Über die Natur der Dinge
Über die Natur der Dinge - Lukrez, nexphilo.com Inhalt

Über die Natur der Dinge

Lukrez: Über die Natur der Dinge

Lukrez

Über die Natur der Dinge

nexphilo.com
Impressum
Erstes Buch

Die Prinzipien

Preis der Venus

Mutter der Äneaden, du Wonne der Menschen und Götter,

Lebensspendende Venus: du waltest im Sternengeflimmer

Über das fruchtbare Land und die schiffedurchwimmelte Meerflut,

Du befruchtest die Keime zu jedem beseelten Geschöpfe,

Daß es zum Lichte sich ringt und geboren der Sonne sich freuet.

Wenn du nahest, o Göttin, dann fliehen die Winde, vom Himmel

Flieht das Gewölk, dir breitet die liebliche Bildnerin Erde

Duftende Blumen zum Teppich, dir lächelt entgegen die Meerluft,

Und ein friedlicher Schimmer verbreitet sich über den Himmel.

Denn sobald sich erschlossen des Frühlings strahlende Pforte

Und aus dem Kerker befreit der fruchtbare West sich erhoben,

Künden zuerst, o Göttin, dich an die Bewohner der Lüfte,

Und dein Nahen entzündet ihr Herz mit Zaubergewalten.

Jetzt durchstürmet das Vieh wildrasend die sprossenden Wiesen

Und durchschwimmt den geschwollenen Strom. Ja, jegliches folgt dir

Gierig, wohin du es lenkest; dein Liebreiz bändigt sie alle;

So erweckst du im Meer und Gebirg und im reißenden Flusse

Wie in der Vögel belaubtem Revier und auf grünenden Feldern

Zärtlichen Liebestrieb in dem Herzblut aller Geschöpfe,

Daß sie begierig Geschlecht um Geschlecht sich mehren und mehren.

Also lenkst du, o Göttin, allein das Steuer des Weltalls.

Ohne dich dringt kein sterblich Geschöpf zu des Lichtes Gefilden,

Ohne dich kann nichts Frohes der Welt, nichts Liebes entstehen:

Drum sollst du mir auch Helferin sein beim Dichten der Verse,

Die ich zum Preis der Natur mich erkühne zu schreiben.

Ich widme Unserem Memmius sie, der dir es vor allem verdanket,

Allzeit allen voran sich in jeglichem Amt zu bewähren.

Drum so verleih, o Göttin, dem Lied unsterbliche Schönheit,

Heiß indessen das wilde Gebrüll laut tosenden Krieges

Aller Orten nun schweigen und ruhn zu Land und zu Wasser,[29]

Da nur du es verstehst, die Welt mit dem Segen des Friedens

Zu beglücken. Es lenkt ja des Kriegs wildtobendes Wüten

Waffengewaltig dein Gatte. Von ewiger Liebe bezwingen

Lehnt sich der Kriegsgott oft in den Schoß der Gemahlin zurücke;

Während sein rundlicher Nacken hier ruht, schaut gierig sein Auge,

Göttin, zu dir empor und weidet die trunkenen Blicke,

Während des Ruhenden Odem berührt dein göttliches Antlitz.

Wenn er so ruht, o Göttin, in deinem geheiligten Schöße,

Beuge dich liebend zu ihm und erbitte mit süßesten Worten,

Hochbenedeite von ihm für die Römer den lieblichen Frieden.

Denn ich vermag mein Werk in den jetzigen Nöten des Staates

Sonst nicht mit Ruhe zu fördern, und du, des Memmierstammes

Rühmlicher Sproß, du könntest dich jetzt nicht entziehen dem Gemeinwohl.[30]

Inhalt des Gedichtes, besonders der ersten Bücher

Leihe mir jetzt ein offenes Ohr, mein Gajus, und widme

Aller Sorgen entledigt den Geist der Erkenntnis der Wahrheit.

Leicht sonst könnt' es geschehen, daß, ehe du richtig verstanden,

Du mein emsig geschaffenes Werk nicht achtend verwürfest.

Denn es beginnt von dem Himmelssystem und dem Wesen der Götter

Völlig den Schleier zu ziehn und der Welt Elemente zu lehren.

Denn aus ihnen erschafft die Natur und ernähret und mehret

Alles; auf diese zuletzt führt alles sie wieder zurücke,

Wenn es vergeht. Wir nennen sie Stoffe und Keime der Körper

Oder die Samen der Dinge nach unserer Lehre Bezeichnung,

Oder wir sprechen wohl auch von ihnen als Urelementen,

Weil aus ihnen zuerst ein jegliches wurde gebildet.

Preis Epikurs

Als vor den Blicken der Menschen das Leben schmachvoll auf Erden

Niedergebeugt von der Last schwerwuchtender Religion war,

Die ihr Haupt aus des Himmels erhabenen Höhen hervorstreckt

Und mit greulicher Fratze die Menschheit furchtbar bedräuet,

Da erkühnte zuerst sich ein Grieche, das sterbliche Auge

Gegen das Scheusal zu heben und kühn sich entgegenzustemmen.[30]

Nicht das Göttergefabel, nicht Blitz und Donner des Himmels

Schreckt' ihn mit ihrem Drohn. Nein, um so stärker nur hob sich

Höher und höher sein Mut. So wagt' er zuerst die verschlossnen

Pforten der Mutter Natur im gewaltigen Sturm zu erbrechen.

Also geschah's. Sein mutiger Geist blieb Sieger, und kühnlich

Setzt' er den Fuß weit über des Weltalls flammende Mauern

Und er durchdrang das unendliche All mit forschendem Geiste.

Dorther bracht' er zurück als Siegesbeute die Wahrheit:

Was kann werden, was nicht? Und wie ist jedem umzirket

Seine wirkende Kraft und der grundtief ruhende Markstein?

So liegt wie zur Vergeltung die Religion uns zu Füßen

Völlig besiegt, doch uns, uns hebt der Triumph in den Himmel.[31]

Abwehr der Volksreligion

Freilich beschleicht mich die Furcht hierbei, als ob du vermeinest,

Gottlosen Pfad zu betreten bei diesem System und des Frevels

Weg zu beschreiten. Doch grade die übliche Religion ist's,

Die oft gottlose Taten erzeugt und Werke des Frevels.

Haben doch solchergestalt die erlesenen Danaerfürsten

An Dianens Altar, der jungfräulichen Göttin, in Aulis

Iphianassas Blut in grausamem Wahne geopfert.

Als ihr die heilige Binde die Jungfraulocken umsäumend

In gleichmäßigem Falle die Wangen beide bedeckte,

Als sie zugleich am Altar den trauernden Vater erblickte

Und ihm nahe die Diener den Mordstahl unter dem Mantel

Bargen und jammerndem Volke der Anblick Tränen entlockte,

Da sank stumm sie vor Angst auf die Knie hinab zu der Erde.

Nichts vermochte der Armen in dieser Stunde zu helfen,

Daß sie den König zuerst mit dem Namen des Vaters begrüßte.

Denn von den Fäusten der Männer ergriffen, so wurde sie zitternd

Hin zum Altare geschleppt, nicht um nach dem festlichen Opfer

Dort in dem Hochzeitszug mit Jubel geleitet zu werden,

Nein, in der Brautzeit selbst ward sie, die Unschuldige, schuldvoll

Hingeschlachtet als Opferlamm von dem eigenen Vater,

Auf daß endlich die Flotte gewinne den glücklichen Auslauf.

Soviel Unheil vermochte die Religion zu erzeugen.

Warnung vor den Priestern

Jeweils denkst du vielleicht von den dräuenden Worten der Priester

Heftig bedrängt und bekehrt aus unserem Lager zu fliehen!

Denn was könnten sie dir nicht alles für Märchen ersinnen,

Die dein Lebensziel von Grund aus könnten verkehren

Und mit lähmender Angst dein Glück vollständig verwirren!

Und in der Tat, wenn die Menschen ein sicheres Ende vermöchten

Ihrer Leiden zu sehn, dann könnten mit einigem Grunde

Sie auch der Religion und den Priesterdrohungen trotzen.

Doch so fehlt für den Widerstand wie die Kraft so die Einsicht,

Da uns die Angst umfängt vor den ewigen Strafen der Hölle.

Wesen der Seele

Denn man weiß ja doch nichts von dem Wesen der Seele; man weiß nicht,

Ob sie schon mit der Geburt in uns eingeht oder ob dann erst

Sie entsteht und im Tod mit dem Leibe zusammen sich auflöst;

Ob sie im Orkus verschwindet und seinen geräumigen Schlüften

Oder ob Götterbefehl sie in andre Geschöpfe verbannet.

So sang Ennius einst, der erste der römischen Dichter,

Der von des Helikon Höhen sich ewig grünenden Lorbeer

Pflückte zum Kranz. Hell klinget sein Preis durch Italiens Lande.

Zwar verkündet der Dichter in seinen unsterblichen Versen,

Unten am Acheron seien wohl allerlei Räume, doch unsre

Wirklichen Seelen und Leiber gelangten da nimmer hinunter,

Sondern nur Schattengebilde und wunderlich bläßliche Schemen.

So sei einst aus der Tiefe des ewig jungen Homeros

Schatten im Traum ihm erschienen und habe mit Tränen im Auge

Ihm zu enthüllen begonnen im Lied das Geheimnis des Daseins.

Inhalt der späteren Bücher

Also es ziemt uns zunächst auf die himmlischen Dinge zu achten

Und mit Fleiß zu erforschen die Bahnen der Sonn' und des Mondes,

Wie sie laufen und welcherlei Kraft sich in allem betätigt

Hier auf Erden. Doch forschenswert vor allem bedünkt mich[32]

Unsere Seele, woher sie stammt, und das Wesen des Geistes,

Und was unsere Seele im Wachen nicht minder zu schrecken

Pflegt wie im Krankheitsfall und wenn wir vom Schlafe betäubt sind,

Daß wir die Toten zu sehen und Stimmen von jenen zu hören

Meinen, deren Gebein schon längst von der Erde bedeckt wird.[33]

Schwierigkeit der Aufgabe

Schwer zwar ist's, ich verhehl' es mir nicht, das entdeckte Geheimnis

Griechischer Weltweisheit in lateinischen Versen zu künden.

Auch bedarf es dazu Neuschöpfung vieler Begriffe;

Unsere Sprache versagt gar oft bei der Neuheit des Inhalts;

Doch dein adliger Sinn und die lockende Hoffnung der süßen

Freundschaft treibt mich dazu, mich vor keinerlei Mühe zu scheuen;

Ja sie verleitet mich oft die heiteren Nächte zu wachen,

Bis ich den richtigen Vers und die passenden Wörter gefunden,

Die klarleuchtende Helle vor deinem Verstande verbreiten,

Daß du das Dunkel der Dinge vollständig zu lichten vermöchtest.

Naturforschung als Erlösung

Jene Gemütsangst nun und die lastende Geistesverfinstrung

Kann nicht der Sonnenstrahl und des Tages leuchtende

Helle Scheuchen, sondern allein die Naturanschauung und Forschung.

Sie muß füglich beginnen mit folgendem obersten Leitsatz;

I. Lehrsatz. Nichts wird aus Nichts

Nichts kann je aus dem Nichts entstehn durch göttliche Schöpfung.

Denn nur darum beherrschet die Furcht die Sterblichen alle,

Weil sie am Himmel und hier auf Erden gar vieles geschehen

Sehen, von dem sie den Grund durchaus nicht zu fassen vermögen.

Darum schreiben sie solches Geschehn wohl der göttlichen Macht zu.

Haben wir also gesehen, daß nichts aus dem Nichts wild geschaffen,

Dann wird richtiger auch die Folgerung draus sich ergeben,

Woraus füglich ein jegliches Ding zu entstehen im Stand ist

Und wie alles sich bildet auch ohne die Hilfe der Götter.[33]

Gäb' es Entstehung aus Nichts, dann könnt' aus allem ja alles

Ohne weitres entstehen und nichts bedürfte des Samens.

So könnt' erstlich der Mensch aus dem Meer auftauchen, der Fische

Schuppiges Volk aus der Erde, die Vögel dem Himmel entfliegen,

Herdengetier und anderes Vieh wie die wilden Geschöpfe

Füllten beliebig entstanden das Fruchtland an wie das Ödland.

Auch auf den Bäumen erwüchsen nicht immer dieselbigen Früchte,

Sondern das änderte sich, kurz, alles erzeugte da alles.

Hätte fürwahr nicht jegliches Ding ureigene Keime,

Wie nur könnte für alles ein sicherer Ursprung bestehen?

Doch weil jegliches jetzt aus bestimmten Samen sich bildet,

Tritt es nur dort an den Tag und dringt zu den Räumen des Lichtes,

Wo sich der Mutterstoff und die Urelemente befinden.

Dadurch wird es unmöglich, daß alles aus allem entstehe,

Weil in besonderen Stoffen tut jedes gesondert die Kraft ruht.

Weshalb sehen wir ferner im Lenze die Rosen erblühen,

Sommerhitze das Korn und den Herbst die Trauben uns spenden?

Doch wohl, weil zu der richtigen Zeit sich die Samen der Dinge

Gatten und alles, was dann aus ihnen sich bildet, zu Tag tritt,

Wenn auch die Witterung hilft und die lebenspendende Erde

Sicher das zarte Gewächs in die Räume des Lichtes emporführt.

Kämen aus Nichts sie hervor, dann würden sie plötzlich entstehen

Ohne bestimmten Termin auch in anderen Zeiten des Jahres.

Denn dann gäb' es ja keine befruchtenden Urelemente,

Welche mißgünstige Zeit an der Zeugung könnte verhindern.

Auch für das Wachstum wären befruchtende Zeiten nicht nötig,

Wenn aus dem Nichts hervor die Dinge zu wachsen vermöchten.

Denn dann würden sofort aus Säuglingen Jünglinge werden

Und mit urplötzlichem Schuß entwüchsen die Bäume dem Boden.

Aber dergleichen entsteht doch nichts: man sieht es ja deutlich;

Wie es sich schickt, wächst jedes gemach aus besonderem Keime.

Und so wahrt es die eigene Art auch im weiteren Wachsen.

Also man sieht: aus besonderem Stoff mehrt jedes und nährt sich.

Hierzu kommt, daß ohne geregelten Regen im Jahre

Keinerlei labende Frucht uns die Erde vermöchte zu spenden;

Fehlt dann das Futter, so könnten natürlich hinfort die Geschöpfe

Weder die Art fortpflanzen noch selbst ihr Leben nur fristen.

Drum ist's glaublicher, daß gar vielerlei Stoffelemente

Vielerlei Dingen gemeinsam sind, wie die Lettern den Wörtern,

Als daß irgendein Wesen der Urelemente beraubt sei.[34]

Schließlich warum hat Mutter Natur nicht Riesen erschaffen,

Die wohl über das Meer mit den Füßen zu schreiten vermöchten,

Die mit den riesigen Händen die mächtigen Berge zerspellten

Und jahrhundertelang ihr leibliches Leben erstreckten,

Läge nicht für die Entstehung der Wesen jedwedem bestimmter

Urstoff vor, aus dem sich ergibt, was wirklich entstehn kann?

Also: Nichts entsteht aus dem Nichts. Dies ist nicht zu leugnen.

Denn es bedarf doch des Samens ein jegliches Ding zur Entstehung,

Wenn es hervorgehn soll in des Luftreichs dünne Gefilde.

Endlich sehen wir doch, wie bebautes Gelände den Vorzug

Hat vor dem wüsten und bessere Frucht dort erntet der Pflüger.

Siehe, der Erdenschoß birgt offenbar Urelemente,

Die wir zum Licht befördern, so oft wir die fruchtbaren Schollen

Wenden und pflügend die Schar den Boden der Erde durchfurchet.

Wären sie nicht, dann wären umsonst all' unsere Mühen;

Denn dann sähe man alles von selbst viel besser gedeihen.[35]

Nichts wird zu Nichts

Dazu kommt, daß Mutter Natur in die Urelemente

Wiederum alles zerstreut und Nichts in das Nichts wird vernichtet.

Denn wär' irgendein Wesen in allen Teilen zerstörbar,

Würd' es den Augen entschwinden im Nu, sobald es der Tod trifft.

Denn dann braucht es ja keiner Gewalt, die Teile desselben

Auseinanderzuscheiden und ihre Verbände zu lösen.

Doch nun ist ja ein jedes aus ewigem Samen entsprossen:

Darum scheint die Natur die Vernichtung keines der Wesen

Zuzulassen, solang nicht von außen zerstörend die Kraft wirkt

Oder ins Leere sich schleichend von innen die Bindungen lockert.

Weiter, wenn etwa die Zeit, was sie alt und entkräftet dahinrafft,

Völlig vernichtend träfe und gänzlich verzehrte den Urstoff,

Woher führte denn Venus die Gattungen lebender Wesen

Wieder zum Licht und woher verschaffte die Bildnerin Erde

Jedem nach seinem Geschlechte das Futter zu Nahrung und Wachstum?

Woher füllten das Meer die von fernher strömenden Flüsse

Wie auch die eigenen Quellen? Wie nährte der Äther die Sterne?

Müßte doch längst, was immer aus sterblichem Körper bestehet,

In der unendlichen Zeit und Vergangenheit alles erschöpft sein.

Wenn nun in jener Zeit und den längst vergangenen Tagen[35]

Jene Stoffe bestanden, aus denen die Welt ist erschaffen,

Müssen sie sicher besitzen ein unzerstörbares Wesen.

Also kann in das Nichts auch das Einzelne nimmer zerfallen.

Endlich müßte der nämlichen Kraft und der nämlichen Ursach'

Überall alles erliegen, sofern nicht der ewige Urstoff

Hielte den ganzen Verband bald mehr bald minder vernestelt.

Denn schon die bloße Berührung genügte den Tod zu bewirken,

Weil ja die ewigen Körper dann mangelten, deren Verbindung

Jegliche Kraft erst müßte zuvor auflösend zerstören.

Aber da untereinander die Klammern der Urelemente

Völlig verschieden sie binden und ewiglich dauert der Urstoff,

Hält sich der Dinge Bestand solang, bis die einzelne Bindung

Einer genügenden Kraft, um jene zu sprengen, begegnet.

Nichts wird also zu Nichts, doch löst sich hinwiederum alles,

Wenn es zur Trennung kommt, in des Urstoffs Grundelemente.

Endlich die Regenergüsse verschwinden zwar, wenn sie der Vater

Äther zum Mutterschoße der Erde befruchtend hinabschickt,

Aber emporsteigt schimmernd die Frucht, und das Laub an den Bäumen

Grünt, und sie wachsen empor, bald senkt sich der Ast vor den Früchten.

Hiervon nähren sich wieder der Menschen und Tiere Geschlechter,

Hiervon sehen wir fröhlich die Kinder gedeihn in den Städten,

Und in dem Laubwald hört man der jungen Vögel Gezwitscher,

Hiervon strecken ermüdet die feisten, gemästeten Rinder

Nieder den Leib in das üppige Gras und aus strotzenden Eutern

Fließt ihr schneeweiß milchiger Saft. Hier trinkt nun das Jungvieh,

Und von der Milch wie berauscht, die den zarten Kälbchen zu Kopf steigt,

Spielen sie schwankenden Schrittes wie toll durch das sprossende Gras hin.

Also von dem, was man sieht, geht nichts vollständig zugrunde.

Denn die Natur schafft eins aus dem ändern und duldet kein Werden,

Wenn nicht des einen Geburt mit dem Tode des ändern verknüpft wird.[36]

II. Lehrsatz. Die unsichtbaren Atome

Nunmehr, da ich gelehrt, daß nichts aus dem Nichts wird geboren,

Und daß ebenso auch das Gewordene nicht in das Nichts fällt,

Daß dich nicht Mißtraun etwa zu meinen Worten beschleiche,[36]

Weil man die Urelemente mit Augen zu sehn nicht imstand ist:

Höre nun weiter von Körpern, die eingestandenermaßen

Zwar in der Welt sich befinden und doch sich nicht sichtbar bekunden.

Erstlich denk' an des Windes Gewalt! Wild peitscht er die Meerflut,

Senkt die gewaltigsten Schiffe hinab und zerspaltet die Wolken.

Oft durchsaust er die Felder in rasendem Wirbel und Sturme,

Fällt dort Riesen von Bäumen und geißelt die Gipfel der Berge

Wälder zerschmetternd im Wehn. So rast im grimmigen Schnauben

Durch das Gelände der Sturm und tobt mit bedrohendem Brüllen.

Was sind also die Winde? Doch wohl nichtsichtbare Körper,

Welche die Länder und Meere, nicht minder die Wolken des Himmels

Fegen und mit sich reißen in plötzlichem Wirbel verheerend.

Ebenso flutet auch plötzlich die sanfte Natur der Gewässer

Heftig empor und verpflanzt weithin das Werk der Zerstörung.

Wenn sie durch reichliche Regen geschwollen ihr Bette verlassen

Und von den Bergen herab ein gewaltiger Tobel herabstürzt

Trümmer von Wäldern entführend und Riesen von Bäumen entwurzelnd.

Festeste Brücken vermögen des plötzlich kommenden Wassers

Übergewalt nicht zu hemmen. So stößt vom Regen geschwollen

Gegen die Dämme der Fluß mit übergewaltigen Kräften,

Alles zerstört er mit lautem Gebrüll und wälzt in den Wogen

Riesige Felsen: er stürzt, was gegen die Fluten sich anstaut.

So muß also sich auch das Wehen des Windes erklären.

Wie ein gewaltiger Strom so zermalmet er alles und wälzt es

Vor sich mit häufigem Stoße einher, wo immer er einfällt,

Oder bisweilen ergreift er mit drohendem Strudel die Dinge

Und trägt rasenden Fluges sie fort im rollenden Wirbel.

Also noch einmal: die Winde sind auch nichtsichtbare Körper,

Da sie in Taten und Sitten als Nebenbuhler erscheinen

Zu den gewaltigen Strömen, die sichtbare Körper besitzen.

Ferner empfinden wir auch gar manche Gerüche von Dingen,

Die doch nie in die Nähe der riechenden Nase gelangen.

Auch die glühende Hitze ist unsichtbar und die Kälte

Können wir sichtbar nicht sehn, noch pflegen wir Worte zu schauen,

Gleichwohl muß dies alles ein körperlich Wesen besitzen,

Da es die menschlichen Sinne ja doch zu erregen imstand ist;

Denn nichts kann, als der Körper, Berührung wirken und leiden.[37]

Hängst du ferner ein Kleid an dem flutenumbrandeten Strand auf,

Feucht wird es dort, doch es trocknet auch wieder in glühender Sonne;

Aber man hat nicht gesehn, wie des Wassers Nässe hineinkam

In das Gewand, noch andererseits, wie sie floh vor der Hitze.

Also muß sich das Naß in winzige Teilchen zerteilen,

Die auf keinerlei Weise das Auge zu sehen imstand ist.

Ja auch der Fingerreif wird innen durch stetiges Tragen

Immer dünner im Laufe der wiederkehrenden Jahre.

Gleich wie der fallende Tropfen den Stein höhlt, also vernutzt sich

Auch an dem Pfluge die eiserne Schar unmerklich im Boden.

Ferner das steinerne Pflaster wird bald durch die Füße der Leute

Abgetreten, am Tore die ehernen Bilder der Götter

Zeigen verscheuerte Hände. Denn immer berühret in Andacht,

Wenn es vorüberwandert, das Volk zur Begrüßung die Rechte.

Also wir sehen nun klar: Dies mindert sich, weil es sich abnützt;

Doch was in jedem Momente an Körperchen gehet verloren,

Hat die Natur uns neidisch verwehrt mit den Augen zu schauen.

Schließlich, was Tag um Tag die Natur allmählich den Dingen

Zulegt, wie sie allmählich das Wachstum also befördert.

Das kann nimmer ein Auge erspähn mit gespanntestem Blicke.

Ebensowenig vermagst du zu sehn, was das dörrende Alter

Wegnimmt, oder am Meer, was die überhängenden Felsen,

Welche das Salz zernaget, in jedem Momente verlieren.

Unsichtbar sind also die Körper, durch die die Natur wirkt.[38]

III. Lehrsatz. Das Vakuum

Aber es ist nicht alles gedrängt voll Körpermaterie

Allerseits. Denn es gibt noch im Innern der Dinge das Leere.

Dies ist zu wissen für dich in vielen Beziehungen nützlich;

Denn es läßt dich nicht schwanken und ratlos immerdar grübeln

Über das Ganze der Welt, statt unserem Wort zu vertrauen.

Also es gibt ein leeres, ein fühllos, stoffloses Wesen.

Wäre das Leere nicht da, dann könnt' auf keinerlei Weise

Irgendein Ding sich bewegen. Denn Widerstand zu entwickeln,

Das ist des Körpers Amt; dies würde beständig in allen

Dingen sich zeigen. Es könnte mithin nichts weiterhin vorgehn;[38]

Denn nichts wollte zuerst Platz machen für andere Wesen.

Aber wir sehen doch jetzt vor den Augen sich vielerlei regen

Und in verschiedenster Art sich durch Länder und Meere bewegen

Wie an dem Himmelsgewölbe. Doch fehlte nun etwa das Leere,

Würde sich nicht nur nichts in reger Bewegung befinden,

Sondern es fehlte durchaus auch die Möglichkeit jeder Erzeugung,

Da sich der rings aufhäufende Stoff nicht zu rühren vermöchte,

Übrigens hält man zwar die Dinge für dicht und solide,

Aber wie locker ihr Körper, ersieht man aus folgendem Beispiel:

Durch das Grottengestein fließt Wasser in flüssigem Strome,

Überall rieseln herab die reichlich tropfenden Tränen.

Ferner: die Speise verteilt sich im ganzen Leib der Geschöpfe.

Auch die Bäume gedeihen und spenden zur Zeit uns die Früchte,

Weil sich der Nahrungssaft von den untersten Wurzeln nach oben

Wie durch den Stamm, so durch alles Gezweig vollständig verbreitet.

Mauern durchdringet der Schall und durchfliegt auch verschlossene Häuser,

Und der erstarrende Frost dringt durch bis zum Mark und den Knochen.

Wären die Räume nicht leer, durch welche die einzelnen Körper

Könnten hindurch sich bewegen, so wäre dergleichen unmöglich.

Endlich warum ist dies an Gewicht just schwerer als jenes,

Ohne daß ihre Gestalt an Umfang wäre verschieden?

Wäre von Körpermasse gleichviel vorhanden im Wollknäul

Wie in dem Klumpen von Blei, dann müßten sie gleichen Gewichts sein;

Ist doch des Körpers Amt nach unten hin alles zu drücken,

Wie es zum Wesen des Leeren gehört des Gewichts zu ermangeln.

Also was gleichgroß ist und dennoch leichter erscheinet,

Zeigt natürlich uns an, daß in ihm mehr Leeres sich birget;

Andererseits was schwerer erscheint, gibt uns zu erkennen,

Daß es an Masse wohl mehr, doch weniger Leeres enthalte.

Also es ist in den Dingen natürlich noch etwas enthalten,

Was wir spürsamen Geistes erforschen: wir nennen's das Leere.[39]

Widerlegung des Gegenbeweises. Schwimmender Fisch

Eines muß ich hierbei zuvor noch erwähnen, damit nicht

Wahngebilde der Gegner vom Pfade dich lockender Wahrheit.

Vor den schuppigen Tieren (so sagen sie) weiche das Wasser,[39]

Während sie schwimmen, zurück und eröffne die Bahn, weil sie hinten

Platz zum Zusammenströmen den weichenden Wellen gewährten.

So aneinander vorbei sich bewegend vermöchten auch andre

Dinge beliebig die Stellung zu tauschen, wenn alles auch voll ist.

Merke dir, dieser Beweis ruht ganz auf falscher Begründung.

Wohin sollten denn nur die schuppigen Fische vorangehn,

Machte das Wasser nicht Platz? Wenn ferner die Wellen zurückgehn,

Wie vermöchten sie das, wenn die Fische sich rühren nicht können?

Also man muß entweder jedwede Bewegung der Körper

Leugnen oder behaupten: es gibt ein Leeres in ihnen,

Welches den Anfang schafft jedwedem zu jeder Bewegung.

Endlich noch dies! Zwei breite, zusammenstoßende Körper

Prallen mit Wucht auseinander. Da muß nun die Luft in das Leere,

Das hierzwischen entsteht, eindringen und gänzlich es füllen.

Aber auch wenn sie sofort ringsum in beschleunigtem Zustrom

Flösse zusammen, so kann sie doch nimmer in einem Momente

Sämtlichen Raum ausfüllen. Sie muß erst jeden der Plätze

Nacheinander erobern, bis alles am Ende besetzt ist.

Glaubt man nun etwa, der Grund für der Körper gewaltsamen Abprall

Sei aus der Luft zu entnehmen und ihrer Verdichtung, so irrt man.

Denn es entsteht ja ein leerer Raum, der vorher nicht da war,

Ebenso füllt sich auch wieder die Leere, die vorher bestanden.

Niemals kann sich die Luft auf ähnliche Weise verdichten

Oder, wenn je sie es könnte, wie sollte sie ohne das Leere

Sich in sich selber zusammenziehn und die Teile vereinen?

Magst du dich drum bestreitend auch noch so drehen und wenden,

Mußt du doch endlich gestehen: es gibt in den Dingen ein Leeres.[40]

Mahnung an Memmius

Vieles vermocht' ich dir noch zusammenzuscharren, um hierdurch

Unserer Lehre Beweis durch weitere Gründe zu stärken.

Aber dem spürsamen Geiste genügen auch diese geringen

Spuren der Fährte bereits, um das übrige selber zu finden.

Denn wie im Waldesrevier die Doggen mit witternder Nase

Häufig die Lager des Wildes, die laubverdeckten, erspüren,

Wenn sie nur erst einmal auf die sichere Fährte gelangt sind,

So wirst selber du nun bei derlei Fragen imstand sein,

Eins aus dem ändern zu lernen und in die verborgenen Winkel[40]

Einzudringen, um hieraus hervorzuziehen die Wahrheit.

Säumst du jedoch und willst von der Sache dich etwas zurückziehn,

Geb' ich dir dieses Versprechen, mein Memmius, offen und ehrlich:

Aus dem gewaltigen Quell, der überreich mir im Innern

Quillt, wird mein süßer Gesang dir volle Pokale kredenzen.

Eher noch kommt, wie ich fürchte, das Alter mir langsam geschlichen

Und löst leise die Riegel, die schützend mein Leben verwahren,

Als ich dein Ohr mit der Fülle der formgerechten Beweise

Voll gesättigt, wie solche für jeglichen Fall mir zur Hand sind.

Nun gilt's fortzuspinnen den eben begonnenen Faden.[41]

Nur zwei Prinzipien: Atom und Vakuum

Alle Natur, wie sie ist an sich, muß also bestehen

Aus zwei Dingen allein. Denn Körper nur gibt es und Leeres,

Welches die Körper umfängt und Bahn schafft jeder Bewegung.

Was nun die Körper betrifft, so lehrt der gewöhnliche Sinn schon,

Daß sie bestehn. Und wenn wir den Sinnen vor allem nicht trauen,

Fehlt uns der Grund, auf den wir gestützt die verborgenen Dinge

Irgendwie mit verständigem Geist zu erforschen vermögen.

Ferner der Ort und der Raum, den wir als das Leere bezeichnen,

Gab' es ihn nicht, so könnten ja nirgend die Körper sich lagern,

Oder sich irgend bewegen wohin nach verschiedener Richtung,

Was wir dir oben vor kurzem ausführlichst haben bewiesen.

Ein Drittes ausgeschlossen

Ferner gibt es ja nichts, was als völlig verschieden vom Körper

Nennen sich läßt und zugleich nicht minder vom Leeren geschieden,

Was sich gleichsam als dritte Natur zu den ändern gesellte.

Denn was immer nur ist, muß immer aus Etwas bestehen,

Mag es nun groß an Gestalt, mag endlich auch klein es erscheinen:

Wenn es Berührung erfährt auch nur in dem winzigsten Umfang,

Wird sich dadurch auch des Körpers Betrag und die Summe vermehren.

Wenn es jedoch nicht faßbar erscheint, da es nirgend verhindert,

Daß ein beliebiger Körper in voller Bewegung hindurchfährt,

Merke dir, das ist der Raum, den wir als das Leere bezeichnen.

Auch wird, was für sich selber besteht, selbst Wirkungen äußern,[41]

Oder es wird an sich selbst die Wirkungen andrer erleiden,

Oder es bietet den Raum für der ändern Wirkung und Dasein.

Aber Wirken und Leiden ist ohne den Körper unmöglich,

Und es gewähret den Raum nur Körperloses und Leeres.

Drum kann neben den Körpern und neben dem Leeren ein Drittes

Nie und nimmer für sich bestehn in dem Reiche der Dinge,

Weder was irgendeinmal für unsere Sinne sei faßbar,

Noch was mit dem Verstande der Mensch zu erschließen vermöchte.[42]

IV. Lehrsatz. Akzidenzen der Prinzipien

Alles, was Namen besitzt, hängt ab von den beiden Prinzipien.

Denn es gibt nichts als beider »Verbindung« oder »Ergebnis«.

Als ein Verbundenes gilt, was ohne vernichtende Scheidung

Niemals trennen sich läßt noch abgesondert bestehn kann.

So hat der Stein sein Gewicht, das Feuer die Glut und das Wasser

Nässe; den Körpern ist eigen Berührung, nur nicht dem Leeren,

Knechtschaft aber und Freiheit und ferner Armut und Reichtum,

Wie auch Frieden und Krieg und alles, was sonst noch hinzukommt

Oder verschwindet, doch ohne das Wesen der Dinge zu ändern:

All dies sind wir gewöhnt, wie es recht ist, Ergebnis zu nennen.

Auch ist die Zeit kein Ding an sich, nein, unsere Sinne

Nehmen erst ab von den Dingen, was in der Vergangenheit vorging,

Was uns soeben bedrängt, und endlich was später geschehn wird.

Niemand kann ja die Zeit an sich mit den Sinnen erfassen,

Wenn man die Ruhe der Dinge und ihre Bewegung nicht abmißt.

Wenn man die Sage vernimmt von Helenas Raub und von Trojas

Niederwerfung im Krieg, so muß man sich hüten zu meinen,

Jene Geschehnisse ständen für sich als wirkliche Dinge,

Weil ja die Menschengeschlechter, die jenes »Ergebnis« erfuhren,

Unwiderruflich hinab der vergangene Zeitraum geschlungen.

Denn von dem Land an sich ist das jedesmal'ge Ergebnis

Wohl zu trennen, das grade in dessen Bezirke sich abspielt.

Wäre nun gar in den Dingen der Stoff nicht vorhanden gewesen

Oder der Ort und der Raum, in welchem sich alles ereignet,

Hätte der Helena Schönheit wohl nimmer das Feuer der Liebe

Bei Alexander entfacht und ins Phrygierherz sich gestohlen,

Hätt' auch die Fackel des wilden, von allen besungenen Krieges[42]

Nimmer entzündet. Dann hätte das hölzerne Pferd und die Griechen,

Die es nächtens gebar, auch nimmer die Veste zerstöret.

Daraus kannst du ersehn, daß alle Geschehnisse durchweg

Nicht auf sich selber beruhn und nicht wie der Körper bestehen,

Noch auch so wie das Leere besondre Benennung verdienen,

Sondern nur so, daß man richtig vielmehr von »Ergebnissen« redet,

Die an den Körper und Ort, wo jedes geschieht, sind gebunden.[43]

Atomstruktur und Vakuum

Körper zerfallen nun teils in Urelemente der Dinge,

Teils in das, was entsteht durch Verbindung der Urelemente.

Aber die Urelemente sind allen Gewalten zum Trotze

Unvertilgbar. Sie schützt ihr undurchdringlicher Körper.

Freilich es scheint recht schwierig zu glauben, es sei in den Dingen

Irgend etwas zu finden mit undurchdringlichem Körper.

Denn es durchdringt ja der himmlische Blitz die Gefache der Häuser,

Ganz wie der Stimmen Geräusch; weiß glühet das Eisen im Feuer,

Und es zerbersten die Felsen, wenn Dampf sie heftig erglühn läßt.

Wie die Starre des Golds durch die Glut wird erweicht und geschmolzen,

So wird der Spiegel des Erzes besiegt von der Flamme verflüssigt.

Wärme durchströmet das Silber wie tiefeindringende Kälte.

Beides fühlen wir deutlich, sobald die ergreifende Rechte

Faßt den Pokal, in den sich ergießt das Getränke von oben.

So sehr scheint in der Welt nichts Undurchdringliches denkbar.

Aber es treibt mich die lautre Vernunft und das Wesen der Dinge;

Darum höre nun jetzt, wie in wenigen Versen ich zeige,

Daß es in Wahrheit Keime von festem und ewigem Stoff gibt,

Die man betrachten muß als die Urelemente des Weltalls;

Alles entstand und besteht auch jetzt noch einzig aus ihnen.

Erstlich nun muß notwendig, da diese Prinzipien beide,

Körper und leerer Raum, in welchem sich alles beweget,

Gänzlich verschiedne Natur, wie man längst entdeckt hat, besitzen,

Jedes für sich selbständig bestehn und rein sich erhalten.

Denn wo immer der Raum sich erstreckt, den Leeres wir heißen,

Ist kein Körper vorhanden, und wiederum, wo sich der Körper

Ausdehnt, fehlt vollständig das Körperlose, das Leere.

Drum sind die Urelemente solid und ermangeln des Leeren,[43]

Da sich nun ferner das Leere in allem Erschaffenen findet,

Muß ringsum sich ein dichterer Stoff um das Leere erstrecken.

Denn bei keinem der Wesen vermag man mit richtigem Schlüsse

Darzutun, daß das Leere in ihm sich verbirgt und versteckt hält,

Wenn man zugleich nicht den dichten, umfassenden Stoff noch dazunimmt.

Dies kann füglich nichts anderes sein als vereinigter Urstoff,

Der in den Dingen vermag das Leere zusammenzuschließen.

Also der Urstoff selbst, der aus dichtestem Körper bestehn muß,

Kann urewig nur sein; das übrige löst sich im Tod auf.

Ferner, wenn das nicht wäre, was Raum verstattet, das Leere,

Wäre ja alles solid, und wiederum, gab es die Körper

Nicht, die sicher die Orte besetzten und völlig erfüllten,

Dann war' unsere Welt nichts andres als ödeste Wüste.

Also Körper und Leeres ist wechselweise geschieden;

Dies ist klar, da weder das Volle ausschließlich für sich steht

Noch auch das Leere. Somit gibt's eben besondere Körper,

Welche den leeren Raum von dem Vollen zu scheiden vermögen.

Diese lassen sich nicht durch Schläge von außen zertrümmern,

Noch löst irgendwie sich ihr festes Gefüge von innen,

Noch bringt irgendein anderer Fall sie erschütternd ins Wanken,

Was ich schon oben vor kurzem dir deutlich zu zeigen vermochte.

Wo das Leere nicht ist, da erscheint auch jede Verbeulung,

Jedes Zerbrechen unmöglich, wie jegliche Teilung in Hälften.

Nässe berührt sie nimmer, noch tief einwirkende Kälte,

Noch eindringendes Feuer, die alleszerstörenden Feinde.

Aber je mehr von dem Leeren ein Ding in dem Innern beherbergt,

Um so leichter erliegt es dem Eingriff jener Gewalten.

Sind nun also, so wie ich's gelehrt, die Urelemente

Dicht und ohne das Leere, dann müssen sie ewig bestehen.

Übrigens: wär' in der Welt nicht vorhanden der ewige Urstoff,

Wäre schon alles wohl längst in das Nichts vollständig versunken,

Und was wir irgend erblicken, müßt' immer von neuem erstehen.

Aber ich habe schon früher gelehrt, nichts könne sich bilden

Aus dem Nichts, noch zurück in das Nichts das Geschaffene sinken;

Deshalb müssen unsterblichen Leibs die Urelemente

Sein, in welche zuletzt jedwedes Geschaffne sich auflöst,

Um dann wieder den Stoff zu erneuten Geburten zu liefern.

Also die Urelemente sind einfach stets und solide,

Und sie können nicht anders auf ewig sich selber bewahren

Und seit undenklicher Zeit stets neue Geburten erschaffen.[44]

Unteilbarkeit der Atome

Hätte nun ferner Natur kein Ende gesetzt der Zerstörung

Unter den Dingen, dann wären schon lange die Körper des Urstoffs

Durch der vergangenen Zeiten Verderb so völlig vernichtet,

Daß keins ihrer Geschöpfe von Stunde der Zeugung ab könnte

Binnen bestimmter Frist zu des Lebens Höhe gelangen.

Denn wir sehen, wie alles sich schneller zu lösen imstand ist

Als aufs neue zu bilden. Darum auch könnte sich niemals,

Was die unendliche Zeit in der Reihe vergangener Tage

Bis auf die jetzige Stunde zerstreut hat oder zertrümmert,

Wieder aufs neue gestalten im Laufe der künftigen Zeiten.

Doch jetzt bleibt ja natürlich ein festeres Ziel der Vernichtung

Abgesteckt, da wir sehen, wie jegliches Ding sich erneuert,

Und wie für jedes Geschlecht zugleich auch besondere Fristen

Feststehn, innerhalb deren des Lebens Blüte sich aufschließt.

Struktur der vier Elemente

Dazu kommt noch das Neue, daß, ob auch die Körper des Urstoffs

Völlige Dichte besitzen, trotzdem die entstehenden Dinge

Luft, Feu'r, Erde und Wasser von lockrer Beschaffenheit werden.

All dies läßt sich verstehn durch das Leere, das allem sich beimischt.

Wären dagegen schon locker die Grundelemente der Dinge,

Woher stammten dann Eisen und härtlicher Kiesel, wie wären

Diese geworden, wo bliebe die Kraft, dies alles zu schaffen?

Niemand könnte das sagen. Es würde die ganze Natur dann

Völlig und ganz ermangeln des grundsteinlegenden Anfangs.

Also die Grundelemente sind einfach zwar und solide,

Aber durch ihren Verband, wenn sie fest aneinander sich schließen,

Können die vielen zusammen gewaltige Kräfte entfalten.

Wäre sodann kein Ende gesetzt der Vernichtung der Körper,

Müßten doch einige Körper zum mindesten übrig geblieben

Sein, die aus ewiger Zeit sich bis jetzt in den Dingen erhielten

Und entronnen zu sein aus allen Gefahren sich rühmten.

Aber da längst feststeht, sie seien zerbrechlichen Wesens,

Ist es ein Widerspruch, daß jene die ewige Zeit durch

Trotz unzähliger Stöße sich könnten am Leben erhalten.[45]

Endlich ist festgestellt, daß jedem Geschlechte das Ende

Seines Wachsens und Lebens von vornherein ist gegeben,

Und was jedes vermag den Naturgesetzen zu Folge

Oder was nicht, steht längst schon fest nach ewiger Satzung.

Daran ändert sich nichts, vielmehr bleibt alles beständig,

So, daß stets nach der Reihe die buntgefiederten Vögel

Je nach ihrem Geschlecht dieselbigen Tupfen vererben;

Also müssen sie wohl den nimmer sich ändernden Urstoff

Schon in dem Körper besitzen. Denn könnten die Urelemente

Irgendwie in den Dingen beliebig Veränderung leiden,

Dann wär' auch nicht klar, was eigentlich könnte entstehen

Oder was füglich auch nicht; und wie jedwedem umzirkt sei

Seine wirkende Kraft und der grundtief ruhende Markstein.

Nie auch könnten ererben nach Sippen getrennt die Geschöpfe

Bildung, Bewegung, Gesittung und Lebensführung der Eltern.[46]

Gibt's ein Minimum?

Weil nun ein äußerster Punkt bei jenem Urelemente

Ist, das unseren Sinnen schon nicht mehr zu schauen vergönnt ist,

So kann dieser natürlich nicht weitere Teilchen besitzen,

Sondern ist schlechthin das Kleinste, das nie für sich hat bestanden

Als selbständiger Teil und nie als solcher bestehn wird.

Denn es ist selbst nur des anderen Teil, und zwar nur das eine

Erste, wie andere dann und andere ähnliche Teilchen

Dicht aneinander sich reihen, um so das Atom zu gestalten.

Da sie für sich nicht können bestehn, so müssen sie alle

Unauflösbar in jedem Bezug aneinander sich ketten.

Also die Grundelemente sind einfach stets und solide,

Da sie mit winzigsten Teilchen zwar eng aneinander geschlossen,

Doch nicht entstanden sind aus einzelner Teilchen Verbindung,

Sondern durch Einheit mächtig, die ewiges Leben verbürget.

Davon läßt die Natur nichts abtun oder vermindern;

Denn sie muß ja die Keime zu künft'gen Geburten bewahren.

Nimmt man sodann dies Kleinste nicht an, so würden doch wieder

Aus unzähligen Teilen die winzigsten Körper bestehen.

Denn stets würde die Hälfte sich weiter in Hälften zerteilen,

Und so würde das Teilen ja nirgends ein Ende erreichen.

Größtes mithin und Kleinstes, wie unterschiede sich beides?[46]

Rein durch nichts. Denn ließe sich auch das All in Gesamtheit

Wirklich unendlich teilen, so würde doch ebenso wieder

All das Kleinste bestehn aus unendlich teilbaren Teilen.

Doch die gesunde Vernunft verwirft dies gänzlich und leugnet,

Daß es unserm Geist je glaublich erschiene. So mußt du

Überwunden gestehn: es ist wirklich ein Kleinstes vorhanden,

Das nicht teilbar mehr ist. So mußt du denn weiter gestehn,

Daß es unsterblichen Wesens infolge der dichten Struktur ist.

Endlich wenn die Natur, die Schöpferin, alles Geschaffne

Wieder in kleinste Partikeln sich ganz zu verflüchtigen zwänge,

Könnte sie nimmer aus diesen die alten Gebilde erneuern

Deshalb, weil ja doch diese unteilbar kleinsten Partikeln

Nicht das können besitzen, was zeugende Stoffe besitzen

Müssen: Gewicht und Stöße, Zusammenprall und Bewegung

Wievielfache Verbindung; denn so nur betätigt sich alles.[47]

Wider Heraklit und Genossen

Deshalb scheinen mir jene, die Feuer zum Grundstoff wählten

Und aus dem Feuer allein sich das Weltall dachten entstanden,

Ganz und gar von der Wahrheit Weg in die Irre zu gehen.

Diesen voran als erster begann Herakleitos das Treffen,

Dessen dunkele Sprache in griechischen Landen berühmt ist,

Mehr bei den Gecken jedoch als den ernsteren Forschern der Wahrheit.

Denn die Toren bewundern und lieben just alles am meisten,

Was sie unter dem Mantel verschrobener Worte versteckt sehn,

Und sie halten für wahr, was hübsch um die Ohren sie kitzelt

Und was auf ist geschmückt mit dem Wohllaut witziger Rede.

Denn ich frage, warum nur die Dinge so mannigfach wären,

Wenn ihr Ursprung wäre das lautere Feuer alleine?

Denn es nützte ja nichts, daß des Feuers Glut sich verdünnte

Oder verdichtete, hätten die Teile des Feuers dasselbe

Wesen, das ebenso schon das Feuer im ganzen besitzet.

Zwar wenn enger die Teile zusammen sich pressen, wird schärfet

Werden die Glut und gelinder, wenn diese zerstreut und getrennt sind.

Aber an weitere Wirkung ist doch bei solchem Verhältnis

Gar nicht zu denken, geschweige, daß solche Verschiedenheit könnte

Aus dem Feuer entstehn durch Verdichtung oder Verdünnung.[47]

Ferner noch dies: wenn das Leere sie noch zu den Dingen gesellten,

Könnte sich leichter das Feuer verflüchtigen oder verdichten.

Freilich erkennt sein Buch, daß vieles mit seinen Gedanken

Streitet; und da er sich scheut, an das lautere Leere zu glauben,

So verliert er den richtigen Weg aus Angst vor der Steilheit.

Auch dies sieht er nicht ein, daß, wenn man das Leere beseitigt,

Alles sich dichtet und klumpet zu einem ureinzigen Körper,

Der nichts könnte mit Wucht aus dem Innern entsenden und schleudern,

Wie glutwirkend das Feuer das Licht und die Dämpfe entsendet.

Daraus sieht man: das Feuer besteht aus lockeren Teilchen.

Meinet man nun etwa gar, daß das Feuer auf anderem Wege

Könn' als Ganzes vergehn und sein eigenes Wesen verändern

(Wenn man sich nämlich bedenkt, an teilweise Löschung zu glauben),

Löste sich selbstverständlich das Ganze der Glut in ein Nichts auf,

Und aus dem Nichts dann würde, was irgend entsteht, sich entwickeln.

Denn was immer sich ändert und seine bisherigen Sitze

Wechselt, erleidet sofort die Vernichtung des früheren Zustands.

Drum muß etwas bestehn, was unzerstörbar darin bleibt,

Soll dir nicht alles zumal in das Nichts vollständig versinken

Und aus dem Nichts sich erheben aufs neue die Fülle der Dinge.

Da es nun jetzt feststeht, daß es völlig bestimmte Atome

Gibt, die immer und ewig dasselbige Wesen behalten,

Die durch wechselnde Ordnung und Zugang oder auch Abgang

Alle Naturen verändern und diese zu neuen gestalten,

Weiß man, daß nimmer aus Feuer bestehen die Körper der Dinge.

Denn gleichgültig erschien es, ob etliches wich' und verschwände,

Andres hinzu sich gesellte und manches die Ordnung verkehrte,

Wenn nur des Feuers Glut sich in allem stetig erhielte;

Denn dann war' es doch Feuer, was allerwegen entstünde.

Doch, wie ich meine, so ist's: es gibt Urkörperchen, deren

Ordnung, Lage, Gestalt und Zusammenstoß und Bewegung

Feuer erzeugt; und verändert die Lage sich, ändert sich gleichfalls

Ihre eigne Natur; dann gleichen sie nimmer dem Feuer

Noch auch anderen Dingen, die unseren Sinnen Atome

Zuzusenden vermögen und unser Gefühl zu erregen.

Ferner behaupten zu wollen: nur Feuer ist alles in allem

Und nichts Wirkliches gibt's in dem Reich der Natur als das Feuer,

Wie Herakleitos es lehrt, das scheint mir der Gipfel des Wahnsinns.

Denn von dem Sinnlichen auskämpft selber er wider die Sinne

Und erschüttert ihr Zeugnis, auf dem doch der Glaube beruhn muß,[48]

Und wodurch er doch selber das Feuer erkannt und benannt hat.

Denn er vermeint durch die Sinne das Feuer wohl richtig zu fassen,

Aber was sonst nicht minder gewiß, das mag er nicht glauben.

Dies will nichtig fürwahr und ganz wahnsinnig mir scheinen.

Wem denn sonst ist zu trauen? Was kann denn als sicher uns gelten

Außer den Sinnen, durch die wir bemerken, was wahr und was falsch ist?

Ferner: weshalb denn soll man von all dem anderen absehn,

Um nur des Feuers Natur allein noch übrig zu lassen,

Statt vom Feuer zu schweigen und irgendwas andres zu wählen?

Scheint mir doch eins wie das andre ein Satz von der gleichen Verrücktheit!

Jene mithin, die im Feuer den Grundstoff sämtlicher Dinge

Sehn und das Weltall lassen allein aus dem Feuer entstehen,

Ferner auch, die in der Luft den Urquell alles Entstehens

Setzen, und die in dem Wasser den einzigen Schöpfer erblicken,

Oder auch jene, die glauben, die Erde verehren zu müssen

Als Allmutter, die wechselnd in alle Naturen sich wandle,

Scheinen mir alle sich weit von dem richtigen Weg zu verirren.

Nimm nun noch jene hinzu, die Doppelprinzipien lehren,

Da sie Feuer der Luft und Erde dem Wasser gesellen,

Und nicht minder, die alles aus vier Elementen entstanden

Glauben, aus Feuer und Erde, dem luftigen Hauch und dem Feuchten.[49]

Wider Empedokles

Ihnen schreitet voran Empedokles, Akragas' Sprößling,

Welchen die Insel gebar mit dem dreifach gezackten Gestade,

Die das ionische Meer in schweifenden Bogen umflutet

Und aus den bläulichen Wogen mit salzigem Schaume bespritzet.

Hier trennt reißend die See mit dem enger sich schließenden Sunde

Jener Insel Gebiet von Italiens Festlandsküsten,

Hier haust wüst die Charybdis und hier droht brüllend der Ätna,

Flammenden Zorn aufs neue im grollenden Busen zu sammeln,

Um aus des Kraters Schlund dann wieder das Feuer zu speien

Und zum Himmel empor die flammenden Blitze zu schleudern.

Mancherlei prächtige Wunder umschließt dies herrliche Eiland,

Das bei den Völkern der Erde als schauenswürdig bekannt ist;

Reichtum an Gütern besitzt es und Wehr und Waffen der Männer:

Doch nichts Schöneres barg dies Eiland je in dem Schöße,[49]

Nichts, was heiliger, teurer und wunderbarer erschiene

Als der Prophet, deß Lied aus göttlich begeisterter Brust drang

Und so herrliche Lehren des Weisen uns offenbarte,

Daß er uns kaum noch erscheint als Sprößling sterblichen Stammes.

Aber obwohl auch dieser und die viel kleineren Geister,

Die weit unter ihm stehn (wir haben sie oben besprochen),

Manchen vortrefflichen Fund vom göttlichen Geiste getrieben

Öfter getan und aus ihres Gemüts hochheiligem Tempel

Sprüche verkündet, die uns weit hehrer und wahrer erklingen,

Als was die Pythia spricht von Apollos Lorbeer und Dreifuß,

Bei den Prinzipien doch da kamen sie alle zum Sturze;

Langhin schlugen sie auf, im gewaltigen Fall noch gewaltig.

Denn sie vermeinen zum ersten, daß ohne das Leere Bewegung

Könne entstehn; sodann erwählen sie weiche und lockre

Stoffe, wie Luft, Naß, Feuer und Erde, wie Tiere und Pflanzen,

Ohne doch allen den Körpern zugleich auch das Leere zu geben.

Ferner vermeinen sie auch, daß alles unendlich sich teilen

Lasse, so daß kein Ende der weiteren Spaltung zu sehn sei.

So sei auch in den Dingen durchaus kein Kleinstes vorhanden.

Wo doch ein äußerster Punkt in jedem der Körper sich darstellt,

Den dann unsere Sinne als Kleinstes noch eben erblicken;

Daraus zieh du den Schluß, daß die unsichtbaren Atome

Auch ein Äußerstes haben, was wirklich das Kleinste bedeutet.

Auch kommt dies noch hinzu: da sie Grundelemente der Dinge

Wählen, die weich und vergänglich wir sehn, nicht minder geschaffen

Als der Vernichtung geweiht, so müßte doch sicher das Weltall

Völlig zurück in das Nichts zerfallen, und wieder geboren

Aus dem Nichts sich von neuem die Fülle der Dinge beleben.

Beide Gedanken (du weißt es) entfernen sich weit von der Wahrheit.

Auch erweisen sich vielfach die vier Elemente als feindlich

Untereinander und tödlich. Drum wenn sie sich einen, vergehn sie

Oder zerstieben ins Weite, wie wenn wir im Sturmesgewitter

Sehen, wie Blitz, Wind, Regen sich ballen und wieder zerflattern.

Endlich, wenn alles zumal aus den vier Elementen entstehn soll

Und auch wieder zerfallen in ganz die nämlichen Stoffe,

Wie darf jemand nur jene als Urelemente der Dinge

Ansehn? Kann man nicht ebensogut das Verhältnis auch umdrehn?

Denn von jeher erzeugt sich der Stoff und die Dinge im Wechsel,

Und sie verändern die Farbe so gut wie das übrige Wesen.

Wenn du nun aber vermeinst, falls Feuer und Erde sich gatten[50]

Und die Winde der Luft mit des Wassers flüssigem Nasse,

Werde sich gar nichts ändern am Wesen bei dieser Verbindung,

Dann kann nie dir entstehn ein Geschöpf aus den vier Elementen,

Mag es beseelt, mag leblos es sein wie der Baum auf der Heide.

Denn es behauptet ja doch in der Mischung verschiedener Stoffe

Jegliches seine Natur, und vermischt mit der Erde wird immer

Bleiben die Luft, was sie war, und das Feuer sich halten im Wasser.

Aber beim Zeugungswerk darf nur in den Urelementen

Heimlich und unsichtbar die Natur sich bekunden, damit nicht

Irgend etwas erscheine, was gegen das eigene Wesen

Jeglichen neuen Geschöpfes sich hemmend und feindlich erweise.

Ja, aus dem Himmel sogar und seiner feurigen Lohe

Holen sich manche den Stoff und lassen zuerst sich das Feuer

Wandeln in Luft, dann Regen daraus, dann Erde sich bilden

Aus dem Regen, und alles sodann sich rückwärts verwandeln

Erst in das Wasser, sodann in die Luft und endlich ins Feuer.

Nimmer erschöpfe sich so der Verwandlungen ewiger Kreislauf

Nieder vom Himmel zur Erde und wieder von hier zu den Sternen.

Doch dies darf durchaus nicht geschehn bei den Urelementen.

Etwas Beharrliches muß in dem Kreis der Verwandlungen bleiben,

Soll dir nicht alles zuletzt in das Nichts vollständig versinken.

Denn was immer sich ändert und seine bisherigen Sitze

Wechselt, erleidet sofort die Vernichtung des früheren Zustands.

Deshalb müssen natürlich die eben bezeichneten Stoffe,

Da sie Verändrung erleiden, aus anderen Stoffen bestehen,

Und zwar solchen, die nie Verwandlungen können erleiden,

Soll dir nicht alles zumal in das Nichts vollständig versinken,

Nein, du mußt dir vielmehr nur solche Prinzipien denken,

Die, nachdem sie vielleicht das Feuer zum ersten geschaffen,

Dann auch die Luft erzeugen, indem sie ein weniges abtun,

Weniges auch zufügen, Bewegung ändern und Ordnung,

Und so eins aus dem ändern sich lassen in allem entwickeln,

»Aber es liegt auf der Hand«, so sagst du, »daß alles nach oben

In die Gefilde der Luft, von der Erde sich nährend, emporwächst:

Wenn nicht zu günstigen Zeiten das Wetter den Regen uns spendet,

Und vor den Wolkenergüssen die Äste der Bäume sich schütteln,

Wenn nicht an ihrem Teile die Sonne erwärmende Strahlen

Sendet, dann kann nicht gedeihn Korn, Obst und lebendes Wesen.«

Wisse, wenn trockene Speise und labendes Naß uns nicht hülfe,

Würde der Körper auch uns zernichtet und jegliches Leben[51]

Schwänd' uns völlig dahin, da Sehnen und Knochen sich lösten.

Denn es befördern und nähren das Wachstum unseres Leibes

Klärlich gewisse Stoffe, und anderes nähret sich anders.

Denn da auf vielerlei Weise gemeinsame Grundelemente

Sich in den vielerlei Dingen natürlich zusammengesellen,

Ist bei verschiedenen Dingen die Nahrung auch selber verschieden.

Wichtig ist ferner auch dies, mit welcherlei Grundelementen

Diese selber verkehren, und wie die wechselnde Lage

Sich zueinander gestaltet und gegenseit'ge Bewegung.

Denn dieselbigen Stoffe begründen ja Himmel und Erde,

Meer und Ströme und Sonne wie Korn, Obst, lebendes Wesen.

Ihre Bewegung jedoch ist verschieden nach Mischung und Auswahl.

Ja auch in unseren Versen (du kannst es ja sehen) erscheinen

Vielfach dieselbigen Lettern verschiedenen Wörtern gemeinsam,

Und doch mußt du gestehn, die Verse sind gleichwie die Worte

Ganz voneinander verschieden im klingenden Laut wie im Inhalt.

So stark wirkt bei den Lettern allein die veränderte Folge,

Und doch können fürwahr die Urelemente der Dinge

Weit mehr Möglichkeiten veränderter Schöpfungen schaffen.[52]

Wider Anaxagoras

Laßt uns jetzt auch betrachten, was sich Anaxagoras dachte

Unter Homoeomerie. Dies griechische Wort ist uns leider

Wiederzugeben versagt in unserer ärmlichen Sprache,

Aber die Sache vermag ich mit Worten dir leicht zu umschreiben.

Erstlich Homoeomerie, was lehrt uns der Weise darüber?

Knochen entstünden natürlich aus kleinen und winzigen Knöchlein,

Fleisch nicht minder aus kleinen und winzigen Teilchen des Fleisches,

Ebenso bilde sich Blut aus vielen und winzigen Tropfen

Blutes, die untereinander zusammenfließend sich einen,

Aus Goldstäubchen sodann erklärt er die Bildung des Goldes,

Wie auch die Erde sich bilde aus winzigen Stäubchen von Erde,

Feuer aus Feuerfunken und Wasser aus Tröpfchen von Wasser.

Ähnlich erklärt er denn auch sich das Übrige weiter und glaubt dran.

Aber dem Leeren verstattet er nirgends ein Plätzchen im Weltall

Und setzt nirgends ein Ziel der unendlichen Teilung der Körper.

Darum erscheint er mir auch in den beiden Behauptungen gleich sehr

Irre gegangen wie jene, die früher schon wurden erledigt.[52]

Weiter nun denkt er sich allzu schwächlich die Urelemente;

Wenn »Element« zu heißen verdient, was mit gleicher Natur ist

Ausgestattet wie alles, was draus sich entwickelt, und ähnlich

Leidet und stirbt und durch nichts vor dem endlichen Tode bewahrt bleibt.

Denn was kann denn von diesen dem mächtigen Drucke begegnen

Und dem Verhängnis entfliehn, wenn die Zähne des Todes es fassen?

Etwa Feu'r, Luft, Wasser? Was sonst? Blut oder die Knochen?

Nichts von diesen, vermut' ich; wenn gleichermaßen vergänglich

Sein soll jegliches Ding, wie das, was mit eigenen Augen

Untergehen wir sehen durch irgendwelche Gewalten.

Aber es kann Nichts wieder in Nichts zerfallen, noch etwas

Werden aus Nichts. Ich rufe das früher Erwies'ne zum Zeugnis.

Ferner, da Speise es ist, die den Körper ernähret und mehret,

Kann man erkennen, daß Adern und Blut und Knochen [und Nerven

Sämtlich in unserem Leib nur aus fremdem Stoffe sich bilden.]

Oder, sofern man die Speise durch Mischung verschiedener Körper

Bilden sich läßt, die in sich kleinwinzige Nervenpartikeln,

Ebenso Knochen- und Blut- und Adernteilchen besitzen,

Müssen auch sämtliche Speisen, die trocknen sowohl wie die feuchten,

Selbst als zusammengesetzt aus ganz fremdartigen Körpern,

Nämlich als Mischung von Blut, Saft, Knochen und Nerven uns gelten.

Ferner, wenn sämtlicher Stoff, der sein Wachstum danket der Erde,

In ihr wurzelhaft ist, dann muß auch selber die Erde

Aus fremdartigen Körpern bestehn, die der Erde entwachsen.

Wend es auf anderes an: es genügen die nämlichen Worte:

Wenn sich im Holze die Flamme verbirgt und der Rauch und die Asche,

Müßten die Hölzer bestehn aus ganz fremdartigen Körpern,

Aus fremdartigen das, was doch aus dem Holze hervorgeht.

Ferner auch muß, was die Erde nun weiter noch nähret und mehret,

[Ebenfalls wieder bestehn aus ganz fremdartigen Stoffen,

Und Fremdartiges läßt Fremdartiges also entstehen.]

Freilich hier bleibt zum Entkommen, so schmal er auch ist, noch ein Ausweg,

Den Anaxagoras wählt. Denn er meint, daß alles mit allem

Innig vermischt in den Körpern verborgen sich halte. Nur eines

Trete besonders hervor, von dem sich die meisten Partikeln

In dem Gemenge befänden und mehr sich im Vordergrund hielten,

Aber auch dies heißt weit von dem Wege der Wahrheit entfernt sein!

Denn dann müßten natürlich beim Korn oft, wenn es der Mühlstein[53]

Rollend zerquetscht mit bedrohlicher Wucht, auch Spuren von Blut sich

Zeigen oder was sonst kraft unseres Körpers erzeugt wird.

Ähnlich müßte dann auch den Kräutern, die man im Mörser

Stein auf Stein, zerstampft, bisweilen entfließen ein Blutstrom,

Und aus dem Wasser ein süßes Getropf und von gleichem Geschmacke

Träufeln, wie solches dem Euter entquillt wolltragender Schafe.

Müßten nicht auch in den Schollen der Erde beim häufigen Ackern

Allerlei Kräuter und Früchte und Laubwerk treten zutage,

Welche in feiner Verteilung sich zwischen den Schollen verbergen?

Ferner müßt' in den Hölzern der Rauch und die Asche sich zeigen,

Wenn man in Stücke sie bricht, und kleine verborgene Fünkchen.

Da nichts derart geschieht (das liegt ja deutlich vor Augen),

Kann man ersehn, daß die Dinge nicht so miteinander vermischt sind,

Sondern daß vielfach gemischte, gemeinsame Keime zu vielen

Dingen verbergen sich müssen in all den verschiedenen Dingen.

»Aber«, so wirfst du ein, »auf hohen Gebirgen begibt sich's,

Daß hochragende Wipfel benachbart stehender Bäume,

Wenn sie ein heftiger Föhn dazu zwingt, aneinander sich reiben,

Bis sich die Blume des Feuers erhebt als flackernde Flamme.«

Richtig bemerkt. Und doch ist die Glut nicht im Holze verborgen,

Sondern die Keime des Feuers sind zahlreich. Wenn sie durch Reibung

Fließen in eins zusammen, erzeugen sie Brände der Wälder.

Hielte die fertige Flamme bereits sich verborgen im Holze,

Könnte die Feuersbrunst sich in keinem Momente verbergen,

Sondern sie fräße die Wälder umher und verbrannte die Stämme.

Siehst du nun, wie sich bestätigt, was dir vor kurzem gesagt ward,

Wichtig vor allem sei dies, wie dieselben Grundelemente

Untereinander verkehren und wie in wechselnder Lage

Sie zueinander sich stellen und gegenseit'ger Bewegung,

Siehst du, wie ebendieselben erzeugen mit wenig Verändrung

Stamm nicht minder wie Flamme? So sind die Wörter auch selber

Nur ganz wenig verändert bei ähnlichen Grundelementen,

Wenn wir Flamm' und Stamm mit verschiedenen Lauten bezeichnen.

Endlich noch, falls du vermeinst, bei den Dingen, die deutlich zu sehn sind,

Müsse man jedenfalls die Körper der schaffenden Stoffe

Mit ganz ähnlichem Wesen wie die der geschaffenen denken,

Nun, so verschwinden natürlich die »Urelemente« der Dinge.

Denn sie würden am Ende wie wir – vor Lachen sich schütteln

Und mit salzigen Tränen die Wimpern und Wangen benetzen![54]

Poetische Einlage. Dichterbekenntnis

Auf, nun lern auch das Übrige jetzt und vernimm es noch klarer!

Freilich entgeht es mir nicht, welch dunkles Gebiet ich betrete,

Aber die Hoffnung auf Ruhm hat den Geist mir mächtig erschüttert,

Wie mit dem Thyrsusstab, und sie weckte in meinem Gemüte

Süßeste Lust zum Gesang. Sie trieb mich, mit strebendem Geiste

Unwegsame, von niemand betretene Musengefilde

Zu durchwandern. Da freut's, jungfräuliche Quellen zu finden,

Draus ich schöpfe, da freut's, frischsprießende Blumen zu pflücken,

Und sie zum herrlichen Kranz um das Haupt mir zu winden, wie solchen

Keinem der Früheren je um die Schläfen gewunden die Musen.

Denn mein Gesang gilt erstlich erhabenen Dingen: ich strebe,

Weiter den Geist aus den Banden der Religion zu befreien.

Ferner erleuchtet mein Dichten die Dunkelheit dieses Gebietes

Hell, weil über das Ganze der Zauber der Musen sich breitet.

Denn auch der Versschmuck wurde mit vollem Bedachte gewählet.

Wie, wenn die Ärzte den Kindern die widrigen Wermutstropfen

Reichen, sie erst ringsum die Ränder des Bechers bestreichen

Mit süßschmeckendem Seime des goldigfarbenen Honigs,

Um die Jugend des Kindes, die ahnungslose, zu täuschen:

Während die Lippen ihn kosten, verschluckt es indessen den bittern

Wermutstropfen. So wird es getäuscht wohl, doch nicht betrogen,

Da es vielmehr nur so sich erholt und Genesung ermöglicht.

So nun wollt' ich auch selber, weil unsere Lehre den meisten,

Die noch nie sie gehört, zu trocken erscheint und der Pöbel

Schaudernd von ihr sich kehrt, mit der Dichtung süßestem Wohlklang

Unsere Philosophie dir künden und faßlich erläutern

Und sie gleichsam versüßen mit lieblichem Honig der Musen,

Ob es mir so wohl gelingt, dein Denken bei unseren Versen

Solang fesseln zu können, bis alles du völlig begreifest,

Welche Gestalt der Natur ureigenem Wesen zum Schmuck ward.

Das Unendliche

Doch nachdem ich gelehrt, daß des Urstoffs dichteste Körper

Ununterbrochen und unzerstört durch die Ewigkeit fliegen,

Laß mich entwickeln nunmehr, ob die Summe derselben begrenzt ist[55]

Oder auch nicht, ob weiter das Leere, das oben wir fanden,

Und der Raum und der Ort, in dem sich die Dinge bewegen,

Aller Wege und völlig nach allen Seiten begrenzt ist

Oder sich endlos weitet in unergründliche Tiefe!

Hiernach hat alles, was ist, nach keinerlei Richtungen irgend

Welche Begrenzung. Es müßte ja dann auch ein Äußerstes haben;

Aber ein Äußerstes gibt es nur dann, wenn irgendein Körper

Jenseits, der es begrenzt, vorhanden ist. Aber man sieht schon

Hiernach den Punkt, wo weiter das Wesen der Sinne nicht zureicht.

Weiter nun muß man gestehn, daß es nichts gibt außer dem Weltall;

So gibt's auch kein Äußerstes hier, kein Maß und kein Ende,

Auch ist's einerlei für den Raum, wohin du dich stellest.

Denn von dem Ort, wo gerade sich jeder befindet, erstreckt sich

Überallhin gleichweit das unendliche All in die Runde.

Denkst du nun aber begrenzt den ganzen vorhandenen Weltraum

Und du vermöchtest zum letzten und äußersten Ende des Weltalls

Vorzudringen und dort die beflügelte Lanze zu schleudern,

Willst du da lieber behaupten, mit kräftigem Schwünge geschleudert

Fliege sie weiter nun fort nach dem einmal gegebenen Zielpunkt,

Oder vermeinst du, daß irgendein Halt sie zu hemmen vermöge?

Denn eins oder das andre verbleibt dir nur zuzugestehen.

Jedes von beiden verschließt dir den Ausweg. Also das All muß

(Dies ist der zwingende Schluß) ohn' Ende sich weiter erstrecken.

Denn mag irgendein Halt die beflügelte Lanze verhindern,

Bis an das Ziel zu gelangen und dort am Ende zu ruhen,

Oder fliegt sie so fort: nie nahm sie vom Ende den Ausflug.

So verfolg' ich dich stets, und wo du auch immer das Ende

Setzest der Welt, da frag' ich: was soll aus der Lanze nun werden?

Also folgt: in dem All ist nirgends ein Ende zu finden,

Und da Raum ist zur Flucht, so erweitert sich immer der Fluchtweg.

Wäre nun außerdem die gesamte Masse des Weltraums

Ringsumher umschlossen von festverrammelten Schranken

Und so endlich begrenzt, dann wäre die Masse des Stoffes

Überallher durch ihr schweres Gewicht in die Tiefe gesunken,

Und nichts könnte geschehn hier unter dem Dache des Himmels,

Ja es fehlte sogar mit dem Himmel die strahlende Sonne.

Denn zusammengeklumpt lag' unten der sämtliche Weltstoff,

Wo er sich niedergeschlagen seit unermeßlichen Zeiten.

Doch nun gibts in der Tat für die Körper der Urelemente

Nirgends ein Ausruhn. Gibt es doch nirgends ein völliges Unten.[56]

Wo sie sich könnten vereinen und festere Sitze gewinnen.

Alles regt sich und rühret sich stets in beständ'ger Bewegung

Überallher, ja es schnellen von unten die Körper des Urstoffs

Aus dem unendlichen Räume hervor und ersetzen die Lücken,

Endlich liegt doch vor Augen, wie eins von dem ändern begrenzt wird.

Luft grenzt ab das Gebirge, und Berg grenzt wieder die Luft ab,

Land grenzt ab sich vom Meer, und das Meer grenzt wieder das Land ab.

Aber das Weltall freilich, da gibts nichts, was es umschlösse,

Also das Wesen des Raums und die gähnende Tiefe des Leeren

Dehnt sich so weit, daß der funkelnde Blitz, selbst wenn er im Fallen

Ewige Zeiten gebrauchte, doch niemals käme zum Ende,

Daß er sogar nicht einmal die noch übrige Strecke verkürzte,

So unendlich erstreckt sich die unermeßliche Weite,

Welche den Dingen den Raum nach jeglicher Seite gewähret.

Weiterhin hält die Natur das Verbot: die Gesamtheit der Dinge

Darf sich nicht selber die Schranken errichten; sie läßt drum den Körper

Sich durch das Leere begrenzen und wieder das Leere durch jenen.

So ist wechselseitig Unendlichkeit allem verbürget.

Oder wenn eins von den beiden Prinzipien Schranken erhielte,

Würde das andre durch seine Natur sich schrankenlos weiten.

[Denn wenn beispielsweise das Leere im Raums beschränkt ist,

Kann es nicht in sich fassen unendliche Stoffelemente;

Wären diese hingegen beschränkt und das Leere unendlich,]

Würden nicht Meer, nicht Land, nicht das leuchtende Himmelsgewölbe,

Weder das Menschengeschlecht noch die heiligen Leiber der Götter

Auch nur ein winziges Weilchen das Leben zu fristen vermögen.

Denn dann würde die Masse des Stoffs aus dem eignen Verbande

Ausgetrieben sich frei im unendlichen Leeren zerstreuen,

Oder vielmehr sie könnte ja gar nicht sich sammeln und etwas

Schaffen, dieweil das Zerstreute sich nimmer vereinigen ließe,

Denn nicht mit Absicht haben die Urelemente der Dinge

Jedes der Reihe gemäß sich zusammengeordnet mit Spürsinn

Oder durch einen Vertrag die Bewegungen sämtlich vereinbart,

Sondern da viele von ihnen auf vielerlei Weise sich ändernd

Aus dem Unendlichen schwirren, wenn Stöße sie jagen, durch's All hin,

Kommen sie, allerlei Art der Bewegung und Bindung versuchend,

Endlich dabei wohl auch zu solchen Gestaltungen, wie sie

Unser bestehendes All zu seiner Erschaffung bedurfte;[57]

Und nachdem es einmal in die rechte Bewegung geraten,

Hielt es sich auch im Gang in unzähligen Weltperioden,

Und sorgt stets, daß das gierige Meer mit reichlichem Zustrom

Aus den Gewässern der Flüsse gespeist wird, daß auch die Erde

Sonnenwärme belebt und die neu entsproßnen Geschöpfe

Stetig gedeihn, und des Äthers umkreisende Feuer nicht ausgehn,

All dies wäre nicht möglich, wofern nicht reichlicher Urstoff

Aus dem unendlichen Raum sich könnte beständig erheben,

Um die erlittnen Verluste zur richtigen Zeit zu ersetzen.

Denn wie der Speise beraubt die Natur der beseelten Geschöpfe

Schwindet dahin und den Körper verliert, so müßte auch alles

Übrige schnell zerstieben, sobald sich der Stoff ihm versagte,

Weil ihn irgendein Hemmnis vom richtigen Wege gelenket.

Auch der Stöße Gewalt, die von außen her überall eindringt,

Kann nicht ganz jedwede Atomenvereinigung retten.

Denn sie können wohl häufig ein Teilchen verfest'gen und halten,

Bis noch andere kommen und dadurch dem Ganzen Ersatz wird;

Doch sie müssen zuweilen auch rückwärts weichen und hierdurch

Raum und Zeit zur Flucht darbieten den Stoffelementen,

Die dann frei von Verbindungszwang sich zu tummeln vermögen.

Drum muß immer von neuem so vieles erstehn zum Ersatze.

Aber damit es nun doch auch an Stößen nicht selber noch fehle,

Braucht man von überallher unendliche Fülle des Urstoffs.[58]

Streben nach der Mitte

Hierbei, o Memmius, mußt du dem Glauben von Grund aus entsagen,

Daß nach der Mitte der Welt (so redet man) alles sich dränge;

Und so könne die Welt auch ohne die Stöße von außen

Feststehn, ohne sich irgendwohin auseinander zu lösen.

Alles, was oben und unten, sei stets auf die Mitte gerichtet.

Danach glaubst du an etwas, das auf sich selber sich hinstellt,

Glaubst, daß gewaltige Massen, die unter der Erde sich finden,

Aufwärtsfliehn und verkehrt auf der Erde sich lagern und ruhen,

Wie wir im Wasser verkehrt jetzt Spiegelbilder erblicken.

Und auf ähnliche Weise (behauptet man) gingen dort aufrecht

Alle Geschöpfe. Sie könnten auch nicht von der Erde gen Himmel

Fallen dort unten, so wenig wie unsere Körper vermöchten

Selbst und mit eigener Kraft zu den Räumen des Himmels zu fliegen,[58]

Jene bekämen die Sonne zu sehen, wenn wir die Gestirne

Sehen der Nacht, und sie teilten mit uns die Zeiten des Himmels

Wechselsweis: es entspräche ihr Tag so unserer Nachtzeit.

Doch dies [alles] ist Wahn, [der den Irrtum zeugt] bei den Toren,

Weil sie von Anfang an sich [in falsche Methoden] verstrickten.

Denn [da alles sich dehnt ins Unendliche,] fehlt ihm die Mitte.

Doch selbst [gäb' es die Mitte,] warum denn sollte man [glauben,]

Daß nun grad' in die Mitte sich irgendein Körperchen drängte

Eher, als weiter [zu schweifen] auf andrem beliebigen Wege.

Denn ein jeglicher Ort und Raum, den [Leeres wir nennen,

Muß] vor gewichtigen Massen in gleichem Verhältnisse weichen

Ob zu mitten, ob nicht, wohin sie sich grade bewegen.

Auch ist nirgend ein Punkt, wo die Körper, sobald er erreicht war,

Könnten im Leeren sich halten, als ob sie die Schwere verloren,

Auch darf nichts, was leer ist, für irgendwas Grundstein werden,

Sondern es muß stets weichen, wie seine Natur es erfordert.

Also können die Dinge nicht etwa, dem Drang nach der Mitte

Folgend, nach diesem Gesetze den Zwang zur Vereinigung fühlen.

Übrigens leihn sie ja doch durchaus nicht sämtlichen Körpern

Jenen Drang nach der Mitte, vielmehr nur dem Naß und der Erde,

Also den Wogen des Meers und den mächtigen Wassern der Berge

Und was etwa im All erdartigen Körper besitze;

Aber hingegen die Dünne der Luft und die Hitze des Feuers

Strebe (so fahren sie fort) von der Mitte weg stetig nach oben;

Darum flimmre der Äther ringsum vom Sternengefunkel

Und auf der Weide des Himmels ergehe sich flammend die Sonne,

Weil dort sämtliche Glut aus der Mitte entweichend sich sammle;

Auch vermöge das Laub in den Kronen der Bäume durchaus nicht

Zu ergrünen, sofern nicht die Erde die Nahrung für jeden

[Mählich spendete, da sich der Saft von hier aus verbreite:

Nun, dies Dogma der Gegner ist ganz unhaltbar und irrig,

Wie ich an späterem Orte ausführlich werde beweisen.

So will jetzt ich nur dies, damit du nicht irrest, erwidern:

Wenn nicht besondere Kräfte die Körper in andere Richtung

Treiben, muß alles nach unten der Schwerkraft folgend sich stürzen

So ist zu fürchten, daß einst, wenn die Fugen der Welt nicht mehr halten,

Ihre Atome zerflatternd hinab in das Endlose fallen,]

Daß wie fliegende Flammen die Mauern des Firmamentes

Plötzlich sich lösen und rasch im unendlichen Leeren zerstieben,[59]

Und auch die übrige Welt dem gegebenen Beispiel folge,

Daß aus der Höhe herab lautdonnernd die Himmelsgewölbe

Stürzen und plötzlich die Erde zu unseren Füßen sich senke

Und in der Abgrundtiefe des Leeren sich gänzlich verliere,

Während das All mit dem Himmel zerbracht in gemeinsamem Einsturz,

Der die Körper zerstreut, um im Nu nichts übrig zu lassen

Als den verwaisten Raum und die unsichtbaren Atome.

Denn wo irgend zuerst ein wirklicher Mangel an Urstoff

Eintritt, öffnet sich gleich für die Dinge die Pforte des Todes:

Da wird wirbelnd ins Weite sich stürzen der sämtliche Urstoff.

So bis ans Ende geführt wirst leicht du unsere Lehre

Fassen; denn eins wird klar aus dem ändern, und finstere Nacht wird

Nie dir den Pfad so verdunkeln, daß nicht auch das Letzte sich klärte

In der Natur; so zündet das eine dem ändern ein Licht an.[60]

Zweites Buch

Fortsetzung über die Prinzipien

Wonne des Weisen

Wonnevoll ist's bei wogender See, wenn der Sturm die Gewässer

Aufwühlt, ruhig vom Lande zu sehn, wie ein andrer sich abmüht,

Nicht als ob es uns freute, wenn jemand Leiden erduldet,

Sondern aus Wonnegefühl, daß man selber vom Leiden befreit ist.

Wonnig auch ist's ohn' eigne Gefahr die gewaltigen Schlachten,

Die durch das Blachfeld toben im Kriege, mit Augen zu schauen.

Doch nichts Süßeres gibt's als die heiteren Tempel zu hüten,

Welche die Lehre der Weisen auf sicheren Höhen errichtet.

Ruhevoll kannst du von dort auf das Treiben der ändern herabsehn,

Wie sie da schweifen und irrenden Pfad zum Leben zu finden,

Wie das Talent wetteifert, wie Adelsstolze sich streiten,

Wie sie bei Tag und bei Nacht mit erheblicher Mühsal streben,

Aufzusteigen zum Gipfel der Macht und den Staat zu beherrschen!

Elend der Toren

O wie arm ist der Menschen Verstand, wie blind ihr Verlangen!

In welch finsterer Nacht und in wieviel schlimmen Gefahren

Fließt dies Leben, das bißchen, dahin! Erkennt man denn gar nicht,

Daß die Natur nichts andres erheischt, als daß sich der Körper

Wenigstens frei von Schmerzen erhält und der Geist sich beständig

Heiteren Sinnes erfreut und Sorgen und Ängsten entrückt ist?

Weniges ist's demnach, was im ganzen für unseres Körpers

Wesen erforderlich scheint: Fernhalten jeglichen Schmerzes!

Mag man auch manche Genüsse bisweilen genehmer uns bieten

Können: allein die Natur hat selber doch nicht das Bedürfnis,

Daß in dem weiten Palast rings goldene Statuen stehen,

Jünglinge, die mit der Hand lichtspendende Fackeln erheben,

Um für das nächtliche Mahl hinreichendes Licht zu gewähren,[61]

Oder daß alles von Silber und Gold in den Sälen erglänzet,

Oder daß Zithermusik von dem goldnen Getäfel zurückschallt,

Während wir ebensogut mit bescheidenen Mitteln uns laben,

Wenn wir an Bächleins Rand in dem Schatten ragender Bäume

Uns zueinander gesellen auf schwellendem Rasen gelagert,

Wenn zumal auch das Wetter uns lacht und der liebliche Frühling

Grünende Wiesengefilde mit farbigen Blumen bemalet;

Auch die hitzigen Fieber verlassen nicht rascher den Körper,

Wenn auf gesticktem Brokat du dich wälzest und purpurnem Polster,

Als wenn du strecken dich mußt auf die Proletarierdecke.

Darum, weil nun einmal der Reichtum unserem Körper

Gar nichts nützt und der Adel und herrschender Stellung Gepränge,

Darf man im übrigen auch bei dem Geiste dasselbe vermuten.

Oder vermeinst du im Ernst, wenn du deine Legionen im Marsfeld

Wimmeln und aufziehn siehst zu kriegnachahmendem Schauspiel

Und als Deckung der Bündner gewaltige Reitergeschwader,

Alles in starker Bewaffnung, beseelt von der gleichen Begeistrung,

Oder der Schiffe Gewimmel erblickst, die die Meere beherrschen,

Meinst du, daß hierdurch dir aus der Seele die Ängste verschwinden

Grauslicher Religion? daß dann auch die Schrecken des Todes

Dir dein Herz nicht bedrücken und du von den Sorgen befreit wirst?

Wenn wir nun sehen, wie lächerlich dies, wie kindisch das Spiel ist,

Wie doch in Wahrheit die Ängste der Menschen und quälenden Sorgen

Nicht vor dem Waffengetümmel entfliehn und den grimmen Geschossen,

Sondern sogar mit den Königen dreist und den Herrschern des Staates

Umgang pflegen, und weder vor Gold sich in Ehrfurcht beugen

Noch vor der glänzenden Pracht der erhabenen Purpurgewänder:

Zweifelst du noch, daß dagegen allein die Vernunft uns die Macht gibt?

Müht sich doch stets in der Finsternis ab dies menschliche Leben!

Denn wie in dunkeler Nacht die Kindlein zittern und beben

Und vor allem sich graulen, so ängstigen wir uns bisweilen

Selbst am Tage vor Dingen, die wahrlich nicht mehr sind zu fürchten,

Als was im Dunkel die Kinder befürchten und künftig erwarten.

Jene Gemütsangst nun und die lastende Geistesverfinstrung

Kann nicht der Sonnenstrahl und des Tages leuchtende Helle

Scheuchen, sondern allein der Natur grundtiefe Betrachtung.[62]

Atombewegung

Laß mich nun weiter betrachten, durch welche Bewegung die Dinge

Aus den erzeugenden Keimen entstehen und wieder vergehen.

Ferner, wie heißt die Gewalt, die sie hierzu zwingt, und die Triebkraft,

Die sie befähigt den Weg durch das endlos Leere zu nehmen?

Dies will ich alles erklären: vergiß nicht, der Worte zu achten!

Sicherlich hängt die Materie nicht untereinander zusammen

Wie ein Klumpen geballt; wir sehn ja, wie alles sich mindert

Und allmählich zerfließt in dem langsamen Strome der Zeiten,

Wie es sein Altern entzieht der Betrachtung unserer Augen.

Trotzdem scheint sich das Ganze doch unvermindert zu halten,

Weil zwar jegliches Ding, das Urelemente verlassen,

Minder wird; aber das andre, wohin sie sich wandten, vermehrt sich.

So muß dieses vergehn, auf daß dort Neues erblühe.

Aber auch dort ruht nichts. So muß sich erneuen das Weltall

Je und je; in der sterblichen Welt lebt eins von dem ändern.

Ein Volk schwingt sich empor, ein anderes sinkt von der Höhe,

Und in kürzester Frist verwandeln sich unsre Geschlechter:

Eins reicht wie bei den Läufern dem ändern die Fackel des Lebens.

Wenn du vermeinst, es vermöchten die Urelemente zu rasten

Und durch Rast zu erzeugen den Anstoß neuer Gestaltung,

Dann bist weit du entfernt von dem richtigen Wege der Wahrheit,

Denn bei dem Schweifen im Leeren (so heischt's Notwendigkeit)müssen

Sämtliche Urelemente durch eigene Schwere sich regen

Oder durch äußeren Stoß. Denn wenn sie bisweilen im Fluge

Wider einander geraten, begegnet's, daß jäh auseinander

Nach verschiedener Seite sie prallen. Ihr Bau ist ja stahlhart,

Dicht und schwer, und im Rücken ist nichts, was hinderlich wäre.

Unendlichkeit des Raums

Und damit du das Schwirren der sämtlichen Urelemente

Besser zu fassen vermagst, so erinnre dich, daß es im Weltall

Nirgends ein Unterstes gibt, daß nirgends die Urelemente

Kommen zur Ruhe im Raum, der sich endlos, grenzenlos ausdehnt;

Denn daß er überallhin sich tief ins Unendliche strecke,

Hab' ich ausführlich gezeigt und mit sichren Beweisen begründet.[63]

Atomverbindung

Dies steht also nun fest: es gibt in den liefen des Leeren

Nirgends Rast noch Ruhe für unsere Grundelemente,

Sondern getrieben vielmehr von beständ'ger, verschiedner Bewegung

Springen sie teils, zusammengepreßt, auseinander ins Weite,

Teils auch trifft sie der Stoß, doch bleiben sie dicht beieinander.

Alles, was so, aneinandergepreßt in geringerem Abstand,

Abprallt und durch den Prall die Verbindung stärker verdichtet,

Weil es sich selber verstrickt in seiner Gestalten Verflechtung,

Das schafft mächtige Wurzeln dem Felsen und hartes Gefüge

Stählernem Stoff und allem, was sonst dergleichen Geschlechts ist.

Einige Keime, die draußen im endlos Leeren sich regen,

Prallen zwar ab, doch kehren sie erst in gehörigem Abstand

Weither wieder zurück. Sie liefern Ersatz für den Abgang

Unsrer dünneren Luft und der glänzenden Strahlen der Sonne.

Außerhalb schwirrt noch gar vieles umher im unendlichen Leeren,

Was aus der Dinge Verband sich getrennt und nimmer vermocht hat

Auch in den Wirbel zu dringen, wo sich die Bewegungen gatten.

Sonnenstäubchen

Folgendes Gleichnis und Abbild der eben erwähnten Erscheinung

Schwebt uns immer vor Augen und drängt sich täglich dem Blick auf.

Laß in ein dunkeles Zimmer einmal die Strahlen der Sonne

Fallen durch irgendein Loch und betrachte dann näher den Lichtstrahl:

Du wirst dann in dem Strahl unzählige, winzige Stäubchen

Wimmeln sehn, die im Leeren sich mannigfach kreuzend vermischen,

Die wie in ewigem Kriege sich Schlachten und Kämpfe zu liefern

Rottenweise bemühen und keinen Moment sich verschnaufen.

Immer erregt sie der Drang zur Trennung wie zur Verbindung.

Daraus kannst du erschließen, wie jene Erscheinung sich abspielt,

Wenn sich der Urstoff stets im unendlichen Leeren beweget,

Insofern auch das Kleine von größeren Dingen ein Abbild

Geben und führen uns kann zu den Spuren der wahren Erkenntnis.

Um so mehr ist es recht, daß du diese Erscheinung beachtest,

Wie in dem Sonnenstrahle die winzigen Körperchen wimmeln,

Weil dergleichen Gewimmel beweist, auch in der Materie

Gibt's ein unsichtbares, verborgenes Weben der Kräfte.[64]

Denn bei den Stäubchen erkennst du, wieviele die Richtung verändern,

Trifft sie ein heimlicher Stoß, und wie sie sich rückwärts wenden,

Hierhin und dorthin getrieben nach allen möglichen Seiten.

Merke, die ganze Bewegung beginnt hier bei den Atomen.

Denn es erhalten zuerst die Urelemente den Anstoß,

Hierauf werden die Körper, die wenig Verbindungen haben

Und in der Kraft sich am nächsten den Urelementen vergleichen,

Durch unmerkbare Stöße von diesen dann weiter getrieben,

Und sie führen dann selbst den Stoß auf die größeren weiter,

So geht von dem Atom die Bewegung empor und sie endet

Mählich bei unseren Sinnen, bis endlich auch das sich beweget,

Was wir im Lichte der Sonne mit Augen zu schauen vermögen,

Ohne doch deutlich die Stöße zu sehn, die Bewegung erregen.[65]

Atomgeschwindigkeit

Welche Beweglichkeit liegt in den stofflichen Urelementen,

Siehst du, mein Memmius, leicht aus folgenden wenigen Worten;

Breitet zuerst Aurora das Frührot über die Lande,

Fliegt dann buntes Gevögel durch einsam liegende Wälder

Und läßt hoch in der Luft die flüssige Stimme erschallen,

Dann liegt allen vor Augen und ist mit Händen zu greifen,

Wie in diesem Momente die neuerwachende Sonne

Alles im Nu umkleidet mit leuchtendem Strahlengewande.

Aber das heitere Licht und die Wärmestrahlen der Sonne

Dringen doch nicht durch das Leere, Drum muß sich ihr Gang noch verzögern.

Denn sie haben da gleichsam die Wellen der Luft zu zerteilen;

Auch erfüllen die Bahn nicht vereinzelt die Wärmeatome,

Sondern zusammengeballt und eng miteinander verflochten;

So wird eins durch das andre gehemmt und zugleich auch von

außen Aufgehalten, so daß sich ihr Gang notwendig verlangsamt.

Doch wenn die Urelemente, die einfach sind und solide,

Schweifen im stofflosen Leeren und nichts sie von außen zurückhält,

Und sie selbst mit den eig'nen zur Einheit verbundenen Teilchen

Auf ein einziges Ziel die begonnene Richtung verfolgen,

Müssen (das ist kein Wunder) an Schnelle sie alles besiegen

Und weit schneller vollenden den Weg als die Strahlen der Sonne;[65]

Ja, viel größere Räume durcheilen sie ebenso hurtig

Als die Blitze des Himmels durchmessen die Räume des Himmels.

* * *

[Hiervon genug! Denn es scheint nicht nötig, noch Weitres zu sagen,]

Noch auf der Bahn zu verfolgen die einzelnen Urelemente,

Um zu erspähn, auf welcherlei Art sich ein jegliches reget.[66]

Ablehnung Göttlicher Schöpfung

Aber dagegen behaupten etwelche, die stoffliches Wesen

Wenig verstehn, die Natur sei ohne das Walten der Götter

Nicht imstande, so gut dem Bedürfnis der Menschen entsprechend

Wechsel der Jahreszeiten und Fruchterzeugung zu regeln

Und die übrigen Dinge, nach denen zu trachten die Menschen

Göttliche Wollust selbst als Lebensführerin anreizt,

Und die schmeichelnd durch Liebe zur Zeugung neuer Geschlechter

Führt, um das Menschengeschlecht zu erhalten. Wenn darum sie meinen,

Dies sei alles von Göttern erfunden, so scheinen sie völlig,

Weit von der Wahrheit Weg sich verirrend, in allem zu straucheln.

Denn selbst wenn ich das Wesen der Urelemente nicht kennte,

Wagt' ich doch dies zu behaupten, gerad' auf die Forschung des Himmels

Und viel andere Gründe mich stützend: Mitnichten, so sag' ich,

Ist dies Wesen der Welt für uns von den Göttern erschaffen.

Allzusehr ist sie doch mit großen Gebrechen behaftet.

Doch das will ich dir später, mein Memmius, deutlicher zeigen.

Jetzt laß uns, was noch übrigbleibt, die Bewegung betrachten.

Richtung der Atombewegung

Hier nun scheint mir der Ort, bei dieser Gelegenheit gleichfalls

Dieses Gesetz zu beweisen, daß nichts durch eigenen Antrieb

Sich in die Höhe zu heben und aufzufahren imstand ist.

Laß dich dabei nicht täuschen durch brennender Körper Verhalten!

Aufwärts schlagen die Flammen und nähren sich immer nach oben.[66]

Aufwärts wächst auch die schimmernde Frucht und die Bäume des Gartens,

Während das Schwere doch sämtlich an sich nach unten hinneiget.

Wenn zu den Dächern der Häuser das lodernde Feuer hinaufspringt

Und mit rasender Flamme beleckt das Gebälk und die Sparren,

Denke nur nicht, dies wäre sein eig'ner natürlicher Auftrieb.

Ähnlich springt auch das Blut aus geöffneter Ader im Bogen

Hoch aufschießend und spritzt nach allen Seiten den Blutstrahl.

Siehst du nicht auch, wie des Wassers Natur die Balken und Latten

Immer nach oben hin speit? je mehr du zur Tiefe sie drückest

Senkrecht hinab und mit aller Gewalt sie mühsam hinabtauchst,

Um so begieriger speit es sie aus und schnellt sie nach oben,

Daß sie sich mehr als zur Hälfte im Schuß aus dem Wasser erheben.

Trotzdem, denk' ich, bezweifeln wir nie, daß im Reiche des Leeren

All dies an und für sich nur nach unten hin müßte sich senken.

So muß also auch Feuer nach oben zu schlagen vermögen,

Wenn es der Luftdruck treibt, und doch ist die Schwere dagegen

An und für sich wohl bemüht, die Flamme nach unten zu ziehen.

Siehst du nicht, wie die Kometen den nächtlichen Himmel durchfliegen

Und weithin in die Länge die funkelnden Schweife sich nachziehn

Dahin, wohin die Natur sie die Bahn zu richten geheißen?

Siehst du zur Erde gesenkt Meteore und Sterne nicht fallen?

Hoch von dem Scheitel des Himmels herab zerstreuet die Sonne

Überallhin und sät ringsum auf den Fluren ihr Licht aus;

Folglich wenden sich auch zur Erde die Gluten der Sonne.

Auch wie der Blitz durch die Wolken sich quer durchschlängelt, beachte.

Hierher und dorther stoßen von Wolken sich lösend die Flammen

Wider einander, doch meist fällt nieder zur Erde der Blitzstrahl.[67]

Deklination der Atome

Dies noch wünsch' ich hierbei dir recht zur Kenntnis zu bringen:

Wenn sich die Körper im Leeren mit senkrechtem Falle bewegen,

Durch ihr eigen Gewicht, so werden sie wohl in der Regel

Irgendwo und wann ein wenig zur Seite getrieben,

Doch nur so, daß man sprechen kann von geänderter Richtung.

Wichen sie nicht so ab, dann würden wie Tropfen des Regens

Gradaus alle hinab in die Tiefen des Leeren versinken.

Keine Begegnung und Stoß erführen alsdann die Atome,

Niemals hätte daher die Natur mit der Schöpfung begonnen.[67]

Wer nun etwa vermeint, die schwereren Körper, die senkrecht

Rascher im Leeren versinken, vermöchten von oben zu fallen

Auf die leichteren Körper und dadurch die Stöße bewirken,

Die zu erregen vermögen die schöpferisch tätigen Kräfte:

Der entfernt sich gar weit von dem richtigen Wege der Wahrheit.

Denn was immer im Wasser herabfällt oder im Luftreich,

Muß, je schwerer es ist, um so mehr sein Fallen beeilen,

Deshalb, weil die Natur des Gewässers und leichteren Luftreichs

Nicht in der nämlichen Weise den Fall zu verzögern imstand ist,

Sondern im Kampfe besiegt vor dem Schwereren schneller zurückweicht:

Dahingegen vermöchte das Leere sich niemals und nirgends

Wider irgendein Ding als Halt entgegenzustellen,

Sondern es weicht ihm beständig, wie seine Natur es erfordert.

Deshalb müssen die Körper mit gleicher Geschwindigkeit alle

Trotz ungleichem Gewicht durch das ruhende Leere sich stürzen,

Darum können auch nie die schwereren Körper von oben

Auf die leichteren fallen und ihrerseits Stöße bewirken,

Die zum Betrieb der Natur die verschiednen Bewegungen, stiften.

Deshalb (ich schärf' es dir ein) muß etwas zur Seite sich neigen

Jeder fallende Körper, doch nur um ein Allerkleinstes,

Um nicht der Wahrheit zuwiderzureden von Schiefe der Fallbahn.

Denn das liegt doch vor Augen und ist mit den Händen zu greifen:

Wenn sich gewichtige Körper von oben nach unten bewegen,

Fallen sie nie von sich selbst aus schief, soweit man es sehn kann.

Doch wie könnte man je mit den Sinnen bemerken, ob niemals

Etwas vom richtigen Weg auch nur um ein Tüttelchen abweicht?[68]

Willensfreiheit

Endlich, wenn immer sich schließt die Kette der ganzen Bewegung

Und an den früheren Ring sich der neue unweigerlich anreiht,

Wenn die Atome nicht weichen vom Lote und dadurch bewirken

Jener Bewegung Beginn, die des Schicksals Bande zertrümmert,

Das sonst lückenlos schließt die unendliche Ursachenkette:

Woher, frag ich dich, stammt die Freiheit der Willensbestimmung,

Die uns lebenden Wesen auf Erden hier überall zusteht,

Und die jedem zu gehen gestattet, wohin er nur Lust hat,

Die uns Bewegungsändrung erlaubt und weder dem Orte

Noch auch der Zeit nach beschränkt ist, vielmehr dem Verstand es anheimstellt?[68]

Denn unzweifelhaft bietet zu diesen Dingen den Anstoß

Jedem sein eigener Wille, ihm folgt die Bewegung der Glieder.

Siehst du nicht auch, daß, sobald sich die Schranken gesenkt in der Rennbahn,

Nicht sofort im Moment der gewaltige Eifer der Rosse

Vorwärts zu stürmen vermag so schnell, wie sie selber wohl möchten?

Denn erst muß die Erregung die Masse des Stoffes erfassen

In dem Ganzen des Körpers, damit die erregten Gelenke

Sämtlich dem Drange des Geistes mithelfend zu folgen vermögen.

Daraus kannst du ersehn, daß vom Herzen aus gehe der Anstoß,

Daß aus dem Willen des Geistes zuerst er entspringe und dann erst

Weiter und weiter sich leite durch sämtliche Glieder des Leibes.

Ganz verschieden davon ist der Anstoß, den wir zum Gehen

Durch die Übergewalt und den Machtzwang andrer erleiden.

Denn hier wird offenbar die vereinigte Masse des Körpers

Unserem Willen entgegen zum Fortgehn weiter gerissen,

Bis sie dann wieder dem Willen gehorcht, der die Glieder zurücklenkt.

Siehst du nunmehr, daß, ob viele sich auch durch äußeren Einfluß

Treiben und nötigen lassen zu unfreiwilligem Fortgehn

Und zu haltlosem Stürzen, doch immer in unserem Busen

Etwas bleibt, was dagegen sich sträubt und das Fremde zurückweist?

Seinem entscheidenden Willen gelingt's, die Massen des Stoffes

Jeweils dazu zu zwingen, die Glieder des Leibes zu beugen,

Ihrem Sturze zu steuern und rückwärts Ruhe zu finden.

Ebenso mußt du daher auch bei den Atomen gestehen,

Daß noch ein anderer Grund zur Bewegung, außer den Stößen

Und dem Gewichte, besteht, woraus die uns eigene Kraft stammt.

Denn aus Nichts kann nie (dies sehen wir) Etwas entstehen.

Nämlich die Schwere verhindert, daß alles durch Stöße bewirkt wird

Gleichsam durch äußre Gewalt; doch daß den Geist in uns selber

Nicht ein innerer Zwang bei allen Geschäften behindert,

Und er als Opferlamm nicht zum Dulden und Leiden verdammt ist,

Dies ist der Lotabweichung der Urelemente zu danken,

Die, so klein sie auch ist, durch den Ort und die Zeit nicht beschränkt wird.[69]

Ewigkeit der Atombewegung

Nie war des Urstoffs Masse zu dichteren Klumpen geballet

Oder durch weiteren Abstand der einzelnen Teilchen gelockert;[69]

Denn nichts mehrt sich darin und nichts geht hiervon verloren.

Deshalb waren die Körper der Urelemente von jeher

Stets in derselben Bewegung wie jetzt und sie werden wohl immer

Auch in künftiger Zeit auf die nämliche Art sich bewegen,

Und was gewöhnlich entsteht, das wird auch künftig entstehen

Unter derselben Bedingung, und leben, erwachsen und blühen,

Je nachdem das Gesetz der Natur es für jedes bestimmt hat.

Auch kann keine Gewalt die Welt im ganzen verändern;

Denn da ist ja kein Ort, wohin sich ein Teilchen des Urstoffs

Aus dem Bereiche des Alls zu entfernen vermöchte, noch gibt es

Orte, woher in das All sich neue Gewalten ergössen,

Um die Natur der Wesen und ihre Bewegung zu ändern.

Hierbei ist es jedoch nicht verwunderlich, daß uns das Weltall,

Während sich alle Atome in steter Bewegung befinden,

Dennoch den Eindruck macht, zu verharren in völliger Ruhe,

Außer wann irgendein Ding mit dem eigenen Körper sich rühret.

Denn der Atome Natur liegt weitab unter der Schwelle

Unserer Sinne verborgen. Drum muß sich dir, da die Atome

Selber nicht sichtbar sind, auch ihre Bewegung verbergen.

Hehlen doch oft schon Dinge, die wir mit den Augen erblicken,

Ihre Bewegungen uns, wenn sie allzu entfernt von uns stehen,

Auf dem Gebirg geht öfter die wolleerzeugende Herde

Grasend langsam vor, wohin just jedes der Schafe

Lockt die im Morgentau wie Demant glitzernde Matte,

Während gesättigte Lämmer zum Scherz mit den Hörnern sich stoßen;

Aber von weitem erscheint dies alles uns gänzlich verworren,

Nur wie ein weißlicher Fleck, der ruhig auf grünender Alp steht,

Ferner wenn starke Legionen im Sturmschritt füllen die Ebne

Und im Gefilde beginnen ein kriegnachahmendes Schauspiel,

Dann zuckt's dort wie ein Blitz zum Himmel empor, und die Erde

Schimmert von Erz ringsum, und unter dem Schritte der Männer

Stöhnt sie gewaltig auf, und der Kriegslärm hallt zum Gebirge,

Das zu des Himmels Gestirnen das Stimmengebrause zurückwirft;

Dazu schwärmen die Reiter umher; die brechen dann plötzlich

Mitten hindurch im gewaltigen Sturm und erschüttern das Blachfeld:

Und doch gibt's in dem hohen Gebirg manch' Plätzchen, von wo aus

Alles stille zu stehn und der Glanz im Gefilde zu ruhn scheint.[70]

Form der Atome

Doch jetzt höre von mir, wie die Grundelemente der Dinge

Alle sich mannigfaltig in ihren Gestalten erweisen.

Nicht als ob gar viele zu wenig sich ähneln im Aussehn:

Nein, in der Regel ist alles von allem in allem verschieden.

Dies darf Wunder nicht nehmen. Die Fülle der Urelemente

Ist ja so groß, wie gesagt, daß sie zahllos scheint und unendlich;

Denn nicht sämtlich dürfen sie sämtlichen ähnlich gezwirnt sein,

Noch auch selbstverständlich in ähnlichen Formen erscheinen.

* * *

Sieh auch das Menschengeschlecht und die schwimmenden, schuppigen, stummen

Tiere des Meers und das Wild und die fröhlichen Rinder der Herde,

Ferner das bunte Gevögel, das bald die erfrischenden Küsten

Um die Buchten des Meeres, bald Quellen und Seen bevölkert,

Oder die einsamen Haine in dichtem Geschwader durchflieget:

Nimm dir nach Gattungen einzeln sie vor, stets wirst du erkennen,

Daß sie in ihrer Gestalt doch sehr voneinander sich scheiden.

Anders könnten ja auch die Kinder die Mutter nicht kennen,

Oder die Mutter die Kinder. Das können sie aber bekanntlich.

Denn so gut wie die Menschen erkennen einander die Tiere.

Vor dem Tempel der Götter, dem festlich geschmückten, wird oftmals

Wohl ein Kälbchen geschlachtet, am weihrauchduftenden Altar,

Wo aus röchelnder Brust sich ergießt sein glühender Blutstrom,

Aber die Mutter durchwandert verwaist die ergrünenden Täler,

Sie erkennt auf dem Boden die Spur der gespaltenen Füße

Und durchsucht ringsum das Gefild, ob sie irgendwo könnte

Ihr verlorenes Junge erblicken. Sie füllt mit Gejammer

Ständig den grünenden Hain und kehrt dann wieder und wieder

Zu dem Stalle zurück, von der Liebe zum Kinde getrieben;

Weder die Schossen der Weide, noch taufrisch lockender Rasen,

Noch der vertraute Strom, der in ragenden Ufern dahinfließt,

Können das Herz ihr erfreun und den nagenden Kummer ihr bannen;

Auch die heiteren Sprünge der übrigen Kälber im Grase

Können den Sinn ihr nicht wenden, nicht ihre Bekümmernis heben:

So sehr sehnt sich das Tier nach etwas Bekanntem und Eignem.[71]

Auch die Böckchen erkennen die hörnertragenden Mütter

Jung schon mit zitternden Stimmen, nicht minder die stößigen Lämmer

Ihre blökenden Mütter. So eilt denn ein jedes der Jungen,

Wie die Natur es verlangt, zu der Mutter milchenden Eutern.

Endlich wirst du wohl nie bei der Feldfrucht jegliches Körnchen

Untereinander so ähnlich erblicken in jeglicher Gattung,

Daß sich nicht Unterschiede der Formen dazwischen ergäben.

Auch das Muschelgeschlecht malt so mit bunten Gestalten

Unseren Erdenschoß, wo das Meer mit dem weichen Gewoge

An dem gewundenen Strande den gierig schlürfenden Sand schlägt.

Deshalb müssen genauso (ich sag' es dir wieder und wieder)

Alle die Urelemente gewisse Verschiedenheit zeigen

Untereinander in ihrer Gestalt, da sie Werk der Natur sind,

Nicht nach einer Schablone von Menschenhänden gebildet.[72]

Atomform und Qualität

Leicht auch läßt sich in ähnlicher Art dies Rätsel erklären,

Daß sich das Feuer des Blitzes viel wirkungsvoller erweiset,

Als es das unsrige ist, das von irdischen Fackeln entflammt wird.

Denn du kannst hier sagen: »Das himmlische Feuer des Blitzes,

Weil es aus kleineren Formen und feinerem Stoffe geformt ist,

Drängt sich darum noch in Löcher, die unserem Feuer nicht offen

Stehn, das aus Kloben von Holz und aus kienigen Fackeln entfacht wird.«

Ferner das Horn läßt Licht zwar durch, doch dem Regen verschließt sich's.

Wie stimmt dies? Doch wohl so, daß jene Atome des Lichtes

Kleiner sind als die Atome des lebenspendenden Wassers.

Oder warum fließt wunderbar rasch durch die Seihe der Wein ab,

Aber das Baumöl tropft nur zaudernd hinab in die Kufe?

Offenbar bildet sich Öl aus größeren Urelementen

Oder sie sind auch verhäkelt und mehr miteinander verflochten;

Und so kommt's, daß nur langsam die einzelnen Urelemente

Sich voneinander zu scheiden vermögen und winzige Tröpfchen

Einzeln durch einzelne Löcher der Seihe versickernd hindurchgehn.

Hierzu kommt, daß die Milch und der Honigseim in dem Munde

Stets nur süßen Geschmack auf der prüfenden Zunge hervorruft;

Doch wie verzieht hingegen des Wermuts widriges Wesen

Oder ein Enziantrank durch eklen Geschmack uns die Lippen![72]

Daraus schließt man mit Recht, daß aus glatten und runden Atomen

Alles besteht, was unseren Sinn wohltuend berühret:

Alles, was bitter hingegen und rauh scheint, muß durch Atome,

Die mehr Haken besitzen, genau miteinander verknüpft sein.

Deshalb pflegen sie auch die Wege zu unseren Sinnen

Aufzuritzen und so den Eingang zum Körper zu brechen.[73]

Gefühlsdifferenzen

Endlich bekämpft einander, was gut und was schlecht auf den Sinn wirkt,

Da ja beides besteht aus ganz unähnlichen Formen.

Oder vermeinst du vielleicht, der schaudererregende Mißklang

Einer knirschenden Säge erkläre sich ähnlich aus glattem

Urstoff wie Melodien, die musenbegnadete Künstler

Mit der gelenkigen Hand aus den Saiten zu locken verstehen?

Niemals wirst du auch glauben, daß ähnlich geformte Atome

Uns in die Nase gelangen, wenn ekle Kadaver verbrennen

Oder wenn frisch das Theater Cilicischer Safran durchduftet

Und vom Altare davor sich erhebt Panchäischer Weihrauch.

Auch bei den Farbelementen ist keinerlei Ähnlichkeit denkbar

Zwischen den guten, die uns zur Augenweide gereichen,

Und den schlimmen, die stechen den Blick und zu Tränen uns reizen,

Oder die scheußlich und gräßlich zu sehn und abscheulich erscheinen.

Denn jedwede Gestalt, die der Sinnlichkeit irgendwie schmeichelt,

Ist mit ursprünglicher Glätte der Urelemente behaftet;

Alles jedoch, was rauh und lästig in seinem Bestand ist,

Findet sich immer verknüpft mit scheußlicher Bildung des Urstoffs.

Auch gibt's Stoff, der nicht mehr mit Recht als glatt wird erfunden,

Aber auch wiederum nicht mit gebogenen Spitzen gekrümmt ist,

Sondern der mehr ist mit Ecken versehn, die ein wenig hervorstehn,

Und der unsere Sinne mehr kitzeln als schädigen könnte.

Der Art wirkt wohl das Weinsteinsalz und der Saft der Alantwurz.

Daß nun endlich die Hitze des Feuers und Kälte des Eises

Durch verschiedene Zähnung des Stoffs auch die Sinne des Körpers

Beide verschieden verletzen, beweist schon beider Berührung.

Nur durch Berührung, Berührung! entsteht (bei den Mächten des Himmels)

Jedes Empfinden des Körpers, sowohl wenn von außen her etwas

Eindringt als auch dann, wenn ein innerer Schmerz uns verletzet,[73]

Oder wenn etwas beim Liebesgenuß in Wonne sich loslöst.

Oder wenn feindliche Keime sogar sich im Innern des Körpers

Treffen, verwirrt uns den Sinn ihr gegenseitiges Streiten;

Wie wenn du selbst mit der Hand an ein Glied des eigenen Körpers

Etwa durch Zufall rührst und die Wirkung selber erprobest.

Darum müssen mithin die Gestalten der Urelemente

Völlig verschieden sein, um verschiedne Gefühle zu wecken,

Schließlich, was dicht und erhärtet uns scheint, muß untereinander

Enger sich schließen zusammen durch hakenförmige Formen,

Welche sich tief verzweigend die festeste Fügung ergeben.

Hierbei ragen vor allem hervor die Felsenbasalte,

Die Trotz bieten den Schlägen, in erster Reihe, sodann auch

Kräftiges Kieselgestein und des Eisens mächtige Härte

Oder die Riegel von Erz, die kreischend dem Schluß widerstreben.

Aber der flüssige Stoff, der aus fließendem Körper bestehet,

Muß sich doch mehr aus glatten und rundlichen Formen gestalten.

Denn es ist ebenso leicht Mohnkörner zu schlucken wie Wasser,

Da sich einander nicht hemmen die einzelnen runden Atome

Und der Sturz in die Tiefe mit gleicher Beweglichkeit abrollt.

Alle die Dinge zuletzt, die im Nu auseinander zerfließen,

Wie man es sieht beim Nebelgewölk, beim Rauch und beim Feuer,

Dürfen, obgleich sie nicht völlig nur glatte und runde Atome

Bilden, auf keinen Fall durch verwickelte Formen gehemmt sein,

Daß sie den Körper wohl stechen und ein in die Öffnungen dringen,

Doch nicht selber sich hemmen, was oft, wie wir sehen, bei Disteln

Vorkommt. Also man kann leicht sehen, daß jene Gebilde

Nicht aus verwickelten Formen geschaffen sind, sondern aus spitzen.

Doch daß du Bitteres siehst, das zugleich auch flüssig erscheinet,

Wie bei dem Meere, dem Schweiße der Erde, das darf dich nicht wundern,

[Wenn du die wahre Erklärung mit deinem Verstande erfaßt hast.]

Denn da es flüssig erscheint, so besteht es aus glatten und runden

Formen, [zu denen sich rauhe gesellen,] die Schmerzen uns bringen.

Aber sie brauchen deshalb nicht hakenförmig zu bleiben;

Denn es versteht sich, daß, wenn sie auch rauh, so doch kugelig aussehn,

Daß sie zu rollen zugleich und die Sinne zu schmerzen vermögen.

Daß du nun besser verstehst, wie rauhe mit glatten Atomen

Einen sich können, woraus sich das Bittre des Meeres erkläret,

Gibt es ein Mittel, sie beide zu trennen und einzeln zu sehen:

Denn ganz oben verbleiben die widrigen Salzelemente[74]

Und das Wasser wird süß, wenn es öfters durch Schichten der Erde

Durchrinnt, um in ein Becken zu fließen und trinkbar zu werden;

Dadurch vermag sich das Rauhe auch mehr an die Erde zu hängen.[75]

Begrenzte Zahl der Atomformen

Nun ich dich dieses gelehrt, verbind' ich damit noch ein weitres,

Was sich aus diesem bewährt, daß die Urelemente der Dinge

Nur in begrenzter Zahl die Gestalten zu ändern vermögen,

Denn sonst müßten auch wieder gewisse Atome sich finden,

Die endloser Vergrößrung des Körpers sich fähig erwiesen.

Nämlich die Kleinheit des Stoffs, die für jedes Atom ist dieselbe,

Hindert, daß gar zu viel voneinander verschiedne Gestalten

Sich entwickeln. Es seien zum Beispiel kleinste Partikeln

Dreie vereint in dem einen Atom, ja noch einige weiter:

Stellst du nun diese Partikeln des Einen Atomes auch sämtlich

Um, daß Oben und Unten und Linkes und Rechtes vertauscht wird,

Und versuchst du auf jegliche Art, wie jegliche Ordnung

Form und Gestalt des ganzen erwähnten Atomes beeinflußt,

Mußt du doch endlich noch andre Partikeln den übrigen zutun,

Wenn du noch weiter die Formen zu ändern wünschest. Es folgt nun,

Daß in ähnlicher Weise noch andre Partikeln die Ordnung

Weiter verlangt, wenn du weiter die Formenveränderung wünschest.

So wird Körpervergrößrung die Folge der neuen Gestaltung.

Deshalb ist es unmöglich erlaubt, sich die Meinung zu bilden,

Unsre Atome besäßen unendlich verschiedne Gestalten.

Denn sonst müßtest du ja etwelche von riesiger Größe

Denken dir können, was, wie ich schon oben erklärt, doch nicht angeht,

Ferner würdest du sonst auch die orientalischen Stoffe

Und Meliboeas Glanz, den die Purpurmuschel Thessaliens

Färbt, und das goldene Pfauengeschlecht mit dem strahlenden Reize

Nicht mehr achten, sobald neufarbige Stoffe sie drückten;

Wertlos würde der Myrrhen Geruch und die Süße des Honigs,

Und es verstummte der Schwanengesang und die Lieder, die kunstvoll

Phoebus der Leier entlockt, verdrängt aus ähnlichem Grunde;

Denn dann würde wohl eins stets trefflicher werden als andres.

Ebenso könnte natürlich auch alles zum Schlechteren rückwärts

Wieder sich wenden, wie just zu dem Bessern wir eben es sagten.

Denn auch zurück sich verwandelnd vermocht' eins immer noch ekler[75]

Als das andre zu werden für Mund, Ohr, Augen und Nase.

Da dem nicht so ist, vielmehr durch sichere Schranken

Hüben und drüben das Ganze umzirkt ist, mußt du gestehen,

Daß auch im Urstoff nicht sind unendlich verschiedene Formen.

Kurzum der Weg ist begrenzt vom Feuer zur eisigen Kälte,

Und auch zurück ist die Bahn in der nämlichen Weise bemessen.

Denn wie Hitze so Kälte und mittlere Temperaturen

Liegen inmitten der Grenzen und füllen in Graden den Raum aus.

Also begrenzt ist die Weise, durch die das Geschaffne sich scheidet,

Da an den beiden Grenzen ein doppelter Punkt sie bezeichnet,

Hier von den Flammen bedrängt und dort von dem starrenden Eise.[76]

Unbegrenzte Zahl der ähnlichen Atome

Nun ich dich dieses gelehrt, verbind' ich damit noch ein weitres,

Was sich aus diesem bewährt, daß die Urelemente der Dinge,

Deren Gestalten einander in ähnlicher Weise geformt sind,

Selbst in unendlicher Zahl vorhanden sind. Da der Gestalten

Unterschiede begrenzt sind, so muß entweder die Anzahl

Derer, die ähnlich sind, unendlich sein, oder der Urstoff

Wäre im ganzen begrenzt, was oben als nichtig erwiesen.

[Was nun die richtige Lehre ermittelt hat, sollen dir jetzo]

Dartun [wenige] Verse; Die Urelemente des Stoffes

Schöpfen der Dinge Bestand aus nimmer erschöpfbarem Vorrat,

Da sich beständig erhält der Zustrom treibender Stöße.

Denn wenn du siehst, wie manche Geschöpfe [sich] seltener finden,

Und die Natur sich bei ihnen auch weniger fruchtbar erweiset:

Nun, an anderem Ort und in Gegenden fernerer Länder

Können sich mehr der Art vorfinden und füllen die Vollzahl.

Also sieht man zumal im Geschlecht vierfüßiger Tiere

Tausend und abertausend der schlangenhändigen Bestien

Indiens Grenze beschützen mit elfenbeinernem Walle,

Welcher den Eintritt völlig versperrt. So groß ist die Menge

Jener Geschöpfe, von denen bei uns nur wen'ge zu sehn sind.

Aber ich will auch dies einräumen, es geb' ein bestimmtes

Einziges Ding, deß Körper nur einmal so sei geschaffen,

Dem kein anderes gleiche im ganzen Bezirke der Erde:

Liegt dafür nicht bereit unendliche Fülle des Stoffes,[76]

Aus dem jenes den Keim und das Leben empfängt, nun, so kann es

Nimmer entstehn und weitet und weiter sich nähren und wachsen.

Nimm doch einmal die Menge der Urelemente beschränkt an,

Die, um ein einziges Ding zu erzeugen, im All sich bewegen:

Wie und wo und woher, durch welcherlei Kraft sich bewegend

Sollen zusammen sie gehn in des Stoffmeers fremdem Getümmel?

Nein, ein vernünftiger Grund zur Vereinigung fehlt, wie ich glaube,

Sondern es geht, wie so oft beim Schiffbruch mächtiger Flotten:

Weit zerstreut wildbrausend die Woge Verdeck und Kajüte,

Rahen, Masten und Bug und überall schwimmende Riemen

Und an die Küsten der Länder umher antreibende Heckzier,

Daß es den Sterblichen rings als Warnungszeichen erscheine,

Macht und List und Tücke des treulosen Meeres zu meiden,

Und ihm nie zu vertrauen, auch wenn die spiegelnde Fläche

Noch so verräterisch lockt und die lächelnde Stille des Meeres.

So erging' es auch dir. Sobald du beschränkst der Atome

Zahl, dann müssen die Fluten verschieden gerichteten Stoffes

Sie auseinander zerstreun und in alle Ewigkeit trennen.

Deshalb würden sie nie zur Vereinigung treiben sich lassen,

Noch im Vereine verharren, noch Wachstum finden durch Mehrung.

Aber beides geschieht ja vor unseren Augen. Erfahrung

Lehrt, daß Wesen entstehn und daß das Entstandne heranwächst.

Also ist klar, daß für jegliche Art in unzähliger Menge

Urelemente sich finden, woraus dann Alles beschafft wird.[77]

Wechsel von Leben und Tod

Niemals können daher die Zerstörung wirkenden Kräfte

Ständig erringen den Sieg und das Leben auf ewig vernichten,

Noch auch können die Kräfte, die alles erschaffen und mehren,

Alles Geschaffne auf ewige Zeit am Leben erhalten.

Also waltet der Krieg in unentschiedenem Wettstreit

Seit undenklicher Zeit in den Reihen der Urelemente.

Denn bald hier, bald dort sind die Lebenskräfte im Vorteil,

Ähnlich erliegen sie auch, und die Totenklage vermischt sich

Mit dem Gewimmer der Kindlein, die eben das Licht erst erblicken.

Niemals folgt dem Tage die Nacht und der Nacht dann der Morgen,

Der nicht Kindergewimmer vernähme vermischt mit dem Jammer,

Der schrilltönend den Tod und das schwarze Begräbnis begleitet,

Mischung der Atome

Hierbei muß man auch dies als festversiegelt betrachten

Und in die Seele geprägt mit zähem Gedächtnis bewahren,

Daß kein einziges Ding, deß Wesen sich offen bekundet,

Nur aus einerlei Art der Urelemente bestehe,

Keines auch sei, das nicht stets aus gemischten Atomen sich bildet;

Ja, je mehr es in sich an Kräften und Wirkungen herbergt,

Desto größere Menge von Arten der Urelemente

Zeigt sich hierin vereint und desto verschiednere Formung.

So zum ersten die Erde. Sie birgt Elemente im Schoße,

Die in den eisigen Quellen hinab zu dem Meere sich wälzen

Und es beständig erneuern. Sie hat auch Feueratome;

Vielfach nämlich erglüht der entzündete Boden der Erde,

Aber am mächtigsten rast die Feuergarbe des Ätna,

Ferner besitzt sie Atome, aus denen sie schimmernde Feldfrucht

Und die labenden Bäume den Menschengeschlechtern emporschickt

Und woraus sie auch Wasser und Laub und labendes Futter

Darzubieten vermag dem Wilde, das schweift im Gebirge.

Poetische Einlage. Die Phrygische Göttermutter

Deshalb nennt man die Erde die große Mutter der Götter,

Mutter des Wilds und zugleich auch die Schöpferin unseres Leibes.

Diese Göttin, so singen gelehrte hellenische Dichter,

[Komme aus Phrygiens Bergen und luftigen] Sitzen [hernieder]

Hoch zu Wagen und lenke die Löwen im Doppelgespanne.

Damit lehren sie uns, daß die mächtige Erde im Luftraum

Schwebe. Denn Erde vermag sich nicht wieder zu stützen auf Erde.

Bestien fügten sie zu, weil selbst der verwildertste Nachwuchs

Sanfterem Dienste sich weiht, wenn Mutterliebe ihn zügelt.

Auch umgaben sie ihr mit der Mauerkrone den Scheitel,

Weil mit dem Schutze der ragenden Höhn sie die Städte beschirmet.

Drum schmückt dies Diadem ihr Haupt, wenn der göttlichen Mutter

Bildnis zieht durch die Lande und überall schaudernde Scheu weckt.

Als Idäische Mutter verehren sie mancherlei Völker

Heiligem, altem Gebrauche getreu, und die phrygischen Diener

Geben sie ihr zum Geleit, weil dort auf jenen Gefilden,[78]

Wie man berichtet, der Weizen zuerst auf Erden gebaut ward.

Auch die verschnittenen Gallen, erklärt man uns, seien ihr Anhang,

Weil die Verächter der Mutter und die sich den Eltern nicht immer

Dankbar hätten erzeigt, nicht wert mehr seien zu achten,

Lebende Nachkommenschaft in des Lichtes Gefilde zu führen.

Donnernd erdröhnt in den Händen die Pauke, die Cymbeln erschallen

Hohl, und mit rauhem Getön schallt drohend das schmetternde Hifthorn,

Während das flötende Rohr durch phrygische Rhythmen den Sinn peitscht.

Schwerter stürmen hervor als Zeichen wildesten Wahnsinns,

Die in den undankbaren und gottlosen Herzen des Volkes

Schrecken erregen und Angst vor der Göttin geheiligtem Namen.

Wenn nun die Göttin so in die größeren Städte den Einzug

Hält und mit stummem Gruß die Sterblichen schweigend beglücket,

Decken sie ihren Weg ganz zu mit dem Silber und Kupfer,

Das sie in reichlichen Spenden ihr weihn, und schneen mit Rosen

Völlig sie ein, daß die Mutter mit ihren Begleitern verhüllt ist.

Hier erscheinen bisweilen Gewappnete, welche Kureten

Griechische Zunge benennt, die, wenn sie im phrygischen Haufen

Scheinkampf spielen und blutüberströmt im Takte sich schwingen,

Während vom Haupt ihr Helmbusch nickt, ein schrecklicher Anblick,

Uns in Erinnerung rufen die kretischen Dikte-Kureten,

Die einst kindliches Wimmern des Zeus nach der Sage verbargen;

Denn in hurtigem Reigen umgaben die Knaben das Knäblein,

Während sie waffenbewehrt nach dem Takte das Erz mit dem Erze

Schlugen, damit nicht Saturn den Ertappten zum Rachen befördre

Und dem Herzen der Mutter die ewige Wunde nicht schlage.

Drum sind gewappnete Scharen der großen Göttin Begleiter,

Oder sie deuten darauf, daß die Göttin befehle, mit Waffen

Und mit tapferem Mut das Vaterland zu beschützen,

Wie sie bereit sein sollen zum Schutz und zur Zierde der Eltern.

All dies, mag es auch noch so schön und trefflich erdacht sein,

Weicht doch weit, weit ab von dem richtigen Wege der Wahrheit,[79]

Philosophische Erklärung des göttlichen Wesens

Denn es versteht sich von selbst, das ganze Wesen der Götter

Muß sich vollkommnen Friedens erfreun und unsterblichen Lebens,[79]

Weit entfernt und geschieden von unseren Leiden und Sorgen;

Frei von jeglichen Schmerzen und frei von allen Gefahren,

Selbst gestützt auf die eigene Macht, nie unser bedürfend,

Wird es durch unser Verdienst nicht gelockt noch vom Zorne bezwungen.

Und die Erde nun erst! Sie besaß nie irgend Empfindung,

Aber dieweil sie die Fülle besitzt von Urelementen,

Bringt sie ans Sonnenlicht gar vieles auf vielerlei Weise.

Ist nun mancher geneigt, das Meer Neptun und die Feldfrucht

Ceres zu nennen und lieber des Bacchus Namen zu brauchen

Als mit der eigentlich wahren Benennung vom Weine zu sprechen,

Mag's auch gestattet ihm sein, den Erdkreis Mutter der Götter

Weiterzunennen, sofern er nur wirklich die innere Seele

Rein sich erhält von der Schmach religiöser Glaubensbefleckung.[80]

Fortsetzung über Atommischung

Häufig grasen daher aus demselben Gefilde das Gras ab

Wolletragendes Vieh und die kriegrische Jugend der Rosse

Und die Gehörnten, die unter demselbigen Himmelsdome

Und aus demselbigen Strome die durstigen Kehlen erquicken:

Aber sie leben verschieden und wahren das Wesen der Eltern,

Deren Gebräuchen sie folgen, ein jedes nach seinem Geschlechte.

So verschieden sind also, bei jeder beliebigen Grasart,

Ihre Grundelemente, und so auch bei jeglichem Wasser.

Saft, Blut, Knochen, Gedärme, die Venen, Nerven und Wärme

Bilden zwar alle zusammen ein einziges lebendes Wesen,

Aber sie sind doch weit in der Form voneinander geschieden,

Da sie der Urelemente verschiedne Gestalt hat erschaffen.

Ferner muß alles, was immer durch Feuers Flammen verzehrt wird,

Wenn nichts weitet, doch die Elemente im Körper bewahren,

Die es zum Flammensprühen und Lichtverbreiten benötigt

Oder zum Funkenwurf und zu weiter Zerstreuung der Asche.

Gehst du das übrige durch in entsprechender Geistesverfassung,

Wirst du demnach erkennen: die Körper enthalten die Keime

Mannigfaltiger Dinge und fassen gar mancherlei Formen.

Endlich siehst du auch vieles, bei dem mit Geruch und Geschmack sich

Auch noch die Farbe vereint, wie vor allem bei zahlreichem Obste.[80]

Diese Atome bestehen daher aus verschiednen Gestalten.

Denn ihr Brodem dringt in die Glieder, wohin nicht die Farbe

Reicht, und die Farbe nun wieder wird anders den Sinnen vermittelt

Als der Geschmack. Du erkennst, wie verschieden die Form des Atoms ist.

Also vereinigen sich die verschiednen Gestalten zu einem

Knäuel und somit formt sich ein Ding aus der Mischung der Keime.

Ja, auch in unseren Versen (du kannst es ja sehen) erscheinen

Vielfach dieselbigen Lettern verschiedenen Wörtern gemeinsam;

Und doch mußt du gestehen, die Verse sind gleichwie die Worte

Ganz voneinander verschieden entsprechend den Grundelementen.

Nicht als ob nicht auch häufig gemeinsame Lettern sich fänden

Oder als ob nicht auch zwei aus ganz denselben bestehen

Könnten; jedoch sind gewöhnlich nicht alle mit allen identisch.

So sind auch in der übrigen Welt bei vielen der Dinge

Viele der Urelemente gemeinsam, aber als Ganzes

Sind sie in ihrem Bestande doch sehr voneinander verschieden.

Darum darf man mit Recht verschiedne Atome erschließen

Für das Menschengeschlecht, für Frucht und die labenden Bäume.[81]

Grenzen der Atommischung

Trotzdem darf man nicht wähnen, es könne sich alles mit allem

Gatten. Denn sonst gewahrte man überall Aftergeburten

Bald halb Mensch, halb Tier entstehn, bald riesige Aste

Hier und da aus lebendigem Leib in die Höhe erwachsen,

Bald auch Glieder sich einen, gemischt aus See- und aus Landtier;

Ekle Chimären sogar mit dem feuerschnaubenden Rachen

Ließe Natur erstehn auf der alleserzeugenden Erde.

Aber dergleichen entsteht doch nichts, wie deutlich erkennbar.

Alles, was wächst, kann stets, wie man sieht, sein Geschlecht sich bewahren,

Da es besonderen Keimen besonderer Mutter entstammet.

Und dies muß, wie man weiß, nach bestimmten Gesetzen geschehen.

Denn aus allen den Speisen entnimmt ein jedes das Seine

Und verteilt es den Gliedern im Innern. So wirkt es vereint dort

Angemeßne Bewegung. Das Fremde dagegen (man sieht es)

Wirft die Natur auf die Erde zurück; viel flieht aus dem Körper,

Wenn ihn die Stöße erschüttern, mit unsichtbaren Atomen,[81]

Was sich nicht irgendwohin vereinigen konnte noch innen

Sich zur Lebenserregung verstehn und den übrigen folgen.

Glaube nicht etwa, daß dieses Gesetz nur beseelte Geschöpfe

Binde. Vielmehr ist die Schranke der Norm für alles dieselbe.

Denn so wie nach der ganzen Natur die geschaffenen Dinge

Sind voneinander verschieden, so muß ein jedes sich bilden

Aus der Verschiedenheit schon der Gestalten der Urelemente.

Nicht als ob nicht auch häufig bei ihnen sich ähnliche Formen

Fänden, jedoch ist gewöhnlich nicht alles mit allem identisch.

Sind nun die Keime verschieden, so müssen nicht minder sich scheiden

Ihre Verflechtung und Bahn, ihr Abstand, Schwere und Anprall,

Ihre Bewegung, ihr Stoß. Dies alles nun scheidet die Körper

Nicht nur beseelter Geschöpfe, nein Meer und Land voneinander,

Ja sie scheiden sogar das Irdische ganz von dem Himmel.[82]

Atome sind farblos

Nunmehr hör' auch die Verse, die mir in erfreulicher Arbeit

Reiften, damit du nicht glaubst, was in unseren Augen als weiß glänzt,

Dieses Weiße entstamme von weißen Atomen des Urstoffs,

Oder was schwarz aussieht, sei schwärzlichem Samen entsprossen,

Oder damit du nicht meinest, was irgendwie anders gefärbt ist,

Trage die Farbe nur darum, weil auch die Atome des Urstoffs

Mit ganz ähnlicher Farbe von Haus aus seien umkleidet.

Denn die Atome des Stoffs entbehren noch völlig der Farbe:

Weder gleich ist die Farbe des Stoffs dem Erzeugnis noch ungleich.

Wenn du nun aber vermeinst, die Atome seien wohl darum

Unserem Geist unfaßbar, so irrst du weit von dem Weg ab.

Die von Geburt blind sind und nie die Strahlen der Sonne

Haben geschaut, erkennen die Körper doch nur mit dem Tastsinn,

Da sie von Kindheit an entbehren der Farbenempfindung;

Also (merk es dir wohl) kann ebenso unsre Erkenntnis

Körper begrifflich erfassen, auch wenn sie der Farbe entbehren.

Endlich haben wir selbst auch ohne die Farben Empfindung

Sämtlicher Dinge, die wir im lichtlosen Dunkel berühren.

Da ich nun siegreich dies erwiesen, so will ich dir nunmehr

Dartun, [daß die Atome auch selber der Farbe entbehren.]

Jegliche Farbe vermag sich in jegliche andre zu wandeln,[82]

Aber das dürfen ja doch die Atome sich nimmer gestatten.

Etwas muß doch am Ende verbleiben, was nimmer sich ändert,

Soll nicht alles zuletzt in das Nichts vollständig versinken.

Denn was nur irgend sich ändert und seinen bisherigen Wohnsitz

Wechselt, erfährt sofort die Vernichtung des früheren Zustands.

Also hüte dich wohl, den Atomen die Farbe zu leihen,

Daß dir nicht alles zuletzt in das Nichts vollständig versinke.[83]

Entstehung der Farbe

Wenn sodann die Natur der Atome als farblos erwiesen,

Aber zugleich die verschiedene Form der Gestalten erkannt ist,

Die erst allerhand Dinge mit wechselnden Farben entstehn läßt,

Wenn es sodann gar wichtig erscheint, in welcher Verbindung

Diese Körperchen stehen und wie die wechselnde Lage

Sich zueinander gestaltet und gegenseit'ge Bewegung,

Kannst du sofort auch leicht die Erklärung geben, warum sich

Das, was kurz vordem noch schwarz ist gewesen, nun plötzlich

Glänzend weiß wie ein Marmorblock zu zeigen imstand ist,

Wie sich das Meer, wenn die Fläche durch mächtige Stürme gepeitscht wird,

Wandelt in weißliche Flut von der glänzenden Farbe des Marmors.

Folgendes kannst du sagen: was wir so gewöhnlich als schwarz sehn,

Wird, sobald sich sein Urstoff mischt und die Ordnung sich ändert

In den Atomen, und dies noch hinzukommt, jenes davongeht,

Alsobald sich wandeln, so daß es zum glänzenden Weiß wird.

Wenn hingegen die Fluten des Meeres aus blauen Atomen

Wären zusammengesetzt, dann könnten sie nimmer sich hellen.

Bläuliche Stoffe, du magst sie auch noch so sehr rütteln und schütteln,

Können sich nimmermehr in des Marmors Weiße verfärben,

Wären dagegen in Farbe verschieden die Urelemente,

Welche dem Meere verleihen den einheitlich reinen Gesamtton,

Wie man wohl oft ein Quadrat aus ändern verschiednen Figuren

So kann bilden, daß draus ein einheitlich Ganzes entstehe:

Ja, dann müßten wir wohl, wie wir jene verschiednen Figuren

Im Quadrate erkennen, so auch in den Fluten des Meeres

Oder in sonstigen Dingen von einheitlich reinem Gesamtton

Mannigfache und grell abstechende Farben erkennen.

Übrigens ist die verschiedene Form kein hinderndes Hemmnis[83]

Für die Figur, um von außen trotzdem als Quadrat zu erscheinen;

Aber verschiedener Ton in der Färbung der einzelnen Dinge

Wirkt so hemmend ein, daß die Einheit fehlt im Gesamtton.

Nichtig ist auch noch der weitere Grund, der uns öfter verleitet,

Färbung zuzuerkennen den Urelementen der Dinge.

Denn aus Weißem entsteht nicht etwa wiederum Weißes

Noch aus Schwarzem das Schwarze, vielmehr aus verschiedenen Farben.

Ist es denn nicht viel leichter, das Weiße gebildet zu denken

Aus farbloser Materie, als wenn es aus schwarzer entstünde

Oder aus anderen Farben, die völlig entgegengesetzt sind?

Außerdem, da die Farben nicht ohne das Licht sind zu denken,

Während die Grundelemente doch stets sich dem Lichte entziehen,

Lernt man daraus, daß sie nicht mit der Hülle der Farben bedeckt sind,

Denn was könnte die Farbe in lichtlosem Dunkel bedeuten?

Ändert sie doch in dem Lichte sich selbst, da sie anders zurückstrahlt,

Je nachdem sie das Licht schräg oder gerade von vorn trifft.

Wie buntschillernd erglänzt in der Sonne das Taubengefieder,

Das um den Nacken sich legt und den Hals im Kranze umsäumet!

Bald erstrahlt es wie heller Rubin in rotem Gefunkel,

Bald bei bestimmtem Blicke erscheint uns der Glanz des Gefieders,

Wie wenn blauer Azur sich vermische mit grünen Smaragden.

Auch in dem Schweife des Pfauen erblickt man, sobald er dem vollen

Licht entgegen ihn wendet, den ähnlichen Wechsel der Farben.

Da nun diese entstehn durch gewisse Bestrahlung des Lichtes,

Lernt man daraus, daß sie ohne das Licht zu entstehn nicht vermögen.

Und in der Tat empfängt die Pupille, die, wie man sich ausdrückt,

Weiße Farbe empfindet, ganz andersartige Reize,

Als dann, wenn sie die schwarze empfindet und sonstige Farben.

Auch beim Betasten der Dinge verschlägt nichts, wie sie gerade

Sind mit Farbe versehn, doch sehr, wie ihre Gestalt ist.

Also lernt man: Atome bedürfen durchaus nicht der Farbe,

Sondern verschiedner Gestalt, die verschieden wirkt auf den Tastsinn.

Da nun ferner nicht immer das Wesen der Farbe sich bindet

An die bestimmten Gestalten, und alle Atomengebilde

Können vorhanden sein in jedem beliebigen Farbton,

Weshalb sind nicht in jeglicher Gattung des Urstoffs Geschöpfe

Allüberall überzogen mit Farben von allerlei Arten?[84]

Denn sonst müßten wohl auch bisweilen die fliegenden Raben

Weißlichen Farbenschein aus weißem Gefieder verbreiten,

Müßten aus schwärzlichem Keime auch schwärzliche Schwäne entstehen

Oder sonstwie getönt, bunt oder von einerlei Farbton.

Ja auch ein jegliches Ding, je mehr du in winzige Stückchen

Solches zerspaltest, verblaßt, wie du deutlich zu sehen imstand bist,

Und es erlöscht allmählich die frühere Farbenerscheinung.

So beim Purpurgewand. Zerfasert man dieses in kleine

Fädchen, verliert sich der Purpur (auch selbst bei der glänzendsten Marke,

Die Phönizien schickt), sobald nur die Fäden zerzupft sind.

Daraus kannst du ersehn, daß längst die vereinzelten Fäden

Jegliche Farbe verlieren, bevor sie zergehn in Atome.

Endlich gestehst du wohl zu, daß nicht sämtliche Körper Gerüche

Oder Töne entsenden. Drum wirst du nimmer geneigt sein,

Durchweg sämtlichen Körpern Gerüche und Töne zu leihen.

Also lernt man daraus, da nicht alles zu sehn uns vergönnt ist,

Daß es auch einiges gibt, was ohne die Farbe bestehn kann,

Wie es ja anderes gibt, was tonlos oder geruchlos.

Aber ein spürsamer Geist kann dies nicht minder erkennen

Als er das andre begreift, deß andere Dinge ermangeln.[85]

Atome sind überhaupt qualitätslos

Aber vermeine nur nicht, es fehle den Urelementen

Nur die Farbe. Sie sind vielmehr auch von Wärme und Kälte

Und von der dampfenden Hitze vollständig für immer geschieden,

Wie sie des Tones entbehren, geschmacklos und nüchtern erscheinen

Und aus den Körpern auch nie selbsteigne Gerüche verbreiten.

Willst du aus Myrrhenessenz, Majoran und Blüte der Narde,

Die nektarischen Odem für unsere Nase verhauchet,

Köstlichen Balsam bereiten, da heißt es vor allem bedacht sein,

Sich, soweit es nur möglich erscheint, des geruchlosen Öles

Reine Natur zu verschaffen, das keinerlei Dünste verbreitet,

Daß es sowenig als möglich durch Eigengerüche berühre

Jener Düfte Gemisch und Gebräu und sie dadurch verderbe.

Aus demselbigen Grunde versagen die Urelemente,

Den zu erschaffenden Dingen von sich aus Ton und Gerüche

Mitzuteilen (sie haben ja nichts derart zu vergeben).[85]

Ebensowenig verleihen Geschmack sie oder auch Kälte

Oder dampfende Hitze und lauliche Wärme und vieles

Andre; denn alles das ist aus ganz vergänglichem Stoffe,

(Biegsames weich, Zerbrechliches morsch und Hohles durchlöchert),

Und deshalb notwendig getrennt von den Urelementen,

Wenn wir gedenken die Welt auf ewigem Grunde zu bauen,

Welcher die sichere Stütze gewährt für das Heil der Gesamtheit,

Soll dir nicht alles zumal in das Nichts vollständig versinken.[86]

Atome sind empfindungslos

Nunmehr gibst du gewiß mir auch zu, daß das, was Empfindung

Zeigt, wie wir sehn, doch alles empfindungslosen Atomen

Seine Entstehung verdankt. Damit stimmt völlig, was klar liegt,

Und nicht streitet damit, was männiglich jedem bekannt ist,

Sondern es führt uns vielmehr an der Hand und erzwingt das Bekenntnis,

Daß, wie gesagt, das Lebend'ge entsteht aus Empfindungslosem,

Sehn wir ja doch, wie lebendig Gewürm aus widrigem Kote

Seine Entstehung nimmt, sobald unzeitiger Regen

Fäulnisstoff erzeugt in der reichlich befeuchteten Erde.

Weiter sehn wir, wie alles sich ebenso untereinander

Wandelt, wie Wasser und Laub und labendes Futter in Schlachtvieh

Sich verwandelt und wieder das Vieh in die menschlichen Leiber

Seine Natur umändert, wie oft mit unserem Leibe

Tiere der Wildnis sich stärken und flügelgewaltige Vögel.

Also verwandelt Natur in lebendige Körper die Nahrung

Allen und schafft hieraus die Empfindung allen Geschöpfen,

Ebenso wie sie das trockene Holz zur Flamme entwickelt

Und die sämtlichen Scheite in loderndes Feuer verwandelt.

Siehst du nun ein, wie wichtig es ist, wie die Urelemente

Zueinander sich ordnen und wie sie gemischt und gelagert

Sind und wie sich verhält die wechselseit'ge Bewegung?

Entstehung der Empfindung

Ferner, so frag' ich, was ist's, das den Geist in dem Glauben erschüttert,

Daß aus Empfindungslosem empfindendes Wesen sich bilde,[86]

Das ihn selbst doch erregt und ihn zwingt zu verschiedenem Fühlen?

Selbstverständlich weil niemals die Erde, die Hölzer und Steine,

Wenn auch gemischt, ein Lebensgefühl zu wecken vermögen.

Aber man darf hierbei nicht diese Beschränkung vergessen,

Daß ich nicht ausnahmslos aus allen erzeugenden Stoffen

Lasse sofort auch die Sinne und sinnenbegabten Geschöpfe

Leben gewinnen. Vielmehr kommt viel auf die Kleinheit der Körper

An, die Empfindung wecken, und welche Gestalt sie besitzen,

Endlich auch, welche Bewegung und Ordnung und Lage sie haben.

Davon sehn wir wohl nichts bei den Hölzern und Schollen der Erde,

Und doch bringen auch diese, sobald sie der Regen durchfeuchtet,

Lebende Würmer hervor, weil des Grundstoffs Urelemente

Aus den bisherigen Bahnen durch neue Gewalten gerissen

Sich, wie es nötig, vereinen zur Schöpfung lebender Wesen.

Wenn dann einige, die das Empfindende lassen entstehen

Nur aus Empfindendem, weiter aus ändern empfindenden [Teilchen

Dies herleiten, so nehmen sie einen vergänglichen Urstoff

An,] da sie weich ihn sich denken. Der Sinn bleibt immer gebunden

An die Geweide, die Adern und Nerven, die alle vergänglich,

Da sie ja doch, wie man sieht, aus weichen Gebilden bestehen.

Aber gesetzt auch den Fall, sie könnten von ew'gem Bestand sein,

Müßten sie doch entweder den Sinn des Organes behalten

Oder es müßten die Teile wie ganze Geschöpfe empfinden.

Doch kein Einzelorgan besitzt selbständiges Fühlen;

Denn auf die ändern muß achten ein jedes der Einzelgefühle,

Und unmöglich vermag getrennt von dem übrigen Körper

Weder die Hand noch ein anderes Glied für sich zu empfinden.

So bleibt übrig allein, daß die Glieder dem ganzen Geschöpfe

Gleichen und gleiches Gefühl wie wir selbst notwendig entwickeln,

Um zusammenzustimmen in gleichem Lebensgefühle.

Also wie können Gebilde, wie diese, Prinzipien heißen?

Wie als lebende Wesen die Pfade des Todes vermeiden,

Da lebendiges Wesen soviel wie sterblich bedeutet?

Ja, entrannen sie ihm, so würde durch ihre Verbindung

Nur ein gemeines Gewirre von zahllosen Wesen entstehen,

Wie ja auch klärlich, wenn Menschen mit Zugvieh oder mit Bestien

Umgang pflögen, kein Wesen aus dieser Verbindung entstünde.

Wenn nun jene Gebilde die eig'ne Empfindung verlören

Und sie andre bekämen, wozu denn gibt man dem einen,[87]

Um es dem ändern zu rauben? Zudem läßt, was ich schon angab,

(Insofern wir ja sehen, wie Eier in lebende Küken

Sich verwandeln, wie Würmer dem Boden entwimmeln, sobald er

Durch unzeitigen Regen die nötige Fäulnis erhalten)

Jetzt sich wirklich erkennen, daß Sinne sich bilden aus Nichtsinn.

Sollte nun einer behaupten, allein die Veränderung könne

Aus Empfindungslosem empfindende Wesen erzeugen

Oder auch gleichsam ein Akt der Geburt, durch den man hervortritt:

Wird es genügen, ihm dies zu beweisen und deutlich zu machen.

Daß nur nach der Vereinigung erst die Geburten erfolgen,

Und daß auch die Verändrung nur nach Vereinigung statthat.

Erstlich kann es bei keinem der Körper Empfindungen geben,

Ehe das lebende Wesen noch selber ins Leben getreten.

Denn zerstreut ist der Bildungsstoff (dies ist ja kein Wunder)

Über die Luft und das Wasser, die Erd' und der Erde Gewächse,

Und er vereinigt noch nicht zusammengeschart zueinander

Passende Lebenskräfte, von deren Strahlen entzündet

Jedes Geschöpf sich erhält durch die alles gewahrenden Sinne.[88]

Krankheit und Tod

Ferner sobald ein beliebig Geschöpf ein stärkerer Schlag trifft,

Als die Natur ihn verträgt, so stürzt er es plötzlich zu Boden

Und verwirrt ihm das ganze Gefühl im Leib und der Seele.

Denn dann lösen sich auf die Lagen der Urelemente

Und die Lebensregung erfährt vollständige Hemmung,

Bis der in sämtlichen Gliedern von Grund aus erschütterte Urstoff

Zwischen Körper und Seele die Bande des Lebens zerschneidet,

Hierauf die Seele zerstreut und durch alle Kanäle hinauspreßt.

Denn wie sollten wir anders die Wirkung des Schlages uns denken,

Als daß er alles zerschmettert und alle Verbindungen auflöst?

Freilich es kommt auch vor, daß bei minder gefährlichem Schlage

Sich noch siegreich behaupten die Reste der Lebensbewegung,

Siegend zu bannen verstehn die gewaltigen Wirren des Schlages,

Jegliches wieder in seine gewöhnlichen Bahnen geleiten,

Die in dem Leib schon herrschende Macht des Todes verscheuchen

Und die bereits fast erloschene Glut der Empfindungen wecken.

Denn wie anders vermöchten sie just von der Schwelle des Todes[88]

Wieder zum Leben zu kehren und ihre Besinnung zu sammeln,

Statt zu dem Ziele den Lauf, den sie fast schon vollendet, zu richten?[89]

Freude und Schmerz

Ferner entsteht wohl der Schmerz, wenn des Urstoffs Grundelemente

In dem lebendigen Fleisch und den Gliedern gewaltsam erschüttert

Hin und her sich bewegen im eigensten, Innersten Sitze;

Wonne dagegen, sobald in die vorige Lage sie kehren.

Daher weiß man, daß nimmer den Schmerz die Grundelemente,

Nie auch das Wonnegefühl von sich aus können empfinden.

Da sie doch selber nicht wieder aus Urstoffkörpern bestehen,

Deren erneute Bewegung sie schmerzhaft müßten empfinden

Oder auch hieraus gewinnen die lebenspendende Wonne.

Also dürfen Atome mit keiner Empfindung begabt sein.

Schlußbeweis

Endlich wenn alle Geschöpfe nur dann Empfindung besäßen,

Falls man sie auch den Atomen, daraus sie gebildet sind, gäbe,

Welche besondren bekäme das Menschengeschlecht dann zu eigen?

Offenbar würden dann diese bald schütterndes Lachen erheben,

Bald mit der Tränen Tau die Wimpern und Wangen benetzen,

Würden auch viel zu reden verstehn von der Mischung der Stoffe

Und dann weiter zu forschen nach ihren ureignen Atomen!

Denn da sie ähnlich, so wären wie sterbliche Menschen als Ganzes,

Müßten auch solche Atome nun wieder aus ändern bestehen,

Diese dann wieder aus ändern, so daß kein Ende zu sehn ist.

Daraus folgte, daß alles, was redet und lacht und Verstand hat,

Aus Atomen bestünde (so meinst du), die ebenso täten!

Aber wir sahen ja doch, dies ist blödsinniger Wahnwitz:

Lachen kann doch auch das, was aus lachendem Stoff nicht erwachsen;

Was Verstand hat und weiß mit Beweisen gelehrt zu verfahren,

Braucht nicht hervorzugehn aus beredten, verständigen Keimen.

Warum sollten demnach die sinnenbegabten Geschöpfe

Nicht aus Keimen bestehn, die völlig der Sinne entbehren?[89]

Schließlich wir sind doch alle von himmlischem Samen entsprossen,

Und Ein Vater erzeugte uns alle. Sobald nur die Tropfen

Seines befruchtenden Regens empfängt die befruchtete Mutter

Erde, gebiert sie die schimmernde Frucht und die labenden Bäume

Und das Menschengeschlecht mit sämtlichen Sippen der Tiere.

Dann reicht Nahrung sie dar, mit der sie den Körper ernähren,

Ihres Lebens genießen und zeugend sorgen für Nachwuchs.

Darum hat sie mit Fug auch den Mutternamen erhalten.

Ebenso kehrt, was der Erde vorher entstammt ist, zur Erde

Wieder zurück, und es steigt, was aus Äthers Höhen herabkam,

Wieder empor und zurück empfängt es das Himmelsgewölbe.

Denn es vernichtet der Tod nichts derart, daß er des Stoffes

Urelemente zerstörte. Er trennt nur ihre Verbindung;

Dann verbindet er weiter das ein' und andre und wirkt so,

Daß er bei allen die Formen verkehrt und die Farben verändert,

Daß sie Empfindung erhalten und plötzlich dann wieder verlieren.

Daraus lernst du, wie wichtig es ist, mit welchen Atomen,

Ferner in welchem Gefüge die Grundelemente verkehren,

Und wie sich endlich gestalte die gegenseit'ge Bewegung.

Glaub auch ja nicht, es ruhe im Grunde der ew'gen Atome,

Was wir so hin und her auf der Oberfläche der Dinge

Flutend und bald entstehend, dann plötzlich vergehend erblicken.

Ist es doch selbst bei unserm Gedicht recht wichtig, wie jede

Letter in Reihe sich stellt und mit anderen Lettern verbindet.

Denn dieselbigen Lettern bezeichnen ja Himmel und Erde,

Meer und Ströme und Sonne, wie Korn, Obst, lebende Wesen;

Wenn auch nicht alle sich gleichen, so ist doch bei weitem die Mehrzahl

Ähnlich; erst Ordnung und Lage bewirkt die Scheidung der Sachen.

Mit den Dingen nun selbst steht's ebenso: wenn sich des Urstoffs

Ordnung, Lage, Gestaltung, Zusammenstoß und Bewegung

Ändern, dann müssen zugleich die Dinge sich selber verändern.[90]

Übergang zum Kosmischen

Doch nun wende den Geist zur weiteren Wahrheitsforschung.

Denn ein neues Problem strebt heftig dein Ohr zu gewinnen,

Und die Erscheinung der Welt will neu sich den Blicken enthüllen.

Doch kein Ding ist so faßlich und leicht, daß es nicht für den Glauben

Größere Schwierigkeit böte zu Anfang; aber hinwieder[90]

Gibt es auch nichts so Großes und nichts so Bewundernswertes,

Daß nicht uns allen gemach die Bewunderung wieder verschwände.

Vorerst nenn' ich die reine und strahlende Bläue des Himmels

Und was er rings umschließt, die schweifenden Wandelgestirne

Samt dem Mond und des Sonnenlichts helleuchtendem Glanze:

Wenn dies alles erst jetzt zum ersten Male urplötzlich,

Unversehens sich böte den Blicken der sterblichen Menschen,

Was verdiente wohl eher als dies die Bezeichnung des Wunders,

Oder was konnte vordem wohl die Menschheit weniger glauben?

Nichts, wie mich dünkt. Solch Wunder erschien' uns der himmlische Anblick.

Trotzdem hält jetzt niemand für wert, da man satt ist des Schauspiels,

Seinen Blick zu erheben zum leuchtenden Himmelsgewölbe.

Drum wenn grade die Neuheit dich schreckt, verwirf nicht im Geiste

Vorschnell unsere Forschung; vielmehr mit der Wage des Urteils

Wäge sie desto genauer und, scheint sie dir wahr, so ergib dich!

Scheint sie dir aber verkehrt, so rüste dich sie zu bekämpfen.

Denn die Präge bedrängt uns den Geist: da der äußere Raum sich

In das Unendliche dehnt weit über die Mauern des Weltalls,

Was gibt's dort noch zu schauen, was unser Verstand zu erfassen

Wünscht und wohin sich der freiere Flug des Gedankens emporschwingt?[91]

Unendlichkeit des Weltalls

Erstlich gibt es für uns nach allen beliebigen Seiten

Weder nach rechts noch nach links, noch nach oben hin oder nach unten

Irgendein Ende. So hab' ich's gelehrt, wie die Sache auch selber

Für sich spricht; so wird die Natur des Unendlichen deutlich.

Also muß wohl auch dies ganz unwahrscheinlich erscheinen,

Daß, da leer sich der Raum in das Unermeßliche dehnet,

Und unzählige Keime in endloser Tiefe des Weltraums

Mannigfach schwirren umher, von der ew'gen Bewegung ergriffen,

Dieser einzige Himmel entstünd' und ein einziger Erdkreis,

Während so viele Atome des Urstoffs außerhalb feiern!

Überdies ist die Schöpfung der Welt ein natürlicher Vorgang,

Da sich die Keime der Welt von selbst und durch Zufall begegnen.

Vielfach trieben sie völlig vergeblich und fruchtlos zusammen,

Bis sich dann endlich die plötzlich geeinigten Teilchen verschmolzen

Und dann jedesmal wurden zum Anfang großer Gebilde,[91]

Wie von der Erde, vom Meere, vom Himmel und lebenden Wesen.

So mußt immer aufs neue du dies mir bestätigen, daß sich

Anderswo andre Verbindung des Urstoffs bildet wie unsre

Welt, die der Äther so fest mit brünstigen Armen umklammert.[92]

Unendlich viele Welten

Wenn zudem noch der Stoff in gewaltiger Menge sich findet,

Wenn auch der Raum zureicht, kein Ding und kein Grund sich entgegen

Stellt, dann muß doch entstehn ein Weben und Leben der Wesen.

Wenn nun die Menge der Keime so groß ist, daß sie zu zählen

All die Lebenszeit der lebenden Wesen nicht reichte,

Und darin die Natur sich erhält, die in ähnlicher Weise

Überallhin zu verbringen vermag die Keime der Dinge,

Wie sie sie hierher brachte, so mußt du wieder bekennen,

Daß noch andere Erden in anderen Welten bestehen

Mit verschiedenen Rassen von Menschen und Sippen der Tiere.

Hierzu kommt, daß im Ganzen kein einziges Wesen sich findet,

Das als einz'ges entstünd' und allein und einzig erwüchse,

Ohne zu einem Geschlecht zu gehören, in welchem noch viele

Gleicher Gattung sich fänden. Die lebenden Wesen vor allem

Sind zu beachten. Da findest du bergebewohnende Tiere,

Ferner der Menschen erzeugtes Geschlecht, und endlich die stumme,

Schuppige Herde der Fische und alle die Vogelgestalten,

Darum darf man behaupten, daß ähnlich wie diese der Himmel,

Erde und Meer, auch Sonne und Mond und die übrigen Dinge

Nicht in der Einzahl dürfen vorhanden sein, sondern in Unzahl,

Da ihr Leben nicht minder der grundtief ruhende Markstein

Abgrenzt und sie nicht minder aus sterblichem Körper bestehen

Als das gesamte Geschlecht, das hienieden nach Arten gedeihet.

Kein Götterregiment

Hast Du nun dies wohl inne, so siehst du, wie stets die Natur sich

Unabhängig erhält von der Laune tyrannischer Herrscher

Und selbständig in allem sich ohne die Götter betätigt.

Denn bei dem heiligen Geist und dem seligen Frieden der Götter,

Die ein geruhiges Leben und heiteres Dasein führen:[92]

Wer von ihnen vermag das unendliche All zu regieren,

Wer kann kräftig die Zügel der unermeßlichen Tiefe

Halten in leitender Hand, wer alle die Himmel im Gleichmaß

Drehn und fruchtbar die Erde mit Flammen des Äthers erwärmen,

Gegenwärtig zu jeglicher Zeit und an jeglichem Orte,

Um bald Dunkel durch Wolken zu schaffen und Donner erregend

Heiteren Himmel zu trüben, bald Blitze zu senden und häufig

Selbst die eigenen Tempel zu schädigen oder im Wüten

Selbst auf Wüsten Geschosse zu richten, die harmlose Leute

Und unschuldige töten, dagegen die Schuldigen meiden?[93]

Entstehen und Vergehen der Welt

Auch nach dem Weltenbeginne und nach dem Entstehungstage,

Als mit der Sonne zugleich auch das Meer und die Erde sich hoben,

Setzten sich Körper von außen her an, und es kamen noch ringsum

Keime dazu, die das endlose All ausschleudernd entsandte,

Draus sich das Meer wie die Länder zu mehren vermöchten, daraus auch

Raum noch gewänne des Himmels Palast, um ein hohes Gewölbe

Fern von der Erde zu spannen, zugleich auch die Luft sich erhöbe.

Denn von überallher wird jedem sein eigener Urstoff

Sämtlich durch Stöße vermittelt und trifft auf die eignen Geschlechter

So kommt Wasser zu Wasser, die Erde vermehrt sieh durch Erdstoff,

Feuer vergrößert das Feuer und Äther wiederum Äther,

Bis dann endlich Natur, die Schöpferin, alle Geschöpfe

Als Vollenderin führt zu dem äußersten Ende des Wachstums.

Dies tritt ein, wo der Stoff, der neu in die Lebensgefäße

Kommt, nicht stärker mehr strömt als jener, der weicht und zurückströmt.

So ist allen Geschöpfen ihr Lebensfaden bemessen,

So hemmt Mutter Natur durch eigene Kräfte das Wachstum.

Alles, was wachsen du siehst in fröhlich gedeihendem Auftrieb

Und was mählich erklimmt die Stufen der reifenden Jahre,

Eignet sich mehr von dem Urstoff an als was ihm entschwindet,

Da sich die Nahrung leicht in die sämtlichen Adern verbreitet,

Diese auch selbst nicht so weit sind gedehnt, um viel zu verlieren

Und mehr Stoff zu vertun, als das Leben zur Nahrung verbrauchet.

Denn daß viel aus den Dingen entweicht und wieder zurückströmt,[93]

Darf man gewiß nicht leugnen. Doch stärket muß immer der Zufluß

Sein, bis sie endlich erreichen den äußersten Gipfel des Wachstums.

Dann zerbricht uns das Leben die Kraft und gewonnene Stärke

Stückweis wieder und schwindet dahin nach der schlechteren Seite.

Denn natürlich je größer und breiter ein Ding ist geworden,

Wenn es den Zuwachs erhalten, zerstreut es auch größere Mengen

Überallhin von Atomen und schleudert sie ab von dem Körper.

Auch verteilt sich nicht leicht die Nahrung in alle die Adern,

Und sie genügt nicht mehr. Um jetzt für den reichlichen Abfluß

Soviel Neues zu liefern und vollen Ersatz zu beschaffen.

So stirbt alles mit Fug, wenn es durch der Atome Verschwinden

Löcher erhält und den Stößen von außen her preis ist gegeben.

Denn dem höheren Alter muß endlich an Nahrung es fehlen,

Und nie rasten die Stoffe, durch heftigen äußeren Ansturm

Alles dem Tode zu weihn und durch feindlichen Stoß zu bezwingen.

Also werden dereinst auch die mächtigen Mauern des Weltrunds

Endlich erliegen dem Sturm und in Schutt und Moder zerfallen.

Denn nur die Nahrung ist's, die alles verjüngen, ergänzen,

Kräftigen müßte, die Nahrung! um alles instand zu erhalten:

Leider umsonst. Denn weder vermögen die Adern genügend

Dienste zu tun noch kann die Natur das Benötigte liefern.

Unsere Zeit ist so sehr schon gebrochen; erschöpft kann die Erde

Kaum noch kleinre Geschöpfe gebären, obgleich sie doch alle

Arten geschaffen und Tiere von riesigem Körper erzeugt hat,

Denn nicht senkte (so dünkt mich) an goldener Kette der Himmel

Einst die vergänglichen Wesen in unsre Gefilde hernieder,

Noch erschuf sie das Meer und die felsumtosende Brandung,

Sondern die Erde gebar sie, die jetzt auch selbst noch sie nähret.

Sie ist's auch, die das schimmernde Korn und die labende Rebe

Aus selbsteignem Entschlüsse zuerst uns Sterblichen pflanzte;

Sie gab selbst uns das trauliche Vieh und das labende Futter,

Was jetzt kaum noch gedeiht trotz unseren Mühen und Sorgen.

Ach, wie ermatten die Kräfte der Rinder und Ackerbebauer,

Kaum gibt's Eisen genug, um unseren Boden zu pflügen.

So karg gibt er Ertrag und verdoppelt nur unsere Mühe.

Ja, jetzt schüttelt schon öfter sein Haupt der gealterte Bauer

Und seufzt drob, daß zunichte ihm ward die unendliche Arbeit,

Und mit der Gegenwart die vergangenen Zeiten vergleichend

Preist er wohl häufig das Glück, das seinem Erzeuger noch hold war.[94]

Traurig beschwert sich der Pflanzer der alten, vertrockneten Rebe

Über veränderte Zeiten und schickt zu dem Himmel die Klagen.

»Wahrlich, das alte Geschlecht«, so schilt er, »das Frömmigkeit übte,

Konnte mit leichtester Mühe auf kleineren Hufen sich nähren,

Wenn auch des Ackers Maß viel schmäler war jedem bemessen.«

Ach, er begreift nicht, wie alles vergeht und mählich dem Grabe

Zuwankt, müde geworden im langen Laufe der Jahre.[95]

Drittes Buch

Die Seele

Preis Epikurs

Der du zuerst aus der Finsternis Nacht so leuchtend die Fackel

Hoch zu erheben vermocht und die Güter des Lebens zu zeigen,

Dir, o Zier des hellenischen Volks, dir folg' ich und setze

Fest den Fuß in die Spuren, die du in den Boden gedrückt hast.

Nicht Wetteifer, dir gleich es zu tun, nur glühende Liebe

Drängt mich dir nachzustreben. Wie möchte dem Schwane die Schwalbe

Je sich vergleichen? Wie könnte denn auch mit zitternden Gliedern

Jemals das Böcklein im Lauf mit dem sehnigen Rosse sich messen?

Du, mein Vater, du bist der Entdecker der Wahrheit, du gibst uns

Väterlich Rat. Wie die Bienen auf blumiger Halde den Blüten

Allen Honig entsaugen, so schlürfen auch wir aus den Rollen,

Die du. Gepriesener, schriebst, nun alle die goldenen Worte,

Goldene Worte und wert bis in Ewigkeit weiterzuleben!

Denn sobald dein System, das Erzeugnis göttlichen Geistes,

Über das Wesen der Dinge die laute Verkündigung anhebt,

Scheucht es die Angst von der Seele. Da weichen die Mauern des Weltalls

Und ich erblick' im unendlichen Raum das Getriebe der Dinge.

Da enthüllt sich der Gottheit Macht und die friedlichen Sitze,

Die kein Sturmwind peitscht, kein Regengewölke benetzet,

Die kein Schneesturm schädigt, wo nie bei starrendem Froste

Weißlich die Flocken sich senken; wo immerdar heiter der Äther

Lacht und überallhin sich die Ströme des Lichtes ergießen.

Allen Bedarf reicht ferner von selbst die Natur und es stört nie

Irgendein Wesen die Gottheit im seligen Frieden des Geistes.

Nirgend erscheinen hingegen des finsteren Acheron Räume,

Nirgend auch hindert die Erde zu schauen, was alles umherschwirrt

Unterhalb unserer Füße im Raum des unendlichen Leeren.

Hier ergreift es mein Herz mit wahrhaft göttlicher Wollust

Und mit Schauer zugleich, daß so die Natur sich erschlossen

Deiner Gedankengewalt und jetzt allseitig enthüllt ist.

Inhalt des Buches: Psychologie

Da ich nun also gezeigt, wie beschaffen die Grundelemente

Sind bei sämtlichen Wesen, und wie an Gestalten verschieden

Diese durch eigenen Trieb in beständ'gen Bewegungen schwirren,

Und wie sämtliche Wesen im einzeln sich hieraus entwickeln:

Scheint mir nun hiernach das Nächste, des Geistes Natur und der Seele

Dir in ein klareres Licht durch meine Gedichte zu setzen

Und dir aus deinem Gemüt kopfüber den Schrecken der Hölle

Auszutreiben, der gründlich das menschliche Leben zerrüttet,

Alles von unten befleckt mit des Todes Schwärze und nimmer

Lauter und rein uns gestattet des Lebens Lust zu genießen.

Todesangst der Menschen

Denn wenn häufig die Leute ein sieches und ehrloses Leben

Noch viel furchtbarer nennen als Tod in des Tartarus Reiche

Und das Wesen des Geistes als Blut zu erkennen vermeinen

Oder als Luft, falls ihnen beliebt auch dies zu behaupten,

Und man brauche dazu nicht im mindesten unsere Weisheit:

All dies, wirst du bemerken, verrät mehr prahlerisch Wesen,

Wie du aus folgendem siehst, als wirkliche Lebensbewährung.

Denn die nämlichen Leute, sobald sie verbannt aus der Heimat,

Aus der Gesellschaft gestoßen, mit schimpflichem Makel behaftet

Und von jeglichem Kummer bedrückt sind, leben doch weiter,

Schlachten, wohin sie auch immer im Elend gelangen, den Ahnen

Schwärzliche Schafe zum Opfer und senden den seligen Toten

Weihegüsse ins Grab und wenden den Sinn in dem Unglück

Noch viel eifriger jetzt zu den religiösen Gebräuchen.

Drum empfiehlt es sich mehr, den wahren Charakter des Menschen

Zu erproben in widriger Zeit und in schweren Gefahren.

Dann erst hört man von ihnen die wirklichen Töne des Herzens

Aus der Tiefe sich ringen, es fallen die Masken: der Kern bleibt.

Endlich die blinde Begierde nach Ehrenstellen und Reichtum

Treibt die erbärmlichen Menschen, sich über die Grenzen des Rechtes

Wegzusetzen, so daß sie als Helfer und Diener der Frevel

Oft bei Tag und Nacht mit erheblicher Mühsal streben,

Aufzusteigen zum Gipfel der Macht; das sind Wunden des Lebens,

Die von der Angst vor dem Tode zum größeren Teile sich nähren.[97]

Denn die bittere Not und der Schimpf der Verachtung erscheinen

Unvereinbar zumeist mit behaglichem, sicherem Dasein,

Ja, sie scheinen bereits vor den Pforten des Todes zu lauern.

Darum wollen die Leute, die eingebildete Angst treibt,

Solchen Geschicken entfliehen und weit sich von ihnen zurückziehn.

So vergießen sie Bürgerblut, um sich Geld zu erraffen,

Doppeln den Reichtum mit Gier und begehen Morde auf Morde,

Freuen sich bar des Gefühls am Trauersarge des Bruders,

Und sie betrachten mit Haß und mit Angst den Tisch der Verwandten.

Diese Angst ist nun häufig in ähnlicher Weise die Quelle

Quälenden Neides: sie klagen, dort jenen allmächtig zu sehen,

Jenen beachtet, dieweil er im Glänze der Würden einhergeht,

Während sie selber verachtet im Kot und im Dunkel sich wälzen.

Mancher auch stürzt in den Tod im Rennen nach Namen und Denkmal.

Häufig sogar faßt Ekel am Leben und Wandeln im Lichte

Just aus bebender Angst vor dem Tode die Menschen, so daß sie

Selber im Jammer des Herzens mit eigener Hand sich entleiben,

Ohne zu denken, daß grade der Angst ihr Jammer entquelle.

Angst verleugnet die Scham, bricht Bande innigster Freundschaft,

Angst verletzt die heiligste Pflicht in krasser Gemeinheit.

Haben doch oft schon die Menschen, die Acherons Schlund zu entgehen

Suchten, ihr Vaterland und die teuren Eltern verraten.

Denn wie in dunkeler Nacht die Kindlein zittern und beben

Und vor allem sich graulen, so ängstigen wir uns bisweilen

Selbst am Tage vor Dingen, die wahrlich nicht mehr sind zu fürchten,

Als was im Dunkel die Kinder befürchten und künftig erwarten.

Jene Gemütsangst nun und die lastende Geistesverfinstrung

Kann nicht der Sonnenstrahl und des Tages leuchtende Helle

Scheuchen, sondern allein der Natur grundtiefe Betrachtung.[98]

Geist ein Körperteil

Erstlich behaupt' ich, der Geist (wir nennen ihn öfter Verstand auch),

In dem unseres Lebens Beratung und Leitung den Sitz hat,

Ist nur ein Teil von dem Menschen, so gut wie die Hand und der Fuß ist

Oder das Auge ein Teil des ganzen lebendigen Wesens.

[Freilich nun haben dagegen sich einige leichthin geäußert,]

Geistiges Wesen sei nicht an bestimmte Organe gebunden,

Sondern als Lebenskraft in dem ganzen Körper verbreitet[98]

(Harmonie ist das griechische Wort), die Leben uns wirke

Und Empfindung zugleich, doch an keinem besonderen Ort sei.

Spricht man ja oft ganz ähnlich von unseres Körpers Gesundheit,

Die doch gewiß nicht als einzelner Teil des Gesunden sich darstellt.

Ebenso wohne der Geist nicht in einem bestimmten Organe.

Damit scheinen sie mir gar sehr auf den Abweg geraten.

Fühlt doch Krankheit bisweilen der sichtbare Körper, indessen

Wir voll Heiterkeit sind in anderen, innern Organen.

Aber auch andererseits begegnet das Gegenteil häufig:

Krank im Gemüt strahlt mancher trotzdem in Gesundheit des Körpers.

Ebenso bleibt vielleicht, wenn der Fuß uns Schmerzen bereitet,

Währenddessen das Haupt von jeglichem Leiden verschonet.

Ferner sobald uns der Schlummer mit weicher Umarmung genaht ist,

Ausgegossen die Glieder und fühllos dumpf uns der Leib liegt,

Lebt doch in unserer Brust noch ein anderes Etwas, das vielfach

Währenddessen sich regt, das alle die heitern Gedanken

Ebenso treulich erfaßt wie des Herzens nichtige Sorgen.[99]

Auch die Seele ein Körperteil

Nicht nur der Geist, auch die Seele verweilt in den Gliedern, und Fühlen

Wirkt in dem Leib nicht die Harmonie. Dies kannst du ersehen

Daraus vor allem, daß oft trotz erheblichen Körperverlusten

Doch noch das Leben sich kann in unseren Gliedern erhalten;

Wiederum weicht es sofort aus unseren Adern und Knochen,

Wenn aus dem Körper entflohn auch nur wenige Wärmeatome

Und aus dem Munde der Odem hinaus in die Lüfte verhauchte.

Hieraus magst du erkennen, daß keineswegs alle Atome

Gleich in der Wirkung sind und gleich in der Lebenserhaltung;

Sondern daß die Elemente, die Luft und erwärmende Hitze

Schaffen, vornehmlich im Leibe für Lebenserhaltung besorgt sind.

Deshalb ist's auch die Lebensluft und die Wärme im Körper,

Die in der Stunde des Todes aus unseren Gliedern entweichen.

Also wir haben gefunden, das Wesen von Geist und von Seele

Sei wie ein Teil vom Menschen. Drum gib den Musikern wieder

Ihr Wort Harmonie, das von Helikons Höhen herabkam,

Oder woher man sonst es entlieh und auf jenen Begriff dann

Übertrug, der früher des eigenen Namens entbehrte:

Wie es auch sei, laß ihnen das Wort und höre das weitre!

Geist und Seele eine Einheit

Geist und Seele (behaupt' ich nun weiter) sind innig verbunden

Untereinander und bilden aus sich nur ein einziges Wesen.

Doch ist von beiden der Herrscher und gleichsam das Haupt in dem ganzen

Körper die denkende Kraft, die Geist und Verstand wir benennen,

Und die nur in der Mitte der Brust den beständigen Sitz hat.

Hier rast Schrecken und Angst, hier quillt auch beruhigend nieder

Fröhlicher Heiterkeit Born. So sitzt auch Geist und Verstand hier.

Über den ganzen Körper jedoch ist die übrige Seele Ausgebreitet.

Sie regt sich gehorsam dem Winke des Geistes.

Dieser allein denkt frei, nur er fühlt eigene Freuden,

Während zur selbigen Zeit in Körper und Seele sich nichts regt.

Wie wir, sobald wir am Haupte verletzt sind oder am Auge,

Doch nicht im Ganzen des Körpers die Qual mitleidend empfinden,

Also erfährt auch bisweilen der Geist selbst schmerzliches Leiden

Oder erhebende Freude, dagegen empfindet der Seele

Übriger Teil nichts weiter in Gliedern oder Gelenken.

Wird hingegen der Geist von stärkerem Schrecken ergriffen,

Leidet das Ganze der Seele (man sieht's an den Gliedern) zugleich mit:

So bricht Angstschweiß aus, es erblaßt uns die Haut auf dem Körper,

Unsere Sprache wird lallend, die Stimme versagt und das Ohr saust,

Dunkel umflort sich das Auge, es knicken die Knie zusammen;

Ja wir bemerken wohl oft, wie ein plötzlich Erschrecken des Geistes

Menschen zu Boden stürzt. Leicht kann da ein jeder erkennen,

Seele sei innig verbunden mit Geist. Wenn dieser die Seele

Anstößt, lenkt sie den Stoß auf den Körper und streckt ihn zu Boden.

Körperlichkeit von Geist und Seele

Eben derselbe Beweis lehrt klar, daß ein körperlich Wesen

Geist wie Seele besitzen. Sie geben den Gliedern Bewegung,

Weckenden Körper vom Schlaf und verändern die Züge im Antlitz,

Ja man sieht, daß sie gänzlich den Menschen regieren und lenken.

Da sich nun, wie wir erkennen, nichts hiervon ohne Berührung

Kann vollziehn und Berührung nicht ohne den Körper, so muß man

Auch für den Geist und die Seele ein körperhaft Wesen behaupten.[100]

Weiter siehst du des Geistes und Körpers gemeinsames Wirken,

Und wie sympathisch sie beide in unserem Körper empfinden.

Dringt ein schrecklich Geschoß mit Gewalt in die Knochen und Nerven,

Daß es das Innre entblößt, so verschont es vielleicht noch das Leben,

Aber es stellt sich doch Ohnmacht ein und der Drang, auf die Erde

Sachte zu gleiten, und dort entwickelt sich Wallung im Geiste

Und bisweilen ein dumpfes Gefühl, sich erheben zu wollen.

Also das Wesen des Geistes ergibt sich als körperhaft hiernach;

Denn das Geschoß wie der Schuß, die ihn schmerzen, sind körperhaft beide.[101]

Die Atome des Geistes

Welcherlei Körper der Geist nun besitzt und aus welchen Atomen

Dieser besteht, soll weiter mein Vers dir näher erläutern.

Erstlich behaupt' ich, er sei aus den allerfeinsten und kleinsten

Urelementen gebildet. Daß dieses sich also verhalte,

Magst du aus folgendem lernen, so daß es dir völlig gewiß wird.

Nichts in der Welt scheint wohl an Geschwindigkeit irgend zu gleichen

Unserem Geist, der im selben Moment, was er denkt, auch schon anfängt.

Also bewegt sich der Geist viel schneller als irgendwas andres

Aus dem Bereiche der Dinge, die unserem Auge sind sichtbar.

Aber nun kann doch ein Ding, das so leicht sich bewegt, nur bestehen

Aus ganz kugelig runden und allerkleinsten Atomen,

Die beim leichtesten Stoß sofort in Bewegung sich setzen.

Denn auch das Wasser bewegt sich und wogt beim leisesten Anstoß,

Da es sein Dasein dankt leicht rollenden kleinen Figuren.

Andererseits hat der Honig die ungleich festere Fügung:

Zäher fließen die Tropfen und zögernder ist die Bewegung.

Denn das Gefüge des Stoffs hängt hier viel fester zusammen

Untereinander. Natürlich; es hat ja weniger glatte,

Weniger feine und auch viel weniger runde Atome.

Nimm nun die Körner des Mohns: das leiseste, schwebende Lüftchen

Läßt auch den stattlichsten Haufen von oben herunter zerrinnen;

Aber bei einem Gehäufe von Steinen oder von Ähren

Ist das unmöglich. Mithin je kleiner und glatter die Körper

Sind von Natur, um so mehr wird ihre Beweglichkeit wirksam.[101]

Alle jedoch, die im Gegenteil recht wuchtig erscheinen,

Und nicht minder die rauhen, sind um so besser gefestigt.

Nunmehr, wo wir erkannt die Beweglichkeit äußersten Grades

Als das Wesen des Geistes, ergibt sich unweigerlich, daß er

Aus ganz winzigen, glatten und runden Atomen bestehe.

Diese Erkenntnis mein Bester, die nun du gewonnen, sie wird sich

Dir noch in mancher Beziehung als nützlich und förderlich zeigen.[102]

Die Atome der Seele

Auch das folgende wird dir das Wesen der Seele erläutern,

Wie so fein ihr Gewebe und wie sie mit winzigem Raume

Auskommt, falls ein Zusammenschluß sich nur irgend ermöglicht.

Nämlich sobald nur den Menschen die friedliche Ruhe des Todes

Überwältigt, sobald mit dem Geiste die Seele geschieden,

Siehst du doch keinen Verlust an der ganzen Gestaltung des Körpers

Weder nach Form noch Gewicht. Der Tod zeigt alles wie vordem,

Nur fehlt jetzt ihm das Lebensgefühl und die feurige Wärme.

Also muß doch die Seele in Adern, Geweiden und Sehnen

Nur durch die kleinsten Atome sich ganz mit dem Leibe verknüpfen.

Denn selbst wenn sie vom Körper nun ganz und gar sich getrennt hat,

Bleibt ihm doch völlig erhalten der äußere Umriß der Glieder,

Und an dem alten Gewicht fehlt auch kein einziges Quäntchen.

Ähnlich verflüchtigt sich auch die Blume des Weines, und wenn sich

Lieblicher Duft in die Lüfte dem Salbölfläschchen entwindet,

Oder wenn irgendein Saft aus anderem Körper entweichet,

Ohne daß dieser nun selbst deswegen für unsere Augen

Kleiner erschien' und ohne daß irgendwas fehlt' am Gewichte.

Wunderbar ist dies nicht. Denn viele winzige Keime

Bildenden Saft und Geruch in dem ganzen Körper der Dinge.

Darum präge dir ein (ich verkünd' es dir wieder und wieder),

Daß die Natur wie den Geist so die Seele aus winzigen Keimen

Schuf, weil, wenn sie entweichen, sich nichts im Gewichte verändert.

Vier Arten von Seelenatomen

Aber man darf sich nun doch dies Wesen zu einfach nicht denken.

Denn aus des Sterbenden Munde entweicht ein dunstiger Windhauch[102]

Allerfeinster Natur, und der Dunst zieht wieder die Luft mit.

Wärme zudem ist immer vermischt mit jeglicher Luftart:

Denn da der Wärme Gefüge stets locker ist, müssen darinnen

Grundelemente der Luft in erheblicher Zahl sich bewegen.

So hat sich dreifach bereits das Wesen des Geistes enthüllet;

Doch dies alles genügt nicht, um Sinnesempfindung zu wecken.

Traut sich doch keins von den dreien die Fähigkeit zu, auf die Sinne

Einzuwirken, geschweige Verstandesgedanken zu wecken![103]

Vierter Seelenbestandteil

Ihnen müssen wir also ein viertes Wesen gesellen;

Doch ward dieses bisher noch mit keinerlei Namen bezeichnet.

Ihm vergleicht sich wohl nichts an Beweglichkeit oder an Feinheit,

Denn nichts reicht an die Glätte und Kleinheit seiner Atome.

Dieses erzeugt in den Gliedern zuerst die Erregung der Sinne,

Da es zuerst wird gereizt infolge der Kleinheit der Keime;

Dann empfängt auch die Wärme den Stoß, und das Wirken des Windes,

Den man nicht sieht, dann die Luft, bis alles gerät in Bewegung:

Blut wallt auf, dann dringt das Gefühl auch in alle die innern

Teile, dann teilt es zuletzt auch den Knochen sich mit und dem Marke,

Sei es die Lust, sei's Glut der entgegengesetzten Empfindung.

Übrigens dringt kein Schmerz, kein heftiges Übel so leichthin

Tief bis ins Mark. Sonst würde am Ende ja alles in Aufruhr

Kommen, so daß kein Raum für das Leben mehr bliebe und alle

Stücke der Seele entwichen durch sämtliche Poren des Körpers.

Sondern zumeist hört schon an der Oberfläche des Leibes

Alle Bewegung auf. So können das Leben wir retten.

Einheitlichkeit der vier Seelenteile

Nunmehr möcht' ich wohl gern dir erörtern, wie diese Vermögen

Untereinander gemischt und geordnet sind, aber den Vorsatz

Auszuführen versagt mir die Armut unserer Sprache.

Aber ich will, so gut ich's vermag, doch das wichtigste streifen.

Siehe, da schwingen beständig die Urelemente der Dinge

Hin und her miteinander, so daß kein einziges jemals[103]

Los sich trennen und räumlich geschiedene Wirkung entstehn kann;

Sondern die vielerlei Kräfte des Körpers wirken als Einheit.

Wie sich Geruch und Geschmack und besondere Farbe im Fleische

Aller belebten Geschöpfe der Regel nach überall findet,

Und doch allen erwächst vollkommene Einheit des Leibes,

So wird ein einziges Wesen durch Luft und Wärme gebildet

Und durch des Windes Gewalt, die nicht sichtbar ist, endlich durch jene

Leichtestbewegliche Kraft, die den ändern vermittelt den Anstoß

Und so zuerst in dem Fleisch die Sinneserregung hervorruft.

Denn dies Seelenvermögen verbirgt sich als innerster Urgrund,

Und es ist nichts in unserem Leib, was tiefer versteckt sei,

Ja, voll der ganzen Seele ist dieses just wieder die Seele.

Gleichwie vermischt mit dem Leib in den Gliedern sowohl wie im Ganzen

Unseres Geistes Kraft und der Seele Vermögen sich bergen,

Da sie aus wenigen nur und kleinen Atomen sich bilden,

So versteckt sich auch dies aus den kleinsten Atomen erschaffne

Namenlose Vermögen, das gleichsam wieder die Seele

Bildet der Seele im Ganzen und überall herrscht in dem Körper.

Ähnlich müssen auch Wärme und Luft mit dem Winde sich mischen

Untereinander und so in den Gliedern betätigen, freilich

Eins wird mehr vor den ändern hervorstehn oder zurückstehn,

Aber doch so, daß aus allen ein einheitlich Ganzes sich bildet,

Und nicht der Wind und die Wärme sich sondern vom Wirken des Lufthauchs;

Denn sonst würde die Trennung vernichten die Sinnesempfindung.[104]

Seelenaffekte

Wärme entfaltet der Geist, wenn die Flamme des Zorns in ihm lodert

Und die Glut der Empörung ihm heftiger blitzt aus den Augen,

Während zumeist der Genösse der Furcht, der erkältende Windhauch,

Schauder erregt in den Gliedern und Schultern in allen Gelenken;

Endlich die Luft wirkt jene beruhigte Seelenverfassung,

Die sich im heiteren Blick und im Frieden des Herzens bekundet.

Doch mehr Wärme besitzen die heftigen Temperamente,

Deren erregbares Herz gar leicht im Zorne emporwallt.

So ist vor allem geartet der grimmig wütende Löwe,

Dessen Gebrüll und Gestöhn die Brust ihm droht zu zersprengen,[104]

Da sein Herz nicht vermag die Fluten des Zornes zu fassen.

Doch in der Seele des Hirsches regiert die Kälte des Windes;

Der bringt schnell den erkältenden Hauch in dem Leibe zur Herrschaft,

Wo er ein Zittern und Beben in sämtlichen Gliedern hervorruft.

Doch in des Ochsen Natur herrscht mehr die ruhige Luft vor,

Nie erregt ihn zu stark des Zorns aufsprühende Fackel

Und verbreitet in ihm die Schatten verdüsternden Qualmes;

Doch auch die eisigen Pfeile des Schreckens bewirken kein Starrsein:

Seine Natur liegt zwischen dem grausamen Leu und dem Hirsche.

So steht's auch mit dem Menschengeschlecht. Denn wenn auch die Bildung

Einzelne gleich abschleift, so läßt sie bei jedem doch Spuren

Seiner ureignen Natur in seinem Geiste bestehen.

Niemals lassen sich Laster so ganz mit den Wurzeln entfernen:

Stets wird dieser geneigter zu heftigem Zorne sich zeigen,

Jener wird allzurasch von der Angst ergriffen, ein Dritter

Endlich läßt sich mitunter zuviel von den ändern gefallen.

Auch sonst müssen sich vielfach der Menschen verschiedne Naturen

Mannigfach unterscheiden wie ihre entsprechenden Sitten;

Doch die verborgenen Gründe dafür kann jetzt ich nicht sagen,

Noch die Benennungen finden für alle die mancherlei Formen

Jener Atome, die diese Verschiedenheit geben den Dingen.

Nur dies glaub' ich dabei als sicher vertreten zu können,

Daß es nur wenige Reste des angeborenen Wesens

Gibt, die sich nicht durch Vernunft vollständig beseitigen ließen.

So steht nichts uns im Wege, ein göttliches Leben zu führen.[105]

Gemeinsames Leben von Leib und Seele

Dies ist also das Wesen, das gänzlich vom Körper gehalten

Wieder den Körper bewahrt und der Grund ist seiner Erhaltung.

Denn durch gemeinsame Wurzeln ist Seele und Körper verbunden;

Trennung erscheint für beide nicht ohne den Untergang denkbar.

Wie es nur schwer uns gelingt den Geruch aus den Körnern des Weihrauchs

Ganz zu beseitigen, ohne sein Wesen zugleich zu vernichten,

So ist's schwierig den Geist und die Seele vom Körper zu lösen,

Ohne daß alles zusammen dadurch der Vernichtung verfiele.

Da sie von Uranfang durch die Grundelemente verwoben[105]

Sind miteinander, so führen sie auch ein gemeinsames Leben;

Auch daß das eine der beiden, der Körper nur oder die Seele,

Ohne die Hilfe des ändern empfinde, erscheint mir undenkbar.

Nein, der Empfindung Flamme wird nur durch vereinte Bewegung

Jener beiden gemeinsam in unserem Innern entzündet.

Überdies wird der Körper auch nie selbständig geschaffen,

Nimmt auch allein nie zu, noch dauert er fort nach dem Tode.

Denn es ist nicht wie beim Wasser, das häufig die Wärme verlieret,

Die es besaß, und doch nicht deshalb auch selber zerstört wird,

Sondern es bleibt wie es war. So, sag' ich, ist's nicht bei der Seele.

Ihr Abscheiden vermag der zurückgebliebene Körper

Nicht zu ertragen. Sofort zerfällt und verfaulet er gänzlich.

So vom Beginne des Lebens, verborgen im Schöße der Mutter,

Lernen Seele und Körper durch innige Wechselberührung

Sich an des Lebens Regung in solchem Maße gewöhnen,

Daß sich nicht ohne Vernichtung die Trennung der beiden vollziehn kann.

Daraus kannst du ersehn, daß ihr Wesen aufs engste verknüpft bleibt,

Da auch der Grund der Erhaltung für beide so innig verknüpft ist.[106]

Ist Empfindung nur der Seele eigen?

Falls im übrigen jemand versucht, des Körpers Empfindung

Dadurch abzutun, daß er meint, nur unsere Seele

Fühle im Körper verbreitet den Reiz, den Sinn wir benennen,

Der bestreitet damit die offenkundigste Wahrheit.

Wer kann je uns erklären, was körperlich Fühlen bedeutet,

Wenn die Erfahrung nicht selbst Tatsachen uns liefernd belehret?

»Aber«, so heißt es, »der Leib, wenn die Seele entflohen, ist fühllos.«

Ja, denn er büßt nur ein, was im Leben nicht ganz ihm gehörte,

Und noch vieles dazu, sobald ihn das Leben verlassen.

Sieht das Auge oder der Geist?

Ferner zu sagen, die Augen vermöchten nicht selber zu sehen,

Sondern der Geist nur sehe durch sie wie durch offene Türen,

Ist recht schwer; denn ihr eignes Gefühl spricht heftig dagegen:

Leitet uns doch das Gefühl und verweist auf das Sehen der Augen[106]

Selber, zumal wir ja oft hellglänzende Dinge nicht sehen,

Weil uns das Augenlicht durch das äußere Licht wird geblendet.

Anders steht's mit den Türen. Denn wenn man sie öffnet, so trifft doch

Keinerlei Schade die Öffnung, durch die wir selber hindurchsehn.

Übrigens wenn man für Türen erklären will unsere Augen,

Müßte dann um so mehr bei herausgenommenen Augen,

Wie bei beseitigten Türen, der Geist von den Dingen erschauen.[107]

Gegen Demokrit

Hierbei hüte dich wohl, der Ansicht Beifall zu zollen,

Die ein erhabener Geist, Demokritos, hatte begründet,

Nämlich: die Urelemente des Geistes mit denen des Körpers

Einzeln zusammengefügt abwechselnd verbänden die Glieder.

Denn die Atome der Seele sind erstens geringer an Größe

Als die, welche den Körper und dessen Inneres bilden,

Dann auch geringer an Zahl. Auch sind sie nur sparsam verteilet

Hier und da durch die Glieder, so daß sich nur dieses behaupten

Läßt: wie klein nur eben ein einzelner Körper noch sein kann,

Um die Sinneserregung in unserem Körper zu wecken,

Soviel Zwischenraum bleibt auch für die Seelenatome.

Denn wir fühlen's bisweilen auch nicht, wenn Staub an den Körper

Anfliegt, oder wenn Tünche auf unsere Glieder herabfällt,

Spüren auch nicht Nachtnebel und zarte Gewebe der Spinne,

Die auf dem Weg uns begegnen und uns beim Gehen umstricken,

Oder wenn uns ihr vermodertes Kleid auf die Haut ist gefallen,

Fühlen auch Vogelfedern und fliegende Samen der Pflanzen,

Die nur langsam meist infolge der Leichtigkeit fallen,

Ebensowenig wie irgendein Tier, das auf uns herumschleicht,

Oder die einzelnen Tritte der Mücken und andren Geschmeißes,

Das auf unseren Körper die kriechenden Füße gesetzt hat.

Also müssen zuerst gar viele der Körperatome

In die Bewegung geraten, bis dann die unserem Körper

Beigemischten Atome der Seele Erschütterung spüren

Und durch Stöße getrennt in bedeutenden Zwischenräumen

Wechselseitig verkehren durch Anprall, Einigung, Abprall.

Der Geist lebenswichtiger als die Seele

Und in der Tat ist der Geist der Torwart unseres Lebens

Und übt mehr als die Seele die Herrschaft über das Leben.

Denn wenn Geist und Bewußtsein entflohn, da vermag in den Gliedern

Kein Teil unserer Seele auch nur ein Momentchen zu weilen,

Sondern sie folgt als Genossin ihm bald, entweicht in die Lüfte

Und läßt unsere Glieder im Todesfroste erstarren.

Aber am Leben verbleibt, wem Geist und Bewußtsein geblieben,

Ob er auch rings an den Gliedern verstümmelt und Krüppel geworden;

Ob ihm auch Seele entzogen und rings aus den Gliedern gewichen,

Dennoch lebt er und atmet ätherischen Lebensodem;

Ja, der Seele beraubt, wenn nicht ganz, doch zum größeren Teile,

Zögert er dennoch zu sterben und hängt noch immer am Leben.

Auch das Auge behält bei Verletzungen, wenn die Pupille

Nur nicht gelitten hat, weiter die alte, lebendige Sehkraft;

Aber man darf nur nicht gänzlich den Apfel des Auges zerstören

Oder die Haut um den Stern rings lösen und ihn nur erhalten;

Denn auch dies wird dem Ganzen unzweifelhaft Untergang bringen.

Doch wenn auch nur ein winzigster Teil aus dem mittleren Stücke

Wäre zerfressen, erlösche das Licht und Finsternis folgte,

Selbst wenn der Umkreis sonst untadelig wäre erhalten.

Solch ein ewiges Bündnis verknüpft auch den Geist und die Seele.

Geist und Seele sind sterblich

Aber wohlan, auf daß Du erkennst, daß in lebenden Wesen

Geist und flüchtige Seelen entstehen und wieder vergehen,

Will ich die Verse, die mir in der langen, erfreulichen Arbeit

Reiften, Dir jetzt vortragen: sie seien des Memmius würdig!

Fasse dabei nur die beiden Begriffe in eine Bezeichnung!

Wenn ich zum Beispiel nun von der »Seele« zu sprechen beginne

Und sie als sterblich erweise, so gilt dasselbe vom Geiste,

Da dies beides nur eins und eng miteinander verknüpft ist.

Kleinheit der Seelenatome

Erstlich zeigt' ich ja schon, daß das feine Gebilde der Seele

Nur aus den kleinsten Atomen besteht, die kleiner bei weitem[108]

Sind als die Urelemente der flüssigen Wassermaterie

Oder des Rauchs und des Nebels. Denn ihre Beweglichkeit steht ja

Weit voraus, und sie setzt sich beim leisesten Stoß in Bewegung,

Da sie doch schon von den Bildern des Rauchs und des Nebels erregt wird.

So erblicken wir oft im Schlummer, wie Dampf vom Altare

Hoch in die Lüfte sich hebt und weithin der Rauch sich verbreitet.

Denn unzweifelhaft schweben uns Bilder von dort vor den Augen.

Da du nun also siehst, wie rasch aus zersprungnen Gefäßen

Naß auseinander fließt und Wasser ins Weite entweichet,

Da sich auch, ebenso Nebel und Rauch in die Lüfte verbreitet,

Glaube mir, daß auch die Seele noch schneller sich teilt auseinander

Und noch rascher vergeht und in ihre Atome sich auflöst,

Ist sie einmal den Gliedern des Menschen entflohn und entwichen.

Denn wenn der Körper bereits, der gleichsam der Seele Gefäß ist,

Nicht mehr die Seele zu halten vermag, wenn irgendein Stoß ihn

Trifft und ein Leck entsteht, so daß aus den Adern das Blut rinnt,

Wie soll dann wohl die Luft, wie du wähnst, sie zu halten vermögen,

Die doch viel weniger dicht als der Leib ist und weniger festhält?[109]

Gleichzeitiges Werden und Vergeben von Leib und Seele

Übrigens fühlen wir selbst, wie der Geist mit dem Körper zusammen

Wird und zugleich auch wächst und zugleich auch wiederum altert.

Denn wie die Kinder noch schwanken mit ihrem noch schwachen und zarten

Körper, so ist entsprechend ihr Geistesgedanke noch unfest.

Kommt dann das männliche Alter mit stärkeren Kräften zur Reife,

Wächst auch der kluge Verstand und es mehrt sich die Stärke des Geistes.

Doch wenn später den Leib in den nervigen Lebenskräften

Irgendein Stoß erschüttert, wenn stumpf und kraftlos der Körper

Sinkt, dann erlahmt uns das Denken, es faselt die Zunge, der Geist wankt

Alles wird schadhaft und endlich da mangelt uns alles auf einmal.

Also muß auch entsprechend das Wesen der Seele sich endlich

Ganz auflösen wie Rauch in die hohen Regionen des Luftreichs,

Da wir sie sehn mit dem Körper zugleich entstehen und wachsen

Und, wie ich zeigte, zugleich vom Alter ermattet zerfallen.

Gleichzeitiges Leiden von Leib und Seele

Fernerhin sehen wir auch, ganz ebenso wie in dem Körper

Unerträgliche Leiden und heftige Schmerzen uns treffen,

Also befällt auch den Geist Angst, Trauer und nagende Sorgen.

Und so teilt er natürlich mit jenem das Schicksal des Todes.

Ja, bei Leiden des Körpers verfällt auch der Geist oft in Irrsinn;

Denn er verliert das Bewußtsein und schwatzt wahnschaffene Dinge.

Und bisweilen verfällt er bei schwerer lethargischer Starre

Tiefem und dauerndem Schlaf: es sinkt ihm das Haupt und die Augen;

So vernimmt er die Stimme nicht mehr, er erkennt nicht die Züge

Seiner Verwandten, die um ihn stehn und ins Leben zurücke

Ihn zu rufen sich mühn, das Gesicht und die Wangen voll Tränen.

Darum mußt du gestehn, daß auch der Geist sich zersetze,

Da auch in ihn sich drängen ansteckende Krankheitskeime.

Sind doch beide, wie Krankheit so Schmerz, Vollstrecker des Todes,

Wie uns dies schon seit lange der Untergang vieler gelehrt hat.

Sieht man nun auch, daß der Geist wie der kranke Körper geheilt wird,

Und daß der Geist wie der Leib durch Senfteig Heilung kann finden...

Wirkung des Weins

Endlich, warum nur folgt, wenn die Wirkung des Weines das Innre

Trifft und die feurige Glut sich in unseren Adern verbreitet,

Gliederschwere? Wir schwanken daher, es schlingern die Beine,

Stotternd lallet die Zunge, der Geist wird umnebelt, die Augen

Schwimmen, es hebt sich allmählich das Lärmen und Schluchzen und Zanksucht

Und was sonst noch für Folgen in ähnlicher Weise sich zeigen.

Wie ist nur all dies möglich, wenn nicht die gewaltige Wirkung,

Die von dem Wein ausgeht, in dem Leib selbst Wirrnis dem Geist bringt?

Aber was immer imstand ist, Verwirrung und Hindrung zu leiden.

Zeigt hierdurch, daß, wenn sich noch steigert die Kraft, die da einwirkt,

Alles dem Tode verfällt und künftigen Lebens beraubt ist.

Wirkung der Epilepsie

Ja, oft stürzt urplötzlich ein Mensch wie vom Blitze getroffen,

Wenn ihn die Krankheit packt, vor unseren Augen zu Boden;

Schaum tritt ihm vor den Mund, tief stöhnt er, ihm zittern die Glieder;

Ohne Bewußtsein, die Muskeln gespannt wie gefoltert, so keucht er

Ungleichmäßig und schleudert die Glieder, bis daß er ermattet.

Weil durch der Krankheit Kraft sich die Seele zerstreut in den Gliedern,

Wird sie in Aufruhr versetzt und schäumet empor wie die Wogen,

Die in dem salzigen Meere des Sturmwinds Wüten emporpeitscht.

Ferner das Stöhnen entringt sich der Brust, weil die Glieder von Schmerzen

Werden ergriffen und dann überhaupt, weil die Stimmelemente

Ausgepreßt und im Munde geballt sich nach außen entladen,

Wo ihr Weg ist gebahnt und wo sie es gleichsam gewähnt sind.

Ferner, Bewußtsein fehlt, weil die Kraft des Geists und der Seele

In Verwirrung gerät und weit auseinander gerissen

Durch das nämliche Gift, wie ich zeigte, vertrackt und getrennt wird.

Sind dann der Krankheit Quellen versiegt und die ätzenden Säfte,

Welche den Körper verseuchten, zurück in den Winkel gekrochen.

Dann erhebt sich der Kranke zuerst wie im Taumel und mählich

Kehrt die Besinnung ihm wieder zurück und die volle Beseelung.

Wenn nun im Körper bereits solch Leiden die Kräfte der Seele

Zur Erschütterung bringt und erbärmlich zersplittert und abquält,

Weshalb soll sie denn ohne den Leib und frei in den Lüften

Mit den gewaltigen Winden ihr Leben zu fristen vermögen?

Heilung von Leibes- und Seelenerkrankung

Sieht man nun auch, wie der Geist aus dem Siechtum wieder genesen

Und durch ärztliche Kunst wie der Leib kann Beßrung erfahren,

Deutet auch dies nur hin auf das sterbliche Wesen der Seele.

Denn wer irgend den Geist zu verändern versucht und sich anschickt,

Oder auch irgendein anderes Ding zu verwandeln bestrebt ist,

Muß da Teile dem Ganzen hinzutun oder versetzen

Oder ein Stückchen vom Ganzen, so wenig es sein mag, hinwegtun.

Doch das Unsterbliche duldet nicht Zusatz oder Versetzung

Seiner einzelnen Teile noch Abfluß auch des Geringsten.[111]

Denn was immer sich ändert und seine bisherigen Sitze

Wechselt, erleidet sofort die Vernichtung des früheren Zustands.

Somit verrät, wie gesagt, die Seele, sie mag nun erkranken

Oder sich bessern durch ärztliche Kunst, ihr sterbliches Wesen.

So tritt hier dem erlogenen Wahn tatsächliche Wahrheit

Augenscheinlich entgegen, versperrt ihm den Weg zum Entkommen

Und widerlegt den gefälschten Beweis durch den Zwang des Dilemmas.[112]

Allmähliches Absterben

Endlich sehen wir oft, wie ein Mensch allmählich davongeht

Und wie Glied um Glied das Lebensgefühl in ihm abstirbt.

Bleifarb werden zunächst an den Füßen die Nägel und Zehen,

Dann ersterben die Füße und Beine, dann zeigen allmählich

Auch die übrigen Glieder die Spuren des eisigen Todes.

Also es teilt sich des Geistes Natur und er tritt nicht auf einmal

Voll und ganz in das Freie. So muß man für sterblich ihn halten.

Nimmst du etwa nun an, die Seele vermög' in dem Innern

Selbst sich zusammenzuziehn und an einem Punkte zu sammeln

Ihre Atome und so die Empfindung den Gliedern zu nehmen,

Müßte man diesen Vereinigungspunkt, wo riesige Massen

Seelenstoffes sich sammeln, an stärkrer Empfindung erkennen.

Doch der findet sich nirgends, was klar ist und früher bemerkt ward,

Sondern in Stücke zerrissen entfliegt sie; so geht sie denn unter.

Ja, selbst wollt' ich einmal dir die falsche Behauptung gestatten,

Daß sich die Seele im Körper vermöge zusammenzuballen,

Wenn die Sterbenden nach und nach von dem Leben sich scheiden,

Müßtest du dennoch gestehn, daß die Seele sterblicher Art ist.

Denn es ist gleich, ob sie untergeht in die Lüfte zerstiebend

Oder gefühllos wird, sobald die Verästelung aufhört,

Da ja mehr und mehr aus dem Ganzen des Menschen Empfindung

Schwindet und weniger stets und weniger Leben zurückbleibt.

Untrennbarkeit von Leib und Seele

Da nun der Geist nur ein Teil ist des Menschen und stets an derselben

Festbestimmten Stelle verbleibt wie die Augen und Ohren

Und was für andere Sinne das Leben sonst noch regieren,[112]

Da nun ferner die Hand und das Äug' und die Nase gesondert

Oder geschieden von uns nicht Empfindung haben noch Dasein,

Sondern, wenn schon, in der kürzesten Frist in Moder zerfließen,

Also kann auch der Geist nicht ohne den Leib und den Menschen

Selbst sich des Daseins freun, da der Körper des Geistes Gefäß ist

Oder was sonst von noch engerer Form der Verbindung der beiden

Denken sich läßt: denn es hängt ja der Leib untrennbar am Geiste.

Kurz, wenn Körper und Geist zu lebendiger Wirkung sich innig

Untereinander verbinden, erfreun sie sich kräftigen Lebens.

Weder der Geist allein kann jemals ohne den Körper

Lebensregung bewirken noch kann ein entseelter Körper

Längere Zeit fortdauern und seine Sinne gebrauchen.

Gleichwie das Auge bekanntlich, sobald es den Wurzeln entrissen,

Und von dem übrigen Körper gelöst ist, nichts mehr erblicket,

So kann Geist und Seele allein nichts selber verrichten,

Wie es natürlich erscheint. Denn überall sind sie im Körper

Fest verbunden mit Fleisch, mit den Adern und Sehnen und Knochen.

Ihren Atomen ist auch, da ihr Abstand äußerst gering ist,

Freierer Sprung in die Weite versagt. Drum ist auch der Umkreis

Ihrer Sinneserregung beschränkt und, entfliehn sie im Tode

In die Luft aus dem Körper, ist keine Erregung mehr möglich;

Denn sie sind dann nicht mehr in der gleichen Weise gebunden.

Würde die Luft doch selber zum Körper und lebenden Wesen,

Könnte sie fassen die Seele und so die Erregungssphäre

Ihr umzirken, wie früher in Nerven und Leib sie sich regte.

Darum (ich sag' es noch einmal, du mußt notwendig mit glauben):

Hat sich die Hülle des Körpers gelöst und der Odem verflüchtigt,

Muß auch die Sinnesempfindung des Geistes sofort mit der Seele

Schwinden; denn enge verknüpft ist für beide die Lebensbedingung.[113]

Trennung von Leib und Seele

Da nun endlich der Körper die Trennung der Seele nicht aushält,

Ohne in Fäulnis zu fallen mit widrigem Leichengeruche,

Warum zweifelst du noch, daß die Seele den Innersten Tiefen

Unseres Leibes entströmt und verfliegt wie der Rauch aus der Esse?

Und daß der Körper so völlig vermorscht und verwandelt in Trümmer

Sinkt, weil die Fundamente des Baus von der Stelle gerückt sind

Und sich die Seele durch alle die Glieder, die Windungen alle,[113]

Die sich im Körper befinden, durch alle die Poren verflüchtigt?

So ist der Schluß wohl erlaubt, daß durch alle die Glieder des Leibes

Vielfach sich teilte der Seele Natur, noch ehe sie austrat,

Ja daß im Körper sogar die Seele schon in sich zersetzt war,

Eh' sie nach außen entwich und hinausschwamm frei in das Luftmeer.[114]

Ohnmachtsanfälle

Selbst solange sie noch von des Lebens Schrecken umzirkt ist,

Scheint doch öfter die Seele durch irgendwelche Erschüttrung

Schwankend zu werden und ganz von dem Körper sich lösen zu wollen:

Schlaff schon werden die Züge, als nahe die Todesstunde,

Und an dem blutlosen Körper ermatten und sinken die Glieder.

Solches geschieht, wenn, wie man wohl sagt, es jemandem schlecht wird

Oder die Ohnmacht naht. Da zittert man schon und ein jeder

Sucht noch zu haschen das Ende des schwindenden Lebensfadens.

Denn es erleidet alsdann wie der Geist so die Seele im ganzen

Einen erschütternden Stoß; so schwanken sie selbst wie der Körper;

So tritt leicht die Vernichtung ein, wenn ein stärkerer Stoß trifft.

Wie scheidet die Seele vom Leibe

Endlich, was zweifelst du noch, daß die Seele hinaus aus dem Körper

Hilflos ausgestoßen, im Freien und ledig der Hülle

Nicht nur nicht dauern könne durch endlos ewige Zeiten,

Sondern nicht eine Sekunde sogar sich zu halten vermöge?

Auch hat niemand (so scheint es) im Sterben noch selbst die Empfindung,

Daß sich die Seele als Ganzes dem ganzen Körper entringe,

Oder als steige sie erst bis zur Kehle und über den Schlund auf;

Sondern sie geht an der Stelle zugrund, die als Sitz ihr bestimmt ist,

Wie man ja auch bei den Sinnen es weiß, daß jeder verschwindet

Nur in seinem Bereich. Drum, war' unsterblich die Seele,

Klagte sie nicht beim Sterben so sehr, nun scheiden zu müssen;

Nein, sie freute sich wohl aus der Haut wie die Schlange zu schlüpfen.[114]

Die Brust Sitz des Geistes

Endlich warum wird nie der Verstand und die Einsicht des Geistes

Weder im Haupte erzeugt noch in Händen und Füßen, warum bleibt

Ihm nur ein einziger Sitz und begrenzter Bereich in uns allen,

Wenn nicht für jedes Organ ein bestimmter Bezirk der Entstehung

Wäre gegeben, wo jedes Erschaffne zu dauern vermöchte,

Und so vielfache Teilung für alle Gelenke entstünde,

Die bei den einzelnen Gliedern die Störung der Ordnung verhindert?

So folgt eins aus dem ändern; denn nie pflegt Feuer im Wasser

Sich zu erzeugen und nie kann Eis in dem Feuer erstehen.

Die fünf Sinne ohne Körper undenkbar

Ferner gesetzt, es wäre die Seele nun wirklich unsterblich

Und vermöchte gesondert von unserem Körper zu fühlen,

Müßten wir ihr doch auch, wie mich dünkt, fünf Sinne gewähren,

Denn wir können ja sonst auf keinerlei Weise uns denken,

Wie da unten die Seelen am Acheron sollen verkehren.

Deshalb haben die Maler und älteren Dichtergeschlechter

Also mit Sinnen begabt uns die Seelen der Toten geschildert.

Aber das Auge, die Nase, die Hand selbst kann nicht gesondert

Nur für die Seele bestehn, noch gesondert Zunge und Ohren.

Also können auch Seelen für sich nicht bestehn und empfinden.

Teilbarkeit der Seele

Wir empfinden auch stets, daß überall unsere Körper

Lebensgefühle durchströmen, und sehen, wie ganz er belebt ist.

Spaltete nun in der Mitte urplötzlich ein rascher Gewaltstreich

Unseren Körper so, daß jede der Hälften getrennt liegt,

Würde wohl sicherlich auch die seelische Kraft sich verteilen

Und mit dem Körper zugleich auseinander gerissen zerstieben.

Doch was sich spaltbar zeigt und in Teile beliebig zerlegbar,

Muß natürlich verzichten, als ewiges Wesen zu gelten.

Sichelwagen, so heißt es, bespritzt von rauchendem Mordblut

Schneiden bisweilen so überaus rasch die Glieder vom Rumpf ab,

Daß man das aus den Gelenken geschnittene Stück auf den Boden[115]

Fallend und dort noch zappelnd erblickt, obgleich doch des Menschen

Geistige Kraft von dem Schmerz nichts spürt, da so plötzlich das Unheil

Kommt und der Geist sich zugleich in die Kampfwut gänzlich verrannt hat.

Noch mit dem Körperstumpfe begehrt er den Kampf und das Blutbad

Und er bemerkt oft nicht, daß die Räder und reißenden Sicheln

Seine Linke zugleich mit dem Schild vor die Rosse geschleudert.

Einer, der Mauern erklimmt, fühlt seiner Rechten Verlust nicht:

Aufstehn möchte ein andrer trotz abgehauenem Beine,

Während daneben sein Fuß noch sterbend zuckt mit den Zehen:

Auch wenn das Haupt von dem warmen und lebenden Rumpfe getrennt ist,

Zeigt es im Sand noch lebendigen Blick und geöffnete Augen,

Bis es die Reste der Seele hat allesamt von sich gegeben.

Ja, wenn du Lust hast, der Schlange, die naht mit züngelnder Zunge,

Drohend erhobenem Schwanz und sich langhin rollendem Leibe,

Beides, den Leib wie die Seele, durch Schwertstreich vielfach zu trennen,

Siehst du, wie alle die Stücke zerschnitten mit frischer Verwundung

Einzeln sich winden und eitriges Blut auf dem Boden zerstreuen,

Wie sie sich selbst abmüht, mit dem Maul ihr Ende zu fassen,

Um durch den Biß sich den brennenden Schmerz der Zerfleischung zu lindern.

Sollen wir demnach sagen, ein jedes der Stücke besitze

Seine Seele für sich? Dann würde sich hieraus ergeben,

Daß ein einzig Geschöpf viel Seelen im Leibe behauste.

Folglich ward nur die eine, die vordem da war, zerteilet

Mit dem Körper zugleich; drum muß man doch beide für sterblich

Halten, da Seele wie Leib gleichmäßig sich vielfach zerteilen.[116]

Gibt es eine Präexistenz der Seele

Weiter, besäße die Seele unsterbliches Wesen und fände

Sie erst bei der Geburt in den Leib der Geschöpfe den Eingang,

Weshalb können wir uns nicht des früheren Lebens erinnern?

Weshalb haften bei uns nicht auch Spuren früherer Taten?

Denn wenn sich wirklich so sehr die Kraft hat der Seele geändert,

Daß ihr gänzlich entfiel das Gedächtnis an frühere Dinge,

Dann ist der Zustand, dünkt mich, vom Tod nicht beträchtlich verschieden.[116]

Deshalb mußt du gestehen, daß jene Seele, die einst war,

Untergegangen und diese, die jetzt lebt, neu ist erschaffen.[117]

Gegen den Creationismus

Weiter, wenn erst nach Vollendung des Körpers unserer Seele

Lebenskraft für gewöhnlich in unsere Leiblichkeit eindringt

Bei dem Akt der Geburt, sobald wir die Schwelle des Lebens

Überschreiten, dann könnt' es sich nie und nimmer begeben,

Daß sie mit Leib und mit Gliedern zugleich im Blute erwüchse,

Sondern sie müßte dann wohl für sich selbst wie im Käfige leben;

Trotzdem müßte der Leib mit Empfindung völlig gefüllt sein.

Also (ich sag' es noch einmal): die Seelen sind nicht der Entstehung

Unteilhaft, wie man wähnt, noch befreit vom Gesetz der Vernichtung.

Denn sie hätten wohl nie sich so innig an unsere Körper

Anzuschmiegen vermocht, wenn von außen sie ein sich geschlichen.

Aber es liegt ja vor Augen, daß grade das Gegenteil wahr ist.

Denn in den Adern und Nerven, dem Fleisch und den Knochen ist jene

Bindung so innig, daß selbst die Zähne Empfindung besitzen,

Wie uns das Zahnweh lehrt und der Schauder vor eisigem Wasser,

Oder wenn plötzlich erknirscht ein härtlicher Stein aus dem Brote.

Da nun die Seelen so innig verwoben sind, können sie nimmer

Heil aus dem Körper entweichen und ungefährdet sich lösen

Aus dem Verbande mit allen den Nerven und Knochen und Gliedern.

Wenn du nun etwa glaubst, von außen her schlüpfe gewöhnlich

Unsere Seele hinein und ströme von hier in die Glieder:

Nun, dann muß um so mehr sie zugleich mit dem Körper vergehen,

Denn was strömt, das löst sich auch auf; so geht es auch unter;

Denn sie verteilt sich im Körper durch alle seine Kanäle.

Wie die Speise vergeht, die in alle Gelenke und Glieder

Fein sich verteilt, und aus ihr sich ein anderes Wesen entwickelt,

So wird Seele und Geist, selbst wenn sie heil in den Körper

Treten, sich doch im Zerfließen von selbst auflösen, indessen

Wie durch Kanäle hindurch sich in sämtliche Glieder verteilten

Jene Atome, aus denen sich bildet das Wesen der Seele,

Die zwar in unserem Leib jetzt herrschen wird, aber erzeugt ist

Aus der Seele, die bei der Geburt durch Verteilung zugrund ging.

Hieraus kann man erseh'n, daß dem Wesen nach unserer Seele

Nicht der Geburtstag fehlt noch die traurige Todesstunde.[117]

Lebt die Seele im Leichnam teilweise fort?

Bleiben, so fragt man weiter, im Leichnam Reste der Seele

Oder verbleiben sie nicht? Sind wirklich solche vorhanden,

Kann man nicht wohl mit Recht Unsterblichkeit leihen der Seele;

Denn sie verließ ja den Leib durch Verlust voll Teilen gemindert.

Hat sie jedoch aus den Gliedern des Leibs sich restlos geflüchtet,

Ohne daß Teile von ihr in dem Körper zurück sind geblieben,

Woher kommt's, daß die Leiche Gewürm aus dem faulenden Fleische

Ausspeit, ferner woher, daß solch ein gewaltig Gewimmel

Bein- und blutloser Maden durchströmt die geschwollenen Glieder?

Wenn du vielleicht dir denkst, daß die Seelen von außen herschlüpfen

In das Gewürm und allmählich die einzelnen Körper besetzen,

Ohne dabei zu erwägen, warum viel tausende Seelen

Da, wo nur eine verschwand, sich bildeten, bleibt doch auch hierbei

Folgende Frage noch übrig und muß zur Entscheidung gelangen:

Jagen denn wirklich die Seelen den einzelnen Keimen der Würmer

Nach und erbauen sich selber aus diesen ihre Behausung?

Oder schlüpfen sie erst in die Körper, wenn fertig ihr Bau ist?

Aber man könnte nicht sagen, warum sie es tun und sich selber

Also sollten bemühen; denn da sie doch körperlos schwirren,

Sind sie ja frei von Hunger und Kälte und allerlei Krankheit.

Denn mehr leidet der Körper an diesen, ihm eigenen Mängeln

Und nur seine Berührung verschafft viel Leiden dem Geiste.

Aber gesetzt, auch den Seelen sei förderlich, wenn sie zur Wohnung

Körper sich bauen: man sieht doch den Weg nicht, wie das geschehn soll.

Also die Seelen erbauen sich niemals Körper und Glieder.

Aber sie schlüpfen auch nicht in die irgendwie fertigen Körper;

Denn dann könnten sie nicht sich so eng miteinander verbinden,

Und die Berührung würde nicht gleich zur Sinnesempfindung.

Vererbung geistiger Eigenschaften

Weshalb endlich ist stets bei dem grimmigen Löwengeschlechte

Wilde Gewalttat erblich, beim Fuchse die List, bei den Hirschen

Flucht von den Vätern vererbt und der Schreck, der die Glieder beflügelt?[118]

Ähnlich die übrigen Sippen; warum nur arten sie alle

Von dem Beginn des Lebens in Gliedern und Geist dem Geschlecht nach?

Doch nur aus dem Grund, weil die besondere seelische Kraft wächst

Stets aus dem eigenen Samen und Stamm mit dem Körper zusammen.

Wäre die Seele unsterblich und wechselte öfter die Leiber,

Müßte bei allen Geschöpfen sich auch der Charakter vermischen.

Dann ergriffe wohl oft ein Hund Hyrkanischer Rasse

Vor dem Hirsche die Flucht, wenn mit seinem Geweih er ihn anrennt,

Scheu entflöhe der Falk in die Luft vor der nahenden Taube,

Tiere bekämen Vernunft und vernunftlos würden die Menschen.

Denn wenn man sagt, es verändre sich auch die unsterbliche Seele,

Wie sich der Leib umwandelt, so ist die Erklärung nicht richtig.

Denn was sich wandelt, das löst sich auch auf, geht also zugrunde.

Da sich die Teile verschieben und nicht in der Reihe verbleiben,

Müssen sie auch in den Gliedern bequem auseinander sich lösen

Können, um alle zuletzt mit dem Körper zugleich zu verscheiden.

Wenn sie dann aber behaupten, die Seelenwanderung gehe

Immer durch menschliche Körper, so frag' ich, weshalb wohl die klügsten

Geister bisweilen verdummen, warum kein Kind schon verständig

Und kein Füllen gelehrig schon ist wie ein kräftiger Renner?

'Weil natürlich im zarteren Leib auch der zartere Geist wohnt',

Lautet die Ausflucht jener. Doch ist's so, mußt du der Seele

Sterbliches Wesen bejahn; denn wenn sie im Körper sich so sehr

Ändert, büßt sie doch ein das frühere Leben und Fühlen.

Und wie soll denn die geistige Kraft mit dem Körper erstarken

Und zur willkommenen Reife des Lebens gemeinsam erblühen,

Wenn sie nicht schon vom Lebensbeginn sein treuer Genösse?

Oder was will sie für sich, daß sie flieht aus den alternden Gliedern?

Fürchtet sie etwa verhaftet im modernden Körper zu bleiben

Und von den Trümmern verschüttet der altersschwachen Behausung

Unterzugehen, trotzdem der Unsterblichen keine Gefahr droht?[119]

Torheit der Seelenwanderungslehre

Endlich, wie lächerlich ist's, sich die Seelen gerüstet zu denken,

Um bei der Paarung der Tiere und ihrer Geburt zu erscheinen!

Sollen sie warten unendlich an Zahl auf die sterblichen Glieder[119]

Sie, die Unsterblichen? Sollen sie untereinander sich streiten

Um die Wette, wer allen zuvor soll haben den Zutritt?

Oder es müßten denn etwa die Seelen vertraglich beschlossen

Haben, daß, wer nur zuerst sich im Fluge genaht, auch als erster

Dürfe hinein, wodurch sich erübrige weiterer Wettstreit.[120]

Die Seele ist an den Leib örtlich gebunden

Übrigens kann in dem Himmel kein Baum, kein Gewölk in des Meeres

Tiefe sich bilden, es kann kein Fisch im Trockenen leben,

Kann kein Blut aus dem Holz, kein Saft aus den Steinen erfließen.

Fest umzirkt ist für jedes der Ort, wo es wachsen und sein darf.

So kann nie sich alleine und ohne den Körper die Seele

Ihrem Wesen nach bilden entfernt von dem Blut und den Nerven.

Könnte sie das, dann würde wohl eher die geistige Kraft sich

Sammeln im Haupte, den Schultern, sogar ganz unten im Fuße

Oder auch sonst an beliebigem Ort einwachsen, sie würde

Immer doch bleiben im selben Gefäß, das heißt, in dem Menschen.

Weil wir nun sehn, wie dieses Gesetz auch in unserem Körper

Feststeht und auch der Ort für das Sein und Wachsen gesondert

Wie für den Geist so die Seele bestimmt ist, muß man noch schärfer

Leugnen, daß außer dem Körper sie könnten entstehen und dauern.

Drum wenn der Körper zerfällt, dann geht notwendig zugleich auch

Die durch den ganzen Leib hin verbreitete Seele zunichte.

Drum wer ein sterbliches Wesen mit einem unsterblichen galtet

Und sie zu einem Gefühl und zur Wechselwirkung vereinen

Will, ist ein Narr. Was läßt sich denn auch Verschiedneres denken

Oder entgegengesetzter und weiter getrennt voneinander

Als ein sterbliches Wesen unsterblichem, ew'gem vermählet,

Um aneinandergebunden den widrigen Stürmen zu trotzen?

Begriff der Ewigkeit unvereinbar mit der Seele

Ferner muß alles, was ewig besteht, Trotz bieten den Stößen,

Weil entweder sein Körper durchaus massiv und solid ist

Und nicht duldet, daß irgendein fremdes Wesen sich eindrängt,

Welches die enge Verbindung der Teile zu lockern vermöchte,

(Der Art sind, wie ich früher gezeigt, die Atome des Urstoffs),[120]

Oder es kann auch etwas in alle die Ewigkeit dauern,

Weil es kein Schlag je trifft (so steht's mit dem stofflosen Leeren,

Das kein Stoß je trifft, das unantastbar verharret),

Oder es gibt auch ein Etwas, das ringsum ohne den Raum ist,

In den sonst sich der Dinge Bestand verflüchtigt und auflöst.

So ist das ewige All; denn es dehnt sich da weder nach außen

Irgendein Raum zum Entweichen der Dinge noch gibt es da Körper,

Die es durch kräftigen Schlag beim Hineinfall könnten zertrümmern.

Wollte man aber vielleicht die unsterbliche Seele noch retten,

Dadurch, daß man sich stützt auf die schützenden Lebenskräfte,

Weil entweder, was schadet dem Leben, sich gar nicht heranwagt

Oder weil das, was sich etwa genaht, noch bevor wir den Schaden

Fühlen, schon irgendwie sich nach rückwärts wendet und abprallt,

[Läßt sich doch nichts hieraus für das Wesen der Seele gewinnen.]

Spricht doch außer den Leiden des Körpers, an denen sie teilnimmt,

Auch die marternde Angst vor der Zukunft kräftig dagegen,

Welche die Seele bedrängt und durch nagende Sorgen ermattet,

Wie die Gewissensbisse ob früherer Sündenverstrickung.

Hierzu kommen noch weiter die eigentlich seelischen Leiden:

Tollheit, Gedächtnisschwund und die dunkle Woge der Schlafsucht.[121]

Der Tod berührt uns nicht

Nichts geht also der Tod uns an, nichts kann er bedeuten,

Da ja das Wesen des Geistes nunmehr als sterblich erkannt ist.

Wie kein Leid wir litten in jenen vergangenen Zeiten,

Als die Punier kamen mit kampfgerüsteten Heeren,

Als von dem Lärme des Krieges erschüttert der schaudernde Erdball

Unter den hohen Gefilden des himmlischen Äthers erdröhnte,

Als es noch zweifelhaft war, an welche von beiden Nationen

Fiele das Amt zu Wasser und Land ob der Menschheit zu herrschen

So wird dann, wenn wir nicht mehr sind, wenn Körper und Seele

Reinlich sich schieden, die jetzt sich in uns zur Einheit verbanden,

Sicherlich uns, die wir nicht mehr sind, nichts künftig mehr treffen,

Nichts auf der Welt mehr unser Gefühl zu erregen imstand sein,

Selbst wenn das Land mit dem Meer und das Meer mit dem Himmel sich mischte.

Ja, wenn des Geistes Natur und die Kraft der Seele noch irgend

Etwas empfände, sobald sie aus unserem Körper geschieden,[121]

Geht es uns doch nichts an. Denn wir, wir bestehn ja als Einheit

Nur durch den innigen Bund, den Körper und Seele geschlossen.

Selbst wenn die Zeit nach unserem Tod die gesamten Atome

Unseres Daseins wieder vereinigte so, wie sie jetzt sind,

Und wir das Lebenslicht zum anderen Male erblickten,

Würde auch dieses Ereignis mitnichten uns irgend berühren,

Da an das frühere Leben uns fehlte die Wiedererinnrung.

Wie es uns jetzt nicht berührt, was wir früher einmal sind gewesen:

So trifft nie uns die Angst um unser künftiges Leben.

Wenn du bedenkst, wie unendlich sich dehnt der Vergangenheit ganzer

Zeitraum, ferner wie mannigfach auch die Bewegung des Urstoffs

Sich gestaltet, so kannst du wohl leicht zum Glauben gelangen,

Daß schon früher die Keime, aus denen wir jetzo bestehen,

Oft in derselbigen Ordnung gestanden sind, wie sie auch jetzt stehn.

Doch wir können uns nimmer zurück dies rufen im Geiste,

Da sich dazwischen ergab ein Stillstand unseres Lebens

Und der Atomenstrom von Empfindungen gänzlich sich fern hielt.

Denn wenn es einem vielleicht in der Zukunft schlecht soll ergehen,

Müßt' er doch selbst in eigner Person, der es übel ergehn soll,

Dasein. Da nun der Tod dies aufhebt und die Person nicht

Existieren mehr kann, die Übel zu treffen vermöchten,

Lernt man daraus, daß im Tode wir nichts mehr haben zu fürchten,

Ferner, daß wer nicht lebt, auch niemals elend kann werden,

Ja, daß es grade so ist, als wären wir nimmer geboren,

Wenn der unsterbliche Tod uns das sterbliche Leben genommen.[122]

Wahngedanken über den Tod

Siehst du daher, daß ein Mensch sich entrüsten will über sich selber,

Modern zu müssen im Grab, wo der Leib nach dem Tode soll ruhen,

Oder von Flammen, ja gar von Bestien gefressen zu werden,

Glaub mir, da klingt's nicht rein, da liegt ein verborgener Stachel

Noch in dem Herzen versteckt, so sehr es jener auch leugnet,

Selber an Fortempfindung im Todesfalle zu glauben;

Denn, wie mich dünkt, erfüllt er nicht recht sein Versprechen und dessen

Tieferen Grund, und er kann sich nicht ganz vom Leben noch scheiden,

Sondern er läßt noch ein Restchen vom Ich auch jenseits bestehen,

Ohn' es zu merken. Denn wer als Lebend'ger einmal es sich vorstellt,

Wie im Tode den Körper die Vögel und Bestien zerfleischen,[122]

Wird sich selber bejammern. Er kann sich von jenem nicht trennen,

Kann sich nicht recht noch scheiden von seinem leblosen Körper,

Wähnet, er sei es noch selber und leiht ihm seine Empfindung.

Drum entrüstet er sich ob seines sterblichen Ursprungs,

Ohne zu sehn, daß beim wirklichen Tod er nicht selbst noch als Fremder

Dastehn werde, um lebend den eigenen Tod zu bejammern

Und zu bedauern, ein Raub von Flammen und Tieren zu werden.

Denn wenn es schlimm ist, im Tod von dem Biß und den Kiefern der Bestien

Übel mißhandelt zu werden, so find' ich es ebenso bitter,

Auf das Feuer gelegt und in glühenden Flammen gebraten

Oder gebettet zu sein in erstickende Honigklumpen

Oder im Frost zu erstarren auf eisiger Marmorplatte

Oder von oben zerdrückt durch der Erde Gewicht sich zu fühlen.[123]

Nichtige Trauergedanken

»Nimmermehr wird dich dein Heim willkommen heißen und nimmer

Dir dein treffliches Weib und die lieblichen Kinder entgegen

Eilen mit Küssen, dein Herz mit inniger Wonne erfüllend;

Nimmermehr kannst du ein Mehrer des Ruhms und den Deinen ein Hort sein;

Ein unseliger Tag entriß ohn' alles Erbarmen

Alles dir Armen, was einst dein Leben so herrlich beglückte.«

Also klagt man, doch fügt man nicht zu: »Und du selber, du bist jetzt

Aller Sehnsucht ledig nach all dergleichen Genüssen.«

Sähen sie dies recht ein im Gemüt und liehen ihm Worte,

Könnten sie leicht ihr Herz von gewaltigen Ängsten erleichtern:

»Du wirst so, wie du jetzt im Tode entschlummert, auch künftig

Ruhen, erlöst von allen dich kränkenden Schmerzen und Nöten;

Doch wir standen dabei, als du auf dem schaurigen Holzstoß

Wurdest zu Asche verbrannt. Wir beweinten dich bitterlich; nie wird

Kommen der Tag, der den ewigen Gram aus den Herzen uns nähme.«

Hier nun darf man wohl fragen: »Was ist denn so Bittres geschehen?

Wenn doch die Sache auf Schlaf und auf ewige Ruhe hinausläuft,

Warum soll sich denn jemand in ewiger Trauer verzehren?«

Öfter begegnet es auch, daß sich Leute beim Mahle beklagen,

Wenn sie, von Kränzen umschattet die Stirn, die Pokale erheben,

Recht so aus Herzensgrund: »Wie kurz, ach, dauert uns Menschlein

Dieser Genuß! Bald ist er dahin; nie kehrt er uns wieder.«[123]

Gleichsam als ob in dem Tod dies wäre das gräßlichste Unglück,

Daß austrocknender Durst die Verstorbenen brenne und dörre

Oder nach ändern Genüssen noch stehe ihr heißes Begehren.

Aber wenn Seele und Leib gleichmäßig im Schlummer sich ausruhn,

Dann sorgt wahrlich doch niemand um seine Person und sein Leben.

Denn wir wären's zufrieden, auch ewig so weiter zu schlummern,

Und persönliche Wünsche berühren uns nimmer im Schlafe;

Und doch halten sich dann die Atome in unseren Gliedern

Noch durchaus nicht so weit entfernt von Erregung der Sinne;

Kann ja der Mensch doch von selbst, aus dem Schlummer erwacht, sich ermannen!

Also berührt uns der Tod weit weniger noch als wir glauben,

Wenn es ein Weniger gibt als das, was offenbar Nichts ist;

Denn es folgt auf den Tod stets größre Verwirrung des Stoffes

Und Zerstreuung. Noch nie ist jemand wieder erstanden,

Hat ihn erst einmal umfangen des Lebens eisiges Ende.[124]

Die Stimme der Natur

Wenn die Natur nun plötzlich erhöbe die Stimme und zornig

Also in eigner Person zu einem der unsrigen spräche:

»Sterblicher, sage, was ist dir? Was gibst du so über die Maßen

Kläglichem Trauern dich hin? Was beklagst und beweinst du das Sterben?

War dir dein Leben erfreulich, das hinter dir liegt und vollendet,

Sind dir alle Genüsse nicht etwa kläglich zerronnen

Wie durch ein leckes Gefäß und ohne Genuß dir entschwunden,

Warum scheidest du nicht als gesättigter Gast von des Lebens

Tafel, du Tor, und genießest die sichere Ruhe mit Gleichmut?

Sind hingegen die Quellen der Freude dir gänzlich zerflossen,

Ist dir das Leben zum Ekel, was willst du denn weiter hinzutun,

Was doch wieder verschwindet und ohne Genuß dir zerrinnet?

Warum machst du nicht lieber ein Ende der Qual und des Lebens?

Denn was könnt' ich noch weiter ersinnen dir oder erfinden,

Was dich zu freuen vermöchte? Es bleibt ja doch immer beim Alten.

Auch wenn die Jahre noch nicht dir den Körper völlig entnervten

Oder die Glieder dir lahmten, so bleibt doch alles wie vorher,

Magst du auch alle Geschlechter an Lebensdauer besiegen,

Ja, selbst wenn du für immer dem Tod zu entfliehen vermöchtest.«[124]

Was entgegnen wir dann der Natur? Doch wohl, daß mit Recht sie

Uns vor Gericht hat gezogen und nur die Wahrheit gesprochen.

Wenn nun vollends ein alter, gebrechlicher Greis sich beklagte

Und zu kläglich begänne den nahenden Tod zu bejammern,

Müßte sie da nicht noch lauter und schärfer die Schelte erheben?

»Weg mit den Tränen, du Narr, und laß dein Klagen und Jammern!

Alles, was schön ist im Leben, das hattest du: nun bist du fertig;

Doch weil du immer verschmähst, was du hast, und begehrst, was du

nicht hast, So entschwand dir dein Leben in unerfreulicher Halbheit,

Bis sich der Tod urplötzlich zu Häupten dir stellte, bevor du

Scheiden konntest gesättigt und voll von den Gütern des Lebens.

Jetzt laß alles im Stich, was sich nicht mehr schickt für dein Alter,

Mach den Klügeren Platz, schnell! ohne zu murren: es muß sein!«

Klagte nun so die Natur, sie hätte, ein Recht so zu schelten.

Wird doch das Alte beständig verdrängt von dem Neuen: es muß ihm

Weichen und immer sich eins aus dem anderen wieder ergänzen.

Niemand kann in dem Schlund und des Tartarus Dunkel versinken;

Denn man bedarf ja des Stoffs zur Bildung der nächsten Geschlechter,

Die dir alle jedoch einst folgen werden am Ende:

Vor dir nicht minder wie nach dir verfallen sie alle dem Tode.

So wird unaufhörlich das eine entstehn aus dem andern,

Keinem gehört ja das Leben zum Eigentum, allen zur Nutzung.

Blick nur zurück! Was können für uns die vergangenen Jahre

Jener unendlichen Zeit vor unsrer Geburt noch bedeuten!

Dies ist also der Spiegel, den uns die Natur von der Zukunft

Vorhält, welche dereinst wird sein nach unserem Tode.

Ist das ein Schreckensbild? Erscheint da was Düsteres? Oder

Ist man nicht besser im Tod als im ruhigsten Schlafe gesichert?[125]

Deutung der Unterweltsfabeln

Nun erst die Fabelgestalten, die da in des Acheron Tiefen

Hausen! Du findest natürlich sie alle in unserem Leben:

Tantalus braucht nicht zu fürchten den über ihm schwebenden Felsblock

Hoch in der Luft, wie man fabelt (der Schrecken des Armen ist nichtig),

Sondern die grundlose Angst vor den Göttern bedrücket die Menschheit

Während des Lebens schon jetzt und die Furcht vor den Tücken des Zufalls.[125]

Auch in des Tityos Leib, der am Strande des Acheron daliegt,

Wühlen nicht Geier; sie können in Ewigkeit sicherlich nimmer

Etwas entdecken, was unter der mächtigen Brust sie erwühlen.

Wenn auch sein Riesenkörper unendlich an Größe sich dehnte,

Daß er nicht nur neun Jucherte bloß das Gelände bedeckte,

Sondern den Erdkreis ganz mit der Spanne der Glieder umfaßte.

Trotzdem könnte er nimmer die ewigen Qualen erdulden

Oder vom eigenen Fleisch stets Nahrung den Vögeln gewähren.

Aber der Tityos lebt ja in uns: wer in Liebe verstrickt ist,

Wem die quälende Angst, wem andre Begierden und Sorgen

Ständig verzehren das Herz, die alle zerreißen die Geier.

Auch des Sisyphos Bild steht uns aus dem Leben vor Augen:

Der vom Volke die Beile und Rutenbündel erbettelt

Und nach dem Wahldurchfall stets traurig vom Markte zurückkommt.

Denn nach der Herrschaft streben (ein eitel, unmöglich Begehren)

Und in dem Streben danach stets härteste Mühen erdulden,

Das heißt aufwärts stets anstemmend den Felsblock wälzen,

Der von dem obersten Gipfel doch wieder und wieder herabrollt

Und mit beflügelter Hast sich hinab in die Ebene stürzet.

Weiter: im Herzen beständig ein undankbares Gemüte

Hegen und nie sich an Gütern ersättigen oder genugtun,

Was uns die Zeiten des Jahres bescheren im wechselnden Kreislauf,

Wenn sie uns Frucht darbieten und mancherlei andere Gaben,

Ohne daß je wir genug von des Lebens Früchten bekämen –

Dies heißt meines Bedünkens das Naß in durchlöcherten Eimer

Schütten, den trotz der Bemühung man niemals zu füllen imstand ist

Wie dies Fabeln berichten von Danaos blühenden Töchtern.

Nun gar Cerberus erst und die Furien, endlich der dunkle

Tartarus, der entsetzlichen Qualm aus dem Schlunde herausstößt

All dies gibt es ja nicht und kann es auch wirklich nicht geben.

Aber im Leben schon folgt auf gräßliche Taten des Frevels

Gräßliche Angst vor den Strafen: der Kerker, als Sühne der Schandtat,

Oder der schaurige Sturz von den Felsen hinab in die Tiefe,

Henker und Geißel, der Block, Pech, Fackeln, glühendes Eisen!

Selbst wenn die Strafe nicht folgt, so stachelt das Sündenbewußtsein,

Das sie ahnt, das Gemüt und peitscht es mit brennenden Hieben.

Und doch sieht es nicht ab, wie ein Ende soll werden der Übel

Oder wie endlich sich schließe der Kreis der drohenden Strafen;

Ja, es befürchet sogar noch ihre Verschlimmrung im Tode.

So wird schließlich schon hier zur Hölle das Leben der Toren.[126]

Kein Heros entrann dem Tode

Nimm auch das folgende Wort bisweilen dir ernstlich zu Herzen:

»Auch der vortreffliche Äneus hat einst sein Auge geschlossen,

Der doch in vielem ein besserer Mann als du Arger gewesen;

Nach ihm sind noch viele der Fürsten und Herrscher gestorben,

Welche vor Zeiten die Reiche gewaltiger Völker regierten.

Selbst der Perser, der über die See einst bahnte die Straße,

Der Legionen geführt durch die wogenden Fluten des Meeres,

Der sein Fußvolk lehrte das salzige Naß zu beschreiten

Und es mit Rossen durchstampfte den brausenden Wogen zum Trotze,

Auch er schied aus dem Lichte und hauchte den Odem im Tod aus.

Scipios Sprosse, der Blitz in der Schlacht, der Schrecken Karthagos,

Gab die Gebeine der Erde, als war' er der niedrigste Diener!

Füge hinzu noch die Schöpfer der Wissenschaften und Künste

Und die Genossen der Musen, von denen Homer sich den Szepter

Einzig errang: auch er ruht schlummernd im Grab wie die andern!

Endlich wie ging's Demokrit? Als ihn die Gebrechen des Alters

Mahnten, daß matter nun werde des regen Gedächtnisses Pulsschlag,

Trug er von selbst sein Haupt freiwillig dem Tode entgegen.

Selbst Epikuros verschied, als des Lebens Fackel sich senkte,

Er, der mit seinem Genie das Menschengeschlecht überstrahlte

Wie die erwachende Sonne am Himmel das Sternengeflimmer.

Und du wolltest noch murren und heimzugehn dich bedenken?

Du, der lebendigen Leibes und sehenden Auges schon tot ist,

Der im Schlafe verbringt die größere Hälfte des Lebens,

Der selbst wachend noch schnarcht und Träume zu spinnen nicht aufhört,

Der sich beständig den Geist mit den nichtigsten Ängsten erreget,

Der auch häufig nicht weiß, was ihm fehlt, der in trunkenem Taumel

Elend sich überallher von tausend Sorgen bedrückt fühlt

Und unsicheren Schrittes im Irrsinn schweifend umherschwankt?«

Erkenntnis des Irrtums bringt Heilung

Könnten die Menschen sich doch, wie sie selbst die Last auf der Seele

Scheinen zu fühlen, die schwer sie bedrückt und gänzlich ermattet,

Über den Grund der Belastung zur Klarheit kommen, woher nur

Soviel Leids wie ein Stein auf der Brust sich bei ihnen gelagert:

Anders führten ihr Leben sie dann als jetzt man es meistens[127]

Sieht Was er eigentlich will, weiß niemand so recht, und so sucht er

Immer die Stelle zu wechseln, als könnt' er sich dadurch entlasten.

Oft eilt jener hinaus aus seinem geräumigen Hause,

Dem sein Heim ist verleidet. Doch plötzlich wendet er heimwärts,

Da er gemerkt, auf den Straßen ist's auch nicht besser als drinnen.

Dann kutschiert er in sausendem Trab mit den Ponys zum Landgut,

Wie wenn es gälte sein brennendes Dach vor dem Feuer zu retten.

Kaum ist die Schwelle der Villa erreicht, gleich fällt er ins Gähnen

Oder in Schlaf. So sucht er bedrückt sich selbst zu vergessen;

Oder er Wendet zurück und sucht stracks wieder die Stadt auf.

So will jeder sich selber entfliehn. Doch, wie es zu gehn pflegt,

Sich entrinnt er gewiß nicht. Unwillig stockt er und wird nun

Ärgerlich, weil er als Kranker der Krankheit Grund nicht erkannt hat.

Sähe er ihn, dann würde wohl jeder das übrige lassen

Und versuchen zuerst die Natur recht kennen zu lernen;

Denn hier handelt sich's nicht um den Zustand einiger Stunden,

Sondern der Ewigkeiten, in dem sich der Sterblichen Dasein

Abspielt, das nach dem Tode uns bleibt und jeden erwartet.[128]

Verwerfliche Lebensgier

Endlich die Gier nach dem Leben! Wie maßlos beherrscht sie und zwingt uns,

Stets in Gefahren und Zweifeln mit Zittern und Zagen zu leben!

Sicher, ein Ende des Lebens erwartet uns Sterbliche alle,

Flucht vor dem Tod ist nicht möglich, es rettet uns nichts vor dem Sterben.

Außerdem drehn wir uns stets und verharren im selbigen Kreise;

Und kein neues Vergnügen ersprießt aus der Lebensverlängrung,

Sondern, so lange uns fehlt, was wir wünschen, erscheint uns just dieses

Besser als alles, und haben wir dies, dann wünschen wir andres.

Also lechzen wir stets, nie stillt sich der Durst nach dem Leben.

Auch welch' Los uns die Zukunft bringt, was der Zufall uns zuwirft,

Was uns erwartet am Schluß; dies alles muß zweifelhaft scheinen.

Mag man das Leben verlängern, vom Zeitraum unseres Todes

Rauben wir keine Sekunde. Wir können ja niemals bewirken,

Daß wir geringere Zeit im Reiche des Todes verweilen.

Könnten wir also das Leben selbst auf Jahrhunderte dehnen,

Ewig würde doch währen der Tod, und für jenen, der heute

Schied aus dem Tageslicht, wird das Nichtsein kürzer nicht dauern

Als für den, der schon Monde zuvor und Jahre verstorben.[128]

Viertes Buch

Wahrnehmen, Denken, Begehren

Dichterbekenntnis

Unwegsame, von niemand betretene Musengefilde

Will ich durchwandern. Da freut's, jungfräuliche Quellen zu finden,

Draus ich schöpfe, da freut's, frischsprießende Blumen zu pflücken,

Um sie zum herrlichen Kranz um das Haupt mir zu winden, wie solchen

Keinem der früheren je um die Schläfen gewunden die Musen.

Denn mein Gesang gilt erstlich erhabenen Dingen: ich strebe,

Weiter den Geist aus den Banden der Religion zu befreien,

Ferner erleuchtet mein Dichten die Dunkelheit dieses Gebietes

Hell, weil über das Ganze der Zauber der Musen sich breitet.

Denn auch der Versschmuck wurde mit vollem Bedachte gewählet.

Wie, wenn die Ärzte den Kindern die widrigen Wermutstropfen

Reichen, sie erst ringsum die Ränder des Bechers bestreichen

Mit süßschmeckendem Seime des goldigfarbenen Honigs,

Um die Jugend des Kindes, die ahnungslose, zu täuschen:

Während die Lippen ihn kosten, verschluckt es indessen den bittern

Wermutstropfen. So wird es getäuscht wohl, doch nicht betrogen,

Da es vielmehr nur so sich erholt und Genesung ermöglicht.

So nun wollt' ich auch selber, weil unsere Lehre den meisten,

Die noch nie sie gehört, zu trocken erscheint und der Pöbel

Schaudernd von ihr sich kehrt, mit der Dichtung süßestem Wohlklang

Unsere Philosophie dir künden und faßlich erläutern

Und sie gleichsam versüßen mit lieblichem Honig der Musen,

Ob es mir so wohl gelingt, dein Denken bei unseren Versen

Solang fesseln zu können, bis endlich die ganze Natur sich

Deinen Sinnen erschließt und ihr Nutzen sich fühlbar gemacht hat.

Inhalt des IV. Buches, spätere Fassung

Und nachdem ich des Geistes Natur und sein Wesen geschildert

Und aus welcherlei Stoff er zusammengefügt mit dem Körper[129]

Wirkt und von diesem getrennt in die Urelemente zurückkehrt,

Will ich dir jetzo die Lehre beginnen, die eng sich daranschließt,

Über die Bilder der Dinge: so nennen wir diese Gebilde,

Die von der Oberfläche der Körper wie Häutchen sich schälen

Und bald hierhin bald dorthin umher in den Lüften sich treiben.

Dies sind dieselben Gebilde, die nachts im Traum, wie im Wachen

Uns begegnen und schrecken. Da sehen wir öfter Gestalten

Wunderlich anzuschauen und Bilder dem Lichte Entrückter,

Die aus dem festesten Schlummer empor mit Entsetzen uns wecken.

Aber man bilde nicht etwa sich ein, die Seelen der Toten

Könnten dem Orkus entfliehn und als Schattengespenster umflattern

Uns Lebendige, oder es bliebe von uns noch was übrig

Nach dem Tod, wenn der Körper zugleich und die Seele geschieden

Und sich ein jedes von ihnen in seine Atome getrennt hat.

Also, behaupt' ich, es senden die Oberflächen der Dinge

Stets Abbilder der Dinge hinaus und dünne Figuren,

Was selbst der wohl begreift, deß Geisteskräfte nur stumpf sind.[130]

Dasselbe, ältere Fassung

Aber nachdem ich gelehrt, wie beschaffen die Urelemente

Sämtlicher Dinge und wie sie verschieden durch mancherlei Formen

Eigenem Triebe gehorchend in ew'ger Bewegung sich tummeln

Und wie hieraus sich alles im einzelnen könne gestalten,

Will ich dir jetzo die Lehre beginnen, die eng sich daranschließt,

Über die Bilder der Dinge: so nennen wir diese Gebilde,

Die man als Häutchen und Rinde am füglichsten könnte bezeichnen,

Weil an Gestalt und an Form solch Abbild ähnelt dem Körper

Aus dem dieses erfließt, wie man sagt, und ins Weite davonfliegt.

Bilderlehre

Erstens entsenden die Dinge gar oft, wieder Augenschein lehret,

Körper, die teils zerfließen und so sich im Räume verbreiten,

Wie sich der Rauch aus dem Holze, die Glut aus dem Feuer entwickelt,

Teils auch mehr sich verdichten und fester verweben, wie manchmal

Ihrem Puppengewand die Zikaden im Sommer entschlüpfen

Und wie das Kalb beim Akt der Geburt sich löst von der Harnhaut[130]

Oder auch so wie sich ähnlich die schlüpfrige Schlange am Dornstrauch

Ihrer Hülle entledigt. So sehen wir öfter an Hecken

Prangen von Schlangenleibern die flatternden Siegestrophäen.

Steht nun dies so fest, so kann auch ein dünneres Abbild

Aus den Dingen entsteigen der Oberfläche der Körper.

Denn was wäre der Grund, daß solcherlei Hüllen sich eher

Sondern als dünnere Häutchen? Dafür fehlt jede Erklärung,

Namentlich finden sich doch auf der äußeren Fläche der Körper

Viele Atome, die just in der früheren Ordnung verbleiben

Und sich die Form und Gestalt, sobald sie sich sondern, bewahren.

Und das geschieht um so schneller, je weniger Hinderung eintritt,

Wo nur wenige sind in der vordersten Linie gelagert.

Denn wir sehen ja deutlich, wieviel da sprudelt und aufschießt

Nicht nur vom Innersten her aus der Tiefe, wie früher gesagt ward,

Sondern vom Äußeren auch, wie sogar die Farbe sich ablöst.

Überall kommt dies vor bei den gelblichen, roten und blauen

Segeln, die über die weiten Theatergebäude verbreiten

Mittelst der Masten und Sparren die flimmernden Wogen der Farbe.

Denn sie durchfluten die Sitze dort unten, das Ganze der Bühne,

Wie auch den stattlichen Kreis der Herren und Damen im Festschmuck:

All dies zwingen sie so in gefärbtem Licht zu erstrahlen.

Und je enger die Mauern den Raum des Theaters umzirken,

Um so wärmerer Reiz durchströmet das Innere; alles

Glänzt im selbigen Ton, da die Tageshelle gedämpft ist.

Wie von der Oberfläche die linnenen Segel die Farbe

Senden, so muß es auch sonst dünnhäutige Bilder von allem

Geben, da hier wie dort die oberste Schicht sich verflüchtigt.

Damit haben wir jetzt ganz sichere Spuren der Formen,

Die aus dem feinsten Gespinste bestehend wohl allerwärts fliegen,

Die wir jedoch nicht einzeln, sobald sie sich lösen, erblicken.

Jeder Geruch, Rauch, Glut und andere ähnliche Dinge

Quellen zudem nur vereinzelt hervor aus der Mitte der Stoffe,

Weil sie im Innern erzeugt beim Weg aus der Tiefe sich spalten

Wegen der Krümmung der Bahn und weil auch die Öffnung nicht grade,

Wo sie nach ihrer Entstehung den Ausgang suchen, hinausführt.

Wird hingegen ein Häutchen der oberflächlichen Farbe

Abgeschleudert, so kann, so dünn es ist, nichts es zerreißen;

Denn dies steht schon bereit und lagert in vorderster Reihe.[131]

Spiegelbilder

Endlich nun alle die Bilder, die sei es im Spiegel, im Wasser

Oder auch sonst auf glänzendem Stoff uns erscheinen, sie müssen,

Da sie den wirklichen Dingen im Aussehn völlig entsprechen,

Aus den Bildern bestehn, die jenen Dingen entströmen.

Also es gibt in der Tat dünnhäutige Formen der Dinge

Und entsprechende Bilder, die niemand einzeln erblichen

Kann, die trotzdem aber bei häufigem, dauerndem Anprall

Sichtbar werden, sobald sie die spiegelnde Fläche zurückwirft.

Auch vermöchten sie wohl auf keinerlei andere Weise

So sich erhalten, daß immer das Abbild gliche dem Urbild.

Dünnheit der Bildfilme

Laß dir nun jetzt verkünden, wie dünn die Beschaffenheit sein muß

Solchen Bildes. Vor allem beherzige, daß die Atome

Soweit unter der Schwelle der Sinnesempfindung und soviel

Kleiner noch sind als alles, was eben das Auge noch sehn kann.

Nun hör' einige Worte, die dir es bestätigen sollen,

Wie gar fein sind gebildet die sämtlichen Urelemente.

Kleinste Tierchen. Duftatome

Da gibt's erstlich schon Tierchen von solch verschwindender Kleinheit,

Daß man ein Drittel von ihnen auf keinerlei Weise mehr sehn kann.

Wie klein muß nun erst jeder der inneren Teile erscheinen?

Wie ihr rundliches Herz? Und die Augen, die Glieder, Gelenke?

Ach, wie winzig sind diese! Nun gar die Atome im einzeln,

Welche den Geist und die Seele dem Wesen nach müssen begründen,

Siehst du nicht, wie dies alles so klein und so fein ist zu denken?

Alles nun außerdem, was scharfen Geruch von sich aushaucht,

So wie die Allheilwurzel, der widrig riechende Wermut,

Ferner des Enzians Herbe, der Stabwurz scharfes Gedüfte.

Rührst du bei diesen Gewächsen auch nur an ein einziges Blättlein

[Mit zwei Fingern, dann wird dir der Duft noch lange verbleiben]

* * *[132]

Ja, du erkennst vielmehr, daß vielerlei Bilder der Dinge

Vielfach umher sich tummeln, doch sind sie unfühlbar und kraftlos.[133]

Wolkenähnliche Originalfilme aus Uratomen

Aber damit du nicht wähnst, nur die aus den Dingen sich lösen,

Seien die einzigen Bilder der Dinge, die so uns umschwärmen,

Siehe da gibt's noch die andere Art selbständigen Ursprungs,

Die an dem Himmel entsteht, in dem Luftkreis, wie wir ihn nennen.

Mannigfach sind die Bilder geformt, die droben sich regen.

So erblicken wir oft, wie leicht sich die Wolken im Luftraum

Ballen und Finsternis bringend der Welt die Heiterkeit rauben,

Wenn sie in stürmischem Sausen das Luftmeer peitschen. Da sehen

Oft wir als Riesen sie fliegen und weithin werfen den Schatten,

Oft als gewaltige Berge und abgerissene Blöcke

Bald vor die Sonne sich schieben, bald neben ihr her sich verziehen;

Sehn sie auch anderes Regengewölk als Schäfchen herbeiziehn.

Doch im Zerfließen verändern sie unaufhörlich ihr Aussehn

Und verwandeln sich so in beliebig umrissene Formen.

Beständiger Zu- und Abfluß der Bilderfilme

Doch jetzt höre, wie leicht und wie rasch sich die Bilder entwickeln

Und wie beständig ihr Strom von den Dingen herfließt und sich ablöst,

[Daß du nicht etwa beginnst an unserer Lehre zweifeln.]

Immer ist reichlicher Stoff an der Oberfläche der Dinge,

Den sie entsenden können, vorhanden. Und trifft er auf andre

Dinge, so geht er hindurch, wie durch Schleier; doch trifft er auf Rauhes,

Etwa auf Felsstein oder auf Holz: dann spaltet der Strom sich,

Und so kann sich dabei kein richtiges Abbild ergeben;

Stellt sich jedoch ein glänzender Stoff, der dicht ist, entgegen,

Wie man besonders beim Spiegel es sieht, dann zeigt sich was andres:

Weder vermögen die Bilder hindurchzugehn wie durch Schleier

Noch sich zu spalten; denn davor bewahrt sie die Glätte der Fläche.

So kommt's, daß uns der Spiegel die Bilder in Fülle zurückwirft.

Stellst du auch jeden Moment ein andres beliebiges Ding hin,

Immer erscheint dir sogleich auf der spiegelnden Fläche das Abbild.[133]

So erkennst du, daß ständig ein Strom von dünnen Geweben

Und von dünnen Figuren der Oberfläche entquelle;

Also entstehn in kürzester Frist so zahllose Bilder,

Daß man wohl hier von schneller Geburt zu sprechen ein Recht hat.

Und wie in kürzester Frist die Sonne unzählige Strahlen

Ausschickt, daß sich beständig die Welt mit dem Lichte erfülle,

Also müssen der Bilder unzählige ähnlich sich lösen

Von den verschiedensten Dingen und in der verschiedensten Weise

Und nach jeglicher Richtung in einem Moment sich bewegen.

Stellen wir nämlich den Spiegel beliebigen Räumen entgegen,

Wirft er die Dinge zurück mit ähnlichen Formen und Farben.

Ferner, wenn eben noch herrschte die heiterste Himmelsbläue,

Bricht oft plötzlich herein so scheußlich stürmisches Wetter,

Daß man vermeint, aus dem Acheron sei die Finsternis alle

Aufgestiegen und fülle die riesigen Himmelsgewölbe.

So schlimm droht uns von oben ein schwärzliches Schreckensgesichte,

Wenn sich des Regengewölks abscheuliche Nacht hat erhoben.

Welch ein winziger Teil nun von diesen Dingen das Bild sei,

Das kann niemand uns sagen noch auch mit Zahlen erklären.[134]

Schnelligkeit des Bilderstroms

Wie nun die Bilder sich ferner mit großer Geschwindigkeit regen,

Welche Beweglichkeit ihnen, indem sie die Lüfte durchschwimmen,

Zukommt, daß sie im Nu die weitesten Strecken durchmessen,

Jedes, wohin ein verschiedener Trieb es gerade mag lenken,

Dies will ich jetzt nicht in vielen, doch lieblichen Versen dir künden;

Kurz ist der Schwanengesang, doch er klingt weit besser als jenes

Kranichgeschrei, das den Äther erfüllt, aus den Wolken des Südwinds.

Erstens sieht man, daß leichte, aus kleinen Atomen geschaffne

Körper sich trotzdem öfter mit großer Geschwindigkeit regen.

Dazu zählt man vor allem das Licht und die Wärme der Sonne,

Da sie ja beide bestehn aus den winzigsten Urelementen,

Die wie mit Hämmern geschlagen vom folgenden Stoße getrieben

Ohne Verweilen die Luft, die dazwischen ist, eilends durchsausen.

Strahl auf Strahl ersetzt sich sofort und es wird, wie am Leitseil

Ochse auf Ochse sich reiht, so der Blitz vom Blitze gestachelt.

Deshalb müssen auf ähnliche Art auch die Bilder imstand sein,[134]

Unaussprechbare Räume in einem Moment zu durchfliegen,

Erstens, weil ununterbrochen von hinten ein freilich nur kleiner

Antrieb stets die Bilder nach vorne hinstößt und sie vortreibt,

Wo sie zudem sich so rasch mit beflügelter Leichtigkeit tummeln

Können, sodann weil im Fliegen ihr überaus zartes Gewebe

Leicht sich zu drängen vermag durch alle beliebigen Dinge

Und durch die Räume der Luft, die dazwischen sind, gleichsam zu fließen.

Sieht man doch auch Stoffkörperchen, die aus der innersten Tiefe

Rasch nach außen hin dringen, wie Licht und Wärme der Sonne

Augenblicklich, sobald sie entbunden sind, über den ganzen

Himmelsraum sich ergießen und über die Länder und Meere

Fliegen und so mit Strömen des Lichts den Himmel erfüllen.

Wie nun vollends die Bilder, die schon in der vordersten Reihe

Stehen zur Trennung bereit und durch nichts sind behindert beim Ausflug?

Siehst du nicht, wie viel schneller und weiter sie müssen die Bahnen

Ziehn und wie vielfach größer der Raum ist, den sie durchfliegen,

Als in derselbigen Zeit die Sonnenstrahlen den Himmel?

Auch dies scheint mir vor allem ein wahrer Erweis der Erkenntnis,

Welche geschwinde Bewegung die Bilder der Dinge entwickeln:

Stellst du ins Freie zur Nacht ein Gefäß mit spiegelndem Wasser,

Siehst du, sobald nur am Himmel die heiteren Sterne erglänzen,

Wie die Gestirne der Welt in dem Wasser sich allsobald spiegeln.

Hieraus sieht man nunmehr, wie augenblicklich das Abbild

Hoch aus dem Äthergefilde zu unserer Erde herabfällt.[135]

Wahrnehmbarkeit der Bilder und Ausflüsse

Also mußt du gestehen, beständig lösen sich Körper

Ab, die ins Auge uns dringen und unseren Sehnerv reizen

Unaufhörlich entströmen gewissen Stoffen Gerüche,

Wie von den Flüssen die Kühle, die Glut von der Sonne, die Brandung

Sprüht von den Wogen des Meers, das Gemäuer der Küste zerfressend;

Unaufhörlich durchfliegen verschiedene Töne die Lüfte;

Oft auch dringt in den Mund, sobald in der Nähe des Meeres

Wir uns ergehn, der salzige Gischt, und wenn man nur zusieht,

Wie man den Wermut löset zum Mischtrank, schmeckt man das Bittre.

So fließt allenthalben aus allerhand Stoffen der Stoffe[135]

Ständiger Strom und verteilt sich sodann nach jeglicher Seite.

Nirgends gibt es da Ruhe noch Rast im beständigen Flusse.

Denn stets wach ist ja unser Gefühl und wir können beständig

Alles erblicken und riechen und alle Geräusche vernehmen.[136]

Wirkung der Bilder auf das Auge

Weiter erkennen wir stets: sobald wir im Dunkel betasten

Eine Figur mit der Hand, so ist sie die nämliche, die wir

Auch bei Tag und bei strahlendem Licht besehen. So muß wohl

Tast- und Gesichtsempfindung auf ähnlichen Gründen beruhen.

Wenn wir nun also bei Nacht mit der Hand abtasten ein Viereck

Und wir als solches es fühlen, was kann denn da anders bei Tage

In viereckiger Form uns erscheinen, es sei denn sein Abbild?

Also man sieht hieraus, daß das Sehen durch Bilder verursacht

Wird und daß nichts auf der Welt ist ohne die Bilder zu sehen.

Form, Farbe, Abstand der Objekte

Freilich strömen ja nun die erwähnten Bilder der Dinge

Überallher und verteilen sich dann nach jeglicher Richtung.

Aber dieweil wir allein mit den Augen zu sehen vermögen,

Kommt es, daß Form und Farbe nur da von sämtlichen Dingen

Unserem Blicke sich zeigt, wohin er gerade gewandt ist.

Weiterhin läßt uns das Bild auch den Abstand sehen und schätzen,

Der uns jedesmal trennt von dem Gegenstande des Bildes.

Denn sobald es von ihm sich gelöst, da stößt es und treibt es

Alle Luft vor sich her, die zwischen ihm liegt und dem Auge.

Und so dringt denn diese durch unsere Augen ins Innre

Und durchstreicht die Pupille und geht so durch bis ans Ende.

Daher kommt's, daß wir wissen den Abstand jeglichen Urbilds

Einzuschätzen. Je größer die vor uns erschütterte Luftschicht,

Und je länger ihr Strom durch unsere Augen hindurchstreicht,

Desto weiter entfernt erscheint uns ein jegliches Urbild.

Doch dies alles vollzieht sich natürlich so wunderbar schnelle,

Daß wir mit einem Blick die Beschaffenheit sehn und den Abstand.

Totalität der Bilderscheinung

Hierbei darf uns jedoch der Umstand nimmer befremden,

Daß zwar alle die Bilder, die unseren Augen sich nahen,

Einzeln nicht sichtbar sind, wohl aber das Urbild selber.

Denn auch beim Wind, wenn er strichweis bläst, und wenn schneidende Kälte

Uns umströmt, dann pflegen wir nie das einzelne Teilchen

Wind und Kälte für sich zu empfinden; wir fühlen vielmehr sie

Mehr als Einheit und merken die einzelnen Schläge des Windes,

Welche der Körper erleidet, nur so wie ein anderes Ding uns

Schlägt und die Körperlichkeit hierdurch von außen her aufweist.

Wenn wir weiter Gestein mit dem Finget beklopfen, berühren

Wohl wir die Oberfläche des Steins und die äußere Farbschicht,

Aber wir fühlen sie nicht beim Betasten; wir fühlen vielmehr nur

Die sich zur innersten Tiefe erstreckende Härte des Steines.

Jenseitige Spiegelbilder

Aber wohlan, nun höre, weshalb in dem Spiegel das Abbild

Jenseits immer sich zeigt. Denn es scheint ja gänzlich entrückt uns.

Ähnlich erkennen wir wohl, was draußen ist, wirklich im Durchblick,

Wenn uns die offene Türe nach außen gestattet das Durchsehn;

So wird vieles, was draußen geschieht, vom Hause aus sichtbar.

Denn auch hier ermöglicht das Sehn die gedoppelte Luftschicht.

Denn wir erblicken zuerst diesseitige Luft vor der Türe,

Danach kommen zur Rechten und Linken die doppelten Pfosten,

Dann durchstreichet die Augen das äußere Licht und die zweite

Luft, und alles, was draußen im Durchblick wirklich zu sehn ist.

So ist's auch mit dem Bilde des Spiegels. Sobald er es ausschickt,

Bis es zu unseren Augen gelangt, treibt dieses die Luftschicht,

Welche sich zwischen ihm selbst und dem Blicke befindet, nach vorne

Und bringt diese noch eher zu unserer Sinnesempfindung

Als den Spiegel. Indessen, sobald wir auch diesen erblicken,

Langt dies Bild, das im Nu zu dem Spiegel wieder zurückkehrt,

An und von dort wird es wieder zurück zu den Augen geworfen,

Und so stößt es und wälzt es von neuem weitere Luft vor.

So kommt's, daß wir noch früher die Luft als den Spiegel erblicken

Und dadurch das gespiegelte Bild so weit uns entfernt scheint.[137]

Also (ich sag' es noch einmal) man soll sich mitnichten verwundern,

[Daß sich die Bilder, die draußen und hinter der Tore erscheinen,]

Ähnlich erklären wie die, so die spiegelnde Fläche zurückwirft.

Denn durch die doppelte Luft entsteht bei beiden die Wirkung.[138]

Umkehrung der Spiegelbilder

Daß nun im Spiegel verkehrt, was rechts ist bei unseren Gliedern,

Dort zur Linken erscheint, erklärt sich folgendermaßen:

Trifft das entstehende Bild auf die Fläche des Spiegels, so kehrt es

Keineswegs ohne Veränderung um, nein, gradezu rückwärts

Wird es nach außen geworfen; wie wenn man die Maske aus Ton formt,

Die man, solange sie feucht, auf die Wand drückt oder auf Balken,

Und wenn dann sie sogleich sich von vorn in der richtigen Form hält

Und infolge des Drucks sich rückwärts selber dort abdrückt:

Dann kommt's, daß sich das Auge, das früher das rechte war, nunmehr

Links zeigt, während das linke hinwiederum rechts uns erscheinet.

Vervielfachung der Spiegelbilder

Ähnlich geschieht's, daß ein Bild von Spiegel zu Spiegel sich fortpflanzt

Und das fünf, ja sechs Abbilder gewöhnlich sich bilden.

Alles, was rückwärts liegt im Innern des Hauses verborgen,

Mag es auch noch so entfernt und der Weg verwickelt erscheinen,

Läßt sich ans Licht doch ziehn durch gewundene Gänge, sobald man

Mehrere Spiegel verwendet und dadurch Sichtbarkeit herstellt;

So hell leuchtet das Bild von Spiegel zu Spiegel hinüber,

Und was links ist gewesen, das wird nun wiederum rechts sein,

Dann kehrt's wieder zurück und dreht sich dann wiederum rechtsum.

Flankenspiegelung

Ja, wenn die Spiegel sogar versehn sind mit seitlichen Flanken,

Ähnlich wie unsere Körper an beiden Seiten gekrümmt sind,

Werfen sie uns die Bilder zurück in richtiger Ansicht,

Weil entweder das Bild von Spiegel zu Spiegel sich umdreht[138]

Und so doppelt gebrochen uns zufliegt, oder auch darum,

Weil sich das Bild nach beendetem Lauf selbst völlig herumdreht,

Da ja die Rundung des Spiegels es lehrt sich nach uns hin zu wenden.[139]

Bewegung der Spiegelbilder

Glaube mir ferner: die Bilder bewegen sich stets in dem gleichen

Schritt und Tritt wie wir selbst und machen dieselben Gebärden

Darum, weil von dem Punkte des Spiegels, den selbst du verlassen,

Auch gleich keinerlei Bilder zu uns mehr zu kommen vermögen.

Denn ein Gesetz der Natur heißt: alles, was irgendwo abprallt,

Muß in dem nämlichen Winkel zum Anlauf nehmen den Rücklauf.

Blendung des Auges

Glänzenden Dingen entzieht sich das Auge und meidet den Anblick.

Blendet die Sonne doch auch, wenn man unaufhörlich hineinstarrt.

Denn sie selbst hat gewaltige Kraft, und von oben her stürzen

Ihre Bilder mit Wucht sich herab durch den heiteren Luftraum,

Treffen das Augenpaar und zerrütten sein innres Gewebe.

Aller Glanz, der zu grell ist, entzündet auch darum das Auge

Häufig, weil er so reich ist mit Feueratomen versehen,

Die, wenn ins Auge sie dringen, dort heftige Schmerzen erregen,

Ferner erscheint, was sie sehen. Gelbsüchtigen alles als gelblich,

Weil aus dem Körper der Kranken gar viele Atome des Gelbstoffs

Fließen, die dann in der Luft auf die Bilder der Dinge sich setzen.

Auch mischt sonst sich noch mancherlei bei in dem Auge des Kranken,

Was mit dem bläßlichen Ton all das, was sie sehen, bemalet.

Aus dem Dunkel ins Helle

Aus der Finsternis ferner erblicken wir das, was im Licht ist,

Weil, nachdem sich zuerst die schwärzliche Luft in dem Dunkel

Eingang hatte verschafft in die offenen Augen und dort sich

Niedergelassen, sofort die glänzend erleuchtete Luft folgt,

Welche die Augen uns klärt und die schwärzlichen Schatten der Nachtluft[139]

Aus dem Verstecke verscheucht. Denn beweglicher, feiner und stärker

Ist doch die hellere Luft bei weitem als finstere Nachtluft.

Kaum hat jene mit Licht die Gänge des Auges erfüllet

Und die Bahn sich gebrochen, wo früher die dunkele Nachtluft

Hatte gelagert, da folgen sofort auch die Bilder der Dinge,

Die von dem Licht sind getroffen, und reizen das Auge zum Sehen.

Umgekehrt aus dem Licht in die Finsternis sehn ist unmöglich

Darum, weil ja die dickere Luft der Verfinsterung später

Folgt, die alle Kanäle verstopft und die Gänge des Auges

So verrammelt, daß keines von allen den Bildern der Dinge,

Die an das Auge geraten, sich dort kann weiter bewegen.[140]

Gesichtstäuschung

Daß viereckige Türme der Stadt oft rund uns erscheinen,

Wenn wir sie nur aus der Ferne besehn, liegt darin begründet,

Daß ein jeglicher Winkel von fern als stumpfer gesehn wird

Oder auch nicht mehr gesehn. Es verliert sich gänzlich die Stoßkraft

Und kein Reiz dringt mehr von dem Winkel an unsere Augen;

Denn da die Bilder durch Massen von Luft sich weiterbewegen,

Stumpft sie den Reiz unweigerlich ab durch den häufigen Anstoß.

Da sich nun hierdurch dem Sehen entzieht ein jeglicher Winkel,

Sieht man das Quaderngefüge gleichwie mit dem Zirkel gerundet,

Freilich nicht derart rund, wie ein wirkliches Rund in der Nähe,

Sondern nur ähnlich geformt mit ein wenig verschwommenem Umriß.

Schattenbewegung

Ebenso scheint in der Sonne der Schatten uns treu zu begleiten,

Da er dem Schritt nachfolgt und unsre Bewegungen nachahmt,

Wenn man nur wirklich glaubt, die lichtlose Luft sei imstande

Schritte zu tun und Bewegung, Gebärde des Menschen zu folgen.

Denn in der Tat, was wir Schatten nach unsrer Gewohnheit benennen,

Kann doch nichts anderes sein als Luft, die des Lichtes beraubt ist.

Weil natürlich der Boden der Reihe nach lichtlos gemacht wird

Überall da, wo wir wandeln und hierdurch die Sonnenbestrahlung

Hemmen, während er dort, wo wir weggehn, gleich sich mit Licht füllt:

So kommt's, daß wir vermeinen, es folge noch immer derselbe[140]

Schatten uns gradwegs nach, den vorher der Körper geworfen,

Unaufhörlich ergießen sich neu die Strahlen des Lichtes,

Während die alten verschwinden, als ziehe man Wolle durchs Feuer.

Drum verliert auch der Boden so leicht die Sonnenbestrahlung,

Wie er sie wieder erhält und die schwärzlichen Schatten sich abwäscht.[141]

Theorie der Gesichtstäuschungen

Aber ich räume nicht ein, daß ein Irrtum der Augen hier vorliegt.

Denn ihr einzig Geschäft ist den Ort, wo Schatten und Licht sich

Findet, zu sehen; jedoch ob das Licht auch immer dasselbe,

Ob der Schatten, der hier sich befand, jetzt anderswo hingeht

Oder die Sache vielmehr wie oben gesagt sich verhalte,

Dies zu entscheiden befugt ist allein des Verstandes Erwägung.

Denn zum Wesen der Dinge vermag kein Auge zu dringen;

Deshalb bürde dem Auge nicht auf des Verstandes Verirrung.

Fährt man im segelnden Schiffe, so scheint dies stille zu stehen,

Jenes jedoch, das ankert im Port, vorüberzufahren,

Auch die Hügel und Felder uns heckwärts rasch zu entfliehen,

Während mit Rudern und Segeln an ihnen vorüber wir fliegen.

Scheinen die Sterne uns nicht an das Himmelsgewölbe geheftet

Sämtlich stille zu stehn? Und sie sind doch in steter Bewegung.

Denn sie steigen empor, und wenn sie mit leuchtendem Körper

Über den Himmel gezogen, verschwinden sie fern beim Hinabgang,

Ebenso bleiben Sonne und Mond an derselbigen Stelle,

Wie es uns scheint, doch die Wirklichkeit lehrt, daß sich beide bewegen.

Fern aus dem Strudel des Meers zwei Klippen sich heben. Dazwischen

Dehnt sich für Flotten sogar frei aus die geräumige Durchfahrt;

Und doch scheinen sie beide vereint ein Eiland zu bilden.

Wirbeln sich Knaben herum, so scheinen danach, wenn sie stillstehn,

Ihnen die Säulen des Hofs sich im Kreise zu drehn und zu tanzen,

Ja, kaum können sie's fassen, daß ihnen nicht über den Häuptern

Auch noch drohe das Dach ringsum zusammenzustürzen.

Wenn die Natur nun beginnt mit flimmerndem Lichte das Frührot

Über die Berge empor und hoch zum Himmel zu heben,

Ist das Gebirg, deß Gipfel die Sonne dir scheint erklimmen

Und ganz nahe erglimmend mit feuriger Glut zu umlodern,[141]

Kaum doch entfernt von uns zweitausend Schüsse des Pfeiles

Oder bisweilen auch nur fünfhundert Würfe des Speeres.

Nun liegt zwischen dem Berg und der Sonne das riesige Weltmeer,

Dessen Spiegel bestrahlt das unendliche Äthergefilde;

Und da liegen zudem viel tausend Länder dazwischen,

Die gar mannigfach Volk und Geschlechter der Tiere bevölkern,

Doch in der Wasserlache, die kaum in der Höhe des Fingers

Stehn bleibt zwischen den Steinen im Straßenpflaster, gewinnt man

Ebenso tief in die Erde hinab unermeßlichen Einblick,

Wie die unendliche Kluft von der Erde zum Himmel sich dehnet;

Wolken glaubst du darin und die Himmelskörper zu sehen,

Unter der Erde versteckt wie in einem verzauberten Himmel.

Wenn uns mitten im Strome das feurige Roß nicht vorankommt

Und wir hinab dann sehn in die reißenden Wogen des Flusses,

Scheint uns der Körper des Tiers, obwohl es doch steht, durch die Strömung

In die Quere gestellt und dem Strom entgegengetrieben.

Und wohin wir den Blick nun spähend werfen, erscheint uns

Alles auf ähnliche Weise in strömendem Flusse begriffen.

Weiter, der Säulengang zeigt zwar gleichmäßige Führung,

Da er ja beiderseits fortlaufend auf Säulen sich stützet,

Aber sobald man von oben die Länge des Ganzen hinabschaut,

Zieht er zur Kegelspitze sich mählich verengend zusammen;

Eins wird die Linie des Dachs und des Bodens, die linke und rechte,

Bis sie am Ende verläuft in des Kegels verschwommenen Endpunkt,

Auf dem Ozean scheinet den Schiffern die Sonn' aus den Wogen

Aufzusteigen und dann in den Wogen auch unterzugehen.

Freilich sie sehen ja dort nichts andres als Himmel und Wasser.

Hüte dich drum leichtfertig an Sinnestäuschung zu glauben.

Ja, wer der See nicht kundig, wird glauben, die Schiffe im Hafen

Hätten den Steven gebrochen und kämpften schwer mit den Wellen.

Denn an den Rudern erscheint, was oberhalb liegt von der Salzflut,

Alles gerade zu sein wie die oberen Teile des Steuers;

Was dagegen hinab in die Flut taucht, scheint wie gebrochen

Alles verkehrt und nach oben gedreht die Flächen zu wenden,

Ja, durch die Beugung fast auf dem Spiegel des Wassers zu schwimmen.

Führen zur nächtlichen Stunde die Winde zerrissene Wolken

Über den Himmel dahin, dann scheinen die funkelnden Sterne

Gegen die Wolken zu laufen und ganz verschiedene Bahnen

Dort in der Höhe zu ziehen als wie sie sich wirklich bewegen.[142]

Wenn wir vielleicht mit der Hand ein Auge von unten nach oben

Drücken, so haben wir hier ein Gefühl, als sähen wir doppelt

Alle die Gegenstände, die unserem Bliche begegnen:

Doppelt erscheint uns das Licht, das hell aus den Leuchtern erblühet,

Doppelt auch sonstig Gerät, das überall steht in dem Hause,

Doppelt der Menschen Gesicht und doppelt auch ihre Gestalten.[143]

Traumtäuschung

Und zum Schluß noch die Träume! Obwohl uns in lieblichem Schlummer

Fesselt der Schlaf und der Leib in völlige Ruhe versenkt ist,

Glauben wir dennoch zu wachen und unsere Glieder zu regen,

Glauben auch trotz stockfinsterer Nacht die Sonne zu schauen

Und das erleuchtende Licht des Tages; es deucht' uns, obwohl wir

Uns im geschlossenen Räume befinden, als ob wir durchflögen

Himmel und Erde, die Ströme, das Meer, und die Felder durchwandern;

Ja, wir vernehmen da Töne, obgleich doch nächtliche Stille

Ringsum herrscht, und wir geben mit schweigendem Munde die Antwort.

Der Art können wir vieles und wundersames erleben,

Was uns alles versucht, das Vertraun zu den Sinnen zu rauben.

Freilich umsonst! Denn die Täuschung entspringt in den meisten der Fälle

Erst dem Denken des Geistes, das wir doch selber hinzutun,

Das uns erblicken läßt, was das Auge doch gar nicht erblickt hat.

Ist doch nichts so schwierig als Scheidung des deutlich Erkannten

Von dem Bezweifelbaren, das unser Verstand noch hinzutut.

Gegen die Skeptiker

Endlich wer meint, man wisse doch nichts, der weiß ja auch dies nicht,

Ob man was wissen kann, da sein eigenes Wissen er leugnet.

Nun mit solchem Sophisten Verzicht' ich den Streit zu beginnen;

Steht er ja doch mit dem Kopfe in seiner eigenen Fußspur.

Aber gesetzt auch, ich gab' es ihm zu, so frag' ich ihn einfach:

Da er vorher in der Welt nichts Wahres gesehn hat, woher denn

Weiß er, was Wissen bedeutet und was Nichtwissen; und weiter:

Was verschaffte ihm denn die Erkenntnis des Wahren und Falschen?

Welchen Probierstein hat er das Sichte vom Zweifel zu scheiden?

Epikurs Kanon

Du wirst folgendes finden: die Sinne verschaffen vor allem

Uns die Erkenntnis des Wahren, die Sinne sind unwiderleglich.

Denn viel größres Vertrauen muß immer erwecken, was selber

Unabhängig von andrem den Irrtum schlägt mit der Wahrheit.

Was kann also vertrauenerweckender sein als die Sinne?

Oder wie darf ein falsch aus der Sinnesempfindung gezogner

Schluß, der doch ganz aus den Sinnen geboren ist, gegen sie gelten?

Sind die Sinne nicht wahr, dann täuschen auch sämtliche Schlüsse.

Oder vermöchte das Auge den Fehler des Ohrs zu bekritteln,

Oder das Ohr des Gefühls? Soll dies der Geschmack überführen?

Dies die Nase bestreiten, das Auge dagegen sich wenden?

Nein, so ist es wohl nicht. Denn ein jeglicher Sinn hat sein eigen Reich und

sein eigen Vermögen und deshalb muß jeder, was weich ist

Oder was kalt, was warm, mit besonderem Sinne empfinden

Und die verschiedenen Farben und Formen und alles, was sonst sich

Diesen vereinet, gesondert mit anderem Sinne bemerken.

Ebenso wirkt der Geschmack mit besonderer Kraft, und gesondert

Kommen Geruch und Gehör zur Empfindung. So ist es unmöglich,

Daß ein Sinn durch den ändern zur Widerlegung gebracht wird.

Niemals können nun gar die Sinne sich selber bekritteln;

Denn ein jeder verdient allzeit das gleiche Vertrauen.

Folglich ist jedesmal wahr, was den Sinnen so jedesmal dünket.

Und wenn gleich der Verstand nicht vermöchte die Frage zu lösen,

Weshalb, was in der Nähe ein Viereck war, aus der Ferne

Rund uns erschien, empfiehlt es sich doch, wenn uns mangelt die Einsicht,

Lieber falsch zu erklären die doppelte Form der Gestaltung

Als Handgreifliches je aus der Hand sich entwischen zu lassen

Und an dem Grundvertrauen zu rütteln und niederzureißen

Unseres Lebens und Heils grundlegende Fundamente.

Nicht nur jedes System zerfiele sofort, auch das Leben

Bräche dann selber zusammen, wofern du den Sinnen nicht trautest,

Oder des Wahns Abgründe nicht miedest und sonst'ge Versuchung,

Und nicht zu folgen wagtest entgegengesetzten Maximen.

Alles mithin, was gehäuft wird, gegen die Sinne zu sprechen,

Darf dir nichts weiter bedeuten als inhaltloses Gerede.

Wie ja auch schließlich beim Bau, wenn das Grundlineal nicht gerade,[144]

Wenn auch das Richtmaß falsch und mit schiefen Winkeln gebaut ist

Oder das Bleilot endlich auch nur um ein Tüttelchen abweicht,

Da muß alles vertrackt und windschief werden am Hause,

Alles verpfuscht und vorn wie hinten zum Dache nicht passend,

Daß schon einzelne Teile mit Einsturz drohen, ja wirklich

Stürzen; verfehlt war eben von Grund aus die ganze Berechnung.

So müßt' auch jedwedes System verpfuscht und verkehrt sein,

Falls dir die Sinne, auf die du gebaut, sich als irrig erwiesen.

Jetzt bleibt nur noch zu sagen (das ist kein schwindelnder Weg mehr),

Wie von den übrigen Sinnen ein jeder was andres empfindet.[145]

Theorie des Gehörs

Erstlich der Schall und jeglicher Ton wird hörbar, sobald er

Eindringt bis in das Ohr und körperlich dessen Gefühl weckt.

Denn daß der Ton wie der Schall ein körperlich Wesen hat, darf man

Wohl nicht füglich bestreiten: sie können die Sinne ja reizen.

Scheuert doch öfter die Stimme schon selber den Schlund, und es macht ihn

Heiserer noch, wenn Geschrei durch die Gurgel hinaus in die Luft dringt.

Denn wenn größere Haufen von Stimmelementen auf einmal

Durch die Enge der Kehle hinaus sich zu stürzen beginnen,

Wird durch die Überfülle die Pforte des Mundes gescheuert.

Sonach besteht kein Zweifel, daß körperbegabte Atome

Bilden die Laute und Worte; sonst wäre die Reizung nicht möglich.

Weißt du doch selbst, was ein Mensch an seinem Körper verlieret,

Was ihm an Nervenkraft muß rauben beständiges Sprechen,

Wenn er versucht von den ersten erglänzenden Strahlen des Frührots

Bis zu den dunkelen Schatten der Nacht als Redner zu wirken,

Namentlich wenn es geschieht mit der höchsten Entfaltung der Stimmkraft.

Also es muß doch die Stimme ein körperlich Wesen besitzen,

Da wir durch längeres Reden an unserem Körper verlieren.

Ferner die Rauheit der Stimme entsteht aus der Rauheit des Urstoffs,

Ebenso glätterer Ton aus glätteren Urelementen.

Denn verschieden geformt ist der Urstoff, der uns ins Ohr dringt,[145]

Läßt die Drommete mit Wucht ihr dumpfes Gedröhne erschallen

Und hallt Phrygierland dumpf wider von Flötengetute,

Oder wenn nächtens herab aus des Helikon kühlen Revieren

Schmelzender Trauergesang der gefiederten Sänger erschallet.[146]

Stimmbildung

Alle die Töne nun weiter, die tief aus dem Innern uns kommen

Und die wir grade hinaus aus der Öffnung des Mundes entsenden,

Gliedert beweglich die Zunge, die Wörterbildnerin, während

Auch die Formung der Lippe zum Teil sie weiter gestaltet.

Ist nun gering die Entfernung, aus der uns die einzelnen Laute

Zugehn, müssen wir auch notwendigerweise die Wörter

Selbst mit Bestimmtheit hören und deutlich gegliedert vernehmen;

Denn sie behalten die Form, sie behalten die weitre Gestaltung.

Doch wenn ein allzu beträchtlicher Raum in der Mitte dazwischen

Liegt, muß Wörtervermengung und Stimmverwirrung entstehen,

Da ja der Ton durch die Masse von Luft nur mühsam hindurchdringt.

So kommt's, daß man den Schall wohl zu hören vermag, doch die Worte

Selbst nicht mehr nach dem Sinn voneinander zu scheiden imstand ist.

So kommt vielfach gehemmt und verwirrt ein Laut uns zu Ohren.

Andererseits dringt öfter das einzelne Wort, das verkündet

Wird aus des Herolds Mund, in das Ohr der gesamten Gemeinde.

So zerflattert mithin im Momente die einzelne Stimme

In viel tausende Stimmen und teilt sich dem einzelnen Ohr mit,

Wenn sie dem Worte Gestalt aufprägt und deutliche Lautung.

Was von den Lauten jedoch nicht ins Ohr kann richtig gelangen,

Fliegt vorbei und vergeht umsonst in die Lüfte verschwebend,

Während ein anderer Teil, der an festeren Körpern zurückprallt,

Widerhallt und bisweilen mit äffenden Worten uns täuschet.

Echo

Faßt du nun dies recht auf, so kannst du dir selber und andern

Rechenschaft geben, warum die Felsen an einsamen Orten

Gleiche Formen der Wörter der Reihe nach richtig erwidern,

Wenn die Gefährten wir suchen, die irrend im schattigen Bergwald

Sich verliefen und die wir mit lautem Gerufe herbeiziehn.[146]

Sechs-, ja siebenfach hab' ich das Echo des Wortes vernommen,

Das man nur einmal rief: so warf ein Hügel dem ändern

Stets es von neuem zurück; so fanden die Wörter die Rückkehr.

Dieses Gelände bevölkert die Schar bocksfüßiger Satyrn

Samt den Nymphen, so raunt der benachbarte Bauer; und Faune,

Heißt es im Munde des Volks, verführen dort nächtliches Lärmen;

Durch ihr Geschäker und Scherz wird die schweigende Stille gestöret:

Saitengeklimper erklingt, süßklagende Weisen ertönen,

Welche der Flöte entströmen, die spielende Finger bemeistern.

Weithin lausche dem Pan das Landvolk, wenn er zu Zeiten

Sein halbtierisches Haupt, das die Fichte bekränzt, hin und her wiegt

Und mit gebogener Lippe die Pfeifenmündungen anbläst.

Pans Rohr sorge, daß nie die Musik in dem Walde verstumme.

Auch noch andere Märchen und Wunder, wie diese, erzählt man,

Um nicht den Glauben zu wecken, die einsame Gegend der Heimat

Sei auch von Göttern verlassen; drum fabeln sie Wundergeschichten.

Oder man hat noch anderen Grund zu solcher Erfindung;

Denn nur allzu geneigt ist die Menschheit solches zu hören.[147]

Reichweite der Töne

Wundern darf man sich übrigens nicht, weshalb durch die Orte,

Welche dem Auge verwehren den ungehinderten Durchblick,

Doch noch die Stimme gelangt und unserem Ohre sich kundgibt;

Hört man doch oft ein Gespräch sogar bei verschlossener Türe!

Wundre dich nicht! Denn die Bilder vermögen nicht heil wie die Stimme

Durch die gewundenen Poren der Gegenstände zu dringen;

Sie zerreißen vielmehr, sofern nicht wie etwa beim Glase

Gradaus laufen die Poren, wo jede Erscheinung hindurchstreicht.

Außerdem auch zerteilt sich der Schall nach jeglicher Seite,

Da ein Ton aus dem ändern entsteht. Sobald er sich bildet,

Teilt er sofort sich in viele. So kann man auch sehen beim Feuer,

Wie ein Funke davon zerstiebt in unzählige Funken.

Also füllt auch der Raum sich mit Tönen, und selbst die verborgnen

Hinteren Räume durchdringet der Lärm, durchwogen die Töne.

Bilder hingegen verfolgen, sobald sie erst einmal entsandt sind,

Alle den gradesten Weg. Drum kann auch über den Zaun weg

Niemand sehn, wohl aber von außen die Stimmen vernehmen.

Doch auch die Stimme erfährt, wenn sie durch die verschlossenen Räume[147]

Durchdringt, Dämpfung und kommt nur verworren ins Innre des Ohres,

Daß wir mehr ein Geräusch als Worte zu hören vermeinen.[148]

Theorie des Geschmackes

Etwas mehr tut Einsicht not und mehr Überlegung,

Wenn wir zu Zunge und Gaumen, mit denen wir schmecken, uns wenden.

Erstlich schmecken im Munde den Saft wir, wenn wir beim Kauen

Unsere Speise zerdrücken, wie wenn man den Schwamm, der mit Wasser

Voll ist gefüllt, mit der Hand fest ausdrückt, um ihn zu trocknen.

Was wir nun so auspressen, verbreitet sich ganz durch des Gaumens

Gänge hindurch und das Porengewirr in der schwammigen Zunge.

Wo nun glatt sind die Stoffe des rinnenden Saftes, da gibt es

Milde Berührung, und milde behandeln sie alle die Räume,

Welche mit wäßrigen Säften gefüllt die Zunge behausen;

Während im Gegenteil sie den Sinn mehr stechen und reizen

Beim Entstehen, je mehr die Atome von rauher Gestalt sind.

Nur bis zum Ende des Gaumens jedoch reicht unser Geschmackssinn;

Wenn hingegen noch weiter der Saft durch die Kehle hinabrinnt

Und sich in alle Gelenke verteilt, dann hört der Geschmack auf.

Ohne Belang ist's ferner, womit sich der Körper ernähre,

Wenn man nur, was man gegessen, auch richtig verdaut an die Glieder

Weiter verteilt und den Magensaft weiß feucht zu erhalten.

Geschmacksverschiedenheit

Jetzt nun will ich erklären, warum uns die Speise verschieden

Vorkommt oder warum den einen abscheulich und bitter

Schmeckt, was den ändern durchaus nur lieblich möchte erscheinen.

Und da zeigt die Verschiedenheit sich so groß und der Abstand,

Daß was dem einen zur Nahrung, dem ändern zum Gifte gereichet.

So ist's wie bei der Schlange, die, wenn sie der menschliche Speichel

Trifft, dem Tode verfällt und sich selbst durch Bisse vernichtet.

So ist die Nieswurz auch für uns scharf wirkendes Giftkraut,

Doch für die Böcke und Wachteln ein fettansetzender Nährstoff.

Aber damit du erkennest, wodurch dergleichen geschehn kann,

Mußt du vor allem an das, was ich früher gesagt, dich erinnern,[148]

Daß Keimstoffe sich finden in allem, die vielfach gemischt sind,

Ferner daß alles, was lebt und von Speise sich nährt, schon von außen

Große Verschiedenheit zeigt und daß gattungsweise gesondert

Äußere Körperform in begrenzende Schranken sie einschließt.

Somit bestehen sie auch aus Keimen verschiedener Bildung.

Da nun ferner die Keime verschieden sind, müssen auch jene

Zwischenräume und Gänge, die wir als die Poren bezeichnen,

Ungleich sein in den Gliedern und so in dem Mund und im Gaumen.

Folglich muß es auch hier bald größre, bald kleinere geben,

Manche in Dreiecksform und andre gestaltet als Viereck,

Viele sind rund und manche in vielerlei Weisen ein Vieleck.

Denn wie die Art der Gestalten und ihre Bewegung es fordern,

Danach müssen sich auch die Figuren der Poren verschieben

Und sich die Gänge verändern je nach des Gewebes Umhüllung.

So kann bitter den einen erscheinen, was anderen süß schmeckt.

Wem's süß schmeckt, dem müssen die glattesten Stoffelemente

Gleichsam zärtlich kosend die Höhlen des Gaumens betreten;

Doch wem bitter im Munde es schmeckt, was dem anderen süß dünkt,

Dessen Kehle betreten nur rauhere Hakenatome.

Hieraus ist's nun leicht auch das einzelne kennenzulernen.

So wenn einer das Fieber bekommt, weil er Galle zuviel hat,

Oder aus anderem Grund ein Leiden mit Macht ihn gepackt hat,

Dann wird der Körper sofort von oben bis unten zerrüttet

Und es ändert sich völlig die Lage der Urelemente.

So kommt's, daß die Stoffe, die früher den Sinnen gefielen,

Jetzt mißfallen und andre nun mehr willkommen erscheinen,

Welche den bittern Geschmack im Mund zu erzeugen instand sind.

Denn in dem Honiggeschmack ist beides zusammen vereinigt,

Was ich dir oben schon öfter des Näheren habe bewiesen.[149]

Theorie des Geruches

Jetzt nun will ich die Frage behandeln: wie kommt der Geruch denn

Hin zur Nase? Zum ersten, man muß viel Dinge sich denken,

Denen der Strom verschiedenen Dufts sich wälzend entströmet,

Dessen stetiger Fluß und Verbreitung sich überallhin lenkt;

Doch die verschiedenen Formen bewirken verschiednen Geschöpfen

Ganz verschiednen Geruch. Drum zieht durch die Lüfte die Immen

Honiggeruch schon von weitem herbei, und verwesendes Aas lockt[149]

Selbst aus der Ferne die Geier. Es leitet die Meute der Rüden

Uns zu der Fährte des Wilds, die sein Spalthuf drückt in den Boden.

Auch die weißliche Gans, der Retter der römischen Felsburg,

Merkt schon lange vorher den Geruch des nahenden Menschen.

So wird jedes Geschöpf von einem besonderen Dufte

Hin zu dem Futter geführt und verscheucht vom widrigen Giftkraut.

So erhalten sich weiter der Tiere Geschlechter am Leben.[150]

Langsamkeit der Duftatome

Diese Gerüche nun alle, soweit sie die Nase uns reizen,

Reichen in ihrer Verbreitung die einen weiter als andre,

Doch kein einziger dringt darunter in solche Entfernung

Wie das Geräusch und die Stimme – ich will von den Bildern nicht sprechen,

Welche das Auge berühren und unsern Gesichtssinn reizen.

Langsam naht sich der Duft auf irrender Bahn und vorher oft

Schwindet er allzu leicht in das Luftreich mählich zerfließend.

Erstlich löst sich nur schwer der Geruch aus dem Innern der Stoffe.

Denn daß er wirklich den Tiefen entströmt und den Dingen entweichet,

Dafür gibt den Beweis, daß alles Zerbrochene stärker

Riecht und Zerriebenes und vom Feuer gründlich Zerstörtes.

Ferner ersieht man auch leicht, daß der Duft aus größren Atomen

Als die Stimme besteht. Denn er dringt nicht durch steinerne Wände,

Wo der Schall und die Stimme sich allenthalben den Weg bahnt.

Deshalb wirst du auch sehn, wie schwierig es ist bei den Düften

Aufzufindenden Ort, wo der Ursprung ist des Geruches.

Während der Duft in den Lüften verschwebt, erkaltet der Auftrieb,

Und so langet der Bote nicht warm mehr am Sitz des Gefühls an.

Darum irren die Hunde auch oft, wenn die Fährte sie suchen.

Theorie der Antipathie

Doch dies zeigt sich nicht nur im Gebiet des Geruchs und Geschmackes,

Sondern auch in dem Bereich der Gestalten und Farben der Dinge:

Auch hier wecket nicht alles die gleichen Gefühle bei allen,

Sondern manches berührt den greller als jenen beim Sehen.

Ja, den Hahn, der die Nacht mit schlagenden Flügeln verscheuchet[150]

Und uns täglich den Morgen mit schmetternder Stimme herbeiruft,

Können die grimmigen Löwen nicht anschaun oder entgegen

Sich ihm stellen. Sie suchen vielmehr ihm rasch zu entrinnen.

Nämlich im Körper der Hähne befinden sich manche Atome,

Welche, sobald sie dem Löwen ins Auge sich bohren und dorten

In die Pupille sich graben, ihm heftige Schmerzen erregen:

So ist ein Widerstehen dem trotzigen Tiere nicht möglich.

Aber für unser Auge sind jene Atome gefahrlos,

Weil es den Durchgang wehrt und, falls sie wirklich hindurchgehn,

Freien Ausgang verstattet, so daß sie bei ihrem Verweilen

Nicht im geringsten das Auge im Innern beschädigen können.[151]

Theorie der geistigen Tätigkeit

Nun vernimm noch in Kürze, wodurch in Bewegung gesetzt wird

Unser Geist und woher der Gedanke zum Denken gebracht wird.

Erstlich behaupte ich dies: es bewegen sich Bilder der Dinge

Viele auf vielfache Art nach allen möglichen Seiten.

Zart ist ihr Wesen; drum bleiben sie leicht in der Luft aneinander

Bei der Begegnung hängen wie Spinnengewebe und Blattgold.

Sind ja doch solcherlei Bilder viel feiner in ihrem Gewebe

Als was sonst uns die Blicke ergreift und das Auge kann reizen.

Denn durch die Maschen des Leibes gelangen uns solche ins Innre,

Weckenden duftigen Geist und reizen die Sinnesempfindung.

So erblicken wir denn Centauren und Glieder der Scylla,

Fratzen des Höllenhunds und Bilder von lange Entschlafnen.

Deren Gebein in der Todesnacht umschließet die Erde.

Überall schwärmen ja Bilder herum von allerlei Arten,

Die teils erst in den Lüften sich ganz selbständig entwickeln,

Teils auch irgendwie aus verschiedenen Dingen sich lösen,

Und aus deren Gestalten sich formt ein neues Gesamtbild.

Denn das Centaurenbild kann gewiß nicht vom Lebenden stammen,

Weil es ja nie in der Welt solch lebendes Wesen gegeben;

Doch wenn der Zufall eint die Bilder vom Roß und vom Menschen,

Hängen sie leicht aneinander, da, wie schon früher gesagt ward,

Sie gar feine Natur und zartes Gewebe besitzen.

Ebenso bilden sich auch noch sonst gleichartige Bilder.

Dringen nun diese beweglich mit äußerster Leichtigkeit weiter,

Kann, wie ich früher gezeigt, ein beliebiges einziges Bildchen[151]

Auch schon durch einen Stoß, da es fein ist, den Geist uns erregen.

Denn auch dieser ist selbst gar wundersam zart und beweglich.

Daß dies so, wie ich sage, geschieht, kannst leicht du begreifen;

Denn da das geistige Schauen dem leiblichen ganz analog ist,

Muß sich auch jenes natürlich auf ähnliche Weise vollziehen.

Da ich nun oben gelehrt, daß wenn ich den Löwen, zum Beispiel,

Sehe, mein Auge einmal durch Bilder des Löwen gereizt wird,

Gilt auch der Schluß, daß der Geist auf ähnliche Weise erregt wird,

Nämlich durch Bilder von Löwen und anderem, was er so wahrnimmt

Grad wie das Auge, nur daß er noch zartere Bilder kann schauen.

Eben darum bleibt, wenn auch die Glieder im Schlummer sich strecken,

Wach noch die geistige Kraft. Nur daß dieselbigen Bilder

Wie im Wachen, so jetzt auch im Traume die Seele uns reizen,

Aber so stark, daß wir glauben noch lebend manchen zu schauen,

Den schon das Leben verlassen und Tod und Erde verschluckt hat.

Dieses bewirkt der Zwang der Natur, weil während des Schlafes

Sämtliche Sinne des Körpers gehemmt fest ruhn in den Gliedern;

Und sie können daher nicht den Wahn durch die Wirklichkeit abtun.

Auch das Gedächtnis versagt und leidet infolge des Schlummers.

Deshalb befremdet es nicht, daß jener schon längst von dem Tode

Wurde gepackt, den der Geist noch lebendigen schauen vermeinet,

Übrigens nimmt es nicht Wunder zu sehn, wie die Bilder sich regen.

Wie sie die Arme im Takt und die übrigen Glieder bewegen.

Glauben wir doch im Schlafe bisweilen dergleichen zu sehen.

Denn wenn das frühere Bild uns verschwand und ein neues mit andrer

Stellung entstand, so scheint uns das erste die Haltung zu ändern.

Dies vollzieht sich natürlich im Nu, was wohl zu beachten.

So beweglich und zahlreich erscheint uns die Menge der Dinge

Wie auch der Teilchen, die ständig in jedem nur meßbaren Zeitraum

Ihnen entquellen, daß nie ihr Nachschub könnte versagen.[152]

Über Wille und Aufmerksamkeit

Viel ist auf diesem Gebiet noch zu fragen und viel noch zu klären,

Wenn wir dieses Problem vollständig erledigen wollen.

Da ist die wichtigste Frage: Weshalb denkt unser Verstand just

Das alsbald, was zu denken ihm grade die Lust ist gekommen?

Schauen die Bilder vielleicht auf unseren Willen und stellt sich[152]

Uns, wenn wir wollen, sofort das entsprechende Bild zur Verfügung?

Mag sich der Wunsch auf das Meer, auf die Erde, den Himmel uns richten,

Oder Versammlung des Volks, Aufzüge, Bankette und Schlachten,

Schafft das etwa aufs Wort die Natur und liefert uns alles?

Aber es denkt doch der Geist an der nämlichen Stelle und Gegend

Bei verschiednen Personen auch ganz verschiedene Dinge.

Sehen wir ferner im Takt die Bilder des Traumes marschieren.

Sehn wir sie wie im Tanz die gelenkigen Glieder bewegen,

Wenn sie gelenkig die Arme zur Wechselbewegung erheben

Und das Spiel mit dem Fuße dazu harmonisch begleiten,

Sind da die Bildet nicht gar kunststrotzende Tanzvirtuosen,

Daß sie zur nächtlichen Zeit so zierlich zu spielen imstand sind?

Oder ist folgender Grund wohl richtiger? Weil in dem einen

Zeitraum, wo wir empfinden, das heißt wo ein Wörtchen wir sprechen,

Viele Momente versteckt sind, die nur die Berechnung ermittelt,

Daher kommt's, daß in jedem Moment und von jeglicher Art uns

Bilder an jeglichem Orte bereit zur Verfügung sich stellen.

So beweglich und zahlreich erscheint uns die Menge der Dinge.

Denn wenn das frühere Bild uns verschwand und ein neues mit andrer

Stellung entstand, so scheint uns das erste die Haltung zu ändern.

Da sie nun ferner so zart sind, erscheinen dem Geiste genau nur

Die, worauf er sich spannt; drum schwinden ihm sämtliche Bilder

Außer denen, auf die er sich selber schon innerlich einstellt:

Darauf stellt er nun für der sich ein in der Hoffnung, die Bilder,

Die aus jeglichem Dinge sich bilden, zu sehn: so geschieht's auch.

Siehst du nicht auch, wie das Auge sich spannt und den Willen darauf lenkt,

Wenn es begonnen den Blick auf zarte Gebilde zu richten?

Ohn' ein solches Bemühn ist deutliches Sehen nicht möglich.

Kann man doch selbst erfahren, daß deutlich erkennbare Dinge,

Wenn sie der Geist nicht beachtet, so gut wie dem Blicke entrückt sind

Während der ganzen Zeit und in weiteste Ferne verschlagen.

Weshalb soll es nun wunderbar sein, daß dem Geiste das andre

Alles verloren geht, nur das nicht, worauf er sich einstellt?

Ferner fügen wir oft den kleinsten Erscheinungen größte

Wahnvorstellungen zu und verstricken uns selbst so in Täuschung.[153]

Wechsel der Traumbilder

Manchmal geschieht's im Traum, daß ein andersartiges Bild sich

Unterschiebt dem vorherigen Bild. So scheint, was ein Weib war,

Unter den Händen uns oft in ein männliches Wesen verwandelt;

Oder es folgt ein verändert Gesicht und verändertes Alter.

Aber wir wundern uns nicht: so wirkt das Vergessen im Schlafe.

Die Organe sind früher als ihr Gebrauch

Hierauf soll man nun nicht, nach [meinem entschiedenen Urteil],

Folgenden Fehler begründen, [und diesen] Irrtum vor allem

[Sollst du, so lautet mein Wunsch], vorsorglich verhüten und meiden:

Daß du nicht meinst, es seien der Augen leuchtende Lichter

Uns zum Sehen gegeben; und daß auf die Füße sich stützend

Waden wie Schenkel sich oben am Ende zu falten vermögen,

Um es uns möglich zu machen ausschreitende Schritte zu setzen;

Oder daß ferner die Arme an kräftigen Muskeln befestigt

Und zwei Hände uns seien als Dienerinnen gegeben,

Um uns damit zu beschaffen, was alles wir brauchen zum Leben;

Und was man sonst sich noch alles in ähnlicher Weise zurechtlegt.

Dies ist alles verkehrt und nach falscher Methode ersonnen.

Denn zu unserm Gebrauche ist nichts in dem Körper erschaffen,

Sondern es schafft sich vielmehr das Geschaffene seinen Gebrauch erst.

Ehe das Augenpaar war geschaffen, bestand noch kein Sehen.

Und kein Sprechen war möglich, solange die Zunge nicht da war,

Sondern die Schöpfung der Zunge war früher als jene der Sprache,

Und die Entstehung des Ohrs fällt auch weit früher, als jemand

Töne vernahm; kurzum, für sämtliche Glieder, so mein' ich,

Gilt's, daß sie früher vorhanden, bevor ihr Gebrauch ward gefunden.

Folglich konnten sie nicht dem Gebrauche zuliebe erwachsen.

Aber die Hand zu erheben zum feindlichen Streite des Faustrechts

Und zu zerfleischen den Leib und die Glieder mit Blut zu beflecken,

Dies gab's lange, bevor noch flogen die blitzenden Pfeile,

Und sich vor Wunden zu hüten erzwang die Natur bereits früher,

Ehe die Linke die Kunst noch gelernt mit dem Schild sich zu decken.

Auch den ermüdeten Leib zur Ruhe zu bringen erfand man

Selbstverständlich schon früher als weichlich gepolsterte Betten,

Und man löschte den Durst noch bevor man den Becher erfunden.[154]

All dies darf man mithin als zum Nutzen des Menschen erfunden

Ansehn, da der Gebrauch des täglichen Lebens es lehrte.

Aber verschieden davon ist alles, was selbst schon vorher war,

Was, nachdem es entstanden, die Kenntnis des Nutzens erst hergab.

Dazu gehören vor allem die Sinne und sämtliche Glieder.

Also (ich sag' es noch einmal), es bleibe dir fern der Gedanke,

Daß die Organe uns seien zu nützlichem Dienst erst erschaffen.[155]

Hunger- und Durstgefühle

Auch dies darf uns nicht wundern, daß jedes Geschöpf sich die Nahrung,

Die sein Körper bedarf, von selbst nach dem Trieb der Natur sucht.

Nämlich ich lehrte bereits, daß aus sämtlichen Dingen Atome

Zahlreich auf mancherlei Weise entströmen, doch kommen die meisten

Aus den belebten Geschöpfen. Sie sind ja in steter Bewegung.

So verduftet schon viel durch den Mund, wenn ermattet sie keuchen,

Viel wird auch durch den Schweiß aus der Tiefe nach oben befördert.

Hierdurch entleert sich der Körper, die ganze Natur wird von Grund aus

Unterwühlt und es stellt sich ein schmerzendes Hungergefühl ein.

Darum greift man zur Speise, um unsere Glieder zu stützen,

Um durch ihre Verteilung im Körper die Kraft zu ersetzen

Und in den Gliedern und Adern zu stillen die gähnende Eßlust.

Auch die flüssigen Stoffe zerstreun sich an alle die Stellen,

Wo man das Flüssige braucht, und die zahlreichen Hitzelemente,

Die sich im Magen gehäuft und dort Entzündung erregen,

Werden zerstreut durch genossenes Naß und gelöscht wie das Feuer.

Dann kann dörrende Hitze nicht länger die Glieder verbrennen.

So wird also (du siehst es) der lechzende Durst aus dem Körper

Weggespült und gestillt die nüchternen Hungergefühle.

Theorie des Gehens

Nun erklär' ich auch dies, weshalb wir, sobald wir nur wollen,

Schritte zu machen vermögen und unsere Glieder zu regen,

Was uns sodann die Fähigkeit gab, die so große Gewichtslast

Unseres Körpers voran zu bewegen: vernimm nun die Lehre![155]

Also ich sage: Zuerst erscheinen uns Bildet des Gehens

Vor dem Geist und sie geben, wie früher gelehrt, ihm den Anstoß.

Dann wird der Wille zum Gehen erweckt; denn niemand beginnt doch

Etwas zu tun, wenn der Geist, was er will, nicht voraussieht;

Was er voraus nun sieht, deß Bild steht ihm vor der Seele.

Regt sich nun also im Geiste der Wille zum Gehen und Schreiten,

Trifft er sofort auf die seelische Kraft, die im Körper verteilet

Überallhin ist zerstreut durch alle Gelenke und Glieder.

Leicht vollzieht sich auch dies; denn der Geist ist der Seele verbunden.

So gibt diese den Stoß an den Körper dann weiter; so schiebt sich

Und so bewegt sich allmählich die Last im Ganzen nach vorwärts.

Dann wird locker des Körpers Gewebe; die Lücken durchflutet

Selbstverständlich die Luft, wie sie muß; denn immer beweglich

Dringt sie reichlich herein und gelangt durch die Poren ins Innre.

Und so verteilt sie sich weiter von da zu den feinsten Atomen

Unseres Leibes. So kommt's durch beiderseitige Hilfe,

Daß sich der Körper bewegt wie ein Schiff mit Riemen und Segeln.

Hierbei darf es jedoch nicht weiter uns wunderbar scheinen,

Daß so kleine Atome den mächtigen Körper zu drehen

Und die menschliche Last vollständig zu lenken imstand sind.

Treibt doch der Wind, deß Leib so zarte und feine Atome

Bilden, ein mächtiges Schiff mit gewaltigem Wehen nach vorwärts,

Das auch bei raschester Fahrt nur lenkt ein einziger Handgriff;

Und ein Steuer genügt es nach allen Seiten zu drehen.

Ähnlich bewegt und lüftet der Kran mit leichtester Mühe

Viele gewichtige Lasten vermittelst der Winden und Trommeln.[156]

Theorie des Schlafes

Wie uns nun ferner der Schlaf in die Glieder die heilsame Ruhe

Träufelt und unsere Brust von den seelischen Sorgen erlöset,

Dies will ich jetzt dir in kurzen, doch lieblichen Worten verkünden;

Kurz ist der Schwanengesang, doch er klingt weit besser als jenes

Kranichgeschrei, das den Äther erfüllt, aus den Wolken des Südwinds.

Leih mir nur weiter ein feines Gehör und witternden Spürsinn,

Daß du nicht das für unmöglich erklärst, was ich sage, und rückwärts

Schreitest, indem du mit trotzigem Sinn dich der Wahrheit verschließest,

Wenn du durch eigene Schuld dir selber die Augen verbindest.[156]

Schlaf entstehet zum ersten, wenn die in den Gliedern zerstreute

Seelische Kraft sich zum Teil nach außen getrieben entfernte,

Teils auch zusammengedrückt sich mehr in das Innre zurückzog.

Dann erst lösen sich nämlich die Glieder und fallen in Schlaffheit.

Denn unzweifelhaft ist es der Seele allein zu verdanken,

Daß wir Empfindung besitzen. Und wenn nun der Schlaf wie verhindert,

Dann ist die Seele in uns als verwirrt und nach außen vertrieben

Anzusehn, doch nicht ganz; sonst läge der menschliche Körper

Leblos da und auf ewig vom Froste des Todes umfangen.

Denn wenn im Körper versteckt nicht zum Teile die Seele verbliebe,

Wie sich noch glimmendes Feuer verbirgt in dem Haufen der Asche:

Woher könnte denn sonst die Empfindung plötzlich im Körper

Wiedererstehn, wie die Flamme aus heimlichen Gluten emporschlägt?

Aber wodurch dem Gefühl nun diese Erneurung zuteil wird,

Wie der Seele Verwirrung entsteht und die Schlaffheit des Körpers,

Will ich erklären. Doch laß mir mein Wort nicht im Winde zerflattern!

Erstlich, da rings den Körper umspült ein beständiger Luftstrom,

Müssen wir ganz notwendig auch Stöße von außen empfangen

Und durch häufige Schläge der Luft Erschütterung leiden.

Drum ist zum Schutze der Körper fast aller Geschöpfe mit Leder

Oder mit Schalen und Schwarten gepanzert oder mit Rinde.

Auch die inneren Teile bestreicht beim Atmen der Luftstrom,

Zieht man ihn ein in die Brust und stößt man ihn wieder nach außen.

Da nun von beiden Seiten der Körper erleidet den Ansturm

Und da die Stöße so weit durch die winzigen Poren gelangen,

Daß sie den Grundstoff treffen und dessen Urelemente,

Tritt allmählich Zerfall fast überall auf in den Gliedern.

Denn es verwirrt sich die Lage der Urelemente im Körper

Wie in der Seele. So kommt's, daß diese zum Teil wird nach außen

Ausgestoßen, zum Teil sich versteckt und nach innen zurückweicht,

Während der übrige Teil, durch die Glieder zerstreut, nicht imstand ist,

Einig in sich mit anderm in Wechselwirkung zu treten.

Denn die Verbindungswege versperrt die Natur ihm im Schlafe.

Drum mit veränderter Richtung verzieht das Gefühl sich rasch nach innen.

Weil es fast nichts mehr gibt, was unsre Gelenke noch stützet,

Wird auch der Körper nun schwach, es erschlaffen sämtliche Glieder,

Arme und Lider, sie sinken, ja häufig schon knicken die Knie

Trotz dem Liegen uns ein, da die Kraft der Bänder sich lockert.[157]

Ferner erfolget der Schlaf auf die Mahlzeit; denn wie die Luft wirkt,

Wirkt auch die Speise, sobald sie in sämtliche Adern verteilt wird.

Und in der Tat bei weitem der allerfesteste Schlaf ist,

Der uns satt und ermattet befällt. Denn groß ist die Arbeit,

Die dann Erschöpfung und Wirrung erzeugt bei den meisten Atomen.

Eben deshalb verzieht sich ein Teil der Seele ins Innre,

Reichlicher noch ist der Teil, der hinaus aus dem Körper gedrängt wird,

Und was im Innern verbleibt, zerstreut sich noch mehr und verteilt sich.[158]

Theorie des Traums

Welchem Beruf nun ein jeder sich widmet und eifriger hingibt

Oder womit man auch sonst sich vorher lange beschäftigt

Oder auf welchem Geleise man mehr den Verstand hat getummelt,

Damit scheinen wir auch in dem Schlaf uns meist zu beschäft'gen:

Rechtsanwälte verfassen Gesetze und führen Prozesse,

Feldherrn kämpfen im Traum und ziehen ins Schlachtengetümmel.

Schifferleben zur See im ewigen Kampf mit den Winden,

Mein Traum aber betrifft dies Werk: die Natur zu erforschen

Und, was ich fand, zu beschreiben in Dichtungen heimischer Sprache.

So nun scheinen im Schlaf auch die übrigen Studien und Künste

Meist das Gemüt der Menschen noch weiter täuschend zu fesseln:

Allen, die hintereinander an vielen Tagen die Spiele

Immer beharrlich verfolgen, verbleiben (wie oft schon zu sehn war),

Wenn auch der Anblick längst aus der Sphäre der Sinne geschwunden,

Doch noch offen gewisse noch übrige Gänge des Geistes,

Durch die immer noch strömen die nämlichen Bilder der Dinge.

Und so schweben noch lange alltäglich dieselben Gestalten

Ihnen vor Augen, so daß sie sogar im Wachen noch immer

Schauen die Tänzer, wie rasch und geschmeidig die Glieder sie regen,

Und in dem Ohr tönt lange noch nach hellklingend der Zither

Lied und die Sprache der Saiten; sie schauen noch immer denselben

Zuschauerraum und den glänzenden Schmuck der wechselnden Bühne.

So sehr kommt's dabei an auf den Eifer und Willen des Menschen

Und womit man sich grade gewohnheitsmäßig beschäftigt.

Doch dies trifft nicht den Menschen allein, nein alle Geschöpfe.

Sieht man doch mutige Rosse, die abends die Glieder zur Ruhe

Legen, im Schlaf trotzdem stark schwitzen und immerfort keuchen,[158]

Jegliche Muskel gespannt, als gelt' es die Palme des Sieges,

Oder als wollten sie starten, nachdem sich die Schranke geöffnet.

Häufig bewegt sich auch plötzlich im wohligsten Schlafe der Jagdhund

Heftig mit seinen Beinen; er fängt auf einmal zu bellen

An und er zieht durch die Nase mit häufigem Schnuppern die Luft ein,

Gleichsam als sei er nunmehr auf die Fährte des Wildes gestoßen.

Wenn er darüber erwacht, setzt oft er dem nichtigen Trugbild

Nach, als sah' er die Hirsche in eiligem Flüchten begriffen,

Bis er dann zu sich kommt, wenn der Irrtum endlich verscheucht ist, –

Während das trauliche Rudel, des Haushunds niedliche Jungen,

Sich zu schütteln beginnen und rasch vom Boden sich reißen,

Grade als ob sie Gestalt und Gesicht von Fremden erblickten.

Und je wilder geartet die Brut ist der einzelnen Tiere,

Um so wütender müssen sie auch sich im Schlafe gebärden.

Aber die Scharen der Vögel, sie flüchten sich plötzlich zur Nachtzeit,

Und ihr Fittig versetzt die Haine der Götter in Aufruhr,

Wenn sie im Schlummer, der leis sie umfängt, den Habicht erblicken,

Wie er sie fliegend verfolgt, um Schlacht und Kampf zu entfachen.

Ferner, dem Geiste der Helden, die Großes nach großen Entschlüssen

Leisten, erscheint im Schlafe das nämliche Wirken und Handeln:

Könige sehn sich im Traum als Erobrer, als Lenker der Schlachten,

Auch als Gefangne, wobei sie Schrein, als ging's an die Kehle.

Viele auch kämpfen auf Leben und Tod. Sie stöhnen vor Schmerzen

Und erfüllen das ganze Gemach mit lautem Gebrülle,

Als ob grausiger Löwen und Panther Gebiß sie zerfleischte.

Viele plaudern wohl auch die wichtigsten Dinge im Traum aus,

Und gar mancher verriet, was er selber schon Böses getan hat.

Viele auch wähnenden Tod zu erleiden, und andre erschrecken

Plötzlich, als ob sie vom Gipfel des Bergs mit der Schwere des Körpers

Auf den Boden hin schlügen: ihr Körper erglüht wie im Fieber

Und ihr Geist ist betäubt: mit Mühe nur kommen sie zu sich.

Leidet man Durst, so glaubt man an lieblicher Quelle zu sitzen

Oder am Strom und das Wasser schier ganz mit dem Schlund zu erschöpfen.

Kinder glauben bisweilen vom Schlafe befangen am Weiher

Oder am Töpfchen zu stehn und das Kleid in die Hohe zu heben:

Dann ergießt sich das Naß, das im Leibe sich hatte gesammelt,

Und überschwemmt die glänzende Pracht der persischen Decke.[159]

Theorie der Pollution

Dann, wenn der Same zuerst in der Jugend Brandung sich einstellt

Und ihn das reifende Alter von selbst in den Gliedern erzeugt hat,

Treten von außen dem Jüngling die Bilder von allerlei Körpern

Nahe, die schönes Gesicht und blühende Farbe verraten.

Diese nun reizen die Adern, die reichlicher Samen geschwellt hat,

Daß wie beim Liebesgenuß sich oftmals starke Ergüsse

Stromweis manchen entladen und ihre Gewandung beflecken.

Wie ich gesagt, wird erweckt in unseren Körpern der Samen,

Erst wenn das reifende Alter die Glieder gehörig gekräftigt.

Denn die Dinge bewirken verschiedne Erregung und Reizung.

Über die Liebe

Doch nur ein menschliches Bild kann den Samen des Menschen erregen.

Wird nun dieser vertrieben aus seinem Ursprungssitze,

Läuft er von überall her durch sämtliche Glieder des Leibes

In die bestimmten Gefäße der Samenstränge, von wo er

Allsobald auch erregt die Zeugungsglieder des Körpers,

Diese nun schwellen vom Samen gereizt, es entsteht das Verlangen,

Ihn dort auszuspritzen, wohin ein gewaltiger Trieb strebt,

Und der Leib ist sein Ziel, der die Herzenswunde geschlagen.

Denn wir fallen gewöhnlich auf unsre verwundete Stelle;

Dorthin schießt uns das Blut, von wo wir die Hiebe empfangen;

Ist in der Nähe der Feind, trifft diesen der rötliche Blutstrahl.

Wem nun die Pfeile der Liebe die Herzenswunde geschossen,

Mag sie ein Knabe versenden, der weibliche Reize zur Schau stellt,

Oder ein Weib, das die Liebe aus allen Gliedern des Leibes

Ausstrahlt, der geht los auf den Schützen und sucht die Verbindung,

Sucht aus dem eigenen Leibe den Saft in den ändern zu schleudern;

Denn sein stilles Begehren verheißt ihm Wonne der Wollust.

Warnung vor der Liebesleidenschaft

Dies heißt Venus bei uns; daher hat Amor den Namen;

Daher ward uns zuerst der süßeste Tropfen der Liebe

Eingeträufelt ins Herz; dann kam die erkältende Sorge.[160]

Denn ist dir fern, was du liebst, so sind doch die Bilder der Liebe

Immer dir nah und lieblich ans Ohr klingt immer ihr Name.

Aber man sollte die Bildet verbannen, man sollte der Liebe

Jegliche Nahrung entziehen, den Sinn auf anderes richten

Und den gesammelten Saft auf beliebige Leiber verschleudern,

Statt ihn aufzubewahren, um einer Liebe zu fröhnen

Und sich nur sichere Sorge und Schmerzen dadurch zu bereiten.

Nährt man ein solches Geschwür, so wirds nur schlimmer, je älter;

Ärger wird täglich dein Rasen und drückender lastet dein Kummer,

Wenn du nicht immer betäubst mit neueren Reizen den Wundschmerz

Oder ihn vorher gleich bei den Liebchen der Gasse kurierest

Oder die Triebe der Seele nach anderen Richtungen ablenkst.[161]

Liebeswahn

Wer die Leidenschaft flieht, verzichtet darum nicht auf jeden

Liebesgenuß, nur sucht er vielmehr die straflosen Freuden.

Denn ein Gesunder erfreut sich doch offenbar reinerer Wollust

Als wer krank ist vor Liebe. Denn selbst bei dem Akt der Umarmung

Schwanket der Liebenden Brunst in taumelnder Irrnis. Sie wissen

Kaum, wo zuerst sich ersättigen soll der Blick und die Hände.

Was sie ergreifen, erdrücken sie fast; sie mißhandeln den Körper

Schmerzhaft, ja sie zerbeißen sich oft mit den Zähnen die Lippen.

Pressen sie Küsse darauf. Sie leitet nicht reiner Genußtrieb,

Sondern ein heimlicher Stachel den Gegenstand selbst zu verletzen,

Wer es auch sei, der die rasende Wut in dem Herzen entfacht hat.

Freilich im Liebesgenuß weiß Venus die Qualen zu lindern,

Und die schmeichelnde Lust hemmt leicht die gefährlichen Bisse,

Denn es betört sie die Hoffnung, die brünstige Flamme zu löschen

Habe nur der Leib wirklich die Kraft, dem die Glut ist entglommen.

Doch dies wäre fürwahr der Natur vollkommen zuwider.

Das ist das einzige Ding, von welchem das glühende Herz will

Immer noch mehr sich gewinnen, je mehr wir davon schon besitzen,

Speise und Trank nimmt auf das Innere unseres Körpers

Und, da sie hierin erfüllen bestimmte Reviere, so kann man

Damit leicht das Verlangen nach Trank und Speise befried'gen.

Doch von dem schönen Gesicht und der blühenden Farbe des Menschen

Bleibt dem Leib zum Genuß nichts übrig als zarteste Bilder.

Ach, ein schwächlicher Trost, den ein Windstoß oft noch davonführt![161]

Wie in dem Traum dem Dürstenden oft das Getränke versagt bleibt,

Das ihm die brennende Glut in den Gliedern zu löschen vermöchte,

Und statt dessen nur Bilder des Wassers ihn täuschend umgaukeln,

Daß er beim Trinken inmitten des reißenden Stromes verdurstet,

So äfft Venus die Liebenden oft mit den Bildern der Liebe,

Da sie sich selbst in der Nähe am Sehn nicht ersättigen können

Und kein Stück mit der Hand von dem Reize der Glieder erhaschen,

Wenn sie den Leib auch ganz im Liebestaumel durchirren.

Endlich wenn Glied sich dem Gliede geeint, um die Blüte der Jugend

Auszukosten, im ersten Gefühle der kommenden Wonne,

Wenn sich Venus bereitet das weibliche Feld zu besamen,

Pressen mit Gier sie die Brust an die Brust; es vermischt sich des Mundes

Speichel, sie pressen den Zahn in die Lippen mit keuchendem Atem:

Doch umsonst, sie können ja nichts dem Körper entreißen

Oder mit ihrem Leib sich ganz in den ändern versenken,

Was sie wirklich bisweilen zu tun um die Wette bemüht sind;

So fest hängen sie beide in Venus' Banden zusammen,

Bis sich die Kraft der Wollust bricht und die Glieder sich lösen.

Hat sich nun so die gesammelte Lust aus den Adern entladen,

Tritt in der heftigen Brunst wohl ein Stillstand ein für ein Weilchen,

Dann kehrt wieder von neuem zurück die wütende Tollheit,

Wieder versuchen sie endlich zum Ziele der Wünsche zu kommen:

Doch da gibt es kein Mittel die Krankheit wirklich zu heilen.

Hilflos gehen sie so an der heimlichen Wunde zu Grunde.[162]

Folgen der Liebesleidenschaft

Dazu kommt noch der Kräfteverfall und vernichtende Mühsal,

Kommt noch ferner die Knechtschaft hinzu im Banne des ändern,

Und die Versäumnis der Pflicht; das Ansehn wanket und kranket.

Unterdessen zerrinnt das Vermögen. Aus Persien kauft man

Decken, am Fuß muß ein niedlicher Schuh aus Sikyon glänzen,

Große Smaragde, natürlich! mit grün durchscheinendem Lichte

Werden in Gold nun gefaßt, der Purpur wird ständiges Hauskleid

Und der mißhandelte Stoff saugt voll sich vom Schweiße der Liebe.

Was die Väter erwarben, verwandelt sich in Diademe[162]

Oder in Mäntel und Kleider aus Chios oder Alinda.

Prächtige Decken und Speisen erscheinen bei Tafel und Würfel;

Becher wechseln und Salben und Blumengewinde und Kränze:

Alles umsonst. Denn mitten vom Strudel der Freuden erhebt sich

Plötzlich ein Wermutstropfen, der unter den Blumen ihn ängstet,

Sei es, daß etwa er selbst von Gewissensbissen getroffen

Sieht, wie er müßig die Tage verlebt und im Schmutze versinket,

Oder daß sie ein bedenkliches Wort ließ fallen, das rief sich

Ihm in sein liebendes Herz wie brennendes Feuer gefressen,

Oder er meint, sie werfe die Augen und äugle nach ändern

Allzuviel, und entdeckt noch Spuren des Lächelns im Antlitz.[163]

Schwer ist die Flucht vor der Liebe

Das sind die Leiden, die selbst in der treuesten, glücklichsten Liebe

Stets sich finden: doch sind sie nun gar im Falle des Unglücks

Zahllos, daß man sogar bei geschlossenen Augen sie sehn muß.

Drum ist's besser vorher, wie ich lehrte, darüber zu wachen

Und sich beizeiten zu hüten, damit man dem Netze entgehe.

Denn es ist weniger schwer die Schlingen der Liebe zu meiden

Als, wenn man einmal gefangen im Netz, daraus zu entkommen

Und zu zerreißen die Knoten, die Venus so kräftig geknüpft hat.

Gleichwohl kannst du vielleicht, obgleich schon verstrickt und gefesselt,

Doch noch dem Feinde entfliehn, wenn du dir nicht selber im Wege

Stehst und wofern du nicht Nachsicht übst bei Fehlern der Seele

Oder auch Fehlern des Leibes, die bei der Geliebten sich finden.

Denn so machen's die Leute zumeist, wenn die Liebe sie blind macht,

Daß sie den Lieblingen Reize, die gar nicht vorhanden sind, leihen.

Vielfach sehen wir so, daß verwachsene, häßliche Mädchen

Doch noch Gefallen erwecken und höchlichst werden gepriesen.

Da lacht einer des ändern, man rät, sie sollten der Venus

Zorn versöhnen, dieweil an so scheußlicher Liebe sie kranken.

Und doch sehen die Ärmsten oft nicht ihr schwereres Unglück!

Ist sie schwarz, dann heißt sie »brünett« und die schmutzige »einfach«,

Die grauäugige »Pallas«, »Gazelle« die knochige, trockne,

Ist sie von zaghaftem Wuchs, heißt »zierlich« sie, »eine der Grazien«,

Aber ein Riesenweib hat »majestätische Würde«,

Redet sie stammelnd, so »lispelt sie süß«, die Stumme ist »schüchtern«,[163]

Ist sie heftig, gehässig und schwatzhaft, nennt man sie »feurig«,

»Zart ist das liebe Geschöpf«, das vor Magerkeit kaum mehr kann leben,

»Schlank gewachsen« ist jene, die fast schon am Husten gestorben,

»Ceres, Iakchos nährend« ist eine von vollerem Busen,

»Satyra« heißt Stumpfnase, und »Küßchen«, die wulstigen Mund hat.

Wollt' ich noch mehr dergleichen erwähnen, es wäre unendlich.

Aber gesetzt auch, es gäbe die Maid mit dem herrlichsten Antlitz,

Deren sämtlichen Gliedern entströmte der göttlichste Liebreiz,

Neben ihr gibt's auch noch andre, nicht wahr? Wir lebten ja früher

Ohne sie und – wir wissen, sie macht, was die Häßliche auch tut:

Räuchert sich selbst, die Arme! den Schoß mit widrigen Düften,

Daß die Zofen sie fliehn und verstohlener Weise verlachen.

Doch der Liebende steht an verschlossener Türe oft weinend,

Schmückt sie mit Blumengewinden und sprengt all die Pfosten der Spröden

Majoranöl und bedeckt die Pforte mit Küssen, der Arme!

Läßt sie ihn ein und trifft ihn ein einziges Lüftchen beim Eintritt,

Sucht er gewiß bald wieder zum Abschied schicklichen Vorwand.

Sein so langüberlegtes, dem Herzen entsprungenes Klaglied

Fällt nun ins Wasser. Er zeiht sich der Torheit, weil er nun einsieht,

Mehr ihr gehuldigt zu haben als sterblichen Menschen gebühret.

Das ist auch unseren Schönen bekannt. Drum suchen sie eifrig

Alles, was hinter der Szene geschieht, vor denen zu bergen,

Die sie länger noch wünschen in Liebesbanden zu halten.

Doch umsonst. Du vermagst ja gewiß mit den Augen des Geistes

Alles ans Licht zu ziehn und hinter die Schliche zu kommen,

Und, wenn sie sonst nur braven Gemüts und nicht zänkisch ist, mag man

Wiederum Nachsicht üben und menschlicher Schwäche verzeihen.[164]

Gemeinsamkeit der Liebesempfindung

Aber das Weib ist nicht immer nur Heuchlerin, wenn sie nach Liebe

Schmachtet und in der Umarmung des Manns den Leib an den Leib preßt,

Während sie saftige Küsse mit saugender Lippe ihm darreicht;

Denn oft tut sie's von Herzen so gern, und sie sucht im Genüsse

Wechselwirkung und reizt zum Ziele des Rennens zu kommen.

Ebenso können die Hühner, die Kühe, die Stuten und Schafe

Samt dem wilden Getier von den Männchen besprungen nicht werden,[164]

Wenn nicht auch ihre Natur von überschwellender Brunst glüht,

Daß sie mit Freuden erwidern die Liebeserregung der Gatten.

Siehst du nicht oft, wenn gemeinsame Lust die Gepaarten zusammen

Koppelt, wie beide die Qual des gemeinsamen Bandes erdulden?

Wenn auf den Plätzen so oft sich die Hunde zu trennen bemüht sind

Und mit aller Gewalt auseinander zu kommen; doch leider

Hängen sie innig verknüpft durch der Liebe gewaltige Bande.

Niemals täten sie dies, wenn sie nie die gemeinsame

Wollust Kennengelernt, die sie lockt und fest in den Banden zurückhält.

Drum wie ich sage, so ist's: die Lust ist beiden gemeinsam.[165]

Vererbungsfragen

Wenn sich der Same nun mischt und das Weib durch die Stärke der Inbrunst

Überwältigt die männliche Kraft und im Schöße sie aufnimmt,

Gleichen der Mutter sodann die Sprossen vom Samen der Mutter,

Wie sie dem Vater gleichen, wenn er siegt. Zeigen sich beider

Formen und Züge der Eltern vereint und vermischt in den Kindern,

Dann erwachsen sie so aus Vater- und Muttergeblüte,

Wenn sich vom Stachel der Liebe gereizt in den Gliedern ihr Samen

Trifft und zusammenschlagen die gegenseitigen Flammen,

Ohne daß einer von beiden hier Sieger sei oder Besiegter.

Auch kommt's häufiger vor, daß die Kinder den Eltern der Eltern

Gleichen und oft an die Ahnen in ihrer Gestaltung erinnern.

Dies kommt daher, daß häufig die Eltern im Körper verborgen

Mit sich führen so viele und vielfach gemischte Atome,

Welche vom Urstamm her die Väter den Vätern vererben.

Draus bringt Venus hervor gar mannigfach wechselnde Formen,

Und nun bildet sie neu Haar, Stimme und Züge der Ahnen.

Denn auch dies nicht minder als Antlitz, Körper und Glieder

Muß bei uns allen entstehn aus bestimmtem Samen der Sippe.

Und wie aus Vaters Samen ein weiblich Geschlecht sich entwickelt,

Also gehen auch Knaben hervor aus dem weiblichen Stoffe,

Denn aus dem doppelten Samen muß jede Geburt sich entwickeln.

Und wenn mit einem von beiden das Kind mehr Ähnlichkeit aufweist,

Dann hat es ungleich mehr von diesem, wie deutlich zu sehn ist,

Mag es nun männlichen Sproß, mag weiblich Geschlecht es betreffen.

Unfruchtbarkeit

Aber durch göttliche Mächte wird niemand am Zeugen gehindert

So, daß ihm nie aus dem Munde von süßen Geschöpfen der Name

»Vater« entgegenscholl und der Erbe ihm dauernd versagt blieb.

Und doch glauben's die meisten und sprengen in ihrer Betrübnis

Auf den Altar viel Blut und bringen ihm rauchende Opfer,

Daß mit reichlichem Samen der Gattinnen Schoß er befruchte.

Doch sie bestürmen umsonst die Macht und Orakel der Götter.

Denn Unfruchtbarkeit gibt's nur dann, wenn der Same zu dick ist

Oder im Gegenteil zu flüssig und dünner als gut ist.

Wenn er zu dünn ist, so kann et im Mutterschoße nicht haften,

Denn er verflüssigt sich rasch und fließt dann ohne Erfolg ab;

Ist er bei ändern zu dick, weil in festerer Form er, als gut ist,

Abgeht, spritzt er entweder mit unzureichender Triebkraft

Oder er kann nicht so recht in das Innere dringen, und wenn es

Wirklich gelingt, so mischt er sich kaum mit dem weiblichen Samen.

Denn auch die Harmonie scheint sehr verschieden im Lieben.

Einer befruchtet wohl die, der andere jene Genossin;

Dies Weib wird auch leichter von diesem als anderen schwanger.

Mancher der Frauen erblühte in mehreren Ehen kein Sprößling,

Aber sie fand doch später den Mann, der Kinder ihr zeugte

Und mit süßen Geschöpfen ihr Dasein konnte bereichern.

Männer, die früher daheim bei den Gattinnen fruchtbaren Nachwuchs

Nicht erzielten, gelang's, nachdem sich ein passendes Wesen

Ihnen gesellt, ihr Alter mit liebenden Kindern zu schützen.

Drum hat's solche Bedeutung, daß Samen mit Samen sich mische,

Der zum Zwecke der Zeugung besonders geeignet erscheine,

Daß sich dem flüssigen dicker und flüssiger paare dem dicken.

Hierbei kommt's auf die Nahrung an, die das Leben ermöglicht;

Denn durch manche verdickt sich der Samen in unserem Innern,

Andre verdünnt ihn im Gegenteil und macht ihn zu flüssig.

Arten des Liebesgenusses

Auch ist dies recht wichtig, auf welcherlei Arten man übet

Kosenden Liebesgenuß, Die meisten vermeinen, die Frauen

Könnten bequem empfangen nach Art vierfüßiger Tiere,[166]

Weil der Samen dann leichter die inneren Stellen erreiche,

Wenn sie die Brust auflegen und höher die Schenkel erheben,

Ferner nützen der Frau die geilen Bewegungen gar nichts,

Denn sie hindert nur so die Empfängnis und wirkt ihr entgegen,

Wenn sie mit Wiegen der Hüften die Liebe des Gatten erwidert

Und den gelenkigen Rumpf in wogenden Windungen wirbelt;

Wirft sie doch so aus der Bahn und der richtigen Furche die Pflugschar

Und lenkt ab von dem Ziele die Richtung des männlichen Samens.

Solche Bewegungen üben die Dirnen zum eigenen Vorteil,

Um nicht zu oft zu empfangen und schwanger darnieder zu liegen,

Und zugleich, um den Männern die Liebe bequemer zu machen,

Was doch wohl überflüssig für unsere Gattinnen sein wird.[167]

Lob der liebenswürdigen, wenn auch minder schönen Gattin

Auch wenn öfter ein Weibchen von minderer Schönheit uns fesselt,

Hat sie das Göttern wohl nicht, nicht den Pfeilen der Venus zu danken;

Denn oft wirkt ihr eigenes Tun, die gefällige Anmut

Ihrer Sitten, dazu ihr sauberes Äußere, daß man

Leicht daran sich gewöhnt das Leben mit ihr zu verbringen.

Übrigens wird auch die Liebe noch mehr durch Gewohnheit gemodelt.

Denn was ein häufiger Stoß, und sei's ein gelinder, erschüttert,

Das wird besiegt und zum Wanken gebracht im Verlaufe der Zeiten.

Siehst du nicht auch, wie die Tropfen des Wassers, durch stetiges Fallen

Auf das Gestein, im Verlaufe der Zeit auch den Felsen durchfressen?[167]

Fünftes Buch

Kosmologie, Kulturgeschichte

Preis Epikurs

Wer vermöchte ein Lied so gewaltigen Tones zu singen,

Daß es des herrlichen Stoffs und unsrer Entdeckungen wert sei?

Wo ist der redegewaltige Mann, der würdig mit Worten

Feiern könnte den Meister, der soviel Gold aus dem Schachte

Seines Verstandes geschürft und der Forschung Lohn uns vererbt hat?

Keiner aus sterblichem Blut wird, dünkt mich, sich dessen vermessen.

Wenn sein erhabnes System uns die Wahrheit heißt zu bekennen,

War er ein Gott, ja ein Gott, erlauchtester Memmius, der uns

Jene Betrachtung des Lebens erfand als erster und einz'ger,

Welche wir jetzo gewöhnlich als Weltanschauung bezeichnen,

Der aus den Stürmen des Lebens in ruhiges Wasser uns führte

Und in das strahlende Licht aus den schrecklichen Finsternissen.

Nimm nur einmal zum Vergleich was die Götter vor alters erfanden!

Ceres ließ, wie es heißt, das Getreide den Menschen erwachsen,

Bacchus schenkte die Labe des rebengeborenen Saftes;

Trotzdem kann man doch leben auch ohne die beiden Genüsse,

Wie man von etlichen Völkern auch jetzt noch solches berichtet:

Doch ist der Geist nicht geläutert, vermag man nicht glücklich zu leben.

Um so mehr wird mit Recht als Gott uns jener erscheinen,

Dessen Lehre auch jetzt noch des Lebens heitere Tröstung

Weithin unter den Völkern gemüterquickend verbreitet.

Achtest du aber vielleicht des Herkules Taten für höher,

Wirst du dich nur noch weiter vom Wege der Wahrheit verirren.

Denn was sollte noch jetzt mit dem riesigen Rachen uns schaden

Jener nemeische Leu und Arkadiens borstiger Eber?

Oder was kann uns der kretische Stier und der Drache von Lerna,

Jene mit giftigen Nattern umpanzerte Hydra, noch antun?

Oder was kümmern uns jetzt des Geryones dreifache Leiber,

Oder wenn fern am bistonischen See und am Ismarosberge

Feuer den Nüstern entsprüht Diomeds wutschnaubenden Rossen,[168]

Was soll uns das schaden? Nun erst die stymphalischen Vögel

Oder der schuppige Drachen mit stechendem Blicke, der Hüter

Golden erstrahlender Äpfel im Garten des Hesperiden,

Der mit riesigen Ringeln die Stämme des Baumes umwindet,

Wie soll der uns bedrohn an des grausigen Ozeans Küste,

Wo kein Römer verkehrt und selbst ein Barbar sich nicht hinwagt?

Und nun die übrige Schar der getöteten 'Wundergestalten,

Hätte sie jener verschont, was könnten sie lebend uns schaden?

Nichts, wie mich deucht. Denn es wimmelt von wildem Getier zur Genüge

Heute noch unsere Erde, das banges Entsetzen verbreitet,

Überall hoch in den Bergen, im Hain und im Dickicht des Waldes.

Aber es steht ja doch meistens bei uns die Orte zu meiden.

Doch ist der Geist nicht geläutert, was müssen wir dann für Gefahren,

Was für Kämpfe bestehn, auch wenn wir selbst es nicht wollen!

Was für fressende Sorgen zerfleischen die menschlichen Herzen,

Wenn die Begierde sie reizt, und ebenso quälende Ängste!

Wie kommt Hochmut zu Fall, wie Geiz und freches Gebahren,

Welcher Ruin entsteht durch üppiges Protzen und Nichtstun

Wer nun alle die Laster bezwungen und unsere Herzen

Nur mit dem Wort, nicht mit Waffengewalt von den Übeln befreit hat,

Ist nicht ein solcher Mensch in die Reihe der Götter zu stellen?

Da er zudem auch häufig so schön voll göttlichen Geistes

Von den unsterblichen Göttern in seinen Werken geredet

Und dort unserem Blicke die ganze Natur hat erschlossen.

Seiner erleuchtenden Spur nun folg' ich, indem ich die Gründe

Weiter verfolge und lehre, daß jedes nach jenem Gesetze,

Dem es Entstehung verdankt, auch weiter zu sein ist gezwungen

Und die gewaltigen Schranken der Zeit nicht zu brechen imstand ist.[169]

Vergänglichkeit der Seele

Hierbei ward nun vor allem entdeckt das Wesen der Seele.

Erstlich besteht sie aus sterblichem Stoff. Da sie also geschaffen,

Kann sie nicht unverletzt durch längere Zeiten sich halten.

Wenn wir mithin im Traume Gestorbene glauben zu sehen,

Sind das gewöhnlich nur Bilder, die unsere Seele berücken.

Vergänglichkeit der Welt. Inhalt des Buches

Weiter ergibt sich die Folge (so heischt es die Ordnung der Lehre),

Daß ich nun auch den Beweis muß liefern, die Welt sei geschaffen,

Und zugleich, sie bestehe aus einem vergänglichen Körper.

Ferner auf welcherlei Art die Vereinigung dieser Materie

Erd' und Himmel gegründet, das Meer, die Sonn' und die Sterne

Samt der Kugel des Mondes; was ferner hervor aus der Erde

Kroch von lebendigen Wesen, und welche es nie hat gegeben;

Auch wie das Menschengeschlecht durch Benennung der Dinge die Sprache

Mannigfaltig geschaffen zum gegenseit'gen Verkehre,

Und wie sich endlich die Furcht vor den Göttern ins menschliche Herz schlich

Jene Furcht, die als Heiligtum schützt rings über die Erde,

Haine und Tempel und Seen, Altäre und Bilder der Götter.

Bewegung der Gestirne

Weiter erklär' ich die Bahnen der Sonne, den Wandel des Mondes,

Ferner die Kraft, mit der die Natur sie im Kreise herumlenkt.

Denn wir vermeinen doch nicht, daß diese Gestirne von sich aus

Frei und beständig sich drehen inmitten von Himmel und Erde,

Nur um gefällig die Früchte und lebenden Wesen zu fördern,

Oder daß irgendwie gar die Götter die Drehung besorgten.

Auch wer richtig gelernt, daß die Götter ein sorgloses Dasein

Führen, der wundert sich wohl, wie sich alles im einzelnen abspielt, Namentlich auch bei jenen Erscheinungen, welche dem Blicke

Über unserem Haupte im Äthergefilde sich zeigen.

Dann fällt mancher wohl wieder zurück in den früheren Glauben

Und bekennt sich als Sklaven von grausamen Herren, an deren

Allmacht leider er glaubt. Er weiß nicht, der Arme, was sein kann

Und was nicht kann sein und wie jedwedem umzirkt ist

Seine wirkende Kraft und der grundtief ruhende Markstein.

Weltuntergang

Übrigens will ich nicht länger bei bloßen Versprechungen weilen.

Lenke zuerst nur den Blick auf das Meer, auf Himmel und Erde.

Dreifach erscheint ihr Wesen, o Memmius, dreifach ihr Urstoff,[170]

Dreifach verschieden die Form und dreifach ihr inneres Wesen,

Und doch schlägt ein einziger Tag dies alles in Trümmer:

Hinstürzt, was Jahrtausende hielt, die Masse des Weltbaus.

Zwar ich verhehle mir nicht, wie neu, wie wundersam vorkommt

Unserm Verstand die Vernichtung, die Himmel und Erde bedrohe,

Und wie schwer es mir wird, den Beweis durch Worte zu führen:

Wie dies stets ja so ist, wenn nimmer Erhörtes man vorbringt,

Ohne dem Blicke des Auges zur Prüfung es geben zu können

Oder dem Drucke der Hand; denn das ist der nächste gebahnte

Weg, der zum menschlichen Herzen und Tempel des Geistes hineinführt,

Trotzdem sprech' ich es aus. Vielleicht wird bald das Erlebnis

Selbst mein Wort noch bewähren, vielleicht wirst selbst du noch sehen,

Wie durch ein Beben der Erde im Augenblick alles in Staub stürzt.

Möge jedoch Fortuna, die Lenkerin, uns es ersparen,

Möge uns mehr die Vernunft als das eigne Erlebnis belehren,

Daß auch die Welt zugrunde kann gehn in klirrendem Einsturz.[171]

Unterschied des Lebenden und Leblosen

Eh' ich jedoch nun beginne, hierüber Orakel zu spenden,

Die viel sichrer begründet und heiliger sind als die Sprüche,

Welche die Pythia spricht von Apollos Dreifuß und Lorbeer,

Will ich dir menschlichen Trost aus dem Munde der Wissenschaft bieten,

Daß du nicht etwa geschreckt durch religiöse Bedenken

Wähnest, Himmel und Erde und Meer, Mond, Sonne und Sterne

Müßten als göttliche Körper deswegen in Ewigkeit dauern,

Und du nicht meinest, es müßten nun alle nach Art der Giganten

Schreckliche Strafen erleiden für unausdenkbaren Frevel,

Welche mit ihrer Vernunft die Weltenmauern zu stürzen

Und an dem Himmel versuchten die leuchtende Sonne zu löschen.

Sie, die mit sterblichem Munde Unsterbliches wagten zu schwärzen!

Sind doch Körper wie diese so ferne von göttlichem Wesen

Und verdienen so wenig zum Kreise der Götter zu zählen,

Daß sie vielmehr den Begriff von Stoffen uns können vermitteln,

Welche der Lebensregung und Sinnesempfindung entbehren.

Denn es ist ganz unmöglich zu glauben, daß geistiges Wesen

Oder Vernunft sich verbinde mit jedem beliebigen Stoffe:

Wie in dem Äther kein Baum, kein Gewölk in der salzigen Meerflut

Sein kann, wie auf den Feldern kein Fisch sein Leben mag fristen,[171]

Wie kein Blut aus dem Holz, kein Saft aus dem Steine kann fließen,

Sondern für jedes der Ort ist bestimmt, wo es wachsen und sein darf.[172]

Verbindung von Leib und Seele

So kann nie sich allein und ohne den Körper die Seele

Ihrem Wesen nach bilden entfernt von dem Blut und den Nerven.

Könnte sie das, dann würde wohl eher die geistige Kraft sich

Sammeln im Haupte, den Schultern, sogar ganz unten im Fuße

Oder auch sonst an beliebigem Ort einwachsen, sie würde

Immer doch bleiben im selben Gefäß, das heißt, in dem Menschen.

Weil wir nun sehn, wie dieses Gesetz auch in unserem Körper

Feststeht, und auch der Ort für das Sein und Wachsen getrennt ist

Wie für den Geist so die Seele, so muß man noch schärfer es leugnen,

Daß sie als Ganzes entfernt von beseelten Gestalten und Körpern

Weiter zu leben vermöge in faulenden Schollen der Erde

Oder im Feuer der Sonne, im Äther oder im Wasser.

Also sind die Gestirne nicht teilhaft göttlichen Sinnes;

Denn sie können ja nicht mit lebendigem Odem begabt sein.

Wohnsitz der Götter

Irrwahn ist auch dies, die heiligen Sitze der Götter

Fänden sich irgendwo in unserem Weltengebäude.

Denn gar zart ist der Götter Natur; von unseren Sinnen

Ist sie gar weit entfernt: kaum sieht sie das Auge des Geistes.

Denn da sie flieht vor der Hände Berührung und rauherem Zugriff,

Darf sie auch nichts berühren, was wir zu berühren imstand sind.

Was nicht berührbar ist, kann auch nicht selber berühren.

Deshalb ist auch ihr Sitz nicht vergleichbar unserem Wohnsitz,

Sondern er muß entsprechen dem zarteren Körper der Götter.

Doch dies will ich dir noch ausführlicher später erweisen.

Die Welt kein Götterwerk

Ferner behaupten zu wollen, es sei nur den Menschen zu Liebe

Diese vortreffliche Welt von den Göttern einstens erschaffen;

Drum sei dies hochpreisliche Werk als göttlich zu rühmen,[172]

Sei für ewig bestehend und unzerstörbar zu halten,

Sündhaft sei es daher, die Welt, die den Menschengeschlechtern

Nach uraltem Beschlüsse der Götter für ewig erbaut ward,

Irgendwann und – wo aus den Fundamenten zu reißen

Und sie mit Worten zu stürmen, das Oberste kehrend zu unterst, –

Und noch weitere Lügen nach gleicher Methode zu brauen:

Wahnsinn ist dies alles, mein Memmius. Welcherlei Vorteil

Könnte denn unsere Gunst den seligen Göttern verschaffen,

Daß sie um unseretwillen sich irgend betätigen sollten?

Welches Ereignis verlockte die vordem ruhigen Götter

Noch so spät zu dem Wunsche ihr früheres Leben zu ändern?

Denn mich dünket, nur dem kann ein Wechsel der Lage genehm sein,

Welchem die alte mißfällt. Doch wer nichts Schlimmes erfahren

In der vergangenen Zeit, wo er glücklich sein Leben verbrachte,

Was nur konnte in dem das Gelüst der Neuerung wecken?

Oder war etwa vorher ihr Leben voll Dunkel und Trübsal,

Ehe die Schöpfungsstunde das Licht in der Welt hat entzündet?

Oder was brächte denn uns, nicht geschaffen zu werden, für Übel?

Freilich wer einmal geboren, der wird auch im Leben noch bleiben

Wollen, solang' er behält des Daseins wonnige Freude.

Doch wer nimmer gekostet des Lebens Freude, wer nie ward

Mitgezählt, was schadet es dem, wenn er nie ward geboren?[173]

Die Welt ein Werk der Natur

Ferner woher stammt das Modell für die Schöpfung der Dinge

Und der Begriff von der Menschheit selbst in der Seele der Götter,

Daß sie erschauten und wußten im Geist, was sie wollten erschaffen?

Oder wie lernten sie nur die Kräfte der Urelemente

Kennen und was bei ihnen der Wechsel der Lage bedeute,

Wenn die Natur nicht selbst die Idee der Schöpfung gegeben?

Denn seit undenklicher Zeit schon haben die vielen Atome

Auf gar mancherlei Weise getrieben durch äußere Stöße

Und durch ihr eigen Gewicht durcheinander zu schwirren begonnen

Und sich auf allerlei Arten zu einigen, alles versuchend,

Was sie nur immer vermöchten durch ihre Verbindung zu schaffen.

So ist's doch kein Wunder, wenn diese Atome mitunter

In derartige Lagen und solche Bahnen geraten,

Durch die immer aufs neue die Welt sich bis heute in Gang hält.

Unvollkommenheit der Welt

Denn selbst wenn ich das Wesen der Urelemente nicht kennte,

Wagt' ich doch dies zu behaupten gerad' auf die Forschung des Himmels

Und viel andere Gründe mich stützend: Mitnichten, so sag' ich,

Ist dies Wesen der Welt für uns von den Göttern erschaffen;

Allzusehr ist sie doch mit gewaltigen Mängeln behaftet.

Erstens soviel von der Erde des Himmels gewaltiger Umschwung

Deckt, ist der einzige Teil, der bewohnbar ist, teils von Gebirgen,

Teils auch von Wäldern mit Wild, von Felsen und weiten Morästen

Oder vom Meere besetzt, das die Säume der Länder getrennt hält.

Ferner entzieht beinah zwei Drittel den sterblichen Menschen

Hier die versengende Glut und dort der beständige Schneefall.

Was dann übrig verbleibt vom Ackerland, würde von selbst sich

Rasch wohl mit Disteln bedecken, wenn menschliche Kraft nicht dagegen

Kämpfte. Sie hat sich bequemt um des Lebens willen zu stöhnen

Über dem wuchtigen Karst und das Land mit dem Pflug zu bestellen.

Was wir an Keimen zum Lichte befördern, indem mit der Pflugschar

Fruchtbare Schollen wir wenden und furchen den Boden der Erde,

Könnte sich nicht von selbst in die flüssigen Lüfte erheben.

Und doch, wenn nun auch alles, was mühsame Arbeit erstrebt hat,

Rings in den Landen ergrünet und herrlich erblühet, versengt oft

Übermäßige Hitze der feurigen Sonne die Saaten

Oder ein plötzlicher Regen verdirbt sie und eisiger Nachtfrost

Oder im Wirbelsturme zerstört sie das Wehen der Winde.

Ferner wozu nur nährt die Natur auf dem Land wie im Meere

Und vermehrt die entsetzliche Brut der gefährlichen Tiere,

Welche den Menschen bedrohn? Warum führt herbstliche Jahrzeit

Seuchen herbei? Und weshalb tritt oft vorzeitiger Tod ein?

Ferner das Kind! Wie der Schiffer, den wütende Wellen ans Ufer

Werfen, so liegt am Boden der Säugling, nackt und zum Leben

Jeglicher Hilfe entbehrend. Sobald die Natur aus der Mutter

Wehenerschüttertem Schoß ihn bringt in des Lichtes Gefilde,

Füllt er mit kläglichem Wimmernden Raum; das ist ja natürlich:

Hat er doch soviel Leids in dem Leben dereinst zu erwarten.

Anders hingegen das bunte Geschlecht der Schafe und Rinder

Und das wilde Getier. Sie wachsen und brauchen nicht Klappern

Noch auch der nährenden Amme gebrochenes Lallen und Kosen,[174]

Brauchen kein Wechselgewand je nach der verschiedenen Jahrzeit.

Endlich der Waffen bedürfen sie nicht noch der ragenden Mauern,

Um den Besitz zu beschützen: denn allen erzeuget ja alles

Reichlich die Erde von selbst und der findige Trieb der Naturkraft.[175]

Vergänglichkeit der Teile bedingt den Untergang des Ganzen

Erstlich behaupte ich nun: da der Erdstoff hier und das Wasser

Wie der bewegliche Odem der Luft und die feurigen Gluten,

Die dies ganze Gebäude der Welt, wie man sehen kann, bilden,

Alle bestehen aus Stoff, der entsteht und wieder vergehet,

Muß auch das Weltall ganz aus demselbigen Stoffe bestehen.

Denn das Ganze natürlich, da dessen Glieder und Teile

Aus erschaffenem Stoffe und sterblichen Formen bestehen,

Stellt in der Regel dem Blicke sich ebenso dar als erschaffen

Und zugleich als vergänglich. Drum wenn ich mit Augen erblicke,

Wie so gewaltige Teile der Welt der Vernichtung verfallen

Und aufs neue erstehen, dann weiß ich, daß Himmel und Erde

Einst ihren Anfang hatten und einmal ihr Ende erwarten.

Beweise für die Vergänglichkeit der vier Elemente

Glaube nur ja nicht, ich habe mir diese Behauptung erschlichen,

Wenn ich so Erde wie Feuer als sterbliche Wesen betrachte,

Und die Vergänglichkeit auch von Wasser und Luft nicht bezweifle,

Denen Wiedergeburt und Wiedervermehrung ich zusprach.

Erde

Erster Beweis! Ein beträchtlicher Teil von der Erde wird ständig

Unter den Gluten der Sonne und unter den Tritten der Menschen

Aufgewirbelt als Nebel von Staub und als fliegende Wolken,

Die weithin in die Lüfte gewaltige Winde zerstreuen.

Ein Teil löst sich auch auf, wenn der Regenguß in den Fluten

Führt die Schollen hinweg und die Flüsse die Ufer benagen.

Doch der Erde wird das, wodurch sie nähret und mehret,

Je nach Verhältnis ersetzt; und weil die gemeinsame Mutter[175]

Zweifelsohne zugleich auch das allen gemeinsame Grab ist,

Mindert sie also sich hier, um dort durch Vermehrung zu wachsen.[176]

Wasser

Übrigens füllt sich das Meer und die Ströme und Quellen durch Zufluß

Frischen Wassers beständig, und dauernd rinnen die Bäche.

Was bedarf es der Worte? Beweis sind die Ströme, die talwärts

Überall fließen. Doch dampfen die obersten Schichten des Wassers

Wieder empor und das Naß läuft niemals über als Ganzes.

Denn teils fegen die Winde gewaltig die Flächen des Meeres;

Dadurch nehmen sie weg, was die himmlische Sonne dann aufsaugt,

Teils verläuft sich das Wasser auch weiterhin unter die Erde

Wie durch ein Sieb, und der Stoff der Feuchtigkeit fließet nun rückwärts

Wieder zur Quelle der Flüsse. Da kommt dann alles zusammen

Und ergießt sich von da im munteren Lauf, wo die Welle

Einmal ihr Bett sich geschnitten und flüchtigen Fußes hinabhüpft.

Luft

Nun zur Luft noch ein Wort! Sie ändert sich Stunde für Stunde

Wohl unzählige Male in ihrem gesamten Bestande.

Denn was den Dingen entströmt, das nimmt das gewaltige Luftmeer

Alles in seinen Besitz. Wenn dieses nun nicht zum Ersatze

Gäbe den Dingen die Stoffe zurück und ergänzte, was abfloß,

Hätte wohl alles schon längst sich zersetzt und in Luft sich verwandelt.

Unablässig erzeugt sich die Luft aus anderen Stoffen

Und fällt wieder in diese zurück: denn es fließt ja doch alles,

Feuer

Auch die ätherische Sonne, die unerschöpfliche Quelle

Flüssigen Lichtes, ergießt stets frischen Glanz in den Himmel

Und das verschwindende Licht ersetzt sie sofort durch das neue.

Denn wohin er auch trifft, geht immer die Spitze des Strahles

Ihr verloren; du kannst es aus folgendem Vorgang erkennen:[176]

Kaum, daß Wolken beginnen sich unter die Sonne zu schieben

Und hierdurch die Strahlung des Lichts Unterbrechung erleidet,

Schwindet im Augenblick der untere Teil der Bestrahlung

Ganz und die Erde wird dunkel, wohin sich die Wolken auch wenden.

Hieraus lernst du, man braucht den immer erneuerten Lichtglanz

Und die Spitze des Strahls geht jedesmal wieder verloren.

Nur wenn die Quelle des Lichts fortwährend Ersatz des Verlernen

Liefert, vermag man die Dinge zu sehn in der Sonnenbeleuchtung.

Ja, selbst hier auf der Erde sind unsere nächtlichen Lichter,

Hängende Lampen und reichlich mit Harz versehene Fackeln,

Die mit flackernder Flamme aus Dunst hell leuchtend erstrahlen,

Ähnlicherweise geschäftig mit Hilfe des Brandes uns immer

Neues Licht zu entsenden. Die Flammen erzittern beständig,

Ja sie erzittern beständig und nie unterbricht sich der Lichtstrom:

So sind sämtliche Feuer bestrebt die Vernichtung des Lichtes

Durch die geschwinde Erzeugung von neuer Lohe zu decken.

Ebenso muß man mithin auch bei Sonne und Mond und Gestirnen

Denken, sie finden ihr Licht in immer erneuertem Nachschub,

Da sie die Spitze der Flamme beständig verlieren. Drum glaube

Ja nicht, sie seien vielleicht dem Gesetz der Vernichtung entzogen.[177]

Steine

Endlich bemerkst du nicht auch, daß die Zeit selbst Steine besieget?

Daß hochragende Türme zerfallen und Felsen verwittern,

Daß die Tempel und Bilder der Götter zermürben und bersten,

Daß nie göttlicher Spruch des Schicksals Grenzen erweitern,

Nie das verbriefte Gesetz der Natur vergewaltigen könne?

Sehen wir endlich nicht auch, wie Heroengräber zerfallen

Und uns fragen, ob einmal nicht doch ihr Altern gewiß sei?

Stürzen nicht Blöcke Granits von Bergesgipfeln herunter,

Statt dem allmächtigen Zahne der Zeit auf ewig zu trotten?

Denn sie rissen nicht plötzlich sich los von dem Gipfel und stürzten,

Wenn sie die Foltern des Alters seit unausmeßbaren Zeiten

Alle schon hätten ertragen und niemals Schaden genommen.

Himmel

Schließlich erhebe nun auch zum Himmel den Blick, der den Erdkreis

Rings und von oben umschließt. Wenn er wirklich, was etliche sagen,

Alles, was lebt, aus sich selber erzeugt und das Tote zurücknimmt,

Dann besteht er ja ganz aus geschaffnem, vergänglichem Stoffe.

Alles, was je aus sich selber ein anderes nähret und mehret,

Muß sich ja mindern und diesen Verlust durch Fremdes ersetzen.

Jugend unsrer Welt

Nehmen wir weiter nun an, es gäbe für Himmel und Erde

Keinen Entstehungstag und sie wären schon immer und ewig:

Weshalb sangen denn nicht auch andere Dichter von andrem,

Was sich begab vor Trojas Fall und dem Kampfe vor Theben?

Wohin sanken die Toten von soviel Heldengeschlechtern?

Warum blühn sie nicht fort auf den Tafeln ewigen Ruhmes?

Aber, mich dünket, die Welt ist noch jung und vor kurzem entstanden

Und ihr Ursprung reicht nicht hinauf in ältere Zeiten.

Darum verfeinern sich auch erst jetzt gar manche Gewerbe;

Jetzt erst mehren sie sich; jetzt erst ward vieles im Schiffbau

Neu, und der Orgelbau schuf jüngst die melodischen Töne.

Endlich ward unser System der Natur erst kürzlich erfunden,

Und ich selbst bin erst jetzt als allererster erstanden,

Der es in heimischen Lauten gewagt hat wiederzugeben.

Glaubst du jedoch, dies alles sei früher schon einmal gewesen,

Aber das Menschengeschlecht sei untergegangen im Feuer,

Oder es seien die Städte versunken durch mächtige Beben,

Oder es hätten infolge von unaufhörlichem Regen

Übergetretene Flüsse die Siedlungen weithin bedecket,

Mußt du doch jedenfalls um so mehr als besiegt dich ergeben

Und auch für Himmel und Erde an künftigen Untergang glauben.

Wäre die Welt noch jetzt derartigen Leiden und Fährnis

Unterworfen, so würde beim Eintritt schlimmeren Unfalls

Rings sich Zusammensturz und Weltenzertrümmrung ereignen.

Ähnlich betrachten auch wir, im Vergleich, uns als sterbliche Wesen,

Weil an den nämlichen Leiden wir selber erkranken, wie jene,

Welche schon längst die Natur vor uns aus dem Leben gerufen.[178]

Der Bau der Welt nicht dauerhaft

Ferner muß alles, was ewig besteht. Trotz bieten den Stößen,

Weil entweder sein Körper durchaus massiv und solid ist

Und nicht duldet, daß irgendein fremdes Wesen sich eindrängt,

Welches die enge Verbindung der Teile zu lockern vermöchte,

(Der Art sind, wie ich früher gezeigt, die Atome des Urstoffs),

Oder es kann auch etwas in alle Ewigkeit dauern,

Weil es kein Schlag je trifft (so steht's mit dem stofflosen Leeren,

Das kein Stoß je trifft, das unantastbar verharret),

Oder es gibt auch etwas, das ringsum ohne den Raum ist,

In den sonst sich der Dinge Bestand verflüchtigt und auflöst.

(So ist das ewige All; denn es dehnt sich dort weder nach außen

Zum Entweichen der Dinge ein Raum, noch gibt es da Körper,

Die es durch kräftigen Schlag beim Hineinfall könnten zertrümmern.)

Nun ist, wie ich gelehrt, das Gebäude der Welt nicht solide,

Weil in den Dingen das Leere den Grundelementen sich beimischt.

Aber sie ist auch dem Leeren nicht ähnlich, es fehlt nicht an Körpern,

Die aus unendlichem Räume zu uns durch Zufall verschlagen

Dies Weltganze vermöchten in rasendem Wirbel zu stürzen

Oder auf andere Art in Gefahr der Vernichtung zu bringen.

Ferner gebricht's nicht an weiterem Raum und unendlichen Tiefen,

Welche die Mauern der Welt beim Zerfallen zu fassen vermöchten;

Oder sie gehen zugrund durch beliebige sonstige Kräfte.

So ist weder dem Himmel die Pforte des Todes verschlossen

Noch der Sonne, der Erde, den tiefen Gewässern des Meeres,

Sondern sie lauert darauf mit gewaltig geöffnetem Rachen.

Danach mußt du gestehn, daß all dies nicht nur vergänglich,

Sondern erschaffen auch ist. Denn alles, was sterblichen Stoff hat,

Wäre nicht schon von Ewigkeit her imstande gewesen

Jenem gewaltigen Zahne der Zeit auf die Dauer zu trotzen.

Wettkampf von Feuer und Wasser

Endlich, wenn wechselseitig die mächtigsten Glieder des Weltalls

Heftig sich also bekämpfen in häßlichem Bruderzerwürfnis,

Kannst du doch wohl ein Ende des ewigen Streites für möglich Halten.

So könnte vielleicht die Sonne und sämtlicher Wärmstoff

Alles Gewässer verzehren und so als Sieger hervorgehn.[179]

Freilich erstreben sie dies, doch gelang bis jetzt der Versuch nicht;

Soviel spenden die Flüsse Ersatz, ja sie drohen sogar noch

Tief aus dem Schlunde des Meers zu bewirken die Weltüberschwemmung.

Aber umsonst. Denn es fegen die Winde die Fläche des Meeres:

Dadurch nehmen sie weg, was die himmlische Sonne dann aufsaugt.

Ja sie vermessen sich eher noch alles verdunsten zu können,

Als das Gewässer ans Ziel mit seinem Beginnen gelange.

Und so schnauben sie Krieg. Gleich steht noch das Zünglein der Waage,

Während sie untereinander um wichtige Dinge noch kämpfen.[180]

Phaethons Sturz

Einmal jedoch hat das Feuer bereits als Sieger geschaltet,

Einmal auch herrschte das Wasser (so fabelt man) über die Lande.

Damals siegte das Feuer und um sich greifend verbrannt' es

Weites Gefild', als das Sonnengespann im rasenden Irrlauf

Phaethon über den Himmel und alle Länder hin schleifte.

Doch der allmächtige Vater, entflammt in loderndem Zorne,

Schleuderte rasch von dem Wagen herab mit dem flammenden Blitzstrahl

Jenen Verwegnen zur Erde. Da brachte dem fallenden Sohne

Helios Hilfe und nahm ihm die ewige Fackel der Welt ab,

Jochte die schweifenden Rosse, die zitternden, wieder zusammen

Und dann stellt' er als Lenker der Fahrt auch die Ordnung der Welt her.

Freilich so lautet die Sage der alten hellenischen Dichter,

Doch sie ist weit entfernt von dem richtigen Wege zur Wahrheit.

Denn nur dann wird das Feuer zur Herrschaft gelangen, sobald sich

Aus dem unendlichen Raum mehr Feueratome erheben,

Doch dann sinkt ihm die Kraft, weil andere Kraft ihm den Sieg raubt,

Oder die Welt geht unter, verbrannt durch sengende Dünste.

Sintflut

Einstmals stieg auch das Wasser empor, wie die Sage vermeldet,

Und es begrub in den Fluten unzählige Städte der Menschen.

Dann als durch Gegengewalt des Gewässers Ungetüm ebbte,

Das aus unendlichem Räume sich irgendwie hatte erhoben,

Stockte der Regenerguß und der Ströme Gewalt ward gebrochen.

Weltentstehung

Doch nun will ich erklären der Reihe nach, wie die Materie

Durch ihr Zusammengeraten den Himmel, die Erde begründet,

Weiter die Tiefen des Meers und die Bahnen des Monds und der Sonne.

Denn ganz sicherlich haben nicht alle die Urelemente

Planvoll spürsamen Sinns an den passenden Ort sich begeben

Oder sich untereinander vereinbart ihre Bewegung.

Nein, seit undenklicher Zeit schon haben die vielen Atome

Auf gar mancherlei Weise, getrieben durch äußere Stöße

Und durch ihr eigen Gewicht, durcheinander zu schwirren begonnen,

Um sich auf allerlei Art zu vereinigen, alles versuchend,

Was sie nur immer vermöchten durch ihre Verbindung zu schaffen.

So kommt's, daß sie sich weit in den langen Äonen verbreitend

Jede nur mögliche Art der Bewegung und Bindung versuchen

Und so endlich die plötzlich geeinigten Teilchen verschmelzen,

Was dann oftmals wurde zum Anfang großer Gebilde,

Wie von der Erde, dem Meere, dem Himmel, den lebenden Wesen.

Atomenwirbel

Damals sah man noch nicht der Sonne leuchtenden Radkranz

Hoch in den Lüften sich drehn noch die Sterne im weiteren Weltraum,

Weder das Meer noch der Himmel, noch Erde und Luft war zu schauen,

Noch was irgend entfernt nur unsern Erscheinungen gleiche,

Sondern es hob sich empor ein neuer und massiger Ansturm

Jeglicher Art aus der Welt der Atome. Ihr haderndes Streiten,

Das aus der bunten Gestalt und der Formverschiedenheit folgte,

Wirrte in ständigem Kampf durcheinander der Stoffe Verflechtung,

Ihre Bewegung und Stoß, ihr Gewicht und Prall und die Lücken,

Weil nicht alles vermochte in seiner Verbindung zu bleiben

Noch auch sich untereinander in passender Art zu bewegen.

Drauf nun begann die Zerstreuung der einzelnen Teile. Es schloß sich

Gleiches an Gleiches jetzt an, und es schied sich die Welt voneinander.

Glieder sondern sich ab, und es bilden sich Hauptelemente;

Nämlich es trennt in der Höhe der Himmel sich ab von der Erde,

Hiervon trennt sich das Meer und breitet gesondert sein Naß aus,

Ebenso leuchten gesondert die lauteren Feuer des Äthers.

Bildung der vier Elemente

Klärlich verbanden zuerst sich die erdigen Einzelatome,

Weil sie verflechtbar waren und schwer. Sie strebten zur Mitte,

Und so nahmen sie sämtlich die unterste Stelle der Welt ein.

Aber je fester verfilzt sie sich einigten, desto entschiedner

Preßten die Stoffe sie aus, die Meer, Mond, Sonne und Sterne

Bildeten und an dem Rande die Mauern des mächtigen Weltalls.

Denn dies alles bilden Atome, die glätter und runder

Sind und an Größe beträchtlich geringer als Erdelemente.

Deshalb hob auch zuerst aus vereinzelten Löchern der Erde

Hier und da sich der Äther empor als der Bringer des Feuers,

Der, weil er leicht ist, zugleich viel feurigen Stoff mit hinaufriß.

Dies vollzog sich nicht anders als wir es noch öfter erleben,

Wenn sich im Frührot golden im perlenbetaueten Grase

Widerspiegelt der Strahl der rötlich erglommenen Sonne,

Nebel den Seen entsteigt und den ständig strömenden Flüssen

Und wie die Erde sogar uns manchmal scheinet zu rauchen.

Wenn sich nun alle die Dünste zur Höhe gewandt und gesammelt,

Ballen sie dicht sich zusammen und säumen als Wolken den Himmel.

So hat sich einst umgeben der leichte, zerfließende Äther

Mit der von überallher zusammengeballten Materie

Und dann überallhin von da sich ins Weite ergießend

Alles übrige brünstig in seine Arme geschlossen.

Bildung von Sonne und Mond

Ihm nun folgte sodann die Bildung des Monds und der Sonne,

Deren Sphären sich drehn in dem Zwischenbereiche der Lüfte,

Ohne der Erde verpflichtet zu sein noch dem mächtigen Äther,

Da sie so schwer nicht waren, um gänzlich zu Boden zu sinken,

Noch so leicht, um die Bahn an dem äußersten Rande zu nehmen.

Und so rollen sie nun in der Mitte als eigene Körper

Und als gewichtige Glieder des ganzen Weltengebäudes,

Grade so wie auch an unserem Leib sich manche der Glieder

Dürfen der Ruhe erfreun, indessen sich andre bewegen.[182]

Bildung des Meeres

Als nun diese Atome der Erde sich hatten entzogen,

Senkte sie plötzlich sich dort, wo jetzt sich die bläuliche Fläche

Weithin dehnt und mit salzigem Gischt die Höhlungen ausfüllt.

Und je stärker von Tag zu Tag des umschließenden Äthers

Glut und die Strahlen der Sonne die Erde noch mehr in die Enge

Rundum drängten mit Übergewalt bis zur äußersten Grenze,

Daß sie noch dichter zusammen zum Mittelpunkt sich zurückzog,

Um so gewaltiger floß der salzige Schweiß, der erquollen

Ihrem Körper, und mehrte das Meer und die schwimmenden Ebnen,

Um so mehr auch entflohen noch viele Atome des Feuers

Und der Luft, die nach außen entwichen und fern von der Erde

Mehr noch halfen verdichten die schimmernden Tempel des Himmels.

Ebenen senkten sich hier, dort stiegen die hohen Gebirge

Steil in die Höhe; die Felsen, sie konnten ja tiefer nicht sacken

Und nicht alles zugleich in dem gleichen Maße sich betten.

Ordnung der vier Elemente

Also hat sich der Erde Gewicht aus verdichtetem Stoffe

Endlich gesetzt, und es floß hier gleichsam der sämtliche Weltschlamm

Wegen der Schwere zusammen und sank zu Boden wie Hefe.

So vermochten das Meer und der feuertragende Äther

Samt der Luft sich als reine und flüssige Stoffe zu halten.

Eins ist wohl leichter als andres. Der Äther als flüssigstes Wesen

Und als leichtestes fließt noch über dem Hauche der Luft hin,

Und sein flüssiger Stoff mischt nie sich mit Wirren des Luftraums;

Hier in der Luft mag alles in stürmischen Wirbeln sich drehen,

Mag auch die Wut austoben in regellosen Orkanen:

Er führt ruhig sein feuriges Heer die gemessenen Bahnen.

Denn daß der Äther geregelten Gang gleichbleibend im Antrieb

Halten könne, beweist uns des Pontus stetige Strömung,

Der fortwährend bewahrt im ruhigen Fließen die Richtung.

Gestirnbewegung

Jetzo besinge mein Lied, weshalb sich die Sterne bewegen!

Erstens, sobald sie sich dreht, die mächtige Sphäre des Himmels,[183]

Drückt (so darf man behaupten) die Luft auf den Nord- und den Südpol,

Um sie von außen zu halten und beiderseits zu begrenzen.

Dann strömt drüber ein andrer genauso gerichteter Luftstrom

Wie die funkelnden Sterne am ewigen Himmel sich drehen.

Oder ein anderer Strom treibt unterschlächtig die Sphäre,

Wie wir ja sehn, daß die Flüsse die Schöpfmaschinen betreiben.

Immerhin ist es auch möglich, das ganze Gewölbe des Himmels

Ruhend zu denken, dagegen die leuchtenden Sterne sich drehend,

Sei es, daß reißende Wellen des eingeschlossenen Äthers

Ausgang suchend sich drehn und dessen feurige Lichter

Mit sich wälzen im Kreis durch die endlosen Räume des Himmels,

Oder daß irgendwoher von außen ein anderer Luftstrom

Jene Gestirne beschwingt. Vielleicht auch können sie selber

Dahin wandeln, wohin sie die Nahrung lockt auf dem Wege,

Um auf der himmlischen Weide die flammenden Leiber zu letzen.

Freilich es ist recht schwer in der Welterklärung das Sichre

Auszumachen; nur das, was möglich im All ist und vorkommt

Bei den verschiedenen Welten und ihrer verschiednen Entstehung,

Lehr' ich, und will in der Folge auch mehrere Ursachen nennen,

Die mir als möglich erscheinen für Sternenbewegung im Weltall.

Freilich muß eine auch hier die Ursache sein, die in Wahrheit

Jene Bewegung erregt, doch welche nun unter den vielen,

Dies zu entscheiden verschmäht, wer Schritt für Schritt will vorangehn.[184]

Schweben der Erde

Wenn nun die Erde soll ruhn im Mittelpunkte des Weltalls,

Muß sie an ihrem Gewicht allmählich verlieren und schwinden,

Ferner bedarf sie noch anderen Stoffs als Stütze von unten,

Der ihr gesellt ist von Jugend auf und zur Einheit verbunden

Mit den Luftelementen der Welt, in die sie gepflanzt ward.

Drum ist sie ihm nicht zur Last und drückt nicht zu Boden den Luftstoff.

Sind doch auch keinem der Menschen zur Last die eigenen Glieder

Wie auch das Haupt nicht dem Nacken zur Last, und wir fühlen auch niemals,

Daß doch des Körpers ganzes Gewicht nur ruht auf den Füßen;

Aber ein jedes Gewicht, das man später von außen uns auflegt,

Wird, obwohl es oft kleiner denn jenes, als lästig empfunden.[184]

So sehr kommt's drauf an, was möglich im einzelnen Fall ist.

So kam also die Erde nicht plötzlich daher aus der Fremde

Und begegnete hier nicht der Luft, die aus fremdem Gebiet kam,

Sondern sie ward zugleich mit der Weltentstehung geschaffen

Und ist ein Teil von der Welt, wie von uns die Glieder ein Teil sind.

Ferner sobald sie erschüttert ein plötzliches starkes Gewitter,

Trifft die Erschütterung alles, was über der Erde ist, gleichfalls;

Doch dies könnte die Erde in keinerlei Weise bewirken,

Wäre sie nicht mit der Luft und dem Himmel aufs engste verbunden:

Denn von Jugend auf sind sie durch ihre gemeinsamen Wurzeln

Eng miteinander verflochten und fest zur Einheit verwachsen.

Siehst du nicht auch, wie die Seele, obwohl sie den zartesten Stoff hat,

Kraft hat den Körper zu tragen mit seinem so schweren Gewichte

Deshalb, weil sie mit ihm so eng ist zur Einheit verbunden?

Endlich was gibt denn dem Körper den Schwung zum hurtigen Sprunge,

Wenn nicht die seelische Kraft, die unsere Glieder regieret?

Siehst du nun ein, was die schwache Natur zu bewirken imstand ist,

Wenn sie vereint mit der Schwere des Körpers ist, wie sich verbindet Luft

mit der Erde Gewicht und die seelische Kraft mit dem Körper?[185]

Größe der Sonne

Weder erheblich viel größer, als unserem Sinn es erscheinet,

Noch viel kleiner kann sein das Rad der erglühenden Sonne.

Denn wie groß die Entfernung auch sei, aus der uns ihr Feuer

Licht zuschickt und die wärmende Glut auf die Glieder uns hauchet,

Geht doch nichts von dem flammenden Leib durch diese Entfernung

Ihr verloren, ihr Feuer erscheint nicht im mindesten schwächer.

Wie sich nun also das Licht und die Wärme der Sonne verbreitet,

Unsere Sinne erreicht und die Länder der Erde bestrahlet,

Ebenso muß man von hier auch die Form und die Größe der Sonne,

Wie sie wirklich ist, sehn; man kann nichts streichen noch zutun,

Größe des Mondes

Also schwebt auch der Mond, sei's daß er den Ländern der Erde

Leuchtet mit eigenem Licht, sei's daß er es borgt von der Sonne,[185]

Wie dem immer auch sei, nicht größer am Himmel der Form nach

Als uns diese erscheint, wenn mit unserem Blick wir sie schauen.

Denn wir erblicken ja alles, was sonst durch die Dicke der Luftschicht

Uns wird ferne gerückt, weit mehr in verschwommenem Umriß

Als in verkleinertem Maß. Drum muß auch die Scheibe des Mondes,

Da sie ein deutliches Bild und scharfumgrenzte Gestalt zeigt,

So wie ihr äußerster Rand sich darstellt unserem Blicke

So groß, wie sie nun ist, auch von uns aus am Himmel zu sehn sein.[186]

Größe der Sterne

Endlich die Feuer im Äther, die wir von der Erde aus sehen,

Können natürlich doch auch nur ein weniges kleiner an Umfang

Oder ein Strichelchen größer in Wirklichkeit sein als sie scheinen:

Denn auch die Feuer auf Erden, so viele wir hier auch erblicken,

Scheinen sich, wenn nur ihr zitterndes Glühn recht deutlich zu sehn ist,

Um ein geringes zuweilen in ihrer Größe zu ändern:

Bald sind sie größer, bald kleiner, zumal wenn sie weiter entfernt sind.

Ursprung von Licht und Wärme

Dies auch soll dich nicht wundern, wie soviel Licht uns die Sonne

Auszusenden vermag, die selbst doch so winzig und klein ist.

Füllt sie doch alle die Lande, das Meer und den Himmel mit Lichtflut

Und durchströmet die Welt mit ihrer erwärmenden Hitze.

Denn hier kann sich allein aus dem Weltall sammelnder Lichtstoff

Und als ergiebige Quelle dann offen sprudelnd ergießen,

Weil aus der ganzen Welt sich die Urelemente der Wärme

Überallher so treffen und solche Verbindungen eingehn,

Daß sich die Sonnenglut aus gemeinsamem Haupte ergießet.

Siehst du nicht auch, wie ein spärlicher Born bisweilen die Wiesen

Weithin mit Wasser berieselt und Felder weit überflutet?

So kommt's öfter auch vor, daß bei mäßiger Sonnenbestrahlung

Dennoch die Hitze erfaßt mit sengenden Gluten das Luftreich,

Wenn sich gerade die Luft in der passenden Lage befindet,

Daß sie bereits durch schwächere Glut entzündet kann werden.

Derart sehn wir, wie selbst ein einziger Funke zuweilen

Weithin auf Saaten und Stoppeln gewaltige Brände verursacht.[186]

Möglich ist auch, daß die Sonne, die oben mit rosiger Fackel

Leuchtet, im Umkreis Feuer in reichlicher Menge bereit hat,

Das uns nicht sichtbar wird, da es nicht durch Leuchten sich kundgibt,

Sondern nur gluterzeugend die Wirkung der Strahlen vergrößert.[187]

Sonnenwende. Mondbahn

Auch hierüber vermißt man die einfache, wahre Erklärung,

Weshalb im Winter die Sonne, sobald sie die Sommerbezirke

Hinter sich läßt, zu der Wende des Steinbocks geht und von da aus

Wieder zum Ruhpunkt kehrt, zu der Sonnenwende des Krebses,

Und warum denn der Mond durch die nämlichen Strecken im Monat

Läuft, zu welcher die Sonne in ihrer Bewegung ein Jahr braucht.

Hierfür, sag' ich, vermißt man ein einfaches Wort der Erklärung.

Möglich ist zwar vor allen den ändern die alte Erklärung,

Die Demokrit einst gab, ein Mann von geheiligtem Ansehn.

Nämlich er sagt: Je näher Gestirne der Erde sich hielten,

Desto weniger könne der himmlische Wirbel sie fassen,

Dessen Schnelle nach unten zu schwinden beginne und dessen

Kräftige Wirkung sich mindre. Drum komme allmählich die Sonne

Gegen die letzten Gestirne der Tierkreisbahn in den Rückstand,

Da sie viel niedriger läuft als die heißen Gestirne der Höhe.

Aber der Mond noch mehr; je tiefer sein Lauf sich hinabsenkt

Fern von dem Himmelsgewölbe und weiter der Erde sich nähert,

Um so weniger kann er die Sterne erreichen im Wettlaut.

Ferner je matter die Kraft, mit der er die eigene Kreisbahn

Unter der Sonne verfolgt, um so schneller erreichen ihn ringsum

Sämtliche Tierkreiszeichen und eilen am Monde vorüber.

Deshalb gewinnt es den Schein, als ob er zu diesen Gestirnen

Rascher zurück sich bewege, weil diese ihn wieder erreichen.

Möglich ist auch die Erklärung, es wechsle ein doppelter Luftstrom

Ab in geregelter Zeit aus entgegengesetzten Bezirken,

Welcher die Sonne vermag aus den Tierkreiszeichen des Sommers

Bis zu der Winterwende und eisigen Kälte zu treiben

Und sie dann wieder zurück von dem eisigen Schatten des Frostes

Bis zu dem Sommerbezirk und den heißen Gestirnen zu führen.

Ähnlich darf man sich denken, der Mond und jene Planeten,

Die in längeren Jahren die längeren Bahnen vollenden,[187]

Könnten im Wechselstrome der Luft vollenden den Kreislauf.

Siehst du nicht schon bei den Wolken die oberen Schichten den untern

Oft mit verschiedenem Wind entgegengesetzt sich bewegen?

Wie vermöchten nicht auch in des Äthers gewaltigen Bahnen

Jene Gestirne zu ziehen von Wechselströmen getrieben?[188]

Nacht

Aber die Nacht hüllt ein in gewaltiges Dunkel den Erdball,

Wenn entweder die Sonne nach längerem Laufe des Himmels

Äußerste Grenze erreicht und ermattet das Feuer verhauchet,

Das von der Reise geschwächt, von der Masse der Luft schon verbraucht ist,

Oder auch, weil sie die nämliche Kraft, die sie über der Erde

Hieß den Kreis zu beschreiben, nun unter die Erde hinabzwang.

Sonnenaufgang

Ähnlich streut zu gegebener Zeit durch des Äthers Gefilde

Frührot rosiges Licht und verbreitet den leuchtenden Schimmer,

Sei's daß dieselbige Sonne, die unter der Erde zurückkehrt,

Strahlen im vorausschickt, die den Himmel sollen entzünden,

Oder weil in der gegebenen Zeit viel Feuer sich sammelt

Und viel Glutelemente sich jetzt zu vereinen gewöhnt sind,

Um stets wieder aufs neue das Sonnenlicht zu erzeugen.

Also heißt es, man könne vom Gipfel des Idagebirges

Bei dem erstehenden Licht noch die einzelnen Bündel des Feuers

Unterscheiden, die dann sich zusammenrunden zur Kugel.

Hierbei darf es durchaus nicht wundernehmen, daß diese

Feueratome sich grade zu solcher gegebenen Stunde

Können vereinen, um so zu erneuern das Feuer der Sonne.

Denn wir sehen ja vieles bei allen nur möglichen Dingen

An die gegebenen Zeiten gebunden. So blühen die Bäume

Zu der gegebenen Zeit und ebenso fallen die Blüten;

In der gegebenen Zeit (so will es das Alter) verschwinden

Kindern die Erstlingszähne, den Mannbaren kleidet der weiche

Flaum und ebenso wallt von der Wange des Mannes der Vollbart.

Endlich der Blitz und der Schnee, Platzregen und Wolken und Winde[188]

Sind an ziemlich bestimmte Gezeiten des Jahres gebunden.

Denn wenn die Grundelemente der Ursachen so sind geschaffen

Und von dem ersten Beginne die Dinge sich also gestalten,

Kehren sie folglich auch jetzt nach festen Bestimmungen wieder.[189]

Wechsel der Tageslängen

Ebenso können die Tage beim Schwinden der Nächte sich längen,

Wie sich das Licht muß mindern, sobald sich die Nächte verlängern,

Weil die Sonne, dieselbe, die unter und über der Erde

Wandelt, das Äthergefild durch Bogen verschiedener Größe

Teilet und ungleichmäßig halbiert die himmlische Kreisbahn.

Was sie entzieht auf der einen, das legt sie, wenn sie zurückkehrt.

Dann wieder zu auf der ändern entgegenstehenden Seite,

Bis sie zu jenen Gestirnen des Himmels gelangt, wo des Jahres

Knoten die Schatten der Nacht und des Tages Helligkeit ausgleicht.

Denn auf der Mitte der Bahn, wo der Nordwind bläst und der Südwind,

Hält in gleicher Entfernung der Himmel die Wenden geschieden

Wegen der Lage des ganzen im Tierkreis liegenden Weges,

Den zu durchmessen die Sonne in langsamem Wandel ein Jahr braucht,

Erde und Himmel erleuchtend mit schräg auffallendem Lichte,

Wie es die Rechnung erweist Sternkundiger, welche des Himmels

Örter durch Bilder bestimmt und alle verzeichnet uns haben.

Oder die dickere Luft an gewissen Stellen mag schuld sein,

Daß das zitternde Feuer des Sonnenstrahls unter der Erde

Länger verweilt und nicht leicht durch- und zum Aufgang emporkommt.

Deshalb dauern zur Winterszeit die Nächte so lange,

Bis dann endlich erscheint die strahlende Krone des Tages.

Oder auch, weil in dem Wechsel der Jahreszeiten das Feuer

Später und früher sich pflegt aus den Urelementen zu sammeln;

Deshalb scheinen mir auch mehr jene die Wahrheit zu treffen,

Welche die Sonne sich lassen von einzelnen Stellen erheben,

[Wo sie für jeglichen Tag stets neue Strahlen hervorbringt.]]

Lichtwechsel des Mondes

Woher leuchtet der Mond? Getroffen vom Strahle der Sonne

Kann er uns bieten sein Licht zum Anschaun, während es täglich[189]

Größer und größer erscheint, je mehr et der Sonne entfliehet,

Bis er dann ihr gegenüber im herrlichsten Vollmondsglanze

Strahlt und versinken sie sieht, wenn er selbst sich erhebend emporsteigt;

Ebenso muß er jedoch allmählich wieder sein Licht uns

Rückwärts wandelnd verbergen, je mehr er dem Feuer der Sonne

Nun von der anderen Seite des himmlischen Kreises sich nähert.

So erklären es manche, die kugelförmig den Mond sich

Denken und unter der Sonne die Bahn ihn lassen durchwandeln.

Aber es läßt sich auch denken, warum er mit eigenem Lichte

Strahlend sich dehnt und doch so verschiedene Formen des Lichts zeigt.

Denn da könnte ja auch noch ein anderer Körper im Spiel sein,

Der sich zugleich mit ihm dreht und auf mancherlei Art in den Weg läuft,

Aber nicht sichtbar ist, weil er lichtlos gleitet im Dunkeln.

Möglich ist auch die Drehung als Kugel. Man nehme zum Beispiel

Einen Ball, der zur Hälfte mit leuchtendem Glänze gefärbt ist;

Und nun dreht sich die Kugel und zeigt verschiedene Formen,

Bis sie unserem Blick und offenen Auge sich darbeut

Von derjenigen Seite, die ganz von dem Feuer erfüllt ist.

Dann dreht langsam der Ball sich wieder zurück und entzieht uns

Jene glänzende Seite des rollenden Kugelgebildes.

So erklärt das System der Chaldäerin Babylon, welche

Widerlegend die Kunst sternkundiger Männer verwarfen,

Gleich als wäre nicht möglich, was jeder von beiden verteidigt,

Oder als dürfe mit Grund man das eine dem anderen vorziehn.

Endlich warum nicht der Mond stets neu zu entstehen vermöchte,

Während bestimmte Gestalten und Phasen des Lichtes sich bilden,

Ferner warum nicht ein Mond alltäglich sollte verschwinden,

Während an seiner Stelle ein anderer wiedererstände,

Das ist mit Worten zu zeigen nicht leicht und mit Grund zu behaupten.

Kann sich ja doch so vieles nach fester Ordnung entwickeln.[190]

Die vier Jahreszeiten

Lenz und Venus erscheint und ihr Bote, der Knabe mit Flügeln,

Schreitet vorauf, auch Flora, die Mutter, die neben dem Zephyr

Wandelnd die Wege vorher mit den Blüten des Lenzes bestreuet,

Alles mit herrlichen Farben und Wohlgerüchen erfüllend.

Dann folgt trockene Glut und zugleich als Begleiterin Ceres,[190]

Die sich in Staub einhüllt, und die wehenden Nordpassate.

Hierauf naht auch der Herbst und der »Euhoi!« jauchzende Bacchus.

Ihnen folgen im Zuge die anderen Wetter und Winde:

Erst Südost mit dem Donner, dann Blitze versendend der Südwind.

Schnee bringt endlich das Ende des Jahrs und erstarrende Kälte

Bringt es uns wieder, ihm folgt der zähneklappernde Winter.

Kann sich nun soviel ereignen in festumrissenen Zeiten,

Wird's dich noch weniger wundern, wenn auch in umrissenen Fristen

Unser Mond wird geboren und ebenso wieder vernichtet.[191]

Sonnen- und Mondfinsternisse

Auch das Verstecken des Monds und der Sonne Verfinsterung läßt sich

Dir aus mehreren Gründen als sehr wohl möglich erweisen.

Denn wenn der Mond es vermag die Erde vom Lichte der Sonne

Abzusperren, mit seinem erhabenen Haupt sie verdeckend,

Und als dunkele Scheibe den glühenden Strahlen sich vorlegt,

Weshalb könnte zur selbigen Frist nicht ein anderer Körper,

Der stets lichtlos wandert, dieselbe Erscheinung bewirken?

Könnte die Sonne nicht auch erschöpft ihr Feuer verlieren

In den gegebenen Fristen und später es wieder ersetzen?

Wenn sie in Räume gerät, wo die Luft sich den Flammen als feindlich

Ausweist, könnte ihr Feuer nicht plötzlich verlöschen und ausgehn?

Und auf der anderen Seite, warum soll die Erde dem Monde

Sein Licht nehmen und selber dazu noch die Sonne verdecken,

Wenn sich der Neumond stellt in den starrenden Schatten des Kegels?

Kann nicht zur selbigen Zeit ein anderer Körper dazwischen

Sei es unter dem Monde sei's über die Sonne hin ziehen,

Der das strömende Licht und das Strahlen der Sonne verhindert?

Und doch, strahlet der Mond auch selber in eigenem Glänze,

Könnte er dann nicht irgendwo in der Welt sich erschöpfen,

Während er Räume durchläuft, die feindlich dem eigenen Licht sind?

Abschluß der Kosmologie

Nunmehr hab' ich die Fragen gelöst, wie alles am Himmel

In dem geräumigen Blau sich möglicherweise ereignet,[191]

Wie wir den Wandel des Monds und der Sonne verschiedene Bahnen

Aus den bewegenden Kräften und Ursachen können begreifen,

Wie bei gesperrtem Licht sie vorübergehend verschwinden

Und nichts ahnende Länder urplötzlich in Finsternis hüllen.

Ist's doch, als nickten sie ein und öffneten wieder die Lider,

Um mit erleuchtendem Lichte zu nahn den erglänzenden Landen.

Jetzt nun kehr' ich zurück zu der Jugend der Welt und ich schildre.

Welche Geburten zuerst die noch weichen Gefilde der Erde

Wollten ins Licht neu heben und spielenden Winden vertrauen.[192]

Entstehung der Pflanzen- und Tierwelt

Anfangs wirkte die Erde den Schimmer grünender Gräser

Rings um alle die Hügel; die blumigen Auen erglänzten

Überall über die Felder gebreitet in grünlicher Färbung.

Dann hob an für der Bäume Geschlecht ein gewaltiger Wettlauf;

Um in die Lüfte zu schießen, ward ihnen der Zügel gelockert.

Gleichwie Federn und Haare einmal und Borsten sich bilden

Beim Vierfüßergeschlecht und am Leib der befiederten Vögel,

So ließ damals zuerst die jugendlich fruchtbare Erde

Gras und Gesträuche zunächst, dann lebende Wesen erstehen,

Die in vielerlei Arten sich zahlreich und mannigfach regten.

Denn es konnten vom Himmel die lebenden Wesen nicht fallen,

Noch auch Bewohner des Landes aus salzigem Meere erstehen.

So bleibt übrig: die Erde erwarb mit Recht sich den Namen

Einer Mutter. Denn alles, was lebt, hat die Erde geschaffen.

Und wenn jetzt noch der Erde unzählige Tiere entschlüpfen,

Welche der Regen erzeugt und der Sonne erwärmende Dünste,

Wundert's uns auch nicht weiter, wenn damals mehr noch und größre

Tiere entstanden vom Äther genährt und der jüngeren Erde.

Erst kroch jetzt das geflügelte Volk und das bunte Gevögel

Aus den Eiern heraus, die bebrütet waren zur Lenzzeit,

So wie im Sommer Zikaden von selbst aus den rundlichen Larven

Schlüpfen, um Nahrung zu suchen und Lebensfristung zu finden.

So entstanden zuerst auch damals Tiere und Menschen.

Denn viel Wärme und Nässe war noch auf den Fluren vorhanden,

Und so wuchsen denn da, wo der Ort die Gelegenheit darbot,

Schläuche hervor, die zur Erde hinab die Wurzeln versenkten.

Wo nun das Lebensalter der reifenden Jungen die Schläuche[192]

Sprengte, indem sie der Nässe entflohn nach den Lüften sich reckend,

Dahin lenkte von selbst die Natur die Kanäle der Erde

Und ließ dort milchähnlichen Saft aus der Öffnung der Adern

Fließen, so wie ja auch jetzt bei allen entbundenen Frauen

Süßliche Milch in die Brust sich ergießt, weil hierin der ganze

Sonstige Nahrungsstrom aus dem weiblichen Körper gelenkt wird.

So gab Speise den Kleinen die Erde und Kleidung die Wärme;

Lagerstätte gewährte des Rasens schwellendes Polster.

Aber die Jugend der Welt verhinderte Strenge des Frostes

Wie unmäßige Hitze und übergewaltige Stürme.

Denn gleichmäßig erwächst und erstarkt dies alles zusammen.

Darum (ich sag es noch einmal) erhielt die Erde den Namen

Mutter und trägt ihn mit Recht. Denn sie hat den Menschen geschaffen.

Sie auch alles Getier in fast regelmäßiger Wurfzeit,

Was da überall springt und tobt in den hohen Gebirgen,

Wie auch die bunten Gestalten der flüchtigen Segler der Lüfte.

Doch nun hörte sie auf, wie ein Weib, das vom Alter erschöpft ist,

Da auch bei ihr das Gebären sich einmal endigen mußte.

Denn das Alter verändert die ganze Natur in dem Weltall,

Da notwendig sich stets ein Zustand reiht an den ändern.

Nichts bleibt immer sich gleich: es wechselt und wandelt sich alles;

Alles verändert und zwingt die Natur zu steter Verwandlung.

Denn wenn das eine verfault und vor Altersschwäche dahinsiecht,

Wächst gleich andres empor und entsteigt dem verachteten Dunkel.

Also verändert das Alter die ganze Natur in dem Weltall,

Und auch die Erde, wo stets ein Zustand folgte dem ändern,

Schafft, was sie konnte, nicht mehr und erschafft, was sie früher nicht konnte.[193]

Anfängliche Mißgeburten

Einstmals schuf auch die Erde noch zahlreiche Wundergestalten

Wie zum Versuch, an Gestalt wie an Gliedern seltsam gebildet:

Hermaphroditen mit Doppelgeschlecht, doch zu keinem gehörig,

Manche der Füße ermangelnd und andere wieder der Hände,

Einige mundlos stumm, blind andere ohne die Augen,

Andere steif, da jegliches Glied mit dem Leib war verwachsen.

Deshalb konnte ein solches Geschöpf nichts tun noch wohingehn

Noch der Gefahr sich entziehn noch das, was es brauchte, beschaffen.

Dieses und derart mehr, Mißbildungen, scheußliche Wunder,[193]

Schuf sie umsonst; die Natur verweigerte ihnen den Nachwuchs;

Denn zur ersehnten Blüte vermochten sie nicht zu gelangen

Noch sich die Nahrung zu schaffen, noch gar sich in Liebe zu paaren.

Denn gar vielerlei muß, wie wir sehen, zusammen sich finden,

Soll sich ein sterblich Geschlecht fortpflanzen und weiter vermehren:

Erstens bedarf es der Nahrung und weiter des zeugenden Samens

In Gefäßen, durch die er sich löst aus den Gliedern und ausfließt.

Endlich bedarf es der Glieder, durch die sich die beiden Geschlechter

Können vereinen und tauschen die wechselseitigen Wonnen.[194]

Überleben der stärkeren und nützlicheren Tiere

Damals mußten wohl viele der lebenden Gattungen ausgehn,

Da sie imstand nicht waren für Nachwuchs weiter zu sorgen.

Denn die Geschöpfe, die jetzt sich erfreun des belebenden Odems,

Können von Jugend auf nur so das Geschlecht sich erhalten,

Daß sie durch Kraft sich und List und endlich durch Schnelligkeit schützen.

Viele sind auch uns Menschen durch ihren Nutzen empfohlen,

Und so bleiben sie leben, da wir sie hegen und pflegen.

Erstlich das wilde Geschlecht und die grausamen Scharen der Löwen

Hielten durch Kraft sich, der Fuchs durch List und der Hirsch durch die Schnelle.

Aber der wachsame Hund mit dem Herzen von goldener Treue

Und das gesamte Geschlecht, das stammt aus dem Samen des Lastviehs,

Ferner die wolligen Schafe und hörnergeschmückten Geschlechter

Sind in dem menschlichen Schutze, mein Memmius, alle verblieben.

Denn sie flohen mit Hast vor dem wilden Getiere und suchten

Frieden und reichliche Nahrung, um die sie sich selbst nicht bemühen;

Denn wir geben sie ihnen als Lohn für nützliche Dienste.

Aber die Tiere, die nichts von solcher natürlichen Mitgift

Mitbekamen, die weder sich selbst zu ernähren vermochten

Noch uns Dienste zu leisten, wofür wir In unserem Schutze

Ihnen zu leben gestatten und ihre Vermehrung zu sichern,

Diese nun freilich verfielen dem Raub und der Beute der ändern,

Da sie alle so lange des Schicksals Fessel umstrickte,

Bis die Natur solch schwaches Geschlecht zum Untergang führte.

Es gab niemals Centauren und dergleichen

Aber Centauren hat's nie und nirgend gegeben. Denn niemals

Können aus Doppelnaturen und doppeltem Körper sich Wesen

Bilden, zumal wenn sie Gliedern von fremder Gattung entstammen,

Deren Kräfte doch ungleich sind bei dem zwiefachen Ursprung.

Selbst ein stumpfer Verstand kann dies nach dem Folgenden einsehn.

Erstlich ein rüstiges Pferd wird, wenn drei Jahre vergangen,

Fertig: nicht also das Kind; denn oftmals wird es auch dann noch

Schlafend die Mutterbrust, die Milch ihm spenden soll, suchen.

Dann, wenn mit nahendem Alter dem Rosse versaget die Vollkraft

Und, wo sein Leben sich neigt, ihm längst schon die Glieder erschlafft sind,

Da erst beginnt der Knabe die blühende Jugend des Lebens,

Und mit wolligem Flaum umkleidet sich männlich die Wange.

Glaube drum nicht, es könnten aus tierischem Samen von Pferden

Und aus Menschen Centauren entstehen und weiter so leben.

Oder Geschöpfe wie Scylla mit ihrem von rasenden Hunden

Rings umgürteten Leib und dem Fischschwanz, oder auch andre

Wesen, bei denen die Glieder so ungleichartig erscheinen,

Die nicht erblühen zur selbigen Zeit, nicht die Kräfte der Körper

Alle zugleich sich gewinnen, zugleich auch im Alter verlieren,

Die auch nicht ähnliche Liebe entflammt, noch die gleiche Gewohnheit

Zueinander gesellt, noch die selbigen Speisen erfreuen.

Kann man doch öfter bemerken, daß bärtige Böcke sich mästen,

Wenn sie Schierling fressen, der Menschen ein tödliches Gift ist.

Da doch ferner die Flamme die goldenen Leiber der Löwen

Ebenso dörrt und brennt wie alles, was sonst noch auf Erden

Körper besitzt von Fleisch und Blut, wie war es denn möglich,

Daß die Chimäre sich setzt aus dreifachem Leibe zusammen,

Vorne als Leu, als Drache am Schwanz, in der Mitte als Ziege,

Und bei solcher Gestalt aus dem Mund schnob flammendes Feuer?

Drum wer meint, in der rüstigen Jugend von Himmel und Erde

Könnten wohl auch derart wahnschaffne Gebilde entstehen,

Und sich lediglich stützt auf das nichtige Wörtchen der Jugend,

Der kann ebensogut viel anderes Ähnliches faseln.

Damals, so mag er behaupten, da strömten noch goldene Flüsse

Über das Land und den Bäumen entsproßten da Blüten von Demant,

Oder es gab noch Menschen mit derart wuchtigen Gliedern,

Daß sie die Tiefen des Meers mit Riesenschritten durchmaßen

Und mit den Händen den Himmel im Kreise zu drehen vermochten.[195]

Gab's nun zwar in der Erde zur Zeit, als sie lebende Wesen

Brachte zuerst ans Licht, viel Keime, so fehlt uns doch jedes

Zeichen, daß je Mischformen entstehen konnten von Tieren

Und ein lebendig Geschlecht aus zusammengestoppelten Gliedern.

Mögen auch jetzt noch der Erde in reichlicher Fülle entsprießen

Allerlei Arten von Kräutern und Frucht und die labenden Bäume:

Nimmer können sie doch sich gegenseitig verbinden,

Sondern jegliche Gattung entsteht auf die eigene Weise,

Und das Gesetz der Natur hält alle genau auseinander.[196]

Entwicklung des Menschengeschlechtes

Aber das Menschengeschlecht, das damals noch auf den Feldern

Lebte, war rauher natürlich als Sprößling der rauheren Erde;

Größre und stärkere Knochen befestigten innen den Körper;

Kräftige Sehnen im Fleisch verbanden die einzelnen Glieder;

Hitze und Kälte ergriff sie nicht leicht und die neue Ernährung

Schadete nichts; frei blieben sie auch von jeder Erkrankung;

Während unzähliger Jahre, die unsere Sonne an Himmel

Kreiste, verbrachten sie so wie die Tiere ein schweifendes Leben.

Niemand lenkte mit kräftiger Hand das gebogene Pflugholz,

Niemand kannte die Kunst mit der Hacke das Feld zu bestellen,

Noch auch neues Gesträuch in die Erde zu senken, noch endlich

Altes Geäst mit der Hippe aus hohen Bäumen zu schneiden.

Nur was Regen und Sonne verlieh, was die Erde von selbst gab,

Ward als Geschenk von den Menschen zufriedenen Herzens empfangen.

Meistens ernährten sie sich in den eicheltragenden Wäldern.

Auch ließ damals die Erde von Erdbeerbäumen die Früchte

Größer noch werden als jetzt, wo zur Winterszeit du die Beeren

Sehn kannst, wie in der Reife sie purpurartig erstrahlen.

Noch viel andres erzeugte die blühende Jugend der Erde,

Gröbliche Kost, doch es war der elenden Sterblichen Reichtum.

Aber zur Löschung des Dursts lud Quell und Bach sie zu Gaste,

Wie noch jetzt in den Bergen ein niederrauschender Sturzbach

Dürstende Scharen von Wild weither zur Tränke herbeiruft.

Schließlich weilten sie gern in Grotten der Nymphen im Walde,

Die sie beim Schweifen entdeckt. Sie wußten, daß hieraus entspringe

Reichlicher Quellenerguß, der die schlüpfrigen, triefenden Felsen[196]

Jetzt, ja triefende Felsen, sodann durch das moosige Grün tropft,

Während anderes Naß aus den Ebenen sprudelnd emporspringt.

Sie verstanden noch nicht den Gebrauch des Feuers, noch deckten

Felle, die etwa dem Wild sie geraubt, die Blöße des Körpers,

Sondern sie lebten im Wald und im Hain und in Höhlen der Berge.

Und wenn die Not sie zur Flucht vor dem peitschenden Regen und Winde

Zwang, so verbargen sie wohl die schmutzigen Körper im Dickicht.

Noch vermochten sie nicht dem gemeinsamen Wohl sich zu ordnen,

Keine gemeinsame Sitte verband sie oder Gesetze.

Was ihm der Zufall bot, trug jeder als Beute nach Hause.

Jeder nach eigenem Triebe bedacht auf Leben und Wohlsein.

Und in den Wäldern vereinte die Körper der Liebenden Venus,

Sei's daß das Weib sich verband aus wechselseitiger Neigung,

Oder daß trotzige Kraft und rasende Wollust des Mannes

Oder ein Kaufpreis zwang, wie Eicheln und Beeren und Birnen.

Auf die erstaunliche Kraft der Faust und der Füße vertrauend

Stellten sie nach in dem Wald den Geschlechtern des Wildes. Als Waffe

Dienten geschleuderte Steine und Keulen von großem Gewichte.

Viele erlegten sie so, vor manchen verbarg ein Versteck sie.

Gleich wie die borstigen Schweine, so legten sie nackt sich im Walde

Auf den Boden der Erde, sobald sie die Nacht überraschte,

Und umgaben sich dort mit der Hülle von Blättern und Laubwerk.

Nicht mit lautem Geheul durchirrten sie ängstlich die Fluren,

Um in dem Schatten der Nacht nach dem Tag und der Sonne zu suchen,

Sondern sie warteten still und in ruhigen Schlummer versunken,

Bis die Sonne dem Himmel mit rosiger Fackel das Licht gab.

Denn sie waren gewohnt von Kindesbeinen an ständig

Dunkel und Helle des Lichts gleichmäßig wechseln zu sehen.

So war gar kein Grund, sich jemals darüber zu wundern

Oder zu fürchten, es möchte das Licht sich der Sonne verlieren,

Und dann ewige Nacht die Lande für immer bedecken.

Nein, viel eher besorgten sie Angriff reißender Tiere,

Welche den Armen so oft die nächtliche Ruhe verstörten.

Wenn ein schäumender Eber, ein mächtiger Löwe sich nahte,

Ließen ihr Heim sie im Stich und flohn aus dem Grottengesteine.

Tief in der Nacht überließen entsetzt sie ihr ärmliches Lager,

Das sie aus Laub sich im Innern gehäuft, den grausamen Gästen.[197]

Todesarten einst und jetzt

Damals schieden jedoch aus des Lebens wonnigem Lichte

Jammernd gewiß nicht mehr aus dem Menschengeschlechte als heute.

Freilich der einzelne ward vordem viel leichter ergriffen

Und ward lebend zum Fräße dem Raubtier, das ihn verschluckte.

Da erfüllt' er den Hain und den Wald und die Berge mit Jammern,

Sah er lebendigen Leibs sich im lebenden Sarge begraben;

Und wer etwa durch Flucht den zerrissenen Körper gerettet,

Hielt dann zitternd die Hand auf die gräßlichen Wunden und flehte

Unter entsetzlichem Wehegeschrei den erlösenden Tod an.

Endlich ließ er sein Leben infolge der schrecklichen Qualen

Hilflos und ohne zu wissen, wie Wunden behandelt sein wollen,

Aber es stürzte noch nicht ein Tag viel Tausende Männer,

Welche den Fahnen gefolgt, in den Tod, noch warfen des Meeres

Stürmische Wogen die Schiffe mitsamt der Besatzung auf Klippen.

So war die Wut umsonst, mit welcher die stürmische Meerflut

Anschwoll; leicht auch legte sich ihre vergebliche Drohung.

Lockte doch damals noch keinen die trügende Stille des Meeres,

Niemanden zog ins Verderben das gleißende Lächeln der Wellen.

Schamloser Reedergewinn verführte noch niemand zur Seefahrt.

Damals bracht' es den Tod den verschmachtenden Gliedern, wenn Nahrung

Fehlte, doch heute erdrückt sie die Überfülle der Speisen.

Jene gössen sich selbst oft Gift ein, ohn' es zu ahnen,

Jetzt ist man freilich geschickter; man reicht es nun selber [den Schwiegern].

Gründung der Familie

Dann erbauten sie Hütten, verschafften sich Felle und Feuer,

Und da schloß nun der Mann mit dem einen Weibe den Ehbund.

[So ward das heilige Recht des ersten Herdes begründet]

Und der Familie, im Kreis der dem Bunde entsprossenen Kinder.

Jetzt erst wandte das Menschengeschlecht sich zu milderen Sitten.

Denn ihr fröstelnder Körper ward nun durch das Feuer verzärtelt;

Unter des Himmels Dach vertrugen sie länger den Frost nicht

So wie sonst. Und die Liebe erweichte die Kraft. Auch die Kinder

Brachen mit Schmeicheln gar leicht unbeugsamen Sinn bei den Eltern.[198]

Gründung der Stammgenossenschaften

Jetzt begannen auch Nachbarn sich in Freundschaft zu einen

Wünschend, sich beiderseits nicht zu schaden noch Schaden zu leiden.

Auch empfahl man dem Schutze die Kinder und Weiber, indem man

Stammelnd durch Wort und Gebärde andeutete, wie es doch billig

Wäre und recht, wenn alle der Schwachen sich hilfreich erbarmten.

Freilich gelang es noch nicht vollkommen die Eintracht zu schaffen,

Aber ein guter, beträchtlicher Teil hielt treu zu dem Bündnis.

Denn sonst wäre schon damals die Menschheit gänzlich erloschen

Und es hätte bis jetzt ihr Geschlecht sich schwerlich erhalten.

Ursprung der Sprache

Wenn nun der Zwang der Natur verschiedene Laute der Sprache

Bildete und das Bedürfnis die Namen der Dinge hervorrief,

Ging dies geradeso zu, wie wenn sich auch unsere

Kleinen Stummer Gebärden bedienen aus Unvermögen der Sprache

Und mit dem Finger auf das, was sie sehen, zu deuten gewöhnt sind.

Denn ein jedes Geschöpf fühlt wohl, wie weit ihm die Kraft reicht.

Ehe dem Kalbe die Hörner noch sind aus der Stirne erwachsen,

Greift es mit ihnen im Zorn schon an und stößt nach dem Gegner,

Während dagegen die Jungen von Panthern oder von Löwen

Mit den Tatzen und Krallen und Bissen schon heftig sich wehren,

Wenn die Krallen und Zähne noch kaum sich zu bilden begonnen.

Ferner das Vogelgeschlecht baut ganz, wie man sieht, auf die Flügel

Und sucht Rettung allein in der Fittiche flatterndem Schlage.

Spracherfinder gibt es nicht

Wahnsinn ist es daher an einen Erfinder zu glauben,

Der einst Namen den Dingen verliehn und den Menschen die ersten

Wörter gelehrt. Weshalb hat denn dieser allein es verstanden,

Alles mit Worten zu nennen und Laute verschieden zu bilden,

Während zur selbigen Zeit dies keiner der ändern vermochte?

Wenn zudem nicht auch andre sich untereinander der Sprache

Hätten bedient, wie kam man dazu den Nutzen der Sprache

Einzusehn, und woher ward diesem zuerst das Vermögen,[199]

Was er gedachte zu tun, im Geiste voraus zu ermessen?

Ebenso war es unmöglich als einer die vielen zu zwingen,

Daß sie willig sich fügten, die Namen der Dinge zu lernen,

Noch war es irgend leicht, vor tauben Ohren zu lehren

Und ihr Tun zu beraten. Sie würden auch nimmer es dulden

Und durchaus nicht ertragen, wenn einer noch weiter vergeblich

Ihnen das Ohr vollstopfte mit nimmer vernommenen Lauten.

Endlich was ist denn dabei so sehr zu verwundern, wenn wirklich

Unser Menschengeschlecht, deß Stimme und Zunge gesund war,

Nach den verschiednen Gefühlen den Dingen verschiedenen Laut gab.

Läßt doch auch stummes Vieh, ja selbst die Sippen des Wildes

Ganz verschiedene Töne und mancherlei Laute vernehmen,

Wenn bald Furcht, bald Schmerz, bald schwellende Lust sie beweget.

Denn dies läßt sich ja doch aus bekannten Erscheinungen lernen.

Wenn die gewaltige Dogge molossischer Rasse gereizt wird

Und aus dem fleischigen Rachen mit bleckenden Zähnen hervorknurrt,

Klingt ihr Drohn bei verhaltener Wut ganz anders, als wenn sie

Losbellt und schier alles mit ihrem Gebrülle erfüllet.

Oder auch wenn sie die Brut mit der Zunge so zärtlich belecket

Oder sie rollt mit den Pfoten und harmlos beißend sie anfällt

Oder mit achtsamem Zahne die Nestlinge droht zu verschlingen,

Dann ist ihr sanftes Gekläffe doch sehr von dem Belfern verschieden,

Das sie allein vollführt, wenn ihr Herr sie zu Hause gelassen

Oder wenn winselnd dem Schlag sie entflieht mit gekniffenem Leibe.

Scheint nicht ferner das Roß in verschiedenem Tone zu wiehern,

Wenn es als Hengst in der Jugend Kraft rast unter den Stuten,

Mächtig getroffen vom Sporn des geflügelten Gottes der Liebe,

Oder zur Schlacht galoppiert und aus offenen Nüstern voranschnaubt,

Oder beim Todesröcheln mit schulternden Gliedern noch wiehert?

Endlich das fliegende Volk und die buntgefiederten Vögel, Habichte,

Adler und Taucher, die über den Wogen des Meeres

Schweben und Nahrung und Leben aus salzigen Fluten gewinnen,

Geben verschiednes Geschrei von sich zu verschiedenen Zeiten,

Und wenn sie streiten um's Pressen und um das Erbeutete kämpfen.

Teilweis ändern sie auch je nach dem verschiedenen Wetter

Ihr rauhklingend Gekrächz. Als Beispiel nenn' ich das alte

Krähen- und Rabengeschlecht. Man sagt, sie schreien nach Wasser

Und nach Regen und rufen bisweilen auch Winde und Stürme,

Wenn demnach schon die Tiere verschiedne Empfindungen zwingen,

Ob sie auch sprachlos sind, verschiedene Stimmen zu äußern,[200]

Wieviel mehr war der Mensch natürlich damals imstande

Mit verschiedenen Lauten bald dies zu bezeichnen, bald jenes.[201]

Einlage: Feuerentdeckung

Daß nicht etwa im stillen dich etwas beängstige, höre:

Feuer brachte den Menschen zuerst auf die Erde der Blitzstrahl,

Und von da verbreiten sich rasch die Gluten der Flammen.

Sehen wir doch, wie so vieles von himmlischer Lohe entzündet

Aufflammt, wenn ein Gewitterschlag die Entzündung bewirkt hat.

Auch ein verästelter Baum, der im Sturme bewegt hin und her schwankt

Fängt, wenn er stößt auf die Äste des Nachbarbaumes, zu glühn an,

Und durch der Reibung Kraft wird oft auch die Lohe entbunden.

Manchmal blitzet auch schon ein glühender Büschel von Flammen

Auf, wenn Äste und Stamm im Wind aneinander sich reiben.

Beide Wege vermochten den Sterblichen Feuer zu schaffen;

Speise damit zu bereiten und sie in dem Dampf zu erweichen

Lehrte die Sonne. Man sah ja, wie viele der Früchte des Feldes

Durch der Sonne Bestrahlung und Glut die Milde erlangten.

Städtegründung und Königsherrschaft

Täglich zeigten sie so, wie durch Feuer und neue Erfindung

Ihr bisheriges Leben zu bessern sei. So begannen

Männer, die mehr als die ändern durch Geist und Verstand sich bewährten,

Städte zu gründen und dort als Könige Burgen zu bauen,

Die sie als Zufluchtsort und als Schutz für sich selber bestimmten;

Und sie verteilten das Vieh und die Äcker und gaben sie jedem,

Wie nach Gestalt und Kraft des Körpers und Geistes ihm zukam.

Denn viel galt noch die äußre Gestalt, und die Stärke regierte.

Später erst kam der eigne Besitz, und das Gold ward gefunden,

Gold, das die Starken und Schönen der früheren Ehre beraubte.

Denn in des reicheren Mannes Gefolgschaft reiht in der Regel

Auch der noch so Starke sich ein und der äußerlich Schöne.

Doch wenn der Mensch nach der Wahrheit wüßte ein Leben zu leiten,

Wäre des Reichtums Gipfel: bescheidenes Leben mit Gleichmut;

Denn der bescheidene Mensch kennt niemals wirkliche Armut.[201]

Aber die Leute erstrebten berühmt und mächtig zu werden,

Um auf gesichertem Grund ihr Lebensschicksal zu bauen

Und als reiche Besitzer behaglich ihr Dasein zu führen.

Freilich umsonst! Denn im Wettkampf sucht auf den Gipfel der Ehren

Jeder zu kommen und macht sich den Weg dorthin nur gefahrvoll.

Und doch, haben sie's endlich erreicht, so stürzt sie bisweilen

Aus der Höhe der Neid wie ein Blitz in des Tartarus Grauen.

Denn gewöhnlich versengt so der Neid wie der Blitz das Erhabne

Und was irgendwie höher sich über das andre emporhebt.

Wieviel besser ist's doch zu gehorchen in Ruhe und Frieden,

Als der gebietende Lenker des Staats und sein König zu werden!

Laß sie daher nur umsonst blutschwitzend weiter sich abmühn

Und sich den engen Weg erkämpfen im Ringen der Ehrsucht.

Denn sie richten sich nur nach der anderen Urteil und stecken

Mehr nach der Leute Geschwätz sich das Ziel als der eignen Empfindung,

Und so ist's, wie es immer schon war und auch künftig noch sein wird,[202]

Sturz des Königtums. Volksherrschaft

Also die Könige fielen! Gestürzt lag ihrer erhabnen

Throne vergangene Pracht und ihr stolzes Scepter am Boden;

Blutig vom Herrscherhaupt ward gerissen die strahlende Krone,

Die zu den Füßen des Pöbels die einstige Ehre betrauert.

Was man so sehr einst gefürchtet, nun tritt man es eifrig mit Füßen.

So kam also der Staat in die Hände der Hefe des Volkes,

Wo ein jeder für sich die Gewalt und Herrschaft erstrebte.

Doch jetzt lehrten auch manche, Beamte zu wählen und Rechte

Festzustellen, damit den Gesetzen man willig gehorche.

Denn das Menschengeschlecht war müde sein Leben gewaltsam

Und in beständiger Fehde zu führen. So beugt' es von selber

Willig sich unter das Joch der Gesetze und strengeren Rechtszwangs.

Denn weil jeder im Zorn erbitterter fröhnte der Rachsucht

Als ein billig Gesetz es zur Zeit dem einzelnen einräumt,

Ward man es überdrüssig sein Leben gewaltsam zu führen.

Furcht vor Strafe befleckt seitdem die Freude am Dasein.

Denn die verübte Gewalt und das Unrecht fängt in dem Netze

Jeden und kehret gewöhnlich zurück auf das Haupt des Verbrechers.

Wer durch Verbrechen verletzt die gemeinsamen Friedensverträge,[202]

Dem wird's schwierig zu führen ein ruhiges, friedliches Leben.

Denn ob zunächst er auch täuscht der Götter und Menschen Geschlechter,

Kann er doch nicht wohl hoffen, sein Tun bleib' ewig verborgen.

Haben nicht viele schon häufig im Schlafe sich übel verplaudert,

Oder auch, wie man erzählt, in der Krankheit irre geredet

Und so ihre geheimen [Verbrechen] und Sünden verraten?[203]

Ursprung der Gottesverehrung

Nunmehr scheint es nicht schwer, den Grund der Götterverehrung

Aufzudecken, wodurch sie sich über gewaltige Völker

Habe erstreckt und die Städte mit Götteraltären erfüllet,

Wie sie die jährliche Ordnung der heiligen Feste geregelt,

Die noch jetzt sind im Schwang in den größten Staaten und Städten,

Ferner woher in den Menschen der heilige Schauer gepflanzt ward,

Der jetzt überall noch auf dem Erdkreis Tempel auf Tempel

Göttern errichtet und zwingt, sie an festlichen Tagen zu feiern.

Nämlich, es waren natürlich schon damals dem menschlichen Geiste

Herrliche Göttergestalten von wundersam riesigem Wüchse

Teils im Wachen erschienen, jedoch noch öfter im Traume.

Diesen Gestalten nun lieh man Gefühl. Denn sie regten die Glieder,

Wie es wenigstens schien, und sprachen erhabene Worte,

Welche der hehren Gestalt und den riesigen Kräften entsprachen.

Ewiges Leben verliehen sie ihnen, weil ständig die Götter

Unter der nämlichen Form und Gestalt den Menschen erschienen.

Und vor allem jedoch, weil solche gewaltigen Wesen

Schwerlich besiegbar erschienen durch irgend andere Kräfte.

Drum schien ihnen ihr Leben vor ändern besonders begnadet,

Weil auch nicht einen von ihnen die Furcht vor dem Tode bekümmre.

Sahen sie doch in den Träumen, wie Götter so zahlreiche Wunder

Wirkten, wobei sie doch selbst nicht die mindeste Mühe verrieten.

Dazu gewahrten sie auch die geregelte Ordnung des Himmels,

Und wie die Jahreszeiten in ständigem Wechsel sich drehten,

Ohne daß ihnen der Grund für diese Erscheinungen klar ward.

Und so flüchteten sie zu den Göttern, vertrauten sich ihnen,

Deren Geheiß und Wink, wie sie glaubten, die Welten regiere.

In den Himmel verlegten sie Tempel der Götter und Wohnsitz,

Weil auch Sonne und Mond durch den Himmel schienen zu wandeln,[203]

Mond und Tag und Nacht und der Nacht tiefernste Gestirne,

Und die nächtlichen Fackeln des Himmels und fliegenden Flammen,

Wolken und Tau und Regen und Schnee, Wind, Hagel und Blitze,

Rasend heulender Sturm und gewaltig drohender Donner.

O unseliges Menschengeschlecht, das solches den Göttern

Zuschrieb, ja ihnen gar der Zornwut Bitterkeit beigab!

Wieviel Seufzer erschuf es sich selbst, wie gräßliche Wunden

Schlug es auch uns, was kommt noch an Tränen auf unsere Kinder!

Frömmigkeit ist es mitnichten, verhüllten Hauptes ein Steinbild

Zu umwandeln und opfernd an alle Altäre zu treten

Oder zur Erde zu fallen der Länge nach oder die Hände

Zu den Tempeln der Götter zu heben und reichliches Tierblut

Ihren Altären zu weihn und Gelübd' an Gelübde zu reihen,

Sondern mit ruhigem Geiste auf alles schauen zu können.

Blicken wir nämlich empor zu den Himmelsräumen des Weltalls

Und zu den funkelnden Sternen im Äther, der drüber sich wölbet.

Und wir erwägen im Geiste die Bahnen des Monds und der Sonne,

Dann reckt gegen die Brust, wo sie schlief von den anderen Leiden

Niedergehalten, ihr Haupt, das wiedererwachte, die Sorge,

Ob es nicht doch vielleicht der Götter unendliche Macht sei,

Welche in wechselnden Bahnen die hellen Gestirne herumführt.

Denn es verwirrt den zweifelnden Geist das Vertagen der Einsicht,

Ob wohl irgendeinmal die Schöpfungsstunde der Welt schlug,

Ob auch ein Ende es gäbe, solange die Mauern des Weltalls

Und der Gestirne geräuschloser Lauf sich der Mühe nicht weigern.

Oder ob göttliche Huld sie mit ewigem Leben beschenkt hat,

Daß sie, da stets in der Ewigkeit Schwung sie sich drehen, deswegen

Könnten der Übergewalt der unendlichen Ewigkeit trotzen.

Und: wem krampft sich das Herz nicht aus Angst vor den Göttern zusammen,

Wem fährt nicht ein entsetzlicher Schreck in die Glieder, wenn plötzlich

Furchtbarer Blitzeinschlag die vertrocknete Erde erschüttert,

Während des Himmels Gewölbe durchrollt der grollende Donner?

Zittern nicht ganze Völker alsdann? Erfaßt nicht der Schrecken

Stolzer Könige Glieder, so daß sie in Angst vor den Göttern

Fürchten, es nahe die Stunde, in der sie für scheußlichen Frevel

Oder tyrannischen Spruch die Bestrafung müßten erwarten?

Auch, wenn der Winde Gewalt wildwütend über das Meer fährt,[204]

Und den Gebieter der Flotte mit seinen gewalt'gen Legionen

Und Elefanten zumal hin über die Flächen des Meers fegt,

Fleht er die Götter um Gnade nicht an mit Gelübden und bittet

Zitternd und zagend die Winde um Frieden und günstige Brise?

Ach, umsonst! Mit wilder Gewalt erfaßt ihn der Wirbel,

Daß er trotz aller Gebete versinkt in den Fluten des Todes.

So tritt eine geheime Gewalt das Menschentum nieder,

Wirft in den schmutzigen Kot die stattlichen Bündel und Beile

Und treibt Spott, wie es scheint, mit den Zeichen grausamer Herrschaft.

Endlich, wenn unter den Füßen die ganze Erde uns schwanket,

Wenn durch die Stöße die Städte teils stürzen, teils drohen mit Einsturz,

Ist es dann wunderbar, daß die Menschheit selbst sich gering schätzt,

Aber die Götter sich denkt mit der Fülle gewaltiger Stärke

Und mit Wunderkräften, die alles hinieden regieren?[205]

Entdeckung der Metalle

Schließlich nun wurde das Kupfer entdeckt und das Gold und das Eisen

Und zugleich auch des Silbers Gewicht und die Wirkung des Bleies.

Dies fand statt, als ein Feuer auf hohem Gebirge den Urwald

Hatte verbrannt, sei's daß dort ein Blitz aus dem Himmel gezündet,

Oder daß Menschen das Feuer im Waldkrieg, den miteinander

Sie dort führten, entfacht, um hierdurch die Feinde zu schrecken,

Oder daß andre verlockt durch die Güte des Bodens mit Feuer

Boden und fruchtbaren Acker und Weideland wollten gewinnen

Oder auch Wild erjagen und sich mit der Beute bereichern;

Denn das Jagen mit Feuer und Gruben ward früher erfunden

Als das Umstellen des Forstes mit Netzen und Hetzen mit Hunden,

Was nun auch immer der Grund zur Entstehung des Brandes gewesen,

Der mit schaurigem Prasseln den Wald bis zur untersten Wurzel

Hatte verzehrt und den Boden verbrannt durch die Gluten des Feuers:

Aus den siedenden Adern verfloß in die Mulden der Erde

Ein sich sammelnder Bach von Gold und Silber und Kupfer,

Ebenso auch von Blei. Als später man sah, wie die Massen,

Die sich verhärteten, glänzten mit blitzendem Schein aus dem Boden,

Hob man sie auf durch die Glätte gelockt und das glänzende Aussehn.

Da bemerkte man nun, sie seien entsprechend gestaltet,

Wie die Höhlung, die jedes gefüllt, nun grade geformt war.[205]

Da kam jetzt der Gedanke, es ließen sich diese Metalle,

Die man durch Hitze verflüssigt, in alle beliebigen Formen

Gießen und dann noch weiter durch Hämmern also verfeinern,

Daß man daraus selbst feinste und schärfste Schneiden gewinne,

Um sich Waffen zu schaffen, um Waldungen roden zu können,

Stämme zum Bau zu bebauen und glatt die Bretter zu hobeln

Und mit verschiedenen Bohrern im Holz die Löcher zu bohren.

All dies tat man nicht bloß mit der Kraft des härteren Erzes,

Sondern versuchte zuerst dasselbe mit Gold und mit Silber;

Doch vergeblich; zu weich war bei diesen Metallen die Masse

Und nicht ähnlich geeignet die härtere Arbeit zu leisten.

Da stand höher im Preise das Erz, und das Gold war als unnütz

Wenig geachtet, da leicht die Schärfe der Schneide sich abstumpft.

Jetzt wird das Erz nicht beachtet, das Gold steht oben im Preise,

So verändert der Wechsel der Zeit auch die Lage der Dinge.

Was vordem ward geschätzt, wird schließlich des Wertes entkleidet;

Dafür steigt dann ein andres empor aus verachtetem Dunkel;

Täglich erstrebt man es mehr, man begrüßt die Entdeckung mit Jubel,

Und die Menschen erweisen ihm unbegreifliche Ehre.[206]

Erz und Eisen

Danach kannst du nun leicht, mein Memmius, selber die Kenntnis

Über die Art dir verschaffen, wie einstens das Eisen entdeckt ward.

Hände und Nägel und Zähne, das waren die ältesten Waffen,

Ebenso Steine, auch Aste, die jeder vom Baume sich abbrach,

Endlich Flamme und Feuer, nachdem dies einmal entdeckt war.

Später erst wurde erkannt des Eisens und Erzes Bedeutung.

Und zwar lernte man eher das Erz als das Eisen verwenden,

Da von Natur es geschmeidiger ist und sich häufiger findet.

Erz durchpflügte den Boden, mit Erz erregte man Wogen

Brandenden Schlachtengewühls, Erz säete gräßliche Wunden,

Erz nahm Herden und Acker hinweg. Denn den ehernen Waffen

Mußte ja alles, was nackt und wehrlos war, sich ergeben.

Dann erst Schritt für Schritt drang weiter das eiserne Schwert vor,

Und man verhöhnte sogar die Erscheinung der ehernen Sichel.

Nun erst begann man mit Eisen den Boden der Erde zu furchen,

Gleiche Bewaffnung führte den Kampf im schwankenden Kriege.

Kriegswerkzeuge

Erst bestieg man bewaffnet die Rippen des Rosses und lenkte

Dies mit der Linken am Zügel, die Rechte war rüstig zum Kampfe.

Dann versuchte man erst mit dem Doppelgespanne das Kriegsglück.

Und zweispännig zu fahren ward eher beliebt als mit vieren

Und als bewaffnet zu steigen auf sichelbewaffnete Wagen.

Dann erst lehrten die Punier die eklen Lucanischen Ochsen,

Mit dem Turm auf dem Rücken und Schlangenrüsseln, des Krieges

Wunden verachten und Massen des feindlichen Heeres durchbrochen.

So trieb eins aus dem ändern hervor die traurige Zwietracht,

Um dem Menschengeschlecht als schaurige Waffe zu dienen,

Und tagtäglich vermehrten sich so die Schrecken des Krieges.

Auch versuchte man Stiere im Dienste des Kriegs zu verwenden

Und wildwütende Eber den Feinden entgegen zu schicken.

Ja man sandte dem Heere voraus gar grimmige Löwen,

Welche bewaffnete Wärter und grausame Bändiger führten,

Um sie lenken zu können und fest an der Kette zu halten.

Doch vergeblich! Erhitzt vom beiderseitigen Blutbad

Brachten sie wütend die Reihen von Freund und Feind in Verwirrung,

Hier und da die Mähnen des Haupts die schrecklichen schüttelnd.

Vor dem Gebrüll nun scheuten die Rosse, die Reiter vermochten

Nimmer die Tiere zu halten noch gegen die Feinde zu lenken.

Wütend warfen die Löwinnen sich mit gewaltigen Sätzen

In das Gewühl und packten von vorn die begegnenden Krieger.

Andere gar. Nichtsahnende, rissen von hinten sie nieder.

Wo ihr starkes Gebiß und die krallige Tatze sich einschlug,

Hielten die blutigen Leiber sie festumklammert am Boden.

Und in die Lüfte warfen die Stiere die eigenen Leute

Und zertrampelten sie und rissen den Rossen den Bauch auf

Mit dem Gehörn und zerwühlten in drohender Weise den Boden,

Ähnlich die Eber. Sie schlugen mit ihren Hauern die Freunde,

Netzten in Wut den zerbrochenen Speer mit dem eigenen Blute,

Den im eigenen Leibe zerbrochenen Speer mit dem Blute,

Und so brachten gemeinsamen Tod sie dem Reiter- und Fußvolk.

Denn die Pferde entzogen dem Schlage der Hauer sich seitwärts

Oder sie bäumten sich auf und suchten die Luft mit den Füßen.

Aber vergeblich! Man sah, wie sie stracks mit durchschnittenen

Sehnen Niederstürzten, den Boden mit wuchtigem Falle bedeckend.

Hielt man nun auch wohl die Tiere daheim für genügend gebändigt,[207]

Hier in der Schlacht brach sichtbar hervor die frühere Wildheit

Durch Verwundung, Geschrei, Flucht, Schrecken und Kampfesverwirrung.

Nicht ein einziges Stück der Bestien brachte man wieder,

Denn es verliefen sich alle an Art doch verschiedenen Tiere,

Wie die Kriegselefanten auch jetzt bei verkehrtem Vorantrieb

Fliehen, nachdem in der Wut sie die ihrigen mächtig geschädigt.

[So erkannten die Ärmsten zu spät den Schaden des Tierkampfs,]

Wenn sie ihn wirklich erkannten. Doch glaub ich, man könnt' es schon vorher

Sich wohl denken im Geiste und wohl als möglich voraussehn,

Wie hieraus erwüchse gemeinsames, schrecklichen Unheil.

Eher wohl kannst du behaupten, es wäre geschehen im Weltall

Auf verschiedenen Welten von ganz verschiedner Entstehung

Als auf einem bestimmten, beliebig gegriffenen Erdkreis.

Aber sie wollten es tun nicht so sehr in der Hoffnung zu siegen

Als selbst unterzugehn, doch im Tod noch dem Feinde zu schaden,

Da ihr Heer zu gering an Zahl und von Waffen entblößt war.[208]

Webekunst

Kleider wurden geflochten, bevor es gewebtes Gewand gab.

Weben entstand nach dem Eisen, da Eisen zum Weben gebraucht ward.

Anders konnte man nicht so glattes Geräte gewinnen;

Spindel und Spule und Schiff und die sausenden Bäume des Webstuhls.

Wolle zu spinnen hat Männer zuerst gelehrt der Naturtrieb,

Dann erst das Weibergeschlecht; denn weit überlegen im Handwerk

Ist überhaupt das Männergeschlecht und um vieles geschickter;

Doch die Bauern, die streng das Geschäft für schimpflich erklärten,

Wollten aus diesem Gründe in weiblichen Händen es wissen,

Um selbst härteres Werk mit Arm und mit Bein zu verrichten.

Baumzucht

Aber der Welt Urschöpferin selbst, die Natur, ist es letztlich,

Die uns das Vorbild gab für das Säen und Pfropfen der Bäume.

Denn wo die Beeren und Eicheln herab von den Bäumen gefallen,

Sproßte darunter zur Zeit der Schößlinge Schwärm in die Hohe.

Dann entschloß man sich auch Pfropfreiser in Äste zu senken

Und auf dem Feld in den Boden die jungen Sprossen zu pflanzen.[208]

Auf der geliebten Scholle versuchte nun jeder den Anbau

Mannigfaltiger Saat. Man sah, wie der Boden veredle

Wildes Gewächse, sobald man mit Fleiß und mit Liebe ihn pflege.

So ward mehr ins Gebirge gedrängt allmählich die Waldung,

Und in der Niederung trat an die Stelle des Waldes der Fruchtbau.

Wiesen, Teiche, Kanäle und Kornfeld, labenden Wingert

Legten auf Hügeln und Feldern sie an, und der bläuliche Ölbaum

Zog sich zwischen den Feldern entlang als scheidender Grenzrain,

Der die Hügel hinauf- und in Täler und Felder hinabstieg.

Und so siehst du nun jetzt mit dem buntesten Reize geschmücket

Alles Gelände, und köstliches Obst wächst mitten dazwischen,

Während sich rings fruchttragend Gesträuch als Hecke herumzieht.[209]

Erfindung der Musik

Lange schon ahmte der Mensch mit dem Munde das Vogelgezwitscher

Nach, bevor er es lernte ergötzliche Lieder zu singen

Und durch ihre Verkündung das lauschende Ohr zu entzücken.

Zephyrs Säuseln im Rohr war die erste Belehrung des Landmanns.

Als er zu blasen begann auf dem hohlen Stengel des Schierlings.

Dann erlernte man mählich die süßen Töne der Klage,

Die der Flöte entströmt, wenn des Spielers Finger sie meistert,

Der die Weise gefunden in göttlich begeisterter Muße,

Während er einsam schweifte durch Triften der Hirten und Wälder.

Solche Musik bezauberte jetzt und ergötzte die Menschen,

Wenn sie den Hunger gestillt; dann freut uns ja allerlei Kurzweil.

Und so lagerten sie miteinander auf schwellendem Rasen

Oft an des Bächleins Rand in dem Schatten ragender Bäume,

Und sie labten vergnügt sich mit ihren bescheidenen Mitteln,

Wenn sie zumal auch das Wetter begünstigte und wenn der Frühling

Grünende Wiesengefilde mit farbigen Blumen bestickte.

Da gab's scherzhaft Gespräch und heitres Gekicher, wie üblich;

Denn die ländliche Muse war jetzt in der blühenden Vollkraft.

Ausgelassene Lust hieß jetzt sie das Haupt und die Schultern

Mit geflochtenen Kränzen aus Blumen und Blättern umwinden,

Trieb sie dazu, nun die Glieder im taktlosen Tanze zu schwingen

Und mit polterndem Fuße die Mutter Erde zu stampfen.

Dies erweckte nun wieder Gelächter und heitres Gekicher,

Weil dies damals noch neu und darum wunderbar wirkte.[209]

Mußte man wachen, so war's ein Ersatz für den fehlenden Schlummer,

Mancherlei Töne zu bilden und Melodien zu singen

Und mit gebogener Lippe die Hirtenflöte zu spielen.

Drum hat sich dies bei den Wächtern noch jetzt im Gebrauche gehalten.

Jetzt erlernte man auch auf die Einheit des Taktes zu achten;

Jene Urwaldrasse der erdentsprossenen Menschheit

Schöpfte gewiß hieraus nicht mindres Vergnügen als wir jetzt.

Denn was grade im Schwang, das gefällt und wirkt ja besonders,

Wenn man nicht vorher schon Schöneres hatte gesehen.

Wird dann später das Beßre entdeckt, so vernichtet es alles,

Was man früher geliebt: der Geschmack verändert sich eben.

So ward ihnen die Eichel verhaßt, so verließ man die alten

Lagerstätten, die Gräser und Laubwerk hatten gepolstert.

Ebenso fiel in Verachtung die frühere Kleidung aus Tierfell.

Einstmals mußte den Neid, wie mich dünkt, die Erfindung des Fellkleids

Wecken, so daß sein Träger von Meuchelmördern bedroht war.

Und doch mußt' es verschwinden und konnte nicht fürder mehr dienen,

Weil es im Hader des Streits zerrissen und blutüberströmt ward.

Damals war es das Fell, jetzt bringt das Gold und der Purpur

Sorgen dem Leben der Menschen und stiftet bei ihnen den Krieg an.

Doch kommt größere Schuld, wie mich dünkt, auf unsere Rechnung.

Jene Söhne der Erde, die nackt und noch ohne die Felle

Waren, litten vom Prost; doch was schadet es uns, wenn dem Kleide

Fehlet der Purpur, verbrämt mit Gold und mit riesigem Zierat?

Könnte doch auch ein plebejisch Gewand vor der Kälte uns schützen!

So müht also das Menschengeschlecht sich umsonst und vergebens

Immerfort ab und verzehrt in den nichtigsten Sorgen sein Leben.

Leider versteht es ja nicht, der Besitzgier Schranken zu setzen

Und die Grenze, wieweit sich das wahre Vergnügen noch steigert.

Dies ist's, was mit der Zeit das Leben ins offene Meer trieb

Und von Grund aus erregte die mächtigen Wogen des Krieges.[210]

Zeitrechnung

Aber die Wächter der Welt, die den großen, sich drehenden Tempel

Rings als Leuchten umwandeln, die Sonn' und der Mond, sie belehrten

Unser Menschengeschlecht, wie die Zeiten des Jahres sich drehen,

Und ein bestimmtes Gesetz und geregelte Ordnung die Welt lenkt.[210]

Leiste Stufe der Kultur

Nunmehr lebte man sicher von mächtigen Türmen umschirmet

Und man bebaute die Erde, die einzeln verteilt und begrenzt ward.

Jetzt erblühte das Meer weithin von den Segeln der Schiffe,

Und durch Verträge gewann man die Hilfe der Bundesgenossen.

Jetzt auch begannen die Dichter die Heldentaten in Liedern

Uns zu verkünden; die Schrift war nicht lange vorher schon erfunden.

Deshalb kann man in unserer Zeit, was noch früher geschehn ist,

Nur erforschen, soweit uns der Schluß des Verstandes die Spur zeigt,

Schiffahrt, Ackerbebauung, Errichtung von Mauern, Gesetze,

Waffen, Straßen, Bekleidung und alles ähnliche Gute,

Ehren, und alles, was irgend zur Lebensverfeinerung beitrug,

Lieder und Bilder und alle die sonstigen bildenden Künste,

Lehrte Erfahrung und Übung den mählich von Stufe zu Stufe

Vorwärts schreitenden Geist, der unverdrossen sich mühte.

So bringt Schritt für Schritt die Zeit jedwedes zum Vorschein,

Und der Verstand hebt alles empor zum Reiche des Lichtes.

Denn man ersah mit dem Geiste, wie eins aus dem ändern sich aufhellt,

Bis man in jeglicher Kunst zu dem höchsten Gipfel gelangt ist.[211]

Sechstes Buch

Naturerscheinungen

Preis der Philosophie Epikurs

Weizenerzeugende Saat verteilte der leidenden Menschheit

Einst als erstes Athen, die Stadt mit leuchtendem Namen,

Die uns das Leben von neuem geschenkt, die Gesetze gegeben,

Die auch wieder zuerst dem Leben den süßesten Trost gab,

Als sie den Mann uns gebar, deß Geist sich so mächtig erwiesen,

Daß sein Wahrheitsmund die ganze Natur uns enthüllte.

Ob er auch selbst nicht mehr lebt, sein Ruhm ist längst bei den Völkern

Wegen des göttlichen Werks, das er schuf, bis zum Himmel gedrungen.

Denn als er sah, daß an dem, was die sterblichen Menschen an Nahrung

Brauchen, fast alles schon längst zu unsrer Verfügung bereit steht,

Daß mithin auch das Leben, soweit dies möglich, gesichert

Dasteht, ja daß die Großen in Reichtum, Ehre und Ansehn

Schwimmen und Glanz durch den trefflichen Ruf der Söhne gewinnen,

Und trotzdem kein einziger Mensch die Angst in dem Herzen

Los wird, welche die Seele auch wider Willen beständig

Quält und feindlich bedroht und zu wütenden Klagen veranlaßt:

Da erkannte er wohl, daß der Fehler nur am Gefäß liegt,

Und daß alles durch dessen Schuld verderbt wird im Innern,

Was man auch nur an Genuß von außen her sammelt und eingießt.

Denn teils sah er es gänzlich verleckt und durchlöchert, so daß man

Nimmer durch irgendein Mittel es wirklich zu füllen vermöchte

Teilweis aber im Innern von eklem Geschmacke durchzogen,

Daß es dadurch auch alles verstänkerte, was man hineingoß.

Also begann er das Herz durch Wahrheitsworte zu läutern,

Wies die Begierde sowohl wie die Furcht in die richtigen Schranken,

Lehrte uns kennen, worinnen das höchste der Güter bestehe,

Das wir alle erstreben, und zeigte den Weg uns zum Heile,

Jenen Saumpfad, der uns zum Ziel im geradesten Lauf führt,

Zeigt' auch der Übel Geschmeiß, das in allen menschlichen Dingen[212]

Uns gar mannigfaltig umschwirrt aus natürlichen Gründen,

Bald durch Zufall, bald durch Gewalt, so wie die Natur will,

Wies uns dann endlich die Tore, aus denen man gegen sie ausfällt,

Und so legte er dar, wie das Menschengeschlecht in dem Herzen

Unbegründet zumeist das Gewoge der Sorgen herumwälzt.

Denn wie in dunkeler Nacht die Kindlein zittern und beben

Und vor allem sich graulen, so ängstigen wir uns bisweilen

Selbst am Tage vor Dingen, die wahrlich nicht mehr sind zu fürchten,

Als was im Dunkel die Kinder befürchten und künftig erwarten.

Jene Gemütsangst nun und die lastende Geistesverfinstrung

Kann nicht der Sonnenstrahl und des Tages leuchtende Helle

Scheuchen, sondern allein der Natur grundtiefe Betrachtung.

Laßt uns darum das begonnene Werk zu Ende nun weben![213]

Inhalt des vorigen Buches

Und da ich früher gelehrt, daß die Weltenräume vergänglich

Seien, der Himmel sogar aus erschaffenem Stoffe bestehe,

Da ich das meiste geklärt, was dort entsteht und entstehn muß:

So vernimm denn auch weiter, was jetzt noch bleibt zu erörtern,

(Da ich ja doch nun einmal den erhabenen Wagen der [Musen]

Mich zu besteigen [gerüstet), wie Blitz und Donner] entstehen,

[Wenn sich in rasender Wut] die Winde [und Wolken bekämpfen],

Und wie wieder aufs neue sich alles friedlich versöhnet

[Und], was [eben noch wild am ganzen Himmel] getobt hat,

Nunmehr wieder zur Ruhe sich kehrt, wenn die Wut sich gemäßigt.

Wirkung der Naturerscheinungen auf das menschliche Gemüt

Auch wenn sonstige Schrecken den zagenden Herzen der Menschen

Öfter am Himmel sowohl wie hienieden auf Erden erscheinen,

Da erfaßt in der Tat ihr Gemüt die Angst vor den Göttern,

Die sie zu Boden drückt. Denn leider gebricht es an Einsicht

In die verborgenen Gründe. So sind sie gezwungen, den Göttern

Herrschaft über die Welt und Königsmacht zu verleihen.

Denn in diesem Geschehen die Gründe zu fassen, ist ihnen

Rein unmöglich. So schreiben sie alles der göttlichen Macht zu.

Entstehung des Götterwahns

Selbst wer richtig gelernt, daß die Götter ein sorgloses Dasein

Führen, bestaunt doch wohl, wie alles im einzeln sich abspielt,

Namentlich auch bei jenen Erscheinungen, welche den Blicken

Über unserem Haupte im Äthergefilde sich zeigen:

Dann fällt mancher wohl wieder zurück in den früheren Glauben

Und bekennt sich als Sklaven von grausamen Herren, an deren

Allmacht leider er glaubt. Er weiß nicht, der Arme, was sein kann

Und was nicht kann sein und wie weit jedwedem umzirkt ist

Seine wirkende Kraft und der grundtief ruhende Markstein.

Blind ist seine Vernunft; drum schweift er noch mehr in die Irre.

Wenn du nicht jene Gedanken mit Abscheu bannst aus dem Herzen

die heiligen Mächte der Götter verkümmern und oftmals

Kehren wider dich selbst; nicht als ob die göttliche Allmacht

Kränkung erlitte und zornig die strenge Bestrafung verlange,

Sondern vielmehr weil du selber die Götter, die friedlicher Ruhe

Pflegen, erregt dir denkst von den Wogen erschrecklichen Zornes.

So wirst nie du mit ruhigem Geist in die Tempel der Götter

Treten können und nimmer die Bilder göttlichen Leibes,

Wenn in den menschlichen Geist sie als Boten der göttlichen

Schönheit Eintritt fordern, empfangen in ruhigem, friedlichem Herzen.

Daraus ergibt sich von selbst, welch' Leben dich künftig erwartet.

Inhalt des letzten Buches

Vielfach hab' ich gesagt, wie solch ein erbärmliches Leben

Weit wir weisen zurück mit den lautersten Wahrheitsgründen;

Aber es bleibt noch viel, was in sauberen Versen mir obliegt

Auszuführen: ich muß System und Erscheinung des Himmels

Fassen, ich muß die Gewitter und flammenden Blitze besingen,

Ihre Gewalt und die Gründe des jedesmaligen Ausbruchs,

Daß du nicht fragst, wahnsinnig vor Angst, nach dem Himmelsbezirke,

Welchem der fliegende Strahl entsprang, und wohin er sich wandte,

Rechtswärts oder nach links, wie ferner er konnte durch Mauern

Dringen, dort schalten nach Lust und wieder von da sich erheben.

Freilich von diesem Geschehen den Grund zu erfassen, ist jenen

Rein unmöglich; drum schreiben sie alles der göttlichen Macht zu.[214]

Wenn ich den Wettlauf jetzt nach dem letzten glänzenden Ziele

Richte, so weise den Weg, Kalliope, kundige Muse,

Mühsalstillender Trost für die Menschheit, Wonne der Götter,

Leite mich, daß ich erringe die herrliche Krone des Ruhmes![215]

Gewitter

Erstens, der Donner erschüttert die heitere Bläue des Himmels,

Weil hochfliegende Wolken im Äther einander sich stoßen,

Wenn in der Mitte sie stehn von entgegengerichteten Winden.

Nie dröhnt Donnergebrüll von der heiteren Seite des Himmels,

Sondern von dort, wo die Wolken in dichterem Zuge sich drängen,

Hört man gewöhnlich den lautesten Schall mit gewaltigem Grollen.

Ferner, es können die Wolken nicht so wie Steine und Holz sein

Aus verdichtetem Stoffe, noch andererseits aus so feinem,

Wie uns die Nebel ihn zeigen und fliegende Wolken des Rauches:

Denn sonst stürzten wie Steine mit plumpem Gewicht sie zu Boden,

Oder sie könnten wie Rauch sich zusammen nicht halten, noch in sich

Starrende Massen von Eis und Hagelschauer verbergen.

Auch hört oft man ein klatschend Geräusch durch die Weiten des Weltalls,

Wie mitunter ein Segel, das über die großen Theater

Von dem Gebälk zu den Masten sich spannt, vom Winde gebläht wird;

Manchmal rast es wie toll, wenn frech es zerrissen ein Windstoß,

Und gibt knatternden [Ton], als ob man Papiere zerfetze,

(Denn auch solches Geräusch vernimmt man im Rollen des Donners),

Oder als ob die Winde ein aufgehängtes Gewandstück

Oder ein flatternd Papier in den Lüften wirbeln und peitschen.

Manchmal kommt es auch vor, daß die Wolken einander begegnen

Nicht mit der Stirne voran, vielmehr mit der Flanke vorbei sich

Schieben, indem sie entgegengesetzt aneinander sich reiben:

Dann trifft unser Gehör der bekannte langhingezogne,

Knatternde Ton, bis sie endlich heraus aus der Enge sich winden.

Auch auf folgende Art sieht's oft bei schwerem Gewitter

Aus, als ob alles erbebe und plötzlich die mächtigen Mauern

Unseres Weltenbaus auseinandergerissen zerklafften:

Wenn ein gewaltiger Sturm sich mit plötzlich gesammelten Kräften

Einbohrt in das Gewölk und sich drinnen verschlossen im Wirbel

Dreht und hierdurch allmählich ringsum die Wolken veranlaßt,[215]

Eine verdichtete Schicht um die innere Höhlung zu bilden,

Wenn dann seine Gewalt und sein heftiges Ungestüm nachläßt,

Platzt urplötzlich die Wolke mit ohrenbetäubendem Krachen.

Und kein Wunder! So platzt ja doch auch im kleinen die Blase,

Die man mit Luft vollfüllt, gar oft mit gewaltigem Knalle.

Bläst der Wind durch die Wolken, so kann auch aus anderen Gründen

Dann ein Geräusch entstehn. Wir sehn ja, wie oft das Gewölke

Mannigfaltig verästelt und zackig zerrissen daherschwebt.

Deshalb rauscht es natürlich, wie wenn durch ein waldiges Dickicht

Stürme des Nordwinds sausen und Äste und Zweige erkrachen.

Manchmal kommt es auch vor, daß des Windes gewaltige Stoßkraft

Grad auf die Wolke sich lenkt, sie durchbricht und mitten entzweireißt.

Denn was sein Wehen vermag, das lehrt uns ja klar die Erfahrung

Hier auf Erden, wo linder er weht; doch reißt er im Wirbel

Ragende Bäume heraus mit der Wurzel aus tiefester Tiefe.

Auch gibts Wogen im Wolkenmeer, die gegeneinander

Schlagend ein dumpfes Gebrause bewirken, wie wenn sich die Brandung

An dem Gestade des Weltmeers bricht und der mächtigen Ströme.[216]

Blitzerscheinungen

Solch ein Getöse entsteht, wenn ein Blitz von Wolke zu Wolke

Überspringt; wenn das Feuer gerade auf reichliches Wasser

Auftrifft, tötet das Naß ihn sofort mit lautem Geprassel,

Wie wenn glühendes Eisen aus lodernder Esse genommen

Aufzischt, wenn man sofort es in eisiges Wasser hineintaucht.

Springt dagegen das Feuer auf trocknere Wolke hinüber,

Lodert sie plötzlich empor und verbrennt mit gewaltigem Prasseln,

Wie wenn die Lorbeerhänge der Berge verwüstet ein Waldbrand,

Der von wirbelnden Winden genährt mit Heftigkeit wütet.

Denn nichts brennt auf der Welt mit so entsetzlichem Prasseln

Als die Flamme des Baums, der dem delphischen Phöbus geweiht ist.

Oft macht schließlich das Eis, wenn es kracht, und das Fallen des Hagels

In den größeren Wolken ein lautes Gelärm in der Höhe.

Denn wenn der Wind in der Enge zusammen sie drängt, dann zerbrechen

Jene Wolkengebirge aus Eis, das mit Hagel gemischt ist.[216]

Ebenso blitzt's, wenn die Wolken bei ihrer Begegnung in Menge

Feueratome entladen, wie wenn man den Stein mit dem Stahl schlägt

Oder auch Stein auf Stein; auch dann springt plötzlich ein Lichtblitz

Aus ihm heraus und das Feuer verstreut hellsprühende Funken.

Daß man den Donner jedoch meist später vernimmt mit dem Ohre

Als man den Blitz mit dem Auge erschaut, kommt daher, daß alles

Langsamer trifft auf das Ohr als das Auge die Reizung empfindet.

Dies ersieht man auch hieraus: so oft aus der Ferne du zuschaust,

Wie man ragende Bäume mit doppelschneidiger Axt fällt,

Wirst du den Axthieb früher gewahr, als der Schlag dir zu Ohren

Kommt. So sehen wir auch den Blitzstrahl früher mit Augen,

Als wir den Donner vernehmen, obwohl er zugleich mit dem Feuer

Und aus ähnlichem Grund beim Zusammenstoße erzeugt wird.

Auch auf folgende Art erleuchten mit fliegendem Lichtglanz

Wetterwolken die Räume und zuckendes Wettergeleuchte.

Hat sich der Wind in die Wolken gebohrt und ein sich genistet,

Daß er, wie früher gelehrt, die Wolkenhöhlung verdichtet,

Dann macht diese Bewegung ihn glühend, wie alles Bewegte

Sich durchhitzt und erglüht, wie du siehst. Ja die bleierne Kugel

Schmilzt sogar bei längerem Flug infolge der Drehung.

So zerreißt der entzündete Wind die dunkele Wolke

Und streut die durch den plötzlichen Druck entladnen Atome

Glühenden Feuers hinaus; sie entflammen die nickenden Blitze;

Dann erst hört man den Donner, der später an unser Gehör schlägt,

Als was von dorten gelangt in unserer Augen Gesichtsfeld.

Freilich erfolgt dies nur, wenn die Wolken sich dichter geschichtet

Und mit erstaunlicher Wucht aufeinander sich haben geschoben.

Laß dich dabei nicht beirren, daß wir von hier unten erblicken

Mehr, wie sie ziehn in die Breite als wie sie nach oben sich türmen.

Schau dir nur an, wenn die Wolken wie mächtige Berge gestaltet

Quer durch die Luft hin jagen von stürmischen Winden getrieben,

Oder wie Wolkenmassen um hochaufragende Berge

Übereinander sich häufen und dort in Ruhe gelagert

Schwer von oben her drücken, wenn ringsum schlafen die Winde:

Dann erst kannst du ermessen, wie hoch sich die Massen erheben,

Kannst auch die Höhlen erblicken, die gleichsam von hängenden Felsen

Werden gebildet und die, wenn ein Sturm sich erhebt, von den Winden

Werden gefüllt; und diese nun rings von den Wolken umschlossen

Grollen mit lautem Geheul wie die wilden Tiere im Käfig,

Lassen bald hier bald dort durch die Wolken ihr Brüllen erschallen,[217]

Wälzen sich hin und her, um die Ausgangspforte zu finden,

Wirbeln dadurch im Gewölk viel Feueratome zusammen,

Und so drehn sie die Flammen herum in der Höhlung des Ofens,

Bis das Gewölke zerplatzt und der Blitzstrahl zuckend herausfährt.

Auch aus folgendem Grunde mag jener goldengefärbte,

Helle, bewegliche Strahl zur Erde hinunter sich schwingen,

Weil notwendigerweise die Wolken schon selber mit Feuer

Stark geladen sein müssen. Denn wenn sich in ihnen kein Naß mehr

Findet, dann sind sie zumeist von glänzendfeuriger Farbe.

Nämlich vom Lichte der Sonne erhalten sie reichlichen Abglanz,

Daß sie mit Grund rot glänzen und feurige Strahlen entsenden.

Treibt nun ein Windstoß diese an einem Ort aufeinander

Und zwängt hier sie zusammen, dann pressen sie Feueratome

Aus und diese bewirken das feuerfarbene Blitzlicht.

Auch wenn dünn das Gewölk nur ist, blitzt's öfter am Himmel.

Denn wenn der Wind nur leise den Zug der Wolken zerschneidet

Und voneinander löst, dann fallen von selbst die Atome,

Welche das Blitzen erzeugen, heraus. Dann gibt es ein stilles

Wetterleuchten und ohne den widrigen Schrecken und Aufruhr.[218]

Wesen und Wirkung des Blitzes

Übrigens zeigen die Blitze ihr wahres Wesen und Wirken

Erst durch den Einschlag an und das Brandmal, das sie erzeugen

Und durch die Spuren von Schwefel und seinem erstickenden Dunste;

Denn das sind Zeichen von Feuer und nicht von Wind noch von Regen.

Oft entzündet zudem noch der Blitz die Dächer der Häuser

Und in den Wohnungen schaltet die reißende Flamme als Herrscher.

Unter den Feuern der Welt ist das Feuer des Blitzes das feinste,

Denn ihm gab die Natur die beweglichsten, kleinsten Atome,

Denen sich nichts auf der Welt zu widersetzen vermöchte.

Denn der gewaltige Blitz durchbricht das Gemäuer der Häuser,

Wie das Geschrei und die Stimme; er dringt durch Fels und Metalle

Und verflüssigt in einem Moment das Gold und das Kupfer,

Ja er verflüchtigt den Wein im Augenblick, ohne die Krüge

Irgendwie zu verletzen, weil nämlich sein nahender Gluthauch

Alles rings um den Wein auflockert, die Wände des Kruges

Leicht durchlässig gestaltet und dann in das Innre behende

Schlüpfend rasch die Atome des Weins zerlegt und zerstreuet, –[218]

Was wohl die Gluten der Sonne in Menschenaltern nicht leisten

Könnten, so sehr sie auch sonst durch ihr zuckendes Feuer Gewalt hat:

So übertrifft sie die Herrschernatur des beweglichen Blitzes.[219]

Wie entsteht der Blitz?

Nunmehr will ich erklären, um dich mit Versprechen nicht länger

Hinzuhalten, wie Blitze entstehn und so ungestüm wirken,

Daß ihr feuriger Strahl imstande ist Türme zu spalten,

Wohnungen niederzuwerfen, Gebälk und Sparren zu stürzen,

Grabdenkmäler der Helden zu schädigen und zu erschüttern,

Menschen zu töten und Vieh bald hier bald da zu vernichten:

Worin besteht nur die Kraft, die all dergleichen kann leisten?

Blitze entstehen allein aus dichtem und hochaufeinander

Aufgetürmtem Gewölk. So darf man wohl glauben; denn niemals

Blitzt es aus heiterem Himmel und leichter geschichteten Wolken.

Ganz unzweifelhaft lehrt uns doch dies die Erfahrung der Sinne,

Denn wenn das Wetter beginnt den Blitz in Bewegung zu setzen,

Ballen die Wolken im ganzen Bereiche der Luft sich zusammen

Also dicht, daß man meint, aus dem Schlunde des Acheron steige

Alle Finsternis auf und fülle das Himmelsgewölbe:

So schlimm droht uns von oben ein schwärzliches Schreckensgesichte,

Wenn sich das Regengewölk mit abscheulicher Nacht hat erhoben.

Oft auch senkt sich herab ein schwarzes Gewölk auf des Meeres

Wogen (als wenn aus dem Himmel ein Pechstrom fließe hernieder),

Das, vom Dunkel geschwollen, von weither nahet und mit sich

Finstres, von Blitzen und Stürmen geschwängertes Wetter heranschleppt,

Während es selbst bis zum Rande mit Winden und Feuern gefüllt ist.

Selbst am Lande erschaudert der Mensch und sucht sich ein Obdach.

Darum darf man wohl glauben, daß über unseren Häuptern

Weit in die Höhe das Wetter sich hebt. Denn es würde die Erde

Nicht so völlig beschatten, wenn schichtweis übereinander

Sich das Gewölk nicht türmte die Sonnenbestrahlung versperrend,

Nie auch würden Gewitter beim Nahen die Erde mit Regen

So beschütten, daß Ströme und Felder in Seen sich wandeln,

Wäre der Äther nicht voll von hoch sich türmenden Wolken.

Hier ist demnach alles ganz voll von Winden und Feuern.

Drum entlädt sich der Blitz bald hier bald dort, wie der Donner;

Denn, wie ich oben gelehrt, enthält die Höhlung der Wolken[219]

Viele Atome des Feuers, und viele auch müssen sie ferner

Von der Bestrahlung der Sonne und ihrer Hitze empfangen.

Wenn nun der nämliche Wind, der an einem beliebigen Orte

Stößt die Wolken zusammen, auch reichliche Feueratome

Ihnen entpreßt und zugleich sich mit diesem Feuer verbündet,

Schlüpft er ins Innre behend und dreht sich als Wirbel im Engen,

Wo er den Donnerkeil in der glühenden Esse verfertigt.

Denn auf doppelte Weise entzündet der Wind sich: indem er

Durch die eigene Bewegung erglüht, und durch Feuers Berührung.

Ist er nun völlig erglüht und kommt noch der wuchtige Ansturm

Weiteren Feuers hinzu, dann reift so gleichsam die Blitzsaat,

Sprengt urplötzlich die Wolke und fährt als beflügelter Glutstrahl

Aus ihr heraus rings alles mit zuckenden Lichtern erleuchtend.

Dann folgt dumpfes Getöse, als ob das Gewölbe des Himmels

Krachend berste und alles von obenher plötzlich erschlüge.

Dann erschüttert die Erde ein heftiges Beben, und oben

Rollt des Donners Gebrüll durch den Himmel; denn jetzt ist das ganze

Wetter erregt durch des Donners Gedröhn und in zuckendem Aufruhr.

Ihm folgt dann ein wuchtiger Guß von reichlichem Regen,

Wie wenn der Himmel nun gänzlich in Regen sich wollte verwandeln

Und sich jählings stürzen in eine erneuerte Sintflut;

Soviel Wasser ergießt sich infolge der Wolkenzerspaltung

Und des Orkans, sobald nur der Blitz mit dem Donner hervorbricht.

Auch kommt's vor, daß von außen ein Windstoß stürmend hineindringt

In ein gewalt'ges Gewölk, deß Spitze schon reif ist zum Platzen.

Reißt er nun dieses entzwei, dann springt ein feuriger Wirbel

Plötzlich heraus: Blitz heißt er in vaterländischer Zunge.

Ebenso ist's, wenn der Windstoß kommt von beliebiger Seite.

Auch kommt's vor, daß bisweilen ein Windstoß feuerlos anhebt,

Aber im Raum und im weiteren Lauf sich selber entzündet.

Fallen nun während des Laufes vereinzelte größre Atome

Ab, die nicht wie der übrige Stoff die Lüfte durchdringen,

Während er andre gewinnt aus der Luft selbst kleineren Umfangs,

Die sich mit ihm vermischen, so fängt beim Fliegen er Feuer.

Nicht viel anders wie öfter die bleierne Kugel der Schleuder

Während des Laufes ins Glühen gerät, da sie Kälteatome

Zahlreich verliert und Feuer dafür aus der Luft in sich aufnimmt.

Öfters genügt schon des Stoßes Gewalt, um das Feuer zu wecken,

Selbst wenn den Antrieb gibt nur ein feuerlos frostiges Blasen.[220]

Denn wenn irgendwohin mit heftigem Schlage der Wind trifft,

Können natürlich sowohl die eigenen Wärmeatome

Als auch jene sich sammeln, die in dem getroffenen Stoff sind,

So springt Feuer heraus, wie wenn man den Stein mit dem Stahl schlägt.

Ist auch der Stahl gleich kalt von Natur, so sammeln sich gleichwohl

Auch bei ihm auf den Schlag die Atome des sprühenden Funkens.

Also muß sich am Blitz auch der Stoff entzünden, sobald nur

Dieser gerade geeignet und passend erscheint zur Entflammung.

Auch kann doch unmöglich ein Windstoß wirklich so kalt sein,

Der sich mit solcher Gewalt aus den Höhen des Äthers herabstürzt,

Daß er, selbst wenn er im Lauf nicht vom Feuer ergriffen wird, dennoch Wenigstens etwas erwärmt durch Wärmeberührungen anlangt.[221]

Schnelligkeit des Blitzes

Leicht ist der Blitz wohl beweglich, doch schwer trifft dennoch sein Einschlag,

Und in eiligem Gleiten durchschneiden die Blitze den Luftraum,

Weil ja ihre Gewalt, die vorher schon heftig erregt war,

Dann in den Wolken gesammelt zum Losbruch völlig bereitsteht;

Wenn sie dann wächst und die Wolken ihr Ungestüm nimmer kann hemmen,

Dann entfährt ihr der Blitz und saust mit erstaunlicher Triebkraft,

Wie sie Geschosse entwickeln, die schweren Geschützen entfliegen.

Dazu kommt, daß den Blitz nur kleine und glatte Atome

Bilden, und solchen Stoff kann nicht leicht ein Hindernis hemmen.

Denn er drängt sich und schlüpfet behend durch die Lücken der Flugbahn,

Bleibt daher auch nicht häufig an Hindernissen verweilend

Hängen; er fliegt deswegen und gleitet mit eilender Triebkraft.

Ferner die Schwerkraft treibt von Natur schon alles nach unten;

Kommt nun vollends ein Stoß noch hinzu, dann verdoppelt beim Blitze

Sich die Beweglichkeit noch und wuchtiger waltet die Triebkraft;

Um so heft'ger und schneller zerschmettert der Schlag, was nur irgend

Ihm entgegen sich stellt, und verfolgt dann wieder die Flugbahn.

Schließlich, da lange die Triebkraft vorhält, muß sie allmählich

Immer beweglicher werden; die Schnelligkeit wächst noch im Fliegen

Stets und vermehrt die gewaltige Wucht und verstärkt noch die Schlagkraft.[221]

Denn sie bewirkt, daß alle nur irgend vorhandenen Keime

Graden Wegs sich vereinigt nach einem Punkte bewegen,

Und reißt alle im Wirbel hinein in die nämliche Flugbahn.

Möglich ist auch, daß der Blitz aus der Luft selbst einige Stoffe

An sich zieht, die mit ihrem Schlag noch die Schnelligkeit steigern.

Daß er durch vielerlei Dinge hindurchsaust, ohne zu schaden,

Zeigt, daß sein Feuer die Poren durchrast mit fliegender Eile.

Vieles zerschmettert er auch, wenn just die Blitzelemente

Stoßen auf Stoffelemente, wo diese zusammengewebt sind.

Ferner schmelzt er das Erz und verflüssigt das Gold im Momente,

Da ja die Stärke des Blitzes beruht auf feinster Verteilung

Winziger Urelemente und glattester Feueratome,

Welche sich leicht eindrängen und wenn sie erst drin sind, sofort auch

Alle Verknotungen lösen und alle Verschlingungen lockern.[222]

Herbst- und Frühlingsgewitter

Häufiger läßt im Herbst ein Gewitter den Himmel erbeben,

Der mit funkelnden Sternen sich schmückt, und die Weiten der Erde;

Ebenso wenn die lenzende Zeit sich mit Blumen eröffnet.

Denn in der Kälte gebricht's an dem Feuer, im Sommer an Winden

Und die Wolken bestehen dann auch aus dünnerem Stoffe.

Doch wenn sich zwischen den beiden die Jahreszeiten befinden,

Dann trifft alles vereint zur Entstehung des Blitzes zusammen.

Denn an der »Brandung« des Jahres, da mischt sich Hitze und Kälte,

Deren die Wolke doch beider bedarf zur Erzeugung des Blitzes,

Um zu entzünden den Zwist in der Welt und den furchtbaren Aufruhr,

Wenn von dem wütenden Kampf des Feuers und Windes die Luft bebt.

Denn der Hitze Beginn ist das letzte Ende des Frostes:

Das ist die Frühlingszeit. Drum muß notwendig ein Kampf sein

Zwischen den Gegensätzen, und Wirrnis, wenn sie sich mischen.

Ebenso, wenn sich das Ende der Glut mit dem Anfang der Kälte

Mischt, dann nahet die Zeit, die in üblicher Weise man Herbst nennt:

Hier auch führet der Winter erbitterten Krieg mit dem Sommer.

Darum nenne man denn die Zeiten die »[Brandung]« des Jahres,

Und man wird sich nicht wundern, wenn grade am meisten Inder Zeit

Blitze sich bilden und Wetter am Himmel stürmisch heraufziehn,

Da sie ja beiderseits von wechselndem Kriege durchtobt wird,

Hier von der Flamme und dort von Regen und Wind in Gemeinschaft.

Abwehr religiösen Irrwahns

Hier gilt's also das Wesen des feuerschleudernden Blitzes

Selbst zu verstehn und die Kraft, mit der er ein jegliches ausführt,

Nicht etruskische Sprüche vergeblich zu wälzen, um hieraus

Zeichen verborgener Pläne der Gottheit uns zu entnehmen:

Etwa woher es geblitzt, ob das fliegende Feuer nach rechtshin

Oder nach links sich gewandt und wie es durch Mauern ins Haus schlug

Und dann wieder, nachdem es darinnen geschaltet, hinausfuhr,

Oder was sonst noch ein Blitzeinschlag vom Himmel kann schaden.

Wenn aber Jupiter selbst und die anderen Götter des Himmels

Strahlende Räume erschüttern mit Schrecken erregendem Donner

Und, wie es jedem der Götter beliebt, versendenden Blitzstrahl,

Weshalb lassen sie dann, wenn einer abscheulichen Frevel

Straflos hatte begangen, nicht gleich die Flammen des Blitzes

Schlagen aus seiner zerschmetterten Brust zur Warnung der Menschen?

Weshalb wälzt sich dafür unschuldig ein Armer, der keiner

Schande sich jemals wurde bewußt, in den Flammen und wird so

Plötzlich erfaßt und verstrickt in den Wirbel des himmlischen Feuers?

Weshalb suchen sie nutzlos heim die verödeten Plätze?

Tun sie es etwa zur Übung des Arms und zur Stärkung der Muskeln?

Weshalb lassen sie Jupiters Keil in der Erde verrosten?

Weshalb duldet er's selbst und spart ihn nicht auf für die Feinde?

Endlich warum wirft Jupiter nie bei heiterem Himmel

Seinen Blitz auf die Erde und füllt die Lüfte mit Donner?

Steigt er vielleicht erst dann, wenn die Wolke sich unten gesammelt,

Selbst auf diese herab, um das Ziel aus der Nähe zu treffen?

Ferner wozu denn schießt er ins Meer? Was hat er zu klagen

Über die Wogen, das flüssige Naß und die schwimmenden Flächen?

Weiter: wollt' er bewirken, daß wir vor dem Blitze uns hüten,

Weshalb scheut er sich dann den Blitzstrahl sichtbar zu senden?

Will er dagegen uns ahnungslos mit dem Blitz überfallen,

Weshalb donnert er droben, entsendet Dunkel und Brausen

Und droht grollend voraus, so daß man zu fliehen imstand ist?

Und wie kannst du nur glauben, er sende nach mehreren Seiten

Seine Waffe zugleich? Wagst etwa du dies mir zu leugnen,

Daß gleichzeitig sich öfter ereignete mehrfacher Blitzschlag?

Nein, gar häufig geschah es und muß notwendig geschehen,

Daß zur nämlichen Zeit sich mehrere Blitze entladen,

Just wie der Regen auch fällt zugleich an verschiedenen Orten.[223]

Endlich warum zerschmettert der Gott mit dem feindlichen

Blitzstrahl Heilige Tempel der Götter, ja selbst die eigenen Sitze,

Und zerstört manch herrlich geformtes Bildnis der Götter,

Schändet sogar sein eigenes Bild mit grausamer Wunde?

Weshalb zielt er zumeist auf die Höhen und weshalb erblickt man

Grad auf den Gipfeln der Berge die häufigsten Spuren des Blitzes?[224]

Erklärung der Windhose

Übrigens ist es ein leichtes danach die Erscheinung zu deuten,

Die Windhose bei uns und Prester griechisch benannt wird,

Wie sie von oben herab in das Meer bisweilen sich senket.

Nämlich sie steigt oft herab wie eine vom Himmel zur Erde

Nieder sich senkende Säule und ringsum siedet der Gischt auf,

Während ein schwerer Orkan die Wogen des Meeres emporpeitscht.

Alle die Schiffe, die grade von diesem gewaltigen Aufruhr

Werden ergriffen, geraten in höchste Gefahr und Bedrängnis.

Dies ereignet sich dann, wenn des Windes Gewalt, die erregt wird,

Nicht vollständig die Wolke zerbrechen kann, sondern hinabdrückt,

Daß sie in Säulengestalt vom Himmel zur Erde hinabhängt,

Aber nur nach und nach, wie wenn man mit Armen und Fäusten

Etwas von oben her stößt und über die Wogen hin breitet.

Wenn sich die Wolke nun teilt, so stürzt sich der Wind mit Gewalt los

Auf das Gewoge und bringt es zu wundersamem Gebrodel.

Denn wenn der kreisende Wirbel sich senkt, so zieht er die Wolke,

Die mit elastischem Körper ihm folgt, mit sich selber hinunter.

Hat er sie dann, die vom Naß ist beschwert, auf die Fläche des Meeres

Niedergedrückt, so stürzt er im Nu sich ganz auf das Wasser

Und bringt alles darin mit gewaltigem Brausen zum Sieden.

Auch kommt's vor, daß der Wirbel sich selbst in die Wolken verwickelt,

Wenn aus der Luft er noch weiteren Stoff des Gewölkes heranholt:

Dann wird er gleich der vom Himmel herab sich ergießenden Trombe.

Hat er sich nun auf die Erde gesenkt und ist dort geborsten,

Speit er im Wirbelsturme die unermeßliche Kraft aus.

Doch er erscheint im ganzen nur selten bei uns auf dem Lande,

Wo ihn hemmt das Gebirg. Viel häufiger zeigt er im Meer sich,

Wo sich der Ausblick weitet und frei der Himmel sich ausdehnt.

Entstehung der Wolken

Wolken entstehn, wenn im Fluge sich rauhere Urelemente

Zahlreich plötzlich vereinen im oberen Himmelsbezirke,

Die zwar nur mit kleinen, sie hemmenden Haken versehen,

Aber dadurch doch imstand sind sich gegenseitig zu fassen.

Diese bewirken zuerst die Entstehung winziger Wölkchen,

Die sie dann wieder erfassen und untereinander verbinden.

Durch die Verbindung wachsen sie aus und treiben im Winde,

Bis sich daraus urplötzlich entlädt ein grausiges Wetter.

Auch kommt's vor, daß die Berge, je mehr die Gipfel dem Himmel

Nahe benachbart sind, um so mehr von dichtestem Brodem

Gelblichdunklen Gewölkes beständig umlagert sich zeigen.

Denn da die Wolken zuerst, bevor noch das Auge sie wahrnimmt,

Nur aus dünnem Gewebe bestehn, so trägt sie der Wind fort

Und verdichtet sie dann um die höchsten Gipfel der Berge.

Hier erst, wenn sich von ihnen ein größerer Haufen geballt hat,

Können sie durch die Verdichtung uns sichtbar werden. Zugleich auch

Scheinen sie grad von dem Gipfel des Bergs in den Äther zu steigen.

Denn der Wind beherrscht ja die Höhen. Dies lehrt uns die Sache

Selbst und unser Gefühl beim Besteigen der hohen Gebirge.

Übrigens hebt die Natur auch gewaltige Mengen des Stoffes

Rings aus dem Meere empor, wie ein aufgehängtes Gewandstück

An dem Strande beweist, das die salzige Feuchtigkeit anzieht.

Um so mehr muß der Dunst, der aus der Bewegung der Salzflut

Reichlich empor sich hebt, die Vermehrung der Wolken bewirken.

Sind ja doch sämtliche Arten von Feuchtigkeit innig verschwistert.

Ferner bemerken wir oft, wie aus sämtlichen Flüssen, ja grade

Auch aus der Erde heraus sich Nebel und Schwaden emporhebt,

Der wie ein Odem aus ihnen erpreßt und nach oben geführt wird.

Hier umzieht er den Himmel mit seiner Verfinstrung und liefert

So dem Gewölke Ersatz, sobald sich die Dünste vereinigt.

Auch von oben her drücken die Gluten der Tierkreissphäre

Und umziehendes Himmels Blau mit verdichteten Wolken.

Auch kommt's vor, daß von außen in unseren Himmel geraten

Jene Atome, die Wolken und fliegende Schwaden erzeugen.

Solche sind zahllos, wie ich gelehrt, und das All in der Tiefe

Dehnt ohn' Ende sich aus. Ich zeigte die riesige Schnelle,

Die sie im Fliegen entwickeln, und wie sie daher es gewohnt sind,

Unaussprechbare Räume in einem Moment zu durcheilen.[225]

Wunderbar ist's drum nicht, wenn oft in der kürzesten Zeit sich

Finsteres Wetter erhebt aus hochaufragenden Wolken

Und von oben her drohend die Länder bedeckt und die Meere.

Ist doch den Urelementen durch alle Kanäle des Äthers,

Wie durch Atemorgane des großen Weltengeschöpfes,

Offen nach allen Seiten der Eingang sowohl wie der Ausgang.[226]

Erklärung des Regens

Laß mich jetzt auch erklären, wie droben in Wolken des Regens

Nässe sich sammelt und dann sich als Guß auf die Erde hernieder

Senkt. Und zuerst will ich zeigen, daß Wasseratome in Mengen

Mit dem Gewölke zugleich aus sämtlichen Dingen sich heben,

Und daß beide sich dort gleichmäßig vermehren, die Wolken

Ebensowohl wie das Wasser, das in dem Gewölk ist enthalten:

Gradeso wie auch bei uns mit dem Blute zugleich sich der Körper

Mehrt und der Schweiß und alle verschiedenen Säfte der Glieder.

Auch aus dem Meer entnehmen sie oft viel Feuchtigkeit, wie es

Auch bei den wollenen Vließen geschieht, die am Strande man aufhängt,

Wenn die Winde die Wolken hin über den Ozean jagen.

Ähnlich erhebt sich die Feuchtigkeit auch aus sämtlichen Flüssen

Bis zum Gewölke empor. Sobald sich die Wasseratome

Viel und vielfach vereinen, von überallher sich vermehrend,

Dann entladen die Wolken, die voll sind von Wasser, den Regen

Um die Wette aus doppeltem Grund: teils preßt sie der Winddruck,

Teils drückt eigene Fülle der Wolken, sobald sich die Massen

Stärker geballt, auch von oben und bringt so den Regen zum Ausfluß.

Übrigens, selbst wenn der Wind die Wolken zerflattert und auflöst

Und auch die Sonne von oben die glühenden Strahlen versendet,

Rieselt aus ihnen noch Regen herab und tröpfelt, wie wenn man

Wachs auf glühendem Ofen zerschmelzt und die Masse herabtropft.

Aber ein heftiger Regen entsteht, wenn mit Heftigkeit beide

Kräfte vereint Druck üben, der Wind und die Pressung der Wolken.

Langandauernder Regen entsteht nur dann für gewöhnlich,

Wenn sich die Wasseratome in reichlicher Menge versammeln,

Wenn sich Gewölk auf Gewölk noch mit triefendem Nebel vereinigt

Und von jeglicher Seite dies allenthalben herannaht,

Wenn zudem auch die Erde die Feuchtigkeit ringsum empordampft.

Regenbogen

Wenn nun der Sonnenstrahl hier während des dunklen Gewitters

Grade entgegen erglänzt dem tropfenden Nebelgeriesel,

Dann entsteht in dem schwarzen Gewölk ein farbiger Bogen.

Wind, Schnee, Hagel, Reif, Frost

Alles, was sonst noch droben erwächst und droben erzeugt wird

Und was in Wolken zusammen sich schließt, kurz alles und alles:

Schnee, Wind, Hagel, der eisige Reif und des grimmigen Frostes

Übergewalt, die Erstarrung bringt den strömenden Wassern

Und zum Hemmschuh wird den weiterstrebenden Flüssen,

Wie dies alles nun wird und wodurch es entsteht, ist nicht schwierig

Aufzuspüren und geistig sich nahe zu bringen, sofern man

Nur die Bedeutung erfaßt, die den Urelementen verliehn ist.

Erdbeben

Nunmehr hör' auch den Grund, warum Erdbeben entstehen!

Stelle dir vor zum ersten, daß unten die Erde, wie oben,

Überall ist mit Höhlen durchsetzt, die von Winden durchweht sind,

Daß sie sodann auch Seen und zahlreiche Wasserbehälter

Heget in ihrem Schöße und Felsen und schroffes Geklippe;

Daß auch viele verborgene Ströme die Fluten und Steine

Unter dem Rücken der Erde mit Macht fortwälzen, ist glaublich.

Denn es versteht sich von selbst, daß die Erde sich überall gleich bleibt.

Legen wir also einmal dies, was man vermutet, zugrunde:

Dann bebt oben die Erde, sobald sie Erschütterung leidet

Durch der gewaltigen Höhlen vor Alter erfolgenden Einbruch.

Stürzen doch ganze Gebirge da ein, und der mächtige Einsturz

Pflanzt im Moment dann fort die Wellen des Bebens ins Weite.

So erklärt man mit Recht. Erbeben doch ganze Gebäude,

Wenn selbst leichtere Wagen die Straße erschütternd befahren.

Ja, sie hüpfen empor, wenn irgendein Block auf dem Fahrdamm

Hüben wie drüben erschüttert den eisenbeschlagenen Radkranz.

Ebenso kommt's auch vor, daß ein riesiger Klump von der Erde

Nieder sich wälzt vor Alter in große und weite Gewässer[227]

Und durch des Wassers Schwall auch die Erde in Schwanken versetzt wird

Wie ein gedrehtes Gefäß nicht feststeht, ehe das Naß drin

Aufhört hin und her sich in schaukelnder Flut zu bewegen.

Wenn sich zudem noch der Wind in den unterirdischen Höhlen

Sammelt und dort andrängend an einer der Seiten herausbricht,

Wo er mit aller Gewalt sich gegen die Wölbungen anstemmt,

Neigt sich die Erde dahin, wo des Windes Ungestüm hindrückt:

Und die Gebäude, die dorten erbaut sind über der Erde,

Neigen des Haltes beraubt sich auch nach der nämlichen Seite

Um so mehr, je höher hinauf sie himmelwärts streben,

Und ihr verzerrtes Gebälk hängt über und droht mit dem Einsturz.

Und da scheut man sich noch, an den Einsturz unseres Weltalls

Und sein einstiges Ende zu glauben, obwohl man doch sehn kann,

Wie in den Boden versinken so riesige Massen von Erde!

Legten die Winde sich nicht, dann könnte durch keine Gewalt sich

Unsere sinkende Welt vor dem drohenden Untergang retten;

Aber da wechselweise der Wind sich verstärkt und vermindert,

Bald gesammelt zum Vormarsch kommt, bald geschlagen zurückweicht,

So droht öfter die Erde aus diesem Grunde mit Einsturz,

Als dies wirklich geschieht. Sie neigt sich wohl, aber sie schnellt dann

Wieder zurück und bekommt den früheren Sitz durch die Schwerkraft.

Darum schwanken die Häuser auch alle, die höchsten am meisten,

Mittlere weniger, doch am allergeringsten die niedren.

Auch noch ein anderer Grund liegt vor beim heftigen Beben:

Nämlich ein Windstoß kann urplötzlich sich oder ein Luftzug

Werfen mit äußerster Kraft auf die Höhlungen unter der Erde,

Sei es daß er entstanden von außen her oder vom Innern

Unserer Erde. Da tobt er nun erst in den räumigen Höhlen

Lärmend und wirbelnd umher; sodann, wenn die Kraft sich erhitzt hat

Und sich in Lauf setzt, bricht er nach außen und spaltet zugleich auch

Bis in die Tiefe die Erde, so daß ein gewaltiger Riß klafft.

Solches begab sich dereinst im Syrerlande zu Sidon,

Auch in dem Peloponnes zu Aegium. Was für gewalt'ge

Städte zerstörte der Luftausbruch und der folgende Erdstoß!

Und so fiel auch sonst noch so manches Gemäuer auf Erden

Nieder bei mächtigen Beben, und zahlreiche Städte am Meere

Sanken mitsamt den Bewohnern hinab in die dunkele Tiefe.

Bricht nun die Luft nicht heraus, so verteilt sich doch innen des Windes

Stoß und wilde Gewalt durch die zahlreichen Löcher der Erde;[228]

Schauder und Zittern verbreitet er dann weit über die Fläche;

Gleichwie der Frost bis ins Mark uns dringt und die Glieder durchströmet,

Sie durchschüttelt und zwingt auch wider Willen zum Beben.

Also erfüllt die doppelte Angst die Bewohner der Städte:

Drohet von oben her Hauseinsturz, so befürchten sie, unten

Möchten urplötzlich die Höhlen der Erde von selber sich öffnen

Und die gespaltene Erde den Schlund aufsperren, um diesen

Bei dem gemeinsamen Sturz mit den eigenen Trümmern zu füllen.

Mag man soviel, wie man will, an die Unzerstörbarkeit glauben,

Die für Erde und Himmel auf ewige Zeit sei gesichert,

Dennoch drückt die Gefahr, die leibhaft ihre Gewalt zeigt,

Irgendwoher uns bisweilen den Stachel der Angst in 'die Seele,

Plötzlich könne die Erde uns unter den Füßen verschwinden

Und in den Abgrund stürzen, dann folge ihr hilflos das All nach,

Und so werde die Welt zum verworrenen Trümmergefilde.[229]

Warum läuft das Meer nicht über?

Erstlich wundert man sich, daß eine Vergrößrung des Meeres

Nie die Natur zuläßt, wohin doch gewaltige Mengen

Wassers strömen und überallher sich die Flüsse ergießen.

Nimm noch den Regen, der drüber hin zieht, und die fliegenden Wetter,

Welche das Land und das Meer ringsum berieseln und sprengen;

Nimm seine Quellen hinzu: dies alles gibt doch zusammen

Kaum ein einziges Tröpfchen Vermehrung der Größe des Meeres.

Wunderbar ist's drum nicht, daß das Meer sich niemals vergrößert.

Weiter entzieht ihm die Sonnenglut ein erhebliches Bruchteil.

Denn wir sehen ja doch, wie die Sonne mit glühenden Strahlen

Kleider, die triefen von Nässe, geschwind auftrocknet. Wir sehn auch,

Wie sich die zahlreichen Meere breit unter der Sonne erstrecken.

Mag demnach auch die Sonne an jeder einzigen Stelle

Nur ein einziges Teilchen vom Meeresspiegel entnehmen,

Raubt sie auf weitem Raum doch ein reichliches Teil den Gewässern.

Weiter können sodann auch die Winde ein tüchtiges Bruchteil

Wassers entnehmen, indem sie die Flächen durchfegen. Wir sehen,

Wie nicht selten die Winde die Straßen trocknen in einer

Einzigen Nacht und der kotige Schlamm zur Kruste erstarret.[229]

Weiterhin hab' ich gelehrt, daß viel von der Feuchtigkeit aufwärts

Steigt, was die Wolken entnehmen dem Riesenspiegel des Meeres

Und was diese sodann rings über den Erdkreis spritzen,

Wenn in den Ländern es gießt und Winde die Wolken begleiten.

Endlich ist ja die Erde ein ganz durchlöcherter Körper,

Der mit dem Meer in Verbindung steht und mit Küsten es kränzet,

So muß, wie aus dem Lande heraus das Wasser ins Meer läuft,

Dieses auch wieder zurück aus der Salzflut fließen zum Lande;

Denn so seiht sich das Naß durch den Sand, und der wäßrige Stoff fließt

Wieder zur Quelle der Flüsse. Da kommt denn alles zusammen

Und ergießt sich von da in munterem Lauf, wo die Welle

Einmal ihr Bett sich geschnitten und flüchtigen Fußes hinabhüpft.[230]

Das Ätnaproblem

Jetzt will ich auch noch erklären, aus welcher Ursache manchmal

In so gewaltigem Wirbel der Ätna die Flammen herausspeit.

Ja, nicht gering war die Not, als das Flammengewitter hereinbrach

Über Siziliens Flur, um dort als Herrscher zu schalten.

Auch den benachbarten Völkern entging nicht das grausige Schauspiel,

Als sie den Rauch und die Funken das ganze Himmelsgewölbe

Sahen umziehn. Da erfüllte ihr Herz die bängliche Sorge,

Was für ein neues Werk die Natur jetzt führe im Schilde.

Solches Ereignis erheischt tiefdringende Forschung und Umsicht:

Weit muß unsere Schau sich nach allen Richtungen wenden,

Daß man auch nimmer vergesse, in welche Tiefe das All reicht

Und welch winzigen Teil von dem Weltall bilde der eine

Himmelsraum, der ja kaum ein Tausendstel ist von dem Ganzen,

Ja, nicht einmal soviel wie der einzelne Mensch von der Erde.

Hast du dir dies vor Augen gestellt und völlig begriffen,

Dann erst wirst du nicht weiter dich über so vieles verwundern.

Wundert sich denn noch jemand von uns, wenn einen das Fieber

Packt und glühender Brand sich durch unsere Glieder verbreitet,

Oder wenn irgendein anderer Schmerz im Körper uns peinigt?

Da schwillt plötzlich der Fuß, da quält oft heftiger Zahnschmerz,

Oder die Augen sogar ergreift das Übel; zuweilen

Breitet das »heilige Feuer« sich aus, das weiter und weiter

Schleichend im Körper die Glieder verbrennt, wo immer es hinkriecht.

Das ist kein Wunder. Es gibt ja so vielerlei Keime der Dinge,[230]

Und mit dem Unheilsamen ist Himmel und Erde geschwängert,

Draus unermeßliche Krankheitsbrut sich vermag zu entwickeln.

Also muß man auch glauben, daß aus dem Unendlichen quellen

Alle die Stoffe, die reichlich für Himmel und Erde genügen,

Um ein plötzliches Beben auf unserer Erde zu wecken,

Rasenden Wirbelsturm auf dem Land und dem Meer zu entfesseln,

Ätnas Feuerströme und Himmelsglut zu entflammen.

Denn auch dies tritt ein: es erglühen die himmlischen Räume,

Und der Gewitterregen ergießt sich in größerer Fülle,

Wenn die Wasseratome just so zusammen sich fanden.

»Aber«, so wirfst du mir ein, »zu groß ist die wirbelnde Lohe.«

Freilich, ein Fluß scheint dem, der niemals größre gesehen,

Wenn er der größte ihm schien, und ebenso Menschen und Bäume

Und sonst all dergleichen, was jedem am größten erschienen,

Das scheint alles ihm riesengroß nach seinen Begriffen:

Trotzdem ist dies alles mit Himmel und Erde und Wasser

Nichts fürwahr im Vergleich zur gesamten Masse des Weltalls.

Doch nun will ich dir endlich die Art erklären, – wie plötzlich

Aus den gewaltigen Essen des Ätna Flamme herausschießt.

Erstens sind tief in dem Berge natürliche Höhlen verborgen,

Und er stützt sich fast ganz auf felsige Grottengewölbe.

Ferner sind Luft und Wind in allen Gewölben vorhanden;

Denn es entsteht ja der Wind, wenn die Luft erregt und bewegt wird.

Kommt nun der Wind in Glut und erhitzt durch sein wütendes Sausen

Alles Gestein, das er trifft, ringsum und die Erde und schlägt dann

Glühendes Feuer aus ihnen hervor mit rasender Flamme,

Dann fährt stracks er empor und sprüht aus dem Schlund in die Höhe.

So trägt weithin die Gluten der Wind, weit streut er die Asche,

Wälzt auch Wolken von Rauch, der dichtestes Dunkel verbreitet.

Und wirft Steine empor von erstaunlich schwerem Gewichte.

Das ist (wer zweifelt daran?) die Macht des entfesselten Sturmwinds.

Weiter umspület das Meer auf größeren Strecken die Wurzeln

Unseres Bergs, wo die Woge sich bricht und die Brandung zurückströmt

Unterirdische Höhlen erstrecken vom Meere sich aufwärts

Bis zu den Schlünden des Gipfels. Durch diese Höhlungen fährt wohl,

Wie man gestehn muß, [öfter ein Wind mit dem Wasser vereint her];

Denn die Erfahrung lehrt, daß vom offenen Meere er eindringt,

Alles nach außen hin speit und die Flamme zum Himmel emportreibt:

Steine fliegen empor und es heben sich Wolken von Sand hoch.[231]

Denn auf dem Gipfel des Berges befinden sich Krater. So nennt man

Dort, was man sonst wohl als Schlünde und Mündungen pflegt zu bezeichnen.[232]

Eine Erklärung reicht nicht immer aus

Auch noch bei anderen Dingen genügt nicht die eine Erklärung,

Wo es noch mehrere gibt, von denen doch eine muß wahr sein.

Siehst du zum Beispiel selber den Leichnam eines Gestorbnen

Aus der Ferne wo liegen, so wird von den Gründen des Todes

Meist nur ein einz'ger genannt; doch sollte man sämtlich sie nennen;

Denn du kannst nicht beweisen, durch Schwerthieb oder durch Kälte

Oder durch Krankheit und Gift sei jener des Todes verblichen;

Und doch wissen wir sicher, daß irgend etwas von der Art

Jenen betroffen muß haben. So müssen wir oft uns bescheiden.

Das Nilproblem

Dies gilt auch für den Nil, Ägyptens Fluß, den auf Erden

Einzigen Strom, der im Sommer sich hebt und über die Felder

Tretend gewöhnlich das Land in der brennendsten Hitze bewässert,

Weil entweder im Sommer die Winde des Nordens die Mündung

Stauen, zumal just dann, wie es heißt, die Etesien wehen.

Diese blasen der Strömung entgegen und hemmen den Ausfluß,

Füllen mit Wasser den oberen Lauf und halten es fest dort.

Denn unzweifelhaft weht der Passatwind gegen die Strömung,

Da er von Norden herbraust von den eisigen Sternen des Poles,

Während der Strom von Süden her kommt aus der glühenden Zone,

Wo inmitten der Menschen mit schwarzverbrannten Gesichtern

Grad' in dem Mittagsland der Urquell sprudelt des Stromes.

Oder es ist auch möglich, daß mächtige Sandanhäufung,

Die das vom Winde getriebene Meer nach innen zu anschwemmt

Seine Mündung versperrt und gegen die Strömung sich anstemmt.

Hierdurch wird das Gewässer gehemmt und an dem freieren Ausfluß

Und das rege Gefälle der Flut natürlich verlangsamt.

Möglicherweise ereignen sich auch im Quellengebiete

Regengüsse zur Zeit, wo vom Norden herab die Passate

Wehen und alles Gewölk nach der südlichen Richtung hin treiben.

Wenn dies nämlich zuhaut nach der Mittagzone getrieben[232]

Dort sich allmählich sammelt und endlich an hohe Gebirge

Anstößt, ballen die Wolken und pressen sich heftig zusammen.

Auch die hohen Gebirge Äthiopiens ließen vielleicht ihn

Wachsen, wo schimmernden Schnee die alles erleuchtende Sonne

Zwingt mit schmelzendem Strahl auf die Felder hinunter zu rieseln.[233]

Das Avernusproblem

Jetzt nun will ich dir auch die Avernischen Örter und Seen,

Die es da gibt in der Welt, nach ihrem Wesen erklären.

Erstlich den Namen. ›Avernisch‹ macht ihre Beschaffenheit deutlich;

Denn sie bringen Gefahr dem gesamten Geschlechte der Vögel.

Wenn sie sich nämlich beim Flug grad' über den Stellen befinden,

Lassen der Fittiche Segel sie sinken, vergessen des Ruderns

Und kopfüber, erschlafft, mit kraftlos hängendem Nacken

Stürzen sie nieder zur Erde, wenn grade die Stelle derart ist,

Oder ins Wasser, wenn unten vielleicht der Avernische See liegt.

Solch ein Ort ist bei Cumae. Dort gibt's mit vergiftendem Schwefel

Reich gefülltes Gestein, dem rauchende Quellen entspringen.

Auch in den Mauern Athens auf dem höchsten Gipfel der Burg ist

Solch ein Ort bei dem Tempel der hohen Minerva Tritonis.

Dorthin lenken der Fittiche Flug die heiseren Krähen

Nie, selbst wenn der Altar mit duftenden Opfern gefüllt ist.

So sehr flieht dies Tier nicht etwa den Groll der Minerva,

Weil es zur Unzeit wachte, wie griechische Dichter gesungen,

Vielmehr reicht zur Erklärung allein die Bodennatur aus.

Auch in Syrien soll, wie man sagt, ein Ort sich befinden,

Wo vierfüßige Tiere beim ersten Schritt in die Höhle

Gleich durch der Dünste Gewalt aufschlagend stürzen zu Boden,

Wie wenn zum Opfer sie fielen den unterirdischen Göttern.

Aber es spielt dies alles sich ab auf natürliche Weise,

Und die Grundursachen, warum es geschieht, sind uns kenntlich.

Drum soll niemand vermeinen, in diesen Gegenden wäre

Etwa die Pforte zum Orkus, und unterirdische Götter

Schleppten von hier an des Acheron Strand die Seelen der Toten,

Wie man erzählt von den Hirschen, den Flügelfüßern, sie zogen

Manchmal kriechend Getier mit dem Hauche der Nüstern aus Höhlen.

Doch wie weit sich der Glaube vom Wege der Wahrheit entfernt hat,

Höre nun jetzt; denn ich will dir die Sache nun selber erklären.[233]

Erstens behaupt' ich, was oft ich auch früher schon habe behauptet,

Daß in der Erde Atome von allerlei Arten sich finden.

Viele sind Nahrungsstoffe und lebenerhaltend, doch viele

Bringen auch Krankheit hervor und beschleunigen unsre Vernichtung.

Einige sind nun diesen und andere andren Geschöpfen

Dienlich zur Lebensfristung, wie wir dies früher schon zeigten,

Wegen der Ungleichheit der Natur und der ersten Gestaltung

Jener Atome und ihrer Verknüpfung untereinander.

Vieles uns Widrige dringt in das Ohr, viel Feindliches schleicht sich

Just durch die Nase herein und wirkt rauh bei der Berührung;

Auch nicht weniges ist für den Tastsinn besser zu meiden,

Wie für die Augen zu fliehn, und abscheulich ist manches zum Schmecken.

Weiter noch kann man bemerken, wie vielerlei oft auf den Menschen

Widrigsten Eindruck macht, ihm Ekel erregt und ihm schadet.

So sagt einzelnen Bäumen man nach, ihr Schatten sei schädlich,

Also daß er nicht selten den Menschen, die unten im Grase

Hin sich strecken und lagern, erzeuge ein heftiges Kopfweh.

Auch auf dem hohen Gebirge des Helikon blühet ein Giftbaum,

Der durch den widrigen Blütengeruch dem Menschen den Tod bringt.

All das steigt deshalb aus dem Boden empor, weil die Erde

Viele Atome enthält von vielerlei Dingen, die vielfach

Sind miteinander vermischt, doch gesondert kommen zum Vorschein.

Wenn schon der üble Geruch der nächtlichen Lampe, die eben

Aus ist gelöscht, die Nase beleidigt, so bringt sie sofort den,

Der an der Fallsucht leidet und schäumt aus dem Munde, zum Schlafen.

Schläfernd wirkt auch der scharfe Geruch der Geilen des Bibers

Auf ein Weib zu der Zeit, wo die Monatsregel sich einstellt,

Und aus der zierlichen Hand entfällt ihr die prächtige Arbeit.

Auch viel anderes gibt's, was die Glieder erschlafft im Gelenke

Und die menschliche Seele im Innersten bringet zum Wanken.

Endlich, verweilest du länger mit vollem Magen im Schwitzraum,

Nimmst auch ein Bad sodann im Becken des hitzenden Wassers,

Dann kann leicht es mitunter geschehn, daß du mittendrin umsinkst.

Gar leicht steigt auch der Kohlendunst mit betäubender Wirkung

Uns zum Hirn, wenn vorher man nicht erst hat Wasser getrunken.

Wen gar gliederbeherrschend ein feuriges Fieber ergriffen,

Den schlägt Weindunst nieder, als träfe ein tödlicher Schlag ihn.

Siehst du nicht auch, wie im Erdreich selbst der Schwefel sich bildet

Und sich mit eklem Geruche das Erdpech klumpet zusammen?[234]

Welch abscheulicher Dunst entströmt Scaptensulas Boden,

Wo man so gierig erschürft die Adern des Goldes und Silbers

Und das Verborgne der Erde durchwühlt mit eisernem Werkzeug!

Oder was dringt für giftige Luft aus den Goldbergwerken,

Wie entstellt sie des Menschen Gesicht, wie bleicht sie die Farbe!

Siehst du und hörst du nicht auch, in wie kurzer Zeit sie zu sterben

Pflegen und wie ihnen bald die Lebenskräfte entschwinden,

Wenn sie zu solcher Fronde des Lebens gewaltige Not zwingt?

Alle derartigen Dämpfe entwickelt also die Erde,

Die sie hinaus in das Weite verdampft und den offenen Himmel.

So muß auch der Avernische See Giftdämpfe entsenden,

Welche die Vögel ersticken. Sie steigen empor von der Erde

In die Luft und vergiften zum Teil die Räume des Himmels.

Trägt nun der Fittich den Vogel in solche Bezirke, so faßt ihn

Unversehens der giftige Hauch und verhindert sein Fliegen.

So fällt stracks er hinunter, wohin sich der Schwaden erstrecket.

Stürzt er nun dort zusammen, so nimmt der nämliche Dunst ihm

Auch noch das Restchen vom Leben, das blieb, aus sämtlichen Gliedern.

Anfangs nämlich erregt ihm der Gifthauch gleichsam nur Schwindel,

Ist er jedoch erst hinab in der Stickluft Quelle gefallen,

Wird er gezwungen daselbst auch das Leben selber zu lassen,

Weil ihn rings ein gewaltiges Meer von Unheil umbrandet.

Auch kommt's vor, daß bisweilen die Kraft des Avernischen Dunstes

Alle Luft aus dem Räume vertreibt, der sich zwischen dem Vogel

Und der Erde befindet, so daß er schon nahezu leer wird.

Kommt nun ein Vogel gerade auf diese Stelle geflogen,

Dann erlahmt ihm sofort der Fittiche Schlag, er wird fruchtlos;

Beiderseits versagen die Flügel sich völlig dem Dienste.

Da sie nun hier sich nicht halten und sich auf die Flügel nicht stützen

Können, so zwingt sie natürlich die Schwere zur Erde zu fallen.

Und so liegen sie denn in dem nahezu völligen Leeren,

Wo sie die Seele verhauchen durch alle Kanäle des Körpers.[235]

Warum ist Brunnenwasser im Sommer kälter?

Ferner zur Sommerzeit wird kälter das Wasser der Brunnen,

Weil durch die Hitze die Erde sich lockert und Wärmeatome,[235]

Die sie etwa besitzt, an die Luft auf das schleunigste abgibt.

Also je stärker der Boden infolge der Hitze geschwächt wird,

Kühlt auch das Wasser sich ab, das sich birgt im Innern der Erde.

Wird sie dagegen vom Prost dann wieder zusammengeschoben

Und wächst gleichsam zusammen, so drückt sie natürlich die Wärme,

Die sie noch selber besitzt, zurück in die Schächte der Brunnen.[236]

Die Wunderquelle der Oase Amman

Nahe beim Ammontempel befindet ein Quell sich, so heißt es,

Der bei Tage als kalt, bei nächtlicher Weile als heiß gilt.

In der Quelle erblicken die Leute ein sonderlich Wunder,

Weil die glühende Sonne die Erde von unten erhitze,

Wenn teilweise von Nacht sie und schrecklichem Dunkel umhüllt ist.

Doch das hält sich zu weit entfernt von der wahren Erklärung.

Denn wenn die Sonne berührt den nackten Körper der Quelle

Und doch von oben her wirkend sie nicht zu erwärmen imstand ist,

Während ihr oberes Licht doch sonst so gewaltige Glut zeigt,

Wie vermöchte sie dann durch den dicken Körper der Erde

Jenes Wasser zu kochen und heißen Dampf zu entwickeln,

Da sie zumal nur mit Mühe vermag durch die Mauern des Hauses

Ihrer Strahlen erhitzenden Brand hindurch zu befördern!

Was ist also der Grund? Die Erde hat dort ohne Zweifel

Um die Quelle herum mehr lockere Räume als sonstwo,

Und viel Feueratome sind neben dem Wasser gelagert.

Wenn nun die Nacht auf die Erde mit tauigen Wogen herabsinkt,

Dann wird plötzlich der Boden gekühlt und zieht sich zusammen.

Hierdurch kommt's, daß er, grade als drückte man ihn mit der Hand aus,

Sämtlichen Feuerstoff, den er hat, in die Quelle hineinpreßt,

Der dann den Dampf und die Wärme erzeugt, die man fühlt beim Berühren.

Dann, wenn die Sonne erwacht und ihr Strahl die Erde zerspaltet

Und sie porös macht, weil nun die Glut der Hitze sie bindet,

Kehren die Feueratome zurück an die früheren Sitze,

Und in die Erde entweicht die sämtliche Wärme des Wassers.

So wird im Lichte des Tages der Quell jetzt wieder erkalten.

Auch versetzen das Naß noch die Strahlen der Sonne in Wallung,

Und mit dem steigenden Lichte verdünnt es der flimmernde Gluthauch.

So kommt's denn, daß das Wasser die sämtlichen Feueratome[236]

Ausstößt, wie es ja öfter den Frost, den es in sich gebunden,

Losläßt, wenn es das Eis auflöst und die Bande zersprenget.[237]

Die feurige Quelle (bei Dodona).
Die Süßquelle bei Arados (an der Phönizischen Küste)

Eiskalt ist auch ein anderer Quell, doch schleudert man Werg drauf,

Fängt es sofort dort Feuer, und lodernd erhebt sich die Flamme.

Ähnlich entzünden sich Fackeln und leuchten wohl über die Flut hin,

Wo sie auch immer hinschwimmen vom Windstoß weitergetrieben.

Nämlich im Wasser schon gibt's sehr viele Atome des Feuers,

Und aus der Tiefe des Erdreichs selbst muß feuriger Keimstoff

Selbstverständlich erstehen, die ganze Quelle durchdringen

Und zugleich sich nach außen hindurch in die Lüfte entladen.

Freilich das reicht noch nicht hin, um den Brunnquell selbst zu erhitzen.

Deshalb muß sich der feurige Stoff, der im Wasser zerstreut ist,

Plötzlich nach außen entladen und über der Quelle sich sammeln,

Der Art ist auch im Meere die Aradosquelle; sie sprudelt

Süßes Wasser empor und vertreibt die umgebende Salzflut.

Auch noch an anderen Orten gewährt dem verdurstenden Seemann

Gar nicht selten das Meer solch hochwillkommenen Nutzen,

Weil es inmitten der salzigen Flut Süßwasser emporspeit.

So kann also der Feuerstoff durch die Quelle nach außen

Sprudeln und dort in das Werg eindringen; sobald er darin sich

Sammelt oder vielleicht an den Körper der Fackel sich anhängt,

Lodern sie leicht urplötzlich empor; denn beide verwahren,

Werg wie Fackel, in sich die verborgenen Feueratome.

Siehst du nicht auch, wie ein eben erloschener flächserner Lichtdocht,

Den du dem Nachtlicht näherst, noch eh' er die Flammen berühret,

Rasch sich entzündet? Dasselbe ereignet sich auch bei der Fackel.

Außerdem erglimmen noch vielerlei Dinge von ferne,

Wenn sie die Hitze berührt, noch ehe das Feuer sie anfaßt;

Also muß es sich auch bei jener Quelle verhalten.

Magnetismus

Schließlich will ich doch auch das Gesetz der Natur hier erörtern,

Welches sich wirksam erweist in dem eisenanziehenden Steine,

Den man Magneten benennt mit seinem griechischen Namen,

Weil als sein Fundort gilt das Heimatland der Magneten.

Seltsam scheint dem Menschen der Stein. Da hängt sich bisweilen

Ring an Ring an ihn an und reihet sich also zur Kette.

Kann man doch oft fünf Ringe, ja mehr noch untereinander

Hängend erblicken, die leise im Spiele der Winde sich schaukeln,

Wo sich der eine wie klebend von unten dem anderen anhängt

Und wo jeder vom ändern des Steines bindende Kraft lernt;

So durchdringend erweist sich dabei sein magnetischer Kraftstrom.

Bei derartigen Fragen ist vieles vorher zu bestimmen,

Eh' es gelingt auf den Grund der Erscheinungen selber zu kommen;

Längerer Umweg läßt sich auf keinerlei Weise vermeiden.

Um so aufmerksamer muß Ohr und Verständnis mir folgen.

Vorbemerkungen. 1. Beständiger Atomenstrom

Erstlich: es muß notwendig aus allem, was irgend wir sehen,

Ständig ein Strom von Atomen erfließen und weiter sich breiten,

Die in die Augen uns dringen und unseren Sehnerv reizen;

Unaufhörlich entströmen gewissen Stoffen Gerüche,

Wie von den Flüssen die Kühle, die Glut von der Sonne, die Brandung

Sprüht von den Wogen des Meers, das Gemäuer der Küste zerfressend;

Unaufhörlich durchfliegen verschiedene Töne die Lüfte;

Oft auch dringt in den Mund, sobald in der Nähe des Meeres

Wir uns ergehn, der salzige Gischt, und wenn man nur zusieht,

Wie man den Wermut löset zum Mischtrank, schmeckt man das Bittre.

So fließt allenthalben aus allerhand Stoffen der Stoffe

Ständiger Strom und verteilt sich sodann nach jeglicher Seite.

Nirgends gibt es da Ruhe noch Rast im beständigen Flusse.

Denn stets wach ist ja unser Gefühl, und wir können beständig

Alles erblicken und riechen und alle Geräusche vernehmen.

2. Porentheorie

Nun muß ich wieder erinnern, was auch in dem ersten Gesänge

Klar wird gestellt, wie jeglicher Stoff durchlässig gebaut ist.

Dies zu wissen ist zwar zu vielen Dingen wohl nütze,

Aber es muß vor allem für jene Erscheinung besonders,

Die ich behandeln nun will, der Satz notwendig gewiß sein,

Daß es nichts Faßbares gibt als mit Leerem gemischte Atome.

Erstens: es schwitzen bisweilen die Felsengrotten das Naß aus,

Das von oben her trieft und in sickernden Tropfen herabfließt.

Auch aus unserem Körper fließt überall reichlicher Schweiß ab.

Sprießt nicht der Bart und die Haare auf allen Gelenken und Gliedern

Und verteilt sich die Speise nicht überallhin durch die Adern,

Nährt und mehrt auch das äußerste Glied bis zum winzigsten Nagel?

Ebenso fühlen wir auch, wie durch Erz die Kälte und Wärme

Durchdringt, fühlen sie auch durch Gold- und Silbergefäße

Dringen, so oft mit der Hand wir die vollen Pokale ergreifen.

Endlich: es fliegt der Ton durch die steinernen Wände der Häuser;

Sie durchströmen Gerüche und Kälte und Hitze des Feuers,

Die sogar durch die Masse des Eisens zu dringen gewohnt ist.

Endlich [drängen Atome auch unsichtbar sich von außen]

Da, wo der Panzer des Himmels den Erdball ringsherum bindet,

[Ein und bringen Gebresten dem Tier- und Menschengeschlechte.]

Und der Krankheitskeim, sobald er von außerher eindringt,

Und die Witterungswechsel, die hier wie im Himmel entstehen,

Üben ihr Recht auf den Himmelsraum und entlegene Länder.

Denn nichts gibt's in der Welt, was nicht durchlässig geknüpft ist.

3. Verschiedene Wirkung der Elemente

Dazu kommt noch hinzu, daß nicht alle die Urelemente,

Die von den Dingen sich sondern, dieselbe Empfindung erwecken

Und nicht in gleicher Weise mit jeglichem Ding sich vertragen.

Erstens die Sonne: sie dörrt und vertrocknet den Boden der Erde,

Aber sie löst auch das Eis, und ihr Gluthauch bringt zum Zerschmelzen

Hochgeschichtete Massen von Schnee auf den Höhen der Berge,

Wie ja auch Wachs zerschmilzt, das in Sonnenhitze gelegt wird.

Ähnlich verflüssigt das Feuer zwar Erz und löset das Gold auf,

Aber das Fleisch und das Leder wird hart in der Flamme und runzlig.[239]

Eisen, das man vom Feuer ins Wasser geworfen, erhärtet;

Weich im Wasser jedoch wird getrocknetes Leder und Dörrfleisch.

Ölbaumlaub ist ein herrlicher Fraß für die bärtigen Ziegen,

Wie wenn daraus ein Saft von Ambrosia flösse und Nektar;

Und doch gibt es kein Laub, was dem Menschen bitterer schmeckte.

Endlich das Majoranöl ist dem Schweine zuwider; es scheut auch

Jeglichen Salbengeruch. Denn dem borstigen Tiere ist all dies

Heftiges Gift, was so oft uns fast zur Erquickung gereichet.

Aber für uns ist nun wieder der Kot der scheußlichste Unrat,

Während den Schweinen so sehr er behagt, daß sie gerade darinnen,

Ohne es satt zu werden, mit ganzem Körper sich wälzen.[240]

4. Verschiedenheit der Leitungsbahnen

Auch noch folgender Punkt bleibt vorher mir zu erörtern,

Eh' ich zum Gegenstand selbst beginne das Wort zu ergreifen.

Da die verschiedenen Dinge mit zahlreichen Poren versehn sind,

Müssen sie auch voneinander verschiedne Beschaffenheit zeigen.

Jedes muß eigene Art und besondere Wege besitzen.

Denn die lebenden Wesen entwickeln verschiedene Sinne,

Deren jeder sein eigenes Reich der Empfindung beansprucht.

Denn wir sehen die Töne zu andrem Organe geleitet

Als den Geschmack der Säfte und als die Gerüche der Küche.

Manches zudem scheint grade durch Steine den Weg sich zu bahnen,

Andres durch Holz, ein drittes durch Gold sich hindurchzubewegen,

Wieder ein andres durch Silber und Glas nach außen zu dringen;

Denn hier strömen die Bilder, auf anderem Wege die Wärme,

Und auf dem nämlichen wird dies rascher als jenes befördert.

Dazu zwingen natürlich die ganz verschiedenen Wege,

Deren Natur, wie wir eben gezeigt, gar mannigfach abweicht,

Wegen der Ungleichheit der Stoffe und ihres Gefüges.

Erklärung des Magnetismus

Haben wir nun dies alles bestätigt und sicher befestigt

Und dies feste Gedankengerüst zum voraus errichtet,

Läßt sich daraus zum Schluß die Erklärung leichtlich entnehmen,

Und so ergibt sich der Grund, der das Eisen lockt zum Magneten.[240]

Erstens müssen dem Stein gar viele Atome entfahren

Oder ein Strom, der die Luft durch seine Stöße vertreibet,

Welche sich zwischen dem Stein und dem Eisen etwa befindet.

Wird nun der Raum entleert und entsteht in der Mitte ein leeres

Zwischenfeld, dann fallen sofort auch die Eisenatome

Alle zusammen kopfüber gestürzt in das Leere; es folgt auch

Ihnen der Ring selbst nach, der mit ganzem Körper sich anschließt.

Denn kein einziges Ding ist versehen mit Urelementen,

Die aneinander so enge verknüpft und verwickelt sich heften,

Wie die Stärke des Eisens und seine frostige Starrheit.

Drum ist's wahrlich kein Wunder (das [manchen], heißt es, [beängstigt]),

Wenn von den Eisenatomen nicht viele ins Leere sich stürzen

Können, ohne daß gleich auch der Ring selbst ihnen sich anschließt.

Denn dies tut er gewiß; und er folgt, bis zuletzt den Magnetstein

Selbst er erreicht und an ihn mit verborgenen Banden sich anhängt.

Dies vollzieht gleichmäßig nach jeglicher Richtung sich, wo nur

Irgend ein Leeres entsteht; mag's drüber sein oder daneben,

Augenblicklich entwandern die Nachbaratome ins Leere.

Denn sie erhalten die Stöße von außen her; nimmer vermögen

Eigenem Triebe gehorchend sie selbst in die Höhe zu klimmen.

Dazu kommt noch ein Grund (für die Möglichkeit dieser Erscheinung

Dient auch dies zum Beweis und für die Verstärkung des Zuges):

Nämlich je dünner die Luft vor dem Ring allmählich geworden,

Um so mehr wird der Zwischenraum verdünnt und entleeret.

Also kommt's, daß die Luft, die hinter dem Ringe gestanden,

Jetzt vom Rücken her gleichsam ihn vorwärts schiebet und vortreibt.

Denn die umlagernde Luft schlägt wie mit der Peitsche die Dinge.

Aber in solchem Falle bewegt sich das Eisen nach vorwärts,

Weil auf der einen Seite die gähnende Leere es aufschnappt.

Wenn nun die Luft, wie erwähnt, durch die zahlreichen Poren des Eisens

Auf das feinste verteilt, zu den winzigsten Fäserchen vordringt,

Treibt sie das Eisen voran wie der Wind das segelnde Fahrzeug.

Endlich, ein jegliches Ding enthält notwendigerweise

Luft im Körper, da alles als lockerer Körper gebaut ist,

Und Luft sämtliche Dinge von allen Seiten umlagert.

Diese verborgene Luft, die im Innern des Eisens versteckt ist.

Wird bei ihrer Erregung nach allen Seiten geworfen[241]

Und regt so unzweifelhaft auch von innen den Ring an,

Der natürlich sich dahin bewegt, wohin er schon einmal

Stürzte und wo er versuchte vom Leeren Besitz zu ergreifen.[242]

Besondere magnetische Phänomene

Auch kommt's vor, daß das Eisenmetall zuweilen zurückweicht

Vor dem Magnet und im Wechselspiel ihn meidet und aufsucht.

Hüpfen sah ich sogar samothrakische eiserne Ringe,

Sah auch Eisenfeilicht in ehernem Becken wie rasend

Tanzen, sobald der magnetische Stein darunter gebracht ward;

So sehr hat es den Trieb vor dem Steine zurück sich zu ziehen.

Daß nun ein solches Getümmel entsteht, wenn das Erz sich dazwischen

Schiebt, kommt einfach daher, daß der Strom der Atome vom Erze

Vorher die offenen Poren des Eisens alle besetzt hat,

Während der Strom vom Magneten, der später ist, alles im Eisen

Längst schon besetzt und verrammelt erblickt den bisherigen Durchlaß.

So muß jetzt der Magnet das Eisengefüge bekämpfen

Und mit dem eigenen Strom es verscheuchen; so stößt er es von sich,

Peitscht durchs Erz es nur auf, was er ohne das Erz wohl verschluckte.

Hierbei darf dich nicht sehr in Verwunderung setzen der Umstand,

Daß der magnetische Strom nicht auf andere Stoffe kann wirken.

Ein Teil trotzt wie das Gold auf die eigene Schwere vertrauend,

Andere lassen den Strom, weil ihr Körper so locker gebaut ist,

Unberührt durchfliegen und kommen so nie in Erregung;

So liegt also des Eisens Natur in der Mitte von beiden.

Nimmt es gewisse Atome von Erz in sich auf, so geschieht es,

Daß hierdurch der magnetische Strom zeitweilig gehemmt wird.

Doch steht diese Erscheinung nicht also ferne von ändern,

Daß es an reichlichem Stoff mir fehlte, die Dinge zu nennen,

Die durch der Seltenheit Band miteinander innig verknüpft sind.

Erstens siehst du, wie Steine durch Kalk nur wachsen zusammen,

Hölzer verbindet allein so fest miteinander der Stierleim,

Daß weit eher die Fasern bei Bruch des Getäfels zerspringen,

Als auseinander klaffte das Fach, das zusammengeleimt ist.

Rebengeborenes Naß kannst dreist du mit Wasser der Quelle[242]

Mischen, was schweres Pech und leichteres Öl nicht gestattet.

Farbe der Purpurschnecke vereinigt sich so mit der Wolle,

Daß sie als Einheit erscheinen und nie voneinander sich scheiden,

Nie, selbst wenn du dich mühtest mit Wasser des Meers sie zu bleichen

Oder des Ozeans sämtliche Flut sie zu spülen versuchte.

Bindet man Gold nicht mit Gold allein durch ein einziges Schlaglot?

Wird nicht das Erz mit dem Erze vermählt durch weißliches Weichlot?

Wieviel Ähnliches ließe sich sonst noch finden! Wozu doch?

Weder bedarf es bei dir so weitumschweifender Rede

Noch ist mir es geziemend viel Mühe hierauf zu verschwenden.

Nein, es ist besser in Kürze mit wenigem viel zu umspannen.

Wenn das Gefüge von Dingen sich so ineinander gepaßt hat,

Daß sich einander das Hohle bei diesem, das Volle bei jenem

Wechselseitig entspricht, dann gibt es die beste Verbindung.

Ebenso ist es auch möglich, daß manche wie Ringe und Haken

Fest ineinander greifen und so sich verkettet erhalten.

Dies muß mehr, wie es scheint, beim Magnet und dem Eisen der Fall sein.[243]

Entstehung der Seuchen

Jetzt nun will ich zum Schluß von der Krankheit Ursachen reden

Und dir erklären, woher so plötzlich die Krankheitskeime

Kommen, die Tod und Vernichtung dem Tier- und Menschengeschlechte

Bringen. Zuerst, wie ich oben gelehrt, gibt's viele Atome,

Die uns zu gelten haben als lebenerhaltende Keime;

Aber es schwirren auch viele umher, die Tod und Erkrankung

Schaffen. Sobald nun diese der Zufall rottet zusammen

Und sie den Himmel verpesten, entsteht ein krankhafter Lufthauch.

All dies Krankheitsheer und alle diese Verpestung

Stammt entweder von außen, wie Wolken und Nebel von oben

Über den Himmel hin ziehn, teils steigt sie auch grad aus der Erde

Auf, wenn der Boden durchnäßt von unaufhörlichem Regen,

Dann von der Sonne durchglüht zum Fäulnisherd sich entwickelt.

Siehst du nicht auch, wie auf Fremde, von Haus und Heimat Verschlagne,

Die hier zu uns kommen, die Ungewohnheit des Klimas

Wie auch des Wassers wirkt, die so große Verschiedenheit zeigen?

Was für ein Unterschied muß zwischen Britanniens Klima

Und dem ägyptischen sein, wo die Achse der Welt sich so tief neigt,[243]

Welch ein Abstand ferner vom Pontusreich bis nach Gades

Und zu dem Menschengeschlecht mit den schwarzverbrannten Gesichtern!

Vier verschiedene Teile der Welt sind so voneinander

Nach den vier Hauptwinden und Himmelsstrichen geschieden.

Ebenso weit sind die Menschen getrennt durch Farbe und Aussehn,

Wie auch die Krankheitsarten die Völker nach Rassen befallen.

Elefantiasis gibts allein in Mittelägypten,

Nahe den Wassern des Nils, und nirgends sonst auf der Erde.

Ferner gibt's Fußleiden in Attika, Schwäche der Augen

Herrscht in Achaja vor. So sind an anderen Orten

Andre Organe bedroht; das macht die verschiedene Luft aus,

Wenn sich daher zufällig ein uns abträglicher Luftstrom

Weiter bewegt und die feindliche Luft Verbreitung gewinnet,

Schleicht sie wie Wolken und Nebel allmählich weiter und bringt so

Überall, wo sie erscheint, gewaltsame Ändrung und Wirrnis.

Dann kommt's vor, wenn sie endlich in unser Klima gelangt ist,

Daß sie es ähnlich gestaltet und uns abträglich verpestet.

Plötzlich senkt sich nun diese uns neue, verheerende Pestluft

Nieder aufs Wasser hin oder sie nistet sich ein in die Feldfrucht

Oder in andere Nahrung der Menschen und Futter der Tiere,

Oder der Krankheitsstoff harrt schwebend in luftiger Höhe;

Und so müssen wir, wenn wir von dort die giftige Pestluft

Atmen, zugleich mit dem Odem die Krankheitskeime verschlucken.

In ganz ähnlicher Weise befällt auch die Rinder die Pest oft,

Oder die Seuche verheert die blökenden Träger der Wolle.

Und es verschlägt auch nichts, ob wir die gefährliche Gegend

Selber betreten und wie ein Gewand das Klima vertauschen,

Oder ob uns die Natur von selbst das verdorbene Klima

Herbringt oder ein Etwas, an das wir bisher nicht gewöhnt sind,

Das uns Unheil schafft durch die Neuheit seiner Erscheinung.[244]

Die Pest zu Athen

Solch ein Krankheitsstoff und todverbreitender Pesthauch

Wandelte einst das Kekropische Land in ein Leichengefilde,

Machte zur Wüste die Gassen und raubte der Stadt die Bewohner.

Tief im Ägypterland war diese Verseuchung entsprungen,

Dann durchflog sie gewaltigen Raum der Lüfte und Meere,[244]

Bis sie am Ende befiel Pandions ganze Bevölkrung,

Die nun haufenweise der Pest und dem Tode geweiht ward.

Anfangs spürten ihr Haupt sie von fiebriger Hitze entzündet,

Und ihr Augenpaar war blutigrot unterlaufen;

Schwärzlich geronnenes Blut entquoll dem Innern des Schlundes,

Schwären versperrten der Stimme den Weg und verengten den Durchgang,

Und die Zunge, des Geist's Dolmetscherin, schwimmend im Blute

Ward durch die Seuche geschwächt, rauhkörnig und kaum mehr beweglich.

Als nun der Krankheitsstoff durch den Schlund in die Brust war gedrungen,

Und er dem Kranken ins zagende Herz war zusammengeflossen,

Ja, da gerieten die Riegel des Lebens alle ins Wanken.

Widrigen Odem verhauchte der Mund in die Lüfte, wie wenn sich

Stank von verfaulendem Aas aus dem Anger des Schinders erhebet.

Seele wie Körper verloren ermattend jegliche Spannkraft,

Und man fühlte bereits sich dicht vor der Schwelle des Todes.

Unerträglichem Leiden gesellte beklemmende Angst sich

Unaufhörlich hinzu und mit Stöhnen mischte sich Jammer;

Häufiges Schluchzen ergriff bei Tag und bei Nacht oft die Nerven;

Dieser beständige Krampf zwang nieder die einzelnen Glieder,

Und die schon lange Erschöpften zerflossen in dieser Ermattung.

Allzu erhebliche Hitze vermochte man nicht zu bemerken

Auf dem Körper der Kranken, der außen mäßig erwärmt schien;

Eher empfand man ein laulich Gefühl, wenn die Hand ihn berührte,

Aber der ganze Leib war von brandigen Schwären getötet,

Wie wenn das »heilige Feuer« sich über die Glieder verbreitet,

Vollends im Innern der Menschen da brannte es bis auf die Knochen,

Brannte im Magen so loh wie die Flamme im Innern der Esse.

Da half keine Gewandung, so leicht und so dünn man sie suchte;

Einzig nach Wind und nach Kühle war stets ihr Streben gerichtet.

Manche begaben sich drum in die eisigen Fluten der Flüsse

Mit pestglühenden Gliedern und warfen sich nackt in das Wasser.

Viele stürzten sich auch kopfüber hinab in die Brunnen

Und gelangten zuerst mit dem offenen Mund in die Tiefe;

Aber der dörrende Durst, der ins Wasser sie zwang, war mit nichts mehr

Stillbar; reichliches Naß war soviel wie wenige Tropfen.

Nirgend Erholung vom Leiden: matt lagen die Körper am Boden,

Ratlos verstummten die Ärzte, die ihre Befürchtung verbargen,[245]

Wenn sie die Kranken erblickten, die wieder und wieder die Augen

Rollten, Wie fieberdurchglüht und schlaflos starrten ins Weite.

Außerdem noch erschien viel andres als Zeichen des Todes:

Völlig verwirrter Verstand mit Angstzuständen und Schwermut,

Finstere Stirn und scharfer, ja wütender Blick aus den Augen;

Ferner ein ängstlich erregtes Gehör und Brausen im Ohre,

Fliegender Atem, dann wieder auch tiefe und langsame Züge,

Reichlicher Schweißerguß, der perlend am Halse herabfloß,

Dürftiger, salziger, dünner und safranfarbiger Auswurf,

Den nur mühsam die Kehle mit heiserem Husten herauswarf.

In den Händen ein zuckender Krampf, in den Gliedern ein Zittern

Und an den Füßen herauf zog Glied für Glied sich ein Frösteln

Unaufhaltsam empor. Und ging es schließlich zum Ende:

Eingefallene Nase, die Nasenspitze verlängert,

Hohle Augen und Schläfen, verhärtet und kalt die Gesichtshaut,

Niedersinkender Mund und die Stirnhaut dauernd in Spannung.

Nicht gar lange danach erstarrten die Glieder im Tode;

Meistens gaben ihr Leben sie auf, wenn achtmal die Sonne

Leuchtend die Fackel erhoben, bisweilen auch erst bei der neunten.

War nun auch einer, wie's kommt, dem Todesschicksal entronnen,

So ergriff ihn doch später die Zehrung, da ekle Geschwüre

Nebst schwarzflüssigem Stuhl ihn schwächten; der Tod war ihm sicher;

Oder es quoll auch nicht selten zugleich mit heftigem Kopfweh

Reichlich verdorbenes Blut aus verstopfenden Nasengeschwüren;

Damit floß auch die Körperkraft dem Erkrankten zugleich hin.

Wer nun auch wirklich dem starken Erguß des vereiterten Blutes

Glücklich entrann, der verfiel doch in Nerven- und Gliederverrenkung;

Ja, es warf sich die Pest sogar auf die Zeugungsorgane.

Einige ließen in ängstlicher Furcht vor den Pforten des Todes

Lieber das Glied mit dem Messer entfernen, um weiter zu leben;

Einige blieben auch leben, doch gaben sie Hände und Füße

Drein, wie andere wieder das Licht der Augen verloren.

So stark hatte sie grimmige Angst vor dem Tode ergriffen.

Einige büßten sogar die Erinnrung an alles Vergangne

Ein, so daß sie nicht mehr auf sich selbst sich konnten besinnen.

Zwar lag Leiche auf Leiche gehäuft, da niemand beerdigt

Wurde, allein die Scharen von Vögeln und wildem Getiere

Wichen zurück in die Ferne, dem gräßlichen Stank zu entfliehen,

Oder sie fielen dem Tode anheim, sobald sie gekostet,

Oder es kam überhaupt in jenen schrecklichen Tagen[246]

Schwerlich ein Vogel hervor und die bösen Bestien blieben

In den Gehölzen zurück; die meisten siechten und starben

Gleichfalls. So auch besonders die treuen Wächter, die Hunde:

Überall hauchten ihr Leben sie jämmerlich aus auf den Straßen;

Denn das entsetzliche Gift nahm qualvoll ihnen das Leben.

Auch gab's keine Arznei, die bei allen sich sicher bewährte;

Denn was dem einen vergönnte, in volleren Zügen zu atmen

Lebenerhaltende Luft und des Himmels Räume zu schauen,

Das war vernichtendes Gift für den ändern und brachte den Tod ihm.

Hierbei war nun vor allem die jammervollste Erscheinung

Und die kläglichste die, daß jeder, sobald nur die Krankheit

Ihm sich bemerkbar machte, als wär' er zum Tode verurteilt,

Jegliche Hoffnung verlor, und während er traurigen Herzens

Seines Endes nun harrte, alsbald die Seele verhauchte.

Freilich, es wurden ja auch die Keime der gierigen Seuche

Während der ganzen Zeit von einem zum ändern vertragen.

Wie bei den Trägern der Wolle und hörnerbewehreten Ochsen.

Dies war vor allem der Grund, daß Leichen auf Leichen sich häuften;

Denn wenn aus Angst vor dem Tod und aus gieriger Liebe zum Leben

Mancher davor sich scheute die kranken Familienglieder

Aufzusuchen, so strafte auch ihn bald Mangel an Pflege,

Da ihn freundlos und hilflos ein schimpfliches Ende erreichte.

Doch wer die Hand nur reichte, der ging durch stete Berührung

Und an der Mühe dahin, zu der ihn die Ehre getrieben

Oder die rührende Bitte und Jammerstimme der Siechen.

Also erlagen dem Tode auf die Art grade die Besten.

Ohne Begleitung rasten die Wagen zum Grab wie im Wettlauf;

[Jeder begrub die Gebeine, wo grade der Zufall ihn hintrieb,

Ohne nach frommen Gebrauch die Sitten der Väter wehren.]

Wie um die Wette bald hier bald dort begrub man die Seinen;

Dann von dem Weinen und Trauern erschöpft ging jeder nach Hause,

So warf wohl gar manchen der Harm um die Lieben aufs Lager.

Niemand war da zu finden, dem nicht in dem schrecklichen Jahre

Krankheit oder der Tod sich nahte oder doch Trauer.

Nunmehr siechte zudem wie der Schafhirt so auch der Stierknecht

Hin und der Ackersmann, der mit Kraft den gebogenen Pflug lenkt.

Aufeinander gepfercht lag da in dem Innern der Hütte Körper an

Körper, wo Krankheit und Not dem Tode sie weihten.[247]

Über entseelten Kindern erblickte man öfters die Körper

Ihrer Eltern entseelt; und hinwiederum konnte man schauen

Söhne, die über die Eltern gesunken ihr Leben verhauchten.

Dieses betrübliche Leid floß nicht zum geringsten vom Lande

Über zur Stadt, und die Masse des dorthin strömenden Landvolks

Trug, schon krank, die Keime herbei aus allen Bezirken.

Sämtliche Räume und Häuser erfüllten sie: nur um so höher

Türmte in stinkender Enge der Tod die Haufen der Leichen.

Zahlreiche Leichen bedeckten die Straßen; sie hatten sich vorwärts

Dorthin gewälzt, wo der Durst zu den Röhren der Brunnen sie lockte,

Aber der Labe zu gieriger Trank nahm ihnen das Leben.

Viele sah man sogar auf belebten Straßen und Plätzen,

Wo sich das Volk gern trifft, halbtot und erschlafft in den Gliedern,

Lumpenbedeckt und starrend von gräßlichem Schmutze verenden:

Unflat deckte den Körper, Gerippe von Haut und von Knochen

Schienen sie, fast schon begraben in Dreck und eklen Geschwüren.

Endlich hatte der Tod auch die heiligen Tempel der Götter

Vollgestopft mit den Leibern der Toten, und überall blieben

Sämtliche Gotteshäuser mit Leichen belastet, da diese Räume die

Küster den Scharen der Fremdlinge hatten geöffnet.

Freilich der Gottesdienst und die Gottheit selbst war bei ihnen

Nicht mehr geachtet. Zu groß war der gegenwärtige Jammer.

Auch die Bestattungsbräuche der Stadt, mit denen dies Volk stets

Früher die Seinigen pflegte zu Grabe zu tragen, verschwanden.

Gänzlich verwirrt im Gemüt lief jeder bald hierhin bald dorthin

Und barg, wie es nun ging, voll Kummer [den Töten] im Grabe.

Hierbei riet auch die Eile und Not zu entsetzlichen Dingen;

Denn sie legten nicht selten mit lautem Geschrei auf den Holzstoß,

Den man für andre geschichtet, die Leichen der eignen Verwandten,

Zündeten dann mit der Fackel ihn an und stritten sich oftmals

Lieber auf Mord und Tod, als daß von der Leiche sie wichen.[248]

Biographie

Um 99 v. Chr. wurde Titus Lucretius Carus, später Lukrez genannt, geboren. In Rom wurde er Dichter und Philosoph und entwarf vor allem das Lehrgedicht »Über die Natur der Dinge« in sechs Büchern. Es wurde nicht abgeschlossen und später von Cicero aus dem Nachlaß herausgegeben.

Lukrez geht es darum, die Lehre Epikurs seinen Landsleuten in poetischer Form zu vermitteln. Das bedeutet eine klare Diesseitsorientierung und realistische Weltauffassung, die den Menschen durch Überlegung zur »Lust in der Ruhe« führen sollte.

55 endete der Denker, wie überliefert wird, durch Selbstmord.

Lektürehinweis

J. Schmidt, Lukrez und die Stoiker, Diss. Marburg 1975

Impressum

Bibliographische Angaben

Lukrez: Über die Natur der Dinge

Vollständiger, durchgesehener Neusatz mit einer Biographie des Autors bearbeitet und eingerichtet von Michael Holzinger.

Umschlaggestaltung unter Verwendung des Bildes:

Ricci, Marco: Römische Ruinen

ISBN 978-3-8430-2086-2

Historische Angaben

Entstanden vor 55 v. Chr. Das wahrscheinlich unvollendet gebliebene Werk wurde als Handschrift von Cicero herausgegeben. Erstdruck: Brescia o. J. (ca. 1473). Erste deutsche Übersetzung durch Franz Xaver Mayr unter dem Titel »Von der Natur der Dinge«, Wien 1784/85. Der Text folgt der Übertragung durch Hermann Diels, die 1924 (postum) von Johannes Mewaldt herausgegeben wurde. Ergänzungen von Diels zur Ausfüllung von Lücken in den überlieferten Handschriften sind in [ ] gesetzt, nicht ergänzbare Stellen durch *** bezeichnet.

Textgrundlage

Lukrez: Über die Natur der Dinge. Aus dem Lateinischen übersetzt von Hermann Diels, Berlin: Aufbau, 1957 (Philosophische Bücherei, Bd. 12).

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind über http://www.dnb.de abrufbar.

Lizenz

Die Textgrundlage dieses E-Books ist nach unserer Meinung frei von Rechten Dritter. Vor einer weiteren Verbreitung ist unbedingt zu überprüfen, ob diese Auffassung haltbar ist, da Contumax jegliche Haftung ablehnt und ausdrücklich nicht von möglichen Ansprüchen Dritter freistellt.



Zuletzt geändert: 23/10/2026