei Beginn so sehr in Atem geredet hatten vor
Begeisterung, daß es ihnen auf die Galle geschlagen war. Als keine Mauer ohne
Plakat, keine Entdeckung mehr zum Anpreisen zu machen war, als selbst die literarischen Ahnen und die malerischen Vorläufer und alle in Betracht und
Zusammenhang zu bringenden exotischen Kulturen abgegrast waren, gingen sie
rasch von dem Enthusiasmus zur Skepsis über.
Herr Hausenstein vor allem, der ein vorzüglicher Kopf ist, flüchtete vorwärts
zu noch nicht erstandenen Nazarenern und rückwärts in die Arme seines mit
Impressionisten in allen Taschen bepackten kritischen Kollegen Meier-Gräfe, ohne allerdings verhindern zu können, daß sein fruchtsaftiger Stil immer
abstrakter und dürrer wurde, je mehr er vom Expressionismus abwich, und daß,
als er dem Drachen die Lanze ins Maul zu stechen begann, sein Stil und ihr Stiel
zu einem fast unerforschlichen dünnen und wahrlich expressionistischen
Spinngewebe geworden war. Führwahr, die Bauern haben recht, wenn sie
meinen, man vermöge die Natur selbst in den gröbsten Dingen nicht mit
Heugabeln auszutreiben, sie kehre vielmehr auch dann zurück. Aber in den raffinierlichsten Dingen scheint sie sich sogar gegen diejenigen, welche gegen
sie arbeiten, mit einem unverkennbaren Hohn zu wenden.
Die anderen Anreißer aber konnten nicht genug Eile finden, ihm zu folgen
und den Ruhm des Ritters Georg mit dem der Winkelriede rasch zu vertauschen.
Sie hatten nicht, die Courage, auch während der Ermüdungsbaisse bei der Sache
zu bleiben, was ja jederzeit möglich ist, auch wenn man die Träger der Sache verschieden beurteilt und wenn man die Gefahren klar übersieht, sondern sie machten sich nach neuen Entdeckungen aus und blamierten sich bis über die
Ohren.
Sie ahnten allesamt nicht die tief gebundenen Zusammenhänge zwischen
Nation und Kunst und dachten nicht daran, daß die Zeit Heroen oder Bastarde
auswirft, je nachdem ihr zumute ist und je nachdem sie sich erfüllt oder
vernichtet. Sie dachten vielmehr, sie seien der Mittelpunkt der Schöpfung und
man gehe auf Kunstfang wie wenn man Trüffeln suche. Ach, die Suche nach diesen zarten Gewächsen ist jeweils eine besondere Begabung der gerüsselten
Tiere gewesen und, wenn die Entdeckungsfahrten mißlangen, so waren die
Funde nicht echt oder die Sucher hatten sich in die Kategorie der Riecher mit
Fälsche eingereiht. Da der Teufel, wenn er Heilige fangen will, Heilige an den
Angelhaken tut, war es ihren bestürzten Gesichtern gern zu verzeihen, daß, als
sie Giganten zu fangen wähnten, die die Zukunft mit klassischem Nazarenismus erfüllen sollten, sie nur gerupfte Spatzen apportierten.
Sie trafen sich mit den Rutenträgern einer anderen menschlich würdigen
Genossenschaft. Die jungen und älteren Leute, die bei der vergangenen
zehnjährigen Revolte der Kunst keine Karriere gemacht hatten, die selbst die von
allem anderen abziehende Möglichkeit des Krieges nicht auf sich zu lenken in
der Lage waren, die von allen guten jüdischen Familien verlassenen Leute glaubten fälschlich den Tag ihrer Inthronisierung nun gekommen.
Die sogenannten „Stillen im Lande“, denen ihre Unfähigkeit so schonend
etikettiert war, rissen die Binden ab und begaben sich in die Schlacht. Einäugige
der Kunst, sogar Lepröse, aber auch talargeschmückte Mumien nahten aus ihren
Särgen. Die Armen machten den gleichen Fehler wie die politischen
Reaktionäre, die an ihre taprigen Methoden und nicht an ihre Weltanschauung glauben. Kommt eine ruhige Epoche, kommt sie nicht mit einem ausgestopften
Eichendorff, aber auch sicher nicht mit Paul Ernst in Brille, Trikot und
Löwenfell, den Zweihänder in der zittrigen Hand. Was nicht bewegt war, wird
nicht ruhig werden. Die verblaßten Statuen von vor dem Sturm werden trotz
ihrer klassischen Nasen in die Büsche geworfen, denn auch im Konservativen
hat die Natur soviel feuriges Schöpfertum, um einem klaren und alten Inhalt
neue Formen aufzuziehen.
Diese Elegiker ihres Verkanntseins trafen auf eine noch viel peinlichere
Gesellschaft, als sie, auf Indianer angemalt, Herrn „Wachse, werde, weile“
balbulierend und vor seiner eigenen Langeweile schon asthmatisch an der Spitze
(o glücklicher Entenjäger Smith!) in einen harmlosen Sonntag hineinliefen. Alle
Unproduktiven, die zeitig zur Kritik übergelaufen waren und, um die Mode nicht
zu verfehlen, als Zwinglis und Dietrichs der neuen Sache gestritten, entdeckten plötzlich den Neid auf ihre erfolgreichen Kameraden und begannen in dem Augenblick zu lachen, wo der Pendel der Zeit die zwölfte Stunde zu schlagen
schien. Man kann, wie ein gewisser Sinzheimer in München, miserable Romane
geschrieben und mit unfähigster Hand ein Theater zur Pleite dirigiert haben, aber
man wird in Deutschland erst dann die schöne Masse Ressentiments gesammelt
haben, um aus dem Neid auf die Erfolgreichen einen Kritiker von „Format“
vorstellen zu können.
Diese Armen fühlen sogar in ihrer Unangreifbarkeit gar nicht, daß sie sehr arm sind und daß sie in ihrer Heldenmaskerade sich in eine Hundehütte
zurückzogen. Man kann die Menschen nicht ändern; es sei verstattet, daß sie
einem leid tun. Man wird mit fünfzig Jahren ein Album der Zeitgenossen
anlegen, die „verehrter Meister“ einem schrieben und, wenn man sie nicht
genügend (oder zu sehr) beachtete, mit Gummiknütteln bei schicklicher
Gelegenheit einem in den Rücken fielen — und nicht veröffentlichen. Es wird nichts mehr von ihnen da sein. Was die Gerüchte und das Geraun und den
Betriebskurs macht, sind immer die Schmuser. In der Historie wird das weicher
Leim.
Gestärkt wird eine solche Legion durch die beruflichen Totengräber, deren
schandbarer Beruf sie verpflichtet, stets graubärtig zu sein. Durch sie kam die
gesprenkelte Mischung in die neue Partei, die so groß ward, daß sie für jede Ansicht Raum hatte. Es waren dies die Alten, die „es schon immer gesagt
hatten“, die ohne Prüfung, Befähigung und Vermögen, weil sie ihnen nicht
paßte, die ganze Richtung abgelehnt, zehn Jahre lang gegen Noldes Negerköpfe
gezetert hatten und nun recht behielten, als die Panegyriker der neuen Bewegung
plötzlich mit Pharisäerblicken ihnen in die Arme sanken. Denn schließlich ist
Kunst heute für die Tausende, die nicht schaffend um sie schmarotzen, ein Witz oder ein Geschäft, nicht mehr. Ein Schachspiel, mit dessen Figuren man sich mit
elegant angespannten Nerven beschäftigt, bis es gongt, um sich zu Musik, Lunch
oder Frauen zu begeben. Dann streicht man mit breitem Arm die vollendeten
Figuren vom Tisch herab.
Man hat mich stets für einen Experten des Stils als solchen gehalten, aber ich
habe, als die „erstklassischen Schreiber“, die nie den Blick über den Horizont
behalten, sich in Kornfeld und Franz Marc und Hartung wälzten, mich gegen den Stil und für den persönlichen Ausdruck erklärt und mir, als ich ganz an den
Anfängen (und wahrlich unbefangen an Kunst herankommend) die lächerliche
und impotent machende Gefahr der Typisierung aufdeckte, die Meute von links
zu der von rechts zugezogen.
Als aber Herr Stahl vom „Tageblatt“ vor einem Jahr las, daß ich dasselbe wie
vor Jahren äußerte, glaubte er, meine Desertion feststellen zu müssen. Der bärtige Herr irrt. Ich hatte vor nichts zu desertieren, da ich auf nichts derartig Kindisches festgelegt war, und ich wahrte nur meinen Standpunkt energischer,
indem ich ihn von dem der Kindsköpfe schied. Man klärt eine Sache besser,
indem man sie gutwillig trennt, als indem man sie böswillig und fälschend und
voll Unfehlbarkeit von außen her verwirrt.
Dies ist ein Zipfel gelüftet hinter dem, was „Ende des Expressionismus“
schreit. Dies ist (nebenbei) deutsche Literaturgeschichte.
Doch man vergaß die kleinhirnigen Würger, die, seit die Deutschen sich nach ihrer ersten Revolte zur Politik befähigt hielten, mit der Kriegsflagge unterm
Arm und in festgeknöpftem Gehrock in die Kunst eindrangen. Die Politik ward
selten mit solchem Eifer der Amateure und gleicher Unbegabtheit ihrer Hyänen
über die Grenzen ihres Territoriums getragen. Man wird ihnen die Ehre antun,
die diesen Geschöpfen gebührt, und an ihnen vorübergehen. Die Ehre, mit der
sie prunken, wird ihnen sauer im Mund werden mit der Zeit und wird eines Tags wie ein fauler Zahn ihnen herausfallen. Es ist nicht unsere Ehre und nicht die
eines Gentleman, die wir anerkennen und die schon Cicero in seinem Buch über
die Pflichten in dem Manne schildert: der innere Manieren hat, zwischen
weibisch und roh die rechte Haltung besitzt, schamhaft und kühn ist und in
dessen Geschlecht es Sitte ist, daß Vater und Sohn zwar nicht miteinander baden,
aber miteinander zu sterben wissen.
An dem taktischen Aufmarschplan der Parteien ist nicht viel mehr zu
schildern. Es ist eine amüsante und durchaus menschliche Brüderschaft, die
anrückt. Schon die Vorposten sind verdächtig laut, aber erst der Anblick der
Generäle macht die Angelegenheit hübsch suspekt. So sind alle Kriege geführt
worden: damit mag man sich trösten.
Im Grunde ist das ganze Spektakel ein Spiel auf der Vorderbühne, und es wird gehörig gemogelt. Die ganze „Krise der Kunst“ ist: die Sache ist langweilig
geworden. Auch der Weltkrieg, der doch Bezwingenderes an Sensation zu bitten
hatte, zog am Ende nicht mehr. Man kann es den Leuten nicht verübeln. Es gibt,
auf die Dauer, heute nach einem unerhörten Krieg unterhaltsamere Sachen als
die Kunst und Rebusse, was ihre verzwickten Formen bedeuten. Es gibt Reisen
und Autos wieder und Dollarhaussen und mit dem Flugzeug über die
sturmdonnernde Ostsee, man hat im März Meran, im Herbst ist Iffezheim wieder im Start, und es ist nicht weit vom Gardasee. Die Länder schnaufen vor
Arbeitsamkeit, und Speisen in vollendeter Fülle werden angefahren. Die Erde
wird wieder voll. Ach, wer mit Kunst heute auch nur eine Viertelstunde die
Aufmerksamkeit der Welt anzuhalten wagte! Ein Narr oder ein Verbrecher!
Hat dies ganze Getriebe überhaupt mit Kunst zu tun? Es ist ein Fressen für
Shaw und wäre ein Braten gewesen für Swift. Mit Kunst? Nicht die Spur.
Als die Überraschungserbsen nicht mehr knallten, war das „Junge Deutschland“, war die französische Romantik, war der Impressionismus rasch
„tot“. Man hatte das Frühstück verdaut und wandte sich dem Diner zu. Die
Zeitspatzen haben immer geurteilt, eine Sache sei nichts, weil sie genug davon
hatten. Und die provinziellen Schreiber, die einen Stil zehn Jahre erbittert
bekämpft hatten, waren alle einmal in der grotesken Situation, ihn nicht mehr
bekämpfen zu müssen, „da er sich überlebt habe“. Sie gingen von der Wut zum
Mitleid, ohne Übergang, wie alle Heuchler.
Die Stimmungen lösen sich ab, wir sind ein wenig in der Baisse: Das ist alles.
Wer wagt, zu sagen, daß die Generationen vor uns besser waren als wir? Die Zeit
ist die einzige grausame Richterin, sie geht rundherum und beklopft. Daß ein
Stil, eine Gemeinsamkeit tot sei, das zu sagen, ist so dumm wie falsch, weil es
die einzelnen Kräfte mit einem Typ erschlagen will. Daß ein ins Absurde
getriebenes Ornament scheußlich, eine gewisse Manier der Regie erschlaffend, eine stets wiederkehrende Verzerrung der Statuen erbärmlich ist, beweist nicht,
daß ein Romanwerk gewaltig, ein Torso erschütternd, ein Gemälde voll schönem
Liebreiz in späteren Generationen empfunden wird.
Als die Damen der Bourgeoisie mit Sonnenschirmen auf Ingres’ Bilder
rannten, taten sie das gleiche feige Unrecht wie da, als sie, von seiner Süße
gelangweilt, die Achseln zuckten und zu des Van Gogh Briefen sich verzückten. Die Waffen der Zeit, des Schlagworts, der Mode (im Lob und im Verwerfen)
gehen wie Laub. Letzten Endes ist nichts von dem Vielerörterten mehr da. Man
kann das Album der Vielzuvielen, der Schmöcke, der Feiglinge, der auf Hecht
kachierten Schleie im Literaturgewässer nach fünfzig Jahren nicht mehr
veröffentlichen. Die gute Sache ist immer lautlos. Und die umstrittene Fassade
fällt von selbst; sie war nie wichtig.
Hat es Bang, hat es dem unvergleichlichen Eduard Keyserling geschadet, daß
der Impressionismus ihrer Zeit mit Klöppel und Stickrahmen und mit
Schraffiertechnik im Gähnen versank? Hat nicht der spitzbäuchige Victor Hugo
hinter Goethe als größter Dichter seines Jahrhunderts geglänzt, trotzdem ganz
Frankreich über die romantizistischen Späße bald lachte und selbst Musset nach
ein paar Jahren schon als ironischer Lächler ins andere Lager ging? Hat Manet,
der wahrlich ein Programm formulierte, hat Zola, der wie kaum ein anderer ein System nach Knopf und Ring führte, darunter gelitten, daß eine Schule um sie
war, die Bankerott machte vor der Sensationslust der Masse wie jede gute
Sache? Hat Matisse Schaden gelitten, daß man seine Techniken verhöhnte?
Flaubert sprach man die Lebenskraft samt der realistischen Schule ab, Büchner
und Grabbe warfen sie, als sie genug Revolte hatten, ins Eisen.
Es gibt keinen leichtfertigeren Ausdruck als „überlebt“, keine gemeinere Verwechslung als die von Geschmack und Werk. Auch die Zeitgenossen des Velasquez fanden eines Tages diese Steife zum Kotzen, und von Botticellis
Schule tropfte es gähnende Bitternis. Der menschlichen Natur entzieht sich
gemeinhin der feurige Mittelpunkt einer Bewegung. Und da die Menschen blind
sind, glauben sie den äußeren Anzeichen, daß die Haupttiere dieser Bewegung
nach Art der Echinodermen wie die See-Igel durch Kalkabsonderung sich nach
außen versteinten.
Wie leben aber, selbst den Einäugigen zum Trotz, noch die Hauptlebendigen jener anderen Schulen, die diese selben Schreier schon vor der
expressionistischen Bewegung dreimal ans Kreuz geschlagen, siebenmal
verlacht und zehnmal vergessen zu haben vorgaben!
Sie haben bei dem Namen Hofmannsthal heute schon vergessen, daß er
seinerzeit ein sehr öliges Programm von misanthroper Schnauzbärtigkeit
vorstellte und haben bei Liebermanns Namen heute nur Mühe, sich zu besinnen, daß auch das einmal eine wüste Schule war.
Die Persönlichkeiten tauchen aus dem Bad der Bewegungen heraus mit der
Kraft der ewig steigenden Fontänen, aber die Bewegungen der Kunst sind
deshalb nicht ohne Sinn. Denn die Schulen sammeln und organisieren die Kräfte
und versuchen das Weltbild in der ganzen Breite zu spiegeln, sie greifen an und
erzeugen den Gegenangriff und damit auch eine Tat.
Seit die Romantik den letzten wehmütigen Gruß nach dem Mittelalter sandte
und hinter ihr statt der Saurier schon die Armeen der Maschinen anfuhren, haben
zwei Schulen sich um diesen Übergang gruppiert: Den Ruhm, während die
Elektrizitäten den Erdball einkreisten und umtobten, mit einem wundervollen
Glanz die alten Überlieferungen restlos aufgelöst zu haben, hat Renoir und seine
impressionistische Schule mit unsterblicher Leuchtkraft sich erobert. Dagegen hat die Kongregation um den heiligen Stefan George den Ehrgeiz offenbart, sich
um die neu heraufkommende Zeit nicht gekümmert zu haben.
Das Spiegelbild ihr zu schaffen, haben die Expressionisten dann als dritte
Schule erst vermocht. Die Zeitgenossen aber steigern nur nach modern,
moderner und dem Superlativ dieses Affenwortes, und während sie den letzten
Gipfel schon schmähen, haben sie die Zusammenhänge schon vergessen und
grüßen die ersten wieder als gute Bekannte. Sie begrüßen immer wieder aus der durch George aus dem Frankreich Baudelaires, Mallarmés und Hérédias
eingeführten symbolistischen Schule Herrn Hofmannsthals opalisierende Prosa,
Herrn Stucken, der Mexikos Untergang in Gobelinmustern bannte, Herrn
Gundolf, der als Geschichtsschreiber des Schreibtums unter Anrufung des
heiligen Namens seines Meisters auf dem eitlen Periodenbau seiner Sätze
seiltanzt, den Baron Taube mit dem wehmütigen Lächeln über den Untergang seiner aristokratischen Rassegefühle und Stefan Zweig, der Erstaunliches an Haltung in seinen Geschichten und Nachschilderungen gab.
Sie goutieren gerne heute noch ebenso aus der Gefolgschaft des Zerstücklers
Renoir und Monet und Manet den Liebermann, Corinth und Slevogt, den Bang
und Jakobsen und Keyserling und Pontoppidan. Ja, in Deutschland, das keine
Gesellschaft und daher keine „public characters“ besitzt, ist der Ruhm des aus
der greulichen deutschen Naturalistenzunft kommenden Hauptmann sogar
größer als irgendeines anderen modernen Meisters, ist bei dem Mangel offizieller Berühmtheiten Liebermann bekannter als Kokoschka, ist Georg
Kaiser minder einflußreich als irgendein Verneuil mit seinen Possen, ist
Kellermann berühmter als Döblin, hat Hofmannsthal eine weitere Wirkung wie
Schickele und ist Sudermann viel zelebrer als Sternheim.
Es scheint infolgedessen vielleicht fast so, als hätten die Schulen sich
vermischt, aber das ist eine leidige Täuschung, man lebt nur nebeneinander und nicht sukzessiv. Selbst für die Kritiker in hundert Jahren wird es nicht ohne
Mühe sein, anerkennen zu sollen, daß in dreißig Jahren drei große Schulen
hintereinander tobten. Sie werden die personellen Preise wohl nach ihren
Fähigkeiten zu urteilen und ihren Liebhabereien austeilen, aber sie werden in der
Betrachtung der Schulen einiges nicht übersehen können.
Sie werden nicht vermeiden können, mit leichten Witzen zu konstatieren, wie die Älteren sich von den Neuen befruchteten, wie die Überlebenden der früheren
Schulen an den Kelchen der neuen Jünger nicht vorübergingen, und wie der
Schwung manches „Bardala“ nicht aus dem Mund geflogen wäre, hätte der
Barde nicht aufmerksam auf die „Internationale“ gelauscht. Sie werden
dickbäuchige Schelme erwischen, die mit Jakobinermützen ausgingen, ihr
symbolistisches und etwas ranzig gewordenes Erkennungswort „erlaucht“ mit dem Worte „rasend“ umzutauschen. Sie werden über manchen Wicht sich die
Kränke lachen, der sogar die fehlenden Artikel zu stehlen ins expressionistische
Lager geschlichen war und nicht bemerkte, daß er keine Fahne, sondern nur eine
Unartigkeit des Dichters Sternheim klaute.
Sie werden junge Helden und ergraute Männer beobachten, wie sie mit ihren
schönen weichen Waden von Wassermann bis zu den Bauernromanschreibern in
das Stahlbad der neuen Techniken hineinwateten und, neu beflügelt, mit strammen Muskeln das neue Tempo in ihre Bücher hineinschießen ließen. Sie
machten es mit demselben ehrgeizigen Trick wie die Chinesen, die Europas
Erfindungen in ihren Lehrbüchern für China einige Jahrhunderte vordatieren,
und erscheinen nach der Verjüngungskur wie seit Ewigkeit überexpressionistisch
gesettled: „Haben wir auch schon gekonnt.“ Diese Diebe!
Die Kritiker in hundert Jahren, die in ihrem Beruf nichts zu lachen haben, werden jedoch nicht vergessen zu sagen, daß die Impressionisten im wesentlichen teils schön wie Renoir, teils tollwütig wie van Gogh den
achtzehnhundertfünfzig Jahren vorher das Grab schaufelten und daß die
Georgianer, als die Autos mit Fabriken und elektrischen Hochspannungen in
ihren „symbolistischen Armen“ erschienen, schmollend wie Kinder im Herzen,
aber mit allen schlechten Parfüms einer greulichen Würde gesalbt, erklärten:
diese Zeit sei ein Irrtum, zum mindesten sei sie nicht wichtig, unter allen
Umständen aber verwerflich.
Die Kritiker, die es vielleicht gerne tun, werden dann abschließend bemerken,
daß die expressionistische Schule weiß Gott zum ersten Male wieder ihr
verfluchtes Zeitalter mit Ja und Nein, aber verdammt entschlossen, mit eiserner
Konsequenz gespiegelt hat.
Es gibt drei Arten, seiner Heimat zu dienen. Erstens, indem man sie lobt, um
andere zu verkleinern. Das ist armselig und Gott nicht wohlgefällig. Zweitens, indem man sie tadelt, um sie anzufeuern. Das ist mühselig und undankbar, aber
eine prächtige Aufgabe. Drittens, indem man sie aus ihrem engen Gesichtskreis
hinaushebt und, statt in ihrem nationalen Hader ersaufen, an der Brust der Welt
zusammen mit den anderen Völkern trinken läßt. Das ist ein utopischer, aber der
einzig praktische Gesichtspunkt. Man wird ihn erst einsehen, wenn Europa sich
so die Rippen aufgerissen hat, daß erst der Sterbenden die Vision davon klar wird.
Die Nationalisten Europas benehmen sich wie die Kritiker, die Shakespeare
vorwarfen, daß seine Römer mit Hüten gingen, seine Schiffe in Böhmen
strandeten und seine Helden zu trojanischer Zeit den Aristoteles zitierten. Sie
sahen auf die Lächerlichkeiten und bemerkten nicht den Bau des Leibes und die
Schönheit ihrer Glieder und übersahen, daß sie, wie Jupiter das Kind der Semele in seinem Schenkel eingenäht barg, den Genius für die Welt in sich trage. In
wessen Muskelsträhne aber glüht das noch verborgene Herz, um heimlich zu
reifen, und mit der Führerschaft eines Gottes den Völkern einen Weg zu weisen,
der sie aus ihren Trivialitäten in ein helleres Freiheitsleben führe?
Die Expressionisten haben immerhin dahinaus zu gedeutet und die Richtung
einer ganzen Generation angegeben, während die Georgianer in ihren Höhlen
mit anmutig gepuderten Fingern ihre Silben zählten. Sie haben sich mit ihrem Jahrhundert und seiner Sehnsucht gereckt, da ihnen nun einmal schon nicht
beschieden war, ihre Nation in die Höhe zu führen. Sie haben daher ihre Epoche
mit allen Furiosos geballt und sich ihr wieder entgegengestellt, indem sie die
Sehnsucht nach der Größe und nach Europa mit hineinnahmen. Bliebe nichts,
wäre das allein ein nicht entreißbarer Gewinn. Denn ohne Hingabe und ohne
Ziel wird nichts. Zu Möllenbeck an der Elbe nur steht eine Holzfigur, die anzeigt, daß eine Frau ihrem gräflichen Gatten in seiner Abwesenheit neun Kinder geboren.
O deutsche Tartüfferie, an die Wunder zu glauben, die niemals kommen und
die den blauäugigen Treuen noch nie erschienen sind. O deutsche Schwermut,
die am falschen Orte jeweils traurig verneint und zu früh verurteilt und die
ablehnt, was ihren Sinn voll Helligkeit und ihr Gesicht mit Größe gerne
schmücken möchte. O deutsches Schicksal, das glaubt, auch geknebelt und
geschunden noch die anderen Völker besiegen zu müssen, statt als Vorbild neuer
Tugend ihnen hilfreich entgegenzukommen, auch wenn die anderen vor Mißtrauen heulen. Europa wird durch gegenseitige Zuneigung sein oder es wird
nicht sein.
Der Rittmeister de Boussanelle erzählt in seinen „Observations militaires“ von
seinem zahnlosen Gaul, dem im Siebenjährigen Krieg die anderen Pferde das
Fressen vorkauten. Die Pferde Europas haben alle zur Hälfte die Gebisse
verloren und sind eines ohne das andere kaputt. Sie sind eines ohne das andere verloren, wenn sie sich nicht helfen, statt sich die Schädel einzuschlagen, und sie
sind taub wie alte Türken, wenn sie aus dem Furor ihrer neuesten Schule nicht
die Marseillaise einer großen Sehnsucht hören, die ihnen den Weg weist.
Dieser Marsch ist kein blaßsüchtiges Friedensgewinsel und nicht auf der
schlechten Assiette der verschrobenen Träumer geblasen, sondern ist der hellste
Claironklang nach allgemeiner Übereinkunft, eine Kriegsmusik der Notwendigkeit, ein Orchester der funkelnden Vernunft. Und als Dirigent eine
Freiheitsgöttin mit starker Anmut und herrlichem Verstand.
Was bleibt jenseits all dieses Geschreis?
Eine Generation. Und dann? Das Ende.
Sterben?
Das tun wir alle. Aber nicht im Sinn jener Heuchler, die jeden Tod vorzeitig ausschreien, um sich wenigstens einmal, wenn auch als Maden, günstig zu
präsentieren, sondern im Zeichen jener Jünglinge Kleobis und Biton, denen ihre
Mutter von Here das größte Glück erbat, und welche die Göttin darauf, weil sie
demütig und kühn ihr menschliches Werk vollbracht hatten, als größte Ehrung
neben dem Genius mit der gelöschten Fackel in die bessere Heimat rief.
In der Tat, Mijnheer, Siebenzehnhundertsiebenzig hat James Watt den Begriff
der Pferdestärken aufgestellt. Das folgende Jahrhundert hat mit den Maschinen die Welt umgepflügt. Fünfundzwanzighundert Jahre vor dem größten Krieg
Europas hat die Geschichte dieser beiden Jünglinge Solon dem lydischen Krösus
erzählt. Aber die Menschen haben noch nicht gelernt, zur Zeit und mit der
richtigen Haltung zu sterben, geschweige denn zu leben. Sie umtanzen Europa
im Kriegskleid mit Skalps und Kampfgeschrei wie die Indianer ihre am
Marterpfahl aufgehängten Opfer und lieben in ihr die Beute statt die Göttin.
Ach selbst die Aasgeier werden komisch, wenn sie verliebt sind und den Foxtrott der Eitelkeit vor ihren Weibchen tanzen, die Ibisse machen wilde
Verbeugungen und die Pelikane kreischen lärmend und wackelnd auf einem Bein
im Kreis herum. Der beste Cavaliere servente der Menschheit ist immer die
Dummheit gewesen. Man kann sich vor dem Schlafengehen damit trösten, daß
sie, wenn sie nicht verbrecherisch wird, von teuflischer Komik sein kann. Man
kann sich damit trösten, wenn man genug Humor hat.
Die achte Nacht
Die achte Nacht, Mijnheer. Der Mond hat sich hochgebracht, es wird eine kurze Nacht sein. Das Zastler Loch leuchtet silbern mit seinen Lawinen. Das
Herzogenhorn biegt sich wie ein Skalpell in die metallne Nachtluft. Der Mond
hat den ganzen weiten Kessel nach der Grafenmatte voll Licht gefacht. Es riecht
nach Frühling, Mijnheer, das Leuchten schwimmt gleich Wolken immer dichter über die Fichten des Zeicher-Bergs. Die Sturmböen sind zerbrochen. Man wird
die Sonne bald steigen sehen über den Krähenscharen. Der Schnee kommt
morgen zum Stehen. Das Tief fließt nach Süden und überschwemmt den Po,
überflutet Sizilien. Das Hoch kommt zu uns von Norden voll Fahrt mit blau
gebogenem Segel.
Die Wächte zittern schon violett gespenstisch unter dem Umsturz der Atmosphäre. Das Filigran der plötzlich entschleierten Buchen, die Palmwedel
der Edeltannen, die zarten Kronen der Weiden deuten den Telegraphenstangen
nach, die mit weißen Feuerkränzen umspielt nach der Ebene laufen. Schon
wittern die Tiere, daß in der Luft etwas zerbrach, die Pferde stampfen unruhig
mit glänzendem Fell, haferprall und nervös vor Kraft, die Kühe brüllen die ganze
Nacht, obwohl die Ställe noch unter den Riesenflügeln der Schneewehen
schlafen. Der Schneepflug wird durch den Wald in das Tal hinunterstampfen, die Schlitten werden folgen, bis der Frühling sich ihnen entgegenbäumt.
Am achten Tag, Mijnheer, schuf Gott die Wiederholung, er repetierte seine
Lektion der Schöpfung, und die Erde lief zum zweiten Male durch seine Hand.
Da sie seine Idee trug, war gesorgt, daß sie in jeder Spule neu blieb. Was tot
hinfiel, blieb tot und diente dem Neuen. Was sich halten konnte, blieb am Leben,
es war für Langeweile kein Platz. Die Tiere schufen sich neue Gewohnheiten in den wechselnden Klimen, starben mit der Eiszeit, wuchsen heroisch in das
tropische Zeitalter, bequemten sich in die kleinliche Mittagszeit der Erde, und
veränderten nicht ihre Natur und die Tradition ihrer zoologischen Klasse.
Träumte ein Tiger, war es von Antilopen, träumte ein Schwein, war es von
Trebern. Ach, nur die Haustiere der deutschen Literatur haben es fertig gebracht,
einen erhabenen Traum zu träumen, denn sie träumen von Gottfried Keller, obwohl der Betreffende schon lange im Schweizerischen verstorben ist. Sie
träumen nicht wie die interessanteren Rassen ihrer Zeittiere von barocken
Jagdrevieren und mörderisch schönen mittelalterlichen Bissen, sie träumen nicht
den Traum, den alle guten deutschen Raubtiere immer träumten, die Haustiere
der deutschen Literatur schlingen den „Grünen Heinrich“ immer wieder durch
die Zähne und halten es für verdienstvoll, daß sie einen besonders deutschen Traum damit träumen.
Sie sind hochmütig wie alle ungefährdeten Geschöpfe, weil sie einen
besonders deutschen Traum zwischen den Zähnen haben, und halten sich für
überlegene Geschöpfe, weil an ihren großen Stall die Raubtiere nicht
herankönnen. Sie wissen nichts von der Welt, sie ahnen nichts von der
Geschichte, sie zittern nicht vorm Umbruch der Historie, sie sind von ihrer Tiefe
und Mission so heftig überzeugt, daß sie nicht merken, wie sie den oftmals wiedergekäuten Klee fast schon wie Häcksel kauen. Sie ehren lediglich von früh
bis spät ihren Meister, sie haben ihn überall bei sich, auf der Zunge, im Magen,
im Bett und im Gemuh. Sie ehren ihn so grenzenlos wie die Japaner ihre Toten.
Aber sie wissen nicht, daß sie einen Gestorbenen anbeten, einen erledigten
Traum träumen und einen verdorbenen Klee wiederkäuen. Ach, es gibt keinen
abscheulicheren Geruch als den von verdorbenen Blumen und versauerten Idealen.
Ach, nun wurde gemuht und gebrüllt und getrampelt und mit dem friedlichen
und sanften Samstag-Abendglockengeläute eine Diktatur nicht der Macht, wohl
aber ein Terror der Gefühle erregt, der bald alle Hausbesitzer mit ergriff, die sich
nicht bedroht fühlten durch diesen Aufstand der Haustiere, da er in temperiertem
Sinn und mit bürgerlicher Empörung entstand. Die Hausbesitzer fürchteten nicht diese Tyrtäen des Gemuhes und zitterten mit vor Vergnügen, wenn die Tiere, die
Gefühlstiefen ihres Meisters wiederkäuend, grollend gegen alle neuen Melodien
knirschten. Es gibt ein Savoir vivre nämlich der Haustiere, das bestimmte, der
deutsche Roman habe breit und klein ausgemalt zu sein, habe langsam und voll
Gemüt sich zu entfalten, bedürfe der Schnelligkeit nicht als einer Erfindung des
Teufels und kreise am besten um die guten Bürgerstuben und nahe dem Schicksal nur mit dem Grausen der Religion.
Ach, wie war man erbittert und wie schwoll das nächtliche Wiederkäuen vor
Erregung, als bald jene, bald diese von anderen Dingen träumten draußen und
der Schall davon hereinkam, wie konnte Heinrich Mann besser sein als Ricarda
Huch, wie konnte ein gewisser — Schickele? — wagen, mit Berufung auf
Gottfried von Straßburg zu zeigen, ein deutscher Roman sei kühn und schlank.
Ein Bursche, frech wie Dreck, gewisser Sternheim, bemühte sich, die Ideale der Ställe durch seinen rassenfremden Kakao zu ziehen. Die würtembergischen
Haustiere bekamen Kolik fast an ihrem Grünen Heinrich und die bayrischen, an
ihren besonders robusten Diphthongen kenntlich, obwohl sie schwarz-weiß
gefleckt waren, bekamen rote Adern in die großen Opalaugen, da sich eine
festere Opposition für ihren erhabenen Traum nicht schickte. Sie wußten nicht,
daß die gesellschaftlichen Revolutionäre, die sie in den Expressionisten witterten, gar nicht ein feudaler Klub zu ihrer Abwürgung waren, sondern daß diese neuen Tierrassen sich untereinander kaum kannten, sich nicht schätzten
oder haßten, und daß die Natur nur eine Notwendigkeit vollzog, indem sie soviel
verschiedenartige Kreaturen zwang, in einer Richtung ihre Fährte und in einer
besonderen gleichen Elastizität ihre Schwungkraft zu nehmen.
Die Expressionisten träumten lediglich die Träume, die alle Tiger und alle
Stiere geträumt hatten, nämlich das Kühne und das zweckmäßig ihrer Natur
Entsprechendste zu erreichen. Sie träumten denselben Traum wie ihn von Caesar bis Stendhal alle jene Menschen auch träumten, deren Typus sich in der
Entwicklung ihrer Freiheit so sehr den erlesenen Tierrassen angenähert hat, daß
jedes dieser Menschengesichter einem Tiergesicht gleicht. Sie bewegten sich mit
ihrem temperamentvollen Traum so heftig in den der Haustiere hinein, daß über
ihren Spektakel eine der badischen Kühe sicher an ihrem Keller erstickt wäre,
wenn er nicht ein Traum, sondern ein reales Futter gewesen wäre.
Aber sie hielten in ihren Ställen, obwohl die ganze Tierwelt lachte, daran fest,
daß die schlanken und feurigen Vorstellungen des Teufels Exzesse, aber die
Orgien der Langeweile des Himmels schöne Segnungen seien. Sie hielten
wiederkäuend daran fest und es roch nicht gut nach verblichenen Idealen, wenn
sie das bedachten.
Am achten Tag der deutschen Literatur erschienen tatsächlich immer wieder deutsche Dichter in den alten Kostümen mit dem Vermerk, sie gäben auf ihr
Leben nichts, auf ihren Anzug alles. Die prächtigsten Leute standen da und
hielten wie einen Konfirmationskranz ihren Traum fest in der Hand. Vor so viel
Hartnäckigkeit erbleichten selbst die Theosophen und verwandten in Herrn
Steffen dieses Zurückerinnern an eine Vergangenheit für ihre Zwecke und
schlangen in der gleichen Aufmachung ihre Erinnerungen an siebenundachtzig vorhergelebte Leben durch den Jahrhundertschlauch geschlossenen Auges,
tränenden Mundes in die Brust.
Am Rhein lediglich, neben den Dampfern und kleinen Segelbooten zwischen
Emmerich und Koblenz, gab es einen frischen Schuß Rebensaft und
niederdeutsche Herbe dazu und wurde überzeugend bei dem wundervollen
Schmidtbonn, rührend manchmal bei Eulenbergs pokulierender Schwärmerei.
Hesse gab dazu den Anstand künstlerischer Gesinnung und brachte es über die innige Klarheit von Kindererinnerungen schon an das Russische heran. In
Wilhelm Schäfer bog sich’s vor männlicher Kraft und böser Unzufriedenheit
über den mangelnden Applaus der Zeit. Der großbürgerliche Hans Sachs
entstand in Thomas Mann, der in bieneneifriger Putzarbeit alle Ideale einer
schon verblaßten Zeit noch einmal sammelte in einer Sprache von wahrhaft
dekadenter Würde.
Paul Ernst und Wilhelm von Scholz schossen einige Spritzer Renaissance hinein, und es war anmutig zu erblicken, wie scheinbar blutüberströmt der
Traum nun in Paul Ernsts Borghese-Kiefern hing, und als er ihn herausgab,
war’s wieder nur gekauter Klee. Wilhelm von Scholz umgab seinen Kopf mit
Weihrauch, die mystischen Epochen schienen auf den Bergen zu glühen, allein
den Traum umwölkte nur ein Kohlenbecken, es war so sehr Winter in den
Ställen geworden, daß man sogar den Traum zu heizen begann.
Im Augenblick, wo der Expressionistentod von allen Interessierten ausgetubat ward, wollte man auf diese Hüter des klassischen Troges zurückgreifen, aber das
Malheur war auch dem Blinden deutlich und man fing eine Razzia an nach
neuen Träumern. Ach, es hatte niemand gekalbt und man war in Verlegenheit,
weil schon ein langweiliger Jüngling vorausgeschickt und in die Toga
gesprungen war und für die lammfromm gewordenen Simplizissimusleute eine
Literaturgeschichte „auf klassisch“ geschrieben hatte. Die Fallen waren aufgestellt, die Mäuse fehlten.
Zum Glück beendete Albrecht Schäffer seine Kriegsgedichte homerischer
Form und gab ein paar Bücher Prosa, man hatte den Papst. Die Parfüms
stimmten zur weichlichen Haltung. Das Buch „Montfort“ erlaubte sogar die
romantische Abschweifung zu E. T. A. Hoffmann, die Linie von Keller über
Baudelaire und die Romantik zum überklassischen Keller ward in die Stallwand eingeritzt.
Als der Jüngling zum Turnier erschien, hielt er Flacons in der Hand, hatte
keine dramatische Lanze, sondern den lyrischen Tonfall der Kastraten, ein
Mischling zwischen Dorian Grey und Pierrot erschien auf einem Pferd, dessen
Mähne gemalt, dessen Schweif eingesetzt war, dessen Trab eine graue
Demaskierung der Langeweile wurde und dessen Reiter, als ihm der Küraß abfiel, mit seidenem Pyjama bekleidet nach seinem Bademeister schrie. Ach, der
Papst war verloren, die Schlacht vorbei, der Überwinder nur ein fesches Gerippe.
Es wurde stiller in den Ställen, obwohl das Kauen nicht nachließ, man wartete
auf bessere Zeiten, nur Paul Ernst, der plötzlich blau und weiß gefleckt war,
zerriß die Kette, sprang brüllend hinaus und gab mit Getöse vor, ein Stier zu
sein, während es offensichtlich war, daß davon nicht die Rede sein konnte.
Es zeigte sich immer mehr, daß der Traum härter war als Eisen, stärker als die Lächerlichkeit und mit jener Tarnkappe versehen, die nicht zu dekouvrieren ist.
Er scheint wie der ewige Jude ein ewiges Alter erreichen zu wollen und nicht
aussterben zu können wie der Gyrodactylus elegans, der an den Kiefern der
Karpfen schmarotzt, ein Junges im Bauch hat, das bei der Geburt sofort ebenfalls
gebiert usw. Gäbe es nicht eine geheimnisvolle Gegenwirkung, müßte die Welt
bald lediglich aus Gyrodactylen und Kellerträumen bestehen. Sie würden sich in die Erde teilen, wahrscheinlich mit Erfolg und ohne Endkampf. In San Antonio in Texas ist ja bereits eine Ehe zwischen Katze und Klapperschlange beobachtet
worden.
Südlicher an der Donau war man homöopathischer in der Ernährung und
schob zwischen den Klee noch Psychologie, Rokoko und Geschnaas in den
Rachen. Es wurde ein graziöser und wahrlich österreichischer Traum. Es ward
ein Traum aus dem Wiener dritten Bezirk und aus dem Cottage, man trabte mit
ihm durch den Prater, man lehrte ihn lachen, sogar das Gemuh ward ein zartes Gewieher, man stand nicht bös und wiederkäuend in den Ställen, da hingen in
den Spiegelsälen Erzherzoginnen, die Bilder der Maria Theresia, des
männertollen Prinzen Eugen, der langnasigen Habsburger.
Da spiegelte sich plötzlich bei Schnitzler, Hofmannsthal, Beer-Hofmann das
Land, der Staat, die Gesellschaft, die gerade in ihrem besten Charme zwischen
den Maschinen erwachte, als es schon aus war. Wassermann hat ihnen ein großes Fresko geschrieben, Stefan Zweig ihre Müdigkeit melancholisch belächelt,
Salten, Auernheimer, Zifferer haben ihre eleganten Scherze aufgeschrieben, ja
bis zur Operette hat mit Geist und Anmut Herr Lipschitz sie getrieben, auch die
Unterhaltungsbücher bekamen manchmal dichterisches Arom. Selbst Soykas
Kriminalromane deuteten mit Wehmut die Präzision der neuen Zeit in ein
wehmütiges Finale.
Hofmannsthal dunkelte den Weltschmerz Mussets in die tiefträumerische
Eleganz eines sterbenden Volkes. Schnitzler hat das Lachen auf dem
Operationstisch seziert, Altenberg den Clown dazu gespielt. Den Shimmy
pfeifend, Walzer taktierend ging der Traum in Wien zur Guillotine. Selbst im
Sterbelächeln war Blut in seinem Gesicht, war Anmut, die verkörperte und
repräsentierte in jeder Bewegung. Es war nicht das Kostüm mehr, nicht die schlechte Laune Unzufriedener, nicht der kindisch festgehaltene Kranz in der
Hand. Es war das Ende eines Volkes, es war die trüb und erlesen und köstlich
gewordene Erinnerung einer Nation aus den Jahrhundertfalten herauf. Hier stand
Gesellschaft noch einmal mit aller Würde auf und verging.
Wer Bienen züchtet, weiß, daß die Kreuzung von Königinnen italienischer
Abkunft mit Hummeln aus Zypern Bienen ohne Stachel ergibt. Schon in Wien
hatte der Traum die Schleife an dem spitzigen hebräischen Intellekt vorbeigemacht, obwohl fast alle, die sein Gesicht füllten, Juden waren, in Prag
kam er in die seltsamste Mischerei. Bebend vor Intellekt, schöpferisch wieder
von slawischer Durchdringung, dunkel von deutscher Schwere, so ward er bei
den Tschechen balkanisch aufgezäumt. Das Jüdische verlor seine Schärfe, das
Slawische gab den Akzent, das Deutsche nahm das Resultat auf seine breiten
Schultern.
Das war nicht mehr Gemuh, das war nicht mehr das Gesicht eines Volkes, das war der Gonfaloniere eines geistigen Kreuzwegs, ja fast der nationale Ausdruck
einer internationalen Horde von Gehirnlern und Literaten, mit viel Anmut, mit
bestechender Klugheit, teils am Jordan, teils in Zürich, vielleicht auch in
Saloniki zu Hause. Mit der einen Hand bei Keller, mit der anderen bei
Dostojewski. Von Meyrinck über Pick und Brod zu Kafka gab es eine
Verschärfung, der Stachel fehlte zwar, aber die Verdichtung kam nach dem
Expressionistischen hin. Der zärtlich und unirdisch denkende Melchior Vischer trat, deutsch schreibend, als Wortverdichter neben den blinden Oskar Baum. Bei
Ernst Weiß, der zuerst die Wiener Weise weicher geträumt hatte, erreichte ihr
Roman eine verzweifelt starke Aufbäumung, bei Werfel ihre Prosa schon
legendären Gesang. Ach, man war hier weit von den großen Ställen, die
Haustiere waren im Süden von anderer Facon, Freudsche Theorien, Analysen
vorgelebter Nerven, Mythisches vom Euphrat und Medizinisches spukten durch den Traum. Er hatte sein Gesicht, auch seine Breite, auch manchmal sein Tempo
behalten, aber man kaute ihn nicht wieder, man durchsprengte ihn mit Klugheit,
mit asiatischer Grazie, mit ungewöhnlich neuen Turnieren reizte man ihn zu
Gangarten, die er nicht kannte.
Es war eine abscheuliche Bastarderei, aber sie hatte Rasse. Mit dieser
Kreuzung band der Traum sich endlich auch an Rußland. Schon der Alemanne Hesse hatte dahin gedeutet, als die Kriegsschatten über seine bewundernswerten
Idyllen fielen. Sogar die Mondänen kamen unter das Kreuz dieser Richtung. In
Bruno Franks schwächlichen Erzählungen schreien manchmal die Brüder
Karamasoff, in Leonhard Franks gewaltigen Büchern gegen die Kriege flammt
Dostojewskische Inbrunst sich zu zerstören. Der immer dichterische Kornfeld
hat manchmal den Schatten Tschechows im Auge. Der beste Schilderer erotischer Atmosphäre, halbgeschlechtlicher Übergänge, des Genußdufts der
Zeitoberschichten, Wilhelm Speyer, stößt auf Tolstoi und muß, während er
verzweifelt raffinierte Wollust saugt, in die tiefste Tragödie hinein. Das
Schicksal hat in ihm den gekreuzigten Bankert zwischen Weltlichkeit und tiefer
Qual gemacht. Der Traum bekommt bei ihm einen süßen und makabren Reiz,
den Glanz der Untergänge, das Gesicht des byzantinischen Hermaphrodits . . . . .
.
Gesattelt, geritten, gezäumt war der Traum in die Welt hinaus gekommen. Er
bog sich in Wien in der tödlichen Schönheit eines nationalen Untergangs wie
venezianisches Glas oval und verwirrend zurück. Gab in Prag eine Oase fast
zwischen den Völkern, durchdrungen, geknetet, durchsüßt und geschliffen von
Händen, Hirnen, Wassern der an Asien schon tief anschlagenden Nationen. Wohl
in Deutsch, aber übernational schon über Europa hinaus gebracht, von dem ungeheuren Grimassieren russischen Geistes nach dem Großen Ozean gezogen, südlich durch die vermischten Kulturen der frischen Balkanstämme vom
Mittelländischen Meer gespeist, so blieb er draußen in der Welt als deutsche
Befruchtung.
Ach, die Haustiere der deutschen Dichtung murrten über diese fremden
Menagen, ihre nationalsten knirschten wie jener Platen, der aus Angst vor der
Pest bereits in den Hades floh, ehe sie ihn überhaupt hatte, so gut es ging
zwischen ihren Reibzähnen: „Laubhüttenpetrarke, Synagogenstolz“, aber es war der alte Klee nur, der sie hörte, es roch nach alten faulen Idealen, es störte
niemand, daß ihre Glocken schwangen, sie waren langsam in das Pianissimo des
Wiederkäuens gefallen.
Nur Paul Ernst versuchte wie ein Stier zu brüllen, weil einige mit dem Traum
ausgerissen waren, exotische Gegenden zu entdecken. Der männliche
Luxemburger Norbert Jacques, Willi Seidel hatten ihn mitgenommen, als sie auszogen nach der alten germanischen Weise und in den Spuren der Gerstäcker,
Sealsfield, Heinse, Wieland. Herr Klabund hatte die Expression dabei in die
eine, die fahrende Schülerweise in die andre Hand genommen, schrie ein
pazifistisches Pamphlet und trabte einen Militärmarsch. Er trabte mit den Füßen
einen Militärmarsch aber scheinbar ins feindliche Ausland, wie man in den
Ställen behauptete, und Paul Ernst, der plötzlich schwarz-weiß-rot gefärbt war, vergaß sein Renaissancegemetzel, vergaß seinen blutigen Traum von Italien und
überschrie ihn mit dem Trutzlied rechtsbolschewistischer Reaktionäre.
Ach, er versuchte, den Kobold des Traumes wie ein Stier zu überbrüllen, aber
es war ja kein Stier, wie jedermann sich mühlos mit den Augen überzeugen
konnte, und der Kobold, den er verfolgte, neckte ihn, bis er mit Tränen in der
Brille an der Statue der Diana zusammenbrach. Schon Darwin beweist bei manchen Krustentieren, daß vollkommene und ausgebildete Lebewesen dieser
klassischen Gattung dennoch niederer organisiert sein können als ihre Larven.
Die klassischen Krieger am Fries des Dianabildes streckten sich vor Wonne in
ihrem Muskelnetz über diesen vollkommeneren bebrillten Epigonen. Ach, aber
selbst dieser Fall verhinderte nicht, daß die Haustiere der deutschen Literatur den
erhabenen Traum weiterträumen und den Grünen Heinrich ohne Ablaß durch die
Zähne ziehen, obwohl sein Verfasser schon lange im Schweizerischen verstorben ist . . . . . . .
Es möchte scheinen, Mijnheer, ich spotte über Gebühr und beschädige am
achten Tage die Reserve, die ich mir auferlegte, sowie die Zuneigung, mit der
ausgezeichnete Menschen an diesen Träumen hängen. Wahrlich, ich kenne ihren
Wert und ihren Sinn und weiß manchen ihrer Dichter an einem ausgezeichneten
Platz der Verehrung, aber es bricht mir ins Herz ein, wenn ich das Muhen der Haustiere höre, die die alten Melodien und die hilflosen Tonleitern einer Vergangenheit blasen, welche uns nichts helfen. Ich weiß mich doch wirklich
glücklich, wenn ich irgendwo im Park der Dichtung Ansätze an gute Tradition
und deutsches wahres Wesen entdecke, aber ich kann den Spott nicht
zurückhalten, wenn ich die Zeremonien beobachte, mit der gesalbte Prediger
immer wieder ein verdorbenes Gerippe in den Frühling tragen.
Ach, der deutsche Frühling hat nichts gemein mehr mit den Gefühlen jenes
erheblichen Meister-Dichters aus Seldwyla, und dessen Knochen sind nicht seine Bausteine und seine Asche ist nicht sein Same. Ist es nicht schelmenhaft, wenn
die Haustiere den Stil eines großbürgerlichen Mannes wiederkäuen, aber
vorgeben, das Gesetzbuch der deutschen Erzählung damit auszuposaunen, wenn
sie die Nation meinen und eine alte Leiche unter ihren Hufen herausstampfen?
Einmal müßten, verdammt, auch die bequemsten und faulsten Tiere in den
Aufbruch kommen, der sie aus den dumpfen Ställen in die Freiheit führte und aus der Blindheit in das Licht. Ja, ich fürchte nicht, daß die Einäugigen
gefährlich werden, aber ich habe Angst vor den Nichtsehenden, weil sie nicht zu
erlösen sind.
Ich entsinne mich zu gut, daß auch Balder, der Lichteste der Götter vom
blinden Höder mit einer Mistel getötet wurde, die ihm der unheilvolle Loke
reichte. Ich weiß zu gut, wie die Götter über ihren Liebling klagten und daß seine schöne Geliebte daran starb. Und ich kann mir nicht verschweigen, daß ich
den Balder ohne Rückhalt liebe, aber den Loke hasse, daß aber der Dämon des
Bösen sich immer der Ahnungslosen bedient hat, um ins Unheil hineinzuführen.
Adler und Schwalben haben seit jeher mit einer Armee von Blumen in jeden
deutschen Frühling hineingeführt, aber nicht das grämliche Muhen der
Haustiere, die den Frühling zu beherrschen glauben und meinen, die Welt vermöge infolge ihres erhabenen Traums nicht aus ihren mahlenden Zähnen zu
fallen.
Nein, ich spotte nicht aus Übermut oder aus zornigem Vergnügen, sondern ich
schüttle den Bann wie jeden Alpdruck heftig in die Sonne, daß die Motten aus
seinem alten Pelze fliegen. Denn ich liebe den alten Keller mit aller Herzlichkeit
seines eigenen Gemütes, aber ich kann nicht sehen, wie seine Nachahmer ihre
schlechten Schellen an seinem Wagen tragen. Ja, ich weiß auch, daß der Spott nicht schadet und mit jeder guten Sache sich zu messen in der Lage ist, und daß
nur die steifbeinigen Kühe und die ergrimmten Ochsen ihn nicht ertragen können
wie die helle Sonne, die sie wütend macht.
Ja, ich gestehe auch, Mijnheer, daß es Dinge gibt, die man liebt und die man
zu gleicher Zeit verwerfen muß Haben Sie nie geschwelgt und zur gleichen Zeit
verdammt? Ist es nie so gewesen, daß Sie das Herrliche bewußt vorüberziehen ließen und mit den Mäusen sich ergötzten? Ach, man ist nicht einerlei, man ist zweierlei gebaut. Ich bin verantwortlich für die großen Linien und für die Urteile
und ich schneide die Staffeln in Stein oder ich schmeiße das Zeug hinaus. Was
kann ich für meinen privaten Geschmack jenseits dieser Dinge? Ich lehne die
Bücher des Thomas Mann ab aus guten und vielen Gründen, aber ich lese sie
gern, ich liebe sogar den „Tod in Venedig“. Ich amüsiere mich schief über den
Pierrot Schäffer, aber ich liege die Nacht schmökernd mit seinem gespenstischen
„Montfort“. Ich durchschaue den Schwindel, aber ich bin verliebt in ihn.
Ist es Ihnen nie mit Frauen so gegangen, daß am stärksten Sie reizte, was
unbedingt das Unmöglichste war? Gott hat die Natur und die Dinge oft im Spiel
seltsam zueinandergestellt, er will, daß man die Süßigkeit und die Klarheit, aber
auch den Widersinn seiner Schöpfung erkenne. Seine Methoden sind oft von
erlesener Laune, ja sie sind verrückt. Ein Coenurus zum Beispiel, der
haselnußgroß im Hirn des Schafes wandert, zwanzig Köpfe aus dieser Blase herein- und herauszieht, das Tier an Drehkrankheit zu Grunde dreht, ein
Coenurus zerfällt, von einem Hund gefressen, in seinem Darm, nur die Köpfe
bleiben übrig und erzeugen soviel Bandwürmer, als sie Köpfe waren, und deren
Eier, vom Schaf mit dem Gras gefressen, durchwandern wieder bis zum Exzeß
des Drehens des Schafes Hirn. Ja, sie sind verrückt und absonderlich die
Umwege der Vorsehung und man kann nichts sagen über solchen Kreislauf, als er habe einen Sinn, den uns nichts erleuchtet.
Unsterblicher Brummell, unter allen Dandyparasiten der Literatur (die ihrer
Lustigkeit halber nicht alle wie jenes bekannte Polystomum integerrimum in die
Harnblase des Frosches verbannt gehören) erinnere ich mich gern eines der
amüsantesten Typen der Literaturlebewelt, jener Primadonna aller Ausstellungen
und Premieren, des Königlichen Regierungsrates von Wedderkopp, der nicht den Weg vom Hirn in den Darm, sondern den umgekehrten einschlug. Fest
entschlossen, sich über alles bis an sein Lebensende zu mokieren, begann er
kritisch immer von hinten nach vorne zu gehen, schrieb über die Kostüme der
Leute, deren Gesinnungen er besprechen sollte, machte den Damen den Hof, die
er zu verreißen beabsichtigte, griff die Reisekoffer seiner Freunde an, deren
Stücke er zu loben hatte, schwärmte, da er im Krieg die Butterverteilung der
Stadt Brüssel in seiner männlichen Hand hatte, für kriegerische Tüchtigkeit nach den Revolutionen und schrieb mit Vorliebe, da er konservativer Natur war, für
bolschewisierende Käseblätter.
Ja, Mijnheer, man kann etwas lieben und kann es gleichzeitig vernichten, man
kann in Deutschland seine Geliebte sehen, aber man kann die falschen Kränze
auf ihrer Stirn und die schlechten Seiden ihres Kleides verspotten. Man muß
nicht, wie jene halbgefranzte Goldschnittausgabe des seligen Dandy und Freundes Eduard des Siebenten, Brummell, immer auf die andere Seite fallen müssen, denn der Schein der Überlegenheit ist nur die Waffe des Snobs und die
Maske des unsicheren Gentleman.
Aber man muß entschlossen dabei sein, auch über alle Kreuzwege hinaus,
über sich selbst und das bißchen private Ergötzung, über unsere Leidenschaft
und Glut hinaus, das Ziel im Auge behalten, und wenn die Perücken von
heiligen Häuptern vielleicht sogar mit den Köpfen selbst herunterfliegen.
Am achten Tage der Schöpfung wurde auch Gott unerbittlich und schuf die Tragödie, um die Welt zu reinigen und zu bessern. Am achten Tage unseres
Zusammenseins hat der kühle deutsche Mond sich auf die Schwarzwaldspitzen
gesetzt, und es bleibt keine Falte, kein Hauch in diesen Lichtkavalkaden verhüllt.
Am achten Tage nahm der Tod der Margarethe von Valois, Königin von Navarra,
die, aller Sprachen kundig, des ersten französischen Franz ungewöhnliche
Schwester, das Dekameron des Boccacce ins Französische transponieren wollte, am achten Tage der Erzählungen, in denen die ganze Welt schwimmt, nahm der
Tod ihr den Stift.
Er nahm sie weg von der zweiundsiebenzigsten Erzählung, darin, launig aber
auch teuflisch, doch nicht mißzuverstehen, erzählt wird, wie beim Einsargen
eines Toten ein neuer Mensch gezeugt wird. Ja, das Leben marschiert, es
marschiert mit klingendem Spiel auf der ganzen Linie. Ach, ich fürchte nur, den erhabenen Traum der Haustiere wird es nicht unterbrechen, selbst wenn die
Schellen ihnen unter den ehrwürdigen Nasen wie die Tanzschritte des Lebens
klingen.
Die neunte Nacht
Und Europa? Ihre genialste Laune war das Rokoko, wo sie die zänkischen Musen, unter welche sie (wie Venus an die Amouretten) ihre Gouvernements
verteilt hatte, in einer festlichen Heiterkeit vereinte. Sie hatte hier ein Lächeln
begonnen, dessen Anmut die Abgründe ihres Wesens ahnen ließ, aber nicht
enthüllte. Und sie hatte eine Leidenschaftlichkeit in ihren göttlichen Wuchs gerufen, deren Kraft sich hinter ihren graziösen Spielen versteckte.
Es war ein reizender Spätsommer der Musen, als sie um ihre Göttin sich zum
letzten Male harmonisch vereinten, graziler fast noch als der herbe Frühling
ihres Beginnens.
Schon immer war ein großes Wandern ihrer Sendboten gewesen, und ihre
Auserwählten hatten ihre guten Gedanken, die sie mit den Kaprizen der Frau ausgab, in die ganze Windrose geführt. Holbein sowie der van Dyck haben ihre
Farben nach der britischen Insel getragen. Irische Mönche hatten seinerzeit den
Urwald des mittleren Deutschland gesäubert und die Karolinger unterwiesen,
Buchstaben mit Vollendung zu malen. Grünewalds Töne, Dürers Art hat erst
Italien vollendet. Bambergs Plastiker zogen nach Reims und studierten den
Dom, ehe sie den ihren begannen. Der schöne Lionardo gab den Franzosen eine
andere Linie ihrer Architekturen. Rembrandts Chiarobscuro hat man im Süden erfunden, jüdischer Geist aber hat sich in seine Bilder hineingezogen. Arabisches
wanderte durch Granada nach Italien und über Frankreich in die Musik der
besten deutschen Dichtung. Was war Wieland ohne die Franzosen, Schlegel ohne
die Briten, Klopstocks „Messias“ ohne Miltons „Verlorenes Paradies“? Das
italienische Porträt der Renaissance, ihre schönste musikalische Erhebung in
Palestrina kamen aus den Niederlanden. Die Deutschen gaben den Tschechen von ihrer Dichtung, den Italern den Holzschnitt. Wie die Bienen, aber auch wie
die Wölfe waren die Sendboten geflogen. Selbst die Eau de Cologne, das
Modeparfüm des Rokoko, war von einem Italiener erfunden.
Ja die Luft selbst hatte damals zwischen der Abendröte ihrer Springbrunnen
und Bosketts etwas vom Arom eines Duftes, der wie das kölnische Wasser
zugleich erheiterte und erregte. Hier stand Europa noch einmal nach all den vergangenen Besuchen und Kämpfen und Balgereien der Musen mitten in einem
Konzert, das sie alle vereinte und das halb auf der Flöte geblasen, halb von
einem unterirdischen Donner gespielt ward.
Die Deutschen bauten der Göttin Europa damals ein leidenschaftliches und ihr
schönstes deutsches Denkmal. Sie bauten mit ergriffener Wucht und raffinierter
Andacht die fürstbischöfliche Residenz in Würzburg, und mit dem Niederländer Auwers, dem Pariser de Cotte, dem Deutschen Neumann, dem Schweizer Bossi,
dem Münchener Zick, mit dem Tschechen Mika, dem Tiroler Oegg, dem
Venetianer Tiepolo waren alle Musen noch einmal beteiligt. Sie beeilten sich
später allerdings, in alle Verstecke wieder zu fliehen und mit Pfeilen aufeinander
zu schießen. Bonaparte, der letzte Genius, suchte sie zu sammeln, indem er sie
mit Kanonen erschreckte, denn es gab für ihn kein anderes Mittel, Europa wieder
zu finden, als die mörderischsten Kriege.
Als er Goethe Belehrungen gab über seinen „Werther“, den er siebenmal
gelesen, und ihn bat, mit ihm nach Paris zu kommen und schöner wie Voltaire
einen „Cäsar“ zu schreiben, dachte er nichts anderes, als den besten Trabanten
der Göttin gefunden zu haben und von ihrer und seiner Hauptstadt aus dessen
Stimme über die Welt schallen zu lassen. Der größte Europäer hatte den
begabtesten Sendling Europas entdeckt, aber dieser folgte ihm nicht. Während des europäischen Maschinenkriegs aber war die Göttin völlig außer Landes
gegangen.
Sie war völlig außer Landes gegangen, und acht Jahre nach der Erfindung des
Kreuzgases, sechs nach dem Versailler Vertrag stehen die Musen noch um
Deutschland an den Mitrailleusen. Frankreich weist ihm die Tür, England
übersieht deutsche Kultur, Amerika ist sie kaum erwünscht. Von dort kommt kein Ruf nach der Göttin. Nie hat der Schwaden des Hasses so sehr ihre
Gefolgschaft getroffen, daß die zänkischen Musen zu derartig tollen
Unterleutnants der Rancune wurden und das Gebiet des Geistes in eine Serie von
Gefängnissen aufteilten, durch die sie den Parlamentären der Kulturen nicht
einmal den Durchmarsch erlaubten.
Die weiße Flagge der Kunst, welche die Hunnen und alle Söldnerkrieger der Jahrhunderte zu achten gelernt hatten, wurde von den toll gewordenen
Nationalisten mit allen anderen Fahnen der Humanität in den Staub gerissen.
Von unseren Büchern weiß man nichts, unsere Bühne mißachtet man, unser
Entgegenkommen höhnt man. Eine ausgestopfte Puppe mit den Zügen der guten
Viebig hat man im Reformkostüm an die Rampe des Gelächters gestellt und ihr
zu Füßen mit einem Jodler und Tiroler Hut den kleinbürgerlichen Bonsels
pathetisch gelegt und mit Übersetzungen aus ihren Werken als ersten nach dem Krieg statt mit Sauerkraut und Feldwebel uns in Paris vor aller Welt so zu einem
geistigen Mummenschanz mißbraucht. Es ist kläglich, sich nach zehn Jahren
Pause durch solche Gäste vertreten zu wissen.
Ach, es ist nicht gut, zwar als Besiegter eine große Göttin immer noch zu
lieben, aber es ist schimpflich ohne Zweifel, als Sieger sich nicht vor ihr zu
verneigen. Es ist das Unglück, daß mit den sinkenden Valuten auch die geistigen Kredite schwinden. Europa wird, wenn sie einmal wieder naht, ihre Gefolgschaft nach Art der Bewohner von Sklavenstaaten in dritt- und zweitklassische
Kreaturen eingeteilt finden. Aber Deutschland, Mijnheer?
Niemals, zu keiner Zeit hat Europa eine bessere Gastfreundschaft als bei den
Rheingermanen gefunden. Während der Kriegsjahre haben sie alle Freudenfeste
der „feindlichen“ Musen nach alten Bräuchen mitgefeiert. Fünf Jahre nach der
Münchener Räterepublik schwimmt das deutsche Theater unter den Schwänken
der gallischen Possenfabrikanten, Moliere und Shaw reichen sich wie während des Kriegs vor den Bildern Calderons und Shakespeares die Hand, und alles
Zeug, was Deutschland schmähte, ist pardonniert und geliebt, soweit es begabt
ist.
Suarèz durfte schreiben, wir fräßen Hunde . . . Verziehen. Claudel uns gierig
in das Bett des Prokrustes spannen, von Kopenhagen bis Berlin den
Friedensvertrag längen und kontrollieren . . . Vergessen. Kipling durfte von Australien bis Indien die englisch redende Welt gegen uns schlimmer wie eine
Fuchsjagd hetzen. Francis Jammes uns verleumden. Alle, die einen Kranz des
Führers trugen und besser wissen mußten, daß wir nicht allesamt eine Horde von
Hyänen und ausgehungerten Wölfen seien, durften die verächtliche Emeute jener
Niedertracht anführen, die uns zu den Hottentotten Europas erniedrigen wollte . .
. verziehen, vergessen. Die ganze Welt an unsere Brust! Zur gleichen Zeit, wo das siegreiche Frankreich den Direktor des Theaters „Vieux colombier“ hängen,
den vom „Oeuvre“ schinden würde, wenn in ihren literarischen Versuchsbühnen
ein deutsches Stück gespielt würde, wo die französische Zeitschriftenkritik vor
Chauvinismus dampft, wo England uns die Pässe verweigert, Rußland kein
Interesse als an dem Aufbau proletarisch eindeutiger Kultur hat. Und wo unsere
Freunde in diesen Ländern ohne Macht gegen die Geschwader der Dummheit und in der Minderheit gegenüber den Steuermännern des Hasses sind.
Der Dreißigjährige Krieg war eine Volksbelustigung der Kulturen gegen
diesen Wahnsinn. England, das den Kontinent zwei Jahrhunderte lang zur
Gesittung aufrief, schaut über den Ozean weg nur nach seinen Dominions.
Frankreich, das Europas Feldgeschrei führte, ist ein Land von irrsinnigen
Schelmen der Freiheit geworden. Wohl tauschen im nördlichen Dreieck der
Pariser France, der Londoner Shaw, der Moskauer Gorki shake hands der Internationale.
Aber Europa?
Ein Hohngelächter von Kiew bis Athen, von Prag bis Warschau ist die
Antwort. Ein Kichern des Schreckens als Echo vom hochvalutagedrückten Haag,
vom halbbankerotten Paris, ein Rattenpfeifen vom ängstlichen Zürich als
Untermelodie. Die Sieger der Weltwirtschaft sind in das gleiche Zittern wie die Gestürzten gekommen. Mitteleuropa, pleite wie zur Zeit der Assignaten, ein Geier, gerupft, aber mit falschen Krausen kachiert, sitzt zwischen den Bajonetten
der hochkapitalistischen Gallier und den Kanonen der östlichen Kommune.
Denn nicht nur Poincaré, auch Barbusse (seit er auf Moskau schwur) ist der
Krieg. Nicht nur die Kannibalen, auch die konsequenten Buddhisten bedeuten
Tod. Es unterscheidet beide nur (sehr) das Motiv, aber das ist, wo es um Krieg
geht, ohne Belang.
Denn Krieg heißt Vernichtung Europas, Friede aber bedeutet, daß die Göttin vielleicht ihre Verstecke verläßt und zurückkehrt.
Sie wird auf dem Scherbenhaufen, und unter den bitteren Lawinen dieser
Epoche ihrer Regierung sich mit Wehmut der Zeit erinnern, wo die zänkischen
Musen um sie hemmungslos zwischen den Bosketts und Springbrunnen spielten.
Ach, es wird keine Flöte in das Konzert ihrer Wiederkehr spielen, aber der
geheime Donner von damals wird ein abgebrannter Orkan sein, der ihr Land vereist hat.
Vielleicht aber wird sie nicht mehr zurückkehren wollen. Deutschland wird
aber nicht aufhören, nach ihr zu rufen. Seine besten Leute werden nicht
untergehen, ohne nach ihr verlangt zu haben. Bliebe es tausendmal Utopie, es
wäre ein schönerer Wahnsinn als der der Vernichter.
Ich weiß, wir haben am wenigsten Anlaß, schuldfrei uns zeigen zu wollen, wir haben vor dem Krieg nichts gelernt, während des Mordens in schlechtem Stil
Europa geschmäht, und müssen, wo wir mit gereckten Armen nach ihr
verlangen, das Peinliche erleben, daß sie im Umkreis in gutem Stil verlacht wird.
Ich weiß, wir säßen in anderen Wagen, wären unsere Rosse siegreich durch den
Arc de triomphe geritten.
Der Staël antwortete einmal Byron, den eine verlassene Geliebte gerade in einem Roman verzerrt hatte, auf ihre Frage, wie das Porträt ihm gefallen, der
neugierigen Staël antwortete der Lord ironisch: es wäre besser ausgefallen, hätte
er jener Lady Caroline Lamb länger zu sitzen geruht. Ich weiß, es ist billiger,
gefesselt, geknebelt Gerechtigkeit anzurufen, als sich „audessus de la mêlée“ mit
schönen Ideen abgeben. Ich zweifle aber nicht, daß, „wenn wir länger Modell
gesessen“ und die Champs Elysées mit preußischen Pferden hinaufgeritten
wären, die Stimme nach Europa in Deutschland mit der größten Tapferkeit dennoch gerufen hätte.
Sie wäre mit den besten Munden und im besten Stil angestimmt worden. Ach,
daß Gott zu unseren Feinden gerade die guten und zu unseren Freunden gerade
die schlechten Trommler Europas machen mußte. Was kann man tun, wenn
einem alles verläßt?
Nicht paktisieren, Mijnheer.
Es lebe Europa.
Die Franzosen, die mit dem Marschschritt Europas einst zu uns kamen, sind
eigentlich immer eine Mischung zwischen dem Soldaten Gottes und dem
„comédien ordinair edu bon dieu“ gewesen. Ihr Herz stritt zwischen dem Ideal
der Sache und dem Ideal ihres Ruhms. Sie haben jeweils ihre edle Exaltation mit
den Bestimmungen ihres Rausches verwechselt und zuletzt immer ihre eigenen
Göttinnen erschossen, indem sie dabei das alte Preislied für sie sangen.
Sie sind ein kriegerisches Volk, aber nur in der Einbildung, denn sie haben nur Ruhm, aber keine Territorien je erobert. Sie sind hinter der Marseillaise
hergelaufen und haben schon preußischen Drill im Blut gehabt, sie haben Europa
befreien wollen und haben es geknechtet. Sie haben die Fiktion ihres
martialischen Glanzes erobert, während die unkriegerischen Nationen der Römer
und Briten, indem sie Baumwolle oder Christentum sagten, die Welt
unterwarfen. Sie haben selbst bei Stendhal und Suarèz den Vorbehalt, daß Europa nur sei, wenn Frankreich sei, aber, schon indem sie es sagen, ist es nicht
mehr eine Bedingung, sondern es ist schon Gleichung: Frankreich ist, darum ist
Europa.
Darum haben die Franzosen auch jene seltsame Fremdheit zu sich selbst, die
sie ihre Tugenden so preisen, sich an dem Wort „Franzose“ so berauschen läßt,
während die Briten sich in ihren nationalen Gefühlen sehr nah, fast mit der Kritik des besten Verwandten gegenüberstehen, obgleich die Naturelle der
beiden Völker umgekehrt sind wie ihre Fähigkeiten, sie einzuschätzen.
Ein tapfrer Kämpfer Frankreichs für Europa sein, bedeutet darum mehr, als in
Deutschland brav zu sein, weil der Rheingermane nur seinem Gefühl folgt, der
Gallier aber gegen seine Empfindung erst europäisch wird. Der Deutsche erfüllt
seine Mission, der Franzose muß erst den Gallier in sich erschlagen.
Wenn Deutschland sich Frankreich schrankenlos wieder öffnet, bleibt es in
seiner guten Tradition, und wenn es die „Feinde“ mithereinläßt, ist es lediglich
nicht empfindlich. Wenn die Franzosen das mißachten und für die Fehler von
Politikern und Kasten jetzt Europa büßen lassen, ist das ihre Sache und eine
infantile Vendetta gegen völlig Unbeteiligte. Wir ziehen es vor, die Geliebte
weiter zu lieben, auch wenn ihre Hunde und ihre Knechte wütend die Zähne
zeigen. Denn wir verehren sie und nicht die Unvernunft ihrer Umgebung.
Von Villehardouin bis Joinville und Crestien von Troyes haben wir das
romanische Mittelalter aufgenommen, und uns nie unerkenntlich gezeigt. Ihre
großen Dramen gaben auch unsere Richtung. Rousseau signalisierte Europa.
Montaigne zog die Kraft des Geistes schmerzlich um die Welt. Voltaire und
Stendhal flaggten Europa schon sehr hoch. Balzac formte bereits Demokratie,
Flaubert maß nach der Größe europäischen Gewissens. Anatole France, der letzte Lateiner, ist auch uns das schmerzlich süße Zeichen des Untergangs einer Gesellschaft, die mit Rousseau begann.
Wir haben Zola, diesen Mischling aus italienischem und hellenischem Blut,
unter unsere Bürger genommen wie die Romantiker, wie die Sand, wie ihren
unglücklichen Geliebten, Musset, den Prinzen der gallischen Sprache. Wir haben
in Lamartine wie in Hugos Versen geschwelgt, alle Boulevardstücke genossen,
Dumas Frauen zu unseren Hauptrollen gezählt, seine zweihundert Bücher
Romanfabrik gelesen und sogar für seine Saucenrezepte uns interessiert.
Wir hatten den Blick stets halblinks von Berlin nach der Seine gerichtet. Sind
mit den Malern Feuerbach um Couture, Trübner um Courbet geschwärmt, haben
des Gauguin Tagebücher, des Van Gogh Aufzeichnungen, drei Bücher von
Kunsthändlern über Besuche bei Cézanne wie das Credo und die heilige Schrift
verschlungen, während Wedekind nicht gespielt ward.
Wir haben dem Verhaeren, dem Maeterlinck erst das Haus gemacht, haben die satanische Flucht des Huysmans aus seinem Zeitalter erst zu der monumentalen
Bedeutung der Flucht eines grandiosen Zivilisations-Deklassierten gemacht, wir
haben auf Baudelaire, Mallarmé, Verlaine, Rimbaud unsere Ästhetenschulen
gebaut, haben Pierre Loti leider für einen größeren Dichter wie Alfons Paquet
gehalten, haben hochstehende Aufsätze um Charles Louis Philippe, diesen
zärtlichen Kindskopf der Tragödie, geschrieben. Wir haben den armseligen Louys und Pierre Mille und den unglückseligen Farrère mit seinem Opiumkitsch
in unsere besten Stuben geführt.
Wir haben nicht nur Honneurs gemacht, sondern uns mit dem Herzen
beschäftigt, und wenn die Fremden hereinkamen, waren sie schon intim. Der
ganze Kreis der heute am besten schreibenden Franzosen um die Zeitschrift der
„Nouvelle Revue française“ war vor dem Krieg bekannter in Deutschland fast als in Frankreich. Gides und Rivières Ruf gingen weit übers literarische
Versnobtsein hinaus. Suarèz schrieb das beste Italienbuch für die Deutschen.
Claudel widmete man Weihespiele in Hellerau. Für Francis Jammes, der die
royalistisch fromme Linie des Joinville fortsetzt und die zärtlichen Töchter des
alten Adels und die Sanftmut der Tiere und die Kriegswappen treu
nebeneinander malt, entstand ein eigener Verlag und in Stadler der wackerste
Deutsche als Übersetzer.
Auch der Chauvinismus dieser Autoren, die während des Kriegs den hellen
Bullen ihrer Revue im Stall ließen, hat sie Deutschland nicht entfremdet, man
erweist ihnen die Gastlichkeit, die ihrem Können gehört.
Man hat ebenso auf jene Generation sich eingerichtet, die gegen den Krieg
Frankreichs protestiert und für Europa optiert haben, jenen tapferen Kreis junger
Leute, unter denen leider nicht Frankreichs beste, aber seine mutigsten Begabungen sind. Sie hatten sich teils um Barbusse, teils um Rolland geschart, die beide das Gewissen Europas während des Mordens waren, wenn beide auch,
zumal Barbusse, keine im letzten Sinne guten Schriftsteller, aber überzeitlich
große Charaktere sind.
Der Streit, den Barbusse und Rolland nunmehr ausgefochten haben, ist der
Kampf um die Gewissensfrage jedes einzelnen gewesen. Barbusse wollte aus
dem Débacle des Kriegs den Bund der besten intellektuellen Europäer erstehen
lassen, schuf in der Organisation der „Clarté“ ihm mit einigen humanitären Paragraphen den Rahmen, mit einem schon nicht mehr guten gleichnamigen
Roman die Kulisse und mit seinem Anschluß an die dritte Internationale
Moskaus das Grab. Er wollte die Herzen revolutionieren und ging nachher
Bajonette einkaufen, gläubig und voll menschlichen Mutes zwar wie ein
Thermopylenkämpfer der neuen Gesellschaft, aber dennoch als Aufrufer an die
Gewalt. Er postulierte mit dem russischen Terror die Gewalt von links gegen die von rechts, die er wie ein Herkules bekämpft hatte. Er führte seine Kunst durch
die Gesinnung in die Politik, während Rolland die jungen Leute zurückführte zu
dem weisen Glauben, den er durch den Krieg gehalten: das Reich des Geistes
müsse rein bleiben und Europa käme nur, wenn man glaubend für es arbeite, und
nicht, wenn man danach schieße.
Barbusse aber, dessen „Feuer“ auch das einzige Frontkriegsbuch der Deutschen geworden ist, tritt mit seiner Anschauung nunmehr, ohne es zu ahnen,
neben Goethe, den er in diesen Dingen bekämpft hat. Der, von Bonaparte
begeistert, einmal meinte, es schade nichts, wenn dieser dem Prätendenten
Enghien und dem läppischen Schreier Palm vor die Stirn geschossen, denn dem
Genius stehe dieses Weggehn über alle Schranken frei. Sie bedachten beide
nicht, daß man das aus dem Temperament heraus vielleicht denken, aber nie formulieren darf, weil das Blut sich mit mythischer Gewalt gegen die Idee
richtet und den am sichersten ersäuft, der es für sie vergießt.
Diesen Streit zwischen den Führern der europäischen Idee haben die
Deutschen wie ihren Kampf mitgemacht und die breiten Massen haben wie den
Barbusse auch den Rolland und den ihnen zugesellten siebzigjährigen France
wie ihre besten Dichter mit ungeheurem Ruhm gelesen. Der Einfluß Frankreichs
ist gewaltig geblieben. Man hat auch den Schülern der großen Gallier das Ohr geliehen, Martinet, Jouve, Léon Werth gehört. Guilbeaux, der während des
Krieges „demain“ in Genf herausgab, wurde in contumaciam (während er
Rußlands Erde schon mit Ruhe und Ansehen betrat) auf Grund eines Materials
als Schädling seiner Nation zum Tode verurteilt, das an der Spitze einen Bericht
von meiner Hand über den Mut enthielt, den er während des Krieges für die
Erhaltung Europas aufbrachte. Man hat René Arcos mit seinen stillen weitherzigen Dingen übertragen, den Bilderhändler Vildrac auf die Bühne gebracht, Colin, diesen Wanderprediger Europas gehört, gelesen, man nimmt
Notiz von Duhamels Büchern, von Vaillant-Couturier, Jules Romain, von
Chennevière. In dieser Generation ist wohl keiner, der die Sprachkraft der
Ästheten um Gide besäße und unsicher ist, ob einer europäisches Ansehn wie
seine Meister erlangen wird, aber sie sind, da sie für das wahre Europa stritten,
die tapfersten Soldaten Frankreichs geworden.
Es scheint allerdings im Sinn dieser Übergangszeiten zu sein, daß in den Siegerländern keine Führer unter den Jungen sind. Erst der Zusammenbruch
formt sie sich, weil er Höhenbedürfnis hat, während Triumph nur eine dicke
Lüge ist, die eines Tags nach ihrem größten Brüller platzt. Ungleich dessen ist
der Einfluß dieser Jugend ohne gleichen, Frankreich atmet mit allen seinen
Poren nach Deutschland hinein, und Deutschland liebt diesen Geruch als den
einer schönen Freundin. Es wird trotz allem dabei an die Göttin erinnert. Bleibt seine Liebe auch unerwidert, so wirbt es ja nicht um ein Weib, sondern um die
Liebe selbst. Unglückliche Liebe gibt es nur im Sprachschatz der Tölpel. Vor der
Ewigkeit gibt es das nicht.
Man kann nicht alles sagen, was ist, man muß sich begnügen mit dem, was
Deutschland sieht und nimmt von Europa. Mehr kann einen holländischen
Gentleman, der unabhängig ist, reist, den Horaz im Koffer mitführt, den seine Heimat langweilt, der Europa kennt (halb wie ein Dandy ein Lager von
Strandkörben und halb wie ein Gartenliebhaber seine Blumen), mehr kann einen
holländischen Gentleman nicht reizen. Er kann nur so, statt an ein Phantom zu
glauben, die Wirklichkeit der Nähe eines befriedeten Europas berechnen — —
— in gleicher Methode wie Galilei, der auch, um die ungleiche Entfernung der
Fixsterne von der Sonne zu messen, auf die geniale Idee kam, die Sterne erst selbst in der Entfernung zu ihren einzelnen Nachbarsternen zu vergleichen. Was
macht Holland, Jonckheer?
Es macht nicht mehr als Tulpen und Valuta. Es gab den Thomas a Kempis und
Jan van Ruisbroek zu unserem mystischen Mittelalter. Es gab der Freiheit das
tolle Geusenlied: „Wilhelmus von Nassauwen ben ick van duytschem bloet ///
Den vaederlandt getrouwhe blijf ick tot in den doet“ . . . Der Name der
Gerechtigkeit heißt Multatuli. Hinter ihm kennt man kaum die Roland Holst. Aber man kennt van Eeden als Anwalt der Menschheit, ich glaube auch von der
katholischen Propaganda. Das ist zusammen nicht sehr viel des Guten. Man hat
dafür die Seuche der sämtlichen Romane des Cooperus ebenfalls in das deutsche
Walhall gestellt. Das ist nicht Tulpe und nicht Geist, aber Valutadumping mit
verächtlicher Literatur. Auch den Unterbietern der Qualität, sehen Sie, gibt man
das Gastrecht.
Es könnte scheinen, dies sei zu weit gegangen mit einer Tugend. Ich bin Ihrer Ansicht, aber Deutschland meint wohl, man habe eine Tugend oder man habe sie
nicht. Man hat übrigens durch den Krieg die stammverwandte flamische
Literatur nach Deutschland geführt. Der ausgezeichnete Essaiist F. M. Hübner
hat von der Mystik ihres Mittelalters sie bis zu dem Eekhoud nach Deutschland
transportiert und man hat, nicht nur aus politischem Interesse, diese germanische
breite und saftige Kunst, für die de Coster das europäische Wahrzeichen ist,
aufgenommen. Die über Frankreich eingeführten Lemonnier und Verhaeren waren schon lange vorher übertragen.
Deutschland hat außer den Russen überhaupt die besten Übersetzer der Welt.
Heinrich Mann hat Anatole France, Schickele den Balzac, Rilke die Barret-
Browning, George den Baudelaire und Dante, Dehmel den Verlaine, Werfel die
Tschechen, Flake den Suarèz, Blei den Claudel, Vollmöller den d’Annunzio,
Däubler den Vildrac, Annette Kolb den Chesterton, Stefan Zweig den Verhaeren, Krell den Kipling übertragen. Deutschland hat das Glück, daß seine besten
Stilisten seine glücklichsten Pioniere sind, während die guten Autoren des
Auslands es kaum der Mühe wert finden, Deutsch zu verstehen und schreien
würden vor Heiterkeit, wenn man ihnen vorschlüge, deutsche Zeitgenossen in
ihre Sprache zu bringen. Deutschland hat um seine besten Übersetzer herum
noch eine vollkommene Industrie von Fabriken, die ihm in durchschnittlich gutem Niveau das Ausland vorführen. Die einmal an der Börse des deutschen
Geisteslebens eingeführten Autoren werden wie die Hühner in schwarze
Minorkas, rote Island, helle Faverolles sortiert und haben auch ihre geschäftlich
festnotierten Kurse.
Eine Anzahl Revüen verbinden Deutschland dazu noch mit verschiedenen
Ländern und die Übersichtstafeln seiner Zeitschriften berichten eifrig über jede Bewegung in der ausländischen Kunst. Während allerdings England und Italien
die Länder der Zeitschriften sind von fast unvorstellbarem Einfluß, während in
Frankreich die Revuen für die literarischen Kreise eine nicht genug zu
schätzende Bedeutung haben, sind ja die deutschen literären Zeitschriften ebenso
schlecht wie langweilig. Nach dem Eingehen von Schickeles
bewunderungswürdigen „Weißen Blättern“ gibt es keine Revue mehr. Lediglich
des Verlegers Fischer „Neue Rundschau“ hält eine gewisse Tradition, aber in der Tat nur die ihres Alters. Unter des geschickten Oskar Bie Leitung war sie wohl
quallig aber nicht unamüsant, wenn auch mit Händen und Füßen zwischen die
Hauptautoren Wassermann und Hauptmann aufgehängt. Seitdem sie ihren
Standpunkt verlassen hat und„modernisiert und politisiert“ wurde, ist sie
erbarmungslos öd geworden. Deutschland, das immer hundert nach einem
halben Jahr schon wieder krepierende Revolutionszeitschriften hat, verliert damit seine einzige konservative Revue von Haltung.
Es fehlt den Deutschen, was im Augenblick wohl nur Stefan Großmann mit
seiner leichten Tageszeitschrift hat, jene blitzschnelle Beweglichkeit des Geistes,
die Schärfe neben dem Kristall und der Farbe. Eine Zeitschrift müßte in jedem
Artikel, von dem man die letzten drei Sätze liest, so klar sein, daß man sofort
weiß, ob es um die Monarchie oder rumänische Läuse geht. Neun Zehntel
unserer Zeitschriftenaufsätze sind so dunkel, daß man, von Thomas Mann bis zu
Alfred Wolfenstein nicht ahnt, wohin die hochstehende Geschwätzigkeit nach vielen gelesenen Seiten eigentlich marschiert.
Die Flamen und Niederländer sind, ich weiß, noch breiter. Und doch ging von
der holländischen Zeitschrift „Stijl“ das erste Manifest für eine europäische
Kunst aus. Es war eine konstruktive Albernheit. Man kann von der Bauart der
Maschinen her nicht einen europäischen Konstruktions-Stil lehren, denn
Gesellschaft und Kunst wachsen ohne Verantwortung, voll Phantasie und Laune, und lachen der Vaugelas und Grimms. Aber dieser Theo von Doesburg hatte eine
Idee, und wenn ihr nur die Unbegabten gefolgt sind, beweist das nur tragisch,
daß die Verantwortungsvollen die Nichterwählten und die Leichtfertigen aber die
Begnadeten sind.
Auch die Natur hat ihre Einfälle barocken Humors und es macht ihr nichts,
daß sie zerstört, wo man sie anfleht, zu bauen. Sie ist so gesund, sich tragische Ausschweifungen leisten zu können, und es beschwert sie wenig, daß das
menschliche Gewissen unter dieser Frivolität sich krümmt. Sie hat wohl ihr
eigenes Gewissen und es ist wohl einfacher und tiefer als das unsere.
Man muß sehr vollblütig sein, um nicht fürchten zu müssen, sie wolle
überhaupt die Zerstörung. Der Kriegsruf der Futuristen, die Losung der
Moskowitenzare Lenin und Trotzki an ihre roten Armeen haben seltsam in die Maschinenschlacht hineingedonnert, an den vier Ecken Europas begann die
Zerstörung mit einer Wollust, die nicht ohne göttlichen Funken war.
Kennt man den Niedergang der Kunst in Italien, weiß man um die Viehmärkte
in den Höfen herzoglicher Paläste, erlebt einer dauernd die Monotonie der
Landschaft, blauen Himmel mit Sonne an weißer Mauer, überblickt man die
drohende Kraft der klassischen Traditionen . . . dann begreift man die Inbrunst,
die den Futuristenpapst Marinetti mit der Petarde in der Hand herumlaufen ließ. Dieser sonst ganz begabte Autor beschloß alles zu vertilgen, um wieder atmen
zu können, seine Maler Boccioni, Carrà, Russolo, Balla, Severini malten zum
ersten Male in der Weltgeschichte Dinge und Ereignisse durcheinander und dazu
noch gleichzeitig. Sie vermischten ihre Kunst mit einem blödsinnigen
Nationalismus, der sich gegen Österreich richtete. Ihre Kunst bestand aus
Dissonanzen, Patriotismus, Philosophie und einer Menge business und Hysterien. Die Bevölkerung Italiens bewarf sie mit Äpfeln, aber sie entzog sich nicht der Suggestion.
Im Krieg übertrugen die Dadaisten dieses Programm aufs Internationale,
schrieben die Herren Hülsenbeck, Tristan Tzara, Serner in allen Sprachen
durcheinander ihr Kabaret. Drumherum liefen die Schützengräben Europas. Die
Totentänze des Zeitalters waren nicht ohne apokalyptisches Grausen. Und die
Tänzer blieben nicht ohne Verdienst. Ihre Kasseneinnahmen rechtfertigten wie
jeder momentane Erfolge ihre Existenz. Man wird sich gewöhnen müssen, ebenso wie die Agenten des Hasses die Commis voyageurs des
Internationalismus zu fürchten. In dieser Pause Europas zeigt die Tugend wie das
Laster die aktuelle Neigung, sich zu industrialisieren.
In dieser Pause Europas hat die offiziellste deutsche Instanz die jungen, schon
wieder mehr klassizierenden Nachfolger der Futuristen in Berlin ausgestellt und
ihnen europäischen Ruhm gemacht, worauf sie ein Jahr später nicht mehr Einladungen folgten, weil die deutsche Valuta zu gesunken war.
In dieser Pause Europas hat aber d’Annunzio, das feurigste Talent der
Italiener, in Deutschland an Liebe nicht eingebüßt. Ihm war es leicht, da er
Italien mit allen seinen Fehlern bejahte, seine Landsleute hinter sich zu scharen,
obwohl sie auch mit Hilfe von Diktionären seine barocken Bücher nicht zur
Hälfte verstehen. Er verstand es, die Tradition zu lieben, auch wenn er seine Zeitgenossen verachtete, und hatte, der Romantiker und Genüßling, die Generäle
und die Futuristen und die Proletarier hinter sich.
Vor seiner Zeit hatte Leopardis Schwermut ganz Deutschland mitweinen,
Manzoni, der große Schüler Walter Scotts, in seinen „Verlobten“ die massive
Gläubigkeit eines Katholiken über Deutschland geschüttelt. Dann hat man wohl
auch Pascoli, dem schönen Lyriker und dem bedeutenden Kritiker Croce, Aufmerksamkeit geschenkt, auch sich unter den jüngsten Dichtern um die
vielseitigste Erscheinung Papinis, der bald zum Papst der Kirche, bald zu dem
der Futuristen betete, bekümmert.
Einfluß aber hatte nur d’Annunzio, für Deutschland wie Italien, ja für Italien
so sehr, daß, als er während des Tripoliskrieges ein wüstes Gedicht gegen
Österreich verteilen ließ, niemand es verstand, aber jedermann in Taumel geriet,
weil jedermann seine eigene italienische Stimme auch aus dem unerklärlichen Dunkel seiner aufreizenden Sprache trommeln hörte.
Von Einfluß waren die Futuristen dann dadurch, daß sie Bewegung brachten.
Bewegung ist gut, wo Tradition ist. Wir haben auch die Bewegung der
italienischen Futuristen aufgenommen, obwohl wir ohne Tradition sind, ohne
Sinn für spekulative Kunst und obwohl es nicht gut für uns war, sie
aufzunehmen. Man kann wohl sagen, daß wir Hunnen des Geschmacks vielleicht seien, die Hunnen Europas sind jedoch meistens die anderen gewesen. „Ich verachte alle Boches,“ sagte ein gebildeter Engländer mir in Innsbruck, „hier
heißen sie aber Franzosen.“
Die Deutschen sind von einer rührenden Großartigkeit der Welt gegenüber.
Wären sie es gegen sich selbst, sie wären das Herz Europas. Hätten wir am
neunten November des Revolutionsjahres statt lediglich Rissen zwischen den
Volksteilen nationale Bindungen großen Sinns gehabt, wäre eine
Nationalversammlung eingetreten, die, jedem im gerechten Ausgleich gebend und nehmend, das Gesamtgefühl gestärkt hätte, dem Feind statt wie ein
Epileptiker wie eine große, aber unglückliche Nation entgegengetreten wäre . . . .
wir ernteten heute eher den Ruhm Europas für die Größe unseres Unglücks, als
daß wir den Foot-ball der anderen Nationen darstellten. Aber es ist nicht das
Schlimmste, wenn man seine Bestimmung erfüllt, maltraitiert zu werden. Auf
die Dauer gibt es keine „Sieger“, denn sie würden ersticken an ihrem Triumph.
Auf die Dauer gibt es nur die Gesetze der Natur, die immer ausgleichen. Wer
Sieger allein sei, sagte der Gründer der Alhambra, Mohamed, als er bei der
Belagerung Sevillas dem König Ferdinand gegen seine maurischen Freunde
helfen mußte und siegte, . . . . . . . wer Sieger sei letzten Endes, sagte er, indem er
auf Gott deutete, traurig, aber voll Hoffnung: „Wa la ghalib ila Ala.“ Man hat
mit einer hinreißenden Größe in Deutschland vielleicht in diesem Sinne nie an Gott gedacht, aber an Europa nicht gezweifelt und alles in die Scheunen
gesammelt, was um die Grenzpfähle wuchs.
Es gibt keinen Niggerstamm, dessen Götzen, und keinen Japaner, dessen
Perspektiven wir nicht untersucht hätten. Die Literatur der Ungarn, die aus dem
Journalismus kam, die zuerst die Deutschen, dann Sue und Scott nachmachte, bis
Petöfi sie ein wenig völkischer erlöste, haben wir zu unserer besten Unterhaltungsliteratur befördert. Wir haben jene stallburschenhafte
Unbekümmertheit unter schiken Reithosen, jenes Paprika auf der Zunge und
Pomade im Haar, das die an der Seine parfümierten Theaterstücke der Molnar
und Konsorten ausmachte, neben der „Minna von Barnhelm“ gespielt, während
Büchners „Leonce“ nicht gespielt ward. Wir haben das wenige, was nicht
erbärmlich in ihrer Prosa ist, in den graziösen Geschichten Ernö Széps, in dem
Seelenspaltungsroman von Babits, in der erotischen Bauerngroßmäulerei des Moricz aufgenommen.
Wir haben sodann den anderen Mongolenstamm, den Europa birgt, hell in die
Weltliteratur hineingeschoben, haben uns als erste durch das Verdienst des
Dozenten Schmidt in Helsingfors um die zeitgenössischen Finnen gekümmert.
Das fabelhafte Schöpfungsgedicht „Kalewala“ war bekannt. Goethe hatte sich
schon um ihre Volkslieder der damaligen Mode nach gerichtet. Nun folgt die ganze literarische Generation eines Landes, dessen gebildete Schicht im wesentlichen jahrhundertlang schwedisch sprach und schrieb. Juhani Aho,
welcher das barbarische Land mit Stromschnellen und indianischen Gebräuchen
in großartiger Wildheit malte, ist nun ein deutscher Autor. Aleksis Kivi hat die
zerblasene, barock sinnierende Rabelaisiade des finnischen Volkslebens zu dem
deutschen „Simplizissimus“ hingeführt und in die Nachbarschaft von de Costers
„Uilenspiegel“. Bei Ilmari Kianto, in dessen Büchern sich zwischen Gletschern
und Raubtieren die Zeitwellen schon bis zum Zerplatzen biegen, tritt das soziale Element der Mongolen in die Literatur der Deutschen, das auf der ganzen Welt,
nicht zum Vorteil der Begabungen, die Dichtung zu beherrschen beginnt. Mit
France, Gorki, Shaw stirbt eine Generation von breiten Dichtern mit ihren
Gesellschaften aus. Europa ist noch nicht zurückgekehrt, um neue Führer für
neue Gesellschaft mit ihrem Finger zu benennen.
Wie groß war die Wirkung der klassischen Russen und Engländer auf Deutschland. Gogol, Tschechow, Saltykow, Puschkin, Tolstoi, Dostojewski. Sie
sind deutsche Autoren geworden. Die Dekadenz der russischen Literatur ins
Westlerische, von Turgenjeff an, den fast gallischen Kusmin, den schönen, aber
vom Geist der Städte zerpflückten Dymow, den rastlosen Panin, den verrückten
Remisow hat es übertragen und geschätzt.
Die russische Kunst hat nun einen Messiasgang unter der Fahne „Kunst dem neuen Volk“ angetreten. Alexander Block mit seinen „Zwölf“, jenem wilden
Sturmgesang der Bolschewiken, hat in einem verzweifelten Beispiel dennoch
bewiesen, daß man auch als Politiker große Kunst schaffen könne. Die Kunst
Europas ist zwar in vielen Experimenten befangen. Die Deutschen haben aber
keinen Augenblick aufgehört, selbst den Experimenten nachzuspüren. Es fehlen
nur die Massen, die früher eine Kunst wie die der Manzoni, Voltaire, Richardson verschlangen in jenem Augenblick der Geschichte, wo Kunst und Publikum sich
im gleichen Gefühl trafen.
Wo sind auch die Signale, die England einst herüberfunkte? Hinter Percys
„Reliques“ und Macphersons „Ossian“ lief ganz Europa her. Die Werke der
Addison und Richardson wurden als Feuer benutzt, die Franzosen
auszuräuchern, als der Geschmack zwischen Westen und Norden schwankte. Der
„empfindsame“ Sterne, Fielding, dieser entzückende Spötter, Goldsmith, der mit Flötenspiel durch die Welt reiste und medizinierte, bestimmten einst den
deutschen Gefühlsausdruck. Die Romantik Bulwers überschwemmte alle
gefühlvollen Herzen, die Elliot malte ihre Sätze in jedes Album, um Currer Bell
vergoß man männiglich Tränen. Man freute sich mit dem großen Redner
Sheridan und seinen Witzeleien, man lag am Herzen der Smollet und Thackeray
und Defoe und Swift.
Wie hat man den Dichter feurigsten Genres, den schönen Lord Byron geliebt und wie waren später der schöne Urning Wilde und Beardsley die sichersten
Ponten im Spiel der Geschmäcker. Aber erst Scott ward ein Autor, um den
Europa sich riß und mit Dickens wäre jeder Germane gern gestorben.
Deutschland lebte von England, weil es ein breites bürgerliches Publikum besaß,
aber keine bürgerlichen Romane.
Das Publikum ist heute in der Zersetzung, aber auch England hat keine
Autoren mehr außer dem Savanarola der Militaristen, dem Kipling und dem Lächler und Sozialisten Shaw. Zwischen ihnen steht (außer dem famosen Wells)
lediglich noch der gescheiteste Mann Englands, Chesterton, halb Prälat, halb
Kunstreiter, den Blick nach Rom gerichtet. Chesterton, der sogar
Detektivgeschichten benutzt, um katholische Seelen zu fangen, der den Curé-
Kriminalisten erfand und als Spötter sich über seine eigne Propaganda für Rom
artig ergötzt. Die katholische Kirche ist — weiß er — das elastischste Gebäude der Welt und gestattet als einzige Organisation der Welt die Ironie.
Kipling ist Engländer und hat mit dem im Irrsinn verstorbenen Lord Northcliff
ein halb Dutzend Jahre den größten Preßkonzern der Welt gegen uns in Batterien
der Unflätigkeit aufgestellt. Armes Deutschland, daß auch Kipling, ein Dichter
und gewaltigerer Tierschilderer als unser Hagenbeck und der Däne Fleuron, daß
gerade ein Raubtier-Dichter wieder das Wort von der Vorherrschaft der weißen englischen Rasse über die Welt und die Schurkerei seines deutschen
Konkurrenten erfand. Es waren geschickte Jagdzüge, und das deutsche Fell
blutete heftig darunter. Shaw und Chesterton sind dagegen Iren. Auch in
England hat der Sieg neben dem Europäer Shaw nur einen überhitzten
Nationalisten als Repräsentanten hochgebracht. Sonst hat Europa auch dort
Pause. Hinter den beiden Iren ist nichts mehr da.
Nur von Amerika haben wir einen bedeutenden jungen englisch Schreibenden,
den Upton Sinclair geholt, dessen Bücher dichterischer wie die des Barbusse
sind. Er ist ein magister artium der Revolution, denn er versucht politische
Propaganda, aber es wird gegen seinen Willen Kunst. Schon immer besaßen wir
Amerika. Als vor hundert Jahren Washington Irving seine Skizzen schrieb, die
England und Amerika aus der Schmollerei zur Freundschaft brachten, haben wir
den Irving sofort übernommen, an Cooper ist eine Riesenliteratur der Indianerbücher groß geworden, an des Bostoner Emersons Klügeleien haben
ebenso viele sich gewärmt wie andere an der Engländer Ruskin und Carlyles
beschränkten Gedankengängen. Mit Bret Harte erstand Kalifornien so nah wie
Bayern im deutschen Gesichtskreis, Longfellows reizende Epopöen las man in
größeren Massen als die englischen tuberkel-süßen Prärafaeliten. Poes Grausen
hat seine furchtbare Nüchternheit neben unseres Hoffmanns Romantik gesetzt. Mark Twains Witze las oft, wer Morgenstern oder Lautensack unter den deutschen Humoristen gar nicht kannte.
Wir haben freigiebig dem Rumänen Monolescu unsere Perlen gelassen und
seine Diebsmemoiren dafür gedruckt, haben es willig hingenommen, daß
polnische Emigranten während des Kriegs, ehe sie zu antideutscher Propaganda
ins Reich Pilsudskis zurückkehrten und schwiegen, uns die halbe ziemlich
greuliche polnische Literatur servierten, darunter allerdings den kessen Roman
des slawischen Napoleon von Przerwa-Tetmajer und den Mondroman von Zulawski. Wir haben spanische Schelmenromane, haben des portugiesischen
Zola, des Queiroz Bücher, haben die Poesien der Asiaten und Afrikaner, der
Kabylen und Lappen zu uns eingeführt in einer Flut, die bald hemmungslos
weiterströmt als man mitkann.
Das konservativste Herz Europas ist das der Schweizer. Selbst ihre
„Nichteingesessenen, Eingekauften“ stammen noch aus dem fünfzehnten Jahrhundert. Ihre drei möglichen Dichter sind auf das deutsche Pferd gestiegen
und damit in den großen Tattersal geritten. Das liberalste Hirn Europas sind die
Juden. Wir haben aus dem Jiddischen ihre Dichter übersetzt, haben Scholem
Alejchem, Perez, ben Gorion gebracht und die Paies und Kaftans und Chuzpes
und ihre tiefe Gläubigkeit, ihr unerhörtes Nationalbewußtsein neben das unsere
gestellt, haben durch des bedeutenden Denkers Buber vermittelnde Hand die großen östlichen Rabbis aufgenommen, die Chassidensekten und ihre Verkünder,
haben den Rabbi Nachmann, den Baalschem zu deutschen geliebten Denkern
gemacht. Wir sind das Meer geworden schließlich, wohin die Skandinaven ihre
Wikingerfahrten machten, statt Rom zu plündern oder Karthago zu erobern.
Wir sind das Meer geworden, wohin die unheilvoll produktiven Skandinaven
ihre Regatten machen. Es ist leicht sie zu gliedern, wo man sie ja langsam alle
bis zu den armseligsten Ratten kennt. Hinter den norwegischen Segeln liegt
Christiania und das Eismeer. Über den Stockholmer Rufen weht schon die
slawische Stimme. Um die dänischen Cats weht wie Versailles der weiche
Kopenhagener Wind. Bald fehlt kein Renntier, das zu stottern anfängt, kein
Eskimo, der ein paar Runen zeichnet, kein delirierender Lappe in der Übersetzungskompagnie.
Voran die buntesten Segel mit den Schauspielern der Literatur, die Dänen. Sie
schreiben entweder wie Jakobsen, dessen Stimme stets auf den Fußspitzen steht,
oder wie Jensen, der ein Tigermaul hat. Sie haben mit dem zarten Bang uns
einen radierten Impressionismus geschenkt, der entzückende Tierempfinder
Fleuron, der süße Südseemaler Laurids Bruun, der vornehme Gelehrtenkopf Gjellerups sind aus Jakobsens Schule. Dagegen sind der sibirische Vagant
Madelung mit seinen gemeißelten Sachen, der tolle Jürgensen, der das
Tiergebrüll der Kongonacht aufruft, von Jensens wundervollem Blut. Hinter
ihnen her sind zweiundachtzig kleinwüchsigere Dänen in Deutschland
ausgebootet. Darüber hat Pontoppidan dann mit der Freskenkraft eines müden
Rubens sein sterbendes Zeitalter gemalt, und der große Dichter Nexö hat mit der Wildheit eines zwanzigjährigen Rodin das proletarische Zeitalter schon
frohlockend an die Küste von Bornholm geschrieben.
Hinter dem gekreuzigten Quäler Strindberg haben alle lyrischen
Melancholiker Schwedens immer auf deutscher Erde fester wie auf Götland und
Dalarne gestanden. Die schollenduftende Lagerlöf, der klassizistische Halström,
der sanfte Geijerstam, der Epiker Heidenstam sind deutsche Autoren geworden, ja der Kriminalschreiber Frank Heller versorgt das deutsche reisende Publikum
fast völlig, zwanzig andere hinter ihnen her. Von den Norwegern hat man den
Globetrotter Hamsun als Erben des Großbauern Björnson mit dem Einfluß
übernommen, den englische Romanciers manchmal in letzter Zeit sandten. Der
größte Bekenner der modernen Weltliteratur, Hans Jäger, aus der Frühzeit des
Malers Munch und der norwegischen Naturalisten, hat nur in Deutschland seine
unbeschreiblich qualvollen erotischen Beichten ablegen können. Siebzehn Holzfällerboote mit Renntiersegeln und ein Dampfmotor mit Ibsens drohendem
Zeigefinger am Stern hinterher. Er deutet mit belehrender Eleganz nach
Swinemünde: Es lebe Deutschland.
Alles wollten wir haben, alles haben wir eingeführt, allen haben wir geholfen,
an die europäische Rampe zu kommen. Jeden Sinn, jede Farbe, jede
Schwärmerei haben wir gesucht. Sind wir nicht ausgezogen, selbst die Windrose noch dazu einzufangen? Wir haben die Windrose selber geholt, Mijnheer, weil wir auch die Winde der ganzen Welt lieben.
Aber es genügt nicht zu raffen, zu holen, zu helfen, zu sammeln. Wir waren so
lüstern nach allen Möglichkeiten, daß wir übersahen, daß niemand sich
revanchierte. Als die Franzosen durch ihre internationalsten Künstler eine
Ausstellung in Paris vorschlugen, machten selbst sie den Einwand, für jedes
verkaufte deutsche Bild müsse Deutschland ein französisches kaufen, während
kein Bild der Deutschen in Frankreich wandert, aber tausend französische bei uns verkauft werden. Wir haben von der Welt nie das Verhältnis von eins zu eins
gefordert, wir haben nicht einmal die Quote eins zu hundert verlangt, wir haben,
wenn wir plombiertes Eisen kauften, nicht einmal daran gedacht, daß man
unsere Saphire dafür wenigstens nehmen könne.
Es hat uns genügt, wenn man unsere Lokomotiven, Schiffe, Chemikalien
lobte, wir waren Verschwender im Einkauf und nachlässig in der Propaganda unseres Geistes nach auswärts. Wir haben die Welt kennen gelernt, ohne sie zu
verstehen, die Welt hat von uns nicht einen Centime akzeptiert. Warum aber soll
man jeden Mist nehmen, weil der dänische Verlag Gyldendal in seinen deutschen
Verlagsfilialen die Mark mit einem halben Öre kauft? Man braucht, finde ich,
nicht weniger weitherzig zu sein, wenn man nur das Beste nimmt und sich im
übrigen abschließt.
Was haben wir von verwaschenem Internationalismus unserer Gewohnheiten,
wenn der deutsche Nationalausdruck noch nicht geprägt ist? Was tut der
deutsche Commis in schlotternden englischen Hosen, wenn er sein deutsches
Herz noch gar nicht kennt. Hat man sich aber besonnen auf den deutschen
Charakter, dann ist das Deutsche so sicher, daß es auch die Welt mit umfaßt.
Dann aber werden auch die anderen gezwungen sein, uns zu besitzen.
Man erlangt nur Europa, wenn man sein Volkstum auf die schönste Spitze
treibt, nicht indem man es wegwirft. Der Europäer ist der aus der Klarheit und
aus der Vollkommenheit seines Stammes-Blutes heraus geformte und nur
dadurch Überlegene. Er ist kein Gebräu aus internationalen Theorien, deren
Geruch so schlecht ist wie jener der unreifen Schwertrufer des Vaterlandes. Man
wird daher nicht deklamatorisch eines Tages sagen wie der Gallier: Weil
Frankreich ist, ist Europa. Sondern: vielleicht wird Europa durch den Deutschen zurückgeführt.
Der Deutsche hat wahrlich viele Fehler vor Gott, aber schöne Tugenden. Er
hat eine Treue zu seinen Ideen, die keiner sonst hat. Er hat die Duldung, die
übermenschlich manchmal ihn selber und sein Gesicht verwirrt. Mit Swinburne
im Flugzeug flog er nach London, lag mit Dostojewski im Tornister gegen die
Russen, haßte den Krieg und ließ sich doch aus Anstand für eine tote Sache erschießen. Welche Qualitäten, welche Weite, risse endlich einmal der richtige Wirbel statt den falschen Engeln dies alles hoch! Er hat schon europäische
Augen, nur einen kleinstädisch gespannten Verstand. Wüchse ihm das rechte
Bewußtsein, er würde das schönste Volk der Erde.
Selbst heute, wo Europa stagniert, wo die ehrwürdigen Väter der Kunst mit
ihren Zeitrassen verschwinden, selbst in die atemlose Luft hinein zwischen den
alten und den neuen Schicksalen, hat Deutschland jedem über seine Zäune
hinübergewunken, aber niemand hat zurückgerufen. Ist der Winker der Tor, der immer mit dem Degen die Luft durchbohrt, oder ist der Nichtantwortende der
Kluge?
Ach, neutral sein in großen Dingen ist nie unverdächtig, und selbst die
Westschweizer waren im Krieg ententistischer als die Entente. Die Franzosen
wollen den Frieden, sagte man, mais les Lausannois ne la veulent pas. Europa ist
kein Marmor und man kann ihn nicht im Kabinett vergewaltigen wie jener Spanier in der Peterskirche geheim mit Jakob della Portes Standbild tat. Sie ist
eine Idee, die wird oder stirbt. Ach, Europa wird kommen, wenn wir es suchen
auf allen Seiten, oder wir werden weiter winkend krepieren, aber im Sterben
auch noch ihr Bild vorm Auge: Je t’aime plus qu’hier et beaucoup moins que
demain.
Was hindert die Kinder Europas, zueinander zu kommen? Ein wenig Vorurteil. Was macht die Unterschiede der Menschen aus? Kaum fühlbar andere Sitte. Im
feinen England wird man nie baskische Provinz wie in Berlin mit Fräcken
spielen. Eine französische kleine Kokotte wird mit einem armen Studenten das
Brot teilen statt ihn anzuzeigen wie in Holland. Ein englischer Sportsmann wird
nie wie ein französischer oder deutscher wegen des Rekords von ein paar
Minuten Kameraden im Stich lassen oder Damen im Bob anrennen. Eine französische Jury wird einen politischen Verbrecher erbarmungslos fassen, eine
Frau immer freisprechen, eine russische wird im Angeklagten immer den
Unglücklichen sehen, der Mitleid, und nicht Zorn verdient. Und beiden wird der
dogmatische Gerechtigkeitssinn der Deutschen fehlen, die meinen: und wenn die
Sonne erblinde, der Paragraph müsse durch die Wand. Man wird weiter in
Amerika sich gegen Zwillinge versichern, in England Weekend machen, in
Brüssel Deserteure bildlich von der Mauer mit Militärmusik schießen, in Spanien Blumensträuße in die Bordelle senden, in Polen Kartoffeln bauen, in
Schweden im Freien sterben, in Italien das Meer fürchten und in Deutschland
Europa lieben.
Das, Mijnheer, sind die inneren Unterschiede der Nationen. Man kann sie auf
den Rand einer Zeitung schreiben.
Kein Wind geht irgendwo anders, kein Baum steigt höher in den Himmel, kein Stern hat anderes Licht. Es gibt in Europa kein Klima, das sich in Amerika nicht wieder fände. Es gibt keine Geschichte, die nicht gleichzeitig ein Abencerrage
und ein Samurai den ihren je erzählt hätten. Skandinavien liegt fünfzehn
Breitegrade (so weit wie Berlin und Tunis) gestreckt und hat das gleiche Klima,
das warme Meere und Windströmungen ausgleichen, während der Süden
Europas mit kalten Nächten sich temperiert. Man reist mit den gleichen Koffern,
gleichen Tickets, gleichen Gesetzen. Was trennt die Kinder Europas, sich zu
finden?
Selbst die Götter haben sich zueinander gesellt. Den Janusgott, der ihnen
fehlte, fanden, mit dem doppelten großen Haupt, die Griechen in Rom. Sie
überwiesen dafür den Italern den Apoll und ihren Hermaphrodit. Der
mongolische Jumala und Odin, die gallische Venus und der englische Jupiter
werden zusammen der Göttin Europa huldigen können.
Sie würde, wenn sie käme, eine reife Laune haben, jung wie der beste Sommer. Die gesungenste Sprache der Finnen wird mit der gezischten der
Slawen, mit dem Sachlich-Warmen der Germanen und dem grazilen Marmorton
der Franzosen im gleichen Takt nach ihr gehen. Die Musen hätten kein
Rokokospiel, aber repräsentablen Ernst. Die Monate würden heißen wie in
„Hiawatha“: Mond der schönen Nächte, Mond der Blätter, Mond der Erdbeeren,
Mond des Laubfalls, Mond der Schneeschuhe. Das wäre eine angenehm kultivierte Rasse dann, die diese geliebte Lehmkugel bewohnte, mit Erinnerung
an die Gletscherzeit und die Zuchtstiere, verliebt in den Boden und mit dem Gott
in Ordnung und elektrische Öfen dazu.
Ach, Mijnheer, im Mondschein steigen sechs Pferde schweißend, den
Schneepflug hinter sich, die Schneise herauf, Haselzweige in Blust am
Zaumzeug. Es ist hell wie am Tag, sie steigen überwölkt von Dampf durch den Hohlweg, morgen wird der Weg hinunter beendet in den Frühling. Die
Geographie der Jahreszeit ist vereinigt: Hummeln stürzten bereits heute in
Scharen auf die Weiden, die aus dem Schnee in die Tagsonne sich mit Blüten
strecken. Wie die Landkarte Europas sei?
Man kann sie mit ungeheuerlichen neuen Bildern täglich malen. Anders wie
das Forte piano der Teiler von Versailles, die statt wie Dioskuren wie
Gentlemen-Taylors geschnitten haben. Anders, voll nüchterner Romantik. Ein verständliches Paradies. Nicht das pathetische Theater des Kopernikus mit seiner
„lucerna mundi“: der Weltleuchte, umgeben von Tierbildern, Pflanzenwäldern,
Menschenscharen, flammenden Polarlichtern, farbigen Ozeanen und
Meersäulen. Das ist für Fakire, nicht für Menschen. Der Mensch Voltaires,
glücklicher Candide, sprach die richtige und menschlichste Losung für Europa:
„Bebauen wir unseren Acker.“ Alles ist dann in Ordnung. Man kann ruhig leben, gut sterben. Himmel und Menschen sind meistens einer Meinung. All right. Sie lächeln, Mijnheer? Es ist die zweitletzte Nacht.
Die zehnte Nacht
Mijnheer . . . . . . . !!!
Letzter Vormittag
Mijnheer, wir sind frei.
Im Schlitten vor uns fahren die Filmleute. Hinter uns jagt mit Schellenklirren
eine Karawane zu Thal. Die Tiere schütteln sich vor Wonne unter dem blauen
Horizont, und der Wald ist, von Sonne getaut, in der Nacht wieder
zusammengefroren wie singendes Glas. Wo waren Sie heute Nacht?
Ich war nicht bei Ihnen, aber Sie waren auch nicht in Ihrem Zimmer. Ich sah
es, denn Sie hatten kein Licht, und als ich rief, lachte es in einem anderen
Korridor. Wir glücklichen Toren! Wir haben ein doppeltes Dasein geführt, wir
haben mit Grübeln in den Nächten das Leben bestimmt und den Tag uns
gegenseitig verschwiegen. Wir haben die Nächte mit Reden erhellt und unsere
Tage im Dunkeln gelassen und zweierlei Dasein gelebt. Nun ist das Leben plötzlich in unsere Gespräche eingedrungen wie ein Tier und hat uns die zehnte
Nacht entrissen. Fahre sie wohl.
Es geht wie im Traum, der Schlitten schwingt im weichen Tempo des
Hufschlages. Die Abhänge sind an den Felsen manchmal schon „aper“ und
beugen sich voll Lawinen über den Schwarzwald hinab.
Sehen Sie zurück: auf Gisiböden, Notschrey, Blösling, Seebuck steigen Säulen
von Dampf. Schauen Sie ins Tal: da strudeln in den langen Sonnenfächern rosa und blaue Nebelwolken. Welcher Zauber. Welche Weite. Die Welt ist wieder
offen.
Auf dem Bruchharsch des Zweiseeblick fahren die Skiheroen ins Tal. Sie
schwingen wie Kreisel in alpiner Technik über das Eis, flitzende schwarze
Punkte, dann stäuben sie in die Latschen. Die Sonne greift aus der gläsernen
Gegend eine vor Leidenschaft zitternde kühle Musik. Noch ist die Erde nicht aufgeplatzt, dem Frühling entgegen. Aber die Ebene kommt uns entgegen. Die
Erde nimmt uns auf, als habe der Okeanos, der sie umschließt, sich mit reißender
Wonne über sie ergossen. Was bleibt von der Kühle und Distanz, mit der wir sie
aus unserer Verbannung heraus geteilt und beurteilt?
Was bleibt an Überlegenheit, wenn die See und die Alpen uns anglühn?
Dahinter liegt Venedig und über dem See die Städte. Von Badenweiler bis Zürich, von Freiburg bis Köln geht der Atem der Landschaft. Und hinter der
Heimat steht unentziffert, mit allen Wundern verschleiert, rätselhaft wieder die
Welt.
Was bleibt nun von dem, Mijnheer, was wir zu entzaubern versuchten?
Was ist Kunst?
Zuerst ein Mißverständnis von oft entzückender Albernheit bei den Menschen. Welches Panorama von Witzen!:
Friedrich der Große schrieb dem Schweizer Myller, der ihm das
Nibelungenlied sandte: „Hochgelahrter, lieber Getreuer. In meiner
Büchersammlung werde ich dergleichen elendes Zeug nicht dulden. Sondern
herausschmeißen.“ Voltaire krächzte über Shakespeare als ein lächerliches
Scheusal. Der Dichter Flaubert ward zum Naturalisten, der Mensch zum
Verfasser von Cochonnerien gestempelt. Heine hielt eine Zeitlang Goethe fürs Haupt der romantischen Jünglinge. Zola hielt sich für einen nackten Schilderer
der Natur und war doch ein versteckter Romantiker. Man warf ihn aus der
Zeitung, weil er für Courbet eintrat, und nannte eine häßliche Frau „femme
impressioniste“.
Das Rokoko hielt die chinesische Kunst für eine Pläsanterie, benutzte ihre
Schnörkel hochmütig und sprach über sie als „Indianische Malerei“. Balzac habe die Gesellschaft seiner Zeit am Schreibtisch ergrübelt und nicht geschildert und
sei ein kindischer Schwachkopf, schrieb ein maßgeblicher Mann seiner Zeit.
Und ein anderer fügte hinzu: wie die Mode Hugos restlos verschollen sei, werde
auch Zolas schwaches Geschwätz dahingehn. Einer der besten Kunstwitterer
Deutschlands, Paul Cassirer, hielt, als ich ihm kurz nach der russischen
Veröffentlichung Alexander Blocks mir zufällig in die Hände geratende „Zwölf“, die Jahrtausend-Marseillaise aller Kommunisten, für seine „Weißen Blätter“
sandte, das Gedicht für eine kleine Ballade. Die Piraten der öffentlichen
Meinung haben Achtzehnhundertachtzig gegen Manet wörtlich
buchstabengetreu denselben entflammten Unsinn geschrieben wie gegen die
Expressionisten. Was ist Kunst, Mijnheer, wenn Sie die Zeit fragen? Es wertet
nicht das Lächeln eines holländischen Gentleman, der eine gute Zucht schwarzweißer Rinderherden hat.
Wenden Sie sich zu den Künstlern, wirds ein Bajazzospiel des Temperaments.
Jeder liebt das ähnliche und kreuzigt das andere. Ingres hielt sich zu Holbein und
Rafael. Beckmann schwört zu Mäleskirchner und Bosch. Böcklin, Feuerbach,
Schwind wüteten gegen Macart und Piloty. Balzac amüsierte sich über Hugos
Stücke und verehrte Stendhal. Corot hielt Delacroix für einen Adler und sich für
eine Lerche, während Ingres von Delacroix als einem Epileptiker stöhnte. Heine hat Platen zwischen einer Diarrhoe vernichtet und die Schwaben verlacht, aber
Lessing mit strenger Liebe bewundert. Fragen Sie einen Coiffeur, Mijnheer, was
Kunst sei, aber meiden Sie die Träger der ewigen Fackel! . . . . . . .
Nun traben die Pferde ums Bärental, geflockt von Lämmerschnee schwebt die
Ebene unten bis an den Rhein und der Wald über uns löst unter der Sonne seinen
weißen Ballast und wirft ihn dampfend und spielerisch durch das Blau herunter.
Unser Schlitten ist rot lackiert, Mijnheer, und wie ein Minerva-Wagen gebaut, er hat die gleiche Federung auf dem Schnee und den ventillosen ruhigen Gang.
Die Pferde knirschen schäumend an den Trensen und werfen die Köpfe in die
Luft, und nur die Glocken des Sattelzeugs durchtanzen die Ruhe der
landschaftlichen Majestät.
Nun traben die Pferde zwölfhundert Meter über dem Meer mit stolz
gebäumten Hälsen und wagerechten Köpfen schon fast hohe Schule von einer
Schleife der Straße in die andere nach dem Rhein.
Was bleibt von den Stilen, den Richtungen, den Gruppen der Jahrhunderte,
wenn selbst die Gäule eine Schule des Ausdrucks haben, ihre unterdrückte
Leidenschaft nach der Ebene in einem prachtvollen Stil zu bezeugen?
Alle Schulen scheinen vorne die Kampftruppe einer Epoche, dahinter aber
erscheinen sie nur als Widerstreit zwischen Können und Welt. Was liegt
dazwischen, Mijnheer?
Im einzelnen Fall gesehen ist die Antwort vielleicht schon zu einfach:
Die ägyptische Plastik war wohl der größte Versuch, das Persönliche in das
Mächtige münden zu lassen. Berninis Büste des vierzehnten Ludwig erstrebte
nicht den ähnlichen Mann, sondern allerdings darüber hinaus das Königliche.
Flaubert spießte nicht mit seiner Pinzette die tausend Details, sondern sammelte
das Kleine immer in bezug auf die Größe. Voltaire machte nicht Witze, sondern suchte die Ernüchterung seiner Epoche, Beaumarchais hatte zwar nicht nur Haß,
sondern erstrebte nur Wahrheit. Das ist deutlich und einfach. Wo aber liegt der
eigentliche und letzte Sinn?
Die Inhaber der Schulen haben allerdings nur wie die Wilden gegeneinander
getobt und dem Mißverständnis der Stile auch noch die Irrtümer ihres Charakters
hinzugefügt. Von ihnen ist keine Antwort zu erwarten. Sie wird höchstens Komödie:
Schiller schwamm durch den Sturm und Drang, beknabberte die Romantik,
durchstelzte die Klassik. Goethe schrieb nicht nur den wüsten Götz, vor dem
noch der große Friedrich schauderte, sondern auch Iphigenie, aber auch das
italienische Tagebuch. Musset, der die Romantik an allen Seineufern zärtlich
bekannt gemacht hatte, schwor ihr mit furchtbaren Witzen wieder ab. Das
Rokoko erfand sich selbst zum Kontrast auf seine Eleganz die lockeren Schäferszenen. Die ritterliche Hochkultur des vierzehnten Jahrhunderts stürzte
sich auf die Wilden-Männersachen und schuf in den „ballets de sauvages“ sich
ein romantisch phallisches Ventil. Der kleinbürgerliche Gefühlsbulle unserer
herrlichen Zeitwende sogar, der sentimentale Bonsels, begann mit abenteuerlich
lasterhaften Eroticis, während er nun über Jesu gerne ausführlich spricht.
Joachim Kändler, der den europäischen figürlichen Porzellanstil von Meißen aus schuf, ein bewundernswerter Meister, arbeitete zuerst im Augsburger Goldschmiedstil, fertigte das berühmte Schwanenservice in den vierziger Jahren
des achtzehnten Jahrhunderts bereits in Rokaille und zehn Jahre später das große
Geschenk seines Königs an den fünfzehnten Ludwig „im jetzigen goût der
kunstliebenden Welt“, nämlich in Rokoko. Ist das nicht lustig?
Keine Pamphlete, keine der trojanischen Schlachten, welche die Vertreter des
einen gegen die des anderen Stils schlugen, täuschen über das Komische jener
Einstellung hinweg, die vermutet: daß der Stil das Wichtige und der Künstler das Unwichtige, die Kunst aber ein Feldlager sei.
Der Professor Bergeret bei Anatole France hatte eine geruhigere Ansicht, als
er nach dem Ehebruch seiner Frau aus dem Hause stürzte und plötzlich an allen
Ecken in Kreidegrafittos seine Karikatur als Cocu sah. In der einen Auffassung
der Zeichnungen wuchsen ihm die Hörner aus dem Kopf, in der anderen aus dem
Zylinder. „Zwei Schulen“, dachte Bergeret und ging gelassen durch die Promenaden.
Als der Baron Marcellino de Sautuola die Höhle von Altamira vor
vierundvierzig Jahren mit ihren Eiszeit-Rötelbildern fand, lachte ganz Europa,
und Cartailhac, der das später männlich zurücknahm, erfand den Spaß vom Ulk
der spanischen Mönche. Bald aber war nicht zu bezweifeln, daß hier eine Kunst
vorlag, die vor fünfzigtausend Jahren an die Wände gemalt ward. Der Wolf in Font de Gaume sowie der Bison von Altamira sind gewaltigere weitere Kunst als
alle persischen Miniaturen und Teppiche und unvergleichbar großartiger als die
ähnliche Malerei des Franz Marc.
Fünfzigtausend Jahre sind eine erhebliche Zeit, alles, was uns wert ist, liegt im
wesentlichen höchstens dreitausend Jahre in der Welt. Wollte man in der
zwanzigmal größeren Spanne bis zur Eiszeit nach Schulen suchen, würde selbst der Gott der Historie platzen vor Lachen.
Wir haben ohne Zweifel die Schulen von siebenundvierzigtausend Jahren
vergessen, aber die von dreitausend Jahren eifrig auswendig gelernt.
Den ersten Napoleon hat seine Schildkröte hundert Jahre überlebt. Und von
Fieldings „Tom Jones“ meinte ein Kritiker, es werde, da der Autor
habsburgisches Blut in seinem englischen Körper hatte, den österreichischen
Doppeladler überdauern, und es hat ihn überlebt. Was bleibt, Mijnheer, an alledem, wenn aus der Nähe, von Pupille zu Pupille gesehen, dem Sucher der
Sinn der Stile nichts anderes scheint als der Anlaß zu Albernheiten für die Zeit
und spöttischen Kartenspielen der Jahrhunderte?
Es bleibt, Mijnheer, im Wechsel der Gruppen und Erscheinungen derselbe
unbestimmbare Reiz wie bei den Saisonen der Natur: Herbst, Fruchtbarkeit,
Korn, Park und Flüsse . . . und der Widerstreit, den die Schönheit des einen gegen das Leben des anderen führt und es vernichtet.
Es bleibt die Kraft der Natur, durch den Wechsel sich zu fabelhafter Elastizität
zu erziehen, die Knospen zu sprengen, wenn sie prall, und die Früchte zu
nehmen, wenn sie reif sind. Darüber hinaus hat alles nur den Zweck des
Kampfes zur Erreichung eines immer glühenden Umlaufs der Säfte. Gegen die
französische Akademie, die um Poussin und das antike Ideal erstarrte, zog de
Piles mit den Rubenisten und verlangte die Vermenschlichung der Poussin-
Garde. Aus der Vereinigung entsprang Watteau, gegen den das Messer einer neuen Klassik sich schon schliff. Maxime du Camp hat über einen Genius
gesungen: „Je suis né voyageur, je suis actif et maigre /// J’ai peur de m’arrêter,
c’est l’instinct de ma vie.“ Es wird der Genius gewesen sein, der die Stürme der
Richtungen gegeneinander führt und keinen Sinn hat als den, die Fruchtbarkeit
des Lebens toll und süß und scharf zu halten.
Es gibt keine Stile mehr unter diesem Gesichtspunkt, sondern lediglich den Kampf von Sein und Schein, von Wollüstigen und Beschnittenen, von Verklärten
und Abenteurern der Kunst. Das Barocke hat stets mit dem Klassischen sich
gejagt, aber niemals war der Bürgerschreck Wahrheit, daß das eine größer, das
andere kleiner sei. Die Natur hat keine subalterne Kritik zu sich selbst, und was
das Ruhige und das Lodernde trennt, sind nur Unterschiede des Thermometers,
nicht solche des Glanzes.
Das Barocke ist nicht das Verhüllte und das Klassische dagegen das
Gesegnete, sondern beide sind vom gleichen letzten Adel der Helligkeit, wenn
sie erlesen gesucht sind. Wedekind und Bosch sind Signale der Klarheit im
Barocken. Shakespeare und Calderon sind Monumente des Lichten im
Barocken. Goethe und Racine, Rafael und Petrarka sind helle Söhne der Klassik.
Es gibt dagegen heute wie stets auch verworrene Klassik und mißverstandenes Barock. Das Publikum legt keinen Wert auf diesen einzig richtigen Unterschied,
aber es würde bei einer Eselparade auch nicht auf die Gangart, sondern auf den
zweiköpfigen Esel schauen.
Es bleibt, Mijnheer, wenn Sie fragen, was Kunst sei und was standhielte,
gehalten gegen die aufbäumende Kraft des Daseins, es bleibt, über die ewigen
Bewegungen der Jahreszeiten von Blüte zur Frucht, von den reifenden Äckern
und den gewitterroten Herbsten, es bleibt über die weiche Wehmut des Sommers und die zitternde Kraft dieses Kreislaufs durch die Jahrhunderte hinaus . . . es
bleibt letzten Endes außer dem unfaßbaren, aber erregenden Zustand dieser
Bewegung die stille Heiterkeit einer menschlichen Erinnerung. Es bleibt, wenn
alles Überflüssige schließlich fiele, wenn das Verhüllende fehlte, wenn das
Zeitliche schwände, es bleibt in letzter Nacktheit jede Kunst als der Götterfries
ihrer Menschen, über jeder vor uns verrauschten Epoche mit klarster Kraft an den Horizont der Ewigkeit als Erinnerung geschlagen.
Es werden durch diesen Fries die Götter der Sehnsucht und die Göttinnen der
Qualen dieser Menschen vor uns wandeln und die Nymphen ihres Lächelns
werden nicht fehlen und die Dämonen ihrer Leidenschaft werden darin zittern.
Ja, ihre Ernten und ihre Städte, ihre Sklaven und ihr Reichtum wird darin
enthalten sein wie in allen göttlichen Symbolen, die leicht zu entziffern sind,
wenn das Göttliche wirklich seinen Atem in sie gehaucht hat.
Denn die seligen Götter waren nie ein anderes als die Erhöhung der Menschen irgend einer Zeit auf einen gewissen Stand ihrer Sehnsucht, sie waren nicht
einmal unfehlbar, sie waren unsterblich, aber verwundbar, alles wissend, aber zu
betrügen, voll Ethos, aber auch voll Haß und Neid. Sie waren aus beiden Stoffen
der Erde gemacht wie die Menschen auch, denen nur die Kunst schließlich blieb,
in ihr die Götter wohl mit größter Vollkommenheit, aber auch mit allen ihren
eigenen Fehlern zu bilden.
Es ist einfach, von der Kenntnis der Menschen einer Zeit aus auf die Größe
ihres Weltbilds zu schließen, es ist noch einfacher, sich aus den Figuren der
Götter die Gesellschaft jener Nationen zurückzuenträtseln, die auf dem Rücken
der Kunst diese Götter sich gebaut haben.
Denn Kunst ist immer der eifervollste Kämpfer mit der Unsterblichkeit
gewesen. Als die größten Künstler ihrer Zeit, Bernini und Corneille, sich trafen, redeten sie sofort ohne Pathos, so als ob sie „how do you do“ sagten, davon, wie
schmerzlich es sei, daß man so weit hinter seinen Idealen zurückbleibe.
Flauberts Tagebücher weisen Kämpfe, die verzweifelter sind wie jene Cäsars,
Alexanders, Napoleons, um die Erreichung einer möglichen Welt. Und als
Gelimer nach Karthagos Fall mit den letzten Vandalen in einer numidischen
Bergfeste am Krepieren war und die Herrlichkeit eines phantastischen Reichs damit hinsank, erbat er von seinem Gegner Pharas neben Brot und Schwamm
eine Harfe, um selbst die Größe seines Unglücks mit der Kunst zu messen. . . . . .
Wir haben, Mijnheer, sechzehnhundert Meter hoch den Schlitten heute
angespannt, haben die Landschaft des Schwarzwaldes in langen weichen Hängen
unter uns ins Land fließen sehen. Hinter den Spießhörnern malten sich die
Vogesen violett an die Dämmerung und hoben Straßburgs Kathedrale aus der
fetten elsässischen Erde. Über dem Titisee funkelte die rote Lava der Schweizer Alpen. Von Kolmar bis Mainz lag die deutsche Erde unter uns und sie atmete
über den Rhein, wo ihre Geschicke stets geplant, getragen und gemünzt wurden,
immer nur das eine wundervolle Gefühl: Gelassenheit.
Die Pferde traben nun schon sechshundert Meter tiefer, sie sind von Hafer toll
und gehen elektrisch in der Kandare, wir haben den gleichen Blickpunkt, um auf
die Kunst zu schauen: Ach, wie fliegen, vom Feldberg der Seele aus gesehen, die Schleifen der Stile, die Banner der Richtungen, die großen Proklamationen feierlicher Wahrheiten in den Wirbel der Dampfsäule hinein, der sich von allen
Berggipfeln der Sonne zu hebt, und wie atmet die Brust der Kunst denselben
Rhythmus wie die ewige Landschaft: Gelassenheit.
Nur das Höchste wird spät einmal Sinnbild. Nur das Erlesenste ersteigt einmal
den Sockel. Nur das Auserwählte kommt über die Bewegtheit der Jahreszeiten
mit der fiebernden Brust an den göttlichen Mund, der es durchatmet.
Die Bewegung von Kunst und Volk ist wie der Wettlauf von Wolken und Flüssen, die in der farbigen Landschaft versuchen, mit gleicher Eile zu wandern
und mit gleicher Innigkeit sich zu spiegeln. Einen anderen Himmel hat die
Provence, einen anderen Sibirien wie Deutschland. Ebenso wandern die Wolken
gehauchter oder gedunkelt, ebenso strömen die Flüsse silbrig oder voll Trübsinn.
Die deutschen Wolken haben einen dunklen Kern und geschliffene stahlhelle
Ränder und die deutschen Flüsse haben die wehmütigen Melodien ihrer melancholischen Tiefe und den Glanz ihrer romantischen Fälle. Aber die Wolken
wandern noch nicht wie die Flüsse und die Ströme blicken in andere Wolken und
zwischen den oft italienisch geformten Wolken und den germanischen Flüssen
ist noch kein klarer reiner Kontur der Landschaft gezogen.
Die Götterbilder der Kunst haben zwar an alle Horizonte die leicht
entzifferbaren Fresken der Jahrhunderte gespiegelt, aber über ihrem Barock haben die Deutschen noch nicht die Sehnsucht nach der südlichen Erlösung
vergessen und werfen in ihren Träumen den Himmel Neapels und Barcelonas an
ihren kühlen germanischen und denken sich den dann gern als den ihren. Sie
haben in ihrer wundervollen Einfalt ihre Sehnsucht mit ihrem Dasein
verwechselt, sind bald in den Ruf gekommen, Barbaren, bald Schwärmer zu
sein, haben von jedem ein Teil und können sich immer noch nicht entschließen, von Bamberg, von dem Vogelweider, von Wolfram, von Cranach und Bosch und
Grünewald, Luther, Fischart, Grimmelshausen, Grabbe, Kleist, Wedekind den
Glanz zu nehmen, mit dem sie andere mit den Scheinwerfern ihrer Verehrung
bombardieren. Götter werden nicht nachträglich gemacht, sondern sie werden
verliehen. Sie sind da, ob man sie sieht oder nicht.
Einmal wird der dunkle Lauf des stürmischen Flusses mit den schweren
stahlglänzenden Wolken in gleicher Eintracht und im selben Schwung gehen und sie werden sich in einer Landschaft von Ruhe, Schwere und jungem Glanz
spiegeln. Die deutsche Zukunfts-Landschaft ist ewig und voll großer Geduld. Ihr
Bild schiebt sich schon manchmal aus den fliegenden Schatten und den
durcheinanderwuchernden Hängen zu phantastischer Dichte zusammen. Nicht
bei Niggern und nicht bei Hellenen ist die Zukunft. Sie liegt barock in der
deutschen Vergangenheit, und wenn Kunst überhaupt mit Zweck zusammengenannt werden darf, so ist ihr gegenwärtiger Sinn, mit diesem Bewußtsein den Höhepunkt nationaler Blüte zu erreichen, denn das heißt: daß
die deutschen Himmel und die deutsche Erde zusammenwachsen.
Barock ist die deutscheste Form. Und wie beim klassischen Bildwerk immer
sich der Ausdruck in einem fast flächigen Punkt sammelt, erreicht bei gleicher
Kraft der Schöpfung das barocke Bildnis noch die Stärke, von seinem Umriß aus
zu strahlen. Es sammelt nicht nur wie das Antike, sondern es schillert und
überträgt und wird europäisch. Das ist auch die letzte Richtung unserer Wolken und unserer Flüsse.
Aber Deutschland.
Die Erbschaft von fast zwei Dutzend Fürsten hat nach der Revolution nicht
das souveräne Volk der Verfassung, sondern die Macht von zwei bis drei
wirtschaftlichen Konzernen übernommen, die fast stärker sind wie der Staat. Als
der Industriemagnat Stinnes nach den Eisenbahnen griff, führte er die Hand an die Gurgel des alten Staatswesens. Wenn Rathenau und Loucheur das
Wiesbadener Abkommen berieten, hätten beide als Figuren eines Lustspiels von
einem sardonischen Molière sich abwechselnd erheben können mit der Frage, ob
im Gegenüber der Wiederaufbauminister oder der Präsident der AEG, oder der
Präsident von „Terres rouges“ sprächen. Früher bestimmte die Augenbraue eines
Königs, später der Zug der Gemüseweiber mit der Freiheitsgöttin nach Versailles die Geschichte.
Heute umfiebern die Börsen die Geschicke Europas, und Frankreich, das, den
Mund voll Gesängen der Freiheit, seinerzeit zur Einigung des Kontinents
aufgebrochen war, wird nunmehr regiert von dreihundert Leuten, die vielleicht
nicht lesen und schreiben können, aber im Aufsichtsrat von Creusot, Standard
Oil Compagnie, Arbed und Crédit Lyonnais sitzen. Früher ging la doulce France kämpfend für den Glauben nach Palästina zum Grab des Herrn, heute sitzen die
Deutsch de la Meurthe, Henri Rotschild, Michelin hinter ihren Ministern und
lassen Deutschland aussaugen.
Aus dem Haag wird gemeldet, in London einige sich eine Konferenz
französischer, belgischer, holländischer, englischer, amerikanischer
Petroleuminteressenten unter dem Vorsitz des früheren niederländischen
Ministers Colyn, um einen Welttrust gegen Rußland zu bilden. Vor wenigen Jahrzehnten noch rafften ehrgeizige Männer eines einzigen Landes einige
Quellen zusammen, unterboten den Konkurrenten um zwanzig Cents, machten
ihn pleite und kauften ihn auf. Das war Wirtschaftskampf und erschien
ungeheuer. Heute ist die Welt in ihren Stoffen schon völlig ineinander vertrustet.
Die letzten Kriege fanden noch statt, weil das Kapital Rohstoffquellen brauchte,
die Amerikaner fochten mit Spanien wegen der kubanischen Erze, England mit den Buren wegen der afrikanischen Gold- und Diamantenfelder, Amerika kollidiert mit Mexiko wegen der Petroleumquellen, der Kampf um die Ukraine
ist der Streit um Kohle und Erz, die Karambolage zwischen den Holländern und
Amerikanern ist wegen der javanischen Djambi-Petroleumfelder erwachsen.
Jetzt aber wird die Wirtschaft ein europäischer Riese und hat sich so verfilzt, daß
vielleicht die äußeren Kriege unmöglich werden.
Den kühnsten Sprung hat der Deutsche Stinnes getan, die größten Zechen mit
allen industriellen Zwischenlagen bis zur elektrischen Industrie in seine Hand gebracht, hat mit dem amerikanischen Ölkonzern, mit der chinesischen
Elektrolieferung Liierung eingegangen. Er hat Petroleumkonzessionen in
Comodore Rivadavia in Argentinien, eine elektrische Fabrik im jugoslawischen
Agram, er besitzt italienische Aktienpakete, hat teil an den Fiatwerken in Turin,
kaufte rumänische Schuhfabriken, um im Augenblick der Konjunktur das nicht
mehr bolschewistische Rußland beliefern zu können. Es gibt keine Grenze für sein hydrahaft wucherndes Kapital. Erzgruben in Brasilien? Gemacht. Die
Alpine Montangruppe in Österreich? Gemacht. Eine Handelsgesellschaft in
Niederländisch Indien? Gemacht. Eine Waggonfabrik in Choribon?
Konzessionen in China? Der Stille Ozean der künftige Brennpunkt der
Wirtschaft? Gemacht.
Gemacht aus dem pleiten, zuckenden Deutschland heraus, dessen Papierscheine flattern, dessen Adel erlischt, dessen Bürgertum zerrieben wird.
Selbst die Wirtschaft Europas scheint sich nach Stützpunkten umzusehen, um
mit ihr in andere Kontinente auszuwandern. Denn Stinnes ist gegen den Morgan-
Trust, der das Tausendfache an Kapital kontrolliert, nur ein Zwerg. Amerika und
Asien haben einen Schein von zukünftigen Wirtschafts-Kränzen um das Haupt.
Gegen die Riesenkraft dieser Kapitäne der Wirtschaft hat sich die arbeitende Masse in Armee erhoben, der internationale Metallarbeiterverband hat acht
Millionen Mitglieder, soviel als Kämpfer an den Fronten des Maschinenkriegs.
Ihre Bureaus kontrollieren die Konzerne, ihre Betriebsräte gruppieren sich in
derselben Form wie die Konzerne, die sich nach Form der Seepolypen und
Quallen vergrößern und verändern, und halten ihnen die Gegenwagschale fest.
Zwischen diesen beiden Mächten schwankt das alte Europa. Seine seitherige
Kraft setzt sich um in die Energie, mit der die maschinelle Epoche in ikarischem Flug die Gegenwart durchbraust, oder verschwindet in der staatlichen
Bureaukratie jener Beamten, die wahrscheinlich die Sieger des
Wirtschaftskampfes eines Tages als ihre Sklaven übernehmen werden. Die
Fahnen des Kampfes sind zwischen die Kapitäne der Wirtschaft und ihre
Arbeiter zerteilt. Wenn sich Europa nicht zerstört und die Welt damit, werden die
schaffenden Klassen sich mit den kommandierenden vermischen, sie werden die seitherigen Führer ersetzen und eine neue Form der Gesellschaft gründen. Einen anderen Weg gibt es nicht, wenn man nicht vorzieht, klüger wie die Natur zu
sein und sich eine Kugel vor den Kopf zu schießen.
Auch die Revolutionen sind nichts weiter wie Ventile und
Geschmeidigkeitsmacher auf diesem Weg. Früher machte man sie wegen
irgendeiner alten Waschfrau, die irgendwelche Truppen irgendwo erschossen,
und trug die heilige Leiche über die Boulevards. Man kämpfte noch um
Verfassungen und brauchte Märtyrer. In Pernambuco sogar sah ich Revolten, die wegen der Einführung der Straßenbahnbillette und der Durchführung des
Impfzwangs geführt werden. Heutigentages entledigt sich die Luft durch sie der
elektrischen Spannungen, die zwischen den einzelnen Lagern liegen und macht
die Zeit damit präzis und funkelnd wie ein Walzwerk.
Die letzten beiden Jahrhunderte waren die der großen Romane von Fielding
bis Dostojewski, von Scott bis Manzoni, von Defoe bis Zola und de Coster, von Dickens bis Flaubert. Vorher waren die großen Dramen von Shakespeare bis
Molière, von Calderon bis Racine. Vor ihnen glänzten die schlanken Epen des
Mittelalters, von der Karlsreis bis Crestien von Troyes und vom Hildebrandslied
bis zu Hartmann von Aue. Unser Jahrhundert hat seine schöpferischsten Kräfte
scheinbar in die Gestalt von Ingenieuren geworfen, Konstruktionen ungeahnter
Formate, Wirtschaftssysteme zyklopischer Vermaschtheit erfunden und eine endlose Brut von Kinos über die Welt geschleudert. Burn Jones irrt, der meint,
die Welt fiele am liebsten in den Zustand der Barbarei zurück und wolle nichts
mehr wissen von der Schönheit. Die Barbaren hatten in Wahrheit stets
homerischen Heißhunger nach dem Erlesenen, und erst die Zivilisierten
begannen mit dem Glauben, das Unaussprechliche sei entbehrlich, soweit es
vom Geist her komme, und man vermöge es durch Wunderwerke aus Stahl zu ersetzen.
Möglich, daß die Kunsthandwerker des Mittelalters, die die Dome und Altäre
bauten, heute statt dessen die eisernen Schwebebrücken, die sechzig Stockwerke
hohen Häuser, die irrsinnigen Maschinenwerke erfänden. Vielleicht, daß
Lionardo, statt sechs Jahre an den Haaren einer Frau zu vermalen, das schönste
Luftschiff auf elektrischen Wellen über den Ozean oder zum unserem Klima
entsprechenden und daher am wahrscheinlichsten von Menschen bewohnten Mars schickte. Zweifel? Es gibt nur ein einziges Zauberwort der Zeit: Gemacht.
Es gibt auch nur einen einzigen vollkommenen Enträtseler der Epoche. Es war
der Clown eines wandernden Zirkus, der mit seiner Zwergenstimme durch die
Manege schrie: „Wunderbar? Wunderbar /// Ist ne Kuh aus Pferdehaar.“
Aber Deutschland ist noch nicht aus den Maschen der Welt gefallen.
Zwischen den zuckenden Gruppierungen der Wirtschaft, unter der Presse des Versailler Vertrages, geschleudert wie Honig im Rhythmus der fallenden und steigenden Mark, zerrissen von einer Demokratie, die das Beste will aber einen
Zirkus von Parteien darstellt, von Stinnes herangepfiffen, von den Sozialisten ins
Schlepptau genommen, läuft es wie ein getreuer Stern den großen Zug um die
Achse seines Schicksals.
Seine Fürsten sind verschwunden, sein Adel hat resigniert, seine Bürgerschaft
wird hinweggeweht. Louis Philippe war der letzte Fürst der Bürger. Unter Ebert,
dem ersten deutschen Präsidenten, einem ausgezeichneten Taktiker der Republik, geht es den Weg eines Jahrhunderts, das die Bourgeoisie und ihre
Kunst auslöscht. Der Krieg sollte die Macht dieses Standes, der sich
achtundvierzig noch auf Barrikaden stellte, befestigen. Herr von Zobeltitz sang
damals: „Ein Mayer fiel und ein Arnim starb / Unter den Kugeln der Feinde /
Gab zwischen Adel und Bürgertum / Es wirklich noch scheidende Grüfte / Jetzt
baut der einende Todesruhm / Brücken durch brandrote Lüfte.“ Der Herr dachte an Avalun und ahnte nicht den Pulsschlag Europas. Die Seufzerbrücke des
Krieges baute sich auf über das Leichenfeld des bürgerlichen Deutschlands,
machte den Plan glatt zwischen arbeitender Masse und den Steuermännern der
Wirtschaft, die, beide auf dem gleichen Schiff, sich auseinanderzusetzen haben,
ob sie den Erwerb teilen oder sich in die Luft sprengen wollen.
Das ist nicht Politik, Mijnheer, das ist die Gegenwart, die ich erkläre, das ist unsere Zeit, in der wir leben, das sind die Wolken, unter denen wir wandern.
Das ist das Schicksal Europas, an seinem fiebrigsten und interessantesten
Opfer gemessen. Das ist Deutschland, das mit den Preisen seiner Lebensmittel
wie mit Mongolfieren aufsteigt, dessen Valuta von Tag zu Tag die der anderen
überfliegt, dessen Industrie zittert vor der Stunde, wo die Mark sich stabilisiert
und sie die Weltkonkurrenz annehmen und nicht mehr mit Dumping unterbieten kann. Die aber auch graust vor dem Tag, wo die Mark hingegen steigt, die
Konkurrenz unmöglich, Millionen Arbeiter auf der Straße liegen und die inneren
Kämpfe mit einer Grausamkeit drohen, gegen welche die Eroberungskriege
früherer Zeit nur schwache Feuerwerke sind.
Das ist Deutschland, das, aus sieben Wunden blutend, gefesselt, in
erbärmlicher Hitze, sich immer noch in der Arena als Gladiator gegen die Wölfe
des Elends wehrt, indem die anderen Länder Europas, die es ausgeliefert haben, mit blinden Augen, aber schon erbleicht, dem Schauspiel zusehen. Und während
die Neue Welt sich nicht anschickt, aus dem Sentiment des Rettens zu helfen,
sondern fortfährt, zu allen Speisen Käse zu essen, Oberammergau zu besuchen,
seine Männer zu effeminieren und auch den ältesten Weibern die Haare
abzuschneiden.
Das ist Deutschland, wo im Krieg die Mädchen für die Verdichtung der U-Boote ihre Locken opferten und wo ein Bankier, als ein anderer ihn besuchte, dem Sekretär sagte: „Schreiben Sie auf ‚Haben‘, daß er rote Haare hatte, damit,
wenn er kommt mit grauen, man weiß, daß es rote waren, die er besaß.“
Zwischen der edlen Nutzlosigkeit der ersten und dem Zynismus der zweiten
Geste atmen unsere Obstbäume.
Über den Obstbäumen geht der Himmel mit allen Erinnerungen unserer
Größe, mit allen Malen unseres Unglücks und mit den Verheißungen unserer
Unvollkommenheit. Zwischen den Flüssen und den Bergen Deutschlands bereitet sich seine Wiederkehr. Über den Hügeln liegt die Zartheit seiner besten
Farben. In den Buchenwäldern hallt das Echo seiner Helden. Zwischen den
reifen Wellen des blaugeäderten Kornes wehen die Vogelstimmen seiner
Melodien. Die alten Brunnen unter den Linden in alten Dörfern haben nicht
aufgehört zu rauschen, und der Dampf seines regengespeisten Bodens duftet die
alte mythische Fruchtbarkeit.
O Deutschland.
Zwischen Aschaffenburg und Heiligendamm, zwischen Quedlinburg und
Passau, zwischen Rothenburg und Hamburg, Dresden und Speyer tanzen deine
Kinder wie die Bären der Savoyarden auf den heißen Eisen der Zeit. Zwischen
deinen schönsten und geliebtesten Flächen haben die Einen begonnen, einen
Riesenbau der Mechanik bis in die Wolken zu treiben, und auf dem schwankenden Boden darunter tanzen die Anderen, aus allen Gliedern blutend,
den verzweifelten Tanz der Bettler, die durch Späße das Publikum von ihren
Gebrechen abzubringen und durch ihren Heroismus zu rühren suchen. Sie
schreien und sie lachen und sie weinen durcheinander wie am Anfang der
Schöpfung, aber sie leben.
Sie haben in ihrer Verwirrtheit kein Auge für deine stille Bereitschaft. Sie ahnen nichts von deinen Rebengärten, deinen romantischen Ufern, den jungen
Wäldern, mit denen du den Flaum deiner Wunden zudeckst, sie spüren nichts
von dem Goldschlag der Reife, die dein Körper, den man beraubt hat, in seiner
Enge erreichte. Sie spüren nicht, mit welchen Wonnen deine Meere unter dem
Sommermond schlafen, deine Pappeln mit den Chausseen im Abend wandern,
mit welcher Süßigkeit deine Lerchen in den Frühhimmel steigen. Sie haben den
Blick nicht für den stillen Glanz deiner Matten, über die die großen Kuhherden weiden, den Zauber selbst deiner ärmsten Gerölle und die tiefdampfende
Schöpferkraft deiner aufgeworfenen Erde.
Sie ahnen nicht, daß von deiner Brust und der stählernen Lockerkeit deiner
weiblichen Gelenke die schöne Bewegung ausgeht, die sie eines Tags trösten
wird. Und sie spüren nicht, daß, ob sie mit ihren glatten Schlachtordnungen
siegen oder sterben, ob sie mit einer neuen Gesellschaft in phantastischer Ordnung oder, mit ihren Maschinen zurückgestürzt auf die Erde, zu dir zurückkehren, sie in dir die schöne Geliebte, die Mutter und die Heimat finden
werden, an deren Leib es schön zu ruhen und herrlich zu leben ist. Sie haben
deinen Leib nicht beachtet und sie ahnen nicht, daß er mit einem gewissen
Lächeln der Überlegenheit über alle Wirrungen hinaus nur atmet: Gelassenheit.
Gelassenheit, Mijnheer, denn wer die Gegenwart liebt, hat auch die Kühle, sie
nicht zu überschätzen, und wer die Kühnheit des Vorstoßes hat, besitzt auch die
Ruhe einer wundervollen Reserve. Man stirbt nicht, Mijnheer, solange man einen Fetzen Atem hat, und solange man genießt, hat man Zutrauen in das
Gelebte. Als Balzac in der kränkendsten, entsetzlichsten Form durchfiel, dachte
er am nächsten Morgen nur an die Anlage eines Weinberges, einer Molkerei,
eines Gartens seltener Gemüse.
Alles Unglück ist nur die Probe auf die letzte Lebendigkeit der Liebe,
gleichwie in der letzten Erzählung des Boccacce, die schildert, wie ein Edler seine Frau verstößt, beleidigt, kränkt, um zu erproben, wie weit ihre Zuneigung
geht. Dies Buch des Boccacce ist nicht nur eines der tiefsten in gefälliger Anmut
und eines der galantesten auf tragischem Boden, sondern es ist hinter der Mauer
der Pest auch das tollste Loblied auf das Dasein.
Sehen Sie zurück, Mijnheer: Die Säule auf dem Feldberg steht wie eine
Pyramide schillernd in allen Farben in der mittaglich blau wogenden Luft.
Sehen Sie zur Seite: In der Breitenlage Europas ist Anatole France der
ritterlichste Gipfel einer verwirrten Übergangswelt, Blériot der
unerschütterlichste Bejaher einer anderen.
Zwischen beiden wird ein Weg sein, dem auch die Sonne gut, die Erde gnädig,
die Menschen fruchtbar sind.
Sehen Sie vorwärts: Da flimmern bereits die ersten Gärten, der Frühling hat sie übermannt und tobt mit Gerüchen, es flammt uns entgegen das Gold der
Weidentroddeln, das Gelb der Goldregen und das Rosa der Mandeln. Wir sind
fast in der Ebene schon und damit wieder in der Welt.
Wir sind in der Welt, Mijnheer, die Alpen sind ausgelöscht, die Vogesen
verschwunden, die Grenzen sind gefallen. Der Wirrwar der Jahreszeit erstickt
jetzt mit seiner nahen Fülle. Hinter ihr kommt die Musik der ganzen Welt mit
Donner und Wagen und mischt sich in den wilden Duft zur Melodie der Epoche, vor der der Frühling herstürmt wie Apollon Mousagetes, der, in fast weiblichem
Chiton heranbrausend, die Nymphen um sich, die Götter anschwellend immer
mehr hinter sich, in einen olympischen Rausch hineintanzt. Ich höre die Musik
von Kämpfen und ich rieche den Duft der Opfer. Ich spüre meine Heimat. Es
lebe Deutschland.
Man kann nur gegen seine Zeit sein oder mit ihr gehen. Im Schmollwinkel zu sitzen ist nicht die Art eines Gentleman. Ich ziehe vor, mit ihr zu marschieren und nicht zu versäumen, die Hand ans Ruder, den Blick auf die Kontrolle zu
richten.
Mein Großvater hatte einundzwanzig Kinder mit einer Frau, von denen
siebzehn über siebzig Jahre alt wurden. Er gab ihnen den Freimaurerspruch mit:
„Wenn dir der Große Baumeister einen Sohn gibt, zittre vor der Verantwortung,
die er dir auferlegt hat. Mach, daß er bis zum zehnten Jahre dich fürchte, bis zum
zwanzigsten dich liebe und bis zu deinem Tode dich achte.“ Ich werde vielleicht ohne Söhne sterben, Mijnheer, aber ich werde Deutschland nicht aufhören zu
lieben.
In meinem Wappen stehn unter dem springenden Löwen die sechs Punkte des
Gleichgewichts und der Gelassenheit. Ich habe auch die drei Bilder noch nicht in
das Haus meiner Väter in die Bibliothek gehängt. Ich habe mich nicht so rasch
entschlossen wie mein Vater, der das Kind einer unbedenklicheren Zeit war, denn ich übersehe die Zerrissenheit meines Jahrhunderts besser und ich weiß,
daß jeder Schritt heute der falsche sein kann, daß man kurz vor dem Tode
vielleicht erst die Ahnung des rechten hat und diese halbe Gewißheit womöglich
in der letzten Sekunde noch widerruft. Man weiß nur, wohin man marschieren
muß, man weiß nicht, wohin es geht. Und man weiß nicht, ob die Führer die
Helden oder die Verbrecher sind.
Sie werden in kein Kloster gehen wie Ihr Ahne, der den fünften Karl
begleitete. Das Segel Ihres Wappens, das die Mauren jagte, einen König nach
den Niederlanden begleitete, das die Mischung Ihres Blutes mit dem der Javaner
und Spaniolen überbauschte, wird Sie guten Sinnes, voll Genuß und
Verantwortung in die Welt hineinführen. Sie unterscheiden die Notwendigkeiten
der Zeit und die Wünsche Ihres Blutes, und Ihr Monarchismus ist Ihnen das schöne Symbol einer Zeit, die um erlauchte Traditionen kreiste und nicht der
Götze unfruchtbarer Launen.
Was werden Sie tun? Ziemt es dem holländischen Gentleman, nachdem wir in
zehn Nächten die Welt verteilt, die Künste zensiert, die Leidenschaften geprobt
haben, der den Horaz im Koffer mitführt in die intimsten Situationen, ziemt ihm
die Heimkehr zum Haus in ’s Gravenhage, nach der Bibliothek in Delft, zu den
Herden in Utrecht, so ist die Reise gesegnet. Drumherum steht die Welt voll Genuß. Mai in Baden-Baden, Juni in Verona, im Juli zieht die Wimbledonwoche
um den Davis Pokal auf Rasenplätzen in England. Die Rumänen stehn gegen die
Tennisspieler der Philippinen, die Italer gegen die Japse, Dänemark ficht gegen
Indien, und der Australier Patterson ist Favorit mit seinen schmetternden Drives
und seinem zertrümmernden Anschlag, wenn der König zwischen dem Prinzen
von Wales und dem Herzog von York, seinen Söhnen, das Signal zum Beginn gibt. Sie können sodann im August am Pazifik „medicine ball“ spielen und im September in Hawai im Schlepptau eines Motorbootes das aufregende „surf-
board-riding“ ausüben und Sie werden die schönsten Frauen der Welt dazu um
sich sehen.
Sie werden den Atlantik hören und den Pazifik schäumen sehen und spüren,
wie die Schiffe darauf schaukeln und Sie werden die Größe der Erde mit einer
grenzenlosen Verwunderung einziehn. Denken Sie an den Tag, wo es Sie
überfällt, daß Sie kaum zu atmen wagen: wie grenzenlos die Welt ist . . ., denken Sie, daß ich Ihnen sagte, zuerst seien die Menschen und dann erst die Götter, die
sie sich erschufen.
Einmal komme eine neue Gesellschaft, aber vorher sei das Dasein, das sie erst
erkämpfen kann. Einmal komme eine europäische Weisheit, aber vorher das
Leben, und nichts sei männlicher als Gelassenheit. Sie sind ein holländischer
Gentleman, der die Erde liebt wie ich, mit dem ich zehn Nächte durchwachte, und sind nicht der Teufel, mit dem Herr Grabbe über diese Dinge zu reden
gezwungen war, und Sie verstehen auch, wie ich Sie begreife, wenn wir „Leben“
sagen, weil das alles ist.
Ach, auch Achilleus wußte um den sichersten Besitz dieser Kugel. Als
Odysseus ihn in der Unterwelt besuchte, erkannte er ihn erst, nachdem er Blut
vom Opfertier getrunken, und als jener ihm Komplimente machte, wie fabelhaft ihm auch der Tod tributär sei und wie erhaben auch im Hades er herrsche, winkte
der beste Grieche mit der Hand. Er hob den Kopf in die Höhe, versuchte das
Dunkel zu zerreißen und bewegte die Lippen: er möge lieber als bei den Toten
zu herrschen ein Tölpel sein, der knechtisch hinter dem Pflug die Erde aufreißt .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Mijnheer. Leben Sie wohl,
Die Schlitten halten an und müssen zurück.
Die Schneegrenze ist erreicht, der Winter zu Ende. Hier wechselt das Klima.
Drüben im Frühling stehen schon wartend unsere Wagen. Zweihundert Meter
tiefer dehnt sich die Ebene bereits in betäubender Fülle. Dort ist schon Sommer
in Deutschland.
REGISTER
Addison 285
Aeschylos 123
Aho Juhani 284
Allgeier 69
Alexis, Willibald 128
Altenberg 58, 257
Andersen 54, 134
D’Annunzio 9, 21, 42, 107, 205, 278, 282
Apulejus 21
Archipenko 231
Arcos, René 277
Ariost 201
Aristophanes 217
Aristoteles 74, 246
Arndt 210
Arnim, Achim v. 108
Auernheimer 257
Aurevilly, Barbey d’ 108
Auwers 268
Ayrer 24
Baalschem 288
Bab, Julius 191
Babits 284
Bahr 85
Baker 104, 227
Balder 261
Balla 281
Balzac 18, 24, 29, 71, 110, 162, 170, 228, 274, 278, 302, 303, 318
Balzagette 215
Bang 28, 242, 244, 288
Barbusse 205, 215, 271, 275, 276, 286
Barlach 106
Barret-Browning 278
Barrow 103
Bartels 173
Bassermann 70, 77
Baudelaire 28, 107, 244, 255, 274, 278
Baum, Oskar 258
Bazaine 12
Beardsley 285
Beaumarchais 131, 304
Beaumont, Herzogin v. 170
Becher, Joh. R. 106, 213
Beckmann 44, 214, 303
Beer-Hofmann 257
Benedetti 12
Benn 135, 233
Béranger 228
Berger, Ludwig 80
Bernard 102
Bernhardt, Sarah 77, 131
Bernini 26, 27, 158, 161, 304
Beyerlein 52
Bierbaum 58
Bie, Oskar 279
Bismarck 141
Björnson 289
Blanchard 141
Blei, Franz 172, 177, 178, 179, 180, 278
Bleibtreu 57
Blériot 42, 145, 152, 228, 319
Block, Alexander 285, 303
Bloem 46, 63
Blümner 106
Boccaccio 20, 21, 36, 113, 233, 264, 318
Boccioni 229, 281
Böcklin 303
Boehme, Jacob 106
Boileau 74, 130
Bonsels 47, 55, 99, 181, 269, 305
Borchardt 85, 86
Börne 172
Bosch 303, 307, 310
Bosse 77
Bossi 268
Bossuet 25, 101
Botticelli 242
Boucher 36, 96
Boussanelle, Rittmeister de 247
Brant 209
Brantôme 102
Breitensträter 177
Brentano 172, 211
Brod 258
Brummel 263
Brunetière 172
Brunner, Prof. 171
Bruun, Laurids 104, 288
Buber, Martin 287
Büchner 27, 46, 84, 107, 128
Bulwer, Earl Lytton 161, 207, 285
Burkhardt, Jacob 102
Burns, Robert 162
Byron 107, 137, 207, 231, 272, 285
Cagliostro 178
Calderon 97, 270, 307, 314
Camp du 307
Carlyle 287
Carrà 229, 281
Cartailhac 305
Casanova 18, 20, 102, 201
Cäsar 83, 204, 254, 309
Cassirer, Paul 303
Castiglione 113
Catt, Henri de 26
Cellini, Benvenuto 102
Cervantes 42, 104, 130, 138
Cézanne 102, 274
Chalet, Marquise v. 172
Chamfort 152
Chanteloup, v. 156
Châteaubriand 114
Chénier, André 222
Chennevières 215, 277
Chesterton 112, 286
Cicero 228, 240
Cinna 13, 15, 36
Claudel, Paul 204, 270, 275, 278
Clemenceau 16, 188
Colbert 157
Colin, Paul 215, 277
Colyn 312
Conan Doyle 109
Constable 175
Constant 43, 208
Cook 103, 147, 148, Reisebüro
Cook, James 210
Cooper 109, 287
Coquelin 77
Corinth 244
Corneille 26, 308
Correggio 141
Corot 303
Cortez 30
Coster de 111, 278, 284, 314
Courbet 207, 274, 302
Couture 274
Cranach 310
Creusot 213, 311
Crebillon 111, 160
Croce 282
Cromwell 159
Csala, Ernst von 140
Curjello 103
Dach, Simon 24
Dante 113, 123, 278
Däubler 86, 213, 233, 235, 278
Daudet 62
Daumier 214
Dauthendey 51, 53, 54, 55, 56, 63, 113
Davkins, Sir William Lloyd 13
Defoe 104, 109, 314
Dehmel 44, 278
Delacroix 158, 179, 214, 218, 303
Dempsey 121
Descartes 24
Devrient 74
Diderot 173
Didring 89
Diebold 235
Dickens 113, 132, 159, 207, 285, 314
Dinter 63
Döblin 29, 233, 244
Doesburg, Theo v. 280
Dornseiff 86
Dostojewski 97, 258, 259, 284, 290, 314
Dreyfuß 207
Duhamel 215, 277
Dumas 274
Dürer 267
Durieux 77
Dyck, van 267
Dymow 284
Ebert 315
Eckardt, Meister 24, 42
Eduard VII. 10, 263
Eeden, van 278
Eekhoud 287
Ehrenstein, Albert 134, 213
Eichendorff 50, 51, 107, 113, 238
Elliot 285
Elvestad 109
Emin Pascha 104, 227
Emerson 287
Enghien 276
Ensor 218
Epinasse, Mademoiselle de l’ 111
Ernst, Paul 44, 238, 255, 256, 259, 260
Erzberger 9
Essig, Hermann 136
Eugenie, Kaiserin 214
Eugen, Prinz 257
Eulenberg 254
Euripides 124, 220
Evans, Oliver 227
Ewers 55
Eje 109
Fenelon 130
Feuerbach 274, 303
Fichte 83
Fielding 159, 162, 285, 306, 314
Fischart 25, 42, 209, 310
Fischer, S. 279
Flake 278
Flaubert 20, 37, 102, 111, 207, 242, 274, 302, 304, 308, 314
Flechtheim 46
Flemming, Graf 157
Fleuron 105, 286, 288
Flint 106
Forster 210
Foscolo 207
Farrère 274
France, Anatole 107, 131, 134, 135, 139, 153, 154, 271, 274, 276, 278, 284, 305, 319
Frank, Leonhard 216, 233, 259
Frank, Bruno 258
Franz I. 25, 156, 264
Freeman 138
Freud 258
Freytag 45
Friedländer (Mynona) 173
Friedrich der Große 26, 71, 103, 157, 160, 168, 182, 199, 201, 302, 304
Friedrich Wilhelm IV. 211
Fröhlich, Friedrich 102
Froitzheim 177
Gabis, Diane de 152
Gagarin, Fürstin 10
Gainsborough 158, 162
Galilei 206, 277
Gallow 103
Gambetta 11, 176
Gauguin 52, 104, 274
Gavarni 213, 214
Geijerstam 289
George, Stefan 28, 52, 60, 85, 243, 244, 278
Gerstäcker 109, 260
Gessi 104, 227
Geßner 59
Ghéradine 153, 154
Gide 275, 277
Gilbert 148
Gjellerup 288
Gleichen-Rußwurm 106
Gleim 228
Goertz, Graf 18
Goethe 42, 43, 73, 110, 172, 191, 206, 207, 209, 228, 242, 268, 276, 284, 302, 304, 307
Gogh, van 102, 242, 245, 274
Gogol 108, 284
Goldsmith 159, 282
Goldoni 161
Goltz, von der 205
Goncourt 113
Gordon 104
Gorion ben 287
Gorki 218, 271, 284
Gottfried von Straßburg 56, 165, 253
Gottsched 74, 167
Goya 42, 156, 160
Grabbe 27, 44, 78, 112, 199, 242, 310, 321
Grätz, Paul 140
Greco 30
Green 227
Grillparzer 74
Grimm 53, 160, 280
Grimmelshausen 23, 127, 310
Groß, George 214
Großmann, Rudolf 214
Großmann, Stefan 280
Grünewald 34, 42, 267, 310
Gryphius 127
Guilbeaux 276
Guizot 11
Gumppenberg 58
Gundolf, F. 199, 244
Gutzkow 180
Günther 45
Gyldendal (Verlag) 290
Habicht, V. C. 233
Hagenbeck 286
Halbe 58
Halström, P. 289
Hamilton Prinz 10
Hamsun 104, 289
Hänisch 188
Harden 86, 102
Hart 57
Harte, Bret 287
Hartleben 58
Hartmann v. Aue 101, 314
Hartung 80, 239
Hasenclever 216
Hauptmann, Gerhart 44, 55, 70, 71, 80, 187, 188, 193, 204, 219, 244 279
Hausenstein 86, 235, 236
Hearn, Lafcadio 105
Hebel, Peter 198
Hedin, Sven 105, 227
Heidenstam 289
Heine, H. 18, 27, 46, 57, 87, 107, 128, 129, 134, 164, 172, 175, 177, 178, 180, 302, 303
Heinrich IV. 13
Heinrich VIII. 156
Heinse 46, 52, 84, 111, 260
Heller 109, 289
Helvetius 206
Henckell 57
Herder 172
Here 248
Hérédia 244
Herzog 46
Hesse 55, 60, 255, 258
Heym, Georg 213
Heyse, Paul 28, 45
Hiller, Kurt 86
Hille, Peter 56
Hirschfeld 58
Hoek, Henri 106
Hoffmann, E. T. A. 53, 108, 139, 255, 287
Hofmannsthal 85, 107, 243, 244, 257
Hogarth 158, 159, 213
Holbein 156, 267, 303
Hölderlin 199
Holst, Roland 278
Hölty 51
Holz, Arno 28
Hölz, Max 17
Hokusai 36
Horaz 20, 23, 66, 277, 320
Hübner 86, 278
Huch 72, 253
Huerta 148
Hugo, Viktor 76, 160, 207, 242, 274, 302, 303
Hülsenbeck 218, 281
Hutten, Ulrich v. 84, 127, 207, 209
Huysmans 113, 274
Jacobsen 54, 58, 244, 288
Jacques, Norbert 55, 260
Jäger, Hans 289
Jakob, Heinrich Eduard 233
Jammes, Francis 112, 270, 275
Ibsen 78, 289
Jensen, J. V. 105, 288
Jessner 80
Iffland 74
Ingres 37, 96, 242, 303
Joinville 273, 275
Jones, Burn 314
Jouve 276
Irving 286, 287
Isabella v. Spanien 214
Jumala 292
Jungnickel 45
Jupiter 246, 292
Jürgensen 105, 288
Kafka 258
Kaiser, Georg 29, 46, 80, 233, 244
Kändler, Joachim 305
Kamnitzer, Ernst 149
Kant 208
Karlweis 233
Karnisuta 157
Katharina v. Rußland 102, 157
Kaulbach 128
Keats 107
Keller 60, 252, 254, 255, 258, 262
Kellermann 244
Kempis, Thomas a 278
Kerr 29, 85, 86, 113
Kesser, Hermann 85, 233
Keyserling, Eduard 107, 145, 229, 242, 244
— Hermann 97, 145, 146, 150, 181
Kianto, Ilmari 284
Kipling 105, 270, 279, 286
Kivi, Aleksis 284
Klabund 260
Klee 232, 259
Kleist 27, 172, 310
Klinger 209
Klopstock 51, 74, 209, 267
Kokoschka 244
Kolb, Annette 29, 85, 112, 215, 278
Konrad 58, 101
Konradi 58
Kornfeld 235, 239, 259
Körner 191, 210, 219
Kortum 137
Köster 177
Kraus, Werner 77
— Karl 136, 137
Krell, Max 85, 279
Kretzer 58
Krupp 213
Kubin 108
Kusmin 284
Laclos 111
Lafontaine 130
Lagerlöf 112, 289
Lamartine 107, 207, 212, 274
Lamb, Lady Caroline 272
La Mettrie 201
Lasker-Schüler 213, 215
Latham 228
Lauff 46
Lautensack 287
Lautrec 214
Lauzun, Herzog v. 89, 114
Leboeuf 12
Lebrun 158
Lemonnier 278
Lenau 44
Lenclos, Ninon de 102
Lenin 280
Lenoir 227
Leopardi, Graf 229, 282
Le Sage 130
Lesseps, v. 145
Lessing 26, 48, 74, 127, 128, 166, 172, 175, 178, 303
Leyen, von der 174, 200, 205, 206
Lichnowsky 105, 233
Lichtenberg 87, 198
Liebermann 243, 244
Lienhard 106
Lionardo da Vinci 156, 267, 315
Lipschitz 257
Liscow 127
Lissauer 219
Liszt 127
Livingstone 104, 227
Lloyd George 188, 193
Loke 261
London, Jack 109
Longfellow 287
Loti, Pierre 274
Loucheur 311
Louys 274
Ludwig 55, 105
Lukian 19, 21
Luther 25, 84, 207, 209, 310
Mackay 58
Macpherson 285
Madelung, Ange 105, 288
Maintenon 160
Makart 303
Malermüller 51
Mäleskirchner 42, 303
Mallarmé 28, 244, 274
Manet 229, 242, 244, 303
Mann, Heinrich 85, 111, 134, 135, 200, 216, 233, 253, 278
— Thomas 112, 255, 262, 280
Manuel 74, 209
Manucci 90
Manzoni 207
Marc, Franz 239, 306
Marlowe 74
Maria Theresia 169, 257
Marryat 109
Martens, Kurt 102, 200
Martin, Karlheinz 80
Martinet 276
Marinetti 281
Masereel, Frans 214
Maeterlinck 107, 274
Matisse 242
May 109
Mehring 140
Meidner 191
Meier-Gräfe 86, 236
Meissonier 128
Menge 141, 156
Merk 87
Mesnevi 104
Metternich 211
Meunier 44
Meurthe, de la 312
Meyrink 108, 258
Michel, Wilhelm 85
Michelangelo 27, 42, 126
Michelin 312
Mika 268
Mille, Pierre 274
Milton 267
Mirabeau 170, 198
Mohammed 283
Molière 27, 72, 74, 126, 130, 172, 270, 311, 314
Molnar 283
Monet 244
Monolescu 287
Montaigne 145, 273
Montesquieu 101, 130, 138
Morgan 313
Morgenstern 200, 287
Mörike 108
Morier, James 112
Moricz 284
Morse 227
Moscherosch 127
Mozart 102, 126, 207
Müller 63
Multatuli 278
Munch 289
Münchhausen 44
Münzer, Thomas 14, 232
Murasaki 155
Murat 59
Murner 51, 209
Muskau, Fürst Pückler v. 13, 66, 102, 228
Musset, Alfred de 107, 137, 242, 257, 274, 304
Myller 302
Nachmann, Rabbi 288
Napoleon I. 34, 59, 83, 95, 124, 191, 207, 214, 228, 268, 276, 287, 306, 309
— III. 102
Necker 219
Neumann 268
Newton 131
Nexö 218, 288
Nietzsche 27, 45, 151
Nofrit 156, 231, 233
Nolde 239
Northcliff, Lord 286
Novalis 107
Odin 292
Oeder 229
Oegg 268
Ollivier 12
Opitz 24
Origines 126
Oswald 58
Palm 276
Panin 285
Panizza 58
Pontoppidan 218, 244, 288
Papini 282
Paquet, A. 274
Pascoli 282
Patterson 321
Paul, Jean 27, 46, 47, 52, 57, 58, 111, 128, 139, 229
Penell 218
Percy 103, 285
Perez 287
Pestalozzi 60
Peterich 59
Petöfi 283
Petrarka 107, 116, 160, 307
Petron 103, 159, 169
Picasso 232
Pick 258
Pierre, Bernhadin de St. 104
Piles de 306
Piloty 128, 303
Pilsudski 287
Pindar 27, 28
Philippe, Charles Louis 110, 214, 274, 315
Platen 172, 259, 303
Poe 108, 287
Poelzig 44
Poincaré 271
Pope 130, 131
Porte, Jacob della 291
Pouchi, Liane de 10
Poussin 306
Prevost, Abbé 111
Prokrustes 270
Przerwa-Tetmajer 287
Puschkin 108, 231, 284
Puttkammer 58
Quevedo 113
Queiroz 287
Rabelais 24, 112
Racine 46, 142, 160, 172, 307, 314
Rafael v. Urbino 141, 303, 307
Rasmussen 104
Rathenau 31, 33, 192, 311
Rausch, Albert H. 138
Rauscher 177
Reimann 140
Reinhardt, Max 79
Reinmar 52
Rembrandt 267
Remisow 108, 285
Renard 109
Renoir 229, 243, 244, 245
Retz, Kardinal 101
Rétif, de la Bretonne 111
Reuenthaler 101
Reuter 127
Reynolds 158, 161
Richardson 110, 285
Richelieu 25
Riemenschneider 54
Rilke 23, 85, 278
Rimbaud 76, 172, 274
Ringelnatz 140
Rivière 275
Rodenbach 112
Rodin 42, 112, 288
Rolland 215, 275, 276
Romain, Jules 277
Ronsard 24, 36, 107
Rops, Félicien 214
Roquette 198
Rosenblüt 74, 127, 209
Rossini 127
Rotschild, Henri 312
Rousseau 61, 110, 154, 158, 273, 274
Rubens 96, 101, 141, 162, 288
Rubiner 213
Rückert 210
Ruisbroek 278
Rupertus Rex 10
Ruskin 287
Russolo 281
Sachs, Hans 24, 74, 127, 137, 138, 209, 255
Sade, Marquise de 111
Saint Simon 102, 114
Sainte-Beuve 172
Salten 257
Saltikow 108, 284
Sand, George 102, 170, 274
Sautuola, Baron M. 305
Savonarola 133, 286
Schäfer, W. 60, 71, 255
Schäffer, Albrecht 255, 262
Scheffel 45
Schelling, Caroline 102
Schenkendorf 210
Scheerbart 109, 138
Schickele 29, 45, 56, 62, 85, 86, 113, 213, 215, 216, 233, 244, 253, 278, 279
Schiller 42, 172, 209, 304
Schlaf 28, 52
Schlegel, A. W. v. 86, 113, 167, 172, 211, 267
Schmidt, Privatdozent 284
Schmidt, Jockey 121
Schmidtbonn 112, 254
Schmied, Rudolf Joh. 62, 63
Schmitz 55
Schnack 213
Schneeberger 69, 121, 125
Schneider, Sankt Anton 69, 121
Schnitzler 107, 257
Scholem, Alejchem 287
Scholz, Wilh. v. 255
Schröder 74
Schubart 209
Schumann 66
Schwind, M. v. 303
Scott, Walter 109, 128, 159, 162, 230, 282, 283, 285, 314
Scudéry 25
Sealsfield 260
Seewald 235
Seidel, Willi 260
Serner 218, 281
Severini 281
Shakespeare 24, 27, 46, 74, 76, 86, 107, 139, 203, 246, 270, 302, 307, 314
Shaw, Bernhard 72, 107, 159, 193, 241, 270, 271, 284, 286
Shelley 107
Sheridan 159, 285
Siemens & Halske 227
Siemsen, H. 60
Sinclair 218, 286
Singenberg, Ulrich v. 52
Sinsheimer 238
Slevogt 244
Smollet 159, 162, 285
Sokrates 206
Soyka 109, 257
Spengler 106
Speyer, Wilhelm 259
Stadler 107, 213, 275
Staël 43, 103, 207, 219, 272
Stahl 239
Stanley 104, 227
Steffen 254
Stehr 60
Steinle 214
Steiner 99
Stendhal 131, 215, 254, 273, 274, 303
Stephenson, George 227
Sternberg 206
Sterne 285
Sternheim 29, 80, 107, 135, 139, 216, 233, 244, 245, 253
Stifter 112
Stinnes, Hugo 311, 312, 313, 315
Stolberg, Gebrüder 209
Storm 113
Stourdza, Fürst 10
Strindberg 80, 97, 288
Stucken 244
Sturz 26, 87
Suarèz 104, 270, 273, 275, 278
Sudermann 73, 244
Sue 283
Swift 107, 131, 132, 137, 159, 241, 285
Swinburne 290
Sylvester Schäffer 179
Szép, Ernö 284
Tacitus 22, 83
Tagore 106, 146
Tassoni 130
Taube, Baron 244
Tegnér 228
Thackeray 107, 132, 159, 162, 285
Thoma, Hans 45
Thukydides 66
Tieck 172, 211
Tiepolo 84, 268
Tizian 161
Toller 204
Tolstoi 215, 259, 284
Trakl 213
Trotzki 280
Troyes, Crestien v. 273, 314
Trübner 274
Tschechow 259, 284
Tschitscherin 9
Tuaillon 44
Tucholsky 140
Turgenjeff 284
Twain, Mark 287
Tyche 88, 89
Thylmann 60, 61
Tzara, Tristan 281
Übelhör 139
Uhde, W. 61, 62
Uhland 75
Unruh 75, 190, 205
Uranos 221
Utzarski 138
Vaillant-Couturier 277
Valois, Margarethe von 25, 264
Vaugelas 25, 27, 280
Velasquez 156, 246
Veldecke 155, 165
Verhaeren 113, 274, 278, 279
Verneuil 244
Veronese 162
Verlaine 107, 172, 274, 278
Viebig 269
Viertel 80
Viktor Emanuel 214
Villehardouin 101, 105, 273
Vildrac 215, 277, 278
Villiers, de l’Isle 108
Villon 24, 231
Vischer, Melchior 258
Vogelweide, Walther von der 23, 49, 51, 52, 64, 101, 155, 163, 165, 310
Vollmöller 278
Voltaire 43, 71, 107, 129, 131, 135, 160, 201, 207, 268, 274, 285, 293, 302, 304
Waal, Anders de 77
Wagner 46
Walden, Herwarth 97, 136
Wallot 57
Walser 59, 60
Wassermann 245, 257, 279
Watt, James 218, 227, 248
Watteau 307
Wedekind 29, 44, 45, 72, 73, 77, 78, 80, 200, 233, 234, 274, 307, 310
Weichert 80
Weiß, Ernst 213, 258
Wells 109, 286
Wenzig 233
Werfel 213, 233, 258, 278
Werth, Léon 276
Wiegler 86
Wieland 27, 111, 127, 139, 206, 228, 260, 267
Wilde, O. 54, 111, 162, 285
Wille 58
Wildenbruch 44, 52, 78, 205
Wilding 121
Wimpfen 12
Wimpher 297
Winder, L. 258
Winternitz, Frau v. 113
Wirth 192
Wisthler 112
Withman 111, 213
Wolfenstein 213, 280
Wolff, Theodor 86
— Prof. 199
Wedderkopp, v., kgl. Regierungsrat 263
Xenophon 83
Zachariä 127
Zech 213
Zick, J. 268
Zifferer 257
Zobeltitz, v. 315
Zola 28, 57, 112, 207, 229, 242, 274, 287, 302, 314
Zulawski 109, 287
Zweig, Stefan 85, 244, 257, 279
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
... das Karussel der Zeit sich umgedreht! ...
... das Karussell der Zeit sich umgedreht! ...
... In Bayern ist in Sturmtrupps die Bauernschaft blokiert: ...
... In Bayern ist in Sturmtrupps die Bauernschaft blockiert: ...
... ein Bad fin champagne gerüstet, wurde dem jungen Portugisenprätendenten ...
... ein Bad fin champagne gerüstet, wurde dem jungen Portugiesenprätendenten ...
... wirft Sie über den Kamm, sobad Sie ihn betreten. Versuchten ...
... wirft Sie über den Kamm, sobald Sie ihn betreten. Versuchten ...
... und den Küsten nnd Städten aller Kontinente neben einem ...
... und den Küsten und Städten aller Kontinente neben einem ...
... sich selbst wuchernd wie eine Pergola zich zuzog und mit ...
... sich selbst wuchernd wie eine Pergola sich zuzog und mit ...
... an sich heran, was außer den kleinen malerischen ...
... an sich heran, was außer dem kleinen malerischen ...
... Keiner konnte schreiben so wollüstisg und so geistreich wie ...
... Keiner konnte schreiben so wollüstig und so geistreich wie ...
... Ägypetn von modernem preziösem Charme, ist zwar das Buch ...
... Ägypten von modernem preziösem Charme, ist zwar das Buch ...
... Villers de l’Isle Adam aber in „Edisons Weib ...
... Villiers de l’Isle Adam aber in „Edisons Weib ...
... Roman „Auf silbernen Gefilden“. Der deutsche Scherbart ...
... Roman „Auf silbernen Gefilden“. Der deutsche Scheerbart ...
... der Soyka, Heller, Jak London, Eje, Elvestad ins ...
... der Soyka, Heller, Jack London, Eje, Elvestad ins ...
... nur schön, wenn man sich im Häßlichen beweißt. „Er verstehts,“ ...
... nur schön, wenn man sich im Häßlichen beweist. „Er verstehts,“ ...
... noch von den Meistersinger kommt. Hans Sachs aber ist ...
... noch von den Meistersingern kommt. Hans Sachs aber ist ...
... uud schwer zu fassen. Wie faßt man sie rasch? ...
... und schwer zu fassen. Wie faßt man sie rasch? ...
... In der Tat, Mijheer, ich bin von Reiß Irmãos & Compagnia ...
... In der Tat, Mijnheer, ich bin von Reiß Irmãos & Compagnia ...
... entsprach, daß er den großen Dessertausfatz für Katharina ...
... entsprach, daß er den großen Dessertaufsatz für Katharina ...
... trat die Literatur in die Republikk. ...
... trat die Literatur in die Republik. ...
... Frankreich hat sich im letzten Jahrhuudert fit und ...
... Frankreich hat sich im letzten Jahrhundert fit und ...
... Täger in seiner Haltung ein Edelmann und ein Freund ...
... Träger in seiner Haltung ein Edelmann und ein Freund ...
... daß sie seine Werke tief druchdringen. Er wie Barbusse ...
... daß sie seine Werke tief durchdringen. Er wie Barbusse ...
... in ihrer Leistung hat, obwohl Herr Hülsenbek und Serner begabte ...
... in ihrer Leistung hat, obwohl Herr Hülsenbeck und Serner begabte ...
... Die Eisenbahnen waren die teuflichste Erfindung ...
... Die Eisenbahnen waren die teuflischste Erfindung ...
... Verstehen Sie mich, obwohl ich schon halb schafe? ...
... Verstehen Sie mich, obwohl ich schon halb schlafe? ...
... ganz verlassen und sind sektirierhaft auf Formeln und in ...
... ganz verlassen und sind sektiererhaft auf Formeln und in ...
... und Keyserling und Pantoppidan. Ja, in Deutschland, das ...
... und Keyserling und Pontoppidan. Ja, in Deutschland, das ...
... Licht gefacht. Es riecht nach Frühling, Mjinheer, das Leuchten ...
... Licht gefacht. Es riecht nach Frühling, Mijnheer, das Leuchten ...
... längen und kontrollieren . . . Vergesssen. Kipling durfte ...
... längen und kontrollieren . . . Vergessen. Kipling durfte ...
... von Przerwa-Tetmajer und den Mondroman von Zulawsky. ...
... von Przerwa-Tetmajer und den Mondroman von Zulawski. ...
... Es wirklich noch scheidendne Grüfte / Jetzt baut der einende ...
... Es wirklich noch scheidende Grüfte / Jetzt baut der einende ...
Zuletzt geändert: 23/10/2026