Arthur Schopenhauer: Sämtliche Werke
Arthur Schopenhauer Sämtliche Werke Fünfter Band
Arthur Schopenhauer Sämtliche Werke Non multa SEE ³ͤ V ¼ d an —— Nach der erſten, von Julius Frauenſtädt beſorgten Geſamtausgabe neu bearbeitet und herausgegeben von Arthur Hübſcher, vierte Auflage, durchgeſehen von Angelika Hübſcher ' Fünfter Band Parerga und Paralipomena I Arthur Schopenhauer am 18. Mai 1855. s Daguerreotyp in Privatbefig, Frankfurt a. M. F. A. Brockhaus Mannheim

51H e ee e pe UniverſitätsBibliothek = Boftsih - ” 7 Sie 844 9923 7 (57 Yatrarsttätsbihliothek Rastoc' Fachbibliothek Philossoh' 1994. 959 “ CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek Schopenhauer, Arthur: Sämtliche Werke/Arthur Schopenhauer. Nach d. I., von Julius Frauenstädt besorgten Gesamtausg. neu bearb. u. hrsg. von Arthur Hübscher. - Mannheim: Brockhaus. ISBN 3-7653-0410-7 NE: Hübscher, Arthur [Bearb.]; Schopenhauer, Arthur: [Sammlung] Bd. 5. Parerga und Paralipomena. - 1.-4. Aufl. Jubiläumsausg. / durchges. von Angelika Hübscher. - 1988 ISBN 3-7653-0415-8 Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Reproduktion der Vorlagen erfolgte nach einem Bibliotheksexemplar der Stadt- und Universitätsbibliothek Frankfurt am Main. © EA.Brockhaus GmbH, Mannheim 1988 ISBN für das Gesamtwerk: 3-7653-0410-7, für Band 5: 3-7653-0415-8. Druck: Druckerei Krembel, Speyer Bindearbeit: Buchbinderei Fleischmann GmbH & Co. KG, Fulda Printed in Germany FE Parerga und Paralipomena: kleine philoſophiſche Schriften, von Arthur Schopenhauer. Vitam impendere vero Erſter Band.
Vorwort. Dieſe, meinen wichtigeren, ſyſtematiſchen Werken nachgeſandten Nebenarbeiten beſtehn theils aus einigen Abhandlungen über beſondere, ſehr verſchiedenartige Themata, theils aus vereinzelten Gedanken über noch mannigfaltigere Gegenſtände, — Alles hier zuſammengebracht, weil es, meiſtens ſeines Stoffes halber, in jenen ſyſtematiſchen Werken keine Stelle finden konnte, Einiges jedoch nur weil es zu ſpät gekommen, um die ihm gebührende da⸗ ſelbſt einzunehmen. Hiebei nun habe ich zwar zunächſt Leſer im Auge gehabt, denen meine zuſammenhängenden und inhaltsſchwereren Werke bekannt ſind; ſogar werden ſolche vielleicht noch manche ihnen erwünſchte Aufklärung hier finden: im Ganzen aber wird der Inhalt dieſer Bände, mit Ausnahme weniger Stellen, auch Denen verſtänd⸗ lich und genießbar ſeyn, welche eine ſolche Bekanntſchaft nicht mitbringen. Jedoch wird der mit meiner Philoſophie Ders traute immer noch etwas voraushaben; weil dieſe auf Alles, was ich denke und ſchreibe, ſtets ihr Licht, und ſollte es auch nur aus der Ferne ſeyn, zurückwirft; wie denn auch andererſeits ſie ſelbſt von Allem, was aus meinem Kopfe hervorgeht, immer noch einige Beleuchtung empfängt. A 1 S 1 2 2 o Frankfurt a. M., im Dezember 1850, VII
Inhalt. Seite Skitze einer Geſchichte der Lehre vom Idealen und Realen. * Fragmente zur Geſchichte der Philoſophiiiueks. 33 Ueber die Univerſitäts⸗Philoſophie 147 Transſcendente Spekulation über die ante vorigen im Schickſale des Einzelnen .. 211 Verſuch über das Geifterfehn und was damit dulmmeuhüngt — . 239 Aphorismen zur Lebensweisheillt “h. 331 IX
Skitze einer Geſchichte der Lehre vom Idealen und Realen. Plurimi pertransibunt, et multiplex erit scientia.
3] Skitze einer Geſchichte der Lehre vom Idealen und Realen. Carteſ ius gilt mit Recht für den Vater der neuern Philo⸗ 5 ſophie, zunächſt und im Allgemeinen, weil er die Vernunft an⸗ geleitet hat, auf eigenen Beinen zu ſtehn, indem er die Menſchen lehrte, ihren eigenen Kopf zu gebrauchen, für welchen bis dahin die Bibel einerſeits und der Ariſtoteles andererſeits funktionirten; im beſondern aber und engern Sinne, weil er zuerſt ſich das Problem zum Bewußtſeyn gebracht hat, um welches ſeitdem alles Philoſophiren ſich hauptſächlich dreht: das Problem vom Idealen und Realen, d. h. die Frage, was in unſerer Erkenntniß objektiv und was darin ſubjektiv ſei, alſo was darin etwanigen, von uns verſchiedenen Dingen, und was uns ſelber zuzuſchreiben ſei. — 15 In unſerm Kopfe nämlich entſtehn, nicht auf innern, — etwan von der Willkür, oder dem Gedankenzuſammenhange ausgehenden, — folglich auf äußern Anlaß, Bilder. Dieſe Bilder allein ſind das uns unmittelbar Bekannte, das Gegebene. Welches Ver⸗ hältniß mögen ſie haben zu Dingen, die völlig geſondert und un⸗ abhängig von uns exiſtirten und irgendwie Urſache dieſer Bilder würden? Haben wir Gewißheit, daß überhaupt ſolche Dinge nur daſind? und geben, in dieſem Fall, die Bilder uns auch über deren Beſchaffenheit Aufſchluß? — Dies iſt das Problem, und in Folge deſſelben iſt, ſeit 200 Jahren, das Hauptbeſtreben der 25 Philoſophen, das Ideale, d. h. Das, was unſerer Erkenntniß allein und als ſolcher angehört, von dem Realen, d. h. dem un⸗ abhängig von ihr Vorhandenen, rein zu ſondern, durch einen in der rechten Linie wohlgeführten Schnitt, und ſo das Verhältniß Beider zu einander feſtzuſtellen. 1 8 » D
Skitze einer Geschichte Wirklich ſcheinen weder die Philoſophen des Alterthums, noch auch die Scholaſtiker, zu einem deutlichen Bewußtſeyn dieſes philoſophiſchen Urproblems gekommen zu ſeyn; wiewohl ſich eine Spur davon, als Idealismus, ja auch als Lehre von der Idealität der Zeit, im Plotinos findet, und zwar Enneas III, lib. 7. c. 10, woſelbſt er lehrt, die Seele habe die Welt ger macht, indem ſie aus der Ewigkeit in die Zeit getreten ſei. Da heißt es z. B. ou ap vic autou Toude Tou TaVTog Torog, 9 Yuyn. (meque datur alius hujus universi locus, quam anima.) wie auch: der de ou eEwIen ng Yuyng Aapßavery Tov xpovov, Gone ovde roy army exer ei vo org. (oportet autem nequaquam extra animam tempus accipere, quemadmodum neque aeternitatem ibi extra id, quod ens appellatur.); womit eigentlich ſchon Kants Idealität der Zeit ausgeſprochen iſt. Und im folgenden Kapitel: obros d Prog Tov xpovov yevva' do xar erpyrar AH Te vο Tavrı yeyovevar, bri ꝙνν M νον he coe Tov Taytog eysyvncev (haec vita nostra tempus gignit: quamobrem dictum est, tempus simul cum hoc universo factum esse; quia anima tempus una cum hoc universo progenuit). Dennoch bleibt das deutlich erkannte und deutlich ausgeſprochene Problem das charakteriſtiſche Thema der neuern Philoſophie, nachdem die hiezu nöthige Beſonnenheit im Carteſius zuerſt erwacht war, als welcher ergriffen wurde von der Wahrheit, daß wir zunächſt auf unſer eigenes Bewußt⸗ ſeyn beſchränkt ſind und die Welt uns allein als Vorſtellung gegeben iſt: durch ſein bekanntes dubito, cogito, ergo sum wollte er das allein Gewiſſe des ſubjektiven Bewußtſeyns, im Gegenſatz des Problematiſchen alles Uebrigen, hervorheben und die große Wahrheit ausſprechen, daß das Einzige wirklich und unbedingt Gegebene das Selbſtbewußtſeyn iſt. Genau be⸗ trachtet iſt ſein berühmter Satz das Aequivalent deſſen, von welchem ich ausgegangen bin: „Die Welt iſt meine Vorſtellung.“ Der alleinige Unterſchied iſt, daß der ſeinige die Unmittelbarkeit des Subjekts, der meinige die Mittelbarkeit des Objekts her⸗ vorhebt. Beide Sätze drücken das Selbe von zwei Seiten aus, ſind Kehrſeiten von einander, ſtehn alſo in dem ſelben Verhältniß, wie das Geſetz der Trägheit und das der Kauſalität, gemäß meiner Darlegung in der Vorrede zur Ethik. [Die beiden Grund⸗ 4 5 [4 . 5 der Lehre vom Idealen und Realen. probleme der Ethik, behandelt in zwei akademiſchen Preisſchriften, von Dr. Arthur Schopenhauer. Frankfurt am Main 1841, Seite XXIV. Zweite Auflage, Leipzig 1860, Seite XXIVfg.] Aller⸗ dings hat man ſeitdem ſeinen Satz unzählige Mal nachgeſprochen, im bloßen Gefühl ſeiner Wichtigkeit, und ohne vom eigentlichen Sinn und Zweck deſſelben ein deutliches Verſtändniß zu haben. (Siehe Cartes. Meditationes. Med. II, p. 15.) Er alſo deckte die Kluft auf, welche zwiſchen dem Subjektiven, oder Idealen, und dem Objektiven, oder Realen, liegt. Dieſe Einſicht kleidete er ein in den Zweifel an der Exiſtenz der Außenwelt: allein durch ſeinen dürftigen Ausweg aus dieſem, — daß nämlich der liebe Gott uns doch wohl nicht betrügen werde, — zeigte er, wie tief und ſchwer zu löſen das Problem ſei. Inzwiſchen war durch ihn dieſer Skrupel in die Philoſophie gekommen und mußte fortfahren beunruhigend zu wirken, bis zu ſeiner gründlichen Er⸗ ledigung. Das Bewußtſeyn, daß ohne gründliche Kenntniß und Aufklärung des dargelegten Unterſchiedes kein ſicheres und ge⸗ nügendes Syſtem möglich ſei, war von Dem an vorhanden, und die Frage konnte nicht mehr abgewieſen werden. 20 Sie zu erledigen, erdachte zunächſt Malebranche das Syſtem der gelegentlichen Urſachen. Er faßte das Problem ſelbſt, in ſeinem ganzen Umfange, deutlicher, ernſtlicher, tiefer auf, als O] Carteſius. (Recherches de la veérité, livre III, seconde partie.) Dieſer hatte die Realität der Außenwelt auf den 25 Kredit Gottes angenommen; wobei es ſich freilich wunderlich aus⸗ nimmt, daß, während die andern theiſtiſchen Philoſophen aus der Exiſtenz der Welt die Exiſtenz Gottes zu erweiſen bemüht ſind, Carteſius umgekehrt erſt aus der Exiſtenz und Wahr⸗ haftigkeit Gottes die Exiſtenz der Welt beweiſt: es iſt der um⸗ 30 gekehrte kosmologiſche Beweis. Auch hierin einen Schritt weiter gehend, lehrt Malebranche, daß wir alle Dinge unmittelbar in Gott ſelbſt ſehn. Dies heißt freilich ein Unbekanntes durch ein noch Unbekannteres erklären. Ueberdies ſehn wir, nach ihm, nicht nur alle Dinge in Gott; ſondern dieſer iſt auch das allein 35 Wirkende in denſelben, fo daß die phyſiſchen Urſachen es bloß ſcheinbar, bloße causes occasionelles find, (Rech. d. I. ver., liv. VI, seconde partie, ch. 3.) So haben wir denn ſchon hier im Weſentlichen den Pantheismus des Spinoza, der mehr u D — A 5
Sxitze einer Geschichte von Malebranche, als von Carteſius gelernt zu haben ſcheint. Ueberhaupt könnte man ſich wundern, daß nicht ſchon im 17. Jahrhundert der Pantheismus einen vollſtändigen Sieg über den Theismus davon getragen hat; da die originellſten, ſchönſten und gründlichſten Europäiſchen Darſtellungen deſſelben (denn gegen die Upaniſchaden der Veden gehalten iſt freilich das Alles nichts) ſämmtlich in jenem Zeitraum ans Licht traten: nämlich durch Bruno, Malebranche, Spinoza und Skotus Erigena, welcher Letztere, nachdem er viele Jahrhunderte hindurch vergeſſen und verloren geweſen war, zu Oxford wiedergefunden wurde und 1681, alſo 4 Jahre nach Spinoza's Tode, zum erſten Male gedruckt, an's Licht trat. Dies ſcheint zu beweiſen, daß die Einſicht Einzelner ſich nicht geltend machen kann, ſo lange der Geiſt der Zeit nicht reif iſt, ſie aufzunehmen; wie denn gegen⸗ theils in unſern Tagen der Pantheismus, obzwar nur in der eklektiſchen und konfuſen Schellingiſchen Auffriſchung dargelegt, zur herrſchenden Denkungsart der Gelehrten und ſelbſt der Ge⸗ bildeten geworden iſt; weil nämlich Kant mit der Beſiegung des theiſtiſchen Dogmatismus vorangegangen war und ihm Platz ge⸗ macht hatte, wodurch der Geiſt der Zeit auf ihn vorbereitet war, wie ein gepflügtes Feld auf die Saat. Im 17. Jahrhundert hin⸗ gegen verließ die Philoſophie wieder jenen Weg und gelangte danach einerſeits zu Locke, dem Bako und Hobbes vorgearbeitet hatten, und andererſeits, durch Leibnitz, zu Chriſtian Wolf: dieſe Beiden herrſchten ſodann, im 18. Jahrhundert, vorzüglich in Deutſchland, wenn gleich zuletzt nur noch ſofern ſie in den ſyn⸗ kretiſtiſchen Eklektismus aufgenommen worden waren. Des Malebranche tiefſinnige Gedanken aber haben den nächſten Anlaß gegeben zu Leibnitzens Syſtem der harmonia . praestabilita, deſſen zu feiner Zeit ausgebreiteter Ruhm und hohes Anſehn einen Beleg dazu giebt, daß das Abſurde am leich⸗ teſten in der Welt Glück macht. Obgleich ich mich nicht rühmen kann, von Leibnitzens Monaden, die zugleich mathematiſche Punkte, körperliche Atome und Seelen ſind, eine deutliche Vor⸗ ſtellung zu haben; ſo ſcheint mir doch ſoviel außer Zweifel, daß eine ſolche Annahme, wenn ein Mal feſtgeſtellt, dazu dienen könnte, alle ferneren Hypotheſen zur Erklärung des Zuſammenhangs 6 — — — 0 3 6 N A DT} ws 0 5 der Lehre vom Idealen und Realen. zwifchen Idealem und Realem ſich zu erfparen und die Frage dadurch abzufertigen, daß Beide ſchon in den Monaden völlig identificirt ſeien, (weshalb auch in unſern Tagen Schelling, als Urheber des Identitätsſyſtems, ſich wieder daran geletzt hat). Dennoch hat es dem berühmten philoſophirenden Mathematikus, Polyhiſtor und Politikus nicht gefallen, ſie dazu zu benutzen; ſondern er hat, zum letzteren Zweck, eigens die präſtabilirte Harmonie formulirt. Dieſe nun liefert uns zwei gänzlich ver⸗ ſchiedene Welten, jede unfähig, auf die andere irgend zu wirken 10 (principia philos. $ 84. und examen du sentiment du P. Malebranche, p. 500 sq. der Oeuvres de Leibnitz, publ. p. Raspe), jede die völlig überflüſſige Doublette der andern, welche nun aber doch ein Mal beide daſeyn, genau einander parallel laufen und auf ein Haar mit einander Takt halten ſollen; daher ı5 ber Urheber beider, gleich Anfangs, die genaueſte Harmonie zwiſchen ihnen ſtabilirt hat, in welcher ſie nun ſchönſtens neben einander fortlaufen. Beiläufig geſagt, ließe ſich die harmonia praestabilita vielleicht am beſten durch die Vergleichung mit der Bühne faßlich machen, als woſelbſt ſehr oft der influxus phy20 sicus nur ſcheinbar vorhanden iſt, indem Urſache und Wirkung bloß mittelſt einer vom Regiſſeur präſtabilirten Harmonie zu⸗ ſammenhängen, z. B. wann der Eine ſchießt und der Andere a tempo fällt. Am kraſſeſten, und in der Kürze, hat Leibnitz die Sache in ihrer monſtroſen Abſurdität dargeſtellt in $$ 62, 63 25 feiner Theodicee. Und dennoch hat er bei dem ganzen Dogma nicht ein Mal das Verdienſt der Originalität, indem ſchon Spinoza die harmonia praestabilita deutlich genug dargelegt hat im zweiten Theil feiner Ethik, nämlich in der öten und Iten Pro⸗ poſition, nebſt deren Korollarien, und wieder im fünften Theil, 30 prop. I, nachdem er in der Sten Propoſition des zweiten Theils die ſo ſehr nahe verwandte Lehre des Malebranche, daß wir alles in Gott ſehn, auf feine Weiſe ausgeſprochen hatte. ) Alſo iſt Malebranche allein der Urheber dieſes ganzen Gedankenganges, +) Eth. P. II., prop. 7: Ordo et connexio idearum idem est, ac ordo 35 et connexio rerum. — P. V, prop. 1: Prout cogitationes rerumque ideae concatenantur in Mente, ita corporis affectiones, seu rerum imagines ad amussim ordinantur et concatenantur in Corpore. — P. II, prop. 5: 2 Schopenhauer, Werke v A 7
Skitze einer Geschichte den ſowohl Spinoza als Leibnitz, jeder auf feine Art, benutzt und zurechtgeſchoben haben. Leibnitz hätte ſogar der Sache wohl ent⸗ rathen können, denn er hat hiebei die bloße Thatſache, welche das Problem ausmacht, daß nämlich die Welt uns unmittelbar bloß als unſere Vorſtellung gegeben iſt, ſchon verlaſſen, um ihr das Dogma von einer Körperwelt und einer Geiſterwelt, zwiſchen denen keine Brücke möglich ſei, zu ſubſtituiren; indem er die Frage nach dem Verhältniß der Vorſtellungen zu den Dingen an ſich ſelbſt zuſammenflicht mit der nach der Möglichkeit der Be⸗ wegungen des Leibes durch den Willen, und nun beide zuſammen auflöft, durch feine harmonia praestabilita (S. Systeme nouveau de la nature, in Leibnitz. Opp. ed. Erdmann, p. 125. — Brucker hist. ph. Tom. IV. P. II, p. 425). Die monſtroſe Ab⸗ ſurdität ſeiner Annahme wurde ſchon durch einige ſeiner Zeit⸗ genoſſen, beſonders Bayle, mittelſt Darlegung der daraus fließenden Konſequenzen, ins hellſte Licht geſtellt. (Siehe, in Leibnitzens kleinen Schriften, überſetzt von Huth anno 1740, die Anmerkung zu S. 79, in welcher Leibnitz ſelbſt die empörenden Folgen ſeiner Behauptung darzulegen ſich genöthigt ſieht.) Jedoch beweiſt gerade die Abſurdität der Annahme, zu der ein denkender Kopf, durch das vorliegende Problem, getrieben wurde, die Größe, die Schwierigkeit, die Perplexität deſſelben und wie wenig man es durch bloßes Wegleugnen, wie in unſern Tagen gewagt worden iſt, beſeitigen und ſo den Knoten zerhauen kann. — Spinoza geht wieder unmittelbar vom Carteſius aus: daher behielt er Anfangs, als Carteſianer auftretend, ſogar den Dualismus ſeines Lehrers bei, ſetzte demnach eine substantia cogitans und eine substantia extensa, jene als Subjekt, dieſe als Objekt der Erkenntniß. Später hingegen, als er auf eigenen Füßen ſtand, fand er, daß beide eine und die ſelbe Subſtanz wären, von verſchiedenen Seiten angeſehn, alſo Ein Mal als substantia extensa, das andere als substantia cogitans auf⸗ Esse formale idearum Deum, quatenus tantum ut res cogilans consideratur, pro causa agnoscit, et non quatenus alio attributo explicatur. Hoc est, tam Dei attributorum, quam rerum singularium ideae non ipsa ideata, sive res perceptas pro causa efficiente agnoscunt: sed ipsam Deum, quatenus est res cogitans. 8 17 20 25 0 w 35 — der Lehre vom Idealen und Realen. gefaßt. Dies heißt nun eigentlich, daß die Unterſcheidung von Denkendem und Ausgedehntem, oder Geiſt und Körper, eine un⸗ gegründete, alſo unſtatthafte ſei; daher nun nicht weiter von ihr hätte geredet werden ſollen. Allein er behält ſie inſofern immer 5 noch bei, als er unermüdlich wiederholt, daß Beide Eins feien. 10 [8] . 2 2 A 8 3 35 Hieran knüpft er nun noch, durch ein bloßes Sic etiam, daß modus extensionis et idea illius modi una eademque est res (Eth. P. II, prop. 7 schol.); womit gemeint iſt, daß unſere Vorſtellung von Körpern und dieſe Körper ſelbſt Eins und das Selbe ſeien. Hiezu iſt jedoch das Sic etiam ein ungenügender Uebergang: denn daraus, daß der Unterſchied zwiſchen Geiſt und Körper oder zwiſchen dem Vorſtellenden und dem Ausgedehnten, ungegründet iſt, folgt keineswegs, daß der Unterſchied zwiſchen unſerer Vorſtellung und einem außerhalb derſelben vorhandenen Objektiven und Realen, dieſes von Carteſius aufgeworfene Ur⸗ Problem, auch ungegründet ſei. Das Vorſtellende und das Vor⸗ geſtellte mögen immerhin gleichartig ſeyn; ſo bleibt dennoch die Frage, ob aus Vorſtellungen in meinem Kopf auf das Daſeyn von mir verſchiedener, an ſich ſelbſt, d. h. unabhängig davon, exiſtirender Weſen ſicher zu ſchließen ſei. Die Schwierigkeit iſt nicht die, wozu vorzüglich Leibnitz (3. B. Theodic. Part. I, $ 59) fie verdrehn möchte, daß zwiſchen den angenommenen Seelen und der Körperwelt, als zweien ganz heterogenen Arten von Subſtanzen, gar keine Einwirkung und Gemeinſchaft Statt haben könne, weshalb er den phyſiſchen Einfluß leugnete: denn dieſe Schwierigkeit iſt bloß eine Folge der rationalen Pſychologie, braucht alſo nur, wie von Spinoza geſchieht, als eine Fiktion bei Seite geſchoben zu werden: und überdies iſt gegen die Be⸗ haupter derſelben, als argumentum ad hominem, ihr Dogma geltend zu machen, daß ja Gott, der doch ein Geiſt ſei, die Körper⸗Welt geſchaffen habe und fortwährend regiere, alſo ein Geiſt unmittelbar auf Körper wirken könne. Vielmehr iſt und bleibt die Schwierigkeit bloß die Carteſianiſche, daß die Welt, welche allein uns unmittelbar gegeben iſt, ſchlechterdings nur eine ideale, d. h. aus bloßen Vorſtellungen in unſerm Kopf beſtehende iſt; während wir, über dieſe hinaus, von einer realen, d. h. von unſerm Vorſtellen unabhängig daſeienden Welt zu urtheilen unternehmen. Dieſes Problem alſo hat Spinoza, dadurch daß 2* 9
Skitze einer Geschichte er den Unterſchied zwiſchen substantia cogitans und substantia extensa aufhebt, noch nicht gelöft, fondern allenfalls den phyfiſchen Einfluß jetzt wieder zuläſſig gemacht. Diefer aber taugt doch nicht, die Schwierigkeit zu löſen: denn das Geſetz der Kau⸗ ſalität iſt erwieſenermaaßen ſubjektiven Urſprungs; aber auch wenn es umgekehrt aus der äußern Erfahrung ſtammte, dann würde es eben mit zu jener in Frage geſtellten, uns bloß ideell gege⸗ benen Welt gehören; ſo daß es keinen Falls eine Brücke zwiſchen dem abſolut Objektiven und dem Subjektiven abgeben kann, viel⸗ mehr bloß das Band iſt, welches die Erſcheinungen unter ein⸗ ander verknüpft. (Siehe Welt als W. und V. Bd. 2. S. 12.) Um jedoch die oben angeführte Identität der Ausdehnung und der Vorſtellung von ihr näher zu erklären, ſtellt Spinoza etwas auf, welches die Anſicht des Male branche und die des Leibnitz zugleich in ſich faßt. Ganz gemäß nämlich dem Ma⸗ lebranche, ſehn wir alle Dinge in Gott: rerum singularium ideae non ipsa ideata, sive res perceptas, pro causa agnoscunt, sed ipsum Deum, quatenus est res cogitans. Eth. P. II, pr. 5; und dieſer Gott iſt auch zugleich das Reale und Wirkende in ihnen, eben wie bei Malebranche. Da jedoch Spinoza mit dem Namen Deus die Welt bezeichnet; ſo iſt dadurch am Ende nichts erklärt. Zugleich nun aber iſt bei ihm, wie bei Leibnitz, ein genauer Parallelismus zwiſchen der aus⸗ gedehnten und der vorgeſtellten Welt: ordo et connexio idearum idem est, ac ordo et connexio rerum. P. II, pr. 7 und viele ähnliche Stellen. Dies iſt die harmonia praestabilita des Leibnitz; nur daß hier nicht, wie bei dieſem, die vorgeſtellte und die objektiv ſeyende Welt völlig getrennt bleiben, bloß ver⸗ möge einer zum voraus und von außen regulirten harmonia einander entſprechend; ſondern wirklich Eines und das Selbe ſind. Wir haben hier alſo zuvörderſt einen gänzlichen Realismus, ſofern das Daſeyn der Dinge ihrer Vorſtellung in uns ganz genau entſpricht, indem ja Beide Eins ſind zt) demnach erkennen wir die Dinge an ſich: ſie ſind an ſich ſelbſt extensa, wie ſie +) Im Tractatus de emend. intell., p. 414/25 legt er entſchiedenen Realis⸗ mus an den Tag und zwar ſo, daß idea vera est diversum quid a suo ideato; etc. Jedoch iſt dieſer Traktat ohne Zweifel älter als ſeine Ethik. 10 ———— 3 — 2 8 A 8 2 der Lehre vom Idealen und Realen. auch, ſofern ſie als cogitata auftreten, d. h. in unſerer Vor⸗ ſtellung von ihnen, ſich als extensa darſtellen. (Beiläufig bemerkt, iſt hier der Urſprung der Schellingiſchen Identität des Realen und Idealen.) Begründet wird nun alles Dieſes eigentlich nur durch bloße Behauptung. Die Darſtellung iſt ſchon durch die Zweideutigkeit des in einem ganz uneigentlichen Sinne gebrauchten Wortes Deus, und auch noch außerdem, undeutlich; daher er ſich in Dunkelheit verliert und es am Ende heißt: nec impraesentiarum haec clarius possum explicare. Undeutlichkeit der Darſtellung entſpringt aber immer aus Undeutlichkeit des eigenen Verſtehns und Durchdenkens der Philoſopheme. Sehr treffend hat Vauvenargues geſagt: La clarté est la bonne foi des philosophes. (S. Revue des deux Mondes 1853, 15 Aoüt p. 635.) Was in der Muſik der „reine Satz“, das iſt in der Philoſophie die vollkommene Deutlichkeit, ſofern ſie die conditio sine qua non iſt, ohne deren Erfüllung Alles ſeinen Werth verliert und wir ſagen müſſen: quodcunque ostendis mihi sic incredulus odi. Muß man doch ſogar in Angelegenheiten des gewöhnlichen, praktiſchen Lebens ſorgfältig, durch Deutlichkeit, möglichen Miß⸗ verſtändniſſen vorbeugen; wie denn ſollte man im ſchwierigſten, abſtruſeſten, kaum erreichbaren Gegenſtande des Denkens, den Aufgaben der Philoſophie, ſich unbeſtimmt, ja räthſelhaft aus⸗ drücken dürfen? Die gerügte Dunkelheit in der Lehre des Spi⸗ noza entſpringt daraus, daß er nicht, unbefangen, von der Natur der Dinge, wie ſie vorliegt, ausgieng, ſondern vom Carteſianis⸗ mus, und demnach von allerlei überkommenen Begriffen, wie Deus, substantia, perfectio etc., die er nun, durch Umwege, mit ſeiner Wahrheit in Einklang zu ſetzen bemüht war. Er drückt, beſonders im 2ten Theil der Ethik, das Beſte ſehr oft nur indirekt aus, indem er ſtets per ambages und faſt allegoriſch redet. Andererſeits nun wieder legt Spinoza einen unverkenn⸗ baren transſcendentalen Idealismus an den Tag, nämlich eine wenn auch nur allgemeine Erkenntniß der von Locke und zumal von Kant deutlich dargelegten Wahrheiten, alſo eine wirkliche Unterſcheidung der Erſcheinung vom Ding an ſich und Anerkennung, daß nur Erſtere uns zugänglich iſt. Man ſehe Eth. P. II, prop. 16 mit dem 2ten Coroll.; prop. 17, Schol.; Prop. 18, Schol.; prop. 19; prop. 23, die es auf die Selbſt⸗ 11
Skitze einer Geschichte erkenntniß ausdehnt; prop. 25, die es deutlich ausſpricht, und endlich als resume das Coroll. zu prop. 29, welches deutlich beſagt, daß wir weder uns ſelbſt noch die Dinge erkennen, wie ſie an ſich ſind, ſondern bloß, wie ſie erſcheinen. Die Demon⸗ ſtration der prop. 27, P. III ſpricht, gleich am Anfang, die Sache 5 am deutlichſten aus. Hinſichtlich des Verhältniſſes der Lehre Spi⸗ noza's zu der des Carteſius erinnere ich hier an Das, was ich in der „Welt als W. und V.“, Bd. 2. S. 639 [3. Aufl. S. 739], darüber geſagt habe. Aber durch jenes Ausgehn von den Be⸗ griffen der Carteſianiſchen Philoſophie iſt nicht nur viel Dunkel- ro heit und Anlaß zum Mißverſtehn in die Darſtellung des Spinoza gekommen; ſondern er iſt dadurch auch in viele ſchreiende Para⸗ dorien, offenbare Falſchheiten, ja Abſurditäten und Widerſprüche gerathen, wodurch das viele Wahre und Vortreffliche ſeiner Lehre eine höchſt unangenehme Beimiſchung von ſchlechterdings Unverdaulichem erhalten hat und der Leſer zwiſchen Bewunderung und Verdruß hin und her geworfen wird. In der hier zu be⸗ trachtenden Rückſicht aber iſt der Grundfehler des Spinoza, daß er die Durchſchnittslinie zwiſchen dem Idealen und Realen, oder der ſubjektiven und objektiven Welt, vom unrechten Punkte aus 20 gezogen hat. Die Ausdehnung nämlich iſt keineswegs der Gegenſatz der Vorſtellung, ſondern liegt ganz innerhalb dieſer. Als ausgedehnt ſtellen wir die Dinge vor, und ſofern ſie aus⸗ gedehnt ſind, ſind ſie unſere Vorſtellung: ob aber, unabhängig von unſerm Vorſtellen, irgend etwas ausgedehnt, ja überhaupt 25 irgend etwas vorhanden ſei, iſt die Frage und das urſprüngliche Problem. Dieſes wurde ſpäter, durch Kant, ſoweit unleugbar richtig, gelöſt, daß die Ausdehnung, oder Räumlichkeit, einzig und allein in der Vorſtellung liege, alſo dieſer anhänge, indem der ganze Raum die bloße Form derſelben ſei; wonach denn uns 30 abhängig von unſerm Vorſtellen kein Ausgedehntes vorhanden ſeyn kann, und auch ganz gewiß nicht iſt. Die Durchſchnitts⸗ linie-des Spinoza iſt demnach ganz in die ideale Seite gefallen und er iſt bei der vorgeſtellten Welt ſtehn geblieben: dieſe alſo, bezeichnet durch ihre Form der Ausdehnung, hält er für 35 — 5 das Reale, mithin für unabhängig vom Vorgeſtelltwerden, d. h. Lız] an ſich, vorhanden. Da hat er dann freilich Recht zu ſagen, daß Das, was ausgedehnt iſt, und Das, was vorgeſtellt wird, 12 ra der Lehre vom Idealen und Realen. — d. h. unſere Vorſtellung von Körpern und dieſe Körper ſelbſt, — Eines und das Selbe ſei (P. II, pr. 7, schol.). Denn allerdings ſind die Dinge nur als Vorgeſtellte ausgedehnt und nur als Ausgedehnte vorſtellbar: die Welt als Vorſtellung und die Welt im Raume iſt una eademque res: dies können wir ganz und gar zugeben. Wäre nun die Ausdehnung eine Eigen⸗ ſchaft der Dinge an ſich; ſo wäre unſere Anſchauung eine Er⸗ kenntniß der Dinge an ſich: er nimmt es auch ſo an, und hierin beſteht ſein Realismus. Weil er aber dieſen nicht begründet, 20 nicht nachweiſt, daß unſerer Anſchauung einer räumlichen Welt eine von dieſer Anſchauung unabhängige räumliche Welt entfpricht; ſo bleibt das Grundproblem ungelöſt. Dies aber kommt eben daher, daß die Durchſchnittslinie zwiſchen dem Realen und Idealen, dem Objektiven und Subjektiven, dem Ding an ſich ss und der Erſcheinung, nicht richtig getroffen iſt: vielmehr führt er, wie geſagt, den Schnitt mitten durch die ideale, ſubjektive, erſcheinende Seite der Welt, alſo durch die Welt als Vorſtellung, zerlegt dieſe in das Ausgedehnte oder Räumliche, und unſere Vorſtellung von demſelben, und iſt dann ſehr bemüht zu zeigen, 20 daß Beide nur Eines ſind; wie ſie es auch in der. That ſind. Eben weil Spinoza ganz auf der idealen Seite der Welt bleibt, da er in dem zu ihr gehörigen Ausgedehnten ſchon das Reale zu finden vermeinte, und wie ihm demzufolge die anſchauliche Welt das einzige Reale außer uns und das Erkennende (cogi25 tans) das einzige Reale in uns iſt; — fo verlegt er auch anderer⸗ ſeits das alleinige wahrhafte Reale, den Willen, ins Ideale, in⸗ dem er ihn einen bloßen modus cogitandi ſeyn läßt, ja, ihn mit dem Urtheil identificirt. Man ſehe Eth. II. die Beweiſe der prop. 48 et 49, wo es heißt: per voluntatem intellego 30 affirmandi et negandi facultatem, — und wieder: concipiamus singularem aliquam volitionem, nempe modum cogitandi, quo mens af firmat, tres angulos trianguli aequales esse duobus rectis, worauf das Korollarium folgt: Voluntas et intellectus unum et idem sunt. — Ueberhaupt hat Spinoza 35 den großen Fehler, daß er abſichtlich die Worte mißbraucht zur Bezeichnung von Begriffen, welche in der ganzen Welt andere Namen führen, und dagegen ihnen die Bedeutung nimmt, die [12] fie überall haben: fo nennt er „Gott“, was überall „die Welt“ 13
Skitze einer Geschichte heißt; „das Recht“, was überall „die Gewalt“ heißt; und „den Willen“, was überall „das Urtheil“ heißt. Wir find ganz be⸗ rechtigt, hiebei an den Hetman der Koſaken in Kotzebue's Ben⸗ jowsky zu erinnern. — Berkeley, wenn gleich ſpäter und ſchon mit Kenntniß Locke's, gieng auf dieſem Wege der Carteſianer konſequent weiter und wurde dadurch der Urheber des eigentlichen und wahren Idealismus, d. h. der Erkenntniß, daß das im Raum Aus⸗ gedehnte und ihn Erfüllende, alſo die anſchauliche Welt über⸗ haupt, ſein Daſeyn als ein ſolches ſchlechterdings nur in unſerer Borftellung-haben kann, und daß es abſurd, ja widerſprechend iſt, ihm als einem ſolchen noch ein Daſeyn außerhalb aller Vorſtellung und unabhängig vom erkennenden Subjekt beizulegen und demnach eine an ſich ſelbſt exiſtirende Materie anzunehmen. ) Dies iſt eine ſehr richtige und tiefe Einſicht: in ihr beſteht aber auch ſeine ganze Philoſophie. Das Ideale hatte er getroffen und rein geſondert; aber das Reale wußte er nicht zu finden, bemüht ſich auch nur wenig darum und erklärt ſich nur gelegentlich, ſtückweiſe und unvollſtändig darüber. Gottes Wille und Allmacht iſt ganz unmittelbar Urſache aller Erſcheinungen der anſchaulichen Welt, d. h. aller unſerer Vorſtellungen. Wirkliche Exiſtenz kommt nur den erkennenden und wollenden Weſen zu, dergleichen wir ſelbſt ſind: dieſe alſo machen, neben Gott, das Reale aus. Sie ſind Geiſter, d. h. eben erkennende und wollende Weſen: denn Wollen und Erkennen hält auch er für ſchlechterdings unzer⸗ trennlich. Er hat mit feinen Vorgängern auch Dies gemein, daß + Den Laien in der Philoſophie, zu denen viele Doktoren derſelben gehören, ſollte man das Wort „Idealismus“ ganz aus der Hand nehmen; weil ſie nicht wiſſen, was es heißt, und allerlei Unfug damit treiben: ſie denken ſich unter Idealismus bald Spiritualismus, bald ſo ungefähr das Gegentheil der Philiſterei, und werden in ſolcher Anſicht von den vulgären Litteraten beſtärkt und beſtätigt. Die Worte „Idealismus und Realismus“ ſind nicht herrenlos, ſondern haben ihre feſtſtehende philoſophiſche Bedeutung; wer etwas Anderes meint, ſoll eben ein anderes Wort gebrauchen. — Der Gegenſatz von Idealismus und Realismus betrifft das Erkannte, das Objekt, hingegen der zwiſchen Spiritualismus und Materialismus das Erkennende, das Subjekt. (Die heutigen unwiſſenden Schmierer ver⸗ wechſeln Idealismus und Spiritualismus.) 14 — — 2 — vw Oo » A ww w der Lehre vom Idealen und Realen. er Gott für bekannter, als die vorliegende Welt, und daher eine Zurückführung auf ihn für eine Erklärung hält. Ueberhaupt legte ſein geiſtlicher, ſogar biſchöflicher Stand ihm zu ſchwere Feſſeln an und beſchränkte ihn auf einen beengenden Gedanken⸗ kreis, gegen den er nirgends anſtoßen durfte; daher er denn nicht weiter konnte, ſondern, in ſeinem Kopfe, Wahres und Falſches lernen mußte, ſich zu vertragen, ſo gut es gehn wollte. Dies läßt ſich ſogar auf die Werke aller dieſer Philoſophen, mit Aus⸗ nahme des Spinoza, ausdehnen: ſie alle verdirbt der jeder Prüfung unzugängliche, jeder Unterſuchung abgeſtorbene, mithin wirklich als eine fixe Idee auftretende jüdifche Theismus, der bei jedem Schritte ſich der Wahrheit in den Weg ſtellt; ſo daß der Schaden, den er hier im Theoretiſchen anrichtet, als Seitenſtück desjenigen auftritt, den er, ein Jahrtauſend hindurch, im Prakti⸗ ſchen, ich meine in Religionskriegen, Glaubenstribunalen und Völkerbekehrungen durch das Schwerdt, angerichtet hat. Die genaueſte Verwandtſchaft zwiſchen Malebranche, Spi⸗ noza und Berkeley iſt nicht zu verkennen: auch ſehn wir ſie ſämmtlich ausgehn vom Carteſius, ſofern ſie das von ihm in der Geſtalt des Zweifels an der Exiſtenz der Außenwelt dar⸗ gelegte Grundproblem feſthalten und zu löſen ſuchen, indem ſie die Trennung und Beziehung der idealen, ſubjektiven, d. h. in unſerer Vorſtellung allein gegebenen, und der realen, objektiven, unabhängig davon, alſo an ſich beſtehenden Welt zu erforſchen bemüht ſind. Daher iſt, wie geſagt, dieſes Problem die Axe, um welche die ganze Philoſophie neuerer Zeit ſich dreht. Von jenen Philoſophen unterſcheidet nun Locke ſich dadurch, daß er, wahrſcheinlich weil er unter Hobbes' und Bako's Ein⸗ fluß ſteht, ſich ſo nahe als möglich an die Erfahrung und den gemeinen Verſtand anſchließt, hyperphyſiſche Hypotheſen möglichſt vermeidend. Das Reale iſt ihm die Materie, und ohne ſich an den Leibnitziſchen Skrupel über die Unmöglichkeit einer Kau⸗ ſalverbindung zwiſchen der immateriellen, denkenden, und der materiellen, ausgedehnten Subſtanz zu kehren, nimmt er zwiſchen 35 ber Materie und dem erkennenden Subjekt geradezu phyſiſchen Einfluß an. Hiebei aber geht er, mit ſeltener Beſonnenheit und Redlichkeit, ſo weit, zu bekennen, daß möglicherweiſe das Erkennende und Denkende ſelbſt auch Materie ſeyn könne (on 15
Skitze einer Geschichte hum. underst. L. IV, c. 3, $ 6); was ihm fpäter dag wieder⸗ holte Lob des großen Voltaire, zu ſeiner Zeit hingegen die boshaften Angriffe eines verſchmitzten anglikaniſchen Pfaffen, des Biſchofs v. Worceſter, zugezogen hat.“) Bei ihm nun erzeugt das Reale, d. i. die Materie, im Erkennenden, durch „Impuls“, d. i. Stoß, Vorſtellungen, oder das Ideale (ibid. L. I, c. 8, § 11). Wir haben alſo hier einen recht maſſiven Realismus, der, eben durch ſeine Exorbitanz den Widerſpruch hervorrufend, den Berkeley'ſchen Idealismus veranlaßte, deſſen ſpezieller Ent ſtehungspunkt vielleicht Das iſt, was Locke, am Ende des 2. $ des 21. Kap. des 2. Buchs, mit ſo auffallend geringer Be⸗ ſonnenheit vorbringt und unter Anderm ſagt: solidity, extention, figure, motion and rest, would be really in the world, as they are, whether there were any sensible being to per) Es giebt keine lichtſcheuere Kirche, als die engliſche; weil eben keine andere fo große pekuniäre Intereſſen auf dem Spiel hat, wie fie, deren Ein⸗ künfte 5 Millionen Pfund Sterling betragen, welches 40000 Pfd. St. mehr ſeyn ſoll, als die des geſammten übrigen Chriſtlichen Klerus beider Hemiſphä⸗ ren zuſammen genommen. Andererſeits giebt es keine Nation, welche es ſo ſchmerzlich iſt, durch den degradirendeſten Köhlerglauben methodiſch verdummt zu ſehn, wie die an Intelligenz alle übrigen übertreffende engliſche. Die Wurzel des Uebels iſt, daß es in England kein Miniſterium des öffentlichen Unterrichts giebt, daher dieſer bisher ganz in den Händen der Pfaffenſchaft geblieben ift, welche dafür geſorgt hat, daß 2) der Nation nicht leſen und ſchreiben können, ja ſogar ſich gelegentlich erfrecht, mit der lächerlichſten Ver⸗ meſſenheit gegen die Naturwiſſenſchaften zu belfern. Es iſt daher Menſchen⸗ pflicht, Licht, Aufklärung und Wiſſenſchaft durch alle nur erſinnliche Kanäle nach England einzuſchwärzen, damit jenen wohlgemäſteteſten aller Pfaffen ihr Handwerk endlich gelegt werde. Engländern von Bildung auf dem Feſtlande ſoll man, wenn ſie ihren jüdiſchen Sabbatsaberglauben und ſonſtige ſtupide Bigotterie zur Schau tragen, mit unverhohlenem Spotte begegnen, — until they be shamed into common sense. Denn Dergleichen iſt ein Skandal für Europa und darf nicht länger geduldet werden. Daher ſoll man niemals, auch nur im gemeinen Leben, der engliſchen Kirchenſuperſtition die mindeſte Konceſſion machen, ſondern wo immer ſie laut werden will, ihr ſofort auf das Schneidendeſte entgegen treten: Denn keine Arroganz geht über Eng⸗ liſcher Pfaffen Arroganz: dieſe muß daher auf dem Feſtlande ſo viel De⸗ müthigung erfahren, daß ſie eine Portion davon mit nach Hauſe trägt, als wo es daran fehlt. Denn die Dreiſtigkeit Anglikaniſcher Pfaffen und Pfaffenknechte iſt, bis auf den heutigen Tag, ganz unglaublich, ſoll daher auf ihre Inſel gebannt bleiben und, wenn ſie es wagt, ſich auf dem Feſt⸗ lande ſehn zu laſſen, ſofort die Rolle der Eule bei Tage ſpielen müſſen. 16 [14] 0 0 0 5 1 ——— . 9——— der Lehre vom Idealen und Realen. ceive them, or not. (Undurchdringlichkeit, Ausdehnung, Ge⸗ ſtalt, Bewegung und Ruhe würden, wie ſie ſind, wirklich in der Welt ſeyn, gleichviel ob es irgend ein empfindendes Weſen, ſie wahrzunehmen, gäbe, oder nicht.) Sobald man nämlich ſich 5 hierüber beſinnt, muß man es als falſch erkennen: dann aber ſteht der Berkeley ſche Idealismus da und iſt unleugbar. In zwiſchen überſieht auch Locke nicht jenes Grundproblem, die Kluft zwiſchen den Vorſtellungen in uns und den unabhängig von uns exiſtirenden Dingen, alſo den Unterſchied des Idealen 10 und Realen: in der Hauptſache fertigt er es jedoch ab durch Argumente des geſunden, aber rohen Verſtandes und durch Be⸗ rufung auf das Zureichende unſerer Erkenntniß von den Dingen für praktiſche Zwecke (ibid. L. IV, c. 4 et 9); was offenbar nicht zur Sache iſt und nur zeigt, wie tief hier der Empirismus ı5 unter dem Problem bleibt. Nun aber führt eben fein Realis⸗ mus ihn dahin, das in unſerer Erkenntniß dem Realen Ent⸗ [5] ſprechende zu beſchränken auf die den Dingen, wie fie an ſich ſelbſt find, inhärirenden Eigenſchaften und dieſe zu unterſchei⸗ den von den bloß unſerer Erkenntniß derſelben, alſo allein dem 20 Idealen, angehörenden: demgemäß nennt er nun dieſe die ſe⸗ kundären, jene erſteren aber die primären Eigenſchaften. Dieſes iſt der Urſprung des ſpäter, in der Kantiſchen Philoſophie, ſo höchſt wichtig werdenden Unterſchiedes zwiſchen Ding an ſich und Erſcheinung. Hier alſo iſt der wahre genetiſche Anknüpfungs⸗ punkt der Kantiſchen Lehre an die frühere Philoſophie, nämlich an Locke. Befördert und näher veranlaßt wurde jene durch Hume's ſkeptiſche Einwürfe gegen Locke's Lehre: hingegen hat ſie zur Leibnitz-Wolfiſchen Philoſophie nur ein polemiſches Verhältniß. Als jene primären Eigenſchaften nun, welche ausſchließlich Beſtimmungen der Dinge an ſich ſelbſt ſeyn, mithin ihnen auch außerhalb unſerer Vorſtellung und unabhängig von dieſer zukom⸗ men ſollen, ergeben ſich lauter ſolche, welche man an ihnen nicht wegdenken kann: nämlich Ausdehnung, Undurchdringlichkeit, Ge⸗ 35 ftalt, Bewegung, oder Ruhe, und Zahl. Alle übrigen werden als ſekundär erkannt, nämlich als Erzeugniſſe der Einwirkung jener primären Eigenſchaften auf unſere Sinnesorgane, folglich als bloße Empfindungen in dieſen: dergleichen ſind Farbe, Ton, 2 A “ws D 17
Skitze einer Geschichte Geſchmack, Geruch, Härte, Weiche, Glätte, Rauhigkeit u. f. w. Dieſe haben demnach mit der fie erregenden Befchaffenheit in den Dingen an ſich nicht die mindeſte Aehnlichkeit, ſondern ſind zurückzuführen auf jene primären Eigenſchaften als ihre Urſachen, und dieſe allein ſind rein objektiv und wirklich in den Dingen vorhanden. (ibid. L. I, c. 8, $ 7, seqq.) Von dieſen find daher unſere Vorſtellungen derſelben wirklich getreue Kopien, welche genau die Eigenſchaften wiedergeben, die in den Dingen an ſich ſelbſt vorhanden find (J. o. $ 15. Ich wünſche dem Leſer Glück, welcher hier das Poſſirlichwerden des Realismus wirklich empfindet). Wir ſehn alſo, daß Locke von der Beſchaffenheit der Dinge an ſich, deren Vorſtellungen wir von außen empfangen, in Abrech⸗ nung bringt, was Aktion der Nerven der Sinnesorgane iſt: eine leichte, faßliche, unbeſtreitbare Betrachtung. Auf dieſem Wege aber that ſpäter Kant den unermeßlich größern Schritt, auch in Abrechnung zu bringen was Aktion unſers Gehirns (dieſer ungleich größern Nervenmaſſe) iſt; wodurch alsdann alle jene angeblich primären Eigenſchaften zu ſekundären und die ver⸗ meintlichen Dinge an ſich zu bloßen Erſcheinungen herabſinken, das wirkliche Ding an ſich aber, jetzt auch von jenen Eigenſchaften entblößt, als eine ganz unbekannte Größe, ein bloßes x, übrig bleibt. Dies erforderte nun freilich eine ſchwierige, tiefe, gegen Anfechtungen des Mißverſtandes und Unverſtandes lange zu ver⸗ theidigende Analyſe. Locke deducirt ſeine primären Eigenſchaften der Dinge nicht, giebt auch weiter keinen Grund an, warum gerade dieſe und keine andern rein objektiv ſeien, als nur den, daß ſie unvertilgbar ſind. Forſchen wir nun ſelbſt, warum er diejenigen Eigenſchaften der Dinge, welche ganz unmittelbar auf die Empfindung wirken, folg⸗ lich geradezu von außen kommen, für nicht objektiv vorhanden erklärt, hingegen Dies denen zugeſteht, welche (wie ſeitdem erkannt worden) aus den ſelbſteigenen Funktionen unſers Intellekts ent⸗ ſpringen; ſo iſt der Grund hievon dieſer, daß das objektiv an⸗ ſchauende Bewußtſeyn (das Bewußtſeyn anderer Dinge) noth⸗ wendig eines komplicirten Apparats bedarf, als deſſen Funktion es auftritt, folglich ſeine weſentlichſten Grundbeſtimmungen ſchon von innen feſtgeſtellt ſind, weshalb die allgemeine Form, d. i. Art und Weiſe, der Anſchauung, aus der allein das a priori Er⸗ 18 5 — 0 17 [16 » 0 0 5 0 — — nie der Lehre vom Idealen und Realen. kennbare hervorgehn kann, ſich darſtellt als das Grundgewebe der angeſchauten Welt und demnach auftritt als das ſchlechthin Nothwendige, Ausnahmsloſe und auf keine Weiſe je Wegzubrin⸗ gende, ſo daß es als Bedingung alles Uebrigen und ſeiner man⸗ 5 nigfaltigen Verſchiedenheit ſchon zum Voraus feſtſteht. Bekanntlich iſt Dies zunächſt Zeit und Raum und was aus ihnen folgt und nur durch ſie möglich iſt. An ſich ſelbſt ſind Zeit und Raum leer: ſoll nun etwas hineinkommen; ſo muß es auftreten als Materie, d. h. aber als ein Wirkendes, mithin als Kauſa⸗ zo lität: denn die Materie iſt durch und durch lautere Kauſalität: ihr Seyn beſteht in ihrem Wirken, und umgekehrt: ſie iſt eben nur die objektiv aufgefaßte Verſtandesform der Kaufalität ſelbſt. (Ueb. die vierf. Wurzel d. Satzes v. Grunde, 2. Aufl., S. 77 [3. Aufl., S. 82]; wie auch Welt als W. und V., Bd. 1, S. 9 und 15 Bd. 2, S. 48 und 49 [3. Aufl., Bd. 1, S. 10 und Bd. 2, S. 52 und 53.) Daher alſo kommt es, daß Locke's primäre Eigenſchaften lauter [17] ſolche find, die fich nicht wegdenken laſſen, — welches eben deutlich genug ihren ſubjektiven Urſprung anzeigt, indem ſie unmittelbar aus der Beſchaffenheit des Anſchauungsapparats ſelbſt hervorgehn, — 20 daß er mithin gerade Das, was, als Gehirnfunktion, noch viel ſubjektiver iſt, als die direkt von außen veranlaßte, oder doch wenigſtens näher beſtimmte Sinnesempfindung, für ſchlechthin objektiv hält. Inzwiſchen iſt es ſchön zu ſehn, wie, durch alle dieſe verſchie⸗ 25 denen Auffaſſungen und Erklärungen, das von Carteſius auf⸗ geworfene Problem des Verhältniſſes zwiſchen dem Idealen und dem Realen immer mehr entwickelt und aufgehellt, alſo die Wahr⸗ heit gefördert wird. Freilich geſchah Dies unter Begünſtigung der Zeitumſtände, oder richtiger der Natur, als welche in dem 30 kurzen Zeitraum zweier Jahrhunderte über ein halbes Dutzend denkender Köpfe in Europa geboren werden und zur Reife ge⸗ deihen ließ; wozu, als Angebinde des Schickſals, noch kam, daß dieſe, mitten in einer nur dem Nutzen und Vergnügen fröhnen⸗ den, alſo niedrig geſinnten Welt, ihrem erhabenen Berufe folgen 35 durften, unbekümmert um das Belfern der Pfaffen und das Faſeln, oder abſichtsvolle Treiben, der jedesmaligen Philoſophie⸗ profeſſoren. Da nun Locke, ſeinem ſtrengen Empirismus gemäß, auch 19
Skitze einer Geschichte das Kauſalitätsverhältniß uns erft durch die Erfahrung bekannt werden ließ, beſtritt Hume nicht, wie Recht geweſen wäre, dieſe falſche Annahme; ſondern, indem er ſofort das Ziel überſchoß, die Realität des Kauſalitätsverhältniſſes ſelbſt, und zwar durch die an ſich richtige Bemerkung, daß die Erfahrung doch nie mehr, als ein bloßes Folgen der Dinge auf einander, nicht aber ein eigentliches Erfolgen und Bewirken, einen nothwendigen Zuſam⸗ menhang, ſinnlich und unmittelbar, geben könne. Es iſt allbe⸗ kannt, wie dieſer ſkeptiſche Einwurf Hume's der Anlaß wurde zu Kants ungleich tieferen Unterſuchungen der Sache, welche ihn zu dem Reſultat geführt haben, daß die Kauſalität, und dazu auch noch Raum und Zeit, a priori von uns erkannt werden, d. h. vor aller Erfahrung in uns liegen, und daher zum ſub⸗ jektiven Antheil der Erkenntniß gehören; woraus dann weiter folgt, daß alle jene primären, d. i. abſoluten Eigenſchaften der Dinge, welche Locke feſtgeſtellt hatte, da ſie ſämmtlich aus reinen Beſtimmungen der Zeit, des Raums und der Kauſalität zuſam⸗ mengeſetzt ſind, nicht den Dingen an ſich ſelbſt eigen ſeyn kön⸗ nen, ſondern unſerer Erkenntnißweiſe derſelben inhäriren, folglich nicht zum Realen, ſondern zum Idealen zu zählen ſind; woraus dann endlich ſich ergiebt, daß wir die Dinge in keinem Betracht erkennen, wie ſie an ſich ſind, ſondern einzig und allein in ihren Erſcheinungen. Hienach nun aber bleibt das Reale, das Ding an ſich ſelbſt, als ein völlig Unbekanntes, ein bloßes x, ſtehn, und fällt die ganze anſchauliche Welt dem Idealen zu, als eine bloße Vorſtellung, eine Erſcheinung, der jedoch, eben als ſolcher, irgendwie ein Reales, ein Ding an ſich, entſprechen muß. — Von dieſem Punkte aus habe endlich ich noch einen Schritt gethan und glaube, daß es der letzte ſeyn wird; weil ich das Problem, um welches ſeit Carteſius alles Philoſophiren ſich dreht, dadurch gelöſt habe, daß ich alles Seyn und Erkennen zurückführe auf die beiden Elemente unſers Selbſtbewußtſeyns, alſo auf etwas, worüber hinaus es kein Erklärungsprincip mehr geben kann; weil es das Unmittelbarſte und alſo Letzte iſt. Ich habe nämlich mich darauf beſonnen, daß zwar, wie ſich aus den hier dargelegten Forſchungen aller meiner Vorgänger ergiebt, das abſolut Reale, oder das Ding an ſich ſelbſt, uns nimmermehr geradezu von außen, auf dem Wege der bloßen Vorſtellung, 20 — 0 118] 0 ws Den I 8 I A [19] 20 25 der Lehre vom Idealen und Realen. gegeben werden kann, weil es unvermeidlich im Weſen dieſer liegt, ſtets nur das Ideale zu liefern; daß hingegen, weil doch wir ſelbſt unſtreitig real ſind, aus dem Innern unſers eigenen Weſens die Erkenntniß des Realen irgendwie zu ſchöpfen ſeyn muß. In der That nun tritt es hier, auf eine unmittelbare Weiſe, in's Bewußtſeyn, nämlich als Wille. Danach fällt nunmehr bei mir die Durchſchnittslinie zwiſchen dem Realen und Idealen ſo aus, daß die ganze anſchauliche und objektiv ſich darſtellende Welt, mit Einſchluß des eigenen Leibes eines Jeden, ſammt Raum und Zeit und Kauſalität, mithin ſammt dem Ausgedehnten des Spi⸗ noza und der Materie des Locke, als Vorſtellung, dem Idealen angehört; als das Reale aber allein der Wille übrig bleibt, welchen meine ſämmtlichen Vorgänger unbedenklich und unbeſehen, als ein bloßes Reſultat der Vorſtellung und des Den⸗ kens, ins Ideale, geworfen hatten, ja, welchen Carteſius und Spinoza ſogar mit dem Urtheil identificirten.“) Dadurch iſt nun auch bei mir die Ethik ganz unmittelbar und ohne allen Ver⸗ gleich feſter mit der Metaphyſik verknüpft, als in irgend einem andern Syſteme, und ſo die moraliſche Bedeutung der Welt und des Daſeyns feſter geſtellt, als jemals. Wille und Vorſtel⸗ lung allein ſind von Grund aus verſchieden, ſofern ſie den letzten und fundamentalen Gegenſatz in allen Dingen der Welt ausmachen und nichts weiter übrig laſſen. Das vorgeſtellte Ding und die Vorſtellung von ihm iſt das Selbe, aber auch nur das vorge— ſtellte Ding, nicht das Ding an ſich ſelbſt: dieſes iſt ſtets Wille, unter welcher Geſtalt auch immer er ſich in der Vorſtel⸗ lung darſtellen mag. *) Spinoza, l. c. — Cartesius, in meditationibus de prima philosophia, Medit. 4, p. 28. 21
Anhang. Leſer, welche mit Dem, was im Laufe dieſes Jahrhunderts in Deutſchland für Philoſophie gegolten hat, bekannt ſind, könn⸗ ten vielleicht ſich wundern, in dem Zwiſchenraume zwiſchen Kant und mir, weder den Fichte'ſchen Idealismus noch das Syſtem der 5 abſoluten Identität des Realen und Idealen erwähnt zu ſehn, als welche doch unſerm Thema ganz eigentlich anzugehören ſcheinen. Ich habe ſie aber deswegen nicht mit aufzählen können, weil, meines Erachtens, Fichte, Schelling und Hegel Feine Philoſophen ſind, indem ihnen das erſte Erforderniß hiezu, Ernſt und 10 Redlichkeit des Forſchens, abgeht. Sie ſind bloße Sophiſten: ſie wollten ſcheinen, nicht ſeyn, und haben nicht die Wahrheit, ſon⸗ dern ihr eigenes Wohl und Fortkommen in der Welt geſucht. Anſtellung von den Regierungen, Honorar von Studenten und Buchhändlern und, als Mittel zu dieſem Zweck, möglichſt viel 15 Aufſehn und Spektakel mit ihrer Scheinphiloſophie, — Das waren die Leitſterne und begeiſternden Genien dieſer Schüler der Weis⸗ heit. Daher beſtehn fie nicht die Eintrittskontrole und können nicht eingelaſſen werden in die ehrwürdige Geſellſchaft der Denker für das Menſchengeſchlecht. . e Inzwiſchen haben fie in Einer Sache excellirt, nämlich in der Kunſt, das Publikum zu berücken und ſich für Das, was ſie nicht waren, geltend zu machen; wozu unſtreitig Talent gehört, nur nicht philoſophiſches. Daß ſie hingegen in der Philoſophie nichts Wirkliches leiſten konnten, lag, im letzten Grunde, daran, 25 daß ihr Intellekt nicht frei geworden, ſondern im Dienfte des Willens geblieben war: da kann er zwar für dieſen und [20] 22 Ankang. deſſen Zwecke außerordentlich viel leiſten, für die Philoſophie hin⸗ gegen, wie für die Kunſt, nichts. Denn dieſe machen gerade zur erſten Bedingung, daß der Intellekt bloß aus eigenem An⸗ triebe thätig ſei und, für die Zeit dieſer Thätigkeit, aufhöre, dem s Willen dienſtbar zu ſeyn, d. h. die Zwecke der eigenen Perſon im Auge zu haben. Er ſelbſt aber, wenn allein aus eigenem Triebe thätig, kennt, ſeiner Natur nach, keinen andern Zweck, als eben nur die Wahrheit. Daher reicht es, um ein Philoſoph, d. h. ein Liebhaber der Weisheit (die keine andere als die Wahr⸗ 10 heit iſt) zu ſeyn, nicht hin, daß man die Wahrheit liebe, ſoweit ſie mit dem eigenen Intereſſe, oder dem Willen der Vorgeſetzten, oder den Satzungen der Kirche, oder den Vorurtheilen und dem Geſchmack der Zeitgenoſſen, vereinbar iſt: ſo lange man es dabei bewenden läßt, iſt man nur ein pov roc, kein Puikocopoc. Denn 15 dieſer Ehrentitel iſt eben dadurch ſchön und weiſe erſonnen, daß er beſagt, man liebe die Wahrheit ernſtlich und von ganzem Her⸗ zen, alſo unbedingt, ohne Vorbehalt, über Alles, ja, nöthigenfalls, Allem zum Trotz. Hievon nun aber iſt der Grund eben der oben angegebene, daß der Intellekt frei geworden iſt, in welchem 20 Zuſtande er gar kein anderes Intereſſe auch nur kennt und ver⸗ ſteht, als das der Wahrheit: die Folge aber iſt, daß man alsdann gegen allen Lug und Trug, welches Kleid er auch trage, einen unverſöhnlichen Haß faßt. Damit wird man freilich es in der Welt nicht weit bringen; wohl aber in der Philoſophie. — Hin⸗ 25 gegen iſt es, für dieſe, ein ſchlimmes Auſpicium, wenn man, angeblich auf die Erforſchung der Wahrheit ausgehend, damit anfängt, aller Aufrichtigkeit, Redlichkeit, Lauterkeit, Lebewohl zu ſagen, und nur darauf bedacht iſt, ſich für Das geltend zu machen, was man nicht iſt. Dann nimmt man, eben wie jene drei So⸗ 30 phiſten, bald ein falſches Pathos, bald einen erkünſtelten hohen Ernſt, bald die Miene unendlicher Ueberlegenheit an, um zu imponiren, wo man überzeugen zu können verzweifelt, ſchreibt unüberlegt, weil man, nur um zu ſchreiben denkend, das Denken bis zum Schreiben aufgeſpart hatte, ſucht jetzt palpable Sophis⸗ men als Beweiſe einzuſchwärzen, hohlen und ſinnleeren Wortkram für tiefe Gedanken auszugeben, beruft ſich auf intellektuelle An⸗ [27] ſchauung, oder auf abſolutes Denken und Selbſtbewegung der Bes griffe, perhorrescirt ausdrücklich den Standpunkt der „Reflerion“, 3 Schopenhauer, Werke V 23
Anhang. d. h. der vernünftigen Beſinnung, unbefangenen Ueberlegung und redlichen Darſtellung, alſo überhaupt den eigentlichen, normalen Gebrauch der Vernunft, deklarirt demgemäß eine unendliche Ver⸗ achtung gegen die „Reflexionsphiloſophie“, mit welchem Namen man jeden zuſammenhängenden, Folgen aus Gründen ableitenden Gedankengang, wie er alles frühere Philoſophiren ausmacht, be⸗ zeichnet, und wird demnach, wenn man dazu mit genugſamer und durch die Erbärmlichkeit des Zeitalters ermuthigter Frechheit aus⸗ geſtattet iſt, ſich etwan ſo darüber auslaſſen: „Es iſt nicht ſchwer „einzuſehn, daß die Manier, einen Satz aufzuſtellen, Gründe 10 „für ihn anzuführen, und den entgegengeſetzten durch Gründe „eben ſo zu widerlegen, nicht die Form iſt, in der die Wahrheit „auftreten kann. Die Wahrheit iſt die Bewegung ihrer an ſich „ſelbſt“ u. ſ. w. (Hegel, Vorrede zur Phänomenologie des Geiſtes, S. LVII, in der Geſammtausgabe S. 36). Ich denke, 15 es iſt nicht ſchwer einzufehn, daß wer Dergleichen voranſchickt, ein unverſchämter Scharlatan iſt, der die Gimpel bethören will und merkt, daß er an den Deutſchen des 19. Jahrhunderts ſeine Leute gefunden hat. Wenn man alſo demgemäß, angeblich dem Tempel der 20 Wahrheit zueilend, die Zügel dem Intereſſe der eigenen Perſon übergiebt, welches ſeitabwärts und nach ganz andern Leitſternen blickt, etwan nach dem Geſchmack und den Schwächen der Beitgenoſſen, nach der Religion des Landes, beſonders aber nach den Abſichten und Winken der Regierenden, — o wie ſollte man da 25 den auf hohen, abſchüſſigen, kahlen Felſen gelegenen Tempel der Wahrheit erreichen! — Wohl mag man dann, durch das ſichere Band des Intereſſes, eine Schaar recht eigentlich hoffnungsvoller, nämlich Protektion und Anſtellungen hoffender Schüler an ſich knüpfen, die zum Schein eine Sekte, in der That eine Faktion 3° bilden, von deren vereinigten Stentorſtimmen man nunmehr ‚ale ein Weiſer ohne Gleichen in alle vier Winde ausgeſchrien wird: das Intereſſe der Perſon wird befriedigt, das der Wahrheit iſt verrathen. n Aus dieſem Allen erklärt ſich die peinliche Empfindung, 35 von der man ergriffen wird, wenn man, nach dem Studio der im Obigen durchmuſterten wirklichen Denker, an die Schriften [22] Fichtes und Schellings, oder gar an den, mit gränzenloſem, aber 24 Anhang. gerechtem Vertrauen zur deutſchen Niaiſerie, frech hingeſchmierten Unſinn Hegels geht.“) Bei Jenen hatte man überall ein red⸗ liches Forſchen nach Wahrheit und ein eben ſo redliches Be⸗ mühen, ihre Gedanken Andern mitzutheilen, gefunden. Daher 5 fühlt wer im Kant, Locke, Hume, Malebranche, Spinoza, Carte⸗ ſius lieſt ſich erhoben und von Freude durchdrungen: dies wirkt die Gemeinſchaft mit einem edlen Geiſte, welcher Gedanken hat und Gedanken erweckt, denkt und zu denken giebt. Das Umgekehrte von dieſem Allen findet Statt, beim Leſen der oben genannten drei ro deutſchen Sophiſten. Ein Unbefangener, der ein Buch von ihnen aufmacht und dann ſich frägt, ob Dies der Ton eines Denkers, der belehren, oder der eines Scharlatans, der täuſchen will, ſei, kann nicht fünf Minuten darüber in Zweifel bleiben: ſo ſehr athmet hier Alles Unredlichkeit. Der Ton ruhiger Unterſuchung, der alle bis⸗ 15 herige Philoſophie charakteriſirt hatte, iſt vertauſcht gegen den der unerſchütterlichen Gewißheit, wie er der Scharlatanerie in jeder Art und jeder Zeit eigen ift, die aber hier beruhen ſoll auf vor⸗ geblich unmittelbarer, intellektualer Anſchauung, oder abſolutem, d. h. vom Subjekt, alſo auch feiner Fehlbarkeit, unabhängigem 20 Denken. Aus jeder Seite, jeder Zeile ſpricht das Bemühen, den Leſer zu berücken, zu betrügen, bald ihn durch Imponiren zu ver⸗ dutzen, bald ihn durch unverſtändliche Phraſen, ja durch baaren Unſinn, zu betäuben, bald ihn durch die Frechheit im Behaupten [23] zu verblüffen, kurz, ihm Staub in die Augen zu freuen und ihn 25 nach Möglichkeit zu myſtificiren. Daher kann die Empfindung, Die Hegel'ſche Afterweisheit iſt recht eigentlich jener Mühlſtein im Kopfe des Schülers im Fauſt. Wenn man einen Jüngling abſichtlich ver= dummen und zu allem Denken völlig unfähig machen will; ſo giebt es kein probateres Mittel, als das fleißige Studium Hegelſcher Originalwerke: denn 30 dieſe monſtroſen Zuſammenfügungen von Worten, die ſich aufheben und wi⸗ derſprechen, ſo daß der Geiſt irgend etwas dabei zu denken vergeblich ſich abmartert, bis er endlich ermattet zuſammenſinkt, vernichten in ihm allmälig die Fähigkeit zum Denken ſo gänzlich, daß, von Dem an, hohle, leere Flos⸗ keln ihm für Gedanken gelten. Dazu nun noch die durch Wort und Beiſpiel 35 aller Reſpektsperſonen dem Jünglinge beglaubigte Einbildung, jener Wort⸗ kram ſei die wahre, hohe Weisheit! — Wenn ein Mal ein Vormund beſor⸗ gen ſollte, ſein Mündel könnte für ſeine Pläne zu klug werden; ſo ließe ſich durch ein fleißiges Studium der Hegel'ſchen Philoſophie dieſem Unglück vorbeugen. a“ 25
Anhang. welche man bei dem in Rede ſtehenden Uebergange, in Hinſicht auf das Theoretiſche ſpürt, derjenigen verglichen werden, welche, in Hinſicht auf das Praktiſche, Einer haben mag, der, aus einer Geſellſchaft von Ehrenmännern kommend, in eine Gaunerherberge gerathen wäre. Welch ein würdiger Mann iſt doch der von eben jenen drei Sophiſten ſo gering geſchätzte und verſpottete Chriſtian Wolf, in Vergleich mit ihnen! Er hatte und gab doch wirkliche Gedanken: ſie aber bloße Wortgebilde, Phraſen, in der Abſicht zu täuſchen. Demnach iſt der wahre, unterſchei⸗ dende Charakter der Philoſophie dieſer ganzen, ſogenannten Nach⸗ kantiſchen Schule Unredlichkeit, ihr Element blauer Dunſt und perſönliche Zwecke ihr Ziel. Ihre Koryphäen waren be⸗ müht, zu ſcheinen, nicht zu ſeyn: ſie ſind daher Sophiſten, nicht Philoſophen. Spott der Nachwelt, der ſich auf ihre Ver⸗ ehrer erſtreckt, und dann Vergeſſenheit warten ihrer. Mit der angegebenen Tendenz dieſer Leute hängt, beiläufig geſagt, auch der zankende, ſcheltende Ton zuſammen, der, als obligate Begleitung, überall Schellings Schriften durchzieht. — Wäre nun dieſem Allen nicht ſo, wäre mit Redlichkeit, ſtatt mit Imponiren und Wind⸗ beuteln zu Werke gegangen worden; ſo könnte Schelling, als welcher entſchieden der Begabteſte unter den Dreien iſt, in der Philoſophie doch den untergeordneten Rang eines vor der Hand nützlichen Eklektikers einnehmen; ſofern er aus den Lehren des Plotinos, des Spinoza, Jakob Böhmes, Kants und der Natur⸗ wiſſenſchaft neuerer Zeit ein Amalgam bereitet hat, das die große Leere, welche die negativen Reſultate der Kantiſchen Philoſophie herbeigeführt hatten, einſtweilen ausfüllen konnte, bis ein Mal eine wirklich neue Philoſophie herankäme und die durch jene ge⸗ forderte Befriedigung eigentlich gewährte. Namentlich hat er die Naturwiſſenſchaft unſers Jahrhunderts dazu benutzt, den Spinoza' ſchen abſtrakten Pantheismus zu beleben. Spinoza näm⸗ lich, ohne alle Kenntniß der Natur, hatte bloß aus abſtrakten Begriffen in den Tag hinein philoſophirt und daraus, ohne die Dinge ſelbſt eigentlich zu kennen, ſein Lehrgebäude aufgeführt. Dieſes dürre Skelett mit Fleiſch und Farbe bekleidet, ihm, ſo gut es gehn wollte, Leben und Bewegung ertheilt zu haben, mittelſt An⸗ wendung der unterdeſſen herangereiften Naturwiſſenſchaft auf die⸗ ſelbe, wenn gleich oft mit falſcher Anwendung, dies iſt das nicht 26 — — 0 0 5 0 5 5 ——— Anhang. abzuleugnende Verdienſt Schellings in feiner Naturphiloſophie, die eben auch das Beſte unter ſeinen mannigfachen Verſuchen und neuen Anläufen iſt. Wie Kinder mit den zu ernſten Zwecken beſtimmten Waffen, 5 oder ſonſtigem Geräthe der Erwachſenen ſpielen, fo haben die hier in Betracht genommenen drei Sophiſten es mit dem Gegen⸗ ſtande, über deſſen Behandlung ich hier referire, gemacht, in⸗ dem ſie zu den mühſäligen, zweihundertjährigen Unterſuchungen grübelnder Philoſophen das komiſche Widerſpiel lieferten. Nach⸗ 10 dem nämlich Kant das große Problem des Verhältniſſes zwi⸗ 2% ſchen dem an ſich Exiſtirenden und unſern Vorſtellungen mehr als je auf die Spitze geſtellt und dadurch es der Löſung um ein Vieles näher gebracht hatte, tritt Fichte auf mit der Behaup⸗ tung, daß hinter den Vorſtellungen weiter nichts ſtäke; ſie wären 15 eben nur Produkte des erkennenden Subjekts, des Ich. Während er hiedurch Kanten zu überbieten ſuchte, brachte er bloß eine Karikatur der Philoſophie deſſelben zu Tage, indem er, unter be⸗ ſtändiger Anwendung der jenen drei Pſeudophiloſophen bereits nachgerühmten Methode, das Reale ganz aufhob und nichts als 20 das Ideale übrig ließ. Dann kam Schelling, der, in ſeinem Syſtem der abſoluten Identität des Realen und Idealen, jenen ganzen Unterſchied für nichtig erklärte, und behauptete, das Ideale ſei auch das Reale, es ſei eben Alles Eins; wodurch er das ſo mühſam, mittelſt der allmälig und ſchrittweiſe ſich entwickelnden 25 Beſonnenheit, Geſonderte wieder wild durch einander zu werfen und Alles zu vermiſchen trachtete (Schelling, vom Verhältniß der Naturphil. zur Fichte'ſchen, S. 14— 21). Der Unterſchied des Idealen und Realen wird eben dreiſt weggeleugnet, unter Nachahmung der oben gerügten Fehler Spinoza's. Dabei wer⸗ 30 den ſogar Leibnitzens Monaden, dieſe monſtroſe Identifikation zweier Undinge, nämlich der Atome und der untheilbaren, ur⸗ ſprünglich und weſentlich erkennenden Individuen, genannt See⸗ len, wieder hervorgeholt, feierlich apotheoſirt und zu Hülfe ge⸗ nommen (Schelling, Ideen z. Naturphil. 2. Aufl. S. 38 u. 82). 35 Den Namen der Identitätsphiloſophie führt die Schelling' ſche Naturphiloſophie, weil ſie, in Spinoza's Fußſtapfen tretend, drei Unterſchiede, die dieſer aufgehoben hatte, ebenfalls aufhebt, näm⸗ lich den zwiſchen Gott und Welt, den zwiſchen Leib und Seele, 27
Anhang. und endlich auch den zwiſchen dem Idealen und Realen in der angeſchauten Welt. Dieſer letztere Unterſchied aber hängt, wie oben, bei Betrachtung Spinoza's, gezeigt worden, keineswegs von jenen beiden andern ab; ſo wenig, daß, je mehr man ihn hervorgehoben hat, deſto mehr jene beiden andern dem Zweifel unterlegen ſind: denn ſie ſind auf dogmatiſche Beweiſe (die Kant umgeſtoßen hat) gegründet, er hingegen auf einen einfachen Akt der Beſinnung. Dem Allen entſprechend wurde von Schelling auch die Metaphyſik mit der Phyſik identificirt, und demgemäß auf eine bloß phyſikaliſch⸗chemiſche Diatribe der hohe Titel „von der Weltſeele“ geſetzt. Alle eigentlich metaphyſiſchen Probleme, wie ſie dem menſchlichen Bewußtſeyn ſich unermüdlich aufdringen, ſollten durch ein dreiſtes Wegleugnen, mittelſt Machtſprüchen, be⸗ ſchwichtigt werden. Hier iſt die Natur eben weil ſie iſt, aus ſich ſelbſt und durch ſich ſelbſt, wir ertheilen ihr den Titel Gott, damit iſt ſie abgefunden und wer mehr verlangt iſt ein Narr: der Unterſchied zwiſchen Subjektivem und Objektivem iſt eine bloße Schulfakſe, ſo auch die ganze Kantiſche Philoſophie, deren Unterſcheidung von a priori und a posteriori nichtig iſt: unſere empiriſche Anſchauung liefert ganz eigentlich die Dinge an ſich u. ſ. w. Man ſehe „Ueber das Verhältniß der Naturphiloſophie zur Fichte'ſchen“ S. 51 und 67, woſelbſt auch S. 61 ausdrück⸗ lich geſpottet wird über Die, „welche recht eigentlich darüber er⸗ ſtaunen, daß nicht nichts iſt, und ſich nicht ſatt darüber wundern können, daß wirklich etwas exiſtirt“. So ſehr alſo ſcheint dem Herrn von Schelling ſich Alles von ſelbſt zu verſtehn. Im Grunde aber iſt ein dergleichen Gerede eine in vornehme Phraſen gehüllte Appellation an den ſogenannten geſunden, d. h. rohen Verſtand. Uebrigens erinnere ich hier an das im 2. Bande meines Hauptwerks, Kap. 17 gleich Anfangs, Geſagte. Für unſern Gegenſtand bezeichnend und gar naiv iſt im angeführten Buche Schellings noch die Stelle S. 69: „Hätte die Empirie „ihren Zweck vollkommen erreicht; ſo würde ihr Gegenſatz mit „der Philoſophie und mit dieſem die Philoſophie ſelbſt, als eigene „Sphäre oder Art der Wiſſenſchaft, verſchwinden: alle Abſtrak⸗ „tionen löſten ſich auf in die unmittelbare „freundliche“ An⸗ „ſchauung: das Höchſte wäre ein Spiel der Luſt und der Ein⸗ „falt, das Schwerſte leicht, das Unſinnlichſte ſinnlich, und der 28 25 DS w w 0 0 5 — — — — — Anhang. „Menſch dürfte froh und frei im Buche der Natur leſen.“ — Das wäre freilich allerliebſt! Aber fo fteht es nicht mit uns: dem Denken läßt ſich nicht ſo die Thüre weiſen. Die ernſte, alte Sphinx mit ihrem Räthſel liegt unbeweglich da und ſtürzt ſich 5 darum, daß ihr fie für ein Geſpenſt erklärt, nicht vom Felſen. Als, eben deshalb, Schelling ſpäter ſelbſt merkte, daß die meta⸗ phyſiſchen Probleme ſich nicht durch Machtſprüche abweiſen laſſen, lieferte er einen eigentlich metaphyſiſchen Verſuch, in ſeiner Ab⸗ handlung über die Freiheit, welche jedoch ein bloßes Phantaſie⸗ 126] ſtück, ein conte bleu, iſt, daher es eben kommt, daß der Vortrag, jo oft er den demonſtrirenden Ton annimmt (z. B. S. 453 ff.), eine entſchieden komiſche Wirkung hat. N Durch ſeine Lehre von der Identität des Realen und Idea⸗ len hatte demnach Schelling das Problem, welches, ſeit Carte⸗ ſius es auf die Bahn gebracht, von allen großen Denkern be⸗ handelt und endlich von Kant auf die äußerſte Spitze getrieben war, dadurch zu löſen geſucht, daß er den Knoten zerhaute, in⸗ dem er den Gegenſatz zwiſchen Beiden ableugnete. Mit Kanten, von dem er auszugehn vorgab, trat er dadurch eigentlich in ger raden Widerſpruch. Inzwiſchen hatte er wenigſtens den urſprüng⸗ lichen und eigentlichen Sinn des Problems feſtgehalten, als welcher das Verhältniß zwiſchen unſerer Anſchauung und dem Seyn und Weſen, an ſich ſelbſt, der in dieſer ſich darſtellenden Dinge betrifft: allein, weil er ſeine Lehre hauptſächlich aus dem Spinoza ſchöpfte, nahm er bald von Dieſem die Ausdrücke Denken und Seyn auf, welche das in Rede ſtehende Problem ſehr ſchlecht bezeichnen und ſpäter Anlaß zu den tollſten Mon⸗ ſtroſitäten wurden. Spinoza hatte mit ſeiner Lehre, daß substantia cogitans et substantia extensa una eademque est 30 substantia, quae jam sub hoc jam sub illo attributo comprehenditur (II, 7. sch. ); oder scilicet mens et corpus una eademque est res, quae jam sub cogitationis, jam sub extensionis attributo concipitur (III, 2. sch.), zunächſt den Car⸗ teſianiſchen Gegenſatz von Leib und Seele aufheben wollen: auch 35 mag er erkannt haben, daß das empiriſche Objekt von unferer Vorſtellung deſſelben nicht verſchieden iſt. Schelling nahm nun von ihm die Ausdrücke Denken und Seyn an, welche er all⸗ mälig denen von Anſchauen, oder vielmehr Angeſchautem, und I A 2 2 2 A 29
Anhang. Ding an ſich ſubſtituirte. (Neue Zeitſchrift für ſpekul. Phyſik, erſten Bandes erſtes Stück: „Fernere Darſtellungen“ u. ſ. w.) Denn das Verhältniß unſerer Anſchauung der Dinge zum Seyn und Weſen an ſich derſelben iſt das große Problem, deſſen Geſchichte ich hier ſkitzire; nicht aber das unſerer Ge⸗ danken, d. h. Begriffe; da dieſe ganz offenbar und unleugbar bloße Abſtraktionen aus dem anſchaulich Erkannten ſind, entſtan⸗ den durch beliebiges Wegdenken, oder Fallenlaſſen, einiger Eigen⸗ ſchaften und Beibehalten anderer; woran zu zweifeln keinem ver⸗ nünftigen Menſchen einfallen kann.“) Dieſe Begriffe und Ge⸗ danken, welche die Klaſſe der nichtanſchaulichen Vorſtellun⸗ gen ausmachen, haben daher zum Weſen und Seyn an ſich der Dinge nie ein unmittelbares Verhältniß, ſondern allemal nur ein mittelbares, nämlich unter Vermittelung der Ans ſchauung: dieſe iſt es, welche einerſeits ihnen den Stoff liefert, und andererſeits in Beziehung zu den Dingen an ſich, d. h. zu dem unbekannten, in der Anſchauung ſich objektivirenden, ſelbſt⸗ eigenen Weſen der Dinge ſteht. Der von Schelling dem Spinoza entnommene, ungenaue Ausdruck gab nun ſpäter dem geiſt- und geſchmackloſen Scharla⸗ tan Hegel, welcher in dieſer Hinſicht als der Hanswurſt Schel⸗ lings auftritt, Anlaß, die Sache dahin zu verdrehn, daß das Denken ſelbſt und im eigentlichen Sinn, alſo die Begriffe, identiſch ſeyn ſollten mit dem Weſen an ſich der Dinge: alſo das in abstracto Gedachte als ſolches und unmittelbar ſollte Eins ſeyn mit dem objektiv Vorhandenen an ſich ſelbſt, und dem⸗ gemäß ſollte denn auch die Logik zugleich die wahre Metaphyſik ſeyn: demnach brauchten wir nur zu denken, oder die Begriffe walten zu laſſen, um zu wiſſen, wie die Welt da draußen abſolut beſchaffen ſei. Danach wäre Alles, was in einem Hirnkaſten ſpukt, ſofort wahr und real. Weil nun ferner „je toller je beſſer“ der Wahlſpruch der Philoſophaſter dieſer Periode war; ſo wurde dieſe Abſurdität durch die zweite geſtützt, daß nicht wir dächten, ſondern die Begriffe allein und ohne unſer Zuthun den Gedankenproceß vollzögen, welcher daher die dialektiſche Selbſt⸗ 35 ) Ueber die vierfache Wurzel des Satzes vom Grunde, 2. Aufl. § 26. 30 — 0 vw w Anhang. bewegung des Begriffs genannt wurde und nun eine Offenba⸗ rung aller Dinge in et extra naturam ſeyn ſollte. Dieſer Fratze lag nun aber eigentlich noch eine andere zum Grunde, welche ebenfalls auf Mißbrauch der Wörter beruhte und zwar nie deut⸗ 5 lich ausgeſprochen wurde, jedoch unzweifelhaft dahinter ſteckt. Schelling hatte, nach Spinoza's Vorgang, die Welt Gott be⸗ titelt. Hegel nahm Dies nach dem Wortſinn. Da nun das Wort eigentlich ein perſönliches Weſen, welches, unter andern mit der Welt durchaus inkompatibeln Eigenſchaften, auch die der All⸗ zo wiſſenheit hat, bedeutet; fo wurde von ihm nun auch dieſe [28] auf die Welt übertragen, woſelbſt fie natürlich keine andere Stelle erhalten konnte, als unter der albernen Stirn des Men⸗ ſchen; wonach denn dieſer nur ſeinen Gedanken freien Lauf (dia⸗ lektiſche Selbſtbewegung) zu laſſen brauchte, um alle Myſterien 1 Himmels und der Erde zu offenbaren, nämlich in dem abfoluten Gallimathias der Hegel'ſchen Dialektik. Eine Kunſt hat dieſer Hegel wirklich verſtanden, nämlich die, die Deutſchen bei der Naſe zu führen. Das iſt aber keine große. Wir ſehn ja, mit welchen Poſſen er die deutſche Gelehrtenwelt 30 Jahre lang in 20 Reſpekt halten konnte. Daß die Philoſophieprofeſſoren es noch immer mit dieſen drei Sophiſten ernſtlich nehmen und wichtig damit thun, ihnen eine Stelle in der Geſchichte der Philoſophie einzuräumen, geſchieht eben nur, weil es zu ihrem gagne-pain gehört, indem ſie daran Stoff haben zu ausführlichen, mündlichen 2 und ſchriftlichen Vorträgen der Geſchichte der ſogenannten Nach⸗ Kantiſchen Philoſophie, in welcher die Lehrmeinungen dieſer So⸗ phiſten ausführlich dargelegt und ernſthaft erwogen werden; — während man, vernünftigerweiſe, ſich nicht darum bekümmern ſollte, was dieſe Leute, um etwas zu ſcheinen, zu Markte gebracht 30 haben; es wäre denn, daß man die Schreibereien des Hegel für offizinell erklären und in den Apotheken vorräthig haben wollte, als pſychiſch wirkendes Vomitiv; indem der Ekel, den ſie erregen, wirklich ganz fpecififch iſt. Doch genug von ihnen und ihrem Urheber, deſſen Verehrung wir der Däniſchen Akademie 35 der Wiſſenſchaften überlaſſen wollen, als welche in ihm einen summus philosophus nach ihrem Sinn erkannt hat und daher Reſpekt vor ihm fordert, in ihrem, meiner Preisſchrift über das Fundament der Moral, zu bleibendem Andenken, beigedrucktem 31
Anhang. Urtheile, welches eben fo ſehr wegen feines Scharfſinns, als wegen ſeiner denkwürdigen Redlichkeit, der Vergeſſenheit entzogen | zu werden verdiente, wie auch, weil es einen lukulenten Beleg | liefert zu Labruyere’s gar ſchönem Ausſpruch: du meme fonds, | dont on neglige un homme de merite,.l’on sait encore ad- 5 | mirer un sot. | Fragmente 0 zur Geſchichte der Philoſophie. 32
[37] Fragmente zur Geſchichte der Philoſophie. $ 1. 5 Ueber dieselbe. — Otatt der ſelbſteigenen Werke der Philoſophen allerlei Dar⸗ legungen ihrer Lehren, oder überhaupt Geſchichte der Philoſophie zu leſen, iſt wie wenn man ſich ſein Eſſen von einem Andern kauen laſſen wollte. Würde man wohl Weltgeſchichte leſen, wenn 10 es Jedem freiſtände, die ihn intereſſirenden Begebenheiten der Vorzeit mit eigenen Augen zu ſchauen? Hinſichtlich der Geſchichte der Philoſophie nun aber iſt ihm eine ſolche Autopſie ihres Gegenſtandes wirklich zugänglich, nämlich in den ſelbſteigenen Schriften der Philoſophen; woſelbſt er dann immerhin, der Kürze 15 halber, ſich auf wohlgewählte Hauptkapitel beſchränken mag; um ſo mehr, als ſie alle von Wiederholungen ſtrotzen, die man ſich erſparen kann. Auf dieſe Weiſe alſo wird er das Weſentliche ihrer Lehren authentiſch und unverfälſcht kennen lernen, während er aus den, jetzt jährlich zu halben Dutzenden erſcheinenden Ge⸗ 20 ſchichten der Philoſophie bloß empfängt, was davon in den Kopf eines Philoſophieprofeſſors gegangen iſt und zwar ſo, wie es ſich daſelbſt ausnimmt; wobei es ſich von ſelbſt verſteht, daß die Gedanken eines großen Geiſtes bedeutend einſchrumpfen müſſen, um im drei⸗pfund⸗Gehirn ſo eines Paraſiten der Philoſophie 25 Platz zu finden, aus welchem fie nun wieder, in den jedesmaligen Jargon des Tages gekleidet, hervorkommen ſollen, begleitet von 35
Vorsokratische Philosophie. feiner altklugen Beurtheilung. — Ueberdies läßt ſich berechnen, daß ſo ein geldverdienender Geſchichtſchreiber der Philoſophie kaum den zehnten Theil der Schriften, darüber er Bericht er⸗ ſtattet, auch nur geleſen haben kann: ihr wirkliches Studium er⸗ fordert ein ganzes, langes und arbeitſames Leben, wie es ehemals, in den alten, fleißigen Zeiten, der wackere Brucker daran geſetzt hat. Was hingegen können wohl ſolche Leutchen, die, abgehalten durch beſtändige Vorleſungen, Amtsgeſchäfte, Ferienreiſen und Zerſtreuungen, meiſtens ſchon in ihren früheren Jahren mit Ge⸗ ſchichten der Philoſophie auftreten, Gründliches erforſcht haben? Dazu aber wollen ſie auch noch pragmatiſch ſeyn, die Nothwendig⸗ keit des Entſtehns und der Folge der Syſteme ergründet haben und darthun, und nun gar noch jene ernſten, ächten Philoſophen der Vorzeit beurtheilen, zurechtweiſen und meiſtern. Wie kann es anders kommen, als daß ſie die älteren, und Einer den Andern, ausſchreiben, dann aber, um Dies zu verbergen, die Sachen mehr und mehr verderben, indem ſie ihnen die moderne Tournüre des laufenden Quinquenniums zu geben beſtrebt ſind, wie ſie denn auch nach dem Geiſte deſſelben ſolche beurtheilen. — Sehr zweck⸗ mäßig dagegen würde eine von redlichen und einſichtigen Gelehrten gemeinſchaftlich und gewiſſenhaft gemachte Sammlung der wichtigen Stellen und weſentlichen Kapitel ſämmtlicher Hauptphiloſophen ſeyn, in chronologiſch-pragmatiſcher Ordnung zuſammengeſtellt, ungefähr in der Art, wie zuerſt Gedicke, und ſpäter Ritter und Preller es mit der Philoſophie des Alterthums gemacht haben; jedoch viel ausführlicher: alſo eine mit Sorgfalt und Sachkenntniß verfertigte große und allgemeine Chreſtomathie. Die Fragmente, welche nun ich hier gebe, ſind wenigſtens nicht traditionell, d. h. abgeſchrieben; vielmehr ſind es Gedanken, veranlaßt durch das eigene Studium der Originalwerke. § 2. Vorſokratiſche Philoſophie. Die Eleatiſchen Philoſophen ſind wohl die erſten, welche des Gegenſatzes inne geworden ſind, zwiſchen dem Angeſchauten und dem Gedachten, pawopeva und vocvhevqd. Das Letztere allein war ihnen das wahrhaft Seiende, das oyros ov. — Von dieſem behaupteten ſie ſodann, daß es Eines, unveränderlich und unbe⸗ 36 132 5 — — 3 0 5 5 Vorsokratische Philosophie. weglich ſei; nicht aber eben fo von den pawwvonevors, d. i. dem Angeſchauten, Erſcheinenden, empiriſch Gegebenen, als von welchem 133] fo etwas zu behaupten geradezu lächerlich geweſen wäre; daher 2 denn einſt der ſo mißverſtandene Satz, auf die bekannte Art, vom Diogenes widerlegt wurde. Sie unterſchieden alſo eigentlich ſchon zwiſchen Erſcheinung, pwonevov, und Ding an ſich, ovruc ov. Letzteres konnte nicht ſinnlich angeſchaut, ſondern nur denkend erfaßt werden, war demnach voovnevov. (Arist. metaph. I, 5, p. 986 et Scholia edit. Berol. p. p. 429, 430 et 509.) In den Scholien zum Ariſtoteles (p. 460, 536, 544 et 798) wird des Parmenides Schrift za xara dokav erwähnt: das wäre alſo die Lehre von der Erſcheinung, die Phyſik, geweſen: ihr wird ohne Zweifel ein anderes Werk, r xar mderav, die Lehre vom Ding an ſich, alſo die Metaphyſik, entſprochen haben. Von Meliſſos ſagt ein Scholion des Philoponos geradezu: cv vo N aAmTerav Ev eıvar Ne To ov, Ev olg 00 do Sa duo (müßte heißen co Pnow eu. — Der Gegenſatz der Eleaten, und wahrſcheinlich auch durch ſie hervorgerufen, iſt Herakleitos, ſofern er unaufhörliche Bewegung aller Dinge lehrte, wie ſie die abſolute Unbeweglichkeit: er blieb demnach beim pawopevov ſtehn. (Arist. de coelo, III, 1, p. 298. edit. Berol.) Dadurch nun wieder rief er, als feinen Gegenſatz, die Ideenlehre Plato's hervor; wie dies aus der Darſtellung des Ariſtoteles (Metaph. p. 1078) ſich ergiebt. 8 2 D 25 Es iſt bemerkenswerth, daß wir die leicht zu zählenden Haupt⸗ 3 3 2 Lehrſätze der vorſokratiſchen Philoſophen, welche ſich erhalten haben, in den Schriften der Alten unzählige Mal wiederholt finden; darüber hinaus jedoch ſehr wenig: ſo z. B. die Lehren des Anaxa⸗ goras vom vovs und den dhorohs eta, — die des Empedokles von o prhid ct verxog und den vier Elementen, — die des Demokritos und Leukippos von den Atomen und den etd hole, — die des Herakleitos vom beſtändigen Fluß der Dinge, — die der Eleaten, wie oben auseinandergeſetzt, — die der Pythagoreer von den Zahlen, der Metempſychoſe u. ſ. f. Indeſſen kann es wohl ſeyn, daß dieſes die Summa alles ihres Philoſophirens geweſen; denn wir finden auch in den Werken der Neueren, z. B. des Carteſius, Spinoza's, Leibnitzens und ſelbſt Kants die wenigen Fundamental⸗ ſätze ihrer Philoſophien zahlloſe Male wiederholt; ſo daß dieſe Philo⸗ 37
Vorsokratische Philosophie. ſophen ſämmtlich den Waidſpruch des Empedokles, der auch ſchon ein Liebhaber des Repetitionszeichens geweſen ſeyn mag, dis vat zeig r K (S. Sturz, Empedocl. Agrigent. p. 504), adoptirt zu haben ſcheinen. Die erwähnten beiden Dogmen des Anaxagoras ſtehn übrigens in genauer Verbindung. — Nämlich ravra ev c iſt ſeine ſymboliſche Bezeichnung des Homoiomeriendogma's. In der chaotiſchen Urmaſſe ſtaken demnach, ganz fertig vorhanden, die partes similares (im phyſiologiſchen Sinne) aller Dinge. Um ſie auszuſcheiden und zu ſpecifiſch verſchiedenen Dingen (partes dissimilares) zuſammenzuſetzen, zu ordnen und zu formen, bedurfte es eines voug, der, durch Ausleſen der Beſtandtheile, die Konfuſion in Ordnung brächte; da ja das Chaos die voll⸗ ſtändigſte Miſchung aller Subſtanzen enthielt (Scholia in Aristot. p. 337). Jedoch hatte der voug dieſe erſte Scheidung nicht vollkommen zu Stande gebracht; daher in jedem Dinge noch immer die Beſtandtheile aller übrigen, wenn gleich in geringerem Maaße, anzutreffen waren: nadıy yap ray ev Tavrı ASH (ibid.). — Empedokles hingegen hatte, ſtatt zahlloſer Homoiomerien, nur vier Elemente, — aus welchen nunmehr die Dinge als Pro⸗ dukte, nicht, wie beim Anaxagoras, als Edukte hervorgehn ſollten. Die vereinende und ſcheidende, alſo ordnende Rolle des vous aber ſpielen bei ihm Pia zur vercog, Liebe und Haß. Das iſt Beides gar ſehr viel geſcheuter. Nicht dem Intellekt (bove) nämlich, ſondern dem Willen (pon vat verxog) überträgt er die An⸗ ordnung der Dinge, und die verſchiedenartigen Subſtanzen ſind nicht, wie beim Anaxagoras, bloße Edukte; ſondern wirkliche Produkte. Ließ Anaxagoras fie durch einen ſondernden Verſtand, ſo läßt ſie hingegen Empedokles durch blinden Trieb, d. i. er⸗ kenntnißloſen Willen, zu Stande gebracht werden. Ueberhaupt iſt Empedokles ein ganzer Mann, und feinem p, xar verrog liegt ein tiefes und wahres appercu zum Grunde. Schon in der unorganiſchen Natur ſehn wir die Stoffe, nach den Geſetzen der Wahlverwandtſchaft, einander ſuchen oder fliehn, ſich verbinden und trennen. Die aber, welche ſich chemiſch zu verbinden die ſtärkſte Neigung zeigen, welche jedoch nur im Zuſtande der Flüſſigkeit befriedigt werden kann, treten in den ent⸗ 38 [34] — 8 0 5 Vorsokratische Philosophie. ſchiedenſten elektriſchen Gegenſatz, wenn ſie im feſten Zuſtande in Berührung mit einander kommen: ſie gehn jetzt in entgegengeſetzte Polaritäten feindlich aus einander, um ſich ſodann wieder zu ſuchen und zu umarmen. Und was iſt denn überhaupt der in der 5 ganzen Natur unter den verſchiedenſten Formen durchgängig auf⸗ tretende polare Gegenſatz Anderes, als eine ſtets erneuerte Ent⸗ zweiung, auf welche die inbrünſtig begehrte Verſöhnung folgt? So iſt denn wirklich ph xar verxog überall vorhanden und nur nach Maaßgabe der Umſtände wird jedesmal das Eine, oder 5 das Andere hervortreten. Demgemäß können auch wir ſelbſt mit jedem Menſchen, der uns nahe kommt, augenblicklich befreundet, oder verfeindet ſeyn: die Anlage zu Beidem iſt da und wartet auf die Umſtände. Bloß die Klugheit heißt uns, auf dem In⸗ differenzpunkt der Gleichgültigkeit verharren; wiewohl er zu⸗ 15 gleich der Gefrierpunkt iſt. Eben fo iſt auch der fremde Hund, dem wir uns nähern, augenblicklich bereit, das freundliche, oder das feindliche Regiſter zu ziehn und ſpringt leicht vom Bellen und Knurren zum Wedeln über; wie auch umgekehrt. Was dieſem durchgängigen Phänomene des print xar veueog zum Grunde 20 liegt iſt allerdings zuletzt der große Urgegenſatz zwiſchen der Ein⸗ heit aller Weſen, nach ihrem Seyn an ſich, und ihrer gänzlichen Verſchiedenheit in der Erſcheinung, als welche das principium individuationis zur Form hat. Imgleichen hat Empedokles die ſchon ihm bekannte Atomenlehre als falſch erkannt und dagegen 25 unendliche Theilbarkeit der Körper gelehrt; wie uns Lukretius be⸗ richtet Lib. I, v. 749 ff. Vor Allem aber iſt, unter den Lehren des Empedokles, ſein entſchiedener Peſſimismus beachtenswerth. Er hat das Elend unſers Daſeyns vollkommen erkannt und die Welt iſt ihm, ſo 30 gut wie den wahren Chriſten, ein Jammerthal, — Arne Asınov. Schon er vergleicht ſie, wie ſpäter Plato, mit einer finſtern Höhle, in der wir eingeſperrt wären. In unſerm irdiſchen Da⸗ ſeyn ſieht er einen Zuſtand der Verbannung und des Elends, und der Leib iſt der Kerker der Seele. Dieſe Seelen haben einſt 35 ſich in einem unendlich glücklichen Zuſtande befunden und find durch eigene Schuld und Sünde in das gegenwärtige Verderben gerathen, in welches ſie, durch ſündigen Wandel, ſich immer mehr verſtricken und in den Kreislauf der Metempſychoſe gerathen, 4 Schopenhauer, Werke V 39
Vorsokratische Philosophie, hingegen durch Tugend und Sittenreinheit, zu welcher auch die Enthaltung von thieriſcher Nahrung gehört, und durch Abwendung von den irdiſchen Genüſſen und Wünſchen wieder in den ehe⸗ maligen Zuſtand zurückgelangen können. — Alſo die ſelbe Urweis⸗ heit, die den Grundgedanken des Brahmanismus und Buddhais⸗ mus, ja, auch des wahren Chriſtenthums (darunter nicht der optimiſtiſche, jüdiſch⸗proteſtantiſche Rationalismus zu verſtehn iſt) ausmacht, hat auch dieſer uralte Grieche ſich zum Bewußtſeyn gebracht; wodurch der consensus gentium darüber ſich vervoll⸗ ſtändigt. Daß Empedokles, den die Alten durchgängig als einen Pythagoreer bezeichnen, dieſe Anſicht vom Pythagoras überkommen habe, iſt wahrſcheinlich; zumal, da im Grunde auch Plato ſie theilt, der ebenfalls noch unter dem Einfluſſe des Pythagoras ſteht. Zur Lehre von der Metempſychoſe, die mit dieſer Welt⸗ anſicht zuſammenhängt, bekennt Empedokles ſich auf das Ent⸗ ſchiedenſte. — Die Stellen der Alten, welche, nebſt ſeinen eigenen Verſen, von jener Weltauffaſſung des Empedokles Zeugniß ab⸗ legen, findet man mit großem Fleiße zuſammengeſtellt in Sturzü Empedocles Agrigentinus, S. S. 448—458. — Die Anſicht, daß der Leib ein Kerker, das Leben ein Zuſtand des Leidens und der Läuterung ſei, aus welchem der Tod uns erlöſt, wenn wir der Seelenwanderung quitt werden, theilen Aegypter, Pythagoreer, Empedokles, mit Hindu und Buddhaiſten. Mit Ausnahme der Metempſychoſe iſt fie auch im Chriſtenthum enthalten. Jene An⸗ ſicht der Alten bezeugen Diodorus Sikulus, Cicero, u. a. (S. Wernsdorf, de metempsychosi Veterum, p. 31 und Cic. fragmenta, p. 299 [somn. Scip. J, 316, 319, ed. Bip.) Cicero giebt an dieſen Stellen nicht an, welcher Philoſophenſchule ſolche an⸗ gehören; doch ſcheinen es Ueberreſte Pythagoriſcher Weisheit zu ſeyn. Auch in den übrigen Lehrmeinungen dieſer vorſokratiſchen Philoſophen läßt ſich viel Wahres nachweiſen, davon ich einige Beiſpiele geben will. Nach Kants und Laplace's Kosmogonie, welche durch Herſchels Beobachtungen noch eine faktiſche Beſtätigung a posteriori erhalten hat, die nun wieder wankend zu machen, Lord Roſſe mit ſeinem Rieſenreflektor, zum Troſt des Engliſchen Klerus, bemüht iſt, — geſtalten ſich aus langſam gerinnenden und dann 40 [36] vw 2 3 ws 0 5 0 5 { Vorsokratische Philosophie. kreiſenden, leuchtenden Nebeln, durch Kondenſation, die Planeten ſyſteme: da behält, nach Jahrtauſenden, wieder Anaximenes Recht, welcher Luft und Dunſt für den Grundſtoff aller Dinge erklärte (Schol. in Arist. p. 514). Zugleich aber auch erhalten 5 Empedokles und Demokritos Beſtätigung; da ſchon fie, eben wie Laplace, Urſprung und Beſtand der Welt aus einem Wirbel, öryn, erklärten (Arist. op. ed. Berol. p. 295, et Scholia p. 351), worüber, als eine Gottloſigkeit, auch ſchon Ariſtophanes (Nubes, v. 820) ſpottet; eben wie heut zu Tage über die Laplace'ſche ro Theorie die engliſchen Pfaffen, denen dabei, wie bei jeder zu Tage kommenden Wahrheit, unwohl zu Muthe, nämlich um ihre Pfründen Angſt wird. — Ja, ſogar führt gewiſſermaaßen unſere chemiſche Stöchiometrie auf die Pythagoriſche Zahlenphiloſophie zurück: za yap N t al Ses tuv apıday rp ev votg 15 out TAIwy Te N EEewv ,t, olov To ö νοõ,t, To ETLTpLToV, ct Arrodtov (Schol. in Arist. p. 543 et 829). — Daß das Kopernikaniſche Syſtem von den Pythagoreernanticipirt worden war iſt bekannt; ja, es war dem Kopernikus bekannt, der ſeinen Grund⸗Gedanken geradezu geſchöpft hat aus der bekannten Stelle 20 über Hicetas in Cicero's quaestionibus acad. (II, 39) und über Philolaos im Plutarch de placitis philosophorum, L. III, c. 13 (nach Mac Laurin, on Newton, p. 45). Dieſe alte und wichtige Erkenntniß hat nachher Ariſtoteles verworfen, um ſeine Flauſen an deren Stelle zu ſetzen, wovon weiter unten § 5. (Vergl. Welt als 25 Wille und Vorſtellung, II, p. 342 [der 2. Aufl.; II, p. 390 der 3. Aufl.)) Aber ſelbſt Fourier's und Cordier's Entdeckungen über die Wärme im Innern der Erde ſind Beſtätigungen der Lehre Jener: eXcyov ds IId αννο N-. op e Ömpovpyixov TrepL To HE KRLHEVTPOY ING e, To avadaarouy mv ynv xar worcorovv. Schol. [37] in Arist. p.504. Und wenn, in Folge eben jener Entdeckungen, die Erdrinde heut zu Tage angeſehn wird als eine dünne Schichte zwi⸗ ſchen zwei Medien (Atmoſphäre und heiße, flüſſige Metalle und Metalloide), deren Berührung einen Brand verurſachen muß, der jene Rinde vernichtet; ſo beſtätigt Dies die Meinung, daß die 35 Welt zuletzt durch Feuer verzehrt werden wird; in welcher alle alten Philoſophen übereinſtimmen und welche auch die Hindu theilen (lettres Edifiantes édit. de 1819. Vol. 7, p. 114). — Bemerkt zu werden verdient auch noch, daß, wie aus Ariſtoteles 4* 41
Vorsokratische Philosophie. (Metaph. I, 5. p. 986) zu erſehn, die Pythagoreer, unter dem Namen der dexa apyar, gerade das Pin und Pang der Chineſen aufgefaßt hatten. Daß die Metaphyſik der Muſik, wie ich ſolche in meinem Hauptwerke (Bd. 1, $ 52 und Bd. 2, Kap. 39) dargelegt habe, als eine Auslegung der Pythagoriſchen Zahlenphiloſophie ange⸗ ſehn werden kann, habe ich ſchon dort kurz angedeutet und will es hier noch etwas näher erläutern; wobei ich nun aber die eben angeführten Stellen als dem Leſer gegenwärtig vorausſetze. — Demzufolge alſo drückt die Melodie alle Bewegungen des Willens, wie er ſich im menſchlichen Selbſtbewußtſeyn kund giebt, d. h. alle Affekte, Gefühle u. ſ. w. aus; die Harmonie hin⸗ gegen bezeichnet die Stufenleiter der Objektivation des Willens in der übrigen Natur. Die Muſik iſt, in dieſem Sinn, eine zweite Wirklichkeit, welche der erſten völlig parallel geht, übrigens aber ganz anderer Art und Beſchaffenheit iſt; alſo vollkommene Analogie, jedoch gar keine Aehnlichkeit mit ihr hat. Nun aber iſt die Muſik, als ſolche, nur in unſerm Gehörnerven und Gehirn vorhanden: außerhalb, oder an ſich (im Lockiſchen Sinne verſtanden), beſteht ſie aus lauter Zahlenverhältniſſen: nämlich zunächſt, ihrer Quantität nach, hinſichtlich des Takts; und dann, ihrer Qualität nach, hinſichtlich der Stufen der Ton⸗ leiter, als welche auf den arithmetiſchen Verhältniſſen der Vibra⸗ tionen beruhen; oder, mit andern Worten, wie in ihrem rhyth⸗ miſchen, ſo auch in ihrem harmoniſchen Element. Hienach alſo iſt das ganze Weſen der Welt, ſowohl als Mikrokosmos, wie als Makrokosmos, allerdings durch bloße Zahlenverhältniſſe auszu⸗ drücken, mithin gewiſſermaaßen auf ſie zurückzuführen: in dieſem Sinne hätte dann Pythagoras Recht, das eigentliche Weſen der Dinge in die Zahlen zu ſetzen. — Was ſind nun aber Zahlen? — Succeſſionsverhältniſſe, deren Möglichkeit auf der Zeit beruht. Wenn man lieſt was über die Zahlenphiloſophie der Py⸗ thagoreer in den Scholien zum Ariſtoteles (p. 829 ed. Berol.) geſagt wird; ſo kann man auf die Vermuthung gerathen, daß der ſo ſeltſame und geheimnißvolle, an das Abſurde ſtreifende Gebrauch des Wortes Joos im Eingang des dem Johannes zu⸗ geſchriebenen Evangeliums, wie auch die früheren Analoga deſſelben beim Philo, von der Pythagoriſchen Zahlenphiloſophie abſtammen, 42 — — IS » 138 0 5 0 5 5 — — D 2 2 3 3 Vorsokratische Philosophie. nämlich von der Bedeutung des Wortes Joos im arithmetiſchen Sinn, als Zahlenverhältniß, ratio numerica; da ein ſolches Ver⸗ hältniß, nach den Pythagoreern, die innerſte und unzerſtörbare Eſſenz jedes Weſens ausmacht, alſo deſſen erſtes und urſprüng⸗ 5 liches Principium, apyn, iſt; wonach denn von jedem Dinge gälte ev apym mv 5 Aoyos. Man berückſichtige dabei, daß Ariſtoteles (de anima I, 1) ſagt: vc ran Aoyor evudor ett, et mox: & pev yap Aoyog erdog ro npayparos. Auch wird man dadurch an den Aoyog orepparixog der Stoiker erinnert, auf welchen ich bald zurückkommen werde. Nach der Biographie des Pythagoras von Jamblichos hat derſelbe ſeine Bildung hauptſächlich in Aegypten, wo er von ſeinem 22. bis zum 56. Jahre geweilt, und zwar von den Prieſtern daſelbſt, erhalten. Im 56. Jahre zurückgekehrt, hatte er wohl eigentlich die Abſicht, eine Art Prieſterſtaat, eine Nachahmung der Aegyptiſchen Tempelhierarchien, wiewohl unter den bei Griechen nothwendigen Modifikationen, zu gründen: dies gelang ihm nicht im Vaterlande Samos, doch gewiſſermaaßen in Kroton. Da nun Aegyptiſche Kultur und Religion ohne Zweifel aus Indien ſtammte, wie Dies die Heiligkeit der Kuh (Herod. II, 41), nebſt hundert andern Dingen, beweiſet; ſo erklärt ſich hieraus des Pythagoras Vorſchrift der Enthaltung von thieriſcher Nahrung, namentlich das Verbot Rinder zu ſchlachten (Jambl. vit. Pyth. c. 28, § 150), wie auch die anbefohlene Schonung aller Thiere, des⸗ gleichen ſeine Lehre von der Metempſychoſe, ſeine weißen Gewänder, ſeine ewige Geheimnißkrämerei, welche die ſymboliſchen Sprüche veranlaßte und ſich ſogar auf mathematiſche Theoreme erſtreckte, ferner die Gründung einer Art Prieſterkaſte, mit ſtrenger Disciplin und vielem Ceremoniell, das Anbeten der Sonne (o. 35, $ 256) und viel Anderes. Auch ſeine wichtigeren aſtronomiſchen Grund⸗ Begriffe hatte er von den Aegyptern. Daher wurde die Priorität der Lehre von der Schiefe der Ekliptik ihm ſtreitig gemacht von Oenopides, der mit ihm in Aegypten geweſen war. (Man ſehe darüber den Schluß des 24. Kap. des erſten Buches der Eklogen des Stobäos mit Heerens Note aus dem Diodorus.) Ueberhaupt aber, wenn man die von Stobäos (beſonders Lib. I, o. 25 ff.) zuſammengeſtellten aſtronomiſchen Elementarbegriffe ſämmtlicher Griechiſcher Philoſophen durchmuſtert; ſo findet man, A © A D A 43
Vorsokratische Philosophie. daß fie durchgängig Abſurditäten zu Markte gebracht haben; mit | alleiniger Ausnahme der Pythagoreer, welche in der Regel das ganz Richtige haben. Daß dieſes nicht aus eigenen Mitteln, ſondern aus Aegypten ſei, iſt nicht zu bezweifeln. Des Pythagoras bekanntes Verbot der Bohnen iſt rein Aegyp⸗ tiſchen Urſprungs und bloß ein von dort herüber genommener Aberglaube, da Herodot (II, 37) berichtet, daß in Aegypten die Bohne als unrein betrachtet und verabſcheuet werde, ſo daß die Prieſter nicht ein Mal ihren Anblick ertrügen. Daß übrigens des Pythagoras Lehre entſchiedener Pantheis⸗ mus war, bezeugt, ſo bündig wie kurz, eine von Clemens Alexan⸗ drinus, in der Cohortatio ad gentes, uns aufbehaltene Sentenz der Pythagoreer, deren Doriſcher Dialekt auf Aechtheit deutet; ſie lautet: Ode droxpunteov odds Toug dp Tov Iludayogav, ol paaıv" O ev Seog etc. J oö roc ds ody, Ög TiWweg brovoouaıy, Eero Tag draxoapmaros, EAN Ev abr, dog &v ö To Ne , ERLIKONOG TTRGAG YEvEcLog, Apaaıg Twv ο det , v Eoyartasg Toy ro duvanıny v pyav drayray Ev oοο])‚· Puoenp, Kal TAYTOy TATNP, vovg xat Wuxwars Two dA KUH, TAYTOY KLYaDIG. (S. Clem. Alex. Opera Tom. I, p. 118 in Sanctorum Patrum oper. polem. Vol. IV., Wirceburgi 1778.) Es ift nämlich gut ſich bei jeder Gelegenheit zu überzeugen, daß eigentlicher Theismus und Judenthum Wechſelbegriffe ſind. Nach dem Apulejus wäre Pythagoras ſogar bis Indien ge⸗ kommen und von den Brahmanen ſelbſt unterrichtet worden. (S. Apulej. Florida, p. 130 ed. Bip.) Ich glaube demnach, daß die allerdings hoch anzuſchlagende Weisheit und Erkenntniß des Pytha⸗ goras nicht ſowohl in Dem beſtanden hat, was er gedacht, als in Dem, was er gelernt hatte; alſo weniger eigene, als fremde war. Dies beſtätigt ein Ausſpruch des Herakleitos über ihn. (Diog. Laert. Lib. VIII, c. 1, H 5.) Sonſt würde er fie auch auf⸗ geſchrieben haben, um ſeine Gedanken vom Untergange zu retten: hingegen das erlernte Fremde blieb an der Quelle geſichert. $ 3. Sokrates. Die Weisheit des Sokrates iſt ein philoſophiſcher Glaubens⸗ artikel. Daß der Platoniſche Sokrates eine ideale, alſo poetiſche 44 — 0 — 5 [39] 30 35 Sokrates. Perſon fei, die Platoniſche Gedanken ausfpricht, liegt am Tage; am Kenophontiſchen hingegen iſt nicht gerade viel Weisheit zu finden. Nach Lukianos (Philopſeudes, 24) hätte Sokrates einen dicken Bauch gehabt; welches eben nicht zu den Abzeichen des Genies gehört. — Eben ſo zweifelhaft jedoch ſteht es, hinſichtlich der hohen Geiſtesfähigkeiten, mit allen Denen, welche nicht ge⸗ ſchrieben haben, alſo auch mit dem Pythagoras. Ein großer Geiſt muß doch allmälig ſeinen Beruf und ſeine Stellung zur Menſchheit erkennen, folglich zu dem Bewußtſeyn gelangen, daß 10 er nicht zur Heerde, ſondern zu den Hirten, ich meine zu den Erziehern des Menſchengeſchlechtes, gehört: hieraus aber wird ihm die Verpflichtung klar werden, feine unmittelbare und ge⸗ ſicherte Einwirkung nicht auf die Wenigen, welche der Zufall in ſeine Nähe bringt, zu beſchränken; ſondern ſie auf die Menſchheit auszudehnen, damit ſie, in dieſer, die Ausnahmen von ihr, die Vorzüglichen, alſo Seltenen, erreichen könne. Das Organ aber, womit man zur Menſchheit redet, iſt allein die Schrift: münd⸗ lich redet man bloß zu einer Anzahl Individuen; daher was ſo geſagt wird, im Verhältniß zum Menſchengeſchlechte, Privatſache bleibt. Denn ſolche Individuen ſind für die edle Saat meiſtens ein ſchlechter Boden, in welchem ſie entweder gar nicht treibt, oder in ihren Erzeugniſſen ſchnell degenerirt: die Saat ſelbſt alſo muß bewahrt werden. Dies aber geſchieht nicht durch Tradition, als welche bei jedem Schritte verfälſcht wird, ſondern allein durch die 25 Schrift, dieſer einzigen treuen Aufbewahrerin der Gedanken. Zu⸗ dem hat nothwendig jeder tiefdenkende Geiſt den Trieb, zu ſeiner [40] eigenen Befriedigung, feine Gedanken feſtzuhalten und fie zu mög⸗ lichſter Deutlichkeit und Beſtimmtheit zu bringen, folglich ſie in Worten zu verkörpern. Dies aber geſchieht vollkommen allererſt durch die Schrift: denn der ſchriftliche Vortrag iſt ein weſentlich anderer, als der mündliche; indem er allein die höchſte Präciſion, Konciſion und prägnante Kürze zuläßt, folglich zum reinen Ektypos des Gedankens wird. Dieſem Allen zufolge wäre es in einem Denker ein wunderlicher Uebermuth, die wichtigſte Erfindung des Menſchengeſchlechts unbenutzt laſſen zu wollen. Sonach wird es mir ſchwer, an den eigentlich großen Geiſt Derer zu glauben, die nicht geſchrieben haben: vielmehr bin ich geneigt, ſie für haupt⸗ ſächlich praktiſche Helden zu halten, die mehr durch ihren Charakter, I A 2 o 8 3 3 SQ 45
Sokrates. als durch ihren Kopf wirkten. Die erhabenen Urheber des Upa⸗ niſchads der Veden haben geſchrieben: wohl aber mag die Sanhita der Veden, aus bloßen Gebeten beſtehend, ſich Anfangs nur münd⸗ lich fortgepflanzt haben. Zwiſchen Sokrates und Kant laſſen ſich gar manche Aehn⸗ lichkeiten nachweiſen. Beide verwerfen allen Dogmatismus: Beide bekennen eine völlige Unwiſſenheit in Sachen der Metaphyſik und ſetzen ihre Eigenthümlichkeit in das deutliche Bewußtſeyn dieſer Unwiſſenheit. Beide behaupten, daß hingegen das Praktiſche, Das, was der Menſch zu thun und zu laſſen habe, völlig gewiß ſei und zwar durch ſich ſelbſt, ohne fernere theoretiſche Begrün⸗ dung. Beide hatten das Schickſal, daß ihre nächſten Nachfolger und deklarirten Schüler dennoch in eben jenen Grundlagen von ihnen abwichen und, die Metaphyſik bearbeitend, völlig dogmatiſche Syſteme aufſtellten; daß ferner dieſe Syſteme höchſt verſchieden ausfielen, jedoch alle darin übereinſtimmten, daß ſie von der Lehre des Sokrates, reſpective Kants, ausgegangen zu ſeyn behaupteten. — Da ich ſelbſt Kantianer bin, will ich hier mein Verhältniß zu ihm mit Einem Worte bezeichnen. Kant lehrt, daß wir über die Erfahrung und ihre Möglichkeit hinaus nichts wiſſen können: ich gebe Dies zu, behaupte jedoch, daß die Erfahrung ſelbſt, in ihrer Geſammtheit, einer Auslegung fähig ſei, und habe dieſe zu geben verſucht, indem ich ſie wie eine Schrift entzifferte, nicht aber wie alle früheren Philoſophen, mittelſt ihrer bloßen Formen über ſie hinauszugehn unternahm, was eben Kant als unſtatthaft nachgewieſen hatte. — Der Vortheil der Sokratiſchen Methode, wie wir ſie aus dem Plato kennen lernen, beſteht darin, daß man ſich die Gründe der Sätze, welche man zu beweiſen beabſichtigt, vom Kollokutor oder Gegner, einzeln zugeben läßt, ehe er die Folgen derſelben überſehn hat; da er hingegen aus einem didaktiſchen Vor⸗ trage, in fortlaufender Rede, Folgen und Gründe gleich als ſolche zu erkennen Gelegenheit haben und daher dieſe angreifen würde, wenn ihm jene nicht gefielen. — Inzwiſchen gehört zu den Dingen, die Plato uns aufbinden möchte, auch dieſes, daß, mittelſt An⸗ wendung jener Methode, die Sophiſten und andere Narren ſich fo in aller Gelaſſenheit hätten vom Sokrates darthun laſſen, daß ſie es ſind. Daran iſt nicht zu denken; ſondern etwan beim 46 Io — 5 30 35 —— Sokrates. — Plato. letzten Viertel des Wegs, oder überhaupt ſobald ſie merkten wo es hinaus ſollte, hätten ſie, durch Abſpringen, oder Leugnen des vorher Geſagten, oder abſichtliche Mißverſtändniſſe, und was noch ſonſt für Schliche und Schikanen die rechthaberiſche Unredlichkeit inſtinktmäßig anwendet, dem Sokrates ſein künſtlich angelegtes Spiel verdorben und ſein Netz zerriſſen; oder aber ſie wären ſo grob und beleidigend geworden, daß er bei Zeiten ſeine Haut in Sicherheit zu bringen rathſam gefunden haben würde. Denn, wie ſollte nicht auch den Sophiſten das Mittel bekannt geweſen ſeyn, durch welches Jeder ſich Jedem gleich ſetzen und ſelbſt die größte intellektuelle Ungleichheit augenblicklich ausgleichen kann: es iſt die Beleidigung. Zu dieſer fühlt daher die niedrige Natur eine ſogar inſtinktive Aufforderung, ſobald ſie geiſtige Ueberlegenheit zu ſpüren anfängt. — 15 § 4. Plato. Schon beim Plato finden wir den Urſprung einer gewiſſen falſchen Dianoiologie, welche in heimlich metaphyſiſcher Abſicht, nämlich zum Zweck einer rationalen Pfychologie und daran hän⸗ gender Unſterblichkeitslehre, aufgeſtellt wird. Dieſelbe hat ſich nachmals als eine Truglehre vom zäheſten Leben erwieſen; da ſie, durch die ganze alte, mittlere und neue Philoſophie hindurch, ihr Daſeyn friſtete, bis Kant, der Alleszermalmer, ihr endlich auf den Kopf ſchlug. Die hier gemeinte Lehre iſt der Rationa⸗ 25 lismus der Erkenntnißtheorie, mit metaphyſiſchem Endzweck. Sie [42] läßt ſich, in der Kürze, fo reſumiren. Das Erkennende in uns iſt eine, vom Leibe grundverſchiedene immaterielle Subſtanz, ge: nannt Seele: der Leib hingegen iſt ein Hinderniß der Erkenntniß. Daher iſt alle durch die Sinne vermittelte Erkenntniß trüglich: 30 die allein wahre, richtige und ſichere hingegen iſt die von aller Sinnlichkeit (alſo aller Anſchauung) freie und entfernte, mithin das reine Denken, d. i. das Operiren mit abſtrakten Be⸗ griffen ganz allein. Denn dieſes verrichtet die Seele ganz aus eigenen Mitteln: folglich wird es am beſten, nachdem ſie ſich vom Leibe getrennt hat, alſo wenn wir todt find, von Statten gehn. — Dergeſtalt alſo ſpielt hier die Dianoiologie der ratio⸗ nalen Psychologie, zum Behuf ihrer Unſterblichkeitslehre, in die A I 8 2 D 47
Plato. Hände. Dieſe Lehre, wie ich fie hier reſumirt habe, findet man ausführlich und deutlich im Phädo Kap. 10. Etwas anders ge⸗ faßt iſt fie im Timäus, aus welchem Sertus Empirikus fie ſehr präcis und klar mit folgenden Worten referirt: II AA vt ον vν ꝙœDοννν,õjs it dos Nept co Ta ôhιν v ö hot et yvapıorıza. Mox: IMarav de, ev tw Tito, TIOG. NAPKOTADLy τ, αννοννEj Eiyar mv Yuynv, TO AUTO yevar die Gre SSο xexpnrar. Er yap he ö pode, not, pe hο⁹ee e ν ev EOTL Pwrociöng, I öde axon ανα TERANYREVOYV ννννοονν, ö ce g EOTL my Pwvnv, EUTUG aepostöng Jeoperrat, I dE 00PpNOLS arpoug Yvapılouca TAYTWG EOTL AToed Ne, . yevarg e, XuAostöng xar avayınv rau pon Tag Kowparoug dds Aaupßavouoe, KaTarep Tag Ev ToLg rprInoLg XL Tag Ey voi repacı ο ouparoy (alſo reine Ma⸗ thematik) wert ue aouparog (adv. Math. VII, 116 et 119). (vetus quaedam, a physicis usque probata, versatur opinio, quod similia similibus cognoscantur. — — Mox: Plato, in Timaeo, ad probandum, animam esse incorpoream, usus est eodem genere demonstrationis: „nam si visio“, inquit, „apprehendens lucem statim est luminosa, auditus autem aörem percussum judicans, nempe vocem, protinus cernitur ad aeris accedens speciem, odoratus autem cognoscens vapores, est omnino vaporis aliquam habens formam, et gustus, qui humores, humoris habens speciem; necessario et anima, ideas suscipiens incorporeas, ut quae sunt in numeris et in finibus corporum, est incorporea.“) Selbſt Ariſtoteles läßt, wenigſtens hypothetiſch, dieſe Argu⸗ mentation gelten, da er im erſten Buch de anima (c. 1) ſagt, daß die geſonderte Exiſtenz der Seele danach auszumachen wäre, ob dieſer irgend eine Aeußerung zukäme, an welcher der Leib nicht Theil hätte: eine ſolche ſchiene vor Allem das Denken zu ſeyn. Sollte aber ſelbſt dieſes nicht ohne Anſchauung und Phantaſie möglich ſeyn; dann könne daſſelbe auch nicht ohne den Leib Statt finden. (er de ert N To vos Payrasın dic, n un RVED PRXYTaDLac, O EVÖEXoLT MV ob ToUTo AvD aWpLATog swwar) Eben jene oben geftellte Bedingung nun aber, alſo die Prämiſſe der Argumentation, läßt Ariſtoteles nicht gelten, fofern er nämlich Das lehrt, was man ſpäter in dem Satz nihil 48 — 0 — 5 [43] Plato. est in intellectu, quod non prius fuerit in sensibus formulirt hat: man ſehe hierüber de anima III, 8. Schon er alfo ſah ein, daß alles rein und abſtrakt Gedachte ſeinen ganzen Stoff und Inhalt doch erſt vom Angeſchauten erborgt hat. Dies hat auch die Scholaſtiker beunruhigt. Deshalb bemühte man ſich ſchon im Mittelalter darzuthun, daß es reine Vernunfterkennt⸗ niſſe gäbe, d. h. Gedanken, die auf keine Bilder Bezug hätten, alſo ein Denken, welches allen Stoff aus ſich ſelbſt nähme. Die Bemühungen und Kontroverſe über dieſen Punkt findet man im 10 Pomponatius, de immortalitate animi, zuſammengeſtellt, da dieſer eben ſein Hauptargument daher nimmt. — Dem beſagten Erforderniß zu genügen ſollten nun die Universalia und die Er⸗ kenntniſſe a priori, als aeternae veritates aufgefaßt, dienen. Welche Ausführung die Sache ſodann durch Carteſius und ſeine Schule erhalten hat, habe ich bereits dargelegt in der dem § 6 meiner Preisſchrift über die Grundlage der Moral beigefügten ausführlichen Anmerkung, in welcher ich auch die leſenswerthen eigenen Worte des Carteſianers de la Forge beigebracht habe. Denn gerade die falſchen Lehren jedes Philoſophen findet man, in der Regel, am deutlichſten von ſeinen Schülern ausgedrückt; weil dieſe nicht, wie wohl der Meiſter ſelbſt, bemüht ſind, die⸗ jenigen Seiten feines Syſtems, welche die Schwäche deſſelben ver⸗ rathen könnten, möglichſt dunkel zu halten; da ſie noch kein Arg [44] daraus haben. Spinoza nun aber ſtellte bereits dem ganzen 25 Carteſianiſchen Dualismus ſeine Lehre Substantia cogitans et substantia extensa una eademque est substantia, quae jam sub hoc, jam sub illo attributo comprehenditur entgegen, und zeigte dadurch ſeine große Ueberlegenheit. Leibnitz hingegen blieb fein artig auf dem Wege des Carteſius und der Orthodoxie. 30 Dies aber eben rief ſodann das der Philoſophie ſo überaus heil⸗ ſame Streben des vortrefflichen Locke hervor, als welcher endlich auf Unterſuchung des Urſprungs der Begriffe drang und den Satz no innate ideas (feine angeborene Begriffe), nachdem er ihn ausführlich dargethan, zur Grundlage ſeiner Philoſophie machte. 35 Die Franzoſen, für welche feine Philoſophie durch Condillae bearbeitet wurde, giengen, wiewohl aus dem ſelben Grunde, in der Sache bald zu weit, indem fie den Satz penser est sentir aufs u 1 A 2 8 49
Plato. ftellten und ihn urgirten. Schlechthin genommen iſt dieſer Satz falſch: jedoch liegt das Wahre darin, daß jedes Denken theils das Empfinden, als Ingredienz der Anſchauung, die ihm ſeinen Stoff liefert, vorausſetzt, theils ſelbſt, eben ſo wohl wie das Em⸗ pfinden, durch körperliche Organe bedingt iſt; nämlich wie dieſes durch die Sinnennerven, ſo jenes durch das Gehirn, und Beides iſt Nerventhätigkeit. Nun aber hielt auch die franzöſiſche Schule jenen Satz nicht ſeiner ſelbſt wegen ſo feſt, ſondern ebenfalls in metaphyſiſcher, und zwar materialiſtiſcher, Abſicht; eben wie die Platoniſch⸗Carteſianiſch⸗Leibnitziſchen Gegner den falſchen Satz, daß die allein richtige Erkenntniß der Dinge im reinen Denken bes ſtehe, auch nur in metaphyſiſcher Abſicht feſtgehalten hatten, um daraus die Immaterialität der Seele zu beweiſen. — Kant allein führt zur Wahrheit aus dieſen beiden Irrwegen und aus einem Streit, in welchem beide Parteien eigentlich nicht redlich verfah⸗ ren; da ſie Dianoiologie vorgeben, aber auf Metaphyſik gerichtet ſind und deshalb die Dianoiologie verfälſchen. Kant alſo ſagt: — >» 0 5 allerdings giebt es reine Vernunfterkenntniß, d. h. Erkenntniſſe a priori, die aller Erfahrung vorhergängig ſind, folglich auch ein Denken, das ſeinen Stoff keiner durch die Sinne vermittelten 20 Erkenntniß verdankt: aber eben dieſe Erkenntniß a priori, obwohl nicht aus der Erfahrung geſchöpft, hat doch nur zum Behuf der Erfahrung Werth und Gültigkeit: denn ſie iſt nichts Anderes als das Innewerden unſers eigenen Erkenntnißapparats und [45] feiner Einrichtung (Gehirnfunktion), oder wie Kant es ausdrückt, 25 die Form des erkennenden Bewußtſeyns ſelbſt, die ihren Stoff allererſt durch die, mittelſt der Sinnesempfindung, hinzukommende empiriſche Erkenntniß erhält, ohne dieſe aber leer und unnütz iſt. Dieſerhalb eben nennt ſich ſeine Philoſophie die Kritik der rei⸗ nen Vernunft. Hiedurch nun fällt alle jene metaphyſiſche Pſychologie und fällt mit ihr alle reine Seelenthätigkeit des Plato. Denn wir ſehn, daß die Erkenntniß, ohne die Anſchauung, welche der Leib vermittelt, keinen Stoff hat, daß mithin das Erkennende, als ſolches, ohne Vorausſetzung des Leibes, nichts iſt, als eine leere Form; noch zu geſchweigen, daß jedes Denken eine phyſio⸗ logiſche Funktion des Gehirns iſt, eben wie das Verdauen eine des Magens. Wenn nun demnach Plato's Anweiſung, das Erkennen 30 ve 0 5 a ne A 10 15 2 8 [46] 2 3 3 A o A Plato. — Aristoteles. abzuziehn und rein zu halten von aller Gemeinſchaft mit dem Leibe, den Sinnen und der Anſchauung, ſich als zweckwidrig, ver⸗ kehrt, ja unmöglich ergiebt; ſo können wir jedoch als das berich⸗ tigte Analogon derſelben meine Lehre betrachten, daß nur das von aller Gemeinſchaft mit dem Willen rein gehaltene, und doch intuitive Erkennen die höchſte Objektivität und deshalb Voll⸗ kommenheit erreicht; — worüber ich auf das dritte Buch meines Hauptwerks verweiſe. § 3. Ariſtoteles. Als Grundcharakter des Ariſtoteles ließe ſich angeben der allergrößte Scharfſinn, verbunden mit Umſicht, Beobachtungsgabe, Vielſeitigkeit und Mangel an Tiefſinn. Seine Weltanſicht iſt flach, wenn auch ſcharfſinnig durchgearbeitet. Der Tiefſinn findet ſeinen Stoff in uns ſelbſt; der Scharfſinn muß ihn von außen erhalten, um Data zu haben. Nun aber waren zu jener Zeit die empiriſchen Data theils ärmlich, theils ſogar falſch. Daher iſt heut zu Tage das Studium des Ariſtoteles nicht ſehr belohnend, während das des Plato es im höchſten Grade bleibt. Der ge⸗ rügte Mangel an Tiefſinn beim Ariſtoteles wird natürlich am ſichtbarſten in der Metaphyſik, als wo der bloße Scharfſinn nicht, wie wohl anderwärts, ausreicht; daher er dann in dieſer am allerwenigſten befriedigt. Seine Metaphyſik iſt größtentheils ein Hin⸗ und Her⸗Reden über die Philoſopheme ſeiner Vorgän⸗ ger, die er von ſeinem Standpunkt aus, meiſtens nach vereinzel⸗ ten Ausſprüchen derſelben, kritiſirt und widerlegt, ohne eigentlich in ihren Sinn einzugehn, vielmehr wie Einer, der von außen die Fenſter einſchlägt. Eigene Dogmen ſtellt er wenige, oder keine, wenigſtens nicht im Zuſammenhange, auf. Daß wir ſeiner Polemik einen großen Theil unſerer Kenntniß der älteren Philo⸗ ſopheme verdanken iſt ein zufälliges Verdienſt. Den Plato feindet er am meiſten gerade hier an, wo dieſer fo ganz an feinem Platz iſt. Die „Ideen“ deſſelben kommen ihm, wie etwas, das er nicht verdauen kann, immer wieder in den Mund: er iſt entſchloſſen, ſie nicht gelten zu laſſen. — Scharfſinn reicht in den Erfahrungs⸗ wiſſenſchaften aus: daher hat Ariſtoteles eine vorwaltend empiriſche Richtung. Da nun aber, ſeit jener Zeit, die Empirie ſolche 51
Aristoteles. Fortſchritte gemacht hat, daß fie zu ihrem damaligen Zuftande ſich verhält wie das männliche Alter zu den Kinderjahren; ſo können die Erfahrungswiſſenſchaften heut zu Tage direkte nicht ſehr durch ſein Studium gefördert werden, wohl aber indirekte, durch die Methode und das eigentlich Wiſſenſchaftliche, was ihn charakteriſirt und durch ihn in die Welt geſetzt wurde. In der Zoologie jedoch iſt er auch noch jetzt, wenigſtens im Einzelnen, von direktem Nutzen. Ueberhaupt nun aber giebt ſeine empiriſche Richtung ihm den Hang, ſtets in die Breite zu gehn; wodurch er von dem Gedankenfaden, den er aufgenommen, ſo leicht und ſo oft ſeitwärts abſpringt, daß er faſt unfähig iſt, irgend einen Gedankengang auf die Länge und bis ans Ende zu verfolgen: nun aber beſteht gerade hierin das tiefe Denken. Er hingegen jagt überall die Probleme auf, berührt ſie jedoch nur und geht, ohne ſie zu löſen, oder auch nur gründlich zu diskutiren, ſofort zu etwas Anderm über. Daher denkt ſein Leſer ſo oft „jetzt wird's kommen“; aber es kommt nichts: und daher ſcheint, wann er ein Problem angeregt hat und auf eine kurze Strecke es ver⸗ folgt, ſo häufig die Wahrheit ihm auf der Zunge zu ſchweben; aber plötzlich iſt er bei etwas Anderm und läßt uns im Zweifel ſtecken. Denn er kann nichts feſthalten, ſondern ſpringt von Dem, was er vorhat, zu etwas Anderm, das ihm eben einfällt, über, wie ein Kind ein Spielzeug fallen läßt, um ein anderes, welches es eben anſichtig wird, zu ergreifen: Dies iſt die ſchwache Seite feines Geiſtes: es iſt die Lebhaftigkeit der Oberflächlichkeit. [47] Hieraus erklärt es ſich, daß, obwohl Ariſtoteles ein höchſt ſyſte⸗ matiſcher Kopf war, da von ihm die Sonderung und Klaſſifika⸗ tion der Wiſſenſchaften ausgegangen iſt, es dennoch ſeinem Vor⸗ trage durchgängig an ſyſtematiſcher Anordnung fehlt und wir den methodiſchen Fortſchritt, ja die Trennung des Ungleichartigen und Zuſammenſtellung des Gleichartigen darin vermiſſen. Er handelt die Dinge ab, wie ſie ihm einfallen, ohne ſie vorher durchdacht und ſich ein deutliches Schema entworfen zu haben: er denkt mit der Feder in der Hand, was zwar eine große Er⸗ leichterung für den Schriftſteller, aber eine große Beſchwerde für den Leſer iſt. Daher das Planloſe und Ungenügende ſeiner Dar⸗ ſtellung; daher kommt er hundert Mal auf das Selbe zu reden, weil ihm Fremdartiges dazwiſchen gelaufen war; daher kann er 32 — — w 3 5 0 5 0 5 — — — I J. 2 A © A D [#8] 25 3 3 8 Aristoteles. nicht bei einer Sache bleiben, ſondern geht vom Hundertſten ins Tauſendſte; daher führt er, wie oben beſchrieben, den auf die Löſung der angeregten Probleme geſpannten Leſer bei der Naſe herum; daher fängt er, nachdem er einer Sache mehrere Seiten gewidmet hat, ſeine Unterſuchung derſelben plötzlich von vorne an mit Aaßopev ovv adtıy apymv ng oxsıbeog, und Das ſechs Mal in einer Schrift; daher paßt auf fo viele Erordien feiner Bücher und Kapitel das quid feret hic tanto dignum promissor hiatu; daher, mit Einem Wort, iſt er ſo oft konfus und ungenügend. Ausnahmsweiſe hat er es freilich anders gehalten; wie denn z. B. die drei Bücher Rhetorik durchweg ein Muſter wiſſenſchaftlicher Methode find, ja, eine architektoniſche Symmetrie zeigen, die das Vorbild der Kantiſchen geweſen ſeyn mag. Der radikale Gegenſatz des Ariſtoteles, wie in der Denkungs⸗ art, ſo auch in der Darſtellung, iſt Plato. Dieſer hält ſeinen Hauptgedanken feſt, wie mit eiſerner Hand, verfolgt den Faden deſſelben, werde er auch noch ſo dünn, in alle Verzweigungen, durch die Irrgänge der längſten Geſpräche, und findet ihn wieder nach allen Epiſoden. Man ſieht daran, daß er ſeine Sache, ehe er an's Schreiben ging, reiflich und ganz durchdacht, und zu ihrer Darſtellung eine künſtliche Anordnung entworfen hatte. Daher iſt jeder Dialog ein planvolles Kunſtwerk, deſſen ſämmtliche Theile wohlberechneten, oft abſichtlich auf eine Weile ſich verbergenden Zuſammenhang haben und deſſen häufige Epiſoden von ſelbſt und oft unerwartet zurückleiten auf den, durch ſie nunmehr aufgehell⸗ ten Hauptgedanken. Plato wußte ſtets, im ganzen Sinne des Worts, was er wollte und beabſichtigte; wenn er gleich meiſtens die Probleme nicht zu einer entſchiedenen Löſung führt, ſondern es bei der gründlichen Diskuſſion derſelben bewenden läßt. Es darf uns daher nicht ſo ſehr wundern, wenn, wie einige Berichte, beſonders im Aelian (var. hist. III, 19. IV, 9 etc.), angeben, zwiſchen dem Plato und dem Ariſtoteles ſich bedeutende perſön⸗ liche Disharmonie gezeigt hat, auch wohl Plato hin und wieder etwas geringſchätzend vom Ariſtoteles geredet haben mag, deſſen Herumflankiren, Irrlichterliren und Abſpringen eben mit ſeiner Polymathie verwandt, dem Plato aber ganz antipathiſch iſt. Schillers Gedicht „Breite und Tiefe“ kann auch auf den Gegen⸗ ſatz zwiſchen Ariſtoteles und Plato angewandt werden. 33
Aristoteles. Trotz dieſer empiriſchen Geiſtesrichtung war dennoch Ariſto— teles kein konſequenter und methodiſcher Empiriker; daher er vom wahren Vater des Empirismus, dem Bako von Verulam, geſtürzt und ausgetrieben werden mußte. Wer recht eigentlich verſtehn will, in welchem Sinn und warum dieſer der Gegner und Ueberwinder des Ariſtoteles und ſeiner Methode iſt, der leſe die Bücher des Ariſtoteles de generatione et corruptione. Da findet er ſo recht das Räſonniren a priori über die Natur, wel⸗ ches ihre Vorgänge aus bloßen Begriffen verſtehn und erklären will: ein beſonders grelles Beiſpiel liefert L. II, c. 4, als wo eine Chemie a priori konſtruirt wird. Dagegen trat Bako auf, mit dem Rath, nicht das Abſtrakte, ſondern das Anſchauliche, die Erfahrung, zur Quelle der Erkenntniß der Natur zu machen. Der glänzende Erfolg deſſelben iſt der gegenwärtige hohe Stand der Naturwiſſenſchaften, von welchem aus wir mitleidig lächelnd auf dieſe Ariſtoteliſchen Quälereien herabſehn. In der beſagten Hin⸗ ſicht iſt es ſehr merkwürdig, daß die eben erwähnten Bücher des Ariſtoteles ſogar den Urſprung der Scholaſtik ganz deutlich erken⸗ nen laſſen, ja, die ſpitzfindige, wortkramende Methode dieſer ſchon darin anzutreffen iſt. — Zu dem ſelben Zweck find auch die Bücher de coelo ſehr brauchbar und daher leſenswerth. Gleich die erſten Kapitel ſind ein rechtes Muſter der Methode aus bloßen Begriffen das Weſen der Natur erkennen und beſtimmen zu wollen, und das Mißlingen liegt hier zu Tage. Da wird uns Kap. 8 aus bloßen Begriffen und locis communibus bewieſen, daß es nicht mehrere Welten gebe, und Kap. 12, eben ſo über den Lauf der Geſtirne ſpekulirt. Es iſt ein konſequentes Vernünfteln aus fal⸗ ſchen Begriffen, eine ganz eigene Natur⸗Dialektik, welche es unter⸗ nimmt, aus gewiſſen allgemeinen Grundſätzen, die das Vernünf⸗ tige und Schickliche ausdrücken ſollen, a priori zu entſcheiden, wie die Natur ſeyn und verfahren müſſe. Indem wir nun einen fo großen, ja ſtupenden Kopf, wie bei dem Allen Ariſtoteles doch iſt, ſo tief in Irrthümern dieſer Art verſtrickt ſehn, die ihre Gültig⸗ keit bis noch vor ein Paar hundert Jahren behauptet haben, wird uns zuvörderſt deutlich, wie ſehr viel die Menſchheit dem Koper⸗ nikus, Kepler, Galilei, Bako, Robert Hooke und Neuton verdankt. Im Kap. 7 und s des zweiten Buchs legt Ariſtoteles uns ſeine ganze abſurde Anordnung des Himmels dar: die Sterne ſtecken 54 — IS [49] 2 ws w 5 0 5 0 5 Aristoteles. feft auf der ſich drehenden Hohlkugel, Sonne und Planeten auf ähnlichen näheren: die Reibung beim Drehn verurſacht Licht und Wärme: die Erde ſteht ausdrücklich ſtill. Das Alles möchte hin⸗ gehn, wenn vorher nichts Beſſeres dageweſen wäre: aber wenn er ſelbſt uns, Kap. 13, die ganz richtigen Anſichten der Pytha⸗ goreer über Geſtalt, Lage und Bewegung der Erde vorführt, um ſie zu verwerfen; ſo muß dies unſere Indignation erregen. Sie wird ſteigen, wenn wir aus ſeiner häufigen Polemik gegen Em⸗ pedokles, Herakleitos und Demokritos ſehn, wie alle dieſe ſehr viel richtigere Einſichten in die Natur gehabt, auch die Erfahrung beſſer beachtet haben, als der ſeichte Schwätzer, den wir hier vor uns haben. Empedokles hatte ſogar ſchon eine durch den Um⸗ ſchwung entſtehende und der Schwere entgegenwirkende Tangen⸗ tialkraft gelehrt (II. 1 et 13, dazu die Scholien, p. 491). Weit entfernt dergleichen gehörig ſchätzen zu können, läßt Ariſtoteles nicht ein Mal die richtigen Anſichten jener Aelteren über die wahre Bedeutung des Oben und Unten gelten, ſondern tritt auch hierin der, dem oberflächlichen Scheine folgenden Meinung des großen Haufens bei (IV, 2). Nun aber kommt in Betracht, daß dieſe 20 feine Anfichten Anerkennung und Verbreitung fanden, alles Frühere [50] und Beſſere verdrängten und fo ſpäterhin die Grundlage des Hip⸗ parchus und dann des Ptolemäiſchen Weltſyſtems wurden, mit welchem die Menſchheit ſich bis zum Anfang des 16. Jahrhun⸗ derts hat ſchleppen müſſen, allerdings zum großen Vortheil der 2 jüdiſch⸗chriſtlichen Religionslehren, als welche mit dem Koperni⸗ kaniſchen Weltſyſteme im Grunde unverträglich find; denn wie ſoll ein Gott im Himmel ſeyn, wenn kein Himmel daiſt? Der ernſtlich gemeinte Theis mus ſetzt nothwendig voraus, daß man die Welt eintheile in Himmel und Erde: auf dieſer laufen 30 die Menſchen herum; in jenem ſitzt der Gott, der fie regiert. Nimmt nun die Aſtronomie den Himmel weg; ſo hat ſie den Gott mit weggenommen: ſie hat nämlich die Welt ſo ausgedehnt, daß für den Gott kein Raum übrig bleibt. Aber ein perſönliches Weſen, wie jeder Gott unumgänglich iſt, das keinen Ort hätte, 35 ſondern überall und nirgends wäre, läßt ſich bloß ſagen, nicht imaginiren, und darum nicht glauben. Demnach muß, in dem Maaße, als die phyſiſche Aſtronomie populariſirt wird, der Theis⸗ mus ſchwinden, fo feſt er auch durch unabläffiges und feierlichſtes 5 Schopenhauer, Werke V A 1 D I 2 35
Aristoteles. — Stoiker. Vorſagen den Menſchen eingeprägt worden; wie denn auch bie katholiſche Kirche dies ſofort richtig erkannt und demgemäß das Kopernikaniſche Syſtem verfolgt hat; worüber daher ſich ſo ſehr und mit Zetergeſchrei über die Bedrängniß des Galilei zu ver⸗ wundern einfältig iſt: denn omnis natura vult esse conser- 5 vatrix sui. Wer weiß, ob nicht irgend eine ſtille Erkenntniß, oder wenigſtens Ahndung, dieſer Kongenialität des Ariſtoteles mit der Kirchenlehre, und der durch ihn beſeitigten Gefahr, zu ſeiner übermäßigen Verehrung im Mittelalter beigetragen hat? T) Wer weiß, ob nicht Mancher, angeregt durch die Berichte deſſelben über die älteren aſtronomiſchen Syſteme, im Stillen, lange vor Ko⸗ pernikus, die Wahrheiten eingeſehn hat, die dieſer, nach vieljäh⸗ rigem Zaudern und im Begriff aus der Welt zu ſcheiden, endlich zu proklamiren wagte? — 0 § 6. 175 Stoiker. Ein gar ſchöner und tiefſinniger Begriff bei den Stoikern iſt der des Joe orsppatixog, wiewohl ausführlichere Berichte über ihn, als uns zugekommen, zu wünſchen wären (Diog. Laert. VII, 136. — Plut. de plac. phil. I, 7. — Stob. ecl. I, p. 372). Doch ift ſoviel klar, daß dadurch Das gedacht wird, was in den ſucceſſiven Individuen einer Gattung, die identiſche Form der⸗ ſelben behauptet und erhält, indem es vom Einen auf das Andere übergeht; alſo gleichfam der im Saamen verkörperte Begriff der Gattung. Demnach iſt der Aoyog orspparixog das Unzerſtör⸗ bare im Individuo, iſt Das, wodurch es mit der Species Eins iſt, ſie vertritt und erhält. Er iſt Das, welches macht, daß der Tod, der das Individuum vernichtet, die Gattung nicht anficht, vermöge welcher das Individuum ſtets wieder daiſt; dem Tode zum Trotz. Daher könnte man Aoyog orepparurog überſetzen: die Zauberformel, welche zu jeder Zeit dieſe Geſtalt zur Erſcheinung ruft. — Ihm ſehr nahe verwandt iſt der Begriff der korma substantialis bei den Scholaſtikern, als durch welchen das innere 0 0 DS 5 0 ve 1 Die älteren Schriftſteller, welche dem Ariſtoteles wirklichen Theismus zuſchreiben, nehmen ihre Belege aus den Büchern de mundo, die entſchieden 35 nicht von ihm ſind; welches freilich jetzt allgemein angenommen iſt. 36 FCC Stoiker. Princip des Komplexes ſämmtlicher Eigenſchaften eines jeden Na⸗ turweſens gedacht wird: ſein Gegenſatz iſt die materia prima, die reine Materie, ohne alle Form und Qualität. Die Seele des Menſchen iſt eben feine forma substantialis. Was beide 5 Begriffe unterſcheidet iſt, daß der Aoyog orepuarurog bloß leben⸗ den und ſich fortpflanzenden, die korma substantialis aber auch Oi] unorganiſchen Weſen zukommt; imgleichen, daß dieſe zunächſt das Individuum, jener geradezu die Gattung im Auge hat: inzwiſchen ſind offenbar beide der Platoniſchen Idee verwandt. Erklärungen ro der forma substantialis findet man im Skotus Erigena de divis. nat. Lib. III, p. 139 der Orforder Ausgabe; im Giordano Bruno, della causa, dial. 3. p. 252 seqq. und ausführlich in den disputationibus metaphysicis des Suarez ODisp. 15, sect. 1), dieſem ächten Kompendio der ganzen Scholaſtiſchen Weisheit, wo⸗ 15 felbft man ihre Bekanntſchaft zu ſuchen hat, nicht aber in dem breiten Geträtſche geiſtloſer deutſcher Philoſophieprofeſſoren, dieſer Quinteſſenz aller Schaalheit und Langweiligkeit. — Eine Hauptquelle unſerer Kenntniß der Stoiſchen Ethik iſt die uns von Stobäos (Ecl. eth. L. II, c. 7) aufbewahrte ſehr aus⸗ 20 führliche Darſtellung derſelben, in welcher man meiſtens wörtliche Auszüge aus dem Zeno und Chryſippos zu beſitzen ſich ſchmei⸗ chelt: wenn es ſich ſo verhält, ſo iſt ſie nicht geeignet, uns vom Geiſte dieſer Philoſophen eine hohe Meinung zu geben: vielmehr iſt fie eine pedantiſche, ſchulmeiſterhafte, überaus breite, unglaub⸗ 25 lich nüchterne, flache und geiſtloſe Auseinanderſetzung der Stoiſchen Moral, ohne Kraft und Leben, ohne werthvolle, treffende, feine Gedanken. Alles darin iſt aus bloßen Begriffen abgeleitet, nichts aus der Wirklichkeit und Erfahrung geſchöpft. Demgemäß wird die Menſchheit eingetheilt in orobdarot und pabhot, Tugendhafte 30 und Laſterhafte, jenen alles Gute, dieſen alles Schlechte beigelegt, wonach denn Alles ſchwarz und weiß ausfällt, wie ein Preußiſches Schilderhaus. Daher halten dieſe platten Schulexercitien keinen Vergleich aus mit den fo energiſchen, geiſtvollen und durchdachten Schriften des Seneka. — Die ungefähr 400 Jahre nach dem Urſprung der Stoa ab— gefaßten Diſſertationen Arrian's zur Epikteteiſchen Philo— ſophie geben uns auch keine gründliche Aufſchlüſſe über den wahren Geiſt und die eigentlichen Principien der Stoiſchen 5* 57
Stoiker. Moral: vielmehr iſt dies Buch in Form und Gehalt unbefrie⸗ digend. Erſtlich, die Form anlangend, vermißt man darin jede Spur von Methode, von ſyſtematiſcher Abhandlung, ja auch nur von regelmäßiger Fortſchreitung. In Kapiteln, die ohne Ordnung und Zuſammenhang an einander gereiht ſind, wird unabläſſig wiederholt, daß man alles Das für nichts zu achten habe, was nicht Aeußerung unſers eigenen Willens iſt, daß man mithin Alles, was Menſchen ſonſt bewegt, durchaus antheilslos anſehn ſolle: Dies iſt die Stoiſche arapadıo. Nämlich, was nicht eq Apiv iſt, das wäre auch nicht pos Ihres. Dieſes koloſſale Para⸗ doxon wird aber nicht abgeleitet, aus irgend welchen Grundſätzen; ſondern die wunderlichſte Geſinnung von der Welt wird uns zu⸗ gemuthet, ohne daß zu derſelben ein Grund angegeben würde. Statt deſſen findet man endloſe Deklamationen, in unermüdlich wiederkehrenden Ausdrücken und Wendungen. Denn die Folge⸗ ſätze aus jenen wunderlichen Maximen werden auf das Ausführ⸗ lichſte und Lebhafteſte dargelegt, und wird demnach mannigfaltig geſchildert, wie der Stoiker ſich aus nichts in der Welt etwas mache. Dazwiſchen wird jeder anders Geſinnte beſtändig Sklav und Narr geſchimpft. Vergebens aber hofft man auf die Angabe irgend eines deutlichen und triftigen Grundes zur Annahme jener ſeltſamen Denkungsart; da ein ſolcher doch viel mehr wirken würde, als alle Deklamationen und Schimpfwörter des ganzen dicken Buches. So aber iſt dieſes, mit ſeinen hyperboliſchen Schilderungen des Stoiſchen Gleichmuthes, feinen unermüdlich wiederholten Lobpreiſungen der heiligen Schutzpatrone Kleanthes, Chryſippos, Zeno, Krates, Diogenes, Sokrates, und ſeinem Schimpfen auf alle anders Denkenden eine wahre Kapuzinerpre⸗ digt. Einer ſolchen angemeſſen iſt dann freilich auch das Plan⸗ loſe und Deſultoriſche des ganzen Vortrags. Was die Ueber⸗ ſchrift eines Kapitels angiebt, iſt nur der Gegenſtand des Anfangs deſſelben: bei erſter Gelegenheit wird abgeſprungen und nun, nach dem nexus idearum, vom Hundertſten aufs Tauſendſte überge⸗ gangen. Soviel von der Form. Was nun den Gehalt betrifft, ſo iſt derſelbe, auch abgeſehn davon, daß das Fundament ganz fehlt, keineswegs ächt und rein ſtoiſch; ſondern hat eine ſtarke fremde Beimiſchung, die nach einer chriſtlich⸗jüdiſchen Quelle ſchmeckt. Der unleugbarſte Beweis hie⸗ 38 2 — D Stoiker von iſt der Theismus, der auf allen Seiten zu finden und auch Träger der Moral iſt: der Kyniker und der Stoiker handeln hier im Auftrage Gottes, deſſen Wille iſt ihre Richtſchnur, ſie ſind in denſelben ergeben, hoffen auf ihn u. dgl. m. Der ächten, 5 urſprünglichen Stoa iſt dergleichen ganz fremd: da iſt Gott und die Welt Eines, und ſo einen denkenden, wollenden, befehlenden, vorſorgenden Menſchen von einem Gott kennt man gar nicht. Jedoch nicht nur im Arrian, ſondern in den meiſten heidniſchen, philoſophiſchen Schriftſtellern der erſten Chriſtlichen Jahrhunderte, zo ſehn wir den jüdiſchen Theismus, der bald darauf, als Chriſten⸗ thum, Volksglaube werden ſollte, bereits durchſchimmern, ge⸗ rade ſo wie heut zu Tage, in den Schriften der Gelehrten, der in Indien einheimiſche Pantheismus durchſchimmert, der auch erſt ſpäter in den Volksglauben überzugehn beſtimmt iſt. Ex 15 oriente lux. Aus dem angegebenen Grunde nun wieder iſt auch die hier vorgetragene Moral ſelbſt nicht rein ſtoiſch: ſogar find manche Vorſchriften derſelben nicht mit einander zu vereinigen; daher ſich freilich keine gemeinſame Grundprincipien derſelben aufſtellen ließen. 20 Eben ſo iſt auch der Kynismus ganz verfälſcht, durch die Lehre, daß der Kyniker es hauptſächlich um Anderer Willen ſeyn ſolle, nämlich, um durch ſein Beiſpiel auf ſie zu wirken, als ein Bote Gottes, und um, durch Einmiſchung in ihre Angelegenheiten, ſie [53] zu lenken. Daher wird gefagt: „In einer Stadt von lauter Wei⸗ 25 ſen, würde gar kein Kyniker nöthig ſeyn“; desgleichen, daß er geſund, ſtark und reinlich ſeyn ſolle, um die Leute nicht abzu⸗ ſtoßen. Wie fern liegt doch Dies vom Selbſtgenügen der alten ächten Kyniker! Allerdings find Diogenes und Krates Haus⸗ freunde und Rathgeber vieler Familien geweſen: aber Das war 30 ſekundär und accidentell, keineswegs Zweck des Kynismus. Dem Arrian ſind alſo die eigentlichen Grundgedanken des Kynismus, wie der Stoiſchen Ethik, ganz abhanden gekommen: ſogar ſcheint er nicht ein Mal das Bedürfniß derſelben gefühlt zu haben. Er predigt eben Selbſtverleugnung, weil ſie ihm gefällt, 35 und fie gefällt ihm vielleicht nur, weil fie ſchwer und der menſch⸗ i lichen Natur entgegen, das Predigen inzwiſchen leicht iſt. Die Gründe zur Selbſtverleugnung hat er nicht geſucht: daher glaubt man bald einen Chriſtlichen Asketen, bald wieder einen Stoiker 39
Stoiker. — Neuplatoniker. zu hören. Denn die Maximen Beider treffen allerdings oft zu⸗ ſammen; aber die Grundſätze, worauf ſie beruhen, ſind ganz ver⸗ ſchieden. Ich verweiſe in dieſer Hinſicht auf mein Hauptwerk, Bd. 1, § 16, und Bd. 2, Kap. 16, — woſelbſt, und wohl zum erſten Male, der wahre Geiſt des Kynismus und der Stoa, gründ⸗ lich dargelegt iſt. Die Inkonſequenz des Arrian tritt ſogar auf eine lächer⸗ liche Art hervor, in dieſem Zuge, daß er, bei der unzählige Mal wiederholten Schilderung des vollkommenen Stoikers, auch alle: mal ſagt: „er tadelt Niemanden, klagt weder über Götter noch Menſchen, ſchilt Niemanden,“ — dabei aber iſt ſein ganzes Buch größtentheils im ſcheltenden Ton, der oft ins Schimpfen übergeht, abgefaßt. Bei dem Allen ſind in dem Buche hin und wieder ächt Stoiſche Gedanken anzutreffen, die Arrian, oder Epiktet, aus den alten Stoikern geſchöpft hat: und eben ſo iſt der Kynismus in einzelnen Zügen treffend und lebhaft geſchildert. Auch iſt ſtellen⸗ weiſe viel geſunder Verſtand darin enthalten, wie auch treffende, aus dem Leben gegriffene Schilderungen der Menſchen und ihres Thuns. Der Stil iſt leicht und fließend, aber ſehr breit. Daß Epiktets Encheiridion ebenfalls vom Arrian abgefaßt ſei, wie F. A. Wolf uns in ſeinen Vorleſungen verſicherte, glaube ich nicht. Daſſelbe hat viel mehr Geiſt in wenigeren Worten, als die Diſſertationen, hat durchgängig geſunden Sinn, keine leere Deklamationen, keine Oſtentation, iſt bündig und treffend, dabei im Ton eines wohlmeinend rathenden Freundes geſchrieben; da hingegen die Diſſertationen meiſtens im ſcheltenden und vorwerfen⸗ den Tone reden. Der Gehalt beider Bücher iſt im Ganzen der ſelbe; nur daß das Encheiridion höchſt wenig vom Theismus der Diſſertationen hat. — Vielleicht war das Encheiridion das eigene Kompendium des Epiktet, welches er ſeinen Zuhörern diktirte; die Diſſertationen aber, das ſeinen, jenes kommentirenden, freien Vor⸗ trägen vom Arrian nachgeſchriebene Heft. $ 7. Neuplatoniker. Die Lektüre der Neuplatoniker erfordert viel Geduld; weil es ihnen ſämmtlich an Form und Vortrag gebricht. Bei Weitem 60 — IS 1623 [S ws 35 5 0 5 0 } Neuplatoniker. beſſer, als die andern, iſt jedoch, in dieſer Hinſicht, Porphy⸗ rius: er iſt der einzige, der deutlich und zuſammenhängend ſchreibt; ſo daß man ihn ohne Widerwillen lieſt. Hingegen iſt der ſchlechteſte Jamblichos in ſeinem Buche 5 de mysteriis Aegyptiorum: er iſt voll kraſſen Aberglaubens und plumper Dämonologie, und dazu eigenſinnig. Zwar hat er noch eine andere, gleichſam eſoteriſche Anſicht der Magie und Theurgie: doch ſind ſeine Aufſchlüſſe über dieſe nur flach und unbedeutend. Im Ganzen iſt er ein ſchlechter und unerquicklicher Skribent: 10 beſchränkt, verſchroben, grob⸗abergläubiſch, konfus und unklar. Man ſieht deutlich, daß was er lehrt durchaus nicht aus ſeinem eigenen Nachdenken entſprungen iſt; ſondern es ſind fremde, oft nur halb verſtandene, aber deſto hartnäckiger behauptete Dogmen: daher auch iſt er voll Widerſprüche. Allein man will jetzt das 15 genannte Buch dem Jamblichos abſprechen, und ich möchte dieſer Meinung beiſtimmen, wenn ich die langen Auszüge aus ſeinen verlorenen Werken leſe, die Stobäos uns aufbehalten hat, als welche ungleich beſſer ſind, als jenes Buch de mysteriis und gar manchen guten Gedanken der Neuplatoniſchen Schule enthalten. 20 Proklos nun wieder iſt ein ſeichter, breiter, fader Schwätzer. Sein Kommentar zu Plato's Alkibiades, einem der ſchlechteſten Platoniſchen Dialogen, der auch unächt ſeyn mag, iſt das brei⸗ teſte, weitſchweifigſte Gewäſche von der Welt. Da wird über jedes, auch das unbedeutendeſte Wort Plato's endlos geſchwätzt 25 und ein tiefer Sinn darin geſucht. Das von Plato mythiſch und allegoriſch Geſagte wird im eigentlichen Sinne und ſtreng dogma⸗ tiſch genommen, und Alles in's Abergläubiſche und Theoſophiſche [55] verdreht. Dennoch iſt nicht zu leugnen, daß in der erſten Hälfte jenes Kommentars einige ſehr gute Gedanken anzutreffen ſind, die 30 aber wohl mehr der Schule, als dem Proklos, angehören mögen. Ein höchſt gewichtiger Satz ſogar iſt es, der den fasciculum primum partis primae beſchließt: al ray οοννντ eee c He avyreioudı TIOG ve Broug, . O mAaTronevors sEwTev coLXaev, X eg’ Eauruy Tpoßarlopnev Tag alpessıc, KAT dg dig 35 ev. (animorum appetitus [ante hanc vitam concepti] plurimam vim habent in vitas eligendas, nec extrinsecus fictis similes sumus, sed nostra sponte facimus electiones, secundum quas deinde vitas transigimus). Das hat freilich feine 61
Neuplatoniker. Wurzel im Plato, kommt aber auch nahe an Kants Lehre vom intelligibeln Charakter und ſteht gar hoch über den platten und bornirten Lehren von der Freiheit des individuellen Willens, der jedesmal ſo und auch anders kann, mit welchen unſere Philoſo⸗ phieprofeſſoren, ſtets den Katechismus vor Augen habend, ſich bis auf den heutigen Tag ſchleppen. Auguſtinus und Luther ihrer⸗ ſeits hatten ſich mit der Gnadenwahl geholfen. Das war gut für jene gottergebenen Zeiten, da man noch bereit war, wenn es Gott gefiele, in Gottes Namen zum Teufel zu fahren: aber in unſerer Zeit iſt nur bei der Aſeität des Willens Schutz zu finden, und muß erkannt werden, daß, wie Proklos es hat, ov carvevo ESN sotNAhe. Plotinos nun endlich, der wichtigſte von Allen, iſt ſich ſelber ſehr ungleich, und die einzelnen Enneaden ſind von höchſt verſchiedenem Werth und Gehalt: die vierte iſt vortrefflich. Dar⸗ ſtellung und Stil ſind jedoch auch bei ihm meiſtentheils ſchlecht: ſeine Gedanken ſind nicht geordnet, nicht vorher überlegt; ſondern er hat eben in den Tag hineingeſchrieben, wie es kam. Von der liederlichen, nachläſſigen Art, mit der er dabei zu Werke gegangen, berichtet, in ſeiner Biographie, Porphyrius. Daher übermannt ſeine breite, langweilige Weitſchweifigkeit und Konfuſion oft alle Geduld, ſo daß man ſich wundert, wie nur dieſer Wuſt hat auf die Nachwelt kommen können. Meiſtens hat er den Stil eines Kanzelredners, und wie dieſer das Evangelium, ſo tritt er Plato⸗ niſche Lehren platt: wobei auch er was Plato mythiſch, ja halb metaphoriſch geſagt hat zum ausdrücklichen proſaiſchen Ernſt herab⸗ zieht, und Stunden lang am ſelben Gedanken kaut, ohne aus eigenen Mitteln etwas hinzuzuthun. Dabei verfährt er revelirend, nicht demonſtrirend, ſpricht alſo durchgängig ex tripode, erzählt die Sachen, wie er fie ſich denkt, ohne ſich auf eine Begründung irgend einzulaſſen. Und dennoch find bei ihm große, wichtige und tiefſinnige Wahrheiten zu finden, die er auch allerdings ſelbſt ver⸗ ſtanden hat: denn er iſt keineswegs ohne Einſicht; daher er durch⸗ aus geleſen zu werden verdient und die hiezu erforderliche Geduld reichlich belohnt. Den Aufſchluß über dieſe widerſprechenden Eigenſchaften des Plotinos finde ich darin, daß er, und die Neuplatoniker überhaupt, nicht eigentliche Philoſophen, nicht Selbſtdenker ſind; ſondern was 62 — 5 156] w oO 35 Neuplatoniker. fie vortragen iſt eine fremde, überkommene, jedoch von ihnen mei⸗ ſtens wohl verdauete und aſſimilirte Lehre. Es iſt nämlich Indo⸗ Aegyptiſche Weisheit, die ſie der Griechiſchen Philoſophie haben einverleiben wollen und als hiezu paſſendes Verbindungsglied, 5 oder Uebergangsmittel, oder menstruum, die Platoniſche Philos ſophie, namentlich ihrem in's Myſtiſche hinüberſpielenden Theile nach, gebrauchen. Von dieſem indiſchen, durch Aegypten vermit⸗ telten Urſprunge der Neuplatoniſchen Dogmen zeugt zunächſt und unleugbar die ganze All⸗Eins⸗Lehre des Plotinos, wie wir fie 10 vorzüglich in der 4. Enneade dargeſtellt finden. Gleich das erſte Kapitel des erſten Buches derſelben, rrepı ov Yuyng, giebt, in großer Kürze, die Grundlehre ſeiner ganzen Philoſophie, von einer buy, die urſprünglich Eine und nur mittelſt der Körperwelt in viele zerſplittert ſei. Beſonders intereffant iſt das 8. Buch dieſer 15 Enneade, welches darſtellt, wie jene Poyn durch ein ſündliches Streben in dieſen Zuſtand der Vielheit gerathen ſei: ſie trage demnach eine doppelte Schuld, erſtlich, die ihres Herabkommens in dieſe Welt, und zweitens die ihrer ſündhaften Thaten in der⸗ ſelben: für jene büße ſie durch das zeitliche Daſeyn überhaupt; 20 für dieſe, welches die geringere, durch die Seelenwanderung (c. 5). Offenbar der ſelbe Gedanke, wie die Chriſtliche Erbſünde und Partikularſünde. Vor Allem leſenswerth aber iſt das 9. Buch, woſelbſt, im Kap. 3, er raoaı al οονν,UMuta, aus der Einheit jener Weltſeele, unter Anderm, die Wunder des animaliſchen 25 Magnetismus erklärt werden, namentlich die auch jetzt vorkom⸗ mende Erſcheinung, daß die Somnambule ein leiſe geſprochenes 7! Wort in größter Entfernung vernimmt, — was freilich durch eine Kette mit ihr in Rapport ſtehender Perſonen vermittelt werden muß. — Sogar tritt beim Plotinos, wahrſcheinlich zum erſten 30 Male in der occidentaliſchen Philoſophie, der dem Orient ſchon damals längſt geläufige Idealismus auf, da (Enn. III, L. 7, c. 10) gelehrt wird, die Seele habe die Welt gemacht, indem ſie aus der Ewigkeit in die Zeit trat; mit der Erläuterung: ov yap rie aur Toude rob Tavrog roc, I; Puy (neque est alter 35 hujus universi locus, quam anima), ja, die Idealität der Zeit wird ausgeſprochen, in den Worten: der de oux sEwTev img buyng Aapßaverv Tov ypovov, G VVdE vo j EXEL EEW TOD OvTog, (oportet autem nequaquam extra animam tempus accipere). 63
Neuplatoniker. Jenes ener (jenfeits) iſt der Gegenſatz des evSads (dieſſeits) und ein ihm ſehr geläufiger Begriff, den er näher erklärt durch xoopog vonTog und Xoop.og auoSmrog, mundus intellegibilis et sensibilis, auch durch a vo, N. ra xaro. Die Idealität der Zeit erhält noch, in Kap. 11 und 12, ſehr gute Erläuterungen. Daran knüpft 5 ſich die ſchöne Erklärung, daß wir in unſerm zeitlichen Zuſtande nicht find, was wir ſeyn ſollen und möchten, daher wir von der Zukunft ſtets das Beſſere erwarten und der Erfüllung unſers Mangels entgegenſehn, woraus denn die Zukunft und ihre Be⸗ dingung, die Zeit, entſteht (o. 2 et 3). Einen ferneren Beleg des indiſchen Urſprungs giebt uns die vom Jamblichos (de mysteriis, Sect. 4, c. 4 et 5), vorgetragene Metempſychoſenlehre, wie auch eben daſelbſt (Sect. 5, c. 6) die Lehre von der endlichen Befreiung und Erlöſung aus den Banden des Geborenwerdens und Sterbens, Pune xadapaıs, t Tekswwarg, Kt I A ng IS yeveoeog araddlayn, und (c. 12) to ev taıg Tucuars up Frag et ro Ing Yeveocog deopov, alſo eben jene, in allen indie ſchen Religionsbüchern vorgetragene Verheißung, welche Engliſch durch final emancipation, als Erlöſung, bezeichnet wird. Hiezu kommt endlich noch (a. a. O. Sect. 7, c. 2) der Bericht von einem Aegyptiſchen Symbol, welches einen ſchaffenden Gott, der auf dem Lotus ſitzt, darſtellt: offenbar der weltſchaffende Brahma, ſitzend auf der Lotusblume, die dem Nabel des Wiſchnu entſprießt, wie er häufig abgebildet iſt, z. B. in Langles, monuments de J Hindoustan, Vol. 1, ad p. 175; in Coleman's Mythology of 25 the Hindus, Tab. 5, u. a. m. Dies Symbol iſt, als ſicherer 153] Beweis des Hindoſtaniſchen Urſprungs der Aegyptiſchen Religion, höchſt wichtig, wie, in der ſelben Hinſicht, auch die vom Porphy— rius, de abstinentia Lib. II, gegebene Nachricht, daß in Aegyp⸗ ten die Kuh heilig war und nicht geſchlachtet werden durfte. — 30 Sogar der, von Porphyrius, in ſeinem Leben des Plotinos, er⸗ zählte Umſtand, daß dieſer, nachdem er mehrere Jahre Schüler des Ammonius Sackas geweſen, mit dem Heere Gordians nach Perſien und Indien hat gehn wollen, was durch Gordians Nie⸗ derlage und Tod vereitelt wurde, deutet darauf hin, daß die Lehre des Ammonius Indiſchen Urſprungs war und Plotinos ſie jetzt aus der Quelle reiner zu ſchöpfen beabſichtigte. Der ſelbe Por⸗ phyrius hat eine ausführliche Theorie der Metempſychoſe geliefert, — 0 0 0 2 5 64 Neuplatoniker. — Gnostiker. — Skotus Erigena. die ganz im Indiſchen Sinn, wiewohl mit Platoniſcher Pſycho⸗ logie verbrämt, iſt: fie ſteht in des Stobäos Eklogen, L. I, o. 52, § 84. § 8. Gnoſtiker. Die Kabbaliſtiſche und die Gnoſtiſche Philoſophie, bei deren Urhebern, als Juden und Chriſten, der Monotheismus vor⸗ weg feſtſtand, ſind Verſuche, den ſchreienden Widerſpruch zwiſchen der Hervorbringung der Welt durch ein allmächtiges, allgütiges 10 und allweiſes Weſen, und der traurigen, mangelhaften Beſchaffen⸗ heit eben dieſer Welt aufzuheben. Sie führen daher, zwiſchen die Welt und jene Welturſache, eine Reihe Mittelweſen ein, durch deren Schuld ein Abfall und durch dieſen erſt die Welt ent⸗ ſtanden ſei. Sie wälzen alſo gleichſam die Schuld vom Souverän 15 auf die Miniſter. Angedeutet war dies Verfahren freilich ſchon durch den Mythos vom Sündenfall, der überhaupt der Glanz⸗ punkt des Judenthums iſt. Jene Weſen nun alſo ſind, bei den Gnoſtikern, das pop, die Aeonen, die Hm, der Demiur⸗ gos u. ſ. w. Die Reihe wurde von jedem Gnoſtiker beliebig 20 verlängert. Das ganze Verfahren iſt dem analog, daß, um den Wider⸗ ſpruch, den die angenommene Verbindung und wechſelſeitige Ein⸗ wirkung einer materiellen und immateriellen Subſtanz im Menſchen mit ſich führt, zu mildern, phyſiologiſche Philoſophen Mittelweſen 25 einzuſchieben ſuchten, wie Nervenflüſſigkeit, Nervenäther, Lebens⸗ geiſter und dergl. Beides verdeckt was es nicht aufzuheben vermag. 19] $ 9. Skotus Erigena. 30 Dieſer bewundernswürdige Mann gewährt uns den inter⸗ eſſanten Anblick des Kampfes zwiſchen ſelbſterkannter, ſelbſtge⸗ ſchaueter Wahrheit und lokalen, durch frühe Einimpfung fixirten, allem Zweifel, wenigſtens allem direkten Angriff, entwachſenen Dogmen, nebſt dem daraus hervorgehenden Streben einer edlen 35 Natur, die fo entſtandene Diſſonanz irgendwie zum Einklang zurückzuführen. Dies kann dann aber freilich nur dadurch ge 65
Skotus Erigena. ſchehn, daß die Dogmen gewendet, gedreht und nöthigenfalls ver⸗ dreht werden, bis ſie ſich der ſelbſterkannten Wahrheit nolentes volentes anſchmiegen, als welche das dominirende Princip bleibt, jedoch genöthigt wird, in einem ſeltſamen und ſogar beſchwerlichen Gewande einherzugehn. Dieſe Methode weiß Erigena, in ſeinem großen Werke de divisione naturae, überall mit Glück durchzu⸗ führen, bis er endlich auch an den Urſprung des Uebels und der Sünde, nebſt den angedrohten Quaalen der Hölle, ſich damit machen will: hier ſcheitert ſie, und zwar am Optimismus, der eine Folge des jüdiſchen Monotheismus iſt. Er lehrt, im 5. Buch, die Rückkehr aller Dinge in Gott und die metaphyſiſche Einheit und Untheilbarkeit der ganzen Menſchheit, ja, der ganzen Natur. Nun frägt ſich: wo bleibt die Sünde? ſie kann nicht mit in den Gott; — wo iſt die Hölle, mit ihrer endloſen Quaal, wie fie verheißen worden? — wer ſoll hinein? die Menſchheit iſt ja erlöſt, und zwar ganz. — Hier bleibt das Dogma unüberwindlich. Erigena windet ſich kläglich, durch weitläuftige Sophismen, die auf Worte hinauslaufen, wird endlich zu Widerſprüchen und Ab⸗ ſurditäten genöthigt, zumal da die Frage nach dem Urſprung der Sünde unvermeidlicherweiſe mit hineingekommen, dieſer nun aber weder in Gott, noch auch in dem von ihm geſchaffenen Willen liegen kann; weil ſonſt Gott der Urheber der Sünde wäre; welches Letztere er vortrefflich einſieht, S. 287 der Oxforder editio princeps von 1681. Nun wird er zu Abſurditäten getrieben: da ſoll die Sünde weder eine Urſache noch ein Subjekt haben: malum incausale est, . . . penitus incausale et insubstantiale est: ibid. — Der tiefere Grund dieſer Uebelſtände iſt, daß die Lehre von der Erlöſung der Menſchheit und der Welt, welche offenbar indiſchen Urſprungs iſt, eben auch die indiſche Lehre vorausſetzt, nach welcher der Urſprung der Welt (dieſes Sanſara der Bud⸗ dhaiſten) ſelbſt ſchon vom Uebel, nämlich eine ſündliche That des Brahma iſt, welcher Brahma nun wieder wir eigentlich ſelbſt ſind: denn die indiſche Mythologie iſt überall durchſichtig. Hin⸗ gegen im Chriſtenthum hat jene Lehre von der Erlöſung der Welt gepfropft werden müſſen auf den jüdiſchen Theismus, wo der Herr die Welt nicht nur gemacht, ſondern auch nachher ſie vor⸗ trefflich gefunden hat: aur xaıa Arav. Hinc illae lacrimae: hieraus erwachſen jene Schwierigkeiten, die Erigena vollkommen 66 — 0 — 5 D 0 A — D 2 2 8 A Skotus Erigena. erkannte, wiewohl er, in feinem Zeitalter, nicht wagen durfte, das Uebel an der Wurzel anzugreifen. Inzwiſchen iſt er von Hin⸗ doſtaniſcher Milde: er verwirft die vom Chriſtenthum geſetzte ewige Verdammniß und Strafe: alle Kreatur, vernünftige, thieriſche, vegetabiliſche und lebloſe, muß, ihrer innern Eſſenz nach, ſelbſt durch den nothwendigen Lauf der Natur, zur ewigen Säligkeit gelangen: denn ſie iſt von der ewigen Güte ausgegangen. Aber den Heiligen und Gerechten allein wird die gänzliche Einheit mit Gott, Deificatio. Uebrigens iſt Erigena ſo redlich, die große Ver⸗ legenheit, in welche ihn der Urſprung des Uebels verſetzt, nicht zu verbergen: er legt ſie, in der angeführten Stelle des 5. Buches, deutlich dar. In der That iſt der Urſprung des Uebels die Klippe, an welcher, ſo gut wie der Pantheismus, auch der Theismus ſcheitert: denn Beide impliciren Optimismus. Nun aber ſind das Uebel und die Sünde, Beide in ihrer furchtbaren Größe, nicht wegzuleugnen, ja, durch die verheißenen Strafen für die Letztere, wird das Erſtere nur noch vermehrt. Woher nun alles Dieſes, in einer Welt, die entweder ſelbſt ein Gott, oder das wohlge⸗ meinte Werk eines Gottes iſt? Wenn die theiſtiſchen Gegner des Pantheismus dieſem entgegen ſchreien: „Was? alle die böſen, ſchreck⸗ lichen, ſcheußlichen Weſen ſollen Gott ſein?“ — ſo können die Pantheiſten erwidern: „Wie? alle jene böſen, ſchrecklichen, ſcheuß⸗ lichen Weſen foll ein Gott, de gaieté de cœur, hervorgebracht haben?“ — In der ſelben Noth, wie hier, finden wir den Erigena auch noch in dem andern ſeiner auf uns gekommenen Werke, dem Buche de praedestinatione, welches jedoch dem de divisione naturae weit nachſteht; wie er denn in demſelben auch nicht als [61] Philoſoph, ſondern als Theolog auftritt. Auch hier alſo quält er ſich erbärmlich mit jenen Widerſprüchen, welche ihren letzten 30 Grund darin haben, daß das Chriſtenthum auf das Judenthum geimpft iſt. Seine Bemühungen ſtellen ſolche aber nur in noch helleres Licht. Der Gott ſoll Alles, Alles und in Allem Alles gemacht haben; das ſteht feſt: — „folglich auch das Böſe und das Uebel.“ Dieſe unausweichbare Konſequenz iſt wegzuſchaffen und Erigena 35 ſieht ſich genöthigt, erbärmliche Wortklaubereien vorzubringen. Da ſollen das Uebel und das Böſe gar nicht ſeyn, ſollen alſo nichts ſeyn. — Den Teufel auch! — Oder aber der freie Wille ſoll an ihnen Schuld ſeyn: dieſen nämlich habe der Gott zwar geſchaffen, 67
Skotus Erigena. jedoch frei; daher es ihn nicht angeht, was derſelbe nachher vor⸗ nimmt: denn er war ja eben frei, d. h. konnte ſo und auch anders, konnte alſo gut, ſowohl wie ſchlecht ſeyn. — Bravo! — Die Wahrheit aber iſt, daß Freiſeyn und Geſchaffenſeyn zwei einander aufhebende, alſo ſich widerſprechende Eigenſchaften find; 5 daher die Behauptung, Gott habe Weſen geſchaffen, und ihnen zugleich Freiheit des Willens ertheilt, eigentlich beſagt, er habe ſie geſchaffen und zugleich nicht geſchaffen. Denn operari sequitur esse, d. h. die Wirkungen, oder Aktionen, jedes irgend möglichen Dinges können nie etwas anders, als die Folge feiner Beſchaffen⸗ heit ſeyn; welche ſelbſt ſogar nur an ihnen erkannt wird. Daher müßte ein Weſen, um in dem hier geforderten Sinne frei zu ſeyn, gar keine Beſchaffenheit haben, d. h. aber gar nichts ſeyn, alſo ſeyn und nicht ſeyn zugleich. Denn was iſt muß auch etwas ſeyn: eine Exiſtenz ohne Eſſenz läßt ſich nicht ein Mal denken. Iſt nun ein Weſen geſchaffenz ſo iſt es ſo geſchaffen, wie es be⸗ ſchaffen iſt: mithin iſt es ſchlecht geſchaffen, wenn es ſchlecht beſchaffen iſt, und ſchlecht beſchaf fen, wenn es ſchlecht handelt, d. h. wirkt. Demzufolge wälzt die Schuld der Welt, eben wie ihr Uebel, welches ſo wenig wie jene abzuleugnen iſt, ſich immer 20 auf ihren Urheber zurück, von welchem es abzuwälzen, wie früher Auguſtinus, ſo hier Skotus Erigena ſich jämmerlich abmühet. Soll hingegen ein Weſen moraliſch frei ſeyn; ſo darf es nicht geſchaffen ſeyn, ſondern muß Aſeität haben, d. h. ein ur⸗ ſprüngliches, aus eigener Urkraft und Machtvollkommenheit exiſti- 25 rendes ſeyn, und nicht auf ein anderes zurückweiſen. Dann iſt fein Daſeyn fein eigener Schöpfungsakt, der ſich in der Zeit ent- [62] faltet und ausbreitet, zwar eine ein für alle Mal entſchiedene Beſchaffenheit dieſes Weſens an den Tag legt, welche jedoch ſein eigenes Werk iſt, für deren ſämmtliche Aeußerungen die Verant- 30 wortlichkeit alſo auf ihm ſelbſt haftet. — Soll nun ferner ein Weſen für fein Thun verantwortlich, alſo ſoll es zurech— nungsfähig ſeyn; ſo muß es frei ſeyn. Alſo aus der Ver⸗ antwortlichkeit und Imputabilität, die unſer Gewiſſen ausſagt, folgt ſehr ſicher, daß der Wille frei ſei; hieraus aber wieder, daß er das Urſprüngliche ſelbſt, mithin nicht bloß das Handeln, ſon⸗ dern ſchon das Daſeyn und Weſen des Menſchen ſein eigenes Werk ſei. Ueber alles Dieſes verweiſe ich auf meine Abhandlung — 0 — 5 ee 5 68 Die Scholastik. über die Freiheit des Willens, wo man es ausführlich und uns widerleglich auseinandergeſetzt findet; daher eben die Philoſophie⸗ profeſſoren dieſe gekrönte Preisſchrift durch das unverbrüchlichſte Schweigen zu ſekretiren geſucht haben. — Die Schuld der Sünde und des Uebels fällt allemal von der Natur auf ihren Urheber zurück. Iſt nun dieſer der in allen ihren Erſcheinungen ſich dar⸗ ſtellende Wille ſelbſt; ſo iſt jene an den rechten Mann gekommen: ſoll es hingegen ein Gott ſeyn; ſo widerſpricht die Urheberſchaft der Sünde und des Uebels ſeiner Göttlichkeit. — 10 Beim Leſen des Dionyſius Areopagita, auf den Erigena ſich ſo häufig beruft, habe ich gefunden, daß derſelbe ganz und gar ſein Vorbild geweſen iſt. Sowohl der Pantheismus Erigena's, als ſeine Theorie des Böſen und des Uebels, findet ſich, den Grundzügen nach, ſchon beim Dionyſius: freilich aber iſt bei Dieſem nur angedeutet was Exigena entwickelt, mit Kühnheit aus⸗ geſprochen und mit Feuer dargeſtellt hat. Erigena hat unendlich mehr Geiſt, als Dionyſius: allein den Stoff und die Richtung der Betrachtungen hat ihm Dionyſius gegeben und ihm alſo mächtig vorgearbeitet. Daß Dionyſius unächt ſei, thut nichts zur Sache: es iſt gleichviel, wie der Verfaſſer des Buches de divinis nominibus geheißen hat. Da er indeſſen wahrſcheinlich in Alexan⸗ drien lebte, ſo glaube ich, daß er, auf eine anderweitige, uns un⸗ bekannte Art, auch der Kanal geweſen iſt, durch welchen ein Tröpf— chen indiſcher Weisheit bis zum Erigena gelangt ſeyn mag; da, [63] wie Colebrooke in feiner Abhandlung über die Philoſophie der Hindu (in Colebrooke's miscellaneous essays Vol. I, p. 244) bemerkt hat, der Lehrſatz III der Karika des Kapila ſich beim Erigena findet. A I A 2 oO $ 10. 30 Die Scholaſtik. Den eigentlich bezeichnenden Charakter der Scholaſtik möchte ich darin ſetzen, daß ihr das oberſte Kriterium der Wahrheit die heilige Schrift iſt, an welche man demnach von jedem Vernunft⸗ ſchluß immer noch appelliren kann. — Zu ihren Eigenthümlich⸗ keiten gehört, daß ihr Vortrag durchgängig einen polemiſchen Charakter hat: jede Unterſuchung wird bald in eine Kontroverſe verwandelt, deren pro et contra neues pro et contra erzeugt 69
Die Scholastik. und ihr dadurch den Stoff giebt, der ihr außerdem bald aus⸗ gehn würde. Die verborgene, letzte Wurzel dieſer Eigenthümlich⸗ keit liegt aber in dem Widerſtreit zwiſchen Vernunft und Offen⸗ barung. — Die gegenſeitige Berechtigung des Realismus und Nomi— nalismus und dadurch die Möglichkeit des ſo lange und hart⸗ näckig geführten Streites darüber läßt ſich folgendermaaßen recht faßlich machen. Die verſchiedenartigſten Dinge nenne ich roth, wenn ſie dieſe Farbe haben. Offenbar iſt roth ein bloßer Name, durch den ich 10 dieſe Erſcheinung bezeichne, gleichviel, woran ſie vorkomme. Eben ſo nun ſind alle Gemeinbegriffe bloße Namen, Eigenſchaften zu bezeichnen, die an verſchiedenen Dingen vorkommen: dieſe Dinge hingegen find das Wirkliche und Reale. So hat der Nomina lis mus offenbar Recht. Hingegen wenn wir beachten, daß alle jene wirklichen Dinge, welchen allein die Realität ſoeben zugeſprochen wurde, zeitlich ſind, folglich bald untergehn; während die Eigenſchaften, wie Roth, Hart, Weich, Lebendig, Pflanze, Pferd, Menſch, welche es ſind, die jene Namen bezeichnen, davon unangefochten fortbeſtehn und demzufolge allezeit daſind; ſo finden wir, daß dieſe Eigenſchaften, welche eben durch Gemeinbegriffe, deren Bezeichnung jene Namen ſind, gedacht werden, kraft ihrer unvertilgbaren Exiſtenz, viel mehr Realität haben; daß mithin dieſe den Begriffen, nicht den Einzel⸗ weſen, beizulegen ſei: demnach hat der Realismus Recht. Der Nominalismus führt eigentlich zum Materialismus: denn, nach Aufhebung ſämmtlicher Eigenſchaften, bleibt am Ende nur die Materie übrig. Sind nun die Begriffe bloße Namen, die Einzeldinge aber das Reale; ihre Eigenſchaften, als einzelne an ihnen, vergänglich; ſo bleibt als das Fortbeſtehende, mithin Reale, allein die Materie. Genau genommen nun aber kommt die oben dargelegte Ber rechtigung des Realismus eigentlich nicht ihm, ſondern der Plato⸗ niſchen Ideenlehre zu, deren Erweiterung er iſt. Die ewigen Formen und Eigenſchaften der natürlichen Dinge, sidn, find es, welche unter allem Wechſel fortbeſtehn und denen daher eine Realität höherer Art beizulegen iſt, als den Individuen, in denen ſie ſich darſtellen. Hingegen den bloßen, nicht anſchaulich zu be⸗ 70 15 [64] 25 35 Die Scholastik. — Bako von Verulam. legenden Abſtraktis iſt Dies nicht nachzurühmen: was iſt z. B. Reales an ſolchen Begriffen wie „Verhältniß, Unterſchied, Son⸗ derung, Nachtheil, Unbeſtimmtheit“ u. dgl. m.? Eine gewiſſe Verwandtſchaft, oder wenigſtens ein Parallelis⸗ 5 mus der Gegenſätze, wird augenfällig, wenn man den Plato dem Ariſtoteles, den Auguſtinus dem Pelagius, die Realiſten den No⸗ minaliſten gegenüberſtellt. Man könnte behaupten, daß gewiſſer⸗ maaßen ein polares Auseinandertreten der menſchlichen Denkweiſe hierin ſich kund gäbe, — welches, höchſt merkwürdigerweiſe, zum so erſten Male und am entſchiedenſten ſich in zwei ſehr großen Männern ausgeſprochen hat, die zugleich und neben einander lebten $11. Bako von Verulam. In einem andern und ſpecieller beſtimmten Sinn, als der 15 eben bezeichnete, war der ausdrückliche und abſichtliche Gegenſatz zum Ariſtoteles Bako von Verulam. Jener nämlich hatte zu⸗ vörderſt die richtige Methode, um von allgemeinen Wahrheiten zu be⸗ ſondern zu gelangen, alſo den Weg abwärts, gründlich dargelegt; das iſt die Syllogiſtik, das Organum Aristotelis. Dagegen zeigte Bako 20 den Weg aufwärts, indem er die Methode, von beſondern Wahr⸗ 165] heiten zu allgemeinen zu gelangen, darlegte: dies iſt die Induktion, im Gegenſatz der Deduktion, und ihre Darſtellung iſt das novum organum, welcher Ausdruck, im Gegenſatz zum Ariſtoteles gewählt, beſagen ſoll: „eine ganz andere Manier es anzugreifen.“ — Des 25 Ariſtoteles, aber noch viel mehr der Ariſtoteliker Irrthum lag in der Vorausſetzung, daß ſie eigentlich ſchon alle Wahrheit beſäßen, daß dieſe nämlich enthalten ſei in ihren Axiomen, alſo in gewiſſen Sätzen a priori, oder die für ſolche gelten, und daß es, um die beſonderen Wahrheiten zu gewinnen, bloß der Ableitung aus jenen 30 bedürfe. Ein Ariſtoteliſches Beiſpiel hievon gaben ſeine Bücher de coelo. Dagegen nun zeigte Bako, mit Recht, daß jene Axiome ſolchen Gehalt gar nicht hätten, daß die Wahrheit noch gar nicht in dem damaligen Syſtem des menſchlichen Wiſſens läge, viel⸗ mehr außerhalb, alſo nicht daraus zu entwickeln, ſondern erſt 35 hineinzubringen wäre, und daß folglich erſt durch Induktion allgemeine und wahre Sätze, von großem und reichem Inhalt, gewonnen werden müßten. 6 Schopenhauer, Werke V 71
Bako von Verulam. — Die Philosophie der Neueren. Die Scholaſtiker, an der Hand des Ariſtoteles, dachten: wir wollen zuvörderſt das Allgemeine feſtſtellen: das Beſondere wird daraus fließen, oder mag überhaupt nachher darunter Platz finden, wie es kann. Wir wollen demnach zuvörderſt ausmachen, was dem ens, dem Dinge überhaupt zukomme: das den einzelnen Dingen Eigenthümliche mag nachher allmälig, allenfalls auch durch die Erfahrung, herangebracht werden: am Allgemeinen kann Das nie etwas ändern. — Bako dagegen ſagte: wir wollen zuvörderſt die einzelnen Dinge ſo vollſtändig, wie nur immer möglich, kennen lernen: dann werden wir zuletzt erkennen, was das Ding über⸗ haupt ſei. Inzwiſchen ſteht Bako dem Ariſtoteles darin nach, daß ſeine Methode zum Wege aufwärts keineswegs ſo regelrecht, ſicher und unfehlbar iſt, wie die des Ariſtoteles zum Wege abwärts. Ja, Balo ſelbſt hat, bei ſeinen phyſikaliſchen Unterſuchungen, die im neuen Organon gegebenen Regeln ſeiner Methode bei Seite geſetzt. Bako war hauptſächlich auf Phyſik gerichtet. Was er für dieſe that, nämlich von vorne anfangen, das that, gleich darauf, für Metaphyſik Carteſius. $ 12. [66] Die Philoſophie der Neueren. f In den Rechenbüchern pflegt die Richtigkeit der Löſung eines Exempels ſich durch das Aufgehn deſſelben, d. h. dadurch, daß kein Reſt bleibt, kund zu geben. Mit der Löſung des Räthſels der Welt hat es ein ähnliches Bewandtniß. Sämmtliche Syſteme 25 ſind Rechnungen, die nicht aufgehn: ſie laſſen einen Reſt, oder auch, wenn man ein chemiſches Gleichniß vorzieht, einen unauf⸗ löslichen Niederſchlag. Dieſer beſteht darin, daß, wenn man aus ihren Sätzen folgerecht weiter ſchließt, die Ergebniſſe nicht zu der vorliegenden realen Welt paſſen, nicht mit ihr ſtimmen, vielmehr manche Seiten derſelben dabei ganz unerklärlich bleiben. So z. B. ſtimmt zu den materialiſtiſchen Syſtemen, welche aus der mit bloß mechaniſchen Eigenſchaften ausgeſtatteten Materie, und gemäß den Geſetzen derſelben, die Welt entſtehn laſſen, nicht die durch⸗ gängige bewunderungswürdige Zweckmäßigkeit der Natur, noch das Daſeyn der Erkenntniß, in welcher doch ſogar jene Materie aller⸗ erſt ſich darſtellt. Dies alſo iſt ihr Reſt. — Mit den theiſtiſchen — 0 — 5 0 w w 5 72 Die Philosophie der Neueren. Syſtemen wiederum, nicht minder jedoch mit den pantheiftifchen ſind die überwiegenden phyſiſchen Uebel und die moraliſche Ver⸗ derbniß der Welt nicht in Uebereinſtimmung zu bringen: dieſe alſo bleiben als Reſt ſtehn, oder als unauflöslicher Niederſchlag liegen. — Zwar ermangelt man in ſolchen Fällen nicht, dergleichen Reſte mit Sophismen, nöthigenfalls auch mit bloßen Worten und Phraſen zuzudecken: allein auf die Länge hält das nicht Stich. Da wird dann wohl, weil doch das Exempel nicht aufgeht, nach einzelnen Rechnungsfehlern geſucht, bis man endlich ſich geſtehn muß, der Anſatz ſelbſt ſei falſch geweſen. Wenn hingegen die durchgängige Konſequenz und Zuſammenſtimmung aller Sätze eines Syſtems bei jedem Schritte begleitet iſt von einer eben ſo durch⸗ gängigen Uebereinſtimmung mit der Erfahrungswelt, ohne daß zwiſchen Beiden ein Mißklang je hörbar würde; — ſo iſt Dies 15 das Kriterium der Wahrheit deſſelben, das verlangte Aufgehn des Reechnungsexempels. Imgleichen, daß ſchon der Anſatz falſch ges weſen ſei, will ſagen, daß man die Sache ſchon Anfangs nicht am rechten Ende angegriffen hatte, wodurch man nachher von Irrthum zu Irrthum geführt wurde. Denn es iſt mit der Phi⸗ [67] loſophie wie mit gar vielen Dingen: Alles kommt darauf an, daß man ſie am rechten Ende angreife. Das zu erklärende Phä⸗ nomen der Welt bietet nun aber unzählige Enden dar, von denen nur Eines das rechte ſeyn kann: es gleicht einem verſchlungenen Fadengewirre, mit vielen daran hängenden, falſchen Endfäden: 25 nur wer den wirklichen herausfindet kann das Ganze entwirren. Dann aber entwickelt ſich leicht Eines aus dem Andern, und daran wird kenntlich, daß es das rechte Ende geweſen ſei. Auch einem Labyrinth kann man es vergleichen, welches hundert Eingänge darbietet, die in Korridore öffnen, welche alle, nach langen und vielfach verſchlungenen Windungen, am Ende wieder hinausführen; mit Ausnahme eines einzigen, deſſen Windungen wirklich zum Mittelpunkte leiten, woſelbſt das Idol ſteht. Hat man dieſen Eingang getroffen, ſo wird man den Weg nicht verfehlen: durch keinen andern aber kann man je zum Ziele gelangen. — Ich ver⸗ hehle nicht, der Meinung zu ſeyn, daß nur der Wille in uns das rechte Ende des Fadengewirres, der wahre Eingang des Laby⸗ rinthes, ſei. Carteſius hingegen gieng, nach dem Vorgang der Meta⸗ A 1 D © 3 3 De ® 73
Die Philosophie der Neueren. phyſik des Ariſtoteles, vom Begriff der Subſtanz aus, und mit dieſem ſehn wir auch noch alle ſeine Nachfolger ſich ſchleppen. Er nahm jedoch zwei Arten von Subſtanz an: die denkende und die ausgedehnte. Dieſe ſollten nun durch inkluxus physicus auf einander wirken; welcher ſich aber bald als ſein Reſt auswies. Derſelbe hatte nämlich Statt, nicht bloß von außen nach innen, beim Vorſtellen der Körperwelt, ſondern auch von innen nach außen, zwiſchen dem Willen (der unbedenklich dem Denken zuge⸗ zählt wurde) und den Leibesaktionen. Das nähere Verhältniß zwiſchen dieſen beiden Arten der Subſtanz ward nun das Haupt⸗ problem, wobei ſo große Schwierigkeiten entſtanden, daß man in Folge derſelben zum Syſtem der causes occasionelles und der harmonia praestabilita getrieben wurde; nachdem die spiritus animales, die beim Carteſius ſelbſt die Sache vermittelt hatten, nicht ferner dienen wollten.) Malebranche nämlich hielt den influxus physicus für undenkbar; wobei er jedoch nicht in Er⸗ wägung zog, daß derſelbe bei der Schöpfung und Leitung der Körperwelt durch einen Gott, der ein Geiſt iſt, ohne Bedenken angenommen wird. Er ſetzte alſo an deſſen Stelle die causes occasionelles und nous voyons tout en Dieu: hier liegt ſein Reſt. — Auch Spinoza, in ſeines Lehrers Fußſtapfen tretend, gieng noch von jenem Begriffe der Subſtanz aus; gleich als ob [68] derſelbe ein Gegebenes wäre. Jedoch erklärte er beide Arten der Subſtanz, die denkende und die ausgedehnte, für Eine und die ſelbe; wodurch denn die obige Schwierigkeit vermieden war. Da⸗ durch nun aber wurde ſeine Philoſophie hauptſächlich negativ, lief nämlich auf ein bloßes Negiren der zwei großen Carteſiſchen Gegenſätze hinaus; indem er ſein Identificiren auch auf den andern von Carteſius aufgeſtellten Gegenſatz, Gott und Welt, ausdehnte. Dies Letztere war jedoch eigentlich bloße Lehrmethode, oder Darſtellungsform. Es wäre nämlich gar zu anſtößig ge⸗ weſen, geradezu zu ſagen: „Es iſt nicht wahr, daß ein Gott dieſe +) Uebrigens kommen die spiritus animales ſchon vor bei Vanini, de naturae arcanis, Dial. 49, — als bekannte Sache. Vielleicht iſt ihr Urheber Willisius (de anatome cerebri; de anima brutorum, Genevae 1680, p. 35 sq.). Flourens, de la vie et de l'intelligence, II. p. 72, ſchreibt fie dem Galenus zu. Ja, ſchon Jamblichos, bei Stobäos (Eclog. L. I. c. 52, $ 29) führt fie ziemlich deutlich, als Lehre der Stoiker, an. 74 — 0 — 5 20 30 35 2 1 {>} 1 2 © 25 O 3 35 Die Philosophie der Neueren. Welt gemacht habe, fondern fie exiſtirt aus eigener Machtvollkommen⸗ heit“: daher wählte er eine indirekte Wendung und ſagte: „Die Welt ſelbſt iſt Gott“; — welches zu behaupten ihm nie eingefallen ſeyn würde, wenn er, ſtatt vom Judenthum, hätte unbefangen von der Natur ſelbſt ausgehn können. Dieſe Wendung dient zugleich, ſeinen Lehrſätzen den Schein der Poſitivität zu geben, während ſie im Grunde bloß negativ ſind und er daher die Welt eigentlich unerklärt läßt; indem ſeine Lehre hinausläuft auf: „Die Welt iſt, weil fie iſt; und iſt, wie fie iſt, weil fie fo ift.” (Mit dieſer Phraſe pflegte Fichte ſeine Studenten zu myſtificiren.) Die auf obigem Wege entſtehende Deifikation der Welt ließ nun aber keine wahre Ethik zu und war zudem in ſchreiendem Widerſpruch mit den phyſiſchen Uebeln und der moraliſchen Ruchloſigkeit dieſer Welt. Hier alſo iſt ſein Reſt. Den Begriff der Subſtanz, von welchem dabei auch Spi— noza ausgeht, nimmt er, wie geſagt, als ein Gegebenes. Zwar definirt er ihn, ſeinen Zwecken gemäß: allein er kümmert ſich nicht um deſſen Urſprung. Denn erſt Locke war es, der, bald nach ihm, die große Lehre aufſtellte, daß ein Philoſoph, der irgend etwas aus Begriffen ableiten oder beweiſen will, zuvörderſt den Urſprung jedes ſolchen Begriffs zu unterſuchen habe; da der Inhalt deſſelben, und was aus dieſem folgen mag, gänzlich durch feinen Urſprung, als die Quelle aller mittelſt deſſelben erreich⸗ baren Erkenntniß, beſtimmt wird. Hätte aber Spinoza nach dem Urſprung jenes Begriffs der Subſtanz geforſcht; ſo hätte er zuletzt finden müſſen, daß dieſer ganz allein die Materie iſt und daher der wahre Inhalt des Begriffs kein anderer, als eben die weſentlichen und a priori angebbaren Eigenſchaften dieſer. In der That findet Alles, was Spinoza ſeiner Subſtanz nach⸗ rühmt, ſeinen Beleg an der Materie, und nur da: ſie iſt unent⸗ ſtanden, alſo urſachlos, ewig, eine einzige und alleinige, und ihre Modifikationen ſind Ausdehnung und Erkenntniß; Letztere nämlich als ausſchließliche Eigenſchaft des Gehirns, welches ma⸗ teriell iſt. Spinoza iſt demnach ein unbewußter Materialiſt: jedoch iſt die Materie, welche, wenn man es ausführt, ſeinen Begriff realiſirt und empiriſch belegt, nicht die falſch gefaßte und atomiſtiſche des Demokritos und der ſpätern Franzöſiſchen Ma⸗ terialiſten, als welche keine andern, als mechaniſche Eigenſchaften 75
Die Philosophie der Neueren. hat; ſondern die richtig gefaßte, mit allen ihren unerklärlichen Qualitäten ausgeſtattete: über dieſen Unterſchied verweiſe ich auf mein Hauptwerk, Bd. 2, Kap. 24, S. 315 ff. [3. Aufl. S. 357ff.] [69] — Dieſe Methode, den Begriff der Subſtanz unbeſehn auf⸗ zunehmen, um ihn zum Ausgangspunkt zu machen, finden wir 5 aber ſchon bei den Eleaten, wie beſonders aus dem Ariſtoteliſchen Buche de Xenophane etc. zu erſehn. Auch Kenophanes nämlich geht aus vom ov, d. i. der Subſtanz, und die Eigenſchaften der⸗ ſelben werden demonſtrirt, ohne daß vorher gefragt oder geſagt würde, woher er denn ſeine Kenntniß von einem ſolchen Dinge habe: geſchähe hingegen Dieſes, ſo würde deutlich zu Ta 1 — 0 e kommen, wovon er eigentlich redet, d. h. welche Anſchauung es zuletzt ſei, die ſeinem Begriff zum Grunde liegt und ihm Realität ertheilt; und da würde am Ende wohl nur die Materie ſich ergeben, als von welcher alles Das gilt, was er ſagt. In den folgenden Kapiteln, über Zeno, erſtreckt nun die Uebereinſtimmung mit Spinoza ſich bis auf die Darſtellung und die Ausdrücke. Man kann daher kaum umhin anzunehmen, daß Spinoza dieſe Schrift gekannt und benutzt habe; da zu ſeiner Zeit Ariſtoteles, wenn auch vom Bako angegriffen, noch immer in hohem Anſehn ſtand, 20 auch gute Ausgaben, mit Lateiniſcher Verſion, vorhanden waren. Danach wäre denn Spinoza ein bloßer Erneuerer der Eleaten, wie Gaſſendi des Epikur. Wir aber erfahren abermals, wie über die Maaßen ſelten, in allen Fächern des Denkens und Wiſſens, das wirklich Neue und ganz Urſprüngliche iſt. 25 Uebrigens, und namentlich in formeller Hinſicht, beruht jenes Ausgehn des Spinoza vom Begriff der Subſtanz auf dem fal⸗ ſchen Grundgedanken, den er von ſeinem Lehrer Carteſius und dieſer vom Anſelmus von Kanterbury überkommen hatte, nämlich auf dieſem, daß jemals aus der essentia die existentia hervor⸗ gehn könne, d. h. daß aus einem bloßen Begriff ein Daſeyn ſich folgern laſſe, welches demgemäß ein nothwendiges ſeyn würde; oder, mit andern Worten, daß, vermöge der Beſchaffenheit, oder Definition, einer bloß gedachten Sache, es nothwendig werde, daß ſie nicht mehr eine bloß gedachte, ſondern eine wirklich vor⸗ handene ſei. Carteſius hatte dieſen falſchen Grundgedanken an⸗ gewandt auf den Begriff des ens perkectissimum; Spindza aber nahm den der substantia oder causa sui, (welches Letztere 0 — 5 76 ' Die Philosophie der Neueren. eine contradictio in adjecto ausſpricht): man ſehe ſeine erſte [70} Definition, die fein xeo roy Pevdos iſt, am Eingang der Ethik, und dann prop. 7 des erſten Buchs. Der Unterſchied der Grund: begriffe beider Philoſophen beſteht beinahe nur im Ausdruck: dem Gebrauche derſelben aber als Ausgangspunkte, alſo als Gegebener, liegt beim Einen, wie beim Andern, die Verkehrtheit zum Grunde, aus der abſtrakten Vorſtellung die anſchauliche entſpringen zu laſſen; während in Wahrheit alle abſtrakte Vorſtellung aus der anſchaulichen entſteht und daher durch dieſe begründet wird. Wir 10 haben alſo hier ein fundamentales do redoy cpo repov. Eine Schwierigkeit beſonderer Art hat Spinoza ſich dadurch aufgebürdet, daß er ſeine alleinige Subſtanz Deus nannte; da dieſes Wort zur Bezeichnung eines ganz andern Begriffs bereits eingenommen war und er nun fortwährend zu kämpfen hat gegen 15 die Mißverſtändniſſe, welche daraus entſtehn, daß der Leſer, ſtatt des Begriffs, den es nach Spinoza's erſten Erklärungen bezeichnen ſoll, immer noch den damit verbindet, den es ſonſt bezeichnet. Hätte er das Wort nicht gebraucht, fo wäre er langer und pein⸗ licher Erörterungen im erſten Buche überhoben geweſen. Aber 20 er that es, damit ſeine Lehre weniger Anſtoß fände; welcher Zweck dennoch verfehlt wurde. So aber durchzieht eine gewiſſe Doppel⸗ ſinnigkeit feinen ganzen Vortrag, den man deshalb einen gewiſſer⸗ maaßen allegoriſchen nennen könnte; zumal er es mit einem Paar anderer Begriffe auch ſo hält; — wie oben (in der erſten Ab— 25 handlung) bemerkt worden. Wie viel klarer, folglich beſſer, würde ſeine ſogenannte Ethik ausgefallen ſeyn, wenn er geradezu, wie es ihm zu Sinn war, geredet und die Dinge bei ihrem Namen genannt hätte; und wenn er überhaupt ſeine Gedanken, nebſt ihren Gründen, aufrichtig und naturgemäß dargelegt hätte, ſtatt 30 ſie in die ſpaniſchen Stiefel der Propoſitionen, Demonſtrationen, Scholien und Korollarien eingeſchnürt auftreten zu laſſen, in dieſer der Geometrie abgeborgten Einkleidung, welche ſtatt der Philoſophie die Gewißheit jener zu geben, vielmehr alle Bedeutung verliert, ſobald nicht die Geometrie mit ihrer Konſtruktion der Begriffe ſelbſt darin ſteckt; daher es auch hier heißt: cucullus non facit monachum. Im zweiten Buche legt er die zwei Modi feiner alleinigen Subſtanz dar als Ausdehnung und Vorſtellung (extensio et 77
Die Philosophie der Neueren. cogitatio), welches eine offenbar falſche Eintheilung iſt, da die Ausdehnung durchaus nur für und in der Vorſtellung daiſt, alſo dieſer nicht entgegenzuſetzen, ſondern unterzuordnen war. Daß Spinoza überall ausdrücklich und nachdrücklich die laetitia preiſt und fie als Bedingung und Kennzeichen jeder 5 lobenswerthen Handlung aufſtellt, dagegen alle tristitia unbedingt verwirft, — obſchon ſein Altes Teſtament ihm ſagte: „Es iſt Trauern beſſer denn Lachen; denn durch Trauern wird das Herz gebeſſert“ (Kohel. 7, ) — Dies alles thut er bloß aus Liebe zur Kon— ſequenz: denn iſt dieſe Welt ein Gott; ſo iſt ſie Selbſtzweck und muß ſich ihres Daſeyns freuen und rühmen, alſo saute, Marquis! semper luſtig, nunquam traurig! Pantheismus iſt weſentlich und nothwendig Optimismus. Dieſer obligate Optimismus nöthigt den Spinoza noch zu manchen andern falſchen Konſequenzen, unter denen die abſurden und ſehr oft empörenden Sätze feiner Moral philoſophie oben an ſtehn, welche im 16. Kap. ſeines tractatus theologico-politicus bis zu eigentlichen Infamien anwachſen. Hingegen läßt er bisweilen die Konſequenz da aus den Augen, wo ſie zu richtigen Anſichten geführt haben würde, z. B. in ſeinen ſo unwürdigen, wie falſchen Sätzen über die Thiere. (Eth. Pars IV, Appendicis cap. 26, et ejusdem Partis prop. 37, Scholion.) Hier redet er eben wie ein Jude es verſteht, gemäß den Kap. 1 und 9 der Geneſis, ſo daß dabei uns Andere, die wir an reinere und würdigere Lehren gewöhnt ſind, der koetor judaicus übermannt. Hunde ſcheint er ganz und gar nicht gekannt zu haben. Auf den empörenden Satz, mit dem beſagtes Kap. 26 anhebt: Praeter homines nihil singulare in natura novimus, cujus mente gaudere et quod nobis amicitia, aut aliquo consuetudinis genere jungere possumus, ertheilt die beſte Ant⸗ wort ein Spaniſcher Belletriſt unſerer Tage (Larra, pſeudonym Figaro, im Doncel c. 33): El que no ha tenido un perro, no sabe lo que es querer y ser querido. (Wer nie einen Hund gehalten hat, weiß nicht was lieben und geliebt ſeyn iſt.) Die Thierquälereien, welche, nach Colerus, Spinoza, zu ſeiner Be⸗ luſtigung und unter herzlichem Lachen, an Spinnen und Fliegen zu verüben pflegte, entſprechen nur zu ſehr ſeinen hier gerügten Sätzen, wie auch beſagten Kapiteln der Geneſis. Durch alles Dieſes iſt denn Spinoza's „Ethica“ durchweg ein Gemiſch von 78 — — ws 0 5 0 5 Die Philosophie der Neueren. Falſchem und Wahrem, Bewunderungswürdigem und Echlechtem. Gegen das Ende derſelben, in der zweiten Hälfte des letzten Theils, ſehn wir ihn vergeblich bemüht, ſich ſelber klar zu werden: er vermag es nicht: ihm bleibt daher nichts übrig als „ myſtiſch zu werden, wie hier geſchieht. Um demnach gegen dieſen allerdings großen Geiſt nicht ungerecht zu werden, müſſen wir bedenken, daß er noch zu wenig vor ſich hatte, etwan nur den Carteſius, Malebranche, Hobbes, Jordanus Brunus. Die philoſophiſchen Grundbegriffe waren noch nicht genugſam durch⸗ zo gearbeitet, die Probleme nicht gehörig ventilirt. Leibnitz gieng ebenfalls vom Begriff der Subſtanz als einem Gegebenen aus, faßte jedoch hauptſächlich ins Auge, daß eine ſolche unzerſtörbar ſeyn müſſe: zu dieſem Behuf mußte ſie einfach ſeyn; weil alles Ausgedehnte theilbar und ſomit 15 zerſtörbar wäre: folglich war fie ohne Ausdehnung: alſo imma⸗ teriell. Da blieben für ſeine. Subſtanz keine andere Prädikate übrig, als die geiſtigen, alſo Perception, Denken und Begehren. Solcher einfacher geiſtiger Subſtanzen nahm er nun gleich eine Unzahl an: dieſe ſollten, obwohl fie ſelbſt nicht ausgedehnt waren, 20 doch dem Phänomen der Ausdehnung zum Grunde liegen; daher er ſie als formale Atome und einfache Subſtanzen (Opera ed. Erdmann, p. 124, 676) definirt und ihnen den Namen Monaden ertheilt. Diefe ſollen alſo dem Phänomen der Körper⸗ welt zum Grunde liegen, welches ſonach eine bloße Erſcheinung 25 iſt, ohne eigentliche und unmittelbare Realität, als welche ja bloß den Monaden zukommt, die darin und dahinter ſtecken. Dieſes Phänomen der Körperwelt wird nun aber doch andererſeits, in der Perception der Monaden, (d. h. ſolcher, die wirklich per: cipiren, welches gar wenige find, die meiſten ſchlafen beſtändig) 30 vermöge der präſtabilirten Harmonie zu Stande gebracht, welche die Central⸗Monade ganz allein und auf eigene Koſten aufführt. Hier gerathen wir etwas ins Dunkle. Wie dem aber auch ſei: die Vermittelung zwiſchen den bloßen Gedanken dieſer Subſtanzen und dem wirklich und an ſich ſelbſt Ausgedehnten beſorgt eine, 35 von der Central⸗Monade präſtabilirte Harmonie. — Hier, möchte man ſagen, iſt Alles Reſt. Indeſſen muß man, um Leibnitzen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, an die Betrachtungsweiſe der Materie, die damals Locke und Neuton geltend machten, erinnern, 79
Die Philosophie der Neueren. in welcher nämlich dieſe, als abſolut todt, rein paſſiv und willen⸗ los, bloß mit mechaniſchen Kräften begabt und nur mathematiſchen Geſetzen unterworfen, daſteht. Leibnitz hingegen verwirft die Atome und die rein mechaniſche Phyſik, um eine dynamiſche an ihre Stelle zu ſetzen; in welchem Allen er Kanten vorarbeitete. (Siehe Opera, ed. Erdmann, p. 694.) Er erinnerte dabei (Opera, p. 124) zuvörderſt an die kormas substantiales der Scholaſtiker und gelangte danach zu der Einſicht, daß ſelbſt die bloß mecha⸗ niſchen Kräfte der Materie, außer welchen man damals kaum noch andere kannte, oder gelten ließ, etwas Geiſtiges zur Unter⸗ lage haben mußten. Dieſes nun aber wußte er ſich nicht anders deutlich zu machen, als durch die höchſt unbeholfene Fiktion, daß die Materie aus lauter Seelchen beſtände, welche zugleich formale Atome wären und meiſtens im Zuſtande der Betäubung ſich be— fänden, jedoch ein Analogon der perceptio und des appetitus hätten. Hiebei führte ihn Dies irre, daß er, wie alle Andern, ſammt und ſonders, zur Grundlage und conditio sine qua non alles Geiſtigen die Erkenntniß machte, ſtatt des Willens; welchem ich zu allererſt das ihm gebührende Primat vindieirt habe; wodurch Alles in der Philoſophie umgeſtaltet wird. Indeſſen verdient Leibnitzens Beſtreben, dem Geiſte und der Materie ein und das ſelbe Princip zum Grunde zu legen, Anerkennung. Sogar könnte man darin eine Vorahndung ſowohl der Kantiſchen als auch meiner Lehre finden, aber quas velut trans nebulam vidit. Denn feiner Monadologie liegt ſchon der Gedanke zum Grunde, daß die Materie kein Ding an ſich, ſondern bloße Erſcheinung iſt; daher man den letzten Grund ihres, ſelbſt nur mechaniſchen, Wir⸗ kens nicht in dem rein Geometriſchen ſuchen muß, d. h. in Dem, was bloß zur Erſcheinung gehört, wie Ausdehnung, Bewegung, Geſtalt; daher ſchon die Undurchdringlichkeit nicht eine bloß nega= tive Eigenſchaft iſt, ſondern die Aeußerung einer poſitiven Kraft. — Die belobte Grundanſicht Leibnitzens iſt am deutlichſten ausge⸗ ſprochen in einigen kleinern Franzöſiſchen Schriften, wie systeme nouveau de la nature u. a. m., die aus dem Journal des savans und der Ausgabe von Dutens in die Erdmann'ſche Ausgabe auf⸗ genommen ſind, und in den Briefen ꝛc. bei Erdmann, Opera p. 681—95. Auch befindet ſich eine wohlgewählte Zuſammenſtellung hieher gehöriger Stellen Leibnitzens S. 335 —340 feiner „kleineren 80 7¹ — — D N 2 wo 5 0 0 5 0 5 Die Philosophie der Neueren. philoſophiſchen Schriften, überſetzt von Köhler und revidirt von Huth.“ Jena 1740. Ueberhaupt aber ſehn wir, bei dieſer ganzen Verkettung ſelt⸗ ſamer dogmatiſcher Lehren, ſtets eine Fiktion die andere als ihre Stütze herbeiziehn; gerade ſo wie im praktiſchen Leben eine Lüge viele andere nöthig macht. Zum Grunde liegt des Carteſius Spal⸗ tung alles Daſeienden in Gott und Welt, und des Menſchen in Geiſt und Materie: welcher Letzteren auch alles Uebrige zufällt. Dazu kommt der dieſen und allen je geweſenen Philoſophen gemeinſame Irrthum, unſer Grundweſen in die Erkenntniß, ſtatt in den Willen, zu ſetzen, alſo dieſen das Sekundäre, jene das Primäre ſeyn zu laſſen. Dies alſo waren die Ur⸗Irrthümer, gegen die bei jedem Schritt die Natur und Wirklichkeit der Dinge Proteſt einlegte und zu deren Rettung alsdann die spiritus animales, die Materialität der Thiere, die gelegentliche Urſache, das Alles⸗in⸗Gott⸗Sehn, die präſtabilirte Harmonie, die Mo⸗ naden, der Optimismus und was des Zeuges noch mehr iſt, erdacht werden mußten. Bei mir hingegen, als wo die Sachen beim rechten Ende angegriffen ſind, fügt ſich Alles von ſelbſt, Jedes tritt in's gehörige Licht, keine Fiktionen ſind erfordert, und simplex sigillum veri. Kant wurde von dem Subſtanzen-Problem nicht direkt be⸗ rührt: er iſt darüber hinaus. Bei ihm iſt der Begriff der Sub— ſtanz eine Kategorie, alſo eine bloße Denkform a priori. Durch dieſe, in ihrer nothwendigen Anwendung auf die ſinnliche Anz ſchauung, wird nun aber nichts fo, wie es an ſich ſelbſt iſt, erkannt: daher mag das Weſen, welches ſowohl den Körpern, als den Seelen zum Grunde liegt, an ſich ſelbſt gar wohl Eines und das Selbe ſeyn. Dies iſt ſeine Lehre. Sie bahnte mir den 30 Weg zu der Einſicht, daß der eigene Leib eines Jeden nur die in ſeinem Gehirn entſtehende Anſchauung ſeines Willens iſt, welches Verhältniß ſodann auf alle Körper ausgedehnt die Auflöſung der Welt in Wille und Vorſtellung ergab. 72] Jener Begriff der Subſtanz nun aber, welchen Carteſius, 35 dem Ariſtoteles getreu, zum Hauptbegriff der Philoſophie gemacht hatte, und mit deſſen Definition demgemäß, jedoch nach Weiſe der Eleaten, auch Spinoza anhebt, ergiebt ſich, bei genauer und redlicher Unterſuchung, als ein höheres, aber unberechtigtes, { \ 8¹ u“ I S 1 A 2 D 2 A U. B. Rostock
Die Philosophie der Neueren. Abſtraktum des Begriffs der Materie, welches nämlich, neben dieſer, auch das untergeſchobene Kind immaterielle Subſtanz befaſſen ſollte; wie ich Dies ausführlich dargelegt habe in meiner „Kritik der Kantiſchen Philoſophie“ S. 550 ff. der 2. Aufl. 3. Aufl. 581 ff.]. Hievon aber auch abgeſehn, taugt der Begriff der Subſtanz ſchon darum nicht zum Ausgangspunkte der Philo⸗ ſophie, weil er jedenfalls ein objektiver iſt. Alles Objektive nämlich iſt für uns ſtets nur mittelbar; das Subjektive allein iſt das Unmittelbare: dieſes darf daher nicht übergangen, ſondern von ihm muß ſchlechterdings ausgegangen werden. Dies hat nun zwar Carteſius auch gethan, ja, er war der Erſte, der es erkannte und that; weshalb eben mit ihm eine neue Haupt⸗Epoche der Philoſophie anhebt: allein er thut es bloß präliminariſch, beim allererſten Anlauf, nach welchem er ſogleich die objektive, abſolute Realität der Welt, auf den Kredit der Wahrhaftigkeit Gottes, annimmt und von nun an ganz objektiv weiter philo⸗ ſophirt. Hiebei läßt er überdies ſich nun eigentlich noch einen bedeutenden circulus vitiosus zu Schulden kommen. Er beweiſt nämlich die objektive Realität der Gegenſtände aller unſerer an⸗ ſchaulichen Vorſtellungen aus dem Daſeyn Gottes, als ihres Urhebers, deſſen Wahrhaftigkeit nicht zuläßt, daß er uns täuſche: das Daſeyn Gottes ſelbſt aber beweiſt er aus der uns angeborenen Vorſtellung, die wir von ihm, als dem allervollkommenſten Weſen angeblich hätten. II commence par douter de tout, et finit par tout croire, ſagt einer ſeiner Landsleute von ihm. Mit dem ſubjektiven Ausgangspunkt hat alſo zuerſt Berkeley wahren Ernſt gemacht und das unumgänglich Nothwendige deſſelben unumſtößlich dargethan. Er iſt der Vater des Idealismus: dieſer aber iſt die Grundlage aller wahren Philoſophie, iſt auch ſeitdem, wenigſtens als Ausgangspunkt, durchgängig feſtgehalten worden, wenn gleich jeder folgende Philoſoph andere Modulationen und Ausweichungen daran verſucht hat. So nämlich gieng auch ſchon Locke vom Subjektiven aus, indem er einen großen Theil der Eigenſchaften der Körper unſerer Sinnesempfindung vindicirte. Jedoch iſt zu bemerken, daß feine Zurückführung aller quali⸗ tativen Unterſchiede, als ſekundärer Eigenſchaften, auf bloß quantitative, nämlich der Größe, Geſtalt, Lage u. ſ. w., als die allein primären, d. h. objektiven Eigenſchaften, im Grunde 82 — 0 — 5 IS 0 Die Philosophie der Neueren. noch die Lehre des Demokritsos iſt, der eben fo alle Qualitäten zurückführte auf Geſtalt, Zuſammenſetzung und Lage der Atome; wie Dieſes beſonders deutlich zu erſehn iſt aus des Ariſtoteles Metaphyſik, Buch I, Kap. 4, und aus Theophraſtus de sensu sc. 61—65. — Locke wäre inſofern ein Erneuerer der Demokri⸗ tiſchen Philoſophie, wie Spinoza der Eleatiſchen. Auch hat er ja wirklich den Weg zum nachherigen Franzöſiſchen Materialismus angebahnt. Unmittelbar jedoch hat er, durch dieſe vorläufige Unterſcheidung des Subjektiven vom Objektiven der Anſchauung, 10 Kanten vorgearbeitet, der nun, ſeine Richtung und Spur in viel höherem Sinne verfolgend, dahin gelangte, das Subjektive vom Objektiven rein zu ſondern, bei welchem Proceß nun freilich dem Subjektiven ſo Vieles zufiel, daß das Objektive nur noch als ein ganz dunkler Punkt, ein nicht weiter erkennbares Etwas ſtehn blieb, — das Ding an ſich. Dieſes habe nun ich wieder auf das Weſen zurückgeführt, welches wir in unſerm Selbſt⸗ bewußtſeyn als den Willen vorfinden, bin alſo auch hier aber⸗ mals an die ſubjektive Erkenntnißquelle zurückgegangen. Anders konnte es aber auch nicht ausfallen; weil eben, wie geſagt, alles Objektive ſtets nur ein Sekundäres, nämlich eine Vorſtellung iſt. Daher alſo dürfen wir den innerſten Kern der Weſen, das Ding an ſich, durchaus nicht außerhalb, ſondern nur in uns, alſo im Subjektiven ſuchen, als dem allein Unmittelbaren. Hiezu kommt, daß wir beim Objektiven nie zu einem Ruhepunkt, einem Letzten und Urſprünglichen gelangen können, weil wir daſelbſt im Gebiete der Vorſtellungen ſind, dieſe aber ſämmtlich und weſentlich den Satz vom Grunde, in ſeinen vier Geſtalten, zur Form haben, wonach der Forderung deſſelben jedes Objekt ſogleich ver⸗ fällt und unterliegt: z. B. auf ein angenommenes objektives Ab⸗ ſolutum dringt ſogleich die Frage Woher? und Warum? zerſtörend ein, vor der es weichen und fallen muß. Anders verhält es ſich, wenn wir uns in die ſtille, wiewohl dunkele Tiefe des Subjekts ver⸗ ſenken. Hier aber droht uns freilich die Gefahr, in Myſticismus zu gerathen. Wir dürfen alſo aus dieſer Quelle nur Das ſchöpfen, [74] was als thatfächlich wahr, Allen und Jedem zugänglich, folglich durchaus unleugbar iſt. Die Dianoiologie, welche, als Reſultat der Forſchungen ſeit Carteſius, bis vor Kant gegolten hat, findet man en resume I No 2 o 2 Da D 3 83
Noch einige Erläuterungen und mit naiver Deutlichkeit dargelegt in Muratori della fantasia, Kap. 1—4 und 13. Locke tritt darin als Ketzer auf. Das Ganze iſt ein Neſt von Irrthümern, an welchen zu erſehn, wie ganz anders ich es gefaßt und dargeſtellt habe, nachdem ich Kant und Cabanis zu Vorgängern gehabt. Jene ganze Dianoiologie und Pſychologie iſt auf den falſchen Carteſianiſchen Dualismus gebaut: nun muß im ganzen Werk Alles per fas et nefas auf ihn zurückgeführt werden, auch viele richtige und intereſſante That⸗ ſachen, die er beibringt. Das ganze Verfahren iſt als Typus intereſſant. $ 13. Noch einige Erläuterungen zur Kantiſchen Philoſophie. Zum Motto der Kritik der reinen Vernunft wäre ſehr ge— eignet eine Stelle von Pope (Works, Vol. 6, p. 374, Baſeler Ausgabe), die dieſer ungefähr 80 Jahre früher niedergeſchrieben hat: Since tis reasonable to doubt most things, we should most of all doubt that reason of ours which would demonstrate all things. Der eigentliche Geiſt der Kantiſchen Philoſophie, ihr Grund⸗ gedanke und wahrer Sinn, läßt ſich auf mancherlei Weiſe faſſen und darſtellen: dergleichen verſchiedene Wendungen und Ausdrücke der Sache aber werden, der Verſchiedenheit der Köpfe gemäß, die eine vor der andern geeignet ſeyn, Dieſem oder Jenem das rechte Verſtändniß jener ſehr tiefen und deshalb ſchwierigen Lehre zu eröffnen. Folgendes iſt ein abermaliger Verſuch dieſer Art, welcher auf Kants Tiefe meine Klarheit zu werfen unter⸗ nimmt.“) ö Der Mathematik liegen Anſchauungen unter, auf welche ihre Beweiſe ſich ſtützen: weil aber dieſe Anſchauungen nicht empiriſch, ſondern a priori ſind; ſo ſind ihre Lehren apodiktiſch. Die Philoſophie hingegen hat, als das Gegebene, davon fie aus— geht und welches ihren Beweiſen Nothwendigkeit (Apodikticität) ertheilen ſoll, bloße Begriffe. Denn auf der bloß empiriſchen ) Ich bemerke hier, ein für alle Mal, daß die Seitenzahl der erſten Aufl. der Kritik der reinen Vernunft, nach der ich zu eitiren pflege, auch 35 der Roſenkranziſchen Auflage beigefügt iſt. 84 — IS ws D A zur Kantischen Philosophie. Anſchauung geradezu fußen, kann fie nicht; weil fie das All⸗ gemeine der Dinge, nicht das Einzelne, zu erklären unternimmt, wobei ihre Abſicht iſt, über das empiriſch Gegebene hinaus zu führen. Da bleiben ihr nun nichts, als die allgemeinen Begriffe, indem dieſe doch nicht das Anſchauliche, rein Empiriſche, ſind. Dergleichen Begriffe müſſen alſo die Grundlage ihrer Lehren und Beweiſe abgeben, und von ihnen muß, als einem Vorhan⸗ denen und Gegebenen, ausgegangen werden. Demnach nun iſt die Philoſophie eine Wiſſenſchaft aus bloßen Begriffen; während die Mathematik eine aus der Konſtruktion (anſchaulichen Dar⸗ ſtellung) ihrer Begriffe iſt. Genau genommen jedoch iſt es nur die Beweisführung der Philoſophie, welche von bloßen Begriffen ausgeht. Dieſe nämlich kann nicht, gleich der mathematiſchen, von einer Anſchauung ausgehn; weil eine ſolche entweder die reine a priori, oder die empiriſche ſeyn müßte: die letztere giebt keine Apodikticität; die erſtere liefert nur Mathematik. Will ſie daher irgendwie ihre Lehren durch Beweisführung ſtützen; ſo muß dieſe beſtehn in der richtigen logiſchen Folgerung aus den zum Grunde gelegten Begriffen. — Hiemit war es denn auch recht gut von Statten gegangen, die ganze lange Scholaſtik hindurch und ſelbſt noch in der von Carteſius begründeten neuen Epoche; ſo daß wir noch den Spinoza und Leibnitzen dieſe Methode befolgen ſehn. Endlich aber war es dem Locke eingefallen, den Urſprung der Begriffe zu unterſuchen, und da war das Reſultat geweſen, daß alle Allgemein⸗Begriffe, ſo weit gefaßt ſie auch ſeyn mögen, aus der Erfahrung, d. h. aus der vorliegenden, ſinnlich anſchaulichen, empiriſch realen Welt, oder aber auch aus der innern Erfahrung, wie ſie die empiriſche Selbſtbeobachtung einem Jeden liefert, geſchöpft ſind, mithin ihren ganzen Inhalt nur von dieſen Beiden haben, folglich auch nie mehr liefern können, als was äußere, oder innere Erfahrung hineingelegt hat. Hieraus hätte, der Strenge nach, ſchon geſchloſſen werden ſollen, daß ſie nie über die Erfahrung hinaus, d. h. nie zum Ziele führen können: allein Locke gieng, mit den aus der Erfahrung geſchöpften Grundſätzen, über die Erfahrung hinaus. Im weitergeführten Gegenſatz zu den früheren und zur Bea richtigung der Lockiſchen Lehre zeigte nun Kant, daß es zwar einige Begriffe gebe, die eine Ausnahme von obiger Regel machen, 85
Noch einige Erläuterungen alfo nicht aus der Erfahrung ſtammen; aber zugleich auch, daß eben dieſe theils aus der reinen, d. i. a priori gegebenen An⸗ ſchauung des Raumes und der Zeit geſchöpft ſind, theils die eigenthümlichen Funktionen unſers Verſtandes ſelbſt, zum Behuf der, beim Gebrauch, nach ihnen ſich richtenden Erfahrung, aus⸗ machen; daß mithin ihre Gültigkeit ſich nur auf mögliche, und allemal durch die Sinne zu vermittelnde, Erfahrung erſtreckt, in⸗ dem ſie ſelbſt bloß beſtimmt ſind, dieſe, mit ſammt ihrem geſetz⸗ mäßigen Hergange, auf Anregung der Sinnesempfindung, in uns zu erzeugen; daß ſie alſo, an ſich ſelbſt gehaltlos, allen Stoff und Gehalt allein von der Sinnlichkeit erwarten, um mit ihr alsdann die Erfahrung hervorzubringen, abgeſehn von dieſer aber keinen Inhalt, noch Bedeutung haben, indem ſie nur unter Voraus⸗ ſetzung der auf Sinnesempfindung beruhenden Anſchauung gültig ſind und ſich weſentlich auf dieſe beziehn. Hieraus nun folgt, daß fie nicht die Führer abgeben können, uns über alle Mögliche keit der Erfahrung hinaus zu leiten; und hieraus wieder, daß Metaphyſik, als Wiſſenſchaft von Dem, was jenſeits der Natur, d. h. eben über die Möglichkeit der Erfahrung hinaus, liegt, unmöglich iſt. Weil nun alſo der eine Beſtandtheil der Erfahrung, nämlich der allgemeine, formelle und geſetzmäßige, a priori erkennbar iſt, eben deshalb aber auf den weſentlichen und geſetzmäßigen Funk⸗ tionen unſers eigenen Intellekts beruht; der andere hingegen, nämlich der beſondere, materielle und zufällige, aus der Sinnes⸗ empfindung entſpringt; ſo ſind ja beide ſubjektiven Urſprungs. Hieraus folgt, daß die geſammte Erfahrung, nebſt der in ihr ſich darſtellenden Welt, eine bloße Erſcheinung, d. h. ein zunächſt und unmittelbar nur für das es erkennende Subjekt Vorhandenes, iſt: jedoch weiſt dieſe Erſcheinung auf irgend ein ihr zum Grunde liegendes Ding an ſich ſelbſt hin, welches jedoch, als ſolches, 76 — 20 30 ſchlechthin unerkennbar iſt. — Dies ſind nun die negativen Reſul⸗ tate der Kantiſchen Philoſophie. Ich habe dabei zu erinnern, daß Kant thut, als ob wir bloß erkennende Weſen wären und alſo außer der Vorſtellung durchaus kein Datum hätten; während wir doch allerdings noch ein anderes, in dem von jener toto genere verſchiedenen Willen in uns, beſitzen. Er hat dieſen zwar auch in Betrachtung ger 86 1 zur Kantischen Philosophie. nommen, aber nicht in der theoretifchen, fondern bloß in der bei ihm von dieſer ganz geſonderten praktiſchen Philoſophie, nämlich einzig und allein um die Thatſache der rein moraliſchen Bedeut⸗ ſamkeit unſers Handelns feſtzuſtellen und darauf eine moraliſche „Glaubenslehre, als Gegengewicht der theoretiſchen Unwiſſenheit, folglich auch Unmöglichkeit aller Theologie, welcher wir, laut Obigem, anheim fallen, zu gründen. — Kants Philoſophie wird auch, zum Unterſchiede und ſogar im Gegenſatz aller andern, als Transſcendentalphiloſophie, o näher, als transſcendentaler Idealismus, bezeichnet. Der 77] Ausdruck „transſcendent“ iſt nicht mathematiſchen, ſondern philo⸗ I 2 2 3 3 ſophiſchen Urſprungs, da er ſchon den Scholaſtikern geläufig war. In die Mathematik wurde er allererſt durch Leibnitz eingeführt, um zu bezeichnen quod Algebrae vires transscendit, alſo alle Operationen, welche zu vollziehn die gemeine Arithmetik und die Algebra nicht ausreichen, wie z. B. zu einer Zahl den Logarith⸗ mus, oder umgekehrt, zu finden; oder auch zu einem Bogen, rein arithmetiſch, feine trigonometriſchen Funktionen, oder umgekehrt; überhaupt alle Probleme, die nur durch einen ins Unendliche fort: geſetzten Kalkul zu löſen ſind. Die Scholaſtiker aber bezeichneten als trans ſcendent die alleroberſten Begriffe, nämlich ſolche, welche noch allgemeiner, als die zehn Kategorien des Ariſtoteles wären: noch Spinoza braucht das Wort in dieſem Sinn. Jordanus Brunus (della causa etc. dial. 4) nennt trans ſeendent die Prädikate, welche allgemeiner ſind, als der Unterſchied der körper⸗ lichen und unkörperlichen Subſtanz, welche alſo der Subſtanz über⸗ haupt zukommen: ſie betreffen, nach ihm, jene gemeinſchaftliche Wurzel, in der das Körperliche mit dem Unkörperlichen Eines ſei, und welche die wahre, urſprüngliche Subſtanz iſt, ja er ſieht eben hierin einen Beweis, daß es eine ſolche geben müſſe. Kant nun endlich verſteht zuvörderſt unter transſcendental die Anerkennung des Aprioriſchen und daher bloß Formalen in unſerer Erkenntniß, als eines ſolchen; d. h. die Einſicht, daß dergleichen Erkennt⸗ niß von der Erfahrung unabhängig ſei, ja, dieſer ſelbſt die un⸗ wandelbare Regel, nach der ſie ausfallen muß, vorſchreibe; ver⸗ bunden mit dem Verſtändniß, warum ſolche Erkenntniß dies ſei und vermöge; nämlich weil ſie die Form unſers Intellekts aus⸗ mache; alſo in Folge ihres ſubjektiven Urſprungs: demnach iſt A >) Do D A 7 Schopenhauer, Werke V 87
Noch einige Erläuterungen eigentlich nur die Kritik der reinen Vernunft transfcendental, Im Gegenſatz hiezu nennt er transſeendent den Gebrauch, oder vielmehr Mißbrauch, jenes rein Formalen in unſerer Erkenntniß über die Möglichkeit der Erfahrung hinaus: Daſſelbe benennt er auch hyperphyſiſch. Demnach heißt, kurz geſagt, trans ſcen⸗ 5 dental fo viel, wie „vor aller Erfahrung“; transſcendent hingegen „über alle Erfahrung hinaus.“ Demgemäß läßt Kant die Metaphyſik nur als Transſcendentalphiloſophie gelten, d. h. als die Lehre von dem in unſerm erkennenden Bewußtſeyn ent⸗ haltenen Formalen, als einem ſolchen, und von der dadurch 10 herbeigeführten Beſchränkung, vermöge welcher die Erkenntniß der [73] Dinge an ſich uns unmöglich iſt, indem die Erfahrung nichts, als bloße Erſcheinungen liefern kann. Das Wort „metaphyſiſch“ iſt jedoch bei ihm nicht ganz ſynonym mit „transſeendental“: nämlich alles a priori Gewiſſe, aber die Erfahrung Betreffende heißt bei ihm metaphyſiſch; hingegen die Belehrung darüber, daß es eben nur wegen ſeines ſubjektiven Urſprungs und als rein Formales a priori gewiß ſei, heißt allein transſeendental. Transſcendental iſt die Philoſophie, welche ſich zum Bewußt⸗ ſeyn bringt, daß die erſten und weſentlichſten Geſetze dieſer ſich uns darſtellenden Welt in unſerm Gehirn wurzeln und dieſerhalb a priori erkannt werden. Sie heißt transſeendental, weil ſie über die ganze gegebene Phantasmagorie hinausgeht, auf ihren Urſprung. Darum alſo iſt, wie geſagt, allein die Kritik der reinen Vernunft, und überhaupt die kritiſche (d. h. Kantiſche) 25 Philoſophie, transſcendental: f) metaphyſiſch hingegen find die „Anfangsgründe der Naturwiſſenſchaft“, auch die der „Tugend⸗ lehre“ u. ſ. w. — Indeſſen läßt der Begriff einer Transſcendentalphiloſophie ſich noch in tieferm Sinne faſſen, wenn man den innerſten Geiſt 30 der Kantiſchen Philoſophie darin zu koncentriren unternimmt, etwan in folgender Art. Daß die ganze Welt uns nur auf eine ſekundäre Weiſe, als Vorſtellung, Bild in unſerm Kopfe, Gehirnphänomen, hingegen der eigene Wille uns, im Selbſt⸗ bewußtſeyn, unmittelbar gegeben iſt; daß demnach eine Trennung, 35 — 2 > 0 + Die Kritik der reinen Vernunft hat die Ontologie in Dianoiologie verwandelt. 88 — OR EN EURIREENC PEST zur Kantischen Philosophie. ja ein Gegenfaß, zwiſchen unſerm eigenen Daſeyn und dem der Welt Statt findet, — Dies iſt eine bloße Folge unſerer indivi⸗ duellen und animaliſchen Exiſtenz, mit deren Aufhören es daher wegfällt. Bis dahin aber iſt es uns unmöglich, jene Grund- und 5 Urform unſers Bewußtſeyns, welche Das iſt, was man als das Zerfallen in Subjekt und Objekt bezeichnet, in Gedanken auf zuheben; weil alles Denken und Vorſtellen ſie zur Vorausſetzung hat: daher laſſen wir ſie ſtets als das Urweſentliche und die Grund⸗ beſchaffenheit der Welt ſtehn und gelten; während ſie in der That zo nur die Form unſers animaliſchen Bewußtſeyns und der durch daſſelbe vermittelten Erſcheinungen iſt. Hieraus nun aber ent⸗ ſpringen alle jene Fragen, über Anfang, Ende, Gränzen und Ent⸗ ſtehung der Welt, über unſere eigene Fortdauer nach dem Tode u. ſ. w. Sie beruhen demnach alle auf einer falſchen Voraus⸗ 15 ſetzung, welche Das, was nur die Form der Erſcheinung, d. h. der durch ein animaliſches, cerebrales Bewußtſeyn vermittelten Vorſtellungen iſt, dem Dinge an ſich ſelbſt beilegt und dem⸗ nach für die Ur⸗ und Grundbeſchaffenheit der Welt ausgiebt. Dies iſt der Sinn des Kantiſchen Ausdrucks: alle ſolche Fragen ſind Jo] transſcendent. Sie find daher, nicht bloß subjective, ſondern an und für ſich ſelbſt, d. h. objective, gar keiner Antwort fähig. Denn ſie ſind Probleme, welche mit Aufhebung unſers cerebralen Bewußtſeyns und des auf ihm beruhenden Gegenſatzes gänzlich wegfallen und doch als wären ſie unabhängig davon aufgeſtellt 25 worden. Wer z. B. frägt, ob er nach ſeinem Tode fortdauere, hebt, in hypothesi, ſein animaliſches Gehirnbewußtſeyn auf; frägt jedoch nach Etwas, das nur unter Vorausſetzung deſſelben beſteht, indem es auf der Form deſſelben, nämlich Subjekt, Objekt, Raum und Zeit, beruht; nämlich nach ſeinem individuellen Da⸗ 30 ſeyn. Eine Philoſophie nun, welche alle dieſe Bedingungen und Beſchränkungen als ſolche zum deutlichen Bewußtſeyn bringt, ift transſcendental und, ſofern fie die allgemeinen Grund⸗ beſtimmungen der objektiven Welt dem Subjekt vindicirt, iſt fie transſcendentaler Idealismus. — Allmälig wird man 35 einſehn, daß die Probleme der Metaphyſik nur inſofern un⸗ lösbar ſind, als in den Fragen ſelbſt ſchon ein Widerſpruch ent⸗ halten iſt. Der transſcendentale Idealismus macht inzwiſchen der vor⸗ — % N 89
Noch einige Erläuterungen liegenden Welt ihre empiriſche Realität durchaus nicht ftreitig, ſondern beſagt nur, daß dieſe keine unbedingte ſei, indem ſie unſere Gehirnfunktionen, aus denen die Formen der Anſchauung, alſo Zeit, Raum und Kauſalität entſtehn, zur Bedingung hat; daß mithin dieſe empiriſche Realität ſelbſt nur die Realität einer Erſcheinung ſei. Wenn nun in derſelben ſich uns eine Vielheit von Weſen darſtellt, von denen ſtets das Eine vergeht und ein Anderes ent⸗ ſteht, wir aber wiſſen, daß nur mittelſt der Anſchauungsform des Raumes die Vielheit, und mittelſt der der Zeit das Vergehn und Entſtehn möglich ſei; ſo erkennen wir, daß ein ſolcher Her⸗ gang keine abſolute Realität habe, d. h. daß er dem in jener Erſcheinung ſich darſtellenden Weſen an ſich ſelbſt nicht zukomme, welches wir vielmehr, wenn man jene Erkenntnißformen, wie das Glas aus dem Kaleidoſkop, wegziehn könnte, zu unſerer Ver⸗ wunderung, als ein einziges und bleibendes vor uns haben würden, als unvergänglich, unveränderlich und, unter allem ſcheinbaren Wechſel, vielleicht ſogar bis auf die ganz einzelnen Beſtimmungen herab, identiſch. In Gemäßheit dieſer Anſicht laſſen ſich folgende drei Sätze auf ſtellen: 1) Die alleinige Form der Realität iſt die Gegenwart: in ihr allein iſt das Reale unmittelbar anzutreffen und ſtets ganz und vollſtändig enthalten. 2) Das wahrhaft Reale iſt von der Zeit unabhängig, alſo in jedem Zeitpunkt Eines und das Selbe. 3) Die Zeit iſt die Anſchauungsform unſers Intellekts und daher dem Dinge an ſich fremd. f Dieſe drei Sätze ſind im Grunde identiſch. Wer ſowohl ihre Identität, als ihre Wahrheit deutlich einſieht, hat einen großen Fortſchritt in der Philoſophie gemacht, indem er den Geiſt des transſcendentalen Idealismus begriffen hat. Ueberhaupt, wie folgenreich iſt nicht Kants Lehre von der Idealität des Raumes und der Zeit, welche er ſo trocken und ſchmucklos dargelegt hat; — während eben gar nichts ſich ergiebt aus dem hochtrabenden, prätenſionsvollen und abſichtlich unver⸗ ſtändlichen Geſchwätze der drei bekannten Sophiſten, welche die Aufmerkſamkeit eines, Kants unwürdigen Publikums von ihm auf ſich zogen. Vor Kant, läßt ſich ſagen, waren wir in der Zeit; jetzt iſt die Zeit in uns. Im erſtern Falle iſt die Zeit real, 90 — 0 [80] zur Kantischen Philosophie. und wir werden, wie Alles, was in ihr liegt, von ihr verzehrt. Im zweiten Fall iſt die Zeit ideal: ſie liegt in uns. Da fällt zunächſt die Frage hinſichtlich der Zukunft nach dem Tode weg. Denn, bin ich nicht; ſo iſt auch keine Zeit mehr. Es iſt nur ein täuſchender Schein, der mir eine Zeit zeigt, die fortliefe, ohne mich, nach meinem Tode: alle drei Abſchnitte der Zeit, Ver⸗ gangenheit, Gegenwart und Zukunft, ſind auf gleiche Weiſe mein Produkt, gehören mir an; nicht aber ich vorzugsweiſe dem einen, oder dem andern von ihnen. — Wiederum eine andere Folgerung, die ſich aus dem Satze, daß die Zeit dem Weſen an ſich der Dinge nicht zukommt, ziehn ließe, wäre dieſe, daß, in irgend einem Sinne, das Vergangene nicht vergangen ſei, ſondern Alles, was jemals wirklich und wahrhaft geweſen, im Grunde auch noch ſeyn müffe; indem ja die Zeit nur einem Theaterwaſſerfall gleicht, der herabzuſtröhmen ſcheint, während er, als ein bloßes Rad, nicht von der Stelle kommt; — wie ich, Dieſem analog, ſchon längſt, in meinem Hauptwerke, den Raum einem in Facetten geſchlif fenen Glaſe verglichen habe, welches uns das einfach Vorhandene in [81] zahlloſer Vervielfältigung erblicken läßt. Ja, wenn wir auf die 20 Gefahr hin, an Schwärmerei zu ſtreifen, uns noch mehr in die Sache vertiefen; ſo kann es uns vorkommen, als ob wir, bei ſehr lebhafter Vergegenwärtigung unſerer eigenen, weit zurückliegenden Vergangenheit, eine unmittelbare Ueberzeugung davon erhielten, daß die Zeit das eigentliche Weſen der Dinge nicht antaſtet, ſon⸗ 25 dern nur zwiſchen dieſes und uns eingeſchoben iſt, als ein bloßes Medium der Wahrnehmung, nach deſſen Wegnahme Alles wieder daſeyn würde; wie auch andererſeits unſer ſo treues und lebendiges Erinnerungsvermögen ſelbſt, in welchem jenes Längſtvergangene ein unverwelkliches Daſeyn behält, Zeugniß davon ablegt, daß 30 ebenfalls in uns etwas iſt, das nicht mit altert, folglich nicht im Bereich der Zeit liegt. — Die Haupttendenz der Kantiſchen Philoſophie iſt, die gänzliche Diverſität des Realen und Idealen darzuthun, nachdem ſchon Locke hierin die Bahn gebrochen hatte. — Obenhin kann 35 man ſagen: das Ideale iſt die ſich räumlich darſtellende, an⸗ ſchauliche Geſtalt, mit allen an ihr wahrnehmbaren Eigenſchaften; das Reale hingegen iſt das Ding an, in und für ſich ſelbſt, unabhängig von ſeinem Vorgeſtelltwerden im Kopf eines Andern, A 1 D I A 91
Noch einige Erläuterungen oder feinem eigenen. Allein die Gränze zwiſchen Beiden zu ziehn iſt ſchwer und doch gerade Das, worauf es ankommt. Locke hatte gezeigt, daß Alles, was an jener Geſtalt Farbe, Klang, Glätte, Rauhe, Härte, Weiche, Kälte, Wärme u. ſ. w. iſt, (ſekundäre Eigenſchaften) bloß ideal ſei, alſo dem Dinge an ſich ſelbſt nicht zukomme; weil nämlich darin nicht das Seyn und Weſen, ſondern bloß das Wirken des Dinges uns gegeben ſei, und zwar ein ſehr einſeitig beſtimmtes Wirken, nämlich das auf die ganz ſpecifiſch determinirte Empfänglichkeit unſerer fünf Sinnes⸗ werkzeuge, vermöge welcher z. B. der Schall nicht auf das Auge, das Licht nicht auf das Ohr wirkt. Ja, das Wirken der Körper auf die Sinneswerkzeuge beſteht bloß darin, daß es dieſe in die ihnen eigenthümliche Thätigkeit verſetzt; faſt ſo, wie wenn ich den Faden ziehe, der die Flötenuhr ins Spiel verſetzt. Als das Reale hingegen, welches dem Dinge an ſich ſelbſt zukäme, ließ Locke noch ſtehn Ausdehnung, Form, Undurchdringlichkeit, Bewegung oder Ruhe, und Zahl, — welche er deshalb primäre Eigenſchaften nannte. Mit unendlich überlegener Beſonnenheit zeigte nun ſpäter Kant, daß auch dieſe Eigenſchaften nicht dem rein objektiven Weſen der Dinge, oder dem Dinge an ſich ſelbſt, zukommen, alſo nicht ſchlechthin real ſeyn können; weil ſie durch Raum, geit und Kauſalität bedingt ſeien, dieſe aber, und zwar ihrer ganzen Geſetzmäßigkeit und Beſchaffenheit nach, uns vor aller Erfahrung gegeben und genau bekannt ſeien; daher ſie präformirt in uns liegen müſſen, ſo gut wie die ſpecifiſche Art der Empfäng⸗ lichkeit und Thätigkeit jedes unſerer Sinne. Ich habe demgemäß es geradezu ausgeſprochen, daß jene Formen der Antheil des Gehirns an der Anſchauung find, wie die ſpecifiſchen Sinnes⸗ empfindungen der der reſpectiven Sinnesorgane.) Schon Kanten zufolge alſo iſt das rein objektive, von unſerm Vorſtellen und deſſen Apparat unabhängige Weſen der Dinge, welches er das Ding an ſich nennt, alſo das eigentlich Reale, im Gegenſatz +) Wie unfer Auge es iſt, welches Grün, Roth und Blau hervorbringt, ſo iſt es unſer Gehirn, welches Zeit, Raum und Kauſalität, (deren objektivirtes Abſtraktum die Materie iſt) hervorbringt. — Meine An⸗ ſchauung eines Körpers im Raum iſt das Produkt meiner Sinnen⸗ und Gehirn⸗Funktion mit X. 92 — 0 [82] 2 zur Kantischen Philosophie. des Idealen, ein von der ſich uns anſchaulich darſtellenden Geftalt ganz und gar Verſchiedenes, dem ſogar, da es von Raum und Zeit unabhängig ſeyn ſoll, eigentlich weder Ausdehnung, noch Dauer beizulegen iſt; obwohl es allen Dem was Ausdehnung 5 und Dauer hat, die Kraft dazuſeyn ertheilt. Auch Spinoza hat die Sache im Allgemeinen begriffen; wie zu erſehn aus Eth. P. II, prop. 16 mit dem 2. Coroll.; auch prop. 18, Schol. Das Locke ſche Reale, im Gegenſatz des Idealen, iſt im Grunde die Materie, zwar entblößt von allen den Eigenſchaften, die er, als ſekundäre, d. h. durch unſere Sinnesorgane bedingte, be⸗ ſeitigt; aber doch ein, an und für ſich, als ein Ausgedehntes u. ſ. w. Exiſtirendes, deſſen bloßer Reflex, oder Abbild, die Vorſtellung in uns ſei. Hiebei bringe ich nun in Erinnerung, daß ich (über die vierfache Wurzel, 2. Aufl., S. 77, und, weniger ausführ⸗ 5 lich, in der Welt als W. und V., Bd. 1, S. 9 und Bd. 2, S. 48 [Z. Aufl., Bd. 1, S. 10 und Bd. 2, S. 52) dargethan habe, daß das Weſen der Materie durchaus nur in ihrem Wirken beſteht, mithin die Materie durch und durch Kauſalität iſt, und daß, da bei ihr, als ſolcher gedacht, von jeder beſondern Qualität, alſo von jeder ſpecifiſchen Art des Wirkens, abgeſehn wird, ſie das Wirken, oder die reine, aller nähern Beſtimmungen entbehrende Kauſalität, die Kauſalität in abstracto iſt; welches ich, zu gründlicherem Verſtändniß, a. a. O. nachzuſehn bitte. Nun aber hatte Kant ſchon gelehrt, wiewohl erſt ich den richtigen Beweis dafür gegeben 8 © 183] habe, daß alle Kaufalität nur Form unſers Verſtandes, alfo nur für den Verſtand und im Verſtande vorhanden ſei. Hienach ſehn wir jetzt jenes vermeinte Reale Locke' s, die Materie, auf dieſem Wege ganz und gar in das Ideale, und damit in das Subjekt, zurückgehn, d. h. allein in der Vorſtellung und für die Vorſtellung 30 exiſtiren. — Schon Kant hat allerdings, durch ſeine Darſtellung, dem Realen, oder dem Ding an ſich, die Materialität genommen: allein ihm iſt es auch nur als ein völlig unbekanntes x ſtehn ger blieben. Ich aber habe zuletzt als das wahrhaft Reale, oder das Ding an ſich, welches allein ein wirkliches, von der Vor⸗ 35 ſtellung und ihren Formen unabhängiges Daſeyn hat, den Willen in uns nachgewieſen; während man dieſen, bis dahin, unbedenklich dem Idealen beigezählt hatte. Man ſieht hienach, daß Locke, Kant und ich in genauer Verbindung ſtehn, indem wir, im Zeit⸗ 93
Noch einige Erläuterungen raum faft zweier Jahrhunderte, die allmälige Entwickelung eines zuſammenhängenden, ja einheitlichen Gedankenganges darſtellen. Als ein Verbindungsglied in dieſer Kette iſt auch noch David Hume zu betrachten, wiewohl eigentlich nur im Betreff des Ge⸗ ſetzes der Kauſalität. In Hinſicht auf dieſen und feinen Ein⸗ fluß habe ich die obige Darſtellung nun noch durch Folgendes zu ergänzen. Locke, wie auch der in feine Fußſtapfen tretende Condillac und deſſen Schüler, zeigen und führen aus, daß der in einem Sinnesorgan eingetretenen Empfindung eine Urſache derſelben außerhalb unſers Leibes, und ſodann den Verſchiedenheiten ſolcher Wirkung (Sinnesempfindung) auch Verſchiedenheiten der Urſachen entſprechen müſſen, endlich auch, welche dies möglicherweiſe ſeyn können; woraus dann die oben berührte Unterſcheidung zwiſchen primären und ſekundären Eigenſchaften hervorgeht. Damit nun ſind ſie fertig und jetzt ſteht für ſie eine objektive Welt im Raume da, von lauter Dingen an ſich, welche zwar farblos, geruchlos, geräuſchlos, weder warm noch kalt u. ſ. w., jedoch ausgedehnt, geſtaltet, undurchdringlich, beweglich und zählbar ſind. Allein das Axiom ſelbſt, kraft deſſen jener Uebergang vom Innern zum Aeußern und ſonach jene ganze Ableitung und Inſtallirung von Dingen an ſich geſchehn iſt, alſo das Geſetz der Kauſalität, haben ſie, wie alle früheren Philoſophen, als ſich von ſelbſt ver⸗ ſtehend genommen und keiner Prüfung ſeiner Gültigkeit unter⸗ worfen. Hierauf richtete nun Hume ſeinen ſkeptiſchen Angriff, indem er die Gültigkeit jenes Geſetzes in Zweifel ſtellte; weil nämlich die Erfahrung, aus der ja, eben jener Philoſophie zu⸗ folge, alle unſere Kenntniſſe ſtammen ſollten, doch niemals den kauſalen Zuſammenhang ſelbſt, ſondern immer nur die bloße Succeſſion der Zuſtände in der Zeit, alſo nie ein Erfolgen, ſondern ein bloßes Folgen liefern könne, welches, eben als ſolches, ſich ſtets nur als ein zufälliges, nie als ein nothwendiges erweiſe. Dies ſchon dem geſunden Verſtande widerſtrebende, jedoch nicht leicht zu widerlegende Argument veranlaßte nun Kanten, dem wahren Urſprung des Begriffs der Kauſalität nachzuforſchen: wo er denn fand, daß dieſer in der weſentlichen und angeborenen Form unſers Verſtandes ſelbſt, alſo im Subjekt, liege, nicht aber im Objekt, indem er nicht erſt von außen uns beigebracht würde. 94 — — w w zur Kantischen Philosophie. Hiedurch nun aber war jene ganze objektive Welt Locde’s und Condillac's wieder in das Subjekt hineingezogen; da Kant den Leitfaden zu ihr als ſubjektiven Urſprungs nachgewieſen hatte. Denn, ſo ſubjektiv die Sinnesempfindung iſt, ſo ſubjektiv iſt jetzt z auch die Regel, welcher zufolge fie als Wirkung einer Urſache aufzufaſſen iſt; welche Urſache es doch allein iſt, die als objektive Welt angeſchaut wird; indem ja das Subjekt ein draußen befind⸗ liches Objekt bloß in Folge der Eigenthümlichkeit ſeines Intellekts, zu jeder Veränderung eine Urſache vorauszuſetzen, annimmt, alſo 10 eigentlich nur es aus ſich herausprojicirt, in einen zu dieſem Zwecke bereiten Raum, welcher ſelbſt ebenfalls ein Produkt ſeiner eigenen und urſprünglichen Beſchaffenheit iſt, ſo gut wie die ſpeci⸗ fiſche Empfindung in den Sinnesorganen, auf deren Anlaß der ganze Vorgang eintritt. Jene Locke'ſche objektive Welt von Dingen 15 an ſich war demnach durch Kant in eine Welt von bloßen Er⸗ ſcheinungen in unſerm Erkenntnißapparat verwandelt worden, und dies um ſo vollſtändiger, als, wie der Raum, in dem ſie ſich darſtellen, ſo auch die Zeit, in der ſie vorüberziehn, als unleug⸗ bar ſubjektiven Urſprungs von ihm nachgewieſen war. 20 Bei allem Dieſen aber ließ Kant noch immer, ſo gut wie Locke, das Ding an ſich beſtehn, d. h. etwas, das unabhängig von unſern Vorſtellungen, als welche uns bloße Erſcheinungen liefern, vorhanden wäre und eben dieſen Erſcheinungen zum Grunde [85] läge. So ſehr nun Kant auch hierin, an und für ſich, Recht 25 hatte; ſo war doch aus den von ihm aufgeſtellten Principien die Berechtigung dazu nicht abzuleiten. Hier lag daher die Achilles⸗ ferſe ſeiner Philoſophie, und dieſe hat, durch die Nachweiſung jener Inkonſequenz, die ſchon erlangte Anerkennung unbedingter Gültigkeit und Wahrheit wieder einbüßen müſſen: allein im letzten 30 Grunde geſchah ihr dabei dennoch Unrecht. Denn ganz gewiß iſt keineswegs die Annahme eines Dinges an ſich hinter den Er⸗ ſcheinungen, eines realen Kerns unter ſo vielen Hüllen, unwahr; da vielmehr die Ableugnung deſſelben abſurd wäre; ſondern nur die Art, wie Kant ein ſolches Ding an ſich einführte und mit 35 feinen Principien zu vereinigen ſuchte, war fehlerhaft. Im Grunde iſt es demnach nur ſeine Darſtellung (dies Wort im umfaſſendeſten Sinne genommen) der Sache, nicht dieſe ſelbſt, welche den Geg⸗ nern unterlag, und in dieſem Sinne ließe ſich behaupten, daß die 95
Noch einige Erläuterungen gegen ihn geltend gemachte Argumentation doch eigentlich nur ad hominem, nicht ad rem geweſen ſei. Jedenfalls aber findet hier das Indiſche Sprichwort wieder Anwendung: kein Lotus ohne Stengel. Kanten leitete die ſicher gefühlte Wahrheit, daß hinter jeder Erſcheinung ein an ſich ſelbſt Seyendes, von dem ſie ihren Beſtand erhält, alſo hinter der Vorſtellung ein Vorgeſtelltes liege. Aber er unternahm, dieſes aus der gegebenen Vorſtellung ſelbſt abzuleiten, unter Hinzuziehung ihrer uns a priori bewußten Ge⸗ ſetze, welche jedoch, gerade weil ſie a priori ſind, nicht auf ein von der Erſcheinung, oder Vorſtellung, Unabhängiges und Ver⸗ ſchiedenes leiten können; weshalb man zu dieſem einen ganz andern Weg einzuſchlagen hat. Die Inkonſequenzen, in welche Kant, durch den fehlerhaften Gang, den er in dieſer Hinſicht genommen, ſich verwickelt hatte, wurden ihm dargethan von G. E. Schultze, der, in ſeiner ſchwerfälligen und weitläuftigen Manier, die Sache aus⸗ einandergeſetzt hat, zuerſt anonym im „Aeneſidemus“ (be ſonders S. 374—381), und ſpäter in feiner „Kritik der theo⸗ retiſchen Philoſophie“ (Bd. 2, S. 205 ff.); wogegen Reinhold Kants Vertheidigung, jedoch ohne ſonderlichen Erfolg, geführt hat, fo daß es bei dem haec potuisse dici, et non potuisse refelli ſein Bewenden hatte. Ich will hier das der ganzen Kontroverſe zum Grunde liegende eigentlich Weſentliche der Sache ſelbſt, unabhängig von der Schultze⸗ ſchen Auffaſſung derſelben, ein Mal auf meine Weiſe recht deutlich hervorheben. — Eine ſtrenge Ableitung des Dinges an ſich hat Kant nie gegeben, vielmehr hat er daſſelbe von ſeinen Vorgängern, namentlich Locke, überkommen und als etwas, an deſſen Daſeyn nicht zu zweifeln ſei, indem es ſich eigentlich von ſelbſt verſtehe, beibehalten; ja, er durfte dies gewiſſermaaßen. Nach Kants Ent⸗ deckungen nämlich enthält unſere empiriſche Erkenntniß ein Element, welches nachweisbar ſubjektiven Urſprungs iſt, und ein anderes, von dem dieſes nicht gilt: dieſes letztere bleibt alſo objektiv, weil kein Grund iſt, es für ſubjektiv zu halten.) Demgemäß leugnet +) Jedes Ding hat zweierlei Eigenſchaften: ſolche, die a priori und ſolche, die nur a posteriori erkannt werden können: die erſteren entſpringen aus dem ſie auffaſſenden Intellekt, die zweiten aus dem Weſen an ſich des Dinges, welches das iſt, was wir in uns als Willen finden. 96 ws zur Kantischen Philosophie, Kants transſcendentaler Idealismus das objektive Weſen der Dinge, oder die von unſerer Auffaſſung unabhängige Realität derſelben, zwar ſoweit, als das Apriori in unſerer Erkenntniß ſich erſtreckt; jedoch nicht weiter; weil eben der Grund zum Ableugnen nicht 5 weiter reicht: was darüber hinausliegt läßt er demnach beſtehn, alſo alle ſolche Eigenſchaften der Dinge, welche ſich nicht a priori konſtruiren laſſen. Denn keineswegs iſt das ganze Weſen der gegebenen Erſcheinungen, d. h. der Körperwelt, von uns a priori beſtimmbar, ſondern bloß die allgemeine Form ihrer Erſcheinung 10 iſt es, und dieſe läßt ſich zurückführen auf Raum, Zeit und Kauſalität, nebſt der geſammten Geſetzlichkeit dieſer drei Formen. Hingegen das durch alle jene a priori vorhandenen Formen un⸗ beſtimmt Gelaſſene, alſo das hinſichtlich auf ſie Zufällige, iſt eben die Manifeſtation des Dinges an ſich ſelbſt. Nun kann der 1 empiriſche Gehalt der Erſcheinungen, d. h. jede nähere Be⸗ ſtimmung derſelben, jede in ihnen auftretende phyſiſche Qualität, nicht anders, als a posteriori erkannt werden: dieſe empiriſchen Eigenſchaften (oder vielmehr die gemeinſame Quelle derſelben) ver⸗ bleiben ſonach dem Dinge an ſich ſelbſt, als Aeußerungen ſeines 20 ſelbſteigenen Weſens, durch das Medium aller jener aprioriſchen Formen hindurch. Dieſes Aposteriori, welches, bei jeder Er⸗ ſcheinung, in das Apriori gleichſam eingehüllt, auftritt, aber doch jedem Weſen ſeinen ſpeciellen und individuellen Charakter ertheilt, iſt demnach der Stoff der Erſcheinungswelt, im Gegenſatz ihrer 25 Form. Da nun dieſer Stoff keineswegs aus den von Kant ſo forgfältig nachgefuchten und, durch das Merkmal der Apriorität, ſicher nachgewieſenen, am Subjekt haftenden Formen der Er⸗ ſcheinung abzuleiten iſt, vielmehr nach Abzug alles aus dieſen Fließenden noch übrig bleibt, alſo ſich als ein zweites völlig 187) diſtinktes Element der empiriſchen Erſcheinung und als eine jenen Formen fremde Zuthat vorfindet; dabei aber auch andererſeits keineswegs von der Willkür des erkennenden Subjekts ausgeht, vielmehr dieſer oft entgegenſteht; ſo nahm Kant keinen Anſtand, dieſen Stoff der Erſcheinung dem Dinge an ſich ſelbſt zu laſſen, 35 mithin als ganz von außen kommend anzuſehn; weil er doch irgend woher kommen, oder, wie Kant ſich ausdrückt, irgend einen Grund haben muß. Da wir nun aber ſolche allein a posteriori erkennbare Eigenſchaften durchaus nicht iſoliren und von den 97
Noch einige Erläuterungen a priori gewiſſen getrennt und gereinigt auffaſſen können, ſondern ſie immer in dieſe gehüllt auftreten; ſo lehrt Kant, daß wir zwar das Daſeyn der Dinge an ſich, aber nichts darüber hinaus er⸗ kennen, alſo nur wiſſen, daß ſie ſind, aber nicht was ſie ſind; daher denn das Weſen der Dinge an ſich bei ihm als eine un⸗ bekannte Größe, ein x, ſtehn bleibt. Denn die Form der Er⸗ ſcheinung bekleidet und verbirgt überall das Weſen des Dinges an ſich ſelbſt. Höchſtens läßt ſich noch Dieſes ſagen: da jene aprioriſchen Formen allen Dingen, als Erſcheinungen, ohne Unter⸗ ſchied zukommen, indem ſie von unſerm Intellekt ausgehn; die Dinge dabei aber doch ſehr bedeutende Unterſchiede aufweiſen; ſo iſt Das, was dieſe Unterſchiede, alſo die fpecififche Verſchiedenheit der Dinge, beſtimmt, das Ding an ſich ſelbſt. Die Sache ſo angeſehn, ſcheint alſo Kants Annahme und Vorausſetzung der Dinge an ſich, ungeachtet der Subjektivität aller unſerer Erkenntnißformen, ganz wohl befugt und gegründet. Dennoch weiſt ſie ſich als unhaltbar aus, wenn man jenes, ihr alleiniges Argument, nämlich den empiriſchen Gehalt in allen Er⸗ ſcheinungen, genau prüft und ihn bis zu feinem Urſprunge ver⸗ folgt. Allerdings nämlich iſt in der empiriſchen Erkenntniß und deren Quelle, der anſchaulichen Vorſtellung, ein von ihrer, uns a priori bewußten Form unabhängiger Stoff vorhanden. Die nächſte Frage iſt, ob dieſer Stoff objektiven, oder ſubjektiven Ur⸗ ſprungs ſei; weil er nur im erſtern Falle das Ding an ſich ver⸗ bürgen kann. Gehn wir ihm daher bis zu ſeinem Urſprunge nach; ſo finden wir dieſen nirgends anders, als in unſerer Sinnesempfindung: denn eine auf der Netzhaut des Auges, oder im Gehörnerven, oder in den Fingerſpitzen eintretende Veränderung iſt es, welche die anſchauliche Vorſtellung einleitet, d. h. den ganzen Apparat unſerer a priori bereit liegenden Erkenntnißformen zuerſt in dasjenige Spiel verſetzt, deſſen Reſultat die Wahrnehmung eines äußerlichen Objekts iſt. Auf jene empfundene Veränderung im Sinnesorgane nämlich wird zunächſt, mittelſt einer nothwen⸗ digen und unausbleiblichen Verſtandesfunktion a priori, das Geſetz der Kauſalität angewandt: dieſes leitet, mit ſeiner aprioriſchen Sicherheit und Gewißheit, auf eine Urſache jener Veränderung, welche, da ſie nicht in der Willkür des Subjekts ſteht, jetzt als ein ihm Aeußerliches ſich darſtellt, eine Eigen⸗ 98 — — 0 [83] 3 0 5 0 5 — En zur Kantischen Philosophie. ſchaft, die ihre Bedeutung erſt erhält mittelſt der Form des Raumes, welche letztere aber ebenfalls der eigene Intellekt zu dieſem Behuf alsbald hinzufügt, wodurch nun alſo jene noth⸗ wendig vorauszuſetzende Urſache ſich ſofort anſchaulich darſtellt, J als ein Objekt im Raume, welches die von ihr in unſern Sinnes⸗ organen bewirkten Veränderungen als ſeine Eigenſchaften an ſich trägt. Dieſen ganzen Hergang findet man ausführlich und gründ⸗ lich dargelegt in der 2. Aufl. meiner Abhandlung über den Satz vom Grunde § 21. Nun aber iſt ja doch die Sinnesempfindung, zo welche zu dieſem Vorgange den Ausgangspunkt und unſtreitig den ganzen Stoff zur empiriſchen Anſchauung liefert, etwas ganz und gar Subjektives, und da nun ſämmtliche Erkenntniß⸗Formen 1 mittelſt welcher aus jenem Stoffe die objektive anſchauliche Vor⸗ ſtellung entſteht und nach außen projicirt wird, Kants ganz rich⸗ 15 tiger Nachweiſung zufolge, ebenfalls ſubjektiven Urſprungs ſind; ſo iſt klar, daß ſowohl Stoff als Form der anſchaulichen Vor⸗ ſtellung aus dem Subjekt entſpringen. Hienach löſt nun unſere ganze empiriſche Erkenntniß ſich in zwei Beſtandtheile auf, welche beide ihren Urſprung in uns ſelbſt haben, nämlich die Sinnes⸗ 20 empfindung und die a priori gegebenen, alſo in den Funktionen unſers Intellekts, oder Gehirns, gelegenen Formen, Zeit, Raum und Kauſalität, denen übrigens Kant noch elf andere, von mir als überflüſſig und unſtatthaft nachgewieſene Kategorien des Verſtandes hinzugefügt hatte. Demzufolge liefert die anſchauliche 25 Vorſtellung und unſere, auf ihr beruhende, empiriſche Erkenntniß in Wahrheit keine Data zu Schlüſſen auf Dinge an ſich, und Kant war, nach ſeinen Principien, nicht befugt, ſolche anzunehmen. Wie alle früheren, ſo hatte auch die Locke'ſche Philoſophie das 189] Geſetz der Kauſalität als ein abſolutes genommen und war da⸗ 30 durch berechtigt, von der Sinnesempfindung auf äußere, unab⸗ hängig von uns wirklich vorhandene Dinge zu ſchließen. Dieſer Uebergang von der Wirkung zur Urſache iſt jedoch der einzige Weg, um geradezu vom Innern und ſubjektiv Gegebenen zum Aeußern und objektiv Vorhandenen zu gelangen. Nachdem aber 35 Kant das Geſetz der Kauſalität der Erkenntnißform des Sub: jekts vindicirt hatte, ſtand ihm dieſer Weg nicht mehr offen: auch hat er ſelbſt oft genug davor gewarnt, von der Kategorie der 99
Noch einige Erläuterungen Kauſalität transſcendenten, d. h. über die Erfahrung und ihre Möglichkeit hinausgehenden Gebrauch zu machen. In der That iſt das Ding an ſich auf dieſem Wege nimmer⸗ mehr zu erreichen, und überhaupt nicht auf dem der rein objek⸗ tiven Erkenntniß, als welche immer Vorſtellung bleibt, als ſolche 5 aber im Subjekt wurzelt und nie etwas von der Vorſtellung wirklich Verſchiedenes liefern kann. Sondern nur dadurch kann man zum Dinge an ſich gelangen, daß man ein Mal den Standpunkt verlegt, nämlich ſtatt wie bisher immer nur von Dem auszugehn, was vorſtellt, ein Mal ausgeht von Dem was 10 vorgeſtellt wird. Dies iſt Jedem aber nur bei einem einzigen Dinge möglich, als welches ihm auch von innen zugänglich und dadurch ihm auf zweifache Weiſe gegeben iſt: es iſt ſein eigener Leib, der, in der objektiven Welt, eben auch als Vorſtellung im Raume daſteht, zugleich aber ſich dem eigenen Selbſtbewußt— ſeyn als Wille kund giebt. Dadurch aber liefert er den Schlüſſel aus, zunächſt zum Verſtändniß aller ſeiner durch äußere Urſachen (hier Motive) hervorgerufenen Aktionen und Bewegungen, als welche, ohne dieſe innere und unmittelbare Einſicht in ihr Weſen, uns eben ſo unverſtändlich und unerklärbar bleiben würden, wie die nach Naturgeſetzen und als Aeußerungen der Naturkräfte ein⸗ tretenden Veränderungen der uns in objektiver Anſchauung allein gegebenen übrigen Körper; und ſodann zu dem des bleibenden Subſtrats aller dieſer Aktionen, in welchem die Kräfte zu den⸗ ſelben wurzeln, — alſo dem Leibe ſelbſt. Dieſe unmittelbare Erkenntniß, welche Jeder vom Weſen ſeiner eigenen, ihm außer⸗ dem ebenfalls nur in der objektiven Anſchauung, gleich allen andern, gegebenen Erſcheinung hat, muß nachher auf die übrigen, in letzterer Weiſe allein gegebenen Erſcheinungen analogiſch über⸗ tragen werden und wird alsdann der Schlüſſel zur Erkenntniß [90] des innern Weſens der Dinge, d. h. der Dinge an ſich ſelbſt. Zu dieſer alſo kann man nur gelangen auf einem, von der rein objektiven Erkenntniß, welche bloße Vorſtellung bleibt, ganz verſchiedenen Wege, indem man nämlich das Selbſtbewußtſeyn des immer nur als animaliſches Individuum auftretenden Sub⸗ 35 jekts der Erkenntniß zu Hülfe nimmt und es zum Ausleger des Bewußtſeyns anderer Dinge, d. i. des anſchauenden Intellekts — 5 vw 0 N 5 100 zur Kantischen Philosophie. macht. Dies iſt der Weg, den ich gegangen bin, und es iſt der allein rechte, die enge Pforte zur Wahrheit. Statt nun dieſen Weg einzuſchlagen, verwechſelte man Kants Darſtellung mit dem Weſen der Sache, glaubte mit jener auch 5 dieſes widerlegt, hielt was im Grunde nur argumenta ad hominem waren für argumenta ad rem, und erklärte demnach, in Folge jener Schultziſchen Angriffe, Kants Philoſophie für un⸗ haltbar. — Dadurch ward nunmehr das Feld für die Sophiſten und Windbeutel frei. Als der erſte dieſer Art ſtellte ſich Fichte 10 ein, der, da das Ding an ſich eben in Mißkredit gekommen war flugs ein Syſtem ohne alles Ding an ſich verfertigte, mithin die Annahme von irgend etwas, das nicht durch und durch bloß unſere Vorſtellung wäre, verwarf, alſo das erkennende Subjekt Alles in Allem ſeyn, oder doch aus eigenen Mitteln Alles hervorbringen 15 ließ. Zu dieſem Zweck hob er ſogleich das Weſentliche und Ver⸗ dienſtlichſte der Kantiſchen Lehre, die Unterſcheidung des Apriori vom Aposteriori, und dadurch der Erſcheinung vom Ding an ſich auf, indem er alles für Apriori erklärte, natürlich ohne Beweise für ſolche monſtroſe Behauptung: ſtatt derer gab er theils ſophi⸗ 20 ſtiſche, ja, ſogar aberwitzige Scheindemonſtrationen, deren Abſur⸗ dität ſich unter der Larve des Tiefſinns und der angeblich aus dieſem entſprungenen Unverſtändlichkeit verbarg; theils berief er ſich, frank und frech, auf intellektuale Anſchauung, d. h. eigentlich auf Inſpiration. Für ein aller Urtheilskraft ermangelndes, Kants 25 unwürdiges Publikum, reichte das freilich aus: dieſes hielt Ueber⸗ bieten für Uebertreffen und erklärte ſonach Fichten für einen noch viel größern Philoſophen als Kant. Ja, noch bis auf den heutigen Tag fehlt es nicht an philoſophiſchen Schriftſtellern, die jenen traditionell gewordenen falſchen Ruhm Fichtes auch der neuen 191] Generation aufzubinden bemüht find und ganz ernſthaft verſichern was Kant bloß verſucht habe, das wäre durch den Fichte zu Stande gebracht: er ſei eigentlich der Rechte. Dieſe Herren legen durch ihr Midas⸗Urtheil in zweiter Inſtanz, ihre gänzliche Un: fähigkeit, Kanten irgend zu verſtehn, ja, überhaupt ihren deplo⸗ 35 rabeln Unverſtand fo palpabel deutlich an den Tag, daß hoffentlich das heranwachſende, endlich enttäufchte Geſchlecht ſich hüten wird mit ihren zahlreichen Geſchichten der Philoſophie und ſonſtigen ö Schreibereien Zeit und Kopf zu verderben. — Bei dieſer Gelegen⸗ 101
Noch einige Erläuterungen heit will ich eine kleine Schrift ins Andenken zurückrufen, aus der man erſehn kann, welchen Eindruck Fichtes perſönliche Erſcheinung und Treiben auf unbefangene Zeitgenoſſen machte: ſie heißt „Ka⸗ binet Berliner Charaktere“ und iſt 1808, ohne Druckort erſchienen: ſie ſoll von Buchholz ſeyn; worüber ich jedoch keine Gewißheit habe. Man vergleiche damit, was der Juriſt Anſelm von Feuer⸗ bach, in ſeinen 1852 von ſeinem Sohne herausgegebenen Briefen, über Fichte ſagt; desgleichen auch „Schillers und Fichtes Brief⸗ wechſel“, 1847; und man wird eine richtigere Vorſtellung von dieſem Scheinphiloſophen erhalten. Bald trat, ſeines Vorgängers würdig, Schelling in Fichtes Fußſtapfen, die er jedoch verließ, um ſeine eigene Erfindung, die abſolute Identität des Subjektiven und Objektiven, oder Idealen und Realen, zu verkündigen, welche darauf hinausläuft, daß Alles, was ſeltene Geiſter, wie Locke und Kant, mit unglaub⸗ lichem Aufwand von Scharfſinn und Nachdenken geſondert hatten, nur wieder zuſammenzugießen ſei in den Brei jener abſoluten Identität. Denn die Lehre dieſer beiden Denker läßt ſich ganz paſſend bezeichnen als die von der abſoluten Diverſität des Idealen und Realen, oder Subjektiven und Objektiven. Jetzt aber gieng es weiter von Verirrungen zu Verirrungen. War ein Mal durch Fichten die Unverſtändlichkeit der Rede eingeführt und der Schein des Tiefſinns an die Stelle des Denkens geſetzt; ſo war der Saame geſtreut, dem eine Korruption nach der andern und endlich die in unſern Tagen aufgegangene, gänzliche Demorali⸗ ſation der Philoſophie, und durch ſie der ganzen Litteratur, ent⸗ ſprießen ſollte. f) Auf Schelling folgte jetzt ſchon eine philoſophiſche Miniſter⸗ kreatur, der, in politiſcher, obendrein mit einem Fehlgriff be⸗ dienter Abſicht, von oben herunter zum großen Philoſophen ges ſtämpelte Hegel, ein platter, geiſtloſer, ekelhaft⸗widerlicher, un⸗ wiſſender Scharlatan, der, mit beiſpielloſer Frechheit, Aberwitz 1) Heut zu Tage hat das Studium der Kantiſchen Philoſophie noch den beſondern Nutzen, zu lehren, wie tief ſeit der Kritik der reinen Vernunft die philoſophiſche Litteratur in Deutſchland geſunken iſt: ſo ſehr ſtechen ſeine tiefen Unterſuchungen ab gegen das heutige rohe Geſchwätz, bei welchem man von der einen Seite hoffnungsvolle Kandidaten und auf der andern Barbier⸗ geſellen zu vernehmen glaubt. 102 10 20 vw w 3 5 0 5 zur Kantischen Philosophie, und Unſinn zuſammenſchmierte, welche von feinen feilen Anhän⸗ gern als unſterbliche Weisheit auspoſaunt und von Dummköpfen 192] richtig dafür genommen wurden, wodurch ein fo vollſtändiger Chorus der Bewunderung entſtand, wie man ihn nie zuvor ver⸗ nommen hatte.“) Die einem ſolchen Menſchen gewaltſam ver⸗ ſchaffte, ausgebreitete geiſtige Wirkſamkeit hat den intellektuellen Verderb einer ganzen gelehrten Generation zur Folge gehabt. Der Bewunderer jener Afterphiloſophie wartet der Hohn der Nachwelt, dem jetzt ſchon der Spott der Nachbarn, lieblich zu hören, so präludirt; — oder ſollte es meinen Ohren nicht wohlklingen, wenn die Nation, deren gelehrte Kaſte meine Leiſtungen, 30 Jahre hindurch, für nichts und weniger als nichts, für keines Blickes würdig, geachtet hat, — von den Nachbarn den Ruhm erhält, das ganz Schlechte, das Abſurde, das Unſinnige und 15 dabei materiellen Abſichten Dienende, als höchſte und unerhörte Weisheit 30 Jahre lang verehrt, ja vergöttert zu haben? Ich ſoll wohl auch, als ein guter Patriot, mich im Lobe der Deutſchen und des Deutſchthums ergehn, und mich freuen, dieſer und keiner andern Nation angehört zu haben? Allein es iſt, wie das Spa⸗ 20 niſche Sprichwort ſagt: cada uno cuenta de la feria, como le va en ella. (Jeder berichtet von der Meſſe, je nachdem es ihm darauf ergangen.) Geht zu den Demokolaken und laßt euch loben. Tüchtige, plumpe, von Miniſtern aufgepuffte, brav Unſinn ſchmie⸗ rende Scharlatane, ohne Geiſt und ohne Verdienſt, Das iſt's, 25 was den Deutſchen gehört; nicht Männer wie ich. — Dies ift das Zeugniß welches ich ihnen, beim Abſchiede, zu geben habe. Wieland (Briefe an Merck S. 239) nennt es ein Unglück, ein Deutſcher geboren zu ſeyn: Bürger, Mozart, Beethoven u. A. m. würden ihm beigeſtimmt haben: ich auch. Es beruht darauf, daß 30 gopov et der roy ERLYYWTOREYOY Tov copov, oder il n'y a que l’esprit qui sente J'esprit. Zu den glänzendeſten und verdienſtlichſten Seiten der Kantiſchen Philoſophie gehört unſtreitig die transſcendentale Dialektik, durch welche er die ſpekulative Theologie und Pſychologie der⸗ 35 maaßen aus dem Fundament gehoben hat, daß man ſeitdem, auch mit dem beſten Willen, nicht im Stande geweſen iſt, ſie wieder ) Man ſehe die Vorrede zu meinen „Grundproblemen der Ethik“. 8 Schopenhauer, Werke V 103
Noch einige Erläuterungen aufzurichten. Welche Wohlthat für den menfchlichen Geiſt! Oder ſehn wir nicht, während der ganzen Periode, ſeit dem Wieder [93] aufleben der Wiſſenſchaften bis zu ihm, die Gedanken ſelbſt der größten Männer eine ſchiefe Richtung annehmen, ja, oft ſich völlig verrenken, in Folge jener beiden, den ganzen Geiſt lähmenden, 5 aller Unterſuchung erſt entzogenen und danach ihr abgeſtorbenen, ſchlechterdings unantaſtbaren Vorausſetzungen? Werden uns nicht die erſten und weſentlichſten Grundanſichten unſerer ſelbſt und aller Dinge verſchroben und verfälſcht, wenn wir mit der Voraus⸗ ſetzung daran gehn, daß das Alles von außen, nach Begriffen und 10 durchdachten Abſichten, durch ein perſönliches, mithin individuelles Weſen hervorgebracht und eingerichtet ſei? imgleichen, daß das Grundweſen des Menſchen ein Denkendes wäre und er aus zwei gänzlich heterogenen Theilen beſtehe, die zuſammengekommen und zuſammengelöthet wären, ohne zu wiſſen, wie, und nun mit einander 15 fertig zu werden hätten, ſo gut es gehn wollte, um bald wieder nolentes volentes ſich auf immer zu trennen? Wie ſtark Kants Kritik dieſer Vorſtellungen und ihrer Gründe auf alle Wiſſenſchaften eingewirkt habe, iſt daraus erſichtlich, daß ſeitdem, wenigſtens in der höhern deutſchen Litteratur, jene Vorausſetzungen allenfalls nur 20 noch in einem figürlichen Sinne vorkommen, aber nicht mehr ernſtlich gemacht werden: ſondern man überläßt ſie den Schriften für das Volk und den Philoſophieprofeſſoren, die damit ihr Brod verdienen. Namentlich halten unſere naturwiſſenſchaftlichen Werke ſich von dergleichen rein, während hingegen die engliſchen, 25 durch dahin zielende Redensarten und Diatriben, oder durch Apo⸗ logien, ſich in unſern Augen herabſetzen f) Noch dicht vor Kant +) Seitdem Obiges geſchrieben worden, hat es ſich damit bei uns geändert. In Folge der Wiederauferſtehung des uralten und ſchon zehn Mal explodirten Materialismus ſind Philoſophen aus der Apotheke und dem Clinieo aufgetreten, 30 Leute, die nichts gelernt haben, als was zu ihrem Gewerbe gehört, und nun ganz unſchuldig und ehrſam, als ſollte Kant noch erſt geboren werden, ihre Alte⸗Weiber⸗Spekulation vortragen, über „Leib und Seele“, nebſt deren Verhältniß zu einander, disputiren, ja, (credite posteri!) den Sitz beſagter Seele im Gehirn nachweiſen. Ihrer Vermeſſenheit gebührt die Zurecht⸗ 35 weiſung, daß man etwas gelernt haben muß, um mitreden zu dürfen, und ſie klüger thäten, ſich nicht unangenehmen Anſpielungen auf Pflaſterſchmieren und Katechismus auszuſetzen. 104 — —— — —ẽ —»—-— . — ET TEE En = ns en nn — — zur Kantischen Philosophie. freilich ſtand es in dieſer Hinficht ganz anders: fo fehn wir z. B. ſelbſt den eminenten Lichtenberg, deſſen Jugendbildung noch vor⸗ kantiſch war, in ſeinem Aufſatz über Phyſiognomik, ernſthaft und mit Ueberzeugung jenen Gegenſatz von Seele und Leib feſthalten 5 und dadurch feine Sache verderben. Wer dieſen hohen Werth der transſcendentalen Dia— lektik erwägt, wird es nicht überflüſſig finden, daß ich hier etwas ſpecieller auf dieſelbe eingehe. Zunächſt lege ich daher Kennern und Liebhabern der Vernunftkritik folgenden Verſuch vor, zo in der Kritik der rationalen Pſychologie, wie fie allein in der erſten Ausgabe vollſtändig vorliegt, — während ſie in den fol⸗ genden kaſtrirt auftritt, — das Argument, welches daſelbſt 19% S. 361 ff. unter dem Titel „Paralogismus der Perſonalität“ kritiſirt wird, ganz anders zu faſſen und demnach zu kritiſiren. 1 Denn Kants allerdings tiefſinnige Darſtellung deſſelben iſt nicht nur überaus ſubtil und ſchwer verſtändlich, ſondern ihr iſt auch vorzuwerfen, daß ſie den Gegenſtand des Selbſtbewußtſeyns, oder in Kants Sprache, des innern Sinnes, plötzlich und ohne weitere Befugniß, als den Gegenſtand eines fremden Bewußtſeyns, ſogar 20 einer äußern Anſchauung nimmt, um ihn dann nach Geſetzen und Analogien der Körperwelt zu beurtheilen; ja, daß fie ſich (S. 363) erlaubt, zwei verſchiedene Zeiten, die eine im Bewußtſeyn des beurtheilten, die andere in dem des urtheilenden Subjekts anzu⸗ nehmen, welche nicht zuſammenſtimmten. — Ich würde alſo dem 25 beſagten Argumente der Perſönlichkeit eine ganz andere Wendung geben und es demnach in folgenden zwei Sätzen darſtellen: 1) Man kann, hinſichtlich aller Bewegung überhaupt, welcher Art fie auch ſeyn möge, a priori feſtſtellen, daß ſie allererſt wahrnehmbar wird durch den Vergleich mit irgend einem Ruhenden; 30 woraus folgt, daß auch der Lauf der Zeit, mit Allem in ihr, nicht wahrgenommen werden könnte, wenn nicht etwas wäre, das an demſelben keinen Theil hat, und mit deſſen Ruhe wir die Bewegung jenes vergleichen. Wir urtheilen hierin freilich nach Analogie der Bewegung im Raum: aber Raum und Zeit müſſen 35 immer dienen, einander wechſelſeitig zu erläutern, daher wir eben auch die Zeit unter dem Bilde einer geraden Linie uns vorſtellen müſſen, um ſie anſchaulich auffaſſend, a priori zu konſtruiren. 8* 105
Noch einige Erläuterungen Demzufolge alfo können wir uns nicht vorftellen, daß, wenn Alles in unſerm Bewußtſeyn, zugleich und zuſammen, im Fluſſe der Zeit fortrückte, dieſes Fortrücken dennoch wahrnehmbar ſeyn ſollte; ſondern hiezu müſſen wir ein Feſtſtehendes vorausſetzen, an welchem die Zeit mit ihrem Inhalt vorüberflöſſe. Für die Anſchauung s des äußern Sinnes leiſtet dies die Materie, als die bleibende Subſtanz, unter dem Wechſel der Accidenzien; wie dies auch Kant darſtellt, im Beweiſe zur „erſten Analogie der Erfahrung“, S. 183 der erſten Ausgabe. An eben dieſer Stelle iſt es jedoch, wo er den ſchon ſonſt von mir gerügten, unerträglichen, ja ſeinen 10 eigenen Lehren widerſprechenden Fehler begeht, zu ſagen, daß nicht die Zeit ſelbſt verflöſſe, ſondern nur die Erſcheinungen in ihr. [95] Daß Dies grundfalſch ſei, beweiſt die uns Allen inwohnende feſte Gewißheit, daß, wenn auch alle Dinge im Himmel und auf Erden plötzlich ſtille ſtänden, doch die Zeit, davon ungeſtört, ihren Lauf fortſetzen würde; ſo daß, wenn ſpäterhin die Natur ein Mal wieder in Gang geriethe, die Frage nach der Länge der dageweſenen Pauſe, an ſich ſelbſt einer ganz genauen Beantwortung fähig ſeyn würde. Wäre Dem anders; ſo müßte mit der Uhr auch die Zeit ſtille ſtehn, oder, wenn jene liefe, mitlaufen. Gerade dies Sach⸗ verhältniß aber, nebſt unſerer Gewißheit a priori darüber, beweiſt unwiderſprechlich, daß die Zeit in unſerm Kopfe, nicht aber draußen, ihren Verlauf, und alſo ihr Weſen, hat. — Im Gebiete der äußern Anſchauung, ſagte ich, iſt das Beharrende die Materie: bei unſerm Argument der Perſönlichkeit hingegen iſt die Rede bloß von der Wahrnehmung des innern Sinnes, in welche auch die des äußern erſt wieder aufgenommen wird. Daher alſo ſagte ich, daß wenn unſer Bewußtſeyn, mit ſeinem geſammten Inhalt, gleichmäßig im Strohme der Zeit ſich fortbewegte, wir dieſer Be⸗ wegung nicht inne werden könnten. Alſo muß hiezu im Bewußt⸗ ſeyn ſelbſt etwas Unbewegliches ſeyn. Dieſes aber kann nichts Anderes ſeyn, als das erkennende Subjekt ſelbſt, als welches dem Laufe der Zeit und dem Wechſel ihres Inhalts unerſchüttert und unverändert zuſchaut. Vor ſeinem Blicke läuft das Leben wie ein Schauſpiel zu Ende. Wie wenig es ſelbſt an dieſem Laufe Theil 35 hat, wird uns ſogar fühlbar, wenn wir, im Alter, die Scenen der Jugend und Kindheit uns lebhaft vergegenwärtigen. 2) Innerlich, im Selbſtbewußtſeyn, oder, mit Kant zu reden, — 5 IS} 0 N 5 0 ws 106 zur Kantischen Philosophie. durch den innern Sinn, erkenne ich mich allein in der Zeit. Nun aber kann es, objektiv betrachtet, in der bloßen Zeit allein kein Beharrliches geben; weil ſolches eine Dauer, dieſe aber ein Zugleich⸗ ſeyn, und dieſes wieder den Raum vorausſetzt, — (die Begrün⸗ 5 dung dieſes Satzes findet man in meiner Abhandlung über den Satz vom Grunde, 2. Aufl., $ 18, ſodann „Welt als W. u. V.“ 2. Aufl., Bd. 1, H 4 S. 10, 11 u. S. 531 [3. Aufl., S. 10—12 u. 560). Desungeachtet nun aber finde ich mich thatſächlich als das beharrende, d. h. bei allem Wechſel meiner Vorſtellungen immerdar [96] bleibende Subſtrat derſelben, welches zu dieſen Vorſtellungen ſich eben fo verhält, wie die Materie zu ihren wechſelnden Accidenzien, folglich, eben fo wohl wie dieſe, den Namen der Subſtanz verdient und, da es unräumlich, folglich unausgedehnt iſt, den der ein⸗ fachen Subſtanz. Da nun aber, wie geſagt, in der bloßen 15 Zeit, für ſich allein, gar kein Beharrendes vorkommen kann, die in Rede ſtehende Subſtanz jedoch andererſeits nicht durch den äußern Sinn, folglich nicht im Raume wahrgenommen wird; ſo müſſen wir, um ſie uns dennoch, dem Laufe der Zeit gegenüber, als ein Beharrliches zu denken, ſie als außerhalb der Zeit gelegen an⸗ 20 nehmen und demnach ſagen: alles Objekt liegt in der Zeit, hin⸗ gegen das eigentliche erkennende Subjekt nicht. Da es nun außerhalb der Zeit auch kein Aufhören, oder Ende, giebt; ſo hätten wir, am erkennenden Subjekt in uns, eine beharrende, jedoch weder räumliche, noch zeitliche, folglich unzerſtörbare Subſtanz. 25 Um nun dieſes jo gefaßte Argument der Perſönlichkeit als einen Paralogismus nachzuweiſen, müßte man ſagen, daß der zweite Satz deſſelben eine empiriſche Thatſache zur Hülfe nimmt, der ſich dieſe andere entgegenſtellen läßt, daß das erkennende Subjekt doch an das Leben und ſogar an das Wachen gebunden 30 iſt, feine Beharrlichkeit während Beider alſo keineswegs beweiſt, daß ſie auch außerdem beſtehn könne. Denn dieſe faktiſche Be⸗ harrlichkeit, für die Dauer des bewußten Zuſtandes, iſt noch weit entfernt, ja, toto genere verſchieden von der Beharrlichkeit der Materie (dieſem Urſprung und alleiniger Realiſirung des Begriffs 35 Subſtanz), welche wir in der Anſchauung kennen und nicht bloß ihre faktiſche Dauer, ſondern ihre nothwendige Unzerſtör⸗ barkeit und die Unmöglichkeit ihrer Vernichtung a priori einſehn. Aber nach Analogie dieſer wahrhaft unzerſtörbaren Subſtanz iſt 107
Noch einige Erläuterungen es doch, daß wir eine denkende Subſtanz in uns annehmen möchten, die alsdann einer endloſen Fortdauer gewiß wäre. Ab⸗ geſehn nun davon, daß dies Letztere die Analogie mit einer bloßen Erſcheinung (der Materie) wäre, ſo beſteht der Fehler, den die dialektiſche Vernunft in obigem Beweiſe begeht, darin, daß ſie die Beharrlichkeit des Subjekts, beim Wechſel aller ſeiner Vorſtellungen in der Zeit, nun ſo behandelt, wie die Beharrlich⸗ keit der uns in der Anſchauung gegebenen Materie, und demnach Beide unter den Begriff der Subſtanz zuſammenfaßt, um nun Alles, was ſie, wiewohl unter den Bedingungen der Anſchauung, von der Materie a priori ausſagen kann, namentlich Fortdauer durch alle Zeit, nun auch jener angeblichen, immateriellen Sub⸗ ſtanz beizulegen, wenn gleich die Beharrlichkeit dieſer vielmehr nur darauf beruht, daß ſie ſelbſt als in gar keiner Zeit, geſchweige in aller, liegend angenommen wird, wodurch die Bedingungen der Anſchauung, in Folge welcher die Unzerſtörbarkeit der Materie a priori ausgeſagt wird, hier ausdrücklich aufgehoben find, nament⸗ lich die Räumlichkeit. Auf dieſer aber gerade beruht (nach eben den oben angeführten Stellen meiner Schriften) die Beharrlichkeit der⸗ ſelben. Hinſichtlich der Beweiſe der Unſterblichkeit der Seele aus ihrer angenommenen Einfachheit und daraus folgenden Ind iſſolu— bilität, durch welche die allein mögliche Art des Untergangs, die Auflöſung der Theile, ausgeſchloſſen wird, iſt überhaupt zu ſagen, daß alle Geſetze über Entſtehn, Vergehn, Veränderung, Beharr⸗ lichkeit u. ſ. w., welche wir, ſei es a priori oder a posteriori kennen, durchaus nur von der uns objektiv gegebenen, und noch dazu durch unſern Intellekt bedingten Körperwelt gelten: ſobald wir daher von dieſer abgehn und von immateriellen Weſen reden, haben wir keine Befugniß- mehr, jene Geſetze und Regeln anzuwenden, um zu behaupten, wie das Entſtehn und Vergehn ſolcher Weſen möglich ſei, oder nicht; ſondern da fehlt uns jede Richtſchnur. Hiedurch ſind alle dergleichen Beweiſe der Unſterb⸗ lichkeit aus der Einfachheit der denkenden Subſtanz abgeſchnitten. Denn die Amphibolie liegt darin, daß man von einer immateriellen Subſtanz redet und dann die Geſetze der materiellen unterſchiebt, um ſie auf jene anzuwenden. Inzwiſchen giebt der Paralogismus der Perſönlichkeit, wie 108 197 15 20 0 35 zur Kantischen Philosophie. ich ihn gefaßt habe, in feinem erſten Argument den Beweis a priori, daß in unſerm Bewußtſeyn irgend etwas Beharrliches liegen müſſe, und im zweiten Argument weiſt er daſſelbe a posteriori nach. Im Ganzen genommen, ſcheint hier das Wahre, welches, wie in der Regel jedem Irrthum, ſo auch dem der rationalen Pſychologie zum Grunde liegt, hier ſeine Wurzel zu haben. Dies Wahre iſt, daß ſelbſt in unſerm empiriſchen Bewußtſeyn aller⸗ dings ein ewiger Punkt nachgewieſen werden kann, aber auch nur ein Punkt, und auch gerade nur nachgewieſen, ohne daß man Stoff zu fernerer Beweisführung daraus erhielte. Ich weiſe hier auf meine eigene Lehre zurück, nach welcher das erkennende Subjekt Das iſt, was Alles erkennt, aber nicht erkannt wird: dennoch er⸗ faſſen wir es als den feſten Punkt, an welchem die Zeit mit allen Vorſtellungen vorüberläuft, indem ihr Lauf ſelbſt allerdings nur im Gegenſatz zu einem Bleibenden erkannt werden kann. Ich habe dieſes den Berührungspunkt des Objekts mit dem Subjekt genannt. Das Subjekt des Erkennens iſt bei mir, wie der Leib, als deſſen Gehirn⸗Funktion es ſich objektiv darſtellt, Erſcheinung des Willens, der, als das alleinige Ding an ſich, hier das Sub⸗ 20 ſtrat des Korrelats aller Erſcheinungen, d. i. des Subjekts der Erkenntniß, tft. — Wenden wir uns nunmehr zur rationalen Kosmologie; ſo finden wir an ihren Antinomien prägnante Ausdrücke der aus dem Satze vom Grunde entſpringenden Perplexität, die von jeher 25 zum Philoſophiren getrieben hat. Dieſe nun, auf einem etwas [98] andern Wege, deutlicher und unumwundener hervorzuheben, als dort geſchehn, iſt die Abſicht folgender Darſtellung, welche nicht, wie die Kantiſche, bloß dialektiſch, mit abſtrakten Begriffen 1 8 ſondern ſich unmittelbar an das anſchauende Bewußtſeyn wendet. ö Die Zeit kann keinen Anfang haben, und keine Urſache kann die erſte ſeyn. Beides iſt a priori gewiß, alſo unbeſtreitbar: denn aller Anfang iſt in der Zeit, ſetzt ſie alſo voraus; und jede Urſache muß eine frühere hinter ſich haben, deren Wirkung ſie iſt. Wie hätte alſo jemals ein erſter Anfang der Welt und der Dinge eintreten können? (Danach erſcheint denn freilich der erſte Vers des Pentateuchs als eine petitio principii und zwar im aller⸗ eigentlichften Sinne des Worts.) Aber nun andererſeits: wenn u 1 8 I A o 3 3 2 109
Noch einige Erläuterungen ein erſter Anfang nicht geweſen wäre; fo könnte die jetzige reale Gegenwart nicht erſt jetzt ſeyn, ſondern wäre ſchon längſt ge⸗ weſen: denn zwiſchen ihr und dem erſten Anfange müſſen wir irgend einen, jedoch beſtimmten und begränzten Zeitraum an⸗ nehmen, der nun aber, wenn wir den Anfang leugnen, d. h. ihn ins Unendliche hinaufrücken, mit hinaufrückt. Aber ſogar auch wenn wir einen erſten Anfang ſetzen; ſo iſt uns damit im Grunde doch nicht geholfen: denn, haben wir auch dadurch die Kauſalkette beliebig abgeſchnitten; ſo wird alsbald die bloße Zeit ſich uns beſchwerlich erweiſen. Nämlich die immer erneuerte Frage „warum jener erſte Anfang nicht ſchon früher eingetreten?“ wird ihn ſchrittweiſe, in der anfangsloſen Zeit, immer weiter hinauf⸗ — 0 ſchieben, wodurch dann die Kette der zwiſchen ihm und uns liegenden Urſachen dermaaßen in die Höhe gezogen wird, daß ſie nimmer lang genug werden kann, um bis zur jetzigen Gegenwart herab zu reichen, wonach es alsdann zu dieſer immer noch nicht ge— kommen ſeyn würde. Dem widerſtreitet nun aber, daß ſie doch jetzt ein Mal wirklich daiſt und ſogar unſer einziges Datum zu der Rechnung ausmacht. Die Berechtigung nun aber zur obigen, ſo unbequemen Frage entſteht daraus, daß der erſte Anfang, eben als ſolcher, keine ihm vorhergängige Urſache vorausſetzt und gerade darum eben ſo gut hätte Trillionen Jahre früher eintreten können. Bedurfte er nämlich keiner Urſache zum Eintreten, ſo hatte er auch auf keine zu warten, mußte demnach ſchon unendlich früher ein⸗ getreten ſeyn, weil nichts dawar, ihn zu hemmen. Denn, dem erſten Anfange darf, wie nichts als ſeine Urſache, ſo auch nichts als ſein Hinderniß vorhergehn: er hat alſo ſchlechterdings auf nichts zu warten und kommt nie früh genug. Daher alſo iſt, in welchen Zeitpunkt man ihn auch ſetzen mag, nie einzuſehn, warum er nicht ſchon ſollte viel früher dageweſen ſeyn. Dies alſo ſchiebt ihn immer weiter hinauf: weil nun aber doch die Zeit ſelbſt durchaus keinen Anfang haben kann; ſo iſt allemal bis zum gegen⸗ wärtigen Augenblick eine unendliche Zeit, eine Ewigkeit, abgelaufen: daher iſt dann auch das Hinaufſchieben des Weltanfangs ein end⸗ loſes, ſo daß von ihm bis zu uns jede Kauſalkette zu kurz aus⸗ fällt, in Folge wovon wir dann von demſelben nie bis zur Gegen⸗ wart herabgelangen. Dies kommt daher, daß uns ein gegebener und feſter Anknüpfungspunkt (point d’attache) fehlt, daher wir 110 — 5 v 0 [99] I I 2 Der © A oO 30 zur Kantischen Philosophie. einen ſolchen beliebig irgendwo annehmen, derſelbe aber ſtets vor unſern Händen zurückweicht, die Unendlichkeit hinauf. — So fällt es alſo aus, wenn wir einen erſten Anfang ſetzen und davon ausgehn: wir gelangen nie von ihm zur Gegenwart herab. Gehn wir hingegen umgekehrt von der doch wirklich gegebenen Gegenwart aus: dann gelangen wir, wie ſchon gemeldet, nie zum erſten Anfang hinauf; da jede Urſache, zu der wir hinauf ſchreiten, immer Wirkung einer frühern geweſen ſeyn muß, welche dann ſich wieder im ſelben Fall befindet, und dies durchaus kein Ende erreichen kann. Jetzt wird uns alſo die Welt anfangslos, wie die unendliche Zeit ſelbſt; wobei unſere Einbildungskraft er⸗ müdet und unſer Verſtand keine Befriedigung erhält. Dieſe beiden entgegengeſetzten Anſichten ſind demnach einem Stocke zu vergleichen, deſſen eines Ende, und zwar welches man will, man bequem faſſen kann, wobei jedoch das andere ſich immer ins Unendliche verlängert. Das Weſentliche der Sache aber läßt ſich in dem Satze reſumiren, daß die Zeit, als ſchlechthin un⸗ endlich, immer viel zu groß ausfällt für eine in ihr als endlich angenommene Welt. Im Grunde aber beſtätigt ſich hiebei doch wieder die Wahrheit der „Antitheſe“ in der Kantiſchen Antinomie; weil ſich, wenn wir von dem allein Gewiſſen und wirklich Ge⸗ gebenen, der realen Gegenwart, ausgehn, die Anfangsloſigkeit er⸗ [200] giebt; hingegen der erſte Anfang bloß eine beliebige Annahme iſt, die ſich aber auch als ſolche nicht mit dem beſagten allein Gewiſſen 25 und Wirklichen, der Gegenwart, vereinbaren läßt. — Wir haben übrigens dieſe Betrachtungen als ſolche anzuſehn, welche die Un⸗ gereimtheiten aufdecken, die aus der Annahme der abſoluten Realität der Zeit hervorgehn; folglich als Beſtätigungen der Grund⸗ lehre Kants. “ Die Frage, ob die Welt dem Raume nach begränzt, oder unbegränzt ſei, iſt nicht ſchlechthin transſcendent; vielmehr an ſich ſelbſt empiriſch; da die Sache immer noch im Bereich möglicher Erfahrung liegt, welche wirklich zu machen nur durch unſere eigene phyſiſche Beſchaffenheit uns benommen bleibt. A priori giebt es 35 hier kein demonſtrabel ſicheres Argument, weder für die eine, noch die andere Alternative; ſo daß die Sache wirklich einer Anti⸗ nomie ſehr ähnlich ſieht, ſofern, bei der einen, wie der andern Annahme, bedeutende Uebelſtände ſich hervorthun. Nämlich eine 111
Noch einige Erläuterungen begränzte Welt im unendlichen Raume ſchwindet, ſei fie auch noch ſo groß, zu einer unendlich kleinen Größe, und man frägt, wozu denn der übrige Raum daſei? Andererſeits wieder kann man nicht faſſen, daß kein Firftern der äußerſte im Raume ſeyn ſollte. — Beiläufig geſagt, würden die Planeten eines ſolchen nur während der einen Hälfte ihres Jahres Nachts einen geſtirnten Himmel haben, während der andern aber einen ungeſtirnten, — der auf die Bewohner einen ſehr unheimlichen Eindruck machen müßte. Dem⸗ nach läßt jene Frage ſich auch fo ausdrücken: giebt es einen Firſtern, deſſen Planeten in dieſem Prädikamente ſtehn oder nicht? Hier zeigt ſie ſich als offenbar empiriſch. Ich habe in meiner Kritik der Kantiſchen Philoſophie die ganze Annahme der Antinomien als falſch und illuſoriſch nach⸗ gewieſen. Auch wird, bei gehöriger Ueberlegung, Jeder es zum Voraus als unmöglich erkennen, daß Begriffe, die richtig aus den Erſcheinungen und den a priori gewiſſen Geſetzen derſelben abgezogen, ſodann aber, denen der Logik gemäß, zu Urtheilen und Schlüſſen verknüpft ſind, auf Widerſprüche führen ſollten. Denn alsdann müßten in der anſchaulich gegebenen Erſcheinung ſelbſt, oder in dem geſetzmäßigen Zuſammenhang ihrer Glieder, Wider⸗ ſprüche liegen; welches eine unmögliche Annahme iſt. Denn das Anſchauliche als ſolches kennt gar keinen Widerſpruch: dieſer hat, in Beziehung auf daſſelbe, keinen Sinn, noch Bedeutung. Denn er exiſtirt bloß in der abſtrakten Erkenntniß der Reflexion: man. kann wohl, offen oder verſteckt, etwas zugleich ſetzen und nicht ſetzen, d. h. ſich widerſprechen: aber es kann nicht etwas Wirk liches zugleich ſeyn und nicht ſeyn. Das Gegentheil des Obigen hat freilich Zeno Eleatikus, mit ſeinen bekannten Sophismen, und — 0 [701] auch Kant, mit ſeinen Antinomien, darthun wollen. Daher alſo verweiſe ich auf meine Kritik der Letzteren. Kants. Verdienſt um die ſpekulative Theologie iſt ſchon oben im allgemeinen berührt worden. Um daſſelbe noch mehr hervorzuheben, will ich jetzt, in größter Kürze, das Weſentliche der Sache auf meine Weiſe recht faßlich zu machen ſuchen. 0 In der Chriſtlichen Religion iſt das Daſeyn Gottes eine ausgemachte Sache und über alle Unterſuchung erhaben. So iſt es Recht: denn dahin gehört es und iſt daſelbſt durch Offenbarung 112 30 35 zur Kantischen Philosophie. begründet. Ich halte es daher für einen Mißgriff der Ratio⸗ naliſten, wenn ſie, in ihren Dogmatiken, das Daſeyn Gottes anders, als aus der Schrift, zu beweiſen verſuchen: ſie wiſſen, in ihrer Unſchuld, nicht, wie gefährlich dieſe Kurzweil iſt. Die Philoſophie hingegen iſt eine Wiſſenſchaft und hat als ſolche keine Glaubensartikel: demzufolge darf in ihr nichts als daſeyend an⸗ genommen werden, als was entweder empiriſch geradezu gegeben, oder aber durch unzweifelhafte Schlüſſe nachgewieſen iſt. Dieſe glaubte man nun freilich längſt zu beſitzen, als Kant die Welt hierüber enttäuſchte und ſogar die Unmöglichkeit ſolcher Beweiſe ſo ſicher darthat, daß ſeitdem kein Philoſoph in Deutſchland wieder verſucht hat, dergleichen aufzuſtellen. Hiezu aber war er durchaus befugt; ja, er that etwas höchſt Verdienſtliches: denn ein theoretiſches Dogma, welches mitunter ſich herausnimmt, Jeden, der es nicht gelten läßt, zum Schurken zu ſtämpeln, ver⸗ diente doch wohl, daß man ihm ein Mal ernſtlich auf den Zahn fühlte. Mit jenen angeblichen Beweiſen verhält es ſich nun folgender⸗ maaßen. Da ein Mal die Wirklichkeit des Daſeyns Gottes nicht, durch empiriſche Ueberführung, gezeigt werden kann; ſo wäre der nächſte Schritt eigentlich geweſen, die Möglichkeit deſſelben auszumachen, wobei man ſchon Schwierigkeiten genug würde angetroffen haben. Statt Deſſen aber unternahm man, [102] ſogar die Nothwendigkeit deſſelben zu beweiſen, alſo Gott als 25 nothwendiges Weſen darzuthun. Nun iſt Nothwendigkeit, wie ich oft genug nachgewieſen habe, überall nichts Anderes, als Abhängigkeit einer Folge von ihrem Grunde, alſo das Eintreten oder Setzen der Folge, weil der Grund gegeben iſt. Hiezu hatte man demnach unter den vier von mir nachgewieſenen Geſtalten 30 des Satzes vom Grunde die Wahl, und fand nur die zwei erſten brauchbar. Demgemäß entſtanden zwei theologiſche Beweiſe, der kosmologiſche und der ontologiſche, der eine nach dem Satz vom Grunde des Werdens (Urſache), der andere nach dem vom Grunde des Erkennens. Der erſte will, nach dem Geſetze der Kauſalität, 35 jene Nothwendigkeit als eine phyſiſche darthun, indem er die Welt als eine Wirkung auffaßt, die eine Urſache haben müſſe. Dieſem kosmologiſchen Beweiſe wird ſodann als Beiſtand und Unterſtützung der phyſikotheologiſche beigegeben. Das kosmo⸗ ex I oO 1 A 2 8 113
Noch einige Erläuterungen logiſche Argument wird am ſtärkſten in der Wolfiſchen Faſſung deſſelben, folglich ſo ausgedrückt: „Wenn irgend etwas exiſtirt; ſo exiſtirt auch ein ſchlechthin nothwendiges Weſen“, — zu verſtehn, entweder das Gegebene ſelbſt, oder die erſte der Urſachen, durch welche daſſelbe zum Daſeyn gelangt iſt. Letzteres wird dann an⸗ genommen. Dieſer Beweis giebt zunächſt die Blöße, ein Schluß von der Folge auf den Grund zu ſeyn, welcher Schlußweiſe ſchon die Logik alle Anſprüche auf Gewißheit abſpricht. Sodann igno⸗ rirt er, daß wir, wie ich oft gezeigt habe, etwas als nothwendig nur denken können, inſofern es Folge, nicht inſofern es Grund eines gegebenen Andern iſt. Ferner beweiſt das Geſetz der Kau⸗ ſalität, in dieſer Weiſe angewandt, zu viel: denn wenn es uns hat von der Welt auf ihre Urſache leiten müſſen, ſo erlaubt es uns auch nicht, bei dieſer ſtehn zu bleiben, ſondern führt uns weiter zu deren Urſache, und ſo immerfort, unbarmherzig weiter, in infinitum. Dies bringt fein Weſen fo mit ſich. Uns ergeht es dabei, wie dem Goethe'ſchen Zauberlehrling, deſſen Geſchöpf zwar auf Befehl anfängt, aber nicht wieder aufhört. Hiezu kommt noch, daß die Kraft und Gültigkeit des Geſetzes der Kauſalität ſich allein auf die Form der Dinge, nicht auf ihre Materie erſtreckt. Es iſt der Leitfaden des Wechſels der Formen, weiter nichts: die Materie bleibt von allem Entſtehn und Vergehn derſelben un⸗ berührt; welches wir vor aller Erfahrung einſehn und daher gewiß wiſſen. Endlich unterliegt der kosmologiſche Beweis dem trans⸗ ſcendentalen Argument, daß das Geſetz der Kauſalität nachweisbar ſubjektiven Urſprungs, daher bloß auf Erſcheinungen für unſern Intellekt, nicht auf das Weſen der Dinge an ſich ſelbſt an⸗ wendbar ift.H) — Subſidiariſch wird, wie geſagt, dem kosmo⸗ +) Die Dinge ganz realiſtiſch und objektiv genommen, iſt ſonnenklar, daß die Welt ſich ſelbſt erhält: die organiſchen Weſen beſtehn und propagiren ſich kraft ihrer inneren ſelbſteigenen Lebenskraft; die unorganiſchen Körper tragen die Kräfte in ſich, von denen Phyſik und Chemie bloß die Beſchreibung ſind, und die Planeten gehn ihren Gang aus innern Kräften vermöge ihrer Trägheit und Gravitation. Zu ihrem Beſtande alſo braucht die Welt Nie⸗ manden außer ſich. Denn derſelbe iſt Wiſchnu. Nun aber zu ſagen, daß ein Mal, in der Zeit, dieſe Welt, mit allen ihr inwohnenden Kräften, gar nicht geweſen, ſondern von einer fremden und außer ihr liegenden Kraft aus dem Nichts hervorgebracht ſei, — iſt ein ganz 114 — 0 5 0 0 [703] 8 5 0 2 35 zur Kantischen Philosophie. logiſchen Beweiſe der phyfifotheologifche beigegeben, welcher der von jenem eingeführten Annahme zugleich Beleg, Beſtätigung, Plauſibilität, Farbe und Geſtalt ertheilen will. Allein er kann immer nur unter Vorausſetzung jenes erſten Beweiſes, deſſen Er⸗ läuterung und Amplifikation er iſt, auftreten. Sein Verfahren beſteht dann darin, daß er jene vorausgeſetzte erſte Urſache der Welt zu einem erkennenden und wollenden Weſen ſteigert, indem er, durch Induktion aus den vielen Folgen, die ſich durch einen ſolchen Grund erklären ließen, dieſen feſtzuſtellen ſucht. Induktion kann aber höchſtens große Wahrſcheinlichkeit, nie Gewißheit geben: überdies iſt, wie geſagt, der ganze Beweis ein durch den erſten bedingter. Wenn man aber näher und ernſtlich auf dieſe fo bez liebte Phyſikotheologie eingeht und nun gar ſie im Lichte meiner Philoſophie prüft; fo ergiebt fie ſich als die Ausführung einer falſchen Grundanſicht der Natur, welche die unmittelbare Er⸗ ſcheinung, oder Objektivation, des Willens zu einer bloß mittel⸗ baren herabſetzt, alſo ſtatt in den Naturweſen das urſprüngliche, urkräftige, erkenntnißloſe und eben deshalb unfehlbar ſichere Wirken des Willens zu erkennen, es auslegt als ein bloß ſekundäres, erſt am Lichte der Erkenntniß und am Leitfaden der Motive vor ſich gegangenes; und ſonach das von innen aus Getriebene auffaßt als von außen gezimmert, gemodelt und geſchnitzt. Denn, wenn der Wille, als das Ding an ſich, welches durchaus nicht Vorſtellung iſt, im Akte ſeiner Objektivation, aus ſeiner Urſprünglichkeit in 25 die Vorſtellung tritt, und man nun an das in ihr ſich Darſtellende mit der Vorausſetzung geht, es ſei ein in der Welt der Vorſtellung ſelbſt, alſo in Folge der Erkenntniß, zu Stande Gebrachtes; dann freilich ſtellt es ſich dar als ein nur mittelſt überſchwänglich vollkommener Erkenntniß, die alle Objekte und ihre Verkettungen 2 — © I A 2 S © 3 müßiger, durch nichts zu belegender Einfall; um ſo mehr, als alle ihre Kräfte an die Materie gebunden ſind, deren Entſtehn, oder Vergehn, wir nicht ein Mal zu denken vermögen. Dieſe Auffaſſung der Welt reicht hin zum Spinozismus. Daß Men⸗ ſchen in ihrer Herzensnoth ſich überall Weſen erdacht haben, welche die Natur⸗ kräfte und ihren Verlauf beherrſchen, um ſolche anrufen zu können, — iſt ſehr natürlich. Griechen und Römer ließen es jedoch beim Herrſchen, eines jeden in ſeinem Bereich, bewenden; und es fiel ihnen nicht ein, zu ſagen, einer von jenen habe die Welt und die Naturktäfte gemacht. A 3 115
Moch einige Erläuterungen auf ein Mal überblickt, Mögliches, d. i. als ein Werk der höchſten Weisheit. Hierüber verweiſe ich auf meine Abhandlung vom Willen in [104] der Natur, beſonders S. S. 43—62 derſelben [S. 35—54 der 2. Aufl.], unter der Rubrik „vergleichende Anatomie“, und auf mein Hauptwerk Bd. 2, Kap. 26 am Anfang. Der zweite theologiſche Beweis, der ontologiſche, nimmt, wie geſagt, nicht das Geſetz der Kauſalität, ſondern den Satz vom Grunde des Erkennens zum Leitfaden; wodurch denn die Nothwendigkeit des Daſeyns Gottes hier eine logiſche iſt. Näm⸗ lich durch bloß analytiſches Urtheilen, aus dem Begriffe Gott, ſoll ſich hier ſein Daſeyn ergeben; ſo daß man dieſen Begriff nicht zum Subjekt eines Satzes machen könne, darin ihm das Daſeyn abgeſprochen würde; weil nämlich Dies dem Subjekt des Satzes widerſprechen würde. Dies iſt logiſch richtig, iſt aber auch ſehr natürlich und ein leicht zu durchſchauender Taſchen⸗ ſpielerſtreich. Nachdem man nämlich mittelſt der Handhabe des Begriffs „Vollkommenheit“, oder auch „Realität“, den man als terminus medius gebraucht, das Prädikat des Daſeyns in das Subjekt hineingelegt hat, kann es nicht fehlen, daß man es nach⸗ her daſelbſt wieder vorfindet und nun es durch ein analytiſches Urtheil exponirt. Aber die Berechtigung zur Aufſtellung des ganzen Begriffs iſt damit keineswegs nachgewieſen: vielmehr war er ent⸗ weder ganz willkürlich erſonnen, oder aber durch den kosmologiſchen Beweis eingeführt, bei welchem Alles auf phyſiſche Nothwendigkeit zurückläuft. Chr. Wolf ſcheint Dies wohl eingeſehn zu haben; da er in ſeiner Metaphyſik vom kosmologiſchen Argument allein Gebrauch macht und Dies ausdrücklich bemerkt. Den ontologiſchen Beweis findet man in der 2. Auflage meiner Abhandlung über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde $ 7 genau unterſucht und gewürdigt; dahin ich alſo hier verweiſe. Allerdings ſtützen beide theologiſche Beweiſe ſich gegenſeitig, können aber darum doch nicht ſtehn. Der kosmologiſche hat den Vorzug, daß er Rechenſchaft giebt, wie er zum Begriff eines Gottes gekommen iſt, und nun durch ſeinen Adjunkt, den phyſiko⸗ theologiſchen Beweis, denſelben plauſibel macht. Der ontologiſche hingegen kann gar nicht nachweiſen, wie er zu ſeinem Begriff vom allerrealſten Weſen gekommen ſei, giebt alſo entweder vor, derſelbe ſei angeboren, oder er borgt ihn vom kosmologiſchen 116 — — 0 w 0 5 0 Ss I D I A 2 D 2 A oO 3 35 zur Kantischen Philosophie. Beweis und fucht ihn dann aufrecht zu halten durch erhaben klingende Sätze vom Weſen, das nicht anders als ſeiend gedacht werden könne, deſſen Daſeyn ſchon in feinem Begriffe läge u. ſ. w. Inzwiſchen werden wir der Erfindung des ontologiſchen Beweiſes den Ruhm des Scharfſinns und der Subtilität nicht verſagen, wenn wir Folgendes erwägen. Um eine gegebene Exiſtenz zu erklären, weiſen wir ihre Urſache nach, in Beziehung auf welche ſie dann als eine nothwendige ſich darſtellt; welches als Erklärung gilt. Allein dieſer Weg führt, wie genugſam gezeigt, auf einen regressus in infinitum, kann daher nie bei einem Letzten, das einen fundamentalen Erklärungsgrund abgäbe, anlangen. Anders nun würde es ſich verhalten, wenn wirklich die Ex iſtenz irgend eines Weſens aus ſeiner Eſſenz, alſo ſeinem bloßen Begriff, oder ſeiner Definition, ſich folgern ließe. Dann nämlich würde es als ein nothwendiges (welches, hier, wie überall, nur beſagt „ein aus ſeinem Grunde Folgendes“) erkannt werden, ohne dabei an etwas Anderes, als an ſeinen eigenen Begriff gebunden zu ſeyn, mithin, ohne daß ſeine Nothwendigkeit eine bloß vorüber⸗ gehende und momentane, nämlich eine ſelbſt wieder bedingte und danach auf endloſe Reihen führende wäre, wie es die kauſale Nothwendigkeit allemal iſt. Vielmehr würde alsdann der bloße Erkenntnißgrund ſich in einen Realgrund, alfo eine Urſache, ver⸗ wandelt haben und ſo ſich vortrefflich eignen, nunmehr den letzten und dadurch feſten Anknüpfungspunkt für alle Kauſalreihen ab⸗ zugeben: man hätte alſo dann, was man ſucht. Daß aber das Alles illuſoriſch iſt haben wir oben geſehn, und es iſt wirklich, als habe ſchon Ariſtoteles einer ſolchen Sophiſtikation vorbeugen wollen, als er ſagte: do de swat oux oucıa oudeve ad nullius rei essentiam pertinet existentia (Analyt. post. II, 7). Un⸗ bekümmert hierum ſtellte, nachdem Anſelmus von Canterbury zu einem dergleichen Gedankengange die Bahn gebrochen hatte, nach⸗ mals Carteſius den Begriff Gottes als einen ſolchen, der das Geforderte leiſtete, auf, Spinoza aber den der Welt, als der allein exiſtirenden Subſtanz, welche danach causa sui wäre, i. e. quae per se est et per se concipitur, quamobrem nulla alia re eget ad existendum: dieſer ſo etablirten Welt ertheilt er ſo⸗ dann, honoris causa, den Titel Deus, — um alle Leute zufrieden zu ſtellen. Es iſt aber eben noch immer der ſelbe tour de passe117
Noch einige Erläuterungen passe, der das logiſch Nothwendige für ein real Nothwendiges uns in die Hände ſpielen will, und der, nebſt andern ähnlichen Täuſchungen, endlich Anlaß gab, zu Locke's großer Unterſuchung des Urſprunges der Begriffe, mit welcher nunmehr der Grund [106] zur kritiſchen Philoſophie gelegt war. Eine ſpeciellere Darſtellung 5 des Verfahrens jener beiden Dogmatiker enthält meine Abhand⸗ lung über den Satz vom Grunde, in der 2. Auflage, $$ 7 und 8. Nachdem nun Kant, durch ſeine Kritik der ſpekulativen Theologie, dieſer den Todesſtoß gegeben hatte, mußte er den Eindruck hievon zu mildern ſuchen, alſo ein Beſänftigungsmittel, als Anodynon, darauf legen; analog dem Verfahren Hume's, der, im letzten ſeiner ſo leſenswerthen, wie unerbittlichen Dialogues on natural religion, uns eröffnet, das Alles wäre nur Spaaß geweſen, ein bloßes exercitium logicum. Dem alſo entſprechend gab Kant, als Surrogat der Beweiſe des Daſeyns Gottes, ſein Poſtulat der praktiſchen Vernunft und die daraus entſtehende Moraltheologie, welche, ohne allen Anſpruch auf objektive Gültigkeit für das Wiſſen, oder die theoretiſche Vernunft, volle Gültigkeit in Beziehung auf das Handeln, oder für die praktiſche Vernunft, haben ſollte, wodurch denn ein Glauben ohne Wiſſen begründet wurde, — damit die Leute doch nur etwas in die Hand kriegten. Seine Darſtellung, wenn wohl verſtanden, beſagt nichts Anderes, als daß die Annahme eines nach dem Tode vergeltenden, gerechten Gottes ein brauchbares und ausreichendes regulatives Schema ſei, zum Behuf der Auslegung der ge- 25 fühlten, ernſten, ethiſchen Bedeutſamkeit unſers Handelns, wie auch der Leitung dieſes Handelns ſelbſt; alſo gewiſſermaaßen eine Allegorie der Wahrheit, ſo daß, in dieſer Hinſicht, auf welche allein es doch zuletzt ankommt, jene Annahme die Stelle der Wahrheit vertreten könne, wenn ſie auch theoretiſch, oder objektiv, nicht zu rechtfertigen ſei. — Ein analoges Schema, von gleicher Tendenz, aber viel größerm Wahrheitsgehalt, ſtärkerer Plauſibilität und demnach unmittelbarerem Werth, iſt das Dogma des Brah⸗ manismus, von der vergeltenden Metempſychoſe, wonach wir in der Geſtalt eines jeden von uns verletzten Weſens einſt müſſen wieder⸗ geboren werden, um alsdann die ſelbe Verletzung zu erleiden. — Im angegebenen Sinne alſo hat man Kants Moraltheologie zu nehmen, indem man dabei berückſichtigt, daß er ſelbſt nicht ſo un⸗ — 0 — 5 IS} 0 0 w Dee 5 113 zur Kantischen Philosophie. umwunden, wie hier geſchieht, über das eigentliche Sachverhältniß ſich ausdrücken durfte, ſondern, indem er das Monſtrum einer [107] theoretiſchen Lehre von bloß praktiſcher Gültigkeit aufſtellte, bei den Klügeren auf das granum salis gerechnet hat. Die theo⸗ 5 logiſchen und philoſophiſchen Schriftſteller dieſer letzteren, der Kantiſchen Philoſophie entfremdeten Zeit haben daher meiſtens geſucht, der Sache das Anſehn zu geben, als ſei Kants Moral⸗ theologie ein wirklicher dogmatiſcher Theismus, ein neuer Beweis des Daſeyns Gottes. Das iſt ſie aber durchaus nicht; ſondern 10 ſie gilt ganz allein innerhalb der Moral, bloß zum Behuf der Moral, und kein Strohbreit weiter. Auch ließen nicht ein Mal die Philoſophieprofeſſoren ſich lange daran genügen; obwohl ſie durch Kants Kritik der ſpeku⸗ lativen Theologie in bedeutende Verlegenheit geſetzt waren. Denn 15 von Alters her hatten fie ihren ſpeciellen Beruf darin erkannt, das Daſeyn und die Eigenſchaften Gottes darzulegen und ihn zum Hauptgegenſtand ihres Philoſophirens zu machen; daher, wenn die Schrift lehrt, daß Gott die Raben auf dem Felde ernährt, ich hinzuſetzen muß: und die Philoſophieprofeſſoren auf ihren Kathedern. 20 Ja, ſogar noch heutigen Tages verſichern ſie ganz dreiſt, das Abſolutum (bekanntlich der neumodiſche Titel für den lieben Gott) und deſſen Verhältniß zur Welt ſei das eigentliche Thema der Philoſophie, und dieſes näher zu beſtimmen, auszumalen und durchzuphantaſiren ſind ſie nach wie vor beſchäftigt. Denn aller⸗ 25 dings möchten die Regierungen, welche für ein dergleichen Philos ſophiren Geld hergeben, aus den philoſophiſchen Hörſälen auch gute Chriſten und fleißige Kirchengänger hervorgehn ſehn. Wie mußte alſo den Herren von der lukrativen Philoſophie zu Muthe werden, als, durch den Beweis, daß alle Beweiſe der ſpekulativen 30 Theologie unhaltbar und daß alle, ihr auserwähltes Thema be⸗ treffenden Erkenntniſſe unſerm Intellekt ſchlechterdings unzugänglich ſeien, Kant ihnen das Koncept ſo ſehr weit verrückt hatte? Sie hatten ſich anfänglich durch ihr bekanntes Hausmittel, das Igno⸗ riren, dann aber durch Beſtreiten zu helfen geſucht: aber das 35 hielt auf die Länge nicht Stich. Da haben fie denn ſich auf die Be⸗ hauptung geworfen, das Daſeyn Gottes ſei zwar keines Beweiſes fähig, bedürfe aber auch deſſelben nicht: denn es verſtände ſich von ſelbſt, wäre die ausgemachteſte Sache von der Welt, wir 9 Schopenhauer, Werke V 119
Noch einige Erläuterungen könnten es gar nicht bezweifeln, wir hätten ein „Gottesbewußt⸗ ſeyn “t) unſere Vernunft wäre das Organ für unmittelbare Er⸗ kenntniſſe von überweltlichen Dingen, die Belehrung über dieſe würde unmittelbar von ihr vernommen, und darum eben heiße fie Vernunft! (Ich bitte freundlichſt, hier meine Abhandlung 5 über den Satz vom Grunde in der 2. Aufl. $ 34, desgleichen meine Grundprobleme der Ethik S. 148 — 154 [2. Aufl. S. 146-151), endlich auch meine Kritik der Kantiſchen Philoſophie, S. 574 — 575 [3. Aufl. S. 618 — 619] nachzuſehn.) Nach Andern lieferte [ros] ſie jedoch bloße Ahndungen; hingegen wieder Andere hatten 10 gar intellektuale Anſchauungen! Abermals Andere erfanden das abſolute Denken, d. i. ein ſolches, bei welchem der Menſch ſich nicht nach den Dingen umzuſehn braucht, ſondern, in göttlicher Allwiſſenheit, beſtimmt, wie ſie ein für alle Mal ſeien. Dies iſt unſtreitig die bequemſte unter allen jenen Erfindungen. Sämmtlich 1 aber griffen ſie zum Wort „Abſolutum“, welches eben nichts An⸗ deres iſt, als der kosmologiſche Beweis in nuce, oder vielmehr in einer ſo ſtarken Zuſammenziehung, daß er, mikroſkopiſch ge⸗ worden, ſich den Augen entzieht, ſo unerkannt durchſchlüpft und nun für etwas ſich von ſelbſt Verſtehendes ausgegeben wird: denn 20 in ſeiner wahren Geſtalt darf er, ſeit dem Kantiſchen examen rigorosum, ſich nicht mehr blicken laſſen; wie ich dies in der 2. Aufl. meiner Abhandlung über den Satz vom Grunde S. 36 ff. und auch in meiner Kritik der Kantiſchen Philoſophie, 2. Aufl. S. 544 [3. Aufl. S. 574] näher ausgeführt habe. Wer zuerſt, vor ungefähr 50 Jahren, den Pfiff gebraucht habe, unter dieſem alleinigen Wort Abſolutum den explodirten und proſkribirten kosmologiſchen Beweis incognito einzuſchwärzen, weiß ich nicht mehr anzugeben: aber der Pfiff war den Fähigkeiten des Publikums richtig angemeſſen: denn bis auf den heutigen Tag kurſirt Abſolutum als baare 8 5 0 10 Von der Geneſis dieſes Gottesbewußtſeyns haben wir kürzlich eine, in dieſer Hinſicht merkwürdige bildliche Darſtellung erhalten, nämlich einen Kupferſtich, der uns eine Mutter zeigt, die ihr dreijähriges, mit gefalteten Händen auf dem Bette knieendes Kind zum Beten abrichtet; — gewiß ein häufiger Vorgang, der eben die Geneſis des Gottesbewußtſeyns ausmacht; 35 denn es iſt nicht zu bezweifeln, daß nachdem, im zarteſten Alter, das im erſten Wachsthum begriffene Gehirn fo zugerichtet worden, ihm das Gottes⸗ bewußtſeyn ſo feſt eingewachſen iſt, als wäre es wirklich angeboren. 120 zur Kantischen Philosophie. Münze. Kurzum, es hat den Philoſophieprofeſſoren, trotz der Kritik der Vernunft und ihren Beweiſen, noch nie an authentiſchen Nachrichten vom Daſeyn Gottes und ſeinem Verhältniß zur Welt gefehlt, in deren ausführlicher Mittheilung, nach ihnen, das Philo⸗ ſophiren ganz eigentlich beſtehn ſoll. Allein, wie man ſagt, „kupfernes Geld kupferne Waare“, ſo iſt dieſer bei ihnen ſich von ſelbſt verſtehende Gott eben auch danach: er hat weder Hand, noch Fuß. Darum halten fie mit ihm fo hinterm Berge, oder viel⸗ mehr hinter einem ſchallenden Wortgebäude, daß man kaum einen Zipfel von ihm gewahr wird. Wenn man ſie nur zwingen könnte, ſich deutlich darüber zu erklären, was bei dem Worte Gott ſo eigentlich zu denken ſei; dann würden wir ſehn, ob er ſich von ſelbſt verſteht. Nicht ein Mal eine natura naturans (in die ihr Gott oft überzugehn droht) verſteht ſich von ſelbſt; da wir den Leukipp, Demokrit, Epikur und Lukrez ohne eine ſolche die Welt aufbauen ſehn: dieſe Männer aber waren, bei allen ihren Irrthümern, 2 1 © I A [109] immer noch mehr werth, als eine Legion Wetterfahnen, deren Erwerbs⸗Philoſophie ſich nach dem Winde dreht. Eine natura naturans wäre aber noch lange kein Gott. Im Begriffe derſelben iſt vielmehr bloß die Einſicht enthalten, daß hinter den ſo ſehr vergänglichen und raſtlos wechſelnden Erſcheinungen der natura naturata eine unvergängliche und unermüdliche Kraft verborgen liegen müſſe, vermöge deren jene ſich ſtets erneuerten, indem vom Untergange derſelben ſie ſelbſt nicht mitgetroffen würde. Wie die 25 natura naturata der Gegenſtand der Phyſik iſt, ſo die natura naturans der der Metaphyſik. Dieſe wird zuletzt uns darauf führen, daß auch wir ſelbſt zur Natur gehören, und folglich ſo⸗ wohl von natura naturata als von natura naturans nicht nur das nächſte und deutlichſte, ſondern ſogar das einzige uns auch 30 von innen zugängliche Specimen an uns ſelbſt beſitzen. Da ſodann die ernſte und genaue Reflexion auf uns ſelbſt uns als den Kern unſers Weſens den Willen erkennen läßt; ſo haben wir daran eine unmittelbare Offenbarung der natura naturans, die wir danach auf alle übrigen, uns nur einſeitig bekannten 35 Weſen zu übertragen befugt find. So gelangen wir dann zu der großen Wahrheit, daß die natura naturans, oder das Ding an ſich, der Wille in unſerm Herzen; die natura naturata aber, oder die Erſcheinung, die Vorſtellung in unſerm Kopfe iſt. Von 2 © * 121
Noch einige Erläuterungen dieſem Reſultate jedoch auch abgeſehn, ift fo viel offenbar, daß die bloße Unterſcheidung einer natura naturans und naturata noch lange kein Theismus, ja noch nicht ein Mal Pantheismus iſt; da zu dieſem (wenn er nicht bloße Redensart ſeyn ſoll) die Hinzufügung gewiſſer moraliſcher Eigenſchaften erfordert wäre, die der Welt offenbar nicht zukommen, z. B. Güte, Weisheit, Glück⸗ ſäligkeit u. ſ. w. Ueberdies iſt Pantheismus ein ſich ſelbſt auf⸗ hebender Begriff; weil der Begriff eines Gottes eine von ihm verſchiedene Welt, als weſentliches Korrelat deſſelben, vorausſetzt. Soll hingegen die Welt ſelbſt ſeine Rolle übernehmen; ſo bleibt eben eine abſolute Welt, ohne Gott; daher Pantheismus nur eine Euphemie für Atheismus iſt. Dieſer letztere Ausdruck aber ent⸗ hält ſeinerſeits eine Erſchleichung, indem er vorweg annimmt, der Theismus verſtehe ſich von ſelbſt, wodurch er das afkirmanti incumbit probatio ſchlau umgeht; während vielmehr der ſogenannte Atheismus das jus primi occupantis hat und erſt vom Theismus aus dem Felde geſchlagen werden muß. Ich erlaube mir hiezu die Bemerkung, daß die Menſchen unbeſchnitten, folglich nicht als Juden auf die Welt kommen. — Aber ſogar auch die Annahme irgend einer von der Welt verſchiedenen Urſache derſelben iſt noch kein Theismus. Dieſer verlangt nicht nur eine von der Welt verſchiedene, ſondern eine intelligente, d. h. erkennende und wollende, alſo perſönliche, mithin auch individuelle Welturſache: eine ſolche iſt es ganz allein, die das Wort Gott bezeichnet. Ein unperſön⸗ licher Gott iſt gar kein Gott, ſondern bloß ein mißbrauchtes Wort, ein Unbegriff, eine contradictio in adjecto, ein Schiboleth für Philoſophieprofeſſoren, welche, nachdem ſie die Sache haben auf⸗ geben müſſen, mit dem Worte durchzuſchleichen bemüht ſind. Andererſeits nun aber iſt die Perſönlichkeit, d. h. die ſelbſtbewußte Individualität, welche erſt erkennt und dann dem Erkannten gemäß will, ein Phänomen, welches uns ganz allein aus der, auf unſerm kleinen Planeten vorhandenen, animaliſchen Natur bekannt und mit dieſer ſo innig verknüpft iſt, daß es von ihr getrennt und unabhängig zu denken, wir nicht nur nicht befugt, ſondern auch nicht ein Mal fähig ſind. Ein Weſen ſolcher Art nun aber als den Urſprung der Natur ſelbſt, ja, alles Daſeyns überhaupt anzunehmen, iſt ein koloſſaler und überaus kühner Ge⸗ danke, über den wir erſtaunen würden, wenn wir ihn zum erſten 122 un br] 2 oO 2 2 D 3 A 3 40 zur Kantischen Philosophie. Male vernähmen und er nicht, durch die frühzeitigſte Einprägung und beftändige Wiederholung, ung geläufig, ja, zur zweiten Natur, faſt möchte ich ſagen, zur fixen Idee geworden wäre. Daher ſei es beiläufig erwähnt, daß nichts mir die Aechtheit des Kaspar Hauſer ſo ſehr beglaubigt hat, als die Angabe, daß die ihm vorgetragene, ſogenannte natürliche Theologie ihm nicht ſonderlich hat einleuchten wollen, wie man es doch erwartet hatte; wozu noch kommt, daß er (nach dem „Briefe des Grafen Stanhope an den Schullehrer Meyer“) eine ſonderbare Ehrfurcht vor der Sonne bezeugte. — Nun aber in der Philoſophie zu lehren, jener theologiſche Grundgedanke verſtände ſich von ſelbſt und die Vers nunft wäre eben nur die Fähigkeit, denſelben unmittelbar zu faſſen und als wahr zu erkennen, iſt ein unverſchämtes Vorgeben. Nicht nur darf in der Philoſophie ein ſolcher Gedanke nicht ohne den vollgültigſten Beweis angenommen werden, ſondern ſogar der Religion iſt er durchaus nicht weſentlich: Dies bezeugt die auf Erden am zahlreichſten vertretene Religion, der uralte, jetzt 370 Millionen Anhänger zählende, höchſt moraliſche, ja asketiſche, ſogar auch den zahlreichſten Klerus ernährende Buddhaismus, indem er einen ſolchen Gedanken durchaus nicht zuläßt, vielmehr ihn ausdrücklich perhorrescirt, und recht ex professo, nach unſerm Ausdruck, atheiſtiſch ift.*) ) „Der Zaradobura, Ober⸗Rahan (Oberprieſter) der Buddhaiſten in Ava zählt in einem Aufſatz über ſeine Religion, den er einem katholiſchen Biſchofe gab, zu den ſechs verdammlichen Ketzereien auch die Lehre, daß ein Weſen daſei, welches die Welt und alle Dinge in der Welt geſchaffen habe, und das allein würdig ſei angebetet zu werden; Francis Buchanan, on the religion of the Burmas, in the Asiatic Researches Vol. 6, p. 268. Auch verdient hier angeführt zu werden, was in der ſelben Sammlung, Bd. 15, S. 148, erwähnt wird, daß nämlich die Buddhaiſten vor keinem Götterbilde ihr Haupt beugen, als Grund angebend, daß das Urweſen die ganze Natur durchdringe, folglich auch in ihren Köpfen ſei. Desgleichen, daß der grund⸗ gelehrte Orientaliſt und Petersburger Akademiker J. J. Schmidt, in ſeinen „Forſchungen im Gebiete der älteren Bildungsgeſchichte Mittelaſiens“, Peters⸗ burg 1824, S. 180 ſagt: „Das Syſtem des Buddhaismus kennt kein ewiges, vunerſchaffenes, einiges göttliches Weſen, das vor allen Zeiten war und alles „Sichtbare und Unſichtbare erſchaffen hat. Dieſe Idee iſt ihm ganz fremd, „und man findet in den buddhaiſtiſchen Büchern nicht die geringſte Spur „davon. Eben fo wenig giebt es eine Schöpfung“ u. ſ. w. — Wo bleibt nun da das „Gottesbewußtſeyn“ der von Kant und der Wahrheit bedrängten 123
Noch einige Erläuterungen Dem Obigen zufolge ift der Anthropomorphismus eine dem Theismus durchaus weſentliche Eigenſchaft, und zwar beſteht der⸗ ſelbe nicht etwan bloß in der menſchlichen Geſtalt, ſelbſt nicht allein in den menſchlichen Affekten und Leidenſchaften; ſondern in dem Grundphänomen ſelbſt, nämlich in dem eines, zu ſeiner Leitung, mit einem Intellekt ausgerüſteten Willens, welches Phä⸗ nomen uns, wie geſagt, bloß aus der animaliſchen Natur, am vollkommenſten aus der menſchlichen, bekannt iſt und ſich allein als Individualität, die, wenn ſie eine vernünftige iſt, Perſönlich⸗ keit heißt, denken läßt. Dies beſtätigt auch der Ausdruck „fo wahr Gott lebt“: er iſt eben ein Lebendes, d. h. mit Erkenntniß Wollendes. Sogar gehört eben deshalb zu einem Gotte auch ein Himmel, darin er thront und regiert. Viel mehr dieſerhalb, als wegen der Redensart im Buche Joſua, wurde das Kopernikaniſche Weltſyſtem von der Kirche ſogleich mit Ingrimm empfangen, und wir finden, dem entſprechend, 100 Jahre ſpäter den Jordanus Brunus als Verfechter jenes Syſtems und des Pantheismus zus gleich. Die Verſuche, den Theismus vom Anthropomorphismus zu reinigen, greifen, indem ſie nur an der Schaale zu arbeiten wähnen, geradezu ſein innerſtes Weſen an: durch ihr Bemühen, [112] — 5 I 0 ſeinen Gegenſtand abſtrakt zu faſſen, ſublimiren ſie ihn zu einer undeutlichen Nebelgeſtalt, deren Umriß, unter dem Streben die menſchliche Figur zu vermeiden, allmälig ganz verfließt; wodurch denn der kindliche Grundgedanke ſelbſt endlich zu nichts verflüchtigt wird. Den rationaliſtiſchen Theologen aber, denen dergleichen Verſuche eigenthümlich ſind, kann man überdies vorwerfen, daß ſie geradezu mit der heiligen Urkunde in Widerſpruch treten, welche ſagt: „Gott ſchuf den Menſchen ihm zum Bilde: zum Bilde Philoſophieprofeſſoren? Wie iſt daſſelbe auch nur damit zu vereinigen, daß die Sprache der Chineſen, welche doch ungefähr / des ganzen Menſchen⸗ geſchlechts ausmachen, für Gott und Schaffen gar keine Ausdrücke hat? daher ſchon der erſte Vers des Pentateuchs ſich in dieſelbe nicht überſetzen läßt, zur großen Perplexität der Miſſionarien, welcher Sir George Staunton dutch ein eigenes Buch hat zur Hülfe kommen wollen; es heißt: an inquiry into the proper mode of. rendering the word God in translating the Sacred Scriptures into the Chinese language, Lond. 1848. (Unterſuchung über die paſſende Art, beim Ueberſetzen der heiligen Schrift ins Chineſiſche, das Wort Gott auszudrücken.) 124 25 0 w 35 | zur Kantischen Philosophie. Gottes ſchuf er ihn.“ Alſo, weg mit dem Philoſophieprofeſſoren⸗ Jargon! Es giebt keinen andern Gott, als Gott, und das Alte Teſtament iſt feine Offenbarung: beſonders im Buche Joſua. ) In einem gewiſſen Sinne könnte man allerdings, mit Kant, 5 ben Theismus ein praktiſches Poſtulat nennen, jedoch in einem ganz andern, als den er gemeint hat. Der Theismus nämlich iſt in der That kein Erzeugniß der Erkenntniß, ſondern des Willens. Wenn er urſprünglich theoretiſch wäre, wie könnten denn alle ſeine Beweiſe ſo unhaltbar ſeyn? Aus dem Willen 10 aber entſpringt er folgendermaßen. Die beſtändige Noth, welche das Herz (Willen) des Menſchen bald ſchwer beängſtigt, bald heftig bewegt und ihn fortwährend im Zuſtande des Fürchtens und Hoffens erhält, während die Dinge, von denen er hofft und fürchtet, nicht in ſeiner Gewalt ſtehn, ja, der Zuſammenhang der 15 Kauſalketten, an denen folche herbeigeführt werden, nur eine kurze Spanne weit von ſeiner Erkenntniß erreicht werden kann; — dieſe Noth, dies ſtete Fürchten und Hoffen, bringt ihn dahin, daß er die Hypoſtaſe perſönlicher Weſen macht, von denen Alles abhienge. Von ſolchen nun läßt ſich vorausſetzen, daß ſie, gleich andern [113] Perſonen, für Bitte und Schmeichelei, Dienſt und Gabe, em: pfänglich, alfo traktabler feyn werden, als die ſtarre Nothwendig⸗ keit, die unerbittlichen, gefühllofen Naturkräfte und die dunkeln Mächte des Weltlaufs. Sind nun Anfangs, wie es natürlich iſt und die Alten es ſehr zweckmäßig durchgeführt hatten, dieſer 25 Götter, nach Verſchiedenheit der Angelegenheiten, mehrere; ſo werden fie ſpäter, durch das Bedürfniß, Konſequenz, Ordnung und Einheit in die Erkenntniß zu bringen, Einem unterworfen oder gar auf Einen reducirt werden, — der nun freilich, wie mir Goethe ein Mal bemerkt hat, ſehr undramatiſch iſt; weil mit 30 Einer Perſon ſich nichts anfangen läßt. Das Weſentliche jedoch iſt der Drang des geängſteten Menſchen, ſich niederzuwerfen und Hülfe anzuflehen, in ſeiner häufigen, kläglichen und großen Noth und auch hinſichtlich ſeiner ewigen Säligkeit. Der Menſch ver⸗ läßt ſich lieber auf fremde Gnade, als auf eigenes Verdienſt: 35 Y Dem Gott, der urſprünglich Jehova war, haben Philoſophen und Theo⸗ logen eine Hülle nach der andern ausgezogen, bis am Ende nichts, als das Wort, übrig geblieben iſt. 125
Noch einige Erläuterungen Dies iſt eine Hauptſtütze des Theismus. Damit alfo fein Herz (Wille) die Erleichterung des Betens und den Troſt des Hoffens habe, muß fein Intellekt ihm einen Gott ſchaf fen; nicht aber um⸗ gekehrt, weil ſein Intellekt auf einen Gott logiſch richtig geſchloſſen hat, betet er. Laßt ihn ohne Noth, Wünſche und Bedürfniſſe ſeyn, etwan ein bloß intellektuelles, willenloſes Weſen; ſo braucht er keinen Gott und macht auch keinen. Das Herz, d. i. der Wille, hat in ſeiner ſchweren Bedrängniß das Bedürfniß, allmächtigen, folglich übernatürlichen Beiſtand anzurufen: weil alſo gebetet werden ſoll, wird ein Gott hypoſtaſirt; nicht umgekehrt. Daher iſt das Theoretiſche der Theologie aller Völker ſehr verſchieden, an Zahl und Beſchaffenheit der Götter: aber daß ſie helfen können und es thun, wenn man ihnen dient und ſie anbetet, — Dies haben ſie alle gemein; weil es der Punkt iſt, darauf es ankommt. Zu⸗ gleich aber iſt Dieſes das Muttermal, woran man die Abkunft aller Theologie erkennt, nämlich, daß ſie aus dem Willen, aus dem Herzen entſprungen ſei, nicht aus dem Kopf, oder der Er⸗ kenntniß; wie vorgegeben wird. Dieſem entſpricht auch, daß der wahre Grund, weshalb Konſtantin der Große und eben fo Chlodowig der Frankenkönig ihre Religion gewechſelt haben, dieſer war, daß ſie von dem neuen Gotte beſſere Unterſtützung im Kriege hofften. Einige wenige Völker giebt es, welche, gleichſam das Moll dem Dur vorziehend, ſtatt der Götter, bloß böſe Geiſter haben, von denen durch Opfer und Gebete erlangt wird, daß ſie nicht ſchaden. Im Reſultat iſt, der Hauptſache nach, kein großer Unterſchied. Dergleichen Völker ſcheinen auch die Ur⸗ bewohner der Indiſchen Halbinſeln und Ceylons, vor Einführung des Brahmanismus und Buddhaismus, geweſen zu ſeyn, und deren Abkömmlinge ſollen zum Theil noch eine ſolche kakodämono⸗ logiſche Religion haben; wie auch manche wilde Völker. Daher ſtammt auch der dem Cingaleſiſchen Buddhaismus beigemiſchte Kappuismus. — Imgleichen gehören hieher die von Layard be⸗ ſuchten Teufelsanbeter in Meſopotamien. Mit dem dargelegten wahren Urſprung alles Theismus genau verwandt und eben ſo aus der Natur des Menſchen hervorgehend iſt der Drang ſeinen Göttern Opfer zu bringen, um ihre Gunſt zu erkaufen, oder, wenn ſie ſolche ſchon bewieſen haben, die Fortdauer derſelben zu ſichern, oder um Uebel ihnen abzukaufen. (S. Sancho126 — — 8 (114) w 0 5 0 5 I I 2 2 3 3 A 8 5 oO A © 2 zur Kantischen Philosophie. niathonis fragmenta, ed. Orelli, Lips. 1826. p.42.) Dies ift der Sinn jedes Opfers und eben dadurch der Urſprung und die Stütze des Daſeyns aller Götter; ſo daß man mit Wahrheit ſagen kann, die Götter lebten vom Opfer. Denn eben weil der Drang, den Beiſtand übernatürlicher Weſen anzurufen und zu erkaufen, wie⸗ wohl ein Kind der Noth und der intellektuellen Beſchränktheit, dem Menſchen natürlich und ſeine Befriedigung ein Bedürfniß iſt, ſchafft er ſich Götter. Daher die Allgemeinheit des Opfers, in allen Zeitaltern und bei den allerverſchiedenſten Völkern, und die Identität der Sache, beim größten Unterſchiede der Verhältniſſe und Bildungsſtufe. So z. B. erzählt Herodot (IV, 152), daß ein Schiff aus Samos, durch den überaus vortheilhaften Verkauf ſeiner Ladung in Tarteſſos einen unerhört großen Gewinn gehabt habe, worauf dieſe Samier den zehnten Theil deſſelben, der ſechs Talente betrug, auf eine große eherne und ſehr kunſtvoll gearbeitete Vaſe verwandt und ſolche der Here in ihrem Tempel geſchenkt haben. Und als Gegenſtück zu dieſen Griechen ſehn wir, in unſern Tagen, den armſäligen, zur Zwerggeſtalt eingeſchrumpften, nomadiſirenden Rennthierlappen ſein erübrigtes Geld an ver⸗ ſchiedenen heimlichen Stellen der Felſen und Schluchten verſtecken, die er Keinem bekannt macht, als nur in der Todesſtunde ſeinem Erben, — bis auf eine, die er auch dieſem verſchweigt, weil er das dort Hingelegte dem genio loci, dem Schußgott feines Reviers, zum Opfer gebracht hat. (S. Albrecht Pancritius, Hägringar, Reiſe durch Schweden, Lappland, Norwegen und Dänemark im Jahre 1850. Königsberg 1852. S. 162.) — So wurzelt der Götterglaube im Egoismus. Bloß im Chriſtenthum iſt das eigent⸗ liche Opfer weggefallen, wiewohl es in Geſtalt von Seelenmeſſen, Kloſter⸗, Kirchen⸗ und Kapellen⸗Bauten noch daiſt. Im Uebrigen aber, und zumal bei den Proteſtanten, muß als Surrogat des Opfers Lob, Preis und Dank dienen, die daher zu den äußerſten Superlativen getrieben werden, ſogar bei Anläſſen, welche dem Unbefangenen wenig dazu geeignet ſcheinen: übrigens iſt dies Dem analog, daß auch der Staat das Verdienſt nicht allemal mit Gaben, ſondern auch mit bloßen Ehrenbezeugungen belohnt und ſo ſich ſeine Fortwirkung erhält. In dieſer Hinſicht verdient wohl in Erinnerung gebracht zu werden, was der große David Hume darüber ſagt: Whether this god, therefore, be considered as 127
Noch einige Erläuterungen their peculiar patron, or as the general sovereign of heaven, his votaries will endeavour, by every art, to insinuate themselves into his favour; and supposing him to be pleased, like themselves, with praise and flattery, there is no eulogy or exaggeration, which will be spared in their addresses to him. In proportion as men’s fears or distresses become more urgent, they still invent new strains of adulation; and even he who outdoes his predecessors in swelling up the titles of his divinity, is sure to be outdone by his successors in newer and more pompous epithets of praise. Thus they proceed; till at last they arrive at infinity itself, beyond which there is no farther progress. (Essays and Treatises on several subjects, London 1777, Vol. II. p. 429.) Ferner: It appears certain, that, though the original notions of the vulgar represent the Divinity as a limited being, and consider him only as the particular cause of health or sickness; plenty or want; prosperity or adversity; yet when more magnificent ideas are urged upon them, they esteem it dangerous to refuse their assent. Will you say, that your deity is finite and bounded in his perfections; may be overcome by a greater force; is subject to human passions, pains and infirmities; has a beginning and may have an end? This they dare not affirm; but thinking it safest to comply with the higher encomiums, they endeavour, by an affected ravishment and devotion to ingratiate themselves with him. As a confirmation of this, we may observe, that the assent of the vulgar is, in this case, merely verbal, and that they are incapable of conceiving those sublime qualities which they seemingly attribute to the Deity. Their real idea of him, notwithstanding their pompous language, is still as poor and frivolous as ever. (Daſelbſt p- 432.) Kant hat, um das Anſtößige feiner Kritik aller ſpekulativen Theologie zu mildern, derſelben nicht nur die Moraltheologie, ſondern auch die Verſicherung beigefügt, daß, wenn gleich das Daſeyn Gottes unbewieſen bleiben müßte, es doch auch eben ſo unmöglich ſei, das Gegentheil davon zu beweiſen; wobei ſich Viele beruhigt haben, indem fie nicht merkten, daß er, mit verſtellter 128 — 0 15 20 2 — 8 © 2 25 [215] 8 3 35 zur Kantischen Philosophie. Einfalt, das affirmanti incumbit probatio ignorirte, wie auch, daß die Zahl der Dinge, deren Nichtdaſeyn ſich nicht beweiſen läßt, unendlich iſt. Noch mehr hat er natürlich ſich gehütet, die Argumente nachzuweiſen, deren man zu einem apagogiſchen Gegen⸗ beweiſe ſich wirklich bedienen könnte, wenn man etwan nicht mehr ſich bloß defenſiv verhalten, ſondern ein Mal aggreſſiv verfahren wollte. Dieſer Art wären etwan folgende: ' 1) Zuvörderſt iſt die traurige Beſchaffenheit einer Welt, deren lebende Weſen dadurch beſtehn, daß ſie einander auffreſſen, die hieraus hervorgehende Noth und Angſt alles Lebenden, die Menge und koloſſale Größe der Uebel, die Mannigfaltigkeit und Unver⸗ meidlichkeit der oft zum Entſetzlichen anwachſenden Leiden, die Laſt des Lebens ſelbſt und ſein Hineilen zum bittern Tode, ehrlicher⸗ weiſe nicht damit zu vereinigen, daß ſie das Werk vereinter All⸗ güte, Allweisheit und Allmacht ſeyn ſollte. Hiegegen ein Geſchrei zu erheben, iſt eben ſo leicht, wie es ſchwer iſt, der Sache mit triftigen Gründen zu begegnen. 2) Zwei Punkte ſind es, die nicht nur jeden denkenden Menſchen beſchäftigen, ſondern auch den Anhängern jeder Religion zumeiſt am Herzen liegen, daher Kraft und Beſtand der Religionen auf ihnen beruht: erſtlich die transſcendente moraliſche Bedeutſamkeit unſers Handelns, und zweitens unſere Fortdauer nach dem Tode. Wenn eine Religion für dieſe beiden Punkte gut geſorgt hat; ſo iſt alles Uebrige Nebenſache. Ich werde daher hier den Theismus in Beziehung auf den erſten, unter der folgenden Nummer aber in Beziehung auf den zweiten Punkt prüfen. Mit der Moralität unſers Handelns alſo hat der Theismus einen zwiefachen Zuſammenhang, nämlich einen a parte ante und einen a parte post, d. h. hinſichtlich der Gründe und hinſichtlich der Folgen unſers Thuns. Den letztern Punkt zuerſt zu nehmen; ſo giebt der Theismus zwar der Moral eine Stütze, jedoch eine von der roheſten Art, ja, eine, durch welche die wahre und reine Moralität des Handelns im Grunde aufgehoben wird, indem da⸗ durch jede uneigennützige Handlung ſich ſofort in eine eigennützige verwandelt, vermittelſt eines ſehr langſichtigen, aber ſichern Wechſels, den man als Zahlung dafür erhält. Der Gott nämlich, welcher Anfangs der Schöpfer war, tritt zuletzt als Rächer und Vergelter auf. Rückſicht auf einen ſolchen kann allerdings tugendhafte Hand⸗ 129
Noch einige Erläuterungen lungen hervorrufen: allein dieſe werden, da Furcht vor Strafe, oder Hoffnung auf Lohn ihr Motiv iſt, nicht rein moraliſch ſeyn; vielmehr wird das Innere einer ſolchen Tugend auf klugen und wohl überlegenden Egoismus zurücklaufen. In letzter Inſtanz kommt es dabei allein auf die Feſtigkeit des Glaubens an un⸗ erweisliche Dinge an: iſt dieſe vorhanden; ſo wird man allerdings nicht anſtehn, eine kurze Friſt Leiden für eine Ewigkeit Freuden zu übernehmen, und der eigentlich leitende Grundſatz der Moral wird ſeyn: „warten können.“ Allein Jeder, der einen Lohn ſeiner Thaten ſucht, ſei es in dieſer Welt, oder in einer künftigen, iſt ro ein Egoiſt: entgeht ihm der gehoffte Lohn; ſo iſt es gleichviel, ob Dies durch den Zufall geſchehe, der dieſe Welt beherrſcht, oder durch die Leerheit des Wahns, der ihm die künftige erbaute. Dieſerwegen untergräbt auch Kants Moraltheologie eigentlich die Moral. i ö 15 A parte ante nun wieder iſt der Theismus ebenfalls mit der Moral im Widerſtreit; weil er Freiheit und Zurechnungs⸗ fähigkeit aufhebt. Denn an einem Weſen, welches, ſeiner existentia und essentia nach, das Werk eines andern iſt, läßt ſich weder Schuld noch Verdienſt denken. Schon Vauvenargues 20 ſagt ſehr richtig: Un étre, qui a tout regu, ne peut agir que par ce qui lui a été donné; et toute la puissance divine, qui est infinie, ne saurait le rendre indépendant. (Discours sur la liberté. Siehe OEuvres complötes, Paris 1823, Tom. II, p. 331.) Kann es doch, gleich jedem andern, nur irgend. denk baren Weſen, nicht anders, als ſeiner Beſchaffenheit gemäß wirken und dadurch dieſe kund geben: wie es aber beſchaffen iſt, ſo iſt es hier geſchaffen. Handelt es nun ſchlecht; ſo kommt dies daher, daß es ſchlecht iſt, und dann iſt die Schuld nicht feine; ſondern Deſſen, der es gemacht hat. Unvermeidlich iſt der Ur⸗ heber ſeines Daſeyns und ſeiner Beſchaffenheit, dazu auch noch der Umſtände, in die es geſetzt worden, auch der Urheber ſeines Wirkens und ſeiner Thaten, als welche durch dies Alles ſo ſicher beſtimmt ſind, wie durch zwei Winkel und eine Linie der Triangel. Die Richtigkeit dieſer Argumentation haben, während die Andern 35 N 5 0 2 fie verſchmitzt und feigherzig ignorirten, S. Auguſtinus, Hume [116] und Kant ſehr wohl eingeſehn und eingeſtanden; worüber ich aus⸗ führlich berichtet habe in meiner Preisſchrift über die Freiheit des 130 aan ä ——— — zur Kantischen Philosophie. Willens, S. 67 ff. [2. Aufl. S. 66 ff.]. Eben um dieſe furchtbare und exterminirende Schwierigkeit zu eludiren, hat man die Freiheit des Willens, das liberum arbitrium indifferentiae, erfunden, welches eine ganz monſtroſe Fiktion enthält und daher von allen denkenden s Köpfen ſtets beſtritten und ſchon längſt verworfen, vielleicht aber nirgends ſo ſyſtematiſch und gründlich widerlegt iſt, wie in der ſoeben angeführten Schrift. Mag immerhin der Pöbel ſich noch ferner mit der Willensfreiheit ſchleppen, auch der litterariſche; auch der philoſophirende Pöbel: was kümmert das uns? Die 10 Behauptung, daß ein gegebenes Weſen frei ſei, d. h. unter ges gebenen Umſtänden ſo und auch anders handeln könne, beſagt, daß es eine existentia ohne alle essentia habe, d. h. daß es bloß ſei, ohne irgend etwas zu ſeyn; alſo daß es nichts ſei, dabei aber doch ſei; mithin, daß es zugleich fei und nicht fei. 15 Alſo iſt Dies der Gipfel der Abſurdität, aber nichtsdeſtoweniger gut für Leute, welche nicht die Wahrheit, ſondern ihr Futter ſuchen und daher nie etwas gelten laſſen werden, was nicht in ihren Kram, in die fable convenue, von der fie leben, paßt: ſtatt des Widerlegens dient ihrer Ohnmacht das Ignoriren. Und 20 auf die Meinungen ſolcher Bonmpara, in terram prona et ventri obedientia ſollte man ein Gewicht legen?! — Alles was iſt, das iſt auch etwas, hat ein Weſen, eine Beſchaffen⸗ heit, einen Charakter: dieſem gemäß muß es wirken, muß es handeln (welches heißt nach Motiven wirken), wann die äußern 25 Anläſſe kommen, welche die einzelnen Aeußerungen deſſelben her⸗ vorlocken. Wo nun daſſelbe das Daſeyn, die existentia, her⸗ hat, da hat es auch das Was, die Beſchaffenheit, die essentia, her; weil Beide zwar im Begriffe verſchieden, jedoch nicht in der Wirklichkeit trennbar ſind. Was aber eine essentia, d. h. eine 30 Natur, einen Charakter, eine Beſchaffenheit, hat, kann ſtets nur dieſer gemäß und nie anders wirken: bloß der Zeitpunkt und die nähere Geſtalt und Beſchaffenheit der einzelnen Handlungen wird dabei jedesmal durch die eintretenden Motive beftimmt; Daß der Schöpfer den Menſchen frei geſchaffen habe, beſagt eine Unmöglichkeit, nämlich daß er ihm eine existentia ohne 4117] essentia verliehen, alſo ihm das Daſeyn bloß in abstracto gegeben habe, indem er ihm überließ, als was er daſeyn wolle. Hierüber bitte ich den $ 20 meiner Abhandlung über das Fun⸗ 131
Noch einige Erläuterungen dament der Moral nachzulefen. — Moraliſche Freiheit und Ver⸗ antwortlichkeit, oder Zurechnungsfähigkeit, ſetzen ſchlechterdings Afeität voraus. Die Handlungen werden ſtets aus dem Cha⸗ rakter, d. i. aus der eigenthümlichen und daher unveränderlichen Beſchaffenheit eines Weſens, unter Einwirkung und nach Maaß⸗ gabe der Motive mit Nothwendigkeit hervorgehn: alſo muß daſſelbe, ſoll es verantwortlich ſeyn, urſprünglich und aus eigener Machtvollkommenheit exiſtiren: es muß, ſeiner existentia und essentia nach, ſelbſt ſein eigenes Werk und der Urheber ſeiner ſelbſt ſeyn, wenn es der wahre Urheber ſeiner Thaten ſeyn ſoll. Oder, wie ich es in meinen beiden Preisſchriften ausgedrückt habe, die Freiheit kann nicht im operari, muß alſo im esse liegen: denn vorhanden iſt ſie allerdings. Da dieſes Alles nicht nur a priori demonſtrabel iſt, ſondern ſogar die tägliche Erfahrung uns deutlich lehrt, daß Jeder ſeinen moraliſchen Charakter ſchon fertig mit auf die Welt bringt und ihm bis ans Ende unwandelbar treu bleibt, und da ferner dieſe Wahrheit im realen, praktiſchen Leben ſtillſchweigend, aber ſicher, vorausgeſetzt wird, indem Jeder ſein Zutrauen, oder Mißtrauen, zu einem Andern den ein Mal an den Tag gelegten Charakter zügen deſſelben gemäß auf immer feſtſtellt; ſo könnte man ſich wundern, wie doch nur, ſeit beiläufig 1600 Jahren, das Gegen⸗ theil theoretiſch behauptet und demnach gelehrt wird, alle Menſchen ſeien, in moraliſcher Hinſicht, urſprünglich ganz gleich, und die große Verſchiedenheit ihres Handelns entſpringe nicht aus ur⸗ ſprünglicher, angeborener Verſchiedenheit der Anlage und des Cha⸗ rakters, eben ſo wenig aber aus den eintretenden Umſtänden und Anläſſen; ſondern eigentlich aus gar nichts, welches Garnichts ſodann den Namen „freier Wille“ erhält. — Allein dieſe abſurde Lehre wird nothwendig gemacht durch eine andere, ebenfalls rein theoretiſche Annahme, mit der ſie genau zuſammenhängt, nämlich durch dieſe, daß die Geburt des Menſchen der abſolute Anfang feines Daſeyns ſei, indem derſelbe aus nichts geſchaffen (ein terminus ad hoc) werde. Wenn nun, unter dieſer Vorausſetzung, das Leben noch eine moraliſche Bedeutung und Tendenz behalten ſoll; ſo muß dieſe freilich erſt im Laufe deſſelben ihren Urſprung finden, und zwar aus nichts, wie dieſer ganze ſo gedachte Menſch aus nichts iſt: denn jede Beziehung auf eine vorhergängige Be⸗ 132 — 0 — 5 [118] zur Kantischen Philosophie. dingung, ein früheres Daſeyn, oder eine außerzeitliche That, auf dergleichen doch die unermeßliche, urſprüngliche und angeborene Verſchiedenheit der moraliſchen Charaktere deutlich zurückweiſt, bleibt hier, ein für alle Mal, ausgeſchloſſen. Daher alſo die 5 abſurde Fiktion eines freien Willens. — Die Wahrheiten ſtehn bekanntlich alle im Zuſammenhange; aber auch die Irrthümer machen einander nöthig, — wie eine Lüge eine zweite erfordert, oder wie zwei Karten, gegen einander geſtemmt, ſich wechſelſeitig ſtützen, — ſo lange nichts ſie beide umſtößt. ro 83) Nicht viel beſſer, als mit der Willensfreiheit, ſteht es, unter Annahme des Theismus, mit unſerer Fortdauer nach dem Tode. Was von einem Andern geſchaffen iſt hat einen Anfang ſeines Daſeyns gehabt. Daß nun daſſelbe, nachdem es doch eine unendliche Zeit gar nicht geweſen, von nun an in alle Ewigkeit 15 fortdauern ſolle, ift eine über die Maaßen kühne Annahme. Bin ich allererſt bei meiner Geburt aus Nichts geworden und ge⸗ ſchaffen; ſo iſt die höchſte Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß ich im Tode wieder zu nichts werde. Unendliche Dauer a parte post und Nichts a parte ante geht nicht zufammen. Nur was 20 ſelbſt urſprünglich, ewig, ungeſchaffen iſt, kann unzerſtörbar ſeyn. (S. Aristoteles de coelo, I, c. 12. p. 281—283, und Priestley. on matter and spirit, Birmingham 1782, Vol. I, p. 234.) Allenfalls können daher Die im Tode verzagen, welche glauben, vor 30 oder 60 Jahren ein reines Nichts geweſen und aus dieſem 25 ſodann, als das Werk eines Andern, hervorgegangen zu ſeyn; da ſie jetzt die ſchwere Aufgabe haben, anzunehmen, daß ein ſo ent⸗ ſtandenes Daſeyn, ſeines ſpäten, erſt nach Ablauf einer unend⸗ lichen Zeit eingetretenen Anfangs ungeachtet, doch von endloſer Dauer ſeyn werde. Hingegen, wie ſollte Der den Tod fürchten, 30 der ſich als das urſprüngliche und ewige Weſen, die Quelle alles Daſeyns ſelbſt, erkennt, und weiß, daß außer ihm eigentlich nichts exiſtirt; der mit dem Spruche des heiligen Upaniſchads hae omnes creaturae in totum ego sum, et praeter me aliud ens non est im Munde, oder doch im Herzen, ſein individuelles Daſeyn 35 endigt. Alſo nur er kann, bei konſequentem Denken, ruhig ſterben. Denn, wie geſagt, A ſeität iſt die Bedingung, wie der [119] Zurechnungsfähigkeit, fo auch der Unſterblichkeit. Dieſem ent⸗ ſprechend iſt in Indien die Verachtung des Todes und die voll⸗ 133
Noch einige Erläuterungen kommenſte Gelaffenheit, ſelbſt Freudigkeit im Sterben recht eigent⸗ lich zu Hauſe. Das Judenthum hingegen, welches urſprünglich die einzige und alleinige rein monotheiſtiſche, einen wirklichen Gott⸗Schöpfer Himmels und der Erden lehrende Religion iſt, hat, mit vollkommener Konſequenz, keine Unſterblichkeitslehre, alſo auch keine Vergeltung nach dem Tode, ſondern bloß zeitliche Strafen und Belohnungen; wodurch es ſich ebenfalls von allen andern Religionen, wenn auch nicht zu ſeinem Vortheil, unter⸗ ſcheidet. Die dem Judenthum entſproſſenen zwei Religionen ſind, indem ſie, aus beſſeren, ihnen anderweitig bekannt ge⸗ wordenen Glaubenslehren, die Unſterblichkeit hinzunahmen und doch den Gott⸗Schöpfer beibehielten, hierin eigentlich inkonſequent geworden. ) 5 Y Die eigentliche Judenreligion, wie fie in der Geneſis und allen hiſtoriſchen Büchern, bis zum Ende der Chronika, dargeſtellt und gelehrt wird, iſt die roheſte aller Religionen, weil ſie die einzige iſt, die durchaus keine Unſterblichkeitslehre, noch irgend eine Spur davon, hat. Jeder König und jeder Held, oder Prophet, wird, wenn er ſtirbt, bei ſeinen Vätern begraben, und damit iſt Alles aus: keine Spur von irgend einem Daſeyn nach dem Tode; ja, wie abſichtlich, ſcheint jeder Gedanke dieſer Art beſeitigt zu ſeyn. 3. B. dem König Joſias hält der Jehova eine lange Belobungsrede: ſie ſchließt mit der Verheißung einer Belohnung: dieſe lautet: doo porn GE TPOG roue TATEPAG cob, xar NR pOOr erg Tag Ta NH OD &v el ν (2. Chron. 34, 28) und daß er alſo den Nebukadnezar nicht erleben ſoll. Aber kein Gedanke an ein anderes Daſeyn nach dem Tode und damit an einen poſitiven Lohn, ſtatt des bloß negativen, zu ſterben, und keine fernere Leiden zu erleben. Sondern, hat der Herr Jehova ſein Werk und Spiel⸗ zeug genugſam abgenutzt und abgequält, ſo ſchmeißt er es weg, auf den Miſt: das iſt der Lohn für daſſelbe. Eben weil die Judenreligion keine Unſterb⸗ lichkeit, folglich auch keine Strafen nach dem Tode kennt, kann der Jehova dem Sünder, dem es auf Erden wohlgeht, nichts Anderes androhen, als daß er deſſen Miſſethaten an ſeinen Kindern und Kindeskindern, bis ins vierte Geſchlecht, ſtrafen werde, wie zu erſehn Exodus, c. 34, v. 7, und Numeri, c. 14, v. 18.— Dies beweiſt die Abweſenheit aller Unſterblichkeitslehre. Ebenfalls noch die Stelle im Tobias, c. 3, 6, wo dieſer den Jehova um feinen Tod bittet, ö nes dnoAudw xar yeyapar yn, weiter nichts, von einem Daſeyn nach dem Tode kein Begriff. — Im Alten Teſtament wird als Lohn der Tugend verheißen, recht lange auf Erden zu leben (3. B. 5. Moſe, c. 5, v. 16 und 33), im Veda hingegen, nicht wieder geboren zu werden. — Die Verachtung, in der die Juden ſtets bei allen ihnen gleichzeitigen Völkern ſtan⸗ den, mag großen Theils auf der armſäligen Beſchaffenheit ihrer Religion be⸗ 134 — 0 20 25 30 35 40 zur Kantischen Philosophie. Daß, wie eben gejagt, das Judenthum die alleinige rein monotheiſtiſche, d. h. einen Gott⸗Schöpfer als Urſprung aller ruht haben. Was Koheleth 3, 19, 20 ausſpricht, iſt die eigentliche Geſinnung der Judenreligion. Wenn etwan, wie im Daniel 12, 2, auf eine Unſterb⸗ lichkeit angeſpielt wird, ſo iſt es fremde hineingebrachte Lehre, wie dies aus Daniel 1, und s hervorgeht. Im 2. Buch der Makkabäer c. 7 tritt die Un⸗ ſterblichkeitslehre deutlich auf: Babyloniſchen Urſprungs. Alle andern Reli⸗ gionen, die der Inder, ſowohl Brahmanen als Buddhaiſten, Aegypter, Perſer, ja, der Druiden, lehren Unſterblichkeit und auch, mit Ausnahme der Perſer 10 im Zendaveſta, Metempſychoſe. Daß die Edda, namentlich die Voluſpa, Seelenwanderung lehrt, bezeugt D. G. v. Ekendahl, in ſeiner Rezenſion der Svenska Siare och Skalder von Atterbom, — in den Blättern für litter. Unter⸗ haltung, d. 25. Aug. 1843. Selbſt Griechen und Römer hatten etwas post letum, Tartarus und Elyſium, und ſagten: 15 Sunt aliquid manes, letum non omnia finit: Luridaque evictos effugit umbra rogos. Propert. Eleg. IV, 7. Ueberhaupt befteht das eigentlich Weſentliche einer Religion als folder in der Ueberzeugung, die ſie uns giebt, daß unſer eigentliches Daſeyn nicht auf unſer Leben beſchränkt, ſondern unendlich iſt. Solches nun leiſtet dieſe er⸗ bärmliche Judenreligion durchaus nicht, ja unternimmt es nicht. Darum iſt ſie die roheſte und ſchlechteſte unter allen Religionen, beſteht bloß in einem abſurden und empörenden Theismus und läuft darauf hinaus, daß der xuprog, der die Welt geſchaffen hat, verehrt ſeyn will; daher er vor allen Dingen eifer⸗ 25 ſüchtig (eifrig), neidiſch iſt auf feine Kamaraden, die übrigen Götter: wird Denen geopfert, ſo ergrimmt er, und ſeinen Juden geht's ſchlecht. Alle dieſe andern Religionen und ihre Götter werden in der LXX Böeduypa geſchimpft: aber das unſterblichkeitsloſe rohe Judenthum verdient eigentlich dieſen Namen. Daß daſſelbe die Grundlage der in Europa herrſchenden Religion geworden iſt, iſt höchſt beklagenswerth. Denn es iſt eine Religion ohne alle metaphy⸗ ſiſche Tendenz. Während alle andern Religionen die metaphyſiſche Bedeutung des Lebens dem Volke in Bild und Gleichniß beizubringen ſuchen, iſt die Judenreligion ganz immanent und liefert nichts als ein bloßes Kriegsgeſchrei bei Bekämpfung anderer Völker. Leſſings Erziehung des Menſchengeſchlechts 35 follte heißen: Erziehung des Judengeſchlechts: denn das ganze Menſchen⸗ geſchlecht war von jener Wahrheit überzeugt; mit Ausnahme dieſer Aus⸗ erwählten. Sind doch eben die Juden das auserwählte Volk ihres Gottes, und er iſt der auserwählte Gott ſeines Volkes. Und das hat weiter nie⸗ manden zu kümmern. (ECohαt aurwy Seas, xt auroL Egovrar ou A — 40 iſt eine Stelle aus einem Propheten — nach Clemens Alexandrinus.) Wenn ich aber bemerke, daß die gegenwärtigen Europäiſchen Völker ſich gewiſſer⸗ maaßen als die Erben jenes auserwählten Volkes Gottes anſehn, ſo kann ich mein Bedauern nicht verhehlen. Hingegen kann man dem Judenthum den 2 2 © © 3 10 Schopenhauer, Werke V 135
Noch einige Erläuterungen Dinge lehrende Religion fei, iſt ein Verdienſt, welches man, unbegreiflicherweiſe, zu verbergen bemüht geweſen iſt, indem man ſtets behauptet und gelehrt hat, alle Völker verehrten den wahren Gott, wenn auch unter andern Namen. Hieran fehlt jedoch nicht nur viel, ſondern Alles. Daß der Buddhaismus, alſo die Religion, welche durch die überwiegende Anzahl ihrer Bekenner die vornehmſte auf Erden iſt, durchaus und ausdrücklich atheiſtiſch ſei, iſt durch die Uebereinſtimmung aller unverfälſchten Zeugniſſe und Urſchriften außer Zweifel geſetzt. Auch die Veden lehren keinen Gott⸗Schöpfer, ſondern eine Weltſeele, genannt das Brah m (im neutro), wovon der, dem Nabel des Wiſchnu ent⸗ ſproſſene Brahma, mit den vier Geſichtern und als Theil des Trimurti, bloß eine populäre Perſonifikation, in der ſo höchſt durchſichtigen Indiſchen Mythologie iſt. Er ſtellt offenbar die Zeugung, das Entſtehn der Weſen, wie Wiſchnu ihre Akme, und Schiwa ihren Untergang dar. Auch iſt ſein Hervorbringen der Welt ein ſündlicher Akt, eben wie die Weltinkarnation des Brahm. Sodann dem Ormuzd der Zendaveſta iſt, wie wir wiſſen, Ahriman ebenbürtig, und Beide ſind aus der ungemeſſenen Zeit, Zervane Akerene (wenn es damit ſeine Richtigkeit hat), hervorgegangen. Ebenfalls in der von Sanchoniathon nieder⸗ geſchriebenen und vom Philo Byblius uns aufbehaltenen ſehr ſchönen und höchſt leſenswerthen Kosmogonie der Phönicier, die vielleicht das Urbild der Moſaiſchen iſt, finden wir keine Spur von Theismus oder Weltſchöpfung durch ein perſönliches Weſen. Nämlich auch hier ſehn wir, wie in der Moſaiſchen Geneſis, das urſprüngliche Chaos in Nacht verſenkt; aber kein Gott tritt auf, befehlend, es werde Licht, und werde Dies und werde Das: o nein! ſondern Joe ro nvsupa Toy Lö ov Gogo: der in der Maſſe gährende Geiſt verliebt ſich in ſein eigenes Weſen, wodurch eine Miſchung jener Urbeſtandtheile der Welt entſteht, aus welcher, und zwar ſehr treffend und bedeu⸗ tungsvoll, in Folge eben der Sehnſucht, ro doc, welche, wie der Ruhm nicht ſtreitig machen, daß es die einzige wirklich monotheiſtiſche Reli⸗ gion auf Erden ſei: keine andere hat einen objektiven Gott, Schöpfer Him⸗ 35 mels und der Erde aufzuweiſen. 136 — — 8 oO A zur Kantischen Philosophie. Kommentator richtig bemerkt, der Eros der Griechen iſt, ſich der Urſchlamm entwickelt, und aus dieſem zuletzt Pflanzen und endlich auch erkennende Weſen, d. i. Thiere hervorgehn. Denn bis dahin gieng, wie ausdrücklich bemerkt wird, Alles ohne Er⸗ 5 Eenntniß vor ſich: auro de oux eyıyywoxe mv Eaurou het. (So fteht es, fügt Sanchoniathon hinzu, in der von Taaut, dem Aegypter, niedergeſchriebenen Kosmogonie.) Auf ſeine Kosmogonie folgt ſodann die nähere Zoogonie. Gewiſſe atmoſphäriſche und terreſtriſche Vorgänge werden beſchrieben, die wirklich an die zo folgerichtigen Annahmen unſerer heutigen Geologie erinnern: zuletzt folgt auf heftige Regengüſſe Donner und Blitz, von deſſen Krachen aufgeſchreckt die erkennenden Thiere in's Daſeyn er⸗ wachen, „und nunmehr bewegt ſich, auf der Erde und im Meer, das Männliche und Weibliche.“ Euſebius, dem wir dieſe 15 Bruchſtücke des Philo Byblius verdanken (S. Praeparat. evangel. L. II, c. 10), klagt demnach mit vollem Recht dieſe Kosmogonie des Atheismus an: Das iſt ſie unſtreitig, wie alle und jede Lehre von der Entſtehung der Welt, mit alleiniger Ausnahme der Jüdiſchen. In der Mythologie der Griechen und Römer 20 finden wir zwar Götter, als Väter von Göttern und beiläufig von Menſchen (obwohl dieſe urſprünglich die Töpferarbeit des Prometheus ſind), jedoch keinen Gott⸗Schöpfer. Denn daß [120] ſpäterhin ein Paar mit dem Judenthum bekannt gewordene Philo⸗ ſophen den Vater Zeus zu einem ſolchen haben umdeuten wollen, 25 kümmert dieſen nicht; ſo wenig, wie daß ihn, ohne ſeine Er⸗ laubniß dazu eingeholt zu haben, Dante, in ſeiner Hölle, mit dem Domeneddio, deſſen unerhörte Rachſucht und Grauſamkeit daſelbſt celebrirt und ausgemalt wird, ohne Umſtände identi⸗ ficiren will; z. B. C. 14, 70. C. 31, ez. Endlich (denn man hat nach Allem gegriffen) iſt auch die unzählige Mal wiederholte Nachricht, daß die nordamerikaniſchen Wilden unter dem Namen des großen Geiſtes Gott, den Schöpfer Himmels und der Erden, verehrten, mithin reine Theiſten wären, ganz unrichtig. Dieſer Irrthum iſt neuerlich widerlegt worden, durch eine Abhandlung über die nordamerikaniſchen Wilden, welche John Scouler in einer 1846 gehaltenen Sitzung der Londoner ethnographiſchen Geſellſchaft vorgeleſen hat und von welcher institut, journal des sociétés savantes, Sect. 2, Juillet 1847, einen Auszug ı10* 137
Einige Bemerkungen giebt. Er ſagt: „Wenn man uns, in den Berichten über die Superſtitionen der Indianer, vom großen Geiſte ſpricht, ſind wir geneigt, anzunehmen, daß dieſer Ausdruck eine Vorſtellung bezeichne, die mit der, welche wir daran knüpfen, übereinſtimmt und daß ihr Glaube ein einfacher, natürlicher Theis mus ſei. Allein dieſe Auslegung iſt von der richtigen ſehr weit entfernt. Die Religion dieſer Indianer iſt vielmehr ein reiner Fetiſchis⸗ mus, der in Zaubermitteln und Zaubereien beſteht. In dem Berichte Tanner's, der von Kindheit an unter ihnen gelebt hat, ſind die Details getreu und merkwürdig, hingegen weit verſchieden von den Erfindungen gewiſſer Schriftſteller: man erſieht nämlich daraus, daß die Religion dieſer Indianer wirklich nur ein Feti⸗ ſchismus iſt, dem ähnlich, welcher ehemals bei den Finnen und noch jetzt bei den ſibiriſchen Völkern angetroffen wird. Bei den öſtlich vom Gebirge wohnenden Indianern beſteht der Fetiſch bloß aus erſtwelchem Gegenſtande, dem man geheimnißvolle Eigen⸗ ſchaften beilegt“ u. ſ. w. N Dieſem Allen zufolge hat die hier in Rede ſtehende Meinung vielmehr ihrem Gegentheile Platz zu machen, daß nämlich nur ein einziges, zwar ſehr kleines, unbedeutendes, von allen gleich⸗ zeitigen Völkern verachtetes und ganz allein unter allen ohne irgend einen Glauben an Fortdauer nach dem Tode lebendes, aber nun ein Mal dazu auserwähltes Volk reinen Monotheismus, oder die Erkenntniß des wahren Gottes, gehabt habe; und auch dieſes nicht durch Philoſophie, ſondern allein durch Offenbarung; wie es auch dieſer angemeſſen iſt: denn welchen Werth hätte eine Offenbarung, die nur Das lehrte, was man auch ohne ſie wüßte? — Daß kein anderes Volk einen ſolchen Gedanken jemals gefaßt hat, muß demnach zur Werthſchätzung der Offenbarung beitragen. $ 14. Einige Bemerkungen über meine eigene Philoſophie. Wohl kaum iſt irgend ein philoſophiſches Syſtem ſo einfach und aus ſo wenigen Elementen zuſammengeſetzt, wie das meinige; daher ſich daſſelbe mit Einem Blick leicht überſchauen und zu⸗ ſammenfaſſen läßt. Dies beruht zuletzt auf der völligen Einheit und Uebereinſtimmung ſeiner Grundgedanken, und iſt überhaupt 138 — 0 — 5 IN 0 [127] 30 35 I I A über meine eigene Philosophie. ein günſtiges Zeichen für feine Wahrheit, die ja der Einfachheit verwandt iſt: aͤrdovs ö ung MAnSerag Aoyog cpu simplex sigillum veri. Man könnte mein Syſtem bezeichnen als immanenten Dogmatismus: denn feine Lehrſätze find zwar dogmatiſch, gehn jedoch nicht über die in der Erfahrung gegebene Welt hinaus; ſondern erklären bloß was dieſe ſei, indem ſie dieſelbe in ihre letzten Beſtandtheile zerlegen. Nämlich der alte, von Kant um⸗ geſtoßene Dogmatismus (nicht weniger die Windbeuteleien der drei modernen Univerſitäts⸗Sophiſten) iſt transſcendent; indem er über die Welt hinausgeht, um ſie aus etwas Anderm zu er⸗ klären: er macht ſie zur Folge eines Grundes, auf welchen er aus ihr ſchließt. Meine Philoſophie hingegen hub mit dem Satz an, daß es allein in der Welt und unter Vorausſetzung derſelben Gründe und Folgen gebe; indem der Satz vom Grunde, in ſeinen vier Geſtalten, bloß die allgemeinſte Form des Intellekts ſei, in dieſem aber allein, als dem wahren locus mundi, die objektive Welt daſtehe. — N In andern philoſophiſchen Syſtemen iſt die Konſequenz da⸗ durch zu Wege gebracht, daß Satz aus Satz gefolgert wird. Hiezu aber muß nothwendigerweiſe der eigentliche Gehalt des Syſtems ſchon in den alleroberſten Sätzen vorhanden ſeyn; wo⸗ durch denn das Uebrige, als daraus abgeleitet, ſchwerlich anders, als monoton, arm, leer und langweilig ausfallen kann, weil es A © A o [122] eben nur entwickelt und wiederholt, was in den Grundſätzen ſchon 25 ausgeſagt war. Dieſe traurige Folge der demonſtrativen Ab: leitung wird am fühlbarſten bei Chr. Wolf: aber ſogar Spinoza, der jene Methode ſtreng befolgte, hat dieſem Nachtheil derſelben nicht ganz entgehn können; wiewohl er, durch ſeinen Geiſt, dafür zu kompenſiren gewußt hat. — Meine Sätze hingegen beruhen meiſtens nicht auf Schlußketten, ſondern unmittelbar auf der an⸗ ſchaulichen Welt ſelbſt, und die, in meinem Syſteme, ſo ſehr wie in irgend einem, vorhandene ſtrenge Konſequenz iſt in der Regel nicht eine auf bloß logiſchem Wege gewonnene; vielmehr iſt es diejenige natürliche Uebereinſtimmung der Sätze, welche un⸗ ausbleiblich dadurch eintritt, daß ihnen ſämmtlich die ſelbe intuitive Erkenntniß, nämlich die anſchauliche Auffaſſung des ſelben, nur ſucceſſive von verſchiedenen Seiten betrachteten Objekts, alſo der realen Welt, in allen ihren Phänomenen, unter Berückſichtigung 8 139
Einige Bemerkungen des Bewußtſeyns, darin fie fich darſtellt, zum Grunde liegt. Deshalb auch habe ich über die Zuſammenſtimmung meiner Sätze ſtets außer Sorgen ſeyn können; ſogar noch dann, wann einzelne derſelben mir, wie bisweilen eine Zeit lang der Fall geweſen, unvereinbar ſchienen: denn die Uebereinſtimmung fand ſich nachher richtig von ſelbſt ein, in dem Maaße, wie die Sätze vollzählig zuſammenkamenz weil ſie bei mir eben nichts Anderes iſt, als die Uebereinſtimmung der Realität mit ſich ſelbſt, die ja niemals fehlen kann. Dies iſt Dem analog, daß wir bisweilen, wenn wir ein Gebäude zum erſten Mal und nur von Einer Seite er⸗ blicken, den Zuſammenhang ſeiner Theile noch nicht verſtehn, jedoch gewiß ſind, daß er nicht fehlt und ſich zeigen wird, ſobald wir ganz herumgekommen. Dieſe Art der Zuſammenſtimmung aber iſt, vermöge ihrer Urſprünglichkeit und weil ſie unter be⸗ ſtändiger Kontrole der Erfahrung ſteht, eine vollkommen ſichere: hingegen jene abgeleitete, die der Syllogismus allein zu Wege bringt, kann leicht ein Mal falſch befunden werden; ſobald nämlich irgend ein Glied der langen Kette unächt, locker befeſtigt, oder ſonſt fehlerhaft beſchaffen iſt. Dem entſprechend hat meine Philo⸗ ſophie einen breiten Boden, auf welchem Alles unmittelbar und daher ſicher ſteht; während die andern Syſteme hoch aufgeführten Thürmen gleichen: bricht hier eine Stütze, ſo ſtürzt Alles ein. — Alles hier Geſagte läßt ſich in den Satz zuſammenfaſſen, daß meine Philoſophie auf dem analytiſchen, nicht auf dem ſyntheti⸗ ſchen Wege entſtanden und dargeſtellt iſt. Als den eigenthümlichen Charakter meines Philoſophirens darf ich anführen, daß ich überall den Dingen auf den Grund zu kommen ſuche, indem ich nicht ablaſſe, fie bis auf das letzte, real Gegebene zu verfolgen. Dies geſchieht vermöge eines natürlichen Hanges, der es mir faſt unmöglich macht, mich bei irgend noch allgemeiner und abſtrakter, daher noch unbeſtimmter Erkenntniß, bei bloßen Begriffen, geſchweige bei Worten zu be⸗ ruhigen; ſondern mich weiter treibt, bis ich die letzte Grundlage aller Begriffe und Sätze, die allemal anſchaulich iſt, nackt vor mir habe, welche ich dann entweder als Urphänomen ſtehn laſſen muß, wo möglich aber ſie noch in ihre Elemente auflöſe, jeden⸗ falls das Weſen der Sache bis aufs Aeußerſte verfolgend. Dieſer⸗ wegen wird man einſt (natürlich nicht, ſo lange ich lebe) erkennen, 140 — — 123 w — 0 5 5 — ᷑— — ̃ EEE a me Er, u 8 Q über meine eigene Philosophie. daß die Behandlung des ſelben Gegenſtandes von irgend einem früheren Philoſophen, gegen die meinige gehalten, flach erſcheint. Daher hat die Menſchheit Manches, was ſie nie vergeſſen wird, von mir gelernt, und werden meine Schriften nicht untergehn. — Von einem Willen läßt auch der Theismus die Welt aus⸗ gehn, von einem Willen die Planeten in ihren Bahnen geleitet und eine Natur auf ihrer Oberfläche hervorgerufen werden; nur daß er, kindiſcherweiſe, dieſen Willen nach außen verlegt und ihn erſt mittelbar, nämlich unter Dazwiſchentretung der Erkennt⸗ niß und der Materie, nach menſchlicher Art, auf die Dinge ein⸗ wirken läßt; während bei mir der Wille nicht ſowohl auf die Dinge, als in ihnen wirkt; ja, ſie ſelbſt gar nichts anderes, als eben ſeine Sichtbarkeit ſind. Man ſieht jedoch an dieſer Ueber⸗ einſtimmung, daß wir Alle das Urſprüngliche nicht anders, denn als einen Willen zu denken vermögen. Der Pantheismus nennt den in den Dingen wirkenden Willen einen Gott; wovon ich die Abſurdität oft und ſtark genug gerügt habe: ich nenne ihn den Willen zum Leben; weil dies das letzte Erkennbare an ihm ausſpricht. — Dies nämliche Verhältniß der Mittelbar⸗ 20 keit zur Unmittelbarkeit tritt abermals in der Moral ein. Die Theiſten wollen eine Ausgleichung zwiſchen Dem, was Einer thut, und Dem, was er leidet: ich auch. Sie aber nehmen 112% ſolche erſt mittelſt der Zeit und eines Richters und Vergelters an; ich hingegen unmittelbar; indem ich im Thäter und im Dulder 25 das ſelbe Weſen nachweiſe. Die moraliſchen Reſultate des Chriſten⸗ thums, bis zur höchſten Askeſe, findet man bei mir rationell und im Zuſammenhange der Dinge begründet; während fie es im Chriſtenthum durch bloße Fabeln ſind. Der Glaube an dieſe ſchwindet täglich mehr; daher wird man ſich zu meiner Philo⸗ 30 ſophie wenden müſſen. Die Pantheiſten können keine ernſtlich gemeinte Moral haben; — da bei ihnen Alles göttlich und vor⸗ trefflich iſt. — Ich habe viel Tadel darüber erfahren, daß ich, philoſophirend, mithin theoretiſch, das Leben als jammervoll und keineswegs 35 wünfchenswerth dargeſtellt habe: doch aber wird wer praktiſch die entſchiedenſte Geringſchätzung deſſelben an den Tag legt gelobt, ja bewundert; und wer um Erhaltung deſſelben ſorgſam bemüht iſt wird verachtet. — 141
Einige Bemerkungen Kaum hatten meine Schriften auch nur die Aufmerkſamkeit Einzelner erregt; ſo ließ ſich ſchon, hinſichtlich meines Grund⸗ gedankens, die Prioritätsklage vernehmen, und wurde angeführt, daß Schelling ein Mal geſagt hätte „Wollen iſt Urſeyn“ und was man ſonſt in der Art irgend aufzubringen vermochte. — Hierüber iſt, in Betreff der Sache ſelbſt, zu ſagen, daß die Wurzel meiner Philoſophie ſchon in der Kantiſchen liegt, beſonders in der Lehre vom empiriſchen und intelligibeln Charakter, überhaupt aber darin, daß, ſo oft Kant ein Mal mit dem Ding an ſich etwas näher ans Licht tritt, es allemal als Wille durch ſeinen Schleier hervorſieht; worauf ich in meiner Kritik der Kantiſchen Philoſophie ausdrücklich aufmerkſam gemacht und demzufolge geſagt habe, daß meine Philoſophie nur das zu⸗Ende⸗denken der ſeinigen ſei. Daher darf man ſich nicht wundern, wenn in den ebenfalls von Kant ausgehenden Philoſophemen Fichtes und Schellings ſich Spuren des ſelben Grundgedankens finden laſſen; wiewohl ſie dort ohne Folge, Zuſammenhang und Durchführung auftreten, und demnach als ein bloßer Vorſpuk meiner Lehre anzuſehn ſind. Im Allgemeinen aber iſt über dieſen Punkt zu ſagen, daß von jeder großen Wahrheit ſich, ehe ſie gefunden worden, ein Vorgefühl kund giebt, eine Ahndung, ein undeutliches Bild, wie im Nebel, und ein vergebliches Haſchen, ſie zu ergreifen; weil eben die Fortſchritte der Zeit ſie vorbereitet haben. Demgemäß präludiren dann vereinzelte Ausſprüche. Allein nur wer eine Wahrheit aus ihren Gründen erkannt und in ihren Folgen durchdacht, ihren ganzen Inhalt entwickelt, den Umfang ihres Bereichs überſehn und ſie ſonach, mit vollem Bewußtſeyn ihres Werthes und ihrer Wichtigkeit, deutlich und zuſammenhängend dargelegt hat, der iſt ihr Urheber. Daß ſie hingegen, in alter oder neuer Zeit, irgend ein Mal mit halbem Bewußtſeyn und faſt wie ein Reden im Schlaf, ausgeſprochen worden und demnach ſich daſelbſt finden läßt, wenn man hinterher danach ſucht, bedeutet, wenn ſie auch totidem verbis daſteht, nicht viel mehr, als wäre es totidem litteris; gleichwie der Finder einer Sache nur Der iſt, welcher fie, ihren Werth erkennend, aufhob und bewahrte; nicht aber Der, welcher ſie zufällig ein Mal in die Hand nahm und wieder fallen ließ; oder, wie Kolumbus der Entdecker Amerika's iſt, nicht aber der erſte Schiffbrüchige, den die Wellen ein Mal dort abwarfen. 142 — — [125] ne 0 5 0 5 I I 2 2 3 3 5 > 5 0 De über meine eigene Philosophie. Dies eben iſt der Sinn des Donatifchen pereant qui ante nos nostra dixerunt. Wollte man hingegen dergleichen zufällige Aus⸗ ſprüche als Prioritäten gegen mich geltend machen; ſo hätte man viel weiter ausholen und z. B. anführen können, daß Clemens Alexandrinus (Strom. II. c. 17) ſagt: rgomyerrau D ννον ravrov zo BO, al yap koyızaı duvaneıs Tο BovksoTau ÖLamxovoi repuxacı (Velle ergo omnia antecedit: rationales enim facultates sunt voluntatis ministrae. S. Sanctorum Patrum Opera polemica, Vol. V. Wirceburgi 1779: Clementis Alex. Opera Tom. II, p. 304); wie auch, daß Spinoza ſagt: Cupiditas est ipsa unius cujusque natura seu essentia (Eth. P. III, prop. 57. demonstr.) und vorher: Hic conatus, cum ad mentem solam refertur, Voluntas appellatur; sed cum ad mentem et corpus simul refertur, vocatur Appetitus, qui proinde nihil aliud est, quam ipsa hominis essentia. (P. III, prop. 9, schol. und ſchließlich P. III. Defin. 1, explic.) — Mit größtem Rechte ſagt Hel⸗ vetius: II n'est point de moyens que l’envieux, sous l’apparence de la justice, n' emploie pour degrader le mérite. C'est l'envie seule qui nous fait trouver dans les anciens toutes les découvertes modernes. Une phrase vide de sens, ou du moins inintelligible avant ces découvertes, suffit pour faire crier au plagiat. (De l’esprit IV, 7.) Und noch eine Stelle des Helvetius ſei es mir erlaubt über dieſen Punkt in Erinnerung zu bringen, deren Anführung ich jedoch bitte, mir nicht als Eitelkeit und Uebermuth auszulegen, ſondern allein die Richtigkeit des darin ausgedrückten Gedankens im Auge zu be⸗ halten, es dahin ſtehn laſſend, ob irgend etwas davon auf mich Anwendung finden könne, oder nicht. Quiconque se plait à considerer l'esprit humain voit, dans chaque siöcle, cinq ou six hommes d’esprit tourner autour de la découverte que fait ’homme de genie. Si IThonneur en reste à ce dernier, c’est que cette découverte est, entre ses mains, plus f&conde que dans les mains de tout autre; c'est qu'il rend ses idées avec plus de force et de netteté; et qu enfin on voit toujours à la maniere differente, dont les hommes tirent parti d’un principe ou d'une découverte, à qui ce principe ou cette découverte appartient (De l’esprit IV, 1). — In Folge des alten, unverſöhnlichen Krieges, den überall 143
Einige Bemerkungen und immerdar Unfähigkeit und Dummheit gegen Geift und Ver⸗ ſtand führt, — ſie durch Legionen, er durch Einzelne vertreten, — hat Jeder, der das Werthvolle und Aechte bringt, einen ſchweren Kampf zu beſtehn, gegen Unverſtand, Stumpfheit, verdorbenen Geſchmack, Privatintereſſen und Neid, alle in würdiger Allianz, nämlich in der, von welcher Chamfort ſagt: en examinant la ligue des sots contre les gens d’esprit, on croirait voir une conjuration de valets pour &carter les maitres. Mir aber war außerdem noch ein ungewöhnlicher Feind hinzugegeben: ein großer Theil Derer, welche in meinem Fache das Urtheil des Publikums zu leiten Beruf und Gelegenheit hatten, war angeſtellt und beſoldet, das Allerſchlechteſte, die Hegelei, zu verbreiten, zu loben, ja in den Himmel zu erheben. Dies kann aber nicht gelingen, wenn man zugleich das Gute, auch nur einigermaaßen, will gelten laſſen. Hieraus erkläre ſich der ſpätere Leſer die ihm ſonſt räthſelhafte Thatſache, daß ich meinen eigentlichen Zeit⸗ genoſſen ſo fremd geblieben bin, wie der Mann im Monde. Jedoch hat ein Gedankenſyſtem, welches, auch beim Ausbleiben aller Theilnahme Anderer, ſeinen Urheber ein langes Leben hin⸗ durch unabläſſig und lebhaft zu beſchäftigen und zu anhaltender, unbelohnter Arbeit anzuſpornen vermag, eben hieran ein Zeugniß für ſeinen Werth und ſeine Wahrheit. Ohne alle Aufmunterung von außen hat die Liebe zu meiner Sache ganz allein, meine vielen Tage hindurch, mein Streben aufrecht gehalten und mich nicht ermüden laſſen: mit Verachtung blickte ich dabei auf den lauten Ruhm des Schlechten. Denn beim Eintritt ins Leben hatte mein Genius mir die Wahl geſtellt, entweder die Wahrheit zu erkennen, aber mit ihr Niemanden zu gefallen; oder aber, mit den Andern das Falſche zu lehren, unter Anhang und Beifall: mir war ſie nicht ſchwer geworden. Demgemäß nun aber wurde das Schickſal meiner Philoſophie das Widerſpiel deſſen, welches die Hegelei hatte, ſo ganz und gar, daß man beide als die Kehr⸗ ſeiten des ſelben Blattes anſehn kann, der Beſchaffenheit beider Philoſophien gemäß. Die Hegelei, ohne Wahrheit, ohne Klarheit, ohne Geiſt, ja ohne Menſchenverſtand, dazu noch im Gewand des ekelhafteſten Gallimathias, den man je gehört, auftretend, wurde eine oktroyirte und privilegirte Kathederphiloſophie, folglich ein Unſinn, der ſeinen Mann nährte. Meine, zur ſelben Zeit mit 144 1526 — 0 ws ws 3 0 0 5 über meine eigene Philosophie. ihr auftretende Philoſophie hatte zwar alle Eigenſchaften, welche jener abgiengen: allein ſie war keinen höhern Zwecken gemäß zu⸗ geſchnitten, bei den damaligen Zeitläuften für das Katheder gar nicht geeignet und alſo, wie man ſpricht, nichts damit zu machen. Da folgte es, wie Tag auf Nacht, daß die Hegelei die Fahne wurde, der Alles zulief, meine Philoſophie hingegen weder Beifall, noch An⸗ hänger fand, vielmehr, mit übereinſtimmender Abſichtlichkeit, gänzlich 1725] ignorirt, vertuſcht, wo möglich erſtickt wurde; weil durch ihre Gegenwart jenes ſo erkleckliche Spiel geſtört worden wäre, wie 10 Schattenſpiel an der Wand durch hereinfallendes Tageslicht. Dem⸗ gemäß nun alſo wurde ich die eiſerne Maske, oder, wie der edele Dorguth ſagt, der Kaspar Hauſer, der Philoſophieprofeſſoren: abgeſperrt von Luft und Licht, damit mich Keiner ſähe und meine angeborenen Anfprüche nicht zur Geltung gelangen könnten. Jetzt aber 15 iſt der von den Philoſophieprofeſſoren todtgeſchwiegene Mann wieder auferſtanden, zur großen Beſtürzung der Philoſophieprofeſſoren, die gar nicht wiſſen, welches Geſicht fie jetzt aufſetzen ſollen. 145
Ueber die Univerſitäts-Philoſophie. H drthla Pilocopla && tabre TPOTTETTWXEV drr od xu dklav Göre Äntovrar ob rab véYous Löst Anrecht, d& yunalous. Plato, de rep. VII.
[131] I A 2 D 2 A — —ü—— —— — — — nn — — — — —᷑ ͤ w4—VX——k—w n —— rn — 8 A Ueber die Univerſitäts-Philoſophie. Daß die Philoſophie auf Univerſitäten gelehrt wird, iſt ihr aller⸗ dings auf mancherlei Weiſe erſprießlich. Sie erhält damit eine öffentliche Exiſtenz und ihre Standarte iſt aufgepflanzt vor den Augen der Menſchen; wodurch ſtets von Neuem ihr Daſeyn in Erinnerung gebracht und bemerklich wird. Der Hauptgewinn hieraus wird aber ſeyn, daß mancher junge und fähige Kopf mit ihr bekannt gemacht und zu ihrem Studio auferweckt wird. In⸗ zwiſchen muß man zugeben, daß der zu ihr Befähigte und eben daher ihrer Bedürftige ſie auch wohl auf andern Wegen antreffen und kennen lernen würde. Denn was ſich liebt und für einander geboren iſt findet ſich leicht zuſammen: verwandte Seelen grüßen ſich ſchon aus der Ferne. Einen Solchen nämlich wird jedes Buch irgend eines ächten Philoſophen, das ihm in die Hände fällt, mächtiger und wirkſamer anregen, als der Vortrag eines Katheder⸗ philoſophen, wie ihn der Tag giebt, es vermag. Auch ſollte auf den Gymnaſien der Plato fleißig geleſen werden, als welcher das wirkſamſte Erregungsmittel des philoſophiſchen Geiſtes iſt. Ueber⸗ haupt aber bin ich allmälig der Meinung geworden, daß der er⸗ wähnte Nutzen der Kathederphiloſophie von dem Nachtheil über⸗ wogen werde, den die Philoſophie als Profeſſion der Philoſophie als freier Wahrheitsforſchung, oder die Philoſophie im Auftrage der Regierung der Philoſophie im Auftrage der Natur und der Menſchheit bringt. Zuvörderſt nämlich wird eine Regierung nicht Leute beſolden, um Dem, was fie durch tauſend von ihr angeſtellte Prieſter, oder 149
Ueber die Universitäts-Philosophie. Ueber die Universitäts-Philosophie. — allenfalls kraus figurirt, ſeltſam verbrämt und dadurch ſchwer [133] verſtändlich gemacht, — doch im Grunde und in der Hauptſache nichts Anderes, als eine Paraphraſe und Apologie der Landes⸗ religion iſt. Den unter dieſen Beſchränkungen Lehrenden bleibt 5 ſonach nichts Anderes übrig, als nach neuen Wendungen und Formen zu ſuchen, unter welchen ſie den in abſtrakte Ausdrücke verkleideten und dadurch fade gemachten Inhalt der Landesreligion aufſtellen, der alsdann Philoſophie heißt. Will jedoch Einer oder der Andere außerdem noch etwas thun; ſo wird er entweder 10 in benachbarte Fächer divagiren, oder ſeine Zuflucht zu allerlei unſchuldigen Pößchen nehmen, wie etwan ſchwere analytiſche Rechnungen über das Aequilibrium der Vorſtellungen im menſch⸗ lichen Kopfe auszuführen, und ähnliche Späße. Inzwiſchen bleiben die ſolchermaaßen beſchränkten Univerſitätsphiloſophen bei Religionslehrer, von allen Kanzeln verkünden läßt, direkt, oder auch nur indirekt, zu widerſprechen; da Dergleichen, in dem Maaße, als es wirkte, jene erſtere Veranſtaltung unwirkſam machen müßte. [132] Denn bekanntlich heben Urtheile einander nicht allein durch den kontradiktoriſchen, ſondern auch durch den bloß konträren Gegen⸗ 5 ſatz auf: z. B. dem Urtheil „die Roſe iſt roth“ widerſpricht nicht allein dieſes „ſie iſt nicht roth“; ſondern auch ſchon dieſes „ſie iſt gelb“, als welches hierin eben ſo viel, ja, mehr leiſtet. Daher der Grundſatz improbant secus docentes. Durch dieſen Umſtand gerathen aber die Univerſitätsphiloſophen in eine ganz eigenthüm⸗ liche Lage, deren öffentliches Geheimniß hier ein Mal Worte finden mag. In allen andern Wiſſenſchaften nämlich haben die Profeſſoren derſelben bloß die Verpflichtung, nach Kräften und Möglichkeit, zu lehren was wahr und richtig iſt. Ganz allein n e \ g bei den Profeſſoren der Philoſophie iſt die Sache cum grano 15 15 der Sache ganz wohlgemuth; weil ihr eigentlicher Ernſt darin salis zu verſtehn. Hier nämlich hat es mit derſelben ein eigenes liegt, mit Ehren ein redliches Auskommen für ſich, nebſt Weib Bewandtniß, welches darauf beruht, daß das Problem ihrer und Kind, zu erwerben, auch ein gewiſſes Anſehn vor den Leuten — 0 Wiſſenſchaft das ſelbe iſt, worüber auch die Religion, in ihrer zu genießen; hingegen das tiefbewegte Gemüth eines wirklichen Weiſe, Aufſchluß ertheilt; deshalb ich dieſe als die Metaphyſik Philoſophen, deſſen ganzer und großer Ernſt im Auffuchen eines des Volkes bezeichnet habe. Demnach nun ſollen zwar auch die 20 Schlüffels zu unſerm, fo räthſelhaften wie mißlichen Daſeyn Profeſſoren der Philoſophie allerdings lehren was wahr und liegt, von ihnen zu den mythologiſchen Weſen gezählt wird; wenn richtig iſt: aber eben dieſes muß im Grunde und im Weſentlichen nicht etwan gar der damit Behaftete, ſollte er ihnen je vorkommen, das Selbe ſeyn, was die Landesreligion auch lehrt, als welche ihnen als von Monomanie beſeſſen erſcheint. Denn daß es mit ja ebenfalls wahr und richtig iſt. Hieraus entſprang jener naive, der Philoſophie ſo recht eigentlicher, bitterer Ernſt ſeyn könne, ſchon in meiner Kritik der Kantiſchen Philoſophie angezogene Aus- 25 25 läßt wohl, in der Regel, kein Menſch fich weniger träumen, als ſpruch eines ganz reputirlichen Philoſophieprofeſſors, im Jahr 1840: ein Docent derſelben; gleichwie der ungläubigſte Chriſt der Papſt „Leugnet eine Philoſophie die Grundideen des Chriſtenthums; ſo zu ſeyn pflegt. Daher gehört es denn auch zu den ſeltenſten „iſt ſie entweder falſch, oder, wenn auch wahr, doch un— Fällen, daß ein wirklicher Philoſoph zugleich ein Docent der „brauchbar.“ Man ſieht daraus, daß in der Univerſitäts⸗ Philoſophie geweſen wäre.) Daß gerade Kant dieſen Aus⸗ philoſophie die Wahrheit nur eine ſekundäre Stelle einnimmt und, 30 — ' . —y— ' . wenn es gefordert wird, aufſtehn muß, einer andern Eigenſchaft Platz zu machen. — Dies alſo unterſcheidet auf den Univer⸗ ſitäten die Philoſophie von allen andern daſelbſt kathederſäſſigen Wiſſenſchaften. In Folge hievon wird, ſo lange die Kirche beſteht, auf den Univerſitäten ſtets nur eine ſolche Philoſophie gelehrt werden dürfen, welche, mit durchgängiger Rückſicht auf die Landesreligion abgefaßt, dieſer im Weſentlichen parallel läuft und daher ſtets, IS} 0 30 +) Es iſt ganz natürlich, daß, je mehr von einem Profeſſor Gottſelig⸗ keit gefordert wird, deſto weniger Gelehrſamkeit; — eben wie zu Altenſteins Zeit es genug war, daß Einer ſich zum Hegel'ſchen Unſinn bekannte. Seitdem aber bei Beſetzung der Profeſſuren die Gelehrſamkeit durch die Gottſeligkeit erſetzt werden kann, übernehmen die Herrn ſich nicht mit Erſterer. — Die 35 Tartüffes ſollten fi) lieber ménagiren und ſich fragen: „wer wird uns glauben, daß wir Das glauben?“ — Daß die Herrn Profeſſoren ſind, geht Die an, die ſie dazu gemacht haben: ich kenne ſie bloß als ſchlechte Schrift⸗ ſteller, deren Einfluß ich entgegen arbeite. — Ich habe die Wahrheit ge⸗ 5 180 11 Schopenhauer, Werke V 151
Ueber die Universitäts-Philosophie. nahmsfall darftellt, habe ich, nebſt den Gründen und Folgen der Sache, im zweiten Bande meines Hauptwerkes, K. 17, S. 162 3. Aufl., S. 179), bereits erörtert. Uebrigens liefert zu der oben auf⸗ gedeckten konditionellen Exiſtenz aller Univerſitätsphiloſophie einen Beleg das bekannte Schickſal Fichtes; wenn auch dieſer im Grunde ein bloßer Sophiſt, kein wirklicher Philoſoph war. Er hatte es nämlich gewagt, in ſeinem Philoſophiren die Lehren der Landes⸗ religion außer Acht zu laſſen; wovon die Folge ſeine Kaſſation war, und zudem noch, daß der Pöbel ihn inſultirte. Auch hat die Strafe bei ihm angeſchlagen, indem, nach ſeiner ſpätern Anſtellung in Berlin, das abſolute Ich ſich ganz gehorſamſt in den lieben [134] Gott verwandelt hat und die ganze Lehre überhaupt einen überaus chriſtlichen Anſtrich erhielt; wovon beſonders die „Anweiſung zum ſeligen Leben“ zeugt. Bemerkenswerth iſt bei ſeinem Falle noch der Umſtand, daß man ihm zum Hauptvergehn den Satz, Gott ſei nichts Anderes, als eben die moraliſche Weltordnung ſelbſt, anrechnete; während ſolcher doch nur wenig verſchieden iſt vom Ausſpruch des Evangeliſten Johannes: Gott iſt die Liebe. Das gleiche Schickſal hat 1853 der Privatdocent Fiſcher in Heidel⸗ berg gehabt, als welchem ſein jus legendi entzogen wurde, weil er Pantheismus lehrte. Alſo die Loſung ift: „friß deinen Pudding, Sklav, und gieb Jüdiſche Mythologie für Philoſophie aus!“ — Der Spaaß bei der Sache aber iſt, daß dieſe Leute ſich Philoſophen nennen, als ſolche auch über mich urtheilen, und zwar mit der Miene der Superiorität, ja, gegen mich vornehm thun und vierzig Jahre lang gar nicht würdigten auf mich herabzuſehn, mich keiner Beachtung werth haltend. — Der Staat muß aber auch die Seinen ſchützen und ſollte daher ein Geſetz geben, welches verböte, ſich über die Philoſophieprofeſſoren luſtig zu machen. Es iſt demnach leicht abzuſehn, daß, unter ſolchen Umſtänden, die Kathederphiloſophie nicht wohl umhin kann, es zu machen „Wie eine der langbeinigen Cikaden, Die immer fliegt und fliegend ſpringt — Und gleich im Gras ihr altes Liedchen ſingt.“ Das Bedenkliche bei der Sache iſt auch bloß die doch einzuräu⸗ ſucht, und nicht eine Profeſſur: hierauf beruht, im letzten Grunde, der Unter⸗ ſchied zwiſchen mir und den ſogenannten Nachkantiſchen Philoſophen. Man wird Dies, mit der Zeit, mehr und mehr erkennen. 152 10 15 20 25 0 we 2 | Ueber die Universitäts-Philosophie. mende Möglichkeit, daß die letzte dem Menſchen erreichbare Ein⸗ ſicht in die Natur der Dinge, in ſein eigenes Weſen und das der Welt nicht gerade zuſammenträfe mit den Lehren, welche theils dem ehemaligen Völkchen der Juden eröffnet worden, theils vor 5 1800 Jahren in Jeruſalem aufgetreten find. Dieſes Bedenken auf Ein Mal niederzuſchlagen, erfand der Philoſophieprofeſſor Hegel den Ausdruck „abſolute Religion“, mit dem er denn auch ſeinen Zweck erreichte; da er ſein Publikum gekannt hat: auch iſt ſie für die Kathederphiloſophie wirklich und recht eigentlich abſolut, 10 d. h. eine ſolche, die abſolut und ſchlechterdings wahr ſeyn ſoll und muß, fonft — — — — — 1 — Andere wieder, von dieſen Wahrheitsforſchern, ſchmelzen Philoſophie und Religion zu einem Kentauren zuſammen, den ſie Religionsphiloſophie nennen; pflegen auch zu lehren, Religion und Philoſophie ſeien eigentlich das 15 Selbe; — welcher Satz jedoch nur in dem Sinne wahr zu ſeyn ſcheint, in welchem Franz I., in Beziehung auf Karl V., ſehr verſöhnlich geſagt haben ſoll: „was mein Bruder Karl will, das will ich auch“, — nämlich Mailand. Wieder andere machen nicht ſo viele Umſtände, ſondern reden geradezu von einer Chriſt⸗ 20 lichen Philoſophie; — welches ungefähr ſo herauskommt, wie wenn man von einer Chriſtlichen Arithmetik reden wollte, die fünf gerade ſeyn ließe. Dergleichen von Glaubenslehren ent⸗ [135] nommene Epitheta find zudem der Philofophie offenbar unan⸗ „et, da fie ſich für den Verſuch der Vernunft giebt, aus 5 eigenen Mitteln und unabhängig von aller Auktorität das Problem des Daſeyns zu löſen. Als eine Wiſſenſchaft hat ſie es durchaus nicht damit zu thun, was geglaubt werden darf, oder ſoll, oder muß; ſondern bloß damit, was ſich wiſſen läßt. Sollte Dieſes nun auch als etwas ganz Anderes ſich ergeben, als was man zu 30 glauben hat; ſo würde ſelbſt dadurch der Glaube nicht beeinträch⸗ tigt ſeyn: denn dafür iſt er Glaube, daß er enthält was man nicht wiſſen kann. Könnte man daſſelbe auch wiſſen; ſo würde der Glaube als ganz unnütz und ſelbſt lächerlich daſtehn; etwan wie wenn über Gegenſtände der Mathematik noch eine Glaubens⸗ 35 lehre aufgeſtellt würde. Iſt man aber etwan überzeugt, daß die ganze und volle Wahrheit in der Landesreligion enthalten und ausgeſprochen ſei; nun, ſo halte man ſich daran und begebe ſich alles Philoſophirens. Aber man wolle nicht ſcheinen was man 117 153
Ueber die Universitäts-Philosophie. nicht iſt. Das Vorgeben unbefangener Wahrheitsforſchung, mit dem Entſchluß, die Landesreligion zum Reſultat, ja zum Maaß⸗ ſtabe und zur Kontrole derſelben zu machen, iſt unerträglich, und eine ſolche, an die Landesreligion, wie der Kettenhund an die Mauer, gebundene Philoſophie iſt nur das ärgerliche Zerrbild 5 der höchſten und edelſten Beſtrebung der Menſchheit. Inzwiſchen iſt gerade ein Hauptabſatzartikel der Univerſitätsphiloſophen eben jene, oben als Kentaur bezeichnete Religionsphiloſophie, die eigentlich auf eine Art Gnoſis hinausläuft, auch wohl auf ein Philoſophiren unter gewiſſen beliebten Vorausſetzungen, die durchaus nicht er⸗ härtet werden. Auch Programmentitel, wie de verae philosophiae erga religionem pietate, eine paſſende Inſchrift auf ſo einen philo⸗ ſophiſchen Schaafſtall, bezeichnen recht deutlich die Tendenz und die Motive der Kathederphiloſophie. Zwar nehmen dieſe zahmen Philo⸗ ſophen bisweilen einen Anlauf, der gefährlich ausſieht: allein man kann die Sache mit Ruhe abwarten, überzeugt, daß ſie doch bei dem Ein für alle Mal geſteckten Ziele anlangen werden. Ja, bisweilen fühlt man ſich verſucht zu glauben, daß ſie ihre ernſtlich gemeinten philoſophiſchen Forſchungen ſchon vor ihrem zwölften Jahre abge: than und bereits damals ihre Anſicht vom Weſen der Welt, und was 20 dem anhängt, auf immer feſtgeſtellt hätten; weil ſie, nach allen philo⸗ ſophiſchen Diskuſſionen und halsbrechenden Abwegen, unter ver⸗ — 0 — 5 wegenen Führern, doch immer wieder bei Dem anlangen, was uns [136] in jenem Alter plauſibel gemacht zu werden pflegt, und es ſogar als Kriterium der Wahrheit zu nehmen ſcheinen. Alle die heterodoren 25 philoſophiſchen Lehren, mit welchen ſie dazwiſchen, im Laufe ihres Lebens, ſich haben beſchäftigen müſſen, ſcheinen ihnen nur dazuſeyn, um widerlegt zu werden und dadurch jene erſteren deſto feſter zu etabliren. Man muß ſogar es bewundern, wie ſie, mit ſo vielen argen Ketzereien ihr Leben zubringend, doch ihre innere philo- 30 ſophiſche Unſchuld ſo rein zu bewahren gewußt haben. Wem, nach dieſem Allen, noch ein Zweifel über Geiſt und Zweck der Univerſitätsphiloſophie bliebe, der betrachte das Schickſal der Hegelſchen Afterweisheit. Hat es ihr etwan geſchadet, daß ihr Grundgedanke der abfurdefte Einfall, daß er eine auf den Kopf 35 geſtellte Welt, eine philoſophiſche Hanswurſtiade“) war und ihr „) Siehe meine Kritik der Kantiſchen Philoſophie, 2. Aufl., S. 572. 13. Aufl., S. 603.] 154 Ueber die Universitäts-Philosophie. Inhalt der Hohlfte, finnleerfte Wortkram, an welchem jemals Strohköpfe ihr Genüge gehabt, und daß ihr Vortrag, in den Werken des Urhebers ſelbſt, der widerwärtigſte und unſinnigſte Gallimathias iſt, ja, an die Deliramente der Tollhäusler erinnert? O nein, nicht im Mindeſten! Vielmehr hat ſie dabei, 20 Jahre hindurch, als die glänzendeſte Kathederphiloſophie, die je Gehalt und Honorar einbrachte, florirt und iſt fett geworden, iſt nämlich in ganz Deutſchland, durch Hunderte von Büchern, als der endlich erreichte Gipfel menſchlicher Weisheit und als die Philoſophie der Philoſophien verkündet, ja, in den Himmel erhoben worden: Studenten wurden darauf examinirt und Profeſſoren darauf an⸗ geſtellt; wer nicht mitwollte, wurde von dem dreiſt gemachten Repetenten ihres ſo lenkſamen, wie geiſtloſen Urhebers für einen „Narrn auf eigene Hand“ erklärt, und ſogar die Wenigen, welche eine ſchwache Oppoſition gegen dieſen Unfug wagten, traten mit derſelben nur ſchüchtern, unter Anerkennung des „großen Geiſtes und überſchwänglichen Genies“ — jenes abgeſchmackten Philo⸗ ſophaſters auf. Den Beleg zu dem hier Geſagten giebt die ge⸗ ſammte Litteratur des ſaubern Treibens, welche, als nunmehr 20 geſchloſſene Akten, hingeht, durch den Vorhof höhniſch lachender Nachbarn, zu jenem Richterſtuhle, wo wir uns wiederſehn, zum 2 — 8 — A [137] Tribunal der Nachwelt, welches, unter andern Implementen, auch eine Schandglocke führt, die ſogar über ganze Zeitalter geläutet werden kann. — Was nun aber iſt es denn endlich geweſen, das jener Gloria ein ſo plötzliches Ende gemacht, den Sturz der bestia trionfante herbei gezogen und die ganze große Armee ihrer Söldner und Gimpel zerſtreut hat, bis auf einige Ueberbleibſel, die noch als Nachzügler und Marodeurs, unter der Fahne der „Halle'ſchen Jahrbücher“ zuſammengerottet, ein Weilchen ihr Un⸗ weſen, zum öffentlichen Skandal, treiben durften, und ein Paar armſälige Pinſel, die was man ihnen in den Jünglingsjahren aufgebunden noch heute glauben und damit hauſiren gehn? — Nichts Anderes, als daß Einer den boshaften Einfall gehabt hat, nachzuweiſen, daß das eine Univerſitätsphiloſophie ſei, die bloß ſcheinbar und nur den Worten nach, nicht aber wirklich und im eigentlichen Sinne mit der Landesreligion übereinſtimme. An und für ſich war dieſer Vorwurf gerecht; denn dies hat nachher der Neu⸗Katholicismus bewieſen. Der Deutſch- oder Neu⸗ 2 A © 3 3 Ss 155
Ueber die Universitäts-Philosophie. Katholicismus iſt nämlich nichts Anderes, als populariſirte Hegelei. Wie dieſe, läßt er die Welt unerklärt, ſie ſteht da, ohne weitere Auskunft. Bloß erhält ſie den Namen Gott, und die Menſchheit den Namen Chriſtus. Beide ſind „Selbſtzweck“, d. h. ſind eben da, ſich's wohlſeyn zu laſſen, ſo lange das kurze Leben währt. Gaudeamus igitur! Und die Hegelſche Apotheoſe des Staats wird bis zum Kommunismus weiter geführt. Eine ſehr gründliche Darſtellung des Neu⸗Katholicismus in dieſem Sinn liefert: F. Kampe, Geſchichte der religiöfen Bewegung neuerer Zeit, Bd. 3, 1856. Aber daß ein ſolcher Vorwurf die Achillesferſe eines herr⸗ ſchenden philoſophiſchen Syſtems ſeyn konnte, zeigt uns „welch eine Qualität Den Ausſchlag giebt, den Mann erhöht,“ oder was das eigentliche Kriterium der Wahrheit und Geltungs⸗ fähigkeit einer Philoſophie auf deutſchen Univerſitäten ſei und worauf es dabei ankomme; außerdem ja ein derartiger Angriff, auch abgeſehn von der Verächtlichkeit jeder Verketzerung, hätte ganz kurz mit oode n rpog Arovucov abgefertigt werden müſſen. Wer zu der ſelben Einſicht noch fernerer Belege bedarf, be⸗ trachte das Nachſpiel zu der großen Hegel⸗Farce, nämlich die gleich darauf folgende, ſo überaus zeitgemäße Konverſion des Herrn v. Schelling vom Spinozismus zum Bigottismus und ſeine darauf folgende Verſetzung von München nach Berlin, unter Trompeten⸗ ſtößen aller Zeitungen, nach deren Andeutungen man hätte glauben können, er bringe dahin den perſönlichen Gott, nach welchem ſo großes Begehr war, in der Taſche mit; worauf denn der Zus drang der Studenten ſo groß wurde, daß ſie ſogar durch die Fenſter in den Hörſaal ſtiegen; dann, am Ende des Kurſus, das Groß⸗Mannsdiplom, welches eine Anzahl Profeſſoren der Uni⸗ verſität, die ſeine Zuhörer geweſen, ihm unterthänigſt über⸗ brachten, und überhaupt die ganze, höchſt glänzende und nicht weniger lukrative Rolle deſſelben in Berlin, die er ohne Erröthen durchgeſpielt hat; und das im hohen Alter, wo die Sorge um 1 — » ws 0 5 0 5 0 das Andenken, das man hinterläßt, in edleren Naturen jede an⸗ 35 dere überwiegt. Man könnte bei fo etwas ordentlich wehmüthig [138] werden; ja man könnte beinahe meinen, die Philoſophieprofeſſoren ſelbſt müßten dabei erröthen: doch das iſt Schwärmerei. Wem 156 2 2 2 3 3 >} 2 8 A 8 A Ueber die Universitäts- Philosophie. nun aber nach Betrachtung einer ſolchen Konſummation nicht die Augen aufgehn über die Kathederphiloſophie und ihre Helden, Dem iſt nicht zu helfen. Inzwiſchen verlangt die Billigkeit, daß man die Univerſitäts⸗ philoſophie nicht bloß, wie hier geſchehn, aus dem Standpunkte des angeblichen, ſondern auch aus dem des wahren und eigent⸗ lichen Zweckes derſelben beurtheile. Dieſer nämlich läuft darauf hinaus, daß die künftigen Referendarien, Advokaten, Aerzte, Kandidaten und Schulmänner auch im Innerſten ihrer Ueber⸗ zeugungen diejenige Richtung erhalten, welche den Abſichten, die der Staat und ſeine Regierung mit ihnen haben, angemeſſen iſt. Dagegen habe ich nichts einzuwenden, beſcheide mich alſo in dieſer Hinſicht. Denn über die Nothwendigkeit, oder Entbehrlichkeit eines ſolchen Staatsmittels zu urtheilen, halte ich mich nicht für kompetent; ſondern ſtelle es denen anheim, welche die ſchwere Auf⸗ gabe haben, Menſchen zu regieren, d. h. unter vielen Millionen eines, der großen Mehrzahl nach, gränzenlos egoiſtiſchen, un⸗ gerechten, unbilligen, unredlichen, neidiſchen, boshaften und dabei ſehr beſchränkten und queerköpfigen Geſchlechtes, Geſetz, Ordnung, Ruhe und Friede aufrecht zu erhalten und die Wenigen, denen irgend ein Beſitz zu Theil geworden, zu ſchützen gegen die Unzahl Derer, welche nichts, als ihre Körperkräfte haben. Die Aufgabe iſt ſo ſchwer, daß ich mich wahrlich nicht vermeſſe, über die dabei anzuwendenden Mittel mit ihnen zu rechten. Denn „ich danke Gott an jedem Morgen, daß ich nicht brauch' für's Röm'ſche Reich zu ſorgen,“ — iſt ſtets mein Wahlſpruch geweſen. Dieſe Staats⸗ zwecke der Univerſitätsphiloſophie waren es aber, welche der Hegelei eine ſo beiſpielloſe Miniſtergunſt verſchafften. Denn ihr war der Staat, der abſolut vollendete ethiſche Organismus“, und fie ließ den ganzen Zweck des menſchlichen Daſeyns im Staat aufgehn. Konnte es eine beſſere Zurichtung für künftige Referendarien und demnächſt Staatsbeamte geben, als dieſe, in Folge welcher ihr ganzes Weſen und Seyn, mit Leib und Seele, völlig dem Staat verfiel, wie das der Biene dem Bienenſtock, und ſie auf nichts Anderes, weder in dieſer, noch in einer andern Welt hinzuarbeiten hatten, als daß ſie taugliche Räder würden, mit⸗ zuwirken, um die große Staatsmaſchine, dieſen ultimus finis bonorum, im Gange zu erhalten? Der Referendar und der 157
Ueber die Universitäts-Philosophie. Menſch war danach Eins und das Selbe. Es war eine rechte Apotheoſe der Philiſterei. Aber ein Anderes bleibt das Verhältniß einer ſolchen Uni⸗ verſitätsphiloſophie zum Staat, und ein Anderes ihr Verhältniß zur Philoſophie ſelbſt und an ſich, welche, in dieſer Beziehung, als die reine Philoſophie, von jener, als der angewandten, unterſchieden werden könnte. Dieſe nämlich kennt keinen andern Zweck als die Wahrheit, und da möchte ſich ergeben, daß jeder andere, mittelſt ihrer angeſtrebte, dieſem verderblich wird. Ihr hohes Ziel iſt die Befriedigung jenes edelen Bedürfniſſes, von mir das metaphyſiſche genannt, welches der Menſchheit, zu [139] allen Zeiten, ſich innig und lebhaft fühlbar macht, am ſtärkſten aber, wann, wie eben jetzt, das Anſehn der Glaubenslehre mehr und mehr geſunken iſt. Dieſe nämlich, als auf die große Maſſe des Menſchengeſchlechts berechnet und derſelben angemeſſen, kann bloß allegoriſche Wahrheit enthalten, welche ſie jedoch als sensu proprio wahr geltend zu machen hat. Dadurch nun aber wird, bei immer weiterer Verbreitung jeder Art hiſtoriſcher, phy⸗ ſikaliſcher, und ſogar philoſophiſcher Kenntniſſe, die Anzahl der Menſchen, denen ſie nicht mehr genügen kann, immer größer, und dieſe wird mehr und mehr auf Wahrheit sensu proprio dringen. Was aber kann alsdann, dieſer Anforderung gegenüber, eine ſolche nervis alienis mobile Kathederpuppe leiſten? Wie weit wird man da noch reichen mit der oktroyirten Rockenphilo⸗ ſophie, oder mit hohlen Wortgebäuden, mit nichtsſagenden, oder ſelbſt die gemeinſten und faßlichſten Wahrheiten durch Wortſchwall verundeutlichenden Floskeln, oder gar mit hegeliſchem abſoluten Nonſens? — Und nun noch andererſeits, wenn dann auch wirklich der redliche Johannes aus der Wüſte käme, der, in Felle ge⸗ kleidet und von Heuſchrecken genährt, von all dem Unweſen un⸗ berührt geblieben, unterweilen, mit reinem Herzen und ganzem Ernſt, der Forſchung nach Wahrheit obgelegen hätte und deren Früchte jetzt anböte; welchen Empfang hätte er zu gewärtigen von jenen zu Staatszwecken gedungenen Geſchäfts männern der Katheder, die mit Weib und Kind von der Philoſophie zu leben haben, deren Loſung daher iſt primum vivere, deinde philosophari, die demgemäß den Markt in Beſitz genommen und ſchon dafür geſorgt haben, daß hier nichts gelte, als was ſie gelten laſſen, 158 10 — 5 0 0 25 0 ws 35 Ueber die Universitäts-Philosophie. mithin Verdienſte nur exiſtiren, fofern es ihnen und ihrer Mittel⸗ mäßigkeit beliebt, ſie anzuerkennen. Sie haben nämlich die Auf⸗ merkſamkeit des ohnehin kleinen, ſich mit Philoſophie befaſſenden Publikums am Leitſeil; da daſſelbe auf Sachen, die nicht, wie 5 die poetiſchen Produktionen, Ergötzung, ſondern Belehrung, und zwar pekuniär unfruchtbare Belehrung, verheißen, ſeine Zeit, Mühe und Anſtrengung wahrlich nicht verwenden wird, ohne vorher volle Verſicherung darüber zu haben, daß ſolche auch reichlich belohnt werden. Dieſe nun erwartet es, ſeinem an⸗ [140] geerbten Glauben, daß wer von einer Sache lebt, es auch ſei, 1 2 2 der ſie verſteht, zufolge, von den Männern des Fachs, welche denn auch, auf Kathedern und in Kompendien, Journalen und Litteraturzeitungen ſich mit Zuverſicht als die eigentlichen Meiſter der Sache geriren: von dieſen demnach läßt es ſich das Beachtens⸗ 5 werthe und fein Gegentheil vorſchmecken und ausſuchen. — O, wie wird es dir da ergehn, mein armer Johannes aus der Wüſte, wenn, wie zu erwarten ſteht, was du bringſt nicht der ſtill⸗ ſchweigenden Konvention der Herren von der lukrativen Philos ſophie gemäß abgefaßt iſt! Sie werden dich anſehn als Einen, der den Geiſt des Spieles nicht gefaßt hat und dadurch es ihnen Allen zu verderben droht; mithin als ihren gemeinſamen Feind und Widerſacher. Wäre was du bringſt nun auch das größte Meiſterſtück des menſchlichen Geiſtes; vor ihren Augen könnte es doch nimmermehr Gnade finden. Denn es wäre ja nicht ad 5 normam conventionis abgefaßt, folglich nicht der Art, daß fie es zum Gegenſtand ihres Kathedervortrags machen könnten, um nun auch davon zu leben. Einem Philoſophieprofeſſor fällt es gar nicht ein, ein auftretendes neues Syſtem darauf zu prüfen, ob es wahr ſei, ſondern er prüft es ſogleich nur darauf, ob es mit den Lehren der Landesreligion, den Abſichten der Regierung und den herrſchenden Anſichten der Zeit in Einklang zu bringen ſei. Danach entſcheidet er über deſſen Schickſal. Wenn es aber dennoch durchdränge, wenn es, als belehrend und Aufſchlüſſe ent haltend, die Aufmerkſamkeit des Publikums erregte und von dieſem 5 des Studiums werth befunden würde; fo müßte es ja in dem ſelben Maaße die kathederfähige Philoſophie um eben jene Auf⸗ merkſamkeit, ja, um ihren Kredit und, was noch ſchlimmer iſt, um ihren Abſatz bringen. Di meliora! Daher darf dergleichen o © 159
Ueber die Universitäts-Philosophie. nicht aufkommen, und müſſen hiegegen Alle für Einen Mann ſtehn. Die Methode und Taktik hiezu giebt ein glücklicher Inſtinkt, wie er jedem Weſen zu ſeiner Selbſterhaltung verliehen iſt, bald an die Hand. Nämlich das Beſtreiten und Widerlegen einer, der norma conventionis zuwiderlaufenden Philoſophie iſt oft, zumal wo man wohl gar Verdienſte und gewiſſe, nicht durch das Profeſſordiplom ertheilbare Eigenſchaften wittert, eine bedenkliche Sache, an die man, in letzterem Falle, ſich gar nicht wagen darf, indem dadurch die Werke, deren Unterdrückung indicirt iſt, Noto⸗ rietät erhalten und die Neugierigen hinzulaufen würden, alsdann aber höchſt unangenehme Vergleichungen angeſtellt werden könnten und der Ausgang mißlich ſeyn dürfte. Hingegen einhellig, als Brüder gleichen Sinnes, wie gleichen Vermögens, eine ſolche un⸗ gelegene Leiſtung als non avenue betrachten; mit der unbe⸗ fangenſten Miene das Bedeutendeſte als ganz unbedeutend, das tief Durchdachte und für die Jahrhunderte Vorhandene als nicht 1147 der Rede werth aufnehmen, um ſo es zu erſticken; hämiſch die Lippen zuſammenbeißen und dazu ſchweigen, ſchweigen mit jenem ſchon vom alten Seneka denunzirten silentium, quod livor indixerit (ep. 79); und unterweilen nur deſto lauter über die abortiven Geiſteskinder und Mißgeburten der Genoſſenſchaft krähen, in dem beruhigenden Bewußtſeyn, daß ja Das, wovon Keiner weiß, ſo gut wie nicht vorhanden iſt, und daß die Sachen in der Welt für Das gelten, was ſie ſcheinen und heißen, nicht für Das, was ſie ſind; — Dies iſt die ſicherſte und gefahrloſeſte Methode gegen Verdienſte, welche ich demnach allen Flachköpfen, die ihren Unterhalt durch Dinge ſuchen, zu denen höhere Begabt⸗ heit gehört, beſtens empfohlen haben wollte, ohne jedoch mich auch für die ſpätern Folgen derſelben zu verbürgen. Jedoch ſollen hier keineswegs, als über ein inauditum nefas, die Götter angerufen werden: iſt doch dies Alles nur eine Scene des Schauſpiels, welches wir zu allen Zeiten, in allen Künſten und Wiſſenſchaften, vor Augen haben, nämlich den alten Kampf Derer, die für die Sache leben, mit Denen, die von ihr leben, oder Derer, die es ſind, mit Denen, die es vorſtellen. Den Einen iſt ſie der Zweck, zu welchem ihr Leben das bloße Mittel iſt; den Andern das Mittel, ja die läſtige Bedingung zum Leben, zum Wohlſeyn, zum Genuß, zum Familienglück, als in welchen 160 — 0 15 vw 0 v A 2 I S 15 [42] 2 8 25 >} 3 35 Ueber die Universitäts-Philosophie. allein ihr wahrer Ernſt liegt; weil hier die Gränze ihrer Wir⸗ kungsſphäre von der Natur gezogen iſt. Wer dies eremplificirt ſehn und näher kennen lernen will, ſtudire Litterargeſchichte und leſe die Biographien großer Meiſter in jeder Art und Kunſt. Da wird er ſehn, daß es zu allen Zeiten ſo geweſen iſt, und be⸗ greifen, daß es auch ſo bleiben wird. In der Vergangenheit er⸗ kennt es Jeder; faſt Keiner in der Gegenwart. Die glänzenden Blätter der Litterargeſchichte ſind, beinahe durchgängig, zugleich die tragiſchen. In allen Fächern bringen ſie uns vor Augen, wie, in der Regel, das Verdienſt hat warten müſſen, bis die Narren ausgenarrt hatten, das Gelag zu Ende und Alles zu Bette gegangen war: dann erhob es ſich, wie ein Geſpenſt aus tiefer Nacht, um feinen, ihm vorenthaltenen Ehrenplatz doch end—⸗ lich noch als Schatten einzunehmen. Wir inzwiſchen haben es hier allein mit der Philoſophie und ihren Vertretern zu thun. Da finden wir nun zunächſt, daß von jeher ſehr wenige Philoſophen Profeſſoren der Philos ſophie geweſen find, und verhältnißmäßig noch wenigere Profeſſoren der Philoſophie Philoſophen; daher man ſagen könnte, daß, wie die idioelektriſchen Körper keine Leiter der Elektricität ſind, ſo die Philoſophen keine Profeſſoren der Philoſophie. In der That ſteht dem Selbſtdenker dieſe Beſtellung beinahe mehr im Wege, als jede andere. Denn das philoſophiſche Katheder iſt gewiſſermaaßen ein öffentlicher Beichtſtuhl, wo man coram populo fein Glaubensbekenntniß ablegt. Sodann iſt der wirk⸗ lichen Erlangung gründlicher, oder gar tiefer Einſichten, alſo dem wahren Weiſewerden, faſt nichts fo hinderlich, wie der bes ſtändige Zwang, weiſe zu ſcheinen, das Auskramen vorgeblicher Erkenntniſſe, vor den lernbegierigen Schülern, und das Antworten⸗ bereit⸗haben auf alle erſinnliche Fragen. Das Schlimmſte aber iſt, daß einen Mann in ſolcher Lage, bei jedem Gedanken, der etwan noch in ihm aufſteigt, ſchon die Sorge beſchleicht, wie ſolcher zu den Abſichten hoher Vorgeſetzter paſſen würde: Dies paralyſirt ſein Denken ſo ſehr, daß ſchon die Gedanken ſelbſt nicht mehr aufzuſteigen wagen. Der Wahrheit iſt die Atmoſphäre der Freiheit unentbehrlich. Ueber die exceptio, quae firmat regulam, daß Kant ein Profeſſor geweſen, habe ich ſchon oben das Nöthige erwähnt, und füge nur hinzu, daß auch Kants 161
Ueber die Universitäts-Philosophie. Philoſophie eine großartigere, entſchiedenere, reinere und ſchönere geworden ſeyn würde, wenn er nicht jene Profeſſur bekleidet hätte; obwohl er, ſehr weiſe, den Philoſophen möglichſt vom Profeſſor geſondert hielt, indem er ſeine eigene Lehre nicht auf dem Katheder vortrug. (Siehe Roſenkranz, Geſchichte der Kantiſchen 5 Philoſophie, S. 148.) Sehe ich nun aber auf die, in dem halben Jahrhundert, welches ſeit Kants Wirkſamkeit verſtrichen iſt, auftretenden, an⸗ geblichen Philoſophen zurück; ſo erblicke ich leider keinen, dem ich nachrühmen könnte, ſein wahrer und ganzer Ernſt ſei die Erforſchung der Wahrheit geweſen: vielmehr finde ich ſie alle, wenn auch nicht immer mit deutlichem Bewußtſeyn, auf den bloßen Schein der Sache, auf Effektmachen, Imponiren, ja, Myſtificiren bedacht und eifrig bemüht, den Beifall der Vor⸗ geſetzten und nächſtdem der Studenten zu erlangen; wobei der ı5 — 0 letzte Zweck immer bleibt, den Ertrag der Sache, mit Weib und [143] Kind, behaglich zu verſchmauſen. So iſt es aber auch eigentlich der menſchlichen Natur gemäß, welche, wie jede thieriſche Natur, als unmittelbare Zwecke nur Eſſen, Trinken und Pflege der Brut kennt, dazu aber, als ihre beſondere Apanage, nur noch die Sucht 20 zu glänzen und zu ſcheinen erhalten hat. Hingegen iſt zu wirklichen und ächten Leiſtungen in der Philoſophie, wie in der Poeſie und den ſchönen Künſten, die erſte Bedingung ein ganz abnormer Hang, der, gegen die Regel der menſchlichen Natur, an die Stelle des ſubjektiven Strebens nach dem Wohl der eigenen Perſon, ein völlig objektives, auf eine der Perſon fremde Leiſtung gerichtetes Streben ſetzt und eben dieſerhalb ſehr treffend excentriſch genannt, mitunter wohl auch als Donqui⸗ chottiſch verſpottet wird. Aber ſchon Ariſtoteles hat es ge⸗ ſagt: oo ypm de, xara Toug Tapayouvrag, avIpuriva Ppoveıv 30 avSpurov ovra, ouds Tyr Tov Fyntov, aM, Ep do vd sev, asavarıbeiv, XL TAVTa e,, POS To Ev XaTa To xparıstov h ey Gr. (neque vero nos oportet humana sapere ac sentire, ut quidam monent, quum simus homines; neque mortalia, quum mortales; sed nos ipsos, quoad ejus 35 fieri potest, a mortalitate vindicare, atque omnia facere, ut ei nostri parti, quae in nobis est optima, convenienter vivamus. (Eth. Nic. X, 7.) Eine ſolche Geiſtesrichtung iſt 8 5 162 — ——T—ͤ—ͤ—„— a an m ae ls I hekakgalsnimihenn ne sans — — Hh — V—— — —ä— engen in Ueber die Universitäts- Philosophie. allerdings eine höchſt ſeltene Anomalie, deren Früchte jedoch, eben deswegen, im Laufe der Zeit, der ganzen Menſchheit zu Gute kommen; da ſie glücklicherweiſe von der Gattung ſind, die ſich aufbewahren läßt. Näher: man kann die Denker eintheilen in ſolche, die für ſich ſelbſt, und ſolche, die für Andere denken: dieſe ſind die Regel, jene die Ausnahme. Erſtere ſind demnach Selbſtdenker im zwiefachen, und Egoiſten im edelſten Sinne des Worts: ſie allein ſind es, von denen die Welt Be⸗ lehrung empfängt. Denn nur das Licht, welches Einer ſich ſelber angezündet hat, leuchtet nachmals auch Andern; ſo daß von Dem, was Seneka in moraliſcher Hinſicht behauptet, alteri vivas oportet, si vis tibi vivere (ep. 48), in intellektualer das Um⸗ gekehrte gilt: tibi cogites oportet, si omnibus cogitasse volueris. Dies aber iſt gerade die ſeltene, durch keinen Vorſatz und guten A I >} £144) Willen zu erzwingende Anomalie, ohne welche jedoch, in der Philoſophie, kein wirklicher Fortſchritt möglich iſt. Denn für Andere, oder überhaupt für mittelbare Zwecke, geräth nimmermehr ein Kopf in die höchſte, dazu eben erforderte, Anſpannung, als welche gerade das Vergeſſen ſeiner ſelbſt und aller Zwecke ver⸗ 20 langt; ſondern da bleibt es beim Schein und Vorgeben der Sache. Da werden zwar allenfalls einige vorgefundene Begriffe auf mancherlei Weiſe kombinirt und ſo gleichſam ein Kartenhäuſerbau damit vorgenommen: aber nichts Neues und Aechtes kommt da⸗ durch in die Welt. Nun nehme man noch hinzu, daß Leute, 25 denen das eigene Wohl der wahre Zweck, das Denken nur Mittel dazu iſt, ſtets die temporären Bedürfniſſe und Neigungen der Zeitgenoſſen, die Abſichten der Befehlenden u. dgl. m. im Auge behalten müſſen. Dabei läßt ſich nicht nach der Wahrheit zielen, die, ſelbſt bei redlich auf ſie gerichtetem Blicke, unendlich ſchwer 30 zu treffen iſt. Ueberhaupt aber, wie ſollte der, welcher für ſich, nebſt Weib und Kind, ein redliches Auskommen ſucht, zugleich ſich der Wahrheit weihen? der Wahrheit, die zu allen Zeiten ein ge⸗ fährlicher Begleiter, ein überall unwillkommener Gaſt geweſen 35 iſt, — die vermuthlich auch deshalb nackt dargeſtellt wird, weil ſie nichts mitbringt, nichts auszutheilen hat, ſondern nur ihrer ſelbſt wegen geſucht ſeyn will. Zwei ſo verſchiedenen Herren, wie der Welt und der Wahrheit, die nichts, als den Anfangs⸗ 163
Ueber die Universitäts-Philosophie. buchſtaben, gemein haben, läßt fich zugleich nicht dienen: das Unternehmen führt zur Heuchelei, zur Augendienerei, zur Achſel⸗ trägerei. Da kann es geſchehn, daß aus einem Prieſter der Wahrheit ein Verfechter des Truges wird, der eifrig lehrt was er ſelbſt nicht glaubt, dabei der vertrauensvollen Jugend die Zeit und den Kopf verdirbt, auch wohl gar, mit Verleugnung alles litterariſchen Gewiſſens, zum Präkonen einflußreicher Pfuſcher, 3. B. frömmelnder Strohköpfe, ſich hergiebt; oder auch, daß er, weil vom Staat und zu Staatszwecken beſoldet, nun den Staat zu apotheoſiren, ihn zum Gipfelpunkt alles menſchlichen Strebens und aller Dinge zu machen, ſich angelegen ſeyn läßt, und dadurch nicht nur den philoſophiſchen Hörſaal in eine Schule der platteſten Philiſterei umſchafft, ſondern am Ende, wie z. B. Hegel, zu der empörenden Lehre gelangt, daß die Beſtimmung des Men⸗ ſchen im Staat aufgehe, — etwan wie die der Biene im Bienen⸗ ſtock; wodurch das hohe Ziel unſers Daſeyns den Augen ganz entrückt wird. Daß die Philoſophie ſich nicht zum Brodgewerbe eigne, hat ſchon Plato in ſeinen Schilderungen der Sophiſten, die er dem Sokrates gegenüberſtellt, dargethan, am allerergötzlichſten aber im Eingang des Protagoras das Treiben und den Succeß dieſer Leute mit unübertrefflicher Komik geſchildert. Das Geldverdienen mit der Philoſophie war und blieb, bei den Alten, das Merk⸗ mal, welches den Sophiſten vom Philoſophen unterſchied. Das Verhältniß der Sophiſten zu den Philoſophen war demnach ganz analog dem zwiſchen den Mädchen, die ſich aus Liebe hingegeben haben, und den bezahlten Freudenmädchen. Daß aus dieſem Grunde Sokrates den Ariſtipp unter die Sophiſten verwies und auch Ari⸗ ſtoteles ihn dahin zählt, habe ich bereits in meinem Hauptwerk, Bd. 2, K. 17, S. 162 [3. Aufl. S. 179], nachgewieſen. Daß auch die Stoiker es jo anſahen, berichtet Stobäos (Ecl. eth. L. II, c. 7): roy hey aur vo Asyovruv GopLoTeVELV, To e te HEN o vt Tay TG Plkocoptag doypatav Toy 8 ÖTOTONNSAYTWY Ev TW GOYLoTEVELy TEpLEXEOTaL , Paukov, olover Aoyoug Nm, oo PXLEYWY de AO eee Tax Tv ERLTUXOVTOY Ypnnarıleodar, KATRdssoTEepov Yap Eva co TEONOV TOUTOV TOD YPNMATLOROV TOD Tng Priocopiag aELwparoc. (S.Stob. ecl. phys. et. eth., ed. Heeren, part. sec. tom. pr. p. 226.) 164 — >} [145] 35 Ueber die Universitäts- Philosophie. Auch die Stelle des Kenophon, welche Stobäos im Florilegio Bd. I, p. 57 beibringt, lautet nach dem Original (Memorabilia I, 6, 1): dove he c coοτν apyuprou Tu BOονναν TWAOUVTaS, Gotorag aroxarovow. Auch Ulpian wirft die Frage auf: an et philosophi professorum numero sint? Et non putem, non quia non religiosa res est, sed quia hoc primum profiteri eos oportet, mercenariam operam spernere. (Lex I, $ 4, Dig. de extraord. cognit., 50, 18.) Die Meinung war in dieſem Punkt fo unerſchütterlich, daß wir fie ſelbſt noch unter den ſpätern Kaiſern in voller Geltung finden; indem ſogar noch beim Philoſtratus (Lib. I. c. 13) Apollonius von Tyana feinem Gegner Euphrates das d aopıay anmkevcı Gapientiam cauponari) zum Hauptvorwurf macht, auch in feiner 51ften Epiſtel eben dieſem ſchreibt: ETLTLAWOL got TIVeg, Gg EANPOTL Ypmpara rapa ou Baotkewg' ö eg aux aromov, et em PaLvoto PLAODOHLAaG ELMPEVaL BLONoV, Kar TOGRuTaxts, Net ET roco, XL TAHR TOD MENLOTEVXOTOg EIVAL GE MLÄOGOROV. (Reprehendunt te quidam, quod pecuniam ab imperatore acceperis: quod absonum non esset, nisi videreris philosophiae mercedem accepisse, et toties, et tam magnam, et ab illo, qui te philosophum esse putabat.) In Ueberein⸗ ſtimmung hiemit fagt er, in der 42ſten Epiftel, von ſich ſelbſt, daß er nöthigenfalls ein Almoſen, aber nie, ſelbſt nicht im Fall der Bedürftigkeit, einen Lohn für ſeine Philoſophie annehmen 25 würde: Eav tız Arodwvin yonmara dd h, t 5 didovg aitos voröntat, Ne dsoevog' Prhocoptag de fut ou Anberau, e deurat. (Si quis Apollonio pecunias dederit et qui dat dignus judicatus fuerit ab eo; si opus habuerit, accipiet. Philosophiae vero mercedem, ne si indigeat quidem, accipiet.) 30 Dieſe uralte Anſicht hat ihren guten Grund und beruht darauf, daß die Philoſophie gar viele Berührungspunkte mit dem menſch⸗ lichen Leben, dem öffentlichen, wie dem der Einzelnen, hat; weshalb, wenn Erwerb damit getrieben wird, alsbald die Ab⸗ 1146] ſicht das Uebergewicht über die Einſicht erhält und aus angeb⸗ 35 lichen Philoſophen bloße Paraſiten der Philoſophie werden: ſolche aber werden dem Wirken der ächten Philoſophen hemmend und feindlich entgegentreten, ja, ſich gegen ſie verſchwören, um nur was ihre Sache fördert zur Geltung zu bringen. Denn 2 1 > I A 2 8 165
"Ueber die Universitäts-Philosophie. fobald es Erwerb gilt, kann es leicht dahin kommen, daß, wo der Vortheil es heiſcht, allerlei niedrige Mittel, Einverſtänd⸗ niſſe, Koalitionen u. ſ. w. angewandt werden, um, zu mas teriellen Zwecken, dem Falſchen und Schlechten Eingang und Geltung zu verſchaffen; wobei es nothwendig wird, das ent⸗ 5 gegenſtehende Wahre, Aechte und Werthvolle zu unterdrücken. Solchen Künſten aber iſt kein Menſch weniger gewachſen, als ein wirklicher Philoſoph, der etwan mit ſeiner Sache unter das Treiben dieſer Gewerbsleute gerathen wäre. — Den ſchönen Künſten, ſelbſt der Poeſie, ſchadet es wenig, daß ſie auch zum 10 Erwerbe dienen: denn jedes ihrer Werke hat eine geſonderte Exiſtenz für ſich, und das Schlechte kann das Gute ſo wenig verdrängen, wie verdunkeln. Aber die Philoſophie iſt ein Ganzes, alſo eine Einheit, und iſt auf Wahrheit, nicht auf Schönheit gerichtet: es giebt vielerlei Schönheit, aber nur eine Wahrheit; 15 wie viele Muſen, aber nur eine Minerva. Eben deshalb darf der Dichter getroſt verſchmähen, das Schlechte zu geißeln; aber der Philoſoph kann in den Fall kommen, dies thun zu müſſen. Denn das zur Geltung gelangte Schlechte ſtellt hier ſich dem Guten geradezu feindlich entgegen, und das wuchernde Unkraut verdrängt die brauchbare Pflanze. Die Philoſophie iſt, ihrer Natur nach, exkluſiv: ſie begründet ja die Denkungsart des Zeit⸗ alters: daher duldet das herrſchende Syſtem, wie die Söhne der Sultane, kein anderes neben ſich. Dazu kommt, daß hier das Urtheil höchſt ſchwierig, ja, ſchon die Erlangung der Data zu demſelben mühevoll iſt. Wird hier, durch Kunſtgriffe, das Falſche in Cours gebracht und überall, als das Wahre und Aechte, von belohnten Stentorſtimmen ausgeſchrien; ſo wird der Geiſt der Zeit vergiftet, das Verderben ergreift alle Zweige der Litteratur, aller höhere Geiſtesaufſchwung ſtockt, und dem wirklich Guten und Aechten in jeder Art iſt ein Bollwerk entgegengeſetzt, das lange vorhält. Dies find die Früchte der pro co H οꝙopog. Man ſehe, zur Erläuterung, den Unfug, der ſeit Kant mit der Philoſophie getrieben und was dabei aus ihr geworden [147 iſt. Aber erſt die wahre Geſchichte der Hegelſchen Scharlatanerie 35 und der Wege ihrer Verbreitung wird einſt die rechte Illuſtration zu dem Geſagten liefern. Dieſem Allen zufolge wird Der, dem es nicht um Staats⸗ vw 0 vw 5 0 w 166 Ueber die Universitäts-Philosophie. philoſophie und Spaaßphiloſophie, ſondern um Erkenntniß und daher um ernſtlich gemeinte, folglich rückſichtsloſe Wahrheits⸗ forſchung zu thun iſt, ſie überall eher zu ſuchen haben, als auf den Univerſitäten, als wo ihre Schweſter, die Philoſophie ad 5 normam conventionis, das Regiment führt und den Küchenzettel ſchreibt. Ja, ich neige mich mehr und mehr zu der Meinung, daß es für die Philoſophie heilſamer wäre, wenn ſie aufhörte, ein Gewerbe zu ſeyn, und nicht mehr im bürgerlichen Leben, durch Profeſſoren repräſentirt, aufträte. Sie iſt eine Pflanze, 10 die wie die Alpenroſe und die Fluenblume, nur in freier Berg⸗ luft gedeiht, hingegen bei künſtlicher Pflege ausartet. Jene Re⸗ präſentanten der Philoſophie im bürgerlichen Leben repräſentiren ſie meiſtens doch nur ſo, wie der Schauſpieler den König. Waren etwan die Sophiſten, welche Sokrates ſo unermüdlich befehdete 1 und die Plato zum Thema feines Spottes macht, etwas An⸗ deres, als Profeſſoren der Philoſophie und Rhetorik? Ja, iſt es nicht eigentlich jene uralte Fehde, welche, ſeitdem nie ganz erloſchen, noch heute von mir fortgeführt wird? Die höchſten Beſtrebungen des menſchlichen Geiſtes vertragen ſich nun ein 20 Mal nicht mit dem Erwerb: ihre edele Natur kann ſich damit nicht amalgamiren. — Allenfalls möchte es mit der Univerſitäts⸗ philoſophie noch hingehn, wenn die angeſtellten Lehrer derſelben ihrem Beruf dadurch zu genügen dächten, daß ſie, nach Weiſe der andern Profeſſoren, das vorhandene, einſtweilen als wahr 25 geltende Wiſſen ihres Faches an die heranwachſende Generation weiter gäben, alſo das Syſtem des zuletzt dageweſenen wirklichen Philoſophen ihren Zuhörern treu und genau auseinanderſetzten und ihnen die Sachen klein kauten: — Das gienge, ſage ich, allen⸗ falls, wenn ſie dazu nur ſoviel Urtheil, oder wenigſtens Takt, 30 mitbrächten, nicht bloße Sophiſten, wie z. B. einen Fichte, einen Schelling, geſchweige einen Hegel, auch für Philoſophen zu halten. Allein nicht nur fehlt es in der Regel ihnen an beſagten Eigenſchaften, ſondern ſie ſind in dem unglücklichen Wahne be⸗ fangen, es gehöre zu ihrem Amte, daß auch ſie ſelbſt die Philo⸗ [248] ſophen ſpielten und die Welt mit den Früchten ihres Tiefſinns beſchenkten. Aus dieſem Wahne gehn nun jene ſo kläglichen, wie zahlreichen Produktionen hervor, in welchen Alltagsköpfe, ja mitunter ſolche, die nicht ein Mal Alltagsköpfe ſind, die Pro⸗ 12 Schopenhauer, Werke V 167
Ueber die Universitäts-Philosophie. bleme behandeln, auf deren Löſung ſeit Jahrtauſenden die äußerſten Anſtrengungen der ſeltenſten, mit den außerordentlichſten Fähigkeiten ausgerüſteten, ihre eigene Perſon über die Liebe zur Wahrheit vergeſſenden und von der Leidenſchaft des Strebens nach Licht mitunter bis in den Kerker, ja, auf's Schafott ge⸗ triebenen Köpfe gerichtet geweſen ſind; Köpfe, deren Seltenheit ſo groß iſt, daß die Geſchichte der Philoſophie, welche, ſeit dritt⸗ halbtauſend Jahren, neben der Geſchichte der Staaten, als ihr Grundbaß, hergeht, kaum 7/00 jo viele namhafte Philoſophen auf⸗ zuweiſen hat, als die Staatengeſchichte namhafte Monarchen: denn es ſind keine andern, als die ganz vereinzelten Köpfe, in welchen die Natur zu einem deutlicheren Bewußtſeyn ihrer ſelbſt gekommen war, als in andern. Eben dieſe aber ſtehn der Ge⸗ wöhnlichkeit und der Menge ſo fern, daß den meiſten erſt nach ihrem Tode, oder höchſtens im ſpäten Alter, eine gerechte Aner⸗ kennung geworden iſt. Hat doch z. B. ſogar der eigentliche, hohe Ruhm des Ariſtoteles, der ſpäter ſich weiter, als irgend einer, verbreitete, allem Anſchein nach, erſt 200 Jahre nach ſeinem Tode begonnen. Epikuros, deſſen Name, noch heut zu Tage, ſogar dem großen Haufen bekannt iſt, hat in Athen, bis zu ſeinem Tode, völlig ungekannt gelebt. (Sen. ep. 79.) Bruno und Spinoza kamen erſt im zweiten Jahrhundert nach ihrem Tode zur Geltung und Ehre. Selbſt der ſo klar und populär ſchreibende David Hume war, obwohl er ſeine Werke längſt geliefert hatte, 50 Jahre alt, als man anfieng ihn zu beachten. Kant wurde erſt nach ſeinem 60. Jahre berühmt. Mit den Kathederphiloſophen unſerer Tage freilich gehn die Sachen ſchneller; da ſie keine Zeit zu verlieren haben: nämlich der eine Profeſſor verkündet die Lehre ſeines auf der benachbarten Univerſität flori⸗ renden Kollegen, als den endlich erreichten Gipfel menſchlicher Weisheit; und ſofort iſt dieſer ein großer Philoſoph, der unver⸗ züglich ſeinen Platz in der Geſchichte der Philoſophie einnimmt, nämlich in derjenigen, welche ein dritter Kollege zur nächſten Meſſe in Arbeit hat, der nun ganz unbefangen den unſterblichen [149] Namen der Märtyrer der Wahrheit, aus allen Jahrhunderten, 35 die werthen Namen ſeiner eben jetzt florirenden wohlbeſtallten Kollegen anreiht, als eben ſo viele Philoſophen, die auch in Reihe und Glied treten können, da ſie ſehr viel Papier gefüllt 168 — — vw w 0 5 0 0 1 Ueber die Univers itãts- Philosophie. und allgemeine kollegialiſche Beachtung gefunden haben. Da heißt es dann z. B. „Ariſtoteles und Herbart,“ oder „Spinoza und Hegel,“ „Plato und Schleiermacher,“ und die erſtaunte Welt muß ſehn, daß die Philoſophen, welche die karge Natur 5 ehemals im Laufe der Jahrhunderte nur vereinzelt hervorzubringen vermochte, während dieſer letzten Decennien, unter den bekanntlich ſo hoch begabten Deutſchen, überall wie die Pilze aufgeſchoſſen ſind. Natürlich wird dieſer Glorie des Zeitalters auf alle Weiſe nachgeholfen; daher, ſei es in gelehrten Zeitſchriften, oder auch in ſeinen eigenen Werken, der eine Philoſophieprofeſſor nicht er⸗ mangeln wird, die verkehrten Einfälle des andern mit wichtiger Miene und amtlichem Ernſt in genaue Erwägung zu ziehn; ſo daß es ganz ausſieht, als handelte es ſich hier um wirkliche Fortſchritte der menſchlichen Erkenntniß. Dafür widerfährt ſeinem D 15 Abortus nächſtens die ſelbe Ehre, und wir wiſſen ja, daß nihil 2 D officiosius, quam cum mutuum muli scabunt. So viele ges wöhnliche Köpfe, die fich von Amts und Berufs wegen verpflichtet glauben, Das vorzuſtellen, was die Natur mit ihnen am aller⸗ wenigſten beabſichtigt hatte, und die Laſten zu wälzen, welche die Schultern geiſtiger Rieſen erfordern, bieten aber im Ernſt ein gar klägliches Schauſpiel dar. Denn den Heiſern ſingen zu hören, den Lahmen tanzen zu ſehn, iſt peinlich; aber den beſchränkten Kopf philoſophirend zu vernehmen iſt unerträglich. Um nun den Mangel an wirklichen Gedanken zu verbergen, machen 25 Marche ſich einen imponirenden Apparat von langen, zuſammen⸗ 3 8 geſetzten Worten, intrikaten Floskeln, unabſehbaren Perioden, neuen und unerhörten Ausdrücken, welches Alles zuſammen dann einen möglichſt ſchwierigen und gelehrt klingenden Jargon ab⸗ giebt. Jedoch ſagen ſie, mit dem Allen, — nichts: man em⸗ pfängt keine Gedanken, fühlt feine Einficht nicht vermehrt, ſon⸗ dern muß auffeufzen: „das Klappern der Mühle höre ich wohl, aber das Mehl ſehe ich nicht“; oder auch, man ſieht nur zu deutlich, welche dürftige, gemeine, platte und rohe Anſichten hinter [250] dem hochtrabenden Bombaft ſtecken. O! daß man ſolchen Spaaß⸗ V philoſophen einen Begriff beibringen könnte von dem wahren und furchtbaren Ernſt, mit welchem das Problem des Daſeyns den Denker ergreift und ſein Innerſtes erſchüttert! Da würden ſie keine Spaaßphiloſophen mehr ſeyn können, nicht mehr, mit 12* 169
Ueber die Universitäts-Philosophie. Gelaſſenheit, müßige Flauſen aushecken, vom abſoluten Gedanken, oder vom Widerſpruch, der in allen Grundbegriffen ſtecken ſoll, noch mit beneidenswerthem Genügen ſich an hohlen Nüſſen letzen, wie „die Welt iſt das Daſeyn des Unendlichen im Endlichen,“ und „der Geiſt iſt der Reflex des Unendlichen im Endlichen,“ u. ſ. w. Es wäre ſchlimm für ſie: denn ſie wollen nun ein Mal Philoſophen ſeyn und ganz originelle Denker. Nun aber iſt, daß ein gewöhnlicher Kopf ungewöhnliche Gedanken haben follte, gerade fo wahrſcheinlich, wie daß eine Eiche Aprikoſen trüge. Die gewöhnlichen Gedanken hingegen hat Jeder ſchon ſelbſt und braucht ſie nicht zu leſen: folglich kann, da es in der Philoſophie bloß auf Gedanken, nicht auf Erfahrungen und Thatſachen ankommt, durch gewöhnliche Köpfe hier nie etwas geleiſtet werden. Einige, des Uebelſtandes ſich bewußt, haben ſich einen Vorrath fremder, meiſt unvollkommen, ſtets flach auf⸗ gefaßter Gedanken aufgeſpeichert, die freilich in ihren Köpfen immer noch in Gefahr ſind, ſich in bloße Phraſen und Worte zu verflüchtigen. Mit dieſen ſchieben ſie dann hin und her, und ſuchen allenfalls, ſie, wie Dominoſteine, an einander zu paſſen: ſie vergleichen nämlich was Dieſer geſagt hat, und was Jener, und was wieder ein Anderer, und noch Einer, und ſuchen daraus klug zu werden. Vergeblich würde man bei ſolchen Leuten irgend eine feſte, auf anſchaulicher Baſis ruhende und daher durchweg zuſammenhängende Grundanſicht von den Dingen und der Welt ſuchen: eben deshalb haben ſie über nichts eine ganz entſchiedene Meinung, oder beſtimmtes, feſtes Urtheil; ſon⸗ dern ſie tappen mit ihren erlernten Gedanken, Anſichten und Exceptionen wie im Nebel umher. Sie haben eigentlich auch nur auf Wiſſen und Gelehrſamkeit zum Weiterlehren hinge⸗ arbeitet. Das möchte ſeyn: aber dann ſollen fie nicht die Philo⸗ ſophen ſpielen, hingegen den Hafer von der Spreu zu unter⸗ ſcheiden verſtehn. Die wirklichen Denker haben auf Einſicht, und zwar ihrer ſelbſt wegen, hingearbeitet; weil ſie die Welt, in der ſie ſich be⸗ fanden, doch irgend wie ſich verſtändlich zu machen inbrünſtiglich 751 begehrten; nicht aber um zu lehren und zu ſchwätzen. Daher erwächſt in ihnen langſam und allmälig, in Folge anhaltender Meditation, eine feſte, zuſammenhängende Grundanſicht, die zu 170 — — v 0 0 5 0 5 Ueber die Universitäts-Philosophie. ihrer Baſis allemal die anſchauliche Auffaſſung der Welt hat, und von der Wege ausgehn zu allen ſpeciellen Wahrheiten, welche ſelbſt wieder Licht zurückwerfen auf jene Grundanſicht. Daraus folgt denn auch, daß ſie über jedes Problem des Lebens 5 und der Welt wenigſtens eine entſchiedene, wohl verſtandene und mit dem Ganzen zuſammenhängende Meinung haben, und daher niemanden mit leeren Phraſen abzufinden brauchen, wie hingegen jene Erſteren thun, die man ſtets mit dem Vergleichen und Ab⸗ wägen fremder Meinungen, ſtatt mit den Dingen ſelbſt, beſchäf⸗ 10 tigt findet, wonach man glauben könnte, es ſei die Rede von ent⸗ fernten Ländern, über welche man die Berichte der wenigen, dort hingelangten Reiſenden kritiſch zu vergleichen hätte, nicht aber von der, auch vor ihnen ausgebreitet und klar daliegenden, wirklichen Welt. Jedoch bei ihnen heißt es: 15 Pour nous, Messieurs, nous avons l’habitude De rediger au long, de point en point, Ce qu’on pensa, mais nous ne pensons point. Voltaire. Das Schlimmſte bei dem ganzen Treiben, das fonft immer: 20 bin, für den kurioſen Liebhaber, feinen Fortgang haben möchte, iſt jedoch Dieſes: es liegt in ihrem Intereſſe, daß das Flache und Geiſtloſe für etwas gelte. Das kann es aber nicht, wenn dem etwan auftretenden Aechten, Großen, Tiefgedachten ſofort ſein Recht widerfährt. Um daher dieſes zu erſticken und das 25 Schlechte ungehindert in Cours zu bringen, ballen ſie, nach Art aller Schwachen, ſich zuſammen, bilden Kliquen und Parteien, bemächtigen ſich der Litteraturzeitungen, in welchen fie, wie auch in eigenen Büchern, mit tiefer Ehrfurcht und wichtiger Miene von ihren reſpectiven Meiſterwerken reden und auf ſolche Art 30 das kurzſichtige Publikum bei der Naſe herumführen. Ihr Ver⸗ hältniß zu den wirklichen Philoſophen iſt ungefähr das der ehe⸗ maligen Meiſterſänger zu den Dichtern. Zur Erläuterung des Geſagten ſehe man die meſſentlich erſcheinenden Schreibereien der Kathederphiloſophen, nebſt den dazu aufſpielenden Litteratur⸗ 35 zeitungen: wer ſich darauf verſteht betrachte die Verſchmitztheit, Ia] mit der dieſe letzteren, vorkommenden Falls, bemüht find, das Bedeutende als unbedeutend zu vertuſchen und die Kniffe, die ſie gebrauchen, es der Aufmerkſamkeit des Publikums zu entziehn, 171
Ueber die Universitäts-Philosophie. eingedenk des Spruches des Publilius Syrus: Jacet omnis virtus, fama nisi late patet. (S. P. Syri et aliorum sententiae. Ex rec. J. Gruteri. Misenae 1790, v. 280.) Nun aber gehe man auf dieſem Wege und mit dieſen Betrachtungen immer weiter zurück, bis zum Anfange dieſes Jahrhunderts, ſehe, 5 was früher die Schellingianer, dann aber noch viel ärger die Hegelianer in den Tag hineingeſündigt haben: man überwinde ſich, man durchblättere den ekelhaften Wuſt! denn ihn zu leſen iſt keinem Menſchen zuzumuthen. Dann überlege und berechne man die unſchätzbare Zeit, nebſt dem Papier und Gelde, welches das Publikum, ein halbes Jahrhundert hindurch, an dieſen Pfuſchereien hat verlieren müſſen. Freilich iſt auch die Geduld des Publikums unbegreiflich, welches das, Jahr aus, Jahr ein, fortgeſetzte Geträtſche geiſtloſer Philoſophaſter lieſt, ungeachtet der marternden Langweiligkeit, die wie ein dicker Nebel darauf brütet, eben weil man lieſt und lieſt, ohne je eines Gedankens habhaft zu werden, indem der Schreiber, dem ſelbſt nichts Deut⸗ liches und Beſtimmtes vorſchwebte, Worte auf Worte, Phraſen auf Phraſen häuft und doch nichts ſagt, weil er nichts zu ſagen hat, nichts weiß, nichts denkt, dennoch reden will und daher ſeine Worte wählt, nicht je nachdem ſie ſeine Gedanken und Ein⸗ ſichten treffender ausdrücken, ſondern je nachdem ſie ſeinen Mangel daran geſchickter verbergen. Dergleichen jedoch wird gedruckt, gekauft und geleſen: und fo geht es nun ſchon ein halbes Jahr⸗ hundert hindurch, ohne daß die Leſer dabei inne würden, daß 25 ſie, wie man im Spaniſchen ſagt, papan viento, d. h. bloße Luft ſchlucken. Inzwiſchen muß ich, um gerecht zu ſeyn, erwäh⸗ nen, daß, um dieſe Klappermühle im Gange zu erhalten, oft noch ein ganz eigener Kunſtgriff angewandt wird, deſſen Er⸗ findung auf die Herren Fichte und Schelling zurückzuführen iſt. Ich meine den verſchmitzten Kniff, dunkel, d. h. unverſtändlich, zu ſchreiben; wobei die eigentliche Fineſſe iſt, ſeinen Galli⸗ mathias ſo einzurichten, daß der Leſer glauben muß, es liege an ihm, wenn er denſelben nicht verſteht; während der Schreiber ſehr wohl weiß, daß es an ihm ſelbſt liegt, indem er eben nichts 35 eigentlich Verſtehbares, d. h. klar Gedachtes, mitzutheilen hat. Ohne dieſen Kunſtgriff hätten die Herren Fichte und Schelling — 0 — 5 D 0 0 ws ihren Pſeudo⸗Ruhm nicht auf die Beine bringen können. Aber [153] 172 Ueber die Universitäts- Philosophie. bekanntlich hat den ſelben Kunſtgriff Keiner ſo dreiſt und in ſo hohem Grade ausgeübt, wie Hegel. Hätte Dieſer gleich An⸗ fangs den abſurden Grundgedanken ſeiner Afterphiloſophie, — nämlich dieſen, den wahren und natürlichen Hergang der Sache 5 gerade auf den Kopf zu ſtellen und demnach die Allgemein: Begriffe, welche wir aus der empiriſchen Anſchauung abſtrahiren, die mithin durch Wegdenken von Beſtimmungen entſtehn, folglich je allgemeiner deſto leerer ſind, zum Erſten, zum Urſprünglichen, zum wahrhaft Realen (zum Ding an ſich, in Kantiſcher Sprache) 10 zu machen, in Folge Deſſen die empiriſch⸗reale Welt allererſt ihr Daſeyn habe, — hätte er, fage ich, dieſes monſtroſe do regoy rporspov, ja dieſen ganz eigentlich aberwitzigen Einfall, nebft dem Beiſatz, daß ſolche Begriffe, ohne unſer Zuthun, ſich ſelber dächten und bewegten, gleich Anfangs in klaren, verſtändlichen 1 Worten deutlich dargelegt; fo würde Jeder ihm ins Geſicht gelacht, oder die Achſeln gezuckt und die Poſſe keiner Beachtung werth gehalten haben. Dann aber hätte ſelbſt Feilheit und Niederträchtigkeit vergebens in die Poſaune ſtoßen können, um der Welt das Abſurdeſte, welches ſie je geſehn, als die höchſte 20 Weisheit aufzulügen und die deutſche Gelehrtenwelt, mit ihrer Urtheilskraft, auf immer zu kompromittiren. Hingegen unter der Hülle des unverſtändlichen Gallimathias, da gieng es, da machte der Aberwitz Glück: Omnia enim stolidi magis admirantur amantque, 25 Inversis quae sub verbis latitantia cernunt. Lucr. I, 642. Durch ſolche Beiſpiele ermuthigt ſuchte ſeitdem faſt jeder armſäligſte Skribler etwas darin, mit pretiöſer Dunkelheit zu ſchreiben, damit es ausſähe, als vermöchten keine Worte ſeine 30 hohen, oder tiefen Gedanken auszudrücken. Statt auf jede Weiſe bemüht zu ſeyn, ſeinem Leſer deutlich zu werden, ſcheint er ihm oft neckend zuzurufen: „Gelt, du kannſt nicht rathen was ich mir dabei denke!“ Wenn nun Jener, ſtatt zu antworten, „darum werd ich mich den Teufel ſcheeren,“ und das Buch wegzuwerfen, 35 ſich vergeblich daran abmüht; fo denkt er am Ende, es müſſe doch etwas höchſt Geſcheutes, nämlich ſogar ſeine Faſſungskraft Ueberſteigendes ſeyn, und nennt nun, mit hohen Augenbrauen, [254] feinen Autor einen tiefſinnigen Denker. Eine Folge dieſer ganzen 173
Ueber die Universitäts-Philosophie. ſaubern Methode ift, unter andern, daß, wenn man in England etwas als ſehr dunkel, ja, ganz unverſtändlich bezeichnen will, man ſagt it is like German metaphysics; ungefähr wie man in Frankreich ſagt c’est clair comme la bouteille à l’encre. Es iſt wohl überflüſſig, hier zu erwähnen, doch kann es nicht zu oft geſagt werden, daß, im Gegentheil, gute Schriftſteller ſtets eifrig bemüht ſind, ihren Leſer zu nöthigen, genau eben Das zu denken, was ſie ſelbſt gedacht haben: denn wer etwas Rechtes mitzutheilen hat, wird ſehr darauf bedacht ſeyn, daß es nicht verloren gehe. Deshalb beruht der gute Stil hauptſächlich darauf, daß man wirklich etwas zu ſagen habe: bloß dieſe Kleinig⸗ keit iſt es, die den meiſten Schriftſtellern unſerer Tage abgeht und dadurch Schuld iſt an ihrem ſo ſchlechten Vortrage. Be⸗ ſonders aber iſt der generiſche Charakter der philoſophiſchen Schriften dieſes Jahrhunderts das Schreiben, ohne eigentlich etwas zu ſagen zu haben: er iſt ihnen allen gemeinſam und kann daher auf gleiche Weiſe am Salat, wie am Hegel, am Herbart, wie am Schleiermacher ſtudirt werden. Da wird, nach homoio⸗ pathiſcher Methode, das ſchwache Minimum eines Gedankens mit 50 Seiten Wortſchwall diluirt und nun, mit gränzenloſem Zutrauen zur wahrhaft deutſchen Geduld des Leſers, ganz ges laſſen, Seite nach Seite, ſo fortgeträtſcht. Vergebens hofft der zu dieſer Lektüre verurtheilte Kopf auf eigentliche, ſolide und ſubſtantielle Gedanken: er ſchmachtet, ja, er ſchmachtet nach irgend einem Gedanken, wie der Reiſende in der arabiſchen Wüſte nach Waſſer, — und muß verſchmachten. Nun nehme man dagegen irgend einen wirklichen Philoſophen zur Hand, gleichviel aus welcher Zeit, aus welchem Lande, ſei es Plato oder Ariſtoteles, Carteſius, oder Hume, Malebranche, oder Locke, Spinoza, oder Kant: immer begegnet man einem ſchönen und gedankenreichen Geiſte, der Erkenntniß hat und Erkenntniß wirkt, beſonders aber ſtets redlich bemüht iſt, ſich mitzutheilen; daher er dem empfäng⸗ lichen Leſer, bei jeder Zeile, die Mühe des Leſens unmittelbar vergilt. Was nun die Schreiberei unſerer Philoſophaſter ſo überaus gedankenarm und dadurch marternd langweilig macht iſt zwar, im letzten Grunde, die Armuth ihres Geiſtes, zunächſt aber Dieſes, daß ihr Vortrag ſich durchgängig in höchſt abſtrakten, allgemeinen und überaus weiten Begriffen bewegt, daher 174 — 0 — 5 0 Ueber die Universitäts- Philosophie. [rss] auch meiſtens nur in unbeſtimmten, ſchwankenden, verblaſenen 2 1 D I 2 2 8 2 A D 35 Ausdrücken einherſchreitet. Zu dieſem aerobatifchen Gange find ſie aber genöthigt; weil ſie ſich hüten müſſen, die Erde zu be⸗ rühren, als wo ſie, auf das Reale, Beſtimmte, Einzelne und Klare ſtoßend, lauter gefährliche Klippen antreffen würden, an denen ihre Wort⸗Dreimaſter ſcheitern könnten. Denn ſtatt Sinne und Verſtand feſt und unverwandt zu richten auf die anſchaulich vorliegende Welt, als auf das eigentlich und wahrhaft Gegebene, das Unverfälſchte und an ſich ſelbſt dem Irrthum nicht Aus⸗ geſetzte, durch welches hindurch wir daher in das Weſen der Dinge einzudringen haben, — kennen ſie nichts, als nur die höchſten Abſtraktionen, wie Seyn, Weſen, Werden, Abſolutes, Unend⸗ liches, u. |. f., gehn ſchon von dieſen aus und bauen daraus Syſteme, deren Gehalt zuletzt auf bloße Worte hinausläuft, die alſo eigentlich nur Seifenblaſen ſind, eine Weile damit zu ſpielen, jedoch den Boden der Realität nicht berühren können, ohne zu platzen. Wenn, bei allen. Dem, der Nachtheil, welchen die Unbe⸗ rufenen und Unbefähigten den Wiſſenſchaften bringen, bloß dieſer wäre, daß ſie darin nichts leiſten; wie es in den ſchönen Künſten hiebei ſein Bewenden hat; ſo könnte man ſich darüber tröſten und hinwegſetzen. Allein hier bringen ſie poſitiven Schaden, zunächſt dadurch, daß ſie, um das Schlechte in Anſehn zu er⸗ halten, Alle im natürlichen Bunde gegen das Gute ſtehn und aus allen Kräften bemüht ſind, es nicht aufkommen zu laſſen. Denn darüber täuſche man ſich nicht, daß, zu allen Zeiten, auf dem ganzen Erdenrunde und in allen Verhältniſſen, eine von der Natur ſelbſt angezettelte Verſchwörung aller mittelmäßigen, ſchlechten und dummen Köpfe gegen Geiſt und Verſtand exiſtirt. Gegen dieſe find fie ſämmtlich getreue und zahlreiche Bundes⸗ genoſſen. Oder iſt man etwan ſo treuherzig, zu glauben, daß ſie vielmehr nur auf die Ueberlegenheit warten, um ſolche an⸗ zuerkennen, zu verehren und zu verkündigen, um danach ſich ſelbſt ſo recht zu nichts herabgeſetzt zu ſehn? — Gehorſamer Diener! Sondern: tantum quisque laudat, quantum se posse sperat imitari. „Stümper, und nichts als Stümper, ſoll es geben auf der Welt; damit wir auch etwas ſeien!“ Dies iſt ihre eigent⸗ liche Loſung, und die Befähigten nicht aufkommen zu laſſen ein 175
Ueber die Universitäts-Philosophie. ihnen fo natürlicher Inſtinkt, wie der der Katze iſt, Mäuſe zu fangen. Man erinnere ſich auch hier der am Schluſſe der vor⸗ hergegangenen Abhandlung beigebrachten ſchönen Stelle Cham fort's. Sei doch ein Mal das öffentliche Geheimniß ausge⸗ ſprochen; ſei das Mondkalb an's Tageslicht gezogen; ſo ſeltſam auch es ſich in demſelben ausnimmt: allezeit und überall, in allen Lagen und Verhältniſſen, haßt Beſchränktheit und Dumm⸗ heit nichts auf der Welt ſo inniglich und ingrimmiglich, wie den Verſtand, den Geiſt, das Talent. Daß ſie hierin ſich ſtets treu bleibt, zeigt ſie in allen Sphären, Angelegenheiten und Bezie⸗ hungen des Lebens, indem ſie überall jene zu unterdrücken, ja auszurotten und zu vertilgen bemüht iſt, um nur allein dazu⸗ ſeyn. Keine Güte, keine Milde kann ſie mit der Ueberlegenheit der Geiſteskraft ausſöhnen. So iſt es, ſteht nicht zu ändern, wird auch immer ſo bleiben. Und welche furchtbare Majorität hat ſie dabei auf ihrer Seite! Dies iſt ein Haupthinderniß der Fortſchritte der Menſchheit in jeder Art. Wie nun aber kann es, unter ſolchen Umſtänden, hergehn auf dem Ge— biete, wo nicht ein Mal, wie in andern Wiſſenſchaften, der gute Kopf, nebſt Fleiß und Ausdauer, ausreicht, ſondern ganz eigen⸗ thümliche, ſogar nur auf Koſten des perſönlichen Glückes vor⸗ handene Anlagen erfordert werden? Denn wahrlich, die uneigen— nützigſte Aufrichtigkeit des Strebens, der unwiderſtehliche Drang nach Enträthſelung des Daſeyns, der Ernſt des Tiefſinns, der in das Innerſte der Weſen einzudringen ſich anſtrengt, und die ächte Begeiſterung für die Wahrheit, — dies ſind die erſten und unerläßlichen Bedingungen zu dem Wageſtücke, von Neuem hin⸗ zutreten vor die uralte Sphinx, mit einem abermaligen Verſuch, ihr ewiges Räthſel zu löſen, auf die Gefahr, hinabzuſtürzen, zu ſo vielen Vorangegangenen, in den finſtern Abgrund der Ver⸗ geſſenheit. Ein fernerer Nachtheil, den, in allen Wiſſenſchaften, das Treiben der Unberufenen bringt, iſt, daß es den Tempel des Irrthums aufbaut, an deſſen nachheriger Niederreißung gute Köpfe und redliche Gemüther bisweilen ihre Lebenszeit hindurch ſich abzuarbeiten haben. Und nun gar in der Philoſophie, im allgemeinſten, wichtigſten und ſchwierigſten Wiſſen! Will man hiezu ſpecielle Belege, ſo bringe man ſich das ſcheußliche Bei⸗ 176 [156] — — 3 ww 0 5 0 5 I D — 2 o 2 A 8 3 35 Ueber die Universitäts-Philosophie. ſpiel der Hegelei vor Augen, jener frechen Afterweisheit, welche, an die Stelle des eigenen, beſonnenen und redlichen Denkens und Forſchens, als philoſophiſche Methode die dialektiſche Selbſt⸗ bewegung der Begriffe ſetzte, alſo ein objektives Gedankenautomaton, welches frei in der Luft, oder im Empyreum, ſeine Gambolen auf eigene Hand mache, deren Spuren, Fährten, oder Ichnolithen die Hegel'ſchen und Hegelianiſchen Skripturen wären, welche doch vielmehr nur etwas unter ſehr flachen und dick ſchaligen Stirnen Ausgehecktes und, weit entfernt ein abſolut Objektives zu ſeyn, etwas höchſt Subjektives, noch dazu von ſehr mittelmäßigen Subjekten Erdachtes ſind. Danach aber betrachte man die Höhe und Dauer dieſes Babelbaues und erwäge den unberechenbaren Schaden, den eine ſolche, durch äußere, fremd— artige Mittel der ſtudirenden Jugend aufgezwungene, abſolute Un⸗ ſinnsphiloſophie dem an ihr herangewachſenen Geſchlechte und da⸗ durch dem ganzen Zeitalter hat bringen müſſen. Sind nicht un⸗ zählige Köpfe der gegenwärtigen Gelehrtengeneration dadurch von Grund aus verſchroben und verdorben? Stecken ſie nicht voll kor⸗ rupter Anſichten und laſſen, wo man Gedanken erwartet, hohle Phraſen, nichtsſagendes Wiſchiwaſchi, ekelhaften Hegeljargon ver⸗ nehmen? Iſt ihnen nicht die ganze Lebensanſicht verrückt und die platteſte, philiſterhafteſte, ja, niedrigſte Geſinnung an die Stelle der edlen und hohen Gedanken, welche noch ihre nächſten Vor⸗ fahren beſeelten, getreten? Mit Einem Worte, ſteht nicht die am Brütofen der Hegelei herangereifte Jugend da, als am Geiſte kaſtrirte Männer, unfähig zu denken und voll der lächerlichſten Präſumtion? wahrlich, am Geiſte ſo beſchaffen, wie am Leibe gewiſſe Thronerben, welche man weiland durch Ausſchweifungen, oder Pharmaka, zur Regierung, oder doch zur Fortführung ihres Stammes, unfähig zu machen ſuchte; geiſtig entnervt, des regel rechten Gebrauchs ihrer Vernunft beraubt, ein Gegenſtand des Mitleids, ein bleibendes Thema der Vaterthränen. — Nun aber höre man noch von der andern Seite, welche anſtößigen Urtheile über die Philoſophie ſelbſt und überhaupt, welche ungegründete Vorwürfe gegen ſie laut werden. Bei näherer Unterſuchung findet ſich dann, daß dieſe Schmäher unter Philoſophie eben nichts anderes, als das geiſtloſe und abſichtsvolle Gewäſche jenes elenden Scharlatans und das Echo deſſelben in den hohlen Köpfen ſeiner 177
Ueber die Universitäts-Philosophie. abgeſchmackten Verehrer verſtehn: Das meinen ſie wirklich, fei Philoſophie! Sie kennen eben keine andere. Freilich iſt beinahe die ganze jüngere Zeitgenoſſenſchaft von der Hegelei, gleich wie von der Franzoſenkrankheit, inficirt worden; und wie dieſes Uebel alle Säfte vergiftet, ſo hat jene alle ihre Geiſteskräfte verdorben; daher die jüngeren Gelehrten heut zu Tage meiſtens keines ge⸗ ſunden Gedankens, auch keines natürlichen Ausdrucks mehr fähig ſind. In ihren Köpfen iſt nicht bloß kein einziger richtiger, ſondern auch nicht ein Mal ein einziger deutlicher und beſtimmter Begriff von irgend etwas vorhanden: der wüſte, leere Wort⸗ kram hat ihre Denkkraft aufgelöſt und verſchwemmt. Dazu kommt noch, daß das Uebel der Hegelei nicht minder ſchwer auszutreiben iſt, als die ſoeben damit verglichene Krankheit, wenn es ein Mal recht eingedrungen iſt in succum et sanguinem. Hingegen es in die Welt zu ſetzen und zu verbreiten war ziemlich leicht; da ja die Einſichten bald genug aus dem Felde geſchlagen ſind, wenn man Abſichten gegen ſie aufmarſchiren läßt, d. h. zur Verbreitung von Meinungen und Feſtſtellung von Ur⸗ theilen ſich materieller Mittel und Wege bedient. Die arg⸗ loſe Jugend geht auf die Univerſität voll kindlichen Vertrauens und blickt mit Ehrfurcht auf die angeblichen Inhaber alles Wiſſens, und nun gar auf den präſumtiven Ergründer unſers Daſeyns, auf den Mann, deſſen Ruhm fie von tauſend Zungen enthu— ſiaſtiſch verkündigen hört und auf deſſen Lehrvortrag ſie bejahrte Staatsmänner lauſchen ſieht. Sie geht alſo hin, bereit zu ler⸗ nen, zu glauben und zu verehren. Wenn ihr nun da, unter dem Namen der Philoſophie, ein völlig auf den Kopf geſtellter Ge⸗ dankenwuſt, eine Lehre von der Identität des Seyns und des Nichts, eine Zuſammenſtellung von Worten, dabei dem geſunden Kopfe alles Denken ausgeht, ein Wiſchiwaſchi, das an's Tollhaus erinnert, dargereicht wird, dazu noch ausſtaffirt mit Zügen kraſſer Ignoranz und koloſſalen Unverſtandes, wie ich ſolche dem Hegel aus ſeinem Studentenkompendio unwiderſprechlich und unwider⸗ ſprochen nachgewieſen habe, in der Vorrede zu meiner Ethik, um nämlich daſelbſt der Däniſchen Akademie, dieſer glücklich ino⸗ kulirten Lobrednerin der Pfuſcher und Schutzmatrone philoſo⸗ phiſcher Scharlatane, ihren summus philosophus fo recht unter die Naſe zu reiben; — nun, da wird die arg und urtheilsloſe 178 [258] 5 aa nee run a ee RE — 0 — 5 8 0 0 ws w 5 — t EEE ͤ — N . ———— Ueber die Universitãts- Philosophie. Jugend auch ſolches Zeug verehren, wird eben denken, in ſolchem Abrakadabra müſſe ja wohl die Philoſophie beſtehn, und wird [159] davongehn mit einem gelähmten Kopf, in welchem fortan bloße Worte für Gedanken gelten, mithin auf immer unfähig, wirkliche 5 Gedanken hervorzubringen, alſo kaſtrirt am Geiſte. Daraus erwächſt denn ſo eine Generation impotenter, verſchrobener, aber überaus anſpruchsvoller Köpfe, ſtrotzend von Abſichten, blutarm an Einſichten, wie wir ſie jetzt vor uns haben. Das iſt die Geiſtesgeſchichte Tauſender, deren Jugend und ſchönſte Kraft durch ro jene Afterweisheit verpeſtet worden iſt; während auch fie hätten der Wohlthat theilhaft werden ſollen, welche die Natur, als ihr ein Kopf wie Kant gelang, vielen Generationen bereitete. — Mit der wirklichen, von freien Leuten, bloß ihrer ſelbſt wegen ge⸗ triebenen und keine andere Stütze als die ihrer Argumente haben⸗ 1 den Philoſophie, hätte dergleichen Mißbrauch nie getrieben werden können; ſondern nur mit der Univerſitätsphiloſophie, als welche ſchon von Hauſe aus ein Staatsmittel iſt, weshalb wir denn auch ſehn, daß, zu allen Zeiten, der Staat ſich in die philoe ſophiſchen Streitigkeiten der Univerſitäten gemiſcht und Partei 30 ergriffen hat, mochte es ſich um Realiſten und Nominaliſten, oder Ariſtoteliker und Ramiſten, oder Carteſianer und Ariſtoteliker, um Chriſtian Wolf, oder Kant, oder Fichte, oder Hegel, oder was ſonſt handeln. a Zu den Nachtheilen, welche die Univerſitätsphiloſophie der 25 wirklichen und ernſtlich gemeinten gebracht hat, gehört ganz be⸗ ſonders das ſoeben berührte Verdrängtwerden der Kantiſchen Philos ſophie durch die Windbeuteleien der drei auspoſaunten Sophiſten. Nämlich erſt Fichte und dann Schelling, die Beide doch nicht ohne Talent waren, endlich aber gar der plumpe und ekelhafte Schar⸗ 30 latan Hegel, dieſer pernicioſe Menſch, der einer ganzen Gene⸗ ration die Köpfe völlig desorganiſirt und verdorben hat, wurden ausgeſchrien als die Männer, welche Kants Philoſophie weiter geführt hätten, darüber hinausgelangt wären und ſo, eigentlich auf ſeinen Nacken tretend, eine ungleich höhere Stufe der Er⸗ kenntniß und Einſicht erreicht hätten, von welcher aus fie nun faſt mitleidig auf Kants mühſälige Vorarbeit zu ihrer Herrlich⸗ keit herabſähen: ſie alſo wären erſt die eigentlich großen Philo⸗ ſophen. Was Wunder, daß die jungen Leute, — ohne eigenes 179
Ueber die Universitäts-Philosophie. Urtheil und ohne jenes, oft fo heilſame Mißtrauen gegen die Lehrer, welches nur der exceptionelle, d. h. mit Urtheilskraft und folglich auch mit dem Gefühl derſelben, ausgeſtattete Kopf ſchon auf die Univerſität mitbringt, — eben glaubten, was ſie ver⸗ nahmen, und folglich vermeinten, ſich mit den ſchwerfälligen Vor⸗ arbeiten zu der neuen hohen Weisheit, alſo mit dem alten, ſteifen Kant, nicht lange aufhalten zu dürfen; ſondern mit raſchen Schritten dem neuen Weisheitstempel zueilten, in welchem dem⸗ gemäß, unter dem Lobgeſang ſtultificirter Adepten, jetzt jene drei Windbeutel ſucceſſiv auf dem Altar geſeſſen haben. Nun iſt aber leider von dieſen drei Götzen der Univerſitätsphiloſophie nichts zu lernen: ihre Schriften ſind Zeitverderb, ja, Kopfverderb, am meiſten freilich die Hegelſchen. Die Folge dieſes Ganges der Dinge iſt geweſen, daß allmälig die eigentlichen Kenner der Kantiſchen Philoſophie ausgeſtorben ſind, alſo, zur Schande des Zeitalters, dieſe wichtigſte aller je aufgeſtellten philoſophiſchen Lehren ihr Daſeyn nicht als ein lebendiges, in den Köpfen ſich erhaltendes, hat fortſetzen können; ſondern nur noch im todten Buchſtaben, in den Werken ihres Urhebers, vorhanden iſt, um auf ein weiſeres, oder vielmehr nicht bethörtes und myſtificirtes Geſchlecht zu warten. Demgemäß wird man kaum noch bei einigen wenigen, älteren Gelehrten ein gründliches Verſtändniß der Kantiſchen Philoſophie finden. Hingegen haben die philo⸗ ſophiſchen Schriftſteller unſerer Tage die ſkandalöſeſte Unkenntniß derſelben an den Tag gelegt, welche am anftößigften in ihren Darſtellungen dieſer Lehre erſcheint, aber auch ſonſt, ſobald ſie auf die Kantiſche Philoſophie zu ſprechen kommen und etwas davon zu wiſſen affektiren, deutlich hervortritt: da wird man denn entrüſtet, zu ſehn, daß Leute, die von der Philoſophie leben, die wichtigſte Lehre, welche ſeit 2000 Jahren aufgeſtellt worden und mit ihnen faſt gleichzeitig iſt, nicht eigentlich und wirklich kennen. Ja, es geht ſo weit, daß ſie die Titel Kantiſcher Schriften falſch citiren, auch gelegentlich Kanten das gerade Gegentheil von dem ſagen laſſen, was er geſagt hat, ſeine termini technici bis zur Sinnloſigkeit verſtümmeln und ohne alle Ahndung des von ihm damit Bezeichneten gebrauchen. Denn freilich, mittelſt eines flüchtigen Durchblätterns der Kantiſchen Werke, wie es ſolchen Vielſchreibern und philoſophiſchen Geſchäftsleuten, welche zudem 180 — — » ws ws 0 5 0 0 5 Ueber die Universitäts-Philosophie. vermeinen, das Alles längſt „hinter ſich“ zu haben, allein zu⸗ ſteht, die Lehre jenes tiefen Geiſtes kennen zu lernen, geht nicht [161] an, ja, iſt ein lächerliches Vermeſſen; ſagte doch Reinhold, Kants erſter Apoſtel, daß er erſt nach fünfmaligem, angeſtrengtem 5 Durchſtudiren der Kritik der reinen Vernunft in den eigentlichen Sinn derſelben eingedrungen wäre. Aus den Darſtellungen, die ſolche Leute liefern, vermeint dann wieder ein bequemes und naſe⸗ geführtes Publikum in kürzeſter Zeit und ohne alle Mühe Kants Philoſophie ſich aneignen zu können! Dies aber iſt durchaus un⸗ 10 möglich. Nie wird man ohne eigenes, eifriges und oft wieder⸗ holtes Studium der Kantiſchen Hauptwerke auch nur einen Begriff von dieſer wichtigſten aller je dageweſenen philoſophiſchen Er⸗ ſcheinungen erhalten. Denn Kant iſt vielleicht der originellſte Kopf, den jemals die Natur hervorgebracht hat. Mit ihm und 15 in feiner Weiſe zu denken, iſt etwas, das mit gar nichts Anderm irgend verglichen werden kann: denn er beſaß einen Grad von klarer, ganz eigenthümlicher Beſonnenheit, wie ſolche niemals irgend einem andern Sterblichen zu Theil geworden iſt. Man gelangt zum Mitgenuß derſelben, wenn man, durch fleißiges und 20 ernſtliches Studium eingeweiht, es dahin bringt, daß man, beim Leſen der eigentlich tiefſinnigen Kapitel der Kritik der reinen Vernunft, der Sache ſich ganz hingebend, nunmehr wirklich mit Kants Kopfe denkt, wodurch man hoch über ſich ſelbſt hinaus⸗ gehoben wird. So z. B., wenn man ein Mal wieder die 25 „Grundſätze des reinen Verſtandes“ durchnimmt, zumal die „Ana⸗ logien der Erfahrung“ betrachtet und nun in den tiefen Gedanken der ſynthetiſchen Einheit der Apperception eindringt. Man fühlt ſich alsdann dem ganzen traumartigen Daſeyn, in welches wir verſenkt ſind, auf wunderſame Weiſe, entrückt und 30 entfremdet, indem man die Urelemente deſſelben jedes für ſich in die Hand erhält und nun ſieht, wie Zeit, Raum, Kauſalität, durch die ſynthetiſche Einheit der Apperception aller Erſcheinungen verknüpft, dieſen erfahrungsmäßigen Komplex des Ganzen und ſeinen Verlauf möglich machen, worin unſere, durch den Intellekt 35 ſo ſehr bedingte Welt beſteht, die eben deshalb bloße Erſcheinung iſt. Die ſynthetiſche Einheit der Apperception iſt nämlich der⸗ jenige Zuſammenhang der Welt als eines Ganzen, welcher auf den Geſetzen unſers Intellekts beruht und daher unverbrüchlich 181
Ueber die Universitäts-Philosophie. iſt. In der Darſtellung derſelben weiſt Kant die Urgrundgeſetze der Welt nach, da, wo ſie mit denen unſers Intellekts in Eins zuſammenlaufen, und hält ſie uns, auf Einen Faden gereiht, vor. Dieſe Betrachtungsweiſe, welche Kanten ausſchließlich eigen iſt, läßt ſich beſchreiben als der entfremdeteſte Blick, der jemals auf die Welt geworfen worden, und als der höchſte Grad von Objektivität. Ihr zu folgen gewährt einen geiſtigen Genuß, dem vielleicht kein anderer gleich kommt. Denn er iſt höherer Art, als der, den Poeten gewähren, welche freilich Jedem zugänglich ſind, während dem hier geſchilderten Genuſſe Mühe und An⸗ ſtrengung vorhergegangen ſeyn müſſen. Was aber wiſſen von demſelben unſere heutigen Profeſſionsphiloſophen? Wahrhaftig nichts. Kürzlich las ich eine pſychologiſche Diatribe von einem derſelben, in der viel von Kants „ſynthetiſcher Apperception“ (sic) die Rede iſt: denn Kants Kunſtausdrücke gebrauchen ſie gar zu gern, wenn auch nur, wie hier, halb aufgeſchnappt und dadurch ſinnlos geworden. Dieſer nun meinte, darunter wäre wohl die angeſtrengte Aufmerkſamkeit zu verſtehn! Dieſe nämlich, nebſt ähnlichen Sächelchen, machen ſo die Favoritthemata ihrer Kinderſchulenphiloſophie aus. In der That haben die Herren gar keine Zeit, noch Luſt, noch Trieb den Kant zu ſtudiren: — er iſt ihnen ſo gleichgültig, wie ich es bin. Für ihren ver⸗ feinerten Geſchmack gehören ganz andere Leute. Nämlich was der ſcharfſinnige Herbart und der große Schleiermacher, oder gar „Hegel ſelbſt“ geſagt hat, — das iſt Stoff für ihre Medi⸗ tation und ihnen angemeſſen. Zudem ſehn ſie herzlich gern den „Alleszermalmer Kant“ in Vergeſſenheit gerathen, und beeilen ſich, ihn zur todten, hiſtoriſchen Erſcheinung zu machen, zur Leiche, zur Mumie, der ſie dann ohne Furcht ins Angeſicht ſehn können. Denn er hat im allergrößten Ernſt dem jüdiſchen Theis⸗ mus in der Philoſophie ein Ende gemacht; — welches ſie gern vertuſchen, verhehlen und ignoriren; weil ſie ohne denſelben nicht leben, — ich meine nicht eſſen und trinken, — können. Nach einem ſolchen Rückſchritt vom größten Fortſchritt, den jemals die Philoſophie gemacht, darf es uns nicht wundern, daß das angebliche Philoſophiren dieſer Zeit einem völlig unkritiſchen Verfahren, einer unglaublichen, ſich unter hochtrabenden Phraſen verſteckenden Rohheit und einem naturaliſtiſchen Tappen, viel 182 1762] — 0 N Js 0 ws Ueber die Universitäts-Philosophie. ärger, als es je vor Kant geweſen, anheim gefallen iſt. Da [163] wird denn z. B. mit der Unverſchämtheit, welche rohe Unwiſſen⸗ heit verleiht, überall und ohne Umſtände von der moraliſchen Freiheit, als einer ausgemachten, ja, unmittelbar gewiſſen „Sache, desgleichen von Gottes Daſeyn und Weſen, als ſich von ſelbſt verſtehenden Dingen, wie auch von der „Seele“ als einer allbekannten Perſon geredet; ja ſogar der Ausdruck „an⸗ geborene Ideen“, der ſeit Locke's Zeit ſich hatte verkriechen müſſen, wagt ſich wieder hervor. Hieher gehört auch die plumpe Unverſchämtheit, mit der die Hegelianer, in allen ihren Schriften, ohne Umſtände und Einführung, ein Langes und Breites über den ſogenannten „Geiſt“ reden, ſich darauf verlaſſend, daß man durch ihren Gallimathias viel zu ſehr verblüfft ſei, als daß, wie es Recht wäre, Einer dem Herrn Profeſſor zu Leibe gienge mit der 15 Frage: „Geiſt? wer iſt denn der Burſche? und woher kennt ihr ihn? iſt er nicht etwan bloß eine beliebige und bequeme Hypo⸗ ſtaſe, die ihr nicht ein Mal definirt, geſchweige deducirt, oder beweiſt? Glaubt ihr ein Publikum von alten Weibern vor euch zu haben?“ — Das wäre die geeignete Sprache gegen einen ſolchen Philoſophaſter. Als einen beluſtigenden Charakterzug des Philoſophirens dieſer Gewerbsleute, habe ich ſchon oben, bei Gelegenheit der „ſynthetiſchen Apperception“, gezeigt, daß, obwohl fie Kants Philoſophie, als ihnen ſehr unbequem, zudem viel zu ernſthaft, 25 nicht gebrauchen, auch ſolche nicht mehr recht verſtehn können, ſie dennoch gern, um ihrem Geſchwätze einen wiſſenſchaftlichen Anſtrich zu geben, mit Ausdrücken aus derſelben um ſich werfen, ungefähr wie die Kinder mit des Papa's Hut, Stock und Degen ſpielen. So machen es z. B. die Hegelianer mit dem Worte „Kategorien“, womit ſie eben allerlei weite allgemeine Begriffe bezeichnen; unbekümmert um Ariſtoteles und Kant, in glücklicher Unſchuld. Ferner iſt in der Kantiſchen Philoſophie ſtark die Rede vom immanenten und transſeendenten Gebrauch, nebſt Gültigkeit, unſerer Erkenntniſſe: auf dergleichen gefährliche Unterſcheidungen ſich einzulaſſen, wäre freilich für unſere Spaaß⸗ philoſophen nicht gerathen. Aber die Ausdrücke hätten ſie doch gar zu gern; weil ſie ſo gelehrt klingen. Da bringen ſie dieſe denn ſo an, daß, weil ja doch ihre Philoſophie zum Hauptgegen⸗ — © 2 8 D 3 3 Ne 13 Schopenhauer, Werke v 183
Ueber die Universitäts-Philosophie. ftande immer nur den lieben Gott hat, welcher daher auch als ein guter alter Bekannter, der keiner Einführung bedarf, darin auftritt, ſie nun disputiren, ob er in der Welt drinne ſtecke, oder aber draußen bleibe, d. h. alſo in einem Raume, wo keine Welt iſt, ſich aufhalte: im erſten Falle nun tituliren ſie ihn immanent, und im andern transſcendent, thun dabei natür⸗ lich höchſt ernſthaft und gelehrt, reden Hegeljargon dazu, und es iſt ein allerliebſter Spaaß, — der nur uns ältere Leute an den Kupferſtich in Falk's ſatiriſchem Almanach erinnert, welcher Kanten darſtellt, im Luftballon gen Himmel fahrend und ſeine ſämmtlichen Garderobenſtücke, nebſt Hut und Perücke, herab⸗ werfend auf die Erde, woſelbſt Affen ſie aufleſen und ſich damit ſchmücken. Daß nun aber das Verdrängtwerden der ernſten, tiefſinnigen und redlichen Philoſophie Kants, durch die Windbeuteleien bloßer, von perſönlichen Zwecken geleiteter Sophiſten, den nachtheiligſten Einfluß auf die Bildung des Zeitalters gehabt habe, iſt nicht zu bezweifeln. Zumal iſt die Anpreiſung eines ſo völlig werthloſen, ja, durchaus verderblichen Kopfes, wie Hegel, als des erſten Philo⸗ ſophen dieſer und jeder Zeit, zuverläſſig die Urſache der ganzen Degradation der Philoſophie und, in Folge davon, des Verfalls der höhern Litteratur überhaupt, während der letzten 30 Jahre geweſen. Wehe der Zeit, wo, in der Philoſophie, Frechheit und Unſinn Einſicht und Verſtand verdrängt haben! Denn die Früchte nehmen den Geſchmack des Bodens an, auf welchem ſie gewachſen ſind. Was laut, öffentlich, allſeitig angeprieſen wird, das wird geleſen, iſt alſo die Geiſtesnahrung des ſich ausbil⸗ denden Geſchlechts: dieſe aber hat auf deſſen Säfte und nachher auf deſſen Erzeugniſſe den entſchiedenſten Einfluß. Daher be⸗ ſtimmt die herrſchende Philoſophie einer Zeit ihren Geiſt. Herrſcht nun alſo die Philoſophie des abſoluten Unſinns, gelten aus der Luft gegriffene und unter Tollhäuslergeſchwätz vorgebrachte Ab⸗ ſurditäten für große Gedanken, — nun da entſteht, nach ſolcher Ausſaat, das ſaubere Geſchlecht, ohne Geiſt, ohne Wahrheitsliebe, ohne Redlichkeit, ohne Geſchmack, ohne Aufſchwung zu irgend etwas Edlem, zu irgend etwas über die materiellen Intereſſen, zu denen auch die politiſchen gehören, Hinausliegendem, — wie wir es da vor uns ſehn. Hieraus iſt es zu erklären, wie auf 184 1764 5 w ws 5 0 5 Ueber die Universitäts-Philosophie. das Zeitalter, da Kant philoſophirte, Goethe dichtete, Mozart komponirte, das jetzige hat folgen können, das der politiſchen Dichter, der noch politiſcheren Philoſophen, der hungrigen, vom [165] Lug und Trug der Litteratur ihr Leben friſtenden Litteraten und 5 der die Sprache muthwillig verhunzenden Tintenklexer jeder Art. — Es nennt ſich, mit einem ſeiner ſelbſtgemachten Worte, ſo charakteriſtiſch, wie euphoniſch, die „Jetztzeit“: ja wohl Jetztzeit, d. h. da man nur an das Jetzt denkt und keinen Blick auf die kommende und richtende Zeit zu werfen wagt. Ich wünſche, ich zo könnte dieſer „Jetztzeit“ in einem Zauberſpiegel zeigen, wie fie in den Augen der Nachwelt ſich ausnehmen wird. Sie nennt inzwiſchen jene ſoeben belobte Vergangenheit die „Zopfzeit“. Aber an jenen Zöpfen ſaßen Köpfe; jetzt hingegen ſcheint mit dem Stengel auch die Frucht verſchwunden zu ſeyn. 1 Die Anhänger Hegels haben demnach ganz Recht, wenn ſie behaupten, daß der Einfluß ihres Meiſters auf ſeine Zeit⸗ genoſſen unermeßlich geweſen ſei. Eine ganze Gelehrten⸗Gene⸗ ration am Geiſte völlig paralyſirt, zu allem Denken unfähig ge⸗ macht, ja, ſo weit gebracht zu haben, daß ſie nicht mehr weiß, 20 was Denken ſei, ſondern das muthwilligſte und zugleich abge⸗ ſchmackteſte Spielen mit Worten und Begriffen, oder das gedanken⸗ loſeſte Saalbadern über die hergebrachten Themata der Philo⸗ ſophie, mit aus der Luft gegriffenen Behauptungen, oder völlig ſinnleeren, oder gar aus Widerſprüchen beſtehenden Sätzen für a5 philoſophiſches Denken hält, — das iſt der gerühmte Einfluß des Hegels geweſen. Man vergleiche nur ein Mal die Lehrbücher der Hegelianer, wie ſie noch heut zu Tage zu erſcheinen ſich erdreiſten, mit denen einer geringgeſchätzten, beſonders aber von ihnen und allen Nachkantiſchen Philoſophen mit unendlicher Verachtung 30 angeſehenen Zeit, der ſogenannten eklektiſchen Periode, dicht vor Kant; und man wird finden, daß die letzteren zu jenen ſich immer noch verhalten wie Gold, — nicht zu Kupfer, ſondern zu Miſt. Denn in jenen Büchern von Feder, Platner u. A. m. findet man doch immer noch einen reichen Vorrath wirklicher und 35 zum Theil wahrer, ſelbſt werthvoller Gedanken und treffender Bemerkungen, ein redliches Ventiliren philoſophiſcher Probleme, eine Anregung zum eigenen Nachdenken, eine Anleitung zum Philoſophiren, zumal aber durchweg ein ehrliches Verfahren. 13* 185
Ueber die Universitäts-Philosophie. In fo einem Produkte der Hegelſchen Schule hingegen ſucht man vergeblich nach irgend einem wirklichen Gedanken, — es enthält keinen einzigen, — nach irgend einer Spur ernſtlichen und auf⸗ richtigen Nachdenkens, — das iſt der Sache fremd: nichts findet [266] man, als verwegene Zuſammenſtellungen von Worten, die einen 5 Sinn, ja, einen tiefen Sinn zu haben ſcheinen ſollen, aber bei einiger Prüfung ſich entlarven als ganz hohle, völlig ſinn⸗ und gedankenleere Floskeln und Wortgehäuſe, mit denen der Schreiber ſeinen Leſer keineswegs zu belehren, ſondern bloß zu täuſchen ſucht, damit dieſer glaube, einen Denker vor ſich zu haben, während es ein Menſch iſt, der gar nicht weiß, was denken iſt, ein Sünder ohne alle Einſicht und noch dazu ohne Kennt⸗ niſſe. Dies iſt die Folge davon, daß, während andere Sophiſten, Scharlatane und Obſkuranten doch nur die Erkenntniß ver⸗ fälſchten und verdarben, Hegel ſogar das Organ der Erkennt niß, den Verſtand ſelbſt verdorben hat. Indem er nämlich die Verleiteten nöthigte, einen aus dem gröbſten Unſinn beſtehenden Gallimathias, ein Gewebe aus contradictionibus in adjecto, ein Gewäſche wie aus dem Tollhauſe, als Vernunfterkenntniß in ihren Kopf hineinzuzwängen, wurde das Gehirn der armen 20 jungen Leute, die ſo etwas mit gläubiger Hingebung laſen und als die höchſte Weisheit ſich anzueignen ſuchten, ſo aus den Fugen gerenkt, daß es zum wirklichen Denken auf immer unfähig ge⸗ blieben iſt. Demzufolge ſieht man ſie noch bis auf den heu⸗ tigen Tag herumgehn, im ekelhaften Hegeljargon reden, den 25 Meiſter preiſen und ganz ernſtlich vermeinen, Sätze, wie „die Natur iſt die Idee in ihrem Andersſeyn“ ſagten etwas. Junges friſches Gehirn auf ſolche Art zu desorganiſiren iſt wahrlich eine Sünde, die weder Verzeihung noch Schonung verdient. Dies alſo iſt der gerühmte Einfluß Hegels auf ſeine Zeitgenoſſen ge⸗ weſen und leider hat er wirklich ſich weit erſtreckt und verbreitet. Denn die Folge war auch hier der Urſache angemeſſen. — Wie nämlich das Schlimmſte, was einem Staate widerfahren kann, iſt, daß die verworfenſte Klaſſe, der Hefen der Geſellſchaft an's Ruder kommt; fo kann der Philoſophie und allem von ihr Ab- 35 hängigen, alſo dem ganzen Wiſſen und Geiſtesleben der Menſch⸗ heit, nichts Schlimmeres begegnen, als daß ein Alltagskopf, der ſich bloß einerſeits durch ſeine Obſequioſität, und anderer⸗ — 0 — 5 0 ws 186 Ueber die Universitäts- Philosophie. feits durch ſeine Frechheit im Unſinnſchreiben auszeichnet, mit⸗ hin ſo ein Hegel, als das größte Genie und als der Mann in welchem die Philoſophie ihr lang verfolgtes Ziel endlich und für immer erreicht hat, mit größtem, ja beifpiellofem Nachdruck „proklamirt wird. Denn die Folge eines ſolchen Hochverraths 767] am Edelſten der Menſchheit iſt nachher ein Zuſtand, wie jetzt der philoſophiſche, und dadurch der litterariſche überhaupt, in Deutſchland: Unwiſſenheit mit Unverſchämtheit verbrüdert an der Spitze, Kamaraderie an der Stelle der Verdienſte, völlige Ver⸗ 70 worrenheit aller Grundbegriffe, gänzliche Desorientation und Desorganiſation der Philoſophie, Plattköpfe als Reformatoren der Religion, freches Auftreten des Materialismus und Beſtia⸗ lismus, Unkenntniß der alten Sprachen und Verhunzen der eigenen durch hirnloſe Wortbeſchneiderei und niederträchtige Buchſtaben⸗ 15 zählerei, nach ſelbſteigenem Ermeſſen der Ignoranten und Dumm⸗ köpfe, u. ſ. f. uff — ſeht nur um euch! Sogar als äußer⸗ liches Symptom der überhand nehmenden Rohheit erblickt ihr den konſtanten Begleiter derſelben, — den langen Bart, dieſes Geſchlechtsabzeichen, mitten im Geſicht, welches beſagt, daß man 20 die Maskulinität, die man mit den Thieren gemein hat, der Humanität vorzieht, indem man vor Allem ein Mann, mas, und erſt nächſtdem ein Menſch ſeyn will. Das Abſcheeren der Bärte, in allen hochgebildeten Zeitaltern und Ländern, iſt aus dem richtigen Gefühl des Gegentheils entſtanden, vermöge 25 deſſen man vor Allem ein Menſch, gewiſſermaaßen ein Menſch in abstracto, mit Hintanſetzung des thieriſchen Geſchlechtsunter⸗ ſchiedes, ſeyn möchte. Hingegen hat die Bartlänge ſtets mit der Barbarei, an die ſchon ihr Name erinnert, gleichen Schritt gehalten. Daher florirten die Bärte im Mittelalter, dieſem 30 Millennium der Rohheit und Unwiſſenheit, deſſen Tracht und Bau⸗ art nachzuahmen unſere edelen Jetztzeitler bemüht find.F) — Die 1 Der Bart, ſagt man, ſei dem Menſchen natürlich: allerdings, und dar⸗ um iſt er dem Menſchen im Naturzuſtande ganz angemeſſen; 85 ſo aber dem Menſchen im eiviliſitten Zuſtande die Raſur; indem fie anzeigt, daß hier 35 die thieriſche, rohe Gewalt, deren Jedem ſogleich fühlbares Abzeichen jener dem männlichen Geſchlecht eigenthümliche Auswuchs iſt, dem Geſetz, der Ord⸗ nung und Geſittung hat weichen müſſen. — : Der Bart vergrößert den thieriſchen Theil des Geſichts und hebt ihn 187
Ueber die Universitäts-Philosophie. fernere und ſekundäre Folge des in Rede ſtehenden Verrathes an der Philoſophie kann denn auch nicht ausbleiben: ſie iſt Ver⸗ achtung der Nation bei den Nachbarn, und des Zeitalters bei der Nachwelt. Denn wie man's treibt, ſo gehts, und da wird nichts geſchenkt. Oben habe ich von dem mächtigen Einfluß der Geiſtes⸗ nahrung auf das Zeitalter geredet. Dieſer nun beruht darauf, daß ſie ſowohl den Stoff, wie die Form des Denkens beſtimmt. Daher kommt gar viel darauf an, was gelobt und demnach ges leſen wird. Denn das Denken mit einem wahrhaft großen Geiſte ſtärkt den eigenen, ertheilt ihm eine regelrechte Bewegung, ver⸗ ſetzt ihn in den richtigen Schwung: es wirkt analog der Hand des Schreibmeiſters, welche die des Kindes führt. Hingegen das Denken mit Leuten, die es eigentlich auf bloßen Schein, mithin auf Täuſchung des Leſers abgeſehn haben, wie Fichte, Schelling und Hegel, verdirbt den Kopf in eben dem Maaße; nicht weniger das Denken mit Queerköpfen, oder mit ſolchen, die ſich ihren Verſtand verkehrt angezogen haben, von denen Herbart ein Beiſpiel iſt. Ueberhaupt aber iſt das Leſen der Schriften ſelbſt auch nur gewöhnlicher Köpfe, in Fächern, wo es ſich nicht um That⸗ ſachen, oder deren Ermittelung, handelt, ſondern bloß eigene Gedanken den Stoff ausmachen, eine heilloſe Verſchwendung der eigenen Zeit und Kraft. Denn was dergleichen Leute denken kann jeder Andere auch denken: daß ſie ſich zum Denken förmlich zurecht⸗ geſetzt und es darauf angelegt haben, beſſert die Sache durchaus nicht; da es ihre Kräfte nicht erhöht und man meiſtens dann am wenigſten denkt, wann man förmlich ſich dazu zurechtgeſetzt hat. hervor: dadurch giebt er ihm das fo auffallend brutale Anſehn: man be⸗ trachte nur ſo einen Bartmenſchen, im Profil, während er ißt! Für eine Zierde möchten ſie den Bart ausgeben. Dieſe Zierde war man ſeit 200 Jahren nur an Juden, Koſaken, Kapuzinern, Gefangenen und Stra⸗ ßenräubern zu ſehn gewohnt. — Die Feroeität und Atrocität, welche der Bart der Phyſiognomie verleiht, beruht darauf, daß eine reſpektiv lebloſe Maſſe die Hälfte des Geſichts einnimmt, und zwar die das Moraliſche ausdrückende Hälfte. Zudem iſt alles Behaartſeyn thieriſch. Die Raſur iſt das Symbol (Feldzeichen, Abzeichen) der höheren Civiliſation. Die Polizei iſt überdies ſchon deshalb befugt, die Bärte zu verbieten, weil ſie halbe Masken ſind, unter denen es ſchwer iſt, ſeinen Mann wieder zu erkennen: daher ſie jeden Unfug begünſtigen. 188 35 — —— ͤ äbſ —y„— — Ueber die Universitäts-Philosophie. Dazu kommt noch, daß ihr Intellekt feiner natürlichen Beſtimmun im Dienſte des Willens zu arbeiten, getreu felt wie En normal iſt. Darum aber liegt ihrem Treiben und Denken ſtets eine A bſicht zum Grunde: ſie haben allezeit Zwecke und erkennen 5 nur in Bezug auf dieſe, mithin nur Das, was dieſen entſpricht. Die willensfreie Aktivität des Intellekts, welche die Bedingung der reinen Objektivität und dadurch aller großer Leiſtungen iſt, bleibt ihnen ewig fremd, iſt ihrem Herzen eine Fabel. Für ſie haben nur Zwecke Intereſſe, nur Zwecke Realität: denn in ihnen 10 bleibt das Wollen vorwaltend. Daher alſo iſt es doppelt thöricht, an ihren Produktionen ſeine Zeit zu verſchwenden. Allein was das Publikum nie erkennt und begreift, weil es gute Gründe hat, es nicht erkennen zu wollen, iſt die Ariſtokratie der Natur. Daher legt es ſo bald die Seltenen und Wenigen, welchen, im Laufe der Jahrhunderte, die Natur den hohen Beruf des Nach⸗ denkens über ſie, oder auch der Darſtellung des Geiſtes ihrer Werke, ertheilt hatte, aus den Händen, um ſich mit den Produktionen des neueſten Stümpers bekannt zu machen. Iſt ein Mal ein Heros dageweſen; fo ſtellt es bald einen Schächer daneben, — 20 als ungefähr auch ſo Einen. Hat ein Mal die Natur in gün⸗ ſtigſter Laune das ſeltenſte ihrer Erzeugniſſe, einen wirklich über das gewöhnliche Maaß hinaus begabten Geiſt, aus ihren Händen hervorgehn laſſen, hat das Schickſal, in milder Stimmung, ſeine Ausbildung geſtattet, ja, haben ſeine Werke endlich „den Wider⸗ 35 ftand der ſtumpfen Welt beſiegt“ und find als Muſter anerkannt und anempfohlen, — da dauert es nicht lange, ſo kommen die Leute mit einem Erdenkloß ihres Gelichters herangeſchleppt, um ihn da⸗ neben auf den Altar zu ſtellen; eben weil ſie nicht begreifen, nicht 1160] ahnden, wie ariſtokratiſch die Natur iſt: fie iſt es ſo ſehr, 30 daß auf 300 Millionen ihrer Fabrikwaare noch nicht Ein wahr⸗ haft großer Geiſt kommt; daher man alsdann Dieſen gründlich kennen lernen, ſeine Werke als eine Art Offenbarung betrachten fie unermüdlich leſen und diurna nocturnaque manu abnutzen, dagegen aber ſämmtliche Alltagsköpfe liegen laſſen ſoll, als Das, was ſie ſind, nämlich als etwas ſo Gemeines und Alltägliches, wie die Fliegen an der Wand. In der Philoſophie iſt der oben geſchilderte Hergang au das Troſtloſeſte eingetreten: neben 5 Me 5 189
Ueber die Universitäts-Philosophie. überall, nämlich als eben noch fo Einer, Fichte genannt: „Kant und Fichte“ iſt zur ſtehenden Phraſe geworden. „Seht, wie wir Aepfel ſchwimmen!“ ſagte der — — —. Gleiche Ehre widerfährt dem Schelling, ja, — proh pudor! — ſogar dem Unſinnſchmierer und Kopfverderber Hegell Der Gipfel dieſes Parnaſſus wurde 3 nämlich immer breiter getreten. — „Habt ihr Augen? habt ihr Augen?“ möchte man, wie Hamlet ſeiner nichtswürdigen Mutter, einem ſolchen Publiko zurufen. Ach, ſie haben keine! es ſind ja noch immer die Selben, welche überall und jederzeit das ächte Verdienſt haben verkümmern laſſen, um ihre Huldigung Nach⸗ äffern und Manieriſten, in jeder Gattung, darzubringen. So wähnen fie denn auch, Philoſophie zu ſtudiren, wenn fie die allmeſſentlichen Ausgeburten von Köpfen leſen, in deren dumpfem Bewußtſeyn ſogar die bloßen Probleme der Philoſophie fo wenig anklingen, wie die Glocke im luftleeren Recipienten; ja, von 15 Köpfen, welche, ſtreng genommen, von der Natur zu nichts Anderm gemacht und ausgerüſtet wurden, als, eben wie die Uebrigen, ein ehrliches Gewerbe in der Stille zu treiben, oder das Feld zu bauen, und die Vermehrung des Menſchen⸗ geſchlechts zu beſorgen, jedoch vermeinen, von Amts und Pflicht wegen, „ſchellenlaute Thoren“ ſeyn zu müſſen. Ihr beſtändiges Dareinreden und Mitredenwollen gleicht dem der Tauben, die ſich in die Konverſation miſchen, wirkt daher auf die zu allen Zeiten nur ganz vereinzelt Erſcheinenden, welche von Natur den Beruf und daher den wirklichen Trieb haben, der Erfor⸗ ſchung der höchſten Wahrheiten obzuliegen, nur als ein ſtörendes und verwirrendes Geräuſch; wenn es nicht gar, wie ſehr oft der Fall iſt, ihre Stimme abſichtlich erſtickt, weil was ſie vor⸗ bringen nicht in den Kram jener Leute paßt, denen es mit nichts, — 0 0 vw 5 als mit Abſichten und materiellen Zwecken Ernſt ſeyn kann, und L770] die, vermöge ihrer beträchtlichen Anzahl, bald ein Geſchrei zu Wege bringen, bei dem Keiner mehr ſein eigenes Wort vernimmt. Heut zu Tage haben ſie ſich die Aufgabe geſtellt, der Kantiſchen Philoſophie, wie der Wahrheit, zum Trotz, ſpekulative Theologie, rationale Pſychologie, Freiheit des Willens, totale und abſolute 35 Verſchiedenheit des Menſchen von den Thieren, mittelſt Ignoriren der allmäligen Abſtufungen des Intellekts in der Thierreihe, zu lehren, wodurch ſie nur als remora der redlichen Wahrheitsfor⸗ 190 Ueber die Universitäts-Philosophie. ſchung wirken. Spricht ein Mann, wie ich, ſo ſtellen fie ſich als hörten ſie nichts. Der Pfiff iſt gut, wenn auch nicht neu. Ich will aber doch ein Mal ſehn, ob man nicht einen Dachs aus ſeinem Loche herauszerren kann. Die Univerfitäten nun aber find offenbar der Heerd alles jenes Spiels, welches die Abſicht mit der Philoſophie treibt. Nur mittelſt ihrer konnten Kants, eine Weltepoche in der Philos ſophie begründende Leiſtungen verdrängt werden durch die Wind⸗ beuteleien eines Fichte, die wieder bald darauf ihm ähnliche ro Geſellen verdrängten. Dies hätte nimmermehr geſchehn können vor einem eigentlich philoſophiſchen Publiko, d. h. einem ſolchen, welches die Philoſophie, ohne andere Abſicht, bloß ihrer ſelbſt wegen ſucht, alſo vor dem freilich zu allen Zeiten äußerſt kleinen Publiko wirklich denkender und ernſtlich von der räthſelhaften 15 Beſchaffenheit unſers Daſeyns ergriffener Köpfe. Nur mittelſt der Univerſitäten, vor einem Publiko aus Studenten, die Alles, was dem Herrn Profeſſor zu ſagen beliebt, gläubig annehmen, ift der ganze philoſophiſche Skandal dieſer letzten 50 Jahre mög⸗ lich geweſen. Der Grundirrthum hiebei liegt nämlich darin, daß 20 die Univerſitäten auch in Sachen der Philoſophie das große Wort und die entſcheidende Stimme ſich anmaaßen, welche allenfalls den drei obern Fakultäten, jeder in ihrem Bereiche, zukommt. Daß jedoch in der Philoſophie, als einer Wiſſenſchaft, die erſt N gefunden werden ſoll, die Sache ſich anders verhält, wird über⸗ 25 ſehn; wie auch, daß bei Beſetzung philoſophiſcher Lehrſtühle, nicht, wie bei andern, allein die Fähigkeiten, ſondern noch mehr die Geſinnungen des Kandidaten in Betracht kommen. Demgemäß nun aber denkt der Student, daß, wie der Profeſſor der Theologie (17i] feine Dogmatik, der juriſtiſche Profeſſor feine Pandekten, der 30 medieiniſche feine Pathologie inne hat und beſitzt; fo müßte auch der allerhöchſten Orts angeſtellte Profeſſor der Metaphyſik diefe inne haben und beſitzen. Er geht demnach mit kindlichem Ver⸗ trauen in deſſen Kollegia, und da er daſelbſt einen Mann findet, der, mit der Miene wohlbewußter Ueberlegenheit, alle je da⸗ 35 geweſenen Philoſophen von oben herab kritiſirt; ſo zweifelt er nicht, daß er vor die rechte Schmiede gekommen ſei, und prägt ſich alle hier ſprudelnde Weisheit fo gläubig ein, als ſäße er vor dem Dreifuß der Pythia. Natürlich giebt es, von Dem an, 191
Ueber die Universitäts-Philosophie. für ihn keine andere Philoſophie, als die feines Profeſſors. Die wirklichen Philoſophen, die Lehrer der Jahrhunderte, ja Jahrtauſende, die aber in den Bücherſchränken ſchweigend und ernſt auf Die warten, welche ihrer begehren, läßt er, als ver⸗ altet und widerlegt, ungeleſen: er hat fie, wie fein Profeſſor, 5 „hinter ſich.“ Dagegen kauft er ſich die meſſentlich erſcheinen⸗ den Geiſteskinder ſeines Profeſſors, deren meiſtens oft wiederholte Auflagen allein aus ſolchem Hergang der Sache zu erklären ſind. Denn auch nach den Univerſitätsjahren behält, in der Regel, Jeder eine gläubige Anhänglichkeit an ſeinen Profeſſor, deſſen Geiſtesrichtung er früh angenommen und mit deſſen Manier er ſich befreundet hat. Dadurch erhalten denn dergleichen philofophiſche Mißgeburten eine ihnen ſonſt unmögliche Verbreitung, ihre Urheber aber eine einträgliche Celebrität. Wie hätte es außerdem geſchehn können, daß z. B. ein ſolcher Komplex von Verkehrt⸗ 15 heiten, wie die „Einleitung in die Philoſophie“ von Herbart, fünf Auflagen erlebte? Daher ſchreibt ſich denn wieder der Narrenübermuth, mit welchem (3. B. S. 234, 35, der vierten Auf⸗ lage) dieſer entſchiedene Queerkopf vornehm auf Kant herabſieht und ihn mit Nachficht zurechtweiſt. — 20 Betrachtungen dieſer Art und namentlich der Rückblick auf das ganze Treiben mit der Philoſophie auf Univerſitäten, ſeit Kants Abgange, ſtellen in mir mehr und mehr die Meinung feſt, daß, wenn es überhaupt eine Philoſophie geben ſoll, d. h. wenn es dem menſchlichen Geiſte vergönnt ſeyn ſoll, ſeine höchſten und edelſten Kräfte dem, ohne allen Vergleich, wichtigſten aller Probleme zuwenden zu dürfen, Dies nur dann mit Erfolg geſchehn kann, wann die Philoſophie allem Einfluſſe des Staates entzogen bleibt, und daß demnach dieſer ſchon ein Großes für fie thut und ihr [172] feine Humanität und feinen Edelmuth genugſam beweiſt, wenn er 30 ſie nicht verfolgt, ſondern ſie gewähren läßt und ihr Beſtand ver⸗ gönnt, als einer freien Kunſt, die übrigens ihr eigener Lohn ſeyn muß; wogegen er des Aufwandes für Profeſſuren derſelben ſich überhoben achten kann; weil die Leute, die von der Philoſophie leben wollen, höchſt ſelten eben Die ſeyn werden, welche eigentlich 35 für ſie leben, bisweilen aber ſogar Die ſeyn können, welche ver⸗ ſteckterweiſe gegen ſie machiniren. Oeffentliche Lehrſtühle gebühren allein den bereits geſchaffenen, — 0 N 5 2 192 Ueber die Universitats- Philosophie. wirklich vorhandenen Wiſſenſchaften, welche man daher eben nur gelernt zu haben braucht, um ſie lehren zu können, die alſo im Ganzen bloß weiter zu geben ſind, wie das auf dem ſchwarzen Brette gebräuchliche tradere beſagt; wobei es jedoch den fähigeren 5 Köpfen unbenommen bleibt, fie zu bereichern, zu berichtigen, und zu vervollkommnen. Aber eine Wiſſenſchaft, die noch gar nicht exiſtirt, die ihr Ziel noch nicht erreicht hat, nicht ein Mal ihren Weg ſicher kennt, ja deren Möglichkeit noch beſtritten wird, eine ſolche Wiſſenſchaft durch Profeſſoren lehren zu laſſen iſt eigentlich abſurd. Die natürliche Folge davon iſt, daß Jeder von Dieſen glaubt, ſein Beruf ſei, die noch fehlende Wiſſenſchaft zu ſchaffen; nicht bedenkend, daß einen ſolchen Beruf nur die Natur, nicht aber das Miniſterium des öffentlichen Unterrichts ertheilen kann. Er verſucht es daher, ſo gut es gehn will, ſetzt baldigſt ſeine Mißgeburt in die Welt und giebt ſie für die lang erſehnte Sophia aus, wobei es an einem dienſtwilligen Kollegen, der bei ihrer Taufe als ſolcher zu Gevatter ſteht, gewiß nicht fehlen wird. Danach werden dann die Herren, weil ſie ja von der Philoſophie leben, ſo dreiſt, daß ſie ſich Philoſophen nennen, und demnach auch vermeinen, ihnen gebühre das große Wort und die Entſcheidung in Sachen der Philoſophie, ja, daß ſie am Ende gar noch Philoſophenverſammlungen (eine contradictio in adjecto, da Philoſophen ſelten im Dual und faſt nie im Plural zugleich auf der Welt ſind) anſagen und dann ſchaarenweiſe zu⸗ 25 ſammenlaufen, das Wohl der Philoſophie zu berathen!+) Vor Allem jedoch werden ſolche Univerſitätsphiloſophen be⸗ ſtrebt ſeyn, der Philoſophie diejenige Richtung zu geben, welche den ihnen am Herzen liegenden, oder vielmehr gelegten Zwecken [173] entſpricht, und hiezu, erforderlichen Falls, ſogar die Lehren der m 2 — — 8 2 30 7) „Keine alleinſeligmachende Philoſophie!“ ruft die Philoſophaſter⸗ verſammlung in Gotha, d. h. zu Deutſch: „kein Streben nach ob⸗ jektiver Wahrheit! Es lebe die Mediokrität! Keine geiſtige Ariſtokratie, keine Alleinherrſchaft der von der Natur Bevorzugten! Sondern Pöbelherr⸗ ſchaft! Jeder von uns rede wie ihm der Schnabel gewachſen iſt, und Einer 35 gelte fo viel wie der Andere!“ Da haben die Lumpe gutes Spiel! Sie möchten nämlich auch aus der Geſchichte der Philoſophie die bisherige monarchiſche Verfaſſung verbannen, um eine Proletarierrepublik einzuführen: aber die Natur legt Proteſt ein; ſie iſt ſtreng ariſtokratiſch! 193
Ueber die Universitäts-Philosophie. ächten frühern Philoſophen modeln und verdrehn, zur Noth ſogar verfälſchen, nur damit herauskomme was ſie brauchen. Da nun das Publikum ſo kindiſch iſt, ſtets nach dem Neueſten zu greifen, ihre Schriften aber doch den Titel Philoſophie führen; ſo iſt die Folge, daß, durch die Abgeſchmacktheit, oder Verkehrtheit, oder Un⸗ ſinnigkeit, oder wenigſtens marternde Langweiligkeit derſelben, gute Köpfe, welche Neigung zur Philoſophie ſpüren, von ihr wieder zurückgeſchreckt werden, wodurch ſie ſelbſt allmälig in Mißkredit geräth, wie Dies bereits der Fall iſt. Aber nicht nur ſteht es mit den eigenen Schöpfungen der Herren ſchlecht, ſondern die Periode ſeit Kant beweiſt auch, daß ſie nicht ein Mal im Stande ſind, das von großen Köpfen Ge⸗ leiſtete, als ſolches Anerkannte und demnach ihrer Obhut Ueber⸗ gebene feſt zu halten und zu bewahren. Haben ſie ſich nicht die Kantiſche Philoſophie aus den Händen ſpielen laſſen, durch Fichte und Schelling? Nennen ſie nicht noch, durchgängig und höchſt ſkandalöſer⸗ und ehrenrührigerweiſe, den Windbeutel Fichte ſtets neben Kant, als ungefähr ſeines Gleichen? Trat nicht, nachdem die oben genannten zwei Philoſophaſter Kants Lehre verdrängt und antiquirt hatten, an die Stelle der ſtrengen, von Kant aller Metaphyſik geſetzten Kontrole die zügelloſeſte Phantaſterei? Haben ſie dieſe nicht theils brav mitgemacht, theils unterlaſſen, ihr, mit der Kritik der Vernunft in der Hand, ſich feſt entgegen⸗ zuſtellen? weil ſie nämlich es gerathener fanden, die eingetretene laxe Obſervanz zu benutzen, um entweder ihre ſelbſtausgeheckten Sächelchen, z. B. Herbartiſche Poſſen und Frieſiſches Altweiber⸗ geſchwätz, und überhaupt Jeder ſeine eigene Marotte, zu Markte zu bringen, oder auch um Lehren der Landesreligion als philo⸗ ſophiſche Ergebniſſe einſchwärzen zu können. Hat dies Alles nicht den Weg gebahnt zur ſkandalöſeſten philoſophiſchen Scharlatanerie, deren je die Welt ſich zu ſchämen gehabt hat, zum Treiben des Hegels und ſeiner erbärmlichen Geſellen? Haben nicht ſelbſt Die, welche dem Unweſen ſich widerſetzten, dabei ſtets, unter tiefen Bück⸗ lingen, vom großen Genie und gewaltigen Geiſte jenes Scharlatans und Unſinnſchmierers geredet und dadurch bewieſen, daß ſie Pinſel 35 ſind? Sind nicht hievon (der Wahrheit zur Steuer ſei es geſagt) Krug und Fries allein auszunehmen, welche gegen den Kopf- 77% verderber geradezu auftretend, ihm bloß die Schonung erwieſen 194 — 5 A I 8 1 A 2 Ss 2 = 35 Ueber die Universitäts-Philosophie. haben, die nun ein Mal jeder Philoſophieprofeſſor unwiderruflich gegen den andern ausübt? Hat nicht der Lerm und das Geſchrei, welches die deutſchen Univerfitätsphilofophen, in Bewunderung jener drei Sophiſten, erhoben, endlich auch in England und Frankreich allgemeine Aufmerkſamkeit erregt, welche jedoch, nach näherer Unter⸗ ſuchung der Sache, ſich in Gelächter auflöſte? — Beſonders aber zeigen ſie ſich als treuloſe Wächter und Bewahrer der im Laufe der Jahrhunderte ſchwer errungenen und endlich ihrer Obhut an⸗ vertrauten Wahrheiten, ſobald es ſolche ſind, die nicht in ihren Kram paſſen, d. h. nicht zu den Reſultaten einer platten, rationa⸗ liſtiſchen, optimiſtiſchen, eigentlich bloß Jüdiſchen Theologie ſtimmen, als welche der im Stillen vorherbeſchloſſene Zielpunkt ihres ganzen Philoſophirens und ſeiner hohen Redensarten iſt. Dergleichen Lehren alſo, welche die ernſtlich gemeinte Philoſophie nicht ohne große Anſtrengung zu Tage gefördert hat, werden ſie zu oblite⸗ riren, zu vertuſchen, zu verdrehn und herabzuziehn ſuchen zu Dem, was in ihren Studentenerziehungsplan und beſagte Rocken⸗ philoſophie paßt. Ein empörendes Beiſpiel dieſer Art giebt die Lehre von der Freiheit des Willens. Nachdem die ſtrenge Nothwendigkeit aller menſchlichen Willensakte durch die vereinten und ſucceſſiven Anſtrengungen großer Köpfe, wie Hobbes, Spi⸗ noza, Prieftley und Hume unwiderleglich dargethan worden, auch Kant die Sache als bereits vollkommen ausgemacht genommen hatte“); thun ſie mit Einem Male, als wäre nichts geſchehn, verlaſſen ſich auf die Unwiſſenheit ihres Publikums und nehmen in Gottes Namen, noch am heutigen Tage, in faſt allen ihren Lehrbüchern die Freiheit des Willens als eine ausgemachte und ſogar unmittelbar gewiſſe Sache. Wie verdient ein ſolches Ver⸗ fahren benannt zu werden? Wenn eine ſolche, von allen den eben genannten Philoſophen ſo feſt als irgend eine, begründete Lehre dennoch von ihnen verhehlt, oder verleugnet wird, um ſtatt ihrer die entſchiedene Abſurdität vom freien Willen, weil fie ein nothwendiges Beſtandſtück ihrer Rockenphiloſophie iſt, den Stu⸗ 2 Sein auf den kategoriſchen Imperativ gegründetes Poſtulat der Freiheit iſt bei ihm bloß von praktiſcher, nicht von theoretiſcher Gültigkeit. Man ſehe meine „Grundprobleme der Ethik.“ Seite 80 u. 146. 2. Aufl. S. 81 u. 144.] 195
Ueber die Universitäts-Philosophie. denten aufzubinden; find da die Herren nicht eigentlich die Feinde der Philoſophie? Und weil nun (denn conditio optima est ultimi. Sen. ep. 79) die Lehre von der ſtrengen Neeeſſitation aller Willensakte nirgends ſo gründlich, klar, zuſammenhängend und vollſtändig dargethan iſt, als in meiner von der Norwegi⸗ ſchen Societät der Wiſſenſchaften redlich gekrönten Preisſchrift; ſo findet man, ihrer alten Politik, mir überall mit dem paſſiven Widerſtande zu begegnen, gemäß, dieſe Schrift weder in ihren Büchern, noch in ihren gelehrten Journalen und Litteratur⸗ zeitungen irgend erwähnt: ſie iſt aufs ſtrengſte ſekretirt und wird comme non avenue angeſehn, wie Alles, was nicht in ihren erbärmlichen Kram paßt, wie meine Ethik überhaupt, ja, wie alle meine Werke. Meine Philoſophie intereſſirt eben die Herren nicht: das kommt aber daher, daß die Ergründung der Wahrheit ſie nicht intereſſirt. Was ſie hingegen intereſſirt, das ſind ihre Gehalte, ihre Honorarlouisd'ors und ihre Hofrathstitel. Zwar intereſſirt ſie auch die Philoſophie: inſofern nämlich, als ſie ihr Brod von derſelben haben: inſofern intereſſirt ſie die Philoſophie. Sie find es, welche ſchon Giordano Bruno charak⸗ teriſirt, als sordidi e mercenarii ingegni, che, poco o niente solleciti circa la veritä, si contentano saper, secondo che comunmente & stimato il sapere, amici poco di vera sapienza, bramosi di fama e reputazione di quella, vaghi d'apparire, poco curiosi d'essere. (S. Opere di Giordano Bruno publ. da A. Wagner. Lips. 1830, Vol. II, p. 83.) Was alſo ſoll ihnen meine Preisſchrift über die Freiheit des Willens, und wäre ſie von zehn Akademien gekrönt? Dagegen aber wird was Plattköpfe aus ihrer Schaar über den Gegenſtand ſeitdem gefaſelt haben, wichtig gemacht und anempfohlen. Brauch' ich ein ſolches Benehmen zu qualificiren? Sind Das Leute, welche die Philoſophie, die Rechte der Vernunft, die Freiheit des Den⸗ kens vertreten? — Ein anderes Beiſpiel der Art liefert die ſpekulative Theologie. Nachdem Kant alle Beweiſe, die ihre Stützen ausmachten, unter ihr weggezogen und ſie dadurch radikal umgeſtoßen hat, hält Das meine Herren von der lukra⸗ tiven Philoſophie keineswegs ab, noch 60 Jahre hinterher die ſpekulative Theologie für den ganz eigentlichen und weſentlichen Gegenſtand der Philoſophie auszugeben und, weil ſie jene er⸗ 196 . Ueber die Universitäts- Philosophie. plodirten Beweiſe wieder aufzunehmen ſich doch nicht unterſtehn, jetzt ohne Umſtände, nur immerfort vom Abſolutum zu reden, welches Wort gar nichts Anderes iſt, als ein Enthymem, ein Schluß mit nicht ausgeſprochenen Prämiſſen, zum Behuf der feigen Verlarvung und hinterliſtigen Erſchleichung des kosmo⸗ logiſchen Beweiſes, als welcher in eigener Geſtalt ſich, ſeit [176] Kant, nicht mehr ſehn laſſen darf und daher in dieſer Verklei⸗ dung eingeſchwärzt werden muß. Als hätte Kant von dieſem letzteren Kniff eine Vorahndung gehabt, ſagt er ausdrücklich: 10 „Man hat zu allen Zeiten von dem abſolut⸗nothwendigen „Weſen geredet und ſich nicht ſowohl Mühe gegeben, zu verſtehn, „ob und wie man ſich ein Ding von dieſer Art auch nur denken „könne, als vielmehr deſſen Daſeyn zu beweiſen. — — — „Denn alle Bedingungen, die der Verſtand jederzeit bedarf, um 15 „etwas als nothwendig anzuſehn, vermittelſt des Wortes Uns „bedingt, wegwerfen, macht mir noch lange nicht verſtändlich, „ob ich alsdann durch einen Begriff eines Unbedingtnothwendigen „noch etwas, oder vielleicht gar nichts denke.“ (Kritik der reinen Vernunft, 1. Aufl., S. 592; 5. Aufl., S. 620.) Ich erinnere hier 20 nochmals an meine Lehre, daß Nothwendigſeyn durchaus und überall nichts Anderes beſagt, als aus einem vorhandenen und gegebenen Grunde folgen: ein ſolcher Grund iſt alſo gerade die Bedingung aller Nothwendigkeit: demnach iſt das Unbedingt⸗ nothwendige eine contradictio in adjecto, alſo gar kein Ge⸗ danke, ſondern ein hohles Wort, — freilich ein im Bau der Pro: feſſorenphiloſophie gar häufig angewendetes Material. — Hieher gehört ferner, daß, Locke's großer, Epoche machender Grund: lehre vom Nichtvorhandenſeyn angeborener Ideen, und allen ſeitdem und auf dem Grunde derſelben, namentlich durch Kant gemachten Fortſchritten in der Philoſophie zum Trotz, die Herren von der Pulosopın νοeDοοα, ganz ungenirt, ihren Studenten ein „Gottesbewußtſeyn“, überhaupt ein unmittelbares Erkennen, oder Vernehmen, metaphyſiſcher Gegenſtände durch die Vernunft aufbinden. Es hilft nichts, daß Kant, mit dem Auf⸗ wande des ſeltenſten Scharfſinns und Tiefſinns, dargethan hat, die theoretiſche Vernunft könne zu Gegenſtänden, die über die Möglichkeit aller Erfahrung hinaus liegen, nimmermehr gelangen: die Herren kehren ſich an ſo etwas nicht; ſondern ohne Umſtände 2 A 8 3 3 A 197
Ueber die Universitäts-Philosophie. lehren fie, ſeit 50 Jahren, die Vernunft habe ganz unmittelbare, abſolute Erkenntniſſe, ſei eigentlich ein von Haufe aus auf Meta⸗ phyſik angelegtes Vermögen, welches, über alle Möglichkeit der Erfahrung hinaus, das ſogenannte Ueberſinnliche, das Abſolutum, den lieben Gott und was dergleichen noch weiter ſeyn ſoll, un⸗ mittelbar erkenne und ſicher erfaſſe. Daß aber unſere Vernunft ein ſolches, die geſuchten Gegenſtände der Metaphyſik, nicht mit⸗ telſt Schlüſſe, ſondern unmittelbar erkennendes Vermögen ſei, iſt offenbar eine Fabel, oder gerade heraus geſagt, eine pal⸗ pable Lüge; da es nur einer redlichen, ſonſt aber nicht ſchwierigen Selbſtprüfung bedarf, um ſich von der Grundloſigkeit eines ſolchen Vorgebens zu überzeugen: zudem es ſonſt auch ganz anders mit der Metaphyſik ſtehn müßte. Daß dennoch eine ſolche, alles Grundes, außer der Verlegenheit und den ſchlauen Abſichten ihrer Verbreiter, entbehrende, für die Philoſophie grundverderbliche Lüge, ſeit einem halben Jahrhundert, zum ſtehenden, tauſend und aber tauſend Mal wiederholten Katheder-Dogma geworden, und, dem Zeugniß der größten Denker zum Trotz, der ſtudirenden Jugend aufgebunden wird, gehört zu den ſchlimmſten Früchten der Univerſitätsphiloſophie. Solcher Vorbereitung jedoch entſprechend, iſt bei den Katheder⸗ philoſophen das eigentliche und weſentliche Thema der Metaphyſik die Auseinanderſetzung des Verhältniſſes Gottes zur Welt: die weitläuftigſten Erörterungen deſſelben füllen ihre Lehrbücher. Dieſen Punkt ins Reine zu bringen, glauben ſie ſich vor Allem berufen und bezahlt; und da iſt es nun ergötzlich zu ſehn, wie altklug und gelehrt ſie vom Abſolutum, oder Gott, reden, ſich ganz ernſthaft gebärdend, als wüßten ſie wirklich irgend etwas davon: es erinnert an den Ernſt, mit welchem die Kinder ihr Spiel betreiben. Da erſcheint denn jede Meſſe eine neue Meta⸗ phyſik, welche aus einem weitläuftigen Bericht über den lieben Gott beſteht, auseinanderſetzt, wie es eigentlich mit ihm ſtehe und wie er dazu gekommen ſei, die Welt gemacht oder geboren, oder ſonſt wie hervorgebracht zu haben, ſo daß es ſcheint, ſie erhielten halbjährlich über ihn die neueſten Nachrichten. Manche gerathen nun aber dabei in eine gewiſſe Verlegenheit, deren Wirkung hochkomiſch ausfällt. Sie haben nämlich einen ordent⸗ lichen, perſönlichen Gott, wie er im Alten Teſtament ſteht, zu 198 5 [377] — 0 — 3 20 25 Ueber die Universitäts-Philosophie. lehren: das wiſſen fie. Andererſeits jedoch iſt, feit ungefähr 40 Jahren, der Spinoziftifche Pantheismus, nach welchem das Wort Gott ein Synonym von Welt iſt, unter den Gelehrten und ſogar den bloß Gebildeten, durchaus vorherrſchend und allgemeine Mode: das möchten fie doch auch nicht fo ganz fahren laſſen; dürfen jedoch nach dieſer verbotenen Schüſſel eigentlich die Hand nicht 1778] ausſtrecken. Nun ſuchen fie ſich durch ihr gewöhnliches Mittel, dunkele, verworrene, konfuſe Phraſen und hohlen Wortkram, zu helfen, wobei ſie ſich jämmerlich drehn und winden: da ſieht 10 man denn Einige in Einem Athem verſichern, der Gott ſei von der Welt total, unendlich und himmelweit, ganz eigentlich himmel⸗ weit, verſchieden, zugleich aber ganz und gar mit ihr verbunden und Eins, ja, ſtecke bis über die Ohren drinne; wodurch ſie mich dann jedesmal an den Weber Bottom im Johannisnachtstraum 15 erinnern, welcher verſpricht, zu brüllen, wie ein entſetzlicher Löwe, zugleich aber doch ſo ſanft, wie nur irgend eine Nachtigal flöten kann. In der Ausführung gerathen ſie dabei in die ſeltſamſte Verlegenheit: ſie behaupten nämlich, außerhalb der Welt ſei kein Platz für ihn: danach können ſie ihn aber innerhalb auch nicht 20 brauchen, rochiren nun mit ihm hin und her, bis ſie ſich mit ihm zwiſchen zwei Stühlen niederlaſſen. ) Hingegen die Kritik der reinen Vernunft, mit ihren Beweiſen a priori der Unmöglichkeit aller Gotteserkenntniß, iſt ihnen Schnickſchnack, durch den ſie ſich nicht irre machen laſſen: ſie 25 wiſſen wozu ſie daſind. Ihnen einzuwenden, daß ſich nichts Un⸗ philoſophiſcheres denken läßt, als immerfort von etwas zu reden, von deſſen Daſeyn man erwieſenſtermaaßen keine Kenntniß und von deſſen Weſen man gar keinen Begriff hat, — iſt naſeweiſes Einreden: ſie wiſſen wozu ſie daſind. — Ich bin ihnen bekannt⸗ 30 lich Einer, der tief unter ihrer Notiz und Aufmerkſamkeit ſteht, 7) Aus einer analogen Verlegenheit entſpringt das Lob, welches jetzt, da nun doch ein Mal mein Licht nicht mehr unter dem Scheffel ſteht, mir einige von ihnen ertheilen, — um nämlich die Ehre ihres guten Geſchmacks zu retten: aber eiligſt fügen ſie demſelben die Verſicherung hinzu, daß ich in 35 der Hauptſache Unrecht habe: denn ſie werden ſich hüten, einer Philoſophie beizuſtimmen, die etwas ganz Anderes iſt, als in hochtrabenden Wortkram verhüllte und wunderlich verbrämte jüdiſche Mythologie, — wie fie bei ihnen de rigueur iſt. 14 Schopenhauer, Werke V . 199
Ueber die Universitäts-Philosophie. und durch die gänzliche Nichtbeachtung meiner Werke haben fie an den Tag zu legen vermeint, was ich ſei (wiewohl ſie gerade dadurch an den Tag gelegt haben, was ſie ſind): daher wird es, wie Alles, was ich ſeit 3s Jahren vorgebracht habe, in den Wind geredet ſeyn, wenn ich ihnen ſage, daß Kant nicht geſcherzt hat, daß wirklich und im vollſten Ernſt, die Philoſophie keine Theologie iſt, noch jemals ſeyn kann; daß ſie vielmehr etwas ganz Anderes, von jener völlig Verſchiedenes iſt. Ja, wie be⸗ kanntlich jede andere Wiſſenſchaft durch Einmiſchung von Theo⸗ logie verdorben wird, ſo auch die Philoſophie, und zwar am allermeiſten; wie Solches die Geſchichte derſelben bezeugt: daß Dies ſogar auch von der Moral gelte, habe ich in meiner Ab: handlung über das Fundament derſelben ſehr deutlich dargethan; daher die Herren auch über dieſe mäuschenſtill geweſen ſind; ge⸗ treu ihrer Taktik des paſſiven Widerſtandes. Die Theologie näm⸗ lich deckt mit ihrem Schleier alle Probleme der Philoſophie zu und macht daher nicht nur die Löſung, ſondern ſogar die Auf⸗ faſſung derſelben unmöglich. Alſo, wie geſagt, die Kritik der reinen Vernunft iſt ganz ernſtlich der Kündigungsbrief der bis⸗ herigen ancilla theologiae geweſen, welche darin, Ein für alle Mal, ihrer geſtrengen Gebieterin den Dienſt aufgeſagt hat. Seit⸗ dem hat nun dieſe ſich mit einem Mietling begnügt, der die zurück⸗ gelaſſene Livree des ehemaligen Dieners, bloß zum Schein, ge⸗ legentlich anzieht; wie in Italien, wo dergleichen Subſtitute zumal am Sonntage häufig zu ſehn und daher unter dem Namen der Domenichini bekannt ſind. Allein an der Univerſitätsphiloſophie haben Kants Kritiken und Argumente freilich ſcheitern müſſen. Denn da heißt es: sic volo, sic jubeo, sit pro ratione voluntas: die Philoſophie ſoll Theologie ſeyn, und wenn die Unmöglichkeit der Sache von zwanzig Kanten bewieſen wäre: wir wiſſen, wozu wir daſind: in majorem Dei gloriam ſind wir da. Jeder Philoſophieprofeſſor iſt, ſo gut wie Heinrich VIII., ein defensor fidei, und erkennt hierin ſeinen erſten und hauptſächlichen Beruf. Nachdem alſo Kant allen möglichen Beweiſen der ſpekulativen Theologie den Nerv ſo rein durchſchnitten hatte, daß ſeitdem ſich Niemand mehr mit ihnen hat befaſſen mögen; da beſteht denn das philoſophiſche Beſtreben, ſeit faſt funfzig Jahren, in allerlei Verſuchen, die 200 Ueber die Universitäts- Philosophie. Theologie fein leiſe zu erſchleichen, und die philoſophiſchen Schrif⸗ ten find meiſtens nichts Anderes, als fruchtloſe Belebungsver⸗ ſuche an einem entſeelten Leichnam. So haben denn z. B. die Herren von der lukrativen Philoſophie im Menſchen ein Gottesbewußtſeyn entdeckt, welches bis dahin aller Welt entgangen war, und werfen damit, durch ihre wechſelſeitige Einſtimmung und die Unſchuld ihres nächſten Publikums dreiſt gemacht, keck und kühn um ſich, wodurch ſie am Ende gar die ehrlichen Holländer der Univerſität Leyden verführt haben; ſo daß dieſe, die Winkelzüge der Philoſophieprofeſſoren richtig für Fortſchritte der Wiſſenſchaft anſehend, ganz treuherzig, am 1s. Februar 1844, die Preisfrage geſtellt haben: quid statuendum de Sensu Dei, qui dicitur, menti humanae indito, u. ſ. w. Vermöge eines ſolchen „Gottesbewußtſeyns“ wäre denn Das, was mühſam 15 zu beweiſen alle Philoſophen, bis auf Kant, ſich abarbeiteten, etwas unmittelbar Bewußtes. Welche Pinſel müßten aber dann alle jene früheren Philoſophen geweſen ſeyn, die ſich ihr Leben lang abgemüht haben, Beweiſe für eine Sache aufzuſtellen, deren wir uns geradezu bewußt ſind, welches beſagt, daß wir 20 ſie noch unmittelbarer erkennen, als daß 2 Mal 2 vier iſt, als [180) wozu doch ſchon Ueberlegung gehört. Eine ſolche Sache beweiſen zu wollen, müßte ja ſeyn, wie wenn man beweiſen wollte, daß die Augen ſehn, die Ohren hören und die Naſe rieche. Und welch unvernünftiges Vieh müßten doch die Anhänger der, nach 25 der Zahl ihrer Bekenner, vornehmſten Religion auf Erden, die Buddhaiſten, ſeyn, deren Religionseifer ſo groß iſt, daß in Tibet beinahe jeder ſechſte Menſch dem geiſtlichen Stande angehört und damit dem Cölibat verfallen iſt, deren Glaubenslehre jedoch zwar eine höchſt lautere, erhabene, liebevolle, ja ſtreng asketiſche Moral (die nicht, wie die Chriſtliche, die Thiere vergeſſen hat) trägt und ſtützt, allein nicht nur entſchieden atheiſtiſch iſt, ſondern ſogar ausdrücklich den Theismus perhorrescirt. Die Perſönlichkeit iſt nämlich ein Phänomen, das uns nur aus unſerer animaliſchen Natur bekannt und daher, von dieſer geſondert, nicht mehr deut⸗ lich denkbar iſt: ein ſolches nun zum Urſprung und Princip der Welt zu machen, iſt immer ein Satz, der nicht ſogleich Jedem in den Kopf will; geſchweige daß er ſchon von Hauſe aus darin wurzelte und lebte. Ein unperſönlicher Gott hingegen iſt eine 2 . 8 w 8 A 2 3 14* 201
Ueber die Universitäts-Philosophie. bloße Philoſophieprofeſſorenflauſe, eine contradictio in adjecto, ein leeres Wort, die Gedankenloſen abzufinden, oder die Vigilanten zu beſchwichtigen. Zwar athmen alſo die Schriften unſerer Univerſitäts-Philo⸗ ſophen den lebendigſten Eifer für die Theologie; dagegen aber ſehr geringen für die Wahrheit. Denn ohne Scheu vor dieſer werden Sophismen, Erſchleichungen, Verdrehungen, falſche Aſſer⸗ tionen, mit unerhörter Dreiſtigkeit, angewandt, ja angehäuft, werden ſogar, wie oben ausgeführt, der Vernunft unmittelbare, überſinnliche Erkenntniſſe, — alſo angeborene Ideen, — ange⸗ dichtet, oder richtiger angelogen; Alles einzig und allein um Theologie herauszubringen: nur Theologie! nur Theologie! um jeden Preis, Theologie! — Ich möchte den Herren unmaaßgeblich zu bedenken geben, daß immerhin Theologie viel werth ſeyn mag; ich aber doch etwas kenne, das jedenfalls noch mehr werth iſt, nämlich die Redlichkeit; Redlichkeit, wie im Handel und Wandel, ſo auch im Denken und Lehren: die ſollte mir um keine Theologie feil ſeyn. N Wie nun aber die Sachen ſtehn, muß, wer es mit der Kritik der reinen Vernunft ernſtlich genommen, überhaupt es ehrlich gemeint und demnach keine Theologie zu Markte zu bringen hat, jenen Herren gegenüber, freilich zu kurz kommen. Brächte er auch das Vortrefflichſte, das je die Welt geſehn, und tiſchte er alle Weisheit Himmels und der Erden auf; ſie werden dennoch Augen und Ohren abwenden, wenn es keine Theologie iſt; ja, je mehr Verdienſt ſeine Sache hat, deſto mehr wird ſie, nicht ihre Bewunderung, ſondern ihren Groll erregen; deſto determi⸗ nirteren paſſiven Widerſtand werden ſie ihr entgegenſtellen, alſo mit deſto hämiſcherem Schweigen ſie zu erſticken ſuchen, zugleich aber deſto lautere Enkomien über die lieblichen Geiſteskinder der gedankenreichen Genoſſenſchaft anſtimmen, damit nur die ihnen verhaßte Stimme der Einſicht und Aufrichtigkeit nicht durch⸗ dringe. So nämlich verlangt es, in dieſem Zeitalter ſkeptiſcher Theologen und rechtgläubiger Philoſophen, die Politik der Herren, welche ſich mit Weib und Kind von der Wiſſenſchaft ernähren, welcher meiner Eins, ein langes Leben hindurch, alle ſeine Kräfte opfert. Denn ihnen kommt es, den Winken hoher Vorgeſetzten gemäß, nur auf Theologie an: alles Andere iſt Nebenſache. Defi⸗ 202 20 [781] N Ueber die Universitäts-Philosophie. niren fie doch ſchon von vorne herein, Jeder in feiner Sprache, Wendung und Verſchleierung, die Philoſophie als ſpekulative Theologie und geben das Jagdmachen auf Theologie ganz naiv als den weſentlichen Zweck der Philoſophie an. Sie wiſſen nichts davon, daß man frei und unbefangen an das Problem des Daſeyns gehn und die Welt, nebſt dem Bewußtſeyn, darin ſie ſich darſtellt, als das allein Gegebene, das Problem, das Räthſel der alten Sphinx, vor die man hier kühn getreten iſt, betrachten ſoll. Sie ignoriren klüglich, daß Theologie, wenn ſie 20 Eingang in die Philoſophie verlangt, gleich allen andern Lehren, erſt ihr Kreditiv vorzuweiſen hat, das dann geprüft wird auf dem Büreau der Kritik der reinen Vernunft, als welche bei allen Denkenden noch in vollſtem Anſehn ſteht, und an demſelben, durch die komiſchen Grimaſſen, welche die Kathederphiloſophen 15 des Tages gegen fie zu ſchneiden bemüht find, wahrlich nicht das Geringſte eingebüßt hat. Ohne ein vor ihr beſtehendes Kreditiv alſo findet die Theologie keinen Eintritt und ſoll ihn weder er⸗ trotzen, noch erſchleichen, noch auch erbetteln, mit Berufung dar⸗ auf, daß Kathederphiloſophen nun ein Mal nichts Anderes feil 20 haben dürfen: — mögen fie doch die Boutique ſchließen. Denn 2 [82] die Philoſophie iſt keine Kirche und keine Religion. Sie iſt das kleine, nur äußerſt Wenigen zugängliche Fleckchen auf der Welt, wo die ſtets und überall gehaßte und verfolgte Wahrheit ein Mal alles Druckes und Zwanges ledig ſeyn, gleichſam ihre 25 Saturnalien, die ja auch dem Sklaven freie Rede geſtatten, feiern, ja ſogar die Prärogative und das große Wort haben, abſolut allein herrſchen und kein Anderes neben ſich gelten laſſen ſoll. Die ganze Welt nämlich, und Alles in ihr, iſt voller Abſicht und meiſtens niedriger, gemeiner und ſchlechter Abſicht: nur Ein 30 Fleckchen ſoll, ausgemachterweiſe, von dieſer frei bleiben und ganz allein der Einſicht offen ſtehn, und zwar der Einſicht in die wichtigſten, Allen angelegenſten Verhältniſſe: — Das iſt die Philoſophie. Oder verſteht man es etwan anders? nun, dann iſt Alles Spaaß und Komödie, — „wie Das denn wohl zu 35 Zeiten kommen mag.“ — Freilich nach den Kompendien der Kathederphiloſophen zu urtheilen, ſollte man eher denken, die Philoſophie wäre eine Anleitung zur Frömmigkeit, ein Inſtitut Kirchengänger zu bilden; da ja die ſpekulative Theologie meiſtens 203
Ueber die Universitäts-Philosophie. gleich unverhohlen als der weſentliche Zweck und Ziel der Sache vorausgeſetzt und mit allen Segeln und Rudern nur darauf hin⸗ geſteuert wird. Gewiß aber iſt, daß alle und jede Glaubens⸗ artikel, fie mögen nun offen und unverhohlen in die Philoſophie hineingetragen ſeyn, wie Dies in der Scholaſtik geſchah, oder durch petitiones principii, falſche Axiome, erlogene innere Erkenntniß⸗ quellen, Gottesbewußtſeyne, Scheinbeweiſe, hochtrabende Phraſen und Gallimathias eingeſchwärzt werden, wie es heut zu Tage Brauch iſt, der Philoſophie zum entſchiedenen Verderb gereichen; weil all Dergleichen die klare, unbefangene, rein objektive Auf⸗ faſſung der Welt und unſers Daſeyns, dieſe erſte Bedingung alles Forſchens nach Wahrheit, unmöglich macht. Unter der Benennung und Firma der Philoſophie und in fremdartigem Gewande die Grunddogmen der Landesreligion, welche man alsdann, mit einem Hegels würdigen Ausdruck, „die ab⸗ ſolute Religion“ titulirt, vortragen, mag eine recht nützliche Sache ſeyn; ſofern es dient, die Studenten den Zwecken des Staates beſſer anzupaſſen, imgleichen auch das leſende Publikum im Glauben zu befeſtigen: aber Dergleichen für Philoſophie — 1 0 7 ausgeben heißt denn doch eine Sache für Das verkaufen, was 20 fie nicht iſt. Wenn Dies und alles Obige feinen ungeſtörten [133] Fortgang behält, muß mehr und mehr die Univerſitätsphiloſophie zu einer remora der Wahrheit werden. Denn es iſt um alle Philoſophie geſchehn, wenn zum Maaßſtab ihrer Beurtheilung, oder gar zur Richtſchnur ihrer Sätze, etwas Anderes genommen wird, als ganz allein die Wahrheit, die, ſelbſt bei aller Redlichkeit des Forſchens und der Anſtrengung der überlegenſten Geiſtes⸗ kraft, ſo ſchwer zu erreichende Wahrheit: es führt dahin, daß fie zu einer bloßen fable convenue wird, wie Fontenelle die Geſchichte nennt. Nie wird man in der Löſung der Probleme, welche unſer ſo unendlich räthſelhaftes Daſeyn uns von allen Seiten entgegenhält, auch nur einen Schritt weiter kommen, wenn man nach einem vorgeſteckten Ziele philoſophirt. Daß aber Dies der generiſche Charakter der verſchiedenen Species jetziger Univer⸗ ſitätsphiloſophie ſei, wird wohl Niemand leugnen: denn nur zu ſichtbar kollimiren alle ihre Syſteme und Sätze nach Einem Ziel⸗ punkt. Dieſer iſt zudem nicht ein Mal das eigentliche, das neu⸗ teſtamentliche Chriſtenthum, oder der Geiſt deſſelben, als welcher 204 2 3 5 0 5 “ 8 A Ueber die Universitäts-Philosophie. ihnen zu hoch, zu ätheriſch, zu excentriſch, zu ſehr nicht von dieſer Welt, daher zu peſſimiſtiſch und hiedurch zur Apotheoſe des „Staats“ ganz ungeeignet iſt; ſondern es iſt bloß das Judenthum, die Lehre, daß die Welt ihr Daſeyn von einem höchſt vortrefflichen, perſönlichen Weſen habe, daher auch ein allerliebſtes Ding und ravre xx Aray fei. Dies iſt ihnen aller Weisheit Kern? und dahin ſoll die Philoſophie führen, oder, ſträubt fie ſich, geführt werden. Daher denn auch der Krieg, den, ſeit dem Sturz der Hegelei, alle Profeſſoren gegen den ſogenannten Pan⸗ theismus führen, in deſſen Perhorrescirung ſie wetteifern, ein⸗ müthig den Stab über ihn brechend. Iſt etwan dieſer Eifer aus der Entdeckung triftiger und ſchlagender Gründe gegen denſelben entſprungen? Oder ſieht man nicht vielmehr, mit welcher Rath⸗ loſigkeit und Angſt ſie nach Gründen gegen jenen in urſprünglicher Kraft ruhig daſtehenden und ſie belächelnden Gegner ſuchen? kann man daher noch bezweifeln, daß bloß die Inkompatibilität jener Lehre mit der „abſoluten Religion“ es iſt, warum ſie nicht wahr ſeyn ſoll, nicht ſoll, und wenn die ganze Natur ſie mit tauſend und aber tauſend Kehlen verkündigte. Die Natur ſoll ſchweigen, [184] damit das Judenthum ſpreche. Wenn nun ferner, neben der ° „abfoluten Religion,“ noch irgend etwas bei ihnen Berückſich⸗ 30 tigung findet; ſo verſteht es ſich, daß es die ſonſtigen Wünſche eines hohen Miniſteriums, bei dem die Macht Profeſſuren zu geben und zu nehmen iſt, ſeyn werden. Iſt doch daſſelbe die 25 Muſe, welche fie begeiſtert und ihren Lukubrationen vorſteht, da⸗ her wohl auch am Eingange, in Form einer Dedikation, ordentlich angerufen wird. Das ſind mir die Leute, die Wahrheit aus dem Brunnen zu ziehn, den Schleier des Truges zu zerreißen und aller Verfinſterung Hohn zu ſprechen. Zu keinem Lehrfache wären, der Natur der Sache nach, ſo entſchieden Leute von überwiegenden Fähigkeiten und durchdrungen von Liebe zur Wiſſenſchaft und Eifer für die Wahrheit erfordert, als da, wo die Reſultate der höchſten Anſtrengungen des menſch⸗ lichen Geiſtes, in der wichtigſten aller Angelegenheiten, der Bluͤthe 35 einer neuen Generation, i im lebendigen Worte, übergeben, ja, der Geiſt der Forſchung in ihr erweckt werden ſoll. Andererſeits aber wieder halten die Miniſterien dafür, daß kein Lehrfach auf die innerſte Geſinnung der künftigen gelehrten, alſo den Staat und 205
Ueber die Universitäts-Philosophie. die Geſellſchaft eigentlich lenkenden Kaffe fo viel Einfluß habe, wie gerade dieſes; daher es nur mit den allerdevoteſten, ihre Lehre gänzlich nach dem Willen und jedesmaligen Anſichten des Mini⸗ ſteriums zuſchneidenden Männern beſetzt werden darf. Natürlich iſt es dann die erſtere dieſer beiden Anforderungen, welche zurück⸗ ſtehn muß. Wer nun aber mit dieſem Stande der Dinge nicht bekannt iſt, dem kann es zu Zeiten vorkommen, als ob ſeltſamer⸗ weiſe gerade die entſchiedenſten Schaafsköpfe ſich der Wiſſenſchaft des Plato und Ariſtoteles gewidmet hätten. Ich kann hier nicht die beiläufige Bemerkung unterdrücken, daß eine ſehr nachtheilige Vorſchule zur Profeſſur der Philoſo⸗ phie die Hauslehrerſtellen ſind, welche beinahe Alle, die jemals jene bekleideten, nach ihren Univerſitätsſtudien, mehrere Jahre hindurch verſehn haben. Denn ſolche Stellen ſind eine rechte Schule der Unterwürfigkeit und Fügſamkeit. Beſonders wird man darin gewohnt, ſeine Lehren ganz und gar dem Willen des Brodherrn zu unterwerfen und keine andern als deſſen Zwecke zu kennen. Dieſe, früh angenommene Gewohnheit wur⸗ zelt ein und wird zur zweiten Natur; ſo daß man nachher, als Philoſophieprofeſſor, nichts natürlicher findet, als auch die Phi⸗ loſophie eben ſo den Wünſchen des die Profeſſuren beſetzenden Miniſteriums gemäß zuzuſchneiden und zu modeln; woraus denn am Ende philoſophiſche Anſichten, oder gar Syſteme, wie auf Beſtellung gemacht, hervorgehn. Da hat die Wahrheit ſchönes Spiel! — Hier ſtellt ſich freilich heraus, daß um dieſer un⸗ bedingt zu huldigen, um wirklich zu philoſophiren, zu ſo vielen Bedingungen faſt unumgänglich auch noch dieſe kommt, daß man auf eigenen Beinen ſtehe und keinen Herrn kenne, wonach denn das dog hot cob co in gewiſſem Sinne auch hier gälte. Wenigſtens haben die allermeiſten von Denen, die je etwas Großes in der Philoſophie leiſteten, ſich in dieſem Falle befunden. Spinoza war ſich der Sache jo deutlich bewußt, daß er die ihm angetragene Profeſſur gerade deshalb ausſchlug. Huta yap Taperns anoavurar eupvona Zeus Avepos, eur’ av ut xara doultov n, Gx N. Das wirkliche Philoſophiren verlangt Unabhängigkeit: lag yap aynp Nein Öedpmkevog oute rt etre, Our Epfar Swarar, Mo Be ol dederar. j Theogn. 206 — 5 20 [185] + 5 0 35 1 I. 2 8 m [186] 2 3 3 A 8 A Ueber die Universitäts-Philosophie. Auch in Sadis Guliſtan (überſetzt von Graf, Leipzig 1846, S. 185) wird geſagt, daß wer Nahrungsſorgen hat nichts leiſten kann. Dafür jedoch iſt der ächte Philoſoph, ſeiner Natur nach, ein genüg⸗ ſames Weſen und bedarf nicht viel, um unabhängig zu leben: denn allemal wird fein Wahlſpruch Shenſtone's Satz ſeyn: liberty is a more invigorating cordial than Tokay. (Freiheit iſt eine kräftigere Herzſtärkung, als Tokayer.) Wenn nun alſo es ſich bei der Sache um nichts Anderes handelte, als um die Förderung der Philoſophie und das Vor⸗ dringen auf dem Wege zur Wahrheit; ſo würde ich als das Beſte empfehlen, daß man die Spiegelfechterei, welche damit auf den Univerſitäten getrieben wird, einſtellte. Denn dieſe ſind wahrlich nicht der Ort für ernſtlich und redlich gemeinte Philo⸗ ſophie, deren Stelle dort nur zu oft eine in ihre Kleider geſteckte und aufgeputzte Drahtpuppe einnehmen und als ein nervis alienis mobile lignum paradiren und geſtikuliren muß. Wenn nun aber gar eine ſolche Kathederphiloſophie noch durch unverſtändliche, gehirnbetäubende Phraſen, neugeſchaffene Worte und unerhörte Einfälle, deren Abſurdes ſpekulativ und transſcendental genannt wird, die Stelle wirklicher Gedanken erſetzen will; ſo wird ſie zu einer Parodie der Philoſophie, die dieſe in Mißkredit bringt; welches in unſern Tagen der Fall geweſen iſt. Wie kann denn auch, unter allem ſolchen Treiben, ſelbſt nur die Möglichkeit jenes tiefen Ernſtes, der neben der Wahrheit Alles geringſchätzt und die erſte Bedingung zur Philoſophie iſt, beſtehn? — Der Weg zur Wahrheit iſt ſteil und lang: mit einem Block am Fuße wird ihn Keiner zurücklegen; vielmehr thäten Flügel Noth. Demnach alſo wäre ich dafür, daß die Philoſophie aufhörte, ein Gewerbe zu ſeyn: die Erhabenheit ihres Strebens verträgt ſich nicht damit; wie ja Dieſes ſchon die Alten erkannt haben. Es iſt gar nicht nöthig, daß auf jeder Univerſität ein Paar ſchaale Schwätzer ge⸗ halten werden, um den jungen Leuten alle Philoſophie auf Zeit Lebens zu verleiden. Auch Voltaire ſagt ganz richtig: les gens de lettres, qui ont rendu le plus de services au petit nombre d'etres pensans répandus dans le monde, sont les lettrés isolés, les vrais savans, renfermés dans leur cabinet, qui n’ont ni argumenté sur les bancs de I' université, ni dit les choses à moitié dans les académies: et ceux-là ont presque 207
Ueber die Universitäts-Philosophie. toujours été persécutés. — Alle der Philoſophie von außen gebotene Hülfe iſt, ihrer Natur nach, verdächtig: denn das In⸗ tereſſe jener iſt zu hoher Art, als daß es mit dem Treiben dieſer niedrig geſinnten Welt eine aufrichtige Verbindung eingehn könnte. Dagegen hat ſie ihren eigenen Leitſtern, der nie untergeht. Darum laſſe man ſie gewähren, ohne Beihülfe, aber auch ohne Hinder⸗ niſſe, und gebe nicht dem ernſten, von der Natur geweihten und ausgerüſteten Pilger zum hochgelegenen Tempel der Wahrheit den Geſellen bei, dem es eigentlich nur um ein gutes Nachtlager und eine Abendmahlzeit zu thun iſt: denn es iſt zu beſorgen, daß er, um nach dieſen einlenken zu dürfen, Jenem ein Hinderniß in den Weg wälzen werde. Dieſem Allen zufolge halte ich, von den Staatszwecken, wie geſagt, abſehend und bloß das Intereſſe der Philoſophie betrachtend, für wünſchenswerth, daß aller Unterricht in derſelben auf Uni⸗ verſitäten ſtreng beſchränkt werde auf den Vortrag der Logik, als einer abgeſchloſſenen und ſtreng beweisbaren Wiſſenſchaft, und auf eine ganz succincte vorzutragende und durchaus in Einem Semeſter — — von Thales bis Kant zu abſolvirende Geſchichte der Philoſophie, damit ſie, in Folge ihrer Kürze und Ueberſichtlichkeit, den eigenen Anſichten des Herrn Profeſſors möglichſt wenig Spielraum geſtatte und bloß als Leitfaden zum künftigen eigenen Studium auftrete. Denn die eigentliche Bekanntſchaft mit den Philoſophen läßt ſich [787] durchaus nur in ihren eigenen Werken machen und keineswegs durch Relationen aus zweiter Hand; — wovon ich die Gründe bereits in der Vorrede zur zweiten Ausgabe meines Hauptwerkes dargelegt habe. Zudem hat das Leſen der ſelbſteigenen Werke wirklicher Philoſophen jedenfalls einen wohlthätigen und fördernden Einfluß auf den Geiſt, indem es ihn in unmittelbare Gemeinſchaft mit ſo einem ſelbſtdenkenden und überlegenen Kopfe ſetzt, ſtatt daß bei jenen Geſchichten der Philoſophie er immer nur die Bewegung erhält, die ihm der hölzerne Gedankengang ſo eines Alltagskopfs ertheilen kann, der ſich die Sachen auf ſeine Weiſe zurechtgelegt hat. Daher alſo möchte ich jenen Kathedervortrag beſchränken auf den Zweck einer allgemeinen Orientirung auf dem Felde der bisherigen philoſophiſchen Leiſtungen, mit Beſeitigung aller Aus⸗ führungen, wie auch aller Pragmaticität der Darſtellung, die weiter gehn wollte, als bis zur Nachweiſung der unverkennbaren 208 2 2 w w 0 5 0 5 0 5 A 1 8 1 A 2 > 25 35 Ueber die Universitäts-Philosophie. Anknüpfungspunkte der ſucceſſiv auftretenden Syſteme an früher dageweſene; alſo ganz im Gegenſatz der Anmaaßung Hegelianiſcher Geſchichtſchreiber der Philoſophie, welche jedes Syſtem als noth⸗ wendig eintretend darthun, und ſonach, die Geſchichte der Philo⸗ ſophie a priori konſtruirend, uns beweiſen, daß jeder Philoſoph gerade Das, was er gedacht hat, und nichts Anderes, habe denken müſſen; wobei denn der Herr Profeſſor ſo recht bequem ſie Alle von oben herab überſieht, wo nicht gar belächelt. Der Sünder! als ob nicht Alles das Werk einzelner und einziger Köpfe geweſen wäre, die ſich in der ſchlechten Geſellſchaft dieſer Welt eine Weile haben herumſtoßen müſſen, damit ſolche gerettet und erlöſt werde aus den Banden der Rohheit und Verdummung; Köpfe, die eben ſo individuell, wie ſelten ſind, daher von jedem derſelben das Arioſtiſche natura il fece, e poi ruppe lo stampo in vollem Maaße gilt; — und als ob, wenn Kant an den Blattern ge⸗ ſtorben wäre, auch ein Anderer die Kritik der reinen Vernunft würde geſchrieben haben, — wohl einer von Jenen, aus der Fabrikwaare der Natur und mit ihrem Fabrikzeichen auf der Stirn, ſo Einer mit der normalen Ration von drei Pfund groben Gehirns, hübſch feſter Textur, in zolldicker Hirnſchaale wohl ver⸗ wahrt, beim Geſichtswinkel von 70°, dem matten Herzſchlag, den trüben, ſpähenden Augen, den ſtark entwickelten Freßwerkzeugen, der ſtockenden Rede und dem ſchwerfälligen, ſchleppenden Gange, als welcher Takt hält mit der Krötenagilität ſeiner Gedanken: — ja, ja, wartet nur, die werden euch Kritiken der reinen Vernunft und auch Syſteme machen, ſobald nur der vom Profeſſor be— rechnete Zeitpunkt da und die Reihe an ſie gekommen iſt, — dann, wann die Eichen Aprikoſen tragen. — Die Herren haben freilich gute Gründe, möglichſt viel der Erziehung und Bildung [188] zuzuſchreiben, ſogar, wie wirklich Einige thun, die angeborenen Talente ganz zu leugnen und auf alle Weiſe ſich gegen die Wahr⸗ heit zu verſchanzen, daß Alles darauf ankommt, wie Einer aus den Händen der Natur hervorgegangen ſei, welcher Vater ihn gezeugt und welche Mutter ihn empfangen habe, ja, auch noch zu welcher Stunde; daher man keine Iliaden ſchreiben wird, wenn man zur Mutter eine Gans und zum Vater eine Schlafmütze gehabt hat; auch nicht, wenn man auf ſechs Univerſitäten ſtudirt. Es iſt nun aber doch nicht anders: ariſtokratiſch iſt die Natur, 209
Ueber die Universitäts-Philosophie. ariſtokratiſcher, als irgend ein Feudal⸗ und Kaſtenweſen. Dem⸗ gemäß läuft ihre Pyramide von einer ſehr breiten Baſis in einen gar ſpitzen Gipfel aus. Und wenn es dem Pöbel und Geſindel, welches nichts über ſich dulden will, auch gelänge, alle andern Ariſtokratien umzuſtoßen; ſo müßte es dieſe doch beſtehn laſſen, — und ſoll keinen Dank dafür haben: denn die iſt ſo ganz eigentlich „von Gottes Gnaden.“ 210 Transſcendente Spekulation über die anſcheinende Abſichtlichkeit im Schickſale des Einzelnen. To eixn obx dort 2% ri Cf, ld ul à ph, al T4 gtc. Plotin. Enn. IV, L. 4, c. 35.
191 Ueber 1 u 2 die anſcheinende Abſichtlichkeit im Schickſale des Einzelnen. 5 Obgleich die hier mitzutheilenden Gedanken zu keinem feſten Reſul⸗ tate führen, ja, vielleicht eine bloße metaphyſiſche Phantaſie genannt werden könnten; ſo habe ich mich doch nicht entſchließen können, ſie der Vergeſſenheit zu übergeben; weil ſie Manchem, wenigſtens zum Vergleich mit ſeinen eigenen, über den ſelben Gegenſtand gehegten, willkommen ſeyn werden. Auch ein Solcher jedoch iſt zu erinnern, daß an ihnen Alles zweifelhaft iſt, nicht nur die Löſung, ſondern ſogar das Problem. Demnach hat man hier nichts weniger, als entſchiedene Aufſchlüſſe zu erwarten, vielmehr die bloße Ventilation eines ſehr dunkeln Sachverhältniſſes, welches jedoch vielleicht Jedem, im Verlaufe ſeines eigenen Lebens, oder beim Rückblick auf daſſelbe, ſich öfter aufgedrungen hat. Sogar mögen unſere Betrachtungen darüber vielleicht nicht viel mehr ſeyn, als ein Tappen und Taſten im Dunkeln, wo man merkt, daß wohl etwas daſei, jedoch nicht recht weiß, wo, noch was. Wenn ich dabei dennoch bisweilen in den poſitiven, oder gar dogmatiſchen Ton gerathen ſollte; ſo ſei hier ein für alle Mal geſagt, daß dies bloß geſchieht, um nicht durch ſtete Wiederholung der Formeln des Zweifels und der Muthmaaßung weitſchweifig und matt zu werden; daß es mithin nicht ernſtlich zu nehmen iſt. Der Glaube an eine ſpecielle Vorſehung, oder ſonſt eine übernatürliche Lenkung der Begebenheiten im individuellen Lebens⸗ lauf, iſt zu allen Zeiten allgemein beliebt geweſen, und ſogar in 8 NN D A 213
Ueber die anscheinende Absichtlichkeit denkenden, aller Superftition abgeneigten Köpfen findet er ſich bisweilen unerſchütterlich feſt, ja, wohl gar außer allem Zuſammen⸗ (192 hange mit irgend welchen beſtimmten Dogmen. — Zuvörderſt läßt ſich ihm entgegenſetzen, daß er, nach Art alles Götter⸗ glaubens, nicht eigentlich aus der Erkenntniß, ſondern aus dem Willen entſprungen, nämlich zunächſt das Kind unſerer Be— dürftigkeit fei. Denn die Data, welche bloß die Erkenntniß dazu geliefert hätte, ließen ſich vielleicht darauf zurückführen, daß der Zufall, welcher uns hundert arge, und wie durchdacht tückiſche Streiche ſpielt, dann und wann ein Mal auserleſen günſtig aus⸗ fällt, oder auch mittelbar ſehr gut für uns ſorgt. In allen ſolchen Fällen erkennen wir in ihm die Hand der Vorſehung, und zwar am deutlichſten dann, wann er, unſerer eigenen Einſicht zu⸗ wider, ja, auf von uns verabſcheuten Wegen, uns zu einem be⸗ glückenden Ziele hingeführt hat; wo wir alsdann ſagen tune bene navigavi, cum naufragium feci, und der Gegenſatz zwiſchen Wahl und Führung ganz unverkennbar, zugleich aber zum Vor⸗ theil der letzteren, fühlbar wird. Eben dieſerhalb tröften wir, bei widrigen Zufällen, uns auch wohl mit dem oft bewährten Sprüchlein „wer weiß wozu es gut iſt“, — welches eigentlich aus der Einſicht entſprungen iſt, daß, obwohl der Zufall die Welt beherrſcht, er doch den Irrthum zum Mitregenten hat und, weil wir Dieſem, eben ſo ſehr als Jenem, unterworfen ſind, vielleicht eben Das ein Glück iſt, was uns jetzt als ein Unglück erſcheint. So fliehen wir dann vor den Streichen des einen Welttyrannen zum andern, indem wir vom Zufall an den Irrthum appelliren. Hievon jedoch abgeſehn, iſt, dem bloßen, reinen, offenbaren Zufall eine Abſicht unterzulegen, ein Gedanke, der an Verwegenheit ſeines Gleichen ſucht. Dennoch glaube ich, daß Jeder, wenigſtens Ein Mal in ſeinem Leben, ihn lebhaft gefaßt hat. Auch findet man ihn bei allen Völkern und neben allen Glaubenslehren; wie⸗ wohl am entſchiedenſten bei den Mohammedanern. Es iſt ein Ge⸗ danke, der, je nachdem man ihn verſteht, der abſurdeſte, oder der tiefſinnigſte ſeyn kann. Gegen die Beiſpiele inzwiſchen, wodurch man ihn belegen möchte, bleibt, ſo frappant ſie auch bisweilen ſeyn mögen, die ſtehende Einrede dieſe, daß es das größte Wunder wäre, wenn niemals ein Zufall unſere Angelegenheiten gut, ja, ſelbſt beſſer beſorgte, als unſer Verſtand und unſere Einſicht es vermocht hätten. 214 — 0 — 5 0 2 — Ü— — T ñ—— —̃ —— 4 • 6D — —— ꝗä ö äĩ [93] 2 8 I 15 20 2 A 8 3 im Schicksale des Einzelnen. Daß Alles, ohne Ausnahme, was geſchieht, mit ſtrenger Nothwendigkeit eintritt, iſt eine a priori einzuſehende, folglich unumſtößliche Wahrheit: ich will ſie hier den demonſtrabeln Fatalismus nennen. In meiner Preisſchrift über die Freiheit des Willens ergiebt fie ſich (S. 62 [2. Aufl., S. 60) als das Reſultat aller vorhergegangenen Unterſuchungen. Sie wird em⸗ piriſch und a posteriori beſtätigt, durch die nicht mehr zweifel⸗ hafte Thatſache, daß magnetiſche Somnambule, daß mit dem zweiten Geſichte begabte Menſchen, ja, daß bisweilen die Träume des gewöhnlichen Schlafs, das Zukünftige geradezu und genau vorher verkünden. ) Am auffallendſten iſt dieſe empiriſche Be⸗ ſtätigung meiner Theorie der ſtrengen Nothwendigkeit alles Ge⸗ ſchehenden beim zweiten Geſicht. Denn das, vermöge deſſelben, oft lange vorher Verkündete ſehn wir nachmals, ganz genau und mit allen Nebenumſtänden, wie ſie angegeben waren, eintreten, ſogar dann, wann man ſich abſichtlich und auf alle Weiſe be⸗ müht hatte, es zu hintertreiben, oder die eintreffende Begeben⸗ heit, wenigſtens in irgend einem Nebenumſtande, von der mit⸗ getheilten Viſion abweichen zu machen; welches ſtets vergeblich geweſen iſt; indem dann gerade Das, welches das vorher Ver⸗ kündete vereiteln ſollte, allemal es herbeizuführen gedient hat; gerade ſo, wie ſowohl in den Tragödien, als in der Geſchichte der Alten, das von Orakeln oder Träumen verkündigte Unheil eben durch die Vorkehrungsmittel dagegen herbeigezogen wird. +) In den Times vom 2. Dezember 1852 ſteht folgende gerichtliche Aus⸗ ſage: Zu Newent in Gloeeſterſhire wurde vor dem Coroner, Mr. Lovegrove, eine gerichtliche Unterſuchung über den im Waſſer gefundenen Leichnam des Mannes Mark Lane abgehalten. Der Bruder des Ertrunkenen ſagte aus, daß er, auf die erſte Nachricht vom Vermißtwerden ſeines Bruders Markus, ſogleich erwidert habe: „Dann iſt er ertrunken: denn dies hat mir dieſe Nacht geträumt und daß ich, tief im Waſſer ſtehend, bemüht war, ihn herauszu⸗ ziehn.“ In der nächſtfolgenden Nacht träumte ihm abermals, daß ſein Bruder nahe bei der Schleuſe zu Oxenhall ertrunken ſei und daß neben ihm eine 35 Forelle ſchwamm. Am folgenden Morgen gieng er, in Begleitung feines andern Bruders, nach Oxenhall: daſelbſt ſah er eine Forelle im Waſſer. Sogleich war er überzeugt, daß ſein Bruder hier liegen müſſe, und wirklich fand die Leiche ſich an der Stelle. — Alſo etwas ſo Flüchtiges, wie das Vorübergleiten einer Forelle, wird um mehrere Stunden, auf die Sekunde genau, vorhergeſehn! 15 Schopenhauer, Werke V 215
Ueber die anscheinende Absichtlichkeit Als Beiſpiele hievon nenne ich, aus fo vielen, bloß den König Oedipus und die ſchöne Geſchichte vom Kröſus mit dem Adraſtos im erſten Buche des Herodot, o. 35— 43. Die dieſen entſprechenden Fälle beim zweiten Geſicht findet man, von dem grundehrlichen Bende Benſen mitgetheilt, im Zten Hefte des achten Bandes des Archivs für thieriſchen Magnetismus von Kieſer (beſonders Beiſp. 3, 12, 13, 10); wie auch einen in Jung Stillings Theorie der Geiſterkunde $ 155. Wäre nun die Gabe des zweiten Ge⸗ ſichts ſo häufig, wie ſie ſelten iſt; ſo würden unzählige Vorfälle, vorherverkündet, genau eintreffen und der unleugbare faktiſche Beweis der ſtrengen Nothwendigkeit alles und jedes Geſchehenden, Jedem zugänglich, allgemein vorliegen. Dann würde kein Zweifel mehr darüber bleiben, daß, ſo ſehr auch der Lauf der Dinge ſich als rein zufällig darſtellt, er es im Grunde doch nicht iſt, vielmehr alle dieſe Zufälle ſelbſt, da sven pepohe nn, von einer, tief verborgenen Nothwendigkeit, eluaepevn, umfaßt werden, deren bloßes Werkzeug der Zufall ſelbſt iſt. In dieſe einen Blick zu thun, iſt von jeher das Beſtreben aller Mantik geweſen. Aus der in Erinnerung gebrachten, thatſächlichen Mantik nun aber folgt eigentlich nicht bloß, daß alle Begebenheiten mit vollſtändiger Nothwendigkeit eintreten; ſondern auch, daß ſie irgendwie ſchon zum Voraus beſtimmt und objektiv feſtgeſtellt find, indem fie ja dem Seherauge als ein Gegenwärtiges ſich darſtellen: indeſſen ließe ſich dieſes allenfalls noch auf die bloße Nothwendigkeit ihres Eintritts in Folge des Verlaufs der Kauſalkette zurückführen. Jedenfalls aber iſt die Einſicht, oder vielmehr die Anſicht, daß jene Nothwendigkeit alles Geſchehenden keine blinde ſei, alſo der Glaube an einen eben ſo planmäßigen, wie nothwendigen Her⸗ gang in unſerm Lebenslauf, ein Fatalismus höherer Art, der jedoch nicht, wie der einfache, ſich demonſtriren läßt, auf welchen aber dennoch vielleicht Jeder, früher oder ſpäter, ein Mal geräth und ihn, nach Maaßgabe feiner Denkungsart, eine Zeit lang, oder auf immer feſthält. Wir können denſelben, zum Unterſchiede von dem gewöhnlichen und demonſtrabeln, den transſeendenten Fatalismus nennen. Er ſtammt nicht, wie jener, aus einer eigentlich theoretiſchen Erkenntniß, noch aus der zu dieſer nöthigen Unterſuchung, als zu welcher Wenige befähigt ſeyn würden; ſondern er ſetzt ſich aus den Erfahrungen des eigenen Lebens⸗ 216 — 0 — — [194] “ I 8 15 [195] im Schicksale des Einzelnen. laufs allmälig ab. Unter diefen nämlich machen ſich Jedem ge⸗ wiſſe Vorgänge bemerklich, welche einerſeits, vermöge ihrer be⸗ ſondern und großen Zweckmäßigkeit für ihn, den Stämpel einer moraliſchen, oder innern Nothwendigkeit, andererſeits jedoch den der äußern, gänzlichen Zufälligkeit deutlich ausgeprägt an ſich tragen. Das öftere Vorkommen derſelben führt allmälig zu der Anſicht, die oft zur Ueberzeugung wird, daß der Lebenslauf des Einzelnen, ſo verworren er auch ſcheinen mag, ein in ſich übereinſtimmendes, beſtimmte Tendenz und belehrenden Sinn habendes Ganzes ſei, jo gut wie das durchdachteſte Epos.) Die durch denſelben ihm ertheilte Belehrung nun aber bezöge ſich allein auf ſeinen individuellen Willen, — welcher, im letzten Grunde, ſein individueller Irrthum iſt. Denn nicht in der Weltgeſchichte, wie die Profeſſorenphiloſophie es wähnt, iſt Plan und Ganzheit, ſondern im Leben des Einzelnen. Die Völker exiſtiren ja bloß in abstracto: die Einzelnen ſind das Reale. Daher iſt die Weltgeſchichte ohne direkte metaphyſiſche Bedeutung: ſie iſt eigentlich bloß eine zufällige Konfiguration: ich erinnere hier an Das was ich, „Welt als W. und V.“ Bd. 1. $ 35, darüber geſagt habe. — Alſo in Hinſicht auf das eigene indi⸗ viduelle Schickſal erwächſt in Vielen jener transſcendente Fatalismus, zu welchem die aufmerkſame Betrachtung des eigenen Lebens, nachdem ſein Faden zu einer beträchtlichen Länge ausgeſponnen worden, vielleicht Jedem ein Mal Anlaß giebt, ja, beim Durchdenken der Einzelheiten ſeines Lebenslaufes, kann dieſer ihm bisweilen ſich darſtellen, als wäre Alles darin abge⸗ kartet geweſen, und die auftretenden Menſchen erſcheinen ihm wie bloße Schauſpieler. Dieſer transſcendente Fatalismus hat nicht nur viel Troſtreiches, ſondern vielleicht auch viel Wahres; daher er zu allen Zeiten, ſogar als Dogma, behauptet worden. 11) Als völlig + Wenn wir manche Scenen unſerer Vergangenheit genau durchdenken, erſcheint uns Alles darin ſo wohl abgekartet, wie in einem recht planmäßig angelegten Roman. 1) Weder unſer Thun, noch unſer Lebenslauf iſt unſer Wert; wohl aber Das, was Keiner dafür hält: unſer Weſen und Daſeyn. Denn auf Grundlage dieſes und der in ſtrenger Kauſalverknüpfung eintretenden Umſtände und äußern Begebenheiten geht unſer Thun und Lebenslauf mit vollkommener Nothwendigkeit vor ſich. Demnach iſt ſchon bei der Geburt des 15* 217
Ueber die anscheinende Absichtlichkeit unbefangen verdient das Zeugniß eines erfahrenen Welt- und Hof⸗ mannes, und dazu in einem Neſtoriſchen Alter abgelegt, hier ange⸗ führt zu werden, nämlich das des neunzigjährigen Knebel, der in einem Briefe ſagt: „Man wird, bei genauer Beobachtung, finden, „daß in dem Leben der meiſten Menſchen ſich ein gewiſſer Plan fin⸗ „det, der, durch die eigene Natur, oder durch die Umſtände, die ſie „führen, ihnen gleichſam vorgezeichnet iſt. Die Zuſtände ihres Lebens „mögen noch ſo abwechſelnd und veränderlich ſeyn, es zeigt ſich „doch am Ende ein Ganzes, das unter ſich eine gewiſſe Ueber⸗ „einſtimmung bemerken läßt. — — — — Die Hand eines be⸗ „ſtimmten Schickſals, ſo verborgen ſie auch wirken mag, zeigt ſich „auch genau, ſie mag nun durch äußere Wirkung, oder innere „Regung, bewegt ſeyn: ja, widerſprechende Gründe bewegen ſich „oftmals in ihrer Richtung. So verwirrt der Lauf iſt, ſo zeigt „ſich immer Grund und Richtung durch.“ (Knebel's litterariſcher Nachlaß. 2. Aufl. 1840. Bd. 3. S. 452.) Die hier ausgeſprochene Planmäßigkeit im Lebenslauf eines Jeden läßt ſich nun zwar zum Theil aus der Unveränderlichkeit und ſtarren Konſequenz des angeborenen Charakters erklären, als welche den Menſchen immer in das ſelbe Gleis zurückbringt. Was dieſem Charakter eines Jeden das Angemeſſenſte iſt erkennt er ſo unmittelbar und ſicher, daß er, in der Regel, es gar nicht in das deutliche, reflektirte Bewußtſeyn aufnimmt, ſondern un⸗ mittelbar und wie inſtinktmäßig danach handelt. Dieſe Art von Erkenntniß iſt inſofern, als ſie ins Handeln übergeht, ohne ins deutliche Bewußtſeyn gekommen zu ſeyn, den reflex motions des Marſhal Hall zu vergleichen. Vermöge derſelben verfolgt und ergreift Jeder, dem nicht, entweder von außen, oder von ſeinen eigenen falſchen Begriffen und Vorurtheilen, Gewalt ge⸗ ſchieht, das ihm individuell Angemeſſene, auch ohne ſich darüber Rechenſchaft geben zu können; wie die im Sande, von der Sonne bebrütete und aus dem Ei gekrochene Schildkröte, auch ohne das Waſſer erblicken zu können, ſogleich die gerade Richtung da⸗ Menſchen ſein ganzer Lebenslauf, bis ins Einzelne, unwiderruflich beſtimmt; ſo daß eine Somnambule in höchſter Potenz ihn genau vorherſagen könnte. Wir ſollten dieſe große und ſichere Wahrheit im Auge behalten, bei Be⸗ trachtung und Beurtheilung unſers Lebenslaufs, unſerer Thaten und Leiden. 218 — 0 — 5 [196) im Schicksale des Einzelnen. hin einſchlägt. Dies alſo iſt der innere Kompaß, der geheime Zug, der Jeden richtig auf den Weg bringt, welcher allein der ihm angemeſſene iſt, deſſen gleichmäßige Richtung er aber erſt gewahr wird, nachdem er ihn zurückgelegt hat. — Dennoch 5 ſcheint Dies, dem mächtigen Einfluß und der großen Gewalt der äußern Umſtände gegenüber, nicht ausreichend: und dabei iſt es nicht ſehr glaublich, daß das Wichtigſte in der Welt, der durch ſo vieles Thun, Plagen und Leiden erkaufte menſchliche Lebenslauf, auch nur die andere Hälfte ſeiner Lenkung, nämlich 10 den von außen kommenden Theil, ſo ganz eigentlich und rein aus der Hand eines wirklich blinden, an ſich ſelbſt gar nichts ſeyenden und aller Anordnung entbehrenden Zufalls erhalten ſollte. Vielmehr wird man verſucht, zu glauben, daß, — wie es gewiſſe Bilder giebt, Anamorphoſen genannt (Pouillet II, 171), 15 welche dem bloßen Auge nur verzerrte und verſtümmelte Unge⸗ ſtalten, hingegen in einem koniſchen Spiegel geſehn regelrechte menſchliche Figuren zeigen, — ſo die rein empiriſche Auffaſſung des Weltlaufs jenem Anſchauen des Bildes mit nacktem Auge gleicht, das Verfolgen der Abſicht des Schickſals hingegen dem 20 Anſchauen im koniſchen Spiegel, der das dort aus einander Ge⸗ worfene verbindet und ordnet. Jedoch läßt dieſer Anſicht ſich immer noch die andere entgegenſtellen, daß der planmäßige Zu⸗ ſammenhang, welchen wir in den Begebenheiten unſers Lebens wahrzunehmen glauben, nur eine unbewußte Wirkung unſerer a5 ordnenden und ſchematiſirenden Phantaſie fei, derjenigen ähnlich, vermöge welcher wir auf einer befleckten Wand menſchliche Figuren und Gruppen deutlich und ſchön erblicken, indem wir plan⸗ mäßigen Zuſammenhang in Flecke bringen, die der blindeſte Zufall geſtreut hat. Inzwiſchen iſt doch zu vermuthen, daß Das, 30 was, im höchſten und wahrſten Sinne des Wortes, für uns das Rechte und Zuträgliche iſt, wohl nicht Das ſeyn kann, was bloß projektirt, aber nie ausgeführt wurde, was alſo nie eine andere Exiſtenz, als die in unſern Gedanken, erhielt, — die vani disegni, che non han’ mai loco des Arioſto, — und deſſen 35 Vereitelung durch den Zufall wir nachher Zeit Lebens zu be⸗ trauern hätten; ſondern vielmehr Das, was real ausgeprägt wird im großen Bilde der Wirklichkeit und wovon wir, nachdem 1797] wir deſſen Zweckmäßigkeit erkannt haben, mit Ueberzeugung 219
Ueber die anscheinende Absichtlichkeit fagen sic erat in fatis, fo hat es kommen müſſen; daher denn für die Realiſirung des in dieſem Sinne Zweckmäßigen auf irgend eine Weiſe geſorgt ſeyn müßte, durch eine im tiefſten Grunde der Dinge liegende Einheit des Zufälligen und Noth⸗ wendigen. Vermöge dieſer müßten, beim menſchlichen Lebenslauf, die innere, ſich als inſtinktartiger Trieb darſtellende Nothwendig⸗ keit, ſodann die vernünftige Ueberlegung und endlich die äußere Einwirkung der Umſtände ſich wechſelſeitig dergeſtalt in die Hände arbeiten, daß ſie, am Ende deſſelben, wann er ganz durch⸗ geführt iſt, ihn als ein wohlgeründetes, vollendetes Kunſtwerk erſcheinen ließen; obgleich vorher, als er noch im Werden war, an demſelben, wie an jedem erſt angelegten Kunſtwerk, ſich oft weder Plan, noch Zweck, erkennen ließ. Wer aber erſt nach der Vollendung hinzuträte und ihn genau betrachtete, müßte ſo einen Lebenslauf anſtaunen als das Werk der überlegteſten Vorherſicht, Weisheit und Beharrlichkeit. Die Bedeutſamkeit deſſelben im Ganzen jedoch würde ſeyn, je nachdem das Subjekt deſſelben ein gewöhnliches, oder außerordentliches war. Von dieſem Geſichts⸗ punkt aus könnte man den ſehr transſcendenten Gedanken faſſen, daß dieſem mundus phaenomenon, in welchem der Zufall herrſcht, durchgängig und überall ein mundus intelligibilis zum Grunde läge, welcher den Zufall ſelbſt beherrſcht. — Die Natur freilich thut Alles nur für die Gattung und nichts bloß für das Individuum; weil ihr Jene Alles, Dieſes nichts iſt. Allein was wir hier als wirkend vorausſetzen wäre nicht die Natur, ſondern das jenſeit der Natur liegende Metaphyſiſche, welches in jedem Individuo ganz und ungetheilt exiſtirt, dem daher Dieſes Alles gilt. Zwar müßte man eigentlich, um über dieſe Dinge in's Reine zu kommen, zuvor folgende Fragen beantworten: iſt ein gänzliches Mißverhältniß zwiſchen dem Charakter und dem Schickſal eines Menſchen möglich? — oder paßt, auf die Hauptſache geſehn, jedes Schickſal zu jedem Charakter? — oder endlich fügt wirklich eine geheime, unbegreifliche Nothwendigkeit, dem Dichter eines Drama's zu vergleichen, Beide jedesmal paſſend an einander? — Aber eben hierüber ſind wir nicht im Klaren. IS} n 3 w Inzwiſchen glauben wir, unſerer Thaten in jedem Augen blicke Herr zu ſeyn. Allein, wenn wir auf unſern zurückgelegten 220 0 5 0 5 — SEEEEEEEE ESSENER, .. ͤ—̃———̃ 4 im Schicksale des Einzelnen. Lebensweg zurückſehn und zumal unſere unglücklichen Schritte, nebſt ihren Folgen, ins Auge faſſen; ſo begreifen wir oft nicht, wie wir haben Dieſes thun, oder Jenes unterlaſſen können; fo [198] daß es ausſieht, als hätte eine fremde Macht unſere Schritte gelenkt. Deshalb ſagt Shakeſpeare: Fate, show thy force: ourselves we do not owe; What is decreed must be, and be this so! Twelfth-night, A. 1. sc. 5. (Jetzt kannſt du deine Macht, o Schickſal, zeigen: 10 Was ſeyn ſoll muß geſchehn, und Keiner iſt ſein eigen.) Die Alten werden es nicht müde, in Verſen und in Proſa, die Allgewalt des Schickſals hervorzuheben, wobei ſie auf die Ohn⸗ macht des Menſchen, ihm gegenüber, hinweiſen. Man ſieht über⸗ all, daß dies eine Ueberzeugung iſt, von der ſie durchdrungen ſind, ı5 indem fie einen geheimnißvollen und tiefern Zuſammenhang der Dinge ahnden, als der klar empiriſche iſt. (Siehe Lukians Todten⸗ geſpräche XIX und XXX; Herodot, L. I, c. 91 und IX, c. 16.) Daher die vielen Benennungen dieſes Begriffs im Griechiſchen: rorhoc, ald, elnappevm, rerpopewn, Hop, Ad p und 20 vielleicht noch andere. Das Wort xpovotæ hingegen verſchiebt den Begriff der Sache, indem es vom voug, dem Sekundären, ausgeht, wodurch er freilich plan und begreiflich, aber auch oberflächlich und falſch wird.) Auch Goethe ſagt, im Götz von Berlichingen (Akts): „Wir Menſchen führen uns nicht ſelbſt: böſen Geiſtern iſt Macht 25 „über uns gelaſſen, daß ſie ihren Muthwillen an unſerm Verder⸗ „ben üben.“ Auch im Egmont (Akt s, letzte Scene): „Es glaubt der Menſch ſein Leben zu leiten, ſich ſelbſt zu führen; und ſein Innerſtes wird unwiderſtehlich nach ſeinem Schickſale gezogen.“ Ja, ſchon der Prophet Jeremias hat es geſagt: „Des Menſchen zo Thun ſtehet nicht in feiner Gewalt, und ſtehet in Niemandes Macht, 10 Es iſt außerordentlich, wie ſehr die Alten von dem Begriff eines allwalten⸗ den Schickſals (eipappevn, fatum) erfüllt und durchdrungen waren: hievon zeugen nicht nur die Dichter, zumal die Tragödie, ſondern auch die Philoſophen und Hiſtoriker. In der chriſtlichen Zeit iſt dieſer Begriff in den Hintergrund 35 getreten und wird weniger urgirt; weil er verdrängt worden iſt von dem der Vorſehung, Kpovcta, welche einen intellektuellen Urſprung vorausſetzt, und, als von einem perſönlichen Weſen ausgehend, nicht ſo ſtarr und unabänderlich, auch nicht ſo tief gefaßt und geheimnißvoll iſt, jenen daher auch nicht er⸗ ſetzen kann, vielmehr ihn zum Vorwurf des Unglaubens gemacht hat. 221
Ueber die anscheinende Absichtlichkeit wie er wandele, oder feinen Gang richte.“ (10, 28.) Dies Alles beruht darauf, daß unſere Thaten das nothwendige Produkt zweier Faktoren ſind, deren einer, unſer Charakter, unabänderlich feſt ſteht, uns jedoch nur a posteriori, alſo allmälig, bekannt wird; der andere aber ſind die Motive: dieſe liegen außerhalb, werden durch den Weltlauf nothwendig herbeigeführt und beſtimmen den ges gebenen Charakter, unter Vorausſetzung ſeiner feſtſtehenden Be⸗ ſchaffenheit, mit einer Nothwendigkeit, welche der mechaniſchen gleichkommt. Das über den ſo erfolgenden Verlauf nun aber ur⸗ theilende Ich iſt das Subjekt des Erkennens, als ſolches jenen Bei⸗ den fremd und bloß der kritiſche Zuſchauer ihres Wirkens. Da mag es denn freilich zu Zeiten ſich verwundern. Hat man aber ein Mal den Geſichtspunkt jenes transſcen⸗ denten Fatalismus gefaßt und betrachtet nun von ihm aus ein individuelles Leben; ſo hat man bisweilen das wunderlichſte aller Schauſpiele vor Augen, an dem Kontraſte zwiſchen der offenbaren, phyſiſchen Zufälligkeit einer Begebenheit und ihrer moraliſch⸗metaphyſiſchen Nothwendigkeit, welche letztere jedoch nie demonſtrabel iſt, vielmehr immer noch bloß eingebildet ſeyn kann. Um Dieſes durch ein allbekanntes Beiſpiel, welches zugleich, wegen ſeiner Grellheit, geeignet iſt, als Typus der Sache zu dienen, ſich zu veranſchaulichen, betrachte man Schillers „Gang nach dem Eiſenhammer.“ Hier nämlich ſieht man Fridolins Verzögerung, durch den Dienſt bei der Meſſe, ſo ganz zufällig herbeigeführt, wie ſie andererſeits für ihn ſo höchſt wichtig und nothwendig iſt. Vielleicht wird Jeder, bei gehörigem Nachdenken, in ſeinem eigenen Lebenslaufe analoge Fälle finden können, wenn gleich nicht ſo wichtige, noch ſo deutlich ausgeprägte. Gar Mancher aber wird hiedurch zu der Annahme getrieben werden, daß eine geheime und unerklärliche Macht alle Wendungen und Win⸗ dungen unſers Lebenslaufes, zwar ſehr oft gegen unſere einſt⸗ weilige Abſicht, jedoch ſo, wie es der objektiven Ganzheit und ſubjektiven Zweckmäßigkeit deſſelben angemeſſen, mithin unſerm eigentlichen wahren Beſten förderlich iſt, leitet; ſo, daß wir gar oft die Thorheit der in entgegengeſetzter Richtung gehegten Wünſche hinterher erkennen. Ducunt volentem fata, nolentem trahunt — Sen. ep. 107. Eine ſolche Macht nun müßte, mit einem unſichtbaren Faden alle Dinge durchziehend, auch die, welche die 222 0 [199] w ws 5 0 7 im Schicksale des Einzelnen. Kauſalkette ohne alle Verbindung mit einander läßt, ſo verknüpfen, daß ſie, im erforderten Moment, zuſammenträfen. Sie würde demnach die Begebenheiten des wirklichen Lebens ſo gänzlich be⸗ herrſchen, wie der Dichter die ſeines Drama's: Zufall aber und 5 Irrthum, als welche zunächſt und unmittelbar in den regelmäßigen, kauſalen Lauf der Dinge ſtörend eingreifen, würden die bloßen Werkzeuge ihrer unſichtbaren Hand ſeyn. Mehr als Alles treibt uns zu der kühnen Annahme einer ſolchen, aus der Einheit der tiefliegenden Wurzel der Nothwendig⸗ 10 keit und Zufälligkeit entſpringenden und unergründlichen Macht die Rückſicht hin, daß die beſtimmte, ſo eigenthümliche Indivi⸗ dualität jedes Menſchen in phyſiſcher, moraliſcher und intellektueller Hinſicht, die ihm Alles in Allem iſt und daher aus der höchſten metaphyſiſchen Nothwendigkeit entſprungen ſeyn muß, andererſeits 15 (wie ich in meinem Hauptwerke Bd. 2, Kap. 43 dargethan habe) als das nothwendige Reſultat des moraliſchen Charakters des Vaters, der intellektuellen Fähigkeit der Mutter und der geſamm⸗ ten Korporiſation Beider ſich ergiebt; die Verbindung dieſer Eltern nun aber, in der Regel, durch augenſcheinlich zufällige Umſtände 20 herbeigeführt worden iſt. Hier alſo drängt ſich uns die Forde⸗ rung, oder das metaphyſiſch⸗moraliſche Poſtulat, einer letzten Einheit der Nothwendigkeit und Zufälligkeit unwiderſtehlich auf. Von dieſer einheitlichen Wurzel Beider einen deutlichen Begriff zu erlangen, halte ich jedoch für unmöglich: nur ſo viel läßt ſich ſagen, 25 daß fie zugleich Das wäre, was die Alten Schickſal, einappewn, [200] rerpwpevn, fatum nannten, Das, was fie unter dem leitenden Genius jedes Einzelnen verſtanden, nicht minder aber auch Das, was die Chriſten als Vorſehung, rpovora, verehren. Dieſe Drei unterſcheiden ſich zwar dadurch, daß das Fatum blind, die beiden 30 Andern ſehend gedacht werden: aber dieſer anthropomorphiſtiſche Unterſchied fällt weg und verliert alle Bedeutung bei dem tief⸗ innern, metaphyſiſchen Weſen der Dinge, in welchem allein wir die Wurzel jener unerklärlichen Einheit des Zufälligen mit dem Nothwendigen, welche ſich als der geheime Lenker aller menſchlichen 35 Dinge darſtellt, zu ſuchen haben. ‚Die Vorſtellung von dem, jedem Einzelnen beigegebenen und ſeinem Lebenslaufe vorſtehenden Genius ſoll Hetruriſchen Ur⸗ ſprungs ſeyn, war inzwiſchen bei den Alten allgemein verbreitet. 223
Ueber die anscheinende Absichtlichkeit Das Weſentliche derſelben enthält ein Vers des Menander, den Plutarch (de trang. an. C. 15, auch bei Stob. Ecl. L. I, c. 6. § 4 und Clem. Alex., Strom. L. V, c. 14) uns aufbehalten hat: ‘Aravtı Stau dvd pt GURTTLPTOTATEL Eugus yevonevw, kuotaywyos rou Brou Ayados. (Hominem unumquemque, simul in lucem est editus, sectatur Genius, vitae qui auspicium facit, bonus nimirum.) Plato, am Schluſſe der Republik, befchreibt, wie jede Seele, vor ihrer abermaligen Wiedergeburt, ſich ein Lebensloos, mit der ihm an⸗ gemeſſenen Perſönlichkeit, wählt, und ſagt ſodann: Exerdn d' ov nacac was οννννẽ toug Broug Hpmodau, oed eAuyov, ev c rpocreyan neog ımv Aaysow, ec 8 Exaotw by elner dutMova, Tori pviaxa Eupmepmew Ton Brov xaL ANOTNPWTmY ro algedevrov. (L. X, 621.) Ueber dieſe Stelle hat einen höchſt leſenswerthen Kommentar Porphyrius geliefert und Stobäos den⸗ ſelben uns erhalten, in Ecl. eth. L. II, c. 8, § 37. (Vol. 3, p. 368 sq. beſonders 376.) Plato hatte aber vorher (618), in Beziehung hierauf, geſagt: ovy das dopo Nee N, q dpeic deu alpmosote. cpo de d M (das Loos, was bloß die Ordnung der Wahl beſtimmt) core ape Bl., & cuvec r e avaryııng. — Sehr ſchön drückt die Sache Horaz aus: Scit Genius, natale comes qui temperat astrum, Naturae deus humanae, mortalis in unumQuodque caput, vultu mutabilis, albus et ater. (II. epist. 2, 187.) Eine gar leſenswerthe Stelle über dieſen Genius findet man im Apulejus, de deo Socratis S. 236, 38 Bip. Ein kurzes, aber bedeutendes Kapitel darüber hat Jamblichos de myst. Aegypt. Sect. IX, c. 6, de proprio daemone. Aber noch merkwürdiger iſt die Stelle des Proklos in ſeinem Kommentar zum Alkibiades des Plato S. 77 ed. Creuzer: § yap racav . Tnv Zonv ıTuvav c Tag TE alpegeıg οννο ATOTANPWV, TAG TO TG 'YEVEGEWG, v Tag ung elpappevng dogeıg vt TWav orpmysverav Js, ETL de TAG Ex Tg npovorag eihapmıbeis Xopnyav xt TXAMETEWY, od ro & dopo ert. X. €. A. Ueberaus tieffinnig hat den ſelben Ge⸗ danken Theophraſtus Paracelſus gefaßt, da er ſagt: „Damit aber „das Fatum wohl erkannt werde, iſt es alſo, daß jeglicher Menſch „einen Geiſt hat, der außerhalb ihm wohnt und ſetzt ſeinen Stuhl 224 20 25 wo ws 0 2 im Schicksale des Einzelnen. „in die obern Sterne. Derſelbige gebraucht die Boffent) feines [201] „Meiſters: derſelbige iſt der, der da die praesagia demſelben vor⸗ „zeigt und nachzeigt: denn ſie bleiben nach dieſem. Dieſe Geiſter „heißen Fatum.“ (Theophr. Werke Straßb. 1603. Fol. Bd. 2. S. 36.) Beachtenswerth iſt es, daß eben dieſer Gedanke ſchon beim Plutarch zu finden iſt, da er ſagt, daß außer dem in den irdi⸗ ſchen Leib verſenkten Theil der Seele ein anderer, reinerer Theil der⸗ ſelben außerhalb, über dem Haupte des Menſchen ſchwebend bleibt, als ein Stern ſich darſtellend und mit Recht ſein Dämon, Genius, genannt wird, welcher ihn leitet und dem der Weiſere willig folgt. Die Stelle iſt zum Herſetzen zu lang, ſie ſteht de genio Socratis c. 22. Die Hauptphraſe iſt: do hey ouy dog po ev c cuparı gepopevov T Aeysrar' to de Popag Aerpdev, ol c Nouv HORÄDUYTEL, EYTOG ELvaL vorLboucty KUTWY' OL de o, Örrovoouvteg, 15 bg extog ovra, Aa mpocayopsvovse. Beiläufig bemerke ich, daß das Chriſtenthum, welches bekanntlich die Götter und Dämonen aller Heiden gern in Teufel verwandelte, aus dieſem Genius der Alten den spiritus familiaris der Gelehrten und Magiker gemacht zu haben ſcheint. — Die Chriſtliche Vorſtellung von der Providenz iſt zu bekannt, als daß es nöthig wäre, dabei zu verweilen. — Alles Dieſes ſind jedoch nur bildliche, allegoriſche Auffaſſungen der in Rede ſtehenden Sache; wie es denn überhaupt uns nicht ver⸗ gönnt iſt, die tiefſten und verborgenſten Wahrheiten anders, als im Bilde und Gleichniß zu erfaſſen. 25 In Wahrheit jedoch kann jene verborgene und ſogar die äußern Einflüſſe lenkende Macht ihre Wurzel zuletzt doch nur in unſerm eigenen, geheimnißvollen Innern haben; da ja das A und Q alles Daſeyns zuletzt in uns ſelbſt liegt. Allein auch nur die bloße Möglichkeit hievon werden wir, ſelbſt im glücklichſten Falle, wieder nur mittelſt Analogien und Gleichniſſen, einigermaaßen und aus großer Ferne abſehn können. Die nächſte Analogie nun alſo mit dem Walten jener Macht zeigt uns die Teleologie der Natur, indem ſie das Zweck⸗ mäßige, als ohne Erkenntniß des Zweckes eintretend, darbietet, zumal da, wo die äußere, d. h. die zwiſchen verſchiedenen, ja 1 8 2 © D 3 3 A D Typen, Hervorragungen, Beulen, vom Italiäniſchen bozza, abbozzare, abbozzo: davon Boſſiren, und das Franzöſiſche: bosse. 225
Ueber die anscheinende Absichtlichkeit verſchiedenartigen, Weſen und fogar im Unorganiſchen Statt findende Zweckmäßigkeit hervortritt; wie denn ein frappantes Bei⸗ ſpiel dieſer Art das Treibholz giebt, indem es gerade den baum⸗ loſen Polarländern vom Meere reichlich zugeführt wird; und ein anderes der Umſtand, daß das Feſtland unſers Planeten ganz nach dem Nordpol hingedrängt liegt, deſſen Winter, aus aſtronomiſchen Gründen, acht Tage kürzer und dadurch wieder viel milder iſt, als der des Südpols. Jedoch auch die innere, im abgeſchloſſenen Organismus ſich unzweideutig kund gebende Zweckmäßigkeit, die ſolche vermittelnde, überraſchende Zuſammenſtimmung der Technik der Natur mit ihrem bloßen Mechanismus, oder des nexus finalis mit dem nexus effectivus, (hinſichtlich welcher ich auf mein Haupt⸗ (202 werk Bd. 2, Kap. 26, S. 334—339 [3. Aufl. 379—387] verweiſe) läßt uns analogiſch abſehn, wie das, von verſchiedenen, ja weit entlegenen Punkten Ausgehende und ſich anſcheinend Fremde doch zum letzten Endzweck konſpirirt und daſelbſt richtig zuſammentrifft, nicht durch Erkenntniß geleitet, ſondern vermöge einer aller Mög⸗ lichkeit der Erkenntniß vorhergängigen Nothwendigkeit höherer Art. — Ferner, wenn man die von Kant und ſpäter von Laplace aufgeſtellte Theorie der Entſtehung unſers Planetenſyſtems, deren Wahrſcheinlichkeit der Gewißheit ſehr nahe ſteht, ſich vergegen⸗ wärtigt und auf Betrachtungen der Art, wie ich ſie in meinem Hauptwerke Bd. 2, Kap. 25, S. 324 [3. Aufl. 368] angeftellt habe, geräth, alſo überdenkt, wie aus dem Spiele blinder, ihren unabänderlichen Geſetzen folgender Naturkräfte, zuletzt dieſe wohl⸗ geordnete, bewunderungswürdige Planetenwelt hervorgehn mußte; ſo hat man auch hieran eine Analogie, welche dienen kann, im Allgemeinen und aus der Ferne, die Möglichkeit davon abzuſehn, daß ſelbſt der individuelle Lebenslauf von den Begebenheiten, welche das oft ſo kapriziöſe Spiel des blinden Zufalls ſind, doch gleich⸗ ſam planmäßig, ſo geleitet werde, wie es dem wahren und letzten Beſten der Perſon angemeſſen if.) Dies angenommen, könnte das Dogma von der Vorſehung, als durchaus anthropomorphiſtiſch, zwar nicht unmittelbar und sensu proprio als wahr gelten; wohl 7) Auronara yap a Tpaypar ect To gupLPEpoV Pet, xd xassvön; n nadıy TAvayrıa. Menander in Stob. floril. Vol. I p. 363. 226 vw 0 25 0 35 I A 2 8 2 A D 3 35 im Schicksale des Einzelnen. aber wäre es der mittelbare, allegorifche und mythiſche Ausdruck einer Wahrheit, und daher, wie alle religiöfen Mythen, zum prak⸗ tiſchen Behuf und zur ſubjektiven Beruhigung vollkommen aus⸗ reichend, in dem Sinne wie z. B. Kants Moraltheologie, die ja auch nur als ein Schema zur Orientirung, mithin allegoriſch, zu verſtehn iſt: — es wäre alſo, mit Einem Worte, zwar nicht wahr, aber doch ſo gut wie wahr. Wie nämlich in jenen dumpfen und blinden Urkräften der Natur, aus deren Wechſelſpiel das Planeten⸗ ſyſtem hervorgeht, ſchon eben der Wille zum Leben, welcher nachher in den vollendeteſten Erſcheinungen der Welt auftritt, das im Innern Wirkende und Leitende iſt und er, ſchon dort, mittelſt ſtrenger Naturgeſetze, auf ſeine Zwecke hinarbeitend, die Grundfeſte zum Bau der Welt und ihrer Ordnung vorbereitet, indem z. B. der zufälligſte Stoß, oder Schwung, die Schiefe der Ekliptik und die Schnelligkeit der Rotation auf immer beſtimmt, und das End⸗ reſultat die Darſtellung ſeines ganzen Weſens ſeyn muß, eben weil dieſes ſchon in jenen Urkräften ſelbſt thätig iſt; — eben ſo nun ſind alle, die Handlungen eines Menſchen beſtimmenden Be⸗ gebenheiten, nebſt der ſie herbeiführenden Kauſalverknüpfung, doch auch nur die Objektivation des ſelben Willens, der auch in dieſem Menſchen ſelbſt ſich darſtellt; woraus ſich, wenn auch nur wie im Nebel, abſehn läßt, daß ſie ſogar zu den ſpeciellſten Zwecken jenes Menſchen ſtimmen und paſſen müſſen, in welchem Sinne ſie alsdann jene geheime Macht bilden, die das Schickſal des Einzelnen leitet und als ſein Genius, oder ſeine Vorſehung, allegoriſirt wird. Rein objektiv betrachtet aber iſt und bleibt es der durchgängige, Alles umfaſſende, ausnahmsloſe Kauſalzuſammenhang, — vermöge deſſen Alles, was geſchieht, durchaus und ſtreng nothwendig ein⸗ tritt, — welcher die Stelle der bloß mythiſchen Weltregierung vertritt, ja, den Namen derſelben zu führen ein Recht hat. Dieſes uns näher zu bringen, kann folgende allgemeine Be⸗ trachtung dienen. „Zufällig“ bedeutet das Zuſammentreffen, in der Zeit, des kauſal nicht Verbundenen. Nun iſt aber nichts abſolut zufällig; ſondern auch das Zufälligſte iſt nur ein auf entfernterem Wege herangekommenes Nothwendiges; indem ent⸗ ſchiedene, in der Kauſalkette hoch herauf liegende Urſachen ſchon längſt nothwendig beſtimmt haben, daß es gerade jetzt, und daher mit jenem Andern gleichzeitig, eintreten mußte. Jede Begebenheit 227
Ueber die anscheinende Absichtlichkeit nämlich ift das einzelne Glied einer Kette von Urſachen und Wir⸗ kungen, welche in der Richtung der Zeit fortſchreitet. Solcher Ketten aber giebt es unzählige, vermöge des Raums, neben ein⸗ ander. Jedoch ſind dieſe nicht einander ganz fremd und ohne allen Zuſammenhang unter ſich; vielmehr ſind ſie vielfach mit einander verflochten: z. B. mehrere jetzt gleichzeitig wirkende Urſachen, deren jede eine andere Wirkung hervorbringt, ſind hoch herauf aus einer gemeinſamen Urſache entſprungen und daher einander ſo verwandt, wie die Urenkel eines Ahnherrn: und andererſeits bedarf oft eine jetzt eintretende einzelne Wirkung des Zuſammentreffens vieler ver⸗ ſchiedener Urſachen, die, jede als Glied ihrer eigenen Kette, aus der Vergangenheit herankommen. Sonach nun bilden alle jene, in der Richtung der Zeit fortſchreitenden Kauſalketten ein großes, gemeinſames, vielfach verſchlungenes Netz, welches ebenfalls, mit feiner ganzen Breite, fich in der Richtung der Zeit fortbewegt und eben den Weltlauf ausmacht. Verſinnlichen wir uns jetzt jene ein⸗ zelnen Kauſalketten durch Meridiane, die in der Richtung der Zeit lägen; ſo kann überall das Gleichzeitige und eben deshalb nicht in direktem Kauſalzuſammenhange Stehende, durch Parallelkreiſe an⸗ gedeutet werden. Obwohl nun das unter dem ſelben Parallelkreiſe Gelegene nicht unmittelbar von einander abhängt; ſo ſteht es doch, vermöge der Verflechtung des ganzen Netzes, oder der ſich, in der Richtung der Zeit, fortwälzenden Geſammtheit aller Urſachen und Wirkungen, mittelbar in irgend einer, wenn auch entfernten, Ver⸗ bindung: ſeine jetzige Gleichzeitigkeit iſt daher eine nothwendige. Hierauf nun beruht das zufällige Zuſammentreffen aller Bedingungen einer in höherem Sinne nothwendigen Begebenheit; das Geſchehn Deſſen, was das Schickſal gewollt hat. Hierauf z. B. beruht es, daß, als in Folge der Völkerwanderung die Fluth der Barbarei ſich über Europa ergoß, alsbald die ſchönſten Meiſterwerke Griechiſcher Skulptur, der Laokoon, der Vatikaniſche Apoll u.a. m. wie durch theatraliſche Verſenkung verſchwanden, indem ſie ihren Weg hinab⸗ fanden in den Schooß der Erde, um nunmehr daſelbſt, unverſehrt ein Jahrtauſend hindurch, auf eine mildere, edlere, die Künſte ver⸗ ſtehende und ſchätzende Zeit zu harren, beim endlichen Eintritt dieſer aber, gegen Ende des 15. Jahrhunderts unter Papſt Julius II., wie⸗ der hervorzutreten ans Licht, als die wohlerhaltenen Muſter der Kunſt und des wahren Typus der menſchlichen Geſtalt. Und eben ſo 228 IS 8 ww ws im Schicksale des Einzelnen. nun beruht hierauf auch das Eintreffen zur rechten Zeit der im Lebens⸗ lauf des Einzelnen für ihn wichtigen und entſcheidenden Anläſſe und Umftände, ja endlich wohl gar auch der Eintritt der Omina, an welche der Glaube ſo allgemein und unvertilgbar iſt, daß er ſelbſt in den y überlegenften Köpfen nicht ſelten Raum gefunden hat. Denn da nichts abſolut zufällig iſt, vielmehr Alles nothwendig eintritt und ſogar die Gleichzeitigkeit ſelbſt, des kauſal nicht Zuſammen⸗ hängenden, die man den Zufall nennt, eine nothwendige iſt, indem ja das jetzt Gleichzeitige ſchon durch Urſachen in der entfernteſten 10 Vergangenheit als ein ſolches beſtimmt wurde; ſo ſpiegelt ſich Alles in Allem, klingt Jedes in Jedem wieder und iſt auch auf die Geſammtheit der Dinge jener bekannte, dem Zuſammenwirken im Organismus geltende Ausſpruch des Hippokrates (de alimento, opp. ed. Kühn, Tom. II, p. 20) anwendbar: Zupporx fut, 15 chρœρ⁰h, L. avra ouuraTen. — Der unvertilgbare Hang des Menſchen, auf Omina zu achten, feine extispicia und opvrDοα, ſein Bibelaufſchlagen, ſein Kartenlegen, Bleigießen, Kaffeeſatz⸗ beſchauen u. dgl. m. zeugen von ſeiner, den Vernunftgründen trotzenden Vorausſetzung, daß es irgendwie möglich ſei, aus dem 20 ihm Gegenwärtigen und klar vor Augen Liegenden das durch Raum oder Zeit Verborgene, alſo das Entfernte oder Zukünftige, zu er⸗ kennen; ſo daß er wohl aus Jenem Dieſes ableſen könnte, wenn er nur den wahren Schlüſſel der Geheimſchrift hätte. Eine zweite Analogie, welche, von einer ganz andern Seite, 25 zu einem indirekten Verſtändniß des in Betrachtung genommenen transſcendenten Fatalismus beitragen kann, giebt der Traum, mit welchem ja überhaupt das Leben eine längſt anerkannte und gar oft ausgeſprochene Aehnlichkeit hat; ſo ſehr, daß ſogar Kants transſcendentaler Idealismus aufgefaßt werden kann als die deut⸗ 30 lichſte Darlegung dieſer traumartigen Beſchaffenheit unſers bewußten Daſeyns; wie ich Dies in meiner Kritik ſeiner Philoſophie auch ausgeſprochen habe. — Und zwar iſt es dieſe Analogie mit dem Traume, welche uns, wenn auch wieder nur in neblichter Ferne, abſehn läßt, wie die geheime Macht, welche die uns berührenden, äußeren Vorgänge, zum Behufe ihrer Zwecke mit uns, beherrſcht und lenkt, doch ihre Wurzel in der Tiefe unſers eigenen, uner⸗ gründlichen Weſens haben könnte. Auch im Traume nämlich treffen die Umſtände, welche die Motive unſerer Handlungen da⸗ 229
Ueber die anscheinende Absichtlichkeit ſelbſt werden, als äußerliche und von uns ſelbſt unabhängige, ja oft verabſcheute, rein zufällig zuſammen: dabei aber iſt dennoch zwiſchen ihnen eine geheime und zweckmäßige Verbindung; indem eine verborgene Macht, welcher alle Zufälle im Traume gehorchen, auch dieſe Umſtände, und zwar einzig und allein in Beziehung auf uns, lenkt und fügt. Das Allerſeltſamſte hiebei aber iſt, daß dieſe Macht zuletzt keine andere ſeyn kann, als unſer eigener Wille, jedoch von einem Standpunkte aus, der nicht in unſer träumendes Bewußtſeyn fällt; daher es kommt, daß die Vorgänge des Traums ſo oft ganz gegen unſere Wünſche in demſelben ausſchlagen, uns in Erſtaunen, in Verdruß, ja, in Schrecken und Todesangſt ver⸗ ſetzen, ohne daß das Schickſal, welches wir doch heimlich ſelbſt lenken, zu unſerer Rettung herbeikäme; imgleichen, daß wir be⸗ gierig nach etwas fragen, und eine Antwort erhalten, über die wir erſtaunen; oder auch wieder, — daß wir ſelbſt gefragt werden, wie etwan in einem Examen, und unfähig ſind die Antwort zu finden, worauf ein Anderer, zu unſerer Beſchämung, ſie vortrefflich giebt; während doch im einen, wie im andern Fall, die Antwort immer nur aus unſern eigenen Mitteln kommen kann. Dieſe ge⸗ heimnißvolle, von uns ſelbſt ausgehende Leitung der Begebenheiten im Traume noch deutlicher zu machen und ihr Verfahren dem Verſtändniß näher zu bringen, giebt es noch eine Erläuterung, welche allein dieſes leiſten kann, die nun aber unumgänglich obſcöner Natur iſt; daher ich von Leſern, die werth ſind, daß ich zu ihnen rede, vorausſetze, daß ſie daran weder Anſtoß nehmen, noch die Sache von der lächerlichen Seite auffaſſen werden. Es giebt be⸗ kanntlich Träume, deren die Natur ſich zu einem materiellen Zwecke bedient, nämlich zur Ausleerung der überfüllten Saamenbläschen. Träume dieſer Art zeigen natürlich ſchlüpfrige Scenen: daſſelbe thun aber mitunter auch andere Träume, die jenen Zweck gar nicht haben, noch erreichen. Hier tritt nun der Unterſchied ein, daß, in den Träumen der erſten Art, die Schönen und die Ge⸗ legenheit ſich uns bald günſtig erweiſen; wodurch die Natur ihren Zweck erreicht: in den Träumen der andern Art hingegen treten der Sache, die wir auf das heftigſte begehren, ſtets neue Hinder⸗ niſſe in den Weg, welche zu überwinden wir vergeblich ſtreben, ſo daß wir am Ende doch nicht zum Ziele gelangen. Wer dieſe Hinderniſſe ſchafft und unſern lebhaften Wunſch Schlag auf Schlag 230 — ee im Schicksale des Einzelnen. vereitelt, das iſt doch nur unſer eigener Wille; jedoch von einer Region aus, die weit über das vorſtellende Bewußtſeyn im Traume hinausliegt und daher in dieſem als unerbittliches Schickſal auf⸗ tritt. — Sollte es nun mit dem Schickſal in der Wirklichkeit und 5 mit der Planmäßigkeit, die vielleicht Jeder, in feinem eigenen Lebenslaufe, demſelben abmerkt, nicht ein Bewandtniß haben kön⸗ nen, das dem am Traume dargelegten analog wäre 27) Bisweilen geſchieht es, daß wir einen Plan entworfen und lebhaft ergriffen haben, von dem ſich ſpäter ausweiſt, daß er unſerm wahren Wohl 10 keineswegs gemäß war; den wir inzwiſchen eifrig verfolgen, jedoch nun hiebei eine Verſchwörung des Schickſals gegen denſelben er⸗ fahren, als welches alle ſeine Maſchinerie in Bewegung ſetzt, ihn zu vereiteln; wodurch es uns dann endlich, wider unſern Willen, auf den uns wahrhaft angemeſſenen Weg zurückſtößt. Bei einem 15 ſolchen abſichtlich ſcheinenden Widerſtande brauchen manche Leute die Redensart: „ich merke, es ſoll nicht ſeyn“; andere nennen es ominös, noch andere einen Fingerzeig Gottes: ſämmtlich aber theilen ſie die Anſicht, daß, wenn das Schickſal ſich einem Plane mit ſo offenbarer Hartnäckigkeit entgegenſtellt, wir ihn aufgeben 20 ſollten; weil er, als zu unſerer uns unbewußten Beſtimmung nicht paſſend, doch nicht verwirklicht werden wird und wir uns, [207] durch halsſtarriges Verfolgen deſſelben, nur noch härtere Rippen⸗ ſtöße des Schickſals zuziehn, bis wir endlich wieder auf dem rechten Wege ſind; oder auch weil, wenn es uns gelänge, die Sache zu 25 forciren, ſolche uns nur zum Schaden und Unheil gereichen würde. Hier findet das oben angeführte ducunt volentem fata, nolentem trahunt ſeine ganze Beſtätigung. In manchen Fällen kommt nun hinterher wirklich zu Tage, daß die Vereitelung eines ſolchen Planes unſerm wahren Wohle durchaus förderlich geweſen iſt: 30 Dies könnte daher auch da der Fall ſeyn, wo es uns nicht kund wird; zumal wenn wir als unſer wahres Wohl das metaphyſiſch⸗ 1) Objektiv betrachtet, iſt der Lebenslauf des Einzelnen von durchgängiger und ſtrenger Nothwendigkeit: denn alle ſeine Handlungen treten ſo nothwendig ein, wie die Bewegungen einer Maſchine, und alle äußeren Begebenheiten kommen heran am Leitfaden einer Kauſalkette, deren Glieder einen ſtreng nothwendigen Zuſammenhang haben. Wenn wir dies feſthalten, darf es uns ſo ſehr nicht wundern, wenn wir ſeinen Lebenslauf ſo ausfallen ſehn, als wäre er planmäßig angelegt, ihm angemeſſen. 16 Schopenhauer, Werke V 231
Ueber die anscheinende Absichtlichkeit moraliſche betrachten. — Sehn wir nun aber von hier zurück auf das Hauptergebniß meiner geſammten Philoſophie, daß nämlich Das, was das Phänomen der Welt darſtellt und erhält, der Wille iſt, der auch in jedem Einzelnen lebt und ſtrebt, und er⸗ innern wir uns zugleich der ſo allgemein anerkannten Aehnlichkeit des Lebens mit dem Traume; ſo können wir, alles Bisherige zu⸗ ſammenfaſſend, es uns, ganz im Allgemeinen, als möglich denken, daß, auf analoge Weiſe, wie Jeder der heimliche Theaterdirektor ſeiner Träume iſt, ſo auch jenes Schickſal, welches unſern wirklichen Lebenslauf beherrſcht, irgendwie zuletzt von jenem Willen ausgehe, 10 der unſer eigener iſt, welcher jedoch hier, wo er als Schickſal auf⸗ träte, von einer Region aus wirkte, die weit über unſer vorſtellendes, individuelles Bewußtſeyn hinausliegt, während hingegen dieſes die Motive liefert, die unſern empiriſch erkennbaren, individuellen Willen leiten, der daher oft auf das heftigſte zu kämpfen hat mit jenem 1 unſerm, als Schickſal ſich darſtellenden Willen, unſerm leitenden Genius, unſerm „Geiſt, der außerhalb uns wohnt und ſeinen Stuhl in die obern Sterne ſetzt,“ als welcher das individuelle Bewußtſeyn weit überſieht und daher, unerbittlich gegen daſſelbe, als äußern Zwang Das veranftaltet und feſtſtellt, was herauszufinden er dem⸗ 20 ſelben nicht überlaſſen durfte und doch nicht verfehlt wiſſen will. Das Befremdliche, ja Exorbitante dieſes gewagten Satzes zu mindern mag zuvörderſt eine Stelle im Skotus Erigena dienen, bei der zu erinnern iſt, daß ſein Deus, als welcher ohne Erkenntniß iſt und von welchem Zeit und Raum, nebſt den zehn Ariſtoteliſchen 25 Kategorien, nicht zu prädiciren find, ja, dem überhaupt nur Ein [208] Prädikat bleibt, Wille, — offenbar nichts Anderes iſt, als was bei mir der Wille zum Leben: est etiam alia species ignorantiae in Deo, quando ea, quae praescivit et praedestinavit, ignorare dicitur, dum adhuc in rerum factarum cursibus experimento 30 non apparuerint (De divis. nat. p. 83 edit. Oxon. ). Und bald darauf: tertia species divinae ignorantiae est, per quam Deus dicitur ignorare ea, quae nondum experimento actionis et operationis in effectibus manifeste apparent; quorum tamen invisibiles rationes in seipso, a seipso creatas et sibi ipsi 35 cognitas possidet. — Wenn wir nun, um die dargelegte Anficht uns einigermaaßen faßlich zu machen, die anerkannte Aehnlichkeit des individuellen 232 im Schicksale des Einzelnen. Lebens mit dem Traume zu Hülfe genommen haben; ſo iſt anderer⸗ ſeits auf den Unterſchied aufmerkſam zu machen, daß im bloßen Traume das Verhältniß einſeitig iſt, nämlich nur ein Ich wirklich will und empfindet, während die Uebrigen nichts, als Phantome 5 find; im großen Traume des Lebens hingegen ein wechſelſeitiges Verhältniß Statt findet, indem nicht nur der Eine im Traume des Andern, gerade ſo wie es daſelbſt nöthig iſt, figurirt, ſondern auch dieſer wieder in dem ſeinigen; ſo daß, vermöge einer wirk⸗ lichen harmonia praestabilita, Jeder doch nur Das träumt, was ro ihm, feiner eigenen metaphyſiſchen Lenkung gemäß, angemeſſen iſt, und alle Lebensträume ſo künſtlich in einander geflochten ſind, daß Jeder erfährt, was ihm gedeihlich iſt und zugleich leiſtet, was Andern nöthig; wonach denn eine etwanige große Weltbegebenheit ſich dem Schickſale vieler Tauſende, Jedem auf individuelle Weiſe, 25 anpaßt. Alle Ereigniſſe im Leben eines Menſchen ſtänden demnach in zwei grundverſchiedenen Arten des Zuſammenhangs: erſtlich, im objektiven, kauſalen Zuſammenhange des Naturlaufs; zweitens, in einem ſubjektiven Zuſammenhange, der nur in Beziehung auf das ſie erlebende Individuum vorhanden und ſo ſubjektiv wie deſſen 20 eigene Träume iſt, in welchem jedoch ihre Succeſſion und Inhalt ebenfalls nothwendig beſtimmt iſt, aber in der Art, wie die Succeſſion der Scenen eines Drama's, durch den Plan des Dich⸗ ters. Daß nun jene beiden Arten des Zuſammenhangs zugleich beſtehn und die nämliche Begebenheit, als ein Glied zweier ganz [209] verſchiedener Ketten, doch beiden ſich genau einfügt, in Folge wos von jedesmal das Schickſal des Einen zum Schickſal des Andern paßt und Jeder der Held ſeines eigenen, zugleich aber auch der Figurant im fremden Drama iſt, Dies iſt freilich etwas, das alle unſere Faſſungskraft überſteigt und nur vermöge der wunderſamſten 30 harmonia praestabilita als möglich gedacht werden kann. Aber wäre es andererſeits nicht engbrüſtiger Kleinmuth, es für unmöglich zu halten, daß die Lebensläufe aller Menſchen in ihrem Ineinander⸗ greifen eben fo viel concentus und Harmonie haben ſollten, wie der Komponiſt den vielen, ſcheinbar durch einander tobenden 35 Stimmen feiner Symphonie zu geben weiß? Auch wird unſere Scheu vor jenem koloſſalen Gedanken ſich mindern, wenn wir uns erinnern, daß das Subjekt des großen Lebenstraumes in gewiſſem Sinne nur Eines iſt, der Wille zum Leben, und daß alle Vielheit 16 233
Ueber die anscheinende Absichtlichkeit der Erſcheinungen durch Zeit und Raum bedingt iſt. Es iſt ein großer Traum, den jenes Eine Weſen träumt: aber ſo, daß alle ſeine Perſonen ihn mitträumen. Daher greift Alles in einander und paßt zu einander. Geht man nun darauf ein, nimmt man jene doppelte Kette aller Begebenheiten an, vermöge deren jedes 5 Weſen einerſeits ſeiner ſelbſt wegen daiſt, ſeiner Natur gemäß mit Nothwendigkeit handelt und wirkt und ſeinen eigenen Gang geht, andererſeits aber auch für die Auffaſſung eines fremden Weſens und die Einwirkung auf daſſelbe ſo ganz beſtimmt und geeignet iſt, wie die Bilder in deſſen Träumen; — ſo wird man 10 Dieſes auf die ganze Natur, alſo auch auf Thiere und erkenntniß⸗ loſe Weſen, auszudehnen haben. Da eröffnet ſich dann abermals eine Ausſicht auf die Möglichkeit der omina, praesagia und portenta, indem nämlich Das, was, nach dem Laufe der Natur, nothwendig eintritt, doch andererſeits wieder anzuſehn iſt als 25 bloßes Bild für mich und Staffage meines Lebenstraumes, bloß in Bezug auf mich geſchehend und exiſtirend, oder auch als bloßer Widerſchein und Widerhall meines Thuns und Erlebens; wonach dann das Natürliche und urſächlich nachweisbar Nothwendige eines Ereigniſſes das Ominoſe deſſelben keineswegs aufhöbe, und eben ſo dieſes nicht jenes. Daher ſind Die ganz auf dem Irrwege, welche das Ominoſe eines Ereigniſſes dadurch zu beſeitigen ver⸗ meinen, daß ſie die Unvermeidlichkeit ſeines Eintritts darthun, indem ſie die natürlichen und nothwendig wirkenden Urſachen deſſelben recht deutlich und, wenn es ein Naturereigniß iſt, mit 25 gelehrter Miene, auch phyſikaliſch nachweiſen. Denn an dieſen zweifelt kein vernünftiger Menſch, und für ein Mirakel will Kei⸗ ner das Omen ausgeben; ſondern gerade daraus, daß die ins Unendliche hinaufreichende Kette der Urſachen und Wirkungen, mit [210] der ihr eigenen, ſtrengen Nothwendigkeit und unvordenklichen Prä- 30 deſtination, den Eintritt dieſes Ereigniſſes, in ſolchem bedeutſamen Augenblick, unvermeidlich feſtgeſtellt hat, erwächſt demſelben das Ominoſe; daher jenen Altklugen, zumal wenn ſie phyſikaliſch werden, das there are more things in heaven and earth, than are dreamt of in your philosophy (Hamlet, Act I, Sc. 5) 35 vorzüglich zuzurufen iſt. Andererſeits jedoch ſehn wir mit dem Glauben an die Omina auch der Aſtrologie wieder die Thüre geöffnet; da die geringſte, als ominos geltende Begebenheit, der 0 0 234 im Schicksale des Einzelnen. Flug eines Vogels, das Begegnen eines Menſchen u. dgl. durch eine eben ſo unendlich lange und eben ſo ſtreng nothwendige Kette von Urſachen bedingt iſt, wie der berechenbare Stand der Geſtirne, zu einer gegebenen Zeit. Nur ſteht freilich die Konſtellation ſo 5 hoch, daß die Hälfte der Erdbewohner fie zugleich ſieht; während dagegen das Omen nur im Bereich des betreffenden Einzelnen erſcheint. Will man übrigens die Möglichkeit des Ominoſen ſich noch durch ein Bild verſinnlichen; ſo kann man Den, der, bei einem wichtigen Schritt in feinem Lebenslauf, deſſen Folgen noch 10 die Zukunft verbirgt, ein gutes, oder ſchlimmes Omen erblickt und dadurch gewarnt oder beſtärkt wird, einer Saite vergleichen, welche, wenn angeſchlagen, ſich ſelbſt nicht hört, jedoch die, in Folge ihrer Vibration mitklingende, fremde Saite vernähme. — Kants Unterſcheidung des Dinges an ſich von ſeiner Er⸗ 15 ſcheinung, nebſt meiner Zurückführung des erſteren auf den Willen und der letzteren auf die Vorſtellung, giebt uns die Möglichkeit, die Vereinbarkeit dreier Gegenſätze, wenn auch nur unvollkommen und aus der Ferne, abzuſehn. Dieſe ſind: 20 1) Der, zwiſchen der Freiheit des Willens an ſich ſelbſt und der durchgängigen Nothwendigkeit aller Handlungen des Individuums. 2) Der, zwiſchen dem Mechanismus und der Technik der Natur, oder dem nexus effectivus und dem nexus finalis, oder der rein kauſalen und der teleologiſchen Erklärbarkeit der Natur⸗ 25 produkte. (Hierüber Kants Kritik der Urtheilskraft $ 78, und mein Hauptwerk Bd. 2. Kap. 26. S. 334-339. [3. Aufl. 379—385.]) 3) Der, zwiſchen der offenbaren Zufälligkeit aller Begeben⸗ heiten im individuellen Lebenslauf und ihrer moraliſchen Noth⸗ wendigkeit zur Geſtaltung deſſelben, gemäß einer transſcendenten ler] Zweckmäßigkeit für das Individuum: — oder, in populärer Sprache, zwiſchen dem Naturlauf und der Vorſehung. Die Klarheit unſerer Einſicht in die Vereinbarkeit jedes dieſer drei Gegenſätze iſt, obwohl bei keinem derſelben vollkommen, doch genügender beim erſten als beim zweiten, am geringſten aber 35 beim dritten. Inzwiſchen wirft das, wenn auch unvollkommene, Verſtändniß der Vereinbarkeit eines jeden dieſer Gegenſätze alle⸗ mal Licht auf die zwei andern zurück, indem es als ihr Bild und Gleichniß dient. — 235
Ueber die anscheinende Absichtlichkeit Worauf nun endlich dieſe ganze, hier in Betrachtung ges nommene, geheimnißvolle Lenkung des individuellen Lebenslaufs es eigentlich abgeſehn habe, läßt ſich nur ſehr im Allgemeinen an⸗ geben. Bleiben wir bei den einzelnen Fällen ſtehn; ſo ſcheint es oft, daß ſie nur unſer zeitliches, einſtweiliges Wohl im Auge habe. Dieſes jedoch kann, wegen ſeiner Geringfügigkeit, Unvollkommen⸗ heit, Futilität und Vergänglichkeit, nicht im Ernſt ihr letztes Ziel ſeyn: alſo haben wir dieſes in unſerm ewigen, über das indivi⸗ duelle Leben hinausgehenden Daſeyn zu ſuchen. Und da läßt ſich dann nur ganz im Allgemeinen ſagen, unſer Lebenslauf werde, mittelſt jener Lenkung, ſo regulirt, daß von dem Ganzen der durch denſelben uns aufgehenden Erkenntniß der metaphyſiſch zweck⸗ dienlichſte Eindruck auf den Willen, als welcher der Kern und das Weſen an ſich des Menſchen iſt, entſtehe. Denn obgleich der Wille zum Leben ſeine Antwort am Laufe der Welt überhaupt, als der Erſcheinung ſeines Strebens, erhält; ſo iſt dabei doch jeder Menſch jener Wille zum Leben auf eine ganz individuelle und einzige Weiſe, gleichſam ein individualiſirter Akt deſſelben; deſſen genügende Beantwortung daher auch nur eine ganz beſtimmte Geſtaltung des Weltlaufs, gegeben in den ihm eigenthümlichen Erlebniſſen, ſeyn kann. Da wir nun, aus den Reſultaten meiner Philoſophie des Ernſtes (im Gegenſatz bloßer Profeſſoren⸗ oder Spaaß⸗Philoſophie), das Abwenden des Willens vom Leben als das letzte Ziel des zeitlichen Daſeyns erkannt haben; jo müſſen wir annehmen, daß dahin ein Jeder, auf die ihm ganz individuell angemeſſene Art, alſo auch oft auf weiten Umwegen, allmälig geleitet werde. Da nun ferner Glück und Genuß dieſem Zwecke eigentlich entgegenarbeiten; ſo ſehn wir, Dieſem entſprechend, jedem Lebens⸗ lauf Unglück und Leiden unausbleiblich eingewebt, wiewohl in ſehr ungleichem Maaße und nur ſelten im überfüllten, nämlich in den tragiſchen Ausgängen; wo es dann ausſieht, als ob der Wille gewiſſermaaßen mit Gewalt zur Abwendung vom Leben getrieben werden und gleichſam durch den Kaiſerſchnitt zur Wieder⸗ geburt gelangen ſollte. So geleitet dann jene unſichtbare und nur in zweifelhaftem Scheine ſich kund gebende Lenkung uns bis zum Tode, dieſem eigentlichen Reſultat und inſofern Zweck des Lebens. In der Stunde deſſelben drängen alle die geheimnißvollen (wenn gleich 236 — — IS] vw [212] 3 w 0 5 0 5 0 5 im Schicksale des Einzelnen. eigentlich in ung ſelbſt wurzelnden) Mächte, die das ewige Schickſal des Menſchen beſtimmen, ſich zuſammen und treten in Aktion. Aus ihrem Konflikt ergiebt ſich der Weg, den er jetzt zu wandern hat, bereitet nämlich ſeine Palingeneſie ſich vor, nebſt allem Wohl und Wehe, welches in ihr begriffen und von Dem an unwiderruflich beſtimmt iſt. — Hierauf beruht der hochernſte, wichtige, feierliche und furchtbare Charakter der Todesſtunde. Sie iſt eine Kriſis, im ſtärkſten Sinne des Worts, — ein Weltgericht. 237
Verſuch über das Geiſterſehn was damit zuſammenhängt. Und laß dir rathen, habe Die Sonne nicht zu lieb und nicht die Sterne. Komm, folge mir ins dunkle Reich hinab! Goethe
1277 Verſuch über Geiſterſehn und was damit zuſammenhängt. 5 Die in dem ſuperklugen, verfloſſenen Jahrhundert, allen früheren zum Trotz, überall, nicht ſowohl gebannten, als geächteten Geſpenſter ſind, wie ſchon vorher die Magie, während dieſer letzten 25 Jahre, in Deutſchland rehabilitirt worden. Vielleicht nicht mit Unrecht. Denn die Beweiſe gegen ihre Exiſtenz waren 10 theils metaphyſiſche, die, als ſolche, auf unſicherm Grunde ſtanden; theils empiriſche, die doch nur bewieſen, daß, in den Fällen, wo keine zufällige, oder abſichtlich veranſtaltete Täuſchung aufgedeckt worden war, auch nichts vorhanden geweſen ſei, was, mittelſt Reflexion der Lichtſtrahlen, auf die Retina, oder, mittelſt 15 Vibration der Luft, auf das Tympanum hätte wirken können. Dies ſpricht jedoch bloß gegen die Anweſenheit von Körpern, deren Gegenwart aber auch niemand behauptet hatte, ja deren Kundgebung, auf die beſagte phyſiſche Weiſe, die Wahrheit einer Geiſtererſcheinung aufheben würde. Denn eigentlich liegt ſchon 20 im Begriff eines Geiſtes, daß ſeine Gegenwart uns auf ganz anderm Wege kund wird, als die eines Körpers. Was ein Geiſterſeher, der ſich ſelbſt recht verſtände und auszudrücken wüßte, behaupten würde, iſt bloß die Anweſenheit eines Bildes in ſeinem anſchauenden Intellekt, vollkommen ununterſcheidbar 25 von dem, welches, unter Vermittelung des Lichtes und ſeiner Augen, daſelbſt von Körpern veranlaßt wird, und dennoch ohne wirkliche Gegenwart ſolcher Körper; desgleichen, in Hinſicht auf 241
Versuch über Geistersehn das hörbar Gegenwärtige, Geräuſche, Töne und Laute, ganz und gar gleich den durch vibrirende Körper und Luft in ſeinem Ohr hervorgebrachten, doch ohne die Anweſenheit oder Bewegung ſolcher Körper. Eben hier liegt die Quelle des Mißverſtändniſſes, [216] welches Alles für und wider die Realität der Geiſtererſcheinungen Geſagte durchzieht. Nämlich die Geiſtererſcheinung ſtellt ſich dar, völlig wie eine Körpererſcheinung: ſie iſt jedoch keine, und ſoll es auch nicht ſeyn. Dieſe Unterſcheidung iſt ſchwer und verlangt Sachkenntniß, ja philoſophiſches und phyſiologiſches Wiſſen. Denn es kommt darauf an, zu begreifen, daß eine Einwirkung gleich der von einem Körper nicht nothwendig die Anweſenheit eines Körpers vorausſetze. Vor Allem daher müſſen wir uns hier zurückrufen und bei allem Folgenden gegenwärtig erhalten, was ich öfter ausführlich darge⸗ than habe (beſonders in der 2. Aufl. meiner Abhandlung über den Satz vom zureichenden Grunde § 21, und außerdem „über das Sehn und die Farben“ $ 1. — Theoria colorum, II. — Welt als W. und V. Bd. 1. S. 1214 [3. Aufl. S. 1315]. — Bd. 2. Kap. 2. —), daß nämlich unſere Anſchauung der Außenwelt nicht bloß ſenſual, ſondern hauptſächlich intellektual, d. h. (objektiv ausgedrückt) cerebral iſt. — Die Sinne geben nie mehr, als eine bloße Empfindung in ihrem Organ, alſo einen an ſich höchſt dürf⸗ tigen Stoff, aus welchem allererſt der Verſtand, durch An⸗ wendung des ihm a priori bewußten Geſetzes der Kauſalität, und der eben ſo a priori ihm einwohnenden Formen, Raum und Zeit, dieſe Körperwelt aufbaut. Die Erregung zu dieſem Anſchauungs⸗ akte geht, im wachen und normalen Zuſtande, allerdings von der Sinnesempfindung aus, indem dieſe die Wirkung iſt, zu welcher der Verſtand die Urſache ſetzt. Warum aber ſollte es nicht möglich ſeyn, daß auch ein Mal eine von einer ganz andern Seite, alſo von innen, vom Organismus ſelbſt ausgehende Erregung zum Gehirn gelangen und von dieſem, mittelſt ſeiner eigenthümlichen Funktion und dem Mechanismus derſelben gemäß, eben ſo wie jene verarbeitet werden könnte? nach dieſer Verarbeitung aber würde die Verſchiedenheit des urſprünglichen Stoffes nicht mehr zu erkennen ſeyn; ſo wie am Chylus nicht die Speiſe, aus der er bereitet worden. Bei einem etwanigen wirklichen Falle dieſer Art würde ſodann die Frage entſtehn, ob auch die entferntere 242 — — wo 5 0 5 0 5 und was damit zusammenhängt. Urſache der dadurch hervorgebrachten Erſcheinung niemals weiter zu ſuchen wäre, als im Innern des Organismus; oder ob ſie, [217] beim Ausſchluß aller Sinnesempfindung, dennoch eine äußere 1 1 2 2 3 2 D ſeyn könne, welche dann freilich, in dieſem Falle, nicht phyſiſch 5 oder körperlich gewirkt haben würde; und, wenn Dies, welches Verhältniß die gegebene Erſcheinung zur Beſchaffenheit einer ſolchen entfernten äußern Urſache haben könne, alſo ob ſie Indicia über dieſe enthielte, ja wohl gar das Weſen derſelben in ihr ausgedrückt wäre. Demnach würden wir auch hier, eben wie bei o der Körperwelt, auf die Frage nach dem Verhältniß der Er⸗ ſcheinung zum Dinge an ſich geführt werden. Dies aber iſt der transſcendentale Standpunkt, von welchem aus es ſich vielleicht ergeben könnte, daß der Geiſtererſcheinung nicht mehr noch weniger Idealität anhienge, als der Körpererſcheinung, die ja bekanntlich unausweichbar dem Idealismus unterliegt und daher nur auf weitem Umwege auf das Ding an ſich, d. h. das wahrhaft Reale, zurückgeführt werden kann. Da nun wir als dieſes Ding an ſich den Willen erkannt haben; ſo giebt dies Anlaß zu der Ver⸗ muthung, daß vielleicht ein ſolcher, wie den Körpererſcheinungen, ſo auch den Geiſtererſcheinungen zum Grunde liege. Alle bis⸗ herigen Erklärungen der Geiſtererſcheinungen find ſpiritua— liſtiſche geweſen: eben als ſolche erleiden ſie die Kritik Kants, im erſten Theile ſeiner „Träume eines Geiſterſehers.“ Ich ver⸗ ſuche hier eine idealiſtiſche Erklärung. — Nach dieſer überſichtlichen und anticipirenden Einleitung zu den jetzt folgenden Unterſuchungen, nehme ich den ihnen ange⸗ meſſenen, langſamern Gang an. Nur bemerke ich, daß ich den Thatbeſtand, worauf ſie ſich beziehn, als dem Leſer bekannt vorausſetze. Denn theils iſt mein Fach nicht das erzählende, alſo auch nicht die Darlegung von Thatſachen, ſondern die Theorie zu denſelben; theils müßte ich ein dickes Buch ſchreiben, wenn ich alle die magnetiſchen Krankengeſchichten, Traumgeſichte, Geiſter⸗ erſcheinungen u. ſ. w., die unſerm Thema als Stoff zum Grunde liegen und bereits in vielen Büchern erzählt ſind, wiederholen wollte; endlich auch habe ich keinen Beruf den Skepticismus der Ignoranz zu bekämpfen, deſſen ſuperkluge Gebärden täglich mehr außer Kredit kommen und bald nur noch in England Cours haben werden. Wer heut zu Tage die Thatſachen des animaliſchen © os A 243
Versuch über Geistersehn Magnetismus und feines Hellſehns bezweifelt, ift nicht ungläubig, ſondern unwiſſend zu nennen. Aber ich muß mehr, ich muß die Bekanntſchaft mit wenigſtens einigen der in großer Anzahl vor⸗ handenen Bücher über Geiſtererſcheinungen, oder anderweitige Kunde von dieſen vorausſetzen. Selbſt die auf ſolche Bücher verweiſenden Citate gebe ich nur dann, wann es ſpecielle Angaben oder ſtreitige Punkte betrifft. Im übrigen ſetze ich bei meinem Leſer, den ich mir als einen mich ſchon anderweitig kennenden denke, das Zu⸗ trauen voraus, daß, wenn ich etwas als faktiſch feſtſtehend an⸗ nehme, es mir aus guten Quellen, oder aus eigener Erfahrung, bekannt ſei. Zunächſt nun alſo frägt ſich, ob denn wirklich in unſerm anſchauenden Intellekt, oder Gehirn, anſchauliche Bilder, voll⸗ kommen und ununterſcheidbar gleich denen, welche daſelbſt die auf die äußeren Sinne wirkende Gegenwart der Körper veranlaßt, ohne dieſen Einfluß entſtehn können. Glücklicherweiſe benimmt uns hierüber eine uns ſehr vertraute Erſcheinung jeden Zweifel: nämlich der Traum. Die Träume für bloßes Gedankenſpiel, bloße Phantaſiebilder ausgeben zu wollen, zeugt von Mangel an Beſinnung, oder an Redlichkeit: denn offenbar ſind ſie von dieſen ſpecifiſch verſchieden. Phantaſiebilder ſind ſchwach, matt, unvollſtändig, einſeitig und ſo flüchtig, daß man das Bild eines Abweſenden kaum einige Sekunden gegenwärtig zu erhalten vermag, und ſogar das leb—⸗ hafteſte Spiel der Phantaſie hält keinen Vergleich aus mit jener handgreiflichen Wirklichkeit, die der Traum uns vorführt. Unſere Darſtellungsfähigkeit im Traum übertrifft die unſerer Einbil⸗ dungskraft ſo himmelweit; jeder anſchauliche Gegenſtand hat im Traum eine Wahrheit, Vollendung, konſequente Allſeitigkeit bis zu den zufälligſten Eigenſchaften herab, wie die Wirklichkeit ſelbſt, von der die Phantaſie himmelweit entfernt bleibt; daher jene uns die wundervollſten Anblicke verſchaffen würde, wenn wir nur den Gegen⸗ ſtand unſerer Träume auswählen könnten. Es iſt ganz falſch, Dies daraus erklären zu wollen, daß die Bilder der Phantaſie durch den gleichzeitigen Eindruck der realen Außenwelt geſtört und ge⸗ ſchwächt würden: denn auch in der tiefſten Stille der finſterſten Nacht vermag die Phantaſie nichts hervorzubringen, was jener objektiven Anſchaulichkeit und Leibhaftigkeit des Traumes irgend 244 218] — — 8 w w 0 5 0 5 0 5 I und was damit zusammenhängt. nahe käme. Zudem find Phantaſiebilder ftets durch die Gedanken⸗ aſſociation, oder durch Motive herbeigeführt und vom Bewußtſeyn ihrer Willkürlichkeit begleitet. Der Traum hingegen ſteht da, als ein völlig Fremdes, ſich, wie die Außenwelt, ohne unſer Zuthun, 5 ja wider unſern Willen Aufdringendes. Das gänzlich Unerwartete ſeiner Vorgänge, ſelbſt der unbedeutendeſten, drückt ihnen den Stämpel der Objektivität und Wirklichkeit auf. Alle ſeine Gegen⸗ ſtände erſcheinen beſtimmt und deutlich, wie die Wirklichkeit, nicht etwan bloß in Bezug auf uns, alſo flächenartig⸗einſeitig, oder o nur in der Hauptſache und in allgemeinen Umriſſen angegeben; [219] ſondern genau ausgeführt, bis auf die kleinſten und zufälligſten Einzelheiten und die uns oft hinderlichen und im Wege ſtehenden Nebenumſtände herab: da wirft jeder Körper ſeinen Schatten, jeder fällt genau mit der ſeinem ſpecifiſchen Gewicht entſprechenden 15 Schwere, und jedes Hinderniß muß erſt beſeitigt werden, gerade 2 2 3 3 A 8 2 wie in der Wirklichkeit. Das durchaus Objektive deſſelben zeigt ſich ferner darin, daß ſeine Vorgänge meiſtens gegen unſere Er⸗ wartung, oft gegen unſern Wunſch ausfallen, ſogar bisweilen unſer Erſtaunen erregen; daß die agirenden Perſonen ſich mit empörender Rückſichtsloſigkeit gegen uns betragen; überhaupt in der rein objektiven dramatiſchen Richtigkeit der Charaktere und Handlungen, welche die artige Bemerkung veranlaßt hat, daß Jeder, während er träumt, ein Shakeſpeare ſei. Denn die ſelbe Allwiſſenheit in uns, welche macht, daß im Traum jeder natür⸗ liche Körper genau ſeinen weſentlichen Eigenſchaften gemäß wirkt, macht auch, daß jeder Menſch in vollſter Gemäßheit ſeines Cha⸗ rakters handelt und redet. In Folge alles Dieſen iſt die Täu⸗ ſchung, die der Traum erzeugt, ſo ſtark, daß die Wirklichkeit ſelbſt, welche beim Erwachen vor uns ſteht, oft erſt zu kämpfen hat und Zeit gebraucht, ehe ſie zum Worte kommen kann, um uns von der Trüglichkeit des ſchon nicht mehr vorhandenen, ſondern bloß dageweſenen Traumes zu überzeugen. Auch hinſichtlich der Erinnerung ſind wir, bei unbedeutenden Vorgängen, bisweilen im Zweifel, ob ſie geträumt oder wirklich geſchehn ſeien: wenn hingegen Einer zweifelt, ob etwas geſchehn ſei, oder er es ſich bloß eingebildet habe; ſo wirft er auf ſich ſelbſt den Verdacht des Wahnſinns. Dies Alles beweiſt, daß der Traum eine ganz eigenthümliche Funktion unſers Gehirns und durchaus verſchieden > 245
Versuch über Geistersehn iſt von der bloßen Einbildungskraft und ihrer Rumination. — Auch Ariſtoteles ſagt: ro evunviov e αν,ẽjuuha, Tporov Tıya (somnium quodammodo sensum est): de somno et vigilia. c. 2. Auch macht er die feine und richtige Bemerkung, daß wir, im Traume ſelbſt, uns abweſende Dinge noch durch die Phantaſie vorſtellen. Hieraus aber läßt ſich folgern, daß, wäh⸗ rend des Traumes, die Phantaſie noch disponibel, alſo nicht ſie ſelbſt das Medium, oder Organ, des Traumes ſei. Andererſeits wieder hat der Traum eine nicht zu leugnende Aehnlichkeit mit dem Wahnſinn. Nämlich, was das träumende Bewußtſeyn vom wachen hauptſächlich unterſcheidet, ift der Mangel an Gedächtniß, oder vielmehr an zuſammenhängender, beſonnener Rückerinnerung. Wir träumen uns in wunderliche, ja unmög⸗ liche Lagen und Verhältniſſe, ohne daß es uns einfiele, nach den Relationen derſelben zum Abweſenden und den Urſachen ihres Eintritts zu forſchen; wir vollziehn ungereimte Handlungen, weil [220] wir des ihnen Entgegenſtehenden nicht eingedenk find. Längſt Verſtorbene figuriren noch immer als Lebende in unſern Träumen; weil wir im Traume uns nicht darauf beſinnen, daß ſie todt ſind. Oft ſehn wir uns wieder in den Verhältniſſen, die in unſerer frühen Jugend beſtanden, von den damaligen Perſonen umgeben, Alles beim Alten; weil alle ſeitdem eingetretenen Ver⸗ änderungen und Umgeſtaltungen vergeſſen ſind. Es ſcheint alſo wirklich, daß im Traume, bei der Thätigkeit aller Geiſteskräfte, das Gedächtniß allein nicht recht disponibel ſei. Hierauf eben beruht ſeine Aehnlichkeit mit dem Wahnſinn, welcher, wie ich (Welt als W. und V. Bd. 1. § 36 und Bd. 2. Kap. 32) gezeigt habe, im Weſentlichen auf eine gewiſſe Zerrüttung des Erinnerungsvermögens zurückzuführen iſt. Von dieſem Geſichts⸗ punkt aus läßt ſich daher der Traum als ein kurzer Wahnſinn, der Wahnſinn als ein langer Traum bezeichnen. Im Ganzen alſo iſt im Traum die Anſchauung der gegenwärtigen Realität ganz vollkommen und ſelbſt minutiös: hingegen iſt unſer Geſichtskreis daſelbſt ein ſehr beſchränkter, ſofern das Abweſende und Vergangene, ſelbſt das fingirte, nur wenig ins Bewußt⸗ ſeyn fällt. N Wie jede Veränderung in der realen Welt ſchlechterdings nur in Folge einer ihr vorhergegangenen andern, ihrer Urſache, 246 10 15 N . ws D w A 1 15 1221 25 3 3 u © Q D und was damit zusammenhängt. eintreten kann; fo iſt auch der Eintritt aller Gedanken und Vor⸗ ſtellungen in unſer Bewußtſeyn dem Satze vom Grunde überhaupt unterworfen; daher ſolche jedesmal entweder durch einen äußern Eindruck auf die Sinne, oder aber, nach den Geſetzen der Aſſo⸗ ciation (worüber Kap. 14 im zweiten Bande meines Hauptwerks), durch einen ihnen vorhergängigen Gedanken hervorgerufen ſeyn müſſen; außerdem ſie nicht eintreten könnten. Dieſem Satze vom Grunde, als dem ausnahmsloſen Princip der Abhängigkeit und Bedingtheit aller irgend für uns vorhandenen Gegenſtände, müſſen nun auch die Träume, hinſichtlich ihres Eintritts, irgendwie unterworfen ſeyn: allein auf welche Weiſe ſie ihm unterliegen, iſt ſehr ſchwer auszumachen. Denn das Charakteriſtiſche des Traumes iſt die ihm weſentliche Bedingung des Schlafs, d. h. der aufgehobenen normalen Thätigkeit des Gehirns und der Sinne: erſt wann dieſe Thätigkeit feiert, kann der Traum eintreten; gerade ſo, wie die Bilder der Laterna magika erſt erſcheinen können, nachdem man die Beleuchtung des Zimmers aufgehoben hat. Demnach wird der Eintritt, mithin auch der Stoff, des Traums zuvörderſt nicht durch äußere Eindrücke auf die Sinne herbeigeführt: einzelne Fälle, wo, bei. leichtem Schlummer, äußere Töne, auch wohl Gerüche, noch ins Senſorium gedrungen ſind und Einfluß auf den Traum erlangt haben, find ſpecielle Ausnahmen, von denen ich hier abs ſehe. Nun aber iſt ſehr beachtenswerth, daß die Träume auch nicht durch die Gedankenaſſociation herbeigeführt werden. Denn ſie entſtehn entweder mitten im tiefen Schlafe, dieſer eigentlichen Ruhe des Gehirns, welche wir als eine vollkommene, mithin als ganz bewußtlos anzunehmen alle Urſache haben; wonach hier fogar die Möglichkeit der Gedankenaſſociation wegfällt: oder aber ſie entſtehn beim Uebergang aus dem wachen Bewußtſeyn in den Schlaf, alſo beim Einſchlafen: ſogar bleiben ſie hiebei nie ganz aus und geben eben dadurch uns Gelegenheit, die volle Ueber⸗ zeugung zu gewinnen, daß ſie durch keine Gedankenaſſociation mit den wachen Vorſtellungen verknüpft ſind, ſondern den Faden dieſer unberührt laſſen, um ihren Stoff und Anlaß ganz wo anders, wir wiſſen nicht woher, zu nehmen. Dieſe erſten Traumbilder des Einſchlafenden nämlich ſind, was ſich leicht beobachten läßt, ſtets ohne irgend einigen Zuſammenhang mit den Gedanken, unter denen er eingeſchlafen iſt, ja, ſie ſind dieſen ſo auffallend 17 Schopenhauer, Werke V 247
Versuch über Geistersehn heterogen, daß es ausſieht, als hätten fie abſichtlich unter allen Dingen auf der Welt gerade Das ausgewählt, woran wir am wenigſten gedacht haben; daher dem darüber Nachdenkenden ſich die Frage aufdrängt, wodurch wohl die Wahl und Beſchaffenheit derſelben beſtimmt werden möge? Sie haben überdies (wie Burdach im 3. Bande ſeiner Phyſiologie fein und richtig bemerkt) das Unterſcheidende, daß ſie keine zuſammenhängende Begebenheit darſtellen und wir auch meiſtentheils nicht ſelbſt als handelnd darin auftreten, wie in den andern Träumen; ſondern ſie ſind ein rein objektives Schauſpiel, beſtehend aus vereinzelten Bildern, die beim Einſchlafen plötzlich aufſteigen, oder auch ſehr einfache Vorgänge. Da wir oft ſogleich wieder darüber erwachen, können wir uns vollkommen überzeugen, daß ſie mit den noch augenblicklich vorher dageweſenen Gedanken niemals die mindeſte Aehnlichkeit, die entfernteſte Analogie, oder ſonſtige Beziehung zu ihnen haben, vielmehr uns durch das ganz Unerwartete ihres Inhalts über⸗ raſchen, als welcher unſerm vorherigen Gedankengange eben ſo fremd iſt, wie irgend ein Gegenſtand der Wirklichkeit, der, im wachen Zuſtande, auf die zufälligſte Weiſe, plötzlich in unſere Wahrnehmung tritt, ja, der oft ſo weit hergeholt, ſo wunderlich und blind ausgewählt iſt, als wäre er durch Loos oder Würfel beſtimmt worden. — Der Faden alſo, den der Satz vom Grunde uns in die Hand giebt, ſcheint uns hier an beiden Enden, dem innern und dem äußern, abgeſchnitten zu ſeyn. Allein das iſt nicht möglich, nicht denkbar. Nothwendig muß irgend eine Urſache vorhanden ſeyn, welche jene Traumgeſtalten herbeiführt und ſie durchgängig beſtimmt; ſo daß aus ihr ſich müßte genau er⸗ klären laſſen, warum z. B. mir, den bis zum Augenblick des Einſchlummerns ganz andere Gedanken beſchäftigten, jetzt plötzlich ein blühender, vom Winde leiſe bewegter, Baum, und nichts Anderes ſich darſtellt, ein ander Mal aber eine Magd, mit einem Korbe auf dem Kopf, wieder ein ander Mal eine Reihe Sol⸗ daten, u. ſ. f. Da nun alſo bei der Entſtehung der Träume, ſei es unter dem Einſchlafen, oder im bereits eingetretenen Schlaf, dem Ge⸗ hirne, dieſem alleinigen Sitz und Organ aller Vorſtellungen, ſowohl die Erregung von außen, durch die Sinne, als die von innen, durch die Gedanken abgeſchnitten iſt; ſo bleibt uns keine 248 — — . w A und was damit zusammenhängt. andere Annahme übrig, als daß daſſelbe irgend eine rein phyſio⸗ logiſche Erregung dazu, aus dem Innern des Organismus, er⸗ halte. Dem Einfluſſe dieſes ſind zum Gehirne zwei Wege offen: der der Nerven und der der Gefäße. Die Lebenskraft hat wäh⸗ rend des Schlafes, d. h. des Einſtellens aller animaliſchen Funktionen, ſich gänzlich auf das organiſche Leben geworfen, und iſt daſelbſt, unter einiger Verringerung des Athmens, des Pulſes, der Wärme, auch faſt aller Sekretionen, hauptſächlich mit der langſamen Reproduktion, der Herſtellung alles Ver⸗ brauchten, der Heilung alles Verletzten und der Beſeitigung aller eingeriſſenen Unordnungen, beſchäftigt; daher der Schlaf die Zeit iſt, während welcher die vis naturae medicatrix, in allen Krank⸗ heiten, die heilſamen Kriſen herbeiführt, in welchen ſie alsdann den entſcheidenden Sieg über das vorhandene Uebel erkämpft, und A 8 15 wonach daher der Kranke, mit dem ſichern Gefühl der heran⸗ kommenden Geneſung, erleichtert und freudig erwacht. Aber auch bei dem Geſunden wirkt ſie das Selbe, nur in ungleich geringerm Grade, an allen Punkten, wo es nöthig iſt; daher auch er beim Erwachen das Gefühl der Herſtellung und Erneuerung hat: be⸗ 20 ſonders hat im Schlafe das Gehirn ſeine, im Wachen nicht aus⸗ führbare, Nutrition erhalten; wovon die hergeſtellte Klarheit des Bewußtſeyns die Folge iſt. Alle dieſe Operationen ſtehn unter [223] der Leitung und Kontrole des plaſtiſchen Nervenſyſtems, alfo der ſämmtlichen großen Ganglien, oder Nervenknoten, welche, in der 25 ganzen Länge des Rumpfs, durch leitende Nervenſtränge mit einander verbunden, den großen ſympathiſchen Nerven oder den innern Nervenheerd, ausmachen. Dieſer iſt vom äußern Ner⸗ venheerde, dem Gehirn, als welchem ausſchließlich die Leitung der äußern Verhältniſſe obliegt und welches deshalb einen nach außen zo gerichteten Nervenapparat und durch ihn veranlaßte Vorſtellungen hat, ganz geſondert und iſolirt; ſo daß, im normalen Zuſtande, ſeine Operationen nicht ins Bewußtſeyn gelangen, nicht empfunden werden. Inzwiſchen hat derſelbe doch einen mittelbaren und ſchwachen Zuſammenhang mit dem Cerebralſyſtem, durch dünne 35 und fernher anaſtomoſirende Nerven: auf dem Wege derſelben wird, bei abnormen Zuſtänden, oder gar Verletzungen der innern Theile, jene Iſolation in gewiſſem Grade durchbrochen, wonach ſolche, dumpfer oder deutlicher, als Schmerz ins Bewußtſeyn 1 249
Versuch über Geistersehn eindringen. Hingegen im normalen und gefunden Zuftande ge⸗ langt, auf dieſem Wege, von den Vorgängen und Bewegungen in der ſo komplicirten und thätigen Werkſtätte des organiſchen Lebens, von dem leichtern, oder erſchwerten Fortgange deſſelben, nur ein äußerſt ſchwacher, verlorener Nachhall ins Senſorium: dieſer wird im Wachen, wo das Gehirn an ſeinen eigenen Ope⸗ rationen, alſo am Empfangen äußerer Eindrücke, am Anſchauen, auf deren Anlaß, und am Denken, volle Beſchäftigung hat, gar nicht wahrgenommen; ſondern hat höchſtens einen geheimen und unbewußten Einfluß, aus welchem diejenigen Aenderungen der Stimmung entſtehn, von denen keine Rechenſchaft aus objektiven Gründen ſich geben läßt. Beim Einſchlafen jedoch, als wo die äußern Eindrücke zu wirken aufhören und auch die Regſamkeit der Gedanken, im Innern des Senſoriums, allmälig erſtirbt, da werden jene ſchwachen Eindrücke, die aus dem innern Nerven⸗ heerde des organiſchen Lebens, auf mittelbarem Wege, herauf⸗ dringen, imgleichen jede geringe Modifikation des Blutumlaufs, da ſie ſich den Gefäßen des Gehirns mittheilt, fühlbar, — wie die Kerze zu ſcheinen anfängt, wann die Abenddämmerung ein⸗ tritt; oder wie wir bei Nacht die Quelle rieſeln hören, die der Lerm des Tages unvernehmbar machte. Eindrücke, die viel zu ſchwach ſind, als daß ſie auf das wache, d. h. thätige, Gehirn wirken könnten, vermögen, wann ſeine eigene Thätigkeit ganz ein⸗ geſtellt wird, eine leiſe Erregung ſeiner einzelnen Theile und ihrer vorſtellenden Kräfte hervorzubringen; — wie eine Harfe von einem fremden Tone nicht widerklingt, während ſie ſelbſt geſpielt wird, wohl aber, wenn ſie ſtill dahängt. Hier alſo muß die Urſache der Entſtehung und, mittelſt ihrer, auch die durchgängige nähere Beſtimmung jener beim Einſchlafen aufſteigenden Traum⸗ geſtalten liegen, und nicht weniger die der, aus der abſoluten mentalen Ruhe des tiefen Schlafes ſich erhebenden, dramatiſchen Zuſammenhang habenden Träume; nur daß zu dieſen, da ſie ein⸗ treten, wann das Gehirn ſchon in tiefer Ruhe und gänzlich ſeiner Nutrition hingegeben iſt, eine bedeutend ſtärkere Anregung von innen erfordert ſeyn muß; daher eben es auch nur dieſe Träume ſind, welche, in einzelnen, ſehr ſeltenen Fällen, prophetiſche, oder fatidike Bedeutung haben, und Horaz ganz richtig ſagt: post mediam noctem, cum somnia vera. 250 30 2 A und was damit zusamınenhängt. Denn die letzten Morgenträume verhalten ſich, in dieſer Hinſicht denen beim Einſchlafen gleich, ſofern das ausgeruhte 195 1 Gehirn wieder leicht erregbar iſt. Alſo jene ſchwachen Nachhälle aus der Werkſtätte des orga⸗ s nifchen Lebens find es, welche in die, der Apathie entgegen⸗ ſinkende, oder ihr bereits hingegebene, ſenſorielle Thätigkeit des Gehirns dringen und ſie ſchwach, zudem auf einem ungewöhn⸗ lichen Wege und von einer andern Seite, als im Wachen, erregen: aus ihnen jedoch muß dieſelbe, da allen andern Anregungen der 10 Zugang geſperrt iſt, den Anlaß und Stoff zu ihren Traum⸗ geſtalten nehmen, ſo heterogen dieſe auch ſolchen Eindrücken ſeyn mögen. Denn, wie das Auge, durch mechaniſche Erſchütterung, oder durch innere Nervenkonvulſion, Empfindungen von Helle und Leuchten erhalten kann, die den durch äußeres Licht ver⸗ 15 urfachten völlig gleich find; wie bisweilen das Ohr, in Folge ab⸗ normer Vorgänge in ſeinem Innern, Töne jeder Art hört; wie eben fo der Geruchsnerv ohne alle äußere Urſache ganz ſpecifiſch beſtimmte Gerüche empfindet; wie auch die Geſchmacksnerven auf analoge Weiſe afficirt werden; wie alſo alle Sinnesnerven ſo⸗ 20 wohl von innen, als von außen, zu ihren eigenthümlichen Em⸗ pfindungen erregt werden können; auf gleiche Weiſe kann auch [225] das Gehirn durch Reize, die aus dem Innern des Organismus kommen, beſtimmt werden, ſeine Funktion der Anſchauung raum⸗ erfüllender Geſtalten zu vollziehn; wo denn die ſo entſtandenen 25 Erſcheinungen gar nicht zu unterſcheiden ſeyn werden von den durch Empfindungen in den Sinnesorganen veranlaßten, welche durch äußere Urſachen hervorgerufen wurden. Wie nämlich der Magen aus Allem, was er bewältigen kann, Chymus, und die Gedärme aus dieſem Chylus bereiten, dem man ſeinen Urſtoff 30 nicht anſieht; eben ſo reagirt auch das Gehirn, auf alle zu ihm gelangende Erregungen, mittelft Vollziehung der ihm eigen⸗ thümlichen Funktion. Dieſe beſteht zunächſt im Entwerfen von Bildern im Raum, als welcher ſeine Anſchauungsform iſt, nach allen drei Dimenſionen; ſodann im Bewegen derſelben in der 35 Zeit und am Leitfaden der Kauſalität, als welche ebenfalls die Funktionen ſeiner ihm eigenthümlichen Thätigkeit ſind. Denn allezeit wird es nur ſeine eigene Sprache reden: in dieſer daher interpretirt es auch jene ſchwachen, während des Schlafs, von 251
Versuch über Geistersehn innen zu ihm gelangenden Eindrücke; eben wie die ſtarken und beſtimmten, im Wachen, auf dem regelmäßigen Wege, von außen kommenden: auch jene alſo geben ihm den Stoff zu Bildern, welche denen auf Anregung der äußern Sinne entſtehenden voll⸗ kommen gleichen; obſchon zwiſchen den beiden Arten von ver⸗ anlaſſenden Eindrücken kaum irgend eine Aehnlichkeit ſeyn mag. Aber ſein Verhalten hiebei läßt ſich mit dem eines Tauben ver⸗ gleichen, der aus einigen in ſein Ohr gelangten Vokalen, ſich eine ganze, wiewohl falſche, Phraſe zuſammenſetzt; oder wohl gar mit dem eines Verrückten, den ein zufällig gebrauchtes Wort auf wilde, ſeiner fixen Idee entſprechende Phantaſien bringt. Jeden⸗ falls ſind es jene ſchwachen Nachhälle gewiſſer Vorgänge im Innern des Organismus, welche, bis zum Gehirn hinauf ſich verlierend, den Anlaß zu ſeinen Träumen abgeben: dieſe werden daher auch durch die Art jener Eindrücke ſpecieller beſtimmt, indem ſie wenigſtens das Stichwort von ihnen erhalten haben; ja, ſie werden, ſo gänzlich verſchieden von jenen ſie auch ſeyn mögen, doch ihnen irgendwie analogiſch, oder wenigſtens ſymboliſch ent⸗ ſprechen, und zwar am genaueſten denen, die während des tiefen Schlafes das Gehirn zu erregen vermögen; weil ſolche, wie geſagt, ſchon bedeutend ſtärker ſeyn müſſen. Da nun ferner dieſe innern Vorgänge des organiſchen Lebens auf das zur Auffaſſung der Außenwelt beſtimmte Senſorium ebenfalls nach Art eines ihm Fremden und Aeußeren einwirken; ſo werden die auf ſolchen An⸗ laß in ihm entſtehenden Anſchauungen ganz unerwartete und ſeinem etwan kurz zuvor noch dageweſenen Gedankengange völlig heterogene und fremde Geſtalten ſeyn; wie wir Dieſes, beim Einſchlafen und baldigem Wiedererwachen aus demſelben, zu be⸗ obachten Gelegenheit haben. Dieſe ganze Auseinanderſetzung lehrt uns vor der Hand weiter nichts kennen, als die nächſte Urſache des Eintritts des Traumes, oder die Veranlaſſung deſſelben, welche zwar auch auf ſeinen Inhalt Einfluß haben, jedoch an ſich ſelbſt dieſem ſo ſehr heterogen ſeyn muß, daß die Art ihrer Verwandtſchaft uns ein Geheimniß bleibt. Noch räthſelhafter iſt der phyſiologiſche Vorgang im Gehirn ſelbſt, darin eigentlich das Träumen beſteht. Der Schlaf näm⸗ lich iſt die Ruhe des Gehirns, der Traum dennoch eine gewiſſe Thätigkeit deſſelben: ſonach müſſen wir, damit kein Widerſpruch 252 9 9 | und was damit zusammenhängt. entftehe, jene für eine nur relative und dieſe für eine irgendwie limitirte und nur partielle erklären. In welchem Sinne nun ſie dieſes ſei, ob den Theilen des Gehirns, oder dem Grad ſeiner Erregung, oder der Art ſeiner innern Bewegung nach, und wo⸗ 5 durch eigentlich fie ſich vom wachen Zuſtande unterſcheide, wiſſen wir wieder nicht. — Es giebt keine Geiſteskraft, die ſich im Traume nie thätig erwieſe: dennoch zeigt der Verlauf deſſelben, wie auch unſer eigenes Benehmen darin, oft außerordentlichen Mangel an Urtheilskraft, imgleichen, wie ſchon oben erörtert, an 10 Gedächtniß. ö Hinſichtlich auf unſern Hauptgegenſtand bleibt die Thatſache ſtehn, daß wir- ein Vermögen haben zur anſchaulichen Vor⸗ ſtellung raumerfüllender Gegenſtände und zum Vernehmen und Verſtehn von Tönen und Stimmen jeder Art, Beides ohne die 15 äußere Anregung der Sinnesempfindungen, welche hingegen zu unſerer wachen Anſchauung die Veranlaſſung, den Stoff, oder die empiriſche Grundlage, liefern, mit derſelben jedoch darum keineswegs identiſch ſind; da ſolche durchaus intellektual it und nicht bloß ſenſual; wie ich dies öfter dargethan und bereits 20 oben die betreffenden Hauptſtellen angeführt habe. Jene, keinem Zweifel unterworfene Thatſache nun aber haben wir feſt zu halten: [227] denn fie iſt das Urphänomen, auf welches alle unfere ferneren Erklärungen zurückweiſen, indem ſie nur die ſich noch weiter er⸗ ſtreckende Thätigkeit des bezeichneten Vermögens darthun werden. 25 Zur Benennung deſſelben wäre der bezeichnendeſte Ausdruck der, welchen die Schotten für eine beſondere Art ſeiner Aeußerung oder Anwendung ſehr ſinnig gewählt haben, geleitet von dem richtigen Takt, den die eigenſte Erfahrung verleiht: er heißt: second sight, das zweite Geſicht. Denn die hier erörterte 30 Fähigkeit zu träumen iſt in der That ein zweites, nämlich nicht, wie das erſte, durch die äußern Sinne vermitteltes Anſchauungs⸗ vermögen, deſſen Gegenſtände jedoch, der Art und Form nach, die ſelben ſind, wie die des erſten; woraus zu ſchließen, daß es, eben wie dieſes, eine Funktion des Gehirns iſt. Jene Schottiſche 35 Benennung würde daher die paſſendeſte ſeyn, um die ganze Gattung der hieher gehörigen Phänomene zu bezeichnen und ſie auf ein Grund⸗Vermögen zurückzuführen: da jedoch die Er⸗ finder derſelben ſie zur Bezeichnung einer beſondern, ſeltenen 253
Versuch über Geistersehn und höchſt merkwürdigen Aeußerung jenes Vermögens verwendet haben; ſo darf ich nicht, ſo gern ich es auch möchte, ſie ge⸗ brauchen, die ganze Gattung jener Anſchauungen, oder genauer, das ſubjektive Vermögen, welches ſich in ihnen allen kund giebt, zu bezeichnen. Für dieſes bleibt mir daher keine paſſendere Benennung, als die des Traumorgans, als welche die ganze in Rede ſtehende Anſchauungsweiſe durch diejenige Aeußerung derſelben bezeichnet, die Jedem bekannt und geläufig iſt. Ich werde mich alſo derſelben zur Bezeichnung des dargelegten, vom äußern Eindruck auf die Sinne unabhängigen Anſchauungsver⸗ mögens bedienen. a Die Gegenſtände, welche daſſelbe im gewöhnlichen Traume uns vorführt, ſind wir gewohnt als ganz illuſoriſch zu betrachten; da ſie beim Erwachen verſchwinden. Inzwiſchen iſt Dieſem doch nicht allemal ſo, und es iſt, in Hinſicht auf unſer Thema, ſehr wichtig, die Ausnahme hievon aus eigener Erfahrung kennen zu lernen, was vielleicht Jeder könnte, wenn er die gehörige Auf⸗ merkſamkeit auf die Sache verwendete. Es giebt nämlich einen Zuſtand, in welchem wir zwar ſchlafen und träumen; jedoch eben nur die uns umgebende Wirklichkeit ſelbſt träumen. Demnach ſehn wir alsdann unſer Schlafgemach, mit Allem, was darin iſt, werden auch etwan eintretende Menſchen gewahr, wiſſen uns ſelbſt im Bett, Alles richtig und genau. Und doch ſchlafen wir, mit feſt geſchloſſenen Augen: wir träumen; nur iſt was wir träumen wahr und wirklich. Es iſt nicht anders, als ob als⸗ dann unſer Schädel durchſichtig geworden wäre, ſo daß die Außen⸗ welt nunmehr, ſtatt durch den Umweg und die enge Pforte der Sinne, geradezu und unmittelbar ins Gehirn käme. Dieſer Zu⸗ ſtand iſt vom wachen viel ſchwerer zu unterſcheiden, als der gewöhnliche Traum; weil beim Erwachen daraus keine Umge⸗ ſtaltung der Umgebung, alſo gar keine objektive Veränderung, vorgeht. Nun iſt aber (ſiehe Welt als W. u. V. Bd. 1 §s. S. 19 [3. Aufl. S. 19f. ) das Erwachen das alleinige Kriterium zwiſchen Wachen und Traum, welches demnach hier, ſeiner objektiven und hauptſächlichen Hälfte nach, wegfällt. Nämlich beim Erwachen aus einem Traum der in Rede ſtehenden Art geht bloß eine ſu b⸗ jektive Veränderung mit uns vor, welche darin beſteht, daß wir plötzlich eine Umwandelung des Organs unſerer Wahrnehmung 254 — — wu 3 0 7 0 5 1 I und was damit zusammenhängt. ſpüren: dieſelbe iſt jedoch nur leiſe fühlbar und kann, weil ſie von keiner objektiven Veränderung begleitet iſt, leicht unbemerkt bleiben. Dieſerhalb wird die Bekanntſchaft mit dieſen die Wirk⸗ lichkeit darſtellenden Träumen meiſtens nur dann gemacht werden, wann ſich Geſtalten eingemiſcht haben, die derſelben nicht an⸗ gehören und daher beim Erwachen verſchwinden, oder auch wann ein ſolcher Traum die noch höhere Potenzirung erhalten hat, von der ich ſogleich reden werde. Die beſchriebene Art des Träu⸗ mens iſt Das, was man Schlafwachen genannt hat; nicht 10 etwan, weil es ein Mittelzuſtand zwiſchen Schlafen und Wachen ift, fondern weil es als ein Wachwerden im Schlafe ſelbſt be⸗ zeichnet werden kann. Ich möchte es daher lieber ein Wahr⸗ träumen nennen. Zwar wird man es meiſtens nur früh Mor⸗ gens, auch wohl Abends, einige Zeit nach dem Einſchlafen, be⸗ ı5 merken: dies liegt aber bloß daran, daß nur dann, wann der Schlaf nicht tief war, das Erwachen leicht genug eintrat, um eine Erinnerung an das Geträumte übrig zu laſſen. Gewiß tritt dieſes Träumen viel öfter während des tiefen Schlafes ein, nach der Regel, daß die Somnambule um ſo hellſehender wird, je tiefer ſie ſchläft: aber dann bleibt keine Erinnerung daran zu⸗ rück. Daß hingegen, wann es bei leichterem Schlafe eingetreten iſt, eine ſolche bisweilen Statt findet, iſt dadurch zu erläutern, [229] daß ſelbſt aus dem magnetiſchen Schlaf, wenn er ganz leicht war, ausnahmsweiſe eine Erinnerung in das wache Bewußtſeyn über⸗ 25 gehn kann; wovon ein Beiſpiel zu finden iſt in Kieſers „Ar⸗ chiv für thier. Magn.“ Bd. 3. H. 2. S. 139. Dieſem alſo gemäß bleibt die Erinnerung ſolcher unmittelbar objektiv wahren Träume nur dann, wann ſie in einem leichten Schlaf, z. B. des Morgens, eingetreten ſind, wo wir unmittelbar daraus er⸗ 30 wachen können. Dieſe Art des Traumes nun ferner, deren Eigenthümliches darin beſteht, daß man die nächſte gegenwärtige Wirklichkeit träumt, erhält bisweilen eine Steigerung ihres räthſelhaften Weſens dadurch, daß der Geſichtskreis des Träumenden ſich noch 35 etwas erweitert, nämlich fo, daß er über das Schlafgemach hinaus⸗ reicht, — indem die Fenſtervorhänge, oder Läden aufhören Hinder⸗ niſſe des Sehns zu ſeyn und man dann ganz deutlich das hinter ihnen Liegende, den Hof, den Garten, oder die Straße, 2 2 o 255
Versuch über Geistersehn mit den Häuſern gegenüber, wahrnimmt. Unſere Verwunderung hierüber wird ſich mindern, wenn wir bedenken, daß hier kein phyſiſches Sehn Statt findet, ſondern ein bloßes Träumen: jedoch iſt es ein Träumen Deſſen, was jetzt wirklich daiſt, folglich ein Wahrträumen, alſo ein Wahrnehmen durch das Traum⸗ organ, welches als ſolches natürlich nicht an die Bedingung des ununterbrochenen Durchgangs der Lichtſtrahlen gebunden iſt. Die Schädeldecke ſelbſt war, wie geſagt, die erſte Scheidewand, durch welche zunächſt dieſe ſonderbare Art der Wahrnehmung ungehindert blieb: ſteigert nun dieſe ſich noch etwas höher; ſo ſetzen auch Vor⸗ hänge, Thüren und Mauern ihr keine Schranken mehr. Wie nun aber Dies zugehe, iſt ein tiefes Geheimniß: wir wiſſen nichts weiter, als daß hier wahr geträumt wird, mithin eine Wahrnehmung durch das Traumorgan Statt findet. So weit geht dieſe für unſere Betrachtung elementare Thatſache. Was wir zu ihrer Aufklärung, inſofern ſie möglich ſeyn mag, thun können, beſteht zunächſt im Zuſammenſtellen und gehörigem ſtufen⸗ weiſen Ordnen aller ſich an ſie knüpfenden Phänomene, in der Abſicht, ihren Zuſammenhang unter einander zu erkennen, und in der Hoffnung, dadurch vielleicht auch in ſie ſelbſt dereinſt eine nähere Einſicht zu erlangen. Inzwiſchen wird auch Dem, welchem alle eigene Erfahrung hierin abgeht, die geſchilderte Wahrnehmung durch das Traum⸗ organ unumſtößlich beglaubigt durch den ſpontanen, eigentlichen Somnambulismus, oder das Nachtwandeln. Daß die von dieſer Sucht Befallenen feſt ſchlafen, und daß ſie mit den Augen ſchlechterdings nicht ſehn können, iſt völlig gewiß: dennoch nehmen ſie in ihrer nächſten Umgebung Alles wahr, vermeiden jedes Hinderniß, gehn weite Wege, klettern an den gefährlichſten Abgründen hin, auf den ſchmalſten Stegen, vollführen weite Sprünge, ohne ihr Ziel zu verfehlen: auch verrichten Einige unter ihnen ihre täglichen, häuslichen Geſchäfte, im Schlaf, genau und richtig, Andere koncipiren und ſchreiben ohne Fehler. Auf die ſelbe Weiſe nehmen auch die künſtlich in magnetiſchen Schlaf verſetzten Somnambulen ihre Umgebung wahr und, wenn ſie hellſehend werden, ſelbſt das Entfernteſte. Ferner iſt auch die Wahrnehmung, welche gewiſſe Scheintodte von Allem, was um ſie vorgeht haben, während ſie ſtarr und unfähig ein Glied 256 — — IS [230] 0 w 0 5 0 5 0 5 und was damit zusammenhängt. zu rühren daliegen, ohne Zweifel, eben dieſer Art: auch fie träumen ihre gegenwärtige Umgebung, bringen alſo dieſelbe, auf einem andern Wege, als dem der Sinne, ſich zum Bewußtſeyn. Man hat ſich ſehr bemüht, dem phyſiologiſchen Organ, oder dem Sitz dieſer Wahrnehmung, auf die Spur zu kommen: doch iſt es damit bisher nicht gelungen. Daß, wann der ſomnam⸗ bule Zuſtand vollkommen vorhanden iſt, die äußern Sinne ihre Funktionen gänzlich eingeſtellt haben, iſt unwiderſprechlich; da ſelbſt der ſubjektiveſte unter ihnen, das körperliche Gefühl, ſo 20 gänzlich verſchwunden iſt, daß man die ſchmerzlichſten chirur⸗ giſchen Operationen während des magnetiſchen Schlafs vollzogen hat, ohne daß der Patient irgend eine Empfindung davon ver⸗ rathen hätte. Das Gehirn ſcheint dabei im Zuſtande des aller⸗ tiefſten Schlafs, alſo gänzlicher Unthätigkeit zu ſeyn. Dieſes, nebſt gewiſſen Aeußerungen und Ausſagen der Somnambulen, hat die Hypotheſe veranlaßt, der ſomnambule Zuſtand beſtehe im gänzlichen Depotenziren des Gehirns und Anſammeln der Lebenskraft im ſympathiſchen Nerven, deſſen größere Geflechte, namentlich der plexus solaris, jetzt zu einem Senſorio um⸗ geſchaffen würden und alſo, vikarirend, die Funktionen des Gehirns übernähmen, welche ſie nun ohne Hülfe äußerer Sinneswerk⸗ [232] zeuge und dennoch ungleich vollkommener, als dieſes, ausübten. Dieſe, ich glaube zuerſt von Reil aufgeſtellte Hypotheſe iſt nicht ohne Scheinbarkeit und ſteht ſeitdem in großem Anſehn. Ihre Hauptſtütze bleiben die Ausſagen faſt aller hellſehenden Somnambulen, daß jetzt ihr Bewußtſeyn ſeinen Sitz gänzlich auf der Herzgrube habe, woſelbſt ihr Denken und Wahrnehmen vor ſich gehe, wie ſonſt im Kopf. Auch laſſen die Meiſten unter ihnen die Gegenſtände, die ſie genau beſehn wollen, ſich auf die Magengegend legen. Dennoch halte ich die Sache für unmöglich. Man betrachte nur das Sonnengeflecht, dieſes ſo⸗ genannte cerebrum abdominale: wie fo gar klein iſt feine Maſſe und wie höchſt einfach ſeine, aus Ringen von Nerven⸗ ſubſtanz, nebſt einigen leichten Anſchwellungen beſtehende Struk⸗ 35 tur! Wenn ein ſolches Organ die Funktionen des Anſchauens und Denkens zu vollziehn fähig wäre; fo würde das fonft überall beſtätigte Geſetz natura nihil facit frustra umgeſtoßen ſeyn. Denn wozu wäre dann noch die meiſtens 3 und bei Einzelnen 2 I A 2 8 2 A © 3 257
Versuch über Geistersehn über 5 Pfund wiegende, fo koſtbare, wie wohlverwahrte Maffe des Gehirns, mit der ſo überaus künſtlichen Struktur ſeiner Theile, deren Komplikation ſo intrikat iſt, daß es mehrerer ganz verſchiedener Zerlegungsweiſen und häufiger Wiederholung der⸗ ſelben bedarf, um nur den Zuſammenhang der Konſtruktion dieſes Organs einigermaaßen verſtehn und ſich ein erträglich deutliches Bild von der wunderſamen Geſtalt und Verknüpfung ſeiner vielen Theile machen zu können. Zweitens iſt zu erwägen, daß die Schritte und Bewegungen eines Nachtwandlers ſich mit der größten Schnelle und Genauigkeit den von ihm nur durch das Traumorgan wahrgenommenen nächſten Umgebungen anpaſſen; ſo daß er, auf das Behendeſte und wie es kein Wacher könnte, jedem Hinderniß augenblicklich ausweicht, wie auch, mit der ſelben Ge⸗ ſchicklichkeit, ſeinem einſtweiligen Ziele zueilt. Nun aber ent⸗ ſpringen die motoriſchen Nerven aus dem Rückenmark, welches, durch die medulla oblongata, mit dem kleinen Gehirn, dem Regulator der Bewegungen, dieſes aber wieder mit dem großen Gehirne, dem Ort der Motive, welches die Vorſtellungen ſind, zuſammenhängt; wodurch es dann möglich wird, daß die Be⸗ wegungen, mit augenblicklicher Schnelle, ſich ſogar den flüchtigſten Wahrnehmungen anpaſſen. Wenn nun aber die Vorſtellungen, welche als Motive die Bewegungen zu beſtimmen haben, in das [232] Bauchgangliengeflecht verlegt wären, dem nur auf Umwegen eine ſchwierige, ſchwache und mittelbare Kommunikation mit dem Ge⸗ hirne möglich iſt (daher wir im geſunden Zuſtande vom ganzen, ſo ſtark und raſtlos thätigen Treiben und Schaffen unſers organiſchen Lebens gar nichts ſpüren); wie ſollten die daſelbſt 20 25 entſtehenden Vorſtellungen, und zwar mit Blitzesſchnelle, die gefahr⸗ vollen Schritte des Nachtwandlers lenken 27) — Daß übrigens, — +) Beachtenswerth hinſichtlich der in Rede ſtehenden Hypotheſe iſt es immer, daß die LXX durchgängig die Seher und Wahrſager EyyaorpıpuSous benennt, namentlich auch die Hexe von Endor, — mag Dies nun auf Grundlage des hebräiſchen Originals, oder in Gemäßheit der in Alexandrien damals herrſchenden Begriffe und ihrer Ausdrücke geſchehn. Offenbar iſt die Hexe von Endor eine Clairvoyante und Das bedeutet Eyyaorpıpusos. Saul ſieht und ſpricht nicht ſelbſt den Samuel, ſondern durch Vermittelung des Weibes: fie beſchreibt dem Saul, wie der Samuel ausſieht. (Vergl. Deleuze, de la prévision, p. 147, 48.) 258 — — — — — — — 1— — nn A 10 15 20 25 30 35 und was damit zusammenhängt. beiläufig gefagt, der Nachtivandler ohne Fehl und ohne Furcht die gefährlichſten Wege durchläuft, wie er es wachend nimmer: mehr könnte, iſt daraus erklärlich, daß ſein Intellekt nicht ganz und ſchlechthin, ſondern nur einſeitig, nämlich nur ſoweit thätig iſt, als es die Lenkung ſeiner Schritte erfordert; wodurch die Reflexion, mit ihr aber alles Zaudern und Schwanken, eliminirt iſt. — Endlich giebt uns darüber, daß wenigſtens die Träume eine Funktion des Gehirns ſind, folgende von Treviranus (über die Erſcheinungen des organiſchen Lebens, Bd. 2. Abth. 2. S. 117), nach Pierquin angeführte Thatſache ſogar faktiſche Gewißheit: „Bei einem Mädchen, deſſen Schädelknochen durch „Knochenfraß zum Theil ſo zerſtört waren, daß das Gehirn ganz „entblößt lag, quoll dieſes beim Erwachen hervor und ſank beim „Einſchlafen. Während des ruhigen Schlafs war die Senkung „am ſtärkſten. Bei lebhaften Träumen fand Turgor darin Statt.“ Vom Traum iſt aber der Somnambulismus offenbar nur dem Grade nach verſchieden: auch ſeine Wahrnehmungen geſchehn durch das Traumorgan: er iſt, wie geſagt, ein unmittelbares Wahrträumen. ) Man könnte indeſſen die hier beſtrittene Hypotheſe dahin modificiren, daß das Bauchgangliengeflecht nicht ſelbſt das Sen⸗ ſorium würde, ſondern nur die Rolle der äußern Werkzeuge deſſelben, alſo der hier ebenfalls gänzlich depotenzirten Sinnes⸗ organe übernähme, mithin Eindrücke von außen empfienge, die es dem Gehirn überlieferte, welches ſolche ſeiner Funktion gemäß bearbeitend, nun daraus die Geſtalten der Außenwelt eben fo ſchematiſirte und aufbaute, wie ſonſt aus den Empfindungen in den Sinnesorganen. Allein auch hier wiederholt ſich die Schwie⸗ rigkeit der blitzſchnellen Ueberlieferung der Eindrücke an das von 75 Daß wir im Traum oft vergeblich uns anſtrengen, zu ſchreien, oder die Glieder zu bewegen, muß daran liegen, daß der Traum, als Sache bloßer Vorſtellung, eine Thätigkeit des großen Gehirns allein iſt, welche ſich nicht auf das kleine Gehirn erſtreckt: dieſes demnach bleibt in der Erſtarrung des Schlafes liegen, völlig unthätig, und kann ſein Amt, als Regulator der Glieder⸗ bewegung auf die Medulla zu wirken, nicht verſehn; weshalb die dringendeſten Befehle des großen Gehirns unausgeführt bleiben: daher die Beängſtigung. Durchbricht aber das große Gehirn die Iſolation und bemächtigt ſich des Heinen, fo entſteht Som nambulismus. 259
Versuch über Geistersehn dieſem innern Nervencentro fo entfchieden iſolirte Gehirn. So⸗ dann iſt das Sonnengeflecht, ſeiner Struktur nach, zum Sehe⸗ und Hörorgan eben fo ungeeignet, wie zum Denkorgan, überdies [233) auch durch eine dicke Scheidewand aus Haut, Fett, Muskeln, Peritonäum und Eingeweiden vom Eindrucke des Lichts gänzlich s abgeſperrt. Wenn alſo auch die meiſten Somnambulen (imgleichen v. Helmont, in der von Mehreren angeführten Stelle Ortus medicinae, Lugd. bat. 1667. demens idea $ 12, p. 171) ausſagen, ihr Schauen und Denken gehe in der Magengegend vor ſich; ſo dürfen wir dies doch nicht ſofort als objektiv gültig annehmen; um fo weniger, als einige Somnambulen es ausdrücklich leugnen: z. B. die bekannte Auguſte Müller in Karlsruhe giebt (in dem Bericht über ſie S. 53 ff.) an, daß ſie nicht mit der Herzgrube, ſondern mit den Augen ſehe, ſagt jedoch, daß die meiſten andern Somnambulen mit der Herzgrube ſähen; und auf die Frage: „Kann auch die Denkkraft in die Herzgrube verpflanzt werden?“ ant⸗ wortet ſie: „Nein, aber die Seh⸗ und Hörkraft.“ Dieſem ent⸗ ſpricht die Ausſage einer andern Somnambule, in Kieſers Archiv Bd. 10, H. 2, S. 154, welche auf die Frage: „Denkſt du mit dem ganzen Gehirn, oder nur mit einem Theil deſſelben?“ ant⸗ wortet: „Mit dem ganzen, und ich werde ſehr müde.“ Das wahre Ergebniß aus allen Somnambulen-⸗Ausſagen ſcheint zu ſeyn, daß die Anregung und der Stoff zur anſchauenden Thätigkeit ihres Gehirns, nicht, wie im Wachen, von außen und durch die Sinne, ſondern, wie oben bei den Träumen auseinandergeſetzt worden, aus dem Innern des Organismus kommt, deſſen Vorſtand und Lenker bekanntlich die großen Geflechte des ſympathiſchen Nerven ſind, welche daher, in Hinſicht auf die Nerventhätigkeit, den gan⸗ zen Organismus, mit Ausnahme des Cerebralſyſtems, vertreten und repräſentiren. Jene Ausſagen ſind damit zu vergleichen, daß wir den Schmerz im Fuße zu empfinden vermeinen, den wir doch wirklich nur im Gehirne empfinden, daher er, ſobald die Nerven⸗ leitung zu dieſem unterbrochen iſt, wegfällt. Es iſt daher Täu⸗ ſchung, wenn die Somnambulen mit der Magengegend zu ſehn, ja, zu leſen wähnen, oder, in ſeltenen Fällen, ſogar mit den Fingern, Zehen, oder der Naſenſpitze, dieſe Funktion zu vollziehn behaupten (3. B. der Knabe Arſt in Kieſers Archiv Bd. 3, Heft 2, ferner die Somnambule Koch, eben daf. Bd. 10, H. 3, S. 8—21, auch das 260 — » » ww ws 0 0 5 0 5 — 8 15 2 S 2 A >} 3 35 und was damit zusammenhängt. [23] Mädchen in Juſt. Kerners „Geſchichte zweier Somnambulen“, 1824, S. 323—30, welches aber hinzufügt „der Ort dieſes Sehns ſei das Gehirn, wie im wachen Zuſtande“). Denn, wenn wir auch die Nervenſenſibilität ſolcher Theile noch fo hoch gez 5 ſteigert uns denken wollen; fo bleibt ein Sehn im eigentlichen Sinne, d. h. durch Vermittelung der Lichtſtrahlen, in Organen, die jedes optiſchen Apparats entbehren, ſelbſt wenn ſie nicht, wie doch der Fall iſt, mit dicken Hüllen bedeckt, ſondern dem Lichte zugänglich wären, durchaus unmöglich. Es iſt ja nicht bloß die hohe Senſibilität der Retina, welche ſie zum Sehn befähigt, ſon⸗ dern eben ſo ſehr der überaus künſtliche und komplicirte optiſche Apparat im Augapfel. Das phyſiſche Sehn erfordert nämlich zwar zunächſt eine für das Licht ſenſible Fläche, dann aber auch, daß auf dieſer, mittelſt der Pupille und der lichtbrechenden, un: endlich künſtlich kombinirten durchſichtigen Medien, die draußen aus einander gefahrenen Lichtſtrahlen ſich wieder ſammeln und koncentriren, ſo daß ein Bild, — richtiger, ein dem äußern Gegenſtand genau entſprechender Nerven-Eindruck, — entſtehe, als wodurch allein dem Verſtande die ſubtilen Data geliefert werden, aus denen er ſodann, durch einen intellektuellen, das Kauſalitäts⸗ geſetz anwendenden Proceß, die Anſchauung in Raum und Zeit hervorbringt. Hingegen Magengruben und Fingerſpitzen könnten, ſelbſt wenn Haut, Muskeln u. ſ. w. durchſichtig wären, immer nur vereinzelte Lichtreflexe erhalten; daher mit ihnen zu ſehn fo unmöglich iſt, wie einen Daguerreotyp in einer offenen Kamera obſkura ohne Sammlungsglas zu machen. Einen ferneren Be⸗ weis, daß dieſe angeblichen Sinnesfunktionen paradoxer Theile es nicht eigentlich ſind, und daß hier nicht, mittelſt phyſiſcher Einwirkung der Lichtſtrahlen, geſehn wird, giebt der Umſtand, daß der erwähnte Knabe Kieſers mit den Zehen las, auch wann er dicke wollene Strümpfe anhatte, und mit den Fingerſpitzen nur dann ſah, wann er es ausdrücklich wollte, übrigens in der Stube, mit den Händen voraus, herumtappte: Daſſelbe be⸗ ſtätigt ſeine eigene Ausſage über dieſe abnormen Wahrnehmungen (a. a. O. S. 128): „Er nannte dies nie Sehn, ſondern auf die „Frage, wie er denn wiſſe, was da vorgehe, antwortete er, er „wiſſe es eben, das ſei ja das Neue.“ Eben ſo beſchreibt, in Kieſers Archiv Bd. 7, H. 1, S. 52, eine Somnambule ihre 26¹
Versuch über Geistersehn Wahrnehmung als „ein Sehn, das kein Sehn iſt, ein unmittel- [235] bares Sehn.“ In der „HGeſchichte der hellſehenden Auguſte Müller,“ Stuttgart 1818, wird S. 36 berichtet: „Sie ſieht voll⸗ „kommen hell und erkennt alle Perſonen und Gegenſtände in der „dichteſten Finſterniß, wo es uns unmöglich wäre, die Hand vor „den Augen zu unterſcheiden.“ Das Selbe belegt, hinſichtlich des Hörens der Somnambulen, Kieſers Ausſage (Tellurismus, Bd. 2, S. 172, erſte Aufl.), daß wollene Schnüre vorzüglich gute Leiter des Schalles ſeien, — während Wolle bekanntlich der aller⸗ ſchlechteſte Schallleiter iſt. Beſonders belehrend aber iſt, über dieſen Punkt, folgende Stelle aus dem eben erwähnten Buch über die Auguſte Müller: „Merkwürdig iſt, was jedoch auch bei „andern Somnambulen beobachtet wird, daß ſie von Allem, was „unter Perſonen im Zimmer, ſelbſt dicht neben ihr, geſprochen „wird, wenn die Rede nicht unmittelbar an ſie gerichtet iſt, durch⸗ „aus nichts hört; jedes, auch noch ſo leiſe, an ſie gerichtete „Wort hingegen, ſelbſt wenn mehrere Perſonen bunt durch ein— „ander ſprechen, beſtimmt verſteht und beantwortet. Auf die „ſelbe Art verhält es ſich mit dem Vorleſen: wenn die ihr vor⸗ „leſende Perſon an etwas Anderes, als an die Lektüre denkt, ſo „wird ſie von ihr nicht gehört“, S. 40. — Ferner heißt es, S. 89: „Ihr Hören iſt kein Hören auf dem gewöhnlichen Wege „durch das Ohr: denn man kann dieſes feſt zudrücken, ohne daß es „ihr Hören hindert.“ — Desgleichen wird in den „Mittheilungen aus dem Schlafleben der Somnambule Auguſte K. in Dresden“, 1843, wiederholentlich angeführt, daß ſie zu Zeiten ganz allein durch die Handfläche, und zwar das lautloſe, durch bloße Bewe⸗ gung der Lippen Geſprochene, hörte: S. 32 warnt ſie ſelbſt, daß man dies nicht für ein Hören im wörtlichen Sinne halten ſolle. Demnach iſt, bei Somnambulen jeder Art, durchaus nicht von ſinnlichen Wahrnehmungen im eigentlichen Verſtande des Wortes die Rede; ſondern ihr Wahrnehmen iſt ein unmittel⸗ bares Wahrträumen, geſchieht alſo durch das ſo räthſelhafte Traumorgan. Daß die wahrzunehmenden Gegenſtände an ihre Stirn, oder auf ihre Magengrube gelegt werden, oder daß, in den erwähnten einzelnen Fällen, die Somnambule ihre ausge⸗ ſpreitzten Fingerſpitzen auf dieſelben richtet, iſt bloß ein Mittel, das Traumorgan auf dieſe Gegenſtände, durch den Kontakt mit 262 — 5 » 0 0 35 f und was damit zusammenhängt. ihnen, hinzulenken, damit fie das Thema feines Wahrträumens 1236 werden, alſo geſchieht bloß, um ihre Aufmerkſamkeit entſchieden darauf hinzulenken, oder, in der Kunſtſprache, ſie mit dieſen Objekten in näheren Rapport zu ſetzen, worauf ſie eben dieſe Objekte träumt, und zwar nicht bloß ihre Sichtbarkeit, ſondern auch das Hörbare, die Sprache, ja den Geruch derſelben: denn viele Hellſehende ſagen aus, daß alle ihre Sinne auf die Magengrube verſetzt find. (Dupotet, traité complet du Magnetisme, p. 449—452.) Es iſt folglich dem Gebrauche der 10 Hände beim Magnetiſiren analog, als welche nicht eigentlich phyſiſch einwirken; ſondern der Wille des Magnetiſeurs iſt das Wirkende: aber eben dieſer erhält durch die Anwendung der Hände ſeine Richtung und Entſchiedenheit. Denn zum Verſtänd⸗ niß der ganzen Einwirkung des Magnetiſeurs, durch allerlei 15 Geſten, mit und ohne Berührung, ſelbſt aus der Ferne und durch Scheidewände, kann nur die aus meiner Philoſophie geſchöpfte Einſicht führen, daß der Leib mit dem Willen völlig identiſch, nämlich nichts Anderes iſt, als das im Gehirn entſtehende Bild des Willens. Daß das Sehn der Somnambulen kein Sehn in 20 unſerm Sinne, kein durch Licht phyſiſch vermitteltes iſt, folgt ſchon daraus, daß es, wenn zum Hellſehn geſteigert, durch Mauern nicht gehindert wird, ja bisweilen in ferne Länder reicht. Eine beſondere Erläuterung zu demſelben liefert uns die bei den höhern Graden des Hellſehns eintretende Selbſtanſchauung nach 25 innen, vermöge welcher ſolche Somnambulen alle Theile ihres eigenen Organismus deutlich und genau wahrnehmen, obgleich hier, ſowohl wegen Abweſenheit alles Lichtes, als wegen der, zwiſchen dem angeſchauten Theile und dem Gehirne liegenden vielen Scheidewände, alle Bedingungen zum phyſiſchen Sehn 30 gänzlich fehlen. Hieraus nämlich können wir abnehmen, welcher Art alle ſomnambule Wahrnehmung, alſo auch die nach außen und in die Ferne gerichtete, und ſonach überhaupt alle An⸗ ſchauung mittelſt des Traumorgans ſei, mithin alles ſomnambule Sehn äußerer Gegenſtände, auch alles Träumen, alle Viſionen 35 im Wachen, das zweite Geſicht, die leibhafte Erſcheinung Ab⸗ weſender, namentlich Sterbender u. ſ. w. Denn das erwähnte Schauen der innern Theile des eigenen Leibes entſteht offenbar nur durch eine Einwirkung von innen, wahrſcheinlich unter Ver⸗ 18 Schopenhauer, Werke V 263
Versuch über Geistersehn mittelung des Ganglienſyſtems, auf das Gehirn, welches nun, ſeiner Natur getreu, dieſe innern Eindrücke eben ſo wie die ihm von außen kommenden verarbeitet, gleichſam einen fremden Stoff in ſeine ihm ſelbſt eigenen und gewohnten Formen gießend, woraus denn eben ſolche Anſchauungen, wie die von Eindrücken auf die äußern Sinne herrührenden, entſtehn, welche denn auch, in eben dem Maaße und Sinne wie jene, den angeſchauten Dingen entſprechen. Demnach iſt jegliches Schauen durch das Traumorgan die Thätigkeit der anſchauenden Gehirnfunktion, an⸗ geregt durch innere Eindrücke, ſtatt, wie ſonſt, durch äußere.) Daß eine ſolche dennoch, auch wenn ſie äußere, ja, entfernte Dinge betrifft, objektive Realität und Wahrheit haben könne, iſt eine Thatſache, deren Erklärung jedoch nur auf metaphy⸗ ſiſchem Wege, nämlich aus der Beſchränkung aller Individuation und Abtrennung auf die Erſcheinung, im Gegenſatz des Dinges an ſich, verſucht werden könnte, und werden wir darauf zurück kommen. Daß aber überhaupt die Verbindung der Somnambulen mit der Außenwelt eine von Grund aus andere ſei, als die unſerige im wachen Zuſtande, beweiſt am deutlichſten der, in den höhern Graden häufig eintretende Umſtand, daß, während die eigenen Sinne der Hellſeherin jedem Eindrucke unzugänglich ſind, ſie mit denen des Magnetiſeurs empfindet, z. B. nieſt, wann er eine Priſe nimmt, ſchmeckt und genau beſtimmt was er ißt, und ſogar die Muſik, die in einem von ihr entfernten Zimmer des Hauſes vor ſeinen Ohren erſchallt, mithöret. (Kieſers Archiv Bd. 1, H. 1, S. 117.) Der phyſiologiſche Hergang bei der ſomnambulen Wahr⸗ nehmung iſt ein ſchwieriges Räthſel, zu deſſen Löſung jedoch der erſte Schritt eine wirkliche Phyſiologie des Traumes ſeyn würde, d. h. eine deutliche und ſichere Erkenntniß, welcher Art die Thä⸗ tigkeit des Gehirns im Traume ſei, worin eigentlich ſie ſich von der im Wachen unterſcheide, — und endlich von wo die Anregung zu ihr, mithin auch die nähere Beſtimmung ihres Verlaufs, aus⸗ gehe. Nur ſo viel läßt ſich bis jetzt, hinſichtlich der geſammten 10 In Folge der Beſchreibung der Aerzte erſcheint Katalepſie als gänz⸗ liche Lähmung der motoriſchen Nerven, Somnambulismus hin⸗ gegen als die der ſenſibeln; für welche ſodann das Traumorgan vikarirt. 264 5 [237] — Ss — 5 IN 0 8 5 0 — f und was damit zusammenhängt. anſchauenden und denkenden Thätigkeit im Schlafe, mit Sicherheit annehmen: erſtlich, daß das materielle Organ derſelben, ungeachtet der relativen Ruhe des Gehirns, doch kein anderes, als eben dieſes ſeyn könne; und zweitens, daß die Erregung zu ſolcher Traum⸗ 5 Anfchauung, da fie nicht von außen durch die Sinne kommen kann, vom Innern des Organismus aus geſchehn müſſe. Was aber die, beim Somnambulismus unverkennbare, richtige und ge⸗ naue Beziehung jener Traumanſchauung zur Außenwelt betrifft; ſo bleibt ſie uns ein Räthſel, deſſen Löſung ich nicht unternehme, ro ſondern nur einige allgemeine Andeutungen darüber weiterhin geben [238] werde. Hingegen habe ich, als Grundlage der beſagten Phyſiologie des Traums, alſo zur Erklärung unſerer geſammten träumenden Anſchauung, mir folgende Hypotheſe ausgedacht, die in meinen Augen große Wahrſcheinlichkeit hat. 1 Da das Gehirn, während des Schlafs, feine Anregung zur Anſchauung räumlicher Geſtalten beſagterweiſe von innen, ſtatt, wie beim Wachen, von außen, erhält; ſo muß dieſe Einwirkung daſſelbe in einer, der gewöhnlichen, von den Sinnen kommenden, entgegengeſetzten Richtung treffen. In Folge hievon nimmt nun 20 auch ſeine ganze Thätigkeit, alſo die innere Vibration oder Wal⸗ lung ſeiner Fibern, eine der gewöhnlichen entgegengeſetzte Rich⸗ tung, geräth gleichſam in eine antiperiſtaltiſche Bewegung. Statt daß ſie nämlich ſonſt in der Richtung der Sinneseindrücke, alſo von den Sinnesnerven zum Innern des Gehirns vor ſich geht, 25 wird ſie jetzt in umgekehrter Richtung und Ordnung, dadurch aber mitunter von andern Theilen, vollzogen, ſo daß jetzt, zwar wohl nicht die untere Gehirnfläche, ſtatt der obern, aber vielleicht die weiße Mark⸗Subſtanz ſtatt der grauen Kortikal-Subſtanz und vice versa fungiren muß. Das Gehirn arbeitet alſo jetzt zo wie umgekehrt. Hieraus wird zunächſt erklärlich, warum von der ſomnambulen Thätigkeit keine Erinnerung ins Wachen über⸗ geht, da dieſes durch Vibration der Gehirnfibern in der ent⸗ gegengeſetzten Richtung bedingt iſt, welche folglich von der vorher dageweſenen jede Spur aufhebt. Als eine ſpecielle Beſtätigung 35 biefer Annahme könnte man beiläufig die ſehr gewöhnliche, aber ſeltſame Thatſache anführen, daß, wann wir aus dem erſten Einſchlafen ſogleich wieder erwachen, oft eine totale räumliche Desorientirung bei uns eingetreten iſt, der Art, daß wir jetzt 18* 265
Versuch über Geistersehn alles umgekehrt aufzufaſſen, nämlich was rechts vom Bette iſt links, und was hinten iſt nach vorne zu imaginiren, genöthigt ſind, und zwar mit ſolcher Entſchiedenheit, daß, im Finſtern, ſelbſt die vernünftige Ueberlegung, es verhalte ſich doch um⸗ gekehrt, jene falſche Imagination nicht aufzuheben vermag, ſon⸗ dern hiezu das Getaſt nöthig iſt. Beſonders aber läßt, durch unſere Hypotheſe, jene ſo merkwürdige Lebendigkeit der Traum⸗ anſchauung, jene oben geſchilderte, ſcheinbare Wirklichkeit und Leibhaftigkeit aller im Traume wahrgenommenen Gegenſtände ſich begreiflich machen, nämlich daraus, daß die aus dem Innern des Organismus kommende und vom Centro ausgehende An— regung der Gehirnthätigkeit, welche eine der gewöhnlichen Rich⸗ tung entgegengeſetzte befolgt, endlich ganz durchdringt, alſo zuletzt ſich bis auf die Nerven der Sinnesorgane erſtreckt, welche nunmehr von innen, wie ſonſt von außen, erregt, in wirkliche Thätigkeit gerathen. Demnach haben wir im Traume wirklich Licht⸗, Farben⸗, Schall⸗, Geruchs⸗ und Geſchmacks⸗Empfin⸗ dungen, nur ohne die ſonſt ſie erregenden äußern Urſachen, bloß vermöge innerer Anregung und in Folge einer Einwirkung in umgekehrter Richtung und umgekehrter Zeitordnung. Daraus alſo wird jene Leibhaftigkeit der Träume erklärlich, durch die ſie ſich von bloßen Phantaſien ſo mächtig unterſcheiden. Das Phantaſiebild (im Wachen) iſt immer bloß im Gehirn: denn es iſt nur die, wenn auch modificirte Reminiſcenz einer frühern, materiellen, durch die Sinne geſchehenen Erregung der anſchauen⸗ den Gehirnthätigkeit. Das Traumgeſicht hingegen iſt nicht bloß im Gehirn, ſondern auch in den Sinnesnerven, und iſt ent ſtanden in Folge einer materiellen, gegenwärtig wirkſamen, aus dem Innern kommenden und das Gehirn durchdringenden Er— regung derſelben. Weil wir demnach im Traume wirklich ſehn, ſo iſt überaus treffend und fein, ja, tief gedacht, was Apulejus die Charite ſagen läßt, als ſie im Begriff iſt, dem ſchlafenden Thraſyllus beide Augen auszuſtechen: vivo tibi morientur oculi, nec quidquam videbis, nisi dormiens. (Metam. VIII, p. 172, ed. Bip.) Das Traumorgan iſt alſo das ſelbe mit dem Organ des wachen Bewußtſeyns und Anſchauens der Außenwelt, nur gleichſam vom andern Ende angefaßt und in umgekehrter Ord⸗ nung gebraucht, und die Sinnesnerven, welche in beiden fun⸗ 266 0 35 — ———— ę(— — —-¼̃ ̃ —— — — ——— — —— — und was damit zusammenhängt. giren, können ſowohl von ihrem innern, als von ihrem äußern Ende aus in Thätigkeit verſetzt werden; — etwan wie eine eiſerne Hohlkugel ſowohl von innen, als von außen, glühend gemacht werden kann. Weil, bei dieſem Hergange, die Sinnes⸗ nerven das Letzte ſind, was in Thätigkeit geräth; ſo kann es kommen, daß dieſe erſt angefangen hat und noch im Gange iſt, wann das Gehirn bereits aufwacht, d. h. die Traumanſchauung mit der gewöhnlichen vertauſcht: alsdann werden wir, ſoeben erwacht, etwan Töne, z. B. Stimmen, Klopfen an der Thüre, Flintenſchüſſe u. |. w. mit einer Deutlichkeit und Objektivität, die es der Wirklichkeit vollkommen und ohne Abzug gleichthut, vernehmen und dann feſt glauben, es ſeien Töne der Wirklich⸗ keit, von außen, in Folge welcher wir ſogar erſt erwacht wären, oder auch, was jedoch ſeltener iſt, wir werden Geſtalten ſehn, 15 mit völliger empiriſcher Realität; wie dieſes Letztere ſchon Ari⸗ ſtoteles erwähnt, de insomniis c. 3 ad finem. — Das hier beſchriebene Traumorgan nun aber iſt es, wodurch, wie oben genugſam auseinandergeſetzt, die ſomnambule Anſchauung, das [240] Hellſehn, das zweite Geſicht und die Viſionen jeder Art vollzogen 20 werden. — Von dieſen phyſiologiſchen Betrachtungen kehre ich nunmehr zurück zu dem oben dargelegten Phänomen des Wahrträumens, welches ſchon im gewöhnlichen, nächtlichen Schlafe eintreten kann, wo es dann alsbald durch das bloße Erwachen beſtätigt wird, 25 wenn es nämlich, wie meiſtens, ein unmittelbares war, d. h. nur auf die gegenwärtige nächſte Umgebung ſich erſtreckte; wie⸗ wohl es auch, in ſchon ſelteneren Fällen, ein wenig darüber hinausgeht, nämlich bis jenſeits der nächſten Scheidewände. Dieſe Erweiterung des Geſichtskreiſes kann nun aber auch ſehr viel 30 weiter gehn und zwar nicht nur dem Raum, ſondern ſogar der Zeit nach. Den Beweis hievon geben uns die hellſehenden Somnambulen, welche, in der Periode der höchſten Steigerung ihres Zuſtandes, jeden beliebigen Ort, auf den man ſie hin⸗ lenkt, ſofort in ihre anſchauende Traumwahrnehmung bringen 35 und die Vorgänge daſelbſt richtig angeben können, bisweilen aber ſogar vermögen, das noch gar nicht Vorhandene, ſondern noch im Schooße der Zukunft Liegende und erſt im Laufe der Zeit, mittelft unzähliger, zufällig zuſammentreffender Zwiſchenurſachen, 2 1 S 267
Versuch über Geistersehn zur Verwirklichung Gelangende vorher zu verfündigen. Denn alles Hellſehn, ſowohl im künſtlich herbeigeführten, als im natürlich eingetretenen ſomnambulen Schlafwachen, alles in dem⸗ ſelben möglich gewordene Wahrnehmen des Verdeckten, des Ab⸗ weſenden, des Entfernten, ja des Zukünftigen, iſt durchaus nichts 5 Anderes, als ein Wahrträumen deſſelben, deſſen Gegenſtände ſich daher dem Intellekt anſchaulich und leibhaftig darſtellen, wie unſere Träume, weshalb die Somnambulen von einem Sehn derſelben reden. Wir haben inzwiſchen an dieſen Phänomenen, wie auch am ſpontanen Nachtwandeln, einen ſichern Beweis, daß auch jene geheimnißvolle, durch keinen Eindruck von außen be⸗ dingte, uns durch den Traum vertraute Anſchauung zur realen Außenwelt im Verhältniß der Wahrnehmung ſtehn kann; ob⸗ wohl der dies vermittelnde Zuſammenhang mit derſelben uns ein Räthſel bleibt. Was den gewöhnlichen, nächtlichen Traum vom Hellſehn, oder dem Schlafwachen überhaupt, unterſcheidet, iſt erſtlich die Abweſenheit jenes Verhältniſſes zur Außenwelt, 0 — 5 alfo zur Realität; und zweitens, daß ſehr oft eine Erinnerung [247] von ihm ins Wachen übergeht, während aus dem ſomnambulen Schlaf eine ſolche nicht Statt findet. Dieſe beiden Eigenſchaften 20 könnten aber wohl zuſammenhängen und auf einander zurück zuführen ſeyn. Nämlich auch der gewöhnliche Traum hinterläßt nur dann eine Erinnerung, wann wir unmittelbar aus ihm erwacht ſind: dieſelbe beruht alſo wahrſcheinlich bloß darauf, daß das Erwachen aus dem natürlichen Schlafe ſehr leicht erfolgt, weil er lange nicht ſo tief iſt, wie der ſomnambule, aus welchem eben dieſerhalb ein unmittelbares, alſo ſchnelles Erwachen nicht eintreten kann, ſondern erſt mittelſt eines langſamen und ver⸗ mittelten Ueberganges die Rückkehr zum wachen Bewußtſeyn geſtattet iſt. Der ſomnambule Schlaf iſt nämlich nur ein un⸗ gleich tieferer, ſtärker eingreifender, vollkommenerer; in welchem eben deshalb das Traumorgan zur Entwickelung ſeiner ganzen Fähigkeit gelangt, wodurch ihm die richtige Beziehung zur Außen⸗ welt, alſo das anhaltende und zuſammenhängende Wahrträumen möglich wird. Wahrſcheinlich hat ein ſolches auch bisweilen im 35 gewöhnlichen Schlafe Statt, aber gerade nur dann, wann er ſo tief iſt, daß wir nicht unmittelbar aus ihm erwachen. Die Träume, aus denen wir erwachen, ſind hingegen die des leichteren vw 5 0 0 268 und was damit zusammenhängt. Schlafes: fie find, auch im letzten Grunde, aus bloß fomatifchen, dem eigenen Organismus angehörigen Urſachen entſprungen, da⸗ her ohne Beziehung zur Außenwelt. Daß es jedoch hievon Ausnahmen giebt, haben wir ſchon erkannt an den Träumen, 5 welche die unmittelbare Umgebung des Schlafenden darſtellen. Jedoch auch von Träumen, die das in der Ferne Geſchehende, ja das Zukünftige verkündigen, giebt es ausnahmsweiſe eine Erinnerung, und zwar hängt dieſe hauptſächlich davon ab, daß wir unmittelbar aus einem ſolchen Traum erwachen. Dieſerhalb 10 hat, zu allen Zeiten und bei allen Völkern, die Annahme ge⸗ golten, daß es Träume von realer, objektiver Bedeutung gebe, und werden in der ganzen alten Geſchichte die Träume ſehr ernſtlich genommen, ſo daß ſie eine bedeutende Rolle darin ſpielen; dennoch ſind die fatidiken Träume immer nur als ſeltene Ausnahmen, 15 unter der zahlloſen Menge leerer, bloß täuſchender Träume, be⸗ trachtet worden. Demgemäß erzählt ſchon Homer (Od. XIX, 560) von zwei Eingangspforten der Träume, einer elfenbeinernen, durch welche die bedeutungsloſen, und einer hörnernen, durch welche die fatidiken eintreten. Ein Anatom könnte vielleicht ſich verſucht 20 fühlen, dies auf die weiße und graue Gehirnſubſtanz zu deuten. [242) Am öfteſten bewähren ſich als prophetiſch ſolche Träume, welche ſich auf den Geſundheitszuſtand des Träumenden beziehn, und zwar werden dieſe meiſtens Krankheiten, auch tödtliche Anfälle vorherverkünden, (Beiſpiele derſelben hat geſammelt Fabius, de 25 somniis, Amstelod. 1836, p. 195 sqq.); welches Dem analog iſt, daß auch die hellſehenden Somnambulen am häufigſten und ſicherſten den Verlauf ihrer eigenen Krankheit, nebſt deren Kriſen u. ſ. w. vorherſagen. Nächſtdem werden auch äußere Unfälle, wie Feuersbrünſte, Pulverexploſionen, Schiffbrüche, beſonders 30 aber Todesfälle, bisweilen durch Träume angekündigt. Endlich aber werden auch andere, mitunter ziemlich geringfügige Be⸗ gebenheiten von einigen Menſchen haarklein vorhergeträumt, wo⸗ von ich ſelbſt, durch eine unzweideutige Erfahrung, mich überzeugt habe. Ich will dieſe herſetzen, da ſie zugleich die ſtrenge 35 Nothwendigkeit alles Geſchehenden, ſelbſt des aller⸗ zufälligſten, in das hellſte Licht ſtellt. An einem Morgen ſchrieb ich mit großem Eifer einen langen und für mich ſehr wichtigen, engliſchen Geſchäftsbrief: als ich die dritte Seite fertig hatte, 269
Versuch über Geisterselin ergriff ich, ſtatt des Streuſands, das Tintenfaß und goß es über den Brief aus: vom Pult floß die Tinte auf den Fuß⸗ boden. Die auf mein Schellen herbeigekommene Magd holte einen Eimer Waſſer und ſcheuerte damit den Fußboden, damit die Flecke nicht eindrängen. Während dieſer Arbeit ſagte ſie zu mir: „Mir hat dieſe Nacht geträumt, daß ich hier Tintenflecke aus dem Fußboden ausriebe.“ Worauf ich: „Das iſt nicht wahr.“ Sie wiederum: „Es iſt wahr, und habe ich es, nach dem Erwachen, der andern, mit mir zuſammen ſchlafenden Magd erzählt.“ — Jetzt kommt zufällig dieſe andere Magd, etwan 17 Jahr alt, herein, die ſcheuernde abzurufen. Ich trete der Eintretenden entgegen und frage: „Was hat der da dieſe Nacht geträumt?“ — Antwort: „Das weiß ich nicht.“ — Ich wiederum: „Doch! ſie hat es Dir ja beim Erwachen erzählt.“ — Die junge Magd: „Ach ja, ihr hatte geträumt, daß ſie hier Tinten⸗ flecke aus dem Fußboden reiben würde.“ — Dieſe Geſchichte, welche, da ich mich für die genaue Wahrheit derſelben verbürge, die theorematiſchen Träume außer Zweifel ſetzt, iſt nicht minder dadurch merkwürdig, daß das Vorhergeträumte die Wirkung einer Handlung war, die man unwillkürlich nennen könnte, ſofern ich ſie ganz und gar gegen meine Abſicht vollzog, und ſie von einem ganz kleinen Fehlgriff meiner Hand abhieng: dennoch war dieſe Handlung ſo ſtrenge nothwendig und unausbleiblich vorherbe⸗ ſtimmt, daß ihre Wirkung, mehrere Stunden vorher, als Traum im Bewußtſeyn eines Andern daſtand. Hier ſieht man aufs Deutlichſte die Wahrheit meines Satzes: Alles was geſchieht, geſchieht nothwendig. (Die beiden Grundprobleme der Ethik, S. 62 (2. Aufl. S. 60.) — Zur Zurückführung der prophe⸗ tiſchen Träume auf ihre nächſte Urſache bietet ſich uns der Um⸗ ſtand dar, daß ſowohl vom natürlichen, als auch vom magne⸗ tiſchen Somnambulismus und ſeinen Vorgängen bekanntlich keine Erinnerung im wachen Bewußtſeyn Statt findet, wohl aber bisweilen eine ſolche in die Träume des natürlichen, gewöhn⸗ lichen Schlafes, deren man ſich nachher wachend erinnert, über⸗ geht; ſo daß alsdann der Traum das Verbindungsglied, die Brücke, wird, zwiſchen dem ſomnambulen und dem wachen Be⸗ wußtſeyn. Dieſem alſo gemäß müſſen wir die prophetiſchen Träume zuvörderſt Dem zuſchreiben, daß im tiefen Schlafe das 270 — vw 30 w 0 0 5 1 U und was damit zusammenhängt. Träumen ſich zu einem ſomnambulen Hellſehn fleigert: da nun aber aus Träumen dieſer Art, in der Regel, kein unmittelbares Erwachen und eben deshalb keine Erinnerung Statt findet; ſo ſind die, eine Ausnahme hievon machenden und alſo das Kom⸗ mende unmittelbar und sensu proprio vorbildenden Träume, welche die theorematiſchen genannt worden, die allerſeltenſten. Hingegen wird öfter von einem Traume ſolcher Art, wenn ſein Inhalt dem Träumenden ſehr angelegen iſt, dieſer ſich eine Er⸗ innerung dadurch zu erhalten im Stande ſeyn, daß er ſie in den 10 Traum des leichtern Schlafs, aus dem ſich unmittelbar erwachen läßt, hinübernimmt: jedoch kann dieſes alsdann nicht unmittelbar, ſondern nur mittelſt Ueberſetzung des Inhalts in eine Allegorie geſchehn, in deren Gewand gehüllt nunmehr der urſprüngliche, prophetiſche Traum ins wachende Bewußtſeyn gelangt, wo er 15 folglich dann noch der Auslegung, Deutung, bedarf. Dies alſo [243] iſt die andere und häufigere Art der fatidiken Träume, die alles goriſche. Beide Arten hat ſchon Artemidoros in ſeinem Oneirokritikon, dem älteſten der Traumbücher, unterſchieden und der erſteren Art den Namen der theorematiſchen gegeben. 20 In dem Bewußtſeyn der ſtets vorhandenen Möglichkeit des oben dargelegten Herganges hat der keineswegs zufällige, oder ange⸗ künſtelte, ſondern dem Menſchen natürliche Hang, über die Be⸗ deutung gehabter Träume zu grübeln, ſeinen Grund: aus ihm entſteht, wenn er gepflegt und methodiſch ausgebildet wird, die 25 Oneiromantik. Allein dieſe fügt die Vorausſetzung hinzu, daß die Vorgänge im Traum eine feſtſtehende, ein für alle Mal gel⸗ tende Bedeutung hätten, über welche ſich daher ein Lerikon machen ließe. Solches iſt aber nicht der Fall: vielmehr iſt die Allegorie dem jedesmaligen Objekt und Subjekt des dem allegoriſchen 30 Traume zum Grunde liegenden theorematiſchen Traumes eigens und individuell angepaßt. Daher eben iſt die Auslegung der allegoriſchen fatidiken Träume größtentheils ſo ſchwer, daß wir ſie meiſtens erſt, nachdem ihre Verkündigung eingetroffen iſt, verſtehn, dann aber die ganz eigenthümliche, dem Träumenden 35 ſonſt völlig fremde, dämoniſche Schalkhaftigkeit des Witzes, mit welchem die Allegorie angelegt und ausgeführt worden, bewundern müſſen: daß wir aber bis dahin dieſe Träume im Gedächtniß behalten, iſt Dem zuzuſchreiben, daß ſie durch ihre ausgezeichnete 271
Versuch über Geistersehn Anſchaulichkeit, ja Leibhaftigkeit, ſich tiefer einprägen, als die übrigen. Allerdings wird Uebung und Erfahrung auch der Kunſt, die Träume auszulegen, förderlich ſeyn. Aber nicht Schuberts bekanntes Buch, an welchem nichts taugt, als bloß der Titel, ſondern der alte Artemidoros iſt es, aus dem man wirklich die 5 „Symbolik des Traumes“ kennen lernen kann, zumal aus ſeinen zwei letzten Büchern, wo er an Hunderten von Beiſpielen uns die Art und Weiſe, die Methode und den Humor, faßlich macht, deren unſere träumende Allwiſſenheit ſich bedient, um, wo möglich, unſerer wachenden Unwiſſenheit Einiges beizubringen. Dies iſt nämlich aus ſeinen Beiſpielen viel beſſer zu erlernen, als aus feinen vorhergängigen Theoremen und Regeln darüber. f) Daß auch Shakeſpeare den beſagten Humor der Sache vollkommen gefaßt hatte, zeigt er im Heinrich VI., Th. II, Akt 3, Sc. 2, wo, — 0 auf die ganz unerwartete Nachricht vom plötzlichen Tode des Her- [244] zogs von Gloſter, der ſchurkiſche Kardinal Beaufort, der am beſten weiß, wie es darum ſteht, ausruft: „Geheimnißvolles Gericht Gottes! mir träumte dieſe Nacht, der Herzog wäre ſtumm und könnte kein Wort reden.“ Hier nun iſt die wichtige Bemerkung einzuſchalten, daß wir das dargelegte Verhältniß zwiſchen dem theorematiſchen und dem ihn wiedergebenden allegoriſchen fatidiken Traume ſehr genau wiederfinden in den Ausſprüchen der alten griechiſchen Orakel. Auch dieſe nämlich, eben wie die fatidiken Träume, geben ſehr ſelten ihre Ausſage direkt und sensu proprio, ſondern hüllen ſie in eine Allegorie, die der Auslegung bedarf, ja, oft erſt, nach⸗ dem das Orakel in Erfüllung gegangen, verſtanden wird, eben wie auch die allegoriſchen Träume. Aus zahlreichen Belegen führe ich, bloß zur Bezeichnung der Sache an, daß z. B. im Herodot, III, 57, der Orakelſpruch der Pythia die Siphner vor der höl— 30 zernen Schaar und dem rothen Herold warnt, worunter ein Samiſches, einen Sendboten tragendes und roth angeſtrichenes Schiff zu verſtehn war; was jedoch die Siphner weder ſogleich, noch als das Schiff kam, verſtanden haben, ſondern erſt hinter⸗ her. Ferner, im IV. Buch, Kap. 163, verwarnt das Orakel 35 0 0 N 5 19 Allegoriſche Wahrträume des Schultheißen Textor erzählt Goethe „Aus meinem Leben“, Buch I, gegen Ende. 272 und was damit zusammenhängt. der Pythia den König Arkeſilaos von Kyrene, daß wenn er den Brennofen voller Amphoren finden würde, er dieſe nicht aus⸗ brennen, ſondern fortſchicken ſolle. Aber erſt, nachdem er die Rebellen, welche ſich in einen Thurm geflüchtet hatten, in und 5 mit dieſem verbrannt hatte, verſtand er den Sinn des Orakels, und ihm ward Angſt. Die vielen Fälle dieſer Art deuten ent⸗ ſchieden darauf hin, daß den Ausſprüchen des Delphiſchen Orakels künſtlich herbeigeführte fatidike Träume zum Grunde lagen, und daß dieſe bisweilen bis zum deutlichſten Hellſehn geſteigert werden 10 konnten, worauf dann ein direkter, sensu proprio redender Aus⸗ ſpruch erfolgte, bezeugt die Geſchichte vom Kröſus (Herodot I, 47, 48), der die Pythia dadurch auf die Probe ſtellte, daß ſeine Geſandten ſie befragen mußten, was er gerade jetzt, am hundertſten Tage ſeit ihrer Abreiſe, fern von ihr in Lydien, 15 vornähme und thäte: worauf fie genau und richtig ausſagte, was Keiner als der König ſelbſt wußte, daß er eigenhändig in einem ehernen Keſſel mit ehernem Deckel Schildkröten⸗ und Hammelfleiſch zuſammen kochte. — Der angegebenen Quelle der Orakelſprüche der Pythia entſpricht es, daß man fie auch medi⸗ 20 ciniſch, wegen körperlicher Leiden konſultirte: davon ein Beispiel bei Herodot IV, 155. Dem oben Geſagten zufolge ſind die theorematiſchen fatidiken Träume der höchſte und ſeltenſte Grad des Vorher⸗ ſehns im natürlichen Schlafe, die allegoriſchen der zweite, 25 geringere. An dieſe nun ſchließt ſich noch, als letzter und ſchwäch⸗ ſter Ausfluß der ſelben Quelle, die bloße Ahndung, das Vorgefühl. Daſſelbe iſt öfter trauriger, als heiterer Art; weil eben des Trübſals im Leben mehr iſt, als der Freude. Eine finſtere Stimmung, eine ängſtliche Erwartung des Kommenden, hat 30 ſich, nach dem Schlafe, unſerer bemächtigt, ohne daß eine Urſache dazu vorläge. Dies iſt, der obigen Darſtellung gemäß, daraus zu erklären, daß jenes Ueberſetzen des im tiefſten Schlafe da⸗ geweſenen, theorematiſchen, wahren, Unheil verkündenden Traumes, in einen allegorifchen des leichteren Schlafs nicht gelungen und 35 daher von jenem nichts im Bewußtſeyn zurückgeblieben iſt, als fein Eindruck auf das Gemüth, d. h. den Willen ſelbſt, diefen eigentlichen und letzten Kern des Menſchen. Dieſer Eindruck klingt nun nach, als weiſſagendes Vorgefühl, als finſtere Ahn⸗ 273
Versuch über Geistersehn dung. Bisweilen wird jedoch dieſe ſich unſerer erſt dann bemäch⸗ tigen, wann die erſten, mit dem im theorematiſchen Traume geſehenen Unglück zuſammenhängenden Umſtände in der Wirklich⸗ keit eintreten, z. B. wann Einer das Schiff, welches untergehn ſoll, zu beſteigen im Begriffe ſteht, oder wann er ſich dem Pulver 3 thurm, der auffliegen ſoll, nähert: ſchon Mancher iſt dadurch, daß er alsdann der plötzlich aufſteigenden bangen Ahndung, der ihn befallenden innern Angſt, Folge leiſtete, gerettet worden. Wir müſſen dies daraus erklären, daß aus dem theorematiſchen Traume, obwohl er vergeſſen iſt, doch eine ſchwache Reminiscenz, eine dumpfe Erinnerung übrig geblieben, die zwar nicht vermag ins deutliche Bewußtſeyn zu treten, aber deren Spur aufgefriſcht wird durch den Anblick eben der Dinge, in der Wirklichkeit, die im vergeſſenen Traume ſo entſetzlich auf uns gewirkt hatten. Diefer Art war auch das Dämonion des Sokrates, jene innere 15 Warnungsſtimme, die ihn, ſobald er irgend etwas Nachtheiliges zu unternehmen ſich entſchließen wollte, davon abmahnte, immer jedoch nur abs, nie zurathend. Eine unmittelbare Beſtätigung [245] der dargelegten Theorie der Ahndungen iſt nur vermittelſt des magnetiſchen Somnambulismus möglich, als welcher die Geheim- 20 niſſe des Schlafes ausplaudert. Demgemäß finden wir eine ſolche in der bekannten „Geſchichte der Auguſte Müller zu „Karlsruhe“ S. 78. „Den 15. December ward die Somnam—⸗ „bule, in ihrem nächtlichen (magnetiſchen) Schlaf, eines un⸗ „angenehmen, fie betreffenden Vorfalls inne, der fie ſehr nieder- 25 „beugte. Sie bemerkte zugleich: ſie werde den ganzen folgenden „Tag ängſtlich und beklommen ſeyn, ohne zu wiſſen warum.“ — Ferner giebt eine Beſtätigung dieſer Sache der in der „Seherin von Prevorſt“ (erſte Aufl. Bd. 2. S. 73, — 3. Aufl. S. 325) erzählte Eindruck, den gewiſſe, auf die ſomnambulen 30 Vorgänge ſich beziehende Verſe, im Wachen, auf die von jenen jetzt nichts wiſſende Seherin machten. Auch in Kieſers „Tellu⸗ rismus“, § 271, findet man Thatſachen, die auf dieſen Punkt Licht werfen. Hinſichtlich alles Bisherigen iſt es ſehr wichtig, folgende Grundwahrheit wohl zu faſſen und feſtzuhalten. Der magnetiſche Schlaf iſt nur eine Steigerung des natürlichen; wenn man will, eine höhere Potenz deſſelben: es iſt ein ungleich tieferer Schlaf. — 0 w 3 274 und was damit zusammenhängt. Dieſem entſprechend ift das Hellſehn nur eine Steigerung des Träumens: es iſt ein beſtändiges Wahrträumen, welches aber hier von außen gelenkt und worauf man will gerichtet werden kann. Drittens iſt denn auch die, in ſo vielen Krankheitsfällen 5 bewährte, unmittelbar heilſame Einwirkung des Magnetismus nichts anderes, als eine Steigerung der natürlichen Heilkraft des Schlafs in allen. Iſt doch dieſer das wahre große Pana⸗ keion, und zwar dadurch, daß allererſt mittelſt ſeiner die Lebens⸗ kraft, der animaliſchen Funktionen entledigt, völlig frei wird, zo um jetzt mit ihrer ganzen Macht als vis naturae medicatrix aufzutreten und in dieſer Eigenſchaft alle im Organismus ein⸗ geriſſenen Unordnungen wieder ins rechte Gleis zu bringen; weshalb auch überall das gänzliche Ausbleiben des Schlafes keine Geneſung zuläßt. Dies nun aber leiſtet der ungleich 15 tiefere, magnetiſche Schlaf in viel höherem Grade; daher er auch, wann er, um große, bereits chroniſche Uebel zu heben, von ſelbſt eintritt, bisweilen mehrere Tage anhält, wie z. B. in [246] dem vom Grafen Szapäry veröffentlichten Fall („Ein Wort üb. anim. Magn.“ Leipzig 1840); ja, in Rußland einſt eine 20 ſchwindſüchtige Somnambule, in der allwiſſenden Kriſe, ihrem Arzte befahl, ſie auf 9 Tage in Scheintod zu verſetzen, während welcher Zeit alsdann ihre Lunge völliger Ruhe genoß und dadurch heilte, ſo daß ſie vollkommen geneſen erwacht iſt. Da nun aber das Weſen des Schlafs in der Unthätigkeit des Cerebralſyſtems 25 beſteht und ſogar ſeine Heilſamkeit gerade daraus entſpringt, daß daſſelbe, mit ſeinem animalen Leben, jetzt keine Lebenskraft mehr beſchäftigt und verzehrt, dieſe daher ſich jetzt gänzlich dem orga⸗ niſchen Leben zuwenden kann; ſo könnte es als ſeinem Haupt⸗ zweck widerſprechend erſcheinen, daß gerade im magnetiſchen 30 Schlafe bisweilen eine überſchwänglich geſteigerte Erkenntnißkraft hervortritt, die, ihrer Natur nach, doch irgendwie eine Gehirn⸗ thätigkeit ſeyn muß. Allein zuvörderſt müſſen wir uns erinnern, daß dieſer Fall nur eine ſeltene Ausnahme iſt. Unter 20 Kranken, auf die der Magnetismus überhaupt wirkt, wird nur Einer 35 fomnambul, d. h. vernimmt und ſpricht im Schlafe, und unter 5 Somnambulen wird kaum Einer hellſehend (nach Deleuze, hist. crit. du magn. Paris 1813. Vol, 1, p. 138). Wann der Magnetismus ohne einzuſchläfern heilſam wirkt, ſo iſt es 275
Versuch über Geistersehn bloß dadurch, daß er die Heilkraft der Natur weckt und auf den leidenden Theil hinlenkt. Außerdem aber iſt ſeine Wirkung zu⸗ nächſt nur ein überaus tiefer Schlaf, welcher traumlos iſt, ja, das Cerebralſyſtem dermaaßen depotenzirt, daß weder Sinnes⸗ eindrücke, noch Verletzungen irgend gefühlt werden; daher denn auch derſelbe auf das Wohlthätigſte benutzt worden iſt zu chirur⸗ giſchen Operationen, aus welchem Dienſte jedoch das Chloroform ihn verdrängt hat. Zum Hellſehn, deſſen Vorſtufe der Somnam⸗ bulismus, oder das Schlafreden iſt, läßt die Natur es eigentlich nur dann kommen, wann ihre blindwirkende Heilkraft zur Ber ſeitigung der Krankheit nicht ausreicht, ſondern es der Hülfsmittel von außen bedarf, welche nunmehr, im hellſehenden Zuſtande, vom Patienten ſelbſt richtig verordnet werden. Alſo zu dieſem Zweck des Selbſtverordnens bringt ſie das Hellſehn hervor: denn natura nihil facit frustra. Ihr Verfahren hierin iſt dem analog und verwandt, welches fie im Großen, bei der erſten Hervor⸗ bringung der Weſen, befolgt hat, als ſie den Schritt vom Pflanzen⸗ zum Thierreich that: nämlich für die Pflanzen hatte noch die Bewegung auf bloße Reize ausgereicht; jetzt aber machten ſpeciellere und komplicirtere Bedürfniſſe, deren Gegen⸗ ſtände aufzuſuchen, auszuwählen, ja, zu überwältigen, oder gar zu überliſten waren, die Bewegung auf Motive und daher die Erkenntniß, in vielfach abgeſtuften Graden, nöthig, welche dem⸗ gemäß der eigentliche Charakter der Thierheit iſt, das dem Thiere nicht zufällig, ſondern weſentlich Eigene, das, was wir im Be⸗ griff des Thieres nothwendig denken. Ich verweiſe hierüber auf mein Hauptwerk Bd. 1. S. 170 ff. [3. Aufl. S. 178 ff.]; ferner auf meine Ethik, S. 33 [2. Aufl. S. 31 f.), und auf den „Willen in der Natur“ S. 54 ff. und 70—78 [2. Aufl. S. 46 ff. und 63— 69). Alſo im einen, wie im andern Falle zündet die Natur ſich ein Licht an, um ſo die Hülfe, deren der Organismus von außen bedarf, aufſuchen und herbeiſchaffen zu können. Die Lenkung der nun alſo ein Mal entwickelten Sehergabe der Som⸗ nambule auf andere Dinge, als ihren eigenen Geſundheitszuſtand, iſt bloß ein accidenteller Nutzen, ja, eigentlich ſchon ein Miß⸗ brauch derſelben. Ein ſolcher iſt es auch, wenn man eigen⸗ mächtig, durch lange fortgeſetztes Magnetiſiren, Somnambu⸗ lismus und Hellſehn, gegen die Abſicht der Natur, hervorruft. 276 — 0 — 5 247 — 6— — . ——— — und was damit zusammenhängt. Wo dieſe hingegen wirklich erfordert find, bringt die Natur fie nach kurzem Magnetiſiren, ja, bisweilen als ſpontanen Somnambulis⸗ mus, ganz von ſelbſt hervor. Sie treten alsdann auf, wie ſchon geſagt, als ein Wahrträumen, zunächſt nur der unmittelbaren Umgebung, dann in weiterem Kreiſe und immer weiter, bis daſſelbe, in den höchſten Graden des Hellſehns, alle Vorgänge auf Erden, wohin nur die Aufmerkſamkeit gelenkt wird, erreichen kann, mitunter ſogar in die Zukunft dringt. Mit dieſen ver⸗ ſchiedenen Stufen hält die Fähigkeit zur pathologiſchen Diagnoſe zo und zum therapeutiſchen Verordnen, zunächſt für ſich und abuſive für Andere, gleichen Schritt. Auch beim Somnambulismus im urſprünglichen und eigent⸗ lichſten Sinne, alſo dem krankhaften Nacht wandeln, tritt ein ſolches Wahrträumen ein, hier jedoch nur für den unmittelbaren 15 Verbrauch, daher bloß auf die nächſte Umgebung ſich erſtreckend; weil eben ſchon hiemit der Zweck der Natur, in dieſem Fall, erreicht wird. In ſolchem Zuſtande nämlich hat nicht, wie im magnetiſchen Schlaf, im ſpontanen Somnambulismus und in der Katalepſie, die Lebenskraft, als vis medicatrix, das animale 20 Leben eingeſtellt, um auf das organiſche ihre ganze Macht ver⸗ 1246] wenden und die darin eingeriſſenen Unordnungen aufheben zu können; ſondern ſie tritt hier, vermöge einer krankhaften Ver⸗ ſtimmung, der am meiſten das Alter der Pubertät unterworfen iſt, als ein abnormes Uebermaaß von Irritabilität auf, deſſen nun die Natur ſich zu entladen ſtrebt, welches bekanntlich durch Wandeln, Arbeiten, Klettern, bis zu den halsbrechendeſten Lagen und den gefährlichſten Sprüngen, alles im Schlafe, geſchieht: da ruft denn die Natur zugleich, als den Wächter dieſer ſo ge⸗ fährlichen Schritte, jenes räthſelhafte Wahrträumen hervor, welches ſich hier aber nur auf die nächſte Umgebung erſtreckt, da dieſes hinreicht, den Unfällen vorzubeugen, welche die losgelaſſene Irritabilität, wenn ſie blind wirkte, herbeiführen müßte. Daſſelbe hat alſo hier nur den negativen Zweck, Schaden zu verhüten, wäh⸗ rend es beim Hellſehn den poſitiven hat, Hülfe von außen auf⸗ zufinden: daher der große Unterſchied im Umfang des Geſichtskreiſes. So geheimnißvoll die Wirkung des Magnetiſirens auch iſt, ſo iſt doch ſoviel klar, daß ſie zunächſt im Einſtellen der ani⸗ maliſchen Funktionen beſteht, indem die Lebenskraft vom Gehirn, 8 2 A D 3 3 A 277
Versuch über Geistersehn welches ein bloßer Penſionär oder Paraſit des Organismus ift, abgelenkt, oder vielmehr zurückgedrängt wird zum organiſchen Leben, als ihrer primitiven Funktion, weil jetzt daſelbſt ihre un⸗ getheilte Gegenwart und ihre Wirkſamkeit als vis medicatrix erfordert iſt. Innerhalb des Nervenſyſtems, alſo des ausſchließ⸗ lichen Sitzes alles irgend ſenſibeln Lebens, wird aber das organiſche Leben repräſentirt und vertreten durch den Lenker und Beherrſcher ſeiner Funktionen, den ſympathiſchen Nerven und deſſen Ganglien; daher man den Vorgang auch als ein Zurückdrängen der Lebens⸗ kraft vom Gehirn zu dieſem hin anſehn, überhaupt aber auch Beide als einander entgegengeſetzte Pole auffaſſen kann, nämlich das Gehirn, nebſt den ihm anhängenden Organen der Bewegung, als den poſitiven und bewußten Pol; den ſympathiſchen Nerven, mit ſeinen Gangliengeflechten, als den negativen und unbewußten Pol. In dieſem Sinne nun ließe ſich folgende Hypotheſe über den Hergang beim Magnetiſiren aufſtellen. Es iſt ein Ein⸗ wirken des Gehirnpols (alſo des äußeren Nervenpols) des Magnetiſeurs auf den gleichnamigen des Patienten, wirkt demnach, dem allgemeinen Polaritätsgeſetze gemäß, auf dieſen repellirend, wodurch die Nervenkraft auf den andern Pol des Nervenſyſtems, den innern, das Bauchganglienſyſtem, zurück⸗ gedrängt wird. Daher ſind Männer, als bei denen der Gehirn⸗ pol überwiegt, am tauglichſten zum Magnetiſiren; hingegen Weiber, als bei denen das Ganglienſyſtem vorwaltet, am taug⸗ lichſten zum Magnetiſirtwerden und deſſen Folgen. Wäre es möglich, daß das weibliche Ganglienſyſtem eben ſo auf das männliche, alſo auch repellirend, einwirken könnte; ſo müßte, durch den umgekehrten Proceß, ein abnorm erhöhtes Gehirnleben, ein temporäres Genie, entſtehn. Dies iſt nicht ausführbar, weil das Ganglienſyſtem nicht fähig iſt, nach außen zu wirken. Hin⸗ gegen ließe ſich wohl als ein, durch Wirken ungleichnamiger Pole auf einander, attrahirendes Magnetiſiren das Baquet betrachten, ſo daß die mit demſelben, durch zur Herzgrube gehende, eiſerne Stäbe und wollene Schnüre, verbundenen ſympathiſchen Nerven aller umherſitzenden Patienten, mit vereinter und durch die anorganiſche Maſſe des Baquets erhöhter Kraft wirkend, den einzelnen Gehirnpol eines jeden von ihnen an ſich zögen, alſo das animale Leben depotenzirten, es untergehn laſſend in den 278 und was damit zusammenhängt. magnetifchen Schlaf Aller; — dem Lotus zu vergleichen, der Abends ſich in die Fluth verſenkt. Dieſem entſpricht auch, daß, als man einſt die Leiter des Baquets, ſtatt an die Herzgrube, an den Kopf gelegt hatte, heftige Kongeſtion und Kopfſchmerz 5 die Folge war (Kiefer, Tellurism., erſte Aufl. Bd. 1, S. 439). Daß, im ſideriſchen Baquet, die bloßen, unmagnetiſirten Metalle die ſelbe Kraft ausüben, ſcheint damit zuſammenzu⸗ hängen, daß das Metall das Einfachſte, Urſprünglichſte, die tiefſte Stufe der Objektivation des Willens, folglich dem Gehirn 10 als der höchſten Entwickelung dieſer Objektivation, gerade ent⸗ gegengeſetzt, alſo das von ihm Entfernteſte iſt, zudem die größte Maſſe im kleinſten Raum darbietet. Es ruft demnach den Willen zu ſeiner Urſprünglichkeit zurück und iſt dem Ganglienſyſtem verwandt, wie umgekehrt das Licht dem Gehirn: daher ſcheuen 15 die Somnambulen die Berührung der Metalle mit den Organen des bewußten Pols. Das Metalle und Waſſerfühlen der hiezu Organiſirten findet ebenfalls darin ſeine Erklärung. — Wenn, beim gewöhnlichen, magnetiſirten Baquet, das Wirkende die mit [250] demſelben verbundenen Ganglienſyſtem aller um daſſelbe ver⸗ 230 ſammelten Patienten find, welche, mit vereinter Kraft, die Gehirn⸗ pole herabziehn; ſo giebt Dies auch eine Anleitung zur Erklärung der Anſteckung des Somnambulismus überhaupt, wie auch der ihr verwandten Mittheilung der gegenwärtigen Aktivität des zweiten Geſichts, durch Anſtoßen der damit Begabten unter 25 einander, und der Mittheilung, folglich der Gemeinſchaft, der Viſionen überhaupt. Wollte man aber von der obigen, die Polaritätsgeſetze zum Grunde legenden Hypotheſe über den Hergang beim aktiven Magnetiſiren eine noch kühnere Anwendung ſich erlauben; ſo ließe 30 ſich daraus, wenn auch nur ſchematiſch, ableiten, wie, in den höhern Graden des Somnambulismus, der Rapport ſo weit gehn kann, daß die Somnambule aller Gedanken, Kenntniſſe, Sprachen, ja aller Sinnesempfindungen des Magnetiſeurs theilhaft wird, alſo in ſeinem Gehirn gegenwärtig iſt, während hingegen ſein 35 Wille unmittelbaren Einfluß auf fie hat und fie fo ſehr be⸗ herrſcht, daß er ſie feſt bannen kann. Nämlich bei dem jetzt gebräuchlichſten Galvaniſchen Apparat, wo die beiden Metalle in zweierlei durch Thonwände getrennte Säuren eingeſenkt ſind, 19 Schopenhauer, Werke V 279
Versuch über Geistersehn’ geht der poſitive Strohm, durch diefe Flüffigkeiten hindurch, vom Zink zum Kupfer und dann außerhalb derſelben, an der Elektrode, vom Kupfer zum Zink zurück. Dieſem alſo analog gienge der poſitive Strohm der Lebenskraft, als Wille des Magnetiſeurs, von deſſen Gehirn zu dem der Somnambule, fie beherrſchend 5 und ihre, im Gehirn das Bewußtſeyn hervorbringende Lebens⸗ kraft zurücktreibend zum ſympathiſchen Nerven, alſo der Magen⸗ gegend, ihrem negativen Pol: dann aber gienge der ſelbe Strohm von hier weiter in den Magnetiſeur zurück, zu ſeinem poſitiven Pol, dem Gehirn deſſelben, woſelbſt er deſſen Gedanken und 10 Empfindungen antrifft, deren dadurch jetzt die Somnambule theilhaft wird. Das ſind freilich ſehr gewagte Annahmen: aber bei ſo durchaus unerklärten Dingen, wie die, welche hier unſer Problem ſind, iſt jede Hypotheſe, die zu irgend einem, wenn auch nur ſchematiſchem, oder analogiſchem Verſtändniß derſelben 1 führt, zuläſſig. Das überſchwänglich Wunderbare und daher, bis es durch die Uebereinſtimmung hundertfältiger, glaubwürdigſter Zeugniſſe bekräftigt war, ſchlechthin Unglaubliche des ſomnambulen Hell⸗ ſehns, als welchem das Verdeckte, das Abweſende, das weit Ent- (251 fernte, ja, das noch im Schooße der Zukunft Schlummernde offen liegt, verliert wenigſtens ſeine abſolute Unbegreiflichkeit, wenn wir wohl erwägen, daß, wie ich ſo oft geſagt habe, die objektive Welt ein bloßes Gehirnphänomen iſt: denn die auf Raum, Zeit und Kauſalität (als Gehirnfunktionen) beruhende 25 Ordnung und Geſetzmäßigkeit deſſelben iſt es, die im ſomnam⸗ bulen Hellſehn in gewiſſem Grade beſeitigt wird. Nämlich in Folge der Kantiſchen Lehre von der Idealität des Raumes und der Zeit begreifen wir, daß das Ding an ſich, alſo das allein wahrhaft Reale in allen Erſcheinungen, als frei von jenen beiden 30 Formen des Intellekts, den Unterſchied von Nähe und Ferne, von Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft nicht kennt; daher die auf jenen Anſchauungsformen beruhenden Trennungen ſich nicht als abſolute erweiſen, ſondern für die in Rede ſtehende, durch Umgeſtaltung ihres Organs im Weſentlichen veränderte 35 Erkenntnißweiſe, keine unüberſteigbare Schranken mehr darbieten. Wären hingegen Zeit und Raum abſolut real und dem Weſen an ſich der Dinge angehörig; dann wäre allerdings jene Seher⸗ 280 und was damit zusammenhängt. gabe der Somnambulen, wie überhaupt alles Fernſehn und Vor: herſehn, ein ſchlechthin unbegreifliches Wunder. Andererſeits er⸗ hält ſogar, durch die hier in Rede ſtehenden Thatſachen, Kants Lehre gewiſſermaaßen eine faktiſche Beſtätigung. Denn, iſt die 5 Zeit keine Beſtimmung des eigentlichen Weſens der Dinge; fo ift, hinſichtlich auf dieſes, Vor und Nach ohne Bedeutung: dem⸗ gemäß alſo muß eine Begebenheit eben ſo wohl erkannt werden können, ehe ſie geſchehn, als nachher. Jede Mantik, ſei es im Traum, im ſomnambulen Vorherſehn, im zweiten Geſicht, oder zo wie noch etwan ſonſt, beſteht nur im Auffinden des Wegs zur Befreiung der Erkenntniß von der Bedingung der Zeit. — Auch läßt die Sache ſich in folgendem Gleichniß veranſchaulichen. Ding an ſich iſt das primum mobile in dem Mechanismus, der dem ganzen, komplicirten und bunten Spielwerk dieſer Welt 15 feine Bewegung ertheilt. Jenes muß daher von anderer Art und Beſchaffenheit ſeyn, als dieſes. Wir ſehn wohl den Zuſammen⸗ hang der einzelnen Theile des Spielwerks, in den abſichtlich zu Tage gelegten Hebeln und Rädern (Zeitfolge und Kauſalität): [252] aber Das, was dieſen allen die erſte Bewegung ertheilt, ſehn 20 wir nicht. Wenn ich nun leſe, wie hellſehende Somnambulen das Zukünftige ſo lange vorher und ſo genau verkünden, ſo kommt es mir vor, als wären ſie zu dem da hinten verborgenen Mechanismus gelangt, von dem Alles ausgeht, und woſelbſt daher ſchon jetzt und gegenwärtig Das iſt, was äußerlich, d. h. 25 durch unſer optiſches Glas Zeit geſehn, erſt als künftig und kommend ſich darſtellt. Ueberdies hat nun der ſelbe animaliſche Magnetismus, dem wir dieſe Wunder verdanken, uns auch ein unmittelbares Wirken des Willens auf Andere und in die Ferne auf mancherlei 30 Weiſe beglaubigt: ein ſolches aber iſt gerade der Grundcharakter Deſſen, was der verrufene Name der Magie bezeichnet. Denn dieſe iſt ein von den kauſalen Bedingungen des phyſiſchen Wir⸗ kens, alſo des Kontakts, im weiteſten Sinne des Wortes, be⸗ freites, unmittelbares Wirken unſers Willens felbſt; wie ich dies 35 in einem eigenen Kapitel dargelegt habe in der Schrift „über den Willen in der Natur.“ Das magiſche verhält ſich daher zum phyſiſchen Wirken, wie die Mantik zur vernünftigen Konjektur: es iſt wirkliche und gänzliche actio in distans, wie die ächte 19* 281
Versuch über Geistersehn Mantik, z. B. das ſomnambule Hellſehn, passio a distante ift. Wie in dieſem die individuelle Iſolation der Erkenntniß, ſo iſt in jener die individuelle Iſolation des Willens aufgehoben. In Beiden leiſten wir daher unabhängig von den Beſchränkungen, welche Raum, Zeit und Kauſalität herbeiführen, was wir ſonſt und alltäglich nur unter dieſen vermögen. In ihnen hat alſo unſer innerſtes Weſen, oder das Ding an ſich, jene Formen der Erſcheinung abgeſtreift und tritt frei von ihnen hervor. Da⸗ her iſt auch die Glaubwürdigkeit der Mantik der der Magie ver⸗ wandt und iſt der Zweifel an Beiden ſtets zugleich gekommen und gewichen. Animaliſcher Magnetismus, ſympathetiſche Kuren, Magie, zweites Geſicht, Wahrträumen, Geiſterſehn und Viſionen aller Art ſind verwandte Erſcheinungen, Zweige Eines Stammes, und geben ſichere, unabweisbare Anzeige von einem Nexus der Weſen, der auf einer ganz andern Ordnung der Dinge beruht, als die Natur iſt, als welche zu ihrer Baſis die Geſetze des Raumes, der Zeit und der Kauſalität hat; während jene andere Ordnung eine tiefer liegende, urſprünglichere und unmittelbarere iſt, daher vor ihr die erſten und allgemeinſten, weil rein formalen, Geſetze der Natur ungültig ſind, demnach Zeit und Raum die Indi⸗ viduen nicht mehr trennen und die eben auf jenen Formen be⸗ ruhende Vereinzelung und Iſolation derſelben nicht mehr der Mittheilung der Gedanken und dem unmittelbaren Einfluß des Willens unüberſteigbare Gränzen ſetzt; ſo daß Veränderungen herbeigeführt werden auf einem ganz andern Wege, als dem der phyſiſchen Kauſalität und der zuſammenhängenden Kette ihrer Glieder, nämlich bloß vermöge eines auf beſondere Weiſe an den Tag gelegten und dadurch über das Individuum hinaus potenzirten Willensaktes. Demgemäß iſt der eigenthümliche Cha⸗ rakter ſämmtlicher, hier in Rede ſtehender, animaler Phänomene visio in distans et actio in distans, ſowohl der Zeit, als dem Raume nach. Beiläufig geſagt, iſt der wahre Begriff der actio in distans dieſer, daß der Raum zwiſchen dem Wirkenden und dem Be⸗ wirkten, er ſei voll oder leer, durchaus keinen Einfluß auf die Wirkung habe, — ſondern es völlig einerlei ſei, ob er einen Zoll, oder eine Billion Uranusbahnen beträgt. Denn, wenn die Wir⸗ 282 35 und was damit zusammenhängt. kung durch die Entfernung irgend geſchwächt wird; fo iſt es, entweder weil eine den Raum bereits füllende Materie dieſelbe fortzupflanzen hat und daher, vermöge ihrer ſteten Gegenwirkung, ſie, nach Maaßgabe der Entfernung, ſchwächt; oder auch, weil 5 die Urſache ſelbſt bloß in einer materiellen Ausſtröhmung befteht, die ſich im Raum verbreitet und alſo deſto mehr verdünnt, je größer dieſer iſt. Hingegen kann der leere Raum ſelbſt auf keine Weiſe widerſtehn und die Kauſalität ſchwächen. Wo alſo die Wirkung, nach Maaßgabe ihrer Entfernung vom Aus⸗ 10 gangspunkte der Urſache, abnimmt, wie die des Lichtes, der Gravitation, des Magneten u. ſ. w., da iſt keine actio in distans; und eben ſo wenig da, wo ſie durch die Entfernung auch nur verſpätet wird. Denn das Bewegliche im Raum iſt allein die Materie: dieſe müßte alſo der den Weg zurücklegende 15 Träger einer ſolchen Wirkung ſeyn und demgemäß erſt wirken, nachdem ſie angekommen, mithin erſt beim Kontakt, folglich nicht in distans. Hingegen die hier in Rede ſtehenden und oben als Zweige eines Stammes aufgezählten Phänomene haben, wie geſagt, ge⸗ [254] rade die actio in distans und passio a distante zum ſpecifiſchen Kennzeichen. Hiedurch aber liefern ſie, wie auch ſchon erwähnt, zunächſt eine ſo unerwartete, wie ſichere faktiſche Beſtätigung der Kantiſchen Grundlehre vom Gegenſatz der Erſcheinung und des Dinges an ſich, und dem der Geſetze Beider. Die Natur 25 und ihre Ordnung iſt nämlich, nach Kant, bloße Erſcheinung: als den Gegenſatz derſelben ſehn wir alle hier in Rede ſtehenden, magiſch zu benennenden Thatſachen unmittelbar im Dinge an ſich wurzeln und in der Erſcheinungswelt Phänomene herbei⸗ führen, die, gemäß den Geſetzen dieſer, nie zu erklären ſind, 30 daher mit Recht geleugnet wurden, bis hundertfältige Erfahrung dies nicht länger zuließ. Aber nicht nur die Kantiſche, ſondern auch meine Philoſophie erhält durch die nähere Unterſuchung dieſer Thatſachen eine wichtige Beſtätigung, in dem Fakto, daß in allen jenen Phänomenen das eigentliche Agens allein der 35 Wille iſt; wodurch dieſer ſich als das Ding an ſich kund giebt. Von dieſer Wahrheit demnach, auf ſeinem empiriſchen Wege, er⸗ griffen, betitelt ein bekannter Magnetiſeur, der ungariſche Graf Szapäry, welcher augenſcheinlich von meiner Philoſophie nichts, 283
Versuch über Geistersehn und vielleicht von aller nicht: viel, weiß, in feiner Schrift „ein Wort über den animaliſchen Magnetismus“, Leipzig 1840, gleich die erſte Abhandlung: „phyſiſche Beweiſe, daß der Wille das Princip alles geiſtigen und körperlichen Lebens ſei.“ Ueberdies nun aber und davon ganz abgeſehn, geben die beſagten Phänomene jedenfalls eine faktiſche und vollkommen ſichere Widerlegung nicht nur des Materialismus, ſondern auch des Naturalismus, wie ich dieſen, Kap. 17 des 2. Bandes meines Hauptwerkes, als die auf den Thron der Metaphyſik ge⸗ ſetzte Phyſik geſchildert habe; indem ſie die Ordnung der Natur, welche die genannten beiden Anſichten als die abſolute und ein⸗ zige geltend machen wollen, nachweiſen als eine rein phänomenale und demnach bloß oberflächliche, welcher das von ihren Geſetzen unabhängige Weſen der Dinge an ſich ſelbſt zum Grunde liegt. Die in Rede ſtehenden Phänomene aber ſind, wenigſtens vom philoſophiſchen Standpunkt aus, unter allen Thatſachen, welche die geſammte Erfahrung uns darbietet, ohne allen Vergleich, die wichtigſten; daher ſich mit ihnen gründlich bekannt zu machen die Pflicht jedes Gelehrten iſt. Dieſe Erörterung zu erläutern, diene noch folgende allge⸗ meinere Bemerkung. Der Geſpenſterglaube iſt dem Menſchen an⸗ geboren: er findet ſich zu allen Zeiten und in allen Ländern, und vielleicht iſt kein Menſch ganz frei davon. Schon der große Haufe und das Volk, wohl aller Länder und Zeiten, unterſcheidet Na⸗ türliches und Uebernatürliches, als zwei grundverſchiedene, jedoch zugleich vorhandene Ordnungen der Dinge. Dem Ueber⸗ natürlichen ſchreibt er Wunder, Weiſſagungen, Geſpenſter und Zauberei unbedenklich zu, läßt aber überdies auch wohl gelten, daß überhaupt nichts durch und durch bis auf den letzten Grund natürlich ſei, ſondern die Natur ſelbſt auf einem Uebernatür⸗ lichen beruhe. Daher verſteht das Volk ſich ſehr wohl, wann es frägt: „Geht Das natürlich zu, oder nicht?“ Im Weſentlichen fällt nun dieſe populäre Unterſcheidung zuſammen mit der Kan⸗ tiſchen zwiſchen Erſcheinung und Ding an ſich; nur daß dieſe die Sache genauer und richtiger beſtimmt, nämlich dahin, daß Natürliches und Uebernatürliches nicht zwei verſchiedene und ge⸗ trennte Arten von Weſen ſind, ſondern Eines und das Selbe, welches an ſich genommen übernatürlich zu nennen iſt, weil erſt 284 0 w we 5 2 und was damit zusammenhängt. indem es erſcheint, d. h. in die Wahrnehmung unſers Intel⸗ lekts tritt und daher in deſſen Formen eingeht, es als Natur ſich darſtellt, deren bloß phänomenale Geſetzmäßigkeit es eben iſt, die man unter dem Natürlichen verſteht. Ich nun wieder, meines Theils, habe nur Kants Ausdruck verdeutlicht, als ich die „Erſcheinung“ geradezu Vorſtellung genannt habe. Und wenn man nun noch beachtet, daß, ſo oft, in der Kritik der reinen Vernunft und den Prolegomenen, Kants Ding an ſich aus dem Dunkel, in welchem er es hält, nur ein wenig her⸗ vortritt, es ſogleich ſich als das moraliſch Zurechnungsfähige in uns, alſo als den Willen zu erkennen giebt; ſo wird man auch einſehn, daß ich, durch Nachweiſung des Willens als des Dinges an ſich, ebenfalls bloß Kants Gedanken verdeutlicht und durchgeführt habe. Der animaliſche Magnetismus iſt, freilich nicht vom öko⸗ nomiſchen und technologiſchen, aber wohl vom philoſophiſchen Standpunkt aus betrachtet, die inhaltſchwerſte aller jemals ge⸗ machten Entdeckungen; wenn er auch einſtweilen mehr Räthſel aufgiebt, als löſt. Er iſt wirklich die praktiſche Metaphyſik, wie ſchon Bako von Verulam die Magie definirt: er iſt gewiſſer⸗ maaßen eine Experimentalmetaphyſik: denn die erſten und allge⸗ meinſten Geſetze der Natur werden von ihm beſeitigt; daher er [256] das ſogar a priori für unmöglich Erachtete möglich macht. Wenn nun aber ſchon in der bloßen Phyſik die Experimente und 25 Thatſachen uns noch lange nicht die richtige Einſicht eröffnen, ſondern hiezu die oft ſehr ſchwer zu findende Auslegung derſelben erfordert iſt; wie viel mehr wird Dies der Fall ſeyn bei den myſteriöſen Thatſachen jener empiriſch hervortretenden Meta⸗ phyſik! Die rationale, oder theoretiſche Metaphyſik wird alſo 30 mit derſelben gleichen Schritt halten müſſen, damit die hier auf⸗ gefundenen Schätze gehoben werden. Dann aber wird eine Zeit kommen, wo Philoſophie, animaliſcher Magnetismus und die in allen ihren Zweigen beiſpiellos vorgeſchrittene Naturwiſſenſchaft gegenſeitig ein ſo helles Licht auf einander werfen, daß Wahr⸗ 35 heiten zu Tage kommen werden, welche zu erreichen man außer⸗ dem nicht hoffen durfte. Nur denke man hiebei nicht an die meta⸗ phyſiſchen Ausſagen und Lehren der Somnambulen: dieſe ſind meiſtens armſälige Anſichten, entfprungen aus den von der 285
Versuch über Geistersehn Somnambule erlernten Dogmen und deren Miſchung mit Dem, was ſie im Kopf ihres Magnetiſeurs vorfindet; daher keiner Be⸗ achtung werth. Auch zu Aufſchlüſſen über die zu allen Zeiten ſo hartnäckig behaupteten, wie beharrlich geleugneten Geiſtererſcheinungen ſehn wir durch den Magnetismus den Weg geöffnet: allein ihn richtig zu treffen wird dennoch nicht leicht ſeyn; wiewohl er irgendwo in der Mitte liegen muß zwiſchen der Leichtgläubigkeit unſers ſonſt ſehr achtungswerthen und verdienſtvollen Juſtinus Kerner und der, jetzt wohl nur noch in England herrſchenden, Anſicht, die keine andere, als eine mechaniſche Naturordnung zu⸗ läßt, um nur alles darüber Hinausgehende deſto ſicherer bei einem von der Welt ganz verſchiedenen, perſönlichen Weſen, welches nach Willkür mit ihr ſchaltet, unterbringen und koncentriren zu können. Die lichtſcheue und mit unglaublicher Unverſchämtheit jeder wiſſen⸗ ſchaftlichen Erkenntniß frech entgegentretende, daher unſerm Welt⸗ theile nachgerade zum Skandal gereichende Engliſche Pfaffen⸗ ſchaft hat, durch ihr Hegen und Pflegen aller dem „kalten Aber⸗ glauben, den ſie ihre Religion nennt,“ günſtigen Vorurtheile und Anfeindung der ihm entgegenſtehenden Wahrheiten, haupt⸗ ſächlich Schuld an dem Unrecht, welches der animaliſche Magne⸗ tismus in England hat erleiden müſſen, woſelbſt er nämlich, nachdem er ſchon 40 Jahre lang in Deutſchland und Frankreich, in Theorie und Praxis anerkannt geweſen, noch immer, unge⸗ prüft, mit der Zuverſicht der Unwiſſenheit, als plumpe Betrügerei verlacht und verdammt wurde: „Wer an den animaliſchen Magne⸗ tismus glaubt, kann nicht an Gott glauben“ hat noch im Jahre 1850 ein junger engliſcher Pfaffe zu mir geſagt: hinc illae lacrimael Endlich hat dennoch auch auf der Inſel der Vor⸗ urtheile und des Pfaffentruges der animaliſche Magnetismus ſein Banner aufgepflanzt, zu abermaliger und glorreicher Beſtätigung des magna est vis veritatis, et praevalebit, dieſes ſchönen Bibel⸗ ſpruches, bei welchem jedes Anglikaniſche Pfaffenherz mit Recht für feine Pfründen zittert. Ueberhaupt iſt es an der Zeit, Miſ⸗ ſionen der Vernunft, Aufklärung und Antipfäfferei nach England zu ſchicken, mit v. Bohlens und Straußens Bibelkritik in der einen, und der Kritik der reinen Vernunft in der andern Hand, um jenen, ſich ſelbſt reverend ſchreibenden, hochmüthigſten und frechſten aller 286 — 0 — 5 vw 0 257 25 0 und was damit zusammenhängt. Pfaffen der Welt das Handwerk zu legen und dem Skandal ein Ende zu machen. Indeſſen dürfen wir in dieſer Hinſicht das Beſte von den Dampfſchiffen und Eiſenbahnen hoffen, als welche dem Austauſch der Gedanken eben ſo förderlich ſind, als dem der Waaren, 5 wodurch fie der in England mit fo verſchmitzter Sorgfalt gepflegten, ſelbſt die höhern Stände beherrſchenden, pöbelhaften Bigotterie die größte Gefahr bereiten. Wenige nämlich leſen, aber Alle ſchwätzen, und dazu geben jene Anſtalten die Gelegenheit und Muße. Iſt es doch nicht länger zu dulden, daß jene Pfaffen die intelligenteſte zo und in faſt jeder Hinſicht erſte Nation Europa's durch die roheſte Bigotterie zur letzten degradiren und ſie dadurch verächtlich machen; am wenigſten wenn man an das Mittel denkt, wodurch ſie dieſen Zweck erreicht haben, nämlich die Volkserziehung, die ihnen anvertraut war, ſo einzurichten, daß Zwei Drittel der 15 Engliſchen Nation nicht leſen können. Dabei geht ihre Dumm⸗ dreiſtigkeit ſo weit, daß ſie ſogar die ganz ſichern, allgemeinen Reſultate der Geologie in öffentlichen Blättern mit Zorn, Hohn und ſchaalem Spott angreifen; weil ſie nämlich das Moſaiſche Schöpfungsmährchen in ganzem Ernſt geltend machen wollen, 20 ohne zu merken, daß ſie in ſolchen Angriffen mit dem irdenen gegen den eiſernen Topf ſchlagen. f) — Uebrigens iſt die eigent⸗ liche Quelle des ſkandalöſen, volksbetrügenden Engliſchen Ob⸗ ſturantismus das Geſetz der Primogenitur, als welches der Ariſto⸗ kratie (bim weiteſten Sinne genommen) eine Verſorgung der 25 jüngern Söhne nothwendig macht: für dieſe nun iſt, wenn ſie weder zur Marine noch zur Armee taugen, das Church- establishment (charakteriſtiſcher Name), mit feinen 5 Millionen Pfund Ein⸗ künften, die Verſorgungsanſtalt. Man verſchafft nämlich dem Junker a living (auch ſehr charakteriſtiſcher Name: eine 30 Leberei) d. i. eine Pfarre, entweder durch Gunſt oder für Geld: ſehr häufig werden ſolche in den Zeitungen zum Verkauf, ſogar — — ꝶÜ ——ů —ßL—ʃ—.v . 3—————ßů— ) Die Engländer find eine ſolche matter of fact nation, daß wenn ihnen durch neuere hiſtoriſche und geologiſche Entdeckungen (z. B. die Pyra⸗ mide des Cheops 1000 Jahr älter als die Sündfluth) das Faktiſche und 35 Hiſtoriſche des Alten Teſtaments entzogen wird, ihre ganze Religion mit einſtürzt in den Abgrund. 287
Versuch über Geistersehn in öffentlicher Auktion) ausgeboten, wiewohl, Anſtandshalber, nicht geradezu die Pfarre ſelbſt, ſondern das Recht, ſie dies Mal zu vergeben (the patronage) verkauft wird: da aber dieſer Handel vor der wirklichen Vakanz derſelben abgeſchloſſen werden muß, fügt man, als zweckmäßigen Puff, hinzu, der jetzige Pfar⸗ rer ſei ſchon z. B. 77 Jahre alt, wie man denn auch nicht ver⸗ fehlt, die ſchöne Jagd⸗ und Fiſcherei⸗Gelegenheit bei der Pfarre und das elegante Wohnhaus herauszuſtreichen. Es iſt die frechſte Simonie auf der Welt. Hieraus begreift es ſich, warum in der guten, will ſagen vornehmen, Engliſchen Geſellſchaft, jeder Spott über die Kirche und ihren kalten Aberglauben als ſchlechter Ton, ja, als eine Unanſtändigkeit betrachtet wird, nach der Maxime quand le bon ton arrive, le bon sens se retire. So groß iſt eben deshalb der Einfluß der Pfaffen in England, daß, zur bleiben⸗ den Schande der engliſchen Nation, das von Thorwaldſen verfertigte Standbild Byron's, ihres, nach dem unerreichbaren Shakeſpeare, größten Dichters, nicht hat im Nationalpantheon der Weſtminſterabtei zu den übrigen großen Männern aufgeſtellt werden dürfen; weil eben Byron ehrenhaft genug geweſen iſt, dem anglikaniſchen Pfaffenthum keine Konceſſionen zu machen, ſondern davon unbehindert ſeinen Gang zu gehn, während der mediokre Poet Wordsworth, das häufige Ziel ſeines Spottes, richtig in der Weſtminſterkirche ſein Standbild aufgeſtellt erhalten hat, im Jahre 1854. Die engliſche Nation ſignaliſirt durch ſolche Niederträchtigkeit ſich ſelbſt as a stultified and priestridden nation. Europa verhöhnt ſie mit Recht. Jedoch wird es nicht ſo bleiben. Ein künftiges, weiſeres Geſchlecht wird Byron's Statue im Pomp nach der Weſtminſterkirche tragen. Voltaire +) Im Galignani vom 12. Mai 1855 iſt aus dem Globe angeführt, daß the Rectory of Pewsey, Wiltshire den 13. Juni 1855 öffentlich ver⸗ ſteigert werden ſoll, und der Galignani vom 23. Mäi 1855 giebt aus dem Leader und ſeitdem öfter eine ganze Liſte von Pfarren, die zur Verſteigerung angezeigt ſind: bei jeder das Einkommen, die lokalen Annehmlichkeiten und das Alter des jetzigen Pfarrers. Denn gerade ſo wie die Offieierſtellen der Armee, ſind auch die Pfarren der Kirche käuflich: was das für Offieiere giebt, hat der Feldzug in der Krim zu Tage gebracht, und was für Pfarrer, lehrt die Erfahrung gleichfalls. 288 258) vw v ww ww 0 5 0 5 mm und was damit zusammenhängt. hingegen, der hundert Mal mehr als Byron gegen die Kirche geſchrieben hat, ruht glorreich im franzöſiſchen Pantheon, der S. Genovevakirche, glücklich einer Nation anzugehören, die ſich nicht von Pfaffen naſeführen und regieren läßt. Dabei bleiben 5 bie demoraliſirenden Wirkungen des Pfaffentruges und der Bigot⸗ terie natürlich nicht aus. Demoraliſirend muß es wirken, daß die Pfaffenſchaft dem Volke vorlügt, die Hälfte aller Tugenden beſtehe im Sonntagsfaulenzen und im Kirchengeplärr, und eines der größten Laſter, welches den Weg zu allen andern bahne, ſei 10 das Sabbathbreaking, d. h. Nichtfaulenzen am Sonntage: daher ſie auch, in den Zeitungen, die zu hängenden armen Sünder ſehr oft die Erklärung abgeben laſſen, aus dem Sabbathbreaking, dieſem gräulichen Laſter, ſei ihr ganzer ſündiger Lebenslauf ent⸗ ſprungen. Eben wegen beſagter Verſorgungsanſtalt muß noch 15 jetzt das unglückliche Irland, deſſen Bewohner zu Tauſenden ver⸗ hungern, neben ſeinem eigenen katholiſchen, aus eigenen Mitteln und freiwillig von ihm bezahlten Klerus, eine nichtsthuende proteſtantiſche Kleriſei, mit Erzbiſchof, 12 Biſchöfen und einer Armee von deans und rectors erhalten, wenn auch nicht direkt 20 auf Koſten des Volks, ſondern aus dem Kirchengut. Ich habe bereits darauf aufmerkſam gemacht, daß Traum, ſomnambules Wahrnehmen, Hellſehn, Viſion, Zweites Geſicht und etwaniges Geiſterſehn, nah verwandte Erſcheinungen ſind. Das Gemeinſame derſelben iſt, daß wir, ihnen verfallen, eine 25 ſich objektiv darſtellende Anſchauung durch ein ganz anderes Organ, als im gewöhnlichen wachen Zuſtande, erhalten; nämlich nicht durch die äußern Sinne, dennoch aber ganz und genau eben ſo, wie mittelſt dieſer: ich habe ſolches demnach das Traumorgan genannt. Was ſie hingegen von einander unter⸗ 30 ſcheidet, iſt die Verſchiedenheit ihrer Beziehung zu der durch die Sinne wahrnehmbaren, empiriſch⸗realen Außenwelt. Dieſe näm⸗ lich iſt beim Traum, in der Regel, gar keine, und ſogar bei den ſeltenen fatidiken Träumen doch meiſtens nur eine mittel⸗ bare und entfernte, ſehr ſelten eine direkte: hingegen iſt jene 35 Beziehung bei der ſomnambulen Wahrnehmung und dem Hell⸗ ſehn, wie auch beim Nachtwandeln, eine unmittelbare und ganz richtige; bei der Viſion und dem etwanigen Geiſterſehn eine [259] problematiſche. — Nämlich das Schauen von Objekten im Traum 289
Versuch über Geistersehn ift anerkannt illuſoriſch, alſo eigentlich ein bloß ſubjektives, wie das in der Phantaſie: die ſelbe Art der Anſchauung aber wird, im Schlafwachen und im Somnambulismus, eine völlig und richtig objektive; ja, ſie erhält im Hellſehn gar einen, den des Wachenden unvergleichbar weit übertreffenden Geſichtskreis. Wenn ſie nun aber hier ſich auf die Phantome der Abgeſchiedenen erſtreckt; ſo will man ſie wieder bloß als ein ſubjektives Schauen gelten laſſen. Dies iſt indeſſen der Analogie dieſer Fortſchreitung nicht gemäß, und nur ſoviel läßt ſich behaupten, daß jetzt Ob⸗ jekte geſchaut werden, deren Daſeyn durch die gewöhnliche An⸗ ſchauung des dabei etwan gegenwärtigen Wachenden nicht be⸗ glaubigt wird; während auf der zunächſt vorhergegangenen Stufe es ſolche waren, die der Wache erſt in der Ferne aufzuſuchen, oder der Zeit nach abzuwarten hat. Aus dieſer Stufe nämlich kennen wir das Hellſehn als eine Anſchauung, die ſich auch auf Das erſtreckt, was der wachen Gehirnthätigkeit nicht unmittel⸗ bar zugänglich, dennoch aber real vorhanden und wirklich iſt: wir dürfen daher jenen Wahrnehmungen, denen die wache An⸗ ſchauung auch mittelſt Zurücklegung eines Raumes oder einer Zeit nicht nachkommen kann, die objektive Realität wenigſtens nicht ſogleich und ohne Weiteres abſprechen. Ja, der Analogie nach, dürften wir ſogar vermuthen, daß ein Anſchauungsver⸗ mögen, welches ſich auf das wirklich Zukünftige und noch gar nicht Vorhandene erſtreckt, auch wohl das einſt Dageweſene, nicht mehr Vorhandene, als gegenwärtig wahrzunehmen fähig ſeyn könnte. Zudem iſt noch nicht ausgemacht, daß die in Rede ſtehenden Phantome nicht auch in das wache Bewußtſeyn ge⸗ langen können. Am häufigſten werden ſie wahrgenommen im Zuſtande des Schlafwachens, alſo wo man die unmittelbare Umgebung und Gegenwart, wiewohl träumend, richtig erblickt: da nun hier Alles, was man ſieht, objektiv real iſt; ſo haben die darin auftretenden Phantome die Präſumtion der Realität zunächſt für ſich. Nun aber lehrt überdies die Erfahrung, daß die Funktion des Traumorgans, welche in der Regel den leichteren, ge⸗ wöhnlichen, oder aber den tiefern magnetiſchen Schlaf zur Be⸗ dingung ihrer Thätigkeit hat, ausnahmsweiſe auch bei wachem Gehirne zur Ausübung gelangen kann, alſo daß jenes Auge, mit 290 — 5 » 5 0 w 35 und was damit zusammenhängt. [260] welchem wir die Träume ſehn, auch wohl ein Mal im Wachen aufgehn kann. Alsdann ſtehn Geſtalten vor uns, die denen, welche durch die Sinne ins Gehirn kommen, ſo täuſchend gleichen, daß ſie mit dieſen verwechſelt und dafür gehalten werden, bis 5 ſich ergiebt, daß fie nicht Glieder des jene Alle verknüpfenden, im Kaufalnerus beſtehenden Zuſammenhangs der Erfahrung find, den man unter dem Namen der Körperwelt begreift; was nun entweder ſogleich, auf Anlaß ihrer Beſchaffenheit, oder aber erſt hinterher an den Tag kommt. Einer ſo ſich darſtellenden Geſtalt ro nun wird, je nach Dem, worin ſie ihre entferntere Urſache hat, der Name einer Hallucination, einer Viſion, eines zweiten Geſichts, oder einer Geiſtererſcheinung zukommen. Denn ihre nächſte Urſache muß allemal im Innern des Organismus liegen, indem, wie oben gezeigt, eine von innen ausgehende Einwirkung 15 es iſt, die das Gehirn zu einer anſchauenden Thätigkeit erregt, welche, es ganz durchdringend, ſich bis auf die Sinnesnerven erſtreckt, wodurch alsdann die ſich ſo darſtellenden Geſtalten ſogar Farbe und Glanz, auch Ton und Stimme der Wirklich⸗ keit erhalten. Im Fall dies jedoch unvollkommen geſchieht, werden 20 ſie nur ſchwach gefärbt, blaß, grau und faſt durchſichtig er⸗ ſcheinen, oder auch wird, dem analog, wenn ſie für das Gehör daſind, ihre Stimme verkümmert ſeyn, hohl, leiſe, heiſer, oder zirpend klingen. Wenn der Seher derſelben eine geſchärfte Auf⸗ merkſamkeit auf ſie richtet, pflegen ſie zu verſchwinden; weil die 25 dem äußern Eindrude ſich jetzt mit Anſtrengung zuwendenden Sinne nun dieſen wirklich empfangen, der, als der ſtärkere und in entgegengeſetzter Richtung geſchehend, jene ganze, von innen kommende Gehirnthätigkeit überwältigt und zurückdrängt. Eben um dieſe Kolliſion zu vermeiden geſchieht es, daß, bei Viſionen, 30 das innere Auge die Geſtalten ſoviel wie möglich dahin projicirt, wo das äußere nichts ſieht, in finſtere Winkel, hinter Vorhänge, die plötzlich durchſichtig werden, und überhaupt in die Dunkel⸗ heit der Nacht, als welche bloß darum die Geiſterzeit iſt, weil Finſterniß, Stille und Einſamkeit, die äußern Eindrücke auf⸗ 35 hebend, jener von innen ausgehenden Thätigkeit des Gehirns Spielraum geſtatten; ſo daß man, in dieſer Hinſicht, dieſelbe dem Phänomene der Phosphorescenz vergleichen kann, als wel⸗ ches auch durch Dunkelheit bedingt iſt. In lauter Geſellſchaft 291
Versuch über Geistersehn und beim Scheine vieler Kerzen iſt die Mitternacht keine Geiſter⸗ [261] ſtunde. Aber die finſtere, ſtille und einſame Mitternacht iſt es; weil wir ſchon inſtinktmäßig in ihr den Eintritt von Erſcheinungen fürchten, die ſich als ganz äußerlich darſtellen, wenn gleich ihre nächſte Urſache in uns ſelbſt liegt: ſonach fürchten wir dann 5 eigentlich uns ſelbſt. Daher nimmt wer den Eintritt ſolcher Er⸗ ſcheinungen befürchtet Geſellſchaft zu ſich. Obgleich nun die Erfahrung lehrt, daß die Erſcheinungen der ganzen hier in Rede ſtehenden Art allerdings im Wachen Statt haben, wodurch gerade fie ſich von den Träumen unter- zo ſcheiden; ſo bezweifele ich doch noch, daß dieſes Wachen ein im ſtrengſten Sinne vollkommenes ſei; da ſchon die hiebei noth⸗ wendige Vertheilung der Vorſtellungskraft des Gehirns zu heiſchen ſcheint, daß wenn das Traumorgan ſehr thätig iſt, dies nicht ohne einen Abzug von der normalen Thätigkeit, alſo nur unter einer gewiſſen Depotenzirung des wachen, nach außen gerichteten Sinnesbewußtſeyns geſchehn kann; wonach ich vermuthe, daß, während einer ſolchen Erſcheinung, das zwar allerdings wache Bewußtſeyn doch gleichſam mit einem ganz leichten Flor über⸗ ſchleiert iſt, wodurch es eine gewiſſe, wiewohl ſchwache, traum⸗ 20 artige Färbung erhält. Hieraus wäre zunächſt erklärlich, daß Die, welche wirklich dergleichen Erſcheinungen gehabt haben, nie vor Schreck darüber geſtorben ſind; während hingegen falſche, künſtlich veranſtaltete Geiſtererſcheinungen bisweilen dieſe Wirkung gehabt haben. Ja, in der Regel, verurfachen die wirklichen 25 Viſionen dieſer Art gar keine Furcht; ſondern erſt hinterher, beim Nachdenken darüber, ſtellt ſich einiges Grauſen ein: dies mag freilich auch daran liegen, daß ſie, während ihrer Dauer, für leibhaftige Menſchen gehalten werden, und erſt hinterher ſich zeigt, daß ſie das nicht ſeyn konnten. Doch glaube ich, daß die Abweſenheit der Furcht, welche ſogar ein charakteriſtiſches Kenn⸗ zeichen wirklicher Viſionen dieſer Art iſt, hauptſächlich aus dem oben angegebenen Grunde entſpringt, indem man, obwohl wach, doch von einer Art Traumbewußtſeyn leicht umflort iſt, alſo ſich in einem Elemente befindet, dem der Schreck über unkörperliche Erſcheinungen weſentlich fremd iſt, eben weil in demſelben das Objektive vom Subjektiven nicht ſo ſchroff geſchieden iſt, wie bei der Einwirkung der Körperwelt. Dies findet eine Beſtätigung — 5 0 ww we 5 292 und was damit zusammenhängt. [262] an der unbefangenen Art, mit welcher die Seherin von Prevorſt ihres Geiſterumganges pflegt: z. B. Bd. 2, S. 120 (erſte Aufl.) läßt ſie ganz ruhig einen Geiſt daſtehn und warten, bis ſie ihre Suppe gegeſſen hat. Auch ſagt J. Kerner ſelbſt, an mehreren 5 Stellen (3. B. Bd. 1, S. 209), daß fie zwar wach zu ſeyn ſchien, aber es doch nie ganz war; was mit ihrer eigenen Aeu⸗ ßerung (Bd. 2, S. 11. 3. Aufl. S. 256), daß fie jedesmal, wenn ſie Geiſter ſehe, ganz wach ſei, allenfalls noch zu vereinigen ſeyn möchte. 10 Von allen dergleichen, im wachen Zuſtande eintretenden An⸗ ſchauungen mittelſt des Traumorgans, welche uns völlig objektive und den Anſchauungen mittelſt der Sinne gleich kommende Er⸗ ſcheinungen vorhalten, muß, wie geſagt, die nächſte Urſache ſtets im Innern des Organismus liegen, wo dann irgend eine 15 ungewöhnliche Veränderung es iſt, welche, mittelſt des, dem Cerebralſyſtem ſchon verwandten vegetativen Nervenſyſtems, alſo des ſympathiſchen Nerven und ſeiner Ganglien, auf das Gehirn wirkt; durch welche Einwirkung nun aber dieſes immer nur in die ihm natürliche und eigenthümliche Thätigkeit der objektiven, 20 Raum, Zeit und Kauſalität zur Form habenden, Anſchauung ver⸗ ſetzt werden kann, gerade ſo, wie durch die Einwirkung, welche von außen auf die Sinne geſchieht; daher es dieſe ſeine normale Funktion jetzt ebenfalls ausübt. — Sogar aber dringt die nun fo von innen erregte, anſchauende Thätigkeit des Gehirns bis zu 25 den Sinnesnerven durch, welche demnach jetzt ebenfalls von innen, wie ſonſt von außen, zu den ihnen ſpecifiſchen Empfindungen angeregt, die erſcheinenden Geſtalten mit Farbe, Klang, Ge⸗ ruch u. |. w. ausſtatten und dadurch ihnen die vollkommene Ob: jektivität und Leibhaftigkeit des ſinnlich Wahrgenommenen verleihen. 30 Eine beachtenswerthe Beſtätigung erhält dieſe Theorie der Sache durch folgende Angabe einer hellſehenden Somnambule Heiz nekens über die Entſtehung der ſomnambulen Anſchauung: „In der Nacht war ihr, nach einem ruhigen natürlichen Schlafe, auf ein Mal deutlich geworden, das Licht entwickle ſich aus dem 35 Hinterkopfe, ſtröhme von da nach dem Vorderkopfe, komme dann zu den Augen, und mache nun die umſtehenden Gegenſtände ſichtbar: durch dieſes dem Dämmerungslichte ähnliche Licht habe ſie Alles um ſich her deutlich geſehn und erkannt.“ 293
Versuch über Geistersehn (Kieſers Archiv für d. thier. Magn. Bd. 2, Heft 3, S. 43.) Die [265] dargelegte nächſte Urſache ſolcher im Gehirn von innen aus erregten Anſchauungen muß aber ſelbſt wieder eine haben, welche demnach die entferntere Urſache jener iſt. Wenn wir nun finden ſollten, daß dieſe nicht jedesmal bloß im Organismus, 5 ſondern bisweilen auch außerhalb deſſelben zu ſuchen ſei; ſo würde, in letzterem Fall, jenem Gehirnphänomene, welches, bis hieher, als ſo ſubjektiv wie die bloßen Träume, ja, nur als ein wacher Traum ſich darſtellt, die reale Objektivität, d. h. die wirkliche kauſale Beziehung auf etwas außer dem Subjekt Vor⸗ handenes, von einer ganz andern Seite aus, wieder geſichert werden, alſo gleichſam durch die Hinterthüre wieder hereinkommen. — Ich werde demnach jetzt die entfernteren Urſachen jenes Phänomens, ſo weit ſie uns bekannt ſind, aufzählen; wobei ich zunächſt bemerke, daß, ſo lange dieſe allein innerhalb des Or⸗ ganismus liegen, das Phänomen mit dem Namen der Hallu⸗ cination bezeichnet wird, dieſen jedoch ablegt und verſchiedene andere Namen erhält, wenn eine außerhalb des Organismus liegende Urſache nachzuweiſen iſt, oder wenigſtens angenommen werden muß. 20 1) Die häufigſte Urſache des in Rede ſtehenden Gehirnphänomens ſind heftige, akute Krankheiten, namentlich hitzige Fieber, welche das Delirium herbeiführen, in welchem, unter dem Namen der Fieberphantaſien, das beſagte Phänomen allbekannt iſt. Dieſe Urſache liegt offenbar bloß im Organismus, wenn gleich das 25 Fieber ſelbſt durch äußere Urſachen veranlaßt ſeyn mag. 2) Der Wahnſinn iſt keineswegs immer, aber doch bier weilen von Hallucinationen begleitet, als deren Urſache die ihn zu⸗ nächſt herbeiführenden, meiſtens im Gehirn, oft aber auch im übrigen Organismus vorhandenen krankhaften Zuſtände anzuſehn find. 30 3) In ſeltenen, glücklicherweiſe aber vollkommen konſtatirten Fällen, entſtehn, ohne daß Fieber, oder ſonſt akute Krankheit, geſchweige Wahnſinn, vorhanden ſei, Hallucinationen, als Er⸗ ſcheinungen menſchlicher Geſtalten, die den wirklichen täuſchend gleichen. Der bekannteſte Fall dieſer Art iſt der Nikolai's, 35 da er ihn 1799 der Berliner Akademie vorgeleſen und dieſen Vortrag auch beſonders abgedruckt hat. Einen ähnlichen findet man im Edinburgh Journal of Science, by Brewster, — 0 — 5 294 und was damit zusammenhängt. 126%] Vol. 4, N. 8, Oct. — April 1831, und mehrere andere liefert Brierre de Boismont, des hallucinations, 1845, deuxième . edit. 1852, ein für den geſammten Gegenſtand unferer Unter: ſuchung ſehr brauchbares Buch, auf welches ich daher mich öfter 5 beziehn werde. Zwar giebt daſſelbe keineswegs eine tief eingehende Erklärung der dahin gehörigen Phänomene, ſogar hat es leider nicht ein Mal wirklich, ſondern bloß ſcheinbar, eine ſyſtematiſche Anordnung; jedoch iſt es eine ſehr reiche, auch mit Umſicht und Kritik geſammelte Kompilation aller in unſer Thema irgend ein⸗ ro ſchlagenden Fälle. Zu dem ſpeciellen Punkte, den wir ſoeben be⸗ trachten, gehören darin beſonders die Observations 7, 13, 15, 29, 65, 108, 110, 111, 112, 114, 115, 132. Ueberhaupt aber muß man annehmen und erwägen, daß von den Thatſachen, welche dem geſammten Gegenſtande der gegenwärtigen Betrach⸗ 15 tung angehören, auf Eine öffentlich mitgetheilte tauſend ähnliche kommen, deren Kunde nie über den engen Kreis ihrer unmittel⸗ baren Umgebung hinausgelangt iſt, aus verſchiedenen Urſachen, die leicht abzuſehn ſind. Daher eben ſchleppt ſich die wiſſenſchaft⸗ liche Betrachtung dieſes Gegenſtandes ſeit Jahrhunderten, ja 20 Jahrtauſenden, mit wenigen einzelnen Fällen, Wahrträumen und Geiſtergeſchichten, deren Gleiche ſeitdem hundert tauſend Mal vorgekommen, aber nicht zur öffentlichen Kunde gebracht und da⸗ durch der Litteratur einverleibt worden ſind. Als Beiſpiele jener, durch zahlloſe Wiederholung typiſch gewordenen Fälle nenne ich 25 nur den Wahrtraum, welchen Cicero de div. I, 27, erzählt, das Geſpenſt bei Plinius, in der epistola ad Suram, und die Geiſtererſcheinung des Marſilius Ficinus, gemäß der Verab⸗ redung mit ſeinem Freunde Mercatus. — Was nun aber die unter gegenwärtiger Nummer in Betrachtung genommenen Fälle 30 betrifft, deren Typus Nikolai's Krankheit iſt; ſo haben ſie ſich ſämmtlich als aus rein körperlichen, gänzlich im Organismus ſelbſt gelegenen, abnormen Urſachen entſprungen erwieſen, ſowohl durch ihren bedeutungsloſen Inhalt und das Periodiſche ihrer Wiederkehr, als auch dadurch, daß ſie therapeutiſchen Mitteln, 35 befonders Blutentziehungen, allemal gewichen ſind. Sie gehören alſo ebenfalls zu den bloßen Hallucinationen, ja, find im eigent⸗ lichſten Sinne ſo zu nennen. 4) Denſelben reihen ſich nun zunächſt gewiſſe, ihnen übrigens 20 Schopenhauer, Werke V 295
Versuch über Geistersehn ähnliche Erſcheinungen objektiv und äußerlich daſtehender Geſtalten [265] an, welche ſich jedoch durch einen, eigens für den Seher be⸗ ſtimmten, bedeutſamen und zwar meiſtens ſiniſtern Charakter unterſcheiden, und deren reale Bedeutſamkeit meiſtens durch den bald darauf erfolgenden Tod Deſſen, dem ſie ſich darſtellten, außer Zweifel geſetzt wird. Als ein Muſter dieſer Art iſt der Fall zu betrachten, den Walter Scott, on demonology and Witchcraft, letter 1, erzählt, und den auch Brierre de Boismont wiederholt, von dem Juſtizbeamteten, welcher, Monate lang, erſt eine Katze, darauf einen Ceremonienmeiſter, endlich ein Skelett leibhaftig ſtets vor ſich ſah, wobei er abzehrte und endlich ſtarb. Ganz dieſer Art iſt ferner die Viſion der Miß Lee, welcher die Erſcheinung ihrer Mutter ihren Tod auf Tag und Stunde richtig verkündet hat. Sie iſt zuerſt in Beaumont's treatise on spirits (1721 von Arnold ins Deutſche überſetzt) erzählt und danach in Hibberts sketches of the philosophy of apparitions, 1824, dann in Hor. Welby's signs before death, 1825, und findet ſich gleichfalls in J. C. Hennings „von Geiſtern und Geiſter⸗ ſehern,“ 1780, endlich auch im Brierre de Boismont. Ein drittes Beiſpiel giebt die, in dem ſoeben erwähnten Buche von Welby (S. 156) erzählte Geſchichte der Frau Stephens, welche, wachend, eine Leiche hinter ihrem Stuhle liegen ſah und einige Tage darauf ſtarb. Ebenfalls gehören hieher die Fälle des Sichſelbſtſehns, ſofern ſie bisweilen, wiewohl durchaus nicht immer, den Tod des ſich Sehenden anzeigen. Einen ſehr merk⸗ würdigen und ungewöhnlich gut beglaubigten Fall dieſer Art hat der Berliner Arzt Formey aufgezeichnet, in ſeinem „Heid⸗ niſchen Philoſophen“: man findet ihn in Horſt's Deuteroſkopie, Bd. 1, S. 115, wie auch in deſſen Zauberbibliothek Bd. 1, vollſtändig wiedergegeben. Doch iſt zu bemerken, daß hier die Erſcheinung eigentlich nicht von der ſehr kurz darauf und un⸗ vermuthet geſtorbenen Perſon ſelbſt, ſondern nur von ihren An⸗ gehörigen geſehn wurde. Von eigentlichem Sichſelbſtſehn be⸗ richtet einen von ihm ſelbſt verbürgten Fall Horſt im 2. Th. der Deuteroſkopie, S. 138. Sogar Goethe erzählt, daß er ſich ſelbſt geſehn habe, zu Pferde und in einem Kleide, in welchem er 8 Jahre ſpäter, eben dort wirklich geritten ſei. („Aus meinem Leben“ 11. Buch.) Dieſe Erſcheinung hatte, 296 N 0 5 und was damit zusammenhängt. beiläufig geſagt, eigentlich den Zweck, ihn zu tröſten; indem fie [266] ihn ſich ſehn ließ, wie er, die Geliebte, von der er ſoeben ſehr ſchmerzlichen Abſchied genommen, nach 8 Jahren wieder zu be⸗ ſuchen, des entgegengeſetzten Weges geritten kam: ſie lüftete ihm 5 alſo auf einen Augenblick den Schleier der Zukunft, um ihm, in feiner Betrübniß, das Wiederſehn zu verfündigen. — Erſcheinungen dieſer Art ſind nun nicht mehr bloße Hallucinationen, ſondern Viſionen. Denn ſie ſtellen entweder etwas Reales dar, oder beziehn ſich auf künftige, wirkliche Vorgänge. Daher ſind ſie zo im wachen Zuſtande Das, was im Schlafe die fatidiken Träume, welche, wie oben geſagt, am häufigſten ſich auf den eigenen, be⸗ ſonders den ungünſtigen, Geſundheitszuſtand des Träumenden be⸗ ziehn; — während die bloßen Hallucinationen den gewöhnlichen, nichtsbedeutenden Träumen entſprechen. 5 15 Der Urſprung dieſer bedeutungsvollen Viſionen iſt darin zu ſuchen, daß jenes räthſelhafte, in unſerm Innern ver⸗ borgene, durch die räumlichen und zeitlichen Verhältniſſe nicht beſchränkte und inſofern allwiſſende, dagegen aber gar nicht ins gewöhnliche Bewußtſeyn fallende, ſondern für uns verſchleierte 20 Erkenntnißvermögen, — welches jedoch im magnetiſchen Hellſehn feinen Schleier abwirft, — ein Mal etwas dem Individuo ſehr Intereſſantes erſpäht hat, von welchem nun der Wille, der ja der Kern des ganzen Menſchen iſt, dem cerebralen Erkennen gern Kunde geben möchte; was dann aber nur durch die ihm 2 ſelten gelingende Operation möglich iſt, daß er ein Mal das Traumorgan im wachen Zuſtande aufgehn läßt und ſo dem cerebralen Bewußtſeyn, in anſchaulichen Geſtalten, entweder von direkter, oder von allegoriſcher Bedeutung, jene ſeine Entdeckung mittheilt. Dies war ihm in den oben kurz angeführten Fällen 30 gelungen. Dieſelben bezogen ſich nun alle auf die Zukunft: doch kann auch ein eben jetzt Geſchehendes auf dieſe Weiſe offenbart werden, welches jedoch alsdann natürlich nicht die eigene Perſon betreffen kann, ſondern eine andere. So kann z. B. der eben jetzt erfolgende Tod meines entfernten Freundes mir dadurch kund 35 werben, daß deſſen Geſtalt ſich mir plötzlich, fo leibhaftig wie die eines Lebenden, darſtellt; ohne daß etwan hiebei der Ster⸗ bende ſelbſt, durch ſeinen lebhaften Gedanken an mich, mitgewirkt zu haben braucht; wie Dieſes hingegen in Fällen einer andern, 20* 297
Versuch über Geistersehn weiter unten zu erörternden Gattung wirklich Statt hat. Auch (267 habe ich Dieſes hier nur erläuterungsweiſe beigebracht; da unter dieſer Nummer eigentlich nur von den Viſionen die Rede iſt, welche ſich auf den Seher derſelben ſelbſt beziehn und den ihnen analogen fatidiken Träumen entſprechen. 5 5) Nun wieder denjenigen fatidiken Träumen, welche ſich nicht auf den eigenen Geſundheitszuſtand, ſondern auf ganz äußer⸗ liche Begebenheiten beziehn, entſprechen gewiſſe, den obigen zu⸗ nächſt ſtehende Viſionen, welche nicht die aus dem Organismus entſpringenden, ſondern die von außen uns bedrohenden Gefahren 10 ankündigen, welche aber freilich oft über unſere Häupter vorüber⸗ ziehn, ohne daß wir ſie irgend gewahr würden; in welchem Fall wir die äußere Beziehung der Viſion nicht konſtatiren können. Viſionen dieſer Art erfordern, um ſichtbar auszufallen, man⸗ cherlei Bedingungen, vorzüglich, daß das betreffende Subjekt die dazu eignende Empfänglichkeit habe. Wenn hingegen dieſes, wie meiſtentheils, nur im niedrigeren Grade der Fall iſt; ſo wird die Kundgebung bloß hörbar ausfallen und dann ſich durch man⸗ cherlei Töne manifeſtiren, am häufigſten durch Klopfen, welches beſonders Nachts, meiſtens gegen Morgen, einzutreten pflegt und zwar ſo, daß man erwacht und gleich darauf ein ſehr ſtarkes und die völlige Deutlichkeit der Wirklichkeit habendes Klopfen an der Thüre des Schlafgemachs vernimmt. Zu ſichtbaren Viſionen, und zwar in allegoriſch bedeutſamen Geſtalten, die dann von denen der Wirklichkeit nicht zu unterſcheiden ſind, wird es am erſten dann kommen, wann eine ſehr große Gefahr unſer Leben bedrohet, oder aber auch wann wir einer ſolchen, oft ohne es gewiß zu wiſſen, glücklich entgangen ſind; wo ſie dann gleich⸗ ſam Glück wünſchen und anzeigen, daß wir jetzt noch viele Jahre vor uns haben. Endlich aber werden dergleichen Viſionen auch eintreten, ein unabwendbares Unglück zu verkünden: dieſer letztern Art war die bekannte Viſion des Brutus vor der Schlacht bei Philippi, ſich darſtellend als ſein böſer Genius; wie auch die ihr ſehr ähnliche des Kaſſius Parmenſis, nach der Schlacht bei Aktium, welche Valerius Maximus (Lib. I, c. 7, § 7) erzählt. Ueberhaupt vermuthe ich, daß die Viſionen dieſer Gattung ein Hauptanlaß zum Mythos der Alten von dem Jedem beigegebenen Genius, ſo wie der Chriſtlichen Zeiten vom Spiritus familiaris — 5 » 0 5 o w — 5 298 und was damit zusammenhängt. [268] geweſen find. In den mittlern Jahrhunderten ſuchte man fie durch die Aſtralgeiſter zu erklären, wie dies die in der vorher⸗ gehenden Abhandlung beigebrachte Stelle des Theophr. Paracelſus bezeugt: „Damit aber das Fatum wohl erkannt werde, iſt es J „ale, daß jeglicher Menſch einen Geiſt hat, der außerhalb ihm „wohnt und ſetzt ſeinen Stuhl in die obern Sterne. Der⸗ „ſelbige gebraucht die Boſſen“ [fire Typen zu erhabenen Arbeiten; davon Boſſiren] „ſeines Meiſters. Derſelbige iſt der, der da „die Präſagia demſelbigen vorzeigt und nachzeigt: denn ſie bleiben 10 „nach dieſem. Dieſe Geiſter heißen Fatum.“ Im 17. und 18. Jahrhundert hingegen gebrauchte man, um dieſe, wie viele andere, Erſcheinungen zu erklären, das Wort spiritus vitales, welches, da die Begriffe fehlten, ſich zu rechter Zeit eingeſtellt hatte. Die wirklichen entfernteren Urſachen der Viſionen dieſer Art können, 25 wenn dieſer ihre Beziehung auf äußere Gefahren konſtatirt iſt, offenbar nicht bloß im Organismus liegen: wie weit wir die Art ihrer Verbindung mit der Außenwelt uns faßlich zu machen ver⸗ mögen werde ich weiterhin unterſuchen. 6) Viſionen, welche gar nicht mehr den Seher derſelben 20 betreffen und dennoch künftige, kürzere oder längere Zeit darauf eintretende Begebenheiten, genau und oft nach allen ihren Einzel⸗ heiten, unmittelbar darſtellen, ſind die jener ſeltenen Gabe, die man second sight, das zweite Geſicht, oder Deuteroſkopie nennt, eigenthümlichen. Eine reichhaltige Sammlung der Be⸗ 25 richte darüber enthält Horſt's Deuteroſkopie, 2 Bände, 1830: auch findet man neuere Thatſachen dieſer Gattung in verſchiedenen Bänden des Kieſer'ſchen Archivs für thieriſchen Magnetismus. Die ſeltſame Fähigkeit zu Viſionen dieſer Art iſt keineswegs aus⸗ schließlich in Schottland und Norwegen zu finden, ſondern kommt, 30 namentlich in Bezug auf Todesfälle, auch bei uns vor; worüber man Berichte in Jung⸗Stillings Theorie der Geiſterkunde § 153 u. f. f. findet. Auch die berühmte Prophezeiung des Cazotte ſcheint auf fo etwas zu beruhen. Sogar auch bei den Negern der Wüſte Sahara findet das zweite Geſicht ſich häufig vor. 35 (S. James Richardson, narrative of a mission to Central Africa, London 1853.) Ja, ſchon im Homer finden wir (Od. XX, 351—57) eine wirkliche Deuteroſkopie dargeſtellt, die ſogar eine ſeltſame Aehnlichkeit mit der Geſchichte des Cazotte hat. 299
Versuch über Geistersehn Desgleichen wird eine vollkommene Deuteroſkopie von Herodot erzählt, L. VIII, c. 65. — In dieſem zweiten Geſicht alſo erreicht die, hier wie immer zunächſt aus dem Organismus entſpringende Viſion den höchſten Grad von objektiver, realer Wahrheit und verräth dadurch eine von der gewöhnlichen, phyſiſchen, gänzlich [269] verſchiedene Art unſerer Verbindung mit der Außenwelt. Sie geht, als wachender Zuſtand, den höchſten Graden des ſomnam⸗ bulen Hellſehns parallel. Eigentlich iſt ſie ein vollkommenes Wahrträumen im Wachen, oder wenigſtens in einem Zus ſtande, der mitten im Wachen auf wenige Augenblicke eintritt. Auch iſt die Viſion des zweiten Geſichts, eben wie die Wahr⸗ träume, in vielen Fällen nicht theorematiſch, ſondern allegoriſch, oder ſymboliſch, jedoch, was höchſt merkwürdig iſt, nach feſt⸗ ſtehenden, bei allen Sehern in gleicher Bedeutung eintretenden Symbolen, die man im erwähnten Buche von Horſt, Bd. 1, ı5 S. 63 — 60, wie auch in Kieſers Archiv, Bd. VI, 3, S. 105 — 108 ſpecificirt findet. 7) Zu den eben betrachteten, der Zukunft zugekehrten Viſionen liefern nun das Gegenſtück diejenigen, welche das Vergangene, namentlich die Geſtalten ehemals lebender Perſonen, vor das im Wachen aufgehende Traumorgan bringen. Es iſt ziemlich gewiß, daß ſie veranlaßt werden können durch die in der Nähe befind⸗ lichen Ueberreſte der Leichen derſelben. Dieſe ſehr wichtige Er⸗ fahrung, auf welche eine Menge Geiſtererſcheinungen zurückzu⸗ führen ſind, hat ihre ſolideſte und ungemein ſichere Beglaubigung an einem Briefe vom Prof. Ehrmann, dem Schwiegerſohne des Dichters Pfeffel, welcher in extenso gegeben wird in Kieſers Archiv Bd. 10, H. 3, S. 15 ff.: Auszüge daraus aber findet man in vielen Büchern, z. B. in F. Fiſcher's Somnambulismus, Bd. 1, S. 246. Jedoch auch außerdem wird dieſelbe durch viele Fälle, welche auf ſie zurückzuführen ſind, beſtätigt: von dieſen will ich hier nur einige anführen. Zunächſt nämlich gehört dahin die in eben jenem Briefe, und auch aus guter Quelle, mitgetheilte Geſchichte vom Paſtor Lindner, welche ebenfalls in vielen Büchern wiederholt worden iſt, unter andern in der Seherin von Prevorſt (Bd. 2, S. 98 der erſten und S. 356 der 3. Aufl.); ferner iſt dieſer Art eine in dem angeführten Buche Fiſcher's (S. 252) von dieſem ſelbſt, nach Augenzeugen, mitgetheilte Geſchichte, die — 0 0 N 5 0 5 300 und was damit zusammenhängt. er zur Berichtigung eines kurzen, in der Seherin von Prevorſt (S. 358 der 3. Aufl.) befindlichen Berichts darüber erzählt. Sodann in G. J. Wenzel's „Unterhaltungen über die auf⸗ fallendeſten neuern Geiſtererſcheinungen“, 1800, finden wir, gleich [270] im erſten Kapitel, ſieben ſolche Erſcheinungsgeſchichten, die ſämmtlich die in der Nähe befindlichen Ueberreſte der Todten zum Anlaß haben. Die Pfeffel'ſche Geſchichte iſt die letzte dar unter: aber auch die übrigen tragen ganz den Charakter der Wahrheit und durchaus nicht den der Erfindung. Auch er⸗ 10 zählen ſie alle nur ein bloßes Erſcheinen der Geſtalt des Ver⸗ ſtorbenen, ohne allen weitern Fortgang, oder gar dramatiſchen Zuſammenhang. Sie verdienen daher, hinſichtlich der Theorie dieſer Phänomene, alle Berückſichtigung. Die rationaliſtiſchen Erklärungen, die der Verfaſſer dazu giebt, können dienen, die 15 gänzliche Unzulänglichkeit ſolcher Auflöſungen in helles Licht zu ſtellen. Hieher gehört ferner, im oben angeführten Buche des Brierre de Boismont, die 4. Beobachtung; nicht weniger manche der von den alten Schriftſtellern uns überlieferten Geiſter⸗ geſchichten, z. B. die vom jüngern Plinius (L. VII, epist. 27) 20 erzählte, welche ſchon deshalb merkwürdig iſt, daß ſie ſo ganz den ſelben Charakter tragt, wie unzählige aus der neuern Zeit. Ihr ganz ähnlich, vielleicht ſogar nur eine andere Verſion der⸗ felben, ift die, welche Lukianos, im Philopſeudes Kap. 31 vorträgt. Sodann iſt dieſer Art die Erzählung vom Damon, 27 in Plutarchs erſtem Kapitel des Kimon; ferner was Pauſanias (Attica I, 32) vom Schlachtfelde bei Marathon berichtet; wo⸗ mit zu vergleichen iſt, was Brierre S. 390 erzählt; endlich die Angaben des Suetonius im Kaligula, Kap. 39. Ueberhaupt möchten auf die in Rede ſtehende Erfahrung faſt alle die Fälle 30 zurückzuführen ſeyn, wo Geiſter ſtets an der ſelben Stelle er⸗ ſcheinen und der Spuk an eine beſtimmte Lokalität gebunden iſt, an Kirchen, Kirchhöfe, Schlachtfelder, Mordſtätten, Hochgerichte und jene deshalb in Verruf gekommenen Häuſer, die niemand be⸗ wohnen will, welche man hin und wieder immer antreffen wird: auch mir find in meinem Leben deren mehrere vorgekommen. Solche Lokalitäten ſind der Anlaß geweſen zu dem Buche des Jeſuiten Petrus Thyraeus: de infestis, ob molestantes daemoniorum et defunctoruni spiritus, locis. Köln 1598. — 301
Versuch über Geistersehn Aber die merkwürdigſte Thatſache dieſer Art liefert vielleicht die Obſerv. 77 des Brierre de Boismont. Als eine wohlzubeachtende Beſtätigung der hier gegebenen Erklärung ſo vieler Geiſtererſchei⸗ nungen, ja, als ein zu ihr führendes Mittelglied, iſt die Viſion einer Somnambule zu betrachten, die in Kerners Blättern aus Prevorſt, Samml. 10, S. 61, mitgetheilt wird: dieſer nämlich ſtellte ſich plötzlich eine, von ihr genau beſchriebene, häusliche Scene dar, die ſich vor mehr als 100 Jahren daſelbſt zugetragen haben mochte; da die von ihr beſchriebenen Perſonen vorhandenen Porträts glichen, die ſie jedoch nie geſehn hatte. Die hier in Betrachtung genommene wichtige Grund-Er⸗ fahrung ſelbſt aber, auf welche alle ſolche Vorgänge zurückführbar ſind, und die ich retrospective second sight benenne, muß als Urphänomen ſtehn bleiben; weil, ſie zu erklären, es uns bis jetzt noch an Mitteln fehlt. Inzwiſchen läßt ſie ſich in nahe Verbindung bringen mit einem andern, freilich eben ſo uner⸗ klärlichen Phänomen; wodurch jedoch ſchon viel gewonnen wird; da wir alsdann, ſtatt zweier unbekannter Größen, nur eine be⸗ halten; welcher Vortheil dem ſo gerühmten analog iſt, den wir durch Zurückführung des mineraliſchen Magnetismus auf die Elektricität erlangt haben. Wie nämlich eine in hohem Grade hellſehende Somnambule ſogar durch die Zeit nicht in ihrer Wahrnehmung beſchränkt wird, ſondern mitunter auch wirklich zukünftige und zwar ganz zufällig eintretende Vorgänge vorher⸗ ſieht; wie das Selbe, noch auffallender, von den Deuteroſkopiſten und Leichenſehern geleiſtet wird; wie alſo Vorgänge, die in unſere empiriſche Wirklichkeit noch gar nicht eingetreten ſind, dennoch, aus der Nacht der Zukunft heraus, ſchon auf dergleichen Per⸗ ſonen wirken und in ihre Perception fallen können; ſo können auch wohl Vorgänge und Menſchen, die doch ſchon ein Mal wirklich waren, wiewohl ſie es nicht mehr ſind, auf gewiſſe hiezu beſonders disponirte Perſonen wirken und alſo, wie jene eine Vorwirkung, eine Nachwirkung äußern; ja, Dieſes iſt weniger unbegreiflich, als Jenes, zumal wann eine ſolche Auffaſſung ver⸗ mittelt und eingeleitet wird, durch etwas Materielles, wie etwan die noch wirklich vorhandenen, leiblichen Ueberreſte der wahrge⸗ nommenen Perſonen, oder Sachen, die in genauer Verbindung mit ihnen geweſen, ihre Kleider, das von ihnen bewohnte Ge⸗ 302 1271] 10 8 0 8 5 0 Er 35 und was damit zusammenhängt. mach, oder woran ihr Herz gehangen, der verborgene Schatz; dem analog, wie die ſehr hellſehende Somnambule bisweilen nur durch irgend ein leibliches Verbindungsglied, z. B. ein Tuch, welches der Kranke einige Tage auf dem bloßen Leibe getragen 5 Gieſers Archiv, III, 3, S. 24), oder eine abgeſchnittene Haar⸗ [272] locke, mit entfernten Perſonen, über deren Geſundheitszuſtand ſie berichten ſoll, in Rapport geſetzt wird und dadurch ein Bild von ihnen erhält; welcher Fall dem in Rede ſtehenden nahe verwandt iſt. Dieſer Anſicht zufolge wären die an beſtimmte Lokalitäten, oder an die daſelbſt liegenden leiblichen Ueberreſte Verſtorbener, ſich knüpfenden Geiſtererſcheinungen nur die Wahrnehmungen einer rückwärts gekehrten, alſo der Vergangenheit zugewandten Deute⸗ roſkopie, — a retrospective second sight: ſie wären demnach ganz eigentlich, was ſchon die Alten (deren ganze Vorſtellung vom 15 Schattenreiche vielleicht aus Geiſtererſcheinungen hervorgegangen iſt: man ſehe Odyſſee XXIV.) ſie nannten, Schatten, umbrae, edo Nhe, — YEXUWY q Xapnva, — Inanes (von manere, gleichſam Ueberbleibſel, Spuren), alfo Nachklänge dageweſener Erſcheinungen dieſer unſerer in Zeit und Raum ſich darſtellenden Erſcheinungswelt, dem Traumorgan wahrnehmbar werdend, in ſeltenen Fällen während des wachen Zuſtandes, leichter im Schlaf, als bloße Träume, am leichteſten natürlich im tiefen magnetiſchen Schlafe, wann in ihm der Traum zum Schlafwachen und dieſes zum Hellſehn ſich geſteigert hat; aber auch in dem gleich Anfangs erwähnten natürlichen Schlafwachen, welches als ein Wahrträumen der nächſten Umgebung des Schlafenden be⸗ ſchrieben wurde und gerade durch das Eintreten ſolcher fremd⸗ artigen Geſtalten zuerſt als ein vom wachen Zuſtande verſchiedener ſich zu erkennen giebt. In dieſem Schlafwachen nämlich werden am häufigſten die Geſtalten eben geſtorbener Perſonen, deren Leiche noch im Hauſe iſt, ſich darſtellen; wie überhaupt eben dem Geſetz, daß dieſe rückwärts gekehrte Deuteroſkopie durch leibliche Ueber⸗ reſte der Todten eingeleitet wird, gemäß, die Geſtalt eines Ver⸗ ſtorbenen den dazu disponirten Perſonen, ſelbſt im wachen Zu⸗ 35 ſtande, am leichteſten erſcheinen kann, fo lange er noch nicht be⸗ ſtattet iſt; wiewohl fie auch dann immer nur durch das Traum⸗ organ wahrgenommen wird. Nach dem Geſagten verſteht es ſich von ſelbſt, daß einem 1 8 2 o 2 Da © 3 303
Versuch über Geistersehn auf dieſe Weiſe erfcheinenden Geſpenſte nicht die unmittelbare Realität eines gegenwärtigen Objekts beizulegen iſt; wiewohl ihm mittelbar doch eine Realität zum Grunde liegt: nämlich was man da ſieht iſt keineswegs der Abgeſchiedene ſelbſt, ſondern es iſt ein bloßes erdohov, ein Bild Deſſen, der ein Mal war, entſtehend im Traumorgan eines hiezu disponirten Menſchen; auf Anlaß irgend eines Ueberbleibſels, irgend einer zurückgelaſſenen Spur. Daſſelbe hat daher nicht mehr Realität, als die Er⸗ ſcheinung Deſſen, der ſich ſelbſt ſieht, oder auch von Andern dort wahrgenommen wird, wo er ſich nicht befindet. Fälle dieſer Art aber ſind durch glaubwürdige Zeugniſſe bekannt, von denen man einige in Horſt's Deuteroſkopie Bd. 2, Abſchn. 4 zuſammen⸗ geſtellt findet: auch der erwähnte von Goethe gehört dahin; des⸗ gleichen die nicht ſeltene Thatſache, daß Kranke, wann dem Tode nahe, ſich im Bette doppelt vorhanden wähnen. „Wie geht es?“ fragte hier vor nicht langer Zeit ein Arzt ſeinen ſchwer dar⸗ niederliegenden Kranken: „Jetzt beſſer, ſeitdem wir im Bette zwei ſind“, war die Antwort: bald darauf ſtarb er. — Demnach ſteht eine Geiſtererſcheinung der hier in Betrachtung genommenen Art zwar in objektiver Beziehung zum ehemaligen Zuſtand der ſich darſtellenden Perſon, aber keineswegs zu ihrem gegenwärtigen: denn dieſelbe hat durchaus keinen aktiven Theil daran; daher auch nicht auf ihre noch fortdauernde individuelle Exiſtenz daraus zu ſchließen iſt. Zu der gegebenen Erklärung ſtimmt auch, daß die ſo erſcheinenden Abgeſchiedenen in der Regel bekleidet und in der Tracht, die ihnen gewöhnlich war, geſehn werden; wie auch, daß mit dem Mörder der Gemordete, mit dem Reiter das Pferd erſcheint u. dgl. m. Den Viſionen dieſer Art ſind wahrſcheinlich auch die meiſten der von der Seherin zu Prevorſt geſehnen Geſpenſter beizuzählen, die Geſpräche aber, die fie mit ihnen geführt hat, als das Werk ihrer eigenen Einbildungskraft anzuſehn, die den Text zu dieſer ſtummen Proceſſion (dumb shew) und dadurch eine Erklärung derſelben, aus eigenen Mitteln, lieferte. Der Menſch iſt nämlich von Natur beſtrebt, ſich Alles was er ſieht irgendwie zu erklären, oder wenigſtens einigen Zuſammenhang hineinzubringen, ja es, in ſeinen Ge⸗ danken, reden zu laſſen; daher Kinder ſogar den lebloſen Dingen oft einen Dialog unterlegen. Demnach war die Seherin 304 [273] — 5 » 0 0 . und was damit zusammenhängt. ſelbſt, ohne es zu wiſſen, der Souffleur jener ihr erſcheinenden Geſtalten, wobei ihre Einbildungskraft in derjenigen Art unbe⸗ wußter Thätigkeit war, womit wir, im gewöhnlichen, bedeutungs⸗ loſen Traum, die Begebenheiten lenken und fügen, ja auch [274] wohl bisweilen den Anlaß dazu von objektiven, zufälligen Um: 1 1 2 2 3 3 ſtänden, etwan einem im Bette gefühlten Druck, oder einem von außen zu uns gelangenden Ton, oder Geruch u. ſ. w. nehmen, welchen gemäß wir ſodann lange Geſchichten träumen. Um dieſe D A D A © Dramaturgie der Seherin ſich zu erläutern, ſehe man was in Kieſers Archiv, Bd. 11, H. 1, S. 121, Bende Bendſen von ſeiner Somnambule erzählt, welcher, im magnetiſchen Schlafe, bisweilen ihre lebenden Bekannten erſchienen, wo ſie dann, mit lauter Stimme, lange Geſpräche mit ihnen führte. Daſelbſt heißt es: „Unter den vielen Geſprächen, welche ſie mit Abweſen⸗ „den hielt, iſt das nachſtehende charakteriſtiſch. Während der „vermeintlichen Antworten ſchwieg ſie, ſchien mit geſpannter „Aufmerkſamkeit, wobei ſie ſich im Bette erhob und den Kopf „nach einer beſtimmten Seite drehte, den Antworten der Andern „zuzuhören und rückte dann mit ihren Einwendungen dagegen „an. Sie dachte ſich hier die alte Karen, mit ihrer Magd, „gegenwärtig und ſprach abwechſelnd bald mit dieſer, bald mit „jener. — — — — Die ſcheinbare Zerſpaltung der eigenen „Perſönlichkeit in drei verſchiedene, wie dies im Traum gewöhn⸗ „lich iſt, gieng hier ſo weit, daß ich die Schlafende damals gar „nicht davon überzeugen konnte, ſie mache alle drei Perſonen „ſelbſt.“ Dieſer Art alſo find, meiner Meinung nach, auch die Geiſtergeſpräche der Seherin von Prevorſt, und findet dieſe Erklärung eine ſtarke Beſtätigung an der unausſprechlichen Ab⸗ geſchmacktheit des Textes jener Dialoge und Dramen, welche allein dem Vorſtellungskreiſe eines unwiſſenden Gebirgsmädchens und der ihr beigebrachten Volksmetaphyſik entſprechen, und wel⸗ A chen eine objektive Realität unterzulegen, nur unter Vorausſetzung einer ſo gränzenlos abſurden, ja empörend dummen Weltordnung möglich iſt, daß man ihr anzugehören ſich fchämen müßte. — Hätte der ſo befangene und leichtgläubige Juſt. Kerner nicht im Stillen doch eine leiſe Ahndung von dem hier angegebenen Ur⸗ ſprunge jener Geiſterunterredungen gehabt; ſo würde er nicht, mit ſo unverantwortlicher Leichtfertigkeit, überall und jedesmal 305
Versuch über Geistersehn unterlaſſen haben, den von den Geiftern angezeigten, materiellen Gegenſtänden, z. B. Schreibzeugen in Kirchenkellern, goldenen Ketten in Burggewölben, begrabenen Kindern in Pferdeſtällen, mit allem Ernſt und Eifer nachzuſuchen, ſtatt ſich durch die leichteſten Hinderniſſe davon abhalten zu laſſen. Denn Das hätte Licht auf die Sachen geworfen. Ueberhaupt bin ich der Meinung, daß die allermeiſten wirk⸗ lich geſehnen Erſcheinungen Verſtorbener zu dieſer Kategorie der Viſionen gehören und ihnen demnach zwar eine vergangene, aber keineswegs eine gegenwärtige, geradezu objektive Realität ent⸗ ſpricht: ſo z. B. der Erſcheinung des Präſidenten der Berliner Akademie, Maupertuis, im Saale derſelben geſehn vom Botaniker Gleditſch; welches Nikolai in ſeiner ſchon erwähnten Vorleſung vor eben dieſer Akademie anführt; desgleichen die von Walter Scott in der Edinb. Review vorgetragene und von Horſt in der Deuteroſkopie Bd. 1, S. 113 wiederholte Geſchichte von dem Landammann in der Schweiz, der, in die öffentliche Biblio⸗ thek tretend, ſeinen Vorgänger, in feierlicher Rathsverſammlung, von lauter Verſtorbenen umgeben, auf dem Präſidentenſtuhl ſitzend erblickt. Auch geht aus einigen, hieher gehörigen Erzählungen hervor, daß der objektive Anlaß zu Viſionen dieſer Art nicht nothwendig das Skelett, oder ein ſonſtiges Ueberbleibſel eines Leichnams ſeyn muß, ſondern daß auch andere, mit dem Ver⸗ ſtorbenen in naher Berührung geweſene Dinge dies vermögen: ſo 3. B. finden wir, in dem oben angeführten Buche von G. J. Wenzel, unter den 7 hieher gehörigen Geſchichten 6, wo die Leiche, aber eine, wo der bloße, ſtets getragene Rock des Verſtorbenen, der gleich nach deſſen Tode eingeſchloſſen wurde, nach mehreren Wochen, beim Hervorholen, ſeine leibhaftige Erſcheinung vor der darüber entſetzten Wittwe veranlaßt. Und ſonach könnte es ſeyn, daß auch leichtere, unſern Sinnen kaum mehr wahrnehmbare Spuren, wie z. B. längſt vom Boden eingeſogene Blutstropfen, oder vielleicht gar das bloße von Mauern eingefchloffene Lokal, wo Einer, unter großer Angſt, oder Verzweiflung, einen gewaltſamen Tod erlitt, hinreichten, in dem dazu Prädisponirten eine ſolche rückwärts gekehrte Deuteroſkopie hervorzurufen. Hiemit mag auch die von Lukian (Philopſeudes Kap. 29) angeführte Meinung der Alten zuſammen⸗ hängen, daß bloß die eines gewaltſamen Todes Geſtorbenen er⸗ 306 [275] — vw * 3 ws 5 0 0 5 0 5 und was damit zusammenhängt. ſcheinen könnten. Nicht minder könnte wohl ein vom Verſtorbe⸗ nen vergrabener und ſtets ängftlich bewachter Schatz, an welchen noch ſeine letzten Gedanken ſich hefteten, den in Rede ſtehenden objektiven Anlaß zu einer ſolchen Viſion abgeben, die dann, 12760 möglicherweiſe, ſogar lukrativ ausfallen könnte. Die beſagten objektiven Anläſſe ſpielen bei dieſem durch das Traumorgan ver⸗ mittelten Erkennen des Vergangenen gewiſſermaaßen die Rolle, welche bei dem normalen Denken der nexus idearum feinen Gegenſtänden ertheilt. Uebrigens gilt von den hier in Rede 10 ſtehenden, wie von allen im Wachen durch das Traumorgan möglichen Wahrnehmungen, daß ſie leichter unter der Form des Hörbaren, als des Sichtbaren ins Bewußtſeyn kommen; daher die Erzählungen von Tönen, die an dieſem, oder jenem Orte bis⸗ weilen gehört werden, viel häufiger ſind, als die von ſichtbaren 15 Erſcheinungen. Wenn nun aber, bei einigen Beiſpielen der hier in Betrach⸗ tung genommenen Art, erzählt wird, die erſcheinenden Verſtor⸗ benen hätten dem ſie Schauenden gewiſſe, bis dahin unbekannte Thatſachen revelirt; ſo iſt Dies zuvörderſt nur auf die ſicherſten 20 Zeugniſſe hin anzunehmen und bis dahin zu bezweifeln: ſodann aber ließe es ſich allenfalls doch noch, durch gewiſſe Analogien mit dem Hellſehn der Somnambulen, erklären. Manche Som⸗ nambulen nämlich haben, in einzelnen Fällen, den ihnen vor⸗ geführten Kranken geſagt, durch welchen ganz zufälligen Anlaß 25 dieſe, vor langer Zeit, ſich ihre Krankheit zugezogen hätten, und haben ihnen dadurch den faſt ganz vergeſſenen Vorfall ins Ge⸗ dächtniß zurückgerufen. (Beiſpiele dieſer Art ſind, in Kieſers Archiv Bd. 3, Stck. 3, S. 70, der Schreck vor dem Fall von einer Leiter, und, in J. Kerners Geſchichte zweier Somnambulen 30 S. 189, die dem Knaben gemachte Bemerkung, er habe in frü⸗ herer Zeit bei einer epileptiſchen Perſon geſchlafen.) Auch gehört hieher, daß einige Hellſehende aus einer Haarlocke, oder dem ge⸗ tragenen Tuch eines von ihnen nie geſehnen Patienten, ihn und feinen Zuſtand richtig erkannt haben. In den Reiſeerinnerungen 35 aus London und Paris von Merck, Hamburg 1852, iſt erzählt, wie Alexis aus einem Brief die gegenwärtige Lage des Schreibers und aus einer alten Nadeltaſche die der verſtorbenen Geberin genau er⸗ 307
Versuch über Geistersehn kennt. — Alſo beweiſen ſelbſt Revelationen nicht ſchlechthin die An⸗ weſenheit eines Verſtorbenen. Imgleichen läßt ſich, daß die erſcheinende Geſtalt eines Ver⸗ ſtorbenen bisweilen von zwei Perſonen geſehn und gehört worden, auf die bekannte Anſteckungsfähigkeit ſowohl des Somnambulismus, 5 als auch des zweiten Geſichts, zurückführen. Sonach hätten wir, unter gegenwärtiger Nummer, wenigſtens den größten Theil der beglaubigten Erſcheinungen der Geſtalten [277] Verſtorbener inſofern erklärt, als wir ſie zurückgeführt haben auf einen gemeinſchaftlichen Grund, die retroſpektive Deuteroſkopie, 10 welche in vielen ſolcher Fälle, namentlich in den Anfangs dieſer Nummer angeführten, nicht wohl geleugnet werden kann. — Hingegen iſt ſie ſelbſt eine höchſt ſeltſame und unerklärte That⸗ ſache. Mit einer Erklärung dieſer Art müſſen wir aber in manchen Dingen uns begnügen; wie denn z. B. das ganze große 13 Gebäude der Elektricitätslehre bloß aus einer Unterordnung mannigfaltiger Phänomene unter ein völlig unerklärt bleibendes Urphänomen beſteht. N 8) Der lebhafte und ſehnſüchtige Gedanke eines Andern an uns vermag die Viſion feiner Geſtalt in unſerm Gehirn zu er- 20 regen, nicht als bloßes Phantasma, ſondern ſo, daß ſie, leib⸗ haftig und von der Wirklichkeit ununterſcheidbar, vor uns ſteht. Namentlich ſind es Sterbende, die dieſes Vermögen äußern und daher in der Stunde ihres Todes ihren abweſenden Freunden erſcheinen, ſogar mehreren, an verſchiedenen Orten, zugleich. 27 Der Fall iſt ſo oft und von ſo verſchiedenen Seiten erzählt und beglaubigt worden, daß ich ihn unbedenklich als thatſächlich be⸗ gründet nehme. Ein ſehr artiges und von diſtinguirten Perſonen vertretenes Beiſpiel findet man in Jung⸗Stillings Theorie der Geiſterkunde, $ 198. Zwei beſonders frappante Fälle find ferner die Geſchichte der Frau Kahlow, im oben erwähnten Buch von Wenzel, S. 11, und die vom Hofprediger, im ebenfalls er⸗ wähnten Buche von Hennings, S. 329. Als ein ganz neuer mag hier folgender ſtehn: Vor Kurzem ſtarb, hier in Frankfurt, im jüdiſchen Hospitale, bei Nacht, eine kranke Magd. Am folgenden Morgen ganz früh trafen ihre Schweſter und ihre Nichte, von denen die Eine hier, die Andere eine Meile von hier wohnt, bei der Herrſchaft derſelben ein, um nach ihr zu fragen; weil 0 w 5 w 308 und was damit zusammenhängt. fie ihnen beiden in der Nacht erfchienen war. Der Hospital⸗ aufſeher, auf deſſen Bericht dieſe Thatſache beruht, verſicherte, daß ſolche Fälle öfter vorkämen. Daß eine hellſehende Som⸗ nambule, die während ihres am höchſten geſteigerten Hellſehns 5 allemal in eine, dem Scheintode ähnliche Katalepſie verfiel, ihrer Freundin leibhaftig erſchienen ſei, berichtet die ſchon erwähnte „Geſchichte der Auguſte Müller in Karlsruhe“, und wird nach⸗ erzählt in Kieſers Archiv, III, 3, S. 118. Eine andere ab⸗ [278] ſichtliche Erſcheinung der ſelben Perſon, wird, aus vollkommen zo glaubwürdiger Quelle, mitgetheilt in Kieſers Archiv, VI, 1, S. 34. — Viel ſeltener hingegen iſt es, daß Menſchen, bei voller Geſundheit, dieſe Wirkung hervorzubringen vermögen: doch fehlt es auch darüber nicht an glaubwürdigen Berichten. Den älteſten giebt St. Auguſtinus, zwar aus zweiter, aber, ſeiner Verſicherung nach, ſehr guter Hand, de civit. Dei XVIII, 18, im Verfolg der Worte: Indicavit et alius se domi suae etc. Hier erſcheint nämlich was der Eine träumt dem Andern im Wachen als Viſion, die er für Wirklichkeit hält: und einen die⸗ ſem Fall vollkommen analogen theilt der in Amerika erſcheinende 20 Spiritual Telegraph, vom 23. September 1854, mit (ohne daß er den des Auguſtinus zu kennen ſcheint), wovon Dupotet die franzöſiſche Ueberſetzung giebt in feinem Trait& complet du magnetisme, 3. édit., p. 561. Ein neuerer Fall der Art iſt dem zuletzt angeführten Bericht in Kieſers Archiv (VI, 1, 35) beigefügt. Eine wunderbare hieher gehörige Geſchichte erzählt Jung⸗Stilling in ſeiner Theorie der Geiſterkunde, § 101, je⸗ doch ohne Angabe der Quelle. Mehrere giebt Horſt in ſeiner Deuteroſkopie Bd. 2, Abſchn. 4. Aber ein höchſt merkwürdiges Beiſpiel der Fähigkeit zu ſolchem Erſcheinen, noch dazu vom Vater auf den Sohn vererbt und von Beiden ſehr häufig, auch ohne es zu beabſichtigen, ausgeübt, ſteht in Kieſers Archiv Bd. VII, H. 3, S. 158. Doch findet ſich ein älteres, ihm ganz ähnliches, in Zeibich's „Gedanken von der Erſcheinung der Geiſter“ 1776, S. 29, und wiederholt in Hennings „von Geiſtern und Geiſter⸗ 35 fehern” S. 746. Da beide gewiß unabhängig von einander erzählt worden, dienen ſie ſich gegenſeitig zur Beſtätigung, in dieſer ſo höchſt wunderbaren Sache. Auch in Naſſe's Zeitſchrift für Anthropologie, IV, 2, S. 111, wird vom Prof. Groh⸗ I A 2 A D 3 309
Versuch über Geistersehn mann ein ſolcher Fall mitgetheilt. Ebenfalls in Horace Welby's signs before death, London 1825, findet man einige Beiſpiele von Erſcheinungen lebender Menſchen an Orten, wo ſie nur mit ihren Gedanken gegenwärtig waren: z. B. S. 45, 88. Beſonders glaubwürdig ſcheinen die von dem grundehrlichen Bende Bendſen, in Kieſers Archiv, VIII, 3, S. 120, unter der Ueberſchrift „Doppel⸗ gänger“ erzählten Fälle dieſer Art. — Den hier in Rede ſtehenden, im Wachen Statt findenden Viſionen entſprechen im ſchlafenden Zuſtande die ſympathetiſchen, d. h. ſich in distans mittheilenden Träume, welche demnach von Zweien zur ſelben Zeit und ganz gleichmäßig geträumt werden. Von dieſen ſind die Beiſpiele bekannt genug: eine gute Sammlung derſelben findet man in E. Fabius de somniis $ 21, und darunter ein beſonders artiges, in holländiſcher Sprache erzähltes. Ferner ſteht in Kieſers Archiv, Bd. VI, H. 2, S. 135, ein überaus merkwürdiger Auf⸗ ſatz von H. M. Weſermann, der 5 Fälle berichtet, in welchen er abſichtlich, durch ſeinen Willen, genau beſtimmte Träume in Andern bewirkt hat: da nun aber, im letzten dieſer Fälle, die betreffende Perſon noch nicht zu Bette gegangen war, hatte ſie, nebſt einer andern gerade bei ihr befindlichen, die beabſichtigte Erſcheinung im Wachen und ganz wie eine Wirklichkeit. Folg⸗ lich iſt, wie in ſolchen Träumen, ſo auch in den wachenden Viſionen dieſer Klaſſe, das Traumorgan das Medium der Anſchauung. Als Verbindungsglied beider Arten iſt die oben er⸗ wähnte von St. Auguſtinus mitgetheilte Geſchichte zu betrachten; ſofern daſelbſt dem Einen im Wachen erſcheint was der Andere zu thun bloß träumt. Zwei derſelben ganz gleichartige Fälle findet man in Hor. Welby's signs before death, p. 266 und p. 297; letztern aus Sinclair's invisible world entnommen. Offenbar alſo entſtehn die Viſionen dieſer Art, ſo täuſchend und leibhaftig ſich auch in ihnen die erſcheinende Perſon darſtellt, keineswegs mittelſt Einwirkung von außen auf die Sinne, ſon⸗ dern vermöge einer magiſchen Wirkung des Willens Desjeni⸗ gen, von dem ſie ausgehn, auf den Andern, alſo auf das Weſen an ſich eines fremden Organismus, der dadurch, von innen aus, eine Veränderung erleidet, die nunmehr, auf ſein Gehirn wir⸗ kend, daſelbſt das Bild des ſolchermaaßen Einwirkenden eben ſo lebhaft erregt, wie eine Einwirkung mittelſt der, von deſſen Leibe 310 » 0 ss und was damit zusammenhängt. _ auf die Augen des Andern zurückgeworfenen Lichtſtrahlen es nur irgend könnte. Eben die hier zur Sprache gebrachten Doppelgänger, als bei welchen die erſcheinende Perſon offenkundig am Leben, aber y abweſend iſt, auch in der Regel von ihrer Erſcheinung nicht weiß, geben uns den richtigen Geſichtspunkt für die Erſcheinungen Sterbender und Geſtorbener, alſo die eigentlichen Geiſtererſchei⸗ nungen, an die Hand, indem ſie uns lehren, daß eine unmittel⸗ bare reale Gegenwart, wie die eines auf die Sinne wirkenden 10 Körpers, keineswegs eine nothwendige Vorausſetzung derſelben ſei. Gerade dieſe Vorausſetzung aber iſt der Grundfehler aller früheren Auffaſſungen der Geiſtererſcheinungen, ſowohl bei der Be⸗ ſtreitung, als bei der Behauptung derſelben. Jene Vorausſetzung beruht nun wieder darauf, daß man ſich auf den Standpunkt [280) des Spiritualismus, ſtatt auf den des Idealismus, geftellt hatte.“) Jenem nämlich gemäß gieng man aus von der völlig unberechtigten Annahme, daß der Menſch aus zwei grundver⸗ ſchiedenen Subſtanzen beſtehe, einer materiellen, dem Leibe, und einer immateriellen, der ſogenannten Seele. Nach der im Tode 20 eingetretenen Trennung beider ſollte nun die letztere, obwohl immateriell, einfach und unausgedehnt, doch noch im Raume exiſtiren, nämlich ſich bewegen, einhergehn und dabei von außen auf die Körper und ihre Sinne einwirken, gerade wie ein Körper, und demgemäß auch eben wie ein ſolcher ſich darſtellen; wobei 25 dann freilich die ſelbe reale Gegenwart im Raume, die ein von uns geſehner Körper hat, die Bedingung iſt. Dieſer durchaus unhaltbaren, ſpiritualiſtiſchen Anſicht von den Geiſtererſcheinungen gelten alle vernünftigen Beſtreitungen derſelben und auch Kants kritiſche Beleuchtung der Sache, welche den erſten, oder theo⸗ 30 retiſchen Theil feiner „Träume eines Geiſterſehers, erläutert durch Träume der Metaphyſik“ ausmacht. Dieſe ſpiritualiſtiſche Anſicht alſo, dieſe Annahme einer immateriellen und doch lokomo⸗ tiven, imgleichen, nach Weiſe der Materie, auf Körper, mithin auch auf die Sinne wirkenden Subſtanz, hat man, um eine 35 richtige Anſicht von allen hieher gehörigen Phänomenen zu erlangen, ganz aufzugeben und, ſtatt ihrer, den idealiſtiſchen Standpunkt ) Vergleiche „Welt als Wille und Vorſtellung“ Bd. 2, S. 15 [3. Aufl. S. 16]. 21 Schopenhauer, Werke V 311
Versuch über Geistersehn zu gewinnen, von welchem aus man dieſe Dinge in ganz anderm Lichte erblickt und ganz andere Kriterien ihrer Möglichkeit erhält. Hiezu den Grund zu legen iſt eben der Zweck gegenwärtiger Abhandlung. 9) Der letzte in unſere Betrachtung eingehende Fall nun s wäre, daß die unter der vorigen Nummer beſchriebene, magiſche Einwirkung auch noch nach dem Tode ausgeübt werden könnte, wodurch dann eine eigentliche Geiſtererſcheinung, mittelſt direkter Einwirkung, alſo gewiſſermaaßen die wirkliche, perſönliche Gegen⸗ wart eines bereits Geſtorbenen, welche auch Rückwirkung auf ihn zuließe, Statt fände. Die Ableugnung a priori jeder Möglichkeit dieſer Art und das ihr angemeſſene Verlachen der entgegengeſetzten Behauptung kann auf nichts Anderm beruhen, als auf der Ueber⸗ zeugung, daß der Tod die abſolute Vernichtung des Menſchen ſei; es wäre denn, daß fie ſich auf den proteſtantiſchen Kirchenglauben 18 ſtützte, nach welchem Geiſter darum nicht erſcheinen können, weil [281] ſie, gemäß dem während der wenigen Jahre des irdiſchen Lebens gehegten Glauben oder Unglauben, entweder dem Himmel, mit ſeinen ewigen Freuden, oder der Hölle, mit ihrer ewigen Quaal, gleich nach dem Tode, auf immer zugefallen ſeien, aus Beiden 20 aber nicht zu uns heraus können; daher, dem proteſtantiſchen Glauben gemäß, alle dergleichen Erſcheinungen von Teufeln, oder von Engeln, nicht aber von Menſchengeiſtern, herrühren; wie dies ausführlich und gründlich auseinandergeſetzt hat Lavater, de spectris, Genevae 1580, pars II, cap. 3 et 4. Die katholiſche Kirche hingegen, welche ſchon im 6. Jahrhundert, namentlich durch Gregor den Großen, jenes abſurde und empörende Dogma, ſehr einſichtsvoll, durch das zwiſchen jene deſperate Alternative einge⸗ ſchobene Purgatorium verbeſſert hatte, läßt die Erſcheinung der in dieſem vorläufig wohnenden Geiſter, und ausnahmsweiſe auch anderer, zu; wie ausführlich zu erſehn aus dem bereits genannten Petrus Thyraeus, de locis infestis, pars I, cap. 3, sqq. Die Proteſtanten ſahen, durch obiges Dilemma, ſich ſogar genöthigt, die Exiſtenz des Teufels auf alle Weiſe feſtzuhalten, bloß weil ſie zur Erklärung der nicht abzuleugnenden Geiſtererſcheinungen ſeiner durchaus nicht entrathen konnten: daher wurden, noch im Anfang des vorigen Jahrhunderts, die Leugner des Teufels Adaemonistae genannt, faſt mit dem ſelben pius horror, wie — 0 8 5 0 = KR 5 312 und was damit zusammenhängt. noch heut zu Tage die Atheistae: und zugleich wurden demgemäß, z. B. in C. F. Romani schediasma polemicum, an. dentur spectra, magi et sagae, Lips. 1703, gleich von vorn herein die Geſpenſter definirt als apparitiones et territiones Diaboli 5 externae, quibus corpus, aut aliud quid in sensus incürrens sibi assumit, ut homines infestet. Vielleicht hängt ſogar es hiemit zuſammen, daß die Hexenproceſſe, welche bekanntlich ein Bündniß mit dem Teufel vorausſetzen, viel häufiger bei den Proteſtanten, als bei den Katholiken geweſen ſind. — Jedoch von zo dergleichen mythologiſchen Anſichten abſehend ſagte ich oben, daß die Verwerfung a priori der Möglichkeit einer wirklichen Er⸗ ſcheinung Verſtorbener allein auf die Ueberzeugung, daß durch den Tod das menſchliche Weſen ganz und gar zu nichts werde, ſich gründen könne. Denn ſo lange dieſe fehlt, iſt nicht abzuſehn, 15 warum ein Weſen, das noch irgendwie eriftirt, nicht auch ſollte irgendwie ſich manifeſtiren und auf ein anderes, wenn gleich in einem andern Zuſtande befindliches, einwirken können. Daher iſt es ſo folgerecht, wie naiv, daß Lukianos, nachdem er erzählt hat, wie Demokritos ſich durch eine ihn zu ſchrecken veranſtaltete 20 Geiſtermummerei keinen Augenblick hatte irre machen laſſen, hin⸗ zufügt: oo ro Be, erioreus, hende v eıvar Tag ıbuyag ext, edw yevopsvag. ray ouparay. (adeo persuasum habebat, nihil adhuc esse animas a corpore separatas.) Philops. 32. — Iſt hingegen am Menſchen, außer der Materie, noch irgend etwas 25 Unzerſtörbares; ſo iſt wenigſtens a priori nicht einzuſehn, daß jenes, welches die wundervolle Erſcheinung des Lebens hervor⸗ brachte, nach Beendigung derſelben, jeder Einwirkung auf die noch Lebenden durchaus unfähig ſeyn ſollte. Die Sache wäre demnach allein a posteriori, durch die Erfahrung, zu entſcheiden: 30 Dies aber iſt um fo ſchwieriger, als, abgeſehn von allen abe 1282] ſichtlichen und unabſichtlichen Täuſchungen der Berichterſtatter, ſelbſt die wirkliche Viſion, in welcher ein Verſtorbener ſich dar⸗ ſtellt, gar wohl einer der bis hieher von mir aufgezählten acht Arten angehören kann; daher es vielleicht ſich immer ſo verhalten 35 mag. Ja, ſelbſt in dem Falle, daß eine ſolche Erſcheinung Dinge offenbart hat, die Keiner wiſſen konnte; ſo wäre, in Folge der, am Schluß der Nr. 7 gegebenen Auseinanderſetzung, Dies viel⸗ leicht doch noch als die Form, welche die Revelation eines ſpon⸗ 21˙ 313
Versuch über Geistersehn tanen fomnambulen Hellſehns hier angenommen hätte, auszulegen; obgleich das Vorkommen eines ſolchen im Wachen, oder auch nur mit vollkommener Erinnerung aus dem ſomnambulen Zuſtande, wohl nicht ſicher nachzuweiſen iſt, ſondern dergleichen Offenbarungen, ſo viel mir bekannt, allenfalls nur durch Träume gekommen ſind. Inzwiſchen kann es Umſtände geben, die auch eine ſolche Auslegung unmöglich machen. Heut zu Tage daher, wo Dinge dieſer Art mit viel mehr Unbefangenheit als jemals angeſehn, folglich auch dreiſter mitgetheilt und beſprochen werden, dürfen wir wohl hoffen, über dieſen Gegenſtand entſcheidende Erfahrungsaufſchlüſſe zu erhalten. Manche Geiſtergeſchichten find allerdings fo beſchaffen, daß jede anderartige Auslegung große Schwierigkeit hat; ſobald man ſie nicht für gänzlich erlogen hält. Gegen dies Letztere aber ſpricht in vielen Fällen theils der Charakter des urſprünglichen Erzählers, theils das Gepräge der Redlichkeit und Aufrichtigkeit, welches ſeine Darſtellung trägt, mehr als Alles jedoch die voll⸗ kommene Aehnlichkeit in dem ganz eigenthümlichen Hergang und Beſchaffenheit der angeblichen Erſcheinungen, ſo weit aus einander auch die Zeiten und Länder liegen mögen, aus denen die Ber richte ſtammen. Dieſes wird am Auffallendeſten, wann es ganz beſondere Umſtände betrifft, welche erſt in neuerer Zeit, in Folge des magnetiſchen Somnambulismus und der genaueren Beobachtung aller dieſer Dinge, als bei Viſionen bisweilen Statt findend, erkannt worden ſind. Ein Beiſpiel dieſer Art iſt anzu⸗ treffen in der höchſt verfänglichen Geiſtergeſchichte, vom J. 1697, die Brierre de Boismont in ſeiner Obſerv. 120 erzählt: es iſt der Umſtand, daß dem Jünglinge der Geiſt ſeines Freun⸗ des, obwohl er / Stunden mit ihm ſprach, immer nur feiner obern Hälfte nach ſichtbar war. Dieſes theilweiſe Erſcheinen menſchlicher Geſtalten nämlich hat ſich in unſerer Zeit beſtätigt, als eine bei Viſionen ſolcher Art bisweilen vorkommende Eigen⸗ thümlichkeit; daher auch Brierre, S. S. 454 und 474 ſeines Buches, dieſelbe, ohne Beziehung auf jene Geſchichte, als ein nicht ſeltenes Phänomen anführt. Auch Kieſer (Archiv, III, 2, 139) berichtet den ſelben Umſtand vom Knaben Arſt, ſchreibt ihn jedoch dem vorgeblichen Sehn mit der Naſenſpitze zu. Demnach liefert dieſer Umſtand, in der oben erwähnten Geſchichte, den 314 — 0 — 5 1283 und was damit zusammenhängt. Beweis, daß jener Jüngling die Erſcheinung wenigſtens nicht erlogen hatte: dann aber iſt es ſchwer dieſelbe anders, als eben aus der ihm früher verſprochenen und jetzt geleiſteten Einwir⸗ kung ſeines am Tage vorher, in einer fernen Gegend ertrunkenen „Freundes zu erklären. — Ein anderer Umſtand der beſagten Art iſt das Verſchwinden der Erſcheinungen, ſobald man die Auf⸗ merkſamkeit abſichtlich auf ſie heftet. Dies liegt nämlich ſchon in der bereits oben erwähnten Stelle des Pauſanias, über die hörbaren Erſcheinungen auf dem Schlachtfelde bei Marathon, 10 welche nur von den zufällig dort Anweſenden, nicht aber von den abſichtlich dazu Hingegangenen vernommen wurden. Analoge Be⸗ obachtungen aus neueſter Zeit finden wir an mehreren Stellen der Seherin von Prevorſt (z. B. Bd. 2, S. 10; und S. 38), wo es daraus erklärt wird, daß, was durch das Ganglienſyſtem 15 wahrgenommen wurde, vom Gehirn ſogleich wieder weggeſtritten wird. Meiner Hypotheſe zufolge würde es aus der plötzlichen Umkehrung der Richtung der Vibration der Gehirnfibern zu er klären ſeyn. — Beiläufig will ich hier eine ſehr auffallende Uebereinſtimmung jener Art bemerklich machen: Photius näm⸗ 20 lich in feinem Artikel Damaſeius ſagt: on bega, Teoporpav exauca Hua Tapaoyorarny" ,%jV Yap Eyyzouoa ανοννοοο rormpw cr ro baAway, C xara Tou vÖRTOG eic ToUu TOTIPLOV TR DAORATL TOV ETOREYWY TTPAYMATOV, Kal TEPOUÄEYEY ano ng odeug auta, ANS ehh D evsoImı rayrag 7 de 25 cetp TOD TPaYpaTog oe eradev Apac. Genau das Selbe, fo unbegreiflich es ift, wird von der Seherin von Prevorſt be richtet, S. 87 der 3. Aufl. — Der Charakter und Typus der Geiſtererſcheinungen iſt ein fo feft beſtimmter und eigenthümlicher, daß der Geübte beim Leſen einer ſolchen Geſchichte beurtheilen [284) kann, ob fie eine erfundene, oder auch auf optiſcher Täuſchung beruhende, oder aber eine wirkliche Viſion geweſen ſei. Es iſt wünſchenswerth und ſteht zu hoffen, daß wir bald eine Samm⸗ lung Chineſiſcher Geſpenſtergeſchichten erhalten mögen, um zu ſehn, ob ſie nicht auch, im Weſentlichen, ganz den ſelben Typus 35 und Charakter wie die unferigen, tragen und ſogar in den Nebenumſtänden und Einzelheiten eine große Uebereinſtimmung zeigen; welches alsdann, bei ſo durchgängiger Grundverſchiedenheit der Sitten und Glaubenslehren, eine ſtarke Beglaubigung des in 315
Versuch über Geistersehn Rede ſtehenden Phänomens überhaupt abgeben würde. Daß die Chineſen von der Erſcheinung eines Verſtorbenen und den von ihm ausgehenden Mittheilungen ganz die ſelbe Vorſtellung haben, wie wir, iſt erſichtlich aus der, wenn auch dort nur fingirten Geiſtererſcheinung in der Chineſiſchen Novelle Hing⸗Lo⸗Tu, ou la peinture mystérieuse, überſetzt von Stanislas Julien, und mitgetheilt in deſſen Orphelin de la Chine, accompagné de Nouvelles et de poésies, 1834. — Ebenfalls mache ich in dieſer Hinſicht darauf aufmerkſam, daß die meiſten der die Charakteriſtik des Geiſterſpuks ausmachenden Phänomene, wie ſie in den oben angeführten Schriften von Hennings, Wenzel, Teller u. ſ. w., ſodann ſpäter von Juſt. Kerner, Horſt und vielen andern beſchrieben werden, ſich ſchon ganz eben ſo finden in ſehr alten Büchern, z. B. in dreien, mir eben vorliegenden, aus dem 16. Jahrhundert, nämlich Lavater de spectris, Thyraeus de locis infestis, und de spectris et apparitionibus Libri duo, Eisleben 1597, anonym, 500 Seiten in 4.: dergleichen Phänomene ſind z. B. das Klopfen, das ſcheinbare Verſuchen verſchloſſene Thüren zu forciren, auch ſolche, die gar nicht verſchloſſen ſind, der Knall eines ſehr ſchweren, im Hauſe herabfallenden Gewich⸗ tes, das lärmende Umherwerfen alles Geräthes in der Küche, oder des Holzes auf dem Boden, welches nachher ſich in völliger Ruhe und Ordnung vorfindet, das Zuſchlagen von Weinfäſſern, das deutliche Vernageln eines Sarges, wann ein Hausgenoſſe ſterben wird, die ſchlürfenden, oder tappenden Tritte im finſtern Zimmer, das Zupfen an der Bettdecke, der Modergeruch, das Verlangen erſcheinender Geiſter nach Gebet, u. dgl. m., während nicht zu vermuthen ſteht, daß die, meiſtens ſehr illitteraten Urheber der modernen Ausſagen jene alten, ſeltenen, lateiniſchen Schriften geleſen hätten. Unter den Argumenten für die Wirklichkeit der Geiſtererſcheinungen verdient auch der Ton des Unglaubens, in welchem die gelehrten Erzähler aus zweiter Hand ſie vortragen, erwähnt zu werden; weil er, in der Regel, das Gepräge des Zwanges, der Affektation und Heuchelei ſo deutlich trägt, daß — — 2 A 0 5 0 0 der dahinter ſteckende heimliche Glaube durchſchimmert. — Bei 35 dieſer Gelegenheit will ich auf eine Geiſtergeſchichte neueſter Zeit [285] aufmerkſam machen, welche verdient, genauer unterſucht und beſſer gekannt zu werden, als durch die aus ſehr ſchlechter Feder ge⸗ 316 1 D I A 2 8 25 8 3 1286] und was damit zusammenhängt. floffene Darſtellung derſelben in den Blättern aus Prevorſt, 8. Sammlung S. 166; nämlich theils weil die Ausſagen darüber gerichtlich protokollirt ſind, und theils wegen des höchſt merkwür⸗ digen Umſtandes, daß der erſcheinende Geiſt, mehrere Nächte hin⸗ durch, von der Perſon, zu der er in Beziehung ſtand, und vor deren Bette er ſich zeigte, nicht geſehn wurde, weil ſie ſchlief, ſon⸗ dern bloß von zwei Mitgefangenen und erſt ſpäterhin auch von ihr ſelbſt, die aber dann ſo ſehr dadurch erſchüttert wurde, daß ſie, aus freien Stücken, ſieben Vergiftungen eingeſtand. Der Bericht ſteht in einer Broſchüre: „Verhandlungen des Aſſiſenhofes in Mainz über die Giftmörderin Margaretha Jäger.“ Mainz 1835. — Die wörtliche Protokoll⸗Ausſage iſt abgedruckt in einem Frankfurter Tageblatt „Didaskalia“, vom 5. Juli 1835. — Ich habe aber jetzt das Metaphyſiſche der Sache in Betrachtung zu nehmen; da über das Phyſiſche, hier Phyſiologiſche, bereits oben das Nöthige beigebracht worden. — Was eigentlich bei allen Viſionen, d. h. Anſchauungen durch Aufgehn des Traumorgans im Wachen, unſer Intereſſe erregt, iſt die etwanige Beziehung derſelben auf etwas empiriſch Objektives, d. h. außer uns Ge⸗ legenes und von uns Verſchiedenes: denn erſt durch dieſe erhalten ſie eine Analogie und gleiche Dignität mit unſern gewöhnlichen, wachen Sinnesanſchauungen. Daher ſind uns, von den im Obigen aufgezählten, neun möglichen Urſachen ſolcher Viſionen, nicht die drei erſten, als welche auf bloße Hallucinationen hinauslaufen, intereſſant, wohl aber die folgenden. Denn die Perplexität, welche der Betrachtung der Viſion und Geiſtererſcheinung anhängt, ent⸗ ſpringt eigentlich daraus, daß bei dieſen Wahrnehmungen die Gränze zwiſchen Subjekt und Objekt, welche die erſte Bedingung aller Erkenntniß iſt, zweifelhaft, undeutlich, wohl gar verwiſcht wird. „Iſt Das außer, oder in mir?“ frägt, — wie ſchon Mac⸗ beth, als ihm ein Dolch vorſchwebt, — Jeder, dem eine Viſion ſolcher Art nicht die Beſonnenheit benimmt. Hat Einer allein ein Geſpenſt geſehn, ſo will man es für bloß ſubjektiv erklären, ſo objektiv es auch daſtand; ſahen, oder hörten es hingegen Zwei oder Mehrere, ſo wird ihm ſofort die Realität eines Körpers bei⸗ gelegt; weil wir nämlich empiriſch nur eine Urſache kennen, ver⸗ möge welcher mehrere Menſchen nothwendig die ſelbe anſchauliche Vorſtellung zu gleicher Zeit haben müſſen, und dieſe iſt, daß ein 317
Versuch über Geistersehn und der ſelbe Körper, das Licht nach allen Seiten reflektirend, ihrer aller Augen afficirt. Allein außer dieſer ſehr mechaniſchen könnte es wohl noch andere Urſachen des gleichzeitigen Entſtehns der ſelben anſchaulichen Vorſtellung in verſchiedenen Menſchen geben. Wie bisweilen Zwei den gleichen Traum gleichzeitig träumen (ſiehe oben p. 278 [S. 310 der vorliegenden Ausgabe!), alſo durch das Traumorgan, ſchlafend, das Selbe wahrnehmen, ſo kann auch im Wachen das Traumorgan in Zweien (oder Mehreren) in die gleiche Thätigkeit gerathen, wodurch dann ein Geſpenſt, von ihnen zugleich geſehn, ſich objektiv, wie ein Körper, darſtellt. Ueberhaupt aber iſt der Unterſchied zwiſchen ſubjektiv und objektiv im Grunde kein abſo⸗ luter, ſondern immer noch relativ: denn alles Objektive iſt doch in⸗ ſofern, als es immer noch durch ein Subjekt überhaupt bedingt, ja eigentlich nur in dieſem vorhanden iſt, wieder ſubjektiv; wes⸗ halb eben in letzter Inſtanz der Idealismus Recht behält. Man glaubt meiſtens die Realität einer Geiſtererſcheinung umgeſtoßen zu haben, wenn man nachweiſt, daß ſie ſubjektiv bedingt war: aber welches Gewicht kann dieſes Argument bei Dem haben, der aus Kants Lehre weiß, wie ſtark der Antheil ſubjektiver Bedingungen an der Erſcheinung der Körperwelt iſt, wie nämlich dieſe, ſammt dem Raum, darin ſie daſteht, und der Zeit, darin ſie ſich bewegt, und der Kauſalität, darin das Weſen der Materie beſteht, alſo ihrer ganzen Form nach, bloß ein Produkt der Gehirnfunktionen iſt, nach⸗ dem ſolche durch einen Reiz in den Nerven der Sinnesorgane ange⸗ regt worden; ſo daß dabei nur noch die Frage nach dem Ding an ſich übrig bleibt. — Die materielle Wirklichkeit der auf unſere Sinne von außen wirkenden Körper kommt freilich der Geiſtererſcheinung ſo wenig zu, wie dem Traum, durch deſſen Organ ſie ja wahrgenom⸗ men wird, daher man ſie immerhin einen Traum im Wachen (a waking dream, insomnium sine somno;, vergl. Sonntag, Sicilimentorum academicorum Fasciculus de Spectris et Ominibus morientium, Altdorfii 1716, p. 11) nennen kann: allein im Grunde büßt fie dadurch ihre Realität nicht ein. Allerdings iſt fie, wie der Traum, eine bloße Vorſtellung und als ſolche nur im erkennenden Bewußtſeyn vorhanden: aber das Selbe läßt ſich von unſerer realen Außenwelt behaupten; da auch dieſe zunächſt und unmittelbar uns nur als Vorſtellung gegeben und, wie geſagt, ein bloßes, durch Ner⸗ venreiz erregtes und den Geſetzen ſubjektiver Funktionen (Formen der 318 — — 8 0 5 0 5 5 [287] 2 1 D 25 2 © 2 Dad © 3 35 und was damit zusammenhängt. reinen Sinnlichkeit und des Verſtandes) gemäß entſtandenes Gehirn⸗ phänomen iſt. Verlangt man eine anderweitige Realität derſelben; ſo iſt dies ſchon die Frage nach dem Ding an ſich, welche von Locke aufgeworfen und voreilig erledigt, dann aber von Kant in ihrer ganzen Schwierigkeit nachgewieſen, ja als unlösbar aufgegeben, von mir jedoch, wiewohl unter einer gewiſſen Reſtriktion, beantwortet worden iſt. Wie aber jedenfalls das Ding an ſich, welches in der Er⸗ ſcheinung einer Außenwelt ſich manifeſtirt, toto genere von ihr ver⸗ ſchieden iſt; ſo mag es ſich mit Dem, was in der Geiſtererſcheinung ſich manifeſtirt, analog verhalten, ja, was in Beiden ſich kund giebt vielleicht am Ende das Selbe ſeyn, nämlich Wille. Dieſer Anſicht entſprechend finden wir, daß es, hinſichtlich der objektiven Realität, wie der Körperwelt, ſo auch der Geiſtererſcheinungen, einen Realis⸗ mus, einen Idealismus und einen Skepticismus giebt, endlich aber auch einen Kriticismus, in deſſen Intereſſe wir eben jetzt beſchäftigt ſind. Ja, eine ausdrückliche Beſtätigung der ſelben Anſicht giebt ſogar folgender Ausſpruch der berühmteſten und am ſorgfältigſten beob⸗ achteten Geiſterſeherin, nämlich der von Prevorſt (Bd. 1, S. 12): „Ob die Geiſter ſich nur unter dieſer Geſtalt ſichtbar machen kön⸗ „nen, oder ob mein Auge ſie nur unter dieſer Geſtalt ſehn und „mein Sinn ſie nur ſo auffaſſen kann; ob ſie für ein geiſtigeres „Auge nicht geiſtiger wären, Das kann ich nicht mit Beſtimmtheit „behaupten, aber ahnde es faſt.“ Iſt dies nicht ganz analog der Kantiſchen Lehre: „Was die Dinge an ſich ſelbſt ſeyn mögen, wiſſen wir nicht, ſondern erkennen nur ihre Erſcheinungen“ —? Die ganze Dämonologie und Geiſterkunde des Alterthums und Mittelalters, wie auch ihre damit zuſammenhängende Anſicht der Magie, hat zur Grundlage den noch unangefochten daſtehenden Realismus, der endlich durch Carteſius erſchüttert wurde. Erſt der in der neueren Zeit allmälig herangereifte Idealismus führt uns auf den Standpunkt, von welchem aus wir über alle jene Dinge, alſo auch über Viſionen und Geiſtererſcheinungen, ein richtiges Urtheil erlangen können. Zugleich hat andererſeits, auf dem empiriſchen Wege, der animaliſche Magnetismus die zu allen frühern Zeiten in Dunkel gehüllte und ſich furchtſam verſteckende Magie an das Licht des Tages gezogen und eben ſo die Geiſtererſcheinungen zum Gegenſtand nüchtern forſchender Beobachtung und unbefangener Beurtheilung gemacht. Das Letzte 319
Versuch über Geistersehn in allen Dingen fällt immer der Philoſophie anheim, und ich [238] hoffe, daß die meinige, wie ſie aus der alleinigen Realität und Allmacht des Willens in der Natur die Magie wenigſtens als möglich denkbar und, wenn vorhanden, als begreiflich dargeſtellt hat,“) jo auch, durch entſchiedene Ueberantwortung der objektiven 3 Welt an die Idealität, ſelbſt über Viſionen und Geiſtererſchei⸗ nungen einer richtigeren Anſicht den Weg gebahnt hat. Der entſchiedene Unglaube, mit welchem von jedem denkenden Menſchen einerſeits die Thatſachen des Hellſehns, andererſeits des magiſchen, vulgo magnetiſchen Einfluſſes zuerſt vernommen wer⸗ 10 den, und der nur ſpät der eigenen Erfahrung, oder hunderten glaubwürdigſter Zeugniſſe weicht, beruht auf einem und dem ſelben Grunde: nämlich darauf, daß alle Beide den uns a priori bewuß⸗ ten Geſetzen des Raumes, der Zeit und der Kauſalität, wie ſie in ihrem Komplex den Hergang möglicher Erfahrung beſtimmen, zuwiderlaufen, — das Hellſehn mit ſeinem Erkennen in distans, die Magie mit ihrem Wirken in distans. Daher wird, bei der Erzählung dahin gehöriger Thatſachen, nicht bloß geſagt „es iſt nicht wahr“, ſondern „es iſt nicht möglich“ (a non posse ad non esse), andererſeits jedoch erwidert „es iſt aber“ (ab esse ad posse). Dieſer Widerſtreit beruht nun darauf, ja, liefert ſogar wieder einen Beweis dafür, daß jene von uns a priori erkannten Geſetze keine ſchlechthin unbedingte, keine ſcholaſtiſche veritates aeternae, keine Beſtimmungen der Dinge an ſich find; ſondern aus bloßen An⸗ ſchauungs⸗ und Verſtandesformen, folglich aus Gehirnfunktionen entſpringen. Der aus dieſen beſtehende Intellekt ſelbſt aber iſt bloß zum Behuf des Verfolgens und Erreichens der Zwecke individueller Willenserſcheinungen, nicht aber des Auffaſſens der abſoluten Be⸗ ſchaffenheit der Dinge an ſich ſelbſt entſtanden; weshalb er, wie ich (Welt a. W. u. V. Bd. 2, S. S. 177, 273, 285—289 [3. Aufl. 195, 309, 322—326]) dargethan habe, eine bloße Flächenkraft iſt, die weſentlich und überall nur die Schaale, nie das Innere der Dinge trifft. Dieſe Stellen leſe nach wer recht verſtehn will was ich hier meine. Gelingt es uns nun aber ein Mal, weil doch auch wir ſelbſt zum innern Weſen der Welt gehören, mit Umgehung des 35 — 5 D 0 5 0 w *) Siehe „über den Willen in der Natur“ die Rubrik „anim. Magnetismus und Magie.“ 320 und was damit zusammenhängt. 1289] principii individuationis, den Dingen von einer ganz andern Seite und auf einem ganz andern Wege, nämlich geradezu von innen, ſtatt bloß von außen, beizukommen, und ſo uns derſelben, im Hellſehn erkennend, in der Magie wirkend, zu bemächtigen; „dann entſteht, eben für jene cerebrale Erkenntniß, ein Reſultat, welches auf ihrem eigenen Wege zu erreichen wirklich unmöglich war; daher ſie darauf beſteht, es in Abrede zu ſtellen: denn eine Leiſtung ſolcher Art iſt nur metaphyſiſch begreiflich, phyſiſch iſt ſie eine Unmöglichkeit. Dieſem zufolge iſt andererſeits das Hell⸗ ſehn eine Beſtätigung der Kantiſchen Lehre von der Idealität des Raumes, der Zeit und der Kauſalität, die Magie aber überdies auch der meinigen von der alleinigen Realität des Willens, als des Kerns aller Dinge: hiedurch nun wieder wird auch noch der Bakoniſche Ausſpruch, daß die Magie die praktiſche Metaphyſik 15 ſei, beſtätigt. Erinnern wir uns jetzt nochmals der weiter oben gegebenen Auseinanderſetzungen und der daſelbſt aufgeſtellten phyſiologiſchen Hypotheſe, welchen zufolge ſämmtliche durch das Traumorgan vollzogene Anſchauungen von der gewöhnlichen, den wachen Zu⸗ ſtand begründenden, Wahrnehmung ſich dadurch unterſcheiden, daß bei der letzteren das Gehirn von außen, durch eine phyſiſche Einwirkung auf die Sinne erregt wird, wodurch es zugleich die Data erhält, nach welchen es, mittelſt Anwendung ſeiner Funk⸗ tionen, nämlich Kauſalität, Zeit und Raum, die empiriſche An⸗ 25 ſchauung zu Stande bringt; während hingegen bei der Anſchauung durch das Traumorgan die Erregung vom Innern des Organis⸗ mus ausgeht und vom plaſtiſchen Nervenſyſtem aus ſich in das Gehirn fortpflanzt, welches dadurch zu einer der erſtern ganz ähnlichen Anſchauung veranlaßt wird, bei der jedoch, weil die Anregung dazu von der entgegengeſetzten Seite kommt, alſo auch in entgegengeſetzter Richtung geſchieht, anzunehmen iſt, daß auch die Schwingungen, oder überhaupt innern Bewegungen der Gehirn⸗ fibern, in umgekehrter Richtung erfolgen und demnach erſt am Ende ſich auf die Sinnesnerven erſtrecken, welche alſo hier das zuletzt in Thätigkeit Verſetzte ſind, ſtatt daß ſie, bei der gewöhn⸗ lichen Anſchauung, zuallererſt erregt werden. Soll nun, — wie bei Wahrträumen, prophetiſchen Viſionen und Geiſtererſcheinungen angenommen wird, — eine Anſchauung dieſer Art dennoch ſich I S 2 S o 3 321
Versuch über Geistersehn auf etwas wirklich Aeußeres, empirisch Vorhandenes, alfo vom [290] Subjekt ganz Unabhängiges beziehn, welches demnach inſofern durch ſie erkannt würde; ſo muß daſſelbe mit dem Innern des Organismus, von welchem aus die Anſchauung erregt wird, in irgend eine Kommunikation getreten ſeyn. Dennoch läßt eine s ſolche ſich empiriſch durchaus nicht nachweiſen, ja, da ſie, voraus⸗ geſetzterweiſe, nicht eine räumliche, von außen kommende ſeyn ſoll, ſo iſt ſie empiriſch, d. h. phyſiſch nicht ein Mal denkbar. Wenn ſie alſo doch Statt hat; ſo muß dies nur metaphyſiſch zu ver⸗ ſtehn und ſie demnach zu denken ſeyn als eine unabhängig von 10 der Erſcheinung und allen ihren Geſetzen, im Dinge an ſich, welches, als das innere Weſen der Dinge, der Erſcheinung derſelben überall zum Grunde liegt, vor ſich gehende und nachher an der Er⸗ ſcheinung wahrnehmbare: — eine ſolche nun iſt es, die man unter dem Namen einer magiſchen Einwirkung verſteht. 15 Frägt man, welches der Weg der magiſchen Wirkung, der gleichen uns in der ſympathetiſchen Kur, wie auch in dem Ein⸗ fluß des entfernten Magnetiſeurs gegeben iſt, ſei; ſo ſage ich: es iſt der Weg, den das Inſekt zurücklegt, das hier ſtirbt und aus jedem Ei, welches überwintert hat, wieder in voller Lebendig⸗ keit hervorgeht. Es iſt der Weg, auf welchem es geſchieht, daß, in einer gegebenen Volksmenge, nach außerordentliche Vermehrung der Sterbefälle, auch die Geburten ſich vermehren. Es iſt der Weg, der nicht am Gängelbande der Kauſalität durch Zeit und Raum geht. Es iſt der Weg durch das Ding an ſich. 25 Wir nun aber wiſſen aus meiner Philoſophie, daß dieſes Ding an ſich, alſo auch das innere Weſen des Menſchen, ſein Wille iſt, und daß der ganze Organismus eines Jeden, wie er ſich empiriſch darſtellt, bloß die Objektivation deſſelben, näher, das im Gehirn entſtehende Bild dieſes feines Willens iſt. Der 30 Wille als Ding an ſich liegt aber außerhalb des principii individuationis (geit und Raum), durch welches die Individuen ge⸗ ſondert ſind: die durch daſſelbe entſtehenden Schranken ſind alſo für ihn nicht da. Hieraus erklärt ſich, ſo weit, wenn wir dieſes Gebiet betreten, noch unſere Einficht reichen kann, die Möglichkeit 35 unmittelbarer Einwirkung der Individuen auf einander, unab⸗ hängig von ihrer Nähe oder Ferne im Raum, welche ſich in einigen der oben aufgezählten neun Arten der wachenden Anz [291] [X 0 322 und was damit zusammenhängt. ſchauung durch das Traumorgan, und öfter in der ſchlafenden, faktiſch kund giebt; und eben ſo erklärt ſich, aus dieſer unmittel⸗ baren, im Weſen an ſich der Dinge gegründeten Kommunikation, die Möglichkeit des Wahrträumens, des Bewußtwerdens der 5 nächſten Umgebung im Somnambulismus und endlich die des Hell⸗ ſehns. Indem der Wille des Einen, durch keine Schranken der Individuation gehemmt, alſo unmittelbar und in distans, auf den Willen des Andern wirkt, hat er eben damit auf den Organismus deſſelben, als welcher nur deſſen räumlich angeſchauter Wille ſelbſt zo iſt, eingewirkt. Wenn nun eine ſolche, auf dieſem Wege, das Innere des Organismus treffende Einwirkung ſich auf deſſen Lenker und Vorſtand, das Ganglienſyſtem, erſtreckt, und dann von dieſem aus, mittelſt Durchbrechung der Iſolation, ſich bis ins Gehirn fortpflanzt; ſo kann ſie von dieſem doch immer nur auf Gehirn⸗ 1 weiſe verarbeitet werden, d. h. fie wird Anſchauungen hervor⸗ bringen, denen vollkommen gleich, welche auf äußere Anregung der Sinne entſtehn, alſo Bilder im Raum, nach deſſen drei Dimenſionen, mit Bewegung in der Zeit, gemäß dem Geſetze der Kauſalität u. ſ. w.: denn die einen wie die andern find eben Pro⸗ 20 dukte der anſchauenden Gehirnfunktion, und das Gehirn kann immer nur ſeine eigene Sprache reden. Inzwiſchen wird eine Einwirkung jener Art noch immer den Charakter, das Gepräge, ihres Ur⸗ ſprungs, alſo Desjenigen, von dem ſie ausgegangen iſt, an ſich tragen und dieſes demnach der Geſtalt, die ſie, nach ſo weitem 25 Umwege, im Gehirn hervorruft, aufdrücken, ſo verſchieden ihr Weſen an ſich auch von dieſer ſeyn mag. Wirkt z. B. ein Ster⸗ bender durch ſtarke Sehnſucht, oder ſonſtige Willensintention, auf einen Entfernten; ſo wird, wenn die Einwirkung ſehr energiſch iſt, die Geſtalt deſſelben ſich im Gehirn des Andern darſtellen, d. h. 30 ganz ſo wie ein Körper in der Wirklichkeit ihm erſcheinen. Offen⸗ bar aber wird eine ſolche, durch das Innere des Organismus ge⸗ ſchehende Einwirkung auf ein fremdes Gehirn leichter, wenn dieſes ſchläft, als wenn es wacht, Statt haben; weil im erſtern Fall die Fibern deſſelben gar keine, im letztern eine der, die ſie jetzt annehmen ſollen, entgegengeſetzte Bewegung haben. Demnach wird eine ſchwächere Einwirkung der in Rede ſtehenden Art ſich bloß im Schlafe kund geben können, durch Erregung von Träumen; 1292] im Wachen aber allenfalls Gedanken, Empfindungen und Unruhe 323
Versuch über Geistersehn erregen; jedoch Alles immer noch ihrem Urſprunge gemäß und deſſen Gepräge tragend: daher kann ſie z. B. einen unerklärlichen, aber unwiderſtehlichen Trieb, oder Zug, Den, von dem ſie aus⸗ gegangen iſt, aufzuſuchen, hervorbringen; und eben ſo, umgekehrt, Den, der kommen will, durch den Wunſch ihn nicht zu ſehn, noch von der Schwelle des Hauſes wieder zurückſcheuchen, ſelbſt wenn er gerufen und beſtellt war (experto crede Roberto). Auf dieſer Einwirkung, deren Grund die Identität des Dinges an ſich in allen Erſcheinungen iſt, beruht auch die faktiſch er⸗ kannte Kontagioſität der Viſionen, des zweiten Geſichts und des Geiſterſehns, welche eine Wirkung hervorbringt, die im Reſultat derjenigen gleich kommt, welche ein körperliches Objekt auf die Sinne mehrerer Individuen zugleich ausübt, indem auch in Folge jener Mehrere zugleich das Selbe ſehn, welches alsdann ſich ganz objektiv konſtituirt. Auf der ſelben direkten Einwirkung beruht auch die oft bemerkte unmittelbare Mittheilung der Gedanken, die ſo gewiß iſt, daß ich Dem, der ein wichtiges und gefährliches Geheimniß zu bewahren hat, anrathe, mit Dem, der es nicht wiſſen darf, über die ganze Angelegenheit, auf die es ſich bezieht, niemals zu ſprechen; weil er, während Deſſen, das wahre Sach⸗ verhältniß unvermeidlich in Gedanken haben müßte, wodurch dem Andern plötzlich ein Licht aufgehn kann; indem es eine Mittheilung giebt, vor der weder Verſchwiegenheit, noch Verſtellung ſchützt. Goethe erzählt (in den Erläuterungen zum W. O. Divan, Rubrik „Blumenwechſel“), daß zwei liebende Paare, auf einer Luftfahrt begriffen, einander Charaden aufgaben: „Gar bald wird nicht nur „eine jede, wie ſie vom Munde kommt, ſogleich errathen, ſondern „zuletzt ſogar das Wort, das der Andere denkt und eben zum „Worträthſel umbilden will, durch die unmittelbarſte Divination „erkannt und ausgeſprochen.“ — Meine ſchöne Wirthin in Mailand, 30 vor langen Jahren, fragte mich, in einem ſehr animirten Ge⸗ ſpräche, an der Abendtafel, welches die drei Nummern wären, die ſie als Terne in der Lotterie belegt hatte? ohne mich zu beſinnen, nannte ich die erſte und die zweite richtig, dann aber, durch ihren Jubel ſtutzig geworden, gleichſam aufgeweckt und nun reflektirend, die dritte falſch. Der höchſte Grad einer ſolchen Einwirkung findet bekanntlich bei ſehr hellſehenden Somnambulen Statt, die dem ſie Befragenden ſeine entfernte Heimath, ſeine Wohnung da⸗ 324 — w und was damit zusammenhängt. ſelbſt, oder fonft entfernte Länder, die er bereift hat, genau und richtig beſchreiben. Das Ding an ſich iſt in allen Weſen das ſelbe, und der Zuſtand des Hellſehns befähigt den darin Befindlichen, mit meinem Gehirn zu denken, ſtatt mit dem ſeinigen, welches 5 tief ſchläft. Da nun andererſeits für uns feſt ſteht, daß der Wille, ſo [293] fern er Ding an ſich iſt, durch den Tod nicht zerſtört und ver⸗ nichtet wird; ſo läßt ſich a priori nicht geradezu die Möglichkeit ableugnen, daß eine magiſche Wirkung der oben beſchriebenen Art nicht auch ſollte von einem bereits Geſtorbenen ausgehn können. Eben ſo wenig jedoch läßt eine ſolche Möglichkeit ſich deutlich abſehn und daher poſitiv behaupten; indem ſie, wenn auch im Allgemeinen nicht undenkbar, doch, bei näherer Betrachtung, großen Schwierigkeiten unterworfen iſt, die ich jetzt kurz angeben {>} 15 will. — Da wir das im Tode unverfehrt gebliebene innere Weſen des Menſchen uns zu denken haben, als außer der Zeit und dem Raume exiſtirend; ſo könnte eine Einwirkung deſſelben auf uns Lebende nur unter ſehr vielen Vermittelungen, die alle auf unſerer Seite lägen, Statt finden; ſo daß ſchwer auszumachen ſeyn würde, wie viel davon wirklich von dem Verſtorbenen ausgegangen wäre. Denn eine derartige Einwirkung hätte nicht nur zuvörderſt in die Anſchauungsformen des ſie wahrnehmenden Subjekts einzugehn, mithin ſich darzuſtellen als ein Räumliches, Zeitliches und nach dem Kauſalgeſetz materiell Wirkendes; ſondern ſie müßte überdies auch noch in den Zuſammenhang ſeines begrifflichen Denkens treten, indem er ſonſt nicht wiſſen würde, was er daraus zu machen hat, der ihm Erſcheinende aber nicht bloß geſehn, ſondern auch in ſeinen Abſichten und den dieſen entſprechenden Einwirkungen einigermaaßen verſtanden werden will: demnach hätte dieſer ſich auch noch den beſchränkten Anſichten und Vorurtheilen des Subjekts, betreffend das Ganze der Dinge und der Welt, zu fügen und anzuſchließen. Aber noch mehr! Nicht allein zufolge meiner ganzen bisherigen Darftellung werden die Geifter durch das Traumorgan und in Folge einer von innen aus an das Gehirn gelangenden Einwirkung, ſtatt der gewöhnlichen von außen durch die Sinne, geſehn; ſondern auch der die objektive Realität der erſcheinenden Geiſter feſt ver⸗ tretende J. Kerner ſagt das Selbe, in ſeiner oft wiederholten Behauptung, daß die Geiſter „nicht mit dem leiblichen, ſondern oO Da 8 A 325
Versuch über Geistersehn mit dem geiftigen Auge gefehn werden.“ Obwohl demnach durch eine innere, aus dem Weſen an ſich der Dinge entſprungene, alſo magiſche, Einwirkung auf den Organismus, welche ſich mittelſt des Ganglienſyſtems bis zum Gehirn fortpflanzt, zu Wege gebracht, wird die Geiſtererſcheinung doch aufgefaßt nach Weiſe der von außen, mittelſt Licht, Luft, Schall, Stoß und Duft auf uns wirkenden Gegenſtände. Welche Veränderung müßte nicht die angenommene Einwirkung eines Geſtorbenen bei einer ſolchen Ueberſetzung, einem ſo totalen Metaſchematismus, zu erleiden haben! Wie aber läßt ſich nun gar noch annehmen, daß dabei und auf ſolchen Umwegen noch ein wirklicher Dialog mit Rede und Gegenrede Statt haben könne; wie er doch oft berichtet wird? — Beiläufig ſei hier noch angemerkt, daß das Lächerliche, welches, ſo gut wie andererſeits das Grauſenhafte, jeder Behauptung einer gehabten Erſcheinung dieſer Art, mehr oder weniger, anklebt und wegen deſſen man zaudert ſie mitzutheilen, daraus entſteht, daß der Erzähler ſpricht wie von einer Wahrnehmung durch die äußern Sinne, welche aber gewiß nicht vorhanden war, ſchon weil ſonſt ein Geiſt ſtets von allen Anweſenden auf gleiche Weiſe geſehn und vernommen werden müßte; eine in Folge innerer Einwirkung entſtandene, bloß ſcheinbar äußere 1294 — — 8 Wahrnehmung aber von der bloßen Phantaſterei zu unterſcheiden, nicht die Sache eines Jeden iſt. — Dies alſo wären, bei der An⸗ nahme einer wirklichen Geiſtererſcheinung, die auf der Seite des ſie wahrnehmenden Subjekts liegenden Schwierigkeiten. Andere wieder liegen auf der Seite des angenommenermaaßen einwirkenden Verſtorbenen. Meiner Lehre zufolge hat allein der Wille eine metaphyſiſche Weſenheit, vermöge welcher er durch den Tod un⸗ zerſtörbar iſt; der Intellekt hingegen iſt, als Funktion eines körper⸗ lichen Organs, bloß phyſiſch und geht mit demſelben unter. Daher iſt die Art und Weiſe, wie ein Verſtorbener von den Lebenden noch Kenntniß erlangen ſollte, um ſolcher gemäß auf ſie zu wirken, höchſt problematiſch. Nicht weniger iſt es die Art dieſes Wirkens ſelbſt; da er mit der Leiblichkeit alle gewöhnlichen, d. i. phyſiſchen, ws Mittel der Einwirkung auf Andere, wie auf die Körperwelt über . haupt, verloren hat. Wollten wir dennoch den von ſo vielen und ſo verſchiedenen Seiten erzählten und betheuerten Vorfällen, die entſchieden eine objektive Einwirkung Verſtorbener anzeigen, einige Wahrheit einräumen; ſo müßten wir uns die Sache ſo erklären, 326 0 5 0 0 5 und was damit zusammenhängt. daß in ſolchen Fällen der Wille des Verſtorbenen noch immer leidenſchaftlich auf die irdiſchen Angelegenheiten gerichtet wäre und nun, in Ermangelung aller phyſiſchen Mittel zur Einwirkung auf 295] dieſelben, jetzt feine Zuflucht nähme zu der ihm in feiner ur⸗ 5 ſprünglichen, alſo metaphyſiſchen Eigenſchaft, mithin im Tode, wie im Leben, zuſtehenden magiſchen Gewalt, die ich oben be⸗ rührt und über welche ich im „Willen in der Natur“, Rubrik „animaliſcher Magnetismus und Magie“ meine Gedanken aus⸗ führlicher dargelegt habe. Nur vermöge dieſer magiſchen Gewalt 10 alſo könnte er allenfalls ſelbſt noch jetzt was er möglicherweiſe auch im Leben gekonnt, nämlich wirkliche actio in distans, ohne körperliche Beihülfe, ausüben und demnach auf Andere direkt, ohne alle phyſiſche Vermittelung, einwirken, indem er ihren Organismus in der Art afficirte, daß ihrem Gehirne ſich Geſtalten anſchaulich 15 darſtellen müßten, wie ſie ſonſt nur in Folge äußerer Einwirkung auf die Sinne von demſelben producirt werden. Ja, da dieſe Einwirkung nur als eine magiſche, d. h. als durch das innere, in Allem identiſche Weſen der Dinge, alſo durch die natura naturans, zu vollbringende denkbar iſt; ſo könnten wir, wenn die Ehre 20 achtungswerther Berichterftatter dadurch allein zu retten wäre, allen⸗ falls noch den verfänglichen Schritt wagen, dieſe Einwirkung nicht auf menſchliche Organismen zu beſchränken, ſondern ſie auch auf lebloſe, alſo unorganiſche Körper, die demnach durch ſie bewegt werden könnten, als nicht durchaus und ſchlechterdings unmöglich 25 einzuräumen; um nämlich der Nothwendigkeit zu entgehn, gewiſſe hochbetheuerte Geſchichten, der Art wie die des Hofrath Hahn in der Seherin von Prevorſt, weil dieſe keineswegs iſolirt daſteht, ſondern manches ihr ganz ähnliche Gegenſtück in älteren Schriften, ja, auch in neueren Relationen, aufzuweiſen hat, geradezu der Lüge 30 zu bezüchtigen. Allerdings aber gränzt hier die Sache ans Abſurde: denn ſelbſt die magiſche Wirkungsweiſe, ſoweit ſie durch den ani⸗ maliſchen Magnetismus, alſo legitim beglaubigt wird, bietet bis jetzt für eine ſolche Wirkung allenfalls nur ein ſchwaches und auch noch zu bezweifelndes Analogon dar, nämlich die in den „Mit⸗ 35 theilungen aus dem Schlafleben der Auguſte K. zu Dresden“ 1843, S. 11s und 318 behauptete Thatſache, daß es dieſer Somnambule wiederholt gelungen ſei, durch ihren bloßen Willen, ohne allen Gebrauch der Hände, die Magnetnadel abzulenken. Das 22 Schopenhauer, Werke V 327
Versuch über Geistersehn Selbe berichtet Ennemoſer (Anleitung zur Mesmeriſchen Praxis, 1852) von einer Somnambule Kachler: „Die hellſehende Kach⸗ ler bewegte die Magnetnadel nicht nur durch das Entgegen⸗ halten der Finger, ſondern auch durch den Blick. Sie richtete ihren Blick etwan in der Entfernung einer halben Elle auf die Nordſpitze, die Nadel drehte ſich, nach wenigen Sekunden, nach Weſten um vier Grade: ſobald ſie den Kopf zurückgezogen und den Blick abwandte, kehrte die Nadel auf den vorigen Standpunkt zurück.“ Auch in London iſt das Selbe in öffentlicher Sitzung und vor gewählten, kompetenten Zeugen geſchehn von der Som⸗ nambule Prudence Bernard. Die hier dargelegte Anſicht des in Rede ſtehenden Problems erklärt zuvörderſt, warum, wenn wir eine wirkliche Einwirkung [296] Geſtorbener auf die Welt der Lebenden auch als möglich zugeben wollen, eine ſolche doch nur überaus ſelten und ganz ausnahms⸗ weiſe Statt haben könnte; weil ihre Möglichkeit an alle die an⸗ gegebenen, nicht leicht zuſammen eintretenden Bedingungen geknüpft wäre. Ferner geht aus dieſer Anſicht hervor, daß, wenn wir die in der Seherin von Prevorſt und den ihr verwandten Kernerſchen Schriften, als den ausführlichſten und beglaubigteſten, gedruckt vor⸗ liegenden Geiſterſeherberichten, erzählten Thatſachen nicht entweder für rein ſubjektiv, bloße aegri somnia, erklären, noch auch uns mit der oben dargelegten Annahme einer retrospective second sight, zu deren dumb shew (ſtummer Prozeſſion) die Seherin aus eigenen Mitteln den Dialog gefügt hätte, begnügen, ſondern eine wirkliche Einwirkung Geſtorbener der Sache zum Grunde legen wollen; dennoch die ſo empörend abſurde, ja niederträchtig dumme Weltordnung, die aus den Angaben und dem Benehmen dieſer Geiſter hervorgienge, dadurch keinen objektiv realen Grund gewinnen, ſondern ganz auf Rechnung der, wenn auch durch eine von außerhalb der Natur kommende Einwirkung rege gemachten, dennoch nothwendig ſich ſelber treu bleibenden Anſchauungs⸗ und Denkthätigkeit der höchſt unwiſſenden, gänzlich in ihren Kate⸗ chismusglauben eingelebten Seherin zu ſetzen ſeyn würde. Jedenfalls iſt eine Geiſtererſcheinung zunächſt und unmittelbar nichts weiter, als eine Viſion im Gehirn des Geiſterſehers: daß von außen ein Sterbender ſolche erregen könne, hat häufige Er⸗ fahrung bezeugt; daß ein Lebender es könne iſt ebenfalls, in 328 — 8 15 20 » 5 30 und was damit zusammenhängt. mehreren Fällen, von guter Hand beglaubigt worden: die Frage iſt bloß, ob auch ein Geſtorbener es könne. Zuletzt könnte man, bei Erklärung der Geiſtererſcheinungen, auch noch darauf provociren, daß der Unterſchied zwiſchen den ehe⸗ 5 mals gelebt Habenden und den jetzt Lebenden kein abſoluter iſt, ſon⸗ dern in beiden der eine und ſelbe Wille zum Leben erſcheint; wodurch ein Lebender, zurückgreifend, Reminiscenzen zu Tage fördern könnte, welche ſich als Mittheilungen eines Verſtorbenen darſtellen. Wenn es mir, durch alle dieſe Betrachtungen, gelungen ſeyn zo ſollte, auch nur ein ſchwaches Licht auf eine ſehr wichtige und intereſſante Sache zu werfen, hinſichtlich welcher, ſeit Jahrtauſenden, zwei Parteien einander gegenüberſtehn, davon die eine beharrlich verſichert „es iſt!“ während die andere hartnäckig wiederholt „es kann nicht ſeyn“; ſo habe ich Alles erreicht was ich mir davon 15 verſprechen und der Leſer billigerweiſe erwarten durfte. 225 329
Aphorismen zur Lebensweisheit. Le bonheur n'est pas chose aisée: il est tr&sdiffleile de le trouver en nous, et impossible de le trouver ailleurs. Chamfort.
[299] Aphorismen jur Lebensweisheit. Einleitung. 5 Ich nehme den Begriff der Lebensweisheit hier gänzlich im immanenten Sinne, nämlich in dem der Kunſt, das Leben mög⸗ lichſt angenehm und glücklich durchzuführen, die Anleitung zu welcher auch Eudämonologie genannt werden könnte: ſie wäre dem⸗ nach die Anweiſung zu einem glücklichen Daſeyn. Dieſes nun 10 wieder ließe ſich allenfalls definiren als ein ſolches, welches, rein objektiv betrachtet, oder vielmehr (da es hier auf ein ſubjektives Urtheil ankommt) bei kalter und reiflicher Ueberlegung, dem Nicht⸗ ſeyn entſchieden vorzuziehn wäre. Aus dieſem Begriffe deſſelben folgt, daß wir daran hiengen, ſeiner ſelbſt wegen, nicht aber 15 bloß aus Furcht vor dem Tode; und hieraus wieder, daß wir es von endloſer Dauer ſehn möchten. Ob nun das menſchliche Leben dem Begriff eines ſolchen Daſeyns entſpreche, oder auch nur entſprechen könne, iſt eine Frage, welche bekanntlich meine Philoſophie verneint; während die Eudämonologie die Bejahung 20 derſelben vorausſetzt. Dieſe nämlich beruht eben auf dem an⸗ geborenen Irrthum, deſſen Rüge das 49. Kapitel im 2. Bande meines Hauptwerks eröffnet. Um eine ſolche dennoch ausarbeiten zu können, habe ich daher gänzlich abgehn müſſen von dem höheren, metaphyſiſch⸗ethiſchen Standpunkte, zu welchem meine 25 eigentliche Philoſophie hinleitet. Folglich beruht die ganze hier zu gebende Auseinanderſetzung gewiſſermaaßen auf einer Ackommo⸗ dation, ſofern ſie nämlich auf dem gewöhnlichen, empiriſchen 333
Aphorismen zur Lebensweisheit. Standpunkte bleibt und deſſen Irrthum feſthält. Demnach kann auch ihr Werth nur ein bedingter ſeyn, da ſelbſt das Wort Eudämonologie nur ein Euphemismus iſt. — Ferner macht auch dieſelbe keinen Anſpruch auf Vollſtändigkeit; theils weil das Thema [300] unerſchöpflich iſt; theils weil ich ſonſt das von Andern bereits 5 Geſagte hätte wiederholen müſſen. Als in ähnlicher Abſicht, wie gegenwärtige Aphorismen, ab⸗ gefaßt, iſt mir nur das ſehr leſenswerthe Buch des Cardanus de utilitate ex adversis capienda erinnerlich, durch welches man alſo das hier Gegebene vervollſtändigen kann. Zwar hat auch Ariſtoteles dem 5. Kapitel des 1. Buches feiner Rhetorik eine kurze Eudämonologie eingeflochten: ſie iſt jedoch ſehr nüchtern aus⸗ gefallen. Benutzt habe ich dieſe Vorgänger nicht; da Kompiliren nicht meine Sache iſt; und um ſo weniger, als durch daſſelbe die Einheit der Anſicht verloren geht, welche die Seele der Werke dieſer ı5 Art iſt. — Im Allgemeinen freilich haben die Weiſen aller Zeiten immer das Selbe geſagt, und die Thoren, d. h. die unermeßliche Majorität aller Zeiten, haben immer das Selbe, nämlich das Gegentheil, gethan: und ſo wird es denn auch ferner bleiben. Darum fagt Voltaire: nous laisserons ce monde-ci aussi sot 20 et aussi méchant que nous l’avons trouvé en y arrivant. — 0 334 [302] Kapitel L Grundeintheilung. Ariſtoteles hat (Eth. Nicom. I, 8) die Güter des menſchlichen Lebens in drei Klaſſen getheilt, — die äußeren, die der Seele 5 und die des Leibes. Hievon nun nichts, als die Dreizahl bei⸗ behaltend ſage ich, daß was den Unterſchied im Looſe der Sterb⸗ lichen begründet ſich auf drei Grundbeſtimmungen zurückführen läßt. Sie ſind: 1) Was Einer iſt: alſo die Perſönlichkeit, im weiteſten Sinne. 10 Sonach iſt hierunter Geſundheit, Kraft, Schönheit, Temperament, moraliſcher Charakter, Intelligenz und Ausbildung derſelben be⸗ griffen. 2) Was Einer hat: alſo Eigenthum und Beſitz in jeglichem Sinne. : 15 3) Was Einer vorſtellt: unter dieſem Ausdruck wird be⸗ kanntlich verſtanden, was er in der Vorſtellung Anderer iſt, alſo eigentlich wie er von ihnen vorgeſtellt wir d. Es beſteht demnach in ihrer Meinung von ihm, und zerfällt in Ehre, Rang und Ruhm. Die unter der erſten Rubrik zu betrachtenden Unterſchiede 20 ſind ſolche, welche die Natur ſelbſt zwiſchen Menſchen geſetzt hat; woraus ſich ſchon abnehmen läßt, daß der Einfluß derſelben auf ihr Glück, oder Unglück, viel weſentlicher und durchgreifender ſeyn werde, als was die bloß aus menſchlichen Beſtimmungen hervorgehenden, unter den zwei folgenden Rubriken angegebenen 25 Verſchiedenheiten herbeiführen. Zu den ächten perſönlichen Vorzügen, dem großen Geiſte, oder großen Herzen, verhalten ſich alle Vorzüge des Ranges, der Geburt, ſelbſt der königlichen, des Reichthums u. dgl. wie die Theater⸗Könige zu den wirk⸗ lichen. Schon Metrodorus, der erſte Schüler Epikurs, hat zo ein Kapitel überſchrieben: repı ov fetgova war my rap Ae 335
Aphorismen artıav Npο e HO Ting ex av rpaypartov. (Majorem esse causam ad felicitatem eam, quae est ex nobis, eä, quae ex rebus oritur. — Vgl. Clemens Alex. Strom. II, 21, p. 362 der Würzburger Ausgabe der opp. polem.) Und allerdings ift für das Wohlſeyn des Menſchen, ja, für die ganze Weiſe ſeines Daſeyns, die Hauptſache offenbar Das, was in ihm felbft be⸗ ſteht, oder vorgeht. Hier nämlich liegt unmittelbar ſein inneres Behagen, oder Unbehagen, als welches zunächſt das Reſultat ſeines Empfindens, Wollens und Denkens iſt; während alles außerhalb Gelegene doch nur mittelbar darauf Einfluß hat. [302] Daher afficiren die ſelben äußern Vorgänge, oder Verhältniſſe, Jeden ganz anders, und bei gleicher Umgebung lebt doch Jeder in einer andern Welt. Denn nur mit ſeinen eigenen Vorſtellungen, Gefühlen und Willensbewegungen hat er es unmittelbar zu thun: die Außendinge haben nur, ſofern ſie dieſe veranlaſſen, Einfluß auf ihn. Die Welt, in der Jeder lebt, hängt zunächſt ab von ſeiner Auffaſſung derſelben, richtet ſich daher nach der Verſchieden⸗ heit der Köpfe: dieſer gemäß wird ſie arm, ſchaal und flach, oder reich, intereſſant und bedeutungsvoll ausfallen. Während z. B. Mancher den Andern beneidet um die intereſſanten Begeben⸗ heiten, die ihm in ſeinem Leben aufgeſtoßen ſind, ſollte er ihn vielmehr um die Auffaſſungsgabe beneiden, welche jenen Begeben⸗ heiten die Bedeutſamkeit verlieh, die ſie in ſeiner Beſchreibung haben: denn die ſelbe Begebenheit, welche in einem geiſtreichen Kopfe ſich ſo intereſſant darſtellt, würde, von einem flachen All⸗ tagskopf aufgefaßt, auch nur eine ſchaale Scene aus der Alltags⸗ welt ſeyn. Im höchſten Grade zeigt ſich Dies bei manchen Ge⸗ dichten Goethes und Byron's, denen offenbar reale Vorgänge zum Grunde liegen: ein thörichter Leſer iſt im Stande dabei den Dichter um die allerliebſte Begebenheit zu beneiden, ſtatt um die mächtige Phantaſie, welche aus einem ziemlich alltäglichen Vorfall etwas ſo Großes und Schönes zu machen fähig war. Desgleichen ſieht der Melancholikus eine Trauerſpielſcene, wo der Sanguinikus nur einen intereſſanten Konflikt und der Phleg⸗ matikus etwas Unbedeutendes vor ſich hat. Dies Alles beruht darauf, daß jede Wirklichkeit, d. h. jede erfüllte Gegenwart, aus zwei Hälften beſteht, dem Subjekt und dem Objekt, wiewohl in ſo nothwendiger und enger Verbindung, wie Oxygen und Hydrogen 336 4 8 5 0 w zur Lebensweisheit. im Waſſer. Bei völlig gleicher objektiver Hälfte, aber ver ſchiedener ſubjektiver, iſt daher, ſo gut wie im umgekehrten Fall, die gegenwärtige Wirklichkeit eine ganz andere: die ſchönſte und beſte objektive Hälfte bei ſtumpfer, ſchlechter ſubjektiver, giebt doch nur eine ſchlechte Wirklichkeit und Gegenwart; gleich einer ſchönen Gegend in ſchlechtem Wetter, oder im Reflex einer ſchlechten Camera obscura. Oder planer zu reden: Jeder ſteckt in ſeinem Bewußtſeyn, wie in ſeiner Haut, und lebt unmittel⸗ bar nur in demſelben: daher iſt ihm von außen nicht ſehr zu helfen. Auf der Bühne ſpielt Einer den Fürſten, ein Anderer den Rath, ein Dritter den Diener, oder den Soldaten, oder den General u. ſ. f. Aber dieſe Unterſchiede ſind bloß im Aeußern vorhanden: im Innern, als Kern einer ſolchen Erſcheinung, ſteckt bei Allen das Selbe: ein armer Komödiant, mit feiner Plage 15 und Noth. Im Leben iſt es auch fo: Die Unterſchiede des Ranges und Reichthums geben Jedem ſeine Rolle zu ſpielen; aber keineswegs entſpricht dieſer eine innere Verſchiedenheit des Glücks und Behagens: ſondern auch hier ſteckt in Jedem der ſelbe arme Tropf, mit ſeiner Noth und Plage, die wohl dem Stoffe nach bei Jedem eine andere iſt, aber der Form, d. h. dem eigentlichen Weſen nach, ſo ziemlich bei Allen die ſelbe; wenn auch mit Unterſchieden des Grades, die ſich aber keineswegs nach Stand und Reichthum, d. h. nach der Rolle richten. Weil näm⸗ lich Alles, was für den Menſchen daiſt und vorgeht, unmittel⸗ 25 bar immer nur in ſeinem Bewußtſeyn daiſt und für dieſes vorgeht; ſo iſt offenbar die Beſchaffenheit des Bewußtſeyns ſelbſt das zunächſt Weſentliche, und auf dieſelbe kommt, in den meiſten Fällen, mehr an, als auf die Geſtalten, die darin ſich darſtellen. [303] Alle Pracht und Genüſſe, abgeſpiegelt im dumpfen Bewußtſeyn 30 eines Tropfs, ſind ſehr arm, gegen das Bewußtſeyn des Cer⸗ vantes, als er in einem unbequemen Gefängniſſe den Don Quijote ſchrieb. — Die objektive Hälfte der Gegenwart und Wirklichkeit ſteht in der Hand des Schickſals und iſt demnach veränderlich: die ſubjektive ſind wir ſelbſt: daher ſie im Weſent⸗ lichen unveränderlich iſt. Demgemäß trägt das Leben jedes Menſchen, trotz aller Abwechſelung von außen, durchgängig den ſelben Charakter und iſt einer Reihe Variationen auf ein Thema zu vergleichen. Aus ſeiner Individualität kann Keiner heraus. u I 8 2 8 337
Aphorismen Und wie das Thier, unter allen Verhältniffen, in die man es ſetzt, auf den engen Kreis beſchränkt bleibt, den die Natur ſeinem Weſen unwiderruflich gezogen hat, weshalb z. B. unſere Be⸗ ſtrebungen, ein geliebtes Thier zu beglücken, eben wegen jener Gränzen ſeines Weſens und Bewußtſeyns, ſtets innerhalb enger Schranken ſich halten müſſen; — ſo iſt es auch mit dem Men⸗ ſchen: durch ſeine Individualität iſt das Maaß ſeines möglichen Glückes zum Voraus beſtimmt. Beſonders haben die Schranken ſeiner Geiſteskräfte ſeine Fähigkeit für erhöhten Genuß ein für alle Mal feſtgeſtellt. (Vergl. W. a. W. u. V. Bd. 2, S. 73 [3. Aufl. S. 79). Sind fie eng, fo werden alle Bemühungen von außen, Alles was Menſchen, Alles was das Glück für ihn thut, nicht vermögen, ihn über das Maaß des gewöhnlichen, halb thieriſchen Menſchenglücks und Behagens hinaus zu führen: auf Sinnengenuß, trauliches und heiteres Familienleben, niedrige Geſelligkeit und vulgären Zeitvertreib bleibt er angewieſen: ſogar die Bildung vermag im Ganzen, zur Erweiterung jenes Kreiſes, nicht gar viel, wenn gleich etwas. Denn die höchſten, die mannigfaltigſten und die anhaltendeſten Genüſſe ſind die geiſtigen; wie ſehr auch wir, in der Jugend, uns darüber täuſchen mögen; dieſe aber hängen hauptſächlich von der angeborenen Kraft ab. — Hieraus alſo iſt klar, wie ſehr unſer Glück abhängt von Dem, was wir ſind, von unſerer Individualität; während man meiſtens nur unſer Schickſal, nur Das, was wir haben, oder was wir vorſtellen, in Anſchlag bringt. Das Schickſal aber kann ſich beſſern: zudem wird man, bei innerm Reichthum, von ihm nicht viel verlangen: hingegen ein Tropf bleibt ein Tropf, ein ſtumpfer Klotz ein ſtumpfer Klotz, bis an ſein Ende, und wäre er im Para⸗ dieſe und von Huris umgeben. Deshalb ſagt Goethe: Volk und Knecht und Ueberwinder, Sie geſtehn, zu jeder Zeit, Höchſtes Glück der Erdenkinder Sei nur die Perſönlichkeit. W. O. Divan. Daß für unſer Glück und unſern Genuß das Subjektive ungleich weſentlicher, als das Objektive ſei, beſtätigt ſich in Allem: von Dem an, daß Hunger der beſte Koch iſt und der Greis die Göttin des Jünglings gleichgültig anſieht, bis hinauf 338 1 I 3 A 0 5 5 0 5 zur Lebensweisheit. zum Leben des Genies und des Heiligen. Beſonders überwiegt die Geſundheit alle äußern Güter ſo ſehr, daß wahrlich ein ge⸗ ſunder Bettler glücklicher iſt, als ein kranker König. Ein aus vollkommener Geſundheit und glücklicher Organiſation hervorgehen⸗ 5 des, ruhiges und heiteres Temperament, ein klarer, lebhafter, ein⸗ dringender und richtig faſſender Verſtand, ein gemäßigter, ſanfter Wille und demnach ein gutes Gewiſſen, Dies ſind Vorzüge, die kein Rang oder Reichthum erſetzen kann. Denn was Einer für ſich ſelbſt iſt, was ihn in die Einſamkeit begleitet und was Keiner 10 ihm geben, oder nehmen kann, iſt offenbar für ihn weſentlicher, als Alles, was er beſitzen, oder auch was er in den Augen An⸗ [304] derer ſeyn mag. Ein geiſtreicher Menſch hat, in gänzlicher Ein ſamkeit, an ſeinen eigenen Gedanken und Phantaſien vortreffliche Unterhaltung, während von einem Stumpfen die fortwährende 15 Abwechſelung von Geſellſchaften, Schauſpielen, Ausfahrten und Luſtbarkeiten, die marternde Langeweile nicht abzuwehren vermag. Ein guter, gemäßigter, ſanfter Charakter kann unter dürftigen Umſtänden zufrieden ſeyn; während ein begehrlicher, neidiſcher und böſer es bei allem Reichthum nicht iſt. Nun aber gar Dem, wel⸗ 20 cher beſtändig den Genuß einer außerordentlichen, geiſtig eminenten Individualität hat, ſind die meiſten der allgemein angeſtrebten Genüſſe ganz überflüſſig, ja, nur ſtörend und läſtig. Daher ſagt Horaz von ſich: Gemmas, marmor, ebur, Tyrrhena sigilla, tabellas, 25 Argentum, vestes Gaetulo murice tinctas, Sunt qui non habeant, est qui non curat habere; und Sokrates fagte, beim Anblick zum Verkauf ausgelegter Luxus⸗ artikel: „Wie Vieles giebt es doch, was ich nicht nöthig habe.“ Für unſer Lebensglück iſt demnach Das, was wir ſind, die 30 Perſönlichkeit, durchaus das Erſte und Weſentlichſte; — ſchon weil ſie beſtändig und unter allen Umſtänden wirkſam iſt: zudem aber iſt ſie nicht, wie die Güter der zwei andern Rubriken, dem Schick⸗ ſal unterworfen, und kann uns nicht entriſſen werden. Ihr Werth kann inſofern ein abſoluter heißen, im Gegenſatz des bloß 35 relativen der beiden andern. Hieraus nun folgt, daß dem Men⸗ ſchen von außen viel weniger beizukommen ift, als man wohl meint. Bloß die allgewaltige Zeit übt auch hier ihr Recht: ihr unterliegen allmälig die körperlichen und die geiſtigen Vorzüge: 339
Aphorismen der moralifche Charakter allein bleibt auch ihr unzugänglich. In dieſer Hinſicht hätten denn freilich die Güter der zwei letztern Rubriken, als welche die Zeit unmittelbar nicht raubt, vor denen der erſten einen Vorzug. Einen zweiten könnte man darin finden, daß ſie, als im Objektiven gelegen, ihrer Natur nach, erreichbar ſind und Jedem wenigſtens die Möglichkeit vorliegt, in ihren Beſitz zu gelangen; während hingegen das Subjektive gar nicht in unſere Macht gegeben iſt, ſondern, jure divino eingetreten, für das ganze Leben unveränderlich feſt ſteht; ſo daß hier un⸗ erbittlich der Ausſpruch gilt: Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen, Die Sonne ſtand zum Gruße der Planeten, Biſt alſobald und fort und fort gediehen, Nach dem Geſetz, wonach du angetreten. So mußt du ſeyn, dir kannſt du nicht entfliehen, So ſagten ſchon Sibyllen, ſo Propheten; Und keine Zeit und keine Macht zerſtückelt Geprägte Form, die lebend ſich entwickelt. 5 Goethe. Das Einzige, was in dieſer Hinſicht in unſerer Macht ſteht, iſt, daß wir die gegebene Perſönlichkeit zum möglichſten Vortheile be⸗ nutzen, demnach nur die ihr entſprechenden Beſtrebungen verfolgen und uns um die Art von Ausbildung bemühen, die ihr gerade angemeſſen iſt, jede andere aber meiden, folglich den Stand, die Beſchäftigung, die Lebensweiſe wählen, welche zu ihr paſſen. Ein herkuliſcher, mit ungewöhnlicher Muskelkraft begabter Menſch, der durch äußere Verhältniſſe genöthigt iſt, einer ſitzenden Beſchäftigung, einer kleinlichen, peinlichen Handarbeit, obzuliegen, oder auch Studien und Kopfarbeiten zu treiben, die ganz ander⸗ artige, bei ihm zurückſtehende Kräfte erfordern, folglich gerade die bei ihm ausgezeichneten Kräfte unbenutzt zu laſſen, der wird ſich zeitlebens unglücklich fühlen; noch mehr aber der, bei dem die in⸗ tellektuellen Kräfte ſehr überwiegend ſind, und der ſie unentwickelt und ungenutzt laſſen muß, um ein gemeines Geſchäft zu treiben, das ihrer nicht bedarf, oder gar körperliche Arbeit, zu der ſeine Kraft nicht recht ausreicht. Jedoch iſt hier, zumal in der Jugend, die Klippe der Präſumtion zu vermeiden, daß man ſich nicht ein Uebermaaß von Kräften zuſchreibe, welches man nicht hat. Aus dem entſchiedenen Uebergewicht unſerer erſten Rubrik über 340 ® 20 » 5 0 w u 1 8 A I 20 [306] 2 A © 3 35 zur Lebensweisheit. die beiden andern geht aber auch hervor, daß es weiſer iſt, auf Erhaltung ſeiner Geſundheit und auf Ausbildung ſeiner Fähig⸗ keiten, als auf Erwerbung von Reichthum hinzuarbeiten; was jedoch nicht dahin mißdeutet werden darf, daß man den Erwerb des Nöthigen und Angemeſſenen vernachläſſigen ſollte. Aber eigentlicher Reichthum, d. h. großer Ueberfluß, vermag wenig zu unſerm Glück; daher viele Reiche ſich unglücklich fühlen; weil ſie ohne eigentliche Geiſtesbildung, ohne Kenntniſſe und deshalb ohne irgend ein objektives Intereſſe, welches ſie zu geiſtiger Beſchäfti⸗ gung befähigen könnte, ſind. Denn was der Reichthum über die Befriedigung der wirklichen und natürlichen Bedürfniſſe hinaus noch leiſten kann iſt von geringem Einfluß auf unſer eigentliches Wohlbehagen: vielmehr wird dieſes geſtört durch die vielen und unvermeidlichen Sorgen, welche die Erhaltung eines großen Beſitzes herbeiführt. Dennoch aber ſind die Menſchen tauſend Mal mehr bemüht, ſich Reichthum, als Geiſtesbildung zu erwerben; während doch ganz gewiß was man iſt, viel mehr zu unſerm Glücke bei⸗ trägt, als was man hat. Gar Manchen daher ſehn wir, in raſtloſer Geſchäftigkeit, emſig wie die Ameiſe, vom Morgen bis zum Abend bemüht, den ſchon vorhandenen Reichthum zu ver⸗ mehren. Ueber den engen Geſichtskreis des Bereichs der Mittel hiezu hinaus kennt er nichts: ſein Geiſt iſt leer, daher für alles Andere unempfänglich. Die höchſten Genüſſe, die geiſtigen, ſind ihm unzugänglich: durch die flüchtigen, ſinnlichen, wenig Zeit, aber viel Geld koſtenden, die er zwiſchendurch ſich erlaubt, ſucht er vergeblich jene andern zu erſetzen. Am Ende ſeines Lebens hat er dann, als Reſultat deſſelben, wenn das Glück gut war, wirklich einen recht großen Haufen Geld vor ſich, welchen noch zu ver⸗ mehren, oder aber durchzubringen, er jetzt ſeinen Erben überläßt. Ein ſolcher, wiewohl mit gar ernſthafter und wichtiger Miene durchgeführter Lebenslauf iſt daher eben ſo thöricht, wie mancher andere, der geradezu die Schellenkappe zum Symbol hatte. Alſo was Einer an ſich ſelber hat iſt zu ſeinem Lebens⸗ glücke das Weſentlichſte. Bloß weil Dieſes, in der Regel, ſo gar wenig iſt, fühlen die meiſten von Denen, welche über den Kampf mit der Noth hinaus ſind, ſich im Grunde eben ſo unglücklich, wie Die, welche ſich noch darin herumſchlagen. Die Leere ihres Innern, das Fade ihres Bewußtſeyns, die Armuth ihres Geiſtes 341
Aphorismen zur Lebensweisheit. treibt fie zur Geſellſchaft, die nun aber aus eben Solchen beſteht; weil similis simili gaudet. Da wird dann gemeinſchaftlich Jagd gemacht auf Kurzweil und Unterhaltung, die ſie zunächſt in ſinn⸗ lichen Genüſſen, in Vergnügungen jeder Art und endlich in Aus⸗ ſchweifungen ſuchen. Die Quelle der heilloſen Verſchwendung, mittelſt welcher ſo mancher, reich ins Leben tretende Familienſohn, ſein großes Erbtheil, in oft unglaublich kurzer Zeit, durchbringt, iſt wirklich keine andere, als nur die Langeweile, welche aus der eben geſchilderten Armuth und Leere des Geiſtes entſpringt. So ein Jüngling war äußerlich reich, aber innerlich arm in die Welt geſchickt und ſtrebte nun vergeblich, durch den äußern Reichthum den innern zu erſetzen, indem er Alles von außen empfangen wollte, — den Greiſen analog, welche ſich durch die Ausdünſtung junger Mädchen zu ſtärken ſuchen. Dadurch führte denn am Ende die innere Armuth auch noch die äußere herbei. Die Wichtigkeit der beiden andern Rubriken der Güter des menſchlichen Lebens brauche ich nicht hervorzuheben. Denn der Werth des Beſitzes iſt heut zu Tage ſo allgemein anerkannt, daß er keiner Empfehlung bedarf. Sogar hat die dritte Rubrik, gegen die zweite, eine ſehr ätheriſche Beſchaffenheit; da ſie bloß in der Meinung Anderer beſteht. Jedoch nach Ehre, d. h. gutem Namen, hat Jeder zu ſtreben, nach Rang ſchon nur Die, welche dem Staate dienen, und nach Ruhm gar nur äußerſt Wenige. Indeſſen wird die Ehre als ein unſchätzbares Gut angeſehn, und der Ruhm als das Köſtlichſte, was der Menſch erlangen kann, das goldene Fließ der Auserwählten: hingegen den Rang werden nur Thoren dem Beſitze vorziehn. Die zweite und dritte Rubrik ſtehn übrigens in ſogenannter Wechſelwirkung; ſofern das habes, habeberis des Petronius ſeine Richtigkeit hat und, umgekehrt, die günſtige Mei⸗ nung Anderer, in allen ihren Formen, oft zum Beſitze verhilft. 342 15 [307] 25 30 [308] Kapitel II. Von Dem, was Einer iſt. Daß Dieſes zu feinem Glücke viel mehr beiträgt, als was er hat a oder was er vorſtellt, haben wir bereits im Allgemeinen erkannt. Immer kommt es darauf an, was Einer ſei und demnach an ſich felber habe: denn feine Individualität begleitet ihn ſtets und überall, und von ihr iſt Alles tingirt, was er erlebt. In Allem und bei Allem genießt er zunächſt nur ſich ſelbſt: Dies gilt ſchon von den phyſiſchen; wie viel mehr von den geiſtigen Genüſſen. Daher iſt das Engliſche to enjoy one's self ein ſehr treffender Ausdruck, mit welchem man z. B. ſagt he enjoys himself at Paris, alſo nicht „er genießt Paris,“ ſondern „er genießt ſich in Paris.“ — Iſt nun aber die Individualität von ſchlechter Beſchaf fenheit; fo ſind alle Genüſſe wie köſtliche Weine in einem mit Galle tingirten 15 Munde. Demnach kommt, im Guten wie im Schlimmen, ſchwere Unglücksfälle bei Seite geſetzt, weniger darauf an, was Einem im Leben begegnet und widerfährt, als darauf, wie er es empfindet, alſo auf die Art und den Grad ſeiner Empfänglichkeit in jeder Hinſicht. Was Einer in ſich iſt und an ſich ſelber hat, kurz die Perſönlichkeit und deren Werth, iſt das alleinige Unmittelbare zu ſeinem Glück und Wohlſeyn. Alles Andere iſt mittelbar; daher auch deſſen Wirkung vereitelt werden kann, aber die der Perſön⸗ lichkeit nie. Darum eben iſt der auf perſönliche Vorzüge gerichtete Neid der unverſöhnlichſte, wie er auch der am ſorgfältigſten ver⸗ 25 hehlte iſt. Ferner iſt allein die Beſchaffenheit des Bewußtſeyns das Bleibende und Beharrende, und die Individualität wirkt fortdauernd, anhaltend, mehr oder minder in jedem Augenblick: alles Andere hingegen wirkt immer nur zu Zeiten, gelegentlich, vorübergehend, und iſt zudem auch noch ſelbſt dem Wechſel und 30 Wandel unterworfen: daher ſagt Ariſtoteles: N yap pucıs Beßaue, 2 S 1 2 D 1309] ov za xpnpara (nam natura perennis est, non opes). Eth. 23 Schopenhauer, Werke V 343
Von Dem, was Einer ist. Eud. VII, 2. Hierauf beruht es, daß wir ein ganz und gar von außen auf uns gekommenes Unglück mit mehr Faſſung ertragen, als ein ſelbſtverſchuldetes: denn das Schickſal kann ſich ändern; aber die eigene Beſchaffenheit nimmer. Demnach alſo ſind die ſubjektiven Güter, wie ein edler Charakter, ein fähiger Kopf, ein glückliches Temperament, ein heiterer Sinn und ein wohlbeſchaffener, völlig geſunder Leib, alſo überhaupt mens sana in corpore sano (Juvenal. Sat. X, 356), zu unſerm Glücke die erſten und wichtig⸗ ſten; weshalb wir auf die Beförderung und Erhaltung derſelben viel mehr bedacht ſeyn ſollten, als auf den Beſitz äußerer Güter und äußerer Ehre. Was nun aber, von jenen Allen, uns am unmittelbarſten beglückt, iſt die Heiterkeit des Sinnes: denn dieſe gute Eigenſchaft belohnt ſich augenblicklich ſelbſt. Wer eben fröhlich iſt hat allemal Urſache es zu ſeyn: nämlich eben dieſe, daß er es iſt. Nichts kann ſo ſehr, wie dieſe Eigenſchaft, jedes andere Gut vollkommen er⸗ ſetzen; während ſie ſelbſt durch nichts zu erſetzen iſt. Einer ſei jung, ſchön, reich und geehrt; ſo frägt ſich, wenn man ſein Glück beurtheilen will, ob er dabei heiter ſei: iſt er hingegen heiter; ſo iſt es einerlei, ob er jung oder alt, gerade oder pucklich, arm oder reich ſei; er iſt glücklich. In früher Jugend machte ich ein Mal ein altes Buch auf, und da ſtand: „Wer viel lacht iſt glück lich, und wer viel weint iſt unglücklich,“ — eine ſehr einfältige Bemerkung, die ich aber, wegen ihrer einfachen Wahrheit doch nicht habe vergeſſen können, ſo ſehr ſie auch der Superlativ eines truism's iſt. Dieſerwegen alſo ſollen wir der Heiterkeit, wann immer ſie ſich einſtellt, Thür und Thor öffnen: denn ſie kommt nie zur unrechten Zeit; ſtatt daß wir oft Bedenken tra⸗ gen, ihr Eingang zu geſtatten, indem wir erſt wiſſen wollen, ob wir denn auch wohl in jeder Hinſicht Urſache haben, zufrieden zu ſeyn; oder auch, weil wir fürchten, in unſern ernſthaften Ueber⸗ legungen und wichtigen Sorgen dadurch geſtört zu werden: allein was wir durch dieſe beſſern iſt ſehr ungewiß; hingegen iſt Heiter⸗ keit unmittelbarer Gewinn. Sie allein iſt gleichſam die baare Münze des Glückes und nicht, wie alles Andere, bloß der Bank⸗ zettel; weil nur ſie unmittelbar in der Gegenwart beglückt; wes⸗ halb ſie das höchſte Gut iſt für Weſen, deren Wirklichkeit die Form einer untheilbaren Gegenwart zwiſchen zwei unendlichen [ro] 344 — — we ne 0 5 0 5 Von Dem, was Einer ist. Zeiten hat. Demnach ſollten wir die Erwerbung und Beförde⸗ rung dieſes Gutes jedem andern Trachten vorſetzen. Nun iſt gewiß, daß zur Heiterkeit nichts weniger beiträgt, als Reichthum, und nichts mehr, als Geſundheit: in den niedrigen, arbeitenden, 5 zumal das Land beſtellenden Klaſſen, find die heitern und zu⸗ friedenen Geſichter; in den reichen und vornehmen die verdrieß⸗ lichen zu Hauſe. Folglich ſollten wir vor Allem beſtrebt ſeyn, uns den hohen Grad vollkommener Geſundheit zu erhalten, als deſſen Blüthe die Heiterkeit ſich einſtellt. Die Mittel hiezu ſind bekanntlich Vermeidung aller Exceſſe und Ausſchweifungen, aller heftigen und unangenehmen Gemüthsbewegungen, auch aller zu großen oder zu anhaltenden Geiſtesanſtrengung, täglich zwei Stunden raſcher Bewegung in freier Luft, viel kaltes Baden und ähnliche diätetiſche Maaßregeln. Ohne tägliche gehörige Bewegung kann man nicht geſund bleiben: alle Lebensproceſſe erfordern, um gehörig vollzogen zu werden, Bewegung ſowohl der Theile, darin ſie vorgehn, als des Ganzen. Daher ſagt Ariſtoteles mit Recht: ö Brog ev vn xıvnosı ect. Das Leben beſteht in der Bewegung und hat ſein Weſen in ihr. Im ganzen Innern des Organis⸗ mus herrſcht unaufhörliche, raſche Bewegung: das Herz, in feiner komplicirten doppelten Syſtole und Diaſtole, ſchlägt heftig und unermüdlich; mit 28 ſeiner Schläge hat es die geſammte Blutmaſſe durch den ganzen großen und kleinen Kreislauf hin⸗ durch getrieben; die Lunge pumpt ohne Unterlaß wie eine Dampf⸗ maſchine; die Gedärme winden ſich ſtets im motus peristalticus; alle Drüſen ſaugen und ſecerniren beſtändig, ſelbſt das Gehirn hat eine doppelte Bewegung mit jedem Pulsſchlag und jedem Athemzug. Wenn nun hiebei, wie es bei der ganz und gar ſitzenden Lebensweiſe unzähliger Menſchen der Fall iſt, die äußere Bewegung ſo gut wie ganz fehlt; ſo entſteht ein ſchreiendes und verderbliches Mißverhältniß zwiſchen der äußern Ruhe und dem innern Tumult. Denn ſogar will die beſtändige innere Be⸗ wegung durch die äußere etwas unterſtützt ſeyn: jenes Mißver⸗ hältniß aber wird dem analog, wenn, in Folge irgend eines Affekts, es in unſerm Innern kocht, wir aber nach außen nichts davon ſehn laſſen dürfen. Sogar die Bäume bedürfen, um zu gedeihen, der Bewegung durch den Wind. Dabei gilt eine Regel, die ſich am kürzeſten lateiniſch ausdrücken läßt: omnis I 8 I A 2 © 2 A 8 3 3 A = 345
Von Dem, was Einer ist. motus, quo celerior, eo magis motus. — Wie ſehr unſer Glück von der Heiterkeit der Stimmung und dieſe vom Geſundheits⸗ zuſtande abhängt, lehrt die Vergleichung des Eindrucks, den die nämlichen äußern Verhältniſſe, oder Vorfälle, am geſunden und rüſtigen Tage auf uns machen, mit dem, welchen ſie hervor⸗ bringen, wann Kränklichkeit uns verdrießlich und ängſtlich geſtimmt hat. Nicht was die Dinge objektiv und wirklich ſind, ſondern was ſie für uns, in unſerer Auffaſſung, ſind, macht uns glücklich oder unglücklich: Dies eben beſagt Epiktets aper Toug e pNove o Ta rpaypare, oda Ta Tepi οο TpaYRatav doypatı Io (commovent homines non res, sed de rebus opiniones). Ueber⸗ haupt aber beruhen / unſers Glückes allein auf der Geſund⸗ heit. Mit ihr wird Alles eine Quelle des Genuſſes: hingegen iſt ohne ſie kein äußeres Gut, welcher Art es auch ſei, genießbar, und ſelbſt die übrigen ſubjektiven Güter, die Eigenſchaften des Geiſtes, Gemüthes, Temperaments, werden durch Kränklichkeit herabgeſtimmt und ſehr verkümmert. Demnach geſchieht es nicht ohne Grund, daß man, vor allen Dingen, ſich gegenſeitig nach dem Geſundheitszuſtande befrägt und einander ſich wohlzubefinden wünſcht: denn wirklich iſt Dieſes bei Weitem die Hauptſache zum menſchlichen Glück. Hieraus aber folgt, daß die größte aller Thorheiten iſt, ſeine Geſundheit aufzuopfern, für was es auch ſei, für Erwerb, für Beförderung, für Gelehrſamkeit, für Ruhm, ge⸗ ſchweige für Wolluſt und flüchtige Genüſſe: vielmehr ſoll man ihr Alles nachſetzen. So viel nun aber auch zu der, für unſer Glück ſo weſent⸗ lichen Heiterkeit die Geſundheit beiträgt, ſo hängt jene doch nicht von dieſer allein ab: denn auch bei vollkommener Geſundheit kann ein melancholiſches Temperament und eine vorherrſchend trübe Stimmung beſtehn. Der letzte Grund davon liegt ohne Zweifel in der urſprünglichen und daher unabänderlichen Be⸗ ſchaffenheit des Organismus, und zwar zumeiſt in dem mehr oder minder normalen Verhältniß der Senſibilität zur Irritabilität und Reproduktionskraft. Abnormes Uebergewicht der Senſibilität wird Ungleichheit der Stimmung, periodiſche übermäßige Heiterkeit und vorwaltende Melancholie herbeiführen. Weil nun auch das Genie durch ein Uebermaaß der Nervenkraft, alſo der Senſibilität, be⸗ dingt iſt; ſo hat Ariſtoteles ganz richtig bemerkt, daß alle aus⸗ 346 — D 2 17] wo 5 0 5 5 Von Dem, was Einer ist. gezeichnete und überlegene Menſchen melancholiſch ſeien: ravres door ceprr xot yayovaaıy οᷓ pee, N Kata PllosoptLay, N TOT er, Y nomow, n TEXyas, pawovrar nerayyorucor ovreg Probl. 30, 1). Ohne Zweifel iſt dieſes die Stelle, welche Cicero im Auge hatte, 5 bei feinem oft angeführten Bericht: Aristoteles ait, omnes ingeniosos melancholicos esse (Tusc. I, 33). — Die hier in Bes trachtung genommene, angeborene, große Verſchiedenheit der Grund⸗ Stimmung überhaupt aber hat Shakeſpeare ſehr artig ge⸗ ſchildert: 10 Nature has fram'd strange fellows in her time: Some that will evermore peep through their eyes, And laugh, like parrots, at a bag-piper; And others of such vinegar aspect, That they'Il not show their teeth in way of smile, 15 Though Nestor swear the jest be laughable.*) Merch. of Ven. Sc. I. Eben dieſer Unterſchied iſt es, den Plato durch die Aus⸗ drücke dvccohog und euxodog bezeichnet. Derſelbe läßt ſich zu⸗ rückführen auf die bei verſchiedenen Menſchen ſehr verſchiedene 20 Empfänglichkeit für angenehme und unangenehme Eindrücke, in [373] Folge welcher der Eine noch lacht bei Dem, was den Andern faſt zur Verzweiflung bringt: und zwar pflegt die Empfänglichkeit für angenehme Eindrücke deſto ſchwächer zu ſeyn, je ſtärker die für unangenehme iſt, und umgekehrt. Nach gleicher Möglichkeit 25 des glücklichen und des unglücklichen Ausgangs einer Angelegen⸗ heit, wird der doc roh os beim unglücklichen ſich ärgern, oder grä⸗ men, beim glücklichen aber ſich nicht freuen; der svreohos hingegen wird über den unglücklichen ſich nicht ärgern, noch grämen, aber über den glücklichen ſich freuen. Wenn dem Sunxodog von zehn Vorhaben neun gelingen; ſo freut er ſich nicht über dieſe, ſon⸗ dern ärgert ſich über das Eine mißlungene: der evrohoc weiß, im umgekehrten Fall, ſich doch mit dem Einen gelungenen zu tröſten und aufzuheitern. — Wie nun aber nicht leicht ein Uebel ohne alle Kompenſation iſt; ſo ergiebt ſich auch hier, daß die > 3 ee ee En u DI are Een Mr ee ne Ba en Die Natur hat, in ihren Tagen, ſeltſame Käuze hervorgebracht, Einige, die ſtets aus ihren Aeugelein vergnügt hervorgucken und, wie Papageien über einen Dudelſackſpieler lachen, und Andere von ſo ſauertöpfiſchem An⸗ ſehn, daß ſie ihre Zähne nicht durch ein Lächeln bloß legen, wenn auch Neſtor ſelbſt ſchwüre, der Spaaß ſei lachenswerth. 347
Von Dem, was Einer ist. duoxodor, alſo die finftern und ängftlichen Charaktere, im Ganzen, zwar mehr imaginäre, dafür aber weniger reale Unfälle und Leiden zu überſtehn haben werden, als die heitern und ſorgloſen: denn wer Alles ſchwarz ſieht, ſtets das Schlimmſte befürchtet und demnach ſeine Vorkehrungen trifft, wird ſich nicht ſo oft verrechnet haben, als wer ſtets den Dingen die heitere Farbe und Ausſicht leiht. — Wann jedoch eine krankhafte Affektion des Nervenſyſtems, oder der Verdauungswerkzeuge, der angeborenen dvcno h in die Hände arbeitet; dann kann dieſe den hohen Grad erreichen, wo dauerndes Mißbehagen Lebensüberdruß erzeugt und demnach Hang zum Selbſtmord entſteht. Dieſen vermögen als⸗ dann ſelbſt die geringſten Unannehmlichkeiten zu veranlaſſen; ja, bei den höchſten Graden des Uebels, bedarf es derſelben nicht ein Mal; ſondern bloß in Folge des anhaltenden Mißbehagens wird der Selbſtmord beſchloſſen und alsdann mit ſo kühler Ueber⸗ legung und feſter Entſchloſſenheit ausgeführt, daß der meiſtens ſchon unter, Aufficht geſtellte Kranke, ſtets darauf gerichtet, den erſten unbewachten Augenblick benutzt, um, ohne Zaudern, Kampf und Zurückbeben, jenes ihm jetzt natürliche und willkommene Er⸗ leichterungsmittel zu ergreifen. Ausführliche Beſchreibungen dieſes Zuſtandes giebt Esquirol, des maladies mentales. Allerdings aber kann, nach Umſtänden, auch der geſundeſte und vielleicht ſelbſt der heiterſte Menſch ſich zum Selbſtmord entſchließen, wenn nämlich die Größe der Leiden, oder des unausweichbar heran⸗ nahenden Unglücks, die Schrecken des Todes überwältigt. Der Unterſchied liegt allein in der verſchiedenen Größe des dazu er⸗ forderlichen Anlaſſes, als welche mit der doo in umgekehrtem Verhältniß ſteht. Je größer dieſe iſt, deſto geringer kann jener ſeyn, ja am Ende auf Null herabſinken: je größer hingegen die suxodn und die fie unterſtützende Geſundheit, deſto mehr muß im Anlaß liegen. Danach giebt es unzählige Abſtufungen der Fälle, zwiſchen den beiden Extremen des Selbſtmordes, nämlich dem des rein aus krankhafter Steigerung der angeborenen doc veoh entſpringenden, und dem des Geſunden und Heiteren, ganz aus objektiven Gründen. Der Geſundheit zum Theil verwandt iſt die Schönheit. Wenn gleich dieſer ſubjektive Vorzug nicht eigentlich unmittelbar zu unſerm Glücke beiträgt, ſondern bloß mittelbar, durch den 348 — 0 — 5 » 0 131 35 Von Dem, was Einer ist. Eindruck auf Andere; fo iſt er doch von großer Wichtigkeit, auch im Manne. Schönheit iſt ein offener Empfehlungsbrief, der die Herzen zum Voraus für uns gewinnt: daher gilt beſonders von ihr der Homeriſche Vers: 5 Oyror ag m? cor Je epıxudce Soap, Oc xev autor Zwar, Exay B’oux rie EAorro. Der allgemeinſte Ueberblick zeigt uns, als die beiden Feinde des menſchlichen Glückes, den Schmerz und die Langeweile. Dazu noch läßt ſich bemerken, daß, in dem Maaße, als es uns glückt, 10 vom einen derſelben uns zu entfernen, wir dem andern uns nähern, und umgekehrt; ſo daß unſer Leben wirklich eine ſtärkere, oder ſchwächere Oscillation zwiſchen ihnen darſtellt. Dies ent⸗ ſpringt daraus, daß Beide in einem doppelten Antagonismus zu einander ſtehn, einem äußern, oder objektiven, und einem innern, 15 oder ſubjektiven. Aeußerlich nämlich gebiert Noth und Entbehrung den Schmerz; hingegen Sicherheit und Ueberfluß die Langeweile. Demgemäß ſehn wir die niedere Volksklaſſe in einem beſtändigen Kampf gegen die Noth, alſo den Schmerz; die reiche und vor⸗ nehme Welt hingegen in einem anhaltenden, oft wirklich verzwei⸗ 20 felten Kampf gegen die Langeweile. ) Der innere, oder ſubjektive Antagonismus derſelben aber beruht darauf, daß, im einzelnen Menſchen, die Empfänglichkeit für das Eine in entgegengeſetztem Verhältniß zu der für das Andere ſteht, indem ſie durch das Maaß ſeiner Geiſteskräfte beſtimmt wird. Nämlich Stumpfheit a5 des Geiſtes iſt durchgängig im Verein mit Stumpfheit der Em⸗ pfindung und Mangel an Reizbarkeit, welche Beſchaffenheit für Schmerzen und Betrübniſſe jeder Art und Größe weniger em⸗ 31% pfänglich macht: aus eben dieſer Geiſtesſtumpfheit aber geht andererſeits jene, auf zahlloſen Geſichtern ausgeprägte, wie auch 30 durch die beſtändig rege Aufmerkſamkeit auf alle, ſelbſt die kleinſten Vorgänge in der Außenwelt ſich verrathende innere Leerheit hervor, welche die wahre Quelle der Langenweile iſt und ſtets nach äußerer Anregung lechzt, um Geiſt und Gemüth durch irgend ) Das Nomadenleben, welches die unterſte Stufe der Civiliſation 35 bezeichnet, findet ſich auf der höchſten im allgemein gewordenen Touriſten⸗ leben wieder ein. Das erſte ward von der Noth, das zweite von der Langenweile herbeigeführt. 349
Von Dem, was Einer ist. etwas in Bewegung zu bringen. In der Wahl deſſelben iſt fie daher nicht ekel; wie Dies die Erbärmlichkeit der Zeitvertreibe bezeugt, zu denen man Menſchen greifen ſieht, imgleichen die Art ihrer Geſelligkeit und Konverſation, nicht weniger die vielen Thür⸗ ſteher und Fenſterkucker. Hauptſächlich aus dieſer inneren Leerheit 5 entſpringt die Sucht nach Geſellſchaft, Zerſtreuung, Vergnügen und Luxus jeder Art, welche Viele zur Verſchwendung und dann zum Elende führt. Vor dieſem Abwege bewahrt nichts ſo ſicher, als der innere Reichthum, der Reichthum des Geiſtes: denn dieſer läßt, je mehr er ſich der Eminenz nähert, der Langenweile 10 immer weniger Raum. Die unerſchöpfliche Regſamkeit der Ge⸗ danken aber, ihr an den mannigfaltigen Erſcheinungen der Innen⸗ und Außenwelt ſich ſtets erneuerndes Spiel, die Kraft und der Trieb zu immer andern Kombinationen derſelben, ſetzen den eminenten Kopf, die Augenblicke der Abſpannung abgerechnet, ganz 15 außer den Bereich der Langenweile. Andererſeits nun aber hat die geſteigerte Intelligenz eine erhöhte Senſibilität zur unmittelbaren Bedingung, und größere Heftigkeit des Willens, alſo der Leiden⸗ ſchaftlichkeit, zur Wurzel: aus ihrem Verein mit dieſen erwächſt nun eine viel größere Stärke aller Affekte und eine geſteigerte 20 Empfindlichkeit gegen die geiſtigen und ſelbſt gegen körperliche Schmerzen, ſogar größere Ungeduld bei allen Hinderniſſen, oder auch nur Störungen; welches alles zu erhöhen die aus der Stärke der Phantaſie entſpringende Lebhaftigkeit ſämmtlicher Vorſtellungen, alſo auch der widerwärtigen, mächtig beiträgt. Das Geſagte gilt nun verhältnißmäßig von allen den Zwiſchenſtufen, welche den weiten Raum vom ſtumpfeſten Dummkopf bis zum größten Genie ausfüllen. Demzufolge ſteht Jeder, wie objektiv, ſo auch ſubjektiv, der einen Quelle der Leiden des menſchlichen Lebens um ſo näher, als er von der andern entfernter iſt. Dem entſprechend wird ſein natürlicher Hang ihn anleiten, in dieſer Hinſicht, das Ob⸗ N 5 0 ws jeftive dem Subjektiven möglichſt anzupaſſen, alfo gegen die 315] Quelle der Leiden, für welche er die größere Empfänglichkeit hat, die größere Vorkehr zu treffen. Der geiſtreiche Menſch wird vor Allem nach Schmerzloſigkeit, Ungehudeltſeyn, Ruhe und Muße 35 ſtreben, folglich ein ſtilles, beſcheidenes, aber möglichſt unange⸗ fochtenes Leben ſuchen und demgemäß, nach einiger Bekanntſchaft mit den ſogenannten Menſchen, die Zurückgezogenheit und, bei 350 Von Dem, was Einer ist. großem Geiſte, ſogar die Einſamkeit wählen. Denn je mehr Einer an ſich ſelber hat, deſto weniger bedarf er von außen und deſto weniger auch können die Uebrigen ihm ſeyn. Darum führt die Eminenz des Geiſtes zur Ungeſelligkeit. Ja, wenn die Qua⸗ 5 lität der Geſellſchaft ſich durch die Quantität erſetzen ließe; da wäre es der Mühe werth, ſogar in der großen Welt zu leben: aber leider geben hundert Narren, auf Einem Haufen, noch keinen geſcheuten Mann. — Der vom andern Extrem hingegen wird, ſobald die Noth ihn zu Athem kommen läßt, Kurzweil und Ge⸗ zo ſellſchaft, um jeden Preis, ſuchen und mit Allem leicht vorlieb nehmen, nichts ſo ſehr fliehend, wie ſich ſelbſt. Denn in der Einſamkeit, als wo Jeder auf ſich ſelbſt zurückgewieſen iſt, da zeigt ſich was er an ſich ſelber hat: da ſeufzt der Tropf im Purpur unter der unabwälzbaren Laſt ſeiner armſäligen In⸗ 15 dividualität; während der Hochbegabte die ödeſte Umgebung mit ſeinen Gedanken bevölkert und belebt. Daher iſt ſehr wahr was Seneka ſagt: omnis stultitia laborat fastidio sui (ep. 9); wie auch Jeſus Sirachs Ausſpruch: „Des Narren Leben iſt ärger, denn der Tod.“ Demgemäß wird man, im Ganzen, finden, daß 20 Jeder in dem Maaße geſellig iſt, wie er geiſtig arm und überhaupt gemein ift.F) Denn man hat in der Welt nicht viel mehr, als die Wahl zwiſchen Einſamkeit und Gemeinheit. Die geſelligſten aller Menſchen ſollen die Neger ſeyn, wie ſie eben auch intellektuell entſchieden zurückſtehn: nach Berichten aus Nord-Amerika, in 25 Franzöſiſchen Zeitungen (le Commerce, Octbr. 19, 1837), ſperren die Schwarzen, Freie und Sklaven durch einander, in großer Anzahl, ſich in den engſten Raum zuſammen, weil ſie ihr ſchwarzes Stumpfnaſengeſicht nicht oft genug wiederholt erblicken können. 30 Dem entſprechend, daß das Gehirn als der Paraſit, oder Penſionair, des ganzen Organismus auftritt, iſt die errungene 1316] freie Muße eines Jeden, indem fie ihm den freien Genuß feines Bewußtſeyns und ſeiner Individualität giebt, die Frucht und der Ertrag ſeines geſammten Daſeyns, welches im Uebrigen nur 35 Mühe und Arbeit iſt. Was nun aber wirft die freie Muße der meiſten Menſchen ab? Langeweile und Dumpfheit, fo oft nicht 19 Was die Menſchen geſellig macht, iſt eben ihre innere Armuth. 351
Von Dem, was Einer ist. finnliche Genüffe, oder Albernheiten dafind, fie auszufüllen. Wie völlig werthlos fie ift, zeigt die Art, wie fie ſolche zubringen: fie iſt eben das ozio lungo d' uomini ignoranti des Arioſto. Die ger wöhnlichen Leute ſind bloß darauf bedacht, die Zeit zuzubringen; wer irgend ein Talent hat, — ſie zu benutzen. — Daß die beſchränkten Köpfe der Langenweile ſo ſehr ausgeſetzt ſind, kommt daher, daß ihr Intellekt durchaus nichts weiter, als das Medium der Motive für ihren Willen iſt. Sind nun vor der Hand keine Motive aufzufaſſen da; ſo ruht der Wille und feiert der Intellekt; dieſer, weil er ſo wenig wie jener auf eigene Hand in Thätigkeit geräth: das Reſultat iſt ſchreckliche Stagnation aller Kräfte im ganzen Menſchen, — Langeweile. Dieſer zu be⸗ gegnen, ſchiebt man nun dem Willen kleine, bloß einſtweilige und beliebig angenommene Motive vor, ihn zu erregen und dadurch auch den Intellekt, der ſie aufzufaſſen hat, in Thätigkeit zu ver⸗ ſetzen: dieſe verhalten ſich demnach zu den wirklichen und natür⸗ lichen Motiven, wie Papiergeld zu Silber; da ihre Geltung eine willkürlich angenommene iſt. Solche Motive nun ſind die Spiele, mit Karten u. ſ. w., welche zu beſagtem Zweck er⸗ funden worden ſind. Fehlt es daran, ſo hilft der beſchränkte Menſch ſich durch Klappern und Trommeln, mit Allem, was er in die Hand kriegt. Auch die Cigarre iſt ihm ein willkommenes Surrogat der Gedanken. — Daher alſo iſt, in allen Ländern, die Hauptbeſchäftigung aller Geſellſchaft das Kartenſpiel geworden: es iſt der Maaßſtab des Werthes derſelben und der deklarirte Bankrott an allen Gedanken. Weil ſie nämlich keine Gedanken auszutauſchen haben, tauſchen ſie Karten aus und ſuchen einander Gulden abzunehmen. O, klägliches Geſchlecht! Um indeſſen auch hier nicht ungerecht zu ſeyn, will ich den Gedanken nicht unterdrücken, daß man zur Entſchuldigung des Kartenſpiels allen⸗ falls anführen könnte, es ſei eine Vorübung zum Welt⸗ und Geſchäftsleben, ſofern man dadurch lernt, die vom Zufall un⸗ abänderlich gegebenen Umſtände (Karten) klug zu benutzen, um daraus was immer angeht zu machen, zu welchem Zwecke man ſich denn auch gewöhnt, Contenance zu halten, indem man zum ſchlechten Spiel eine heitere Miene aufſetzt. Aber eben deshalb hat andererſeits das Kartenſpiel einen demoraliſirenden Einfluß. Der Geiſt des Spiels nämlich iſt, daß man auf alle Weiſe, durch 352 — 0 15 » 0 0 w 0 Von Dem, was Einer ist. jeden Streich und jeden Schlich, dem Andern das Seinige ab⸗ gewinne. Aber die Gewohnheit im Spiel ſo zu verfahren wurzelt ein, greift über in das praktiſche deben, und man kommt allmälig dahin, in den Angelegenheiten des Mein und Dein es eben ſo 5 zu machen und jeden Vortheil, den man eben in der Hand hält, für erlaubt zu halten, ſobald man nur es geſetzlich darf. Be⸗ lege hiezu giebt ja das bürgerliche Leben täglich. — Weil alſo, wie geſagt, die freie Muße die Blüthe, oder vielmehr die Frucht des Daſeyns eines Jeden iſt, indem nur ſie ihn in den Beſitz 10 ſeines eigenen Selbſt einſetzt, ſo ſind Die glücklich zu preiſen, welche dann auch etwas Rechtes an ſich ſelber erhalten; während den Allermeiſten die freie Muße nichts abwirft, als einen Kerl, mit dem nichts anzufangen iſt, der ſich ſchrecklich langweilt, ſich ſelber zur Laſt. Demnach freuen wir uns, „ihr lieben Brü⸗ 15 der, daß wir nicht find der Magd Kinder, ſondern der Freien.“ (Gal. 4, 31.) Ferner, wie das Land am glücklichſten iſt, welches weniger, oder keiner, Einfuhr bedarf; ſo auch der Menſch, der an ſeinem innern Reichthum genug hat und zu ſeiner Unterhaltung wenig, 20 oder nichts, von außen nöthig hat; da dergleichen Zufuhr viel koſtet, abhängig macht, Gefahr bringt, Verdruß verurſacht und am Ende doch nur ein ſchlechter Erſatz iſt für die Erzeugniſſe des eigenen Bodens. Denn von Andern, von außen überhaupt, darf man in keiner Hinſicht viel erwarten. Was Einer dem 25 Andern ſeyn kann, hat ſeine ſehr engen Gränzen: am Ende bleibt [317] doch Jeder allein, und da kommt es darauf an, wer jetzt allein ſei. Auch hier gilt demnach was Goethe (Dicht. u. Wahrh. Bd. 3, S. 474) im Allgemeinen ausgeſprochen hat, daß, in allen Dingen, Jeder zuletzt auf ſich ſelbſt zurückgewieſen wird, oder wie Oliver 30 Goldſmith ſagt: Still to ourselves in ev'ry place consign’d, Our own felicity we make or find. (The Traveller v. 431 sq.) Das Beſte und Meifte muß daher Jeder ſich felber ſeyn und 35 leiſten. Je mehr nun Dieſes iſt, und je mehr demzufolge er die Quellen ſeiner Genüſſe in ſich ſelbſt findet, deſto glücklicher wird er ſeyn. Mit größtem Rechte alſo ſagt Ariſtoteles: ) evdnupovia zoy oaurapxwv eorı (Eth. Eud. VII, 2), zu deutſch: das Glück 353
Von Dem, was Einer ist. gehört Denen, die fich ſelber genügen. Denn alle äußern Quellen des Glückes und Genuſſes ſind, ihrer Natur nach, höchſt unſicher, mißlich, vergänglich und dem Zufall unterworfen, dürften daher, ſelbſt unter den günſtigſten Umſtänden, leicht ſtocken; ja, Dieſes iſt unvermeidlich, ſofern ſie doch nicht ſtets zur Hand ſeyn können. Im Alter nun gar verſiegen ſie faſt alle nothwendig: denn da verläßt uns Liebe, Scherz, Reiſeluſt, Pferdeluſt und Tauglichkeit für die Geſellſchaft: ſogar die Freunde und Verwandten entführt uns der Tod. Da kommt es denn, mehr als je, darauf an, was Einer an ſich ſelber habe. Denn Dieſes wird am längſten Stich halten. Aber auch in jedem Alter iſt und bleibt es die ächte und allein ausdauernde Quelle des Glücks. Iſt doch in der Welt überall nicht viel zu holen: Noth und Schmerz erfüllen ſie, und auf Die, welche dieſen entronnen ſind, lauert in allen Winkeln die Langeweile. Zudem hat in der Regel die Schlechtigkeit die Herrſchaft darin und die Thorheit das große Wort. Das Schick⸗ ſal iſt grauſam und die Menſchen ſind erbärmlich. In einer ſo beſchaffenen Welt gleicht Der, welcher viel an ſich ſelber hat, der hellen, warmen, luſtigen Weihnachtsſtube, mitten im Schnee und Eiſe der Decembernacht. Demnach iſt eine vorzügliche, eine reiche Individualität und beſonders ſehr viel Geiſt zu haben ohne Zweifel das glücklichſte Loos auf Erden; ſo verſchieden es etwan auch von dem glänzendeſten ausgefallen ſeyn mag. Daher war es ein weiſer Ausſpruch der erſt 19 jährigen Königin Chri⸗ ſtine von Schweden, über den ihr noch bloß durch einen Auf⸗ ſatz und aus mündlichen Berichten bekannt gewordenen Carte⸗ ſius, welcher damals ſeit 20 Jahren in der tiefſten Einſamkeit, in Holland, lebte: Mr. Descartes est le plus heureux de tous les hommes, et sa. condition me semble digne d'envie. (Vie de Descartes par Baillet, Liv. VII, ch. 10.) Nur müſſen, wie es eben auch der Fall des Carteſius war, die äußern Umſtände es ſo weit begünſtigen, daß man auch ſich ſelbſt be⸗ ſitzen und ſeiner froh werden könne; weshalb ſchon Koheleth (7, 12) jagt: „Weisheit iſt gut mit einem Erbgut, und hilft, daß Einer ſich der Sonne freuen kann.“ Wem nun, durch Gunſt der Natur und des Schickſals, dieſes Loos beſchieden iſt, der wird mit ängſtlicher Sorgfalt darüber wachen, daß die innere Quelle ſeines Glückes ihm zugänglich bleibe; wozu Un⸗ 354 — 0 — — 0 ws Von Dem, was Einer ist. abhängigkeit und Muße die Bedingungen find. Dieſe wird er daher gern durch Mäßigkeit und Sparſamkeit erkaufen; um ſo mehr, als er nicht, gleich den Andern, auf die äußern Quellen der Genüſſe verwieſen iſt. Darum wird die Ausſicht auf Aemter, 5 Geld, Gunſt und Beifall der Welt, ihn nicht verleiten, ſich ſelber aufzugeben, um den niedrigen Abſichten, oder dem ſchlechten Geſchmacke, der Menſchen ſich zu fügen.) Vorkommenden Falls wird er es machen wie Horaz in der Epiſtel an den Mäcenas (Lib. I, ep. 7). Es iſt eine große Thorheit, um nach außen zo zu gewinnen, nach innen zu verlieren, d. h. für Glanz, Rang, Prunk, Titel und Ehre, ſeine Ruhe, Muße und Unabhängigkeit ganz oder großen Theils hinzugeben. Dies hat aber Goethe gethan. Mich hat mein Genius mit Entſchiedenheit nach der andern Seite gezogen. ıs Die hier erörterte Wahrheit, daß die Hauptquelle des menſch⸗ lichen Glückes im eigenen Innern entſpringt, findet ihre Beſtä⸗ tigung auch an der ſehr richtigen Bemerkung des Ariſtoteles, in der Nikomachäiſchen Ethik (I. 7; et VII, 13, 14), daß jeg⸗ licher Genuß irgend eine Aktivität, alſo die Anwendung irgend 20 einer Kraft vorausſetzt und ohne ſolche nicht beſtehn kann. Dieſe Ariſtoteliſche Lehre, daß das Glück eines Menſchen in der un⸗ gehinderten Ausübung ſeiner hervorſtechenden Fähigkeit beſtehe, giebt auch Stobäos wieder in ſeiner Darſtellung der peripatetiſchen Ethik (Ecl. eth. II, c. 7, p. 268 — 278), z. B. evepysıav 'cıvar 25 v eb νο, KAT MpErmv, Ev pagecı Tpomyovmevaus Kar evi (die Verſion bei Heeren iſt: felicitatem esse functionem secundum virtutem, per actiones successus compotes). Webers haupt, in noch kürzeren Ausdrücken, auch mit der Erklärung, daß ape n jede Virtuoſität ſei. Nun iſt die urſprüngliche Beſtimmung 30 der Kräfte, mit welchen die Natur den Menſchen ausgerüſtet hat, der Kampf gegen die Noth, die ihn von allen Seiten bedrängt. Wenn aber dieſer Kampf ein Mal raſtet, da werden ihm die un⸗ beſchäftigten Kräfte zur Laſt: er muß daher jetzt mit ihnen ſpie⸗ len, d. h. ſie zwecklos gebrauchen: denn ſonſt fällt er der andern 35 7) Sie erringen den Wohlſtand auf Koſten ihrer Muße: aber was hilft mir der Wohlſtand, wenn ich das was allein ihn wünſchenswerth macht, die freie Muße, dafür hingeben ſoll? 355
Von Dem, was Einer ist. Quelle des menſchlichen Leidens, der Langenweile, ſogleich anheim. Von dieſer ſind daher vor Allen die Großen und Reichen gemartert, und hat von ihrem Elend ſchon Lukretius eine Schilderung ge⸗ geben, deren Treffendes zu erkennen man noch heute, in jeder großen Stadt, täglich Gelegenheit findet: 5 Exit saepe foras magnis ex aedibus ille, Esse domi quem pertaesum est, subitoque reventat; Quippe foris nihilo melius qui sentiat esse. Currit, agens mannos, ad villam praecipitanter, Auxilium tectis quasi ferre ardentibus instans: 10 Oscitat extemplo, tetigit quum limina villae; Aut abit in somnum gravis, atque oblivia quaerit; Aut etiam properans urbem petit, atque revisit. III, 1073. Bei dieſen Herren muß in der Jugend die Muskelkraft und die 15 Zeugungskraft herhalten. Aber ſpäterhin bleiben nur die Geiſtes⸗ [319] kräfte: fehlt es dann an dieſen, oder an ihrer Ausbildung und dem angeſammelten Stoffe zu ihrer Thätigkeit; ſo iſt der Jammer groß. Weil nun der Wille die einzige unerſchöpfliche Kraft iſt; ſo wird er jetzt angereizt durch Erregung der Leidenſchaften, z. B. durch hohe Haſardſpiele, dieſes wahrhaft degradirende Laſter. — Ueberhaupt aber wird jedes unbeſchäftigte Individuum, je nach der Art der in ihm vorwaltenden Kräfte, ſich ein Spiel zu ihrer Beſchäftigung wählen: etwan Kegel, oder Schach; Jagd, oder Malerei; Wettrennen, oder Muſik; Kartenſpiel, oder Poeſie; Heraldik, oder Philoſophie, u. ſ. w. Wir können ſogar die Sache methodiſch unterſuchen, indem wir auf die Wurzel aller menſchlichen Kraftäußerungen zurückgehn, alſo auf die drei phyſiologiſchen Grundkräfte, welche wir demnach hier in ihrem zweckloſen Spiele zu betrachten haben, in welchem ſie als die Quellen dreier Arten möglicher Genüſſe auftreten, aus denen jeder Menſch, je nachdem die eine, oder die andere jener Kräfte in ihm vorwaltet, die ihm angemeſſenen erwählen wird. Alſo zuerſt, die Genüſſe der Reproduktionskraft: ſie beſtehn im Eſſen, Trinken, Verdauen, Ruhen und Schlafen. Diefe werden 35 daher ſogar ganzen Völkern als ihre Nationalvergnügungen von den andern nachgerühmt. Zweitens, die Genüſſe der Irrita⸗ bilität: ſie beſtehn im Wandern, Springen, Ringen, Tanzen, Fechten, Reiten und athletiſchen Spielen jeder Art, wie auch v 0 N 5 0 — 356 Von Dem, was Einer ist. in der Jagd und fogar in Kampf und Krieg. Drittens, die Genüſſe der Senſibilität: fie beſtehn im Beſchauen, Denken, Empfinden, Dichten, Bilden, Muſiciren, Lernen, Leſen, Medi⸗ tiren, Erfinden, Philoſophiren u. ſ. w. — Ueber den Werth, den Grad, die Dauer jeder dieſer Arten der Genüſſe laſſen ſich mancherlei Betrachtungen anſtellen, die dem Leſer ſelbſt überlaſſen bleiben. Jedem aber wird dabei einleuchten, daß unſer, allemal durch den Gebrauch der eigenen Kräfte bedingter Genuß und mit⸗ hin unſer, in deſſen häufiger Wiederkehr beſtehendes Glück, um ſo größer ſeyn wird, je edlerer Art die ihn bedingende Kraft iſt. Den Vorrang, welchen, in dieſer Hinſicht, die Senſibilität, deren entſchiedenes Ueberwiegen das Auszeichnende des Menſchen vor den übrigen Thiergeſchlechtern iſt, vor den beiden andern phyſio⸗ logiſchen Grundkräften hat, als welche in gleichem und ſogar in 15 höherem Grade den Thieren einwohnen, wird ebenfalls Niemand A — =} [320] ableugnen. Der Senfibilität gehören unſere Erkenntnißkräfte an: daher befähigt das Ueberwiegen derſelben zu den im Erkennen beſtehenden, alſo den ſogenannten geiſtigen Genüſſen, und zwar zu um fo größeren, je entſchiedener jenes Ueberwiegen iſt. T) Dem 20 +) Die Natur ſteigert ſich fortwährend, zunächſt vom mechaniſchen undchemiſchen Wirken des unorganiſchen Reiches zum Vegetabiliſchen und feinem dumpfen Selbſtgenuß, von da zum Thierreich, mit welchem die Intelligenz und das Bewußtſeyn anbricht und nun von ſchwachen Anfängen ſtufenweiſe immer höher ſteigt und endlich durch den letzten und größten Schritt bis zum Menſchen ſich erhebt, in deſſen Intellekt alſo die Natur den Gipfelpunkt und das Ziel ihrer Produktionen erreicht, alſo das Vollendeteſte und Schwie⸗ rigſte liefert, was ſie hervorzubringen vermag. Selbſt innerhalb der menſch⸗ lichen Species aber ſtellt der Intellekt noch viele und merkliche Abſtufungen dar und gelangt höchſt ſelten zur oberſten, der eigentlich hohen Intelligenz. Dieſe nun alſo iſt im engern und ſtrengern Sinne das ſchwierigſte und höchſte Pro⸗ dukt der Natur, mithin das Seltenſte und Werthvollſte, was die Welt auf⸗ zuweiſen hat. In einer ſolchen Intelligenz tritt das klärſte Bewußtſeyn ein und ſtellt demgemäß die Welt ſich deutlicher und vollſtändiger, als irgend wo dar. Der damit Ausgeſtattete beſitzt demnach das Edelſte und Köſtlichſte auf Erden und hat dem entſprechend eine Quelle von Genüſſen, gegen welche alle übrigen gering ſind; ſo daß er von außen nichts weiter bedarf, als nur die Muße, ſich dieſes Beſitzes ungeſtört zu erfreuen und ſeinen Diamanten auszu⸗ ſchleifen. — Denn alle andern, alſo nicht intellektuellen Genüſſe find niedrigerer Art: ſie laufen ſämmtlich auf Willensbewegungen hinaus, alſo auf Wünſchen, Hoffen, Fürchten und Erreichen, gleichviel auf was es gerichtet ſei, wobei es nie ohne Schmerzen abgehn kann, und zudem mit dem Erreichen, in der Regel, mehr 2 A D 3 3 A o 4 357
Von Dem, was Einer ist. normalen, gewöhnlichen Menſchen kann eine Sache allein dadurch lebhafte Theilnahme abgewinnen, daß ſie ſeinen Willen anregt, alſo ein perſönliches Intereſſe für ihn hat. Nun iſt aber jede anhaltende Erregung des Willens wenigſtens gemiſchter Art, alſo mit Schmerz verknüpft. Ein abſichtliches Erregungsmittel deſſelben, und zwar mittelſt ſo kleiner Intereſſen, daß ſie nur momentane und leichte, nicht bleibende und ernſtliche Schmerzen verurſachen können, ſonach als ein bloßes Kitzeln des Willens zu betrachten ſind, iſt das Karten⸗ ſpiel, dieſe durchgängige Beſchäftigung der „guten Geſellſchaft“, aller Orten. ) — Der Menſch von überwiegenden Geiſteskräften hingegen iſt der lebhafteſten Theilnahme auf dem Wege bloßer Erkenntniß, ohne alle Einmiſchung des Willens, fähig, ja bedürftig. Dieſe Theilnahme aber verſetzt ihn alsdann in eine Region, welcher der Schmerz weſentlich fremd iſt, gleichſam in die Atmoſphäre der leicht lebenden Götter, Teo ße Luovrav. Während demnach das Leben der Uebrigen in Dumpfheit dahingeht, indem ihr Dichten oder weniger Enttäuſchung eintritt, ſtatt daß bei den intellektuellen Genüſſen die Wahrheit immer klärer wird. Im Reiche der Intelligenz waltet kein Schmerz, ſondern Alles ift Erkenntniß. Alle intellektuellen Genüſſe find nun aber Jedem nur vermittelſt und alſo nach Maaßgabe ſeiner eigenen Intelli⸗ genz zugänglich: denn tout. l'esprit, qui est au monde, est inutile à celui qui n'en a point. Ein wirklicher jenen Vorzug begleitender Nachtheil aber iſt, daß, in der ganzen Natur, mit dem Grad der Intelligenz die Fähigkeit zum Schmerze ſich ſteigert, alſo ebenfalls erſt hier ihre höchſte Stufe erreicht. 1) Die Vulgarität beſteht im Grunde darin, daß im Bewußtſeyn das Wollen das Erkennen gänzlich überwiegt, womit es den Grad erreicht, daß durchaus nur zum Dienſte des Willens das Erkennen eintritt, folglich wo dieſer Dienſt es nicht heiſcht, alſo eben keine Motive, weder große noch kleine, vorliegen, das Erkennen ganz eeſſirt, folglich völlige Gedankenleere eintritt. Nun iſt aber erkenntnißloſes Wollen das Gemeinſte, was es giebt: jeder Klotz Holz hat es und zeigt es wenigſtens wenn er fällt. Daher macht jener Buftand. die Vulgarität aus. In demſelben bleiben bloß die Sinneswerk⸗ zeuge und die geringe, zur Apprehenſion ihrer Data erforderte Verſtandes⸗ thätigkeit aktiv, in Folge wovon der vulgare Menſch allen Eindrücken be⸗ ſtändig offen ſteht, alſo Alles was um ihn herum vorgeht augenblicklich wahr⸗ nimmt, ſo daß der leiſeſte Ton und jeder, auch noch ſo geringfügige Umſtand ſeine Aufmerkſamkeit ſogleich erregt, eben wie bei den Thieren. Dieſer ganze Zuſtand wird in ſeinem Geſicht und ganzen Aeußern ſichtbar, — woraus dann das vulgare Anſehn hervorgeht, deſſen Eindruck um ſo widerlicher iſt, wann, wie meiſtens, der hier das Bewußtſeyn allein erfüllende Wille ein niedriger, 4 egoiſtiſcher und überhaupt ſchlechter iſt. 358 — vd ws ws Von Dem, was Einer ist. und Trachten gänzlich auf die kleinlichen Intereſſen der perſönlichen Wohlfahrt und dadurch auf Miſeren aller Art gerichtet iſt, wes⸗ halb unerträgliche Langeweile ſie befällt, ſobald die Beſchäftigung mit jenen Zwecken ſtockt und ſie auf ſich ſelbſt zurückgewieſen werden, indem nur das wilde Feuer der Leidenſchaft einige Be⸗ wegung in die ſtockende Maſſe zu bringen vermag; ſo hat da⸗ gegen der mit überwiegenden Geiſteskräften ausgeſtattete Menſch ein gedankenreiches, durchweg belebtes und bedeutſames Daſeyn: würdige und intereſſante Gegenſtände beſchäftigen ihn, ſobald er ſich ihnen überlaſſen darf, und in ſich ſelbſt trägt er eine Quelle der edelſten Genüſſe. Anregung von außen geben ihm die Werke der Natur und der Anblick des menſchlichen Treibens, ſodann die ſo verſchiedenartigen Leiſtungen der Hochbegabten aller Zeiten und Länder, als welche eigentlich nur ihm ganz genießbar, weil nur 15 ihm ganz verſtändlich und fühlbar find. Für ihn demnach haben Jene wirklich gelebt, an ihn haben ſie ſich eigentlich gewendet; während die Uebrigen nur als zufällige Zuhörer Eines und das [321] Andere halb auffaſſen. Freilich aber hat er durch dieſes Alles ein Bedürfniß mehr, als die Andern, das Bedürfniß zu lernen, zu ſehn, 20 zu ſtudiren, zu meditiren, zu üben, folglich auch das Bedürfniß freier Muße: aber eben weil, wie Voltaire richtig bemerkt, il nest de vrais plaisirs qu avec de vrais besoins, fo iſt dies Bedürfniß die Bedingung dazu, daß ihm Genüſſe offen ſtehn, welche den Andern verſagt bleiben, als welchen Natur⸗ und Kunſtſchön⸗ 25 heiten und Geiſteswerke jeder Art, ſelbſt wenn ſie ſolche um ſich anhäufen, im Grunde doch nur Das ſind, was Hetären einem Greiſe. Ein ſo bevorzugter Menſch führt, in Folge davon, neben ſeinem perſönlichen Leben, noch ein zweites, nämlich ein intellek⸗ tuelles, welches ihm allmälig zum eigentlichen Zweck wird, zu wel⸗ 30 chem er jenes erſtere nur noch als Mittel anſieht; während den Uebrigen dieſes ſchaale, leere und betrübte Daſeyn ſelbſt als Zweck gelten muß. Jenes intellektuelle Leben wird daher ihn vorzugs⸗ weiſe beſchäftigen, und es erhält, durch den fortwährenden Zuwachs an Einſicht und Erkenntniß, einen Zuſammenhang, eine beſtändige Steigerung, eine ſich mehr und mehr abrundende Ganzheit und Vollendung, wie ein werdendes Kunſtwerk; wogegen das bloß praktiſche, bloß auf perſönliche Wohlfahrt gerichtete, bloß eines Zuwachſes in der Länge, nicht in der Tiefe fähige Leben der 2 1 8 24 Schopenhauer, Werke V 359
Von Dem, was Einer ist. Andern traurig abſticht, dennoch ihnen, wie geſagt, als Selbſt⸗ zweck gelten muß; während es Jenem bloßes Mittel iſt. Unſer praktiſches, reales Leben nämlich iſt, wenn nicht die Leidenſchaften es bewegen, langweilig und fade; wenn ſie aber es bewegen, wird es bald ſchmerzlich: darum ſind Die allein beglückt, denen irgend ein Ueberſchuß des Intellekts, über das zum Dienſt ihres Willens erforderte Maaß, zu Theil geworden. Denn damit führen ſie, neben ihrem wirklichen, noch ein intel⸗ lektuelles Leben, welches ſie fortwährend auf eine ſchmerzloſe Weiſe und doch lebhaft beſchäftigt und unterhält. Bloße Muße, d. h. durch den Dienſt des Willens unbeſchäftigter Intellekt, reicht dazu nicht aus; ſondern ein wirklicher Ueberſchuß der Kraft iſt erfordert: denn nur dieſer befähigt zu einer dem Willen nicht dienenden, rein geiſtigen Beſchäftigung: hingegen otium sine litteris mors est et hominis vivi sepultura (Sen. ep. 82). Je nachdem nun aber dieſer Ueberſchuß klein oder groß iſt, giebt es unzählige Abſtufungen jenes, neben dem realen zu führenden intellektuellen Lebens, vom bloßen Inſekten⸗, [322] Vögel⸗, Mineralien⸗, Münzen⸗Sammeln und Beſchreiben, bis zu den höchſten Leiſtungen der Poeſie und Philoſophie. Ein ſolches intellektuelles Leben ſchützt aber nicht nur gegen die Langeweile, ſondern auch gegen die verderblichen Folgen der⸗ ſelben. Es wird nämlich zur Schutzwehr gegen ſchlechte Geſell⸗ ſchaft und gegen die vielen Gefahren, Unglücksfälle, Verluſte und Verſchwendungen, in die man geräth, wenn man ſein Glück ganz in der realen Welt ſucht. So hat z. B. mir meine Philoſophie nie etwas eingebracht; aber ſie hat mir ſehr viel erſpart. Der normale Menſch hingegen iſt, hinſichtlich des Genuſſes ſeines Lebens, auf Dinge außer ihm gewieſen, auf den Beſitz, den Rang, auf Weib und Kinder, Freunde, Geſellſchaft u. ſ. w., auf dieſe ſtützt ſich ſein Lebensglück: darum fällt es dahin, wenn er ſie verliert, oder er ſich in ihnen getäuſcht ſah. Dies Ver⸗ hältniß auszudrücken, können wir ſagen, daß ſein Schwerpunkt außer ihm fällt. Eben deshalb hat er auch ſtets wechſelnde Wünſche und Grillen: er wird, wenn ſeine Mittel es erlauben, bald Landhäuſer, bald Pferde kaufen, bald Feſte geben, bald Reiſen machen, überhaupt aber großen Lurus treiben; weil er 360 — — 2 0 we 0 5 0 5 0 5 2 1 8 I Den 30 35 Von Dem, was Einer ist. eben in Dingen aller Art ein Genüge von außen ſucht; wie der Entkräftete aus Confomme’s und Apothekerdrogen die Ge⸗ ſundheit und Stärke zu erlangen hofft, deren wahre Quelle die eigene Lebenskraft iſt. Stellen wir nun, um nicht gleich zum andern Extrem überzugehn, neben ihn einen Mann von nicht gerade eminenten, aber doch das gewöhnliche, knappe Maaß überſchreitenden Geiſteskräften; ſo ſehn wir dieſen etwan irgend eine ſchöne Kunſt als Dilettant üben, oder aber eine Realwiſſen⸗ ſchaft, wie Botanik, Mineralogie, Phyſik, Aſtronomie, Geſchichte, u. dgl. betreiben und alsbald einen großen Theil ſeines Ge⸗ nuſſes darin finden, ſich daran erholend, wenn jene äußern Quellen ſtocken, oder ihn nicht mehr befriedigen. Wir können inſofern ſagen, daß ſein Schwerpunkt ſchon zum Theil in ihn ſelbſt fällt. Weil jedoch bloßer Dilettantismus in der Kunſt noch ſehr weit von der hervorbringenden Fähigkeit liegt, und weil bloße Realwiſſenſchaften bei den Verhältniſſen der Erſchei⸗ nungen zu einander ſtehn bleiben; ſo kann der ganze Menſch nicht darin aufgehn, ſein ganzes Weſen kann nicht bis auf den Grund von ihnen erfüllt werden und daher ſein Daſeyn ſich nicht mit ihnen ſo verweben, daß er am Uebrigen alles Intereſſe verlöre. Dies nun bleibt der höchſten geiſtigen Eminenz allein vorbehalten, die man mit dem Namen des Genies zu bezeichnen pflegt: denn nur ſie nimmt das Daſeyn und Weſen der Dinge im Ganzen und abſolut zu ihrem Thema; wonach ſie dann ihre tiefe Auffaſſung deſſelben, gemäß ihrer individuellen Richtung, durch Kunſt, Poeſie, oder Philoſophie auszuſprechen ſtreben wird. Daher iſt allein einem Menſchen dieſer Art die ungeſtörte Be⸗ ſchäftigung mit ſich, mit ſeinen Gedanken und Werken dringendes Bedürfniß, Einſamkeit willkommen, freie Muße das höchſte Gut, alles Uebrige entbehrlich, ja, wenn vorhanden, oft nur zur Laſt. Nur von einem ſolchen Menſchen können wir demnach ſagen, daß ſein Schwerpunkt ganz in ihn fällt. Hieraus wird ſogar erklärlich, daß die höchſt ſeltenen Leute dieſer Art, ſelbſt beim beſten Charakter, doch nicht jene innige und gränzenloſe Theil⸗ nahme an Freunden, Familie und Gemeinweſen zeigen, deren Manche der Andern fähig ſind: denn ſie können ſich zuletzt über Alles tröſten; wenn ſie nur ſich ſelbſt haben. Sonach liegt in ihnen ein iſolirendes Element mehr, welches um ſo wirkſamer * 361
Von Dem, was Einer ist. iſt, als die Andern ihnen eigentlich nie vollkommen genügen, weshalb ſie in ihnen nicht ganz und gar ihres Gleichen ſehn können, ja, da das Heterogene in Allem und Jedem ihnen ſtets fühlbar wird, allmälig ſich gewöhnen, unter den Menſchen als verſchiedenartige Weſen umherzugehn und, in ihren Gedanken über dieſelben, ſich der dritten, nicht der erſten Perſon Pluralis zu bedienen. — Unſere moraliſchen Tugenden kommen hauptſäch⸗ lich Andern zu Gute; hingegen die intellektuellen zunächſt uns ſel⸗ ber: darum machen jene uns allgemein beliebt; — dieſe verhaßt. Von dieſem Geſichtspunkt aus erſcheint nun Der, welchen die Natur in intellektueller Hinſicht ſehr reich ausgeſtattet hat, als der Glücklichſte; ſo gewiß das Subjektive uns näher liegt, als das Objektive, deſſen Wirkung, welcher Art ſie auch ſei, immer erſt durch Jenes vermittelt, alſo nur ſekundär iſt. Dies bezeugt auch der ſchöne Vers: IRoevros & che une MAoutog ov core andngs, T' &' Net army , TWY XTeav@v, Lucian in Anthol. 1, 67. Ein folcher innerlich Reicher bedarf von außen nichts weiter, als eines negativen Geſchenks, nämlich freier Muße, um ſeine geiſtigen Fähigkeiten ausbilden und entwickeln und ſeinen innern Reich⸗ thum genießen zu können, alſo eigentlich nur der Erlaubniß, ſein ganzes Leben hindurch, jeden Tag und jede Stunde, ganz er ſelbſt ſeyn zu dürfen. Wenn Einer beſtimmt iſt, die Spur ſeines Geiſtes dem ganzen Menſchengeſchlechte aufzudrücken; ſo giebt es für ihn nur Ein Glück und Unglück, nämlich ſeine An⸗ lagen vollkommen ausbilden und ſeine Werke vollenden zu können, — oder aber hieran verhindert zu ſeyn. Alles Andere iſt für ihn geringfügig. Demgemäß ſehn wir die großen Geiſter aller Zeiten auf freie Muße den allerhöchſten Werth legen. Denn die freie Muße eines Jeden iſt ſo viel werth, wie er ſelbſt werth iſt. Aoxeı de n evdaumoyın ev d oxoAn e (videtur beatitudo in otio esse sita) ſagt Ariſtoteles (Eth. Nic. X, 7), und Diogenes Laertius (II, 5, ai) berichtet, daß Tepe ewe oyoAnv, ö xaddıorov Nνννĩõ,õẽ, (Socrates otium ut possessionum omnium pulcherrimam laudabat). Dem entſpricht auch, daß Ariſtoteles (Eth. Nic. X, 7, 8, 9) das philoſophiſche 362 15 20 [324] 8 5 0 w 35 Von Dem, was Einer ist. Leben für das glücklichſte erklärt. Sogar gehört hieher, was er in der Politik (IV, 11) ſagt: zov eudauuova Brov ewar co zur apermy avenrodıotov, welches, gründlich überſetzt, beſagt: „Seine Trefflichkeit, welcher Art ſie auch ſei, ungehindert üben zu können, iſt das eigentliche Glück“, und alſo zuſammentrifft mit Goethes Ausſpruch, im Wilh. Meiſter: „Wer mit einem Talente, zu einem Talente geboren iſt, findet in demſelben ſein ſchönſtes Daſeyn.“ — Nun aber iſt freie Muße zu beſitzen nicht nun dem gewöhnlichen Schickſal, ſondern auch der gewöhnlichen Natur des Menſchen fremd: denn ſeine natürliche Beſtimmung iſt, daß er ſeine Zeit mit Herbeiſchaffung des zu ſeiner und ſeiner Familie Exiſtenz Nothwendigen zubringe. Er iſt ein Sohn der Noth, nicht eine freie Intelligenz. Dem entſprechend, wird freie Muße dem gewöhnlichen Menſchen bald zur Laſt, ja, endlich zur Quaal, 15 wenn er ſie nicht, mittelſt allerlei erkünſtelter und fingirter Zwecke, durch Spiel, Zeitvertreib und Steckenpferde jeder Geſtalt auszufüllen vermag: auch bringt ſie ihm, aus dem ſelben Grunde, Gefahr, da es mit Recht heißt difficilis in otio quies. An⸗ dererſeits jedoch iſt ein über das normale Maaß weit hinaus⸗ gehender Intellekt ebenfalls abnorm, alſo unnatürlich. Iſt er dennoch ein Mal vorhanden, ſo bedarf es, für das Glück des damit Begabten, eben jener den Andern bald läſtigen, bald verderblichen freien Muße; da er ohne dieſe ein Pegaſus im Joche, mithin unglücklich ſeyn wird. Treffen nun aber beide Unnatürlichkeiten, die äußere und die innere, zuſammen; fo iſt es ein großer Glücksfall: denn jetzt wird der ſo Begünſtigte ein Leben höherer Art führen, nämlich das eines Eximirten von [325] den beiden entgegengeſetzten Quellen des menſchlichen Leidens, der Noth und der Langenweile, oder dem ſorglichen Treiben für 30 die Exiſtenz und der Unfähigkeit, die Muße (d. i. die freie Exiſtenz ſelbſt) zu ertragen, welchen beiden Uebeln der Menſch ſonſt nur dadurch entgeht, daß ſie ſelbſt ſich wechſelſeitig neutrali⸗ ſiren und aufheben. Gegen dieſes Alles jedoch kommt andererſeits in Betracht, 35 daß die großen Geiſtesgaben, in Folge der überwiegenden Nerven: thätigkeit, eine überaus geſteigerte Empfindlichkeit fuͤr den Schmerz, in jeglicher Geſtalt, herbeiführen, daß ferner das ſie bedingende leidenſchaftliche Temperament und zugleich die von ihnen unzer⸗ A I D 2 >} 2 A 363
Von Dem, was Einer ist. trennliche größere Lebhaftigkeit und Vollkommenheit aller Vor⸗ ſtellungen eine ungleich größere Heftigkeit der durch dieſe erregten Affekte herbeiführt, während es doch überhaupt mehr peinliche, als angenehme Affekte giebt; endlich auch, daß die großen Geiſtes⸗ gaben ihren Beſitzer den übrigen Menſchen und ihrem Treiben entfremden, da, je mehr er an ſich ſelber hat, deſto weniger er an ihnen finden kann, und hundert Dinge, an welchen ſie großes Genüge haben, ihm ſchaal und ungenießbar ſind; wodurch denn das überall ſich geltend machende Geſetz der Kompenſation vielleicht auch hier in Kraft bleibt; iſt doch ſogar oft genug, und nicht ohne Schein, behauptet worden, der geiſtig beſchränkteſte Menſch ſei im Grunde der glücklichſte; wenn gleich Keiner ihn um dieſes Glück beneiden mag. In der definitiven Entſcheidung der Sache will ich um fo weniger dem Leſer vorgreifen, als ſelbſt Sopho⸗ kles hierüber zwei einander diametral entgegengeſetzte Ausſprüche gethan hat: Ho)» ro Ypoverv eudaupovuag Trpwrov Örapyet. (Sapere longe prima felicitatis pars est.) Antig. 1328. und wieder: Ev tw ꝙꝓpovety yap under idðονEhνο Bros. (Nihil cogitantium jucundissima vita est.) * Ajax. 550. Eben fo uneinig mit einander find die Philoſophen des Alten Teſta⸗ ments: „Des Narren Leben iſt ärger denn der Tod!“ (doo yap hoo ö ep Tavarrou fun rovnpa, Jeſus Sirach 22,12) und: „Wo viel Weisheit iſt, da iſt viel Grämens.“ (d rpootisers , cOοονονναt nA, Koheleth 1, 10). Inzwiſchen will ich hier doch nicht unerwähnt laſſen, daß der Menſch, welcher, in Folge des ſtreng und knapp normalen Maaßes ſeiner intellektuellen Kräfte, keine geiſtige Bedürfniſſe hat, es eigentlich iſt, den ein der deutſchen Sprache ausſchließlich eigener, vom Stu⸗ dentenleben ausgegangener, nachmals aber in einem höheren, wie⸗ wohl dem urſprünglichen, durch den Gegenſatz zum Muſenſohne, immer noch analogen Sinne gebrauchter Ausdruck als den Phili⸗ ſter bezeichnet. Dieſer nämlich iſt und bleibt der hoo avnp. Nun würde ich zwar, von einem höhern Standpunkt aus, die Definition der Philiſter ſo ausſprechen, daß ſie Leute wären, die 364 — — 2 3 [326] w 0 5 0 0 5 2 I 8 15 2 8 2 A [327] 35 Von Dem, was Einer ist. immerfort auf das Ernſtlichſte beſchäftigt find mit einer Realität, die keine iſt. Allein eine ſolche, ſchon transſcendentale Definition, würde dem populären Standpunkt, auf welchen ich mich in dieſer Abhandlung geſtellt habe, nicht angemeſſen, daher auch vielleicht nicht durchaus jedem Leſer faßlich ſeyn. Jene erſtere hingegen läßt leichter eine ſpecielle Erläuterung zu und bezeichnet hinreichend das Weſentliche der Sache, die Wurzel aller der Eigenſchaften, die den Philiſter charakteriſiren. Er iſt demnach ein Menſch ohne gei— ſtige Bedürfniſſe. Hieraus nun folgt gar mancherlei: erſtlich, in Hinſicht auf ihn ſelbſt, daß er ohne geiſtige Genüſſe bleibt; nach dem ſchon erwähnten Grundſatz: il n'est de vrais plaisirs qu’avec de vrais besoins. Kein Drang nach Erkenntniß und Einſicht, um ihrer ſelbſt Willen, belebt ſein Daſeyn, auch keiner nach eigentlich äſthetiſchen Genüſſen, als welcher dem erſteren durchaus verwandt iſt. Was dennoch von Genüſſen ſolcher Art etwan Mode, oder Auktorität, ihm aufdringt, wird er als eine Art Zwangsarbeit möglichſt kurz abthun. Wirkliche Genüſſe für ihn ſind allein die ſinnlichen: durch dieſe hält er ſich ſchadlos. Demnach ſind Auſtern und Champagner der Höhepunkt ſeines Daſeyns, und ſich Alles, was zum leiblichen Wohlſeyn beiträgt, zu verſchaffen, iſt der Zweck ſeines Lebens. Glücklich genug, wenn dieſer ihm viel zu ſchaffen macht! Denn, ſind jene Güter ihm ſchon zum Voraus oktroyirt; ſo fällt er unausbleiblich der Langenweile anheim; gegen welche dann alles Erſinnliche verſucht wird: Ball, Theater, Geſellſchaft, Kartenſpiel, Haſardſpiel, Pferde, Weiber, Trinken, Reiſen u. ſ. w. Und doch reicht dies Alles gegen die Langeweile nicht aus, wo Mangel an geiſtigen Bedürf⸗ niſſen die geiſtigen Genüſſe unmöglich macht. Daher auch iſt dem Philiſter ein dumpfer, trockener Ernſt, der ſich dem thieriſchen nähert, eigen und charakteriſtiſch. Nichts freut ihn, nichts erregt ihn, nichts gewinnt ihm Antheil ab. Denn die ſinnlichen Genüſſe ſind bald erſchöpft; die Geſellſchaft, aus eben ſolchen Philiſtern beſtehend, wird bald langweilig; das Kartenſpiel zuletzt ermüdend. Allenfalls bleiben ihm noch die Genüſſe der Eitelkeit, nach ſeiner Weiſe, welche denn darin beſtehn, daß er an Reichthum, oder Rang, oder Einfluß und Macht, Andere übertrifft, von welchen er dann deshalb geehrt wird; oder aber auch darin, daß er wenigſtens mit Solchen, die in Dergleichen eminiren, Umgang 365
Von Dem, was Einer ist. hat und fo ſich im Reflex ihres Glanzes ſonnt (a snob). — Aus der aufgeftellten Grundeigenſchaft des Philifters folgt z wei⸗ tens, in Hinſicht auf Andere, daß, da er keine geiſtige, ſondern nur phyſiſche Bedürfniſſe hat, er Den ſuchen wird, der dieſe, nicht Den, der jene zu befriedigen im Stande iſt. Am 5 allerwenigſten wird daher unter den Anforderungen, die er an Andere macht, die irgend überwiegender geiſtiger Fähigkeiten ſeyn: vielmehr werden dieſe, wenn ſie ihm aufſtoßen, ſeinen Widerwillen, ja, ſeinen Haß erregen; weil er dabei nur ein läſtiges Gefühl von Inferiorität, und dazu einen dumpfen, heimlichen Neid ver⸗ zo ſpürt, den er aufs Sorgfältigſte verſteckt, indem er ihn ſogar ſich ſelber zu verhehlen ſucht, wodurch aber gerade ſolcher bisweilen bis zu einem ſtillen Ingrimm anwächſt. Nimmermehr demnach wird es ihm einfallen, nach dergleichen Eigenſchaften ſeine Werth⸗ ſchätzung, oder Hochachtung abzumeſſen; ſondern dieſe wird aus⸗ 15 ſchließlich dem Range und Reichthum, der Macht und dem Ein⸗ fluß vorbehalten bleiben, als welche in ſeinen Augen die allein wahren Vorzüge ſind, in denen zu excelliren auch ſein Wunſch wäre. — Alles Dieſes aber folgt daraus, daß er ein Menſch ohne geiſtige Bedürfniſſe if. 20 Ein großes Leiden aller Philiſter iſt, daß Idealitäten ihnen keine Unterhaltung gewähren, ſondern ſie, um der Langenweile zu entgehn, ſtets der Realitäten bedürfen. Dieſe nämlich ſind theils bald erſchöpft, wo ſie, ſtatt zu unterhalten, ermüden; theils führen ſie Unheil jeder Art herbei; während hingegen die Ideali⸗ täten unerſchöpflich und an ſich unſchuldig und unſchädlich ſind. — Ich habe in dieſer ganzen Betrachtung der perſönlichen Eigen⸗ ſchaften, welche zu unſerm Glücke beitragen, nächſt den phyſiſchen, hauptſächlich die intellektuellen berückſichtigt. Auf welche Weiſe nun aber auch die moraliſche Trefflichkeit unmittelbar beglückt, 30 habe ich früher in meiner Preisſchrift über das Fundament der Moral $ 22, ©. 275 [2. Aufl. S. 272] dargelegt, wohin ich alſo von hier verweiſe. 5 8 366 [328] Kapitel I. Von Dem, was Einer hat. Richtig und ſchön hat der große Glückſäligkeitslehrer Epikuros die menſchlichen Bedürfniſſe in drei Klaſſen getheilt. Erſtlich, die natürlichen und nothwendigen: es ſind die, welche, wenn nicht befriedigt, Schmerz verurſachen. Folglich gehört hieher nur victus et amictus. Sie find leicht zu befriedigen. Zweitens, die natürlichen, jedoch nicht nothwendigen: es iſt das Bedürfniß der Geſchlechtsbefriedigung; wiewohl Epikur Dies im Berichte des Laertius nicht ausſpricht; (wie ich denn überhaupt ſeine Lehre hier etwas zurechtgeſchoben und ausgefeilt wiedergebe). Dieſes Bedürfniß zu befriedigen hält ſchon ſchwerer. Drittens, die weder natürlichen, noch nothwendigen: es ſind die des Luxus, der Ueppigkeit, des Prunkes und Glanzes: ſie ſind endlos und ihre Befriedigung iſt ſehr ſchwer. (Siehe Diog. Laert. L. X, c. 27, § 149, auch § 127, und Cicero, de finibus 1, c. 14 und 16.) Die Gränze unſerer vernünftigen Wünſche hinſichtlich des Beſitzes zu beſtimmen iſt ſchwierig, wo nicht unmöglich. Denn die Zufriedenheit eines Jeden, in dieſer Hinſicht, beruht nicht auf einer abſoluten, ſondern auf einer bloß relativen Größe, nämlich auf dem Verhältniß zwiſchen ſeinen Anſprüchen und ſei⸗ nem Beſitz: daher dieſer Letztere, für ſich allein betrachtet, ſo bedeutungsleer iſt, wie der Zähler eines Bruchs ohne den Nenner. Die Güter, auf welche Anſpruch zu machen einem Menſchen 25 nie in den Sinn gekommen iſt, entbehrt er durchaus nicht, ſon⸗ dern iſt, auch ohne ſie, völlig zufrieden; während ein Anderer, 2 — o I A 2 D 367
Von Dem, was Einer hat. der hundert Mal mehr beſitzt als er, ſich unglücklich fühlt, weil ihm Eines abgeht, darauf er Anſpruch macht. Jeder hat, auch in dieſer Hinſicht, einen eigenen Horizont des für ihn möglicher⸗ weiſe Erreichbaren: ſo weit wie dieſer gehn ſeine Anſprüche. Wann irgend ein innerhalb deſſelben gelegenes Objekt ſich ihm s fo darſtellt, daß er auf deſſen Erreichung vertrauen kann, fühlt [329] er ſich glücklich; hingegen unglücklich, wann eintretende Schwierig⸗ keiten ihm die Ausſicht darauf benehmen. Das außerhalb dieſes Geſichtskreiſes Liegende wirkt gar nicht auf ihn. Daher beun⸗ ruhigen den Armen die großen Beſitzthümer der Reichen nicht, 10 und tröſtet andererſeits den Reichen, bei verfehlten Abſichten, das Viele nicht, was er ſchon beſitzt. Der Reichthum gleicht dem Seewaſſer: je mehr man davon trinkt, deſto durſtiger wird man. — Das Selbe gilt vom Ruhm. — Daß nach verlorenem Reich⸗ thum, oder Wohlſtande, ſobald der erſte Schmerz überſtanden iſt, unſere habituelle Stimmung nicht ſehr verſchieden von der früheren ausfällt, kommt daher, daß, nachdem das Schickſal den Faktor unſers Beſitzes verkleinert hat, wir ſelbſt nun den Faktor unſerer Anſprüche gleich ſehr vermindern. Dieſe Operation aber iſt das eigentlich Schmerzhafte, bei einem Unglücksfall: nachdem fie voll- 20 zogen iſt, wird der Schmerz immer weniger, zuletzt gar nicht mehr gefühlt: die Wunde vernarbt. Umgekehrt wird, bei einem Glücksfall, der Kompreſſor unſerer Anſprüche hinaufgeſchoben, und ſie dehnen ſich aus: hierin liegt die Freude. Aber auch ſie dauert nicht länger, als bis dieſe Operation gänzlich vollzogen iſt: wir gewöhnen uns an das erweiterte Maaß der Anſprüche und werden gegen den demſelben entſprechenden Beſitz gleichgültig. Dies beſagt ſchon die homeriſche Stelle, Od. XVIII, 130— 137, welche ſchließt: — 5 8 5 Torog rap voog sorry eM VT p οο c, 30 Otoy Ep’ Mu” aycı namp avöpwy Te, dev te. Die Quelle unferer Unzufriedenheit liegt in unſern ſtets erneuerten Verſuchen, den Faktor der Anſprüche in die Höhe zu ſchieben, bei der Unbeweglichkeit des andern Faktors, die es verhindert. — Unter einem fo bedürftigen und aus Bedürfniſſen beſtehenden 35 Geſchlecht, wie das menſchliche, iſt es nicht zu verwundern, daß 368 Von Dem, was Einer hat. Reichthum, mehr und aufrichtiger als alles Andere, geachtet, ja verehrt wird, und ſelbſt die Macht nur als Mittel zum Reichthum; wie auch nicht, daß zum Zwecke des Erwerbs alles Andere bei Seite geſchoben, oder über den Haufen geworfen wird, 5 z. B. die Philoſophie von den Philoſophieprofeſſoren. Daß die Wünſche der Menſchen hauptſächlich auf Geld gerichtet ſind und ſie dieſes über Alles lieben, wird ihnen oft zum Vorwurf gemacht. Jedoch iſt es natürlich, wohl gar unvermeidlich, Das zu lieben, was, als ein unermüdlicher Proteus, jeden Augenblick 10 bereit ift, ſich in den jedesmaligen Gegenſtand unſerer fo wandel⸗ baren Wünſche und mannigfaltigen Bedürfniſſe zu verwandeln. Jedes andere Gut nämlich kann nur einem Wunſch, einem Be⸗ dürfniß genügen: Speiſen ſind bloß gut für den Hungrigen, Wein für den Geſunden, Arznei für den Kranken, ein Pelz für [330] den Winter, Weiber für die Jugend u. ſ. w. Sie find folglich alle nur ayada cpo dr, d. h. nur relativ gut. Geld allein iſt das abſolut Gute: weil es nicht bloß einem Bedürfniß in concreto begegnet, ſondern dem Bedürfniß überhaupt, in abstracto. — 20 Vorhandenes Vermögen ſoll man betrachten als eine Schutzmauer gegen die vielen möglichen Uebel und Unfälle; nicht als eine Erlaubniß oder gar Verpflichtung, die Plaiſirs der Welt heranzuſchaffen. Leute, die von Hauſe aus kein Vermögen haben, aber endlich in die Lage kommen, durch ihre Talente, 25 welcher Art ſie auch ſeien, viel zu verdienen, gerathen faſt immer in die Einbildung, ihr Talent ſei das bleibende Kapital und der Gewinn dadurch die Zinſen. Demgemäß legen ſie dann nicht das Erworbene theilweiſe zurück, um ſo ein bleibendes Kapital zuſammenzubringen; ſondern geben aus, in dem Maaße, wie ſie 30 verdienen. Danach aber werden ſie meiſtens in Armuth gerathen; weil ihr Erwerb ſtockt, oder aufhört, nachdem entweder das Talent ſelbſt erſchöpft iſt, indem es vergänglicher Art war, wie z. B. das zu faſt allen ſchönen Künſten, oder auch, weil es nur unter beſondern Umſtänden und Konjunkturen geltend zu machen war, 35 welche aufgehört haben. Handwerker mögen immerhin es auf die beſagte Weiſe halten; weil die Fähigkeiten zu ihren Leiſtungen nicht leicht verloren gehn, auch durch die Kräfte der Geſellen er⸗ ſetzt werden, und weil ihre Fabrikate Gegenſtände des Bedürf⸗ 369
Von Dem, was Einer hat. niſſes find, alſo alle Zeit Abgang finden; weshalb denn auch das Sprichwort „ein Handwerk hat einen goldenen Boden“ richtig iſt. Aber nicht fo ſteht es um die Künſtler und virtuosi jeder Art. Eben deshalb werden dieſe theuer bezahlt. Daher aber ſoll was ſie erwerben ihr Kapital werden; während ſie, ver⸗ meſſenerweiſe, es für bloße Zinſen halten und dadurch ihrem Verderben entgegengehn. — Leute hingegen, welche ererbtes Ver⸗ mögen beſitzen, wiſſen wenigſtens ſogleich ganz richtig, was das Kapital und was die Zinſen ſind. Die Meiſten werden daher jenes ſicher zu ſtellen ſuchen, keinesfalls es angreifen, ja, wo möglich, wenigſtens / der Zinſen zurücklegen, künftigen Stockungen zu begegnen. Sie bleiben daher meiſtens im Wohlſtande. — Auf Kaufleute iſt dieſe ganze Bemerkung nicht anwendbar: denn ihnen iſt das Geld ſelbſt Mittel zum ferneren Erwerb, gleichſam Handwerksgeräth; daher ſie, auch wenn es ganz von ihnen ſelbſt erworben iſt, es ſich, durch Benutzung, zu erhalten und zu ver⸗ mehren ſuchen. Demgemäß iſt in keinem Stande der Reichthum ſo eigentlich zu Hauſe, wie in dieſem. Ueberhaupt aber wird man, in der Regel, finden, daß Die⸗ jenigen, welche ſchon mit der eigentlichen Noth und dem Mangel handgemein geweſen ſind, dieſe ungleich weniger fürchten und daher zur Verſchwendung geneigter ſind, als Die, welche ſolche nur von Hörenſagen kennen. Zu den Erſteren gehören Alle, die durch Glücksfälle irgend einer Art, oder durch beſondere Ta⸗ lente, gleichviel welcher Gattung, ziemlich ſchnell aus der Armuth in den Wohlſtand gelangt ſind: die Andern hingegen ſind Die, welche im Wohlſtande geboren und geblieben ſind. Dieſe ſind durchgängig mehr auf die Zukunft bedacht und daher ökono⸗ miſcher, als jene. Man könnte daraus ſchließen, daß die Noth nicht eine ſo ſchlimme Sache wäre, wie ſie, von Weitem geſehn, ſcheint. Doch möchte der wahre Grund vielmehr dieſer ſeyn, daß Dem, der in angeſtammtem Reichthume geboren iſt, dieſer als etwas Unentbehrliches erſcheint, als das Element des einzig mög⸗ lichen Lebens, ſo gut wie die Luft; daher er ihn bewacht wie ſein Leben, folglich meiſtens ordnungsliebend, vorſichtig und ſpar⸗ ſam iſt. Dem in angeſtammter Armuth Geborenen hingegen erſcheint dieſe als der natürliche Zuſtand; der ihm danach irgend⸗ wie zugefallene Reichthum aber als etwas Ueberflüſſiges, bloß 370 D 8 A w o n Von Dem, was Einer hat. tauglich zum Genießen und Verpraſſen; indem man, wann er wieder fort iſt, ſich, ſo gut wie vorher, ohne ihn behilft und noch eine Sorge los iſt. Da geht es denn wie Shakeſpeare ſagt: The adage must be verified, That beggars mounted run their horse to death. (Das Sprichwort muß bewährt werden, daß der zu Pferde geſetzte Bettler ſein Thier zu Tode jagt.) Henry VI. P. 3. A. 1. Dazu kommt denn freilich noch, daß ſolche Leute ein feſtes und übergroßes Zutrauen theils zum Schickſal, theils zu den eigenen Mitteln, die ihnen ſchon aus Noth und Armuth herausgeholfen haben, nicht ſowohl im Kopf, als im Herzen tragen und daher die Untiefen derſelben nicht, wie es wohl den reich Geborenen begegnet, für bodenlos halten, ſondern denken, daß man, auf den Boden ſtoßend, wieder in die Höhe gehoben wird. — Aus dieſer menſchlichen Eigenthümlichkeit iſt es auch zu erklären, daß Frauen, welche arme Mädchen waren, ſehr oft anſpruchsvoller und ver⸗ ſchwenderiſcher ſind, als die, welche eine reiche Ausſteuer zubrachten; indem meiſtentheils die reichen Mädchen nicht bloß Vermögen mitbringen, ſondern auch mehr Eifer, ja, angeerbten Trieb zur Erhaltung deſſelben, als arme. Wer inzwiſchen das Gegentheil behaupten will findet eine Auktorität für ſich am Arioſto in deſſen erſter Satire. Hingegen ſtimmt Dr. Johnſon meiner Meinung bei: A woman of fortune being used to the handling of money, spends it judiciously: but a woman who gets the command of money for the first time upon her marriage, has such a gust in spending it, that she throws it away with great profusion. (S. Boswell, Life of Johnson, ann. 1776, aetat. 67.) Jedenfalls aber möchte ich Dem, der ein armes Mädchen hei⸗ rathet, rathen, ſie nicht das Kapital, ſondern eine bloße Rente erben zu laſſen, beſonders aber dafür zu ſorgen, daß das Vers mögen der Kinder nicht in ihre Hände geräth. Ich glaube keineswegs etwas meiner Feder Unwürdiges zu thun, indem ich hier die Sorge für Erhaltung des erworbenen 35 und des ererbten Vermögens anempfehle. Denn von Haufe aus ſo viel zu beſitzen, daß man, wäre es auch nur für ſeine Perſon und ohne Familie, in wahrer Unabhängigkeit, d. h. ohne zu 371
Von Dem, was Einer hat. arbeiten, bequem leben kann, ift ein unſchätzbarer Vorzug: denn es iſt die Eremtion und die Immunität von der dem menſch⸗ lichen Leben anhängenden Bedürftigkeit und Plage, alſo die Emancipation vom allgemeinen Frohndienſt, dieſem naturgemäßen Looſe des Erdenſohns. Nur unter dieſer Begünſtigung des Schickſals iſt man als ein wahrer Freier geboren: denn nur ſo iſt man eigentlich sui juris, Herr ſeiner Zeit und ſeiner Kräfte, und darf jeden Morgen ſagen: „Der Tag iſt mein.“ Auch iſt eben deshalb zwiſchen Dem, der tauſend, und Dem, der hundert Tauſend Thaler Renten hat, der Unterſchied unendlich kleiner, als zwiſchen Erſterem und Dem, der nichts hat. Seinen höch⸗ ſten Werth aber erlangt das angeborene Vermögen, wenn es Dem zugefallen iſt, der mit geiſtigen Kräften höherer Art aus⸗ geſtattet, Beſtrebungen verfolgt, die ſich mit dem Erwerbe nicht wohl vertragen: denn alsdann iſt er vom Schickſal doppelt dotirt und kann jetzt ſeinem Genius leben: der Menſchheit aber wird er ſeine Schuld dadurch hundertfach abtragen, daß er leiſtet — 0 — 2 was kein Anderer konnte und etwas hervorbringt, das ihrer Geſammtheit zu Gute kommt, wohl auch gar ihr zur Ehre ge⸗ reicht. Ein Anderer nun wieder wird, in ſo bevorzugter Lage, ſich durch philanthropiſche Beſtrebungen um die Menſchheit ver⸗ dient machen. Wer hingegen nichts von dem Allen, auch nur einigermaaßen, oder verſuchsweiſe, leiſtet, ja, nicht ein Mal, durch gründliche Erlernung irgend einer Wiſſenſchaft, ſich wenig⸗ ſtens die Möglichkeit eröffnet, dieſelbe zu fördern, — ein Solcher iſt, bei angeerbtem Vermögen, ein bloßer Tagedieb und ver⸗ ächtlich. Auch wird er nicht glücklich ſeyn: denn die Exemtion von der Noth liefert ihn dem andern Pol des menſchlichen Elends, der Langenweile, in die Hände, die ihn ſo martert, daß er viel glücklicher wäre, wenn die Noth ihm Beſchäftigung gegeben hätte. Eben dieſe Langeweile aber wird ihn leicht zu Extravaganzen verleiten, welche ihn um jenen Vorzug bringen, deſſen er nicht würdig war. Wirklich befinden Unzählige ſich bloß deshalb in Mangel, weil, als ſie Geld hatten, ſie es ausgaben, um nur ſich augenblickliche Linderung der ſie drückenden Langenweile zu verſchaffen. Ganz anders nun aber verhält es ſich, wenn der Zweck iſt, es im Staatsdienſte hoch zu bringen, wo demnach Gunſt, Freunde, 372 [333] —— — ð6— — — 5 — >} 15 o 2 25 30 35 Von Dem, was Einer hat. Verbindungen erworben werden müſſen, um durch fie, von Stufe zu Stufe, Beförderung, vielleicht gar bis zu den höchſten Poſten, zu erlangen: hier nämlich iſt es im Grunde wohl beſſer, ohne alles Vermögen in die Welt geſtoßen zu ſeyn. Beſonders wird es Dem, welcher nicht adelig, hingegen mit einigem Talent aus⸗ geſtattet iſt, zum wahren Vortheil und zur Empfehlung gereichen, wenn er ein ganz armer Teufel iſt. Denn was Jeder, ſchon in der bloßen Unterhaltung, wie viel mehr im Dienſte, am meiſten ſucht und liebt, iſt die Inferiorität des Andern. Nun aber iſt allein ein armer Teufel von ſeiner gänzlichen, tiefen, entſchiedenen und allſeitigen Inferiorität und ſeiner völligen Unbedeutſamkeit und Werthloſigkeit in dem Grade überzeugt und durchdrungen, wie es hier erfordert wird. Nur er demnach verbeugt ſich oft und anhaltend genug, und nur feine Bücklinge erreichen volle 90°: nur er läßt Alles über ſich ergehn und lächelt dazu; nur er erkennt die gänzliche Werthloſigkeit der Verdienſte; nur er preiſt öffentlich, mit lauter Stimme, oder auch in großem Druck, die litterariſchen Stümpereien der über ihn Geſtellten, oder ſonſt Ein⸗ flußreichen, als Meiſterwerke; nur er verſteht zu betteln: folglich kann nur er, bei Zeiten, alſo in der Jugend, ſogar ein Epopte jener verborgenen Wahrheit werden, die Goethe uns enthüllt hat in den Worten: „Ueber's Niederträchtige Niemand ſich beklage: Denn es iſt das Mächtige, Was man dir auch ſage.“ W. O. Divan. 334] Hingegen Der, welcher von Haufe aus zu leben hat, wird ſich meiſtens ungebärdig ſtellen: er iſt gewohnt töte levée zu gehn, hat alle jene Künſte nicht gelernt, trotzt dazu vielleicht noch auf etwanige Talente, deren Unzulänglichkeit vielmehr, dem mediocre et rampant gegenüber, er begreifen ſollte; er iſt am Ende wohl gar im Stande, die Inferiorität der über ihn Geſtellten zu merken, und wenn es nun vollends zu den Indignitäten kommt, da wird er ſtätiſch oder kopfſcheu. Damit pouſſirt man ſich nicht in der Welt: vielmehr kann es mit ihm zuletzt dahin kommen, daß er mit dem frechen Voltaire ſagt: nous n’avons que deux jours à vivre: ce n'est pas la peine de les passer à ramper 373
Von Dem, was Einer hat. sous des coquins méprisables: — leider iſt, beiläufig ge⸗ ſagt, dieſes coquin méprisable ein Prädikat, zu dem es in der Welt verteufelt viele Subjekte giebt. Man ſieht alſo, daß das Juvenaliſche a f Haud facile emergunt, quorum virtutibus obstat Res angusta domi, mehr von der Laufbahn der Virtuoſitäten, als von der der Welt⸗ leute, gültig iſt. — 5 i Zu Dem, was Einer hat, habe ich Frau und Kinder nicht gerechnet; da er von dieſen vielmehr gehabt wird. Eher ließen ſich Freunde dazu zählen: doch muß auch hier der Beſitzende im gleichen Maaße der Beſitz des Andern ſeyn. 374 — [335) Kapitel IV. Von Dem, was Einer vorftellt. Dieſes, alſo unſer Daſeyn in der Meinung Anderer, wird, in Folge einer beſondern Schwäche unſerer Natur, durchgängig viel 5 zu hoch angeſchlagen; obgleich ſchon die leichteſte Beſinnung lehren könnte, daß es, an ſich ſelbſt, für unſer Glück, unweſentlich iſt. Es iſt demnach kaum erklärlich, wie ſehr jeder Menſch ſich inner⸗ lich freut, ſo oft er Zeichen der günſtigen Meinung Anderer merkt und ſeiner Eitelkeit irgendwie geſchmeichelt wird. So un⸗ so ausbleiblich wie die Katze ſpinnt, wenn man ſie ſtreichelt, malt ſüße Wonne ſich auf das Geſicht des Menſchen, den man lobt, und zwar in dem Felde ſeiner Prätention, ſei das Lob auch handgreiflich lügenhaft. Oft tröſten ihn, über reales Unglück, oder über die Kargheit, mit der für ihn die beiden, bis hieher 15 abgehandelten Hauptquellen unſers Glückes fließen, die Zeichen des fremden Beifalls: und, umgekehrt, iſt es zum Erſtaunen, wie ſehr jede Verletzung ſeines Ehrgeizes, in irgend einem Sinne, Grad, oder Verhältniß, jede Geringſchätzung, Zurück⸗ ſetzung, Nichtachtung ihn unfehlbar kränkt und oft tief ſchmerzt. 20 Sofern auf dieſer Eigenſchaft das Gefühl der Ehre beruht, mag ſie für das Wohlverhalten Vieler, als Surrogat ihrer Moralität, von erſprießlichen Folgen ſeyn; aber auf das eigene Glück des Menſchen, zunächſt auf die dieſem ſo weſentliche Gemüthsruhe und Unabhängigkeit, wirkt ſie mehr ſtörend und nachtheilig, als 25 förderlich ein. Daher iſt es, von unſerm Geſichtspunkt aus, rathſam, ihr Schranken zu ſetzen und, mittelſt gehöriger Ueber⸗ legung und richtiger Abſchätzung des Werthes der Güter, jene große Empfindlichkeit gegen die fremde Meinung möglichſt zu mäßigen, 25 Schopenhauer, Werke V 375
Von Dem, was Einer vorstellt. ſowohl da, wo ihr gefchmeichelt wird, als da, wo ihr wehe geſchieht: denn Beides hängt am ſelben Faden. Außerdem bleibt man der Sklave fremder Meinung und fremden Bedünkens: Sic leve, sic parvum est, animum quod laudis avarum Subruit ac reficit. 5 Demnach wird eine richtige Abſchätzung des Werthes Deſſen, [336 was man in und für ſich ſelbſt iſt, gegen Das, was man bloß in den Augen Anderer iſt, zu unſerm Glücke viel beitragen. Zum Erſteren gehört die ganze Ausfüllung der Zeit unſers eige⸗ nen Daſeyns, der innere Gehalt deſſelben, mithin alle die Güter, ro welche unter den Titeln „was Einer iſt“ und „was Einer hat“ von uns in Betrachtung genommen worden ſind. Denn der Ort, in welchem alles Dieſes ſeine Wirkungsſphäre hat, iſt das eigene Bewußtſeyn. Hingegen iſt der Ort Deſſen, was wir für Andere find, das fremde Bewußtſeyn: es iſt die Vorſtellung, 15 unter welcher wir darin erſcheinen, nebſt den Begriffen, die auf dieſe angewandt werden. ) Dies nun iſt etwas, das unmittelbar gar nicht für uns vorhanden iſt, ſondern bloß mittelbar, nämlich ſofern das Betragen der Andern gegen uns dadurch beſtimmt wird. Und auch Dieſes ſelbſt kommt eigentlich nur in Betracht, 20 ſofern es Einfluß hat auf irgend etwas, wodurch Das, was wir in und für uns ſelbſt ſind, modificirt werden kann. Außerdem iſt ja was in einem fremden Bewußtſeyn vorgeht, als ſolches, für uns gleichgültig, und auch wir werden allmälig gleichgültig dagegen werden, wenn wir von der Oberflächlichkeit und Futilität 25 der Gedanken, von der Beſchränktheit der Begriffe, von der Klein⸗ lichkeit der Geſinnung, von der Verkehrtheit der Meinungen und von der Anzahl der Irrthümer in den allermeiſten Köpfen eine hinlängliche Kenntniß erlangen, und dazu aus eigener Erfahrung lernen, mit welcher Geringſchätzung gelegentlich von Jedem ge⸗ 30 redet wird, ſobald man ihn nicht zu fürchten hat, oder glaubt, es komme ihm nicht zu Ohren; insbeſondere aber nachdem wir ein Mal angehört haben, wie vom größten Manne ein halbes Dutzend Schaafsköpfe mit Wegwerfung ſpricht. Wir werden +) Die höchſten Stände, in ihrem Glanz, in ihrer Pracht und Prunk und 35 Herrlichkeit und Repräſentation jeder Art können ſagen: „unſer Glück liegt ganz außerhalb unſerer Selbſt: ſein Ort ſind die Köpfe Anderer.“ 376 Von Dem, was Einer vorstellt. dann einfehn, daß wer auf die Meinung der Menfchen einen großen Werth Teget, ihnen zu viel Ehre erzeiget. Jedenfalls iſt Der auf eine kümmerliche Reſſource hinge⸗ wieſen, der ſein Glück nicht in den beiden, bereits abgehandelten 5 Klaſſen von Gütern findet, ſondern es in dieſer dritten ſuchen muß, alſo nicht in Dem, was er wirklich, ſondern in Dem, was er in der fremden Vorſtellung iſt. Denn überhaupt iſt die Baſis unſers Weſens und folglich auch unſers Glücks unſere animaliſche Natur. Daher iſt, für unſere Wohlfahrt, Geſund⸗ ro heit das Weſentlichſte, nächſt dieſer aber die Mittel zu unſerer Erhaltung, alſo ein ſorgenfreies Auskommen. Ehre, Glanz, [337] Rang, Ruhm, fo viel Werth auch Mancher darauf legen mag, können mit jenen weſentlichen Gütern nicht kompetiren, noch ſie erſetzen: vielmehr würden ſie, erforderlichen Falles, unbedenklich 15 für jene hingegeben werden. Dieſerwegen wird es zu unſerm Glücke beitragen, wenn wir bei Zeiten die ſimple Einſicht er⸗ langen, daß Jeder zunächſt und wirklich in ſeiner eigenen Haut lebt, nicht aber in der Meinung Anderer, und daß demnach unſer realer und perſönlicher Zuſtand, wie er durch Geſundheit, 20 Temperament, Fähigkeiten, Einkommen, Weib, Kind, Freunde, Wohnort u. ſ. w. beſtimmt wird, für unſer Glück hundert Mal wichtiger iſt, als was es Andern beliebt aus uns zu machen. Der entgegengeſetzte Wahn macht unglücklich. Wird mit Em⸗ phaſe ausgerufen „über's Leben geht noch die Ehre“, ſo beſagt 25 dies eigentlich: „Daſeyn und Wohlſeyn find nichts; ſondern was die Andern von uns denken, das iſt die Sache.“ Allenfalls kann der Ausſpruch als eine Hyperbel gelten, der die proſaiſche Wahrheit zum Grunde liegt, daß zu unſerm Fortkommen und Beſtehn unter Menſchen die Ehre, d. h. die Meinung derſelben 30 von uns, oft unumgänglich nöthig iſt; worauf ich weiterhin zurückkommen werde. Wenn man hingegen ſieht, wie faſt Alles, wonach Menſchen, ihr Leben lang, mit raſtloſer Anſtrengung und unter tauſend Gefahren und Mühſäligkeiten, unermüdlich ſtreben, zum letzten Zwecke hat, ſich dadurch in der Meinung Anderer zu 35 erhöhen, indem nämlich nicht nur Aemter, Titel und Orden, ſon⸗ dern auch Reichthum, und ſelbſt Wiſſenſchaftt) und Kunſt, im +) Seire tuum nihil est, nisi te scire hoc sciat alter. 25* 377
Von Dem, was Einer vorstellt. Grunde und hauptſächlich deshalb angeftrebt werden, und ber größere Reſpekt Anderer das letzte Ziel iſt, darauf man hinarbeitet; ſo beweiſt Dies leider nur die Größe der menſchlichen Thorheit. Viel zu viel Werth auf die Meinung Anderer zu legen iſt ein allgemein herrſchender Irrwahn: mag er nun in unſerer Natur ſelbſt wurzeln, oder in Folge der Geſellſchaft und Civiliſation entſtanden ſeyn; jedenfalls übt er auf unſer geſammtes Thun und Laſſen einen ganz übermäßigen und unſerm Glücke feind⸗ lichen Einfluß aus, den wir verfolgen können, von da an, wo er ſich in der ängſtlichen und ſklaviſchen Rückſicht auf das qu' en dira-t-on zeigt, bis dahin, wo er den Dolch des Virginius in das Herz ſeiner Tochter ſtößt, oder den Menſchen verleitet, für den Nachruhm, Ruhe, Reichthum und Geſundheit, ja, das Leben zu opfern. Dieſer Wahn bietet allerdings Dem, der die Men⸗ ſchen zu beherrſchen, oder ſonſt zu lenken hat, eine bequeme Handhabe dar; weshalb in jeder Art von Menſchendreſſirungs⸗ kunſt die Weiſung, das Ehrgefühl rege zu erhalten und zu ſchär⸗ fen, eine Hauptſtelle einnimmt: aber in Hinſicht auf das eigene Glück des Menſchen, welches hier unſere Abſicht iſt, verhält die Sache ſich ganz anders, und iſt vielmehr davon abzumahnen, daß man nicht zu viel Werth auf die Meinung Anderer lege. Wenn es, wie die tägliche Erfahrung lehrt, dennoch geſchieht, wenn die meiſten Menſchen gerade auf die Meinung Anderer von ihnen den höchſten Werth legen und es ihnen darum mehr zu thun iſt, als um Das, was, weil es in ihrem eigenen Bewußtſeyn vorgeht, unmittelbar für ſie vorhanden iſt; wenn demnach, mittelſt Umkehrung der natürlichen Ordnung, ihnen Jenes der reale, Dieſes der bloß ideale Theil ihres Daſeyns zu ſeyn ſcheint, wenn ſie alſo das Abgeleitete und Sekundäre zur Hauptſache machen und ihnen mehr das Bild ihres Weſens im Kopfe Anderer, als dieſes Weſen ſelbſt am Herzen liegt; ſo iſt dieſe unmittelbare Werthſchätzung Deſſen, was für uns un⸗ mittelbar gar nicht vorhanden iſt, diejenige Thorheit, welche man Eitelkeit, vanitas, genannt hat, um dadurch das Leere und Gehaltloſe dieſes Strebens zu bezeichnen. Auch iſt aus dem Obigen leicht einzuſehn, daß ſie zum Vergeſſen des Zwecks über die Mittel gehört, ſo gut wie der Geiz. In der That überſchreitet der Werth, den wir auf die 378 1338] Von Dem, was Einer vorstellt. Meinung Anderer legen, und unſere beſtändige Sorge in Betreff derſelben, in der Regel, faſt jede vernünftige Bezweckung, ſo daß ſie als eine Art allgemein verbreiteter, oder vielmehr angeborener Manie angeſehn werden kann. Bei Allem, was wir thun und s Iaffen, wird, faſt vor allem Andern, die fremde Meinung be⸗ rückſichtigt, und aus der Sorge um ſie werden wir, bei genauer Unterſuchung, faſt die Hälfte aller Bekümmerniſſe und Aengſte, die wir jemals empfunden haben, hervorgegangen ſehn. Denn ſie liegt allem unſerm, ſo oft gekränkten, weil ſo krankhaft em⸗ 10 pfindlichen, Selbſtgefühl, allen unſern Eitelkeiten und Präten⸗ tionen, wie auch unſerm Prunken und Großthun, zum Grunde. Ohne dieſe Sorge und Sucht würde der Luxus kaum 1½0o deſſen ſeyn, was er iſt. Aller und jeder Stolz, point d'honneur und 1539] puntiglio, fo verſchiedener Gattung und Sphäre er auch ſeyn ı5 kann, beruht auf ihr, — und welche Opfer heiſcht fie da nicht oft! Sie zeigt ſich ſchon im Kinde, ſodann in jedem Lebensalter, jedoch am ſtärkeſten im ſpäten; weil dann, beim Verſiegen der Fähigkeit zu ſinnlichen Genüſſen, Eitelkeit und Hochmuth nur noch mit dem Geize die Herrſchaft zu theilen haben. Am deut lichſten läßt ſie ſich an den Franzoſen beobachten, als bei welchen ſie ganz endemiſch iſt und ſich oft in der abgeſchmackteſten Ehr⸗ ſucht, lächerlichſten National-Eitelkeit und unverſthämteſten Prah⸗ lerei Luft macht; wodurch dann ihr Streben ſich ſelbſt vereitelt, indem es ſie zum Spotte der andern Nationen gemacht hat und 25 die grande nation ein Neckname geworden iſt. Um nun aber die in Rede ſtehende Verkehrtheit der überſchwänglichen Sorge um die Meinung Anderer noch ſpeciell zu erläutern, mag hier ein, durch den Lichteffekt des Zuſammentreffens der Umſtände mit dem angemeſſenen Charakter, in ſeltenem Grade begünſtigtes, recht ſuperlatives Beiſpiel jener in der Menſchennatur wurzeln⸗ den Thorheit Platz finden, da an demſelben die Stärke dieſer höchſt wunderlichen Triebfeder ſich ganz ermeſſen läßt. Es iſt folgende, den Times vom 31. März 1846 entnommene Stelle aus dem ausführlichen Bericht von der ſoeben vollzogenen Hin⸗ richtung des Thomas Wir, eines Handwerksgeſellen, der aus Rache ſeinen Meiſter ermordet hatte: „An dem zur Hinrichtung feſtgeſetzten Morgen fand ſich der hochwürdige Gefängnißkaplan zeitig bei ihm ein. Allein Wix, obwohl ſich ruhig betragend, 2 8 D 3 3 A 379
Von Dem, was Einer vorstellt. zeigte keinen Antheil an feinen Ermahnungen: vielmehr war das Einzige, was ihm am Herzen lag, daß es ihm gelingen möchte, vor den Zuſchauern ſeines ſchmachvollen Endes, ſich mit recht großer Bravour zu benehmen. — — — Dies iſt ihm denn auch gelungen. Auf dem Hofraum, den er zu dem, hart am Gefängniß errichteten Galgenſchafott zu durchſchreiten hatte, ſagte er: „„Wohlan denn, wie Doktor Dodd geſagt hat, bald werde ich das große Geheimniß wiſſen!““ Er gieng, obwohl mit ge⸗ bundenen Armen, die Leiter zum Schafott ohne die geringſte Beihülfe hinauf: daſelbſt angelangt machte er gegen die Zu⸗ ſchauer, rechts und links, Verbeugungen, welche denn auch mit dem donnernden Beifallsruf der verſammelten Menge beantwortet und belohnt wurden, u. ſ. w.“ — Dies iſt ein Prachteremplar der Ehrſucht, den Tod, in ſchrecklichſter Geſtalt, nebſt der Ewig⸗ keit dahinter, vor Augen, keine andere Sorge zu haben, als die, um den Eindruck auf den zuſammengelaufenen Haufen der Gaffer und die Meinung, welche man in deren Köpfen zurücklaſſen wird! — Und doch war eben ſo der im ſelben Jahr in Frank⸗ reich, wegen verſuchten Königsmordes, hingerichtete Lecomte, bei ſeinem Proceß, hauptſächlich darüber verdrießlich, daß er nicht in anſtändiger Kleidung vor der Pairskammer erſcheinen konnte, und ſelbſt bei ſeiner Hinrichtung war es ihm ein Hauptverdruß, daß man ihm nicht erlaubt hatte, ſich vorher zu raſiren. Daß es auch ehemals nicht anders geweſen, erſehn wir aus Dem, was Mateo Aleman, in der, ſeinem berühmten Romane, Guzman de Alfarache, vorgeſetzten Einleitung (declaracion) ans führt, daß nämlich viele bethörte Verbrecher die letzten Stunden, welche ſie ausſchließlich ihrem Seelenheile widmen ſollten, dieſem entziehn, um eine kleine Predigt, die ſie auf der Galgenleiter halten wollen, auszuarbeiten und zu memoriren. — An ſolchen Zügen jedoch können wir ſelbſt uns ſpiegeln: denn koloſſale Fälle geben überall die deutlichſte Erläuterung. Unſer Aller Sorgen, Kümmern, Wurmen, Aergern, Aengſtigen, Anſtrengen u. ſ. w. betrifft, in vielleicht den meiſten Fällen, eigentlich die fremde Meinung und iſt eben ſo abſurd, wie das jener armen Sünder. Nicht weniger entſpringt unſer Neid und Haß größtentheils aus beſagter Wurzel. 6 Offenbar nun könnte zu unſerm Glücke, als welches aller⸗ 380 — [340] — 5 vw » w w 0 5 0 5 Von Dem, was Einer vorstellt, größtentheils auf Gemüthsruhe und Zufriedenheit beruht, kaum irgend etwas fo viel beitragen, als die Einſchränkung und Herab: ſtimmung dieſer Triebfeder auf ihr vernünftig zu rechtfertigendes Maaß, welches vielleicht / des gegenwärtigen ſeyn wird, alſo das Herausziehn dieſes immerfort peinigenden Stachels aus un⸗ ſerm Fleiſch. Dies iſt jedoch ſehr ſchwer: denn wir haben es mit einer natürlichen und angeborenen Verkehrtheit zu thun. Etiam sapientibus cupido gloriae novissima exuitur ſagt Tacitus (hist. IV, 6). Um jene allgemeine Thorheit los zu 10 werden, wäre das alleinige Mittel, ſie deutlich als eine ſolche zu erkennen und zu dieſem Zwecke ſich klar zu machen, wie ganz falſch, verkehrt, irrig und abſurd die meiſten Meinungen in den Köpfen der Menſchen zu ſeyn pflegen, daher ſie, an ſich ſelbſt, [341] keiner Beachtung werth find; ſodann, wie wenig realen Einfluß 1 auf uns die Meinung Anderer, in den meiſten Dingen und Fällen, haben kann; ferner, wie ungünſtig überhaupt ſie meiſten⸗ theils iſt, ſo daß faſt Jeder ſich krank ärgern würde, wenn er vernähme, was Alles von ihm geſagt und in welchem Tone von ihm geredet wird; endlich, daß ſogar die Ehre ſelbſt doch eigent⸗ 20 lich nur von mittelbarem und nicht von unmittelbarem Werthe iſt u. dgl. m. Wenn eine ſolche Bekehrung von der allgemeinen Thorheit uns gelänge; ſo würde die Folge ein unglaublich großer Zuwachs an Gemüthsruhe und Heiterkeit und ebenfalls ein feſteres und ſichereres Auftreten, ein durchweg unbefangeneres und natür⸗ 25 licheres Betragen ſeyn. Der fo überaus wohlthätige Einfluß, den eine zurückgezogene Lebensweiſe auf unſere Gemüthsruhe hat, beruht größtentheils darauf, daß eine ſolche uns dem fortwähren⸗ den Leben vor den Augen Anderer, folglich der ſteten Berück⸗ ſichtigung ihrer etwanigen Meinung entzieht und dadurch uns uns 30 ſelber zurückgiebt. Imgleichen würden wir ſehr vielem realen Un⸗ glück entgehn, in welches nur jenes rein ideale Streben, richtiger jene heilloſe Thorheit, uns zieht, würden auch viel mehr Sorgfalt für ſolide Güter übrig behalten und dann auch dieſe ungeſtörter genießen. Aber, wie geſagt, We ta xadc. Die hier geſchilderte Thorheit unſerer Natur treibt haupt⸗ ſächlich drei Sprößlinge: Ehrgeiz, Eitelkeit und Stolz. Zwiſchen dieſen zwei letzteren beruht der Unterſchied darauf, daß der Stolz die bereits feſtſtehende Ueberzeugung vom eigenen überwiegenden 381
Von Dem, was Einer vorstellt. Werthe, in irgend einer Hinficht, iſt; Eitelkeit hingegen der Wunſch, in Andern eine ſolche Ueberzeugung zu erwecken, meiſtens begleitet von der ſtillen Hoffnung, ſie, in Folge davon, auch ſelbſt zu der ſeinigen machen zu können. Demnach iſt Stolz die von innen ausgehende, folglich direkte Hochſchätzung ſeiner ſelbſt; hingegen Eitelkeit das Streben, ſolche von außen her, alſo indirekt zu erlangen. Dem entſprechend macht die Eitelkeit geſprächig, der Stolz ſchweigſam. Aber der Eitele ſollte wiſſen, daß die hohe Meinung Anderer, nach der er trachtet, ſehr viel leichter und ſicherer durch anhaltendes Schweigen zu erlangen iſt, als durch Sprechen, auch wenn Einer die ſchönſten Dinge zu ſagen hätte. — Stolz iſt nicht wer will, ſondern höchſtens kann wer will Stolz affek⸗ tiren, wird aber aus dieſer, wie aus jeder angenommenen Rolle bald herausfallen. Denn nur die feſte, innere, unerſchütterliche Ueberzeugung von überwiegenden Vorzügen und beſonderm Werthe macht wirklich ſtolz. Dieſe Ueberzeugung mag nun irrig ſeyn, oder auch auf bloß äußerlichen und konventionellen Vorzügen beruhen; — das ſchadet dem Stolze nicht, wenn ſie nur wirklich und ernſtlich vorhanden iſt. Weil alſo der Stolz ſeine Wurzel in der Ueber zeugung hat, ſteht er, wie alle Erkenntniß, nicht in unſerer Willkür. Sein ſchlimmſter Feind, ich meine ſein größtes Hinderniß, iſt die Eitelkeit, als welche um den Beifall Anderer buhlt, um die eigene hohe Meinung von ſich erſt darauf zu gründen, in welcher bereits ganz feſt zu ſeyn die Vorausſetzung des Stolzes iſt. So fehr nun auch durchgängig der Stolz getadelt und ver⸗ ſchrien wird; ſo vermuthe ich doch, daß dies hauptſächlich von Solchen ausgegangen iſt, die nichts haben, darauf ſie ſtolz ſeyn könnten. Der Unverſchämtheit und Dummdreiſtigkeit der meiſten Menſchen gegenüber, thut Jeder, der irgend welche Vorzüge hat, ganz wohl, ſie ſelbſt im Auge zu behalten, um nicht ſie gänzlich in Vergeſſenheit gerathen zu laſſen: denn wer, ſolche gutmüthig ignorirend, mit Jenen ſich gerirt, als wäre er ganz ihres Gleichen, den werden ſie treuherzig ſofort dafür halten. Am meiſten aber möchte ich ſolches Denen anempfehlen, deren Vor⸗ züge von der höchſten Art, d. h. reale, und alſo rein per⸗ ſönliche ſind, da dieſe nicht, wie Orden und Titel, jeden Augen⸗ blick durch ſinnliche Einwirkung in Erinnerung gebracht werden: 382 — 0 — 5 [342] v 0 25 30 I I “ 8 A Von Dem, was Einer vorstellt. denn ſonſt werden ſie oft genug das sus Minervam exemplificirt ſehn. „Scherze mit dem Sklaven; bald wird er dir den Hintern zeigen“ — iſt ein vortreffliches Arabiſches Sprichwort, und das Horaziſche sume superbiam, quaesitam meritis iſt nicht zu ver⸗ werfen. Wohl aber iſt die Tugend der Beſcheidenheit eine er⸗ kleckliche Erfindung für die Lumpe; da ihr gemäß Jeder von ſich zu reden hat, als wäre auch er ein ſolcher, welches herrlich nivellirt, indem es dann ſo herauskommt, als gäbe es überhaupt nichts als Lumpe. Die wohlfeilſte Art des Stolzes hingegen iſt der National⸗ ſtolz. Denn er verräth in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenſchaften, auf die er ſtolz ſeyn könnte, indem er ſonſt nicht zu Dem greifen würde, was er mit ſo vielen Millionen theilt. Wer bedeutende perſönliche Vorzüge beſitzt, wird vielmehr die Fehler ſeiner eigenen Nation, da er ſie be⸗ ſtändig vor Augen hat, am deutlichſten erkennen. Aber jeder erbärmliche Tropf, der nichts in der Welt hat, darauf er ſtolz 343] ſeyn könnte, ergreift das letzte Mittel, auf die Nation, der er gerade angehört, ſtolz zu ſeyn: hieran erholt er ſich und iſt nun 20 dankbarlich bereit, alle Fehler und Thorheiten, die ihr eigen ſind, 2 3 3 A >) A b xt Aa zu vertheidigen. Daher wird man z. B. unter funfzig Engländern kaum mehr, als Einen finden, welcher mit⸗ einſtimmt, wenn man von der ſtupiden und degradirenden Bigot⸗ terie ſeiner Nation mit gebührender Verachtung ſpricht: der Eine aber pflegt ein Mann von Kopf zu ſeyn. — Die Deutſchen ſind frei von Nationalſtolz und legen hiedurch einen Beweis der ihnen nachgerühmten Ehrlichkeit ab; vom Gegentheil aber Die unter ihnen, welche einen ſolchen vorgeben und lächerlicherweiſe affektiren; wie Dies zumeiſt die „deutſchen Brüder“ und Demo⸗ kraten thun, die dem Volke ſchmeicheln, um es zu verführen. Es heißt zwar, die Deutſchen hätten das Pulver erfunden: ich kann jedoch dieſer Meinung nicht beitreten. Und Lichtenberg frägt: „Warun giebt ſich nicht leicht jemand, der es nicht iſt, für einen Deutſchen aus, ſondern gemeiniglich, wenn er ſich für etwas aus⸗ geben will, für einen Franzoſen oder Engländer?“ Uebrigens überwiegt die Individualität bei Weitem die Nationalität, und in einem gegebenen Menſchen verdient jene tauſend Mal mehr Berückſichtigung, als dieſe. Dem Nationalcharakter wird, da er 383
Von Dem, was Einer vorstellt. von der Menge redet, nie viel Gutes ehrlicherweiſe nachzurühmen ſeyn. Vielmehr erſcheint nur die menſchliche Beſchränktheit, Ver⸗ kehrtheit und Schlechtigkeit in jedem Lande in einer andern Form und dieſe nennt man den Nationalcharakter. Von einem der⸗ ſelben degoutirt loben wir den andern, bis es uns mit ihm eben ſo ergangen iſt. — Jede Nation ſpottet über die andere, und alle haben Recht. — Der Gegenſtand dieſes Kapitels, alſo was wir in der Welt vorſtellen, d. h. in den Augen Anderer ſind, läßt ſich nun, wie ſchon oben bemerkt, eintheilen in Ehre, Rang und Ruhm. Der Rang, ſo wichtig er in den Augen des großen Haufens und der Philiſter, und ſo groß ſein Nutzen im Getriebe der Staatsmaſchine ſeyn mag, läßt ſich, für unſern Zweck, mit wenigen Worten abfertigen. Es iſt ein konventioneller, d. h. eigentlich ein ſimulirter Werth: ſeine Wirkung iſt eine ſimulirte Hochachtung, und das Ganze eine Komödie für den großen Haufen. — Orden ſind Wechſelbriefe, gezogen auf die öffentliche Meinung: ihr Werth beruht auf dem Kredit des Ausſtellers. Inzwiſchen ſind ſie, auch ganz abgeſehn von dem vielen Gelde, welches ſie, als Subſtitut pekuniärer Belohnungen, dem Staat erſparen, eine ganz zweckmäßige Einrichtung; vorausgeſetzt, daß ihre Vertheilung mit Einſicht und Gerechtigkeit geſchehe. Der große Haufe nämlich hat Augen und Ohren, aber nicht viel mehr, zumal blutwenig Urtheilskraft und ſelbſt wenig Gedächtniß. Manche Verdienſte liegen ganz außerhalb der Sphäre ſeines Verſtändniſſes, andere verſteht und bejubelt er, bei ihrem Eintritt, hat ſie aber nachher bald vergeſſen. Da finde ich es ganz paſſend, durch Kreuz oder Stern, der Menge jederzeit und überall zuzurufen: „Der Mann iſt nicht eures Gleichen: er hat Verdienſte!“ Durch ungerechte, oder urtheilsloſe, oder übermäßige Vertheilung verlieren aber die Orden dieſen Werth; daher ein Fürſt mit ihrer Ertheilung ſo vorſichtig ſeyn ſollte, wie ein Kaufmann mit dem Unterſchreiben der Wechſel. Die Inſchrift pour le mérite auf einem Kreuze iſt ein Pleonasmus: jeder Orden ſollte pour le mérite ſeyn, — ca va sans dire. — Viel ſchwerer und weitläuftiger, als die des Ranges, ift die Erörterung der Ehre. Zuvörderſt hätten wir ſie zu definiren. 384 — 0 — 5 544 20 Von Dem, was Einer vorstellt. Wenn ich nun in dieſer Abſicht etwan ſagte: die Ehre iſt das äußere Gewiſſen, und das Gewiſſen die innere Ehre; — ſo könnte Dies vielleicht Manchem gefallen; würde jedoch mehr eine glänzende, als eine deutliche und gründliche Erklärung ſeyn. Daher ſage ich: die Ehre iſt, objektiv, die Meinung Anderer von unſerm Werth, und ſubjektiv, unſere Furcht vor dieſer Mei⸗ nung. In letzterer Eigenſchaft hat ſie oft eine ſehr heilſame, wenn auch keineswegs rein moraliſche Wirkung, — im Mann von Ehre. Die Wurzel und der Urſprung des jedem, nicht ganz ver⸗ dorbenen Menſchen einwohnenden Gefühls für Ehre und Schande, wie auch des hohen Werthes, welcher erſterer zuerkannt wird, liegt in Folgendem. Der Menſch für ſich allein vermag gar wenig und iſt ein verlaſſener Robinſon: nur in der Gemeinſchaft 15 mit den andern iſt und vermag er viel. Dieſes Verhältniſſes wird er inne, ſobald ſein Bewußtſeyn ſich irgend zu entwickeln anfängt, und alsbald entſteht in ihm das Beſtreben, für ein taug⸗ liches Mitglied der menſchlichen Geſellſchaft zu gelten, alſo für [345] eines, das fähig iſt, pro parte virili mitzuwirken, und dadurch 20 berechtigt, der Vortheile der menſchlichen Gemeinſchaft theilhaft zu werden. Ein ſolches nun iſt er dadurch, daß er, erſtlich, Das leiſtet, was man von Jedem überall, und ſodann Das, was man von ihm in der beſondern Stelle, die er eingenommen hat, fordert und erwartet. Eben ſo bald aber erkennt er, daß 25 es hiebei nicht darauf ankommt, daß er es in ſeiner eigenen, ſondern daß er es in der Meinung der Andern ſei. Hieraus entſpringt demnach ſein eifriges Streben nach der günſtigen Meinung Anderer und der hohe Werth, den er auf dieſe legt: Beides zeigt ſich mit der Urſprünglichkeit eines angeborenen Ge⸗ 30 fühls, welches man Ehrgefühl und, nach Umſtänden, Gefühl der Schaam (verecundia) nennt. Dieſes iſt es, was ſeine Wangen röthet, ſobald er glaubt, plötzlich in der Meinung Anderer ver⸗ lieren zu müſſen, ſelbſt wo er ſich unſchuldig weiß; ſogar da, wo der ſich aufdeckende Mangel eine nur relative, nämlich willkürlich übernommene Verpflichtung betrifft: und andererſeits ſtärkt nichts ſeinen Lebensmuth mehr, als die erlangte, oder erneuerte Gewiß⸗ heit von der günſtigen Meinung Anderer; weil ſie ihm den Schutz und die Hülfe der vereinten Kräfte Aller verſpricht, welche 2 1 o 385
Von Dem, was Einer vorstellt. eine unendlich größere Wehrmauer gegen die Uebel des Lebens ſind, als ſeine eigenen. Aus den verſchiedenen Beziehungen, in denen der Menſch zu Andern ſtehn kann und in Hinſicht auf welche ſie Zutrauen zu ihm, alfo eine gewiſſe gute Meinung von ihm, zu hegen haben, 5 entſtehn mehrere Arten der Ehre. Dieſe Beziehungen ſind hauptſächlich das Mein und Dein, ſodann die Leiſtungen der Anheiſchigen, endlich das Sexualverhältniß: ihnen entſprechen die bürgerliche Ehre, die Amtsehre und die Serualehre, jede von welchen noch wieder Unterarten hat. 10 Die weiteſte Sphäre hat die bürgerliche Ehre: ſie beſteht in der Vorausſetzung, daß wir die Rechte eines Jeden unbedingt achten und daher uns nie ungerechter, oder geſetzlich unerlaubter Mittel zu unſerm Vortheile bedienen werden. Sie iſt die Be⸗ dingung zur Theilnahme an allem friedlichen Verkehr. Sie geht verloren durch eine einzige offenbar und ſtark dawider laufende Handlung, folglich auch durch jede Kriminalſtrafe; wiewohl nur unter Vorausſetzung der Gerechtigkeit derſelben. Immer aber 5 beruht die Ehre, in ihrem letzten Grunde, auf der Ueberzeugung [346] von der Unveränderlichkeit des moraliſchen Charakters, vermöge 20 welcher eine einzige ſchlechte Handlung die gleiche moraliſche Beſchaffenheit aller folgenden, ſobald ähnliche Umſtände eintreten werden, verbürgt: dies bezeugt auch der Engliſche Ausdruck character für Ruf, Reputation, Ehre. Deshalb eben iſt die ver⸗ lorene Ehre nicht wiederherzuſtellen; es ſei denn, daß der Ver⸗ 25 luſt auf Täuſchung, wie Verläumdung, oder falſchem Schein, be⸗ ruht hätte. Demgemäß giebt es Geſetze gegen Verläumdung, Pasgquille, auch Injurien: denn die Injurie, das bloße Schimpfen, iſt eine ſummariſche Verläumdung, ohne Angabe der Gründe: dies ließe ſich Griechiſch gut ausdrücken: cart ) Nord opt ölBon rohes, — welches jedoch nirgends vorkommt. Freilich legt Der, welcher ſchimpft, dadurch an den Tag, daß er nichts Wirkliches und Wahres gegen den Andern vorzubringen hat; da er ſonſt Dieſes als die Prämiſſen geben und die Konkluſion ge⸗ troſt den Hörern überlaſſen würde; ſtatt deſſen er die Konkluſion 35 giebt und die Prämiſſen ſchuldig bleibt: allein er verläßt ſich auf die Präſumtion, daß Dies nur beliebter Kürze halber geſchehe. — Die bürgerliche Ehre hat zwar ihren Namen vom 0 ws 386 Von Dem, was Einer vorstellt. Bürgerſtande; allein ihre Geltung erſtreckt ſich über alle Stände, ohne Unterſchied, ſogar die allerhöchſten nicht ausgenommen: kein Menſch kann ihrer entrathen, und iſt es mit ihr eine gar ernſt⸗ hafte Sache, die Jeder ſich hüten ſoll leicht zu nehmen. Wer 5 Treu und Glauben bricht hat Treu und Glauben verloren, auf immer, was er auch thun und wer er auch ſeyn mag, und die bittern Früchte, welche dieſer Verluſt mit ſich bringt, werden nicht ausbleiben. Die Ehre hat, in gewiſſem Sinne, einen negativen Charakter, nämlich im Gegenſatz des Ruhmes, der einen poſi⸗ tiven Charakter hat. Denn die Ehre iſt nicht die Meinung von beſondern, dieſem Subjekt allein zukommenden Eigenſchaften, ſondern nur von den, der Regel, nach, vorauszuſetzenden, als welche auch ihm nicht abgehn ſollen. Sie beſagt daher nur, J daß dies Subjekt keine Ausnahme mache; während der Ruhm beſagt, daß es eine mache. Ruhm muß daher erſt erworben werden: die Ehre hingegen braucht bloß nicht verloren zu gehn. Dem entſprechend iſt Ermangelung des Ruhmes Obſkurität, ein Negatives; Ermangelung der Ehre iſt Schande, ein Poſitives. — Dieſe Negativität darf aber nicht mit Paſſivität verwechſelt werden: vielmehr hat die Ehre einen ganz aktiven Charakter. Sie geht nämlich allein von dem Subjekt derſelben aus, be⸗ ruht auf feinem Thun und Laſſen, nicht aber auf Dem, was Andere thun und was ihm widerfährt: fie iſt alſo roy ep’ Futv. Dies iſt, wie wir bald ſehn werden, ein Unterſcheidungs⸗ merkmal der wahren Ehre von der ritterlichen, oder Afterehre. 1 8 2 8 2 A 347] Bloß durch Verläumdung iſt ein Angriff von außen auf die Ehre möglich: das einzige Gegenmittel iſt Widerlegung derſelben, mit ihr angemeſſener Oeffentlichkeit und Entlarvung des Ver⸗ 30 läumders. N Die Achtung vor dem Alter ſcheint darauf zu beruhen, daß die Ehre junger Leute zwar als Vorausſetzung angenommen, aber noch nicht erprobt iſt, daher eigentlich auf Kredit beſteht. Bei den Aelteren aber hat es ſich im Laufe des Lebens aus⸗ 35 weiſen müſſen, ob fie, durch ihren Wandel, ihre Ehre behaupten konnten. Denn weder die Jahre an ſich, als welche auch Thiere, und einige in viel höherer Zahl, erreichen, noch auch die Er⸗ fahrung, als bloße, nähere Kenntniß vom Laufe der Welt, ſind 387
Von Dem, was Einer vorstellt. hinreichender Grund für die Achtung der Jüngeren gegen bie Aelteren, welche doch überall gefordert wird: die bloße Schwäche des höheren Alters würde mehr auf Schonung, als auf Achtung Anſpruch geben. Merkwürdig aber iſt es, daß dem Menſchen ein gewiſſer Reſpekt vor weißen Haaren angeboren und daher wirklich inſtinktiv iſt. Runzeln, ein ungleich ſichereres Kenn⸗ zeichen des Alters, erregen dieſen Reſpekt keineswegs: nie wird von ehrwürdigen Runzeln, aber ſtets vom ehrwürdigen weißen Haare geredet. Der Werth der Ehre iſt nur ein mittelbarer. Denn, wie bereits am Eingang dieſes Kapitels auseinandergeſetzt iſt, die Meinung Anderer von uns kann nur inſofern Werth für uns haben, als ſie ihr Handeln gegen uns beſtimmt, oder gelegentlich beſtimmen kann. Dies iſt jedoch der Fall, ſo lange wir mit oder unter Menſchen leben. Denn, da wir, im civiliſirten Zu⸗ ſtande, Sicherheit und Beſitz nur der Geſellſchaft verdanken, auch der Andern, bei allen Unternehmungen, bedürfen und ſie Zu⸗ trauen zu uns haben müſſen, um ſich mit uns einzulaſſen; ſo iſt ihre Meinung von uns von hohem, wiewohl immer nur mittel⸗ barem Werthe für uns: einen unmittelbaren kann ich ihr nicht zuerkennen. In Uebereinſtimmung hiemit ſagt auch Cicero: de bona autem fama Chrysippus quidem et Diogenes, detracta utilitate, ne digitum quidem, ejus causa, porrigendum esse dicebant. Quibus ego vehementer assentior. (fin. III, 17.) Imgleichen giebt eine weitläuftige Auseinanderſetzung dieſer Wahr⸗ heit Helvetius, in ſeinem Meiſterwerke, de l’esprit (Disc. III, ch. 13), deren Reſultat iſt: nous n'aimons pas l’estime pour l’estime, mais uniquement pour les avantages qu'elle procure. Da nun das Mittel nicht mehr werth ſeyn kann, als der Zweck; ſo iſt der Paradeſpruch „die Ehre geht über das Leben“, wie geſagt, eine Hyperbel. Soviel von der bürgerlichen Ehre. Die Amtsehre iſt die allgemeine Meinung Anderer, daß ein Mann, der ein Amt ver⸗ ſieht, alle dazu erforderlichen Eigenſchaften wirklich habe und auch in allen Fällen ſeine amtlichen Obliegenheiten pünktlich er⸗ fülle. Je wichtiger und größer der Wirkungskreis eines Mannes im Staate iſt, alſo je höher und einflußreicher der Poſten, auf dem er ſteht, deſto größer muß die Meinung von den intellek⸗ 388 5 — 0 — 5 25 [348] 30 35 2 I 2 I A 2 D 25 D 3 35 Von Dem, was Einer vorstellt. tuellen Fähigkeiten und moraliſchen Eigenfchaften ſeyn, die ihn dazu tauglich machen: mithin hat er einen um ſo höhern Grad von Ehre, deren Ausdruck ſeine Titel, Orden u. ſ. w. ſind, wie auch das ſich unterordnende Betragen Anderer gegen ihn. — Nach dem ſelben Maaßſtabe beſtimmt nun durchgängig der Stand den beſondern Grad der Ehre, wiewohl dieſer modificirt wird durch die Fähigkeit der Menge über die Wichtigkeit des Standes zu urtheilen. Immer aber erkennt man Dem, der beſondere Ob: liegenheiten hat und erfüllt, mehr Ehre zu, als dem gemeinen Bür⸗ ger, deſſen Ehre hauptſächlich auf negativen Eigenſchaften beruht. Die Amtsehre erfordert ferner, daß wer ein Amt verſieht, das Amt ſelbſt, ſeiner Kollegen und Nachfolger wegen, im Reſpekt erhalte, eben durch jene pünktliche Erfüllung ſeiner Pflichten und auch dadurch, daß er Angriffe auf das Amt ſelbſt und auf ſich, ſoferne er es verſieht, d. h. Aeußerungen, daß er das Amt nicht pünktlich verſehe, oder daß das Amt ſelbſt nicht zum allgemeinen Beſten gereiche, nicht ungeahndet laſſe, ſondern durch die geſetz⸗ liche Strafe beweiſe, daß jene Angriffe ungerecht waren. Unterordnungen ſind die Amtsehre des Staatsdieners, des Arztes, des Advokaten, jedes öffentlichen Lehrers, ja jedes Gra⸗ duirten, kurz eines Jeden, der durch öffentliche Erklärung für eine gewiſſe Leiſtung geiſtiger Art qualificirt erklärt worden iſt und ſich eben deshalb ſelbſt dazu anheiſchig gemacht hat; alſo mit einem Wort die Ehre aller öffentlich Anheiſchigen als ſolcher. Daher gehört auch hieher die wahre Soldatenehre: fie beſteht darin, daß wer ſich zur Vertheidigung des gemeinſamen Vater⸗ landes anheiſchig gemacht hat, die dazu nöthigen Eigenſchaften, alſo vor Allem Muth, Tapferkeit und Kraft wirklich beſitze und ernſtlich bereit ſei, ſein Vaterland bis in den Tod zu ver⸗ theidigen und überhaupt die Fahne, zu der er ein Mal ge⸗ ſchworen, um nichts auf der Welt zu verlaſſen. — Ich habe hier die Amtsehre in einem weitern Sinne genommen, als gewöhn⸗ lich, wo ſie den dem Amt ſelbſt gebührenden Reſpekt der Bürger bedeutet. Die Sexualehre ſcheint mir einer näheren Betrachtung und Zurückführung ihrer Grundſätze auf die Wurzel derſelben zu bedürfen, welche zugleich beſtätigen wird, daß alle Ehre zuletzt auf Nützlichkeitsrückſichten beruht. 389
Von Dem, was Einer vorstellt. Die Serualehre zerfällt, ihrer Natur nach, in Weiber: und Männer⸗Ehre, und iſt von beiden Seiten ein wohlverſtandener esprit de corps. Die erſtere iſt bei Weitem die wichtigſte von bei⸗ den; weil im weiblichen Leben das Sexualverhältniß die Haupt⸗ ſache iſt. — Die weibliche Ehre alſo iſt die allgemeine Mei⸗ nung von einem Mädchen, daß ſie ſich gar keinem Manne, und von einer Frau, daß ſie ſich nur dem ihr angetrauten hingegeben habe. Die Wichtigkeit dieſer Meinung beruht auf Folgendem. Das weibliche Geſchlecht verlangt und erwartet vom männlichen Alles, nämlich Alles, was es wünſcht und braucht: das männ⸗ liche verlangt vom weiblichen zunächſt und unmittelbar nur Eines. Daher mußte die Einrichtung getroffen werden, daß das männ⸗ liche Geſchlecht vom weiblichen jenes Eine nur erlangen kann gegen Uebernahme der Sorge für Alles und zudem für die aus der Verbindung entſpringenden Kinder: auf dieſer Einrichtung beruht die Wohlfahrt des ganzen weiblichen Geſchlechts. Um ſie durchzuſetzen, muß nothwendig das weibliche Geſchlecht zuſam⸗ menhalten und esprit de corps beweiſen. Dann aber ſteht es als ein Ganzes und in geſchloſſener Reihe dem geſammten männ⸗ lichen Geſchlechte, welches durch das Uebergewicht ſeiner Körper⸗ und Geiſteskräfte von Natur im Beſitz aller irdiſchen Güter iſt, als dem gemeinſchaftlichen Feinde gegenüber, der beſiegt und er⸗ obert werden muß, um, mittelſt ſeines Beſitzes, in den Beſitz der irdiſchen Güter zu gelangen. Zu dieſem Ende nun iſt die Ehren⸗ maxime des ganzen weiblichen Geſchlechts, daß dem männlichen jeder uneheliche Beiſchlaf durchaus verſagt bleibe; damit jeder Einzelne zur Ehe, als welche eine Art von Kapitulation iſt, ge⸗ zwungen und dadurch das ganze weibliche Geſchlecht verſorgt werde. Dieſer Zweck kann aber nur vermittelſt ſtrenger Beob⸗ achtung der obigen Maxime vollkommen erreicht werden: daher wacht das ganze weibliche Geſchlecht, mit wahrem esprit de corps, über die Aufrechthaltung derſelben unter allen ſeinen Mitgliedern. Demgemäß wird jedes Mädchen, welches durch unehelichen Beiſchlaf einen Verrath gegen das ganze weibliche Geſchlecht begangen hat, weil deſſen Wohlfahrt durch das Allge⸗ meinwerden dieſer Handlungsweiſe untergraben werden würde, von demſelben ausgeſtoßen und mit Schande belegt: es hat ſeine Ehre verloren. Kein Weib darf mehr mit ihm umgehn: es wird, 390 ws wo A [349] 5 Von Dem, was Einer vorstellt. gleich einer Verpeſteten, gemieden. Das gleiche Schickſal trifft die Ehebrecherin; weil dieſe dem Manne die von ihm eingegangene Kapitulation nicht gehalten hat, durch ſolches Beiſpiel aber die Männer vom Eingehn derſelben abgeſchreckt werden; während sauf ihr das Heil des ganzen weiblichen Geſchlechts beruht. Aber noch überdies verliert die Ehebrecherin, wegen der groben Wortbrüchigkeit und des Betruges in ihrer That, mit der Sexual⸗ ehre zugleich die bürgerliche. Daher ſagt man wohl mit einem entſchuldigenden Ausdruck, „ein gefallenes Mädchen“, aber nicht 10 „eine gefallene Frau“, und der Verführer kann Jene, durch die Ehe, wieder ehrlich machen; nicht ſo der Ehebrecher dieſe, nach⸗ dem ſie geſchieden worden. — Wenn man nun, in Folge dieſer klaren Einſicht, einen zwar heilſamen, ja nothwendigen, aber wohlberechneten und auf Intereſſe geſtützten esprit de corps als ı5 die Grundlage des Princips der weiblichen Ehre erkennt; fo wird man dieſer zwar die größte Wichtigkeit für das weibliche Daſeyn und daher einen großen relativen, jedoch keinen abſoluten, über das Leben und ſeine Zwecke hinausliegenden und demnach mit dieſem ſelbſt zu erkaufenden Werth beilegen können. Dem⸗ 20 nach nun wird man den überſpannten, zu tragiſchen Farcen ausartenden Thaten der Lukretia und des Virginius keinen Beifall ſchenken können. Daher eben hat der Schluß der Emilia Galotti etwas ſo Empörendes, daß man das Schauſpielhaus in völliger Verſtimmung verläßt. Hingegen kann man nicht umhin, der 25 Sexualehre zum Trotz, mit dem Klärchen des Egmont zu ſym⸗ pathiſiren. Jenes auf die Spitze Treiben des weiblichen Ehren⸗ princips gehört, wie ſo Manches, zum Vergeſſen des Zwecks [350] über die Mittel: denn der Sexualehre wird, durch ſolche Ueber⸗ ſpannung, ein abſoluter Werth angedichtet; während ſie, noch zo mehr als alle andere Ehre, einen bloß relativen hat; ja, man möchte ſagen einen bloß konventionellen, wenn man aus dem Thomasius de concubinatu erſieht, wie in faſt allen Ländern und Zeiten, bis zur Lutheriſchen Reformation, das Konkubinat ein geſetzlich erlaubtes und anerkanntes Verhältniß geweſen iſt, 35 bei welchem die Konkubine ehrlich blieb; der Mylitta zu Babylon (Herodot l, 199) u. ſ. w. gar nicht zu gedenken. Auch giebt es allerdings bürgerliche Verhälkniſſe, welche die äußere Form der Ehe unmöglich machen, beſonders in katholiſchen Ländern, 26 Schopenhauer, Werke V 391
Von Dem, was Einer vorstellt. wo keine Scheidung ſtattfindet; überall aber für regierende Herren, als welche, meiner Meinung nach, viel moraliſcher handeln, wenn ſie eine Mätreſſe halten, als wenn ſie eine morga⸗ natiſche Ehe eingehn, deren Deſcendenz, beim etwanigen Aus⸗ ſterben der legitimen, einft Anſprüche erheben könnte; weshalb, 5 ſei es auch noch ſo entfernt, durch ſolche Ehe die Möglichkeit eines Bürgerkrieges herbeigeführt wird. Ueberdies iſt eine ſolche mor⸗ ganatiſche, d. h. eigentlich allen äußern Verhältniſſen zum Trotz geſchloſſene Ehe, im letzten Grunde, eine den Weibern und den Pfaffen gemachte Konceſſion, zweien Klaſſen, denen man etwas ro einzuräumen ſich möglichſt hüten ſollte. Ferner iſt zu erwägen, daß Jeder im Lande das Weib ſeiner Wahl ehelichen kann, bis auf Einen, dem dieſes natürliche Recht benommen iſt: dieſer arme Mann iſt der Fürſt. Seine Hand gehört dem Lande und wird nach der Staatsräſon, d. h. dem Wohl des Landes gemäß, 15 vergeben. Nun aber iſt er doch ein Menſch und will auch ein Mal dem Hange ſeines Herzens folgen. Daher iſt es ſo un⸗ gerecht und undankbar, wie es ſpießbürgerlich iſt, dem Fürſten das Halten einer Mätreſſe verwehren, oder vorwerfen zu wollen; verſteht ſich, fo lange ihr kein Einfluß auf die Regierung ger 20 ſtattet wird. Auch ihrerſeits iſt eine ſolche Mätreſſe, hinſichtlich der Sexualehre, gewiſſermaaßen eine Ausnahmsperſon, eine Exi⸗ mirte von der allgemeinen Regel: denn ſie hat ſich bloß einem Manne ergeben, der ſie und den ſie lieben, aber nimmermehr heirathen konnte. — Ueberhaupt aber zeugen von dem nicht rein 25 natürlichen Urſprunge des weiblichen Ehrenprincips die vielen blutigen Opfer, welche demſelben gebracht werden, — im Kinder⸗ morde und Selbſtmorde der Mütter. Allerdings begeht ein Mädchen, die ſich ungeſetzlich Preis giebt, dadurch einen Treue⸗ bruch gegen ihr ganzes Geſchlecht: jedoch iſt dieſe Treue nur 30 ſtillſchweigend angenommen und nicht beſchworen. Und da, im gewöhnlichen Fall, ihr eigener Vortheil am unmittelbarften [357] darunter leidet, fo iſt ihre Thorheit dabei unendlich größer, als ihre Schlechtigkeit. Die Geſchlechtsehre der Männer wird durch die der Weiber 35 hervorgerufen, als der entgegengeſetzte esprit de corps, welcher verlangt, daß Jeder, der die dem Gegenpart ſo ſehr günſtige Kapitulation, die Ehe, eingegangen iſt, jetzt darüber wache, daß 392 Von Dem, was Einer vorstellt. fie ihm gehalten werde; damit nicht ſelbſt dieſes Paktum, durch das Einreißen einer laxen Obſervanz deſſelben, ſeine Feſtigkeit verliere und die Männer, indem ſie Alles hingeben, nicht ein Mal des Einen verſichert ſeien, was ſie dafür erhandeln, des 5 Alleinbeſitzes des Weibes. Demgemäß fordert die Ehre des Mannes, daß er den Ehebruch ſeiner Frau ahnde und, wenig⸗ ſtens durch Trennung von ihr, ſtrafe. Duldet er ihn wiſſentlich ſo wird er von der Männergemeinſchaft mit Schande belegt: jedoch iſt dieſe lange nicht ſo durchgreifend, wie die durch den 10 Verluſt der Geſchlechtsehre das Weib treffende, vielmehr nur eine levioris notae macula; weil beim Manne die Geſchlechts⸗ beziehung eine untergeordnete iſt, indem er in noch vielen andern und wichtigeren ſteht. Die zwei großen dramatiſchen Dichter der neuern Zeit haben, jeder zwei Mal, dieſe Männerehre zu ihrem 15 Thema genommen: Shakeſpeare, im Othello und im Winter mährchen, und Calderon, in el medico de su honra (der Arzt ſeiner Ehre) und & secreto agravio secreta venganza (für geheime Schmach geheime Rache). Uebrigens fordert dieſe Ehre nur die Beſtrafung des Weibes, nicht die ihres Buhlen; 20 welche bloß ein opus supererogationis iſt: hiedurch beſtätigt ſich der angegebene Urſprung derſelben aus dem esprit de corps der Männer. — 5 Die Ehre, wie ich ſie bis hieher, in ihren Gattungen Grundſätzen, betrachtet habe, findet ſich bei alen Völkern 1 25 allen Zeiten als allgemein geltend; wenn gleich der Weiberehre ſich einige lokale und temporäre Modifikationen ihrer Grundſätze nachweiſen laſſen. Hingegen giebt es noch eine, von jener allgemein und überall gültigen gänzlich verſchiedene Gattung der Ehre, von welcher weder Griechen moch Römer einen Begriff 30 hatten, fo wenig wie Chineſen, Hindu und Mohammedaner, bis auf den heutigen Tag, irgend etwas von ihr wiſſen. Denn ſie iſt erſt im Mittelalter entſtanden und bloß im chriſtlichen Europa einheimiſch geworden, ja, ſelbſt hier nur unter einer äußerſt a kleinen Fraktion der Bevölkerung, nämlich unter den höhern 35 Ständen der Geſellſchaft und was ihnen nacheifert. Es iſt die ritterliche Ehre, oder das point d’honneur. Da ihre Grund⸗ ſätze von denen der bis hieher erörterten Ehre gänzlich verſchieden ſogar dieſen zum Theil entgegengeſetzt ſind, indem jene erſtere 26* 393
Von Dem, was Einer vorstellt. den Ehrenmann, diefe hingegen den Mann von Ehre macht; ſo will ich ihre Principien hier beſonders aufſtellen, als einen Kodex, oder Spiegel der ritterlichen Ehre. 1) Die Ehre beſteht nicht in der Meinung Anderer von unſerm Werth, ſondern ganz allein in den Aeußerungen einer ſolchen Meinung; gleichviel ob die geäußerte Meinung wirklich vorhanden ſei, oder nicht; geſchweige, ob ſie Grund habe. Dem⸗ nach mögen Andere, in Folge unſers Lebenswandels, eine noch ſo ſchlechte Meinung von uns hegen, uns noch ſo ſehr verachten; ſo lange nur Keiner ſich unterſteht, ſolches laut zu äußern, ſchadet es der Ehre durchaus nicht. Umgekehrt aber, wenn wir auch durch unſere Eigenſchaften und Handlungen alle Andern zwingen, uns ſehr hoch zu achten (denn das hängt nicht von ihrer Willkür ab); ſo darf dennoch nur irgend Einer, — und wäre es der Schlechteſte und Dümmſte —, feine Geringſchätzung über uns ausſprechen, und alsbald iſt unſere Ehre verletzt, ja, ſie iſt auf immer verloren; wenn ſie nicht wieder hergeſtellt wird. — Ein überflüſſiger Beleg dazu, daß es keineswegs auf die Mei⸗ nung Anderer, ſondern allein auf die Aeußerung einer ſol⸗ chen ankomme, iſt der, daß Verunglimpfungenzurückgenommen, nöthigenfalls abgebeten werden können, wodurch es dann iſt, als wären ſie nie geſchehn: ob dabei die Meinung, aus der ſie entſprungen, ſich ebenfalls geändert habe und weshalb dies geſchehn ſeyn ſollte, thut nichts zur Sache: nur die Aeußerung wird annullirt, und dann iſt Alles gut. Hier iſt es demnach nicht darauf abgeſehn, Reſpekt zu verdienen, ſondern ihn zu er⸗ trotzen. 2) Die Ehre eines Mannes beruht nicht auf Dem, was er thut, ſondern auf Dem, was er leidet, was ihm widerfährt. Wenn, nach den Grundſätzen der zuerſt erörterten, allgemein geltenden Ehre, dieſe allein abhängt von Dem, was er ſelbſt ſagt, oder thut; ſo hängt hingegen die ritterliche Ehre ab von Dem, was irgend ein Anderer ſagt, oder thut. Sie liegt ſonach in der Hand, ja, hängt an der Zungenſpitze eines Jeden, und kann, wenn dieſer zugreift, jeden Augenblick auf immer verloren gehn, falls nicht der Betroffene, durch einen bald zu erwähnenden Her⸗ ſtellungsproceß, ſie wieder an ſich reißt, welches jedoch nur mit Gefahr ſeines Lebens, ſeiner Geſundheit, ſeiner Freiheit, ſeines 394 vw 4 0 ws 35 [353] Von Dem, was Einer vorstellt. Eigenthums und feiner Gemüthsruhe geſchehn kann. Dieſem zufolge mag das Thun und Laſſen eines Mannes das recht⸗ ſchaffenſte und edelſte, ſein Gemüth das reinſte und ſein Kopf der eminenteſte ſeyn; ſo kann dennoch ſeine Ehre jeden Augenblick 5 verloren gehn, ſobald es nämlich irgend Einem, — der nur noch nicht dieſe Ehrengeſetze verletzt hat, übrigens aber der nichts⸗ würdigſte Lump, das ſtupideſte Vieh, ein Tagedieb, Spieler Schuldenmacher, kurz, ein Menſch, der nicht werth iſt, daß Jener ihn anſieht, ſeyn kann, — beliebt, ihn zu ſ chimpfen. Sogar 10 wird es meiſtentheils gerade ein Subjekt ſolcher Art ſeyn, dem Dies bellebt; weil eben, wie Seneka richtig bemerkt, ut quisque oontemtissimus et ludibrio est, ita solutissimae linguae est (de constantia, 11): auch wird ein Solcher gerade gegen Einen wie der zuerſt Geſchilderte, am leichteſten aufgereizt werden; weil 15 1 11 1 1 85 155 weil der Anblick überwiegender orzüge die ſtille Wuth der Nichtswürdigkeit a ; daher eben Goethe fagt: N en Was klagſt du über Feinde? Sollten Solche je werden Freunde, 20 Denen das Weſen, wie du biſt, Im Stillen ein ewiger Vorwurf iſt? W. O. Divan. Man ſieht, wie ſehr viel gerade die Leute der zuletzt geſchilderten Art dem Ehrenprincip zu danken haben; da es ſie mit Denen 25 nivellitt, welche ihnen ſonſt in jeder Beziehung unerreichbar wären. — Hat nun ein Solcher geſchimpft, d. h. dem Andern eine ſchlechte Eigenſchaft zugeſprochen; ſo gilt dies, vor der Hand, als ein objektiv wahres und gegründetes Urtheil, ein rechtskräftiges Dekret, ja, es bleibt für alle Zukunft wahr und 30 gültig, wenn es nicht alsbald mit Blut ausgelöſcht wird: d. h. der Geſchimpfte bleibt (in den Augen aller „Leute von Ehre“) Das, was der Schimpfer (und wäre dieſer der letzte aller Erden⸗ ſöhne) ihn genannt hat: denn er hat es (dies iſt der terminus technicus) „auf ſich ſitzen laſſen.“ Demgemäß werden die 35 „Leute von Ehre“ ihn jetzt durchaus verachten, ihn wie einen 36e! Verpeſteten fliehen, z. B. ſich laut und öffentlich weigern, in eine Geſellſchaft zu gehn, wo er Zutritt hat u. ſ. w. — Den Urſprung dieſer weiſen Grundanſicht glaube ich mit Sicherheit 395
Von Dem, was Einer vorstellt. darauf zurückführen zu können, daß (nach C. G. von Wächters „Beiträge zur deutſchen Geſchichte, beſonders des deutſchen Straf⸗ rechts“ 1845) im Mittelalter, bis ins 15. Jahrhundert, bei Kriminalproceſſen, nicht der Ankläger die Schuld, ſondern der An⸗ geklagte ſeine Unſchuld zu beweiſen hatte. Dies konnte geſchehn durch einen Reinigungseid, zu welchem er jedoch noch der Eides⸗ helfer (consacramentales) bedurfte, welche ſchworen, ſie ſeien überzeugt, daß er keines Meineides fähig ſei. Hatte er dieſe nicht, oder ließ der Ankläger ſie nicht gelten; ſo trat Gottes⸗ urtheil ein und dieſes beſtand gewöhnlich im Zweikampf. Denn der Angeklagte war jetzt ein „Beſcholtener“ und hatte ſich zu reinigen. Wir ſehn hier den Urſprung des Begriffs des Be⸗ ſcholtenſeyns und des ganzen Hergangs der Dinge, wie er noch heute unter den „Leuten von Ehre“ Statt findet, nur mit Weg⸗ laſſung des Eides. Eben hier ergiebt ſich auch die Erklärung der obligaten, hohen Indignation, mit welcher „Leute von Ehre“ den Vorwurf der Lüge empfangen und blutige Rache dafür for⸗ dern, welches, bei der Alltäglichkeit der Lügen, ſehr ſeltſam er⸗ ſcheint, aber beſonders in England zum tiefwurzelnden Aber⸗ glauben erwachſen iſt. (Wirklich müßte Jeder, der den Vorwurf der Lüge mit dem Tode zu ſtrafen droht, in ſeinem Leben nicht gelogen haben.) Nämlich in jenen Kriminalproceſſen des Mittel⸗ alters war die kürzere Form, daß der Angeklagte dem Ankläger erwiderte: „das lügſt du“; worauf dann ſofort auf Gottes⸗ urtheil erkannt wurde: daher alſo ſchreibt es ſich, daß, nach dem ritterlichen Ehrenkodex, auf den Vorwurf der Lüge ſogleich die Appellation an die Waffen erfolgen muß. — So viel, was das Schimpfen betrifft. Nun aber giebt es ſogar noch etwas Aergeres, als Schimpfen, etwas ſo Erſchreckliches, daß ich wegen deſſen bloßer Erwähnung in dieſem Kodex der ritterlichen Ehre, die „Leute von Ehre“ um Verzeihung zu bitten habe, da ich weiß, daß beim bloßen Gedanken daran ihnen die Haut ſchaudert und ihr Haar ſich emporſträubt, indem es das summum malum, der Uebel größtes auf der Welt, und ärger als Tod und Verdammniß iſt. Es kann nämlich, horribile dictu, Einer dem Andern einen Klaps, oder Schlag verſetzen. Dies iſt eine ent⸗ ſetzliche Begebenheit und führt einen ſo kompleten Ehrentod herbei, daß, wenn alle andern Verletzungen der Ehre ſchon durch 396 — 0 — 5 0 0 — 35 Von Dem, was Einer vorstellt. Blutlaſſen zu heilen find, dieſe zu ihrer gründlichen Heilung einen kompleten Todtſchlag erfordert. 3) Die Ehre hat mit Dem, was der Menſch an und für ſich ſeyn mag, oder mit der Frage, ob ſeine moraliſche Beſchaffen⸗ 5 heit jemals ſich ändern könne, und allen ſolchen Schulfuchſereien, ganz und gar nichts zu thun; ſondern wann ſie verletzt, oder vor der Hand verloren iſt, kann ſie, wenn man nur ſchleunig dazuthut, recht bald und vollkommen wiederhergeſtellt werden, [355] durch ein einziges Univerſalmittel, das Duell. Iſt jedoch der 10 Verletzer nicht aus den Ständen, die ſich zum Kodex der ritter⸗ lichen Ehre bekennen, oder hat derſelbe dieſem ſchon ein Mal zuwider gehandelt; ſo kann man, zumal wenn die Ehrenverletzung eine thätliche, aber auch wenn ſie eine bloß wörtliche geweſen ſeyn ſollte, eine ſichere Operation vornehmen, indem man, wenn 15 man bewaffnet iſt, ihn auf der Stelle, allenfalls auch noch eine Stunde nachher, niederſticht; wodurch dann die Ehre wieder heil iſt. Außerdem aber, oder wenn man, aus Beſorgniß vor dar⸗ aus entſtehenden Unannehmlichkeiten, dieſen Schritt vermeiden möchte, oder wenn man bloß ungewiß iſt, ob der Beleidiger ſich 20 den Geſetzen der ritterlichen Ehre unterwerfe, oder nicht, hat man ein Palliativmittel, an der „Avantage.“ Dieſe beſteht darin, daß, wenn er grob geweſen iſt, man noch merklich gröber ſei: geht dies mit Schimpfen nicht mehr an, ſo ſchlägt man drein und zwar iſt auch hier ein Klimax der Ehrenrettung: Ohrfeigen 25 werden durch Stockſchläge kurirt, dieſe durch Hetzpeitſchenhiebe: ſelbſt gegen Letztere wird von Einigen das Anſpucken als probat empfohlen. Nur wenn man mit dieſen Mitteln nicht mehr zur Zeit kommt, muß durchaus zu blutigen Operationen geſchritten werden. Dieſe Palliativmethode hat ihren Grund eigentlich in 30 der folgenden Maxime. 4 Wie Geſchimpftwerden eine Schande, ſo iſt Schimpfen eine Ehre. Z. B. auf der Seite meines Gegners ſei Wahr⸗ heit, Recht und Vernunft; ich aber ſchimpfe; ſo müſſen dieſe Alle einpacken, und Recht und Ehre iſt auf meiner Seite: er 35 hingegen hat vorläufig feine Ehre verloren, — bis er fie her⸗ ſtellt, nicht etwan durch Recht und Vernunft, ſondern durch Schießen und Stechen. Demnach iſt die Grobheit eine Eigen⸗ ſchaft, welche, im Punkte der Ehre, jede andere erſetzt, oder über⸗ 397
Von Dem, was Einer vorstellt. wiegt: der Gröbſte hat allemal Recht: quid multa? Welche Dummheit, Ungezogenheit, Schlechtigkeit Einer auch begangen haben mag; — durch eine Grobheit wird ſie als ſolche ausge⸗ löſcht und ſofort legitimirt. Zeigt etwan in einer Diskuſſion, oder ſonſt im Geſpräch ein Anderer richtigere Sachkenntniß, ſtrengere Wahrheitsliebe, geſünderes Urtheil, mehr Verſtand, als wir, oder überhaupt, läßt er geiſtige Vorzüge blicken, die uns in Schatten ſtellen; ſo können wir alle dergleichen Ueberlegen⸗ heiten und unſere eigene durch ſie aufgedeckte Dürftigkeit ſogleich aufheben und nun umgekehrt ſelbſt überlegen ſeyn, indem wir beleidigend und grob werden. Denn eine Grobheit beſiegt jedes Argument und eklipſirt allen Geiſt: wenn daher nicht etwan der Gegner ſich darauf einläßt und ſie mit einer größeren er⸗ widert, wodurch wir in den edelen Wettkampf der Avantage gerathen; ſo bleiben wir Sieger und die Ehre iſt auf unſerer Seite: Wahrheit, Kenntniß, Verſtand, Geiſt, Witz müſſen ein⸗ packen und ſind aus dem Felde geſchlagen von der göttlichen Grobheit. Daher werden „Leute von Ehre“, ſobald Jemand eine Meinung äußert, die von der ihrigen abweicht, oder auch nur mehr Verſtand zeigt, als ſie ins Feld ſtellen können, ſogleich Miene machen, jenes Kampfroß zu beſteigen; und wenn etwan, in einer Kontroverſe, es ihnen an einem Gegen⸗Argument fehlt, ſo ſuchen ſie nach einer Grobheit, als welche ja den ſelben Dienſt leiſtet und leichter zu finden iſt: darauf gehn ſie ſiegreich von dannen. Man ſieht ſchon hier, wie ſehr mit Recht dem Ehren⸗ princip die Veredelung des Tones in der Geſellſchaft nachgerühmt wird. — Dieſe Maxime beruht nun wieder auf der folgenden, welche die eigentliche Grundmaxime und die Seele des ganzen Kodex iſt. 5) Der oberſte Richterſtuhl des Rechts, an den man, in allen Differenzen, von jedem andern, ſoweit es die Ehre betrifft, appelliren kann, iſt der der phyſiſchen Gewalt, d. h. der Thier⸗ heit. Denn jede Grobheit iſt eigentlich eine Appellation an die Thierheit, indem ſie den Kampf der geiſtigen Kräfte, oder des moraliſchen Rechts, für inkompetent erklärt und an deren Stelle den Kampf der phyſiſchen Kräfte ſetzt, welcher bei der Species Menſch, die von Franklin ein toolmaking animal (Werkzeuge verfertigendes Thier) definirt wird, mit den ihr demnach eigen⸗ 398 — [356] — 0 5 0 30 3 5 Von Dem, was Einer vorstellt. thümlichen Waffen, im Duell, vollzogen wird und eine unwiderruf⸗ liche Entſcheidung herbeiführt. — Dieſe Grundmaxime wird bekannt⸗ lich, mit Einem Worte, durch den Ausdruck Fauſtrecht, welcher dem Ausdruck A berwitz analog und daher, wie dieſer, ironiſch iſt, bezeich⸗ 5 net: demnach ſollte, ihm gemäß, die ritterliche Ehre die Fauſt⸗Ehre 10 heißen. — 5 6) Hatten wir, weiter oben, die bürgerliche Ehre fehr ſkrupulös gefunden im Punkte des Mein und Dein, der eingegangenen Ver⸗ pflichtungen und des gegebenen Wortes; ſo zeigt hingegen der hier in Betrachtung genommene Kodex darin die nobelſte Liberalität. Näm⸗ lich nur ein Wort darf nicht gebrochen werden, das Ehrenwort, d. h. das Wort, bei dem man geſagt hat „auf Ehre!“ — woraus die Prä⸗ ſumtion entſteht, daß jedes andere Wort gebrochen werden darf. So⸗ gar bei dem Bruch dieſes Ehrenworts läßt ſich zur Noth die Ehre 15 noch retten, durch das Univerſalmittel, das Duell, hier mit Den⸗ 1357) 20 jenigen, welche behaupten, wir hätten das Ehrenwort gegeben. — Ferner: nur eine Schuld giebt es, die unbedingt bezahlt werden muß, — die Spielſchuld, welche auch demgemäß den Namen „Ehren⸗ ſchuld“ führt. Um alle übrigen Schulden mag man Juden und Chriſten prellen: das ſchadet der ritterlichen Ehre durchaus nicht. T) — 1 Das wäre denn der Kodex. Und fo ſeltſam und fratzenhaft nehmen ſich, wenn auf deutliche Begriffe gebracht und klar ausgeſprochen, jene Grundſätze aus, 2 A D 3 35 40 denen noch heut zu Tage, im Chriſtlichen Europa, in der Regel alle Die hul⸗ digen, welche zur ſogenannten guten Geſellſchaft und zum ſogenannten guten Ton gehören. Ja Viele von Denen, welchen dieſe Grundſätze von früher Jugend auf, durch Rede und Beiſpiel, eingeimpft ſind, glauben feſter daran, als an irgend einen Katechismus, hegen gegen dieſelben die tiefſte, ungeheuchelteſte Ehrfurcht, ſind jeden Augenblick ganz ernſtlich bereit, ihnen Glück, Ruhe, Geſund⸗ heit und Leben zum Opfer zu bringen, halten dafür, daß jene Prineipien ihre Wurzel in der Natur des Menſchen haben, folglich angeboren ſeien, ſonach a priori feſtſtänden, über jeder Prüfung erhaben. Ihrem Herzen will ich dabei nicht zu nahe treten; aber ihrem Kopfe macht es wenig Ehre. Dieſer⸗ halb möchten keinem Stande dieſe Grundſätze weniger angemeſſen ſeyn, als dem, welcher beſtimmt iſt, die Intelligenz auf Erden zu repräſentiren, das Salz der Erde zu werden, und der nun zu dieſem großen Beruf ſich vorbereiten ſoll, alſo der ſtudirenden Jugend, welche in Deutſchland leider mehr als irgend ein anderer Stand dieſen Grundſätzen huldigt. Statt nun dieſer in Hellas und Latium erzogenen Jugend, (wie ein Mal, als ich ihr noch angehörte, der ſchlechte Philoſophaſter J. G. Fichte, den die gelehrte Welt in Deutſchland noch immer ganz ehrlich für einen Philoſophen hält, in einer Declamatio ex 399
Von Dem, was Einer vorstellt. Daß nun dieſer feltfame, barbariſche und lächerliche Kodex der Ehre nicht aus dem Weſen der menſchlichen Natur, oder einer geſun⸗ den Anſicht menſchlicher Verhältniſſe hervorgegangen ſei, erkennt der Unbefangene auf den erſten Blick. Zudem aber wird es durch den äußerſt beſchränkten Bereich ſeiner Geltung beſtätigt: dieſer nämlich iſt ausſchließlich Europa und zwar nur ſeit dem Mittelalter, und auch hier nur beim Adel, Militär und was dieſen nacheifert. Denn weder Griechen, noch Römer, noch die hochgebildeten Aſiatiſchen Völker, alter und neuer Zeit, wiſſen irgend etwas von dieſer Ehre und ihren Grundſätzen. Sie alle kennen keine andere Ehre, als die zuerſt analyſirte. Bei ihnen allen gilt demnach der Mann für Das, wo⸗ für ſein Thun und Laſſen ihn kund giebt, nicht aber für Das, was irgend einer loſen Zunge beliebt von ihm zu ſagen. Bei ihnen allen kann was Einer ſagt, oder thut, wohl ſeine eigene Ehre vernichten, aber nie die eines Andern. Ein Schlag iſt bei ihnen allen eben nur ein Schlag, wie jedes Pferd und jeder Eſel ihn ge⸗ fährlicher verſetzen kann: er wird, nach Umſtänden, zum Zorne reizen, auch wohl auf der Stelle gerächt werden: aber mit der Ehre hat er nichts zu thun, und keineswegs wird Buch gehalten, über Schläge, oder Schimpfwörter, nebſt der dafür gewordenen, oder aber einzufordern verſäumten „Satisfaktion.“ An Tapferkeit und Lebensverachtung ſtehn ſie den Völkern des chriſtlichen Europas nicht nach. Griechen und Römer waren doch wohl ganze Helden: cathedra that,) die Nachtheile oder die Immoralität der Folgen beſagter Grundſätze an's Herz zu legen, habe ich ihnen nur Folgendes zu ſagen. Ihr, deren Jugend die Sprache und Weisheit Hellas' und Latiums zur Pflegerin erhielt, und auf deren Geiſt man die Lichtſtrahlen der Weiſen und Edlen des ſchönen Alterthums frühzeitig fallen zu laſſen die unſchätzbare Sorge getragen hat, Ihr wollt damit anfangen, daß ihr dieſen Kodex des Unverſtandes und der Brutalität zur Richtſchnur eures Wandels macht? — Seht ihn an, wie er hier, auf deutliche Begriffe gebracht, in ſeiner erbärmlichen Beſchränktheit vor euch liegt, und laßt ihn den Prüfſtein nicht eures Herzens, ſondern eures Ver⸗ ſtandes ſeyn. Verwirft dieſer ihn jetzt nicht; — ſo iſt euer Kopf nicht geeignet, in dem Felde zu arbeiten, wo eine energiſche Urtheilskraft, welche die Bande des Vorurtheils leicht zerreißt, ein richtig anſprechender Verſtand, der Wahres und Falſches ſelbſt dort, wo der Unterſchied tief verborgen liegt und nicht wie hier mit Händen zu greifen iſt, rein zu ſondern vermag, die nothwendigen Er⸗ forderniſſe ſind: in dieſem Fall alſo, meine Guten, ſucht auf eine andere ehr⸗ liche Weiſe durch die Welt zu kommen, werdet Soldaten, oder lernet ein Handwerk, das hat einen goldenen Boden. — 400 — 0 — » 0 5 35 40 5 2 [358] I A 8 2 2 A 30 35 Von Dem, was Einer vorstellt. aber fie wußten nichts vom point d’honneur. Der Zweikampf war bei ihnen nicht Sache der Edlen im Volke, ſondern feiler Gladiatoren, preisgegebener Sklaven und verurtheilter Verbrecher, welche, mit wilden Thieren abwechſelnd, auf einander gehetzt wurden, zur Beluſtigung des Volks. Bei Einführung des Chriſtenthums wurden die Gladiatorenſpiele aufgehoben: an ihre Stelle aber iſt, in der chriſtlichen Zeit, unter Vermittelung des Gottesurtheils, das Duell getreten. Waren jene ein grauſames Opfer, der allge⸗ meinen Schauluſt gebracht; ſo iſt dieſes ein grauſames Opfer, dem allgemeinen Vorurtheil gebracht; aber nicht wie jenes, von Ver⸗ brechern, Sklaven und Gefangenen; ſondern von Freien und Edeln. Daß den Alten jenes Vorurtheil völlig fremd war, bezeugen eine Menge uns aufbehaltener Züge. Als z. B. ein Teutoniſcher Häuptling den Marius zum Zweikampf herausgefordert hatte, ließ dieſer Held ihm antworten: „wenn er ſeines Lebens über⸗ drüſſig wäre, möge er ſich aufhängen“, bot ihm jedoch einen ausgedienten Gladiator an, mit dem er ſich herumſchlagen könne (Freinsh. suppl. in Liv. lib. LXVIII. c. 12). Im Plutarch (Them. 11) leſen wir, daß der Flottenbefehlshaber Eurybiades, mit dem Themiſtokles ſtreitend, den Stock aufgehoben habe, ihn zu ſchlagen; jedoch nicht, daß dieſer darauf den Degen gezogen, vielmehr, daß er geſagt habe: rarakov pev ou, axoucov ds: „ſchlage mich, aber höre mich.“ Mit welchem Unwillen muß doch der Leſer „von Ehre“ hiebei die Nachricht vermiſſen, daß das Athenienſiſche Offizierkorps ſofort erklärt habe, unter ſo einem Themiſtokles nicht ferner dienen zu wollen! — Ganz richtig ſagt demnach ein neuerer Franzöſiſcher Schriftſteller: si quelqu'un s'avisait de dire que D&mosthene fut un homme d’honneur, on sourirait de pitié; — — — Ciceron n’etait pas un homme d’honneur non plus. (Soirées littéraires, par C. Durand. Rouen 1828. Vol. 2. p. 300.) Ferner zeigt die Stelle im Plato (de leg. IX, die letzten 6 Seiten, imgleichen XI p. 131 Bip.) über die aıa, d. h. Mißhandlung, zur Genüge, daß die Alten von der Anſicht des ritterlichen Ehrenpunktes bei ſolchen Sachen keine Ahndung hatten. Sokrates iſt, in Folge ſeiner häufigen Disputationen, oft thätlich mißhandelt worden, welches er gelaſſen ertrug: als er einſt einen Fußtritt erhielt, nahm er es geduldig hin und ſagte Dem, der ſich hierüber 401
Von Dem, was Einer vorstellt. wunderte: „Würde ich denn, wenn mich ein Eſel geſtoßen hätte, ihn verklagen?“ — (Diog. Laert. II, 21). Als, ein ander Mal, Jemand zu ihm ſagte: „Schimpft und ſchmäht dich denn Jener nicht?“ war ſeine Antwort: „Nein: denn was er ſagt paßt nicht auf mich“ (ibid. 36). — Stobäos (Florileg., ed. Gais ford, Vol. I, p. 327—330) hat eine lange Stelle des Muſonius uns aufbewahrt, daraus zu erſehn, wie die Alten die Injurien betrachteten: ſie kannten keine andere Genugthuung, als die ge⸗ richtliche; und weiſe Männer verſchmähten auch dieſe. Daß die Alten für eine erhaltene Ohrfeige keine andere Genugthuung kannten, als eine gerichtliche, iſt deutlich zu erſehn aus Plato's Gorgias (S. 86, Bip.); woſelbſt auch (S. 133) die Meinung des Sokrates darüber ſteht. Das Selbe erhellt auch aus dem Berichte des Gellius (XX, 1) von einem gewiſſen Lucius Veratius, welcher den Muthwillen übte, den ihm auf der Straße begegnenden römiſchen Bürgern, ohne Anlaß, eine Ohrfeige zu verſetzen, in welcher Abſicht er, um allen Weitläuftigkeiten dar⸗ über vorzubeugen, ſich von einem Sklaven mit einem Beutel Kupfermünze begleiten ließ, der den alſo Ueberraſchten ſogleich das geſetzmäßige Schmerzensgeld von 25 Aß auszahlte. Krates, der berühmte Kyniker, hatte vom Muſiker Nikodromos eine ſo ſtarke Ohrfeige erhalten, daß ihm das Geſicht angeſchwollen und blutrünſtig geworden war: darauf befeſtigte er an ſeiner Stirn ein Brettchen, mit der Inſchrift Nixodpopuog erorsı (Nicodromus fecit), wodurch große Schande auf den Flötenfpieler fiel, der gegen einen Mann, den ganz Athen wie einen Hausgott verehrte (Apul. Flor. p. 126, Bip.), eine ſolche Brutalität ausgeübt hatte. (Diog. Laert. VI, 89.) — Vom Diogenes aus Sinope haben wir darüber, daß die betrunkenen Söhne der Athener ihn geprügelt hatten, einen Brief an den Meleſippus, dem er bedeutet, das habe nichts auf ſich. (Nota Casaub. ad Diog. Laert. VI, 33.) — Seneka hat, im Buche de constantia sapientis, vom c. 10 an bis zum Ende, die Beleidigung, contumelia, ausführlich in Betracht genommen, um darzulegen, daß der Weiſe ſie nicht beachtet. Kapitel 14 ſagt er: „At sapiens colaphis percussus, quid faciet?“ quod Cato, cum illi os percussum esset: non excanduit, non vindicavit injuriam: nec remisit quidem, sed factam negavit. 402 [359] 0 0 0 5 0 w Von Dem, was Einer vorstellt. „Ja,“ ruft ihr, „das waren Weiſe!“ — Ihr aber feid Narren? Einverſtanden. — Rn Wir ſehn alſo, daß den Alten das ganze ritterliche Ehren⸗ princip durchaus unbekannt war, weil ſie eben in allen Stücken der unbefangenen, natürlichen Anſicht der Dinge getreu blieben und daher ſolche ſiniſtre und heilloſe Fratzen ſich nicht einreden ließen. Deshalb konnten ſie auch einen Schlag ins Geſicht für nichts Anderes halten, als was er iſt, eine kleine phyſiſche Beein⸗ trächtigung; während er den Neuern eine Kataſtrophe und ein Thema 10 zu Trauerſpielen geworden iſt, z. B. im Cid des Corneille, auch in einem neueren deutſchen bürgerlichen Trauerſpiele, welches „die Macht der Verhältniſſe“ heißt, aber „die Macht des Vorurtheils“ heißen ſollte: wenn aber gar ein Mal in der Pariſer Nationalver⸗ ſammlung eine Ohrfeige fällt, ſo hallt ganz Europa davon wieder. 15 Den Leuten „von Ehre“ nun aber, welche durch obige klaſſiſche Erinnerungen und angeführte Beiſpiele aus dem Alterthume ver⸗ ſtimmt ſeyn müſſen, empfehle ich, als Gegengift, in Diderots [360] Meiſterwerke, Jaques le fataliste, die Geſchichte des Herrn Des⸗ glands zu leſen, als ein auserleſenes Muſterſtück moderner ritter⸗ 20 licher Ehrenhaftigkeit, daran ſie ſich letzen und erbauen mögen. Aus dem Angeführten erhellt zur Genüge, daß das ritter⸗ liche Ehrenprincip keineswegs ein urſprüngliches, in der menſch⸗ lichen Natur ſelbſt gegründetes ſeyn kann. Es iſt alſo ein künſt⸗ liches, und ſein Urſprung iſt nicht ſchwer zu finden. Es iſt offen⸗ 25 bar ein Kind jener Zeit, wo die Fäuſte geübter waren, als die Köpfe, und die Pfaffen die Vernunft in Ketten hielten, alſo des belobten Mittelalters und ſeines Ritterthums. Damals nämlich ließ man für ſich den lieben Gott, nicht nur ſorgen, ſondern auch urtheilen. Demnach wurden ſchwierige Rechtsfälle durch 30 Ordalien, oder Gottesurtheile, entſchieden: dieſe nun beſtanden, mit wenigen Ausnahmen, in Zweikämpfen, keineswegs bloß unter Rittern, ſondern auch unter Bürgern; — wie dies ein artiges Beiſpiel in Shakeſpeare's Heinrich VI. (Th. 2, A. 2, Sc. 3) bezeugt. Auch konnte von jedem richterlichen Urtheilsſpruch immer noch an den Zweikampf, als die höhere Inſtanz, nämlich das Urtheil Gottes, appellirt werden. Dadurch war nun eigent⸗ lich die phyſiſche Kraft und Gewandtheit, alſo die thieriſche Natur, ſtatt der Vernunft, auf den Richterſtuhl geſetzt, und über Recht 403
Von Dem, was Einer vorstellt. oder Unrecht entſchied nicht was Einer gethan hatte, ſondern was ihm widerfuhr, — ganz nach dem noch heute geltenden ritter⸗ lichen Ehrenprincip. Wer an dieſem Urſprunge des Duellweſens noch zweifelt leſe das vortreffliche Buch von J. G. Mellingen, the history of duelling. 1849. Ja, noch heut zu Tage findet man unter den, dem ritterlichen Ehrenprincip nachlebenden Leuten, welche bekanntlich nicht gerade die unterrichteteſten und nachdenken⸗ deſten zu ſeyn pflegen, Einige, die den Erfolg des Duells wirk⸗ lich für eine göttliche Entſcheidung des ihm zum Grunde lie⸗ genden Streites halten; gewiß nach einer traditionell fortgeerbten Meinung. Abgeſehn von dieſem Urſprunge des ritterlichen Ehrenprincips, iſt ſeine Tendenz zunächſt dieſe, daß man, durch Androhung phyſiſcher Gewalt, die äußerlichen Bezeugungen derjenigen Achtung erzwingen will, welche wirklich zu erwerben man entweder für zu beſchwerlich, oder für überflüſſig hält. Dies iſt ungefähr ſo, wie wenn Jemand, die Kugel des Thermometers mit der Hand erwärmend, am Steigen des Queckſilbers darthun wollte, daß ſein Zimmer wohlgeheizt ſei. Näher betrachtet iſt der Kern der Sache dieſer: wie die bürgerliche Ehre, als welche den friedlichen Verkehr mit Andern im Auge hat, in der Meinung dieſer von uns beſteht, daß wir vollkommenes Zutrauen verdienen, weil wir die Rechte eines Jeden unbedingt achten; ſo beſteht die ritter⸗ liche Ehre in der Meinung von uns, daß wir zu fürchten ſeien, weil wir unſere eigenen Rechte unbedingt zu vertheidigen geſonnen ſind. Der Grundſatz, daß es weſentlicher ſei, gefürchtet zu werden, als Zutrauen zu genießen, würde auch, weil auf die Gerechtigkeit der Menſchen wenig zu bauen iſt, ſo gar falſch nicht ſeyn, wenn wir im Naturzuſtande lebten, wo jeder ſich ſelbſt zu ſchützen und ſeine Rechte unmittelbar zu vertheidigen hat. Aber im Stande der Civiliſation, wo der Staat den Schutz unſerer Perſon und unſers Eigenthums übernommen hat, findet er keine Anwendung mehr, und ſteht da, wie die Burgen und Warten aus den Zeiten des Fauſt⸗ rechts, unnütz und verlaſſen, zwiſchen wohlbebauten Feldern und belebten Landſtraßen, oder gar Eiſenbahnen. Demgemäß hat denn auch die ihn feſthaltende ritterliche Ehre ſich auf ſolche Beeinträch⸗ tigungen der Perſon geworfen, welche der Staat nur leicht, oder, nach dem Princip de minimis lex non curat, gar nicht beſtraft, 404 15 1561 25 0 w 5 I S 15 [362] 2 8 2 A >) 3 35 Von Dem, was Einer vorstellt. indem es unbedeutende Kränkungen und zum Theil bloße Neckereien ſind. Sie aber hat in Hinſicht auf dieſe ſich hinaufgeſchroben zu einer der Natur, der Beſchaffenheit und dem Looſe des Menſchen gänzlich unangemeſſenen Ueberſchätzung des Werthes der eigenen Perſont), als welchen fie bis zu einer Art von Heiligkeit ſteigert und demnach die Strafe des Staates für kleine Kränkungen der⸗ ſelben durchaus unzulänglich findet, ſolche daher ſelbſt zu ſtrafen übernimmt und zwar ſtets am Leibe und Leben des Beleidigers. Offenbar liegt hier der unmäßigſte Hochmuth und die empörendeſte Hoffahrt zum Grunde, welche, ganz vergeſſend was der Menſch eigentlich iſt, eine unbedingte Unverletzlichkeit, wie auch Tadel⸗ loſigkeit, für ihn in Anſpruch nehmen. ) Allein Jeder, der diefe mit Gewalt durchzuſetzen geſonnen iſt und dem zufolge die Marime proklamirt: „wer mich ſchimpft, oder gar mir einen Schlag giebt, ſoll des Todes ſeyn“, — verdient eigentlich ſchon darum aus dem Lande verwieſen zu werden. Da wird denn, zur Be⸗ ſchönigung jenes vermeſſenen Uebermuthes, allerhand vorgegeben. Von zwei unerſchrockenen Leuten, heißt es, gebe keiner je nach, 1) Was heißt überhaupt Einen beleidigen? — Es heißt: ihn an der hohen Meinung, die er von ſich ſelber hat, irre machen. 11) Die ritterliche Ehre iſt ein Kind des Hochmuths und der Narrheit. (Die ihr entgegengeſetzte Wahrheit ſpricht am ſchärfſten el principe constante aus in den Worten: „esa es la herencia de Adan“.) Sehr auffallend ift es, daß dieſer Superlativ alles Hochmuths ſich allein und ausſchließlich unter den Genoſſen derjenigen Religion findet, welche ihren Anhängern die äußerſte Demuth zur Pflicht macht; da weder frühere Zeiten noch andere Welttheile jenes Prineip der ritterlichen Ehre kennen. Dennoch darf man daſſelbe nicht der Religion zuſchreiben, vielmehr dem Feudalweſen, bei welchem jeder Edele ſich als einen kleinen Souverän, der keinen menſchlichen Richter über ſich erkannte, anſah und ſich daher eine völlige Unverletzlichkeit und Heiligkeit der Perſon beilegen lernte, daher ihm jedes Attentat gegen dieſelbe, alſo jeder Schlag und jedes Schimpfwort, ein todeswürdiges Verbrechen ſchien. Demgemäß waren das Ehrenprineip und die Duelle urſprünglich nur Sache des Adels und in Folge davon in ſpätern Zeiten der Offiziere, denen ſich nachher hin und wieder, wiewohl nie durchgängig, die andern höhern Stände anſchloſſen, um nicht weniger zu gelten. Wenn auch die Duelle aus den Ordalien hervorgegangen ſind; ſo ſind dieſe doch nicht der Grund, ſondern die Folge und Anwendung des Ehrenprincips: wer keinen menſchlichen Richter erkennt appellirt an den göttlichen. Die Ordalien ſelbſt aber ſind nicht dem Chriſtenthum eigen, ſondern finden ſich auch im Hinduismus ſehr ſtark, zwar meiſtens in älterer Zeit: doch Spuren davon auch noch jetzt. — 405
Von Dem, was Einer vorstellt. daher es vom leifeften Anſtoß zu Schimpfreden, dann zu Prügeln und endlich zum Todtſchlag kommen würde; demnach ſei es beſſer, Anſtands halber die Mittelſtufen zu überſpringen und gleich an die Waffen zu gehn. Das ſpeciellere Verfahren hiebei hat man dann in ein ſteifes, pedantiſches Syſtem, mit Geſetzen und Regeln, 5 gebracht, welches die ernſthafteſte Poſſe von der Welt iſt und als ein wahrer Ehrentempel der Narrheit daſteht. Nun aber iſt der Grundſatz ſelbſt falſch: bei Sachen von geringer Wichtigkeit (die von großer bleiben ſtets den Gerichten anheimgeſtellt) giebt von zwei unerſchrockenen Leuten allerdings einer nach, nämlich der zo Klügſte, und bloße Meinungen läßt man auf ſich beruhen. Den Beweis hievon liefert das Volk, oder vielmehr alle die zahlreichen Stände, welche ſich nicht zum ritterlichen Ehrenprincip bekennen, bei denen daher die Streitigkeiten ihren natürlichen Verlauf haben: unter dieſen Ständen iſt der Todtſchlag hundert Mal ſeltener, als bei der vielleicht nur 1/1000 der Geſammtheit betragenden Fraktion, welche jenem Principe huldigt; und ſelbſt eine Prügelei iſt eine Seltenheit. — Sodann aber wird behauptet, der gute Ton und die feine Sitte der Geſellſchaft hätten zum letzten Grundpfeiler jenes Ehrenprincip, mit ſeinen Duellen, als welche die Wehrmauer 20 gegen die Ausbrüche der Rohheit und Ungezogenheit wären. Allein in Athen, Korinth und Rom war ganz gewiß gute und zwar ſehr gute Geſellſchaft, auch feine Sitte und guter Ton anzutreffen; ohne daß jener Popanz der ritterlichen Ehre dahinter geſteckt hätte. Freilich aber führten daſelbſt auch nicht, wie bei uns, die Weiber 25 den Vorſitz in der Geſellſchaft, welches, wie es zunächſt der Unter⸗ haltung einen frivolen und läppiſchen Charakter ertheilt und jedes gehaltvolle Geſpräch verbannt, gewiß auch ſehr dazu bei⸗ trägt, daß in unſerer guten Geſellſchaft der perſönliche Muth den Rang vor jeder andern Eigenſchaft behauptet; während er doch 30 eigentlich eine ſehr untergeordnete, eine bloße Unteroffizierstugend iſt, ja, eine, in welcher ſogar Thiere uns übertreffen, weshalb man z. B. ſagt: „muthig wie ein Löwe.“ Sogar aber iſt, im Gegentheil obiger Behauptung, das ritterliche Ehrenprincip oft das ſichere Aſylum, wie im Großen der Unredlichkeit und Schlech⸗ 35 tigkeit, jo im Kleinen der Ungezogenheit, Rückſichtsloſigkeit und [363] Flegelei, indem eine Menge ſehr läſtiger Unarten ſtillſchweigend geduldet werden, weil eben Keiner Luſt hat, an die Rüge der⸗ — 5 406 Von Dem, was Einer vorstellt. ſelben den Hals zu ſetzen. — Dem Allen entfprechend ſehn wir das Duell im höchſten Flor und mit blutdürſtigem Ernſt betrieben, gerade bei der Nation, welche in politiſchen und finanziellen Angelegen⸗ heiten Mangel an wahrer Ehrenhaftigkeit bewieſen hat: wie es da⸗ 5 mit bei ihr im Privatverkehr ftehe, kann man bei Denen erfragen, die Erfahrung darin haben. Was aber gar ihre Urbanität und geſell⸗ ſchaftliche Bildung betrifft, ſo iſt ſie als negatives Muſter berühmt. Alle jene Vorgeben halten alſo nicht Stich. Mit mehr Recht kann urgirt werden, daß, wie ſchon ein angeknurrter Hund 10 wieder knurrt, ein geſchmeichelter wieder ſchmeichelt, es auch in der Natur des Menſchen liege, jede feindliche Begegnung feind⸗ lich zu erwidern und durch Zeichen der Geringſchätzung, oder des Haſſes, erbittert und gereizt zu werden; daher ſchon Cicero ſagt: habet quendam aculeum contumelia, quem pati pru1 dentes ac viri boni dif ficillime possunt; wie denn auch nir⸗ gends auf der Welt (einige fromme Sekten bei Seite geſetzt) Schimpfreden, oder gar Schläge, gelaſſen hingenommen werden. Jedoch leitet die Natur keinen Falls zu etwas Weiterem, als zu einer der Sache angemeſſenen Vergeltung, nicht aber dazu, 20 den Vorwurf der Lüge, der Dummheit, oder der Feigheit, mit dem Tode zu beſtrafen, und der altdeutſche Grundſatz „auf eine Maulſchelle gehört ein Dolch“ iſt ein empörender ritterlicher Aberglaube. Jedenfalls iſt die Erwiderung, oder Vergeltung, von Beleidigungen Sache des Zorns, aber keineswegs der Ehre 25 und Pflicht, wozu das ritterliche Ehrenprincip ſie ſtämpelt. Viel⸗ mehr iſt ganz gewiß, daß jeder Vorwurf nur in dem Maaße, als er trifft, verletzen kann; welches auch daran erſichtlich iſt, daß die leiſeſte Andeutung, welche trifft, viel tiefer verwundet, als die ſchwerſte Anſchuldigung, die gar keinen Grund hat. 30 Wer daher wirklich ſich bewußt iſt, einen Vorwurf nicht zu ver⸗ dienen, darf und wird ihn getroſt verachten. Dagegen aber for⸗ dert das Ehrenprincip von ihm, daß er eine Empfindlichkeit zeige, die er gar nicht hat, und Beleidigungen, die ihn nicht ver⸗ letzen, blutig räche. Der aber muß ſelbſt eine ſchwache Meinung zs von feinem eigenen Werthe haben, der ſich beeilt, jeder denſelben [364] anfechtenden Aeußerung den Daumen aufs Auge zu drücken, damit ſie nicht laut werde. Demzufolge wird, bei Injurien, wahre Selbſtſchätzung wirkliche Gleichgültigkeit verleihen, und 27 Schopenhauer, Werke V j 407
Von Dem, was Einer vorstellt. wo dies, aus Mangel derſelben, nicht der Fall ift, werden Klug⸗ heit und Bildung anleiten, den Schein davon zu retten und den Zorn zu verbergen. Wenn man demnach nur erſt den Aber⸗ glauben des ritterlichen Ehrenprincips los wäre, ſo daß Niemand mehr vermeinen dürfte, durch Schimpfen irgend etwas der Ehre eines Andern nehmen oder der ſeinigen wiedergeben zu können, auch nicht mehr jedes Unrecht, jede Rohheit, oder Grobheit, ſogleich legitimirt werden könnte durch die Bereitwilligkeit Satis⸗ faktion zu geben, d. h. ſich dafür zu ſchlagen; ſo würde bald die Einſicht allgemein werden, daß, wenn es an's Schmähen und Schimpfen geht, der in dieſem Kampfe Beſiegte der Sieger iſt, und daß, wie Vincenzo Monti ſagt, die Injurien es machen wie die Kirchenproceſſionen, welche ſtets dahin zurück⸗ kehren von wo ſie ausgegangen ſind. Ferner würde es alsdann nicht mehr, wie jetzt, hinreichend ſeyn, daß Einer eine Grobheit zu Markte brächte, um Recht zu behalten; mithin würden als⸗ dann Einſicht und Verſtand ganz anders zum Worte kommen, als jetzt, wo ſie immer erſt zu berückſichtigen haben, ob ſie nicht irgendwie den Meinungen der Beſchränktheit und Dummheit, als welche ſchon ihr. bloßes Auftreten allarmirt und erbittert hat, Anſtoß geben und dadurch herbeiführen können, daß das Haupt, in welchem ſie wohnen, gegen den flachen Schädel, in welchem jene hauſen, aufs Würfelſpiel geſetzt werden müſſe. Sonach würde alsdann in der Geſellſchaft die geiſtige Ueberlegenheit das ihr gebührende Primat erlangen, welches jetzt, wenn auch verdeckt, die phyſiſche Ueberlegenheit und die Huſarenkourage hat, und in Folge hievon würden die vorzüglichſten Menſchen doch ſchon Einen Grund weniger haben, als jetzt, ſich von der Geſellſchaft zurüͤck⸗ zuziehn. Eine Veränderung dieſer Art würde demnach den wahren guten Ton herbeiführen und der wirklich guten Geſellſchaft den Weg bahnen, in der Form, wie ſie, ohne Zweifel, in Athen, Korinth und Rom beſtanden hat. Wer von dieſer eine Probe zu ſehn wünſcht, dem empfehle ich das Gaſtmahl des Xenophon zu leſen. Die letzte Vertheidigung des ritterlichen Kodex wird aber, ohne Zweifel, lauten: „Ei, da könnte ja, Gott ſei bei uns! wohl [365] gar Einer dem Andern einen Schlag verſetzen!“ — worauf ich kurz erwidern könnte, daß dies bei den 9/000 der Geſellſchaft, die jenen Koder nicht anerkennen, oft genug der Fall geweſen, 408 — 0 25 Dr 0 Von Dem, was Einer vorstellt. ohne daß je Einer daran geſtorben ſei, während bei den An⸗ hängern deſſelben, in der Regel, jeder Schlag ein tödtlicher wird. Aber ich will näher darauf eingehn. Ich habe mich oft genug bemüht, für die unter einem Theil der menſchlichen Geſellſchaft 5 fo feft ſtehende Ueberzeugung von der Entſetzlichkeit eines Schlages, entweder in der thieriſchen, oder in der vernünftigen Natur des Menſchen, irgend einen haltbaren, oder wenigſtens plauſibeln, nicht nur in bloßen Redensarten beſtehenden, ſondern auf deut⸗ liche Begriffe zurückführbaren Grund zu finden; jedoch vergeblich. zo Ein Schlag iſt und bleibt ein kleines phyſiſches Uebel, welches jeder Menſch dem Andern verurſachen kann, dadurch aber weiter nichts beweiſt, als daß er ſtärker, oder gewandter ſei, oder daß der Andere nicht auf ſeiner Hut geweſen. Weiter ergiebt die Analyſe nichts. Sodann ſehe ich den ſelben Ritter, welchem ein 15 Schlag von Menſchenhand der Uebel Größtes dünkt, einen zehn Mal ſtärkern Schlag von ſeinem Pferde erhalten und, mit ver⸗ biſſenem Schmerz davonhinkend, verſichern, es habe nichts zu be⸗ deuten. Da habe ich gedacht, es läge an der Menſchenhand. Allein ich ſehe unſern Ritter von dieſer Degenſtiche und Säbel⸗ 20 hiebe im Kampfe erhalten und verſichern, es ſei Kleinigkeit, nicht der Rede werth. Sodann vernehme ich, daß ſelbſt Schläge mit der flachen Klinge bei Weitem nicht ſo ſchlimm ſeien, wie die mit dem Stocke, daher, vor nicht langer Zeit, die Kadetten wohl jenen, aber nicht dieſen ausgeſetzt waren: und nun gar der Ritter⸗ 25 ſchlag, mit der Klinge, iſt die größte Ehre. Da bin ich denn mit meinen pſychologiſchen und moraliſchen Gründen zu Ende, und mir bleibt nichts übrig, als die Sache für einen alten, feſt⸗ gewurzelten Aberglauben zu halten, für ein Beiſpiel mehr, zu ſo vielen, was Alles man den Menſchen einreden kann. Dies 30 beſtätigt auch die bekannte Thatſache, daß in China Schläge mit dem Bambusrohr eine ſehr häufige bürgerliche Beſtrafung, ſelbſt für Beamte aller Klaſſen ſind; indem ſie uns zeigt, daß die Menſchennatur, und ſelbſt die hoch civiliſirte, dort nicht das [366] Selbe ausſagt.“) Sogar aber lehrt ein unbefangener Blick auf 35 ) Vingt ou trente coups de canne sur le derrière, c'est, pour ainsi dire, le pain quotidien des Chinois. C'est une correction paternelle du mandarin, laquelle n'a rien d’infamant, et qu'ils regoivent avec action de gräces. — Lettres édifiantes et curieuses, édition de 1819. Vol. 11, p. 454. a 409
Von Dem, was Einer vorstellt. die Natur des Menſchen, daß dieſem das Prügeln jo natürlich iſt, wie den reißenden Thieren das Beißen und dem Hornvieh das Stoßen: er iſt eben ein prügelndes Thier. Daher auch werden wir empört, wenn wir, in ſeltenen Fällen, vernehmen, daß ein Menſch den andern gebiſſen habe; hingegen iſt, daß er 5 Schläge gebe und empfange, ein ſo natürliches, wie leicht ein⸗ tretendes Ereigniß. Daß höhere Bildung ſich auch dieſem, durch gegenſeitige Selbſtbeherrſchung, gern entzieht, iſt leicht erklärlich. Aber einer Nation, oder auch nur einer Klaſſe, aufzubinden, ein gegebener Schlag ſei ein entſetzliches Unglück, welches Mord und Todtſchlag zur Folge haben müſſe, iſt eine Grauſamkeit. Es giebt der wahren Uebel zu viele auf der Welt, als daß man ſich erlauben dürfte, ſie durch imaginäre, welche die wahren her⸗ beiziehn, zu vermehren: das thut aber jener dumme und boshafte Aberglaube. Ich muß daher ſogar mißbilligen, daß Regierungen 13 und geſetzgebende Körper demſelben dadurch Vorſchub leiſten, daß ſie mit Eifer auf Abſtellung aller Prügelſtrafen, beim Civil und Militär, dringen. Sie glauben dabei im Intereſſe der Humanität zu handeln; während gerade das Gegentheil der Fall iſt, indem fie dadurch an der Befeſtigung jenes widernatürlichen und heil⸗ loſen Wahnes, dem ſchon ſo viele Opfer gefallen ſind, arbeiten. Bei allen Vergehungen, mit Ausnahme der ſchwerſten, ſind Prügel die dem Menſchen zuerſt einfallende, daher die natürliche Be⸗ ſtrafung: wer für Gründe nicht empfänglich war, wird es für Prügel ſeyn: und daß Der, welcher am Eigenthum, weil er 25 keines hat, nicht geſtraft werden kann, und den man an der Freiheit, weil man ſeiner Dienſte bedarf, nicht ohne eigenen Nachtheil ſtrafen kann, durch mäßige Prügel geſtraft werde, iſt ſo billig, wie natürlich. Auch werden gar keine Gründe dagegen auf⸗ gebracht, ſondern bloße Redensarten von der „Würde des Mens 30 ſchen“, die ſich nicht auf deutliche Begriffe, ſondern eben nur — 0 0 0 wieder auf obigen verderblichen Aberglauben ſtützen. Daß dieſer [367 der Sache zum Grunde liege, hat eine faſt lächerliche Beſtätigung daran, daß noch vor Kurzem, in manchen Ländern, beim Militär, die Prügelſtrafe durch die Lattenſtrafe erſetzt worden war, welche 35 doch, ganz und gar wie jene, die Verurſachung eines körper⸗ lichen Schmerzes iſt, nun aber nicht ehrenrührig und entwürdigend ſeyn ſoll. a f 410 Von Dem, was Einer vorstellt. Durch dergleichen Beförderung des beſagten Aberglaubens arbeitet man aber dem ritterlichen Ehrenprincip und damit dem Duell in die Hände, während man dieſes andererſeits durch Ge⸗ ſetze abzuſtellen bemüht iſt, oder doch es zu ſeyn vorgiebt. T) In Folge davon treibt denn jenes Fragment des Fauſtrechts, aus den Zeiten des roheſten Mittelalters bis in das 19. Jahrhundert herabgeweht, ſich in dieſem, zum öffentlichen Skandal, noch immer herum: es iſt nachgerade an der Zeit, daß es mit Schimpf und Schande hinausgeworfen werde. Iſt es doch heut zu Tage 10 nicht ein Mal erlaubt, Hunde, oder Hähne methodiſch auf ein⸗ ander zu hetzen (wenigſtens werden in England dergleichen Hetzen geſtraft); aber Menſchen werden, wider Willen, zum tödtlichen Kampf auf einander gehetzt, durch den lächerlichen Aberglauben des abſurden Princips der ritterlichen Ehre und durch deſſen 15 bornirte Vertreter und Verwalter, welche ihnen die Verpflichtung auflegen, wegen irgend einer Lumperei, wie Gladiatoren mit ein⸗ ander zu kämpfen. Unſern deutſchen Puriſten ſchlage ich daher, für das Wort Duell, welches wahrſcheinlich nicht vom lateiniſchen duellum, ſondern vom Spaniſchen duelo, Leid, Klage, Beſchwerde, 20 herkommt, die Benennung Ritterhetze vor. Die Pedanterei, mit der die Narrheit getrieben wird, giebt allerdings Stoff zum Lachen. Indeſſen iſt es empörend, daß jenes Princip und ſein 19 Der eigentliche Grund, aus welchem die Regierungen ſcheinbar ſich be⸗ eifern, das Duell zu unterdrücken und, während dies offenbar, zumal auf Uni⸗ 25 verſitäten, ſehr leicht wäre, ſich ſtellen, als wolle es ihnen nur nicht gelingen, ſcheint mir folgender zu ſeyn. Der Staat iſt nicht im Stande, die Dienſte ſeiner Offiziere und Civilbeamten mit Gelde zum Vollen zu bezahlen; daher läßt er die andere Hälfte ihres Lohnes in der Ehre beſtehn, welche repräſentirt wird durch Titel, Uniformen und Orden. Um nun dieſe ideale Vergütung 30 ihrer Dienſte in hohem Kourſe zu erhalten, muß das Ehrgefühl auf alle Weiſe genährt, geſchärft, allenfalls etwas überſpannt werden: da aber zu dieſem Zweck die bürgerliche Ehre nicht ausreicht, ſchon weil man ſie mit Jedem theilt; ſo wird die ritterliche Ehre zu Hülfe genommen und beſagter⸗ weiſe aufrecht erhalten. In England, als wo Militär⸗ und Civil⸗Beſoldungen 35 ſehr viel höher ſtehn, als auf dem Kontinent, iſt die beſagte Aushülfe nicht nöthig: daher eben iſt daſelbſt, zumal in dieſen letzten zwanzig Jahren, das Duell faſt ganz ausgerottet, kommt jetzt höchſt ſelten vor, und wird dann als eine Narrheit verlacht; gewiß hat die große Anti- duelling - society, welche eine Menge Lords, Admiräle und Generäle zu ihren Mitgliedern zählt, hiezu 40 viel beigetragen, und der Moloch muß ſich ohne ſeine Opfer behelfen. 411
Von Dem, was Einer vorstellt. abſurder Kodex einen Staat im Staate begründet, welcher, kein anderes als das Fauſtrecht anerkennend, die ihm unterworfenen Stände dadurch tyranniſirt, daß er ein heiliges Vehmgericht offen hält, vor welches Jeder Jeden, mittelſt ſehr leicht herbeizuführen der Anläſſe als Schergen, laden kann, um ein Gericht auf Tod 5 und Leben über ihn und ſich ergehn zu laſſen. Natürlich wird nun dies der Schlupfwinkel, von welchem aus jeder Verworfenſte, wenn er nur jenen Ständen angehört, den Edelſten und Beſten, der ihm als ſolcher nothwendig verhaßt ſeyn muß, bedrohen, ja, aus der Welt ſchaffen kann. Nachdem heut zu Tage Juſtiz und 10 Polizei es ſo ziemlich dahin gebracht haben, daß nicht mehr auf der Landſtraße jeder Schurke uns zurufen kann „die Börſe oder [368] das Leben“, ſollte endlich auch die geſunde Vernunft es dahin bringen, daß nicht mehr, mitten im friedlichen Verkehr, jeder Schurke uns zurufen könne „die Ehre oder das Leben.“ Und die Beklemmung ſollte den höhern Ständen von der Bruſt genommen werden, welche daraus entſteht, daß Jeder, jeden Augenblick, mit Leib und Leben verantwortlich werden kann für die Rohheit, Grobheit, Dummheit oder Bosheit irgend eines Andern, dem es gefällt, ſolche gegen ihn auszulaſſen. Daß, wenn zwei junge, unerfahrne Hitzköpfe mit Worten an einander gerathen, ſie Dies mit ihrem Blut, ihrer Geſundheit, oder ihrem Leben büßen ſollen, iſt himmelſchreiend, iſt ſchändlich. Wie arg die Tyrannei jenes Staates im Staate und wie groß die Macht jenes Aber⸗ glaubens ſei, läßt ſich daran ermeſſen, daß ſchon öfter Leute, denen die Wiederherſtellung ihrer verwundeten ritterlichen Ehre, wegen zu hohen, oder zu niedrigen Standes, oder ſonſt unan⸗ gemeſſener Beſchaffenheit des Beleidigers unmöglich war, aus Ver⸗ zweiflung darüber ſich ſelbſt das Leben genommen und ſo ein tragi⸗ komiſches Ende gefunden haben. — Da das Falſche und Abſurde ſich am Ende meiſtens dadurch entſchleiert, daß es, auf ſeinem Gipfel, den Widerſpruch als ſeine Blüthe hervortreibt; ſo tritt dieſer zuletzt auch hier in Form der ſchreiendeſten Antinomie her⸗ vor: nämlich dem Offizier iſt das Duell verboten: aber er wird durch Abſetzung geſtraft, wenn er es, vorkommenden Falls, unterläßt. Ich will aber, da ich ein Mal dabei bin, in der Parrheſia noch weiter gehn. Beim Lichte und ohne Vorurtheil betrachtet, — 5 D 0 N 5 0 wo ws 5 412 Von Dem, was Einer vorstellt. beruht bloß darauf, daß, wie gejagt, jener Staat im Staate kein anderes Recht, als das des Stärkeren, alſo das Fauſtrecht, aner⸗ kannt und dieſes, zum Gottesurtheil erhoben, ſeinem Kodex zum Grunde gelegt hat, der ſo wichtig gemachte und ſo hoch genommene 5 Unterfchied, ob man feinen Feind im offenen, mit gleichen Waffen geführten Kampf, oder aus dem Hinterhalt erlegt habe. Denn durch Erſteres hat man doch weiter nichts bewieſen, als daß man der Stärkere, oder der Geſchicktere ſei. Die Recht⸗ fertigung, die man im Beſtehn des offenen Kampfes ſucht, ſetzt 10 alſo voraus, daß das Recht des Stärkeren wirklich ein Recht ſei. In Wahrheit aber giebt der Umſtand, daß der An⸗ 569] dere ſich ſchlecht zu wehren verſteht, mir zwar die Möglichkeit, jedoch keineswegs das Recht, ihn umzubringen; ſondern dieſes letztere, alſo meine moraliſche Rechtfertigung, kann allein auf 15 den Motiven, die ich, ihm das Leben zu nehmen, habe, bes ruhen. Nehmen wir nun an, dieſe wären wirklich vorhanden und zureichend; ſo iſt durchaus kein Grund da, es jetzt noch davon abhängig zu machen, ob er, oder ich, beſſer ſchießen oder fechten könne, ſondern dann iſt es gleichviel, auf welche Art ich ihm 20 das Leben nehme, ob von hinten oder von vorne. Denn mora⸗ liſch hat das Recht des Stärkeren nicht mehr Gewicht, als das Recht des Klügeren, welches beim hinterliſtigen Morde angewandt wird: hier wiegt alſo dem Fauſtrecht das Kopfrecht gleich; wozu noch bemerkt ſei, daß auch im Duell das eine wie das andere 25 geltend gemacht wird, indem ſchon jede Finte, beim Fechten, Hinterliſt iſt. Halte ich mich moraliſch gerechtfertigt, Einem das Leben zu nehmen; ſo iſt es Dummheit, es jetzt noch erſt darauf ankommen zu laſſen, ob er etwan beſſer ſchießen oder fechten könne, als ich; in welchem Fall er dann umgekehrt, mir, den er 30 ſchon beeinträchtigt hat, noch obendrein das Leben nehmen ſoll. Daß Beleidigungen nicht durch das Duell, ſondern durch Meuchel⸗ mord zu rächen feien, ift Rouſſeau's Anficht, die er behutſam andeutet, in der ſo geheimnißvoll gehaltenen 21. Anmerkung zum 4. Buche des Emile (S. 173, Bip.). Dabei aber iſt er 35 jo ſtark im ritterlichen Aberglauben befangen, daß er ſchon den erlittenen Vorwurf der Lüge als eine Berechtigung zum Meuchel⸗ morde anſieht; während er doch wiſſen mußte, daß jeder Menſch dieſen Vorwurf unzählige Mal verdient hat, ja, er ſelbſt im 413
Von Dem, was Einer vorstellt. höchſten Grade. Das Vorurtheil aber, welches die Berechtigung, den Beleidiger zu tödten, durch den offenen Kampf, mit gleichen Waffen, bedingt ſeyn läßt, hält offenbar das Fauſtrecht für ein wirkliches Recht und den Zweikampf für ein Gottesurtheil. Der Italiäner hingegen, welcher, von Zorn entbrannt, feinen 5 Beleidiger, wo er ihn findet, ohne Weiteres, mit dem Meſſer anfällt, handelt wenigſtens konſequent und naturgemäß: er iſt klüger, aber nicht ſchlechter, als der Duellant. Wollte man ſagen, daß ich, bei der Tödtung meines Feindes im Zweikampf, dadurch gerechtfertigt ſei, daß er eben ſich bemühe, mich zu ro tödten; ſo ſteht Dem entgegen, daß ich, durch die Herausfor⸗ derung, ihn in den Fall der Nothwehr verſetzt habe. Dieſes ſich [370] abſichtlich gegenſeitig in den Fall der Nothwehr verſetzen, heißt im Grunde nur, einen plauſibeln Vorwand für den Mord ſuchen. Eher ließe ſich die Rechtfertigung durch den Grundſatz volenti non fit injuria hören; ſofern man durch gegenſeitige Ueberein⸗ kunft fein Leben auf dieſes Spiel geſetzt hat: aber Dem fteht entgegen, daß es mit dem volenti nicht feine Richtigkeit hat; indem die Tyrannei des ritterlichen Ehrenprincips und ſeines abſurden Kodex der Scherge iſt, welcher beide, oder wenigſtens einen der beiden Kämpen vor dieſes blutige Vehmgericht ge⸗ ſchleppt hat. Ich bin über die ritterliche Ehre weitläuftig geweſen, aber in guter Abſicht und weil gegen die moraliſchen und intellek⸗ tuellen Ungeheuer auf dieſer Welt der alleinige Herkules die Philoſophie iſt. Zwei Dinge ſind es hauptſächlich, welche den geſellſchaftlichen Zuſtand der neuen Zeit von dem des Alterthums, zum Nachtheil des erſteren unterſcheiden, indem ſie demſelben einen ernſten, finſtern, ſiniſtern Anſtrich gegeben haben, von wel⸗ chem frei das Alterthum heiter und unbefangen, wie der Morgen des Lebens, daſteht. Sie find: das ritterliche Ehrenprineip und die veneriſche Krankheit, — par nobile fratrum! Sie zu⸗ ſammen haben verıxos Nat pc des Lebens vergiftet. Die veneriſche Krankheit nämlich erſtreckt ihren Einfluß viel weiter, als es auf den erſten Blick ſcheinen möchte, indem derſelbe keines⸗ wegs ein bloß phyſiſcher, ſondern auch ein moraliſcher iſt. Seit⸗ dem Amors Köcher auch vergiftete Pfeile führt, iſt in das Ver⸗ hältniß der Geſchlechter zu einander ein fremdartiges, feind⸗ >» 5 vw 0 N 5 0 ws ws 5 414 hi Von Dem, was Einer vorstellt. ſäliges, ja teuflifches Element gekommen; in Folge wovon ein finſteres und furchtſames Mißtrauen es durchzieht; und der mittelbare Einfluß einer ſolchen Aenderung in der Grundfeſte aller menſchlichen Gemeinſchaft erſtreckt ſich, mehr oder weniger, 5 auch auf die übrigen geſelligen Verhältniſſe; welches auseinander⸗ zuſetzen mich hier zu weit abführen würde. — Analog, wie⸗ wohl ganz anderartig, iſt der Einfluß des ritterlichen Ehren⸗ princips, dieſer ernſthaften Poſſe, welche den Alten fremd war, hingegen die moderne Geſellſchaft ſteif, ernſt und ängſtlich macht, 10 ſchon weil jede flüchtige Aeußerung ſkrutinirt und ruminirt wird. Aber mehr als Dies! Jenes Princip iſt ein allgemeiner Mino⸗ taur, dem nicht, wie dem antiken, von einem, ſondern von 371] jedem Lande in Europa, alljährlich eine Anzahl Söhne edeler Häuſer zum Tribut gebracht werden muß. Daher iſt es an der 15 Zeit, daß dieſem Popanz ein Mal kühn zu Leibe gegangen werde, wie hier geſchehn. Möchten doch beide Monſtra der neueren Zeit im 19. Jahrhundert ihr Ende finden! Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, daß es mit dem erſteren den Aerzten, mittelſt der Prophylaktika, endlich doch noch gelingen werde. 20 Den Popanz aber abzuthun ift Sache des Philoſophen, mittelſt Berichtigung der Begriffe, da es den Regierungen, mittelſt Hand⸗ habung der Geſetze, bisher nicht hat gelingen wollen, zudem auch nur auf dem erſteren Wege das Uebel an der Wurzel ange griffen wird. Sollte es inzwiſchen den Regierungen mit der Abs 25 ſtellung des Duellweſens wirklich Ernſt ſeyn und der geringe Er: folg ihres Beſtrebens wirklich nur an ihrem Unvermögen liegen; ſo will ich ihnen ein Geſetz vorſchlagen, für deſſen Erfolg ich ein⸗ ſtehe, und zwar ohne blutige Operationen, ohne Schafott, oder Galgen, oder lebenswierige Einſperrungen, zu Hülfe zu nehmen. 30 Vielmehr iſt es ein kleines, ganz leichtes, homöopathiſches Mittel⸗ chen: wer einen Andern herausfordert, oder ſich ſtellt, erhält, à la Chinoise, am hellen Tage, vor der Hauptwache, 12 Stockſchläge vom Korporal, die Kartellträger und Sekundanten jeder 6. Wegen der etwanigen Folgen wirklich vollzogener Duelle bliebe das ge⸗ 35 wöhnliche kriminelle Verfahren. Vielleicht würde ein ritterlich Geſinnter mir einwenden, daß nach Vollſtreckung ſolcher Strafe mancher „Mann von Ehre“ im Stande ſeyn könnte, ſich todt⸗ zuſchießen; worauf ich antworte: es iſt beſſer, daß ſo ein Narr 415
Von Dem, was Einer vorstellt. ſich ſelber todtſchießt, als Andere. — Im Grunde aber weiß ich ſehr wohl, daß es den Regierungen mit der Abſtellung der Duelle nicht Ernſt iſt. Die Gehalte der Civilbeamten, noch viel mehr aber die der Offiziere, ſtehn (von den höchſten Stellen abgeſehn) weit unter dem Werth ihrer Leiſtungen. Zur andern Hälfte werden ſie daher mit der Ehre bezahlt. Dieſe wird zunächſt durch Titel und Orden vertreten, im weiteren Sinne durch die Standesehre überhaupt. Für dieſe Standesehre nun iſt das Duell ein brauch⸗ bares Handpferd; daher es auch ſchon auf den Univerſitäten ſeine Vorſchule hat. Die Opfer deſſelben bezahlen demnach mit ihrem Blut das Deficit der Gehalte. — Der Vollſtändigkeit wegen ſei hier noch die Nationalehre erwähnt. Sie iſt die Ehre eines ganzen Volkes als Theiles der Völkergemeinſchaft. Da es in dieſer kein anderes Forum giebt, als das der Gewalt, und demnach jedes Mitglied derſelben ſeine Rechte ſelbſt zu ſchützen hat; ſo beſteht die Ehre einer Nation, nicht allein in der erworbenen Meinung, daß ihr zu trauen ſei (Kredit), ſondern auch in der, daß ſie zu fürchten ſei: daher darf ſie Eingriffe in ihre Rechte niemals ungeahndet laſſen. Sie vereinigt alſo den Ehrenpunkt der bürgerlichen mit dem der ritter⸗ lichen Ehre. — Zu Dem, was Einer vorſtellt, d. h. in den Augen der Welt iſt, war oben, in letzter Stelle, der Ruhm gezählt worden: dieſen hätten wir alſo noch zu betrachten. — Ruhm und Ehre ſind Zwillingsgeſchwiſter; jedoch ſo, wie die Dioskuren, von denen Pollux unſterblich und Kaſtor ſterblich war: der Ruhm iſt der unſterbliche Bruder der ſterblichen Ehre. Freilich iſt dies nur vom Ruhme höchſter Gattung, dem eigentlichen und ächten Ruhme, zu verſtehn: denn es giebt allerdings auch mancherlei ephemeren Ruhm. — Die Ehre, nun ferner, betrifft bloß ſolche Eigenſchaften, welche von Jedem, der in den ſelben Verhältniſſen ſteht, gefordert werden; der Ruhm bloß ſolche, die man von Nie⸗ manden fordern darf; die Ehre ſolche, die Jeder ſich ſelber öffent⸗ lich beilegen darf; der Ruhm ſolche, die Keiner ſich ſelber bei⸗ legen darf. Während unſere Ehre ſo weit reicht, wie die Kunde von uns; ſo eilt, umgekehrt, der Ruhm der Kunde von uns voran und bringt dieſe ſo weit er ſelbſt gelangt. Auf Ehre hat Jeder Anſpruch; auf Ruhm nur die Ausnahmen: denn nur durch 416 0 — — 5 [372] 25 0 Von Dem, was Einer vorstellt. außerordentliche Leiſtungen wird Ruhm erlangt. Dieſe nun wieder ſind entweder Thaten, oder Werke; wonach zum Ruhme zwei Wege offen ſtehn. Zum Wege der Thaten befähigt vorzüglich das große Herz; zu dem der Werke der große Kopf. Jeder 5 ber beiden Wege hat feine eigenen Vortheile und Nachtheile. Der Hauptunterſchied iſt, daß die Thaten vorübergehn, die Werke bleiben. Von den Thaten bleibt nur das Andenken, welches immer ſchwächer, entſtellter und gleichgültiger wird, allmälig ſo⸗ gar erlöſchen muß, wenn nicht die Geſchichte es aufnimmt und 10 es nun im petrificirten Zuſtande der Nachwelt überliefert. Die Werke hingegen ſind ſelbſt unſterblich, und können, zumal die ſchriftlichen, alle Zeiten durchleben. Die edelſte That hat doch nur einen zeitweiligen Einfluß; das geniale Werk hingegen lebt und wirkt, wohlthätig und erhebend, durch alle Zeiten. Von Alexander 1 dem Großen lebt Name und Gedächtniß: aber Plato und Ariſtote⸗ les, Homer und Horaz ſind noch ſelbſt da, leben und wirken un⸗ mittelbar. Die Veden, mit ihren Upaniſchaden, ſind da: aber von allen den Thaten, die zu ihrer Zeit geſchehn, iſt gar keine Kunde auf uns gekommen.) — Ein anderer Nachtheil der Thaten iſt ihre Abhängigkeit von der Gelegenheit, als welche erſt die Möglichkeit dazu geben muß; woran ſich knüpft, daß ihr Ruhm ſich nicht allein nach ihrem innern Werthe richtet, ſondern auch nach den Umſtänden, welche ihnen Wichtigkeit und Glanz ertheilen. Zudem iſt er, wenn, wie im Kriege, die Thaten 2 8 5) Demnach iſt es ein ſchlechtes Kompliment, wenn man, wie heut zu Tage Mode iſt, Werke dadurch zu ehren vermeint, daß man ſie Thaten titu⸗ lirt: Denn Werke ſind weſentlich höherer Art. Eine That iſt immer nur eine Handlung auf Motiv, mithin ein Einzelnes, Vorübergehendes, und iſt ein dem allgemeinen und urſprünglichen Element der Welt, dem Willen, An⸗ gehöriges. Ein großes oder ſchönes Werk hingegen iſt ein Bleibendes, weil von allgemeiner Bedeutung, und iſt der Intelligenz entſproſſen, der ſchuldloſen, reinen, dieſer Willenswelt wie ein Duft entſteigenden. Ein Vortheil des Ruhmes der Thaten iſt, daß er in der Regel ſogleich eintritt, mit einer ſtarken Exploſion, oft ſo ſtark, daß ſie in ganz Europa ge⸗ hört wird; während der Ruhm der Werke langſam und allmälig eintritt, erſt leiſe, dann immer lauter, und oft erſt nach hundert Jahren ſeine ganze Stärke erreicht: dann aber bleibt er, weil die Werke bleiben, bisweilen Jahr⸗ tauſende hindurch. Jener andere hingegen wird, nachdem die erſte Exploſion vorüber iſt, allmälig ſchwächer, Wenigeren bekannt und immer Wenigeren, 40 bis er zuletzt nur noch in der Hiſtorie ein geſpenſterhaftes Daſeyn führt. 2 A 8 3 3 A 417
Von Dem, was Einer vorstellt. rein perſönliche find, von der Ausſage weniger Augenzeugen ab: [373] hängig: dieſe ſind nicht immer vorhanden und dann nicht immer gerecht und unbefangen. Dagegen aber haben die Thaten den Vortheil, daß ſie, als etwas Praktiſches, im Bereich der allge⸗ meinen menſchlichen Urtheilsfähigkeit liegen; daher ihnen, wenn dieſer nur die Data richtig überliefert ſind, ſofort Gerechtigkeit widerfährt; es ſei denn, daß ihre Motive erſt ſpäter richtig er⸗ kannt, oder gerecht abgeſchätzt werden: denn zum Verſtändniß einer jeden Handlung gehört Kenntniß des Motivs derſelben. Umgekehrt ſteht es mit den Werken: ihre Entſtehung hängt nicht von der Gelegenheit, ſondern allein von ihrem Urheber ab, und was ſie an und für ſich ſind bleiben ſie, ſo lange ſie bleiben. Bei ihnen liegt dagegen die Schwierigkeit im Urtheil, und ſie iſt um ſo größer, in je höherer Gattung ſie ſind: oft fehlt es an kompetenten, oft an unbefangenen und redlichen Richtern. Dagegen nun wieder wird ihr Ruhm nicht von einer Inſtanz entſchieden; ſondern es findet Appellation Statt. Denn während, wie geſagt, von den Thaten bloß das Andenken auf die Nach⸗ welt kommt und zwar ſo, wie die Mitwelt es überliefert; ſo kommen hingegen die Werke ſelbſt dahin, und zwar, etwan fehlende Bruchſtücke abgerechnet, ſo, wie ſie ſind: hier giebt es alſo keine Entſtellung der Data, und auch der etwan nachtheilige Einfluß der Umgebung, bei ihrem Urſprunge, fällt ſpäter weg. Vielmehr bringt oft erſt die Zeit, nach und nach, die wenigen wirklich kompetenten Richter heran, welche, ſchon ſelbſt Ausnahmen, über noch größere Ausnahmen zu Gerichte ſitzen: fie geben ſucceſſiv ihre gewichtigen Stimmen ab, und ſo ſteht, bisweilen freilich erſt nach Jahrhunderten, ein vollkommen gerechtes Urtheil da, welches keine Folgezeit mehr umſtößt. So ſicher, ja, unaus⸗ bleiblich iſt der Ruhm der Werke. Hingegen daß ihr Urheber ihn erlebe, hängt von äußern Umſtänden und dem Zufall ab: es iſt um ſo ſeltener, je höherer und ſchwierigerer Gattung ſie waren. Dieſem gemäß ſagt Seneka (ep. 79) unvergleichlich ſchön, daß dem Verdienſte ſein Ruhm ſo unfehlbar folge, wie dem Körper ſein Schatten, nur aber freilich, eben wie auch die⸗ ſer, bisweilen vor, bisweilen hinter ihm herſchreite, und fügt, nachdem er dies erläutert hat, hinzu: etiamsi omnibus tecum viventibus silentiu m livor indixerit, venient qui sine 418 — 8 — 5 0 w 3574 u I © 15 2 S 2 A 8 3 Von Dem, was Einer vorstellt. offensa, sine gratia judicent; woraus wir nebenbei erſehn, daß die Kunſt des Unterdrückens der Verdienſte durch hämiſches Schweigen und Ignoriren, um, zu Gunſten des Schlechten, das Gute dem Publiko zu verbergen, ſchon bei den Lumpen des Seneka'ſchen Zeitalters üblich war, ſo gut wie bei denen des unſerigen, und daß jenen, wie dieſen, der Neid die Lippen zudrückte. — In der Regel wird ſogar der Ruhm, je länger er zu dauern hat, deſto ſpäter eintreten; wie ja alles Vorzügliche langſam heranreift. Der Ruhm, welcher zum Nachruhm werden will, gleicht einer Eiche, die aus ihrem Saamen ſehr langſam emporwächſt; der leichte, ephemere Ruhm den einjährigen, ſchnell⸗ wachſenden Pflanzen, und der falſche Ruhm gar dem ſchnell her⸗ vorſchießenden Unkraute, das ſchleunigſt ausgerottet wird. Dieſer Hergang beruht eigentlich darauf, daß, je mehr Einer der Nach⸗ welt, d. i. eigentlich der Menſchheit überhaupt und im Ganzen, angehört, deſto fremder er ſeinem Zeitalter iſt; weil was er her⸗ vorbringt nicht dieſem ſpeciell gewidmet iſt, alſo nicht demſelben als ſolchem, ſondern nur ſofern es ein Theil der Menſchheit iſt, angehört und daher auch nicht mit deſſen Lokalfarbe tingirt iſt: in Folge hievon aber kann es leicht kommen, daß daſſelbe ihn fremd an ſich vorübergehn läßt. Es ſchätzt vielmehr Die, welche den Angelegenheiten ſeines kurzen Tages, oder der Laune des Augenblickes dienen und daher ganz ihm angehören, mit ihm leben und mit ihm ſterben. Demgemäß lehren Kunſt- und Litte⸗ ratur⸗Geſchichte durchgängig, daß die höchſten Leiſtungen des menſchlichen Geiſtes, in der Regel, mit Ungunſt aufgenommen worden und darin ſo lange geblieben ſind, bis Geiſter höherer Art herankamen, die von ihnen angeſprochen wurden und ſie zu dem Anſehn brachten, in welchem ſie nachher, durch die ſo er⸗ langte Auktorität, ſich erhalten haben. Dies Alles nun aber beruht, im letzten Grunde, darauf, daß Jeder eigentlich nur das 35 ihm Homogene verſtehn und ſchätzen kann. Nun iſt aber dem Platten das Platte, dem Gemeinen das Gemeine, dem Unklaren das Verworrene, dem Hirnloſen das Unſinnige homogen, und am allerbeſten gefallen Jedem ſeine eigenen Werke, als welche ihm durchaus homogen N Daher ſang ſchon der alte fabel⸗ hafte Epicharmos: 419
Von Dem, was Einer vorstellt. Baupaotoy oudsy ert, ne Tau’ dur Acyeıy, Kat dvöaveıy aurorsıy MuToug, „. Fo KoAus Ne b,, x yap d xuWmv xuve 2 [375] K vr eıpev ꝙctRN ert, xar RO Bot, Ovos de o xaAdıoroy, de de dl. 5 welches ich, damit es Keinem verloren gehe, verdeutſchen will: Kein Wunder iſt es, daß ich red in meinem Sinn, Und Jene, ſelbſt ſich ſelbſt gefallend, ſtehn im Wahn, Sie wären lobenswerth: ſo ſcheint dem Hund der Hund Das ſchönſte Weſen, ſo dem Ochſen auch der Ochs, 10 Dem Eſel auch der Eſel, und dem Schwein das Schwein. Wie ſelbſt der kräftigſte Arm, wenn er einen leichten Körper fortſchleudert, ihm doch keine Bewegung ertheilen kann, mit der er weit flöge und heftig träfe, ſondern derſelbe ſchon in der Nähe matt niederfällt, weil es ihm an eigenem materiellen Ge⸗ halte gefehlt hat, die fremde Kraft aufzunehmen; — eben ſo ergeht es ſchönen und großen Gedanken, ja den Meiſterwerken des Genies, wenn, ſie aufzunehmen, keine andere, als kleine, ſchwache, oder ſchiefe Köpfe daſind. Dies zu bejammern haben die Stimmen der Weiſen ne Zeiten ſich zum Chorus vereint. 3. B. Jeſus Sirach ſagt: „Wer mit einem Narren redet, der „redet mit einem Schlafenden. Wenn es aus iſt, ſo ſpricht er: „was iſt's?“ — Und Hamlet: a knavish speech sleeps in a fool's ear (eine ſchalkhafte Rede ſchläft im Ohr eines Narren). Und Goethe: 25 Das glücklichſte Wort es wird verhöhnt, Wenn der Hörer ein Schiefohr iſt. — 5 0 vw und wieder: Du wirkeſt nicht, Alles bleibt ſo ſtumpf. Sei guter Dinge! 30 Der Stein im Sumpf Macht keine Ringe. Und Lichtenberg: „Wenn ein Kopf und ein Buch zuſammenſtoßen „und es klingt hohl; iſt denn das allemal im Buche?“ — und wieder: „Solche Werke ſind Spiegel: wenn ein Affe hineinguckt, kann kein Apoſtel herausſehn.“ Ja, Vater Gellerts gar ſchöne 5 w 420 Von Dem, was Einer vorstellt. und rührende Klage darüber verdient wohl ein Mal wieder in Erinnerung gebracht zu werden: 70 „Daß oft die allerbeſten Gaben Die wenigſten Bewund'rer haben, 5 Und daß der größte Theil der Welt Das Schlechte für das Gute hält; Dies Uebel ſieht man alle Tage. Jedoch, wie wehrt man dieſer Peſt? Ich zweifle, daß ſich dieſe Plage 10 Aus unſrer Welt verdrängen läßt. Ein einzig Mittel iſt auf Erden, Allein es iſt unendlich ſchwer: Die Narren müſſen weiſe werden; Und fehtl fie werden's nimmermehr. 15 Nie kennen ſie den Werth der Dinge. Ihr Auge ſchließt, nicht ihr Verſtand: Sie loben ewig das Geringe, Weil ſie das Gute nie gekannt.“ Zu dieſer intellektuellen Unfähigkeit der Menſchen, in Folge 20 welcher das Vortreffliche, wie Goethe ſagt, noch ſeltener erkannt und geſchätzt, als gefunden wird, geſellt ſich nun, hier wie überall, auch noch die moraliſche Schlechtigkeit derſelben, und zwar als Neid auftretend. Durch den Ruhm nämlich, den Einer erwirbt, wird abermals Einer mehr über Alle ſeiner Art erhoben: dieſe 25 werden alſo um eben ſo viel herabgeſetzt, ſo daß jedes ausge⸗ zeichnete Verdienſt ſeinen Ruhm auf Koſten Derer erlangt, die keines haben. „Wenn wir Andern Ehre geben, Müſſen wir uns ſelbſt entadeln.“ 30 Goethe. W. O. Divan. Hieraus erklärt es ſich, daß, in welcher Gattung auch immer das Vortreffliche auftreten mag, ſogleich die geſammte, ſo zahl⸗ reiche Mittelmäßigkeit verbündet und verſchworen iſt, es nicht gelten zu laſſen, ja, wo möglich, es zu erſticken. Ihre heimliche Parole iſt: à bas le mérite. Aber ſogar auch Die, welche ſelbſt Verdienſt beſitzen und bereits den Ruhm deſſelben erlangt haben, werden nicht gern das Auftreten eines neuen Ruhmes ſehn, durch deſſen Glanz der des ihrigen um ſo viel e leuchtet. Daher ſagt ſelbſt Goethe: 421
Von Dem, was Einer vorstellt. „Hätt' ich gezaudert zu werden, Bis man mir's Leben gegönnt, Ich wäre noch nicht auf Erden, Wie ihr begreifen könnt, Wenn ihr ſeht, wie ſie ſich geberden, Die, um etwas zu ſcheinen, Mich gerne möchten verneinen.“ Während alſo die Ehre, in der Regel, gerechte Richter findet und kein Neid ſie anficht, ja ſogar ſie Jedem zum Voraus, auf Kredit, verliehen wird, muß der Ruhm, dem Neide zum Trotz, erkämpft werden, und den Lorbeer theilt ein Tribunal entſchieden ungünſtiger Richter aus. Denn die Ehre können und wollen wir mit Jedem theilen: der Ruhm wird geſchmälert oder er⸗ ſchwert, durch Jeden, der ihn erlangt. — Nun ferner ſteht die Schwierigkeit der Erlangung des Ruhmes durch Werke im um⸗ gekehrten Verhältniß der Menſchenzahl, die das Publikum ſolcher Werke ausmacht; aus leicht abzuſehenden Gründen. Daher iſt ſie viel größer bei Werken, welche Belehrung, als bei ſolchen, welche Unterhaltung verheißen. Am größten iſt ſie bei philo⸗ ſophiſchen Werken; weil die Belehrung, welche dieſe verſprechen, einerſeits ungewiß, und andererſeits ohne materiellen Nutzen iſt; wonach denn ſolche zunächſt vor einem Publiko auftreten, das aus lauter Mitbewerbern beſteht. — Aus den dargelegten Schwie⸗ rigkeiten, die der Erlangung des Ruhmes entgegenſtehn, erhellt, daß wenn Die, welche ruhmwürdige Werke vollenden, es nicht aus Liebe zu dieſen ſelbſt und eigener Freude daran thäten, ſon⸗ dern der Aufmunterung durch den Ruhm bedürften, die Menſch⸗ heit wenige, oder keine, unſterbliche Werke erhalten haben würde. Ja, ſogar muß, wer das Gute und Rechte hervorbringen und das Schlechte vermeiden ſoll, dem Urtheile der Menge und ihrer Wortführer Trotz bieten, mithin ſie verachten. Hierauf beruht die Richtigkeit der Bemerkung, die beſonders Oſorius (de gloria) hervorhebt, daß der Ruhm vor Denen flieht, die ihn ſuchen, und Denen folgt, die ihn vernachläſſigen: denn Jene be⸗ quemen ſich dem Geſchmack ihrer Zeitgenoſſen an, Dieſe trotzen ihm. So ſchwer es demnach iſt, den Ruhm zu erlangen, ſo leicht iſt es, ihn zu behalten. Auch hierin ſteht er im Gegenſatz mit der Ehre. Dieſe wird Jedem, ſogar auf Kredit, verliehen: er 422 — — IX 3 os 0 5 0 0 5 2 2 3 3 Von Dem, was Einer vorstellt. hat fie nur zu bewahren. Hier aber liegt die Aufgabe: denn durch eine einzige nichtswürdige Handlung geht ſie unwiederbringlich verloren. Der Ruhm hingegen kann eigentlich nie verloren gehn: 1378) denn die That, oder das Werk, durch die er erlangt worden, ſtehn 5 für immer feſt, und der Ruhm derſelben bleibt ihrem Urheber, auch wenn er keinen neuen hinzufügt. Wenn jedoch der Ruhm wirklich verklingt, wenn er überlebt wird; ſo war er unächt, d. h. unverdient, durch augenblickliche Ueberſchätzung entſtanden, wo nicht gar ſo ein Ruhm wie Hegel ihn hatte und Lichtenberg ihn beſchreibt, „auspoſaunt von einer freundſchaftlichen Kandidaten⸗ „junta und vom Echo leerer Köpfe widergehallt: — — — aber die „Nachwelt, wie wird ſie lächeln, wann ſie dereinſt an die bunten „Wörtergehäuſe, die ſchönen Neſter ausgeflogener Mode und die „Wohnungen weggeſtorbener Verabredungen anklopfen und Alles, „Alles leer finden wird, auch nicht den kleinſten Gedanken, der „mit Zuverſicht ſagen könnte: herein!“ — Der Ruhm beruht eigentlich auf Dem, was Einer im Ver⸗ gleich mit den Uebrigen iſt. Demnach iſt er weſentlich ein Rela⸗ tives, kann daher auch nur relativen Werth haben. Er fiele o ganz weg, wenn die Uebrigen würden was der Gerühmte iſt. Abſoluten Werth kann nur Das haben, was ihn unter allen Umſtänden behält, alſo hier, was Einer unmittelbar und für ſich ſelbſt iſt: folglich muß hierin der Werth und das Glück des großen Herzens und des großen Kopfes liegen. Alſo nicht der Ruhm, ſondern Das, wodurch man ihn verdient, iſt das Werth⸗ volle. Denn es iſt gleichſam die Subſtanz und der Ruhm nur das Accidenz der Sache: ja dieſer wirkt auf den Gerühmten hauptſächlich als ein äußerliches Symptom, durch welches er die Beſtätigung ſeiner eigenen hohen Meinung von ſich ſelbſt erhält; demnach man ſagen könnte, daß, wie das Licht gar nicht ſichtbar iſt, wenn es nicht von einem Körper zurückgeworfen wird; eben ſo jede Trefflichkeit erſt durch den Ruhm ihrer ſelbſt recht gewiß wird. Allein er iſt nicht ein Mal ein untrügliches Symptom; da es auch Ruhm ohne Verdienſt und Verdienſt ohne Ruhm giebt; weshalb ein Ausdruck Leſſings ſo artig herauskommt: „Einige Leute ſind berühmt, und andere verdienen es zu ſeyn.“ Auch wäre es eine elende Exiſtenz, deren Werth oder Unwerth darauf beruhte, wie ſie in den Augen Anderer erſchiene: eine >) A = © 2 28 Schopenhauer, Werke V 423
Von Dem, was Einer vorstellt. folche aber wäre das Leben des Helden und des Genies, wenn deſſen Werth im Ruhme, d. h. im Beifall Anderer, beſtände. Vielmehr lebt und exiſtirt ja jegliches Weſen ſeiner ſelbſt wegen, daher auch zunächſt in ſich und für ſich. — Was Einer iſt, in welcher Art und Weiſe es auch ſei, das iſt er zuvörderſt und haupt⸗ ſächlich für ſich ſelbſt: und wenn es hier nicht viel werth iſt, ſo iſt es überhaupt nicht viel. Hingegen iſt das Abbild ſeines Weſens in den Köpfen Anderer ein Sekundäres, Abgeleitetes und dem Zu⸗ fall Unterworfenes, welches nur ſehr mittelbar ſich auf das Erſtere zurückbezieht. Zudem ſind die Köpfe der Menge ein zu elender Schauplatz, als daß auf ihm das wahre Glück ſeinen Ort haben könnte. Vielmehr iſt daſelbſt nur ein chimäriſches Glück zu finden. Welche gemiſchte Geſellſchaft trifft doch in jenem Tempel des all⸗ gemeinen Ruhms zuſammen! Feldherren, Miniſter, Quackſalber, Gaukler, Tänzer, Sänger, Millionäre und Juden: ja, die Vor⸗ züge aller dieſer werden dort viel aufrichtiger geſchätzt, finden viel mehr estime sentie, als die geiſtigen, zumal der hohen Art, die ja bei der großen Mehrzahl nur eine estime sur parole erlangen. In eudämonologiſcher Hinſicht iſt alſo der Ruhm nichts weiter, als der ſeltenſte und köſtlichſte Biſſen für unſern Stolz und unſere Eitelkeit. Dieſe aber ſind in den meiſten Menſchen, obwohl ſie es verbergen, übermäßig vorhanden, vielleicht ſogar am ſtärkeſten in Denen, die irgendwie geeignet ſind, ſich Ruhm zu erwerben und daher meiſtens das unſichere Bewußtſeyn ihres überwiegenden Werthes lange in ſich herumtragen müſſen, ehe die Gelegenheit kommt, ſolchen zu erproben und dann die Anerkennung deſſelben zu erfahren: bis dahin war ihnen zu Muthe, als erlitten ſie ein heimliches Unrecht.) Ueberhaupt aber iſt ja, wie am Anfange dieſes Kapitels erörtert worden, der Werth, den der Menſch auf die Meinung Anderer von ihm legt, ganz unverhältnißmäßig und unvernünftig; ſo daß Hobbes die Sache zwar ſehr ſtark, aber vielleicht doch richtig ausgedrückt hat in den Worten: omnis 1 Da unſer größtes Vergnügen darin beſteht, bewundert zu werden, die Bewunderer aber, ſelbſt wo alle Urſache wäre, ſich ungern dazu herbei⸗ laſſen; ſo iſt der Glücklichſte Der, welcher, gleichviel wie, es dahin gebracht hat, ſich ſelbſt aufrichtig zu bewundern. Nur müſſen die Andern ihn nicht irre machen. . 424 [379] — I 0 N ws ws 0 5 0 5 0 5 Von Dem, was Einer vorstellt. animi voluptas, omnisque alacritas in eo site est, quod quis habeat quibuscum conferens se, possit magnifice sentire de se ipso (de cive. I, 5). Hieraus iſt der hohe Werth erklärlich, den man allgemein auf den Ruhm legt, und die Opfer, 5 welche man bringt, in der bloßen Hoffnung, ihn dereinſt zu erlangen: Fame is the spur, that the clear spirit doch raise (That last infirmity of noble minds) To scorn delights and live laborious days. [380] wie auch: 5 how hard it is to climb The hights where Fame's proud temple shines afar. Hieraus endlich erklärt es ſich auch, daß die eitelſte aller Nationen beſtändig la gloire im Munde führt und ſolche unbe⸗ 15 denklich als die Haupttriebfeder zu großen Thaten und großen Werken anſieht. — Allein, da unſtreitig der Ruhm nur das Sekun⸗ däre iſt, das bloße Echo, Abbild, Schatten, Symptom des Ver⸗ dienſtes, und da jedenfalls das Bewunderte mehr Werth haben muß, als die Bewunderung; fo kann das eigentlich Beglückende nicht 20 im Ruhme liegen, ſondern in Dem, wodurch man ihn erlangt, alſo im Verdienſte ſelbſt, oder, genauer zu reden, in der Geſinnung und den Fähigkeiten, aus denen es hervorgieng; es mag nun moraliſcher, oder intellektueller Art ſeyn. Denn das Beſte, was Jeder iſt, muß er nothwendig für ſich ſelbſt ſeyn: was davon in den Köpfen Anderer ſich abſpiegelt und er in ihrer Meinung gilt iſt Nebenſache und kann nur von untergeordnetem Intereſſe für ihn ſeyn. Wer demnach nur den Ruhm verdient, auch ohne ihn zu erhalten, beſitzt bei Weitem die Hauptſache, und was er entbehrt iſt etwas, darüber er ſich mit derſelben tröſten kann. Denn nicht daß Einer von der urtheilsloſen, ſo oft be⸗ thörten Menge für einen großen Mann gehalten werde, ſondern daß er es ſei, macht ihn beneidenswerth; auch nicht, daß die Nachwelt von ihm erfahre, ſondern daß in ihm ſich Gedanken erzeugen, welche verdienen, Jahrhunderte hindurch aufbewahrt und nachgedacht zu werden, iſt ein hohes Glück. Zudem kann Dieſes ihm nicht entriſſen werden: es iſt zwv ec Inv, jenes Andere roy dux ep’ Iv. Wäre hingegen die Bewunderung 2 A 8 3 3 2 . 425
Von Dem, was Einer vorstellt. ſelbſt die Hauptſache; fo wäre das Bewunderte ihrer nicht werth. Dies iſt wirklich der Fall beim falſchen, d. i. unverdienten Ruhm. An dieſem muß ſein Beſitzer zehren, ohne Das, wovon derſelbe das Symptom, der bloße Abglanz, ſeyn ſoll, wirklich zu haben. Aber ſogar dieſer Ruhm ſelbſt muß ihm oft verleidet werden, wann bisweilen, trotz aller, aus der Eigenliebe entſpringenden Selbſttäuſchung, ihm auf der Höhe, für die er nicht geeignet iſt, doch ſchwindelt, oder ihm zu Muthe wird, als wäre er ein kupferner Dukaten; wo dann die Angſt vor Enthüllung und verdienter Demüthigung ihn ergreift, zumal wann er auf den Stirnen der Weiſeren ſchon das Urtheil der Nachwelt lieſt. Er gleicht ſonach dem Beſitzer durch ein falſches Teſtament. — Den ächteſten Ruhm, den Nachruhm, vernimmt ſein Gegenſtand ja nie, und doch ſchätzt man ihn glücklich. Alſo beſtand ſein Glück in den großen Eigenſchaften ſelbſt, die ihm den Ruhm erwarben, und darin, daß er Gelegenheit fand, ſie zu entwickeln, alſo daß ihm vergönnt wurde, zu handeln, wie es ihm angemeſſen war, oder zu treiben was er mit Luſt und Liebe trieb: denn nur die aus dieſer entſprungenen Werke erlangen Nachruhm. Sein Glück beſtand alſo in ſeinem großen Herzen, oder auch im Reichthum eines Geiſtes, deſſen Abdruck, in ſeinen Werken, die Bewun⸗ derung kommender Jahrhunderte erhält; es beſtand in den Ge⸗ danken ſelbſt, welchen nachzudenken, die Beſchäftigung und der Genuß der edelſten Geiſter einer unabſehbaren Zukunft ward. Der Werth des Nachruhms liegt alſo im Verdienen deſſelben, und dieſes iſt ſein eigener Lohn. Ob nun die Werke, welche ihn erwarben, unterweilen auch den Ruhm der Zeitgenoſſen hatten, hieng von zufälligen Umſtänden ab und war nicht von großer Bedeutung. Denn da die Menſchen in der Regel ohne eigenes Urtheil ſind und zumal hohe und ſchwierige Leiſtungen abzu⸗ ſchätzen durchaus keine Fähigkeit haben; ſo folgen ſie hier ſtets fremder Auktorität, und der Ruhm, in hoher Gattung, beruht bei 99 unter 100 Rühmern, bloß auf Treu und Glauben. Da⸗ her kann auch der vielſtimmigſte Beifall der Zeitgenoſſen für denkende Köpfe nur wenig Werth haben, indem ſie in ihm ſtets nur das Echo weniger Stimmen hören, die zudem ſelbſt nur ſind, wie der Tag ſie gebracht hat. Würde wohl ein Virtuoſe ſich geſchmeichelt fühlen durch das laute Beifallsklatſchen ſeines Publi⸗ 426 387] — 2 D ws ws 5 0 5 0 5 Von Dem, was Einer vorstellt: kums, wenn ihm bekannt wäre, daß es, bis auf Einen oder Zwei, aus lauter völlig Tauben beſtände, die, um einander gegen⸗ ſeitig ihr Gebrechen zu verbergen, eifrig klatſchten, ſobald ſie die Hände jenes Einen in Bewegung ſähen? Und nun gar, 5 wenn die Kenntniß hinzu käme, daß jene Vorklatſcher ſich oft beſtechen ließen, um dem elendeſten Geiger den lauteſten Applaus zu verſchaffen! — Hieraus iſt erklärlich, warum der Ruhm der Zeitgenoſſen ſo ſelten die Metamorphoſe in Nachruhm erlebt; weshalb d' Alembert, in feiner überaus ſchönen Beſchreibung 582] des Tempels des litterariſchen Ruhmes, ſagt: „Das Innere des I 2 2 3 Tempels ift von lauter Todten bewohnt, die während ihres Lebens nicht darin waren, und von einigen Lebenden, welche faſt alle, wann ſie ſterben, hinausgeworfen werden.“ Und beiläufig ſei es hier bemerkt, daß, Einem bei Lebzeiten ein Monument ſetzen, die Erklärung ablegen heißt, daß hinſichtlich ſeiner der Nachwelt nicht zu trauen ſei. — Wenn dennoch Einer den Ruhm, welcher zum Nachruhm werden ſoll, erlebt; ſo wird es ſelten früher, als im Alter geſchehn: allenfalls giebt es bei Künſtlern und Dichtern Ausnahmen von dieſer Regel, am wenigſten bei Philoſophen. Eine Beſtätigung derſelben geben die Bildniſſe der durch ihre Werke berühmten Männer, da dieſelben meiſtens erſt nach dem Eintritt ihrer Celebrität angefertigt wurden: in der Regel ſind ſie alt und grau dargeſtellt, namentlich die Philoſophen. Inzwiſchen ſteht, eudämonologiſch genommen, die Sache ganz recht. 5 Ruhm und Jugend auf Ein Mal iſt zu viel für einen Sterb⸗ lichen. Unſer Leben iſt ſo arm, daß ſeine Güter haushälteriſcher vertheilt werden müſſen. Die Jugend hat vollauf an ihrem eigenen Reichthum und kann ſich daran genügen laſſen. Aber im Alter, wann alle Genüſſe und Freuden, wie die Bäume im Winter, ab⸗ geſtorben ſind, dann ſchlägt am gelegenſten der Baum des Ruhmes aus, als ein ächtes Wintergrün: auch kann man ihn den Winter⸗ birnen vergleichen, die im Sommer wachſen, aber im Winter ge⸗ noſſen werden. Im Alter giebt es keinen ſchönern Troſt, als daß man die ganze Kraft ſeiner Jugend Werken einverleibt hat, A 8 8 35 die nicht mit altern. Wollen wir jetzt noch etwas näher die Wege betrachten, auf welchen man, in den Wiſſenſchaften, als dem uns zunächſt Liegenden, Ruhm erlangt; ſo läßt ſich hier folgende Regel aufſtellen. Die 427
Von Dem, was Einer vorstellt. durch ſolchen Ruhm bezeichnete intellektuelle Ueberlegenheit wird allemal an den Tag gelegt durch eine neue Kombination irgend⸗ welcher Data. Dieſe nun können ſehr verſchiedener Art ſeyn; jedoch wird der durch ihre Kombination zu erlangende Ruhm um ſo größer und ausgebreiteter ſeyn, je mehr ſie ſelbſt allgemein bekannt und Jedem zugänglich ſind. Beſtehn z. B. die Data in einigen Zahlen, oder Kurven, oder auch in irgend einer ſpeciellen phyſikaliſchen, zoologiſchen, botaniſchen, oder anatomiſchen That⸗ ſache, oder auch in einigen verdorbenen Stellen alter Autoren, oder in halbverlöſchten Inſchriften, oder in ſolchen, deren Alpha⸗ bet uns fehlt, oder in dunkeln Punkten der Geſchichte; ſo wird der durch die richtige Kombination derſelben zu erlangende Ruhm ſich nicht viel weiter erſtrecken, als die Kenntniß der Data ſelbſt, alſo auf eine kleine Anzahl meiſtens zurückgezogen lebender und [L383] auf den Ruhm in ihrem Fach neidiſcher Leute. — Sind hingegen 15 die Data ſolche, welche das ganze Menſchengeſchlecht kennt, ſind es z. B. weſentliche, Allen gemeinſame Eigenſchaften des menſch⸗ lichen Verſtandes, oder Gemüthes, oder Naturkräfte, deren ganze Wirkungsart wir beſtändig vor Augen haben, oder der allbekannte Lauf der Natur überhaupt; ſo wird der Ruhm, durch eine neue, 20 wichtige und evidente Kombination Licht über fie verbreitet zun haben, ſich mit der Zeit faſt über die ganze civiliſirte Menſchheit erſtrecken. Denn, ſind die Data Jedem zugänglich, ſo wird ihre Kombination es meiſtens auch ſeyn. — Dennoch wird hiebei der Ruhm allemal nur der überwundenen Schwierigkeit entſprechen. Denn, je allbekannter die Data ſind, deſto ſchwerer iſt es, ſie auf eine neue und doch richtige Weiſe zu kombiniren; da ſchon eine überaus große Anzahl von Köpfen ſich an ihnen verſucht und die möglichen Kombinationen derſelben erſchöpft hat. Hin⸗ gegen werden Data, welche, dem großen Publiko unzugänglich, 30 nur auf mühſamen und ſchwierigen Wegen erreichbar ſind, faſt immer noch neue Kombinationen zulaſſen: wenn man daher an ſolche nur mit geradem Verſtande und geſunder Urtheilskraft, alſo einer mäßigen geiſtigen Ueberlegenheit, kommt; ſo iſt es leicht möglich, daß man eine neue und richtige Kombination derſelben 35 zu machen das Glück habe. Allein der hiedurch erworbene Ruhm wird ungefähr die ſelben Gränzen haben, wie die Kenntniß der Data. Denn zwar erfordert die Löſung von Problemen ſolcher — 0 N 5 428 Von Dem, was Einer vorstellt. Art großes Studium und Arbeit, ſchon um nur die Kenntniß der Data zu erlangen; während in jener andern Art, in welcher eben der größte und ausgebreiteteſte Ruhm zu erwerben iſt, die Data unentgeltlich gegeben ſind: allein in dem Maaße, wie dieſe letztere 5 Art weniger Arbeit erfordert, gehört mehr Talent, ja Genie dazu, und mit dieſen hält, hinſichtlich des Werthes und der Werth⸗ ſchätzung, keine Arbeit, oder Studium, den Vergleich aus. Hieraus nun ergiebt ſich, daß Die, welche einen tüchtigen Verſtand und ein richtiges Urtheil in ſich ſpüren, ohne jedoch 10 die höchſten Geiſtesgaben ſich zuzutrauen, viel Studium und er⸗ müdende Arbeit nicht ſcheuen dürfen, um mittelſt dieſer ſich aus dem großen Haufen der Menſchen, welchen die allbekannten Data vorliegen, herauszuarbeiten und zu den entlegeneren Orten zu 1384) gelangen, welche nur dem gelehrten Fleiße zugänglich find. Denn 15 hier, wo die Zahl der Mitbewerber unendlich verringert iſt, wird der auch nur einigermaaßen überlegene Kopf bald zu einer neuen und richtigen Kombination der Data Gelegenheit finden: ſogar wird das Verdienſt ſeiner Entdeckung ſich mit auf die Schwierig⸗ keit, zu den Datis zu gelangen, ſtützen. Aber der alſo erworbene Applaus ſeiner Wiſſensgenoſſen, als welche die alleinigen Kenner in dieſem Fache ſind, wird von der großen Menge der Menſchen nur von Weitem vernommen werden. — Will man nun den hier angedeuteten Weg bis zum Extrem verfolgen; ſo läßt ſich der Punkt nachweiſen, wo die Data, wegen der großen Schwierigkeit ihrer Erlangung, für ſich allein und ohne daß eine Kombination derſelben erfordert wäre, den Ruhm zu begründen hinreichen. Dies leiſten Reiſen in ſehr entlegene und wenig beſuchte Länder: man wird berühmt durch Das, was man geſehn, nicht durch Das, was man gedacht hat. Dieſer Weg hat auch noch einen großen Vortheil darin, daß es viel leichter iſt, was man geſehn, als was man gedacht hat, Andern mitzutheilen und es mit dem Ver⸗ ſtändniß ſich eben ſo verhält: demgemäß wird man für das Erſtere auch viel mehr Leſer finden, als für das Andere. Denn, wie ſchon Asmus ſagt: 35 „Wenn Jemand eine Reiſe thut, So kann er was erzählen.“ 2 8 2 A 8 3 Dieſem Allen entfpricht es aber auch, daß, bei der perſönlichen 429
Von Dem, was Einer vorstellt. Bekanntſchaft berühmter Leute dieſer Art, Einem oft die Horaziſche Bemerkung einfällt: Coelum, non animum, mutant, qui trans mare currunt. (Epist. I. 11, v. 27.) Was aber nun andererſeits den mit hohen Fähigkeiten ausge⸗ ſtatteten Kopf betrifft, als welcher allein ſich an die Löſung der großen, das Allgemeine und Ganze betreffenden und daher ſchwie⸗ rigſten Probleme wagen darf; ſo wird dieſer zwar wohl daran thun, ſeinen Horizont möglichſt auszudehnen, jedoch immer gleich⸗ mäßig, nach allen Seiten, und ohne je ſich zu weit in irgend eine der beſondern und nur Wenigen bekannten Regionen zu ver⸗ lieren, d. h. ohne auf die Specialitäten irgend einer einzelnen Wiſſenſchaft weit einzugehn, geſchweige ſich mit den Mikrologien zu befaſſen. Denn er hat nicht nöthig, ſich an die ſchwer zu⸗ gänglichen Gegenſtände zu machen, um dem Gedränge der Mit⸗ bewerber zu entgehn; ſondern eben das Allen Vorliegende wird ihm Stoff zu neuen, wichtigen und wahren Kombinationen geben. Dem nun aber gemäß wird ſein Verdienſt von allen Denen ge⸗ ſchätzt werden können, welchen die Data bekannt ſind, alſo von einem großen Theile des menſchlichen Geſchlechts. Hierauf gründet ſich der mächtige Unterſchied zwiſchen dem Ruhm, den Dichter und Philoſophen erlangen, und dem, welcher Phyſikern, Che⸗ mikern, Anatomen, Mineralogen, Zoologen, Philologen, Hiſto⸗ rikern u. ſ. w. erreichbar iſt. 430 — 0 [385] [386] Kapitel V. Paräneſen und Maximen. Weniger noch, als irgendwo, bezwecke ich hier Vollſtändigkeit; da ich ſonſt die vielen, von Denkern aller Zeiten aufgeſtellten, zum Theil vortrefflichen Lebensregeln zu wiederholen haben würde, vom Theognis und Pſeudo-Salomo an, bis auf den Roche⸗ foucauld herab; wobei ich dann auch viele, ſchon breit getretene Gemeinplätze nicht würde vermeiden können. Mit der Voll⸗ ſtändigkeit fällt aber auch die ſyſtematiſche Anordnung größtentheils 10 weg. Ueber Beide tröſte man ſich damit, daß ſie, in Dingen dieſer Art, faſt unausbleiblich die Langeweile in ihrem Gefolge haben. Ich habe bloß gegeben, was mir eben eingefallen iſt, der Mittheilung werth ſchien und, ſo viel mir erinnerlich, noch nicht, wenigſtens nicht ganz und eben ſo, geſagt worden iſt, alſo ‚15 eben nur eine Nachleſe zu dem auf dieſem unabſehbaren Felde bereits von Andern Geleiſteten. N Um jedoch in die große Mannigfaltigkeit der hieher gehörigen Anſichten und Rathſchläge einige Ordnung zu bringen, will ich ſie eintheilen in allgemeine, in ſolche, welche unſer Verhalten 20 gegen uns ſelbſt, dann gegen Andere, und endlich gegen den Weltlauf und das Schickſal betreffen. A. Allgemeine. 1) Als die oberſte Regel aller Lebensweisheit ſehe ich einen Satz an, den Ariſtoteles beiläufig ausgeſprochen hat, in der 25 Nikomachäiſchen Ethik (VII, 12): ö Ppovinog To π⁰] e Ötwxer, oo ro du (quod dolore vacat, non quod suave est, persequitur vir prudens. Die lateiniſche Verſion des Satzes iſt matt: Deutſch ließe er ſich ſchon beffer geben, etwan: „Nicht dem Ver⸗ gnügen, der Schmerzloſigkeit geht der Vernünftige nach“; oder: 30 „Der Vernünftige geht auf Schmerzloſigkeit, nicht auf Genuß 431
Paränesen und Maæimen. aus.“) Die Wahrheit deſſelben beruht darauf, daß aller Genuß und alles Glück negativer, hingegen der Schmerz poſitiver Natur iſt. Die Ausführung und Begründung dieſes letzteren Satzes findet man in meinem Hauptwerke Bd. 1, $ 58. Doch will ich denſelben hier noch an einer täglich zu beobachtenden Thatſache erläutern. Wenn der ganze Leib geſund und heil iſt, bis auf irgend eine kleine wunde, oder ſonſt ſchmerzende Stelle; ſo tritt jene Ge⸗ ſundheit des Ganzen weiter nicht ins Bewußtſeyn, ſondern die Aufmerkſamkeit iſt beſtändig auf den Schmerz der verletzten Stelle gerichtet und das Behagen der geſammten Lebensempfindung iſt aufgehoben. — Eben ſo, wenn alle unſere Angelegenheiten nach unſerm Sinne gehn, bis auf eine, die unſerer Abſicht zuwider läuft, ſo kommt dieſe, auch wenn ſie von geringer Bedeutung iſt, uns immer wieder in den Kopf: wir denken häufig an ſie und wenig an alle jene andern wichtigeren Dinge, die nach unſerm Sinne gehn. — In beiden Fällen nun iſt das Beein⸗ trächtigte der Wille, ein Mal, wie er ſich im Organismus, das andere, wie er ſich im Streben des Menſchen objektivirt, und in beiden ſehn wir, daß ſeine Befriedigung immer nur negativ wirkt und daher gar nicht direkt empfunden wird, ſondern höch⸗ ſtens auf dem Wege der Reflexion ins Bewußtſeyn kommt. Hingegen iſt ſeine Hemmung das Poſitive und daher ſich ſelbſt Ankündigende. Jeder Genuß beſteht bloß in der Aufhebung dieſer Hemmung, in der Befreiung davon, iſt mithin von kurzer Dauer. Hierauf nun alſo beruht die oben belobte Ariſtoteliſche Regel, welche uns anweiſt, unſer Augenmerk nicht auf die Genüſſe und Annehmlichkeiten des Lebens zu richten, ſondern darauf, daß wir den zahlloſen Uebeln deſſelben, ſo weit es möglich iſt, ent⸗ gehn. Wäre dieſer Weg nicht der richtige; ſo müßte auch Vol⸗ taire's Ausſpruch, le bonheur n'est qu'un r&ve, et la douleur est réelle, ſo falſch ſeyn, wie er in der That wahr iſt. Demnach ſoll auch Der, welcher das Reſultat ſeines Lebens, in eudämonologiſcher Rückſicht, ziehn will, die Rechnung nicht nach den Freuden, die er genoſſen, ſondern nach den Uebeln, denen er entgangen iſt, aufſtellen. Ja, die Eudämonologie hat mit der Belehrung anzuheben, daß ihr Name ſelbſt ein Euphemismus iſt und daß unter „glücklich leben“ nur zu verſtehn iſt „weniger 432 87 5 10 20 25 30 Paränesen und Maximen. unglücklich“, alſo erträglich leben. Allerdings iſt das Leben nicht eigentlich da, um genoſſen, ſondern um überſtanden, ab⸗ gethan zu werden: dies bezeichnen auch manche Ausdrücke, wie degere vitam, vita defungi, das Italiäniſche si scampa cosi, [388] das Deutſche „man muß ſuchen, durchzukommen“, „er wird ſchon durch die Welt kommen“, u. dgl. m. Ja, es iſt ein Troſt im Alter, daß man die Arbeit des Lebens hinter ſich hat. Dem⸗ nach nun hat das glücklichſte Loos Der, welcher ſein Leben ohne übergroße Schmerzen, ſowohl geiſtige, als körperliche, hinbringt; 10 nicht aber Der, dem die lebhafteſten Freuden, oder die größten Genüſſe zu Theil geworden. Wer nach dieſen Letzteren das Glück eines Lebenslaufes bemeſſen will, hat einen falſchen Maaßſtab ergriffen. Denn die Genüſſe ſind und bleiben negativ: daß ſie beglücken iſt ein Wahn, den der Neid, zu ſeiner eigenen Strafe, 15 hegt. Die Schmerzen hingegen werden poſitiv empfunden: daher iſt ihre Abweſenheit der Maaßſtab des Lebensglückes. Kommt zu einem ſchmerzloſen Zuſtand noch die Abweſenheit der Langen⸗ weile; ſo iſt das irdiſche Glück im Weſentlichen erreicht: denn das Uebrige iſt Chimäre. Hieraus nun folgt, daß man nie Ge⸗ 20 nüſſe durch Schmerzen, ja, auch nur durch die Gefahr derſelben, erkaufen ſoll; weil man ſonſt ein Negatives und daher Chimärifches mit einem Poſitiven und Realen bezahlt. Hingegen bleibt man im Gewinn, wenn man Genüſſe opfert, um Schmerzen zu ent⸗ gehn. In beiden Fällen iſt es gleichgültig, ob die Schmerzen 25 den Genüſſen nachfolgen, oder vorhergehn. Es iſt wirklich die größte Verkehrtheit, dieſen Schauplatz des Jammers in einen Luſtort verwandeln zu wollen und, ſtatt der möglichſten Schmerz⸗ loſigkeit, Genüſſe und Freuden ſich zum Ziele zu ſtecken; wie doch ſo Viele thun. Viel weniger irrt wer, mit zu finſterm Blicke, 30 dieſe Welt als eine Art Hölle anſieht und demnach nur darauf bedacht iſt, ſich in derſelben eine feuerfeſte Stube zu verſchaffen. Der Thor läuft den Genüſſen des Lebens nach und ſieht ſich betrogen: der Weiſe vermeidet die Uebel. Sollte ihm jedoch auch Dieſes mißglücken; ſo iſt es dann die Schuld des Geſchicks, 35 nicht die feiner Thorheit. So weit es ihm aber glückt, iſt er nicht betrogen: denn die Uebel, denen er aus dem Wege gieng, ſind höchſt real. Selbſt wenn er etwan ihnen zu weit aus dem Wege gegangen ſeyn ſollte und Genüſſe unnöthigerweiſe geopfert 433
Paränesen und Maximen. hätte; ſo iſt eigentlich doch nichts verloren: denn alle Genüſſe ſind chimäriſch, und über die Verſäumniß derſelben zu rann wäre kleinlich, ja lächerlich. Das Verkennen dieſer Wahrheit, durch den Optimismus begünſtigt, iſt die Quelle vielen Unglücks. Während wir näm⸗ lich von Leiden frei ſind, ſpiegeln unruhige Wünſche uns die Chimären eines Glückes vor, das gar nicht eriſtirt, und verleiten uns ſie zu verfolgen: dadurch bringen wir den Schmerz, der unleugbar real iſt, auf uns herab. Dann jammern wir über den verlorenen ſchmerzloſen Zuſtand, der, wie ein verſcherztes Paradies, hinter uns liegt, und wünſchen vergeblich, das Ge⸗ ſchehene ungeſchehn machen zu können. So ſcheint es, als ob ein böſer Dämon uns aus dem ſchmerzloſen Zuſtande, der das höchſte wirkliche Glück iſt, ſtets herauslockte, durch die Gaukelbilder der Wünſche. — Unbeſehn glaubt der Jüngling, die Welt ſei da, um genoſſen zu werden, ſie ſei der Wohnſitz eines poſitiven Glückes, welches nur Die verfehlen, denen es an Geſchick ge⸗ bricht, ſich feiner zu bemeiftern. Hierin beſtärken ihn Romane und Gedichte, wie auch die Gleißnerei, welche die Welt, durch⸗ gängig und überall, mit dem äußern Scheine treibt und auf die ich bald zurückkommen werde. Von nun an iſt ſein Leben eine, mit mehr oder weniger Ueberlegung angeſtellte Jagd nach dem poſitiven Glück, welches, als ſolches, aus poſitiven Genüffen be⸗ ſtehn ſoll. Die Gefahren, denen man ſich dabei ausſetzt, müſſen in die Schanze geſchlagen werden. Da führt denn dieſe Jagd nach einem Wilde, welches gar nicht eriſtirt, in der Regel, zu ſehr realem, poſitivem Unglück. Dies ſtellt ſich ein als Schmerz, Leiden, Krankheit, Verluſt, Sorge, Armuth, Schande und tauſend Nöthe. Die Enttäuſchung kommt zu ſpät. — Iſt hingegen, durch Befolgung der hier in Betracht genommenen Regel, der Plan des Lebens auf Vermeidung der Leiden, alſo auf Entfernung des Mangels, der Krankheit und jeder Noth, gerichtet; ſo iſt das Ziel ein reales: da läßt ſich etwas ausrichten, und um ſo mehr, je weniger dieſer Plan geſtört wird durch das Streben nach der Chimäre des poſitiven Glücks. Hiezu ſtimmt auch was Goethe, in den Wahlverwandtſchaften, den, für das Glück der Andern ſtets thätigen Mittler ſagen läßt: „Wer ein Uebel los ſeyn „will, der weiß immer was er will: wer was beſſeres will, als 434 [389] — 0 — 5 IS} 0 LS 5 Paränesen und Maximen. „er hat, der ift ganz ſtaarblind.“ Und dieſes erinnert an den ſchönen franzöſiſchen Ausſpruch: le mieux est l'ennemi du bien. Ja, hieraus iſt ſogar der Grundgedanke des Kynismus abzu⸗ [390] leiten, wie ich ihn dargelegt habe, in meinem Hauptwerke, Bd. 2, 5 Kap. 16. Denn, was bewog die Kyniker zur Verwerfung aller Genüſſe, wenn es nicht eben der Gedanke an die mit ihnen, näher oder ferner, verknüpften Schmerzen war, welchen aus dem Wege zu gehn ihnen viel wichtiger ſchien, als die Erlangung jener. Sie waren tief ergriffen von der Erkenntniß der Negati⸗ 10 vität des Genuſſes und der Poſitivität des Schmerzes; daher ſie, konſequent, Alles thaten für die Vermeidung der Uebel, hiezu aber die völlige und abſichtliche Verwerfung der Genüſſe nöthig erachteten; weil ſie in dieſen nur Fallſtricke ſahen, die uns dem Schmerze überliefern. 1 In Arkadien geboren, wie Schiller ſagt, find wir freilich Alle: d. h. wir treten in die Welt, voll Anſprüche auf Glück und Genuß, und hegen die thörichte Hoffnung, ſolche durchzu⸗ ſetzen. In der Regel jedoch kommt bald das Schickſal, packt uns unſanft an und belehrt uns, daß nichts unſer iſt, ſondern Alles 20 ſein, indem es ein unbeſtrittenes Recht hat, nicht nur auf allen unſern Beſitz und Erwerb und auf Weib und Kind, ſondern ſogar auf Arm und Bein, Auge und Ohr, ja, auf die Naſe mitten im Geſicht. Jedenfalls aber kommt, nach einiger Zeit, die Erfahrung und bringt die Einſicht, daß Glück und Genuß eine 25 Fata Morgana ſind, welche, nur aus der Ferne ſichtbar, ver⸗ ſchwindet, wenn man herangekommen iſt; daß hingegen Leiden und Schmerz Realität haben, ſich ſelbſt unmittelbar vertreten und keiner Illuſion, noch Erwartung bedürfen. Fruchtet nun die Lehre; ſo hören wir auf, nach Glück und Genuß zu jagen, und 30 find vielmehr darauf bedacht, dem Schmerz und Leiden möglichſt den Zugang zu verſperren. Wir erkennen alsdann, daß das Beſte, was die Welt zu bieten hat, eine ſchmerzloſe, ruhige, er⸗ trägliche Exiſtenz iſt und beſchränken unſere Anſprüche auf dieſe, um ſie deſto ſicherer durchzuſetzen. Denn, um nicht ſehr un⸗ 35 glücklich zu werden, iſt das ſicherſte Mittel, daß man nicht ver⸗ lange, ſehr glücklich zu ſeyn. Dies hatte auch Goethes Jugend⸗ freund Merck erkannt, da er ſchrieb: „Die garſtige Prätention „an Glückſäligkeit, und zwar an das Maaß, das wir uns 435
Paränesen und Maximen. „träumen, verdirbt Alles auf diefer Welt. Wer ſich davon los „machen kann und nichts begehrt, als was er vor ſich hat, kann „ſich durchſchlagen“ (Briefe an und von Merck, S. 100). Dem⸗ nach iſt es gerathen, ſeine Anſprüche auf Genuß, Beſitz, Rang, Ehre u. ſ. f. auf ein ganz Mäßiges herabzuſetzen; weil gerade das Streben und Ringen nach Glück, Glanz und Genuß es iſt, was die großen Unglücksfälle herbeizieht. Aber ſchon darum iſt Jenes weiſe und rathſam, weil ſehr unglücklich zu ſeyn gar leicht iſt; ſehr glücklich hingegen, nicht etwan ſchwer, ſondern ganz unmöglich. Mit großem Rechte alſo ſingt der Dichter der Lebensweisheit: Auream quis quis mediocritatem Diligit, tutus caret obsoleti Sordibus tecti, caret invidenda Sobrius aula. Saevius ventis agitatur ingens Pinus: et celsae graviore casu Decidunt turres: feriuntque summos Fulgura montes. Wer aber vollends die Lehre meiner Philoſophie in ſich auf⸗ genommen hat und daher weiß, daß unſer ganzes Daſeyn etwas iſt, das beffer nicht wäre, und welches zu verneinen und abzuweiſen die größte Weisheit iſt, der wird auch von keinem Dinge, oder Zuſtand, große Erwartungen hegen, nach nichts auf der Welt mit Leidenſchaft ſtreben, noch große Klagen erheben über ſein Verfehlen irgend einer Sache; ſondern er wird von Plato's „doors xi roy avSpunwuv adrov neyadng onovöng“ (rep. X, 604) durchdrungen ſeyn. Siehe das Motto zu Sadis Guliſtan, überſ. von Graf: Iſt einer Welt Beſitz für dich zerronnen, Sei nicht in Leid darüber, es iſt nichts; Und haſt Du einer Welt Beſitz gewonnen, Sei nicht erfreut darüber, es iſt nichts. Vorüber gehn die Schmerzen und die Wonnen, Geh' an der Welt vorüber, es iſt nichts. Anwari Soheili. Was jedoch die Erlangung dieſer heilſamen Einſichten be⸗ ſonders erſchwert, iſt die ſchon oben erwähnte Gleißnerei der 436 1391 5 15 v 0 N 3 30 35 | Paränesen und Maæimen. Welt, welche man daher der Jugend früh aufdecken ſollte. Die allermeiſten Herrlichkeiten ſind bloßer Schein, wie die Theater⸗ dekoration, und das Weſen der Sache fehlt. Z. B. bewimpelte und bekränzte Schiffe, Kanonenſchüſſe, Illuminationen, Pauken 5 und Trompeten, Jauchzen und Schreien u. ſ. w., dies Alles iſt das Aushängeſchild, die Andeutung, die Hieroglyphe der Freude: aber die Freude iſt daſelbſt meiſtens nicht zu finden: ſie allein hat beim Feſte abgeſagt. Wo ſie ſich wirklich einfindet, da kommt ſie, in der Regel, ungeladen und ungemeldet, von ſelbſt 10 und sans facon, ja, ſtill herangeſchlichen, oft bei den unbe⸗ deutendeſten, futilſten Anläſſen, unter den alltäglichſten Umſtänden, ja, bei nichts weniger als glänzenden, oder ruhmvollen Gelegen⸗ heiten: ſie iſt, wie das Gold in Auſtralien, hierhin und dorthin geſtreuet, nach der Laune des Zufalls, ohne alle Regel und 15 Geſetz, meiſt nur in ganz kleinen Körnchen, höchſt ſelten in großen Maſſen. Bei allen jenen oben erwähnten Dingen hingegen iſt auch der Zweck bloß, Andere glauben zu machen, hier wäre die Freude eingekehrt: dieſer Schein, im Kopfe Anderer, iſt die Ab⸗ ſicht. Nicht anders als mit der Freude verhält es ſich mit der 20 Trauer. Wie ſchwermüthig kommt jener lange und langſame Leichenzug daher! der Reihe der Kutſchen iſt kein Ende. Aber ſeht nur hinein: ſie ſind alle leer, und der Verblichene wird eigentlich bloß von ſämmtlichen Kutſchern der ganzen Stadt zu Grabe geleitet. Sprechendes Bild der Freundſchaft und Hoch⸗ 25 achtung dieſer Welt! Dies alſo iſt die Falſchheit, Hohlheit und Gleißnerei des menſchlichen Treibens. — Ein anderes Beiſpiel wieder geben viele geladene Gäſte, in Feierkleidern, unter feſt⸗ lichem Empfange; ſie ſind das Aushängeſchild der edelen, erhöhten Geſelligkeit: aber ſtatt ihrer iſt, in der Regel, nur Zwang, Pein zo und Langeweile gekommen: denn ſchon wo viele Gäſte ſind, iſt viel Pack, — und hätten ſie auch ſämmtlich Sterne auf der Bruſt. Die wirklich gute Geſellſchaft nämlich iſt, überall und nothwendig, ſehr klein. Ueberhaupt aber tragen glänzende, rau⸗ [392] ſchende Feſte und Luſtbarkeiten ſtets eine Leere, wohl gar einen 35 Mißton im Innern; ſchon weil fie dem Elend und der Dürftigkeit unſers Daſeyns laut widerſprechen, und der Kontraſt erhöht die Wahrheit. Jedoch von außen geſehn wirkt jenes Alles: und Das war der Zweck. Ganz allerliebſt ſagt daher Chamfort: 437
Paränesen und Maximen. la société, les cercles, les salons, ce qu'on appelle le monde, est une piece miserable, un mauvais opera, sans intérét, qui se soutient un peu par les machines, les costumes, et les decorations. — Desgleichen find nun auch Akademien und philoſophiſche Katheder das Aushängeſchild, der äußere Schein der Weisheit: aber auch ſie hat meiſtens abgeſagt und iſt ganz wo anders zu finden. — Glockengebimmel, Prieſterkoſtüme, fromme Gebärden und fratzenhaftes Thun iſt das Aushängeſchild, der falſche Schein der Andacht, u. ſ. w. — So iſt denn faſt Alles in der Welt hohle Nüſſe zu nennen: der Kern iſt an ſich ſelten, und noch ſeltener ſteckt er in der Schaale. Er iſt ganz wo anders zu ſuchen und wird meiſtens nur zufällig gefunden. 2) Wenn man den Zuſtand eines Menſchen, feiner Glücklich⸗ keit nach, abſchätzen will, ſoll man nicht fragen nach Dem, was ihn vergnügt, ſondern nach Dem, was ihn betrübt: denn, je ge⸗ ringfügiger Dieſes, an ſich ſelbſt genommen, iſt, deſto glücklicher iſt der Menſch; weil ein Zuſtand des Wohlbefindens dazu gehört, um gegen Kleinigkeiten empfindlich zu ſeyn: im Unglück ſpüren wir ſie gar nicht. 3) Man hüte ſich, das Glück ſeines Lebens, mittelſt vieler Erforderniſſe zu demſelben, auf ein breites Fundament zu bauen: denn auf einem ſolchen ſtehend ſtürzt es am leichteſten ein, weil es viel mehr Unfällen Gelegenheit darbietet und dieſe nicht ausbleiben. Das Gebäude unſers Glückes verhält ſich alſo, in dieſer Hinſicht, umgekehrt wie alle andern, als welche auf breitem Fundament am feſteſten ſtehn. Seine Anſprüche, im Verhältniß zu ſeinen Mitteln jeder Art, möglichſt niedrig zu ſtellen, iſt dem⸗ nach der ſicherſte Weg, großem Unglück zu entgehn. Ueberhaupt iſt es eine der größten und häufigſten Thor⸗ heiten, daß man weitläuftige Anſtalten zum Leben macht, in welcher Art auch immer dies geſchehe. Bei ſolchen nämlich iſt zuvörderſt auf ein ganzes und volles Menſchenleben gerechnet; welches jedoch ſehr Wenige erreichen. Sodann fällt es, ſelbſt wenn ſie ſo lange leben, doch für die gemachten Pläne zu kurz aus; da deren Ausführung immer ſehr viel mehr Zeit erfordert, als angenommen war: ferner ſind ſolche, wie alle menſchlichen Dinge, dem Mißlingen, den Hinderniſſen ſo vielfach ausgeſetzt, daß ſie ſehr ſelten zum Ziele gebracht werden. Endlich, wenn 438 — 0 — 5 v 0 8 5 0 ws 2 2 3 3 Paränesen und Maximen. zuletzt auch Alles erreicht wird, ſo waren die Umwandlungen, [393) welche die Zeit an uns ſelbſt hervorbringt, außer Acht und Rechnung gelaſſen; alſo nicht bedacht worden, daß weder zum Leiſten, noch zum Genießen, unſere Fähigkeiten das ganze Leben hindurch vorhalten. Daher kommt es, daß wir oft auf Dinge hinarbeiten, welche, wenn endlich erlangt, uns nicht mehr ange⸗ meſſen ſind; wie auch, daß wir mit den Vorarbeiten zu einem Werke die Jahre hinbringen, welche derweilen unvermerkt uns die Kräfte zur Ausführung deſſelben rauben. So geſchieht es denn oft, daß der mit ſo langer Mühe und vieler Gefahr erworbene Reichthum uns nicht mehr genießbar iſt und wir für Andere ge⸗ arbeitet haben; oder auch, daß wir den durch vieljähriges Treiben und Trachten endlich erreichten Poſten auszufüllen nicht mehr im Stande ſind: die Dinge ſind zu ſpät für uns gekommen. Oder D 15 auch umgekehrt, wir kommen zu ſpät mit den Dingen; da näm⸗ lich, wo es ſich um Leiſtungen, oder Produktionen handelt: der Geſchmack der Zeit hat ſich geändert; ein neues Geſchlecht iſt herangewachſen, welches an den Sachen keinen Antheil nimmt; Andere ſind, auf kürzeren Wegen, uns zuvorgekommen u. ſ. f. Alles unter dieſer Nummer Angeführte hat Horaz im Sinne, wenn er ſagt: ö 8 quid aeternis minorem Consiliis animum fatigas? Der Anlaß zu dieſem häufigen Mißgriff iſt die unvermeidliche optiſche Täuſchung des geiſtigen Auges, vermöge welcher das Leben, vom Eingange aus geſehn, endlos, aber wenn man vom Ende der Bahn zurückblickt, ſehr kurz erſcheint. Freilich hat ſie ihr Gutes: denn ohne ſie käme ſchwerlich etwas Großes zu Stande. Ueberhaupt aber ergeht es uns im Leben wie dem Wan⸗ derer, vor welchem, indem er vorwärts ſchreitet, die Gegenſtände andere Geſtalten annehmen, als die ſie von ferne zeigten, und ſich gleichſam verwandeln, indem er ſich nähert. Beſonders geht es mit unſern Wünſchen ſo. Oft finden wir etwas ganz An⸗ deres, ja, Beſſeres, als wir ſuchten; oft auch das Geſuchte ſelbſt auf einem ganz andern Wege, als den wir zuerſt vergeblich danach eingeſchlagen hatten. Zumal wird uns oft da, wo wir A D A 29 Schopenhauer, Werke V 439
Paränesen und Maximen. Genuß, Glück, Freude ſuchten, ſtatt ihrer Belehrung, Einſicht, Erkenntniß, — ein bleibendes, wahrhaftes Gut, ſtatt eines ver⸗ gänglichen und ſcheinbaren. Dies iſt auch der Gedanke, welcher im Wilhelm Meiſter als Grundbaß durchgeht, indem dieſer ein intellektueller Roman und eben dadurch höherer Art iſt, als alle übrigen, ſogar die von Walter Scott, als welche ſämmtlich nur ethiſch ſind, d. h. die menſchliche Natur bloß von der Willens⸗ ſeite auffaſſen. Ebenfalls in der Zauberflöte, dieſer grottesken, aber bedeutſamen und vieldeutigen Hieroglyphe, iſt jener ſelbe Grundgedanke, in großen und groben Zügen, wie die der Theater⸗ dekorationen ſind, ſymboliſirt; ſogar würde er es vollkommen ſeyn, wenn, am Schluſſe, der Tamino, vom Wunſche, die Tamina zu beſitzen, zurückgebracht, ſtatt ihrer, allein die Weihe im Tempel der Weisheit verlangte und erhielte; hingegen ſeinem nothwen⸗ digen Gegenſatze, dem Papageno, richtig ſeine Papagena würde. — Vorzügliche und edle Menſchen werden jener Erziehung des Schickſals bald inne und fügen ſich bildſam und dankbar in dieſelbe: ſie ſehn ein, daß in der Welt wohl Belehrung, aber nicht Glück zu finden ſei, werden es ſonach gewohnt und zu⸗ frieden, Hoffnungen gegen Einſichten zu vertauſchen, und ſagen endlich mit Petrarka: Altro diletto, che mparar, non provo. Es kann damit ſogar dahin kommen, daß ſie ihren Wünſchen und Beſtrebungen gewiſſermaaßen nur noch zum Schein und tändelnd nachgehn, eigentlich aber und im Ernſt ihres Innern, bloß Belehrung erwarten; welches ihnen alsdann einen beſchaulichen, genialen, erhabenen Anſtrich giebt. — Man kann in dieſem Sinne auch ſagen, es gehe uns wie den Alchemiſten, welche, indem ſie nur Gold ſuchten, Schießpulver, Porzellan, Arzeneien, ja, Natur⸗ geſetze entdeckten. B. Unſer Verhalten gegen uns ſelbſt betreffend. 4) Wie der Arbeiter, welcher ein Gebäude aufführen hilft, den Plan des Ganzen entweder nicht kennt, oder doch nicht immer gegenwärtig hat; ſo verhält der Menſch, indem er die einzelnen 440 — 0 — 5 30 Paränesen und Maæimen. Tage und Stunden feines Lebens abfpinnt, ſich zum Ganzen ſeines Lebenslaufes und des Charakters deſſelben. Je würdiger, [395] bedeutender, planvoller und individueller dieſer iſt; deſto mehr iſt 1 I 2 2 7 3 es nöthig und wohlthätig, daß der verkleinerte Grundriß deſſelben, 5 ber Plan, ihm bisweilen vor die Augen komme. Freilich gehört auch dazu, daß er einen kleinen Anfang in dem yr cavrov gemacht habe, alſo wiſſe, was er eigentlich, hauptſächlich und vor allem Andern will, was alfo für fein Glück das Weſentlichſte iſt, ſodann was die zweite und dritte Stelle nach dieſem einnimmt; o wie auch, daß er erkenne, welches, im Ganzen, ſein Beruf, ſeine Rolle und ſein Verhältniß zur Welt ſei. Iſt nun dieſes bedeu⸗ tender und grandioſer Art; ſo wird der Anblick des Planes ſeines Lebens, im verjüngten Maaßſtabe, ihn, mehr als irgend etwas, ſtärken, aufrichten, erheben, zur Thätigkeit ermuntern und von 5 Abwegen zurückhalten. Wie der Wanderer erſt, wann er auf einer Höhe angekommen iſt, den zurückgelegten Weg, mit allen ſeinen Wendungen und Krümmungen, im Zuſammenhange überblickt und erkennt; ſo er⸗ kennen wir erſt am Ende einer Periode unſers Lebens, oder gar des ganzen, den wahren Zuſammenhang unſerer Thaten, Leiſtungen und Werke, die genaue Konſequenz und Verkettung, ja, auch den Werth derſelben. Denn, ſo lange wir darin begriffen ſind, handeln wir nur immer nach den feſtſtehenden Eigenſchaften unſers Charakters, unter dem Einfluß der Motive, und nach dem Maaße unſerer Fähigkeiten, alfo durchweg mit Nothwen⸗ digkeit, indem wir in jedem Augenblick bloß thun, was uns jetzt eben das Rechte und Angemeſſene dünkt. Erſt der Erfolg zeigt was dabei herausgekommen, und der Rückblick auf den ganzen Zuſammenhang das Wie und Wodurch. Daher eben auch ſind wir, während wir die größten Thaten vollbringen, oder unſterbliche Werke ſchaffen, uns derſelben nicht als ſolcher bewußt, ſondern bloß als des unſern gegenwärtigen Zwecken Angemeſſenen, unſern dermaligen Abſichten Entſprechenden, alſo jetzt gerade Rechten: aber erſt aus dem Ganzen in ſeinem Zu⸗ ſammenhange leuchten nachher unſer Charakter und unſere Fähig⸗ keiten hervor: und im Einzelnen ſehn wir dann, wie wir, als wäre es durch Inſpiration geſchehn, den einzig richtigen Weg, unter tauſend Abwegen, eingeſchlagen haben, — von unſerm 8 8 A 29* 441
Paränesen und Maximen. Genius geleitet. Dies Alles gilt vom Theoretiſchen, wie vom Praktiſchen, und im umgekehrten Sinne vom Schlechten und Verfehlten. — Die Wichtigkeit der Gegenwart wird ſelten ſofort erkannt, ſondern erſt viel ſpäter. 5) Ein wichtiger Punkt der Lebensweisheit beſteht in dem richtigen Verhältniß, in welchem wir unſere Aufmerkſamkeit theils der Gegenwart, theils der Zukunft widmen, damit nicht die eine uns die andere verderbe. Viele leben zu ſehr in der Gegen⸗ wart: die Leichtſinnigen; — Andere zu ſehr in der Zukunft: die Aengſtlichen und Beſorglichen. Selten wird Einer genau das rechte Maaß halten. Die, welche, mittelſt Streben und Hoffen, nur in der Zukunft leben, immer vorwärts ſehn und mit Un⸗ geduld den kommenden Dingen entgegeneilen, als welche allererſt das wahre Glück bringen ſollen, inzwiſchen aber die Gegenwart unbeachtet und ungenoſſen vorbeiziehn laſſen, ſind, trotz ihren altklugen Mienen, jenen Eſeln in Italien zu vergleichen, deren Schritt dadurch beſchleunigt wird, daß an einem, ihrem Kopf an⸗ gehefteten Stock ein Bündel Heu hängt, welches ſie daher ſtets dicht vor ſich ſehn und zu erreichen hoffen. Denn ſie betrügen ſich ſelbſt um ihr ganzes Daſeyn, indem ſie ſtets nur ad interim leben, — bis ſie todt ſind. — Statt alſo mit den Plänen und Sorgen für die Zukunft ausſchließlich und immerdar beſchäftigt zu ſeyn, oder aber uns der Sehnſucht nach der Vergangenheit hinzugeben, ſollten wir nie vergeſſen, daß die Gegenwart allein real und allein gewiß iſt; hingegen die Zukunft faſt immer an⸗ ders ausfällt, als wir ſie denken; ja, auch die Vergangenheit anders war; und zwar ſo, daß es mit Beiden, im Ganzen, weniger auf ſich hat, als es uns ſcheint. Denn die Ferne, welche dem Auge die Gegenſtände verkleinert, vergrößert ſie dem Ge⸗ danken. Die Gegenwart allein iſt wahr und wirklich: ſie iſt die real erfüllte Zeit, und ausſchließlich in ihr liegt unſer Da⸗ ſeyn. Daher ſollten wir ſie ſtets einer heitern Aufnahme wür⸗ digen, folglich jede erträgliche und von unmittelbaren Wider⸗ wärtigkeiten, oder Schmerzen, freie Stunde mit Bewußtſeyn als ſolche genießen, d. h. fie nicht trüben durch verdrießliche Gefichter über verfehlte Hoffnungen in der Vergangenheit, oder Beſorg⸗ niſſe für die Zukunft. Denn es iſt durchaus thöricht, eine gute gegenwärtige Stunde von ſich zu ſtoßen, oder ſie ſich muthwillig 442 — 2 3 1396 ws 0 5 5 0 5 Paränesen und Maximen. ö zu verderben, aus Verdruß über das Vergangene, oder Beſorgniß 10 I A 2 8 25 35 wegen des Kommenden. Der Sorge, ja, felbft der Reue, fei ihre beſtimmte Zeit gewidmet: danach aber ſoll man über das Geſchehene denken: Aue Ta hen Nerat EuTopey MyXYUpEvor Rep, Ono evt orndeoor Prkoy danacavres GY, und über das Künftige: Hror rauız Jeb Ey yovvaoı xt, hingegen über die Gegenwart: singulas dies singulas vitas puta (Sen.) und dieſe allein reale Zeit ſich ſo angenehm wie möglich machen. Uns zu beunruhigen ſind bloß ſolche künftige Uebel berechtigt, welche gewiß ſind und deren Eintrittszeit ebenfalls gewiß iſt. Dies werden aber ſehr wenige ſeyn: denn die Uebel ſind entweder bloß möglich, allenfalls wahrſcheinlich; oder ſie ſind zwar gewiß; allein ihre Eintrittszeit iſt völlig ungewiß. Läßt man nun auf dieſe beiden Arten ſich ein; ſo hat man keinen ruhigen Augenblick mehr. Um alſo nicht der Ruhe unſers Lebens durch ungewiſſe, oder unbeſtimmte Uebel verluſtig zu werden, müſſen wir uns gewöh⸗ nen, jene anzuſehn, als kämen ſie nie; dieſe, als kämen ſie gewiß nicht ſobald. N Je mehr nun aber Einem die Furcht Ruhe läßt, deſto mehr beunruhigen ihn die Wünſche, die Begierden und Anſprüche. Goethes ſo beliebtes Lied, „ich hab' mein' Sach auf nichts ge⸗ ſtellt“, beſagt eigentlich, daß erſt nachdem der Menſch aus allen möglichen Anſprüchen herausgetrieben und auf das nackte, kahle Daſeyn zurückgewieſen iſt, er derjenigen Geiſtesruhe theilhaft wird, welche die Grundlage des menſchlichen Glückes ausmacht, indem ſie nöthig iſt, um die Gegenwart, und ſomit das ganze [397] Leben, genießbar zu finden. Zu eben dieſem Zwecke ſollten wir ſtets eingedenk ſeyn, daß der heutige Tag nur Ein Mal kommt und nimmer wieder. Aber wir wähnen, er komme morgen wie⸗ der: morgen iſt jedoch ein anderer Tag, der auch nur Ein Mal kommt. Wir aber vergeſſen, daß jeder Tag ein integrirender und daher unerſetzlicher Theil des Lebens iſt, und betrachten ihn vielmehr als unter demſelben ſo enthalten, wie die Individuen unter dem Gemeinbegriff. — Ebenfalls würden wir die Gegen⸗ 443
Paränesen und Maximen. wart beſſer würdigen und genießen, wenn wir, in guten und geſunden Tagen, uns ſtets bewußt wären, wie, in Krankheiten, oder Betrübniſſen, die Erinnerung uns jede ſchmerz⸗ und ent⸗ behrungsloſe Stunde als unendlich beneidenswerth, als ein ver⸗ lorenes Paradies, als einen verkannten Freund vorhält. Aber wir verleben unſere ſchönen Tage, ohne ſie zu bemerken: erſt wann die ſchlimmen kommen, wünſchen wir jene zurück. Tauſend heitere, angenehme Stunden laſſen wir, mit verdrießlichem Ge⸗ ſicht, ungenoſſen an uns vorüberziehn, um nachher, zur trüben Zeit, mit vergeblicher Sehnſucht ihnen nachzuſeufzen. Statt deſſen ſollten wir jede erträgliche Gegenwart, auch die alltägliche, welche wir jetzt ſo gleichgültig vorüberziehn laſſen, und wohl gar noch ungeduldig nachſchieben, — in Ehren halten, ſtets ein⸗ gedenk, daß ſie eben jetzt hinüberwallt in jene Apotheoſe der Vergangenheit, woſelbſt ſie fortan, vom Lichte der Unvergänglich⸗ keit umſtrahlt, vom Gedächtniſſe aufbewahrt wird, um, wann dieſes einſt, beſonders zur ſchlimmen Stunde, den Vorhang lüftet, als ein Gegenſtand unſerer innigen Sehnſucht ſich dar⸗ zuſtellen. 6) Alle Beſchränkung beglückt. Je enger unſer Ge⸗ ſichts-, Wirkungs⸗ und Berührungskreis, deſto glücklicher find wir: je weiter, deſto öfter fühlen wir uns gequält, oder ge⸗ ängſtigt. Denn mit ihm vermehren und vergrößern ſich die Sorgen, Wünſche und Schreckniſſe. Darum ſind ſogar Blinde nicht ſo unglücklich, wie es uns a priori ſcheinen muß: dies be⸗ zeugt die ſanfte, faſt heitere Ruhe in ihren Geſichtszügen. Auch beruht es zum Theil auf dieſer Regel, daß die zweite Hälfte des Lebens trauriger ausfällt, als die erſte. Denn im Laufe des Lebens wird der Horizont unſerer Zwecke und Beziehungen immer weiter. In der Kindheit iſt er auf die nächſte Umgebung und die engſten Verhältniſſe beſchränkt; im Jünglingsalter reicht er ſchon bedeutend weiter; im Mannesalter umfaßt er unſern ganzen Lebenslauf, ja, erſtreckt ſich oft auf die entfernteſten Verhältniſſe, auf Staaten und Völker; im Greiſenalter umfaßt er die Nach⸗ kommen. — Jede Beſchränkung hingegen, ſogar die geiſtige, iſt unſerm Glücke förderlich. Denn je weniger Erregung des Willens, deſto weniger Leiden: und wir wiſſen, daß das Leiden das Poſi⸗ tive, das Glück bloß negativ iſt. Beſchränktheit des Wirkungs⸗ 444 — 0 [398] Paränesen und Maximen. kreiſes benimmt dem Willen die äußern Veranlaſſungen zur Er: regung; Beſchränktheit des Geiſtes die innern. Nur hat Letztere den Nachtheil, daß ſie der Langenweile die Thüre öffnet, welche mittelbar die Quelle unzähliger Leiden wird, indem man, um nur 5 fie zu bannen, nach Allem greift, alſo Zerſtreuung, Geſellſchaft, Luxus, Spiel, Trunk u. ſ. w. verſucht, welche jedoch Schaden, Ruin und Unglück jeder Art herbeiziehn. Difficilis in otio quies. Wie ſehr hingegen die äußere Beſchränkung dem menſchlichen Glücke, ſo weit es gehn kann, förderlich, ja, nothwendig ſei, iſt 10 daran erſichtlich, daß die einzige Dichtungsart, welche glückliche Menſchen zu ſchildern unternimmt, das Idyll, ſie ſtets und weſentlich in höchſt beſchränkter Lage und Umgebung darſtellt. Das Gefühl der Sache liegt auch unſerm Wohlgefallen an den ſogenannten Genre⸗Bildern zum Grunde. — Demgemäß wird die 15 möglichſte Einfachheit unſerer Verhältniffe und ſogar die Ein⸗ förmigkeit der Lebensweiſe, ſo lange ſie nicht Langeweile erzeugt, beglücken; weil ſie das Leben ſelbſt, folglich auch die ihm weſent⸗ liche Laſt, am wenigſten ſpüren läßt: es fließt dahin, wie ein Bach, ohne Wellen und Strudel. 20 7) In Hinſicht auf unſer Wohl und Wehe kommt es in letzter Inſtanz darauf an, womit das Bewußtſeyn erfüllt und beſchäftigt ſei. Hier wird nun im Ganzen jede rein intellektuelle Beſchäftigung dem ihrer fähigen Geiſte viel mehr leiſten, als das wirkliche Leben, mit ſeinem beſtändigen Wechſel des Gelingens 25 und Mißlingens, nebſt ſeinen Erſchütterungen und Plagen. Nur ſind dazu freilich ſchon überwiegende geiſtige Anlagen erfordert. Sodann iſt hiebei zu bemerken, daß, wie das nach außen thätige Leben uns von den Studien zerſtreut und ablenkt, auch dem Geiſte die dazu erforderliche Ruhe und Sammlung benimmt; eben ſo 30 andererſeits die anhaltende Geiſtesbeſchäftigung zum Treiben und 1399 Tummeln des wirklichen Lebens, mehr oder weniger, untüchtig macht: daher iſt es rathſam, dieſelbe auf eine Weile ganz einzu⸗ ſtellen, wann Umſtände eintreten, die irgendwie eine energiſche praktiſche Thätigkeit erfordern. 35 8) Um mit vollkommener Beſonnenheit zu leben und aus der eigenen Erfahrung alle Belehrung, die ſie enthält, herauszu⸗ ziehn, iſt erfordert, daß man oft zurückdenke und was man erlebt, gethan, erfahren und dabei empfunden hat rekapitulire, auch ſein 445
Paränesen und Maximen. ehemaliges Urtheil mit feinem gegenwärtigen, feinen Vorſatz und Streben mit dem Erfolg und der Befriedigung durch denfelben vergleiche. Dies iſt die Repetition des Privatiſſimums, welches Jedem die Erfahrung lieſt. Auch läßt die eigene Erfahrung ſich anſehn als der Tert; Nachdenken und Kenntniſſe als der Kom⸗ mentar dazu. Viel Nachdenken und Kenntniſſe, bei wenig Erfah⸗ rung, gleicht den Ausgaben, deren Seiten zwei Zeilen Tert und vierzig Zeilen Kommentar darbieten. Viel Erfahrung, bei wenig Nachdenken und geringen Kenntniſſen, gleicht den bipontiniſchen Ausgaben, ohne Noten, welche Vieles unverſtanden laſſen. Auf die hier gegebene Anempfehlung zielt auch die Regel des Pythagoras, daß man Abends, vor dem Einſchlafen, durch⸗ muſtern ſolle, was man den Tag über gethan hat. Wer im Getümmel der Geſchäfte, oder Vergnügungen, dahinlebt, ohne je ſeine Vergangenheit zu ruminiren, vielmehr nur immerfort ſein Leben abhaspelt, dem geht die klare Beſonnenheit verloren: ſein Gemüth wird ein Chaos, und eine gewiſſe Verworrenheit kommt in ſeine Gedanken, von welcher alsbald das Abrupte, Fragmen⸗ tariſche, gleichſam Kleingehackte ſeiner Konverſation zeugt. Dies iſt um ſo mehr der Fall, je größer die äußere Unruhe, die Menge der Eindrücke, und je geringer die innere Thätigkeit ſeines Geiſtes iſt. Hieher gehört die Bemerkung, daß, nach längerer Zeit und nachdem die Verhältniſſe und Umgebungen, welche auf uns ein⸗ wirkten, vorübergegangen ſind, wir nicht vermögen, unſere damals durch ſie erregte Stimmung und Empfindung uns zurückzurufen und zu erneuern: wohl aber können wir unſerer eigenen, damals von ihnen hervorgerufenen Aeußerungen uns erinnern. Dieſe nun ſind das Reſultat, der Ausdruck und der Maaßſtab jener. Daher ſollte das Gedächtniß, oder das Papier, dergleichen, aus [400] denkwürdigen Zeitpunkten, ſorgfältig aufbewahren. Hiezu ſind Tagebücher ſehr nützlich. 9) Sich ſelber genügen, ſich ſelber Alles in Allem ſeyn, und ſagen können omnia mea mecum porto, iſt gewiß für unſer Glück — vw N 5 0 5 die förderlichſte Eigenſchaft: daher der Ausſpruch des Ariſtoteles 35 A svönovin tav aurapxav ͤ et (felicitas sibi suf ficientium est. Eth. Eud. 7, 2) nicht zu oft wiederholt werden kann. (Auch iſt es im Weſentlichen der ſelbe Gedanke, den, in einer überaus artigen 446 1 1 2 2 3 3 Paränesen und Maximen. Wendung, die Sentenz Chamfort's ausdrückt, welche ich dieſer Abhandlung als Motto vorgeſetzt habe.) Denn theils darf man, mit einiger Sicherheit, auf niemand zählen, als auf ſich ſelbſt, und theils ſind die Beſchwerden und Nachtheile, die Gefahr und 5 ber Verdruß, welche die Geſellſchaft mit ſich führt, unzählig und unausweichbar. Kein verkehrterer Weg zum Glück, als das Leben in der großen Welt, in Saus und Braus (high life): Denn es bezweckt, unſer elendes Daſeyn in eine Succeſſion von Freude, Genuß, Vergnügen o zu verwandeln, wobei die Enttäuſchung nicht ausbleiben kann; ſo wenig, wie bei der obligaten Begleitung dazu, dem gegenſeitigen einander Belügen. ) f Zunächſt erfordert jede Geſellſchaft nothwendig eine gegen⸗ ſeitige Ackommodation und Temperatur: daher wird ſie, je größer, 5 deſto fader. Ganz er ſelbſt ſeyn darf Jeder nur fo lange er allein iſt: wer alſo nicht die Einſamkeit liebt, der liebt auch nicht die Freiheit: denn nur wann man allein iſt, iſt man frei. Zwang iſt der unzertrennliche Gefährte jeder Geſellſchaft, und jede for⸗ dert Opfer, die um ſo ſchwerer fallen, je bedeutender die eigene Individualität iſt. Demgemäß wird Jeder in genauer Proportion zum Werthe ſeines eigenen Selbſt die Einſamkeit fliehen, er⸗ tragen, oder lieben. Denn in ihr fühlt der Jämmerliche ſeine ganze Jämmerlichkeit, der große Geiſt ſeine ganze Größe, kurz, Jeder ſich als was er iſt. Ferner, je höher Einer auf der Rang⸗ liſte der Natur ſteht, deſto einſamer ſteht er, und zwar weſentlich und unvermeidlich. Dann aber iſt es eine Wohlthat für ihn, wenn die phyſiſche Einſamkeit der geiſtigen entſpricht: widrigen⸗ falls dringt die häufige Umgebung heterogener Weſen ſtörend, ja, feindlich auf ihn ein, raubt ihm ſein Selbſt und hat nichts als Erſatz dafür zu geben. Sodann, während die Natur zwiſchen Menſchen die weiteſte Verſchiedenheit, im Moraliſchen und In⸗ tellektuellen, geſetzt hat, ſtellt die Geſellſchaft, dieſe für nichts achtend, ſie alle gleich, oder vielmehr ſie ſetzt an ihre Stelle die künſtlichen Unterſchiede und Stufen des Standes und Ranges, 8 A © 5» Wie unſer Leib in die Gewänder, fo iſt unſer Geift in Lügen ver hüllt. Unſer Reden, Thun, unſer ganzes Weſen, iſt lügenhaft: und erſt durch dieſe Hülle hindurch kann man bisweilen unſere wahre Gefinnung er⸗ rathen, wie durch die Gewänder hindurch die Geſtalt des Leibes. 447
Paränesen und Maximen. welche der Rangliſte der Natur ſehr oft diametral entgegen laufen. Bei dieſer Anordnung ſtehn ſich Die, welche die Natur niedrig geſtellt hat, ſehr gut; die Wenigen aber, welche ſie hoch ſtellte, kommen dabei zu kurz; daher dieſe ſich der Ge⸗ ſellſchaft zu entziehn pflegen und in jeder, ſobald ſie zahlreich iſt, das Gemeine vorherrſcht. Was den großen Geiſtern die Geſell⸗ ſchaft verleidet, iſt die Gleichheit der Rechte, folglich der An⸗ ſprüche, bei der Ungleichheit der Fähigkeiten, folglich der (geſell⸗ ſchaftlichen) Leiſtungen, der Andern. Die ſogenannte gute Societät läßt Vorzüge aller Art gelten, nur nicht die geiſtigen: dieſe find [4or] ſogar Kontrebande. Sie verpflichtet uns, gegen jede Thorheit, Narrheit, Verkehrtheit, Stumpfheit, gränzenloſe Geduld zu be⸗ weiſen; perſönliche Vorzüge hingegen ſollen ſich Verzeihung erbetteln, oder ſich verbergen; denn die geiſtige Ueberlegenheit verletzt durch ihre bloße Exiſtenz, ohne alles Zuthun des Willens. Demnach hat die Geſellſchaft, welche man die gute nennt, nicht nur den Nachtheil, daß ſie uns Menſchen darbietet, die wir nicht loben und lieben können, ſondern ſie läßt auch nicht zu, daß wir ſelbſt ſeien, wie es unſerer Natur angemeſſen iſt; vielmehr nöthigt fie uns, des Einklanges mit den Andern wegen, einzuſchrum⸗ pfen, oder gar uns ſelbſt zu verunſtalten. Geiſtreiche Reden oder Einfälle gehören nur vor geiſtreiche Geſellſchaft: in der ge⸗ wöhnlichen ſind ſie geradezu verhaßt; denn um in dieſer zu gefallen, iſt durchaus nothwendig, daß man platt und bornirt ſei. In ſolcher Geſellſchaft müſſen wir daher, mit ſchwerer Selbſtverleugnung, / unſerer ſelbſt aufgeben, um uns den An⸗ dern zu verähnlichen. Dafür haben wir dann freilich die Andern: aber je mehr eigenen Werth Einer hat, deſto mehr wird er finden, daß hier der Gewinn den Verluſt nicht deckt und das Geſchäft zu ſeinem Nachtheil ausſchlägt; weil die Leute, in der Regel, inſolvent ſind, d. h. in ihrem Umgang nichts haben, das für die Langweiligkeit, die Beſchwerden und Unannehmlichkeiten deſſelben und für die Selbſtverleugnung, die er auflegt, ſchadlos hielte: demnach iſt die allermeiſte Geſellſchaft ſo beſchaffen, daß wer ſie gegen die Einſamkeit vertauſcht einen guten Handel macht. Dazu kommt noch, daß die Geſellſchaft, um die ächte, d. i. die geiſtige Ueberlegenheit, welche ſie nicht verträgt und die auch ſchwer zu finden iſt, zu erſetzen, eine falſche, konventionelle, auf 448 15 0 0 30 Paränesen und Maximen. willkürlichen Satzungen beruhende und traditionell unter den höhern Ständen ſich fortpflanzende, auch, wie die Parole, veränderliche Ueberlegenheit, beliebig angenommen hat: dieſe iſt, was der gute Ton, bon ton, fashionableness genannt wird. Wann ſie jedoch ein Mal mit der ächten in Kolliſion geräth, zeigt ſich ihre Schwäche. — Zudem, quand le bon ton arrive, le bon sens se retire. Ueberhaupt aber kann Jeder im vollkommenſten Ein⸗ klange nur mit ſich ſelbſt ſtehn; nicht mit ſeinem Freunde, nicht 10 mit feiner Geliebten: denn die Unterſchiede der Individualität und Stimmung führen allemal eine, wenn auch geringe, Diſſonanz herbei. Daher iſt der wahre, tiefe Friede des Herzens und die vollkommene Gemüthsruhe, dieſes, nächſt der Geſundheit, höchſte irdiſche Gut, allein in der Einſamkeit zu finden und als dauernde 15 Stimmung nur in der tiefſten Zurückgezogenheit. Iſt dann das eigene Selbſt groß und reich; fo genießt man den glücklichſten Zuſtand, der auf dieſer armen Erde gefunden werden mag. Ja, es ſei herausgeſagt: ſo eng auch Freundſchaft, Liebe und Ehe Menſchen verbinden; ganz ehrlich meint Jeder es am Ende 20 doch nur mit ſich ſelbſt und höchſtens noch mit ſeinem Kinde. — Je weniger Einer, in Folge objektiver oder ſubjektiver Bedin⸗ gungen, nöthig hat, mit den Menſchen in Berührung zu kommen, deſto beffer iſt er daran. Die Einſamkeit und Dede läßt alle ihre Uebel auf ein Mal, wenn auch nicht empfinden, doch über⸗ 25 ſehn: hingegen die Geſellſchaft iſt inſidiös: fie verbirgt hinter dem Scheine der Kurzweil, der Mittheilung, des geſelligen Genuſſes u. ſ. f. große, oft unheilbare Uebel. Ein Haupt⸗ ſtudium der Jugend ſollte ſeyn, die Einſamkeit ertragen zu lernen; weil ſie eine Quelle des Glückes, der Gemüthsruhe 30 iſt. — Aus dieſem Allen nun folgt, daß Der am beſten daran iſt, der nur auf ſich ſelbſt gerechnet hat und ſich ſelber Alles in Allem ſeyn kann; ſogar ſagt Cicero: Nemo potest non beatissimus esse, qui est totus aptus ex sese, quique in se uno ponit omnia. (Paradox. II.) Zudem, je mehr Einer 35 an ſich ſelber hat, deſto weniger können Andere ihm ſeyn. [402) Ein gewiſſes Gefühl von Allgenugſamkeit iſt es, welches die Leute von innerm Werth und Reichthum abhält, der Gemein⸗ ſchaft mit Andern die bedeutenden Opfer, welche ſie verlangt, zu 449
Paränesen und Maximen. bringen, geſchweige dieſelbe, mit merklicher Selbſtverleugnung, zu ſuchen. Das Gegentheil hievon macht die gewöhnlichen Leute ſo geſellig und ackommodant: es wird ihnen nämlich leichter, An⸗ dere zu ertragen, als ſich ſelbſt. Noch kommt hinzu, daß was wirklichen Werth hat in der Welt nicht geachtet wird, und was geachtet wird keinen Werth hat. Hievon iſt die Zurückgezogenheit jedes Würdigen und Ausgezeichneten der Beweis und die Folge. Dieſem Allen nach wird es in Dem, der etwas Rechtes an ſich ſelber hat, ächte Lebensweisheit ſeyn, wenn er, erforderlichen Falls, ſeine Bedürfniſſe einſchränkt, um nur ſeine Freiheit zu wahren, oder zu erweitern, und demnach mit ſeiner Perſon, da ſie un⸗ vermeidliche Verhältniſſe zur Menſchenwelt hat, ſo kurz wie möglich ſich abfindet. Was nun andererſeits die Menſchen geſellig macht iſt ihre Unfähigkeit, die Einſamkeit, und in dieſer ſich ſelbſt, zu ertragen. Innere Leere und Ueberdruß ſind es, von denen ſie ſowohl in die Geſellſchaft, wie in die Fremde und auf Reiſen getrieben werden. Ihrem Geiſte mangelt es an Federkraft, ſich eigene Bewegung zu ertheilen: daher ſuchen ſie Erhöhung derſelben durch Wein und werden Viele auf dieſem Wege zu Trunken⸗ bolden. Eben daher bedürfen ſie der ſteten Erregung von außen und zwar der ſtärkeſten, d. i. der durch Weſen ihres Gleichen. Ohne dieſe ſinkt ihr Geiſt, unter ſeiner eigenen Schwere, zu⸗ ſammen und verfällt in eine drückende Lethargie. f) Imgleichen ließe ſich ſagen, daß Jeder von ihnen nur ein kleiner Bruch der Idee 1) Bekanntlich werden Uebel dadurch erleichtert, daß man fie gemeinſchaft⸗ lich erträgt: zu dieſen ſcheinen die Leute die Langeweile zu zählen; daher ſie ſich zuſammenſetzen, um ſich gemeinſchaftlich zu langweilen. Wie die Liebe zum Leben im Grunde nur Furcht vor dem Tode iſt, fo iſt auch der Ge⸗ ſelligkeitstrieb der Menſchen im Grunde kein direkter, beruht nämlich nicht auf Liebe zur Geſellſchaft, ſondern auf Furcht vor der Einf amkeit, indem es nicht ſowohl die holdſälige Gegenwart der Andern iſt, die geſucht, als vielmehr die Oede und Beklommenheit des Alleinſeyns, nebſt der Monotonie des eigenen Bewußtſeyns, die geflohen wird; welcher zu entgehn man daher auch mit ſchlechter Geſellſchaft vorlieb nimmt, imgleichen das Läſtige und den Zwang, den eine jede nothwendig mit ſich bringt, ſich gefallen läßt. — Hat hingegen der Widerwille gegen dieſes Alles geſiegt und iſt, in Folge davon, die Gewohnheit der Einſamkeit und die Abhärtung gegen ihren unmittelbaren Eindruck eingetreten, ſo daß ſie die oben bezeichneten Wirkungen nicht mehr 450 — D — 5 vw 0 8 5 0 w Paränesen und Maximen. der Menſchheit fei, daher er vieler Ergänzung durch Andere bedarf, damit einigermaaßen ein volles menſchliches Bewußtſeyn herauskomme: hingegen wer ein ganzer Menſch iſt, ein Menſch par excellence, der ſtellt eine Einheit und keinen Bruch dar, 5 hat daher an ſich ſelbſt genug. Man kann, in dieſem Sinne, die gewöhnliche Geſellſchaft jener ruſſiſchen Hornmuſik vergleichen, bei der jedes Horn nur Einen Ton hat und bloß durch das pünkt⸗ liche Zuſammentreffen aller eine Muſik herauskommt. Denn monoton, wie ein ſolches eintöniges Horn, iſt der Sinn und 10 Geiſt der allermeiſten Menſchen: ſehn doch viele von ihnen ſchon aus, als hätten ſie immerfort nur Einen und den ſelben Ge⸗ danken, unfähig irgend einen andern zu denken. Hieraus alſo er⸗ [403] klärt ſich nicht nur, warum fie fo langweilig, ſondern auch warum ſie ſo geſellig ſind und am liebſten heerdenweiſe einhergehn: the 15 gregariousness of mankind. Die Monotonie feines eigenen Weſens iſt es, die jedem von ihnen unerträglich wird: — omnis stultitia laborat fastidio sui: — nur zuſammen und durch die Vereinigung ſind ſie irgend etwas; — wie jene Horn⸗ bläſer. Dagegen iſt der geiſtvolle Menſch einem Virtuoſen zu 20 vergleichen, der ſein Konzert allein ausführt; oder auch dem Klavier. Wie nämlich dieſes, für ſich allein, ein kleines Orcheſter, ſo iſt er eine kleine Welt, und was jene Alle erſt durch das Zu⸗ ſammenwirken ſind, ſtellt er dar in der Einheit Eines Bewußt⸗ ſeyns. Wie das Klavier, iſt er kein Theil der Symphonie, ſon⸗ 25 dern für das Solo und die Einſamkeit geeignet: ſoll er mit ihnen zuſammenwirken; ſo kann er es nur ſeyn als Principal⸗ ſtimme mit Begleitung, wie das Klavier; oder zum Tonangeben, bei Vokalmuſik, wie das Klavier. — Wer inzwiſchen Geſellſchaft liebt kann ſich aus dieſem Gleichniß die Regel abſtrahiren, daß 30 was den Perſonen ſeines Umgangs an Qualität abgeht durch die Quantität einigermaaßen erſetzt werden muß. An einem einzigen geiſtvollen Menſchen kann er Umgang genug haben: iſt aber nichts, als die gewöhnliche Sorte zu finden; ſo iſt es gut, von dieſer recht viele zu haben, damit durch die Mannigfaltigkeit 35 hervorbringt; dann kann man mit größter Behaglichkeit immerfort allein ſeyn, ohne ſich nach Geſellſchaft zu ſehnen; eben weil das Bedürfniß derſelben kein direktes iſt, und man andererſeits ſich jetzt an die wohlthätigen Eigenſchaften der Einſamkeit gewöhnt hat. 451
Paränesen und Maximen. und das Zuſammenwirken etwas herauskomme, — nach Ana⸗ logie der beſagten Hornmuſik: — und der Himmel ſchenke ihm dazu Geduld. Jener innern Leere aber und Dürftigkeit der Menſchen iſt auch Dieſes zuzuſchreiben, daß, wenn ein Mal, irgend einen edelen, idealen Zweck beabſichtigend, Menſchen beſſerer Art zu einem Verein zuſammentreten, alsdann der Ausgang faſt immer dieſer iſt, daß aus jenem plebs der Menſchheit, welcher, in zahlloſer Menge, wie Ungeziefer, überall Alles erfüllt und be⸗ deckt, und ſtets bereit iſt, Jedes, ohne Unterſchied, zu ergreifen, um damit ſeiner Langenweile, wie unter andern Umſtänden ſeinem Mangel, zu Hülfe zu kommen, — auch dort Einige ſich ein⸗ ſchleichen, oder eindrängen, und dann bald entweder die ganze Sache zerſtören, oder ſie ſo verändern, daß ſie ziemlich das Gegentheil der erſten Abſicht wird. — Uebrigens kann man die Geſelligkeit auch betrachten als ein geiſtiges Erwärmen der Menſchen an einander, gleich jenem kör⸗ perlichen, welches ſie, bei großer Kälte, durch Zuſammendrängen hervorbringen. Allein wer ſelbſt viel geiſtige Wärme hat, bedarf ſolcher Gruppirung nicht. Eine in dieſem Sinne von mir er⸗ dachte Fabel wird man im 2. Bande dieſes Werkes finden, im letzten Kapitel. Dieſem Allen zufolge ſteht die Geſelligkeit eines Jeden ungefähr im umgekehrten Verhältniſſe feines intellektuellen Werthes; und „er iſt ſehr ungeſellig“ beſagt beinahe ſchon „er iſt ein Mann von großen Eigenſchaften.“ Dem intellektuell hochſtehenden Menſchen gewährt nämlich die Einſamkeit einen zwiefachen Vortheil: erſtlich den, mit ſich ſelber zu ſeyn, und zweitens den, nicht mit Andern zu ſeyn. Dieſen letzteren wird man hoch anſchlagen, wenn man bedenkt, wie viel Zwang, Beſchwerde und ſelbſt Gefahr jeder Umgang mit ſich bringt. Tout notre mal vient de ne pouvoir étre seuls, fagt Labruyère. Geſelligkeit gehört zu den gefähr⸗ lichen, ja, verderblichen Neigungen, da ſie uns in Kontakt bringt mit Weſen, deren große Mehrzahl moraliſch ſchlecht und intellek⸗ tuell ſtumpf oder verkehrt iſt. Der Ungeſellige iſt Einer, der 35 ihrer nicht bedarf. An ſich ſelber ſo viel zu haben, daß man der Geſellſchaft nicht bedarf, iſt ſchon deshalb ein großes Glück, weil faſt alle unſere Leiden aus der Geſellſchaft entſpringen, und 452 2 © © w 8 A Paränesen und Maximen. die Geiſtesruhe, welche, nächſt der Geſundheit, das weſentlichſte Element unſers Glückes ausmacht, durch jede Geſellſchaft ge⸗ fährdet wird und daher ohne ein bedeutendes Maaß von Einſam⸗ keit nicht wohl beſtehn kann. Um des Glückes der Geiſtesruhe theil⸗ haft zu werden, entſagten die Kyniker jedem Beſitz: wer in gleicher Abſicht der Geſellſchaft entſagt, hat das weiſeſte Mittel erwählt. Denn ſo treffend, wie ſchön, iſt was Bernardin de St. Pierre fagt: la diete des alimens nous rend la santé du corps, et celle des hommes la tranquillité de Tame. Sonach hat wer ſich zeitig mit der Einſamkeit befreundet, ja, ſie lieb gewinnt, eine Goldmine erworben. Aber keineswegs vermag Dies Jeder. Denn, wie urſprünglich die Noth, ſo treibt, nach Beſeitigung dieſer, die Langeweile die Menſchen zuſammen. Ohne Beide bliebe wohl Jeder allein; ſchon weil nur in der Ein⸗ ſamkeit die Umgebung der ausſchließlichen Wichtigkeit, ja Einzig⸗ keit entſpricht, die Jeder in ſeinen eigenen Augen hat, und welche vom Weltgedränge zu nichts verkleinert wird; als wo ſie, bei jedem Schritt, ein ſchmerzliches démenti erhält. In dieſem Sinne iſt die Einſamkeit ſogar der natürliche Zuſtand eines Jeden: ſie ſetzt ihn wieder ein, als erſten Adam, in das urſprüngliche, ſeiner Natur angemeſſene Glück. Aber hatte doch auch Adam weder Vater, noch Mutter! Daher wieder iſt, in einem andern Sinne, die Einſamkeit dem Menſchen nicht natürlich; ſofern nämlich er, bei ſeinem Eintritt in die Welt, ſich nicht allein, ſondern zwiſchen Eltern und Ge⸗ ſchwiſtern, alſo in Gemeinſchaft, gefunden hat. Demzufolge kann die Liebe zur Einſamkeit nicht als urſprünglicher Hang daſeyn, ſondern erſt in Folge der Erfahrung und des Nachdenkens ent⸗ ſtehn: und Dies wird Statt haben, nach Maaßgabe der Ent⸗ wickelung eigener geiſtiger Kraft, zugleich aber auch mit der Zu⸗ nahme der Lebensjahre; wonach dann, im Ganzen genommen, der Geſelligkeitstrieb eines Jeden im umgekehrten Verhältniſſe ſeines Alters ſtehn wird. Das kleine Kind erhebt ein Angſt⸗ und Jammergeſchrei, ſobald es nur einige Minuten allein ge⸗ laſſen wird. Dem Knaben iſt das Alleinſeyn eine große Pöni⸗ tenz. Jünglinge geſellen ſich leicht zu einander: nur die edleren und hochgeſinnten unter ihnen ſuchen ſchon bisweilen die Einſam⸗ keit: jedoch einen ganzen Tag allein zuzubringen wird ihnen 453
Paränesen und Maæimen. noch ſchwer. Dem Manne hingegen iſt Dies leicht: er kann ſchon viel allein ſeyn, und deſto mehr, je älter er wird. Der Greis, welcher aus verſchwundenen Generationen allein übrig geblieben und dazu den Lebensgenüſſen theils entwachſen, theils abgeſtorben iſt, findet an der Einſamkeit ſein eigentliches Element. Immer aber wird hiebei, in den Einzelnen, die Zunahme der Neigung zur Abſonderung und Einſamkeit nach Maaßgabe ihres intellektuellen Werthes erfolgen. Denn dieſelbe iſt, wie geſagt, keine rein natürliche, direkt durch die Bedürfniſſe hervorgerufene, vielmehr bloß eine Wirkung gemachter Erfahrung und der Reflerion über ſolche, namentlich der erlangten Einſicht in die moraliſch und intellektuell elende Beſchaffenheit der allermeiſten Menſchen, bei welcher das Schlimmſte iſt, daß, im Individuo, die mora⸗ liſchen und die intellektuellen Unvollkommenheiten deſſelben kon⸗ ſpiriren und ſich gegenſeitig in die Hände arbeiten, woraus dann allerlei höchſt widerwärtige Phänomene hervorgehn, welche den Umgang der meiſten Menſchen ungenießbar, ja, unerträglich machen. So kommt es denn, daß, obwohl in dieſer Welt gar Vieles recht ſchlecht iſt, doch das Schlechteſte darin die Geſellſchaft bleibt; ſo daß ſelbſt Voltaire, der geſellige Franzoſe, hat ſagen müſſen: la terre est couverte de gens qui ne me£ritent pas qu'on leur parle. Den ſelben Grund giebt auch der die Einſam⸗ keit ſo ſtark und beharrlich liebende, ſanftmüthige Petrarka für dieſe Neigung an: N Cercato ho sempre solitaria vita (Le rive il sanno, e le campagne, e i boschi), Per fuggir quest’ ingegni storti e loschi, Che la strada del ciel’ hanno smarrita. In gleichem Sinne führt er die Sache aus, in feinem ſchönen Buche de vita solitaria, welches Zimmermann's Vor⸗ bild zu ſeinem berühmten Werke über die Einſamkeit geweſen zu ſeyn ſcheint. Eben dieſen bloß ſekundären und mittelbaren Ur⸗ ſprung der Ungeſelligkeit drückt, in ſeiner ſarkaſtiſchen Weiſe, Chamfort aus, wenn er ſagt: on dit quelquefois d'un homme qui vit seul, il n'aime pas la société. C'est souvent comme si on disait d'un homme, quil n'aime pas la promenade, sous le pretexte qu'il ne se promene pas 454 — 0 — 5 20 35 1 1 Paränesen und Maximen. volontiers le soir dans la fort de Bondy.) Aber auch der fanfte S A 20 2 = [407] 3 A und chriſtliche Angelus Sileſius ſagt, in ſeiner Weiſe und mythi⸗ ſchen Sprache, ganz das Selbe: „Herodes iſt ein Feind; der Joſeph der Verſtand, Dem macht Gott die Gefahr im Traum (im Geiſt) bekannt. Die Welt iſt Bethlehem, Aegypten Einſamkeit: Fleuch, meine Seele! Fleuch, ſonſt ſtirbeſt du vor Leid.“ In gleichem Sinne läßt ſich Jordanus Brunus vernehmen: tanti uomini, che in terra hanno voluto gustare vita celeste, dissero con una voce: „eoce elongavi fugiens, et mansi in solitudine“. In gleichem Sinne berichtet Sadi, der Perſer, im Guliſtan, von ſich ſelbſt: „Meiner Freunde in Damaskus über⸗ drüſſig zog ich mich in die Wüſte bei Jeruſalem zurück, die Geſell⸗ ſchaft der Thiere aufzuſuchen.“ Kurz, in gleichem Sinne haben Alle geredet, die Prometheus aus beſſerem Thone geformet hatte. Welchen Genuß kann ihnen der Umgang mit Weſen gewähren, zu denen ſie nur vermittelſt des Niedrigſten und Unedelſten in ihrer eigenen Natur, nämlich des Alltäglichen, Trivialen und Gemeinen darin, irgend Beziehungen haben, die eine Gemeinſchaft begründen, und denen, weil ſie nicht zu ihrem Niveau ſich er⸗ heben können, nichts übrig bleibt, als fie zu dem ihrigen herab⸗ zuziehn, was demnach ihr Trachten wird? Sonach iſt es ein ariſtokratiſches Gefühl, welches den Hang zur Abſonderung und Einſamkeit nährt. Alle Lumpe ſind geſellig, zum Erbarmen: daß hingegen ein Menſch edlerer Art fei, zeigt ſich zunächſt daran, daß er kein Wohlgefallen an den Uebrigen hat, ſondern mehr und mehr die Einſamkeit ihrer Geſellſchaft vorzieht und dann allmälig, mit den Jahren, zu der Einſicht gelangt, daß es, ſeltene Aus⸗ nahmen abgerechnet, in der Welt nur die Wahl giebt, zwiſchen Einſamkeit und Gemeinheit. Sogar auch Dieſes, ſo hart es klingt, hat ſelbſt Angelus Sileſius, ſeiner chriſtlichen Milde und Liebe ungeachtet, nicht ungeſagt laſſen können: „Die Einſamkeit iſt noth: doch ſei nur nicht gemein; So kannſt du überall in einer Wüſte ſeyn.“ 19 Im ſelben Sinne ſagt Sadi im Guliſtan: „Seit dieſer Zeit haben wir von der Geſellſchaft Abſchied genommen und uns den Weg der Abſonderung vorgenommen: denn die Sicherheit wohnt in der Einſamkeit.“ 30 Schopenhauer, Werke V 455
Paränesen und Maximen. Was nun aber gar die großen Geiſter betrifft, fo iſt es wohl natürlich, daß dieſe eigentlichen Erzieher des ganzen Menſchen⸗ geſchlechtes zu häufiger Gemeinſchaft mit den Uebrigen ſo wenig Neigung fühlen, als den Pädagogen anwandelt, ſich in das Spiel der ihn umlermenden Kinderheerde zu miſchen. Denn ſie, die auf die Welt gekommen ſind, um ſie auf dem Meer ihrer Irr⸗ thümer der Wahrheit zuzulenken und aus dem finſtern Abgrund ihrer Rohheit und Gemeinheit nach oben, dem Lichte zu, der Bildung und Veredlung entgegen zu ziehn, — ſie müſſen zwar unter ihnen leben, ohne jedoch eigentlich zu ihnen zu gehören, fühlen ſich daher, von Jugend auf, als merklich von den andern verſchiedene Weſen, kommen aber erſt allmälig, mit den Jahren, zur deutlichen Erkenntniß der Sache, wonach ſie dann Sorge tragen, daß zu ihrer geiſtigen Entfremdung von den Andern auch die phyſiſche komme, und Keiner ihnen nahe rücken darf, er ſei denn ſchon ſelbſt ein mehr oder weniger Eximirter von der all⸗ gemeinen Gemeinheit. Aus dieſem Allem ergiebt ſich alſo, daß die Liebe zur Ein⸗ ſamkeit nicht direkt und als urſprünglicher Trieb auftritt, ſondern ſich indirekt, vorzüglich bei edleren Geiſtern und erſt nach und nach entwickelt, nicht ohne Ueberwindung des natürlichen Geſellig⸗ keitstriebes, ja, unter gelegentlicher Oppoſition mephiſtopheliſcher Einflüſterung: „Hör' auf, mit deinem Gram zu ſpielen, Der, wie ein Geier, dir am Leben frißt: Die ſchlechteſte Geſellſchaft läßt dich fühlen, Daß du ein Menſch mit Menſchen biſt.“ Einſamkeit iſt das Loos aller hervorragenden Geiſter: ſie werden ſolche bisweilen beſeufzen; aber ſtets ſie als das kleinere von zwei Uebeln erwählen. Mit zunehmendem Alter wird jedoch das sapere aude in dieſem Stücke immer leichter und natür⸗ licher, und in den ſechsziger Jahren iſt der Trieb zur Einſam⸗ keit ein wirklich naturgemäßer, ja, inſtinktartiger. Denn jetzt vereint ſich Alles, ihn zu befördern. Der ſtärkſte Zug zur Geſelligkeit, Weiberliebe und Geſchlechtstrieb, wirkt nicht mehr, ja, die Geſchlechtsloſigkeit des Alters legt den Grund zu einer gewiſſen Selbſtgenügſamkeit, die allmälig den Geſelligkeitstrieb überhaupt abſorbirt; von tauſend Täuſchungen und Thor⸗ 456 . 25 30 35 Paränesen und Maximen. heiten iſt man zurückgekommen; das aktive Leben iſt meiſtens abgethan, man hat nichts mehr zu erwarten, hat keine Pläne und Abſichten mehr; die Generation, der man eigentlich an⸗ gehört, lebt nicht mehr; von einem fremden Geſchlecht umgeben, 5 ſteht man ſchon objektiv und weſentlich allein. Dabei hat der Flug der Zeit ſich beſchleunigt, und geiſtig möchte man ſie noch benutzen. Denn, wenn nur der Kopf ſeine Kraft behalten hat; jo machen jetzt die vielen erlangten Kenntniſſe und Erfahrungen, die allmälig vollendete Durcharbeitung aller Gedanken und die ro große Uebungsfertigkeit aller Kräfte das Studium jeder Art intereſſanter und leichter, als jemals. Man ſieht klar in tauſend [408] Dingen, die früher noch wie im Nebel lagen: man gelangt zu Reſultaten und fühlt ſeine ganze Ueberlegenheit. In Folge langer Erfahrung hat man aufgehört, von den Menſchen viel 15 zu erwarten; da fie, im Ganzen genommen, nicht zu den Leuten gehören, welche bei näherer Bekanntſchaft gewinnen: vielmehr weiß man, daß, von ſeltenen Glücksfällen abgeſehn, man nichts antreffen wird, als ſehr defekte Exemplare der menſchlichen Natur, welche es beſſer iſt, unberührt zu laſſen. Man iſt daher den 20 gewöhnlichen Täuſchungen nicht mehr ausgeſetzt, merkt Jedem bald an was er iſt und wird ſelten den Wunſch fühlen, nähere Verbindung mit ihm einzugehn. Endlich iſt auch, zumal wenn man an der Einſamkeit eine Jugendfreundin erkennt, die Ge⸗ wohnheit der Iſolation und des Umgangs mit ſich ſelbſt hin⸗ 25 zugekommen und zur zweiten Natur geworden. Demnach iſt jetzt die Liebe zur Einſamkeit, welche früher dem Geſelligkeitstriebe erſt abgerungen werden mußte, eine ganz natürliche und einfache: man iſt in der Einſamkeit, wie der Fiſch im Waſſer. Daher fühlt jede vorzügliche, folglich den übrigen unähnliche, mithin 30 allein ſtehende Individualität ſich, durch dieſe ihr weſentliche Iſolation, zwar in der Jugend gedrückt, aber im Alter er⸗ leichtert. Denn freilich wird dieſes wirklichen Vorzugs des Alters Jeder immer nur nach Maaßgabe ſeiner intellektuellen Kräfte 35 theilhaft, alſo der eminente Kopf vor Allen; jedoch in geringerem Grade wohl Jeder. Nur höchſt dürftige und gemeine Naturen werden im Alter noch ſo geſellig ſeyn, wie ehedem: ſie ſind der Geſellſchaft, zu der ſie nicht mehr paſſen, beſchwerlich, und bringen 30* 457
Paränesen und Maximen. es höchſtens dahin, tolerirt zu werden; während ſie ehemals ge⸗ ſucht wurden. An dem dargelegten, entgegengeſetzten Verhältniſſe zwiſchen der Zahl unſerer Lebensjahre und dem Grade unſerer Geſelligkeit läßt ſich auch noch eine teleologiſche Seite herausfinden. Je jünger der Menſch iſt, deſto mehr hat er noch, in jeder Beziehung, zu lernen: nun hat ihn die Natur auf den wechſelſeitigen Unterricht verwieſen, welchen Jeder im Umgange mit ſeines Gleichen em⸗ pfängt und in Hinſicht auf welchen die menſchliche Geſellſchaft eine große Bell⸗Lancaſter'ſche Erziehungsanſtalt genannt werden kann; da Bücher und Schulen künſtliche, weil vom Plane der Natur abliegende Anſtalten ſind. Sehr zweckmäßig alſo beſucht er die natürliche Unterrichtsanſtalt deſto fleißiger, je jünger er iſt. Nihil est ab omni parte beatum ſagt Horaz, und „Kein Lotus ohne Stengel“ lautet ein indiſches Sprichwort: ſo hat denn auch die Einſamkeit, neben ſo vielen Vortheilen, ihre kleinen Nachtheile und Beſchwerden, die jedoch, im Vergleich mit denen der Geſellſchaft, gering ſind; daher wer etwas Rechtes an ſich ſelber hat es immer leichter finden wird, ohne die Menſchen aus⸗ zukommen, als mit ihnen. — Unter jenen Nachtheilen iſt übrigens einer, der nicht ſo leicht, wie die übrigen, zum Bewußtſeyn ge⸗ bracht wird, nämlich dieſer: wie durch anhaltend fortgeſetztes Zuhauſebleiben unſer Leib ſo empfindlich gegen äußere Einflüſſe wird, daß jedes kühle Lüftchen ihn krankhaft afficirt; fo wird, durch anhaltende Zurückgezogenheit und Einſamkeit, unſer Gemüth ſo empfindlich, daß wir durch die unbedeutendeſten Vorfälle, Worte, wohl gar durch bloße Mienen, uns beunruhigt, oder gekränkt, oder verletzt fühlen; während Der, welcher ſtets im Getümmel bleibt, Dergleichen gar nicht beachtet. Wer nun aber, zumal in jüngern Jahren, ſo oft ihn auch ſchon gerechtes Mißfallen an den Menſchen in die Einſamkeit zurückgeſcheucht hat, doch die Oede derſelben, auf die Länge, zu ertragen nicht vermag, dem rathe ich, daß er ſich gewöhne, einen Theil ſeiner Einſamkeit in die Geſellſchaft mitzunehmen, alſo daß er lerne, auch in der Geſellſchaft, in gewiſſem Grade, allein zu ſeyn, demnach was er denkt nicht ſofort den Andern mitzu⸗ theilen, und andererſeits mit Dem, was ſie ſagen, es nicht genau zu nehmen, vielmehr, moraliſch wie intellektuell, nicht viel davon 458 “ v 3 0 5 Paränesen und Maximen. zu erwarten und daher, hinſichtlich ihrer Meinungen, diejenige Gleichgültigkeit in ſich zu befeſtigen, die das ſicherſte Mittel iſt, um ſtets eine lobenswerthe Toleranz zu üben. Er wird alsdann, obwohl mitten unter ihnen, doch nicht fo ganz in ihrer Geſell⸗ 5 ſchaft ſeyn, ſondern hinſichtlich ihrer ſich mehr rein objektiv ver⸗ halten: Dies wird ihn vor zu genauer Berührung mit der Ge⸗ ſellſchaft, und dadurch vor jeder Beſudelung, oder gar Verletzung, ſchützen. Sogar eine leſenswerthe dramatiſche Schilderung dieſer reſtringirten, oder verſchanzten Geſelligkeit beſitzen wir am Luſt⸗ so ſpiel „el Café o la comedia nueva“ von Moratin, und zwar im Charakter des D. Pedro daſelbſt, zumal in der zweiten und dritten Scene des erſten Akts. In dieſem Sinne kann man auch die Geſellſchaft einem Feuer vergleichen, an welchem 10] der Kluge ſich in gehöriger Entfernung wärmt, nicht aber 15 hineingreift, wie der Thor, der dann, nachdem er ſich verbrannt hat, in die Kälte der Einſamkeit flieht und jammert, daß das Feuer brennt. 10) Neid iſt dem Menſchen natürlich: dennoch iſt er ein Laſter und ein Unglück zugleich. ) Wir ſollen daher ihn als den 20 Feind unſers Glückes betrachten und als einen böſen Dämon zu erſticken ſuchen. Hiezu leitet uns Seneka an, mit den ſchönen Worten: nostra nos sine comparatione delectent: nunquam erit felix quem torquebit felicior (de ira III, 30), und wiederum: quum adspexeris quot te antecedant, cogita quot 25 sequantur (ep. 15): alſo wir ſollen öfter Die betrachten, welche ſchlimmer daran ſind, als wir, denn Die, welche beſſer daran zu ſeyn ſcheinen. Sogar wird, bei eingetretenen, wirklichen Uebeln, uns den wirkſamſten, wiewohl aus der ſelben Quelle mit dem Neide fließenden Troſt die Betrachtung größerer Leiden, 3° als die unſerigen find, gewähren, und nächſtdem der Umgang mit Solchen, die mit uns im ſelben Falle ſich befinden, mit den sociis malorum. Soviel von der aktiven Seite des Neides. Von der paſſiven iſt zu erwägen, daß kein Haß ſo unverſöhnlich iſt, wie der 35 7) Der Neid der Menſchen zeigt an, wie unglücklich fie ſich fühlen; ihre beſtändige Aufmerkſamkeit auf fremdes Thun und Laſſen, wie ſehr ſie ſich langweilen. 459
Paränesen und Maximen. Neid; daher wir nicht unabläſſig und eifrig bemüht ſeyn ſollten, ihn zu erregen; vielmehr beſſer thäten, dieſen Genuß, wie man⸗ chen andern, der gefährlichen Folgen wegen, uns zu verſagen. Es giebt drei Ariſtokratien: 1) die der Geburt und des Ranges, 2) die Geldariſtokratie, 3) die geiſtige Ariſtokratie. Letztere iſt eigentlich die vornehmſte, wird auch dafür anerkannt, wenn man ihr nur Zeit läßt: hat doch ſchon Friedrich der Große gefagt: les ämes privilégiées rangent à l’egal des souverains, und zwar zu feinem Hofmarſchall, der Anftoß daran nahm, daß, während Miniſter und Generäle an der Marſchallstafel aßen, Vol⸗ taire an einer Tafel Platz nehmen ſollte, an welcher bloß regie⸗ rende Herren und ihre Prinzen ſaßen. — Jede dieſer Ariſtokratien iſt umgeben von einem Heer ihrer Neider, welche gegen Jeden ihr Angehörigen heimlich erbittert und, wenn ſie ihn nicht zu fürchten haben, bemüht ſind, ihm auf mannigfaltige Weiſe zu verſtehn zu geben, „du biſt nichts mehr, als wir!“ Aber gerade dieſe Bemühungen verrathen ihre Ueberzeugung vom Gegentheil. Das von den Beneideten dagegen anzuwendende Verfahren be⸗ ſteht im Fernhalten Aller dieſer Schaar Angehörigen und im möglichſten Vermeiden jeder Berührung mit ihnen, ſo daß ſie durch eine weite Kluft abgetrennt bleiben; wo aber dies nicht an⸗ geht, im höchſt gelaſſenen Ertragen ihrer Bemühungen, deren Quelle ſie ja neutraliſirt: — auch ſehn wir daſſelbe durchgängig angewandt. Hingegen werden die der Einen Ariſtokratie Ange⸗ hörigen ſich mit denen einer der beiden andern meiſtens gut und ohne Neid vertragen; weil Jeder ſeinen Vorzug gegen den der Andern in die Waage legt. 11) Man überlege ein Vorhaben reiflich und wiederholt, ehe man daſſelbe ins Werk ſetzt, und ſelbſt nachdem man Alles auf das Gründlichſte durchdacht hat, räume man noch der Unzu⸗ länglichkeit aller menſchlichen Erkenntniß etwas ein, in Folge welcher es immer noch Umſtände geben kann, die zu erforſchen oder vorherzuſehn unmöglich iſt und welche die ganze Berechnung unrichtig machen könnten. Dieſes Bedenken wird ſtets ein Ge⸗ wicht auf die negative Schaale legen und uns anrathen, in wich⸗ tigen Dingen, ohne Noth, nichts zu rühren: quieta non movere. Iſt man aber ein Mal zum Entſchluß gekommen und hat Hand ans Werk gelegt, ſo daß jetzt Alles ſeinen Verlauf zu 460 — 0 — 5 N 5 0 — Paränesen und Maximen. nehmen hat und nur noch der Ausgang abzuwarten ſteht; dann ängſtige man ſich nicht durch ſtets erneuerte Ueberlegung des bereits Vollzogenen und durch wiederholtes Bedenken der mög⸗ lichen Gefahr: vielmehr entſchlage man der Sache ſich jetzt gänz⸗ 471] lich, halte das ganze Gedankenfach derſelben verſchloſſen, ſich mit der Ueberzeugung beruhigend, daß man Alles zu ſeiner Zeit reif⸗ lich erwogen habe. Dieſen Rath ertheilt auch das italiäniſche Sprichwort legala bene, e poi lascia la andare, welches Goethe überſetzt „Du, ſattle gut und reite getroſt“; — wie denn, 70 beiläufig geſagt, ein großer Theil feiner unter der Rubrik „Sprich⸗ wörtlich“ gegebenen Gnomen überſetzte italiäniſche Sprichwörter ſind. — Kommt dennoch ein ſchlimmer Ausgang; ſo iſt es weil alle menſchlichen Angelegenheiten dem Zufall und dem Irrthum unterliegen. Daß Sokrates, der Weiſeſte der Menſchen, um 15 nur in feinen eigenen, perſönlichen Angelegenheiten das Richtige zu treffen, oder wenigſtens Fehltritte zu vermeiden, eines war⸗ nenden Dämonions bedurfte, beweiſt, daß hiezu kein menſch⸗ licher Verſtand ausreicht. Daher iſt jener, angeblich von einem Papſte herrührende Ausſpruch, daß von jedem Unglück, das uns 20 trifft, wir ſelbſt, wenigſtens in irgend etwas, die Schuld tragen, nicht unbedingt und in allen Fällen wahr: wiewohl bei Weitem in den meiſten. Sogar ſcheint das Gefühl hievon viel Antheil daran zu haben, daß die Leute ihr Unglück möglichſt zu verbergen ſuchen und, ſo weit es gelingen will, eine zufriedene Miene aufſetzen. Sie 25 beſorgen, daß man vom Leiden auf die Schuld ſchließen werde. 12) Bei einem unglücklichen Ereigniß, welches bereits ein⸗ getreten, alſo nicht mehr zu ändern iſt, ſoll man ſich nicht ein Mal den Gedanken, daß dem anders ſeyn könnte, noch weniger den, wodurch es hätte abgewendet werden können, erlauben: denn 30 gerade er ſteigert den Schmerz ins Unerträgliche; fo daß man damit zum xurovrına@pougpevos wird. Vielmehr mache man es wie der König David, der, ſo lange ſein Sohn krank danieder⸗ lag, den Jehovah unabläſſig mit Bitten und Flehen beſtürmte; als er aber geſtorben war, ein Schnippchen ſchlug und nicht weiter 35 daran dachte. Wer aber dazu nicht leichtſinnig genug iſt flüchte ſich auf den fataliſtiſchen Standpunkt, indem er ſich die große Wahrheit verdeutlicht, daß Alles, was geſchieht, nothwendig ein⸗ tritt, alſo unabwendbar iſt. 461
Paränesen und Maximen. Bei allen Dem iſt dieſe Regel einfeitig. Sie taugt zwar zu unſerer unmittelbaren Erleichterung und Beruhigung bei Un⸗ glücksfällen: allein wenn an dieſen, wie doch meiſtens, unſere eigene Nachläſſigkeit, oder Verwegenheit, wenigſtens zum Theil, Schuld iſt; ſo iſt die wiederholte, ſchmerzliche Ueberlegung, wie Dem hätte vorgebeugt werden können, zu unſerer Witzigung und Beſſerung, alſo für die Zukunft, eine heilſame Selbſtzüchtigung. Und gar offenbar begangene Fehler ſollen wir nicht, wie wir doch pflegen, vor uns ſelber zu entſchuldigen, oder zu beſchönigen, oder zu verkleinern ſuchen, ſondern ſie uns eingeſtehn und in ihrer ganzen Größe deutlich uns vor Augen bringen, um den Vorſatz ſie künftig zu vermeiden feſt faſſen zu können. Freilich hat man ſich dabei den großen Schmerz der Unzufriedenheit mit ſich ſelbſt anzuthun: aber ö pen dapsıc avIpwrog ou ce τ. 13) In Allem, was unſer Wohl und Wehe betrifft, ſollen wir die Phantaſie im Zügel haltent alſo zuvörderſt keine Luftſchlöſſer bauen; weil dieſe zu koſtſpielig find, indem wir, gleich darauf, ſie, unter Seufzern, wieder einzureißen haben. Aber noch mehr ſollen wir uns hüten, durch das Ausmalen bloß mög⸗ licher Unglücksfälle unſer Herz zu ängſtigen. Wenn nämlich dieſe ganz aus der Luft gegriffen, oder doch ſehr weit hergeholt wären; ſo würden wir, beim Erwachen aus einem ſolchen Traume, gleich wiſſen, daß Alles nur Gaukelei geweſen, daher uns der beſſern Wirklichkeit um ſo mehr freuen und allenfalls eine War⸗ nung gegen ganz entfernte, wiewohl mögliche Unglücksfälle daraus entnehmen. Allein mit Dergleichen ſpielt unſere Phantaſie nicht leicht: ganz müßigerweiſe baut ſie höchſtens heitere Luftſchlöſſer. Der Stoff zu ihren finſtern Träumen ſind Unglücksfälle, die uns, wenn auch aus der Ferne, doch einigermaaßen wirklich be⸗ drohen: dieſe vergrößert ſie, bringt ihre Möglichkeit viel näher, als ſie in Wahrheit iſt, und malt ſie auf das Fürchterlichſte aus. Einen ſolchen Traum können wir, beim Erwachen, nicht ſogleich abſchütteln, wie den heitern: denn dieſen widerlegt alsbald die Wirklichkeit und läßt höchſtens eine ſchwache Hoffnung im Schooße der Möglichkeit übrig. Aber haben wir uns den ſchwarzen Phantaſien (blue devils) überlaſſen; ſo haben ſie uns Bilder nahe gebracht, die nicht ſo leicht wieder weichen: denn die Mög⸗ lichkeit der Sache, im Allgemeinen, ſteht feſt, und den Maaß⸗ 462 — — . w 3 lara! 0 5 5 0 5 Paränesen und Marimen. ftab des Grades derſelben vermögen wir nicht jederzeit anzu⸗ legen: ſie wird nun leicht zur Wahrſcheinlichkeit, und wir haben uns der Angſt in die Hände geliefert. Daher alſo ſollen wir die Dinge, welche unſer Wohl und Wehe betreffen, bloß mit dem 5 Auge der Vernunft und der Urtheilskraft betrachten, folglich in trockener und kalter Ueberlegung, mit bloßen Begriffen und in abstracto operiren. Die Phantaſie ſoll dabei aus dem Spiele bleiben: denn urtheilen kann ſie nicht; ſondern bringt bloße [413] Bilder vor die Augen, welche das Gemüth unnützer und oft 1 1 2 2 3 3 A Q o ſehr peinlicher Weiſe bewegen. Am ſtrengſten ſollte dieſe Regel Abends beobachtet werden. Denn wie die Dunkelheit uns furcht⸗ ſam macht und uns überall Schreckensgeſtalten erblicken läßt, ſo wirkt, ihr analog, die Undeutlichkeit der Gedanken; weil jede Ungewißheit Unſicherheit gebiert: deshalb nehmen des Abends, wann die Abſpannung Verſtand und Urtheilskraft mit einer ſub⸗ jektiven Dunkelheit überzogen hat, der Intellekt müde und Sopußoupevog iſt und den Dingen nicht auf den Grund zu kommen vermag, die Gegenſtände unſerer Meditation, wenn ſie unſere perſönlichen Verhältniſſe betreffen, leicht ein gefährliches Anſehn an und werden zu Schreckbildern. Am meiſten iſt dies der Fall Nachts, im Bette, als wo der Geiſt völlig abgeſpannt und daher die Urtheilskraft ihrem Geſchäfte gar nicht mehr ge⸗ wachſen, die Phantaſie aber noch rege iſt. Da giebt die Nacht Allem und Jedem ihren ſchwarzen Anſtrich. Daher ſind unſere Gedanken vor dem Einſchlafen, oder gar beim nächtlichen Er⸗ wachen, meiſtens faſt eben ſo arge Verzerrungen und Ver⸗ kehrungen der Dinge, wie die Träume es ſind, und dazu, wenn ſie perſönliche Angelegenheiten betreffen, gewöhnlich pechſchwarz, ja, entſetzlich. Am Morgen ſind dann alle ſolche Schreckbilder, ſo gut wie die Träume, verſchwunden: dies bedeutet das Spa⸗ niſche Sprichwort: noche tinta, blanco el dia (die Nacht iſt gefärbt, weiß iſt der Tag). Aber auch ſchon Abends, ſobald das Licht brennt, ſieht der Verſtand, wie das Auge, nicht ſo klar, wie bei Tage: daher dieſe Zeit nicht zur Meditation ernſter, zumal unangenehmer Angelegenheiten geeignet iſt. Hiezu iſt der Morgen die rechte Zeit; wie er es überhaupt zu allen Leiſtungen, ohne Ausnahme, ſowohl den geiſtigen, wie den körperlichen, iſt. Denn der Morgen iſt die Jugend des Tages: Alles iſt 8 8 463
Paränesen und Maximen. heiter, friſch und leicht: wir fühlen uns kräftig und haben alle unſere Fähigkeiten zu völliger Dispoſition. Man ſoll ihn nicht durch ſpätes Aufſtehn verkürzen, noch auch an unwürdige Be⸗ ſchäftigungen, oder Geſpräche verſchwenden, ſondern ihn als die Quinteſſenz des Lebens betrachten und gewiſſermaaßen heilig halten. Hingegen iſt der Abend das Alter des Tages: wir ſind Abends matt, geſchwätzig und leichtſinnig. Jeder Tag iſt ein kleines Leben, zu wel⸗ chem das Erwachen die Geburt iſt und welches durch den Schlaf, als Tod, beſchloſſen wird. — So iſt denn endlich auch das Einſchlafen ein täglicher Tod und jedes Erwachen eine neue Geburt. Ja, um es ganz durchzuführen, könnte man die Unbequemlichkeit und Schwie⸗ rigkeit des Aufſtehns als die Geburtsſchmerzen betrachten. Ueberhaupt aber hat Geſundheitszuſtand, Schlaf, Nahrung, Temperatur, Wetter, Umgebung und noch viel anderes Aeußer⸗ liches auf unſere Stimmung, und dieſe auf unſere Gedanken, einen mächtigen Einfluß. Daher iſt, wie unſere Anſicht einer Angelegenheit, ſo auch unſere Fähigkeit zu einer Leiſtung ſo ſehr der Zeit und ſelbſt dem Orte unterworfen. Darum alſo „Nehmt die ernſte Stimmung wahr, Denn ſie kommt ſo ſelten.“ Goethe. Nicht etwan bloß objektive Konceptionen und Originalgedanken muß man abwarten, ob und wann es ihnen zu kommen beliebt; ſondern ſelbſt die gründliche Ueberlegung einer perſönlichen An⸗ gelegenheit gelingt nicht immer zu der Zeit, die man zum Vor⸗ aus für ſie beſtimmt und wann man ſich dazu zurechtgeſetzt hat; ſondern auch ſie wählt ſich ihre Zeit ſelbſt; wo alsdann der ihr angemeſſene Gedankengang unaufgefordert rege wird und wir mit vollem Antheil ihn verfolgen. Zur anempfohlenen Zügelung der Phantaſie gehört auch noch, daß wir ihr nicht geſtatten, ehemals erlittenes Unrecht, Schaden, Verluſt, Beleidigungen, Zurückſetzungen, Kränkungen u. dgl. uns wieder zu vergegenwärtigen und auszumalen; weil wir dadurch den längſt ſchlummernden Unwillen, Zorn und alle gehäſſigen Leidenſchaften wieder aufregen, wodurch unſer Gemüth verunreinigt wird. Denn, nach einem ſchönen, vom Neuplatoniker Proklos beigebrachten Gleichniß, iſt, wie in jeder Stadt, neben den Edelen und Ausgezeichneten, auch der Pöbel jeder Art 464 5 — 0 15 414] — 20 5 0 w 35 t u — D — A N 8 25 Paränesen und Maximen. (o oe) wohnt, fo in jedem, auch dem edelſten und erhabenften Menſchen das ganz Niedrige und Gemeine der menſchlichen, ja thieriſchen Natur, der Anlage nach, vorhanden. Dieſer Pöbel darf nicht zum Tumult aufgeregt werden, noch darf er aus den Fenſtern ſchauen; da er ſich häßlich ausnimmt: die bezeichneten Phantaſieſtücke ſind aber die Demagogen deſſelben. Hieher ge⸗ hört auch, daß die kleinſte Widerwärtigkeit, ſei ſie von Menſchen oder Dingen ausgegangen, durch fortgeſetztes Brüten darüber und Ausmalen mit grellen Farben und nach vergrößertem Maaßſtabe, zu einem Ungeheuer anſchwellen kann, darüber man außer ſich ge⸗ räth. Alles Unangenehme ſoll man vielmehr höchſt proſaiſch und nüchtern auffaſſen, damit man es möglichſt leicht nehmen könne. Wie kleine Gegenſtände, dem Auge nahe gehalten, unſer Geſichtsfeld beſchränkend, die Welt verdecken, — ſo werden oft die Menſchen und Dinge unſerer nächſten Umgebung, ſo höchſt unbedeutend und gleichgültig ſie auch ſeien, unſere Aufmerkſam⸗ keit und Gedanken über die Gebühr beſchäftigen, dazu noch oft auf unerfreuliche Weiſe, und wichtige Gedanken und Angelegen⸗ heiten verdrängen. Dem ſoll man entgegenarbeiten. 14) Beim Anblick Deſſen, was wir nicht beſitzen, ſteigt gar leicht in uns der Gedanke auf: „wie, wenn Das mein wäre?“ und er macht uns die Entbehrung fühlbar. Statt Deſſen ſollten wir öfter fragen: „wie, wenn Das nicht mein wäre?“, ich meine, wir ſollten Das, was wir beſitzen, bisweilen ſo anzuſehn uns bemühen, wie es uns vorſchweben würde, nachdem wir es ver⸗ loren hätten; und zwar Jedes, was es auch ſei: Eigenthum, 30 Geſundheit, Freunde, Geliebte, Weib, Kind, Pferd und Hund: [415] denn meiſtens belehrt erſt der Verluſt uns über den Werth der Dinge. Hingegen in Folge der anempfohlenen Betrachtungsweiſe derſelben wird erſtlich ihr Beſitz uns unmittelbar mehr, als zu⸗ vor, beglücken, und zweitens werden wir auf alle Weiſe dem Verluſt vorbeugen, alſo das Eigenthum nicht in Gefahr bringen, die Freunde nicht erzürnen, die Treue des Weibes nicht der Verſuchung ausſetzen, die Geſundheit der Kinder bewachen u. ſ. f. 35 — Oft ſuchen wir die Trübe der Gegenwart aufzuhellen durch Spekulation auf günſtige Möglichkeiten und erſinnen vielerlei chimäriſche Hoffnungen, von denen jede mit einer Enttäuſchung ſchwanger iſt, die nicht ausbleibt, wann jene an der harten Wirk⸗ 465
Paränesen und Maximen. lichkeit zerſchellt. Beſſer wäre es die vielen ſchlimmen Möglich⸗ keiten zum Gegenſtand unſerer Spekulation zu machen, als wel⸗ ches theils Vorkehrungen zu ihrer Abwehr, theils angenehme Ueberraſchungen, wenn ſie ſich nicht verwirklichen, veranlaſſen würde. Sind wir doch, nach etwan ausgeſtandener Angſt, ſtets merklich heiter. Ja, es iſt ſogar gut, große Unglücksfälle, die uns möglicherweiſe treffen könnten, uns bisweilen zu vergegen⸗ wärtigen; um nämlich die uns nachher wirklich treffenden viel kleineren leichter zu ertragen, indem wir dann durch den Nück⸗ blick auf jene großen, nicht eingetroffenen, uns tröſten. Ueber dieſe Regel iſt jedoch die ihr vorhergegangene nicht zu vernach⸗ läſſigen. 15) Weil die uns betreffenden Angelegenheiten und Be⸗ gebenheiten ganz vereinzelt, ohne Ordnung und ohne Beziehung auf einander, im grellſten Kontraſt und ohne irgend etwas Ge⸗ meinſqmes, als eben daß fie unſere Angelegenheiten find, auftreten und durcheinanderlaufen; ſo muß unſer Denken und Sorgen um fie eben fo abrupt ſeyn, damit es ihnen entſpreche. — Sonach müſſen wir, wenn wir Eines vornehmen, von allem Andern abſtrahiren und uns der Sache entſchlagen, um Jedes zu ſeiner Zeit zu beſorgen, zu genießen, zu erdulden, ganz unbekümmert um das Uebrige: wir müſſen alſo gleichſam Schiebfächer unſerer Gedanken haben, von denen wir eines öffnen, derweilen alle andern geſchloſſen bleiben. Dadurch erlangen wir, daß nicht eine ſchwer laſtende Sorge jeden kleinen Genuß der Gegenwart ver⸗ kümmere und uns alle Ruhe raube; daß nicht eine Ueberlegung die andere verdränge; daß nicht die Sorge für eine wichtige An⸗ gelegenheit die Vernachläſſigung vieler geringen herbeiführe u. ſ. f. Zumal aber ſoll wer hoher und edeler Betrachtungen fähig iſt feinen Geiſt durch perſönliche Angelegenheiten und niedrige Sorgen nie ſo ganz einnehmen und erfüllen laſſen, daß ſie jenen den Zugang verſperren: denn das wäre recht eigentlich propter vitam vivendi perdere causas. — Freilich iſt zu dieſer Lenkung und Ablenkung unſerer ſelbſt, wie zu ſo viel Anderm, Selbſtzwang erfordert: zu dieſem aber ſollte uns die Ueberlegung ſtärken, daß jeder Menſch gar vielen und großen Zwang von außen zu er⸗ dulden hat, ohne welchen es in keinem Leben abgeht; daß jedoch ein kleiner, an der rechten Stelle angebrachter Selbſtzwang nach⸗ 466 — 0 20 — —— . ..ʒñʒñ᷑ũ — —ę— — Paränesen und Maximen. mals vielem Zwange von außen vorbeugt; wie ein kleiner Ab⸗ ſchnitt des Kreiſes zunächſt dem Centro einem oft hundert Mal größern an der Peripherie entſpricht. Durch nichts entziehn wir uns ſo ſehr dem Zwange von außen, wie durch Selbſtzwang: das beſagt Seneka's Ausſpruch: si vis tibi omnia subjicere, te subjice rationi (ep. 37). Auch haben wir den Selbſtzwang noch immer in der Gewalt, und können, im äußerſten Fall, oder wo er unſere empfindlichſte Stelle trifft, etwas nachlaſſen: hingegen der Zwang von außen iſt ohne Rückſicht, ohne Schonung und unbarmherzig. Daher iſt es weiſe, dieſem durch jenen zu⸗ vorzukommen. 16) Unſern Wünſchen ein Ziel ſtecken, unſere Begierden im Zaume halten, unſern Zorn bändigen, ſtets eingedenk, daß dem Einzelnen nur ein unendlich kleiner Theil alles Wünſchenswerthen erreichbar iſt, hingegen viele Uebel Jeden treffen müſſen, alſo, mit einem Worte arsysıv xaı aveyeıv, abstinere et sustinere, — iſt eine Regel, ohne deren Beobachtung weder Reichthum, noch Macht verhindern können, daß wir uns armſälig fühlen. Dahin zielt Horaz: 20 Inter cuncta leges, et percontabere doctos Qua ratione queas traducere leniter aevum; Ne te semper inops agitet vexetque cupido, Ne pavor, et rerum mediocriter utilium spes. 2 1 8 I A 17) 0 Bloc ev m xıvnoe et (vita motu constat) fagt 25 Ariſtoteles, mit offenbarem Recht: und wie demnach unſer phy⸗ ſiſches Leben nur in und durch eine unaufhörliche Bewegung beſteht; ſo verlangt auch unſer inneres, geiſtiges Leben fort⸗ während Beſchäftigung, Beſchäftigung mit irgend etwas, durch Thun oder Denken: einen Beweis hievon giebt ſchon das Trom⸗ meln mit den Händen oder irgend einem Geräth, zu welchem unbeſchäftigte und gedankenloſe Menſchen ſogleich greifen. Unſer Daſeyn nämlich iſt ein weſentlich raſtloſes: daher wird die gänzliche Unthätigkeit uns bald unerträglich, indem ſie die ent⸗ ſetzlichſte Langeweile herbeiführt. Dieſen Trieb nun ſoll man regeln, um ihn methodiſch und dadurch beſſer zu befriedigen. Daher alſo iſt Thätigkeit, etwas treiben, wo möglich, etwas machen, wenigſtens aber etwas lernen, — zum Glücke des Men⸗ ſchen unerläßlich: ſeine Kräfte verlangen nach ihrem Gebrauch >) 3 w A 467
Paränesen und Maæimen. und er möchte den Erfolg deſſelben irgendwie wahrnehmen. Die größte Befriedigung jedoch, in dieſer Hinſicht, gewährt es etwas zu machen, zu verfertigen, ſei es ein Korb, ſei es ein Buch; aber daß man ein Werk unter ſeinen Händen täglich wachſen und endlich ſeine Vollendung erreichen ſehe, beglückt unmittelbar. Dies leiſtet ein Kunſtwerk, eine Schrift, ja ſelbſt eine bloße Handarbeit: freilich, je edlerer Art das Werk, deſto höher der Genuß. Am glücklichſten find, in dieſem Betracht, die Hoch: begabten, welche ſich der Fähigkeit zur Hervorbringung bedeut⸗ ſamer, großer und zuſammenhängender Werke bewußt ſind. Denn dadurch verbreitet ein Intereſſe höherer Art ſich über ihr ganzes Daſeyn und ertheilt ihm eine Würze, welche dem der Uebrigen abgeht, welches demnach, mit jenem verglichen, gar ſchaal iſt. Für ſie nämlich hat das Leben und die Welt, neben dem Allen gemeinſamen, materiellen, noch ein zweites und höheres, ein for⸗ melles Intereſſe, indem es den Stoff zu ihren Werken enthält, mit deſſen Einſammlung fie, ihr Leben hindurch, emſig beſchäftigt ſind, ſobald nur die perſönliche Noth ſie irgend athmen läßt. Auch iſt ihr Intellekt gewiſſermaaßen ein doppelter: theils einer für die gewöhnlichen Beziehungen (Angelegenheiten des Willens), gleich dem aller Andern; theils einer für die rein objektive Auffaffung der Dinge. So leben fie zwiefach, find Zuſchauer und Schauſpieler zugleich, während die Uebrigen letzteres allein ſind. — Inzwiſchen treibe Jeder etwas, nach Maaßgabe feiner Fähig⸗ keiten. Denn wie nachtheilig der Mangel an planmäßiger Thä⸗ tigkeit, an irgend einer Arbeit, auf uns wirke, merkt man auf langen Vergnügungsreiſen, als wo man, dann und wann, ſich recht unglücklich fühlt; weil man, ohne eigentliche Beſchäftigung, gleichſam aus ſeinem natürlichen Elemente geriſſen iſt. Sich zu mühen und mit dem Widerſtande zu kämpfen iſt dem Menſchen Bedürfniß, wie dem Maulwurf das Graben. Der Stillſtand, den die Allgenugſamkeit eines bleibenden Genuſſes herbeiführte, wäre ihm unerträglich. Hinderniſſe überwinden iſt der Voll⸗ genuß ſeines Daſeyns; ſie mögen materieller Art ſeyn, wie beim Handeln und Treiben, oder geiſtiger Art, wie beim Lernen und Forſchen: der Kampf mit ihnen und der Sieg beglückt. Fehlt ihm die Gelegenheit dazu, ſo macht er ſie ſich, wie er kann: je nachdem ſeine Individualität es mit ſich bringt, wird er jagen, 468 [417) — 8 . w 5 5 0 5 [418] I 2 2 3 3 Paränesen und Maximen. oder Bilboquet fpielen, oder, vom unbewußten Zuge feiner Natur geleitet, Händel ſuchen, oder Intriguen anſpinnen, oder ſich auf Betrügereien und allerlei Schlechtigkeiten einlaſſen, um nur dem ihm unerträglichen Zuſtande der Ruhe ein Ende zu machen. Dif5 ficilis in otio quies. 18) Zum Leitſtern feiner Beſtrebungen ſoll man nicht Bilder der Phantaſie nehmen, ſondern deutlich gedachte Begriffe. Meiſtens aber geſchieht das Umgekehrte. Man wird nämlich, bei genauerer Unterſuchung, finden, daß was bei unſern Entſchließungen, in letzter Inſtanz, den Ausſchlag giebt, meiſtens nicht die Begriffe und Urtheile ſind, ſondern ein Phantaſiebild, welches die eine der Alternativen repräſentirt und vertritt. Ich weiß nicht mehr, in welchem Romane von Voltaire, oder Diderot, dem Helden, als er ein Jüngling und Herkules am Scheidewege war, die Tugend ſich ſtets darſtellte in Geſtalt ſeines alten Hofmeiſters, in der Linken die Tabaksdoſe, in der rechten eine Priſe haltend und ſo moraliſirend; das Laſter hingegen in Geſtalt der Kammerjungfer ſeiner Mutter. — Beſonders in der Jugend firirt ſich das Ziel unſers Glückes in Geſtalt einiger Bilder, die uns vorſchweben und oft das halbe, ja das ganze Leben hindurch verharren. Sie ſind eigentlich neckende Geſpenſter: denn, haben wir ſie erreicht; ſo zerrinnen ſie in nichts, indem wir die Erfahrung machen, daß ſie gar nichts, von dem was ſie verhießen, leiſten. Dieſer Art ſind einzelne Scenen des häuslichen, bürgerlichen, geſellſchaftlichen, ländlichen Lebens, Bilder der Wohnung, Umgebung, der Ehren⸗ zeichen, Reſpektsbezeugungen u. ſ. w. u. ſ. w. chaque fou a sa marotte: auch das Bild der Geliebten gehört oft dahin. Daß es uns ſo ergehe iſt wohl natürlich: denn das Anſchauliche wirkt, weil es das Unmittelbare iſt, auch unmittelbarer auf unſern Willen, als der Begriff, der abſtrakte Gedanke, der bloß das All⸗ gemeine giebt, ohne das Einzelne, welches doch gerade die Realität enthält: er kann daher nur mittelbar auf unſern Willen wirken. Und doch iſt es nur der Begriff, der Wort hält: daher iſt es Bildung, nur ihm zu trauen. Freilich wird er wohl mitunter der Erläuterung und Paraphraſe durch einige Bilder bedürfen: nur cum grano salis. 19) Die vorhergegangene Regel läßt ſich der allgemeineren ſubſumiren, daß man überall Herr werden ſoll über den Eindruck D A S N > De 469
Paränesen und Maximen. des Gegenwärtigen und Anſchaulichen überhaupt. Diefer iſt gegen das bloß Gedachte und Gewußte unverhältnißmäßig ſtark, nicht vermöge ſeiner Materie und Gehalt, die oft ſehr gering ſind; ſon⸗ dern vermöge feiner Form, der Anſchaulichkeit und Unmittelbarkeit, als welche auf das Gemüth eindringt und deſſen Ruhe ſtört, 5 oder feine Vorſätze erſchüttert. Denn das Vorhandene, das Anz 419 ſchauliche, wirkt, als leicht überſehbar, ſtets mit ſeiner ganzen Gewalt auf ein Mal: hingegen Gedanken und Gründe verlangen Zeit und Ruhe, um ſtückweiſe durchdacht zu werden; daher man ſie nicht jeden Augenblick ganz gegenwärtig haben kann. Dem⸗ 10 zufolge reizt das Angenehme, welchem wir, in Folge der Ueber⸗ legung, entſagt haben, uns doch bei ſeinem Anblick: eben ſo kränkt uns ein Urtheil, deſſen gänzliche Inkompetenz wir kennen; erzürnt uns eine Beleidigung, deren Verächtlichkeit wir einſehn; eben ſo werden zehn Gründe gegen das Vorhandenſeyn einer Gefahr überwogen vom falſchen Schein ihrer wirklichen Gegenwart, u. ſ. f. In allem Dieſen macht ſich die urſprüngliche Unvernünftigkeit unſers Weſens geltend. Auch werden einem derartigen Eindruck die Weiber oft erliegen, und wenige Männer haben ein ſolches Uebergewicht der Vernunft, daß ſie von deſſen Wirkungen nicht 20 zu leiden hätten. Wo wir nun denſelben nicht ganz überwältigen können, mittelſt bloßer Gedanken, da iſt das Beſte einen Eindruck durch den entgegengeſetzten zu neutraliſiren, z. B. den Ein⸗ druck einer Beleidigung durch Aufſuchen Derer, die uns hoch⸗ ſchätzen; den Eindruck einer drohenden Gefahr durch wirkliches 25 Betrachten des ihr Entgegenwirkenden. Konnte doch jener Ita⸗ liäner, von dem Leibnitz (in den nouveaux essais, Liv. I, c. 2, $ 11) erzählt, ſogar den Schmerzen der Folter dadurch wider⸗ ſtehn, daß er, während derſelben, wie er ſich vorgeſetzt, das Bild des Galgens, an welchen ſein Geſtändniß ihn gebracht 30 haben würde, nicht einen Augenblick aus der Phantaſie entweichen ließ; weshalb er von Zeit zu Zeit io ti vedo rief; welche Worte er ſpäter dahin erklärt hat. — Eben aus dem hier betrachteten Grunde iſt es ein ſchweres Ding, wenn Alle, die uns umgeben, anderer Meinung find, als wir, und danach ſich benehmen, ſelbſt 35 wenn wir von ihrem Irrthum überzeugt ſind, nicht durch ſie wankend gemacht zu werden. Einem flüchtigen, verfolgten, ernſtlich incognito reiſenden Könige muß das unter vier Augen beobachtete — 5 470 Paränesen und Maximen. Unterwürfigkeitsceremoniell ſeines vertrauten Begleiters eine faſt nothwendige Herzensſtärkung ſeyn, damit er nicht am Ende ſich ſelbſt bezweifle. 20) Nachdem ich ſchon im zweiten Kapitel den hohen Werth „der Geſundheit, als welche für unſer Glück das Erſte und Wichtigſte iſt, hervorgehoben habe, will ich hier ein Paar ganz [420] allgemeiner Verhaltungsregeln zu ihrer Befeſtigung und Bewah⸗ rung angeben. Man härte ſich dadurch ab, daß man dem Körper, ſowohl so im Ganzen, wie in jedem Theile, fo lange man geſund iſt, recht viel Anſtrengung und Beſchwerde auflege und ſich gewöhne, widrigen Einflüſſen jeder Art zu widerſtehn. Sobald hingegen ein krank⸗ hafter Zuſtand, ſei es des Ganzen, oder eines Theiles, ſich kund giebt, iſt ſogleich das entgegengeſetzte Verfahren zu ergreifen und 15 der kranke Leib, oder Theil deſſelben, auf alle Weiſe zu ſchonen und zu pflegen: denn das Leidende und Geſchwächte iſt keiner Abhärtung fähig. 5 Der Muskel wird durch ſtarken Gebrauch geſtärkt; der Nerv hingegen dadurch geſchwächt. Alſo übe man ſeine Muskeln durch 20 jede angemeſſene Anſtrengung, hüte hingegen die Nerven vor jeder; alſo die Augen vor zu hellem, beſonders reflektirtem Lichte, vor jeder Anſtrengung in der Dämmerung, wie auch vor an⸗ haltendem Betrachten zu kleiner Gegenſtände; eben ſo die Ohren vor zu ſtarkem Geräuſch; vorzüglich aber das Gehirn vor ge⸗ 25 zwungener, zu anhaltender, oder unzeitiger Anſtrengung: demnach laſſe man es ruhen, während der Verdauung; weil dann eben die ſelbe Lebenskraft, welche im Gehirn Gedanken bildet, im Magen und den Eingeweiden angeſtrengt arbeitet, Chymus und Chylus zu bereiten; ebenfalls während, oder auch nach, bedeutender 30 Muskelanſtrengung. Denn, es verhält ſich mit den motoriſchen, wie mit den ſenſibeln Nerven, und wie der Schmerz, den wir in verletzten Gliedern empfinden, ſeinen wahren Sitz im Gehirn hat; ſo ſind es auch eigentlich nicht die Beine und Arme, welche gehn und arbeiten, ſondern das Gehirn; nämlich der Theil 35 deſſelben, welcher, mittelſt des verlängerten und des Rücken⸗ Marks, die Nerven jener Glieder erregt und dadurch dieſe in Bewegung ſetzt. Demgemäß hat auch die Ermüdung, welche wir in den Beinen oder Armen fühlen, ihren wahren Sitz im 31 Schopenhauer, Werke V 471
Paränesen und Maximen. Gehirn; weshalb eben bloß die Muskeln ermüden, deren Be⸗ wegung willkürlich iſt, d. h. vom Gehirn ausgeht, hingegen nicht die ohne Willkür arbeitenden, wie das Herz. Offenbar alſo wird das Gehirn beeinträchtigt, wenn man ihm ſtarke Muskelthätigkeit und geiſtige Anſpannung zugleich, oder auch nur dicht hinter einander abzwingt. Hiemit ſtreitet es nicht, daß man im Anfang eines Spaziergangs, oder überhaupt auf kurzen Gängen, oft erhöhte Geiſtesthätigkeit ſpürt: denn da iſt noch keine Ermüdung beſagter Gehirntheile eingetreten, und andererſeits befördert eine ſolche leichte Muskelthätigkeit und die durch fie vermehrte Re⸗ ſpiration das Aufſteigen des arteriellen, nunmehr auch beſſer oxydirten Blutes zum Gehirn. — Beſonders aber gebe man dem Gehirn das zu ſeiner Refektion nöthige, volle Maaß des Schlafes; denn der Schlaf iſt für den ganzen Menſchen was das Aufziehn für die Uhr. (Vergl. Welt als Wille und Vorſtellung IL, 217 3. Aufl. II, 240].) Dieſes Maaß wird um fo größer ſeyn, je entwickelter und thätiger das Gehirn iſt; es jedoch zu überſchreiten wäre bloßer Zeitverluſt, weil dann der Schlaf an Intenſion ver⸗ liert was er an Extenſion gewinnt. [Vergl. Welt als Wille und Vorſtellung II, 247. 3. Aufl. IL, 275.]}) Ueberhaupt be⸗ greife man wohl, daß unſer Denken nichts Anderes iſt, als die organiſche Funktion des Gehirns, und ſonach jeder andern orga⸗ niſchen Thätigkeit, in Hinſicht auf Anſtrengung und Ruhe, ſich analog verhält. Wie übermäßige Anſtrengung die Augen ver⸗ dirbt, eben ſo das Gehirn. Mit Recht iſt geſagt worden: das Gehirn denkt, wie der Magen verdaut. Der Wahn von einer immateriellen, einfachen, weſentlich und immer denkenden, folg⸗ lich unermüdlichen Seele, die da im Gehirn bloß logirte, und nichts auf der Welt bedürfte, hat gewiß Manchen zu unſinnigem Verfahren und Abſtumpfung ſeiner Geiſteskräfte verleitet; wie denn z. B. Friedrich der Große ein Mal verſucht hat, ſich das Schlafen ganz abzugewöhnen. Die Philoſophieprofeſſoren +) Der Schlaf iſt ein Stück To d, welches wir anticipando borgen und dafür das durch einen Tag erſchöpfte Leben wieder erhalten und erneuern. Le sommeil est un emprunt fait à la mort. Der Schlaf borgt vom Tode zur Aufrechterhaltung des Lebens. Oder: er iſt der einſtweilige Zins des Todes, welcher ſelbſt die Kapitalabzahlung iſt. Dieſe wird um ſo ſpäter ein⸗ gefordert, je reichlichere Zinſen und je regelmäßiger ſie gezahlt werden. 472 — 0 — 5 > 0 vw 5 0 35 Paranesen und Maximen. würden wohl thun, einen folchen, ſogar praktiſch verderblichen Wahn nicht durch ihre katechismusgerechtſeynwollende Rocken⸗ Philoſophie zu befördern. — Man ſoll ſich gewöhnen, feine Geiſtes⸗ kräfte durchaus als phyſiologiſche Funktionen zu betrachten, um 5 danach ſie zu behandeln, zu ſchonen, anzuſtrengen u. ſ. w., und zu bedenken, daß jedes körperliche Leiden, Beſchwerde, Unordnung, in welchem Theil es auch ſei, den Geiſt afficirt. Am beſten be⸗ fähigt hiezu Cabanis, des Rapports du physique et du moral de l'homme. ro Die Vernachläſſigung des hier gegebenen Raths iſt die Ur⸗ ſache, aus welcher manche große Geiſter, wie auch große Ge⸗ lehrte, im Alter ſchwachſinnig, kindiſch und ſelbſt wahnſinnig geworden ſind. Daß z. B. die gefeierten Engliſchen Dichter dieſes Jahrhunderts, wie Walter Scott, Wordsworth, Southey 15 u. a. m. im Alter, ja, ſchon in den ſechziger Jahren, geiſtig ſtumpf und unfähig geworden, ja, zur Imbecillität herabge⸗ ſunken ſind, iſt ohne Zweifel daraus zu erklären, daß ſie ſämmt⸗ lich, vom hohen Honorar verlockt, die Schriftſtellerei als Gewerbe getrieben, alſo des Geldes wegen geſchrieben haben. Dies verführt 20 zu widernatürlicher Anſtrengung, und wer ſeinen Pegaſus ins Joch ſpannt und ſeine Muſe mit der Peitſche antreibt, wird es auf analoge Weiſe büßen, wie Der, welcher der Venus Zwangs⸗ dienſte geleiſtet hat. Ich argwöhne, daß auch Kant, in ſeinen ſpäten Jahren, nachdem er endlich berühmt geworden war, ſich 25 überarbeitet und dadurch die zweite Kindheit ſeiner vier letzten Jahre veranlaßt hat. Dagegen ſind die Herren des Weimariſchen Hofes, Goethe, Wieland, Knebel bis ins hohe und höchſte Alter geiſteskräftig und geiſtesthätig geblieben, weil ſie keine Lohn⸗ ſchreiber waren: eben ſo Voltaire. 30 Jeder Monat des Jahres hat einen eigenthümlichen und un⸗ mittelbaren, d. h. vom Wetter unabhängigen, Einfluß auf unſere Geſundheit, unſere körperlichen Zuſtände überhaupt, ja, auch auf die geiſtigen. ; 421] C. Unfer Verhalten gegen Andere betreffend. 3 21) Um durch die Welt zu kommen, iſt es zweckmäßig, einen großen Vorrath von Vorſicht und Nachſicht mitzunehmen: 3ı* 473
Paränesen und Maximen. durch erſtere wird man vor Schaden und Verluſt, durch letztere vor Streit und Händeln geſchützt. N Wer unter Menſchen zu leben hat, darf keine Individualität, ſofern ſie doch ein Mal von der Natur geſetzt und gegeben iſt, unbedingt verwerfen; auch nicht die ſchlechteſte, erbärmlichſte, oder lächerlichſte. Er hat ſie vielmehr zu nehmen, als ein Unabänder⸗ liches, welches, in Folge eines ewigen und metaphyſiſchen Princips, fo ſeyn muß, wie es iſt, und in den argen Fällen ſoll er denken: „es muß auch ſolche Käutze geben.“ Hält er es anders; ſo thut er Unrecht und fordert den Andern heraus, zum Kriege auf Tod und Leben. Denn ſeine eigentliche Individualität, d. h. ſeinen moraliſchen Charakter, ſeine Erkenntnißkräfte, ſein Temperament, ſeine Phyſiognomie u. ſ. w. kann Keiner ändern. Verdammen wir nun ſein Weſen ganz und gar; ſo bleibt ihm nichts übrig, als in uns einen Todfeind zu bekämpfen: denn wir wollen ihm das Recht zu exiſtiren nur unter der Bedingung zugeſtehn, daß er ein Anderer werde, als er unabänderlich iſt. Darum alſo müſſen wir, um unter Menſchen leben zu können, Jeden, mit ſeiner gegebenen Individualität, wie immer ſie auch ausgefallen ſeyn mag, beſtehn und gelten laſſen, und dürfen bloß darauf bedacht ſeyn, ſie ſo, wie ihre Art und Beſchaffenheit es zuläßt, zu benutzen; aber weder auf ihre Aenderung hoffen, noch ſie, ſo wie fie iſt, ſchlechthin verdammen. Dies iſt der wahre Sinn des Spruches: „leben und leben laſſen.“ Die Aufgabe iſt indeſſen nicht ſo leicht, wie ſie gerecht iſt; und glücklich iſt zu ſchätzen, wer gar manche Individualitäten auf immer meiden darf. — In⸗ zwiſchen übe man, um Menſchen ertragen zu lernen, ſeine Geduld an lebloſen Gegenſtänden, welche, vermöge mechaniſcher, oder ſonſt phyſiſcher Nothwendigkeit, unſerm Thun ſich hartnäckig wider⸗ ſetzen; wozu täglich Gelegenheit iſt. Die dadurch erlangte Geduld lernt man nachher auf Menſchen übertragen, indem man ſich ge⸗ wöhnt, zu denken, daß auch ſie, wo immer ſie uns hinderlich ſind, Dies vermöge einer eben fo ſtrengen, aus ihrer Natur hervor gehenden Nothwendigkeit ſeyn müſſen, wie Die, mit welcher die lebloſen Dinge wirken; daher es eben ſo thöricht iſt, über ihr Thun ſich zu entrüſten, wie über einen Stein, der uns in den Weg rollt. Bei Manchem iſt es am klügſten zu denken: „ändern werde ich ihn nicht; alſo will ich ihn benutzen“. 474 — — 0 5 vw N w w 0 5 0 5 Paränesen und Maximen. 22) Es ift zum Erſtaunen, wie leicht und ſchnell Homoge⸗ [422] neität, oder Heterogeneität des Geiſtes und Gemüths zwiſchen Menſchen ſich im Geſpräche kund giebt: an jeder Kleinigkeit wird ſie fühlbar. Betreffe das Geſpräch auch die fremdartigſten, gleich⸗ 5 gültigften Dinge; fo wird, zwiſchen weſentlich Heterogenen, faſt jeder Satz des Einen dem Andern mehr oder minder mißfallen, mancher gar ihm ärgerlich ſeyn. Homogene hingegen fühlen ſo⸗ gleich und in Allem eine gewiſſe Uebereinſtimmung, die, bei großer Homogeneität, bald zur vollkommenen Harmonie, ja, zum Uniſono zo zuſammenfließt. Hieraus erklärt ſich zuvörderſt, warum die ganz Gewöhnlichen ſo geſellig ſind und überall ſo leicht recht gute Geſellſchaft finden, — ſo rechte, liebe, wackere Leute. Bei den Ungewöhnlichen fällt es umgekehrt aus, und deſto mehr, je aus⸗ gezeichneter ſie ſind; ſo daß ſie, in ihrer Abgeſondertheit, zu 15 Zeiten, ſich ordentlich freuen können, in einem Andern nur irgend eine ihnen ſelbſt homogene Fiber herausgefunden zu haben, und wäre ſie noch ſo klein! Denn Jeder kann dem Andern nur ſo viel ſeyn, wie dieſer ihm iſt. Die eigentlich großen Geiſter horſten, wie die Adler, in der Höhe, allein. — Zweitens aber 20 wird hieraus verſtändlich, wie die Gleichgeſinnten ſich ſo ſchnell zuſammenfinden, gleich als ob ſie magnetiſch zu einander gezogen würden: — verwandte Seelen grüßen ſich von ferne. Am häu⸗ figſten freilich wird man Dies an niedrig Geſinnten, oder ſchlecht Begabten, zu beobachten Gelegenheit haben; aber nur weil dieſe 25 legionenweiſe exiſtiren, die beſſern und vorzüglichen Naturen hin⸗ gegen die ſeltenen ſind und heißen. Demnach nun werden z. B. in einer großen, auf praktiſche Zwecke gerichteten Gemeinſchaft zwei rechte Schurken ſich ſo ſchnell erkennen, als trügen ſie ein Feldzeichen, und werden alsbald zuſammentreten, um Mißbrauch, 30 oder Verrath zu ſchmieden. Desgleichen, wenn man ſich, per impossibile, eine große Geſellſchaft von lauter ſehr verſtändigen und geiſtreichen Leuten denkt, bis auf zwei Dummköpfe, die auch dabei wären; ſo werden dieſe ſich ſympathetiſch zu einander ge⸗ zogen fühlen und bald wird jeder von beiden ſich in ſeinem Herzen 35 freuen, doch wenigſtens Einen vernünftigen Mann angetroffen zu haben. Wirklich merkwürdig iſt es, Zeuge davon zu ſeyn, wie Zwei, beſonders von den moraliſch und intellektuell Zurückſtehen⸗ den, beim erſten Anblick einander erkennen, ſich eifrig einander zu 475
Paränesen und Maximen. nähern ſtreben, freundlich und freudig ſich begrüßend, einander entgegen eilen, als wären ſie alte Bekannte; — ſo auffallend iſt es, daß man verſucht wird, der Buddhaiſtiſchen Metempſychoſen⸗ lehre gemäß, anzunehmen, ſie wären ſchon in einem frühern Leben befreundet geweſen. N Was jedoch, ſelbſt bei vieler Uebereinſtimmung, Menſchen auseinanderhält, auch wohl vorübergehende Disharmonie zwiſchen ihnen erzeugt, iſt die Verſchiedenheit der gegenwärtigen Stim⸗ mung, als welche faſt immer für Jeden eine andere iſt, nach (723 Maaßgabe ſeiner gegenwärtigen Lage, Beſchäftigung, Umgebung, 10 körperlichen Zuſtandes, augenblicklichen Gedankenganges u. ſ. w. Daraus entſtehn zwiſchen den harmonirendeſten Perſönlichkeiten Diſſonanzen. Die zur Aufhebung dieſer Störung erforderliche Korrektion ſtets vornehmen und eine gleichſchwebende Temperatur einführen zu können, wäre eine Leiſtung der höchſten Bildung. Wie viel die Gleichheit der Stimmung für die geſellige Gemein⸗ ſchaft leiſte, läßt ſich daran ermeſſen, daß ſogar eine zahlreiche Geſellſchaft zu lebhafter gegenſeitiger Mittheilung und aufrichtiger Theilnahme, unter allgemeinem Behagen, erregt wird, ſobald irgend etwas Objektives, ſei es eine Gefahr, oder eine Hoffnung, oder eine Nachricht, oder ein ſeltener Anblick, ein Schauſpiel, eine Muſik, oder was ſonſt, auf Alle zugleich und gleichartig einwirkt: denn Dergleichen, indem es alle Privatintereſſen überwältigt, er⸗ zeugt univerſelle Einheit der Stimmung. In Ermangelung einer ſolchen objektiven Einwirkung wird in der Regel eine ſubjektive ergriffen, und ſind demnach die Flaſchen das gewöhnliche Mittel, eine gemeinſchaftliche Stimmung in die Geſellſchaft zu bringen. Sogar Thee und Kaffee dienen dieſer Abſicht. Eben aber aus jener Disharmonie, welche die Verſchieden⸗ heit der momentanen Stimmung ſo leicht in alle Gemeinſchaft bringt, iſt es zum Theil erklärlich, daß in der von dieſer und allen ähnlichen, ſtörenden, wenn auch vorübergehenden, Einflüſſen befreiten Erinnerung ſich Jeder idealiſirt, ja, bisweilen faſt ver⸗ klärt darſtellt. Die Erinnerung wirkt, wie das Sammlungsglas in der Kamera obſkura: ſie zieht Alles zuſammen und bringt da⸗ durch ein viel ſchöneres Bild hervor, als ſein Original iſt. Den Vortheil, ſo geſehn zu werden, erlangen wir zum Theil ſchon durch jede Abweſenheit. Denn obgleich die idealiſirende Erinne⸗ 476 2 S — » w © 2 Paränesen und Maximen. rung, bis zur Vollendung ihres Werkes, geraumer Zeit bedarf; fo wird der Anfang deſſelben doch ſogleich gemacht. Dieſerwegen iſt es ſogar klug, ſich ſeinen Bekannten und guten Freunden nur nach bedeutenden Zwiſchenräumen zu zeigen; indem man alsdann, beim Wiederſehn, merken wird, daß die Erinnerung ſchon bei der Arbeit geweſen iſt. 23) Keiner kann über ſich ſehn. Hiemit will ich ſagen: Jeder ſieht am Andern nur ſo viel, als er ſelbſt auch iſt: denn er kann ihn nur nach Maaßgabe ſeiner eigenen Intelligenz faſſen und verſtehn. Iſt nun dieſe von der niedrigſten Art; ſo werden alle Geiſtesgaben, auch die größten, ihre Wirkung auf ihn verfehlen und er an dem Beſitzer derſelben nichts wahr⸗ nehmen, als bloß das Niedrigſte in deſſen Individualität, alſo nur deſſen ſämmtliche Schwächen, Temperaments⸗ und Charakter⸗ fehler. Daraus wird er für ihn zuſammengeſetzt ſeyn. Die höheren geiſtigen Fähigkeiten deſſelben ſind für ihn ſo wenig vorhanden, wie die Farbe für den Blinden. Denn alle Geiſter ſind Dem unſichtbar, der keinen hat: und jede Werthſchätzung iſt ein Produkt aus dem Werthe des Geſchätzten mit der Er⸗ kenntnißſphäre des Schätzers. Hieraus folgt, daß man ſich mit Jedem, mit dem man ſpricht, nivellirt, indem Alles, was man vor ihm voraushaben kann, verſchwindet und ſogar die dazu erforderte Selbſtverleugnung völlig unerkannt bleibt. Erwägt man nun, wie durchaus niedrig geſinnt und niedrig begabt, alſo wie durchaus gemein die meiſten Menſchen ſind; ſo wird man einſehn, daß es nicht möglich iſt, mit ihnen zu reden, ohne, auf ſolche Zeit, (nach Analogie der elektriſchen Vertheilung) ſelbſt gemein zu werden, und dann wird man den eigentlichen Sinn und das Treffende des Ausdrucks „ſich gemein machen“ gründ⸗ lich verſtehn, jedoch auch gern jede Geſellſchaft meiden, mit welcher man nur mittelſt der partie honteuse ſeiner Natur kommu⸗ niciren kann. Auch wird man einſehn, daß, Dummköpfen und Narren gegenüber, es nur einen Weg giebt, ſeinen Verſtand an den Tag zu legen, und der iſt, daß man mit ihnen nicht redet. Aber freilich wird alsdann in der Geſellſchaft Manchem bisweilen zu Muthe ſeyn, wie einem Tänzer, der auf einen Ball gekommen wäre, wo er lauter Lahme anträfe: mit wem ſoll er tanzen? 477
Paränesen und Maximen. 24) Der Menſch gewinnt meine Hochachtung, als ein unter hundert Auserleſener, welcher, wann er auf irgend etwas zu warten hat, alſo unbeſchäftigt daſitzt, nicht ſofort mit Dem, was ihm gerade in die Hände kommt, etwan ſeinem Stock, oder Meſſer und Gabel, oder was ſonſt, taktmäßig hämmert, oder klappert. 5 Wahrſcheinlich denkt er an etwas. Vielen Leuten hingegen ſieht man an, daß bei ihnen das Sehn die Stelle des Denkens ganz eingenommen hat: ſie ſuchen ſich durch Klappern ihrer Exiſtenz bewußt zu werden; wenn nämlich kein Cigarro bei der Hand iſt, der eben dieſem Zwecke dient. Aus dem ſelben Grunde ſind ſie auch beſtändig ganz Auge und Ohr für Alles, was um ſie vorgeht. 25) Rochefoucauld hat treffend bemerkt, daß es ſchwer iſt, Jemanden zugleich hoch zu verehren und ſehr zu lieben. Demnach hätten wir die Wahl, ob wir uns um die Liebe, oder um die Verehrung der Menſchen bewerben wollen. Ihre Liebe iſt ſtets eigennützig, wenn auch auf höchſt verſchiedene Weiſe. Zudem iſt Das, wodurch man ſie erwirbt, nicht immer geeignet, uns darauf ſtolz zu machen. Hauptſächlich wird Einer in dem Maaße beliebt ſeyn, als er feine Anſprüche an Geiſt und Herz der Andern 20 niedrig ſtellt, und zwar im Ernſt und ohne Verſtellung, auch nicht — 0 — 5 bloß aus derjenigen Nachficht, die in der Verachtung wurzelt. Ruft [425] man ſich nun hiebei den ſehr wahren Ausſpruch des Helvetius zurück: le degrôé d' esprit nécessaire pour nous plaire, est une mesure assez exacte du degré d' esprit que nous avons; — 25 ſo folgt aus dieſen Prämiſſen die Konkluſion. — Hingegen mit der Verehrung der Menſchen ſteht es umgekehrt: ſie wird ihnen nur wider ihren Willen abgezwungen, auch, eben deshalb, meiſtens verhehlt. Daher giebt ſie uns, im Innern, eine viel größere Befriedigung: ſie hängt mit unſerm Werthe zuſammen; welches von der Liebe der Menſchen nicht unmittelbar gilt: denn dieſe iſt ſubjektiv, die Verehrung objektiv. Nützlich iſt uns die Liebe freilich mehr. 26) Die meiſten Menſchen ſind ſo ſubjektiv, daß im Grunde nichts Intereſſe für ſie hat, als ganz allein ſie ſelbſt. Daher kommt es, daß ſie bei Allem, was geſagt wird, ſogleich an ſich denken und jede zufällige, noch ſo entfernte Beziehung auf irgend etwas ihnen Perſönliches ihre ganze Aufmerkſamkeit an ſich reißt 0 EN wu 5 418 9 1 Paränesen und Maæimen. und in Beſitz nimmt; fo daß fie für den objektiven Gegenſtand der Rede keine Faſſungskraft übrig behalten; wie auch, daß keine Gründe etwas bei ihnen gelten, ſobald ihr Intereſſe oder ihre Eitelkeit denſelben entgegen ſteht. Daher ſind ſie ſo leicht zerſtreut, F fo leicht verletzt, beleidigt oder gekränkt, daß man, von was es auch ſei, objektiv mit ihnen redend, nicht genug ſich in Acht neh⸗ men kann, vor irgend welchen möglichen, vielleicht nachtheiligen Beziehungen des Geſagten zu dem werthen und zarten Selbſt, das man da vor ſich hat: denn ganz allein an dieſem iſt ihnen ro gelegen, ſonſt an nichts, und während fie für das Wahre und Treffende, oder Schöne, Feine, Witzige der fremden Rede ohne Sinn und Gefühl ſind, haben ſie die zarteſte Empfindlichkeit gegen Jedes, was auch nur auf die entfernteſte und indirekteſte Weiſe ihre kleinliche Eitelkeit verletzen, oder irgendwie nachtheilig auf 15 ihr höchſt pretioſes Selbſt reflektiren könnte; fo daß fie in ihrer Verletzbarkeit den kleinen Hunden gleichen, denen man, ohne ſich deſſen zu verſehn, ſo leicht auf die Pfoten tritt und nun das Gequieke anzuhören hat; oder auch einem mit Wunden und Beulen bedeckten Kranken verglichen werden können, bei dem man auf das Behutſamſte jede mögliche Berührung zu vermeiden hat. Bei Manchen geht nun aber die Sache ſo weit, daß ſie Geiſt und Verſtand, im Geſpräch mit ihnen an den Tag gelegt, oder doch nicht genugſam verſteckt, geradezu als eine Beleidigung empfinden, wenn gleich ſie ſolche vor der Hand noch verhehlen; wonach dann aber nachher der Unerfahrene vergeblich darüber nachſinnt und grübelt, wodurch in aller Welt er ſich ihren Groll und Haß zugezogen haben könne. Vermöge der ſelben Subjektivität ſind ſie denn auch ſo leicht geſchmeichelt und gewonnen. Daher iſt ihr Urtheil meiſtens beſtochen und bloß ein Ausſpruch zu Gunſten ihrer Partei, oder Klaſſe; nicht aber ein objektives und gerechtes. Dies alles beruht darauf, daß in ihnen der Wille bei Weitem die Erkenntniß überwiegt und ihr geringer Intellekt ganz im Dienſte des Willens ſteht, von welchem er auch nicht auf einen Augen⸗ blick ſich losmachen kann. Einen großartigen Beweis von der erbärmlichen Subjektivi⸗ tät der Menſchen, in Folge welcher ſie Alles auf ſich beziehn und von jedem Gedanken ſogleich in gerader Linie auf ſich zurück⸗ gehn, liefert die Aſtrologie, welche den Gang der großen 2 8 2 A © 3 3 A 479
Paränesen und Maximen. Weltkörper auf das armſälige Ich bezieht, wie auch die Kometen am Himmel in Verbindung bringt mit den irdiſchen Händeln und Lumpereien. Dies aber iſt zu allen und ſchon in den älte⸗ ſten Zeiten geſchehn. (S. z. B. Stob. Eclog. L. I, c. 22, 9, pag. 478.) 27) Bei jeder Verkehrtheit, die im Publiko, oder in der Geſellſchaft, geſagt, oder in der Litteratur geſchrieben und wohl⸗ aufgenommen, wenigſtens nicht widerlegt wird, ſoll man nicht verzweifeln und meinen, daß es nun dabei ſein Bewenden haben werde; ſondern wiſſen und ſich getröſten, daß die Sache hinter⸗ her und allmälig ruminirt, beleuchtet, bedacht, erwogen, be⸗ ſprochen und meiſtens zuletzt richtig beurtheilt wird; ſo daß, nach einer, der Schwierigkeit derſelben angemeſſenen Friſt, endlich faſt Alle begreifen, was der klare Kopf ſogleich ſah. Unterdeſſen freilich muß man ſich gedulden. Denn ein Mann von richtiger Einſicht unter den Bethörten gleicht Dem, deſſen Uhr richtig geht, in einer Stadt, deren Thurmuhren alle falſch geſtellt ſind. Er allein weiß die wahre Zeit: aber was hilft es ihm? alle Welt richtet ſich nach den falſch zeigenden Stadtuhren; ſogar auch Die, welche wiſſen, daß ſeine Uhr allein die wahre Zeit angiebt. 28) Die Menſchen gleichen darin den Kindern, daß fie un⸗ artig werden, wenn man ſie verzieht; daher man gegen keinen zu nachgiebig und liebreich ſeyn darf. Wie man, in der Regel, keinen Freund dadurch verlieren wird, daß man ihm ein Darlehn abſchlägt, aber ſehr leicht dadurch, daß man es ihm giebt; eben ſo, nicht leicht einen durch ſtolzes und etwas vernachläſſigendes Betragen; aber oft in Folge zu vieler Freundlichkeit und Zuvor⸗ kommens, als welche ihn arrogant und unerträglich machen, wodurch der Bruch herbeigeführt wird. Beſonders aber den Gedanken, daß man ihrer benöthigt ſei, können die Menſchen ſchlechterdings nicht vertragen: Uebermuth und Anmaaßung ſind ſein unzertrennliches Gefolge. Bei einigen entſteht er, in gewiſſem Grade, ſchon dadurch, daß man ſich mit ihnen abgiebt, etwan oft, oder auf eine vertrauliche Weiſe mit ihnen ſpricht: alsbald werden ſie meinen, man müſſe ſich von ihnen auch etwas gefallen laſſen, und werden verſuchen, die Schranken der Höflichkeit zu erweitern. Daher taugen fo Wenige zum irgend vertrauteren m: 480 3 W 2 “ns o Paränesen und Maximen. gang, und ſoll man ſich beſonders hüten, ſich nicht mit niedrigen Naturen gemein zu machen. Faßt nun aber gar Einer den Gedanken, er ſei mir viel nöthiger, als ich ihm; da iſt es ihm ſogleich, als hätte ich ihm etwas geſtohlen: er wird ſuchen, ſich 5 zu rächen und es wiederzuerlangen. Ueberlegenheit im Umgang erwächſt allein daraus, daß man der Andern in keiner Art und Weiſe bedarf, und dies ſehn läßt. Dieſerwegen iſt es rathſam, Jedem, es ſei Mann oder Weib, von Zeit zu Zeit fühlbar zu machen, daß man ſeiner ſehr wohl entrathen könne: das befeſtigt 10 die Freundſchaft; ja, bei den meiſten Leuten kann es nicht ſchaden, wenn man ein Gran Geringſchätzung gegen ſie, dann und wann, mit einfließen läßt: ſie legen deſto mehr Werth auf unſere Freund⸗ ſchaft: chi non estima vien stimato (wer nicht achtet wird ge⸗ achtet) ſagt ein feines italiäniſches Sprichwort. Iſt aber Einer 15 uns wirklich ſehr viel werth; fo müſſen wir dies vor ihm ver⸗ hehlen, als wäre es ein Verbrechen. Das iſt nun eben nicht erfreulich; dafür aber wahr. Kaum daß Hunde die zu große Freundlichkeit verttagen; geſchweige Menſchen. 29) Daß Leute edlerer Art und höherer Begabung ſo oft, 20 zumal in der Jugend, auffallenden Mangel an Menſchenkenntniß und Weltklugheit verrathen, daher leicht betrogen oder ſonſt irre geführt werden, während die niedrigen Naturen ſich viel ſchneller [427] und beſſer in die Welt zu finden wiſſen, liegt daran, daß man, beim Mangel der Erfahrung, a priori zu urtheilen hat, und daß 25 überhaupt keine Erfahrung es dem a priori gleichthut. Dies a priori nämlich giebt Denen vom gewöhnlichen Schlage das eigene Selbſt an die Hand, den Edelen und Vorzüglichen aber nicht: denn eben als ſolche ſind ſie von den Andern weit ver⸗ ſchieden. Indem ſie daher deren Denken und Thun nach dem 30 ihrigen berechnen, trifft die Rechnung nicht zu. Wenn nun aber auch ein Solcher a posteriori, alſo aus fremder Belehrung und eigener Erfahrung, endlich gelernt hat, was von den Menſchen, im Ganzen genommen, zu erwarten ſteht, daß nämlich etwan / berfelben, in moraliſcher, oder intellektueller 35 Hinficht, fo beſchaffen find, daß, wer nicht durch die Umſtände in Verbindung mit ihnen geſetzt iſt beſſer thut, ſie vorweg zu meiden und, ſo weit es angeht, außer allem Kontakt mit ihnen zu bleiben; — ſo wird er dennoch von ihrer Kleinlichkeit und Erbärmlichkeit 481
Paränesen und Maximen. kaum jemals einen ausreichenden Begriff erlangen, ſondern immerfort, ſo lange er lebt, denſelben noch zu erweitern und zu ver⸗ vollſtändigen haben, unterdeſſen aber ſich gar oft zu feinem Schaden verrechnen. Und dann wieder, nachdem er die erhaltene Belehrung wirklich beherzigt hat, wird es ihm dennoch zu Zeiten begegnen, daß er, in eine Geſellſchaft ihm noch unbekannter Menſchen ge⸗ rathend, ſich zu wundern hat, wie ſie doch ſämmtlich, ihren Reden und Mienen nach, ganz vernünftig, redlich, aufrichtig, ehrenfeſt und tugendſam, dabei auch wohl noch geſcheut und geiſt⸗ reich erſcheinen. Dies ſollte ihn jedoch nicht irren: denn es kommt bloß daher, daß die Natur es nicht macht, wie die ſchlechten Poeten, welche, wann ſie Schurken oder Narren darſtellen, ſo plump und abſichtsvoll dabei zu Werke gehn, daß man gleichſam hinter jeder ſolcher Perſon den Dichter ſtehn ſieht, der ihre Ge⸗ ſinnung und Rede fortwährend desavouirt und mit warnender Stimme ruft: „Dies iſt ein Schurke, dies iſt ein Narr; gebt nichts auf Das, was er ſagt.“ Die Natur hingegen macht es wie Shakeſpeare und Goethe, in deren Werken jede Perſon, und wäre ſie der Teufel ſelbſt, während ſie daſteht und redet, Recht behält; weil ſie ſo objektiv aufgefaßt iſt, daß wir in ihr Intereſſe gezogen und zur Theilnahme an ihr gezwungen werden: denn ſie iſt, eben wie die Werke der Natur, aus einem innern Princip entwickelt, vermöge deſſen ihr Sagen und Thun als natürlich, mithin als nothwendig auftritt. — Alſo, wer erwartet, daß in der Welt die Teufel mit Hörnern und die Narren mit Schellen einhergehn, wird ſtets ihre Beute, oder ihr Spiel ſeyn. Hiezu kommt aber noch, daß im Umgange die Leute es machen, wie der Mond und die Pucklichten, nämlich ſtets nur eine Seite zeigen, und ſogar Jeder ein angeborenes Talent hat, auf mimiſchem Wege ſeine Phyſiognomie zu einer Maske umzuarbeiten, welche genau darſtellt, was er eigentlich ſeyn ſollte, und die, weil ſie ausſchließlich auf ſeine Individualität berechnet iſt, ihm ſo genau anliegt und anpaßt, daß die Wirkung überaus täuſchend ausfällt. Er legt ſie an, ſo oft es darauf ankommt, ſich einzuſchmeicheln. Man ſoll auf dieſelbe ſo viel geben, als wäre ſie aus Wachstuch, eingedenk des vortrefflichen italiäniſchen Sprichworts: non & si tristo cane, che non meni la coda (ſo böſe iſt kein Hund, daß er nicht mit dem Schwanz wedelte). 482 35 Paränesen und Maximen. Jedenfalls ſoll man ſich forgfältig hüten, von irgend einem Menſchen neuer Bekanntſchaft eine ſehr günſtige Meinung zu faſſen; ſonſt wird man, in den allermeiſten Fällen, zu eigener Beſchämung, oder gar Schaden, enttäuſcht werden. — Hiebei 5 verdient auch ein Wort des Seneka berückſichtigt zu werden: argumenta morum ex minimis quoque licet capere (ep. 52). Gerade in Kleinigkeiten, als bei welchen der Menſch ſich nicht zuſammen⸗ nimmt, zeigt er ſeinen Charakter, und da kann man oft, an gering⸗ fügigen Handlungen, an bloßen Manieren, den gränzenloſen, nicht 10 die mindeſte Rückſicht auf Andere kennenden Egoismus bequem beobachten, der ſich nachher im Großen nicht verleugnet, wiewohl verlarvt. Und man verſäume ſolche Gelegenheit nicht. Wenn Einer in den kleinen täglichen Vorgängen und Verhältniſſen des Lebens, in den Dingen, von welchen das de minimis lex non 15 curat gilt, rückſichtslos verfährt, bloß feinen Vortheil oder feine Bequemlichkeit, zum Nachtheil Anderer, ſucht; wenn er ſich an⸗ eignet was für Alle daiſt u. ſ. w.; da ſei man überzeugt, daß in ſeinem Herzen keine Gerechtigkeit wohnt, ſondern er auch im Großen ein Schuft ſeyn würde, ſobald das Geſetz und die Gewalt 20 ihm nicht die Hände binden, und traue ihm nicht über die Schwelle. Ja, wer ohne Scheu die Geſetze ſeines Klubs bricht, wird auch die des Staates brechen, ſobald er es ohne Gefahr kann. ) Vergeben und Vergeſſen heißt gemachte koſtbare Erfahrungen zum Fenſter hinauswerfen. Hat nun Einer, mit dem wir in Ver⸗ 25 bindung, oder Umgang, ſtehn, uns etwas Unangenehmes, oder Aergerliches erzeigt; ſo haben wir uns nur zu fragen, ob er uns ſo viel werth ſei, daß wir das Nämliche, auch noch etwas verſtärkt, uns nochmals und öfter von ihm wollen gefallen laſſen; — oder nicht. Im bejahenden Fall wird nicht viel darüber zu ſagen ſeyn, 30 weil das Reden wenig hilft: wir müſſen alſo die Sache, mit oder ohne Ermahnung, hingehn laſſen, ſollen jedoch wiſſen, daß wir hie⸗ durch ſie uns nochmals ausgebeten haben. Im verneinenden Falle hingegen haben wir ſogleich und auf immer mit dem werthen D Wenn in den Menſchen, wie fie meiſtentheils find, das Gute das 35 Schlechte überwöge; fo wäre es gerathener, ſich auf ihre Gerechtigkeit, Billige keit, Dankbarkeit, Treue, Liebe oder Mitleid zu verlaſſen, als auf ihre Furcht: weil es aber mit ihnen umgekehrt ſteht; ſo iſt das Umgekehrte gerathener. 483
Paränesen und Maximen. Freunde zu brechen, oder, wenn es ein Diener ift, ihn abzuſchaffen. [429] Denn unausbleiblich wird er, vorkommenden Falls, ganz das Selbe, oder das völlig Analoge, wieder thun, auch wenn er uns jetzt das Gegentheil hoch und aufrichtig betheuert. Alles, Alles kann einer vergeſſen, nur nicht ſich ſelbſt, ſein eigenes Weſen. Denn der Charakter iſt ſchlechthin inkorrigibel; weil alle Hand⸗ lungen des Menſchen aus einem innern Princip fließen, vermöge deſſen er, unter gleichen Umſtänden, ſtets das Gleiche thun muß und nicht anders kann. Man leſe meine Preisſchrift über die ſogenannte Freiheit des Willens und befreie ſich vom Wahn. Da⸗ her auch iſt, ſich mit einem Freunde, mit dem man gebrochen hatte, wieder auszuſöhnen, eine Schwäche, die man abbüßt, wann derſelbe, bei erſter Gelegenheit, gerade und genau das Selbe wieder thut, was den Bruch herbeigeführt hatte; ja, mit noch mehr Dreiſtigkeit, im ſtillen Bewußtſeyn ſeiner Unentbehrlichkeit. Das Gleiche gilt von abgeſchafften Dienern, die man wieder⸗ nimmt. Eben ſo wenig, und aus dem ſelben Grunde, dürfen wir erwarten, daß Einer, unter veränderten Umſtänden, das Gleiche, wie vorher, thun werde. Vielmehr ändern die Menſchen Ges ſinnung und Betragen eben fo ſchnell, wie ihr Intereſſe ſich ändert; ja, ihre Abſichtlichkeit zieht ihre Wechſel auf ſo kurze Sicht, daß man ſelbſt noch kurzſichtiger ſeyn müßte, um ſie nicht proteſtiren zu laſſen. Geſetzt demnach wir wollten etwan wiſſen, wie Einer, in einer Lage, in die wir ihn zu verſetzen gedenken, handeln wird; ſo dürfen wir hierüber nicht auf ſeine Verſprechungen und Betheuerungen bauen. Denn, geſetzt auch, er ſpräche aufrichtig; ſo ſpricht er von einer Sache, die er nicht kennt. Wir müſſen alſo allein aus der Erwägung der Umſtände, in die er zu treten hat, und des Konfliktes derſelben mit ſeinem Charakter, ſein Handeln berechnen. Um überhaupt von der wahren und ſehr traurigen Beſchaffen⸗ heit der Menſchen, wie ſie meiſtens ſind, das ſo nöthige, deut⸗ liche und gründliche Verſtändniß zu erlangen, iſt es überaus lehrreich, das Treiben und Benehmen derſelben in der Litteratur als Kommentar ihres Treibens und Benehmens im praktiſchen Leben zu gebrauchen, und vice versa. Dies iſt ſehr dienlich, um weder an ſich, noch an ihnen irre zu werden. Dabei aber 484 w — A 0 0 0 — 5 Paränesen und Maæimen. darf kein Zug von beſonderer Niederträchtigkeit oder Dummheit, der uns im Leben oder in der Litteratur aufſtößt, uns je ein Stoff zum Verdruß und Aerger, ſondern bloß zur Erkenntniß werden, indem wir in ihm einen neuen Beitrag zur Charakteriſtik 5 des Menſchengeſchlechts ſehn und demnach ihn uns merken. Als⸗ dann werden wir ihn ungefähr ſo betrachten, wie der Mineralog ein ihm aufgeſtoßenes, ſehr charakteriſtiſches Specimen eines Minerals. — Ausnahmen giebt es, ja, unbegreiflich große, und die Unterſchiede der Individualitäten ſind enorm: aber, im Ganzen 10 genommen, liegt, wie längſt geſagt iſt, die Welt im Argen: die Wilden freſſen einander und die Zahmen betrügen einander, und Das nennt man den Lauf der Welt. Was ſind denn die Staaten, mit aller ihrer künſtlichen, nach außen und nach innen gerichteten Maſchinerie und ihren Gewaltmitteln Anderes, als Vorkehrungen, 15 der gränzenloſen Ungerechtigkeit der Menſchen Schranken zu ſetzen? Sehn wir nicht, in der ganzen Geſchichte, jeden König, ſobald er feſt ſteht, und ſein Land einiger Prosperität genießt, dieſe benutzen, um mit ſeinem Heer, wie mit einer Räuberſchaar, über die Nachbarſtaaten herzufallen? ſind nicht faſt alle Kriege 20 im Grunde Raubzüge? Im frühen Alterthum, wie auch zum Theil im Mittelalter, wurden die Beſiegten Sklaven der Sieger, d. h. im Grunde, ſie mußten für dieſe arbeiten: das Selbe müſſen aber Die, welche Kriegskontributionen zahlen: ſie geben nämlich den Ertrag früherer Arbeit hin. Dans toutes les guerres il ne 25 s'agit que de voler, ſagt Voltaire, und die Deutſchen ſollen es ſich geſagt ſeyn laſſen. 4% 30) Kein Charakter iſt fo, daß er ſich ſelbſt überlaſſen bleiben und ſich ganz und gar gehn laſſen dürfte; ſondern jeder bedarf der Lenkung durch Begriffe und Maximen. Will man nun aber 30 es hierin weit bringen, nämlich bis zu einem nicht aus unſerer angeborenen Natur, ſondern bloß aus vernünftiger Ueberlegung hervorgegangenen, ganz eigentlich erworbenen und künſtlichen Charakter; ſo wird man gar bald das Naturam expelles furca, tamen usque recurret. 35 beſtätigt finden. Man kann nämlich eine Regel für das Be tragen gegen Andere ſehr wohl einſehn, ja, ſie ſelbſt auffinden und treffend ausdrücken, und wird dennoch, im wirklichen Leben, 485
Paränesen und Maximen. gleich darauf, gegen fie verftoßen. Jedoch ſoll man nicht ſich da= durch entmuthigen laſſen und denken, es ſei unmöglich, im Welt: leben ſein Benehmen nach abſtrakten Regeln und Maximen zu leiten, und daher am beſten, ſich eben nur gehn zu laſſen. Son⸗ dern es iſt damit, wie mit allen theoretiſchen Vorſchriften und 3 Anweiſungen für das Praktiſche: die Regel verſtehn iſt das Erſte, ſie ausüben lernen iſt das Zweite. Jenes wird durch Vernunft auf Ein Mal, Dieſes durch Uebung allmälig gewonnen. Man zeigt dem Schüler die Griffe auf dem Inſtrument, die Paraden und Stöße mit dem Rapier: er fehlt ſogleich, trotz dem beſten 10 Vorſatze, dagegen, und meint nun, ſie in der Schnelle des Noten⸗ leſens und der Hitze des Kampfes zu beobachten ſei ſchier un⸗ möglich. Dennoch lernt er es allmälig, durch Uebung, unter Straucheln, Fallen und Aufſtehn. Eben ſo geht es mit den Regeln der Grammatik im lateiniſch Schreiben und Sprechen. 15 Nicht anders alſo wird der Tölpel zum Hofmann, der Hitzkopf zum feinen Weltmann, der Offene verſchloſſen, der Edle ironiſch. Jedoch wird eine ſolche, durch lange Gewohnheit erlangte Selbſt⸗ dreſſur ſtets als ein von außen gekommener Zwang wirken, wel⸗ chem zu widerſtreben die Natur nie ganz aufhört und bisweilen 20 unerwartet ihn durchbricht. Denn alles Handeln nach abſtrakten Maximen verhält ſich zum Handeln aus urſprünglicher, ange⸗ borener Neigung, wie ein menſchliches Kunſtwerk, etwan eine Uhr, wo Form und Bewegung dem ihnen fremden Stoffe aufgezwungen find, zum lebenden Organismus, bei welchem Form und Stoff 25 von einander durchdrungen und Eines find. An dieſem Verhält- [431 niß des erworbenen zum angeborenen Charakter beſtätigt ſich dem⸗ nach ein Ausſpruch des Kaiſers Napoleon: tout ce qui n'est pas naturel est imparfait; welcher überhaupt eine Regel iſt, die von Allem und Jedem, ſei es phyſiſch, oder moraliſch, gilt, 30 und von der die einzige mir einfallende Ausnahme das, den Mineralogen bekannte, natürliche Aventurino iſt, welches dem künſtlichen nicht gleich kommt. Darum ſei hier auch vor aller und jeder Affektation gewarnt. Sie erweckt allemal Geringſchätzung: erſtlich als Be⸗ trug, der als ſolcher feige iſt, weil er auf Furcht beruht; zweitens als Verdammungsurtheil ſeiner ſelbſt durch ſich ſelbſt, indem man ſcheinen will was man nicht iſt und was man folglich für 5 w 486 Paränesen und Maæimen. beſſer hält, als was man iſt. Das Affektiren irgend einer Eigen⸗ ſchaft, das Sich⸗Brüſten damit, iſt ein Selbſtgeſtändniß, daß man ſie nicht hat. Sei es Muth, oder Gelehrſamkeit, oder Geiſt, oder Witz, oder Glück bei Weibern, oder Reichthum, oder 5 vornehmer Stand, oder was ſonſt, womit Einer groß thut; fo kann man daraus ſchließen, daß es ihm gerade daran in etwas gebricht: denn wer wirklich eine Eigenſchaft vollkommen beſitzt, dem fällt es nicht ein, ſie herauszulegen und zu affektiren, ſon⸗ dern er iſt darüber ganz beruhigt. Dies iſt auch der Sinn des 10 ſpaniſchen Sprichworts: herradura que chacolotea clavo le falta (dem klappernden Hufeiſen fehlt ein Nagel). Allerdings darf, wie Anfangs geſagt, Keiner ſich unbedingt den Zügel ſchießen laſſen und ſich ganz zeigen, wie er iſt; weil das viele Schlechte und Beſtialiſche unſerer Natur der Verhüllung bedarf: 15 aber Dies rechtfertigt bloß das Negative, die Diſſimulation, nicht das Poſitive, die Simulation. — Auch ſoll man wiſſen, daß das Affektiren erkannt wird, ſelbſt ehe klar geworden, was eigentlich Einer affektirt. Und endlich hält es auf die Länge nicht Stich, ſondern die Maske fällt ein Mal ab. Nemo potest personam 20 diu ferre fictam: ficta cito in naturam suam recidunt. (Seneca de Clementia, L. I. c. 1.) 31) Wie man das Gewicht ſeines eigenen Körpers trägt, ohne es, wie doch das jedes fremden, den man bewegen will, zu fühlen; ſo bemerkt man nicht die eigenen Fehler und Laſter, 25 ſondern nur die der Andern. — Dafür aber hat Jeder am An⸗ dern einen Spiegel, in welchem er ſeine eigenen Laſter, Fehler, Unarten und Widerlichkeiten jeder Art deutlich erblickt. Allein meiſtens verhält er ſich dabei wie der Hund, welcher gegen den 432] Spiegel bellt, weil er nicht weiß, daß er ſich ſelbſt ſieht, ſondern 30 meint, es ſei ein anderer Hund. Wer Andere bekrittelt arbeitet an ſeiner Selbſtbeſſerung. Alſo Die, welche die Neigung und Gewohnheit haben, das äußerliche Benehmen, überhaupt das Thun und Laſſen der Andern im Stillen, bei ſich ſelbſt, einer aufmerkſamen und ſcharfen Kritik zu unterwerfen, arbeiten 35 dadurch an ihrer eigenen Beſſerung und Vervollkommnung: denn ſie werden entweder Gerechtigkeit, oder doch Stolz und Eitelkeit genug beſitzen, ſelbſt zu vermeiden, was ſie ſo oft ſtrenge tadeln. Von den Toleranten gilt das Umgekehrte: nämlich hanc veniam 32 Schopenhauer, Werke V 487
Paränesen und Maximen. damus petimusque vicissim. Das Evangelium moraliſirt recht ſchön über den Splitter im fremden, den Balken im eigenen Auge: aber die Natur des Auges bringt es mit ſich, daß es nach außen und nicht ſich ſelbſt ſieht: daher iſt, zum Innewerden der eigenen Fehler, das Bemerken und Tadeln derſelben an Andern ein ſehr geeignetes Mittel. Zu unſerer Beſſerung be⸗ dürfen wir eines Spiegels. Auch hinſichtlich auf Stil und Schreibart gilt dieſe Regel: wer eine neue Narrheit in dieſen bewundert, ſtatt ſie zu tadeln, wird ſie nachahmen. Daher greift in Deutſchland jede ſo ſchnell um ſich. Die Deutſchen ſind ſehr tolerant: man merkt's. Hanc veniam damus petimusque vicissim iſt ihr Wahlſpruch. 32) Der Menſch edlerer Art glaubt, in ſeiner Jugend, die weſentlichen und entſcheidenden Verhältniſſe und daraus entſtehen⸗ den Verbindungen zwiſchen Menſchen ſeien die ideellen, d. h. die auf Aehnlichkeit der Geſinnung, der Denkungsart, des Ge⸗ ſchmacks, der Geiſteskräfte u. ſ. w. beruhenden: allein er wird ſpäter inne, daß es die reellen ſind, d. h. die, welche ſich auf irgend ein materielles Intereſſe ſtützen. Dieſe liegen faſt allen Verbindungen zum Grunde: ſogar hat die Mehrzahl der Menſchen keinen Begriff von andern Verhältniſſen. Demzufolge wird Jeder genommen nach ſeinem Amt, oder Geſchäft, oder Nation, oder Familie, alſo überhaupt nach der Stellung und Rolle, welche die Konvention ihm ertheilt hat: dieſer gemäß wird er ſortirt und fabrikmäßig behandelt. Hingegen was er an und für ſich, alſo als Menſch, vermöge ſeiner perſönlichen Eigen⸗ ſchaften ſei, kommt nur beliebig und daher nur ausnahmsweiſe zur Sprache, und wird von Jedem, ſobald es ihm bequem iſt, alſo meiſtentheils, bei Seite geſetzt und ignorirt. Je mehr nun aber es mit Dieſem auf ſich hat, deſto weniger wird ihm jene An⸗ ordnung gefallen, er alſo ſich ihrem Bereich zu entziehn ſuchen. Sie beruht jedoch darauf, daß, in dieſer Welt der Noth und des Bedürfniſſes, die Mittel, dieſen zu begegnen, überall das Weſentliche, mithin Vorherrſchende ſind. 33) Wie Papiergeld ſtatt des Silbers, ſo kurſiren in der Welt, ſtatt der wahren Achtung und der wahren Freundſchaft, die äußerlichen Demonſtrationen und möglichſt natürlich mimi⸗ ſirten Gebärden derſelben. Indeſſen läßt ſich andererſeits auch 488 — 8 N D ws Paränesen und Maximen. fragen, ob es denn Leute gebe, welche Jene wirklich verdienten. Jedenfalls gebe ich mehr auf das Schwanzwedeln eines ehrlichen Hundes, als auf hundert ſolche Demonſtrationen und Gebärden. Wahre, ächte Freundſchaft ſetzt eine ſtarke, rein objektive Fund völlig unintereſſirte Theilnahme am Wohl und Wehe des Andern voraus, und dieſe wieder ein wirkliches Sich mit dem Freunde identificiren. Dem ſteht der Egoismus der menſchlichen Natur ſo ſehr entgegen, daß wahre Freundſchaft zu den Dingen gehört, von denen man, wie von den koloſſalen Seeſchlangen, zo nicht weiß, ob fie fabelhaft find, oder irgendwo exiſtiren. In⸗ deſſen giebt es mancherlei, in der Hauptſache freilich auf ver⸗ ſteckten egoiſtiſchen Motiven der mannigfaltigſten Art beruhende [433] Verbindungen zwiſchen Menſchen, welche dennoch mit einem Gran jener wahren und ächten Freundſchaft verſetzt ſind, wodurch ſie 15 fo veredelt werden, daß fie, in dieſer Welt der Unvollkommen⸗ heiten, mit einigem Fug den Namen der Freundſchaft führen dürfen. Sie ſtehn hoch über den alltäglichen Liaiſons, welche vielmehr ſo ſind, daß wir mit den meiſten unſerer guten Be⸗ kannten kein Wort mehr reden würden, wenn wir hörten, wie ſie in unſerer Abweſenheit von uns reden. a Die Aechtheit eines Freundes zu erproben, hat man, nächſt den Fällen wo man ernſtlicher Hülfe und bedeutender Opfer bedarf, die beſte Gelegenheit in dem Augenblick, da man ihm ein Unglück, davon man ſoeben getroffen worden, berichtet. Als⸗ 8 25 dann nämlich malt ſich, in ſeinen Zügen, entweder wahre, innige, unvermiſchte Betrübniß; oder aber ſie beſtätigen, durch ihre ge⸗ faßte Ruhe, oder einen flüchtigen Nebenzug, den bekannten Aus⸗ ſpruch des Rochefoucauld: dans l'adversité de nos meilleurs amis, nous trouvons toujours quelque chose qui ne nous deplait pas. Die gewöhnlichen ſogenannten Freunde vermögen, bei ſolchen Gelegenheiten, oft kaum das Zucken zu einem leiſen, wohlgefälligen Lächeln zu unterdrücken. — Es giebt wenig Dinge, welche ſo ſicher die Leute in gute Laune verſetzen, wie wenn man ihnen ein beträchtliches Unglück, davon 35 man kürzlich getroffen worden, erzählt, oder auch irgend eine perſönliche Schwäche ihnen unverhohlen offenbart. — Charak⸗ teriſtiſch! — Entfernung und lange Abweſenheit thun jeder Freundſchaft 32* 489
Paränesen und Maximen. Eintrag; ſo ungern man es geſteht. Denn Menſchen, die wir nicht ſehn, wären ſie auch unſere geliebteſten Freunde, trocknen, im Laufe der Jahre, allmälig zu abſtrakten Begriffen auf, wo⸗ durch unſere Theilnahme an ihnen mehr und mehr eine bloß vernünftige, ja traditionelle wird: die lebhafte und tiefgefühlte bleibt Denen vorbehalten, die wir vor Augen haben, und wären es auch nur geliebte Thiere. So ſinnlich iſt die menſchliche Natur. Alſo bewährt ſich auch hier Goethes Ausſpruch: „Die Gegenwart iſt eine mächt'ge Göttin.“ (Taſſo, Aufzug 4, Auftr. 4.) Die Hausfreunde heißen meiſtens mit Recht ſo, indem ſie mehr die Freunde des Hauſes, als des Herrn, alſo den Katzen ähnlicher, als den Hunden ſind. Die Freunde nennen ſich aufrichtig; die Feinde ſind es: daher man ihren Tadel zur Selbſterkenntniß benutzen ſollte, als eine bittere Arznei. — Freunde in der Noth wären ſelten? — Im Gegentheil! Kaum hat man mit Einem Freundſchaft gemacht; ſo iſt er auch ſchon in der Noth und will Geld geliehen haben. — 34) Was für ein Neuling iſt doch Der, welcher wähnt, Geiſt und Verſtand zu zeigen wäre ein Mittel, ſich in Geſell⸗ ſchaft beliebt zu machen! Vielmehr erregen ſie, bei der unberechen⸗ bar überwiegenden Mehrzahl, einen Haß und Groll, der um ſo bitterer iſt, als der ihn Fühlende die Urſache deſſelben anzu⸗ klagen nicht berechtigt iſt, ja, ſie vor ſich ſelbſt verhehlet. Der nähere Hergang iſt dieſer: merkt und empfindet Einer große geiſtige Ueberlegenheit an dem, mit welchem er redet, ſo macht er, im Stillen und ohne deutliches Bewußtſeyn, den Schluß, daß in gleichem Maaße der Andere ſeine Inferiorität und Beſchränkt⸗ heit merkt und empfindet. Dieſes Enthymem erregt ſeinen bitter⸗ ſten Haß, Groll und Ingrimm. [Vergl. Welt als Wille und Vorſtell., 3. Aufl., Bd. II, 256 die angeführten Worte des Dr. Johnſon's und Merck's, des Jugendfreundes Goethes.] Mit Recht ſagt daher Gracian: „para ser bien quisto, el unico medio vestirse la piel del mas simple de los brutos.“ (S. Oraculo manual, y arte de prudencia, 240. [Obras, Amberes 1702, P. II, p. 287.) Iſt doch Geift und Verſtand 490 434 0 ws 35 Paränesen und Maximen. an den Tag legen, nur eine indirekte Art, allen Andern ihre Unfähigkeit und Stumpfſinn vorzuwerfen. Zudem geräth die gemeine Natur in Aufruhr, wenn ſie ihr Gegentheil anſichtig wird, und der geheime Anſtifter des Aufruhrs iſt der Neid. 5 Denn die Befriedigung ihrer Eitelkeit iſt, wie man täglich ſehn kann, ein Genuß, der den Leuten über Alles geht, der jedoch allein mittelſt der Vergleichung ihrer ſelbſt mit Andern möglich iſt. Auf keine Vorzüge aber iſt der Menſch ſo ſtolz, wie auf die geiſtigen: beruht doch nur auf ihnen ſein Vorrang vor den 10 Thieren. ) Ihm entſchiedene Ueberlegenheit in dieſer Hinſicht vor⸗ zuhalten, und noch dazu vor Zeugen, iſt daher die größte Ver⸗ wegenheit. Er fühlt ſich dadurch zur Rache aufgefordert und wird meiſtens Gelegenheit ſuchen, dieſe auf dem Wege der Ber leidigung auszuführen, als wodurch er vom Gebiete der Intelli⸗ 15 genz auf das des Willens tritt, auf welchem wir, in dieſer Hin⸗ ſicht, Alle gleich ſind. Während daher in der Geſellſchaft Stand und Reichthum ſtets auf Hochachtung rechnen dürfen, haben geiſtige Vorzüge ſolche keineswegs zu erwarten: im günſtigſten Fall werden ſie ignorirt; ſonſt aber angeſehn als eine Art Im⸗ 20 pertinenz, oder als etwas, wozu ihr Beſitzer unerlaubterweiſe gekommen iſt und nun ſich unterſteht damit zu ſtolziren; wofür ihm alſo irgend eine anderweitige Demüthigung angedeihen zu laſſen Jeder im Stillen beabſichtigt und nur auf die Gelegenheit dazu paßt. Kaum wird es dem demüthigſten Betragen ge⸗ 25 lingen Verzeihung für geiſtige Ueberlegenheit zu erbetteln. Sadi ſagt im Guliſtan (S. 146 der Ueberſetzung von Graf): „Man wiſſe, daß ſich bei dem Unverſtändigen hundert Mal mehr Wider⸗ willen gegen den Verſtändigen findet, als der Verſtändige Ab⸗ neigung gegen den Unverſtändigen empfindet.“ — Hingegen gereicht 30 geiſtige Inferiorität zur wahren Empfehlung. Denn was für den Leib die Wärme, das iſt für den Geiſt das wohlthuende Gefühl der Ueberlegenheit; daher Jeder, ſo inſtinktmäßig wie dem Ofen, oder dem Sonnenſchein, ſich dem Gegenſtande nähert, der es ihm verheißt. Ein ſolcher nun iſt allein der entſchieden 35 1) Den Willen, kann man fagen, hat der Menſch ſich ſelbſt gegeben: denn der iſt er ſelbſt: aber der Intellekt iſt eine Ausſtattung, die er vom Him⸗ mel erhalten hat, — d. h. vom ewigen, geheimnißvollen Schickſal und deſſen Nothwendigkeit, deren bloßes Werkzeug ſeine Mutter war. 491
Paränesen und Maximen. tiefer Stehende, an Eigenſchaften des Geiſtes, bei Männern, an Schönheit, bei Weibern. Manchen Leuten gegenüber freilich unverſtellte Inferiorität zu beweiſen — da gehört etwas dazu. Dagegen ſehe man, mit welcher herzlichen Freundlichkeit ein erträgliches Mädchen einem grundhäßlichen entgegenkommt. Kör⸗ perliche Vorzüge kommen bei Männern nicht ſehr in Betracht; wiewohl man ſich doch behaglicher neben einem kleineren, als neben einem größeren fühlt. Demzufolge alſo ſind, unter Män⸗ nern, die dummen und unwiſſenden, unter Weibern die häßlichen allgemein beliebt und geſucht: ſie erlangen leicht den Ruf eines überaus guten Herzens; weil Jedes für ſeine Zuneigung, vor ſich ſelbſt und vor Andern, eines Vorwandes bedarf. Eben des⸗ halb iſt Geiſtesüberlegenheit jeder Art eine ſehr iſolirende Eigen⸗ ſchaft: ſie wird geflohen und gehaßt, und als Vorwand hiezu werden ihrem Beſitzer allerlei Fehler angedichtet. ) Gerade fo wirkt unter Weibern die Schönheit: ſehr ſchöne Mädchen finden keine Freundin, ja, keine Begleiterin. Zu Stellen als Geſell⸗ ſchafterinnen thun ſie beſſer ſich gar nicht zu melden: denn ſchon bei ihrem Vortritt verfinſtert ſich das Geſicht der gehofften neuen Gebieterin, als welche, ſei es für ſich, oder für ihre Töchter, einer ſolchen Folie keineswegs bedarf. — Hingegen verhält es ſich umgekehrt mit den Vorzügen des Ranges; weil dieſe nicht, wie die perſönlichen, durch den Kontraſt und Abſtand, ſondern, wie die Farben der Umgebung auf das Geſicht, durch den Reflex wirken. 35) An unſerm Zutrauen zu Andern haben ſehr oft Träg⸗ heit, Selbſtſucht und Eitelkeit den größten Antheil: Trägheit, wenn wir, um nicht ſelbſt zu unterſuchen, zu wachen, zu thun, ) Zum Vorwärtskommen in der Welt find Freundſchaften und Kamaraderien bei Weitem das Hauptmittel. Nun aber große Fähigkeiten machen allemal ſtolz und dadurch wenig geeignet, Denen zu ſchmeicheln, die nur geringe haben, ja, vor Denen man deshalb die großen verhehlen und ver⸗ leugnen ſoll. Entgegengeſetzt wirkt das Bewußtſeyn nur geringer Fähigkeiten: es verträgt ſich vortrefflich mit der Demuth, Leutſäligkeit, Gefälligkeit und Reſpekt vor dem Schlechten, verſchafft alſo Freunde und Gönner. Das Geſagte gilt nicht bloß vom Staatsdienſt, ſondern auch von den Ehrenſtellen, Würden, ja, dem Ruhm in der gelehrten Welt; ſo daß z. B. in den Akademien die liebe Mediokrität ſtets oben auf iſt, Leute von Verdienſt ſpät oder nie hineinkommen, und ſo bei Allem. 492 [435] 0 we 35 2 1 8 1 ze 2 8 1436 © 3 35 Paränesen und Maximen. lieber einem Andern trauen; Selbſtſucht, wenn das Bedürfniß von unſern Angelegenheiten zu reden uns verleitet, ihm etwas anzuvertrauen; Eitelkeit, wenn es zu Dem gehört, worauf wir uns etwas zu Gute thun. Nichtsdeſtoweniger verlangen wir, daß man unſer Zutrauen ehre. Ueber Mißtrauen hingegen ſollten wir uns nicht erzürnen: denn in demſelben liegt ein Kompliment für die Redlichkeit, nämlich das aufrichtige Bekenntniß ihrer großen Seltenheit, in Folge welcher ſie zu den Dingen gehört, an deren Exiſtenz man zweifelt. 36) Von der Höflichkeit, dieſer chineſiſchen Kardinaltugend, habe ich den einen Grund angegeben in meiner Ethik S. 201 [2. Aufl. 198]: der andere liegt in Folgendem. Sie iſt eine ſtillſchweigende Uebereinkunft, gegenſeitig die moraliſch und intel⸗ lektuell elende Beſchaffenheit von einander zu ignoriren und ſie ſich nicht vorzurücken; — wodurch dieſe, zu beiderſeitigem Vortheil, etwas weniger leicht zu Tage kommt. Höflichkeit iſt Klugheit; folglich iſt Unhöflichkeit Dummheit: ſich mittelſt ihrer unnöthiger⸗ und muthwilligerweiſe Feinde machen iſt Raſerei, wie wenn man ſein Haus in Brand ſteckt. Denn Höflichkeit iſt, wie die Rechenpfennige, eine offenkundig falſche Münze: mit einer ſolchen ſparſam zu ſeyn, beweiſt Un⸗ verſtand; hingegen Freigebigkeit mit ihr Verſtand. Alle Nationen ſchließen den Brief mit votre très- humble serviteur, — your most obedient servant, — suo devotissimo servo: bloß die Deutſchen halten mit dem „Diener“ zurück, — weil es ja doch nicht wahr ſei, —! Wer hingegen die Höflichkeit bis zum Opfern realer Intereſſen treibt gleicht Dem, der ächte Goldſtücke ſtatt Rechenpfennige gäbe. — Wie das Wachs, von Natur hart und ſpröde, durch ein wenig Wärme ſo geſchmeidig wird, daß es jede beliebige Geſtalt annimmt; ſo kann man ſelbſt ſtörriſche und feind⸗ ſälige Menſchen, durch etwas Höflichkeit und Freundlichkeit, bieg⸗ ſam und gefällig machen. Sonach iſt die Höflichkeit dem Menſchen, was die Wärme dem Wachs. Eine ſchwere Aufgabe iſt freilich die Höflichkeit inſofern, als ſie verlangt, daß wir allen Leuten die größte Achtung bezeugen, während die allermeiſten keine verdienen; ſodann, daß wir den lebhafteſten Antheil an ihnen ſimuliren, während wir froh ſeyn 493
Paränesen und Maximen. müſſen, keinen an ihnen zu haben. — Höflichkeit mit Stolz zu vereinigen iſt ein Meiſterſtück. — Wir würden bei Beleidigungen, als welche eigentlich immer in Aeußerungen der Nichtachtung beſtehn, viel weniger aus der Faſſung gerathen, wenn wir nicht einerſeits eine ganz übertriebene Vorſtellung von unſerm hohen Werth und Würde, alſo einen ungemeſſenen Hochmuth hegten, und andererſeits uns deutlich ge⸗ macht hätten, was, in der Regel, Jeder vom Andern, in ſeinem Herzen, hält und denkt. Welch ein greller Kontraſt iſt doch zwiſchen der Empfindlichkeit der meiſten Leute über die leiſeſte Andeutung eines ſie treffenden Tadels und Dem, was ſie hören würden, wenn ſie die Geſpräche ihrer Bekannten über ſie be⸗ lauſchten! — Wir ſollten vielmehr uns gegenwärtig erhalten, daß die gewöhnliche Höflichkeit nur eine grinzende Maske iſt: dann würden wir nicht Zeter ſchreien, wenn ſie ein Mal ſich etwas verſchiebt, oder auf einen Augenblick abgenommen wird. Wann aber gar Einer geradezu grob wird, da iſt es, als hätte er die Kleider abgeworfen und ſtände in puris naturalibus da. Freilich nimmt er ſich dann, wie die meiſten Menſchen in dieſem Zuſtande, ſchlecht aus. 37) Für ſein Thun und Laſſen darf man keinen Andern zum Muſter nehmen; weil Lage, Umſtände, Verhältniſſe nie die gleichen ſind, und weil die Verſchiedenheit des Charakters auch der Hand⸗ lung einen verſchiedenen Anſtrich giebt, daher duo cum faciunt idem, non est idem. Man muß, nach reiflicher Ueberlegung [437] und ſcharfem Nachdenken, ſeinem eigenen Charakter gemäß handeln. Alſo auch im Praktiſchen iſt Originalität unerläßlich: ſonſt paßt was man thut nicht zu Dem, was man iſt. 38) Man beſtreite keines Menſchen Meinung; ſondern be⸗ denke, daß wenn man alle Abſurditäten, die er glaubt, ihm aus⸗ reden wollte, man Methuſalems Alter erreichen könnte, ohne da⸗ mit fertig zu werden. Auch aller, ſelbſt noch ſo wohlgemeinter, korrektioneller Bemerkungen ſoll man, im Geſpräche, ſich enthalten: denn die Leute zu kränken iſt leicht; ſie zu beſſern ſchwer, wo nicht un⸗ möglich. Wenn die Abſurditäten eines Geſprächs, welches wir an⸗ zuhören im Falle ſind, anfangen uns zu ärgern, müſſen wir 494 — 0 — 5 20 30 Paränesen und Maximen. uns denken, es wäre eine Komödienſcene zwiſchen zwei Narren. Probatum est. — Wer auf die Welt gekommen ift, fie ernſtlich und in den wichtigſten Dingen zu belehren, der kann von Glück ſagen, wenn er mit heiler Haut davon kommt. 39) Wer da will, daß ſein Urtheil Glauben finde, ſpreche es kalt und ohne Leidenſchaftlichkeit aus. Denn alle Heftigkeit entſpringt aus dem Willen: daher wird man die ſem und nicht der Erkenntniß, die ihrer Natur nach kalt iſt, das Urtheil zu⸗ ſchreiben. Weil nämlich das Radikale im Menſchen der Wille, die Erkenntniß aber bloß ſekundär und hinzugekommen iſt; ſo wird man eher glauben, daß das Urtheil aus dem erregten Willen, als daß die Erregung des Willens bloß aus dem Urtheil ent⸗ ſprungen ſei. 40) Auch beim beſten Rechte dazu, laſſe man ſich nicht zum 15 Selbſtlobe verführen. Denn die Eitelkeit iſt eine fo gewöhnliche, das Verdienſt aber eine ſo ungewöhnliche Sache, daß, ſo oft wir, wenn auch nur indirekt, uns ſelbſt zu loben ſcheinen, Jeder Hundert gegen Eins wettet, daß was aus uns redet die Eitelkeit ſei, der es am Verſtande gebricht, das Lächerliche der Sache einzuſehn. — Jedoch mag, bei allen Dem, Bako von Verulam nicht ganz Unrecht haben, wenn er ſagt, daß das semper aliquid haeret, wie von der Verläumdung, ſo auch vom Selbſtlobe gelte, und daher Dieſes, in mäßigen Doſen, empfiehlt. (Vgl. de augmentis scient. Lib. 8, p. 228.) 25 41) Wenn man argwöhnt, daß Einer lüge, ſtelle man ſich gläubig: da wird er dreiſt, lügt ſtärker und iſt entlarvt. Merkt man hingegen, daß eine Wahrheit, die er verhehlen möchte, ihm zum Theil entſchlüpft; ſo ſtelle man ſich darüber ungläubig, damit er, durch den Widerſpruch provocirt, die Arriergarde der ganzen 30 Wahrheit nachrücken laſſe. u“ 1 >} 2 oO [438] 42) Unſere ſämmtlichen perfönlichen Angelegenheiten haben wir als Geheimniſſe zu betrachten, und unſern guten Bekannten müſſen wir, über Das hinaus, was ſie mit eigenen Augen ſehn, völlig fremd bleiben. Denn ihr Wiſſen um die unſchuldigſten 35 Dinge kann, durch Zeit und Umſtände, uns Nachtheil bringen. — Ueberhaupt iſt es gerathener ſeinen Verſtand durch Das, was man verſchweigt, an den Tag zu legen, als durch Das, was man ſagt. Erſteres iſt Sache der Klugheit, Letzteres der 495
Paränesen und Maximen. Eitelkeit. Die Gelegenheit zu Beiden kommt gleich oft: aber wir ziehn häufig die flüchtige Befriedigung, welche das Letztere gewährt, dem dauernden Nutzen vor, welchen das Erſtere bringt. Sogar die Herzenserleichterung, ein Mal ein Wort mit ſich ſelbſt laut zu reden, was lebhaften Perſonen wohl begegnet, ſollte man ſich verſagen, damit ſie nicht zur Gewohnheit werde; weil dadurch der Gedanke mit dem Worte ſo befreundet und verbrüdert wird, daß allmälig auch das Sprechen mit Andern ins laute Denken übergeht; während die Klugheit gebeut, daß zwiſchen unſerm Denken und unſerm Reden eine weite Kluft offen ge⸗ halten werde. Bisweilen meinen wir, daß Andere etwas uns Betreffendes durchaus nicht glauben können, während ihnen gar nicht einfällt, es zu bezweifeln: machen wir jedoch, daß ihnen Dies einfällt, dann können ſie es auch nicht mehr glauben. Aber wir ver⸗ rathen uns oft bloß, weil wir wähnen, es ſei unmöglich, daß man das nicht merke; — wie wir uns von einer Höhe hinab⸗ ſtürzen, aus Schwindel, d. h. durch den Gedanken, es ſei un⸗ möglich, hier feſt zu ſtehn, die Quaal aber, hier zu ſtehn, ſei ſo groß, daß es beſſer ſei, ſie abzukürzen: dieſer Wahn heißt Schwindel. Andererſeits wieder ſoll man wiſſen, daß die Leute, ſelbſt die, welche ſonſt keinen beſondern Scharfſinn verrathen, vortreffliche Algebriſten in den perſönlichen Angelegenheiten Anderer ſind, woſelbſt ſie, mittelſt einer einzigen gegebenen Größe, die ver⸗ wickelteſten Aufgaben löſen. Wenn man z. B. ihnen eine ehe⸗ malige Begebenheit, unter Weglaſſung aller Namen und ſonſtiger Bezeichnung der Perſonen erzählt; ſo ſoll man ſich hüten, dabei ja nicht irgend einen ganz poſitiven und individuellen Umſtand, ſei er auch noch ſo gering, mit einzuführen, wie etwan einen Ort, oder Zeitpunkt, oder den Namen einer Nebenperſon, oder ſonſt etwas auch nur mittelbar damit Zuſammenhängendes: denn daran haben ſie ſogleich eine poſitiv gegebene Größe, mittelſt deren ihr algebraiſcher Scharfſinn alles Uebrige herausbringt. Die Begeiſterung der Neugier nämlich iſt hier ſo groß, daß, kraft der⸗ ſelben, der Wille dem Intellekt die Sporen in die Seite ſetzt, welcher nun dadurch bis zur Erreichung der entlegenſten Reſultate getrieben wird. Denn ſo unempfänglich und gleichgültig die Leute 496 — 0 — 5 vw 0 — — —— Paränesen und Maæimen. gegen allgemeine Wahrheiten ſind, ſo erpicht ſind ſie auf indi⸗ viduelle. Dem Allen gemäß iſt denn auch die Schweigſamkeit von ſämmtlichen Lehrern der Weltklugheit auf das Dringendeſte und 5 mit den mannigfaltigſten Argumenten anempfohlen worden; da⸗ her ich es bei dem Geſagten bewenden laſſen kann. Bloß ein Paar Arabiſcher Maximen, welche beſonders eindringlich und wenig bekannt ſind, will ich noch herſetzen. „Was dein Feind nicht wiſſen ſoll, das ſage deinem Freunde nicht.“ — „Wenn ich mein Geheimniß verſchweige, iſt es mein Gefangener: laſſe ich es ent⸗ ſchlüpfen, bin ich fein Gefangener.“ — „Am Baume des Schwei⸗ gens hängt ſeine Frucht, der Friede.“ 43) Kein Geld iſt vortheilhafter angewandt, als das, um welches wir uns haben prellen laſſen: denn wir haben dafür un⸗ mittelbar Klugheit eingehandelt. 44) Man ſoll, wo möglich, gegen Niemanden Animoſität hegen, jedoch die procédés eines Jeden ſich wohl merken und im Gedächtniß behalten, um danach den Werth deſſelben, wenig⸗ ſtens hinſichtlich unſerer, feſtzuſtellen und demgemäß unſer Ver⸗ halten und Betragen gegen ihn zu regeln, — ſtets überzeugt von der Unveränderlichkeit des Charakters: einen ſchlechten Zug eines Menſchen jemals vergeſſen, iſt wie wenn man ſchwer er⸗ worbenes Geld wegwürfe. So aber ſchützt man ſich vor thö⸗ richter Vertraulichkeit und thörichter Freundſchaft. — 23 „Weder lieben, noch haſſen“ enthält die Hälfte aller Welt klugheit: „nichts ſagen und nichts glauben“ die andere Hälfte. Freilich aber wird man einer Welt, welche Regeln, wie dieſe und die nächſtfolgenden nöthig macht, gern den Rücken kehren. 45) Zorn oder Haß in Worten, oder Mienen blicken zu laſſen iſt unnütz, iſt gefährlich, iſt unklug, iſt lächerlich, iſt ge⸗ mein. Man darf alſo Zorn, oder Haß, nie anders zeigen, als in Thaten. Letzteres wird man um ſo vollkommener können, als man Erſteres vollkommener vermieden hat. — Die kaltblütigen 35 Thiere allein find die giftigen. L! 46) Parler sans accent: dieſe alte Regel der Weltleute bezweckt, daß man dem Verſtande der Andern überlaſſe, heraus⸗ zufinden, was man geſagt hat: der iſt langſam, und ehe er fertig 1 8 I A 2 8 8 3 497
Paränesen und Maximen. geworden, iſt man davon. Hingegen parler avec accent heißt zum Gefühle reden; wo denn Alles umgekehrt ausfällt. Manchem kann man, mit höflicher Gebärde und freundlichem Ton, ſogar wirkliche Sottiſen ſagen, ohne unmittelbare Gefahr. D. Unſer Verhalten gegen den Weltlauf und das Schickſal betreffend. 47) Welche Form auch das menſchliche Leben annehme; es ſind immer die ſelben Elemente, und daher iſt es im Weſentlichen überall das ſelbe: es mag in der Hütte, oder bei Hofe, im Kloſter, oder bei der Armee geführt werden. Mögen ſeine Begebenheiten, Abenteuer, Glücks⸗ und Unglücksfälle noch ſo mannigfaltig ſeyn; ſo iſt es doch damit, wie mit der Zuckerbäckerwaare. Es ſind viele und vielerlei gar krauſe und bunte Figuren: aber Alles iſt aus Einem Teig geknetet; und was dem Einen begegnete iſt Dem, was dem Andern widerfuhr, viel ähnlicher, als dieſer beim Erzählenhören denkt. Auch gleichen die Vorgänge unſers Lebens den Bildern im Kaleidoſkop, in welchem wir bei jeder Drehung etwas Anderes ſehn, eigentlich aber immer das Selbe vor Augen haben. 48) Drei Weltmächte giebt es, ſagt, ſehr treffend, ein Alter: ovve de, xparog, xar Toyn, Klugheit, Stärke und Glück. Ich glaube, daß die zuletzt genannte am meiſten vermag. Denn unſer Lebensweg iſt dem Lauf eines Schiffes zu vergleichen. Das Schickſal, die don, die secunda aut adversa fortuna, ſpielt die Rolle des Windes, indem ſie uns ſchnell weit fördert, oder weit zurückwirft; wogegen unſer eigenes Mühen und Treiben nur wenig vermag. Dieſes nämlich ſpielt dabei die Rolle der Ruder: wenn ſolche, durch viele Stunden langes Arbeiten, uns eine Strecke vorwärts gebracht haben, wirft ein plötzlicher Windſtoß uns eben ſo weit zurück. Iſt er hingegen günſtig, ſo fördert er uns der⸗ maaßen, daß wir der Ruder nicht bedürfen. Dieſe Macht des Glückes drückt unübertrefflich ein ſpaniſches Sprichwort aus: da ventura a tu hijo, y echa lo en el mar (gieb deinem Sohne Glück und wirf ihn ins Meer). Wohl iſt der Zufall eine böſe Macht, der man ſo wenig wie möglich anheimſtellen ſoll. Jedoch wer iſt, unter allen Gebern, 498 — 0 — 5 vw 0 8 5 0 Paränesen und Maximen. der einzige, welcher, indem er giebt, uns zugleich auf's deutlichſte 4%] zeigt, daß wir gar keine Anſprüche auf feine Gaben haben, daß u“ I 1 2 2 3 0 A 8 A 8 wir ſolche durchaus nicht unſerer Würdigkeit, ſondern ganz allein ſeiner Güte und Gnade zu danken haben und daß wir eben hier⸗ aus die freudige Hoffnung ſchöpfen dürfen, noch ferner manche unverdiente Gabe demuthsvoll zu empfangen? — Es iſt der Zu⸗ fall: er, der die königliche Kunſt verſteht, einleuchtend zu machen, daß gegen ſeine Gunſt und Gnade alles Verdienſt ohnmächtig iſt und nichts gilt. — Wenn man auf feinen Lebensweg zurückſieht, den „labyrin⸗ thiſch irren Lauf“ deſſelben überſchaut und nun ſo manches ver⸗ fehlte Glück, ſo manches herbeigezogene Unglück ſehn muß; ſo kann man in Vorwürfen gegen ſich ſelbſt leicht zu weit gehn. Denn unſer Lebenslauf iſt keineswegs ſchlechthin unſer eigenes Werk; ſondern das Produkt zweier Faktoren, nämlich der Reihe der Begebenheiten und der Reihe unſerer Entſchlüſſe, welche ſtets in einander greifen und ſich gegenſeitig modificiren. Hiezu kommt noch, daß in Beiden unſer Horizont immer ſehr beſchränkt iſt, indem wir unſere Entſchlüſſe nicht ſchon von Weitem vorherſagen und noch weniger die Begebenheiten vorausſehn können, ſondern von Beiden uns eigentlich nur die gegenwärtigen recht bekannt ſind. Deshalb können wir, ſo lange unſer Ziel noch fern liegt, nicht ein Mal gerade darauf hinſteuern; ſondern nur approrimativ und nach Muthmaaßungen unſere Richtung dahin lenken, müſſen alſo oft lawiren. Alles nämlich, was wir vermögen, iſt unſere Entſchlüſſe allezeit nach Maaßgabe der gegenwärtigen Umſtände zu faſſen, in der Hoffnung, es ſo zu treffen, daß es uns dem Hauptziel näher bringe. So ſind denn meiſtens die Begebenheiten und unſere Grundabſichten zweien, nach verſchiedenen Seiten ziehen⸗ den Kräften zu vergleichen und die daraus entſtehende Diagonale iſt unſer Lebenslauf. — Terenz hat geſagt: in vita est hominum quasi cum ludas tesseris: si illud, quod maxime opus est jactu, non cadit, illud quod cecidit forte, id arte ut corrigas; wobei er eine Art Triktrak vor Augen gehabt haben muß. Kürzer können wir ſagen: das Schickſal miſcht die Karten und wir ſpielen. Meine gegenwärtige Betrachtung auszudrücken, wäre aber folgendes Gleichniß am geeigneteſten. Es iſt im Leben wie im Schachſpiel: wir entwerfen einen Plan: dieſer bleibt 499
Paränesen und Maximen. jedoch bedingt durch Das, was im Schachfpiel dem Gegner, im Leben dem Schickſal, zu thun belieben wird. Die Modifikationen, welche hiedurch unſer Plan erleidet, ſind meiſtens ſo groß, daß er in der Ausführung kaum noch an einigen Grundzügen zu er⸗ kennen iſt. Uebrigens giebt es in unſerm Lebenslaufe noch etwas, welches über das Alles hinausliegt. Es iſt nämlich eine triviale und nur zu häufig beſtätigte Wahrheit, daß wir oft thörichter find, als wir glauben: hingegen iſt, daß wir oft weiſer ſind, als wir ſelbſt vermeinen, eine Entdeckung, welche nur Die, ſo in dem Fall geweſen, und ſelbſt dann erſt ſpät, machen. Es giebt etwas Weiſeres in uns, als der Kopf iſt. Wir handeln nämlich, bei den großen Zügen, den Hauptſchritten unſers Lebenslaufes, nicht ſowohl nach deutlicher Erkenntniß des Rechten, als nach einem innern Impuls, man möchte ſagen Inſtinkt, der aus dem tiefſten Grunde unſers Weſens kommt, und bemäkeln nachher unſer Thun nach deutlichen, aber auch dürftigen, erworbenen, ja, erborgten Begriffen, nach allgemeinen Regeln, fremden Beiſpielen u. ſ. w., ohne das „Eines ſchickt ſich nicht für Alle“ genugſam zu er⸗ wägen: da werden wir leicht ungerecht gegen uns ſelbſt. Aber am Ende zeigt es ſich, wer Recht gehabt hat; und nur das glück⸗ lich erreichte Alter iſt, ſubjektiv und objektiv, befähigt, die Sache zu beurtheilen. Vielleicht ſteht jener innere Impuls unter uns unbewußter Leitung prophetiſcher, beim Erwachen vergeſſener Träume, die eben dadurch unſerm Leben die Gleichmäßigkeit des Tones und die dramatiſche Einheit ertheilen, die das ſo oft ſchwankende und irrende, ſo leicht umgeſtimmte Gehirnbewußtſeyn ihm zu geben nicht vermöchte, und in Folge welcher z. B. der zu großen Leiſtungen einer beſtimmten Art Berufene Dies von Jugend auf innerlich und heimlich ſpürt und darauf hinarbeitet, wie die Bienen am Bau ihres Stocks. Für Jeden aber iſt es Das, was Baltaſar Gracian la gran sinderesis nennt: die inſtinktive große Obhut ſeiner ſelbſt, ohne welche er zu Grunde geht. — Nach abſtrakten Grundſätzen handeln iſt ſchwer und gelingt erſt nach vieler Uebung, und ſelbſt da nicht jedes⸗ mal: auch ſind ſie oft nicht ausreichend. Hingegen hat Jeder gewiſſe angeborene konkrete Grundſätze, die ihm in Blut 500 [442] — 0 25 30 35 Paränesen und Maximen. und Saft ſtecken, indem fie das Reſultat alles ſeines Denkens, Fühlens und Wollens ſind. Er kennt ſie meiſtens nicht in abstracto, ſondern wird erſt beim Rückblick auf ſein Leben gewahr, daß er ſie ſtets befolgt hat und von ihnen, wie von einem un⸗ 5 ſichtbaren Faden, iſt gezogen worden. Je nachdem ſie ſind, werden ſie ihn zu feinem Glück oder Unglück leiten. 49) Man ſollte beſtändig die Wirkung der Zeit und die Wandelbarkeit der Dinge vor Augen haben und daher bei Allem, was jetzt Statt findet, ſofort das Gegentheil davon imaginiren; 10 alſo im Glücke das Unglück, in der Freundſchaft die Feindſchaft, im ſchönen Wetter das ſchlechte, in der Liebe den Haß, im Zu⸗ trauen und Eröffnen den Verrath und die Reue, und ſo auch umgekehrt, ſich lebhaft vergegenwärtigen. Dies würde eine blei⸗ bende Quelle wahrer Weltklugheit abgeben, indem wir ſtets 15 beſonnen bleiben und nicht fo leicht getäuſcht werden würden. Meiſtens würden wir dadurch nur die Wirkung der Zeit anticipirt haben. — Aber vielleicht iſt zu keiner Erkenntniß die Erfahrung ſo unerläßlich, wie zur richtigen Schätzung des Unbeſtandes und Wechſels der Dinge. Weil eben jeder Zuſtand, für die Zeit ſeiner 20 Dauer, nothwendig und daher mit vollſtem Rechte vorhanden iſt; ſo ſieht jedes Jahr, jeder Monat, jeder Tag aus, als ob nun endlich er Recht behalten wollte, für alle Ewigkeit. Aber keiner behält es, und der Wechſel allein iſt das Beſtändige. Der Kluge iſt Der, welchen die ſcheinbare Stabilität nicht täufcht und 25 der noch dazu die Richtung, welche der Wechſel zunächſt nehmen [443] wird, vorherſieht. r) Daß hingegen die Menfchen den einſtweiligen Zuſtand der Dinge, oder die Richtung ihres Laufes, in der Regel für bleibend halten, kommt daher, daß ſie die Wirkungen vor Augen haben, aber die Urſachen nicht verſtehn, dieſe es jedoch — — ä—— — —̃ —.ꝛñ——ß— 30 +) Der Zufall hat bei allen menſchlichen Dingen ſo großen Spielraum, daß wenn wir einer von ferne drohenden Gefahr gleich durch Aufopferungen vorzubeugen ſuchen, dieſe Gefahr oft durch einen unvorhergeſehenen Stand, den die Dinge annehmen, verſchwindet, und jetzt nicht nur die gebrachten Opfer verloren ſind, ſondern die durch ſie herbeigeführte Veränderung nun⸗ 35 mehr, beim veränderten Stande der Dinge, gerade ein Nachtheil iſt. Wir müſſen daher in unſern Vorkehrungen nicht zu weit in die Zukunft greifen, ſondern auch auf den Zufall rechnen und mancher Gefahr kühn entgegen ſehn, hoffend, daß ſie, wie ſo manche ſchwarze Gewitterwolke, vorüberzieht. 301
Paränesen und Maximen. find, welche den Keim der künftigen Veränderungen in ſich tragen; während die Wirkung, welche für Jene allein daiſt, hievon nichts enthält. An dieſe halten ſie ſich und ſetzen voraus, daß die ihnen unbekannten Urſachen, welche ſolche hervorzubringen vermochten, auch im Stande ſeyn werden, fie zu erhalten. Sie haben dabei 5 den Vortheil, daß wenn ſie irren, es immer unisono geſchieht; daher denn die Kalamität, welche in Folge davon ſie trifft, ſtets eine allgemeine iſt, während der denkende Kopf, wenn er geirrt hat, noch dazu allein ſteht. — Beiläufig haben wir daran eine Beſtätigung meines Satzes, daß der Irrthum ſtets aus dem Schluß 10 von der Folge auf den Grund entſteht. Siehe „Welt als W. u. V.“ Bd. 1, S. 90 [3. Aufl. 94]. Jedoch nur theoretiſch und durch Vorherſehn ihrer Wirkung ſoll man die Zeit anticipiren, nicht praktiſch, nämlich nicht ſo, daß man ihr vorgreife, indem man vor der Zeit verlangt was erſt die Zeit bringen kann. Denn wer Dies thut wird er⸗ fahren, daß es keinen ſchlimmeren, unnachlaſſendern Wucherer giebt, als eben die Zeit, und daß ſie, wenn zu Vorſchüſſen ge⸗ zwungen, ſchwerere Zinſen nimmt, als irgend ein Jude. Z. B. man kann, durch ungelöſchten Kalk und Hitze, einen Baum der⸗ 20 maaßen treiben, daß er binnen weniger Tage Blätter, Blüthen und Früchte trägt: dann aber ſtirbt er ab. — Will der Jüng⸗ ling die Zeugungskraft des Mannes ſchon jetzt, wenn auch nur auf etliche Wochen ausüben und im neunzehnten Jahre leiſten was er im dreißigſten ſehr wohl könnte; ſo wird allenfalls die 25 Zeit den Vorſchuß leiſten, aber ein Theil der Kraft ſeiner künf⸗ tigen Jahre, ja, ein Theil ſeines Lebens ſelbſt, iſt der Zins. — Es giebt Krankheiten, von denen man gehörig und gründlich nur dadurch geneſt, daß man ihnen ihren natürlichen Verlauf läßt, nach welchem ſie von ſelbſt verſchwinden, ohne eine Spur 30 zu hinterlaſſen. Verlangt man aber ſogleich und jetzt, nur ge⸗ rade jetzt, geſund zu ſeyn; ſo muß auch hier die Zeit Vorſchuß leiſten: die Krankheit wird vertrieben: aber der Zins iſt Schwäche und chroniſche Uebel, Zeit Lebens. — Wenn man in Zeiten des Krieges, oder der Unruhen, Geld gebraucht und zwar for 35 gleich, gerade jetzt; fo iſt man genöthigt liegende Gründe, oder [444] Staatspapiere, für / und noch weniger ihres Werthes zu ver⸗ kaufen, den man zum Vollen erhalten würde, wenn man der — 5 502 Paränesen und Maæimen. Zeit ihr Recht widerfahren laſſen, alſo einige Jahre warten wollte: aber man zwingt ſie, Vorſchuß zu leiſten. — Oder auch man bedarf einer Summe zu einer weiten Reiſe: binnen eines oder zweier Jahre könnte man fie von feinem Einkommen zurück⸗ 5 gelegt haben. Aber man will nicht warten: fie wird alſo ge⸗ borgt, oder einſtweilen vom Kapital genommen: d. h. die Zeit muß vorſchießen. Da iſt ihr Zins eingeriſſene Unordnung in der Kaſſe, ein bleibendes und wachſendes Deficit, welches man nie mehr los wird. — Dies alſo iſt der Wucher der Zeit: ſeine Opfer werden Alle, die nicht warten können. Den Gang der gemeſſen ablaufenden Zeit beſchleunigen zu wollen, iſt das koſt⸗ ſpieligſte Unternehmen. Alſo hüte man ſich, der Zeit Zinſen ſchuldig zu werden. 50) Ein charakteriſtiſcher und im gemeinen Leben ſehr oft ſich hervorthuender Unterſchied zwiſchen den gewöhnlichen und den geſcheuten Köpfen iſt, daß Jene, bei ihrer Ueberlegung und Schätzung möglicher Gefahren, immer nur fragen und berück⸗ ſichtigen, was der Art bereits geſchehn ſei; Dieſe hingegen ſelbſt überlegen, was möglicherweiſe geſchehn könne; wobei ſie bedenken, daß, wie ein ſpaniſches Sprichwort fagt, lo que no acaece en un año, acaece en un rato (was binnen eines Jahres nicht geſchieht, geſchieht binnen weniger Minuten). Der in Rede ſtehende Unterſchied iſt freilich natürlich: denn was ge⸗ ſchehn kann zu überblicken erfordert Verſtand, was geſchehn iſt, bloß Sinne. Unſere Maxime aber ſei: opfere den böſen Dämonen! D. h. man ſoll einen gewiſſen Aufwand von Mühe, Zeit, Unbequem⸗ lichkeit, Weitläuftigkeit, Geld, oder Entbehrung nicht ſcheuen, um der Möglichkeit eines Unglücks die Thüre zu verſchließen: und je größer dieſes wäre, deſto kleiner, entfernter, unwahrſcheinlicher mag jene ſeyn. Die deutlichſte Exemplifikation dieſer Regel iſt die Aſſekuranzprämie. Sie iſt ein öffentlich und von Allen auf den Altar der böſen Dämonen gebrachtes Opfer. 51) Ueber keinen Vorfall ſollte man in großen Jubel, oder 35 große Wehklage ausbrechen; theils wegen der Veränderlichkeit aller [445] Dinge, die ihn jeden Augenblick umgeſtalten kann; theils wegen der Trüglichkeit unſers Urtheils über das uns Gedeihliche, oder Nachtheilige; in Folge welcher faſt Jeder ein Mal gewehklagt hat 8 1 I A 2 © 2 A vs 8 33 Schopenhauer, Werke V 503
Paränesen und Maæimen. über Das, was nachher ſich als fein wahres Beſtes auswies, oder gejubelt über Das, was die Quelle ſeiner größten Leiden geworden iſt. Die hier dagegen empfohlene Geſinnung hat Shakeſpeare ſchön ausgedrückt: J have felt so many quirks of joy and grief, 5 That the first face of neither, on the start, Can woman me unto it.*) (All’s well, A. 3. sc. 2.) Ueberhaupt aber zeigt Der, welcher bei allen Unfällen gelaſſen bleibt, daß er weiß, wie koloſſal und tauſendfältig die möglichen ro Uebel des Lebens ſind; weshalb er das jetzt eingetretene anſieht als einen ſehr kleinen Theil deſſen, was kommen könnte: Dies iſt die ſtoiſche Geſinnung, in Gemäßheit welcher man niemals conditionis humanae oblitus, ſondern ſtets eingedenk ſeyn ſoll, welch ein trauriges und jämmerliches Loos das menſchliche Da⸗ ſeyn überhaupt iſt, und wie unzählig die Uebel ſind, denen es ausgeſetzt iſt; dieſe Einſicht aufzufriſchen, braucht man überall nur einen Blick um ſich zu werfen: wo man auch ſei, wird man es bald vor Augen haben, dieſes Ringen und Zappeln und Quälen, um die elende, kahle, nichts abwerfende Exiſtenz. Man 20 wird demnach ſeine Anſprüche herabſtimmen, in die Unvollkommen⸗ heit aller Dinge und Zuſtände ſich finden lernen und Unfällen ſtets entgegenſehn, um ihnen auszuweichen, oder ſie zu ertragen. Denn Unfälle, große und kleine, ſind das Element unſers Lebens: Dies ſollte man alſo ſtets gegenwärtig haben; darum jedoch 25 nicht, als ein SuoxoXos, mit Beresford, über die ſtündlichen miseries of human life lamentiren und Geſichter ſchneiden, noch weniger in pulicis morsu Deum invocare; ſondern, als ein evraßng, die Behutſamkeit im Zuvorkommen und Verhüten der Unfälle, ſie mögen von Menſchen, oder von Dingen ausgehn, ſo weit treiben und ſo ſehr darin raffiniren, daß man, wie ein kluger Fuchs, jedem großen oder kleinen Mißgeſchick (welches meiſtens nur ein verkapptes Ungeſchick iſt) ſäuberlich aus dem Wege geht. — 5 0 ») So viele Anfälle von Freude und Gram habe ich ſchon empfunden, 35 daß ich nie mehr vom erſten Anblicke des Anlaſſes zu einem von Beiden ſogleich mich weibiſch hinreißen laſſe. 504 Paränesen und Maximen. Daß ein Unglücksfall uns weniger ſchwer zu tragen fällt, wenn wir zum Voraus ihn als möglich betrachtet und, wie man ſagt, uns darauf gefaßt gemacht haben, mag hauptſächlich daher kommen, daß wenn wir den Fall, ehe er eingetreten, als eine 5 bloße Möglichkeit, mit Ruhe überdenken, wir die Ausdehnung des Unglücks deutlich und nach allen Seiten überſehn und ſo es wenigſtens als ein endliches und überſchaubares erkennen; in Folge wovon es, wenn es nun wirklich trifft, doch mit nicht mehr, als [446] feiner wahren Schwere wirken kann. Haben wir hingegen Jenes zo nicht gethan, ſondern werden unvorbereitet getroffen; jo kann der erſchrockene Geiſt, im erſten Augenblick, die Größe des Unglücks nicht genau ermeſſen: es iſt jetzt für ihn unüberſehbar, ſtellt ſich daher leicht als unermeßlich, wenigſtens viel größer dar, als es wirklich iſt. Auf gleiche Art läßt Dunkelheit und Ungewißheit jede 15 Gefahr größer erſcheinen. Freilich kommt noch hinzu, daß wir für das als möglich anticipirte Unglück zugleich auch die Troſtgründe und Abhülfen überdacht, oder wenigſtens uns an die Vorſtellung deſſelben gewöhnt haben. Nichts aber wird uns zum gelaſſenen Ertragen der uns treffen⸗ 20 den Unglücksfälle beſſer befähigen, als die Ueberzeugung von der Wahrheit, welche ich in meiner Preisſchrift über die Freiheit des Willens aus ihren letzten Gründen abgeleitet und feſtgeſtellt habe, nämlich, wie es daſelbſt, S. 62 [2. Aufl. S. 60], heißt: „Alles was geſchieht, vom Größten bis zum Kleinſten, geſchieht not h⸗ 25 wendig.“ Denn in das unvermeidlich Nothwendige weiß der Menſch ſich bald zu finden, und jene Erkenntniß läßt ihn Alles, ſelbſt das durch die fremdartigſten Zufälle Herbeigeführte, als eben ſo nothwendig anſehn, wie das nach den bekannteſten Regeln und unter vollkommener Vorausſicht Erfolgende. Ich verweiſe hier 30 auf Das, was ich (Welt als W. u. V. Bd. 1, S. 345 u. 46 13. Aufl. 361) über die beruhigende Wirkung der Erkenntniß des Unvermeidlichen und Nothwendigen geſagt habe. Wer davon durchdrungen iſt wird zuvörderſt willig thun was er kann, dann aber willig leiden was er muß. 35 Die kleinen Unfälle, die uns ſtündlich vexiren, kann man betrachten als beſtimmt, uns in Uebung zu erhalten, damit die Kraft, die großen zu ertragen, im Glück nicht ganz erſchlaffe. Gegen die täglichen Hudeleien, kleinlichen Reibungen im menſch⸗ * 505
Paränesen und Maximen. lichen Verkehr, unbedeutende Anftöße, Ungebührlichkeiten Anderer, Klatſchereien u. dgl. m. muß man ein gehörnter Siegfried ſeyn, d. h. ſie gar nicht empfinden, viel weniger ſich zu Herzen nehmen und darüber brüten; ſondern von dem Allen nichts an ſich kom⸗ men laſſen, es von ſich ſtoßen, wie Steinchen, die im Wege liegen, und keineswegs es aufnehmen in das Innere ſeiner Ueber⸗ legung und Rumination. 52) Was aber die Leute gemeiniglich das Schickſal nennen ſind meiſtens nur ihre eigenen dummen Streiche. Man kann daher nicht genugſam die ſchöne Stelle im Homer (II. XXIII. 313 sqg.) beherzigen, wo er die wars, d. i. die kluge Ueber⸗ legung, empfiehlt. Denn wenn auch die ſchlechten Streiche erſt in jener Welt gebüßt werden; ſo doch die dummen ſchon in dieſer; — wiewohl hin und wieder ein Mal Gnade für Recht ergehn mag. Nicht wer grimmig, ſondern wer klug dareinſchaut ſieht furchtbar und gefährlich aus: — ſo gewiß des Menſchen Gehirn eine furchtbarere Waffe iſt, als die Klaue des Löwen. — Der vollkommene Weltmann wäre der, welcher nie in Un⸗ ſchlüſſigkeit ſtockte und nie in Uebereilung geriethe. 53) Nächſt der Klugheit aber iſt Muth eine für unſer Glück ſehr weſentliche Eigenſchaft. Freilich kann man weder die eine noch die andere ſich geben, ſondern ererbt jene von der Mutter und dieſen vom Vater: jedoch läßt ſich durch Vorſatz und Uebung dem davon Vorhandenen nachhelfen. Zu dieſer Welt, wo „die Würfel eiſern fallen“, gehört ein eiſerner Sinn, gepanzert gegen das Schickſal und gewaffnet gegen die Menſchen. Denn das ganze Leben iſt ein Kampf, jeder Schritt wird uns ſtreitig ge⸗ macht und Voltaire ſagt mit Recht: on ne réussit dans ce monde, qu'à la pointe de l’&p&e, et on meurt les armes à la main. Daher iſt es eine feige Seele, die, ſobald Wolken ſich zuſammenziehn, oder wohl gar nur am Horizont ſich zeigen, zu⸗ ſammenſchrumpft, verzagen will und jammert. Vielmehr ſei unſer Wahlſpruch: tu ne cede malis, sed contra audentior ito. So lange der Ausgang einer gefährlichen Sache nur noch zweifel⸗ haft iſt, ſo lange nur noch die Möglichkeit, daß er ein glücklicher 306 447) 8 5 35 Paränesen und Maximen. werbe, vorhanden iſt, darf an Fein Zagen gedacht werden, ſondern bloß an Widerſtand; wie man am Wetter nicht verzweifeln darf, ſo lange noch ein blauer Fleck am Himmel iſt. Ja, man bringe es dahin zu ſagen: 5 Si fractus illabatur orbis, Impavidum ferient ruinae. Das ganze Leben ſelbſt, geſchweige feine Güter, find noch nicht ſo ein feiges Beben und Einſchrumpfen des Herzens werth: : Quocirca vivite fortes, 10 Forliaque adversis opponite pectora rebus. Und doch iſt auch hier ein Exceß möglich: denn der Muth kann in Verwegenheit ausarten. Sogar iſt ein gewiſſes Maaß von Furchtſamkeit zu unſerm Beſtande in der Welt nothwendig: die Feigheit iſt bloß das Ueberſchreiten deſſelben. Dies hat Bako 15 von Verulam gar treffend ausgedrückt, in feiner etymologiſchen [448] Erklärung des terror Panicus, welche die ältere, vom Plutarch (de Iside et Osir. c. 14), uns erhaltene, weit hinter ſich läßt. Er leitet nämlich denſelben ab vom Pan, als der perſonifieirten Natur, und ſagt: Natura enim rerum omnibus viventibus 20 indidit metum, ac formidinem, vitae atque essentiae suae conservatricem, ac mala ingruentia vitantem et depellentem. Verumtamen eadem natura modum tenere nescia est: sed timoribus salutaribus semper vanos et inanes admiscet; adeo ut omnia (si intus conspici darentur) Panicis terroribus 25 plenissima sint, praesertim humana. (De sapientia veterum VI.) uebrigens iſt das Charakteriſtiſche des Paniſchen Schreckens, daß er ſeiner Gründe ſich nicht deutlich bewußt iſt, ſondern ſie mehr vorausſetzt, als kennt, ja, zur Noth, geradezu die Furcht ſelbſt als Grund der Furcht geltend macht. 307
Kapitel VL Vom Unterſchiede der Lebensalter. Ueberaus ſchön hat Voltaire geſagt: Qui n'a pas l’esprit de son äge, De son äge a tout le malheur. Daher wird es angemeſſen ſeyn, daß wir, am Schluſſe diefer eudämonologiſchen Betrachtungen, einen Blick auf die Verände⸗ rungen werfen, welche die Lebensalter an uns hervorbringen. Unſer ganzes Leben hindurch haben wir immer nur die Gegenwart inne, und nie mehr. Was dieſelbe unterſcheidet iſt bloß, daß wir am Anfang eine lange Zukunft vor uns, gegen das Ende aber eine lange Vergangenheit hinter uns ſehn; ſodann, daß unſer Temperament, wiewohl nicht unſer Charakter, einige bekannte Veränderungen durchgeht, wodurch jedesmal eine andere Färbung der Gegenwart entſteht. — In meinem Hauptwerke, Bd. 2, Kap. 31, S. 394 ff. 3. Aufl. 449 ff.), habe ich auseinandergeſetzt, daß und warum wir in der Kindheit uns viel mehr erkennend, als wollend verhalten. Gerade hierauf beruht jene Glückſäligkeit des erſten Viertels unſers Lebens, in Folge welcher es nachher wie ein’ verlorenes Paradies hinter uns liegt. Wir haben in der Kind⸗ heit nur wenige Beziehungen und geringe Bedürfniſſe, alſo wenig Anregung des Willens: der größere Theil unſers Weſens geht demnach im Erkennen auf. — Der Intellekt iſt, wie das Ge⸗ hirn, welches ſchon im 7. Jahre ſeine volle Größe erreicht, früh entwickelt, wenn auch nicht reif, und ſucht unaufhörlich Nahrung, in einer ganzen Welt des noch neuen Daſeyns, wo Alles, Alles, 308 [449] — 0 15 » 0 25 Vom Unterschiede der Lebensalter. mit dem Reize der Neuheit überfirnißt ift. Hieraus entſpringt es, daß unſere Kinderjahre eine fortwährende Poeſie find. Nämlich das Weſen der Poeſie, wie aller Kunſt, beſteht im Auffaſſen [450] der Platoniſchen Idee, d. h. des Weſentlichen und daher der 5 ganzen Art Gemeinſamen, in jedem Einzelnen; wodurch jedes Ding als Repräſentant ſeiner Gattung auftritt, und ein Fall für tauſend gilt. Obgleich nun es ſcheint, daß wir in den Scenen unſerer Kinderjahre ſtets nur mit dem jedesmaligen individuellen Gegenſtande, oder Vorgange, beſchäftigt ſeien, und zwar nur so ſofern er unſer momentanes Wollen intereſſirt; fo iſt dem doch im Grunde anders. Nämlich das Leben, in ſeiner ganzen Be⸗ deutſamkeit, ſteht noch ſo neu, friſch und ohne Abſtumpfung ſeiner Eindrücke durch Wiederholung, vor uns; daß wir, mitten unter unſerm kindiſchen Treiben, ſtets im Stillen und ohne 25 deutliche Abſicht beſchäftigt find, an den einzelnen Scenen und Vorgängen, das Weſen des Lebens ſelbſt, die Grundtypen ſeiner Geſtalten und Darftellungen, aufzufaſſen. Wir ſehn alle Dinge und Perſonen, wie Spinoza es ausdrückt, sub specie aeternitatis. Je jünger wir ſind, deſto mehr vertritt jedes Einzelne ſeine ganze 20 Gattung. Dies nimmt immer mehr ab, von Jahr zu Jahr: und hierauf beruht der ſo große Unterſchied des Eindrucks, den die Dinge in der Jugend und im Alter auf uns machen. Daher werden die Erfahrungen und Bekanntſchaften der Kindheit und frühen Jugend nachmals die ſtehenden Typen und Rubriken aller 2 ſpätern Erkenntniß und Erfahrung, gleichſam die Kategorien der⸗ ſelben, denen wir alles Spätere ſubſumiren, wenn auch nicht ſtets mit deutlichem Bewußtſeyn. ) So bildet ſich demnach ſchon in den Kinderjahren die feſte Grundlage unſerer Weltanſicht, mithin auch das Flache, oder Tiefe, derſelben: ſie wird ſpäter 30 ausgeführt und vollendet; jedoch nicht im Weſentlichen verändert. Alſo in Folge dieſer rein objektiven und dadurch poetiſchen Anſicht, die dem Kindesalter weſentlich iſt und davon unterſtützt wird, daß der Wille noch lange nicht mit ſeiner vollen Energie auftritt, verhalten wir uns, als Kinder, bei Weitem mehr rein erkennend als wollend. Daher der ernſte, ſchauende Blick 79 O, in der Kindheit! wann die Zeit noch fo langſam geht, daß die Dinge beinahe feſt zu ſtehn ſcheinen um in alle Ewigkeit bleiben zu wollen, wie jetzt. 509
Vom Unterschiede der Lebensalter. mancher Kinder, welchen Raphael zu feinen Engeln, zumal denen der Siſtiniſchen Madonna, ſo glücklich benutzt hat. Eben dieſer⸗ halb ſind denn auch die Kinderjahre ſo ſälig, daß die Erinnerung an fie ſtets von Sehnſucht begleitet ift. — Während wir nun, mit ſolchem Ernſt, dem erſten anſchaulichen Verſtändniß der Dinge obliegen, iſt andererſeits die Erziehung bemüht, uns Begriffe beizubringen. Allein Begriffe liefern nicht das eigentlich Weſentliche: vielmehr liegt dieſes, alſo der Fonds und ächte Gehalt aller unſerer Erkenntniſſe, in der anſchaulichen Auffaſſung der Welt. Dieſe aber kann nur von uns ſelbſt ge⸗ wonnen, nicht auf irgend eine Weiſe uns beigebracht werden. Daher kommt, wie unſer moraliſcher, ſo auch unſer intellektueller Werth nicht von außen in uns, ſondern geht aus der Tiefe unſers eigenen Weſens hervor, und können keine Peſtalozziſche Erziehungskünſte aus einem geborenen Tropf einen denkenden Menſchen bilden: nie! er iſt als Tropf geboren und muß als Tropf ſterben. — Aus der beſchriebenen, tiefinnigen Auffaſſung der erſten anſchaulichen Außenwelt erklärt ſich denn auch, warum die Umgebungen und Erfahrungen unſerer Kindheit ſich ſo feſt dem Gedächtniß einprägen. Wir ſind nämlich ihnen ungetheilt hingegeben geweſen, nichts hat uns dabei zerſtreut und wir haben die Dinge, welche vor uns ſtanden, angeſehn, als wären ſie die einzigen ihrer Art, ja, überhaupt allein vorhanden. Spä⸗ ter nimmt uns die dann bekannte Menge der Gegenſtände Muth und Geduld. — Wenn man nun hier ſich zurückrufen will, was ich S. 372 ff. [3. Aufl. 423 ff.] des oben erwähnten Bandes meines Hauptwerkes dargethan habe, daß nämlich das objektive Daſeyn aller Dinge, d. h. ihr Daſeyn in der bloßen Vor⸗ ſtellung, ein durchweg erfreuliches, hingegen ihr ſubjektives Daſeyn, als welches im Wollen beſteht, mit Schmerz und Trübſal ſtark verſetzt iſt; ſo wird man als kurzen Ausdruck der Sache auch wohl den Satz gelten laſſen: alle Dinge ſind herrlich zu ſehn, aber ſchrecklich zu ſeyn. Dem Obigen nun zufolge ſind, in der Kindheit, die Dinge uns viel mehr von der Seite des Sehns, alſo der Vorſtellung, der Objektivität, bekannt, als von der Seite des Seyns, welche die des Willens iſt. Weil nun jene die erfreuliche Seite der Dinge iſt, die ſubjektive und ſchreckliche uns aber noch unbekannt bleibt; ſo hält der junge 310 [451] » N w ws 0 5 0 5 Vom Unterschiede der Lebensalter. Intellekt alle jene Geſtalten, welche Wirklichkeit und Kunſt ihm vorführen, für eben fo viele glückſälige Weſen: er meint, fo ſchön ſie zu ſehn ſind, und noch viel ſchöner, wären ſie zu ſeyn. Demnach liegt die Welt vor ihm, wie ein Eden: dies 5 iſt das Arkadien, in welchem wir Alle geboren find. Daraus entſteht etwas ſpäter der Durſt nach dem wirklichen Leben, der Drang nach Thaten und Leiden, welcher uns ins Welt⸗ getümmel treibt. In dieſem lernen wir dann die andere Seite der Dinge kennen, die des Seyns, d. i. des Wollens, welches 10 bei jedem Schritte durchkreuzt wird. Dann kommt allmälig die große Enttäuſchung heran, nach deren Eintritt es heißt läge des illusions est passé: und doch geht ſie noch immer weiter, [452] wird immer vollſtändiger. Demzufolge kann man fagen, daß in der Kindheit das Leben ſich uns darſtellt wie eine Theater⸗ 15 dekoration von Weitem geſehn; im Alter, wie dieſelbe in der größten Nähe. Zum Glücke der Kindheit trägt endlich noch Folgendes bei. Wie im Anfange des Frühlings alles Laub die gleiche Farbe und faſt die gleiche Geſtalt hat; ſo ſind auch wir, in früher Kindheit, 20 alle einander ähnlich, harmoniren daher vortrefflich. Aber mit der Pubertät fängt die Divergenz an und wird, wie die der Radien eines Cirkels, immer größer. Was nun den Reſt der erſten Lebenshälfte, die ſo viele Vorzüge vor der zweiten hat, alſo das jugendliche Alter, trübt, 25 ja unglücklich macht, iſt das Jagen nach Glück, in der feſten Vorausſetzung, es müſſe im Leben anzutreffen ſeyn. Daraus entſpringt die fortwährend getäuſchte Hoffnung und aus dieſer die Unzufriedenheit. Gaukelnde Bilder eines geträumten, unbe⸗ ſtimmten Glückes ſchweben, unter kaprizios gewählten Geſtalten, 30 uns vor, und wir ſuchen vergebens ihr Urbild. Daher ſind wir in unſern Jünglingsjahren mit unſerer Lage und Umgebung, welche ſie auch ſei, meiſtens unzufrieden; weil wir ihr zuſchrei⸗ ben, was der Leerheit und Armſäligkeit des menſchlichen Lebens überall zukommt, und mit der wir jetzt die erſte Bekanntſchaft 35 machen, nachdem wir ganz andere Dinge erwartet hatten. — Man hätte viel gewonnen, wenn man, durch zeitige Belehrung, den Wahn, daß in der Welt Viel zu holen ſei, in den Jüng⸗ lingen ausrotten könnte. Aber das Umgekehrte geſchieht dadurch, N 311
Vom Unterschiede der Lebensalter. daß meiſtens uns das Leben früher durch die Dichtung, als durch die Wirklichkeit bekannt wird. Die von jener geſchilderten Scenen prangen, im Morgenroth unſerer eigenen Jugend, vor unſerm Blick, und nun peinigt uns die Sehnſucht, ſie verwirklicht zu ſehn, — den Regenbogen zu faſſen. Der Jüngling erwartet ſeinen Lebenslauf in Form eines intereſſanten Romans. So entſteht die Täuſchung, welche ich S. 374 [3. Aufl. 425 fg.] des ſchon erwähnten zweiten Bandes, bereits geſchildert habe. Denn was allen jenen Bildern ihren Reiz verleiht, iſt gerade Dies, daß ſie bloße Bilder und nicht wirklich ſind, und wir daher, bei ihrem Anſchauen, uns in der Ruhe und Allgenugſamkeit des reinen Erkennens befinden. Verwirklicht werden heißt mit dem Wollen ausgefüllt werden, welches Wollen unausweichbare Schmerzen herbeiführt. Auch noch auf die Stelle S. 427 [3. Aufl. 486] des erwähnten Bandes ſei der theilnehmende Leſer hier hingewieſen. Iſt ſonach der Charakter der erſten Lebenshälfte unbefrie⸗ digte Sehnſucht nach Glück; ſo iſt der der zweiten Beſorgniß vor Unglück. Denn mit ihr iſt, mehr oder weniger deutlich, die Erkenntniß eingetreten, daß alles Glück chimäriſch, hingegen das 20 Leiden real ſei. Jetzt wird daher, wenigſtens von den vernünf⸗ tigeren Charakteren, mehr bloße Schmerzloſigkeit und ein unan⸗ — 0 — 5 gefochtener Zuſtand, als Genuß angeſtrebt. — Wenn, in [453] meinen Jünglingsjahren, es an meiner Thüre ſchellte, wurde ich vergnügt: denn ich dachte, nun käme es. Aber in ſpätern Jahren 25 hatte meine Empfindung, bei dem ſelben Anlaß, vielmehr etwas dem Schrecken Verwandtes: ich dachte: „da kommt's.“ — Hin⸗ ſichtlich der Menſchenwelt giebt es, für ausgezeichnete und be⸗ gabte Individuen, die, eben als ſolche, nicht ſo ganz eigentlich zu ihr gehören und demnach, mehr oder weniger, je nach dem 30 Grad ihrer Vorzüge, allein ſtehn, ebenfalls zwei entgegengeſetzte Empfindungen: in der Jugend hat man häufig die, von ihr verlaſſen zu ſeyn; in ſpätern Jahren hingegen die, ihr ent⸗ ronnen zu ſeyn. Die erſtere, eine unangenehme, beruht auf Unbekanntſchaft, die zweite, eine angenehme, auf Bekanntſchaft mit ihr. — In Folge davon enthält die zweite Hälfte des Lebens, wie die zweite Hälfte einer muſikaliſchen Periode, weniger Strebſamkeit, aber mehr Beruhigung, als die erſte, ws 5 512 Vom Unterschiede der Lebensalter. welches überhaupt darauf beruht, daß man in der Jugend denkt, in der Welt ſei Wunder was für Glück und Genuß anzutreffen, nur ſchwer dazu zu gelangen; während man im Alter weiß, daß da nichts zu holen iſt, alſo, vollkommen darüber beruhigt, eine erträgliche Gegenwart genießt, und ſogar an Kleinigkeiten Freude hat. — Was der gereifte Mann durch die Erfahrung ſeines Lebens erlangt hat und wodurch er die Welt anders ſieht, als der Jüng⸗ ling und Knabe, iſt zunächſt Unbefangenheit. Er allererſt ſieht die Dinge ganz einfach und nimmt ſie für Das, was ſie ſind; während dem Knaben und Jüngling ein Trugbild, zuſammen⸗ geſetzt aus ſelbſtgeſchaffenen Grillen, überkommenen Vorurtheilen und ſeltſamen Phantaſien, die wahre Welt bedeckte, oder ver⸗ zerrte. Denn das Erſte, was die Erfahrung zu thun vorfindet, iſt uns von den Hirngeſpinſten und falſchen Begriffen zu bes freien, welche ſich in der Jugend angeſetzt haben. Vor dieſen das jugendliche Alter zu bewahren, wäre allerdings die beſte Erziehung, wenn gleich nur eine negative; iſt aber ſehr ſchwer. Man müßte, zu dieſem Zwecke, den Geſichtskreis des Kindes Anfangs möglichſt enge halten, innerhalb deſſelben jedoch ihm lauter deutliche und richtige Begriffe beibringen, und erſt nach⸗ dem es alles darin Gelegene richtig erkannt hätte, denſelben all⸗ mälig erweitern, ſtets dafür ſorgend, daß nichts Dunkeles, auch nichts halb oder ſchief Verſtandenes, zurück bliebe. In Folge hievon würden ſeine Begriffe von Dingen und menſchlichen Ver⸗ hältniſſen, immer noch beſchränkt und ſehr einfach, dafür aber deutlich und richtig ſeyn, ſo daß ſie ſtets nur der Erweiterung, nicht der Berichtigung bedürften; und ſo fort bis ins Jünglings⸗ A >} I 1 A 2 8 2 Dr [454] alter hinein. Dieſe Methode erfordert insbefondere, daß man 30 keine Romane zu leſen erlaube, ſondern fie durch angemeſſene Biographien erſetze, wie z. B. die Franklin's, den Anton Reiſer von Moritz u. dgl. — Wann wir jung ſind, vermeinen wir, daß die in unſerm Lebenslauf wichtigen und folgenreichen Begebenheiten und Per⸗ 35 fonen mit Pauken und Trompeten auftreten werden: im Alter zeigt jedoch die retroſpektive Betrachtung, daß ſie alle ganz ſtill, durch die Hinterthür und faſt unbeachtet hereingeſchlichen ſind. Man kann ferner, in der bis hieher betrachteten Hinſicht, 313
Vom Unterschiede der Lebensalter. das Leben mit einem geſtickten Stoffe vergleichen, von welchem Jeder, in der erſten Hälfte ſeiner Zeit, die rechte, in der zweiten aber die Kehrſeite zu ſehn bekäme: letztere iſt nicht ſo ſchön, aber lehrreicher; weil ſie den Zuſammenhang der Fäden er⸗ kennen läßt. — Die geiſtige Ueberlegenheit, ſogar die größte, wird, in der Konverſation, ihr entſchiedenes Uebergewicht erſt nach dem vier⸗ zigſten Jahre geltend machen. Denn die Reife der Jahre und die Frucht der Erfahrung kann durch jene wohl vielfach über⸗ troffen, jedoch nie erſetzt werden: ſie aber giebt auch dem ge⸗ wöhnlichſten Menſchen ein gewiſſes Gegengewicht gegen die Kräfte des größten Geiſtes, ſo lange dieſer jung iſt. Ich meine hier bloß das Perſönliche, nicht die Werke. — Jeder irgend vorzügliche Menſch, jeder, der nur nicht zu den von der Natur fo traurig dotirten v /s der Menſchheit gehört, wird, nach dem vierzigſten Jahre, von einem gewiſſen Anfluge von Miſanthropie ſchwerlich frei bleiben. Denn er hatte, wie es natürlich iſt, von ſich auf Andere geſchloſſen und iſt allmälig enttäuſcht worden, hat eingeſehn, daß ſie entweder von der Seite des Kopfes, oder des Herzens, meiſtens ſogar Beider, ihm in Rückſtand bleiben und nicht quitt mit ihm werden; weshalb er ſich mit ihnen einzulaffen gern vermeidet; wie denn überhaupt Jeder nach Maaßgabe ſeines inneren Werthes die Einſamkeit, d. h. ſeine eigene Geſellſchaft, lieben oder haſſen wird. Von dieſer Art der Miſanthropie handelt auch Kant, in der Krit. d. Urtheilskraft, gegen das Ende der allgemeinen Anmerkung zum F 29 des erſten Theils. An einem jungen Menſchen iſt es, in intellektueller und auch in moraliſcher Hinſicht, ein ſchlechtes Zeichen, wenn er im Thun und Treiben der Menſchen ſich recht früh zurechte zu finden 30 weiß, ſogleich darin zu Hauſe iſt, und, wie vorbereitet, in daſſelbe eintritt: es kündigt Gemeinheit an. Hingegen deutet, in ſolcher Beziehung, ein befremdetes, ſtutziges, ungeſchicktes und verkehrtes Benehmen auf eine Natur edlerer Art. Die Heiterkeit und der Lebensmuth unſerer Jugend beruht zum Theil darauf, daß wir, bergauf gehend, den Tod nicht ſehn; weil er am Fuß der andern Seite des Berges liegt. Haben wir aber den Gipfel überſchritten, dann werden wir den Tod, 314 — 2 2 ws Vom Unterschiede der Lebensalter. welchen wir bis dahin nur von Hörenſagen kannten, wirklich anſichtig, wodurch, da zu der ſelben Zeit die Lebenskraft zu ebben s! beginnt, auch der Lebensmuth ſinkt; fo daß jetzt ein trüber Ernſt den jugendlichen Uebermuth verdrängt und auch dem Geſichte 5 ſich aufdrückt. So lange wir jung find, man mag uns fagen, was man will, halten wir das Leben für endlos und gehn danach mit der Zeit um. Je älter wir werden, deſto mehr ökonomiſiren wir unſere Zeit. Denn im ſpätern Alter erregt jeder verlebte Tag eine Empfindung, welche der verwandt iſt, 10 die bei jedem Schritt ein zum Hochgericht geführter Delin⸗ quent hat. Vom Standpunkte der Jugend aus geſehn, iſt das Leben eine unendlich lange Zukunft; vom Standpunkte des Alters aus, eine ſehr kurze Vergangenheit; ſo daß es Anfangs ſich uns dar⸗ 15 ſtellt wie die Dinge, wann wir das Objektivglas des Opern⸗ kuckers ans Auge legen, zuletzt aber wie wann das Okular. Man muß alt geworden ſeyn, alſo lange gelebt haben, um zu erkennen, wie kurz das Leben iſt. — Die Zeit ſelbſt hat in unſerer Jugend einen viel langſameren Schritt; daher das erſte Viertel unſers Lebens nicht nur das glücklichſte, ſondern auch das längſte iſt, ſo daß es viel mehr Erinnerungen zurückläßt, und Jeder, wenn es darauf ankäme, aus demſelben mehr zu erzählen wiſſen würde, als aus zweien der folgenden. Sogar werden, wie im Frühling des Jahres, ſo auch in dem des Lebens, die Tage zuletzt von einer läſtigen Länge. Im Herbſte Beider werden ſie kurz, aber heiterer und beſtändiger. Wenn das Leben zu Ende geht, weiß man nicht, wo es geblie⸗ ben iſt. Warum nun aber erblickt man, im Alter, das Leben, wel⸗ ches man hinter ſich hat, ſo kurz? Weil man es für ſo kurz 8 A 30 hält, wie die Erinnerung deſſelben iſt. Aus dieſer nämlich iſt alles Unbedeutende und viel Unangenehmes herausgefallen, daher wenig übrig geblieben. Denn, wie unſer Intellekt überhaupt ſehr unvollkommen iſt, ſo auch das Gedächtniß: das Erlernte muß geübt, das Vergangene ruminirt werden, wenn nicht Beides 5 allmälig in den Abgrund der Vergeſſenheit verſinken ſoll. Nun aber pflegen wir nicht das Unbedeutende, auch meiſtens nicht das Unangenehme zu ruminiren; was doch nöthig wäre, um es im Gedächtniß aufzubewahren. Des Unbedeutenden wird aber 515
Vom Unterschiede der Lebensalter. immer mehr: denn durch die öftere und endlich zahlloſe Wieder: kehr wird Vielerlei, das Anfangs uns bedeutend erſchien, alle mälig unbedeutend; daher wir uns der früheren Jahre beſſer, als der ſpätern erinnern. Je länger wir nun leben, deſto wenigere Vorgänge ſcheinen uns wichtig, oder bedeutend genug, 3 um hinterher noch ruminirt zu werden, wodurch allein ſie im Gedächtniß ſich fixiren könnten: ſie werden alſo vergeſſen, ſobald ſie vorüber ſind. So läuft denn die Zeit immer ſpurloſer ab. — Nun ferner das Unangenehme ruminiren wir nicht gern, am [456) wenigſten aber dann, wann es unſere Eitelkeit verwundet, welches 10 ſogar meiſtens der Fall iſt; weil wenige Leiden uns ganz ohne unſere Schuld getroffen haben. Daher alſo wird ebenfalls viel Unangenehmes vergeſſen. Beide Ausfälle nun ſind es, die unſere Erinnerung ſo kurz machen, und verhältnißmäßig immer kürzer, je länger ihr Stoff wird. Wie die Gegenſtände auf dem Ufer, von welchem man zu Schiffe ſich entfernt, immer kleiner, unkenntlicher und ſchwerer zu unterſcheiden werden; ſo unſere vergangenen Jahre, mit ihren Erlebniſſen und ihrem Thun. Hiezu kommt, daß bisweilen Erinnerung und Phantaſie uns eine längſt vergangene Scene unſers Lebens ſo lebhaft ver⸗ gegenwärtigen, wie den geſtrigen Tag; wodurch ſie dann ganz nahe an uns herantritt: dies entſteht dadurch, daß es unmöglich iſt, die lange, zwiſchen jetzt und damals verſtrichene Zeit uns eben ſo zu vergegenwärtigen; indem ſie ſich nicht ſo in Einem Bilde überſchauen läßt, und überdies auch die Vorgänge in der- 25 ſelben größtentheils vergeſſen ſind, und bloß eine allgemeine Er⸗ kenntniß in abstracto von ihr übrig geblieben iſt, ein bloßer Begriff, keine Anſchauung. Daher nun alſo erſcheint das längſt Vergangene im Einzelnen uns ſo nahe, als wäre es erſt geſtern geweſen, die dazwiſchen liegende Zeit aber verſchwindet und das ganze Leben ſtellt ſich als unbegreiflich kurz dar. Sogar kann bisweilen im Alter die lange Vergangenheit, die wir hinter uns haben, und damit unſer eigenes Alter, im Augenblick uns bei⸗ nahe fabelhaft vorkommen; welches hauptſächlich dadurch entſteht, daß wir zunächſt noch immer die ſelbe, ſtehende Gegenwart vor ; uns ſehn. Dergleichen innere Vorgänge beruhen aber zuletzt darauf, daß nicht unſer Weſen an ſich ſelbſt, ſondern nur die Erſcheinung deſſelben in der Zeit liegt, und daß die Gegenwart — 5 v 0 2 © u A 316 Vom Unterschiede der Lebensalter. der Berührungspunkt zwiſchen Objekt und Subjekt iſt. — Und warum nun wieder erblickt man in der Jugend das Leben, welches man noch vor ſich hat, ſo unabſehbar lang? Weil man Platz haben muß für die gränzenloſen Hoffnungen, mit denen 5 man es bevölkert, und zu deren Verwirklichung Methuſalem zu jung ſtürbe; ſodann weil man zum Maaßſtabe deſſelben die wenigen Jahre nimmt, welche man ſchon hinter ſich hat, und deren Er⸗ innerung ſtets ſtoffreich, folglich lang iſt, indem die Neuheit Alles bedeutend erſcheinen ließ, weshalb es hinterher noch rumi⸗ zo nirt, alſo oft in der Erinnerung wiederholt und dadurch ihr ein⸗ geprägt wurde. Bisweilen glauben wir, uns nach einem fernen Orte zu⸗ rückzuſehnen, während wir eigentlich uns nur nach der Zeit zurückſehnen, die wir dort verlebt haben, da wir jünger und 15 friſcher waren. So täuſcht uns alsdann die Zeit unter der Maske des Raumes. Reiſen wir hin, ſo werden wir der Täu⸗ ſchung inne. — Ein hohes Alter zu erreichen, giebt es, bei fehlerfreier Kon⸗ ſtitution, als conditio sine qua non, zwei Wege, die man 20 am Brennen zweier Lampen erläutern kann: die eine brennt lange, weil ſie, bei wenigem Oel, einen ſehr dünnen Docht hat; die andere, weil ſie, zu einem ſtarken Docht, auch viel Oel hat: das Oel iſt die Lebenskraft, der Docht der Verbrauch derſelben, auf jede Art und Weiſe. 25 Hinſichtlich der Lebenskraft find wir, bis zum Zöſten Jahre, Denen zu vergleichen, welche von ihren Zinſen leben: was heute ausgegeben wird iſt morgen wieder da. Aber von jenem Zeitpunkt an iſt unſer Analogon der Rentenier, welcher anfängt, ſein Kapital anzugreifen. Im Anfang iſt die Sache 30 gar nicht merklich: der größte Theil der Ausgabe ftellt ſich immer noch von ſelbſt wieder her: ein geringes Deficit dabei wird nicht beachtet. Dieſes aber wächſt allmälig, wird merklich, ſeine Zu⸗ nahme ſelbſt nimmt mit jedem Tage zu: ſie reißt immer mehr ein, jedes Heute iſt ärmer, als das Geſtern, ohne Hoffnung auf 35 Stillſtand. So beſchleunigt ſich, wie der Fall der Körper, die Abnahme immer mehr, — bis zuletzt nichts mehr übrig iſt. Ein gar trauriger Fall iſt es, wenn beide hier Verglichene, [457] Lebenskraft und Eigenthum wirklich zuſammen im Wegſchmelzen — 517
Vom Unterschiede der Lebensalter. begriffen find: daher eben wächſt mit dem Alter die Liebe zum Beſitze. — Hingegen Anfangs, bis zur Volljährigkeit und noch etwas darüber hinaus, gleichen wir, hinſichtlich der Lebenskraft, Denen, welche von den Zinſen noch etwas zum Kapitale legen: nicht nur das Ausgegebene ſtellt ſich von ſelbſt wieder ein, ſon⸗ dern das Kapital wächſt. Und wieder iſt auch Dieſes bisweilen, durch die Fürſorge eines redlichen Vormundes, zugleich mit dem Gelde der Fall. O glückliche Jugend! o trauriges Alter! — Nichtsdeſtoweniger ſoll man die Jugendkräfte ſchonen. Ariſto⸗ teles bemerkt (Polit. L. ult. o. 5), daß von den Olympiſchen Siegern nur zwei oder drei ein Mal als Knaben und dann wieder als Männer geſiegt hätten; weil durch die frühe An⸗ ſtrengung, welche die Vorübung erfordert, die Kräfte ſo erſchöpft werden, daß ſie nachmals, im Mannesalter, fehlen. Wie Dies von der Muskelkraft gilt, ſo noch mehr von der Nervenkraft, deren Aeußerung alle intellektuelle Leiſtungen ſind: daher werden die ingenia praecocia, die Wunderkinder, die Früchte der Treib⸗ hauserziehung, welche als Knaben Erſtaunen erregen, nachmals ſehr gewöhnliche Köpfe. Sogar mag die frühe, erzwungene An⸗ ſtrengung zur Erlernung der alten Sprachen Schuld haben an der nachmaligen Lahmheit und Urtheilsloſigkeit ſo vieler gelehrter Köpfe. — 90 habe die Bemerkung gemacht, daß der Charakter faſt jedes Menſchen Einem Lebensalter vorzugsweiſe angemeſſen zu ſeyn ſcheint; ſo daß er in dieſem ſich vortheilhafter ausnimmt. Einige ſind liebenswürdige Jünglinge, und dann iſt's vorbei; Andere kräftige, thätige Männer, denen das Alter allen Werth raubt; Manche ſtellen ſich am vortheilhafteſten im Alter dar, als wo ſie milder, weil erfahrener und gelaſſener ſind: Dies iſt oft bei Franzoſen der Fall. Die Sache muß darauf beruhen, daß der Charakter ſelbſt etwas Jugendliches, Männliches, oder Aelt⸗ liches an ſich hat, womit das jedesmalige Lebensalter überein⸗ ſtimmt, oder als Korrektiv entgegenwirkt. Wie man, auf einem Schiffe befindlich, ſein Vorwärtskommen nur am Zurückweichen und demnach Kleinerwerden der Gegen⸗ ſtände auf dem Ufer bemerkt; fo wird man fein Alt und älter: werden daran inne, daß Leute von immer höhern Jahren Einem jung vorkommen. d 318 — 0 — 5 » N . Ss 35 [458] I I 2 2 3 3 2 8 A 8 5 D A Vom Unterschiede der Lebensalter. Schon oben iſt erörtert worden, wie und warum Alles, was man ſieht, thut und erlebt, je älter man wird, deſto wenigere Spuren im Geiſte zurückläßt. In dieſem Sinne ließe ſich be⸗ haupten, daß man allein in der Jugend mit vollem Bewußtſeyn lebte; im Alter nur noch mit halbem. Je älter man wird, mit deſto wenigerem Bewußtſeyn lebt man. Die Dinge eilen vorüber, ohne Eindruck zu machen; wie das Kunſtwerk, welches man tauſend Mal geſehn hat, keinen macht: man thut was man zu thun hat, und weiß hinterher nicht, ob man es gethan. Indem nun alſo das Leben immer unbewußter wird, je mehr es der gänzlichen Bewußtloſigkeit zueilt, ſo wird eben dadurch ſein Verlauf auch immer ſchleuniger. In der Kindheit bringt die Neuheit aller Gegenſtände und Begebenheiten Jegliches zum Be⸗ wußtſeyn: daher iſt der Tag unabſehbar lang. Das Selbe widerfährt uns auf Reiſen, wo deshalb ein Monat länger er⸗ ſcheint, als vier zu Hauſe. Dieſe Neuheit der Dinge verhindert jedoch nicht, daß die, in beiden Fällen, länger ſcheinende Zeit uns auch in beiden oft wirklich „lang wird“, mehr als im Alter, oder mehr als zu Hauſe. Allmälig aber wird, durch die lange Gewohnheit der ſelben Wahrnehmungen, der Intellekt ſo abge⸗ ſchliffen, daß immer mehr Alles wirkungslos darüber hingleitet; wodurch dann die Tage immer unbedeutender und dadurch kürzer werden: die Stunden des Knaben ſind länger, als die Tage des Alten. Demnach hat die Zeit unſers Lebens eine beſchleunigte Bewegung, wie die einer herabrollenden Kugel; und wie auf einer ſich drehenden Scheibe jeder Punkt um ſo ſchneller läuft, als er weiter vom Centro abliegt; ſo verfließt Jedem, nach Maaßgabe ſeiner Entfernung vom Lebensanfange, die Zeit ſchneller und immer ſchneller. Man kann demzufolge annehmen, daß, in der unmittelbaren Schätzung unſers Gemüthes, die Länge eines Jahres im umgekehrten Verhältniſſe des Quotienten deſſelben in unſer Alter ſteht: wann z. B. das Jahr ½ unſers Alters beträgt, erfcheint es uns 10 Mal fo lang, als wann es nur 2/5 deſſelben ausmacht. Dieſe Verſchiedenheit in der Geſchwindigkeit der Zeit hat auf die ganze Art unſers Daſeyns in jedem Lebensalter den entſchiedenſten Einfluß. Zunächſt bewirkt ſie, daß das Kindes⸗ alter, wenn auch nur etwan 1s Jahre umfaſſend, doch die längſte Zeit des Lebens, und daher die reichſte an Erinnerungen iſt; 2 34 Schopenhauer, Werke V 519
Vom Unterschiede der Lebensalter. ſodann daß wir durchweg der Langenweile im umgekehrten Ver⸗ hältniß unſers Alters unterworfen ſind. Kinder bedürfen beſtändig des Zeitvertreibs, ſei er Spiel oder Arbeit; ſtockt er, ſo er⸗ greift ſie augenblicklich entſetzliche Langeweile. Auch Jünglinge find ihr noch ſehr unterworfen und ſehn mit Beſorgniß auf un- 5 ausgefüllte Stunden. Im männlichen Alter ſchwindet die Lange⸗ weile mehr und mehr: Greiſen wird die Zeit ſtets zu kurz und die Tage fliegen pfeilſchnell vorüber. Verſteht ſich, daß ich von Menſchen, nicht von alt gewordenem Vieh rede. Durch dieſe Beſchleunigung des Laufes der Zeit, fällt alſo in ſpätern Jahren meiſtens die Langeweile weg, und da andererſeits auch die Leiden⸗ ſchaften, mit ihrer Quaal, verſtummen; ſo iſt, wenn nur die Geſundheit ſich erhalten hat, im Ganzen genommen, die Laſt des Lebens wirklich geringer, als in der Jugend: daher nennt man den Zeitraum, welcher dem Eintritt der Schwäche und der 1 Beſchwerden des höheren Alters vorhergeht, „die beſten Jahre“. [459] In Hinſicht auf unſer Wohlbehagen mögen ſie es wirklich ſeyn: hingegen bleibt den Jugendjahren, als wo Alles Eindruck macht und Jedes lebhaft ins Bewußtſeyn tritt, der Vorzug, die be⸗ fruchtende Zeit für den Geiſt, der Blüthen⸗anſetzende Frühling 20 deſſelben zu ſeyn. Tiefe Wahrheiten nämlich laſſen ſich nur er⸗ ſchauen, nicht errechnen, d. h. ihre erſte Erkenntniß iſt eine un⸗ mittelbare und wird durch den momentanen Eindruck hervor⸗ gerufen: ſie kann folglich nur eintreten, ſo lange dieſer ſtark, lebhaft und tief iſt. Demnach hängt, in dieſer Hinſicht, Alles von der Benutzung der Jugendjahre ab. In den ſpäteren können wir mehr auf Andere, ja, auf die Welt einwirken; weil wir ſelbſt vollendet und abgeſchloſſen ſind und nicht mehr dem Ein⸗ druck angehören: aber die Welt wirkt weniger auf uns. Dieſe Jahre ſind daher die Zeit des Thuns und Leiſtens; jene aber die des urſprünglichen Auffaſſens und Erkennens. In der Jugend herrſcht die Anſchauung, im Alter das Denken vor: daher iſt jene die Zeit für Poeſie; dieſes mehr für Philoſophie. Auch praktiſch läßt man ſich in der Jugend durch das Angeſchaute und deſſen Eindruck, im Alter nur durch das 3 Denken beſtimmen. Zum Theil beruht dies darauf, daß erſt im Alter anſchauliche Fälle in hinlänglicher Anzahl dageweſen und den Begriffen ſubſumirt worden ſind, um dieſen volle Bedeutung, — 0 0 5 0 — 320 Vom Unterschiede der Lebensalter. Gehalt und Kredit zu verſchaffen und zugleich den Eindruck der Anſchauung, durch die Gewohnheit, zu mäßigen. Hingegen iſt in der Jugend, beſonders auf lebhafte und phantaſiereiche Köpfe, der Eindruck des Anſchaulichen, mithin auch der Außenſeite der 5 Dinge, fo überwiegend, daß fie die Welt anſehn als ein Bild; daher ihnen hauptſächlich angelegen iſt, wie ſie darauf figuriren und ſich ausnehmen, — mehr, als wie ihnen innerlich dabei zu Muthe ſei. Dies zeigt ſich ſchon in der perſönlichen Eitelkeit und Putzſucht der Jünglinge. 10 Die größte Energie und höchſte Spannung der Geiſteskräfte findet, ohne Zweifel, in der Jugend Statt, ſpäteſtens bis ins 35fte Jahr: von dem an nimmt fie, wiewohl ſehr langſam, ab. Jedoch ſind die ſpäteren Jahre, ſelbſt das Alter, nicht ohne geiſtige Kompenſation dafür. Erfahrung und Gelehrſamkeit ſind 15 erſt jetzt eigentlich reich geworden: man hat Zeit und Gelegen⸗ heit gehabt, die Dinge von allen Seiten zu betrachten und zu [460] bedenken, hat jedes mit jedem zuſammengehalten und ihre Be⸗ rührungspunkte und Verbindungsglieder herausgefunden; wodurch man ſie allererſt jetzt fo recht im Zuſammenhange verſteht. Alles 20 hat ſich abgeklärt. Deshalb weiß man ſelbſt Das, was man ſchon in der Jugend wußte, jetzt viel gründlicher; da man zu jedem Begriffe viel mehr Belege hat: Was man in der Jugend zu wiſſen glaubte, Das weiß man im Alter wirklich, überdies weiß man auch wirklich viel mehr und hat eine nach allen Seiten 25 durchdachte und dadurch ganz eigentlich zuſammenhängende Erz kenntniß; während in der Jugend unſer Wiſſen ſtets lückenhaft und fragmentariſch iſt. Nur wer alt wird, erhält eine voll⸗ ſtändige und angemeſſene Vorſtellung vom Leben, indem er es in ſeiner Ganzheit und ſeinem natürlichen Verlauf, beſonders 30 aber nicht bloß, wie die Uebrigen, von der Eingangs, ſon⸗ dern auch von der Ausgangsſeite überſieht, wodurch er dann beſonders die Nichtigkeit deſſelben vollkommen erkennt; während die Uebrigen ſtets noch in dem Wahne befangen ſind, das Rechte werde noch erſt kommen. Dagegen iſt in der Jugend 35 mehr Konception; daher man alsdann aus dem Wenigen, was man kennt, mehr zu machen im Stande iſt: aber im Alter iſt mehr Urtheil, Penetration und Gründlichkeit. Den Stoff ſeiner ſelbſteigenen Erkenntniſſe, feiner originalen Grundanſichten, alfo N * u 521
‚Vom Unterschiede der Lebensalter. Das, was ein bevorzugter Geift der Welt zu ſchenken beſtimmt iſt, ſammelt er ſchon in der Jugend ein: aber ſeines Stoffes Meiſter wird er erſt in ſpäten Jahren. Demgemäß wird man meiſtentheils finden, daß die großen Schriftſteller ihre Meiſter⸗ werke um das funfzigſte Jahr herum geliefert haben. Dennoch bleibt die Jugend die Wurzel des Baumes der Erkenntniß; wenn gleich erſt die Krone die Früchte trägt. Wie aber jedes Zeitalter, auch das erbärmlichſte, ſich für viel weiſer hält, als das ihm zunächſt vorhergegangene, nebſt früheren; eben ſo jedes Lebensalter des Menſchen: doch irren Beide ſich oft. In den Jahren des leiblichen Wachsthums, wo wir auch an Geiſtes⸗ kräften und Erkenntniſſen täglich zunehmen, gewöhnt ſich das Heute mit Geringſchätzung auf das Geſtern herabzuſehn. Dieſe Gewohnheit wurzelt ein und bleibt auch dann, wann das Sinken der Geiſteskräfte eingetreten iſt und das Heute vielmehr mit Ver⸗ ehrung auf das Geſtern blicken ſollte; daher wir dann ſowohl die Leiſtungen, wie die Urtheile, unſerer jungen Jahre oft zu gering anſchlagen. ) Ueberhaupt iſt hier zu bemerken, daß, ob zwar, wie der Charakter, oder das Herz des Menſchen, ſo auch der Intellekt, der Kopf, ſeinen Grundeigenſchaften nach, angeboren iſt, dennoch dieſer keineswegs ſo unveränderlich bleibt, wie jener, ſondern gar manchen Umwandelungen unterworfen iſt, die ſogar, im Ganzen, regelmäßig eintreten; weil ſie theils darauf beruhen, daß er eine phyſiſche Grundlage, theils darauf, daß er einen empiriſchen Stoff hat. So hat ſeine eigene Kraft ihr allmäliges Wachsthum, bis zur Akme, und dann ihre allmälige Dekadenz, bis zur Imbecillität. Dabei nun aber iſt andererſeits der Stoff, der alle dieſe Kräfte beſchäftigt und in Thätigkeit erhält, alſo der Inhalt des Denkens und Wiſſens, die Erfahrung, die Kenntniſſe,; die Uebung und dadurch die Vollkommenheit der Einſicht, eine ſtets wachſende Größe, bis etwan zum Eintritt entſchiedener Schwäche, die Alles fallen läßt. Dies Beſtehn des Menſchen aus einem ſchlechthin Unveränderlichen und einem regelmäßig, auf zweifache und entgegengeſetzte Weiſe, Veränderlichen erklärt 1) Meiſtens jedoch gehn wir in der Jugend, da unſere Zeit am koſtbarſten iſt, verſchwenderiſch mit ihr um und fangen erſt im Alter an, mit ihr zu geizen. 522 v 0 1461 Vom Unterschiede der Lebensalter. die Verſchiedenheit ſeiner Erſcheinung und Geltung in verſchiedenen Lebensaltern. Im weitern Sinne kann man auch ſagen: die erſten vierzig Jahre unſers Lebens liefern den Text, die folgenden dreißig den 5 Kommentar dazu, der uns den wahren Sinn und Zuſammenhang des Tertes, nebſt der Moral und allen Feinheiten deſſelben, erſt recht verſtehn lehrt. Gegen das Ende des Lebens nun gar geht es wie gegen das Ende eines Maskenballs, wann die Larven abgenommen 10 werden. Man ſieht jetzt, wer Diejenigen, mit denen man, wäh⸗ rend ſeines Lebenslaufes, in Berührung gekommen war, eigent⸗ lich geweſen ſind. Denn die Charaktere haben ſich an den Tag gelegt, die Thaten haben ihre Früchte getragen, die Leiſtungen ihre gerechte Würdigung erhalten und alle Trugbilder ſind zer⸗ 15 fallen. Zu dieſem Allen nämlich war Zeit erfordert. — Das Seltſamſte aber iſt, daß man ſogar ſich ſelbſt, ſein eigenes Ziel und Zwecke, erſt gegen das Ende des Lebens eigentlich erkennt und verſteht, zumal in ſeinem Verhältniß zur Welt, zu den Andern. Zwar oft, aber nicht immer, wird man dabei ſich eine 20 niedrigere Stelle anzuweiſen haben, als man früher vermeint hatte; bisweilen auch eine höhere; welches dann daher kommt, daß man von der Niedrigkeit der Welt keine ausreichende Vor⸗ ſtellung gehabt hatte und demnach ſein Ziel höher ſteckte, als ſie. Man erfährt beiläufig was an Einem iſt. — 25 Man pflegt die Jugend die glückliche Zeit des Lebens zu nennen, und das Alter die traurige. Das wäre wahr, wenn die Leidenſchaften glücklich machten. Von dieſen wird die Jugend hin und her geriſſen, mit wenig Freude und vieler Pein. Dem kühlen Alter laſſen ſie Ruhe, und alsbald erhält es einen kon⸗ zo templativen Anſtrich: denn die Erkenntniß wird frei und erhält die Oberhand. Weil nun dieſe, an ſich ſelbſt, ſchmerzlos iſt, ſo wird das Bewußtſeyn, je mehr ſie darin vorherrſcht, deſto glück⸗ licher. Im Alter verſteht man beſſer die Unglücksfälle zu verhüten; in der Jugend, ſie zu ertragen. Man braucht nur zu erwägen, daß 35 aller Genuß negativer, der Schmerz poſitiver Natur iſt, um zu bes greifen, daß die Leidenſchaften nicht beglücken können und daß das Alter deshalb, daß manche Genüſſe ihm verſagt ſind, nicht zu be⸗ klagen iſt. Denn jeder Genuß iſt immer nur die Stillung eines Be⸗ 523
Vom Unterschiede der Lebensalter. dürfniſſes: daß nun mit dieſem auch jener wegfällt, iſt jo wenig [462] beklagenswerth, wie daß Einer nach Tiſche nicht mehr eſſen kann und nach ausgeſchlafener Nacht wach bleiben muß. Viel rich⸗ tiger ſchätzt Plato (im Eingang zur Republik) das Greiſen⸗ alter glücklich, ſofern es den bis dahin uns unabläſſig beun⸗ ruhigenden Geſchlechtstrieb endlich los iſt. Sogar ließe ſich be⸗ haupten, daß die mannigfaltigen und endloſen Grillen, welche der Geſchlechtstrieb erzeugt, und die aus ihnen entſtehenden Affekte, einen beſtändigen, gelinden Wahnſinn im Menſchen unterhalten, ſo lange er unter dem Einfluß jenes Triebes oder jenes Teufels, von dem er ſtets beſeſſen iſt, ſteht; ſo daß er erſt nach Erlöſchen deſſelben ganz vernünftig würde. Gewiß aber iſt, daß, im Allgemeinen und abgeſehn von allen individuellen Umſtänden und Zuſtänden, der Jugend eine gewiſſe Melancholie und Traurigkeit, dem Alter eine gewiſſe Heiterkeit eigen iſt: und der Grund hievon iſt kein anderer, als daß die Jugend noch unter der Herrſchaft, ja dem Frohndienſt jenes Dämons ſteht, der ihr nicht leicht eine freie Stunde gönnt und zugleich der unmittel⸗ bare oder mittelbare Urheber faſt alles und jedes Unheils iſt, das den Menſchen trifft oder bedroht: das Alter aber hat die Heiterkeit Deſſen, der eine lange getragene Feſſel los iſt und ſich nun frei bewegt. — Andererſeits jedoch ließe ſich ſagen, daß nach erloſchenem Geſchlechtstrieb der eigentliche Kern des Lebens verzehrt und nur noch die Schaale deſſelben vorhanden ſei, ja, daß es einer Komödie gliche, die von Menſchen ange⸗ fangen, nachher von Automaten, in deren Kleidern, zu Ende ges ſpielt werde. Wie dem auch ſei, die Jugend iſt die Zeit der Unruhe; das Alter die der Ruhe: ſchon hieraus ließe ſich auf ihr beiderſeitiges Wohlbehagen ſchließen. Das Kind ſtreckt ſeine Hände begehrlich aus, ins Weite, nach Allem, was es da ſo bunt und vielgeſtaltet vor ſich ſieht: denn es wird dadurch gereizt; weil ſein Sen⸗ ſorium noch ſo friſch und jung iſt. Das Selbe tritt, mit grö⸗ ßerer Energie, beim Jüngling ein. Auch er wird gereizt von der bunten Welt und ihren vielfältigen Geſtalten: ſofort macht ſeine Phantaſie mehr daraus, als die Welt je verleihen kann. Daher iſt er voll Begehrlichkeit und Sehnſucht in's Unbeſtimmte: dieſe nehmen ihm die Ruhe, ohne welche kein Glück iſt. Während 524 0 5 D 0 8 5 0 ww “ — 2 I A 20 [463] Vom Unterschiede der Lebensalter. demnach der Jüngling meint, daß Wunder was in der Welt zu holen ſei, wenn er nur erfahren könnte wo; iſt der Alte vom Ko⸗ helethiſchen „es iſt Alles eitel“ durchdrungen und weiß, daß alle Nüſſe hohl ſind, wie ſehr ſie auch vergoldet ſeyn mögen. Denn im Alter hat ſich das Alles gelegt; theils weil das Blut kühler und die Reizbarkeit des Senſoriums minder geworden iſt; theils weil Erfahrung über den Werth der Dinge und den Gehalt der Genüſſe aufgeklärt hat, wodurch man die Illuſionen, Chimären und Vorurtheile, welche früher die freie und reine Anſicht der Dinge verdeckten und entſtellten, allmälig losgeworden iſt; ſo daß man jetzt Alles richtiger und klärer erkennt und es nimmt für Das, was es iſt, auch, mehr oder weniger, zur Einſicht in die Nichtigkeit aller irdiſchen Dinge gekommen iſt. Dies eben iſt es, was faſt jedem Alten, ſelbſt dem von ſehr gewöhnlichen Fähigkeiten, einen gewiſſen Anſtrich von Weisheit giebt, der ihn vor den Jüngeren auszeichnet. Hauptſächlich aber iſt durch dies Alles Geiſtesruhe herbeigeführt worden: dieſe aber iſt ein großer Beſtandtheil des Glücks; eigentlich ſogar die Bedingung und das Weſentliche deſſelben. Ferner meint man, das Loos des Alters ſei Krankheit und Langeweile. Erſtere iſt dem Alter gar nicht weſentlich, zumal nicht, wenn daſſelbe hoch gebracht werden ſoll: denn crescente vita, crescit sanitas et morbus. Und was die Langeweile betrifft, ſo habe ich oben gezeigt, warum das Alter ihr ſogar weniger, als die Jugend, ausgeſetzt iſt: auch iſt dieſelbe durch⸗ aus keine nothwendige Begleiterin der Einſamkeit, welcher, aus leicht abzuſehenden Urſachen, das Alter uns allerdings entgegen⸗ führt; ſondern ſie iſt es nur für Diejenigen, welche keine an⸗ dern, als ſinnliche und geſellſchaftliche Genüſſe gekannt, ihren Geiſt unbereichert und ihre Kräfte unentwickelt gelaſſen haben. Zwar nehmen, im höheren Alter, auch die Geiſteskräfte ab: aber wo viel war, wird zur Bekämpfung der Langenweile immer noch genug übrig bleiben. Sodann nimmt, wie oben gezeigt worden, durch Erfahrung, Kenntniß, Uebung und Nachdenken, die richtige Einſicht immer noch zu, das Urtheil ſchärft ſich und der Zuſammenhang wird klar; man gewinnt, in allen Dingen, mehr und mehr eine zuſammenfaſſende Ueberſicht des Ganzen: ſo hat dann, durch immer neue Kombinationen der 525
Vom Unterschiede der Lebensalter. aufgehäuften Erkenntniſſe und gelegentliche Bereicherung der⸗ ſelben, die eigene innerſte Selbſtbildung, in allen Stücken, noch immer ihren Fortgang, beſchäftigt, befriedigt und belohnt den Geiſt. Durch dieſes Alles wird die erwähnte Abnahme in ge⸗ wiſſem Grade kompenſirt. Zudem läuft, wie geſagt, im Alter die Zeit viel ſchneller; was der Langenweile entgegenwirkt. Die Abnahme der Körperkräfte ſchadet wenig, wenn man ihrer nicht zum Erwerbe bedarf. Armuth im Alter iſt ein großes Un⸗ glück. Iſt dieſe gebannt und die Geſundheit geblieben; ſo kann das Alter ein ſehr erträglicher Theil des Lebens ſeyn. Be⸗ quemlichkeit und Sicherheit ſind ſeine Hauptbedürfniſſe: daher liebt man im Alter, noch mehr als früher, das Geld; weil es den Erſatz für die fehlenden Kräfte giebt. Von der Venus ent⸗ laſſen, wird man gern eine Aufheiterung beim Bakchus ſuchen. An die Stelle des Bedürfniſſes zu ſehn, zu reifen und zu lernen iſt das Bedürfniß zu lehren und zu ſprechen getreten. Ein Glück aber iſt es, wenn dem Greiſe noch die Liebe zu ſeinem Studium, auch zur Muſik, zum Schauſpiele und überhaupt eine gewiſſe Empfänglichkeit für das Aeußere geblieben iſt; wie dieſe allerdings bei Einigen bis ins ſpäteſte Alter fortdauert. Erſt im ſpätern Alter erlangt der Menſch ganz eigentlich das Horaziſche nil admirari, d. h. die unmittelbare, aufrichtige und feſte Ueberzeugung von der Eitelkeit aller Dinge und der Hohl⸗ heit aller Herrlichkeiten der Welt: die Chimären ſind verſchwun⸗ den. Er wähnt nicht mehr, daß irgendwo, ſei es im Palaſt oder der Hütte, eine beſondere Glückſäligkeit wohne, eine größere, als im Weſentlichen auch er überall genießt, wenn er von leiblichen oder geiſtigen Schmerzen eben frei iſt. Das Große und das Kleine, das Vornehme und Geringe, nach dem Maaßſtab der Welt, ſind für ihn nicht mehr unterſchieden. Dies giebt dem Alten eine beſondere Gemüthsruhe, in welcher er lächelnd auf die Gaukeleien der Welt herabſieht. Er iſt vollkommen enttäuſcht und weiß, daß das menſchliche Leben, was man auch thun mag es herauszuputzen und zu behängen, doch bald, durch allen ſol⸗ chen Jahrmarktsflitter, in ſeiner Dürftigkeit durchſcheint und, wie man es auch färbe und ſchmücke, doch überall im Weſentlichen das ſelbe iſt, ein Daſeyn, deſſen wahrer Werth jedesmal nur nach der Abweſenheit der Schmerzen, nicht nach der Anweſen⸗ 326 75 2 ws w 0 0 5 Vom Unterschiede der Lebensalter. heit der Genüſſe, noch weniger des Prunkes, zu ſchätzen ift. (Hor. epist. L. I, 12, v. 1—4.) Der Grundcharakterzug des höhern Alters iſt das Enttäuſchtſeyn: die Illuſionen ſind ver⸗ ſchwunden, welche bis dahin dem Leben ſeinen Reiz und der 5 Thätigkeit ihren Sporn verliehen; man hat das Nichtige und Leere aller Herrlichkeiten der Welt, zumal des Prunkes, Glanzes und Hoheitsſcheins, erkannt; man hat erfahren, daß hinter den meiſten gewünſchten Dingen und erſehnten Genüſſen gar wenig ſteckt und iſt ſo allmälig zu der Einſicht in die große Armuth zo und Leere unſers ganzen Daſeyns gelangt. Erſt im 70. Jahre verſteht man ganz den erſten Vers des Koheleth. Dies iſt es aber auch, was dem Alter einen gewiſſen grämlichen Anſtrich giebt. — Was Einer „an ſich ſelbſt hat,“ kommt ihm nie mehr zu Gute, als im Alter. 1 Die Meiften freilich, als welche ſtets ſtumpf waren, werden im höhern Alter mehr und mehr zu Automaten: ſie denken, ſagen und thun immer das Selbe, und kein äußerer Eindruck vermag mehr etwas daran zu ändern, oder etwas Neues aus ihnen her⸗ vorzurufen. Zu ſolchen Greiſen zu reden, iſt wie in den Sand zu 20 ſchreiben: der Eindruck verliſcht faſt unmittelbar darauf. Ein Greiſenthum dieſer Art iſt denn freilich nur das caput mortuum des Lebens. — Den Eintritt der zweiten Kindheit im hohen Alter ſcheint die Natur durch das, in ſeltenen Fällen, alsdann ſich ein⸗ ſtellende dritte Zahnen ſymboliſiren zu wollen. 25 Das Schwinden aller Kräfte im zunehmenden Alter, und immer mehr und mehr, iſt allerdings ſehr traurig: doch iſt es nothwendig, ja wohlthätig; weil ſonſt der Tod zu ſchwer werden [464] würde, dem es vorarbeitet. Daher iſt der größte Gewinn, den das Erreichen eines ſehr hohen Alters bringt, die Euthanaſie, 30 das überaus leichte, durch keine Krankheit eingeleitete, von keiner Zuckung begleitete und gar nicht gefühlte Sterben; von welchem man im zweiten Bande meines Hauptwerkes, Kap. 41, S. 470 3. Aufl. 534], eine Schilderung findet. ) +) Das menſchliche Leben ift eigentlich weder lang, noch kurz zu nennen; 35 weil es im Grunde das Maaß iſt, wonach wir alle andern Zeitlängen ab⸗ ſchätzen. — Im Upaniſchad des Veda (Oupnekhat, Vol. II, p. 53) wird die natürliche Lebensdauer auf 100 Jahre angegeben. Ich glaube, 527
Vom Unterschiede der Lebensalter. Denn wenn man auch noch fo lange lebt, hat man doch nie mehr inne, als die untheilbare Gegenwart: die Erinnerung aber verliert täglich mehr durch die Vergeſſenheit, als ſie durch den Zuwachs gewinnt. — Je älter man wird, deſto kleiner erſcheinen die menſch⸗ lichen Dinge ſammt und ſonders: das Leben, welches in der Ju⸗ gend als feſt und ſtabil vor uns ſtand, zeigt ſich uns jetzt als die raſche Flucht ephemerer Erſcheinungen: die Nichtigkeit des Ganzen tritt hervor. Der Grundunterſchied zwiſchen Jugend und Alter bleibt immer, daß jene das Leben im Proſpekt hat, dieſes den Tod; daß alſo jene eine kurze Vergangenheit und lange Zukunft beſitzt; dieſes umgekehrt. Das Leben in den Jahren des Alters gleicht dem fünften Akt eines Trauerſpiels: man weiß, daß ein tragiſches Ende nahe iſt; aber man weiß noch nicht, welches es ſeyn wird. Allerdings hat man, wann man alt iſt, nur noch den Tod vor ſich; aber wann man jung iſt, hat man das Leben vor ſich; und es frägt ſich, welches von Beiden bedenklicher ſei, und ob nicht, im Ganzen genommen, das Leben eine Sache ſei, die es beffer ift hinter fich, als vor ſich zu haben: ſagt doch ſchon Kohe⸗ leth (7, 2): „Der Tag des Todes iſt beſſer denn der Tag der Geburt.“ Ein ſehr langes Leben zu begehren, iſt jedenfalls ein mit Recht; weil ich bemerkt habe, daß nur Die, welche das 90. Jahr über⸗ ſchritten haben, der Euthanaſie theilhaft werden, d. h. ohne alle Krankheit, auch ohne Apoplexie, ohne Zuckung, ohne Röcheln, ja bisweilen ohne zu er⸗ blaſſen, meiſtens ſitzend, und zwar nach dem Eſſen, ſterben, oder vielmehr gar nicht ſterben, ſondern nur zu leben aufhören. In jedem früheren Alter ſtirbt man bloß an Krankheiten, alfo vorzeitig. — Im Alten Teſtament wird (Pſalm 90, 10) die menſchliche Lebensdauer auf 70 und, wenn es hoch kommt, 80 Jahre geſetzt, und, was mehr auf ſich hat, Herodot (I, 32 und III, 22) ſagt das Selbe. Es iſt aber doch falſch und iſt bloß das Reſultat einer rohen und oberflächlichen Auffaffung der täglichen Erfahrung. Denn, wenn die natürliche Lebensdauer 70—80 Jahre wäre; fo müßten die Leute zwiſchen 70 und 80 Jahren vor Alter ſterben: Dies aber iſt gar nicht der Fall: ſie ſterben, wie die jüngeren, an Krankheitenz die Krankheit aber iſt weſentlich eine Abnormität: alſo iſt dies nicht das natürliche Ende. Erſt zwiſchen 90 und 100 Jahren ſterben die Menſchen, dann aber in der Regel, vor Alter, ohne Krankheit, ohne Todeskampf, ohne Röcheln, ohne Zuckung, bisweilen ohne zu erblaſſen; wel⸗ ches die Euthanaſie heißt. Daher hat auch hier der Upaniſchad Recht, als welcher die natürliche Lebensdauer auf 100 Jahre ſetzt. 528 — 0 Vom Unterschiede der Lebensalter. verwegener Wunſch. Denn quien larga vida vive mucho mal vive ſagt das ſpaniſche Sprichwort. — Zwar iſt nicht, wie die Aſtrologie es wollte, der Lebens⸗ lauf der Einzelnen in den Planeten vorgezeichnet; wohl aber der 5 Lebenslauf des Menſchen überhaupt, ſofern jedem Alter deſſelben ein Planet, der Reihenfolge nach, entſpricht und ſein Leben dem⸗ nach ſucceſſive von allen Planeten beherrſcht wird. — Im zehn⸗ ten Lebensjahre regiert Merkur. Wie dieſer bewegt der Menſch ſich ſchnell und leicht, im engſten Kreiſe: er iſt durch Kleinigkeiten 10 umzuſtimmen; aber er lernt viel und leicht, unter der Herrſchaft des Gottes der Schlauheit und Beredſamkeit. — Mit dem zwan⸗ zigſten Jahre tritt die Herrſchaft der Venus ein: Liebe und Weiber haben ihn ganz im Beſitze. Im dreißigſten Lebensjahre herrſcht Mars: der Menſch iſt jetzt heftig, ſtark, kühn, kriegeriſch 15 und trotzig. Im vierzigſten regieren die 4 Planetoiden: ſein Leben geht demnach in die Breite: er iſt krugi, d. h. fröhnt dem Nützlichen, kraft der Ceres: er hat ſeinen eigenen Heerd, kraft der Veſta: er hat gelernt was er zu wiſſen braucht, kraft der Pallas: und als Juno regiert die Herrin des Hauſes, ſeine 20 Gattin.“) — Im funfzigſten Jahre aber herrſcht Jupiter. Schon hat der Menſch die Meiſten überlebt, und dem jetzigen Geſchlechte 465] fühlt er ſich überlegen. Noch im vollen Genuß ſeiner Kraft, iſt er reich an Erfahrung und Kenntniß: er hat (nach Maaßgabe ſeiner Individualität und Lage) Auktorität über Alle, die ihn 25 umgeben. Er will demnach ſich nicht mehr befehlen laſſen, ſondern ſelbſt befehlen. Zum Lenker und Herrſcher, in ſeiner Sphäre, iſt er jetzt am geeigneteſten. So kulminirt Jupiter und mit ihm der Funfzigjährige. — Dann aber folgt, im ſechzigſten Jahre, Saturn und mit ihm die Schwere, Langſamkeit und Zähigkeit 30 des Ble ies: But old folks, many feign as they were dead; Unwieldy, slow, heavy and pale as lead.**) Rom. and Jul. A. 2. sc. 5. ) Die circa 50 feitdem noch hinzu entdeckten Planetoiden find eine Neue⸗ 35 rung, von der ich nichts wiſſen will. Ich mache es daher mit ihnen, wie mit mir die Philoſophieprofeſſoren: ich ignorire ſie; weil ſie nicht in meinen Kram paſſen. 9) Viel' Alte ſcheinen ſchon den Todten gleich: Wie Blei, ſchwer, zähe, ungelenk und bleich.
Vom Unterschiede der Lebensalter. Zuletzt kommt Uranus: da geht man, wie es heißt, in den Himmel. Den Neptun (fo hat ihn leider die Gedankenloſigkeit getauft) kann ich hier nicht in Rechnung ziehn; weil ich ihn nicht bei ſeinem wahren Namen nennen darf, der Eros iſt. Sonſt wollte ich zeigen, wie ſich an das Ende der Anfang knüpft, wie nämlich der Eros mit dem Tode in einem geheimen Zuſammen⸗ hange ſteht, vermöge deſſen der Orkus, oder Amenthes der Aegyp⸗ ter (nach Plutarch de Iside et Os. c. 29), der AauBavov xar öl dove, alſo nicht nur der Nehmende, ſondern auch der Gebende und der Tod das große Reſervoir des Lebens iſt. Daher alſo, daher, aus dem Orkus, kommt Alles, und dort iſt ſchon Jedes geweſen, das jetzt Leben hat: — wären wir nur fähig, den Taſchenſpielerſtreich zu begreifen, vermöge deſſen Das geſchieht; dann wäre Alles klar. 330 10 Abkürzungen für die Werke Schopenhauers: G Ueber die vierfache Wurzel des Satzes NA ueber den Willen in der Natur. vom zureichenden Grunde. E= Die beiden Grundprobleme der Ethik. gf Ser DE e, eren um dan. 88. WII- Die Welt als Wille u. V., Bd. II PII - Parerga und Paralipomena, Bd. II Anmerkungen Schon bald nach der Fertigſtellung des zweiten Bandes der „Welt als Wille und Vor⸗ ſtellung“ wandte ſich Schopenhauer einzelnen bedeutenden Themenkreiſen zu, denen im Rahmen ſeiner ſyſtematiſchen Werke noch keine Behandlung zuteil geworden war. Sechs Jahre einer ununterbrochenen täglichen Arbeit gehörten der Ausarbeitung der Notizen und Entwürfe, die ſich ſeit einem Menſchenalter angeſammelt hatten, daneben der ſyſte⸗ matiſchen Vervollſtändigung des Materials. Schon Ende 1845 ſchrieb er den erſten Ent⸗ wurf zu einer Vorrede für das neue Werk nieder (Spiellegia, S. 329): Parerga und Paralipomena Vorrede Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Niemand mich aus dieſen Nebenarbeiten erſt wird kennen lernen, oder gar danach abſchätzen wollen. Sie ſind für Die geſchrieben, welche meinen bisherigen wichtigeren, das Syſtem meiner Philoſophie enthaltenden Schriften ihren Beifall in dem Maaße geſchenkt haben, daß auch dergleichen ſpecielle Ausführungen untergeordneter Gegenſtände und fragmentariſche Andeutungen über die wichtigeren, eben nur als von mir kommend, ihnen willkommen ſind. Demgemäß habe ich auch, wo immer der Zuſammenhang es erforderte, die Bekanntſchaft mit meiner Philoſophie vorausgeſetzt und rede überall zu Leſern, die mich ſchon kennen. — Im Ganzen kann man jagen, der 1ſte Band enthalte die Parerga, der 2te die Paralipomena, von denen der größte Theil als Vervollſtändigung der Ergänzungen zu meinem Hauptwerk anzuſehn find. — Dies gilt beſonders von Kap. IIXIVI des 2ten Bandes. Dieſe Kapitel ſetzen daher die Kenntniß meiner Philoſophie voraus; während das Uebrige des 2ten Bands, wie auch der ganze erſte auch ohne ſolche verſtändlich find, wiewohl Die, welche meine Philoſophie ſich angeeignet haben, überall viele Beziehungen auf biefe, ia Erläuterungen berfelben erkennen werden. Einige Seiten weiter (S. 334), zu Anfang des Jahres 1846 niedergeſchrieben, finden ji), als „Motto zu denſelben“ (d. i. den „Parerga“) die Verſe: Noch iſt es Tag, es rühre ſich der Mann: Bald kommt die Nacht, wo Niemand ſchaffen kann. Sie find von ſpäterer Hand mit einem „nun“ durch das Senekawort „Eleusis servat quod ostendat revisentibus.“ erſetzt worden, das in der endgültigen Faſſung als Motto des 2. Bandes Verwendung gefunden hat. Dieſelbe Seite 334 der Spicilegia enthält dann zugleich einen weiteren Entwurf der Vorrede: 531
Anmerkungen. Vorrede zu den Parergis Der Titel bezeichnet genugſam was man hier zu erwarten hat: es ſind Nebenarbeiten, die Frucht ſpäterer Jahre, großentheils nicht weſentlich zu den mein philoſophiſches Syſtem darſtellenden, ernſteren und gewichtigeren Schriften gehörig, inzwiſchen auch ſo auf dieſe oft Licht zurückwerfend, anderntheils jedoch ſie ausdrücklich erläuternd, überhaupt aber im Geiſte derſelben abgefaßt und daher an einen mit ihnen bekannten Leſer ſich wendend. In dieſer Hinſicht laſſen ſich in dieſem Werke Parerga und Paralipomena näher unter⸗ ſcheiden, indem Erſtere, als mehr für ſich beſtehend, nicht ſo ſehr die Bekanntſchaft mit meiner Philoſophie vorausſetzen, wie die Letzteren, als welche gewiſſermaaßen die Er⸗ gänzungen zu den Ergänzungen ſind. Wer hingegen aus dieſen Spätlingen meiner Muſe mich allererſt kennen lernen wollte, würde ſeinen Zweck nur unvollkommen erreichen. Denn hier rede ich wie zu Bekannten, nicht wie zu Fremdem. Mit der Herausgabe dieſer kleinern Arbeiten habe ich indeſſen nicht länger zögern wollen; weil, nach dem Gange der Natur, das Ende meiner Laufbahn nicht weit ſeyn kann, ober, richtiger, der Anfang derſelben. Denn fie kommen heran, fie treten ſchon in's Daſeyn, die mit mir denken, alſo eigentlich mit mir leben werden: ihnen gilt mein Willkommen, mein Abſchied einem mir fremd gebliebenen Geſchlecht. Schopenhauer beabſichtigte die beiden Entwürfe miteinander zu verbinden, weshalb er am Schluß des erſten den Hinweis „p. 334“ angebracht, am Schluß des zweiten aber mit einem „vergl. p. 329“ auf den erſten zurückverwieſen hat. Das endgültige Vorwort enthält denn auch Gedanken aus beiden Entwürfen. Als Frauenſtädt im Juli 1846 Arthur Schopenhauer aufſuchte, fand er ihn mitten in eifrigen Studien über Somnambulismus, Traumdeutung und Geifterfehn, Vorarbeiten. für den „Verſuch über Geiſterſehn und was damit zuſammenhängt“ im 1. Bande der Parerga; und als er im Winter 1846/47 nochmals zu längerem Aufenthalt nach Frankfurt kam und häufig Gelegenheit fand, den Meiſter zu ſehen, da berührten die Geſpräche wieder die verſchiedenſten Themata aus dem entſtehenden Werk. Endlich, am 26. Juni 1850, konnte Schopenhauer den Verlag des nunmehr vollendeten Werkes F. A. Brockhaus an⸗ bieten. Brockhaus aber konnte ſich, nach dem Mißerfolg der zweiten Auflage des Haupt⸗ werks, nicht mehr entſchließen, das Wagnis auf ſich zu nehmen. Am 8. Juli fragte Schopen⸗ hauer nochmals an, ob Brockhaus das Werk einem andern Leipziger Verleger empfehlen wolle; er habe inzwiſchen eine nochmalige letzte Reviſion des Manuifript3 begonnen, die nicht ohne Nutzen ſei, daher er ſie durchſühren werde. Brockhaus mußte auch dieſen zweiten Vorſchlag ablehnen, ebenſo einen dritten (vom 3. September), in dem Schopen⸗ hauer das Werk nunmehr gratis anbot. Schon vorher hatte F. E. Suchsland die Ver⸗ lagsübernahme abgelehnt, da er „keine disponible Mittel dazu“ habe. Und noch ein dritter Verleger, die Dieterichſche Buchhandlung in Göttingen, der Schopenhauer am 8. Sep⸗ tember das Werk anbot, lehnte ab. Am 16. September meldete Schopenhauer ſeinen dreifachen Mißerfolg an Frauenſtädt: „Ich weiß wahrlich nicht, was ich noch thun kann und ob nicht meine opera mixta beſtimmt ſind, ein pasthumum zu werden, wo es alsdann an Verlegern nicht ſehlen wird.“ Nun endlich gelang es der Betriebſamkeit Frauenſtädts, die A. W. Haynſche Buchhandlung in Berlin zur Übernahme des Verlags zu gewinnen. Am 30. September konnte ſich Schopenhauer bei Frauenſtädt für deſſen Mühe und Eifer bedanken. Er teilte mit, daß die allerletzte Reviſion des Manuffripts „certo certius binnen acht Tagen zu Ende ſeyn“ werde, und am 22. Offober ging die Handſchriſt an Hayn ab. „Kontrakt und Manufkript“, ſchrieb Schopenhauer am 23. Oktober an Frauenſtädt, „ſind abgegangen an Hayn, die Druckprobe iſt vortrefflich, die Bedingungen richtig. Habe ihn erſucht, das Ihnen zuſtehende Exemplar auf Velin Ihnen bogenweiſe zu überſenden.“ Aber erſt Anfang Februar 1851 begann der Druck. Die erſte Korrektur beſorgte diesmal Frauenſtädt, und es iſt wohl ſeiner Mitarbeit zu danken, wenn die Erſtausgabe der Parerga in höherem Maße von gewiſſen Ungleichmäßigkeiten und Nachläſſigkeiten freigeblieben iſt, als die von Schopenhauer ſelbſt beſorgten Ausgaben ſeiner übrigen Werke. Im November 1851 wurden beide Bände gleichzeitig ausgegeben. Die „Parerga und Paralipomena“ waren das erſte Werk Schopenhauers, das einen Erfolg zu verzeichnen hatte. Trotzdem ſollte Schopenhauer die 2. Auflage nicht mehr erleben. Wir wiſſen aus manchen Geſprächen, daß er in ſeinen letzten neun Lebensjahren unabläſſig mit den Vor⸗ arbeiten dafür beſchäftigt war. Im Mai 1858 erzählte er C. G. Bähr, daß er in einer 532 Anmerkungen. zweiten Auflage die Parerga mit ſehr viel Neuem zu bereichern gedenke, und noch in feinem letzten Geſpräch mit ſeinem Teſtamentsvollſtrecker Wilhelm von Gwinner rief er aus: „Es wäre doch erbärmlich, wenn ich jetzt ſterben ſollte: ich habe dem Werk noch wichtige Zuſätze zu geben.“ Drei Tage darauf, am 21. September 1860, nahm ihn der Tod hinweg. Von der Handſchrift der Parerga, die lange Zeit völlig verſchollen war, ſind heute einige Bruchſtücke bekannt. Es handelt ſich, ähnlich wie bei der Handſchrift des 2. Bandes der „Welt als Wille und Vorſtellung“, um eine Anzahl von doppelten Foliobogen, die von Schopen⸗ hauer bogenweiſe paginiert ſind. Ein Zufall wollte es, daß dieſe Handſchriftenteile gerade zu der Zeit, als die beiden Bände der Parerga im Rahmen der Deuſſenſchen Ausgabe lerſchie⸗ nen 1913) ihrer Vollendung entgegen gingen, von ihrem damaligen Beſitzer, Doktor Reuling (Frankfurt a. Main) an Dr. med. Carl Thieme (Paris) verkauft und damit der wiſſenſchaft⸗ lichen Auswertung entzogen wurden. (Datum der Überweiſung: 26. April 1912.) Nach dem Tod Thiemes find fie, als Leihgabe der Dr. Thieme⸗Stiftung, in den Beſitz der Stadt⸗ bibliothek Dresden übergegangen. Für den 1. Band kommen folgende, von uns zum erſten Male zur Herſtellung eines kritiſchen Textes benutzte Handſchriftenbruchſtücke in Betracht: * 1 Vorwort (1 Seite) = VII, 1—22 unſeres Textes N 2 Titelblatt der Abhandlung „Ueber die Univerſitätsphiloſophie“ = 147, 1—5 unſeres Textes n 43 Titelblatt der „Transcendenten Speculation“ und Bogen 54—59 (zuſammen 25 Seiten) = 211, 1—237, 8 unſeres Textes A 4 Titelblatt des „Verſuchs über das Geiſterſehn“ und Bogen 60—79 und 2 Seiten von Bogen 80 (dazu zweiſeitige Supplemente zu den Bogen 66, 70, 73, 75, 76, zuſammen 93 Seiten) = 239, 1—329, 15 unſeres Textes. Zu dieſen Teilſtücken der Handſchriſt ſtellt ſich das Handexemplar der Parerga, das Schopenhauer Frauenſtädt hinterlaſſen hat. Es enthält zahlreiche Anderungen und Beſſer⸗ ungen, ausgearbeitete und großenteils ſchon mit dem Stammtext verbundene Zuſätze, da⸗ neben auch Verweiſungen auf die Senilia und andere Manufkriptbücher, alles in buntem Durcheinander, teils auf den durchſchoſſenen weißen Blättern, teils am Rande der Druck⸗ feiten, über, neben und unter dem Texte, wo gerade Platz war. Auf Grund dieſes Hand⸗ exemplars beſorgte Frauenſtädt die „Zweite, verbeſſerte und beträchtlich vermehrte Auf⸗ lage“ der Parerga, die 1862 wieder bei A. W. Hayn erſchienen iſt. Über die Grundſätze ſeiner Textgeſtaltung äußert ſich der Herausgeber in der Vorrede: „Die Zuſätze, welche Schopenhauer zu dieſer zweiten Auflage der Parerga gemacht, haben von ihm keine gleiche Behandlung erfahren. Während nämlich in feinem mit Papier durchſchoſſenen Exemplare die neu hinzugeſchriebenen Stellen fertig ausgearbeitet, ja ſogar gebeſſert und gefeilt find, fo find die citirten Manufcriptſtellen nur mit Verweiſung auf den Band und die Seite, wo ſie zu finden, eitirt, nicht ausgezogen; ferner, während erſtere meiſt genau mit Zeichen für die Stellen im Texte, wo ſie einzufügen, verſehen ſind — nur eine geringe Anzahl derſelben iſt unbezeichnet geblieben, oder nur durch ein hinzugefügtes „allcubl““ oder „Irgendwo“ als einzufügend zu erkennen gegeben —: ſo ſind umgekehrt die letztern meiſt unbezeichnet gelaſſen, ſind nur im Allgemeinen zu dem Kapitel, zu dem Paragraphen oder zu der Seite, wozu fie gehören, citirt, und nur äußerſt wenige ſind an den Ort geſetzt, wo ſie einzufügen. Es geht hieraus hervor, daß Schopenhauer die von ihm für dieſe zweite Auflage be⸗ ſtimmten Zuſätze nur zum Theil, wenn auch zum größern Theil, ſelbſt redigirt, zum Theil hingegen unredigirt hinterlaſſen hat. Ich bin nun bei der Redaction dieſes letztern Theiles im Allgemeinen fo verfahren, daß ich die Zuſätze, mochten es fertig hinzugeſchriebene, oder aus den Manuſcripten citirte ſein, nur dann in den Text aufgenommen habe, wenn ich nach reiflicher Erwägung einen Ort für ſie fand, wo ſie nicht bloß ihrem Inhalt, ſondern auch der Form, d. i. der Diction nach, ungezwungen hineinpaßten; in allen andern Fällen hingegen, wo entweder die ſtrenge Gedankenfolge, oder der wohlgefügte Satzbau des Textes ihre Aufnahme in denſelben nicht zuließ, habe ich ſie an der geeignetſten Stelle entweder als Anmerkungen unter, oder als Anhänge hinter den Text geſetzt. Zu dieſem Verfahren hat mich folgende Erwägung beſtimmt. Schopenhauers Abſicht war es offenbar, alles Zuſammengehörige an einer Stelle beiſammen zu haben. Eine völlige Ausſonderung und abgeſonderte Zuſam menſtellung ſeiner zu dieſer Auflage ge⸗ machten Zuſätze, die freilich dem Leſer einen ſofortigen Ueberblick über dieſelben gewährt hätte, wäre ſeiner Intention zuwider geweſen. Hat er doch den größten Theil derſelben, 533
Anmerkungen. die fertig hingeſchriebenen Stellen, ſchon ſelbſt redigirt und an den Ort gebracht, wo ſie hingehören. Alſo mußte auch mit dem andern Theile, mit den unbezeichnet gelaſſenen Zuſätzen und citirten Manuſcriptſtellen eben fo verfahren werden. Nun würde Schopen⸗ hauer ſelbſt, wenn er dieſe Auflage noch hätte beſorgen können, gewiß denſelben freien Gebrauch von ihnen gemacht haben, wie bei den von ihm ſelbſt beſorgten neuen Auflagen ſeiner andern Werke. Er würde nämlich, wo es ging, und ſo wie es am beſten ging, ſie in den Text hinein verarbeitet, ſonſt aber ſie weggelaſſen haben. So hat er es nämlich, wie ich mich aus ſeinen mit Papier durchſchoſſenen Exemplaren überzeugt habe, damit gehalten. Mir hingegen, der ich nicht Bearbeiter, ſondern nur Herausgeber und Redakteur des von ihm hinterlaſſenen Stoffes bin, ſtand ein ſolches freies Verfahren nicht zu. Ich durfte mir weder Aenderungen, noch eine Auswahl aus den von ihm unredigirt gebliebenen Zuſätzen erlauben. Andererſeits war ich aber auch nicht befugt, dieſelben, ſo wie ich ſie vorfand, in den Text aufzunehmen, ohne zu prüfen, ob ſie nach Inhalt und Form in denſelben hineinpaſſen. Ich mußte alſo ſo mit ihnen verfahren, wie ich verfahren bin, und ich bin überzeugt, daß jeder andere Herausgeber, wenn er ſach⸗ gemäß und der Abſicht Schopenhauers gemäß hätte verfahren wollen, ganz eben ſo wie ich, hätte verfahren müſſen.“ Der Text der Ausgabe von 1862 iſt ohne weitere redaktionelle Anderungen auch der dritten, nunmehr bei F. A. Brockhaus erſchienenen Auflage von 1874 zugrunde gelegt worden. Nur einige Selbſtzitate Schopenhauers wurden durch Hinweiſe auf die inzwiſchen erſchienenen Neuausgaben Frauenſtädts vervollſtändigt. Im Gegenſatze zu den andern von Frauenſtädt beſorgten poſthumen Ausgaben, die bei F. A. Brockhaus herauskamen und unmittelbar in die Geſamtausgabe hereingenommen werden konnten, bedingte nun der Verlagswechſel bei der dritten, in die Geſamtausgabe eingegangenen Auflage der „Parerga“ einen völligen Neuſatz des Werkes. Aber der alternde, an einer Augenkrankheit leidende Frauenſtädt konnte den Druck nicht mehr mit der früheren Sorgfalt überwachen; zahlreiche Fehler ſchlichen ſich ein. Im Ganzen genommen bietet die Auflage von 1874 einen weſentlich unzuverläſſigeren Text als die (2.) Auflage von 1862. Der nächſte Herausgeber, Eduard Griſebach, iſt ſich über dieſes Sachverhältnis nicht Har geworden. Er legte feinem Text nicht die Ausgabe von 1862, ſondern die ſpätere von 1874 zugrunde. Der Nachweis läßt ſich unſchwer führen: Der Griſebachſche Text übernimmt zahlreiche Verſehen, die ſich zum erſten Male in der Ausgabe von 1874 vor ⸗ finden; fie laſſen ſich in unſerm Variantenverzeichnis ohne weiteres ableſen (vgl. z. B. unter 6, 13; 11, 24; 15, 12; 15, 33; 16, 31; 21, 20 uſw.). Die Arbeit Griſebachs mußte im übrigen Stückwerk bleiben, weil ihm zwar die Berliner Manuffriptbücher, nicht aber die Handeremplare zur Verfügung ſtanden. Was aus den Manuſftriptbüchern an neuen Stellen und Berichtigungen gegenüber dem Frauenſtädtſchen Text herauszuholen war, iſt verhältnismäßig wenig: ein paar wenig belangreiche Zuſätze, ein paar Umſtellungen, ein paar Ergänzungen und Verbeſſerungen. In allem Wejentlichen blieb Griſebach von Frauenſtädt abhängig, ſowohl hinſichtlich der grundlegenden Einordnung der Zuſätze, ihrer Aufteilung zwiſchen Text und Anmerkungen, als auch hin ⸗ ſichtlich aller Einzelheiten der Tertgeftaltung: Die kleinen, von Frauenſtädt gelegentlich vorgenommenen Umſtellungen und Verſchiebungen, die behutſamen Überleitungen und Ver⸗ bindungen, die er hin und wieder gefchaffen hatte, um einen zuſammenhängenden Text zu erhalten, die zahlreichen Ergänzungen der von Schopenhauer im allgemeinen nur ſtich⸗ wortartig gegebenen Zitate, — all das entzog ſich einer Aberprüfung an Hand des Handexemplares und mußte deshalb von Griſebach ohne weiteres übernommen werden. Immer⸗ hin machte Griſebach zum erſten Male ven Berſuch, die Zuſätze und Textänderungen gegenüber der erſten Auflage in einem bibliographiſchen Anhang im Einzelnen nachzu⸗ weiſen und damit eine Aufgabe zu löſen, die ſich Frauenſtädt bedauerlicherweiſe nicht einmal geſtellt hatte. Daß auch dieſe Bibliographie (Bd. VI der Griſebachſchen Ausgabe) zahlreiche (noch in die dritte, von E. Bergmann beſorgte Auflage übernommene) Unrich⸗ tigkeiten aufweiſt, hat ſeinen Grund in erſter Linie wieder in dem Fehlen des Handeremplars. Schon ein genauer Quellennachweis erwies ſich als unmöglich. So führte Griſebach die Zuſätze, die er in den Manuſkriptbüchern nicht auffinden konnte, ohne weiteres auf das Handexemplar zurück. In Wirklichkeit aber ſtammen ſolche Zuſätze oft aus Stellen der Manufkriptbücher, die Griſebach entgangen waren; jo find etwa die Stellen 387, 10—16; 389, 5 v. u.— 390, 3 v. o.; 503, 2—13; 508, 13—21; 545, 1 v. u.— 546, 7 v. o. in Bd. 4 der Griſebachſchen Ausgabe nicht dem Handexemplar, ſondern den Manufkriptbüchern ent⸗ nommen (Spicilegia 436; Spicilegia 468; Senilia 86; Spicilegia 456; Spicilegia 442). 534 — — — — — — — — Schopenhauers handschriftliche Zusätze. Diefe und andere Mängel konnte die Deuſſenſche Ausgabe auf Grund des wieder zu⸗ gänglich gewordenen Handexemplares beſeitigen. Leider ging fie den eigentlichen Schwie⸗ rigkeiten der Tertherftellung aus dem Wege. Sie ließ die Vorarbeiten der früheren Heraus⸗ geber grundſätzlich unberückſichtigt und ſetzte ſich, unter Verzicht auf die Herſtellung eines fortlaufenden Textzuſammenhanges, lediglich eine genaue Reproduktion des Handexemplares zum Ziele, natürlich unter Einfügung der aus den Manujfriptbüchern gewonnenen Buſätze. ber die von Frauenſtädt und Griſebach beigebrachten Zuſätze hinaus bietet fie dabei noch einiges Neue, während merkwürdigerweiſe ein paar andere, von Frauenſtädt und Griſebach gebrachte Zuſätze in Wegfall gekommen ſind. Immerhin legt ſie mit eiger bis dahin unerreichten Genauigkeit das Material vor, mit allen Zufälligkeiten und Flüchtig⸗ keiten, aber ſie ſieht von jeder kritiſchen Auswertung dieſes Materials ab. In den grundlegenden Fragen der Anordnung folgt ſie der Tradition. Vor allem befolgt ſie den Grundſatz, bei den Zuſätzen, deren Zuordnung zweifelhaft ſein kann, von der Löſung Frauenſtädts „nicht ohne Not abzuweichen, damit ſich für die Parerga und die Anordnung ihrer Gedanken möglichſt eine einheitliche Tradition bilde, und nicht jede neue Ausgabe wieder ein anderes, von der früheren abweichendes Bild biete“ (Vorrede S. IX). . Zu dieſem Grundſatz bekennt ſich auch unſere Ausgabe. Im übrigen nimmt fie die text ⸗ kritiſche Arbeit an den „Parerga“ da wieder auf, wo ſie mit den Ausgaben von Frauenſtädt und Griſebach ſtehengeblieben war. Durch eine kritiſche Uberprüfung des geſamten Textbeſtandes konnten zahlreiche Verſehen der früheren Ausgaben berichtigt werden. Die pofthumen Zuſätze werden nun wirklich in einer Vollſtändigkeit dargeboten, wie ſie die bis⸗ herigen Ausgaben nicht erreicht haben. Schließlich wurden unter Zugrundelegung des ge⸗ ſamten, heute bekannten Materials die Vorarbeiten der früheren Herausgeber genau über⸗ prüft. Es wurde belayfen, was ſich als vertretbar, berichtigt, was ſich als unhaltbar erwies. Das folgende Verzeichnis der handſchriftlichen Zuſätze Schopenhauers und der an⸗ ſchließende Texttritiſche Anhang bietet eine ins Einzelne gehende Rechtfertigung unſerer Textherſtellung, ſo daß alſo über Form und Herkunft jeder einzelnen Stelle ebenſo Auskunft gegeben wird wie über alle Eingriffe des Herausgebers, die ſich zur Herſtellung eines zu⸗ ſammenhängenden Textes als notwendig erwieſen haben, und ſchließlich über jede Einzel; heit der Rechtſchreibung. Die textkritiſch wichtigen Ausgaben, die für den vorliegenden 1. Bd. der „Parerga“ herangezogen wurden, verzeichnen wir mit folgenden Abkürzungen: A Parerga und Paralipomena: kleine philoſophiſche Schriften, von Arthur Schopen⸗ hauer. Erſter Band. Berlin, Druck und Verlag von A. W. Hayn., 1851. Ah = Schopenhauers Handexemplar der Ausgabe 1851. - Parerga und Paralipomena: kleine philoſophiſche Schriften, von Arthur Schopen⸗ hauer. Zweite, verbeſſerte und beträchtlich vermehrte Auflage, aus dem handſchrift⸗ lichen Nachlaſſe des Verfaſſers herausgegeben von Dr. Julius Frauenſtädt. Erſter Band. Berlin. Druck und Verlag von A. W. Hayn. 1862. F = Arthur Schopenhauer's ſämmtliche Werke, Herausgegeben von Julius Frauenſtädt. Zweite Auflage. Leipzig 1877. 5. Band (= Neudruck der 3. Aufl. von 1874). G = Arthur Schopenhauer's ſämmtliche Werke. Herausgegeben von Eduard Griſebach. Zweiter, hie und da berichtigter Abdruck. 4. Band, Leipzig 11896]. Z = Encyllopädifches Regiſter zu Schopenhauer's Werken. Von Guſtav Friedrich Wag⸗ ner. Karlsruhe i. B. 1909. Zweite Auflage 1960. Nachdruck 1982. D = Arthur Schopenhauer's ſämmtliche Werke. Herausgegeben von Paul Deuſſen, 4. Band, München 1913. 6b = Arthur Schopenhauer, Sämtliche Werke. Herausgegeben von Eduard Griſebach. Dritte, mehrfach berichtigte Auflage, bearbeitet von Profeſſor Dr. E. Bergmann, 4. Band, Leipzig [1923]. Hb Vorliegende Ausgabe. Schopenhauers handſchriftliche Zuſätze Das folgende Verzeichnis führt alle Anderungen und Zuſätze auf, die Schopenhauers Handexemplar dem Herausgeber an die Hand gibt. Zunächſt die „Anderungen des Stamm⸗ textes“, wobei an erſter Stelle die in unſeren Text übergegangene handſchriftliche Neufaſſung (Ah), an zweiter die getilgte Faſſung der Erſtausgabe (A) aufgeführt wird; ſodann die „Zuſätze zum Stammtext“. 35 Schopenhauer, Werke V 535
Anmerkungen. 1. Anderungen des Stammtextes 1,4 Plurimi 4A Multi A. 1,4 multiplex erit Ah augebitur A. 3,4 gilt AR gilt deshalb A. 6, 29 haben den nächſten Anlaß gegeben Ah ſcheinen den nächſten Anlaß gegeben zu haben 4. 7,8 formulirt. Ah erſonnen. A. 13,3 und nur als AA und als 4. 29,9 ein bloßes Phantaſieſtück, 45 eine bloße metaphyſiſche Phantaſie, 4. 29, 36 deſſelben An davon 4. 37, 25 leicht zu zählenden Ah ſehr wenigen A. 38, 37 welche Ah die A. 43, 23 Rinder Ah Ochſen A. 57, 35 Die ungefähr 400 Jahre nach dem Urſprung der Stoa abgefaßten Diſſertationen Arrian's zur Epikteteiſchen Philoſophie geben uns auch keine gründlichen Aufſchlüſſe über den wahren Geift und die eigentlichen Principien der Stoiſchen Moral: Ah Ueber den wahren Geiſt und die eigentlichen Principien der Stoiſchen Moral wird man aus des Arrian's Diſſertationen zur Epikteteiſchen Philoſophie keine gründlichen Aufſchlüſſe erhalten; 4. 61,9 ſchlechter und unerquidlicher Ak höchſt elender A. 61, 10 grob-abergläubiſch, konſus und unklar. Ah grob, abergläubiſch und konfus 4 (grob, abergläubiſch im Druckfehlerverzeichnis in grob⸗abergläubiſch verbessert). 61, 12 oft nur Ak kaum A. 63, 31 da Ak indem A. 66, 30 der Ah des A. 71, 1 Dies Ah Das A. 75, 11 auf obigem Wege Ah hiedurch A. 8 79, 11—32 Leibnitz gieng ebenfalls bis auch ſei: Ah Leibnitz nun wieder ſeinerſeits hatte es ebenfalls mit Subſtanzen zu thun, deren er aber eine Unzahl annahm, jedoch ſolche, die, nach Umſtänden, bald ausgedehnt, bald denkend und auch beides zugleich wären, — genannt Monaden: A. 79, 31 beſorgt Ah übernahm A. 80, 3—7 Leibnitz dis Er erinnerte dabei (Opera p. 124) Ah Dagegen nun erinnerte Leibnitz 4. 80, 13 formale Atome Ah Atome A. 80, 23 ſowohl der Kantiſchen als auch meiner Lehre finden, aber quas Ah meiner Lehre finden, aber quam 4. 96, 9 a priori Ah dieſes A. 104, 28 freilich Ah fehlt A. 119, 19 ihren Ah den A. 123, 17 370 Ah 300 A. 131, 31 der Zeitpunkt Ah die Zeit A. 134, 3 einzige und alleinige Ah alleinige A. 138, 16 aus Ah in A. 138, 20 von allen gleichzeitigen Völkern verachtetes und ganz allein unter allen ohne irgend einen Glauben an Fortdauer nach dem Tode lebendes, Ak und geringgeſchätztes, 4. 142, 28 Wichtigkeit, AA Geltung, 4. 143, 22 Und noch eine Stelle des Helvetius ſei es mir erlaubt über dieſen Punkt An Endlich ſei es mir noch erlaubt, über dieſen Punkt eine Stelle des Helvetius 4 (Anderung wegen der vorangehenden Einschaltung 143, 2 — 22). 154, 21 auf immer Ak für immer A. 156, 11 Aber daß ein ſolcher Vorwurf die Achillesſerſe eines herrſchenden philoſophiſchen Syſtems feyn konnte, zeigt uns, AA hier alſo lag die Achillesferſe. Wir ſehn daraus, 4 (Anderung wegen der vorangehenden Einschaltung 155, 36—156, 10). 164, 15 Bienenſtock: Ah Bienenkorb; A. 174, 24 er ſchmachtet, ja, er ſchmachtet nach irgend einem Gedanken, wie der Reiſende in der arabiſchen Wüſte nach Waſſer, — und muß verſchmachten. An er verſchmachtet, wie der Reiſende in der arabiſchen Wüſte. 4. 174, 35 marternd langweilig Ak langweilig A. 536 Schopenhauers handschriftliche Zusätze. 197,4 zum Behnf Ah Behufs A. 198, 35 Nachrichten. Ak Berichte. 4. 201, 6 ihre Ak die A. 206, 1 habe, Ah hat, A (vgl. auch unter Varianten). 208, 34 jenen Ak den A. 216,3 Die dieſen entſprechenden Fälle beim zweiten Geſicht AR Fälle dieſer letztern Art A. 217, 3 den A das Ah (In der nächsten Zeile hat auch Ah ben; auch sonst steht immer Ee so daß wir die, nur in D berücksichtigte Korrektur von Ah nicht übernommen en.) 217, 25 ja, beim Durchdenken der Einzelheiten feines Lebenslaufes, kann dieſer ihm bis⸗ weilen ſich darſtellen, als wäre Alles darin abgekartet geweſen, und die auftretenden Men⸗ ſchen erſcheinen ihm wie bloße Schauſpieler. Dieſer transſcendente Fatalismus hat nicht nur viel Troſtreiches, ſondern vielleicht auch viel Wahres; AR und der nicht nur viel Troſt⸗ reiches, ſondern vielleicht auch viel Wahres hat; A. (Diese Korr. ist in f, P, O, Gb nicht berücksichtigt.) 222, 6 nothwendig herbeigeführt und beſtimmen 4 herbeigeführt, beſtimmen jedoch A. 224, 31 die Stelle Ah die A. € 225,1 Boſſen Ak Boſſen [Typen, davon Boffiren] A. (Statt dieser Worterklärung im Text gibt Ah eine Anmerkung unter dem Text, vgl. Zusätze.) 228, 38 Und eben fo nun beruht hierauf auch AR und A (Änderung wegen der vorangehenden Einschaltung 228, 28—38). . Fo für ihn wichtigen AR wichtigen A. (Diese Korr. ist in J, F, G, Gb nicht berücksichtigt. g 234, 23—28 daß fie die Unvermeidlichkeit bis ausgeben; Ah daß fie die natürlichen und nothwendig wirkenden Urſachen desſelben recht deutlich nachweiſen. Denn an dieſen zweifelt kein vernünftiger Menſch: A. 241, 6 nicht ſowohl gebannten, als Ah wenn auch nicht gebannten, doch A. 241,16 Körpern, Ah Körpern, A. 245, 20 überhaupt in der rein objektiven Ah nicht weniger auch in der A (vgl. die vorangehende Einschaltung 245, 19—20). 247, 30 hiebei Ah hiebei eigentlich A. 267, 14 wir werden Geſtalten Ak Geſtalten A. 269, 11—14 gebe, und werden bis ſeltene Ausnahmen, AA jedoch nur als ſeltene Ausnahmen, 4. 269, 15 Träume, betrachtet worden. Ah Träume. A. 269, 33 eine unzweideutige Erfahrung, Ak unzweideutige Erfahrungen, A (vgl. die anschließende Einfügung 269, 34—270, 28). 275, 19 eine Ah eine höchſt A. 276, 2 Außerdem aber iſt feine Wirkung zunächſt Ak In der Regel alſo iſt die Wirkung des Magnetismus A (vgl. die vorangehende Einschaltung 275, 37—276, 2). 276, 6 worden iſt Ah wurde A. 276, 14 das Hellſehn Ax die Clairvoyance 4. 286, 32 Bibelſpruches, Ak Spruches, A. 287, 8 Iſt es doch Ak Denn es iſt A. 287, 10 roheſte Ak pöbelhafteſte A. . 296, 15 (1721 von Arnold ins Deutſche überſetzt) AR (welches Buch 1721 von Arnold überſetzt deutſch erſchien) 4. 8 303, 25 erwähnten Ah beſchriebenen A. 316, 8 Ebenfalls Ah Vor der Hand A. 317, 34 Zwei oder Mehrere, Ah Mehrere, 4. 345, 12 zwei Stunden A wenigſtens zwei Stunden A. 351, 3 auch lönnen An können auch A. 360, 23 Es wird nämlich zur Schutzwehr gegen ſchlechte Geſellſchaft und gegen AA Nebenbei wird ein ſolches intellektuelles Leben auch noch eine Schutzwehr gegen 4. 5 364, 7 und hundert Dinge, an welchen ſie großes Genüge haben, ihm ſchaal und ungenießbar find; wodurch AR und ihm hundert Dinge, an welchen dieſe großes Genüge haben, ſchaal und ungenießbar machen; daher 4. 364, 10 iſt doch ſogar, und nicht ohne Schein, behauptet worden, Ah ja, ſogar oft genug und nicht ohne Schein, behauptet worden iſt, 4. 365, 2 iſt. Ah hat. A. = 537
Anmerkungen. 372, 15 denn alsdann iſt er vom Schickſal doppelt dotirt und kann jetzt feinem Genius leben: der Menſchheit aber wird er Ah, denn er kann jetzt feinem Genius leben und wird der Menſchheit 4. 388,32 Ehre. An Ehre. Von der Amtsehre hätte ich nichts zu ſagen, als was genugſam bekannt iſt. 4. 394, 2 ihre Principien Ah dieſelben A. 397, 5 jemals ſich Ah ſich jemals A. 413, 24 im Duell An beim Duell A. 414, 36 Seitdem Amors Köcher auch vergiftete Pfeile führt, iſt in das Verhältniß der Geſchlechter zu einander ein fremdartiges, feindſäliges, ja teufliſches Element gekommen: Ah Sie hat in das Verhältniß der Geſchlechter zu einander ein fremdartiges, feindſäliges, ja teufliſches Element gebracht; 4. 437, 16 jenen oben erwähnten Ah jenen A. 437, 26 Ein anderes Beiſpiel wieder geben An Eben fo nun ferner find A. 439, 11 Reichthum AR Ruhm A (Druckfehler; vgl. Sch.“s Brief an Frauenstädi vom 2. Januar 1852: „Mein Elend macht jetzt ein Druckfehler, ein verfänglicher, den nur die geſcheuteſten als ſolchen erkennen, die Uebrigen aber als Unſinn herunterfreſſen werden. Er ſteht Bd. 1., p. 393., Z. 9. v. o., da ſteht ‚Ruhm‘ ſtattReichthum“! hoc me male habet.“) 440, 7 Willensſeite Ah ethiſche Seite A. 445, 14 Demgemäß wird die möglichſte Einfachheit unſerer Verhältniſſe und ſogar AR Imgleichen wird auch 4. 446, 29 jener. Ah derſelben. A. 448, 25 In ſolcher Geſellſchaft AR Oft A. 449, 35 können andere ihm ſeyn. AA kann er außerhalb finden. A. 455, 24—28 daß hingegen ein Menſch edlerer Art ſei, zeigt ſich zunächſt daran, bis mit den Jahren zu der Einſicht gelangt, AR aber der Menſch edler und erhabener Art, gelangt, mit den Jahren, zu der Einſicht, 4. 459, 8 dieſer reſtringirten, ober verſchanzten Ah von reſtringirter, oder verſchanzter A. 462, 14 aber Ah denn A. 463, 24 Daher find unſere An Unſere A. 463, 26 meiſtens AA find meiſtens A. 463, 36 überhaupt Ah denn überhaupt A. 467, 37 zum Glücke Ah iſt zum Glüde A (Anderung wegen der vorangehenden Einschaltung 467, 24—36). 470, 37 wankend AA wanken A. 471, 4 im zweiten Kapitel Ak in der Einleitung A. 471, 7 zu ihrer AA für ihre A. 472, 12 Beſonders aber gebe man dem Gehirn Ah; ferner gebe man ihm A (Anderung wegen der vorangehenden Einschaltung 471, 30—472, 12.) 476, 24 In Ermangelung einer folchen objektiven Einwirkung wird in der Regel eine ſubjektive ergriffen, und find demnach die Flaſchen Ak In deren Ermangelung find die Fla ſchen A. 477, 8 ſieht am Andern nur, jo viel, als er ſelbſt auch iſt: denn er kann ihn nur Ah Jeder kann den Andern 4. 477, 18 Dem unſichtbar, Ak unſichtbar für Den, 4. 477, 26 auf Ak für A. 479, 27 Vermöge der ſelben Subjektivität find fie denn auch fo leicht Ak wie auch fo leicht A. 479, 28 Daher iſt Ak Daher auch iſt A. 481, 3 nöthiger, Ak nothwendiger, A. 492, 4 Dagegen ſehe man, Ah Man ſehe, 4. 497, 23 So aber Ak So A. 498, 10 Mögen ſeine Begebenheiten, Abenteuer, Glücks⸗ und Unglücksfälle noch ſo man⸗ nigfaltig ſeyn, fo iſt es doch damit wie mit der Zuckerbäckerwaare. Ak Das Leben, mit feinen Begebenheiten, Abenteuern, Glücks⸗ und Unglücksfällen, gleicht der Zuckerbäckerwaare. 4. 504, 24 Denn Unfälle, Ak Unfälle, A. 504, 24 das Element Ah das eigentliche Element A. 504,25 man alſo Ak man A. 504, 35 So viele Anfälle von Freude und Gram habe ich ſchon empfunden, Ak Ich habe ſchon ſo viele Anfälle von Freude und Gram überſtanden, 4. 538 Schopenhauers handschriftliche Zusätze. 505, 33 willig thun Ar thun 4. 506, 12 Denn wenn auch die ſchlechten Streiche erſt in jener Welt gebüßt werden; ſo doch die dummen ſchon in dieſer; — wiewohl An Denn zwar werden die ſchlechten Streiche erſt in jener Welt gebüßt; aber die dummen ſchon in dieſer; — wenn auch 4. 510, 27 daß AR wie A. 511, 38 Aber das Umgekehrte geſchieht dadurch, Ah Hiezu trägt freilich noch bei, A. 515, 18 kurz Ah ephemer A. 520, 10 fällt alſo AA fällt A. 520, 18 den Jugendjahren, Ah der Jugend, A. 524, 28 Wie dem auch ſei, die Jugend Ak Die Jugend A. 525, 4 Denn im Alter Ak Im Alter hingegen A. (Diese Änderung ist in J. F, G, 6b ebenso wenig berücksichtigt wie die vorangehende Einfügung aus Ak.) 525, 8 wodurch man bie Illuſionen, Chimären und Vorurtheile, welche früher die freie und reine Anſicht der Dinge verdeckten und entſtellten, allmählig losgeworden ift; Ah endlich auch weil man nunmehr tauſend Chimären allmählig losgeworden iſt, welche früher die freie und reine Anſicht der Dinge verdeckten und entſtellten; 4. 525, 16 Hauptſächlich aber iſt durch dies Alles Geiſtesruhe Ah Durch dies alles iſt dem⸗ nach Ruhe 4. . 525, 18 eigentlich ſogar die Bedingung und das Weſentliche deſſelben. Ah wenn nicht gar die Hauptſache. 4. 529, 34 circa 50 ſeitdem Ak 6 kürzlich A. 2. Zuſätze zum Stammtext Das folgende Verzeichnis führt alle aus dem Handexemplar und den Manuffriptbüchern Schopenhauers gewonnenen Zuſätze auf. Zuſätze, bei denen die Quelle nicht ausdrücklich genannt iſt, ſtammen aus dem Handexemplar (Ah). 3,5—9 zunächſt bis engern Sinne, 4, 28—5, 7 und die große Wahrheit bis p. 15.) 7, 17—23 Beiläufig gefagt, dis a tempo fällt. In D als Fußnote zu der folgenden Einschaltung, zu 7, 25 Theodicee; gestellt; von J. F, G, Gb in den Text genommen und zweckmäßigerweise dieser Einschaltung vorangestellt. 7, 23—8, 3 Am kraſſeſten bis denn 8, 11—13 S. Systeme nouveau de la nature p. 125 ed. Erdmann. Von J. F, G, Gb ergänzt wie im Text; in D als Fußnote. 8,19 Zu ſieht.) kat Ah die Bemerkung: Vergl. damit p. 150 sqq. ed. Erdmann, ob es das ſelbe ift. 9, 21 z. B. Theodic. [Part. I,] 5 59. In D als Fußnote. Das in I] Stehende Ergänzung von f, F, G. Gb. 10, Anm. f). Fehlt J, F, d, Gb. = 11—13 Sehr treffend dis p. 635.) In D als Fußnote; die Quellenangabe fehlt in „D. 11, 28—12, 6 Er drückt bis am deutlichſten aus. In D als Fußnote; nach 11, 30 alle goriſch redet. in Ak noch der Zusatz: I Siehe das p. 70 Eingefügte.] 13, 33 Zu rectis, hat Ah die Bemerkung: Cartesius (sic fere): actum judicandi retuli ad voluntatem (in dem Buch meditationes etc. p. 187—188 und ibldem p. 28. Vergl. Spinoza Vol. 2, p. 122. Gehört zu W. als W. und V. I p. 337). In D als Fußnote; von 7, F. G, G5 nicht berücksichtigt. 13, 33—-34 , worauf bis idem sunt. 14,4 nach erinnern. hat Ah die Bemerkung: Siehe das p. 70 Eingefügte. 14, Anm. f): 14, 27—34 Den Laien bis gebrauchen. — Ah; 14, 34—38 Der Gegenſatz bis Spiritualismus.) Senilia 88. (Die Seniliastelle ist in Ah, D zu 14, 32 beſtätigt. gestellt.) 16, 33—42 Daher bis müſſen. In f, F, d, Gb fehlt der mittlere Satz: 16, 36—39 Denn keine Arroganz bis daran fehlt. 20, 29—34 weil ich das Problem, bis Letzte iſt. 21, 19—20 und fo bis jemals. 25,7 Gedanken hat und Gedanken erweckt, (von f, F, G, Gb irrigerweise als Variante zu denkt und zu denken giebt. betrachtet; vgl. unter Varianten.) 26, 29—27, 3 Namentlich dis Anläufen iſt. In D als Fußnote. 31, 20—33 Daß die Philoſophieprofeſſoren bis ſpeciſiſch iſt. 539
Anmerkungen. 37, 34—38, 4 Indeſſen kann es bis ſcheinen. 39, 23—26 Imgleichen bis 749 ff. 40, 19—30 Die Anſicht dis zu ſeyn. 41, 18—25 der feinen Grund⸗Gedanken bis p. 342) 43, 20—21 wie Dies bis beweiſet; 43, 30—44, 25 Auch ſeine bis unterrichtet worden. 44, 30—31 Dies beſtätigt bis 5 5.) In D als Fußnote. 55, 26—27 denn wie ſoll bis da iſt? AR; 55, 2756, 1 Der ernſtlich gemeinte bis worden; Senilia 32. 56, 25—32 Demnach dis Erſcheinung ruft. 56, Anm. ) Fehlt I. F. G, Gb. 57, 18—34 Eine Hauptquelle bis Seneka. — Die Stelle steht in Ah bei dem Absatz über Arrian 59, 31 ff.; sie ist in D nach dem 1. Satz (59, 34) eingefügt; ihrem Inhalt nach gehört sie an den von J, F, G, Gb gewählten Ort. 61,4—5 in feinem bis er iſt 61, 14—19 Allein bis enthalten. 64, 37—-65, 3 Der ſelbe bis 3 54. 70, 24 nach Begriffen, in Ah ein wieder durchgestrichener Zusatz! ober eigentlich den Species 74, 13—15 nachdem bis wollten. und Anm. 1). 74, 30—75, 10 Dies Letztere bis myſtificiren.) 77, 21—36 So aber bis monachum. 78, 4—79, 10 Daß Spinoza bis ventilirt. 80, 24—31 Denn feiner bis poſitiven Kraft. 80, 36—37 und in den bis 695. 81, 3—21 Ueberhaupt bis verl. 82, 21—25 JI commence bis von ihm. 83, 37—84, 10 Dianoiologie, bis intereſſant. Spicilegia 437. 84, 13—18 Zum Motto bis things. 88, 19—24 Transſcendental bis Urſprung. 88, Anm. 1). . j 92, Anm. ): 92, 33—35 Wie bis hervorbringt. — Spicilegia 444; 92, 35—37 Meine bis X. Senilia 34. 93,5—7 Auch bis Schol. 96, 20—21 ſo daß bis hatte. 96, Anm. f) Senilia 146. Fehlt J. F, G, Ob. 102, 6—10 Man vergleiche dis erhalten. In Ah folgt noch ein lediglich wiederholender und daher von , F weggelassener Satz: Auch Schillers Briefwechſel mit Fichten dient ihn zu charakteriſiren. 102, Anm. +) Von J, F fälschlich als Fußnote zu 103, 31 esprit. gestellt; in G. D. Gb an der richtigen Stelle. 104, Anm. f). 108, 21—37 Hinſichtlich bis anzuwenden. . 8 109, 21 Nach f (2. Bd., 697 J.), F (531 f.) verweist Schopenhauer in Ah hier auf sein „Beigeſchriebenes zu Reinhold's zehntem Briefe und zu Hume's essays on suicide and the immortality, p. 76“. Wilhelm von Gwinner, der Erbe der Schopenhauer'schen Bibliothek, hat Frauenstädt die beiden Randglossen mitgeteilt: 1) Reinhold (Zehnter Brief über die Kant'sche Philosophie, S. 364) „Das Daſeyn von was immer für einem beſtimmten Gegenſtande kann ſich uns nur durch die Eigenſchaften und Beſchaffenheiten desſelben ankündigen, und unſer Begriff von dem Gegenſtande kann nur aus der Vorſtellung ſeiner Eigenſchaften und Beſchaffenheiten beſtehen.“ Schopenhauer: „Vielmehr muß das Subjekt der Prädikate des äußern Sinnes (da es nicht ange ⸗ ſchaut wird) durch Prädikate des innern Sinnes vorgeſtellt werden: — Wille. Geſondert von ſeinen Prädikaten kann das Subjekt, welches dem äußern Sinn ſich als ausgedehnt, dem innern als wollend darſtellt, ſehr wohl das ſelbe ſeyn.“ 2) Die Stelle in Hume's Essays on suicide and the immortality, Basel 1799, p. 76, au/ die sich Schopenhauers Randglosse bezieht, gehört nicht zu einem der beiden Essays von Hume, sondern zu der vom Herausgeber angehänyten Abhandlung: “On the immortality of the soul and a future state by Mr. Addison“. Sie lautet: “I considered those several proofs drawn: first, from the nature of the soul itself, and particularly its immateriality; 540 Schopenhauers handschriftliche Zusätze. which, though not absolutely necessary to the eternity of its duration, has, I think, been evinced to almost a demonstration.” Schopenhauer zu dem unterstrichenen Wort immateriality: “But it proves the contrary: we know that matter cannot be annihilated; but we know not the same of immaterial substance.“ (In d, Gb als Fußnote.) 114, Anm. 1) Senilia 68. 116, 27-30 Den ontologiſchen bis verweiſe. 118, 4—5 mit welcher dis gelegt war. 118,9 Zu der Stelle den Todesſtoß gegeben hatte, stellt Ah die von Sch. auch für die Vorrede zur 2. Auflage des „Willens in der Natur“ (N, XXII) vorgesehene Anmerkung (aus Senilia 90): Kant hat nämlich die erſchreckliche Wahrheit aufgedeckt, daß Philoſophie etwas ganz Anderes ſeyn muß, als Judenmythologte. J. F gibt die Anmerkung an beiden Stellen, G, Gb nur in N; P stellt sie zu den Zusätzen ron N und streicht sie stillschweigend in seinem Teæt der Parerga. Wir bringen sie ebenfalls nur in N, obwohl die umgekehrte Lösung: Wiedergabe in PI, unter Streichung in N, die gleiche Berechtigung für sich hatte. 119, 4—11 Die theologiſchen dis Strohbreit weiter. 120, Anm. ) Bei f, F, G, Gb wenig glücklich im Tezt, nach 120, 9 nachzuſehn.) eingefügt. — Eine Variante findet sich Senilia 98, mit dem Beisatz ad Parerga Vol: I, p. 180 Id. i. S. 201 f. unseres Textes]: Das Gottesbewußtſeyn beſagt alſo, daß wir uns unmittelbar a priori und von ſelbſt bewußt wären, daß ein perſönliches Weſen die Welt gemacht hat. Ein ſolches Bewußtſein iſt wohl vorhanden; nur nicht a priori. Vielmehr haben wir ganz neuerlich ſogar eine anſchau⸗ liche Darſtellung der Geneſis des Gottesbewußtſeyns erhalten, die ſolche ſelbſt dem Befangenſten handgreiflich zu machen dienen kann: nämlich einen weit verbreiteten Kupfer⸗ ſtich, darſtellend ein dreijähriges Kind, auf dem Bette knieend, mit gefalteten Händen und nach oben gerichtetem Kopfe: neben ihm ſeine Mutter, die es auf dieſe Weiſe dreſſirt und ihm die Worte vorſpricht. — Wer 3 Jahr alt mit zartem, weichem, im Wachsthum begriffenem Gehirn, auf dieſe Weiſe zugerichtet worden, wird allerdings fein Leben lang ein unvertilgbares Gottesbewußtſeyn behalten, und es darf uns nicht wundern, wenn er es für ange⸗ boren hält. — Ueberhaupt aber iſt ein dergleichen Verfahren, gleichviel worauf es ange⸗ wandt wird, anzuſehn als die Inokulation einer fixen Idee: welche es auch ſeyn möge, und wäre ſie noch ſo toll: ſie wird haften, bis an ſein Ende und ihm für angeboren gelten, für unmittelbare Offenbarng und Gott weiß was. Da Ah die Anm. über die Genesis des Gottesbeuußtseins bereits an diese frühere Stelle verweist, so stellen G, Gb, im Widerspruch zu Schopenhauers Weisung, auch die ausführlichere Darstellung der Senilia an eben dieser Stelle als Variante unter den Text. J. F,. D haben die Seniliastelle überhaupt nicht berücksichtigt. 124, 10—12 Dies bis Wollendes. In D als Fußnote. 125, 1—2 Alſo dis Philoſophieprofeſſoren⸗Jargon! Ah; 125, 2—3 Es giebt dis Joſua. Senilia 5. 125, 24 und die Alten bis durchgeführt hatten, 125, 33 und auch bis Säligkeit. Ah; 125, 33—126, 1 Der Menſch bis Theismus. Senilia 97. 125, Anm. ) Senilia 94. (Von J, F, D in den Teat aufgenommen; von 6, Gb mi Recht, als bloße Erläuterung der Textworte, in eine Fußnote verwiesen.) 126, 18— 22 Dieſem bis hofften. 126, 34—128, 32 Mit dem dargelegten bis p. 432.) 129, 33—36 indem bis erhält. 130, 20—25 Schon Vauvenargues bis p. 331.) 133, 21—22 (S. Aristoteles bis p. 234.) 134, 8, wenn auch nicht zu feinem Vortheil, 134, 11—12 und doch den Gott⸗Schöpfer beibehielten, 134, Anm. 1): 134, 14—37 Die eigentliche dis kein Begriff. — Spieilegia 451, 134, 37—39 Im Alten Teſtament bis zu werden. — Spicilegia 445; 134, 39—135, 10 Die Verachtung, dis Metempſychoſe. Spicilegia 452; 134, 10—13 Daß die Edda dis 25. Auguſt 1843. Philosophari (Dieses von J, F übersehene Einschiebsel ergibt sich aus der nach dem Port Metempfſychoſe stehenden Bemerkung Schopenhauers ſiehe kleiner Zettel in Philosophari); 135, 13—37 Selbſt Griechen bis Auserwählten. Spieilegia 452, 135, 37—40 Sind doch eben bis Alexandrinus.) Senilia 10 (Auf diese spätere Fassung hal Sch. am Rande der ersten Fassung in Spicilegia 452 verwiesen. Die erste, durch diesen Hinweis verworfene Fassung lautet: Je nun, die Juden find eben das auserwählte Volk ihres Gottes, 541
Anmerkungen. welches der auserwählte Gott feines Volkes ift, und darf niemand etwas dagegen einwen⸗ den, weil es Keinen weiter angeht.); 135, 40—136, 36 Wenn ich aber bis aufzuweiſen. Spicilegia 452. 136, 14—16 Er ftellt bis Untergang bar. 136, 21—137, 19 Ebenfalls dis Jüdiſchen. 137, 29 (denn man hat nach Allem gegriffen) 141, 25—30 Die moraliſchen dis müſſen. Senilia 79. 143, 2—22 Wollte man hingegen bis (De l'esprit IV, 7.) 145, 14—17 Jetzt aber bis ſollen. In G, Gb als Fußnote. 151, Anm. t): 151, 30—38 Es iſt ganz bis arbeite. — Senilia 47; 151, 38—152, 38 Ich habe bis erkennen. Senilia 76. 152, 18—29 Das gleiche Schickſal dis luſtig zu machen. In J, F, G, Gb als Fußnote. 154, 9—11 auch wohl bis erhärtet werden. 155, 36—38 An und für ſich bis bewieſen. Ah; 155, 38—156, 10 Der Deutſch⸗ oder Neu⸗Katholicismus dis 1856. Senilia 98. (Vgl. die anschließende Textänderung.) 157, 26—158, 2 Dieſe Staatszwecke dis Philiſterei. 159, 27—32 Einem Philoſophieprofeſſor dis Schickſal. 160, 28—29 ohne jedoch bis verbürgen. Den hier folgenden Hinweis auf die Stelle Spicilegia 444 haben wir (ebenso wie I, F, G, Gb) unberücksichtigt gelassen, weil diese Stelle bereits in PII ausgewertet ist. Sie lautet: Wer im Erkennen und Lehren der Wahrheit etwas Großes leiſtet, ſei darauf gefaßt, daß es ihm gehn werde, wie dem Eſau, dem, während er für den Vater jagte und Wild erlegte, Jakob, in ſeinem Gewande verkleidet, zu Haäuſe den Segen des Vaters ſtahl. D. h. die Ehren und Emolumente fallen den Pfu⸗ ſchern und Stümpern zu: er geht leer aus. 164, 24—27 Das Verhältniß dis Freudenmädchen. In D als Fußnote. 164, 30—165, 8 Daß auch die Stoiker bis cognit., 50, 13.) (Den Satz 165, 1—4 Auch die Stelle bis anoxalovoıv. lassen die Ausgaben J, F, G, Gb weg, statt dessen bringen sie, unter Ergänzung des Memorabilia - Zitats, 164, 27 nach Freudenmädchen. folgende, nicht in Ah belegte Fassung: So ſagt z. B. Sokrates (Xenoph. Memorab. L. I. o. 6, f. 13): Q Ayrıpor, map’ iu vouileraı ınv cdgav xaı ınv 00YLav Öuoıws ev xalov, Öuoıws de aloxoov ö tatıdeodaı ela · mv re yag oa, av her xi doyvgıov nwin ro Bovlouevo, nogvov alrov droxakovomv, sv de ris, 6v dy yr xalov te xayadov Eoaoınv Gyr, Tovrov Yılov tur nomrar, 0@pPPOVa vouıLouev* zaı nv 0opLav Woavroog rovg he doyvoıov rw Bovlousrw nwiovvras V0PLOTaS WOREO n anoxalovomv, òͤorig be ov dv y ebpvä dvra dd ox 6, ri dv & ayador Yılov norsırar, tovrov ve , d c zalw xdyadp , TOOONKEI, Tavıa NO — Weitere eigenmächtige Abweichungen von J. F, G, Gb vgl. unter Varianten 165, 4. 172, 1—3 eingedenk bis v. 280.) 187, 29—31 Daher bis bemüht find. Senilia 53. 187, Anm. f) Nach 188, 35 Hälfte. haben Ah, D den Satz: (Daher haben alle hochgebil⸗ deten Zeiten den Bart entfernt.) Da er eine bloße Wiederholung des Textes (187, 22 ff.) ist, haben ihn , F, d, Gb weggelassen. Pol. auch PII, 477, Anm. f) 193, Anm. ) Spiclegia 403 (aus dem Jahre 1848). Fehlt D. 196, 19—25 Sie find es, bis p. 83.) 199, 17—21 In der Ausführung bis nieberlaffen. 199, Anm. t) Ah 133. 200, 32—34 Jeder Philoſophieprofeſſor bis Beruf. id 207, 1—2 Auch bis leiſten kann. AR hat nur die knappe Notiz: Stelle im Saadi Guliſtan, daß wer Nahrungsſorgen hat nichts leiſten kann. (Vol. unter Varianten.) 207, 30—33 Es iſt dis verleiben. 208, 22 und bloß bis auftrete. 208, 27—34 Zudem hat bis zurechtgelegt hat. 215, Anm. ). 215, 22—216, 3 gerade jo bis 43. (Vgl. die anschließende Teztänderung.) 217, Anm. 1). 217, Anm. ff) Senilia 12. E 42 Schopenhauers handschriftliche Zusätze. 219, 14 Anamorphoſen genannt (Pouillet II, 171), 220, 18—22 Von dieſem dis beherrſcht. AR 191. 221, 11—23 Die Alten dis falſch wird. Von J. V, G, Gb an späterer Stelle eingeordnet; vgl. Varianten, unter 221, 16. 221, Anm. 1) Fehlt }, F, €, Gb. 221, 26—28 Auch im Egmont bis gezogen.“ 224, 2—3 C. 15, bis c. 14) Vgl. unter Varianten. 224, 8—22 Plato, bis avayans. — 224, 28—30 Ein kurzes, dis daemone. 225, Anm. t) Fol. Änderungen des Stammtextes, unter 225, 1. 226, Anm. 1) Fehlt J, F. G, Gb. 228, 28—38 Hierauf bis Geftalt. (Vol. die anschließende Tetanderung.) 229,13 Nach Hippokrates anwendbar ist eingefügt: Hippocr. de alimento, p. 20. (Vgl. unter Varianten.) 229, 15—23 Der unvertilgbare bis hätte. 231, Anm. 1) Fehlt J. F, G, Gb. 234, 1—4 Es iſt bis zu einander. 234, 33—36 ; daher bis zuzurufen ift. 244, 26—33 Unſere dis könnten. Spicilegia 274. 245, 5—7 Das gänzlich dis auf. 245, 14—15 jeder fällt bis Schwere, 245, 19—20 daß die dis betragen; 245, 23—27 Denn die ſelbe bis redet. 246, 31—36 Im Ganzen bis fällt. Spieilegia 435. 248, 1—3 es ausſieht, dis daher 248, 11—12 oder auch ſehr einfache Vorgänge 248, 20—22 ja, der bis worden. 258, Anm. ). In D in den Tezt gestellt. Ah verweist hier auf den folgenden Zusatz aus Senilia 61, den D in einer Fußnote bringt. Wir stellen ihn mit I, F, G, Gb sinngemäß als Fußnote an den Schluß des Absatzes. 259, Anm. ) Senilia 61. (Vgl. zu dem vorangehenden Zusatz.) 262, 37—263, 2 ift bloß bis alſo 263, 4—9 worauf bis p. 449—452.) 264, Anm. 1) Senilia 16. 266, 30—35 Weil wir bis Bip.) 267, 12—13 und dann bis wären, 269, 34—270, 28 Ich will bis 60.) 272, Anm. t) Won 7, F, D in Klammern geschlossen und in den Text geatellt, von G, Gb ur Fußnote zu 272, 19 reden.“ 272, 20—273, 21 Hier nun bis IV, 155. 275, 37— 276,2 Wann bis hinlenkt. (Vgl. die anschließende Textänderung.) 276, 16 und verwandt, 284, 21—23 Der Geſpenſterglaube bis davon. 287, 2—8 Indeſſen dis Muße, Zu dem ersten Satz gibt Ah die Variante: Die größte Wohlthat der Dampfſchiffe und Eiſenbahnen wird ſeyn, daß ſie den perſönlichen Austauſch der Begriffe vermitteln und dadurch endlich der anglikaniſchen Pfaffenſchaft das Handwerk legen werden, a consummation devoutly to be wished. 287, Anm. f) Spicilegia 461. Von D in den Text gestellt. 287, 28—288, 9 Man verſchafft dis Welt. 288, Anm. 1). 288, 12—289, 4 nach der Maxime bis läßt. 295, 2—3 deuxieème Edit. 1852, 295, 4—5 auf welches bis werde. 299, 33—36 Sogar bis 1853.) 300, 1—2 Desgleichen bis c. 65. 307, 34—308, 1 In den Reiſeerinnerungen bis erkennt. Fehlt J, F. G, Gb. 309, 17—23 Hier erſcheint bis p. 561. 312, 32—313, 9 Die Proteſtanten bis find. 316, 1—8 Daß die Chineſen bis 1834. — 318, 5—10 Wie bisweilen bis darſtellt. 543
Anmerkungen. 318, 30—32 insomnium bis p. 11 324, 36—325, 5 Der höchſte dis ſchläft. 327, 38—328, 11 Das Selbe bis Bernard. Die Stelle fehlt in J, F, G, Gb, sie wurde von uns au] Grund des folgenden Zusatzes in Ah eingelügt: Daſſelbe berichtet Ennemoſer von einer Somnambule Kachler: darüber ein Zettel in Philosopharl. Auch in London ift daſſelbe in öffentlicher Sitzung und vor gewählten, kompetenten Zeugen (Brewster's son) geſchehn von der Somnambule Prudence Bernard: worüber ebenfalls ein Zettel in Philosophari. Die beiden Zettel in Philosophari lauten: In Ennemoſer's Anleitung zur Mesmeriſchen Praxis 1852 heißt es: „Die hellſehende Kachler bewegte die Magnetnadel nicht nur durch das Entgegenhalten der Finger, ſondern auch durch den Blick. Sie richtete ihren Blick etwan in der Entfernung einer halben Elle auf die Nordſpitze, die Nadel drehte ſich, nach wenigen Sekunden, nach Weſten um vier Grade: ſobald ſie den Kopf zurückgezogen und den Blick abwandte, kehrte die Nadel auf den vorigen Standpunkt zurück.“ Daß die Somnambule Prudence Bernard aus Paris, in einer öffentlichen Sitzung in London, die Nadel eines Kompaß durch das bloße Hin- und Herdrehn ihres Kopfes genöthigt hat dieſer Bewegung zu folgen, wobei Brewſter, der Sohn des Phyſikers, und zwei andre Herren aus dem Publiko acted as Jurors (die Stelle der Geſchworenen ver⸗ traten) berichtet aus der Britannia Galignany's Meſſenger, October 23, 1851. Wir haben das zweite Zitat nicht in unsern Text übernommen, weil es bereits in N 104, 7—14 fast wörtlich Aufnahme gejunden hat, wie denn auch die vorangehende, schon der Ausgabe letzter Hand angehörende Stelle über Auguste K... in N 104, 1—7 wiederkehrt. 328, 35—329, 2 Jedenfalls bis könne. Ah 287. 329, 3—8 Zuletzt bis darſtellen. Ah 292. 335, 25—29 Zu den bis wirklichen. Senilia 53. 335, 29—336, 4 Schon Metrodorus, dis polem.) 336, 27—32 Im höchſten Grade bis war. 337, 10—23 Auf der Bühne bis richten. 337, 38—338, 21 Aus feiner bis Kraft ab. 340, 26—38 Ein herkuliſcher, dis hat. 345, 14—346, 1 Ohne tägliche dis motus. 347, 29—33 Wenn bis aufzuheitern. 349, Anm. ) Spieilegia 449. Da Sch. in den Spie. zu der Stelle bemerkt hat: Notirt zu Par. II, 250., verweisen G, Ob sie als Fußnote in P II, 5.153. Wir belassen sie mit f, F, D an der in Ah angegebenen Stelle in P I. (In D im Tezt.) 351, Anm. f) In J, F, G, Ob weggelassen, in D im Texte, unter Außerachtlassung der Tatsache, daß der textliche Zusammenhang damit unterbrochen wird. 352, 1—2 Wie völlig bis zubringen 352, 3—5 Die gewöhnlichen bis benutzen. — 352, 5— 23 Daß die bis Gedanken, — Senilia 137. 352, 36—353, 7 Aber eben deshalb bis täglich. 353, 29—33 oder wie bis v. 431 sd.) 354, 23—30 Daher war es dis ch. 10.) 354, 31 wie es eben bis war, 355, 9—14 Es iſt bis gezogen. Spicilegia 460. 355, 20—29 Dieſe Ariſtoteliſche bis fei. 355, Anm. ) Fehlt f, F, G, Gb. 357, Anm. +) Spicilegia 457. 358, Anm. +) Senilia 143. 360, 20—23 Ein ſolches bis derſelben. 362, 7—9 Unſere moraliſchen dis verhaßt. Fehlt 7. F, G, Gb. 362, 24—29 Wenn Einer bis geringfügig. 362, 30—32 Denn die freie bis werth iſt. 364, 6—7 da, je mehr bis kann 364, 21—28 Eben fo bis Koheleth 1, 18). 364, 36 Dieſer bis Av. 366, 21—26 Ein großes bis find. — Spicilegia 436. 367, 16 und Cicero bis 16.) 368, 12—14 Der Reichthum dis Ruhm. Senilia 52. (Von J, F, G, Ob in Klammern gesetzt.) 368, 35—369, 5 Unter bis Philoſophieprofeſſoren. Spicilegia 468. 544 Schopenhauers handschriftliche Zusätze. 369, 20—23 Vorhandenes dis heranzuſchaffen. 371, 23—28 Hingegen bis aetat. 67.) 372, 7 eigentlich sul juris, 372, 33—36 Wirklich bis verſchaffen. 375, 9—13 So unausbleiblich dis lügenhaft. Senilia 79. 376, Anm. 1) In D im Test. 376, 34—377, 2 Wir werden bis erzeiget. 377, Anm. 1). 382, 8—11 Aber der Eitele bis hätte. 386, 38—387, 8 Die bürgerliche bis ausbleiben. 388, 32—389, 34 Die Amtsehre bis bedeutet. Adversaria 114. 392, 7—11 Ueberdies bis ſollte. 393, 10—11 vielmehr bis macula 393, 38—394, 1 indem bis macht 396, 15—27 Eben hier dis erfolgen muß. 398, 1—4 Welche dis legitimirt. 398, 21—25 und wenn bis von dannen. 399, Anm. ) Aus Adrersid 124, wo der erste Entwurf dieser Abhandlung unter dem Titel „Skitze einer Abhandlung über die Ehre“ steht. Auf den Text unserer Anmerkung folgen im Manus kriptbuck Adversia die Ausführungen 400, 1 ff. unseres Textes. (In G. Gb ist die Anmerkung weggelassen; sie findet sich, mit den Frauenstädischen Ungenauigkeiten, in A. Schopenhauer, Handschr. Nachlaß, hg. von E. Grisebach, IV, 442 f.). 401, 7 unter Vermittelung des Gottesurtheils 402, 5—9 Stobäos bis dieſe, 402, 32—38 Seneka dis negavit. 404, 38 nach bis curat, 405, Anm. 1) Fehlt J, F. d, Gb. 405, Anm. tt) (D gibt nur den ersten Satz; J, F, G, Gb die ganze Anmerkung, jedoch zu dem nächsten Satz: 405, 16 werden.) 411, Anm ) (Diese Anmerkung ist eine nähere Ausführung der schon im Text 416, 1—11 behandelten Gedanken; daher es unwahrscheinlich ist, daß Schopenhauer sie in dieser Form aufgenommen hätte.) 411, 18—20 welches bis herkommt, 416, 1-11 Im Grunde bis Gehalte. — Im Anschluß daran hat Ah noch folgenden, nicht näher ausgeführten und daher von 5, F, G, Gb nicht berücksichtigten Hinweis: Die Poſtzeitung vom 17. März 1860 meldet: „Brüſſel, den 11. März: Bei den Verhandlungen der Repräſentantenkammer ſind die bisherigen ſtrengen Beſtimmungen in Bezug auf das Duell aufgehoben und durch folgende erſetzt worden:“ uſw. 417, 6—7 daß die Thaten vorübergehn, die Werke bleiben. (Fol. die anschließende Teztänderung unter Varianten.) 417, 12—14 Die edelſte bis Zeiten. (Von f, F, G, Gb irrigerweise gleich im Anschluß an den Zusatz 417, 6—7, von D an der richtigen Stelle, jedoch als Anmerkung gebracht.) 417, Anm. f). 421, 34—35 Ihre bis Aber 424, Aunn. ) Spicilegia 449. 427, 13—16 Und beiläufig bis ſei. 427, 33—35 Im Alter dis altern. Senilia 61. 429, 37—430, 3 Dieſem bis currunt. (Quellenangabe Zusatz von J, F.) 431, 27—432, 1 Die lateiniſche bis aus.“ In D als Fußnote. 436, 20—35 Wer aber dis Soheili. 437, 10—16 oft bei bis Maſſen. 437, 19—26 Nicht anders bis Treibens. — (Vgl. die anschließende Tertanderung.) 438, 13—19 Wenn man eis nicht. 441, 16—442, 4 Wie bis ſpäter. (Der letzte Satz fehlt 1, F, d, Gb.) 446, 37— 447,2 (Auch iſt dis habe.) Die Klammern in f, F, G, Gb, nicht in Ah, D. 447, 7—12 Kein verkehrterer dis Belügen. 447, 18—20 und jede bis Individualität iſt. 447, Anm. ) Spicilegia 441. 448, 6—9 Was bis Andern. Senilia 47. 448, 14—15 denn dis Willens. 545
Anmerkungen. 448, 21—25 Geiſtreiche bis ſei. (Vgl. die anschließende Textänderung.) 448, 30—35 weil bis macht. 449, 6—7 — Zudem, bis retire. 449, 13—14 dieſes, bis Gut, 449, 14—15 und bis Zurückgezogenheit. 449, 21— 23 Je weniger dis daran. Spicilegia 163, 449, 23—30 Die Einſamkeit bis ift. Spicilegia 460. 449, 32—34 ſogar bis Paradox. II.) 450, 19—21 daher bis Eben 450, Anm. f): 450, 26—28 Bekanntlich bis langweilen. Ah; 450, 28—451, 38 Wie die Liebe bis gewöhnt hat. Spicilegia 468. 452, 32—36 Geſelligkeit bis bedarf. 452, 38—453, 4 und die Geiſtesruhe, bis beſtehn kann. 455, Anm. f) Von 7, V, D in den Text aufgenommen; G macht mit Recht darauf aufmerksam, daß dadurch der in der Ausgabe letzter Hand betonte Gegensatz des „fanften und chriſtlichen Angelus Sileſius“ zu dem „ſarkaſtiſchen Chamfort“ zerrissen wird, und gibt die Stelle als Fußnote. 455, 20—22 und denen bis wird? 456, 5—17 Denn fie, bis Gemeinheit. 456, 28—30 Einſamkeit bis erwählen. 456, 36—38 ja, die Geſchlechtsloſigkeit bis abſorbirt 458, 14 Nihil dis Horaz, und 459, 10 o sea la comedia nueva 459, 18 Nach natürlich: schiebt Ah ein: YÜovos apynder eupvera avdowno, Herodot III, 80. Da das Zitat schon in E 200, 3 verwendet ist, haben wir es (mit f, J. G, Gb, gegen D) an dieser Stelle nicht nochmals berücksichtigt. 459, Anm. ) Spieilegia 460 (D fälschlich: Senilia). 460, 4—27 Es giebt bis legt. Senilia 32/33. 462, 8—14 Und gar bis anzuthun: 463, 23—24 Da giebt bis Anſtrich. 464, 7—12 Jeder Tag bis betrachten. Senilia 137. 465, 6—19 Hieher bis entgegenarbeiten. 466, 6—10 Ja, es iſt bis tröſten. 467, 21—36 UO Pros bis Daher alſo iſt 469, 16—17 und fo moraliſirend 471, 30-472, 12 Denn bis Gehirn. 472, 14— 15 denn der Schlaf dis 11, 217. In D als Fußnote. 472, 16—19 Dieſes Maaß dis gewinnt. (So in f, P, G, Gb; in Ah ist diese Stelle, ohne Rücksicht auf die Einschaltung 472, 14—15 (denn der Schlaf ...) unmittelbar an den vorangehenden Stammtext angeschlossen: welches um fo größer ſeyn wird, ... welches jedoch zu überſchreiten bloßer Zeitverluſt wäre, .. .). 472, 21—25 Wie bis Gehirn. 472, Anm. f) Senilia 51. 473, 3—33 — Man ſoll bis geiſtigen. (Der Satz 473, 26—29 Dagegen bis Voltaire. fehlt 3, F, G, Gb; er hat, wie übrigens auch die vorangehenden Beispiele def englischen Dichter, in stark abgeänderter Form in WII, 239, 23—35 Aufnahme gefunden.) 473, 35—474, 2 Um bis geſchützt. 474, 37—38 Bei Manchem bis benutzen.“ In G, Ob als Fußnote. 475, 36—476, 5 Wirklich bis geweſen. 476, 16—24 Wie viel bis Stimmung. (Vol. die anschließende Textänderung.) 478, 9—12 wenn nämlich bis vorgeht. 478, 31—36 daß im Grunde dis Daher kommt es, 479, 1 und in Beſitz nimmt 479, 2—4 wie auch, bis entgegen ſteht. 479,5 verletzt, 479, 5—27 daß man, dis könne. (Vgl. die anschließende Teztänderung.) 479, 32—34 und ihr bis kann. 479, 35—480, 5 Einem großartigen bis p. 478.) Senilia 86. 481, 5—7 Ueberlegenheit bis ſehn läßt. Senilia 5. 483, 12—22 Und man verſäume bis Gefahr kann. 546 Schopenhauers handschriftliche Zusätze. 483, 23—24 Vergeben bis hinauswerfen, (In J. F. G, Gb in Klammern gesetzt und hinter 483, 29 oder nicht. eingefügt.) 483, Anm. 1) Senilia 16. 484, 4—5 Alles, bis Weſen. 484, 10—17 Daher bis wiedernimmt. 484, 38485, 8 Dabei bis Minerals. Spicilegia 456. 485, 16—26 Sehn bis laſſen. 487, 18—21 Und endlich bis c. 1.) 487, 30—488, 12 Wer Andere bis Wahlſpruch. Senilia 6. 489, 2—3 Jedenfalls dis Gebärden. 489, 32—37 Es giebt bis Charakteriſtiſch! — Spieilegia 461. 490, 8—9 Alſo bis Göttin.“ (Quellenangabe Zusatz von I, F.) 490, 11—13 Die Hausfreunde bis find. 490, 25—37 Der nähere bis p. 287. (Das in eckiger Klammer Stehende ist Zusalz Frauenstädts, auf Grund einer am Schluß des Zusatzes in Ah stehenden Verweisung: Vergl. Welt als W. u. V., 3. Aufl. Bd. II, S. 256.) 491, 16—29 Während daher bis empfindet.“ 491, Anm. 1) Senilia 105 (wo ausdrücklich der Vermerk: notirt Par. I, 434). Fehlt J, F. 492, 2—3 Manchen bis dazu. (Vgl. die anschließende Teætanderung.) 492, Anm. ) Spicilegia 465. 495, 2—4 — Wer bis kommt. Fehlt P. 495, 23—24 (de augmentis bis p. 228.) Statt dieser Quellenangabe hat J. F eine eigne Anmerkung mit ausführlicher Wiedergabe des Zitats. 496, 12 uns Betreffendes 497, 21—23 einen ſchlechten bis wegwürfe. (Vgl. die anschließende Textänderung.) 498, 2—4 Manchem bis Gefahr. 498, 7—10 Welche bis werden. (Vgl. die anschließende Te ætaànderung.) 500, 11—12 Es giebt bis Kopf iſt. 500, 18—20 nach allgemeinen bis erwägen: 500, 24—35 Vielleicht bis geht. AR; 500, 35—501, 6 Nach ab ſtrakten bis leiten. Seniliai0. 501, Anm. 1) Cogitata 13. In D im Teat. 504, 13—23 in Gemäßheit dis ertragen. (Vol. die anschließende Textänderung.) 505, 38—506, 7 Gegen bis Rumination. 509, 17—22 Wir ſehn bis machen. 509, Anm. +) O, in der bis jetzt. Fehlt J. F, G, Gb. 511, 30—38 Daher bis könnte. (Vgl. die anschließende Textänderung.) 512, 5—6 Der Jüngling bis Romans. 513, 1—6 welches bis hat. 513, 33—37 Wann bis hereingeſchlichen find. 514, 28—34 An einem bis Art. Senilia 61. 515, 5—11 So lange bis hat. 515, 27—28 Wenn bis geblieben iſt. Fehlt J, F. G, Gb. 516, 19—517, 1 Hiezu kommt bis Subjekt iſt. 517, 18—24 Ein hohes bis Weiſe. 519, 5—9 Je älter bis gethan. (In Ah folgt noch der Satz: Dadurch beſchleunigt der Lauf der Zeit ſich mehr und mehr., den f, P, G, Gb mit Recht weglassen, da er das Ergebnis des anschließenden Satzes aus A vorwegnimmt.) 519, 34—520, 9 Dieſe Verſchiedenheit bis Vieh rede. 521, 19—20 Alles hat ſich abgeklärt. 521, 22—23 Was man bis wirklich, Spicilegia 437. 521, 27—34 Nur wer bis kommen. Spicilegia 442. 522, Anm. f) Meiſtens jedoch bis geizen. Fehlt f, F. C. Gb, in D im Text. 523, 15—24 Das Seltſamſte bis Einem ift. 523, 33—34 Im Alter bis ertragen. (In J, F, d, Gb als Fußnote zu 512, 23 angeſtrebt. gestellt.) 524, 6—27 Sogar bis werde. (Vgl. die anschließende Teztänderung.) 524, 38—525, 4 Während demnach bis mögen. (In J, F, G, Gb irrigerweise an den Schluß des Absatzes 525, 19 gestellt; vgl. übrigens auch die anschließende Textänderung.) 525, 12—16 auch, mehr oder weniger, dis auszeichnet. (Vol. die anschließende Textänderung.) 547
Anmerkungen. 525, 36—38 man gewinnt, bis Ganzen: 526, 21—527, 14 Erſt im ſpätern Alter dis im Alter. Dieser Zusatz wird von 7, F, G, Gb in zwei Teile zerrissen. Der Hauptteil erscheint nach 525, 19, im Anschluß an den ebenfalls fälschlich dort angereihten Zusatz Während bis mögen (524, 38—525, 4 unseres Teates); nur der letzte Satz, zur Herstellung des Zusammenhangs, an der richtigen Stelle. 527, Anm. f): 527,34—36 Das menſchliche bis abſchätzen. — Senilia 133; 527, 36— 528, 27 Im Upaniſchad bis vorzeitig. — Spicilegia 435; 528, 27—39 Im Alten Teſtament bis 100 Jahre ſetzt. Senilia 24 (wo der Anfang lautet: Die menſchliche Lebensdauer wird an 2 Stellen des A. T. (LXX * )auf 70 J., und wenn es hoch kommt, 80 J. geſetzt.) G, Gb bringen zunächst die Stelle Spic. 435 im Text, dazu als „ Fariante unter dem Teat die Stelle Senilia 24; anschließend im Text die Stelle Senilia 133, dazu als Variante unter dem Teat die Stelle Denn wenn man bis gewinnt. (528, 1—4 unseres Textes; vol. Varianten 528,1); diese Aufsplitterung der Anmerkung findet in der Überlieferung keine Stütze. Dagegen haben wir die ganze Anmerkung nicht, wie f, Y, D zu der Stelle 528, 1—8 (Wenn man bis hervor.) gestellt, die selbst nur ein Zusatz in Ah ist, sondern zu dem vorangehenden Absatz über hohes Alter und Euthanasie, zu dem sie inhaltlich gekört.) 528, 1—8 Wenn man bis tritt hervor. 7, F, G, Gb bringen den zweiten Teil des Zusatzes, nach dem Gedankenstrich, an früherer Stelle, nach 515, 18 Leben iſt; den ersten Teil bringen f, F an der richtigen Stelle im Teat, G. Gb als „Variante“ zu 527, 34 kurz zu nennen. in der Fußnote. 528, 12—14 Das Leben bis ſeyn wird. Spieilegia 448. Fehlt J, V, G, Gb. 528, 17— 529, 2 und ob nicht dis Sprichwort. — 530, 10 und der Tod das große Reſervoir des Lebens von Sch. offengelaſſen; es handelt ſich um Pſalm 90, 10. Textkritiſcher Anhang Um das nachfolgende Verzeichnis der Varianten, das über die Einzelheiten unſerer Textgeſtaltung Rechenſchaft gibt, nicht unnötig zu belaſten, nehmen wir eine Reihe häufig wieder⸗ kehrender Abweichungen vorweg. 1. Große und kleine Anfangsbuchſtaben Nach Doppelpunkt und Anführungszeichen werden in den Parerga, wie im allgemeinen in allen späteren Auflagen der Werke Schopenhauers, große Anfangsbuchstaben gesetzt. In folgenden Fällen wurden noch stehengebliebene kleine Anfangsbuchstaben von uns durch große ersetzt: 4, 32 (D Die); 24, 9; 28, 32; 59, 24; 67, 20, 22; 74, 32 (Ah es): 75, 2 (Ah die; D Die); 75, 8 (Ah die); 114, 2; 150, 27; 215, 30; 221, 24, 29; 224, 7; 260, 15, 17, 19, 21; 261, 35; 262, 3; 270, 6, 12, 13 (Ak mir, was, das); 284, 32; 286, 26; 293, 32; 304, 17; 305, 14; 319, 19, 24; 324, 26; 339, 28; 344, 22; 351, 18; 363, 3, 6; 364, 22; 372, 83; 383, 33; 384, 29; 402, 1, 3, 4; 402,35 (Ah at); 420, 21, 33; 423, 36; 427, 10; 435, 37; 455, 12; 482, 16. An den Stellen 131, 28; 136, 19; 312, 20 wurde Beide (substantivischer Gebrauch!) für beide eingesetzt. Vgl. auch Varianten, zu 67,15; 349, 13. Die Schreibung Außen, Innen wurde an einigen Stellen zu der sonst üblichen außen, innen abgeändert: 345, 35 (Ah Außen): 355, 9, 10 (Spieilegia Außen, Innen). Vol. auch Varianten, zu 310, 32; 325, 35; 326,5; 465, 10. 2. Wechſel von c und 3 Die ursprüngliche Schreibung der Endung = ziren mit z ist auch in den Parerga schon größtenteils zugunsten der Schreibung = citen mit e aufgegeben worden. In einzelnen Fällen mußte noch angeglichen werden: afficiren, afficirt, afficirte 251, 19 (k4 affizirt); 318, 2 (h4 affizirt); 327, 14 (A4 affizirte); 336, 11; 458, 24; — identificiren, identificirt, identi⸗ ficirten 7, 3; 13, 28; 21, 16; 28, 9; 489, 7; — inficirt 178, 4; — kommuniciren 477, 31; — modificiren, modificirt, modificirte 259, 21 (17 modifiziren); 266, 24 (14 modifizirte); 376, 22; 499, 17; — myſtificiren, myſtificirtes 25, 25; 75, 10; 180, 20; — perſonificirten 507, 18; — qualificiren 196, 30; — ſtultificirter 180, 9. 548 Textkritischer Anhang. 3. J und $ In einzelnen Fällen schreibt die Ausgabe letzter Hand fi für das im übrigen regelmäßig verwendete B. Wir haben, zugunsten der üblichen Schreibweise, angeglichen: 5, 24 Uußenwelt; 5, 36 bloße; 8, 3 bloße (schon in D, Gb); 8, 23 bloßes; 9, 6 bloßes; 9, 35 bloßen; 10, 5 erwieſenermaaßen; 11, 5 bloße; 11, 7 außerdem; 12, 30 bloße (schon in 7, F, G, Gb); 13, 24 außer; 13, 27 bloßen; 14, 12 außerhalb; 15, 5 anftoßen; 18, 12 außen (schon in F, G, Gb); 18, 30 außen; 70, 28 bloße (schon in J, F, G, Gb); 76, 31 bloßen (schon in J, F, 6, Gb); 166, 17 geißeln; 268, 33 Außenwelt; 269, 3 Außenwelt; 317, 30 außer; 318, 2 außer; 320, 31 bloße; 321,3 außen; 321, 21 außen. 4. Kurz und Vollformen Die von Schopenhauer handschriftlich gesetzten Kurzformen gehn, fehn, ftehn, ziehn usw. sind in den Parerga fast durchgängig erhalten. In folgenden Fällen mußten sie aus den Vollformen hergestellt werden: 3,15 entftehn; 9, 22 verdrehn; 10,16 ſehn; 11,11 Verſtehns; 19, 1 hervorgehn; 29, 19 auszugehn; 30, 22 verbrehn; 36, 12 Entſtehns; 38, 36 fliehn; 55, 2 Drehn; 72, 23 Aufgehn; 76, 4 unbeſehn; 77, 15 entſtehn; 108, 2 Abgeſehn; 114, 33 gehn (Sen. gehen); 121, 5 beſtehn; 130, 7 anſtehn; 134, 33 erſehn (Spic. erfehen); 142, 18 anzuſehn; 167, 36 gehn; 175, 13 gehn; 183, 25 verftehn; 194, 1 verdrehn; 195, 16 verdrehn; 199, 9 drehn; 202, 23 geſehn; 207, 25 beſtehn; 215, 31 herauszuziehn (An herauszuziehen); 242, 38 entſtehn; 246, 16 vollziehn (14 vollziehen); 256, 27 ſehn (u fehn); 257, 24 Anſehn (Ad Anſehn); 261, 35 Sehn (14 Sehen); 263, 34 Sehn (17 Sehen); 288, 21 gehn (Ah gehen); 297, 9 beziehn (17 beziehen); 304, 30 geſehnen (à7 gefehenen); 306, 8 geſehnen (h4 gejehenen); 306, 12 geſehn (12 gefehen); 307, 33 geſehnen (17 gejehenen); 310, 30 entſtehn; 311, 26 geſehner (A4 geſehener); 312, 31 erſehn (17 erſehen); 391,4 Eingehn; 392, 4 eingehn; 409, 3 eingehn; 413, 9 Beſtehn; 416, 29 verſtehn; 431, 15 Un« beſehns; 448, 2 ſtehn; 479, 17 verſehn (AA verſehen); 480, 4 geſchehn (Sen. geſchehen); 499, 12 ſehn. — Vol. auch Varianten, zu 5, 33; 31, 18; 38, 34; 40, 7; 50, 32; 51, 1; 73, 4; 78, 16; 79, 3; 102, 2; 109, 27; 114, 30; 115, 31; 116, 25; 136, 15; 206, 14; 272, 33; 318, 3; 342, 27; 345, 36; 361, 17; 380, 24; 386,4; 395, 1; 416, 4; 419, 21; 420, 36; 427, 18; 430, 13; 442, 15; 445, 9; 453, 4; 476, 12; 488, 31; 499, 20. Die von Schopenhauer handschriftlich verwendeten Kurzſormen anderm und andern sind auch in den Parerga fast durchwegs beibehalten, die Kurzformen andre, andrer, andrerfeit3 dagegen zu andere, anderer, andererſeits aufgelöst. Wir haben in folgenden Fällen angleichen müssen: anderm (aus anderem): 139, 10; 190, 17; 312,13 (24 Anderem); — andern (aus anderen): 42, 24; 43,21 (Ah anderen); 71, 14; 167, 24; 206,17 (vgl. auch unter Varianten); 385, 26; 388, 17; 438, 25; 439, 36; 448, 20; 525, 28. — Dagegen andere (aus andre): 7, 22 (Ak Andre); 151, 9; — anderer (aus andrer): 59, 21; 100, 37; 209, 16; 225, 7; — andererſeits (aus andrerſeits): VII, 19 (AI andererſeits); 3, 8; 91, 27; 97, 31; 107, 16; 109, 38; 112,3; 122,29; 158, 28; 186, 38; 199, 1; 205, 36; 217,4; 222, 25; 223, 14; 228, 9; 233, 1, 31; 234, 8, 15, 36; 246, 9; 281, 2 ( andrerſeits); 319, 33 (A4 andrerſeits); 320, 9, 20 (14 andrerſeits); 321,9 (14 anbrerfeits); 325, 6 (à4 andrerfeits); 326, 13 (34 andrerſeits); 349, 29; 350, 16; 363, 34; 368, 11; 385, 35; 411, 3; 422, 21; 430,5; 445, 30; 450, 14; 458, 37; 472,9 (Ah andrerſeits); 488, 38; 494, 7; 496, 22; 510, 6; 520, 11; 522, 28. Die für die anderen Werke Schopenhauers nachgewiesene Regel, daß beim Pos sessivpronomen unfer das e vor m, n, s getilgt wird (unſerm, unfern, unſers), dagegen vor r bleibt, gilt im allgemeinen auch für die Parerga. In einzelnen Fällen mußte angeglichen werden: unſern (aus unſeren): 411, 17; 439, 34; — unſers (aus unſeres): 39, 29; 94, 37; 229, 36; 404, 31; — unſers (aus unfres): 121, 32; 164, 16 (vgl. Varianten). — Dagegen unfere (aus unſre): 55, 7; 96, 30; 99, 25; 111, 11; 120, 2; 187, 31 (Ah unſre); 221, 4; 245, 17; 272, 9; 362, 7 (Ah unſre); 368, 16; 509, 2; — unferer (aus unfrer): 11, 1; 17, 19, 32; 51, 30; 62, 10; 82, 19, 34; 87, 32; 88, 3; 89, 2; 92, 9; 98, 26, 30; 133, 11; 174, 12; 183, 34; 214, 6, 13; 217, 31 (Ak unſrer); 218,37 (Senilia unſrer); 219, 24; 246, 21; 253, 16; 254, 38; 265, 12 (34 unfrer); 272, 10; 295, 3; 325, 18; 340, 39; 346, 8; 367, 17; 368, 18, 23, 32; 369, 10; 375, 4; 381, 35; 382, 21; 406, 29; 432, 12; 444, 18; 448, 19, 26; 458, 4 (zweimal); 463, 18; 466, 34; 485, 30; 489, 20; 509, 8; — unſerige, unſerigen (aus unſrige, unſrigen) 540
Anmerkungen. 264, 19 (17 unſrige); 315, 35 (44 unfrigen); 419, 6; 459, 30. — Vgl. auch Varianten, zu 58, 7; 516, 20. Bei dem Substantiv Urſache ist in einigen Fallen die dem gesprochenen Port folgende Kurzform Urſach stehen geblieben. Wir haben sie zu Urſache abgeändert: 7, 20 (Ah Urſach); 109, 34; 110, 26; 113, 33; 114, 15; 294, 21 (34 Urſach); 344, 15, 30. 5. Worttrennung und Wortbindung Wortbindungen wie daſeyn, daſind, dawäre, dageweſen usw. sind in A bewahrt. Entsprechend wurde da iſt an folgenden Stellen zu daiſt abgeändert: 55, 27 (An da ift); 56, 29 (Ak da ift); 78, 2; 110, 18; 127, 29 (Ah da iſt); 234, 6 (13 da iſt); 256, 4 (34 da iſt); 337, 24, 25; 483, 17 (Ah da iſt); 502, 2. Die Schreibung ein Mal mußte in einigen Fällen aus einmal hergestellt werden: 189, 18; 389, 30; ebenso ein für alle Mal aus ein für allemal: 84, 34. (Vgl. auch Varianten, zu 7, 26; 44, 9.) Umgekehrt mußte die von Schopenhauer durchgängig verwendete Schreibweise jedes mal gelegentlich aus jedes Mal korrigiert werden: 131, 33; 199, 12; 220, 35; 233, 26 (33 jedes Mal); 305, 38 (1 jedes Mal); 500, 36 (Senilia jedes Mal); 508, 14. Ebenfo wurde, entsprechend der sonst üblichen Schreibweise, zu eben fo umgewandelt: 126, 35 (Ah ebenfo); 187, 33 (Ah ebenfo); 445, 29; — ebendaſelbſt zu eben daſelbſt: 64, 13; 260, 38 (14 ebendaſ:); — ebendeshalb zu eben deshalb 372, 9; 478, 28; — eben ſowohl zu eben ſo wohl: 50, 4. Adverbien wie glücklicherweiſe, möglicherweiſe usw. sind regelmäßig zusammengeschrieben; vgl. ausgemachterweiſe 203, 30; — beſagterweiſe 265, 16; billigerweiſe 329, 15; — ehrlicherweiſe 129, 13; 384, 1; — glücklicherweiſe 163, 3; 244, 16; 294, 31; — merkwür⸗ digerweiſe 71,9; — möglicherweiſe 15, 37; 94, 13; 327, 10; 368, 3; 466, 7; 503, 19 — müßigerweiſe 462, 27; — nothwendigerweiſe 139, 20; ſeltſamerweiſe 206, 7; — unnöthigerweiſe 433, 38; — unvermeidlicherweiſe 66, 20; — verſteckterweiſe 192, 36; — vorausgeſetzterweiſe 322, 6 (vgl. Anm. zu WI und WII). Entsprechend wurde die Zusammenschreibung durchgeführt bei kindiſcher Weiſe 141, 8; lächerlicher Weiſe 383, 28; möglicher Weiſe 307, 5 (14 möglicher Weife); ſkandalöſer und ehrenrühriger Weiſe 194, 17; vermeſſe⸗ ner Weiſe 370, 6; vernünftiger Weiſe 31, 28; unerlaubter Weiſe 491, 20; unnöthiger und muthwilliger Weiſe 493, 19. Vgl. auch Varianten, zu 136, 1. In einzelnen Fällen mußte die von Schopenhauer aufgestellte Regel, daß das Demonstrativum derſelbe, dieſelbe, dasſelbe zusammen, das Adjektiv der ſelbe, die ſelbe, das ſelbe das Selbe (bei substantivischer Verwendung) getrennt zu schreiben sei, in Geltung gesetzt werden. Wir haben geändert: der ſelbe (aus derſelbe): 60, 28; 64, 37; 280, 8; 318, 1 (hd derſelbe); 446, 38 (Ah derſelbe); — dem ſelben (aus demſelben): 49, 36; 54, 20; 159, 35; 228, 20 (A3 demſelben); 312, 38; 320, 12 (34 demſelben); 512, 26; — den ſelben (aus denſelben); 173, 1; 213, 9; 301, 21; 451, 11; — die ſelbe (aus dieſelbe): 8, 30; 74, 24 (Ah dieſelbe); 169, 15; 256, 34; 262, 18 (A4 dieſelbe); 316, 3; — der ſelben (aus derſelben): 64, 28; 67, 24; 123, 29; 156, 20; 258, 13 (A4 derſelben); 301, 30 (à4 derſelben); 309, 9 (h4 derſelben); 318, 4 (34 derſelben); 319, 16; 324, 15 (A4 derſelben); 515, 2; 519, 20; — die ſelben (aus dieſelben): 428, 37; — das ſelbe (aus daſſelbe): 80, 21; — das Selbe (aus daſſelbe dzw. Daſſelbe): 9, 10; 10, 30; 13, 2; 81, 29; 284, 37 (h4 Daſſelbe). 6. Abweichungen in der Nechtſchrelbung Die Schreibweise meinen, meine, meinte wurde in einzelnen Fällen aus meynen, meyne, meynte hergestellt: 14, 34; 15, 15; 45, 10; 156, 37; 178, 1; 182, 17, 33; 320, 34; 382, 21; 465, 23; 480, 9, 36; 496, 12; 514, 12. Vol. auch Varianten, zu 14, 34. 7. Eigennamen Die von Schopenhauer gebrauchte Schreibweise Plato, Plato's ist in A, f und den späteren Ausgaben beibehalten; nur F ändert durchgängig zu Platon, Platons. Wir haben die richtige Schreibweise überall wiederhergestellt. 550 % Textkritischer Anhang. Ähnlich ist die von Schopenhauer nur ausnahmsweise verlassene Schreibung Carteſius, Carteſianer, Carteſianiſche in A, / erhalten, während F zu Karteſius, Karteſianer, Karteſianiſche abändert. Wir haben auch hier die richtige Schreibweise durchgängig wiederhergestellt. Zu verzeichnen ist: 20,30 Carteſius /, G, Gb 74, 14 Carteſius 5, C, Gb 81,6 Carteſius 7. G 83, 38 Carteſius 5. G 84, 6 Carteſianiſchen J. G Karteſius AR, D Karteſius F. Karteſius An, F, D. Karteſius Ah, F, D, Gb. Karteſius Spie., F, D, Gb. Karteſianiſchen Spie., F, D, Gb. 174, 29 Carteſius Ab Karteſius A, J. F, G, D, Gb. 179, 21 Carteſianer Hb Karteſianer A, J, F, G, D, Gb. 354, 26, 31 Carteſius AR, f, D, @b Karteſius F, G. Dagegen haben wir, in Angleichung an die übrigen Werke, die Form Goethe mit F, gegen die in A, f, D, Gb stehende Form Göthe belassen. 8. Allgemeines Die von Schopenhauer nach Zahlenangaben gesetzten Punkte, die in A größtenteils noch erhalten sind, wurden, mit J, F, durch Beistriche ersetzt. Auch damit wurde die Angleichung an die übrigen Werke vollzogen; vgl. etwa: 9,8 Eth. P. II, J. F Eth. P. II. 4. 10, 25 P. II, pr. 7 J, F P. II. pr. 7 4. 36 Schopenhauer, Werke V 551
Anmerkungen. Varianten VII, 8 ende Hb gebürende A, /, F, vII, 10 Hiebei A, J, F, d, D, Gb Hierbei kl. VII, 20 Kopfe 4, /. F, 6, D, Gb Kopf Al. Inhaltsverz. Skitze F. 6. D Gb Skizze A, (vgl. Titel der Abhandlung). 4, 6 c. 10, 4, J, 0, L. D, Gb c. 11. F (bis Ausg. 1877). 4, 8 o e Plotin rotou A, f, F, G, D. Gb. 4, 19 esse; A, G, D, Gb esse: f. F. 4, 22 hiezu F, G hierzu A, /. D, Gb. 4, 29 Einzige Ah, f, F. G, D. Gb. Vermutlich ist einzige zu lesen. 4, 38 [Die beiden dis XXIV fg.] Hb (Die beiden bis XXIV.) J, F, G, Ob p. X XIV. D Ah, D. 5, 7 (Siehe f, F, d, Gb Siehe Ah, D. 5, 7 I, Ak, J, G, D, Gb II. F. 5, 7 p. 15.) C5 p. 15. 4A, D p. 14 K. 0. 5, 21 ſelbſt, A, Pe, D, 6b ſelbſt J, F. 5, 28 Carteſius 4, B, Gb Carteſius . Karte ſius F. 5, 33 ſehn F ſehen A, f, d, D, Gb. 5, 36 Occaslonelles A, J, D occasionnelles F, 0, Gb (vol. WI 163, 9). 5, 36 vér., liv. VI, seconde partie, ch. 3.) F, G ver. 8 VI. seconde partie, ch. 3). 6, 5 hat; ER 15 G, D, Gb hat 6, 12 mes 4, D, Gb nec 8 . 6, 13 gedruckt, A, 7, D gedruckt F, G, Gb. 6, 25 i F,. @ anderſeits, A, J. 6, 25 Wolf: A, L. D Wolf; J, F. d, Gb. 7, 22 wann Ah, , F, d wenn D, Gb. 7, 23 Leibnitz Ah, J, P, G, Gb 2 D. 7,26 ein Mal Ah, D einmal /, F, C. Gb. 7. 27 genug Ah, f, F, G, Gb fehlt 3. 7, 29 und wieder im fünften Theil, prop. 1, I, F, d, Gb (aus der Fußnote, wo die Worte in Ah, D nach rerum. stehen, in den Text genommen). 7, 30 des zweiten Theils /, F. G, Gb (Ergänzung, die durch die Einschaltung 7,29 notwendig geworden ist). 7,31 Malebranche, Ah, J. F. G Malebranche, D, Gb. 7, 33 Gedanfenganges, Ah, f, F, d, Gb Gedankengangs, 7, 34 En 05 II., 0 7: Ergänzung von J. F. 7, 35 18 V. prop. 1: Erganzung von I F, G, Gb, anstelle der in den Text genommenen Worte 7, 29 und wieder im fünften Theil, prop. 1. 7, 36 seu rerum imaginationes ad amussim ordinantur et Ergänzung von 7, F, G, Gb. 7, 37 in Corpore. f, F, G, Gb in corpore, et fie] Morro]. Vergl. hier p. 9. A, D. 7, 38 P. II, prop- 5: bis cogitans. Ergänzung von 7, F, G, Gb. 8,3 er hat hiebei Hb er hat hierbei F. G, Gb Hierbei hat Leibnitz A hierbei hat 552 Leibnitz D (Anderung nötig wegen der vorangehenden Einschaltung aus Ah). 8, 13 p.4,f,@, D, Gb fehlt F. 8, 23 Wegleugnen, F Wegläugnen, 4, /, 6. D, G0 (val. 9, 25; 12, 27; 17,1; 29, 18; ferner zu W II 419, 13). 9, 10 Hiezu F Hierzu A, f. G, D, Gb. 9, 21 Theodic. J. F, G, Ob Theodicee Ah, D. 10, 18 cogitans. A, D cogitans, ,, F, G, Gb. 11, 17 e A, IL. D quodcumque 7 L „ 15 e 4. J. D, Gb unbefangen 115 55 ausgieng, Ab ausging, A, , F, d. D, 1% Andererſeits J, F. G Andrerſeits AA, 11, 37 mel; Hb Coroll., Ak, D Corollar; , F, G, Gb. 12, 8 (3. Aufl. S. 739] Hb (3. Auflage S. 739) G, Gb (3. Aufl. S. 739) f, F. 13, 29 intellego Hö intelligo A, f, F, G, D, 13, 30 facultatem, D, Gb facultatem. 4, „F, d. 13, 33 worauf das Korollarium folgt: /. 7, 6, Gb und darauf folgt das Korollarium: Ah, D. 14, 1 Recht“, /, F, d, Gb ae 4, D. 14, 3 hiebei F hierbei A4. J. G. b. 14, 3 Hetman F, G, Gb bene. 7. L. D. 14, 6 gieng Hö ging A, J. P, d, PD, G 14, 16 hatte A, L. D hat I, F, G, Gb. 14, 28 nehmen; Ah, J. F, Y nehmen, G. Gb. 14, 29 treiben: An, h treiben; J. F, G, G0 14, 34 meint, G, Gb meynt, Ah, J, F, D. 15, 12 ftellt; A, /, L, D, Gb ſtellt: F, G. 15, 16 Schwerdt, 4. P, eb Schwerdt // P. G. W F c ict F, Verwandſchaft 15, 26 welche F. @, L, D. Gb welches A, J. 15, 28 Hobbes' G, 0b Hobbe's A4. 7. D Hobbes 8 F. 15, 33 denkenden, 4½ e 15, 36 Hiebei F. @ Hierbei 4, 2 R 16,5 Reale, A, L, D Reale, 3 2 > 05. 16, 10 Locke, A, D Locke /, E, G, Gb. 16, 11 21. 4, J, 6, D, Gb 31. F. 16, 31 Bigotterie Hb Bigoterie A, /, F. G, D, Gb (vgl. 287, 6, wo Ah und 287, 11; 289, 5; 383, 23, wo A Bigotterie). 16, 31 begegnen, — A, , D begegnen — F. 0, Gb. 17, 4 gäbe, A, f, G, D, Gb gäbe F. 17, 21 geren 4, T. D, Gb erſtern J, F, G. 18, 9 15. A, f, @, B, Gb 15). F. 18, 10 empfindet). A4, J. D empfindet.) @, Gb empfindet. F. 18, 33 hievon F hiervon A, f, G. D, Gb. 19, 1 hervorgehn A, G6, P, 6b hervorgehen 7. F. 19, 5 Voraus 7, F voraus A, G, D, Gb (vgl. zum Voraus 112,14; ee 349, 25 ferner zu 338, 8; 365, 23; 422, 9 464, 19, 13 andes F Grund, 4, f. G6, D, Gb. Varianten. u 14 vn 1,f, G. D, Gb 2. Aufl., Bd. 1, F Bd. 1 4. 19, 15 52 und 53. Hb 52. F, G, Gb. 20, 10 Kants Hb Kant“ 34. J. F. G, 2 ob. 20, 23 Hienach F Hiernach 4. 7. G, D, Ob. 20, 30 Carteſius A, f, 0, Gb Katte ſius F Karteſius D. 20, 32 unſers Hb unſeres 7. F. G unſres Ak, D, Gb. 21, 10 Spinoza A, 1 05 05 ee 21, 11 Locke, A, 6. b Locke, di; A 21, 14 unbefehen, Hb e 11% E. 21, 20 und 4. J. L. D. Gb und F. G. 21, 25 ſelbſt: A, G, D, Gb felbft: /, F. 22, 26 ihr A, J, L. D, Ob ihr F. 23, 18 Hievon F Hiervon A, f. G. D, Gb. 24, 15 S. 36). A, D S. 36.) 7. F. d, Gb. 25, 8 denkt und zu denken giebt. A, D, Gb lehlt f. F., @ (weggelassen wegen der vorangehenden Einschaltung aus Ah). Era abſolutem, A, . D, Gb abſolutem F, 25. 29 Mittel, A, /. D, 0b Mittel 5 0. 25, 37 fein Hb feine 560 F, 7 — 26, 2 welche, 4. /. D b wel 5 8. 26, 9 wahre, A, D wahre 215 „, . 26, 24 Böhmes, F Böhms, A, 1.6 „D, Gb (vgl. W I, 174, 26; E, 84, 15; 269, 150 26, 31 nämlich, 7. F. G'nämlich Ah, D, @b. 26, 37 auf dieſelbe, Ah, D, Gb fehlt f, F, G. 27, 1 abzuleugnende Ah, J, F, D, 66 ab⸗ zuläugnende G (vgl. w II, zu 695, 27; 696, 2; 707, 30; 718, 2 usw.). 27, 28 weggeleugnet, F. @ weggeläugnet, „D, Gb. 27,30 Seibnipens F. 0 Leibnitzen's A, J. 28, i3 Wegleugnen, F Wegläugnen, A, /. 28, 22 Fichte ſchen S. 51 und 97 F, G, Ob Bichtefden © eu zu 67% 28,23 Die, A, a Gb bie, 1.5 20, 11 ff. A, J, 0. 5b. 6 fg f 30, 35 Gedankenproceß Hb Gedankenpro⸗ zeß 4. J, F, G. D, @5 (vgl. Proceß 261, 21; 313, 7; 380, 20; 396, 4, 22; Lebensproceß N 37, 14 usw.). 30, 36 Grunde, F Grund, A, J. G, D, Gb. 30, 36 2. Aufl. A, f, 0, D, Gb fehlt F. 31,4 Mißbrauch F, G Misbrauch A, J, D, Gb (vgl. 37, 4 mißverſtandene). 31,18 ſehn A, 6, D, Gb ſehen /, F. 31, 26 welcher Ah, D welchen /, F, C, Gb. 31, 28 man, vernünftigerweiſe, 35 man, vernünftiger 1 . 25 D, Gb man ver⸗ * Weiſe / F, 32, 4 Arm 7 8 1. 0. 6 Labruere's 4 36, 2 Fele A, L. D Geſchichts⸗ ſchreiber J, F, b. 36, 9 ihren 1 4, d, L., D, Gb den früheren den frühern F. 8 36, 33 Die A, J. L. D Die F, d, Gb. 36, 37 behaupteten A, J. G, L. D, Gb behaupten F. 37, 9 430 et Hb 430, et 4, I, F, G, D, db (vgl. 37, 10: 544 et). e RE Ah, D Spinoza J. F. 36* 37, 37 Leibnitzens Ah, D Leibnitz /, F, O, cb. 38, 3 ra xd Ak, D zoxalovr , F, , Ob. 38, 15 337). / F. G 337.) D, Gb 337.). 4. 38, 23 vereinende A, /. L. D verneinende 38, 34 ſehn A, f, G, D, ob ſehen F. 38, 35 net fe F, G, db Wahlverwandſchaft, A, f, D. 39, 2 mit einander, /, F. G, Ob miteinander A, IL. 39, 3 aus einander, Hb auseinander, A, f. „. D, Gb. 39, 25 gelehrt; Ak, D gelehrt, f, F, d, Ob. 39, 26 749 ff. 4 D 747. ff. f 747 fg. F 747 fi. 0, G 40, 7 ee 15 G. D, Gb F F. 40, 23 Empedolles, Ah, J. F, G, Gb Empedokles D. 10, 25 n u. a. Ah, D und Cicero. f, F. G 40, 25 (S. Wernsdorf, J. F. G, Ob ſiehe Wernsdorf, Ak, D. 40, 27 p. 299 (somn. Scip.], 316, 319, ed. Bip. ) J. F, d, Gb p. 316, 299 (somnlum Scipionis 319) Ak, D. 40, ge e J. F, d. Ob angehören: Ah, D. 40, 34 Kants Hb Kant's 4, , F. G, D, Ob. 41, 20 Hicetas f, F, G. Gb Nicetas oder Hicetas Ah, D. 41, 20 (II, 39) f. F. G, Gb jet Ah, D. „ G, @b in 41, 21 19 0 F. AR, J. F. Plutar 41, 21 L. 1 c. 13 (nach Mac Laurin, on Newton, P. 45). Ah, D (Lib. III. c. 13). J, F. d (Lib. III, c. 13) (nach Mac Laurin, zu Newton p. 45). Gb. 41, 24 8 5. J. F, d, Gb p. 49, 50 Ah, B. 41, 28 Jener: 4. . G. L. P. Gb jener; F 11 29 aradainov Hbayadairovv A, J, F, d, 42, 2 Nin Hb Yn 4; F, F, 28 1 ee J. D en F. 42, 31 der A, 6, D, Gb 55 7, F. 43, 20 Dies Ah, D dies J, F. G, Gb. 43, 20 (Herod. II, 41) Ah, D, Gb fehlt J. F, G. 43, 47 235 D, b beweiſet (Herod. 43, 30 wichtigeren Ah, f, F, G, Ob richtigeren D. 43, 34 des 24. Kap. Ah, J. F, G, Gb fehlt D. 43, 34 Buches Ah, /, F, G, Gb Buchs D. e Stobäos f, F, G, Gb Stobäus u N 3 c. 0 b 1 I. c. e „ 0, 25, A 43, 3 A Gb 12 , F. d muſtert; D. 44, 1 haben; Ah, D, Gb be I, F, d. 1 Des Pythagoras J. F, G, 6b Sein 44, 9 ein Mal Az, D einmal f, F, G, Ob. 44, 11 bezeugt, Ak, D bezeugt J, F, G, Gb. 44, 20 (S. Clem. Alex. Opera Tom. I, p. 118 in Sanctorum Patrum oper. polem. Vol. IV, Wirceburgi 1778.) J. F, @, Gb (Vol. I. p. 118 infra.) Ah, D. 553
Anmerkungen. 44, 24 Apulejus /, 35 G, Gb Apulejus Florida P. 130 Bip. Ak, D. 44, 25 (S. Apule]. Florida, P. 130 ed. Bip.) . F, G, Gb fehlt Ak, D. 44, 1 ihn. (Diog. J. F, G, Ob ihn: Diog. D 44, 31 Lib. VIII, c. 1, $5.) f, F, G. Ob L. 8, c. 5. p. 242, Ah, D. 45, 17 zur A, G, IL. D, Gb zur F. F. 45, 33 Allen 4. 7, G L. D, 6b allen F. 46, 17 reſpective 4. J. D reſpektive F, G, Gb. 46, 24 früheren 4, /, D frühern F. G. Gb. 47, 8 bringen /, F, G, D, Gb bringen, 4 5 47, 34 beiten, /, F, G, 6b il 8 D. 48, 19 apprehendens A, J. d, L. D, Gb apprehendes F. 48, 34 Statt A, D ſtatt 7, F, G, Gb. 48, 38 dem A, L., D den 7, F, G, Gb. 49, 6 es 4, G, D, db es f, F. 49, 33 angeborene Hö angeborne A, J. F. N b. 49, 36 giengen, A, . D, Gb gingen, F. G. 50% 3 Ingredienz Hb Ingrediens 4A, 1, F. „D, Gb (vgl. zu W II 216, 4). so metaphyſiſcher, J, F, d, Gb metaphyſiſcher A, B. 50, 32 ſehn, A4, G, D, Gb ſehen, I, F. 51, 1 abzuziehn, A, G,. D, Gb minen J. F. 51, 2 Anſchauung, F. 0 Anſchauung 4 „J. D, Gb. 51, 27 einzugehn, 4A,G, D, Gb einzugehen, 52, 28 iſt, A, J. . L., D, Ob find, F. 54, 24 Mißlingen F 2 0 Mislingen A. 7. P, db. 54, 36 Galilei, 7b Galiläi, 4, J, F. G, D. Gb. 53, 36 Hooke Hb Hook A, . F. d. D. Gb (vgl. die richtige Schreibweise WI25, 16; WII 58, 21;-P II 134, 25; 144, 35; 1575 33; 155, 8, 11, 15, 22, 27; 157, 38; 158, 1). 55, 2 bie Reibung beim Drehen Hb: zehn] berurſacht Licht und Wärme: A, J, F,. fehlt d, Gb. 55, 6 vorführt A, J. F, G, D vorführte Gb. 55, 10 Erfahrung beifer beachtet A, J, F, D Natur beſſer beobachtet 6, Gb. 55, 29 und Sen. 32, G, D, Gb und J, F. 55, 30 herum; Sen. 32, 0, 0b herum, /, F, D. 55, 38 feierlichſtes Sen. 32, G, D, Gb feierliches 7, F. 56, 1 worden; Sen. 32, 0, D, Gb worden, J, F. we das Kopernikaniſche /, F, d, Ob jenes 56,4 Galilei Hb Galiläi A, J. F, G, D, Gb (vgl. zu 54, 36). 56,7 Ahndung, A, D Ahndung J, F, G, Gb. 56, 24 Saamen Hb Samen 4,½ , G, D, Gb (vol. zu N 66, 26, 37). 56, 25 Aoyos Omeghazızos Hb Logos spermaticos Ah, Logos spermaticus 7, F, G, Gb. 56, 26 ie Ah, J. F, d, Gb das, D (vol. 56, 2 57, 18 1 5 P, 15 unſrer Ah, D, Gb. 57, 30 jenen /, F, G, @b Jenen Ah, D. 57, 37 gründliche A, Ah, D gründlichen J. F, G, Gb. 58, 7 unſers 4, P, Gb unſeres /, F. G. 554 58, 31 angiebt, D angiebt A, /, F, G, Gb. 58, 38 hievon F hiervon f, G, D, Gb 59, 4 m. A, /, D mehr. F, G, Ob. W. überzugehn A, J, D, Gb überzugehen 59, 33 ein Mal A, D, Gb einmal f, F. 59, 34, 37 Safe F Selbſtver⸗ läugnung A, f. d, D, Gb (vol. 58, 38 unleugbarfte) 59, 35 nur, J, F. G, Gb nur 4, D. 60, 5 Stoa, A, f, D Stoa F, G, db. 60, 31 diktirte; A, /, D dictirte; F, G, Gb. 61,20 Proklos Ab Proklus 4, J, F. d. D, Gb (vgl. zu W II 48, 33). 61, 30 Proklos, Ab Proklus, 4, /, D Proklus F, G, Gb. 62, 4 jedesmal /, F jedes Mal 4. G, D, db. 62, 11 Proklos Hb Proklus 4, /, F, G, D, Gb. 63, 19 büße A, /, F, G, Gb büßt D. 63, 20 eee D Seelenwande⸗ rung, A, /, F, C, Gb. 63, 30 dem 4. J, L, D im F, d, Gb. 63, 34 70 Hb n A. J, E, C, D. Ob ee as per wird immer gesetzt). 63, 34 D, Gb yuzn 4 64, 3in cbt Hb intelligibf ilis A, 1 8 a 64, 24 Langles, A. G, D, Gb Langles, f, F. 65, 2 Stobäos /, F, G, Gb Stobäus Ak, D. 65, 21 daß, A, /, 0, D, Gb daß F. en 6 Gäligfeit Nb Seeligkeit 4, J. F, G, „b (vgl. zu W I 233, 38). 67, Die Klippe, /, F ‚Kippe A, G, D, Gb. 67, 15 Beide A, 7, L, D beide F, 05 Gb. 67, 20 ſchreien: Hb ſchreien A, J. F, G, D. Gb (vol. 67, 22 ren. 67, 22 erwidern: 4, D, Gb erwiedern: /. 68, 2 fo A, J. d. L, D, Gb ſo F. 69, 20 Sache: A, /, L. D ei F, G. Gb. 69, 27 III F, 6. "eb III. 4. 25 69, 34 immer noch A, J. IL ‚D, Gb noch immer F, G. 71, 4 Verwandtſchaſt, F, d, Gb Berwanbſchaft, A, / 71, 23 Ausdruck, F, 0 Ausdruck uch, Gb. 71, 24 andere F_anbre A, J. G, D. Gd. 72, 25 Bewandtniß. Ab Bewandniß. A, J. F, G, D, Gb (vgl. E 156, 37). 72, 35 bemunberumgawüzbige Hb bewundrungswürdige A, /, F, d. D, Gb (vol. 79, 1; 90, 14). 73, 4 ſtehn, 4, G, D, Gb ſtehen, f, F. 73, 38 gieng, A, D, Gb ging, I, F, G. 4, 12, 20 oecasionelles A, f. 6, D, 6 occaslonnelles F (vgl. zu 5, 36). 74, 22 gieng Hb ging A, 7. F, Er D, Gb. 74, 30 Dies Ah, B, Gb Das I, F, d. 74, 34 — als Ah, et F. 0, Gb. 7A, 35 1 anatome cerebri; Al. D fehlt J. T. „G, Gb. 74, 35 Rag 1680, p. 35 8d.) J, F, G. 6⁰ — ſiehe Brodie p. 263). Ah, D. 74, 37 eg: Hb Jamblichus Ak, 7. F, , Gb (Jamblichos mE 43, 115 6, 4, 153 915 11; N 114, ; dagegen PI 224,2 = 2 1, 8 52, 829) J, F, G, G5 Vol. 876) Ah, 78. Pit, A, B iſt 5, P. G, Ob. Varianten. . „ A, D, 6b entſtandene 75, 25 Begriffs F, G Begriffes A, 16 D, Gb (vgl. as 75, 21, 27; 77, 13, 1 6 usw). 75, 31 urſachlos, F., Gb urſachslos, A.. D. 75, 32 Erkenntniß; A, L, D Erkenntniß: 7. F, G, Gb. 76, 3 ff. 4, J. G. D, Cb fe. 77, 16 es F er 4. J. G. I., D, 13 77, 23 einem G ein Ah, J. V, G . 1 77, 24 anderer f, F. @ andrer Ah, D, 77, 24 au er erſten Abhandlung) J. F. G, Gb S. 12 AR, D. 77, 35 ſelbſt Ak, D fehlt f, F, G, Gb. 78, 7 verwirft, J. F. C. Cb verwirft, — A, D. 78,7 — obſchon 4, D, Ob obſchon J, F, G. 78, 7 Altes Teſtament H A. T. Ah, 7, F, G, D, Gb. 78, 9 (Kohel. 7,4) — /, @ (Kohel. 7,4). Ar, D (Kohel. 7,4); — F (Kohel. 7,4) Gb. 78, 11 saute, Ah, D saute f, F, G, Gb. 78,16 ſtehn, Ah, P, Gb ſtehen, f, F, G. 78, 17 zu eigentlichen Infamien Ax, D, Gb zur eigentlichen Infamie f, F, G. 78, 20 fo Ah, 7, F, G, Gb fehlt D. 78, 20 Eth. f, F, G, Gb fehlt Ah, D. 78, 23 Andere, Ah, D Andern, /. F. G. Gb. 78, 30 unſerer f, F. G unſrer Ah, D, Gb. 78, 33 ift.) Ah, J. D iſt). F, G. 0b. 79, 3 Theils, /, F. G Buches, 1 D, Gb. 79, 3 ſehn Ak, D. Gb ſehen J, F, 79, 11 Leibnitz 4, J. F. G. Gb Lelönit D. 79, 11 gieng Ah, 7, D. Gb ging F, G. 79, 14 ſeyn; Ah, D’fenn, /g 1, G, Ob. 79, 15 1 ce: Ah, D, Gb Ausdeh⸗ nung, /, 79, 16 andere f, F, G, Gb andre Ah, D. 79, 21 und Ah, f, F, 6, Gb und D. 79, 22 ed. f, F, G, Gb fehlt Ah, D. 79, 27 andererſeits, F, G andrerſeits, Ak, J. D, Gb. 79, 35 Central⸗Monade f, F, G, Gb Centralmonade A, L, D (rol. 79, 31, wo Ah Central⸗Monade). 79, 38 Materie, 4,0, L, D, ob Materie, F. 80,4 Atome AR, J. F, G. Gb Atome P. 80, 6 (Siehe Opera, ed. Erdmann, p. 694.) Hb (Siehe Opera, edit. Erdmann, pag. 694.) J, F, G, Gb (Opera, Erd m. p. 694). Ah, D. 80, 6 (Opera, p. 124) Ah, D Jehlt J, F, d, Gb. 80, 19 zu allererſt F. G, 00 zuallererſt A, „L. D. 80, 19 das ihm gebührende A, /. L, DU den ihm gebührenden F, G das ihm gebührenden Gb. 80, 22 Princip G. D, Gb Prinzip A, J, F (sonst immer Princip, vgl. 2. B. 57, 1; 66, 3; 99, 27; 247,8; 284, 4; ferner G 159, 5, 21; WI 512, 2, 3, 5, 11; 570, 12, 15; E 136, 17, 21; 137, 7 9, 12, 27 29 use). 80, 23 RantifchenAh,D Kantiſchen, /. F, G, Cb. 80, 28 Dem, was , F, G. Gb dem was A, D. 80, 31 — Die A, G, L. D, Gb Die J. F. 80, 33 systeme A, f, D systeme F, G, Gb. 80, 35 Dutens Ab Dütens 4,½ F, G, D, Ob. 80, 36 Opera Ak, D fehlt f, F, d, Gb. 81, 4 andere D, Gb andre Ah, 7, F, G. 81,7 Daſeienden Hd Daſeyenden Ah, /, F, G. D. Gb (vgl. 9, 37; 10, 28; 36, 36: 117, 2; ferner zu 96,5; 113, 6; 117, 2 und Anm. zu WI und wu I). 81,8 Materie: Ah, D, Ob Materie, /. F, G. 81, 12 laſſen. J, F, . Gb laſſen: Ah, D. 81, 15 gelegentliche Urfache,, Al D, eb ge⸗ fegentlichen Urſachen, f, F, G. 81, 18 mußten. /, F, G mußten: Ah, D, Gb. 81, 28 liegt, f, F lieget, 4, G, D. Gb. 82, 4 ff. 4, J. G. D, 05 fg. F. 82, 22 angeborenen “, G, Gb angebornen 4, J, D. 82, 25 par AR, f. L. D part F, G. Gb. 82, 32 gieng Hb ging A, /, F, G, D, 05 (vgl. zu 85, 34). 83, 37 Diannivlogie, Spicilegia 437, J. F, G, Gb Dianoiologie, D. 84, 1 in Spieileg ia 437, J, F, G, G5 fehlt D. 84, 7 im ganzen Werk Alles Spicilegia 437, @, Gb Alles im ganzen Werk J. F Alles im Werk D. 84, 9 beibringt. /, F, G, Gb beibringt: Spieileg ia 437, D. 84, 20 Sinn, 4. D Sinn , F, G, Gb. 85, 19 Hiemit F Hiermit 4, /, G, D, Gb. 85, 24 unterſuchen, /, F. G, D, Gb unterſuchen 4. 85, 34 Locke 4, , G. L. D, Gb Locke F. 85, 34 gieng, A, /, @, D, Gb ging, F. 86, 1 nicht 4, G, I, D, Gb nicht 5, F. 86, 7 vermittelnde, A, /, 6, D, Gb vermittelnde F. 88, 6 vor aller A, J, P vor- aller /, F, G, Gb. 88, 21 in unſerm Gehirn wurzeln f, F. G. Gb wurzeln in unſerm Gehirn, Ah, D. 89, 12 Gränzen A, /, 6, D, Gb Grenzen F. 89, 25 worden. Hb werben. 4, F, O, D, Gb. 89, 25 fortdauere, A, D fortdaure, / 7, 6. Cb. 89, 28 nämlich Pf J. D, Gb nämlich, F. G. 89, 32 ſofern ſie die allgemeinen Grundbe⸗ stimmungen der objektiven Welt dem Subjekt vindieirt, iſt ſie 4, / D, 10 ſie die allgemeinen Grundbeſtim⸗ mungen der objektiven Welt dem Subjekt vindicirt, iſt fie 7 fofern fie die allgemeinen Grundbeſtim⸗ mungen der objektiven Welt dem Subjekt vindieirt, iſt fie G. 90, 1 ihre A, f, G, D, Gb ihre F, I. 90, 9 Vergehn 4A, D. 6b Vergehen J, F, G. 90, 10 Entſtehn A, D. Ob Entſtehen /, F, G. 90, 14 Verwunderung, A, /, D Verwunde⸗ rung FV, G, Gb. 90, 33 hat; — A, 3 G, L. D, Gb hat; F. 91, 4 Denn, A, , D, Gb Denn, F, d. 91, 4 bin ich nicht; fo iſt auch keine Zeit mehr. A. D, b bin ich 11 ſo iſt auch keine Zeit mehr. /. F. G. 91, 15 herabzuſtröhmen Hö herabzuſtrömen „J, F, G, D, Gb. 91, 31 liegt. — 4, J. d, D, Gb liegt. F. 92, 1 Gränze A, f, 6, D, Gb Grenze F. 92, 3 Geſtalt /, F, G Geſtalt, A, D, Gb. 93, 4 Ausdehnung F. G, Gb Ausdehnung, „J. . 93, 6 erſehn AR, D erſehen 7, F, d, db. 93, 7 mit dem 2. Coroll.; Hb und Coroll. ad eam 2. Ak, D mit dem 2ten Coroll.; J. F, G, Gb. 93, 7 prop. 18, Schol. f, F, G, Gb Schol. zu prop. 18. Ah, D 555
Anmerkungen. 93, 10 unſere /, F, G unſre A, D, Gb. 93, 12 Abbild, A, 6. D, Gb Abbild 7, F. 93, 14 S. 77, 4, J, G, D, Gb S. 77; 3. Aufl. S. 82, F. 93, 15 Welt als W. und V., E, Gb Welt als W. und V. A, /, D Welt als W. und V., 2. Aufl., F. 93, 20 abgeſehn 4, D abgeſehen he F, G. Gb. 93, 27 Locke's D Locke's, A, J. F, G, Gb. 94, 4 im A, L, Din I, F, G, Gb. 94, 8 Fußſtapfen A. . D Fußtapfen F, G, 6b (vgl. 27, 36; 74, 21; 102, 12, wo 4 Fußſtapfen). 94, 37 Subjekt, A, D Fr J. F. G, Gb. 95, 10 einen A, J, 0, L. D, Ob einem F. 95, 21 Locke, 4. 1. 5. Locke F, G, Gb. 95, 25 Principien Hb Prinzipien A, J. F, G, D, Gb (vgl. zu 80, 22). 95, 35 Principien 4, /, D Prinzipien F. , Gb 96, 5 Seiendes, A, D, Gb Seyendes, J, F. G. 96, 15 Manier, Hb Manier 4, /, F, G, D, G (korrespondierend zu 96, 1 der, ). 96, 18 ff. A, , 0, D, Gb fg. F 96, 19 Kants Hb Kant's A, J, F, d, D, Gb (opt. z. B. 96, 29). 96, 27 Locke, 4, , D, Gb Locke, I, F. 96, 30 nämlich enthält A, J. L. D enthält nämlich F, G, G. 98, 34 das A, 0. D, b bas F 99, 8 der 2. Aufl. A, f. C, L, D, 2 ſehlt F. 99, 22 von mir als überflüffig und unſtatt⸗ haft nachgewieſene Kategorien A, 0, I. D, Gb von mir als überflüſſig und Ba al nachgewieſene Kate⸗ 99° 2 el dien, A, 7. d, D, Gb Prinzi⸗ pie 99, 51 vorhandene 4, J, L, D verhandene „ , . 100, 13 eigener = d, Gb eigner A, /, D (vgl. 100, 15, 101, 24 Kants . . 9 Fant's A, D, Gb. 101, 29 Fichtes Hb einen 4.1 25 ‚6, D,Gb. 101, 32 er4,f,@,L,D,Gb er F. 101, 32 legen, Hb legen Al, G, D, Gb (korrespondierend zu 101, 33 Inſtanz, ). 101, 33 Inſtanz, A, D, @b Inſtanz J, E, G. 102, 2 erſehn A, /, G, D, Gb erſehen F. 102, 2 Fichtes Hö Fichte's A, J. F, G, P, Gb. 102, 6 Anſelm von Feuerbach, /, F, G, Gb Anſelm von Feuerbach, Ah, D. 102, 8 Schillers An, D Schiller's /, F, G, Gb. 102, 8, 11 Fichtes Hb Fichte s Ah, J, F, G, 102, 21 gieng Hö ging A, J, F. G, D, Gb. 102, 30 geſtämpelte A, /, G, D, Gb gejtempelte F. 10 75 34 beſondern Ah, J. F, @ beſonderen 102, 34 Nutzen, Ah, D, Gb Nutzen f, F, G. 102, 35 ſtechen Ah, J, F, G, Gb ſtehn D. 103, 3 wurden, f, F wurde, A, G, D, Gb. 103, 4 Bewunderung 6 Bewundrung A, /,. F, D, Gb (vgl. 103, 8 Bewunderer). 103, 11 30 A, 6, D, Gb dreißig 7, F. 103, 21 ella. A, f, F, D alla. G, Gb. 103, 26 Zeugniß A, D Beugniß, /, F, O, Gb. 103, 27 Merck /, F, G Merk A, D, b (vgl. zu W II 256, 24). 556 108 33 LERBETCFINENEGIE A, L. tranſcendentale /, F, Gb. 104, 24 ke en ch zZ, D,Gb naturwiſſenſchaftlichen I, F, G. 104, 24 Werke 4, G, L, D, Gb Werke J, F. 104, 28 bei uns Ah, F, G, L, Gb fehlt 8 5 104, 35 Ae F, 73 gebürt An 7, G, D. 105, 13 ff. A, /, 9. BE b fg. Et „ el 106, 28 wee Hb Bewußtſeyn A, . Gb (Torres pondierend zu 106, 26 ER ). 106, 28 Inhalt, A, D Inhalt J, F, G, Gb. 106, 29 Strohme Hb e 1 6.5 „b. 107, 1 iQ, mich allein A, J, 6, „Ob ich allein Y 107 4 vorausſetzt. — 4. 1,0, P, Ob voraus107, 62. Aufl., G 2. Aufl. A, /, D, Gb fehlt F. 107, 7 S. 531 13. Aufl. ©. 10--12 und 560]). Hb S. 531). A, D 6.531. — 3. Aufl. 560.) / ©. 531. — 3. Aufl. S. 10, 11 und 560). F ©. 531. — 3. Aufl., S. 10—12 und 560). G, Gb. 108, 13 wenn gleich Hd wenngleich A, /, F. 5. 108, 18 die ee 4A, D, Gb die Reit ciel. F, „ die Räumlich⸗ eit. f. 108, 18 Auf dieſer aber gerade beruht A, D, Gb 1 dieſer aber gerade beruht IF, 108, 19 die Beharrlichkeit derſelben. A, D, Gb die Beharrlichkeit derſelben. F. 6 die Beharrlichkeit derſelben. ,. 108, 22 Indiſſolubilität, /, F, G, 65 Indiſſolubilität, Ah, 108, 32 jei, Ak, P, 0 ſei , F, G. 108, 33 Hiedurch 4 610 0 Hic ec D, Gb. 109, 27 A 4 G, L. D, db geſchehen, f geſchehen iſt, F. 110, 5 leugnen, F, G läugnen, A, J. D, Gb. 110, 19 obigen, Al, @, D, 65 obigen 2 110, 23 Eintreten, F eintreten, A4, 7. G, D, Gb. 111, 13 beiden /, E. G. @b 15 A, L. D. 111, 35 eine, A, D eine J, F, G, Gb. 112, 1 Raume 7. F, G, Gb Raume, A, D. 112, 3 daſei? Hb da fei? A, J. F, G, D, db. 112, 3 wieder A, /, 6, L, D. Gb fehlt F. 112, 32 güigemeinen A, J. D Allgemeinen F, G, G 113, 6 daſeiend A, d, D, Gb daſeyend f, F. 113, 15 ſtämpeln, A, 1.6, D, 6b ftempeln, F. u, 3 Weſen“, Weſen, 4. D, Gb Weſen“ F, d. um, 17 Goethe’fchen F. @ Göthe'ſchen A, f, 114, 30 beſtehn Sen. 68, C, Gb beftehen /, F. D. 114, 36 ein Mal, Sen. 68, G, Gb einmal, /. F, P. 114, 37 Kräften, Sen. 68, G, Gb Kräften /, F. D 11,3 37 EN Sen. 68, G, Gb ihr fremden J. F. 115, 30 e P, Gb müſſiger, J, F, G. 115, 31 Entſtehn, Sen. 68. G, Gb Entſtehen, „. Varianten. 115, 31 Vergehn, Sen. 68, G, Gb Vergehen, 115, 36 Herrſchen, eines jeden J. F. G, Gb Herrſchen eines jeden, Sen. 68, D. 115,37 bewenden; Sen. 2. 6, D, 05 bewenden / a 3 116, Dr SEEN A, J, G, L, D, Gb der ufl. F. 116, 3 [S. 35—54 der 2. Aufl.], Hb (S. 35 —54 der 2. Aufl.), @, Cb (S. 35—54 der 2. Aufl. und S. 3758 der 3. Aufl.), F. 116, 25 Wolf F, G, D, Gb Wolff A, f (Wolf ist die sonst von Schop. gebrauchte Schreibweise). 116, 25 eingeſehn A, D, Gbeingefehen /, F, G. 11 2. G, Gb zweiten Ah, , D 2. (und 117, 15 welches, A, J, D welches F. G, Gb. 117, 38 der ſelbe A, 1.6, Du 0 derſelbe F. 118, 3 gab, A, f, D gab F. G, Gb. 118, 7 Grunde, F, G Grund, A, . D, Gb (vgl. 2. B. 120, 23, wo auch A die richtige, dem Titel der Abhandlung entsprechende Form Grunde hat). 118, 7 2. ene 4, J. G, D, 6b 2. (und 3.) Auflage, F 118, 33 Brahmanismus, A, 5, D, Gb Brahmanismus F, G. 119, 11 Moral, Ah, D Moral f, F, 6, Gb. 119, 21 Abſolutum 4, F, G, 0b Abſolutum, 4, /. D. 119, 37 nicht: A, L, P, Gb nicht; J. E, @. 120, 6 Grunde F, @ Grund A, f, D, Gb. 120,8 S. 574—575. A, D, Gb 2. Aufl. S. 584—585, /, F S. 584—585 6. 120, 9 [3. Aufl. S. 618—6 19 Ab 3. Aufl. S. 617 bis 618 /, F, G, Gb fehlt P. 120, 9 lieferte fie A, D, 6b lieferte die Ver⸗ nunft 7, F, G (A nderung wegen der von J, F vorgenommenen Einschaltung unserer Anm. +), S. 120, in den 1 120, 23 vf. 4, J, G, D, Gb io. (3. Aufl. © fe.) F. 120, 24 2. Aufl. S. 544 13. Aufl. S. 574] Hb ©. Sta, „J. D S. 544 (3. Aufl. S. 574) F, 120, 34 — gewiß Ak, D gewiß J, F. G, Gb. 121, 30 von A, G6, L, D, Gb von 7, F. 123, 20 durchaus nicht A, J. L. D, Cb nicht F, G. 123, 23 Ober⸗Rahan F, G, Gb Ober⸗Rahan, A, J. D. 125, 1 Alſo, AR, D, Gb Alſo f, F, G. 125, 2 Alte Teſtament Hb A. T. An, J. F, G, D, Gb (Abkürzung, die sonst immer aufgelöst ist; vgl. a. 134, 37). 125, 3 Offenbarung: beſonders im Buche Joſua. Sen. 5, /, F, G, Gb Offenbarung. D. 125, 13 von A, J. G, L. D, Gb von F. 125, 22 dunkeln A, G, D, Gb dunklen /, F. 125, 33 Säligkeit. O, Gb Seligkeit. Ah, D Seeligkeit. /, F. 125, 34 eigenes Sen. 97, G, D, Gb eignes ,, F. 125, 35 Jehova Hb Jehovah Sen. 94, /, F, 18 Gb (vgl. 134, 21, 27, 30, 35 u. 2u PII 10). 126, 1 Theismus. Sen. 97, G, D, Gb Theis mus. /, F. 126, 4 logiſch richtig 4./, G, L, D, db logiſch F. 126, 21 Gotte Ah, D Gott ˖ /,. F, , 6b. 126, 32 — Imgleichen A, D Imgleichen /, 126, 32 hieher F hierher A, 5 G, D, Gb. 126, 33 ene, A, D Meſopota⸗ mien. — J. F, 126, 35 es AR, J, F, D, Ob fehlt G. 126, 38 (S. Sanchoniathonis kragmenta, ed. Orelli, Lips. 1826. p. 42.) /, F, G, 65 Siehe Sanchuniathon p. 42. Ak, D. 127, 17 ſehn Ak, f, F. P ſehen G, Gb. 127, 20 Schluchten D, Gb Schlüchte 7, F, d. 127, 29 Kirchen ⸗ A, J, F, D, Gb Kirchen-, G 128, 15 the AR, f, F. D de G, Gb. 128, 24 they Ah, J, G, D, Ob the F. 129, 16 eben fo A, /, D ebenſo F, G, Gb. 129, 19 Religion f, F, G, D, Gb Religionen A (Druckfehler, im Drucklehlerverzeichnis verbessert). 15% 20 Religionen @, L Religion A, J, F. 129, 22 unſere F, G unſre A, f, D, Gb. 129, 24 alles A, J, F. D, Gb das 6. 130, 20 Vauvenargues /, F, G, Cb Vau⸗ venargues Ah, D. 130, 22 toute Ah, D, Gb tout 7, F, G. 130, 24 Siehe Oeuvres compleètes, Paris 1823, Tom. II, p. 331. f, F, G, Gb fehlt Ah, D. 130, 27 e alben A, J, d, L, D, Gb beaffen 130, 28 geſchaſſen. A4, J. G, L. D, Gb geſchaffen. 130, 29 ift, A, 5 G, * P, 6b ift, F. 131, 1 ff. 4, 1, C. D, db fg. F. 131, 1 12. Jul, S. 66 ir Hö (2. Aufl. ©. eie, 5, (2. Aufl. S. 66 ff.) G, Gb A4, J, D. 131, 28 Begriffe 4, J, d. D, Gb Begriff F. 131, 30 Beſchaffenheit, A, 'D Beſchaffen⸗ heit J, F, G, Gb. 132, 26 angeborener Hd angebomer A, f, F, G, D, Gb (vgl. zu 133, 2). 133, 2 angeborene A, D angebome J. F. 133, 21 (S. . F. Q, Gb (Hierüber Ah, D. 133, 21 c. 12. p. 281—283, Hb c. 12. p. 281-283: Ah, D 12.282, a, 25 ff. J. G, Gb 12.282, a, 25 fg. F. 133, 22 Birmingham 1782, Vol. I, / Birmingham 1782, Vol. I. F, G, Gb fehlt A, D. 133, 25 ſodann, Hö ſodann A, /, G. D, d (korrespondierend zu Andern, ). 133, 25 Andern, A, J, P. Gb Andern P, G. 133, 29 Hingegen, A, / D, Gb Hingegen F. G. 134, 21, 27, 30, 35 Jehova Hb Jehovah Spic. 451, J. F, G, D, Gb (vgl. zu 125, 35). 134, 22 Belohnung: dieſe Spic. 451, C, D, Gb Belohnung. Dieſe /, F. 134, 33, 34, 35 C. Spie. 451, G, D, 65 C. , F. 134, 36 nichts, Spie. 451, 6, D, Gb nichts; „F. 134, 37 Alten Teſtament Hb A. T. Spie. 445, /, F, G, D, Gb. 134, 38 5. Mofe, c. 5, v. 16 und 33), Spie. 445, D 5. Moſe 5, 16 und 33), /, F Moſes V, c. 5, v. 16 & 33), 6, Gb. 135, 4 12,2 750 12,2 Spic. 452, , F, G, D. Gb. 135, 55 „F zweiten Spice. 452, D 2ten 557
Anmerkungen. 135, 6 Cc. Spice. 452, G, 153 10 Völuſpa, Hb Voläſba, ur u 7. 8. 185 5 finit: Spice. 452, G, G0 finit , F, D. 135, 17 Eleg. IV, 7. Spie. 452, G, D, 65 Eleg. IV, 7, v. 1 und 2. /, F. 135, 22 Religionen, beſteht Spic. 05 G, D, 2 Religionen und beſteht, / F. 135, 23 Theismus und läuft darauf hinaus, Spie. 452, G, P. Gb Theismus, der darauf hinausläuſt, 7. F. 135, 24 eiferſüchtig (eifrig), neidiſch iſt auf ſeine Kamaraden, die übrigen Götter: Spic. 452, G, D, Gb eiſerſüchtig iſt auf die übrigen Götter: /, F. 135, 29 Daß daſſelbe bis beklagenswerth. Spie. 452, G, D, Gb fehlt f, F. 135, 34 Leſſings Erziehung bis Auserwähl⸗ ten. Spie. 452, G, D, Gb fehlt f, F. 135, 37 Sind doch eben dle Juden das auserwählte Volk ihres Gottes, und er iſt der auserwählte Gott ſeines Volkes. Und das hat weiter niemanden zu kümmern. Sen. 10, G, D, 65 Je nun, die Juden find eben das auserwählte Volk ihres Gottes, und er iſt der auserwählte Gott ſeines Volles. Und das hat weiter niemanden zu kümmern. /, F (Selbständige, durch die Auslassung des Satzes 135, 34—37 notwendig gewordene Kontamination aus der früheren, von Sch. verworfenen Fassung in Spice. 452 und der Neufassung in Senilia_10; vgl. Zusätze). ur 39 (Hoonar 1 Wiezenbrinus, ) Sen. 10, 12% 39 0" Bocas aı 6, 05 Eowuaı Sen. 10, D fehlt , F, 135, 40—136, 36 Wenn ich aber bis aufzu⸗ weiſen. Spic. 452, G, D, Gb. In , F sind diese beiden Schlußsätze, der Urschrift und dem Zusammenhang zuwider, umgestellt. An das Ende der Anm. hat J, F aus Spicilegia 453, 454 noch einen nicht hierhergehörigen, von Sch. in PII verwiesenen Absatz gestellt. Vgl. darüber Anhang zu PII, unter N Anm. 7). 136, 2 unbeoreiftichermeife, F „G, Ob unbe⸗ greiflicher Weiſe, A, J. 136, 15 Entſtehn 4, D, Cb „Entſtehen J. F, G. 136, 21 Sanchoniathon Ah, D Sancho⸗ niat hon J. F. G, Gb. 136, 22 vom Ah, D von 7, F, G, Gb. 136, 32 zwar Ah, D zwar, f, PF, G, Gb. 137, 4 gieng, Ah, 7, C, D, Gb ging, F. 137,6 (So Ah, D So J, F, d, Gb. 137, 7 DEN Ah, D Kosmogonie. /, 137, 10 unferer 7, F, G unſrer Ah, D, Gb. 137, 14 Eusebius An, D — Euſebius 7, V. G, Gb. 137, 15 verdanken (S. Praeparat. evangel. L. II. c. 10), /, F, G, Cb verdanken, Ah, D. 137, 19 In Ak, D— In 7, F, d, db. 137, 38 Juillet 7, F, G, Gb Juliet A, D. 138, 16 aus Ah, 7, F, D in A, 6, L. db. 138, 27 Das A, /, G, D, Gb das F. 139, 3 als A, /, @, L. D, Gb als F. 139, 26 Wolf: F, 6 Wolff: A, J. D, Gb (vgl. zu 116, 25). 139, 27 befolgte, A,L,D verfolgte, /. F. G. Ob. 558 139, 35 die ſelbe Hö dieſelbe A, J, L. O die 140, 28 ſuche, A, 6, L, D, Gb ſuche, J, F. 141, 2 früheren A, 7, D, 65 frühern F, G. 141, 12 anderes, A, G, D, Gb anders, /, F. 141, 24 unmittelbar; 4. /, D, Gb unmittelbar, F, G 141, 25 Die moraliſchen Reſultate des Chri⸗ ſtenthums, /, F, Die moraliſchen Re⸗ ſultate des Chriſtenthums, Sen. 79, D Die moraliſchen Reſultate des Chriſtenthums, Gb (Sperrung hat Sinn im Manuskript, zur Hervorhebung der Stichworte, nicht aber im zusammenhängenden Text.) 142, 6 ſelbſt, F ſelbſt A, /, @, D, Gb. * 15 Fichtes Hb Fichte's A, J, F, G, 142, 15 und A, 7, G, D, Ob und F. 142, 15 ringe Hb Schelling's A, IF „G, P, Gb. 143, 4 Clemens Alexandrinus 7, F, G, Gb Klemens Alex. AR, D. 143, 5 (Strom. II. c. 17) J. F, G, Gb (Strom. II, c. 17, p. 304) Ah, D. 143, 8 ministrae. S. Sanctorum Patrum Opera Polemica, Vol. V. Wirceburgi 1779: Clementis Alex. Opera Tom. II, p. 304); f, F, G, Gb ministrae), Ah, D. 143, 10 auch, daß /, F, G auch daß ſchon Ar, D auch, daß ſchon 665. 143, 11 natura Ah, D natura, f, F, G, Gb. 143, 11 P. III, f. F, G, Gb III, Ah, D. 2: 1 Neg. 75 demonstr.) Ak, D prop. 7) . F. 143, 12 vorher: 5. F, G, Ob vorher prop. 9, Schol. Ah, D. 143, 12 Hie conatus, cum ad mentem solam refertur, Voluntas appellatur; sed cum ad mentem et corpus simul refertur, vocatur Appetitus, qui proinde nihil aliud est, quam ipsa hominis essentia. (P. III, prop. 9, schol. und ſchlie ßlich P. III. Defin. 1, explic.) — f, F, G, Ob hie conatus, qui vocatur voluntas et appetitus est ipsa hominis essentia, — und ſchließlich Definit. I, explic. p. 183. Ak, D. 143, 16 größtem Ah, D, Gb großem f, F, G. 143, 16 fagt Ah, F, D ſagte 1, G. G0. 143, 22 (De l’esprit IV, 7.) /, F, d (De l’esprit IV, 7, pag. 228.) Ak, D, Gb. 143, 23 erlaubt AR, D erlaubt, 1 1 Gb. 143, 28 plait F, G plait 4, f, D, 144, 37 privilegirte 7. F, G, Gb puviligirte 4. D. 145, 2 abgiengen: 4,½ G, D, Ob abgingen: F. 145, 6 Beifall, A, , D Beifall F, G, 05. 145, 7 vielmehr, /, F, G, Gb vielmehr A, D. 145, 12 Hauſer, A, 6, D, Gb Hauſer J, F. 150, 17 Bewandtniß, F Bewandniß, A, J, G, D, Gb. 151, 11 ſchwere A, /, D ſchwierige F. G, Gb. 151, 34 Herrn Sen. 47, G, D, Ob Herren f. F. 151, 36 die Herrn Sen. 47, G, D, Gb die Herren I, F. 152, 2 e 4, J, G, D, Gb Hauptwerkes, 2. Aufl., 152, 3 13. Aufl., S. 179], Hb (3. Aufl., S. 179), F, 5, Gb fehlt . D. Varianten. W Hb Fichte's; A, f, F. G, 152, 22 Sklav, /, F. G, Gb Sclav, Ah, D. 152, 24 urtheilen, Ah, . F. G, Gb urteilen, D 152, 25 Superiorität, ja, gegen mich vor⸗ nehm thun und vierzig Ak, D, Gb Guperiorität gegen mich vornehm thun, ja, J. F. G. 152, 26 berabzufehn, Ah, F, G herabzu⸗ ſehen, / „D, 6b. 152, 37 Nachtantiſchen Sen. 76, G, D, Gb nachkantiſchen , F. 152, 38 Dies, mit der Belt, Di 76, G. D, Gb dies mit der Zeit / * 15 ausſieht: A, J. L. 54 "ob ausſieht; @. 154, 35 Grundgedanke Hö Grundgedanken A, f. F, G, D, Gb. 154, 38 13. Aufl., S. 603.] Hd (3. Aufl. 603.) f (3. Aufl., S. 603). F, G, Gb fehlt A, D. 155, 10 Philoſophien verkündet, ja, . Gb Aan 80 ja J, F. 155, 14 Narın A, b Narren J. F. d. 155, 26 trionfante 115 Wan A, 7. F. A „D, Gb. 155, 37 gerecht; AR, J. F, G, Gb gerecht, D. 156, 22 zeitgemäße A, L. D, Gb zeitmäßige F. G 156, 23 Bigottismus Hö Bigotismus A, J. F. G, D, Gb (vgl. zu 16, 31). 157,3 Dem A, 6, Gb dem J. F, D. 157, 28 der Ah, J, G. L., D, Gb 8 F. 157, 30 Staat Ah, D Staat J, F, * 158, 24 reichen 4. 0. D, Gb 1 7, F 19, 1: 12 Journalen 4. G. D, Gb Journalen, 159, 17 du F Du 4, f. G, L. D, Gb (vl. 159, 22). 159, 21 Allen A, G, L. D, Gb allen J. F. 159, 35 müßte F, 1 Gb müſſte A, /. D. 160, 1 Einen A, J, L. D, Gb Einen F, G. 160, 37 iſt; 4. J. 0. D, 6b ift, FH. 161, 29 Antworten“ bereit⸗ haben 4. J. G, I. D, Gb Antwort⸗bereit⸗haben F. 162, 21 Hingegen iſt zu wirklichen und ächten Leiſtungen A, D, 0b Hingegen iſt zu wirklichen und ächten Lei⸗ ſtungen /, F, G. 162, 27 Leiſtung 4, D, 00 Leiſtung /, F, d. 162, 38 vivamus. F, G, 0b vivamus, 4, /, D. 164, 11 machen, A, D machen /, F, G, Gb. 164,15 Staat 4, G, L. D, Gb Staat f, F. 164, 16 unſers F, G unſres A, /, D, Gb. 164, 27 haben, Ah, 851 Gb haben f, F, @. 164 30 (3. Aufl. S. 179, Hö (3. Aufl. S. 179) J, F. G. 0⁵ fehlt A, D. 164, 32 Stobäos (&el. eth. L. II, c. 7): Hb Stobäos (Ecl. eth. L. II, c. 7. p. 226): Ak, D Stobäos (Ecl. eth. L. II, c. 7). — f, F Stobäos — G, Gb. 164, 36 e Al, J. F, 5 aatadssoteoov GC 164,38 (S. Stob. 5 226. )J. F fehlt Ah, „D, Gb. 165, 4 ehen Ah, D der Juriſt Ulpian 165, 4 wirft die Frage auf: an Ah, D zeigt eine hohe Meinung von den Philoſo⸗ phen; denn er nimmt ſie von Denen aus, die für liberale (d. h. einem Freigebore⸗ nen anſtehende) Dienſtleiſtungen eine Entſchädigung e dürfen. Er ſagt (Lex. I. $4, Dig. de extraord. cognit., L. 13): An f. F, 6, Gb (In d, Gb: 50, 13). 165, 7 (Lex. I. $ 4, Dig. d vxtraord. cognit., 50,13) Hb (Lex. I, f 4, Dig. de n cognit., L. 13) Ah, D fehlt 4. F. . 165, 25 Ander 4. / T. D würde. F, G, Gb. 165, 25 Si D dıöw, A, J. F, G, Cb. 165, 29 quidem, A, J. G, D, Gb quidem F. 166, 17 geißeln: Hb geiſſeln; 4, L. D geiffen: J, E, G, Cb. 166, 19 hier ſich A, /, D ſich hier F. d, Gb. 166, 28 an geſchrien; A. J. G, D, ob ausge ſchrieen: 166, 38 Alter F, G Allem A, J. L, D, Gb. 167, 17 ſeitdem A, J. L. D feinem F, 0, Gb. 168, 8 Jahren, Hb Jahren 4. /, F, d, D, Gb (korrespondierend zu 168, 7 welche,). Sr 2 ungekannt A, /. L, D unbekannt F 168, 25 anfieng A, . G, D, Ob anfing F. 169, 2 dann 4, /, L, D denn F, d, Gb. 169, 5 Laufe 4, G, D, Gb Lauf J, F. 170, 21 Anderer, F. 0 Andrer, A, /, D, Ob. 170, 34 hingearbeitet; A, J. @, D, Gb hingearbeitet, V. 171, 26 Parteien, 1 Partheien, 4, , F, G, D, Gb 5 50, 15; 179, 19; ferner zu E, XXIV, 3 u 28 eigenen 4, J. O, L. D, Gb einigen (bis Ausg. 122. ‘ Publillus = Publius Ah, f, F, G. D, 172, 2 (S. P. Syri et aliorum sententiae, Ex rec. J. Gruteri. Misenae 5. v. 280.) J. F. G, Gb (vers. 280) Ah, 172, 7 hineingeſündigt 4, J. 5 hinein ge⸗ ſündigt F, G, Gb. 172, 17 ſelbſt A, 4 G, L, D, Gb ſonſt F. 173, 19 je A, 10 . 25 D, eb fehlt F. 173, 22 gieng A „ J G, D. Gb ging F. 174,3 German 1, F, D german 4, G, db. 176, 5 an's A, . D ans F, G, Gb. 176,9 hierin ſich A, . G. L. D, Gb ſich hierin F. 176, 11 ja A, f, P, @b ja, F, G. 176, 16 Dies iſt ein Haupthinderniß der Fortſchritte der Menſchheit in jeder Art. A, D, Gb Dies ift ein Haupthinder⸗ niß der Fortſchritte der Menſch⸗ heit in jeder Art. / F. G. 177, 24 Mit 4. J, G. L., P, Cb mit P. 178, 10 vorhanden: A4, 7. L. D, Gb vor handen; F, G. 178, 14 in 4, G, D, Gb in J, F. 179, 22 Wolf, F, G Wolff, A, /, D, Gb. 179, 30 pernicioſe A, /,0,D,Gb perniciöfe F. 179, 32 ausgeſchrien A, /, G, D, Gb ausgeſchrieen F. 179, 33 wären A, D wären, J, F, G, Gb. 180, 2 welches A, /, L, D welche F. G, Gb. 180, 16 dieſe A, /, @, L. D, Gb die F. 180, 32 Kantiſcher 4,½ 0, L, D, b der Kan ; tiſchen F. 183, 12 „Geiſt“ 4, /, G, L, D, Gb „Geift“ F. 184, 3 in 4, C, L, B, Gb in J, F. 559
Anmerkungen. 1675 3 drinne A, /, @ (2. berichtigter Abdr.), „ D, Gb drinnen F, 6 (1. Abar.). 184, 8 ältere Hd älteren A, /, F, G, D, Gb. 185,9 wünſche, G, 65 wünſche A, J, F, D. 185, 12 ſoeben Ab fo eben A, /. F. G, P, Gb. 185, 12 „Zopfaeit". A. J, G, IL. D, Gb „Bopfzeit“. 185, 13 Köpfe; 4, G, L. D, Gb Köpfe; J, F. 185, 33 Platner Hd Plattner A, /, F, . D, Gb (vgl. die richtige Schreibweise G 20, 11; 23, 9; W II 99, 19; 609, 37; PII 123, 29). 186, 30 8526 Hb Hegel's A, , P. G, D, Gb (vgl. 185, 2 186, 33 Wide ah ren , Gb wiederfahren 187, 8 mit 4. 1, d, L, D, Gb und F. 187, 25 Allem A, L. D allem f, F, @, Gb. 187, 35 thieriſche, 4), P thieriſche /F. G, Ob. 188, 8 Stoff, A, D Stoff /, F, G, Gd. 188, 18 Herbart A, C, L, D, Gb Herbart J. F. 188, 19 aber A, f, L., D, Gb fehlt F, d. 188, 27 wann 4, f, L. D wenn F, @, Gb. 188, 27 zurechtgeſetzt A, D, 05 zurecht geſetzt /, „. 188, 36 Symbol een Abzeichen) An, D Abzeichen /, F. 8 b. 188, 37 überdies Ah, , G * D,, Ob überhaupt F. 188, 39 erkennen: Ah, D erkennen; /, F. „Gb. 189, 14 fo bald A, 0, D, Gb ſobald f, F (bis Ausg. 188 8). 189, 26 KR J. G, L. D, Gb anempfohlen, F 1 189, 26 lange, Gb lange 4. J. F. G, P. 189, 35 nämlich als A, . 0. L. PD, Gb als F. 190, 4 pudor! — 4, 7, 0. L, D, Gb pudor! F. 190, 4 Unſinnſchmierer /, F. D Unfinnsſchmierer A, 6, L, Gb. (Vgl. 194, 35). 190, 13 dumpfem f, F, G, Gb dumpfen A, 190, 29 nichts, A, / 0, D, Ob nichts F. 190, 34 Trotz, A, / 0, L, D, Gb Trotz, F. 192, = vierten Auflage A, G, D, Gb 4. Aufl. J. F. 192, 38 gebühren Hd gebüren A, , F, G, D, Gb (vgl. zu W II 600, 21). 193, 20 gebühre Hb gebüre A, /, F, G, P, Gb. 193, 29 Falls, F, G Falls A, /, D, Gb. 193, 32 Es lebe die Mediokrität! Spie. 403, G, Gb fehlt f. F, D. 193, 38 ſtreng Spie. 403, G, D, Ob fehlt /, F. i 8 Mißrredit F, 0 Miskredit A, . Gb. 194, ee J, F, @ Frieſe'ſches A, 159 a Scharlatans A,D Scharlatants /, F,. 5. 194, 35 ARSTER D Unſinnsſchmie⸗ rers A, ,, F, G, Gb. 195, 31 verleugnet E, 0 verläugnet A, /. D, Ob (vgl. zu W 11695, 27; 696, 2; 707, 30; 718, 2). 195, 36 u. A, , G, D, Gb und F. 195, 36 [2. Aufl. S. 81 u. 144.] Hb (2. Aufl. S. 81. u. 144.) G, Gb (2. Aufl. S. 81 und 144.) F fehlt J. D. 560 2 19 8 J. F, G, Cb Bruno (Vol. 2, 83) A 24 23 r Ah reputazion f, F, G, 196, 24 (S. Opere di Giordano Bruno publ. da A. Wagner. Lips. 1830, Vol. II, P. 83) J, F, G, Gb fehlt Ah, D. 197,7 Kant, f, F, G, D, Gb 1 A. 198, % Alten Teſtament Hb A. T. 4, /, F. b 199, 3 Gelehrten 4, D Gelehrten, /, F. G, Gb. 199, 8 Wortkram, A, 6, D. 0b Worttram J., F. 199, 10 Einige 4. D, Gb Einige, /, F, €. 199, 20 rochiren AR rockiren 7, F, G, D, Gb. 199, 32 Scheffel 7. F. G Schäffel Ah, D, Gb. 200, 22 Mietling 4, J. L. D, Gb Miethling F, G. 201, 27 jeder Hd der 4, f, F, d, D, ‚eb. 201, 35 Princip Ho Prinzip 4, J. F, d, D, 6⁰ (vgl. zu 80, 22). 203, 21 die Pbileſophie iſt Wi Kirche und keine Religion. A, D, Cd die Philoſo⸗ phie iſt keine 9 und keine ite 7, F, 204, 1, 4 neden Hb ges 4. J. F, 6, D, Gb (vgl. zu WI 500, 204, 15 Hegels Hb Hegel's A, . F, 0. 2 Gb. 204, 24 Beurtheilung, A, J, G, D, Gb Beurtheilung F. 206, 1 habe, Ah, J. F. G. D, Gb hat, A, L. 206, 14 verſehn 4, 0, D, Gb verſehen 7, F. 206, 17 andern Hb anderen A, /, G, D, Gb anderen, F. ). 206, 35 uao A, j. F. G, Gb. 206, 36 Ham ‚ne A, 0. I. D, 65 Unabhängigkeit. /, F. 207, 1 auch ir Sadis Guliſtan e von 80 Leipzig 1846, S. 185) wird geſagt, daß wer Nahrungsſorgen hat nichts leiſten kann. Ab Stelle im Saadi Guliſtan, daß . . . kann. Ah Auch in Sadis Guliſtan wird geſagt, daß .... kann. (S. Sadi's Guliſtan überſ. von Graf. Leipzig 1846, ©. 185.) J, F, G, Gb (auch eine) Stelle im Saadi A fan (überjegt von Graf S. 185, ſagt), daß ... kann. D. 20% 20 Mihtebit F, 6 Miskredit A, f, 0 208, 33 Sachen Az, J. L, D Sache F. O. Ob. 16 1 7 zee Ah, D, Gb zurecht ge⸗ eg 213, 6 ja, ei 4, J, L. D, Ob fehlt F, d. 214, 25 vor Hb von h3 (wohl Schreibf.), A „F, d. D, Gb. 215, 3 demonſtrabeln A3 e e 216, 34). 4. J. F., G, D, Gb (vgl. 2 215, 5 (S. 622. Aufl., S. 60] Hb (S. 62; 2. Aufl., S. 60) /, F, G. Cb (S. 62) 4. D. 215, 11 auffallendſten A. J. L. D, Gb auffallendeſten 13, F, d. 215, 13 das, 33 das 4. J, F. G. D, Gb. 215, 25 den Ah, G, B, Gb der J, F. 215, 34 gieng Ah, J. D, Gb ging F, G. 215, 35 er Ah, /, D, Gb er F, G. 216, 1 hievon AA, /, F. G, Gb hiervon D. 216, 2 vom Ah, J, F, G, Gb von D. 216, 2 Kröſus D Kröſos Ah, J. F, G, Ob (vgl. 273, 11, wo auch A Kröſus hat). —ͤ —ÜUEa— Varianten. 216, 7 auch einen n einen A, . E, G, D, Gb. 216, 27 ſei, &, 4, 1, @, L. D, db ſei, F. 217, 3 den aus das aus den Ad. 217,3 Stämpel h3, A, J, G6, D, Gb Stempel F. 217, 38 vollkommener 5 vollkommner Sen. 12, J, F, G, D, Gb. 218, 1 Sofmannes, x, J, F, G, D, Gb Hof ⸗ mannes 4 218, 4 Beobachtung, h3, F, G, (ub Beobach⸗ tung A, f,. 218, 13 Regung, h3, A, D, Gb Regung ‚@. 218, 19 angeborenen h3, A, D, Ob ange; bornen /, F, G. 218, 24 inſtinktmäßig h3, F, G, Ob inftinctmäßig 4, 1, D (rgl. W II 390, 5, 27 usw.), 218, 26 motions f, F, D actions A3, A, E, Gb. 218, 27 Marſhall Hb Marſhal A, /, G, D. Gb (vgl. die richtige Form W 1138, 29; 609, 26; W II 290, 33; 291, 21; 292, 21; 308, 23). 219, 6 äußern *3, A, G, D, Gb äußeren J, F. 219, 20 aus einander 1, auseinander A, , F, G, D, Gb. 219, 30 Wortes, 23, A, D Worts, f, F, G, Ob. 220,9 wann A3, A, J. L. D. Gb wenn F, G. 220, 10 wohlgeründetes, 23, A, J, F, D, G wohlgegründetes, 6. 220, 13 Zweck, 43, A, J D Zweck P. G, Gb. 220, 15 Verben cht, I. 4, J. D Vorher⸗ ſicht F. b. a 0 achvem h3, d, ,, G, L. D, & 220. 18 ewe h3, A, D gewöhn⸗ liches J, F, G, Gb. 220, i Gefichtspuntt an, J. D, Gb Geſichts⸗ pun 220, 21 intellegibili Hb intelligibilis A, f, 220, 23 nichts h3, A, J. C, L. P, Gb nicht E. 220, 27 ganz und ungetheilt 13, A, D ganz und ungetheilt /, F, G, Gb. 220, 37 wir, 43, A, f. G, D, Gb wir F. 221, 16 (Siehe Lukians Todtengeſpräche XIX und XXX; Herodot, L. I, c. 91 und IX, c. 16.) Hb (Siehe Lukian, Vol. 1, p. 235 und 260: Herodot, Vol. 2, p. 360. Vol. 1, p. 54). Ah, D In f, F, G, Gb fehlt hier die Quellenangabe, statt dessen wird der Satz: Man vergleiche hiemit Herodot I.. I, c. 91 und IX, c. 16; auch Lukians Todtengeſpräche XIX und XXX. im Anschluß an die Stellen aus Goethe und Jeremias 221, 23—222, 1 eingefügt und daran erst der ganze Absatz 221, 11—23 Die Alten bis falſch wird. angeschlossen. 221, 23 ſagt, h3, A, G, D, Gb jagt J, F. ud 28 Pe an Goethe, J, F, G, @b Schick⸗ al 221, 28 1 Ah, @, D, Gb gezogen.“ (S. die Ausgabe in 40 Bänden, Bd. IX, ©. 240.) f, F (Ein Zusatz, zu dem Schopenhauers Brief an Frauenstädt vom 30. August 1851 zu vergleichen ist: „Wenn man Goethen anführt, ſoll man es nicht nach Band und Seitenzahl neuer Aus⸗ gaben thun, ſondern das Werk nennen, nebſt Buch und Kapitel: da hätte ich auch Ihr Citat nachſehn können.“) 222, 5 außerhalb, werden J, F, G, Gb außerhalb und werden 13, A, Ah, D (Anderung wegen der nochmals mit und anschließenden Korr. in Ah). 222,22 Eines Hb Schiller's , 4, J. ‚6b. F, G, 222, 29 Reburch 13, J. F hierdurch A, G. D, Gb. 223, 24 fo viel F, G, Gb ſoviel B13, A, J, D. 224, 1 Menander, f, F Menandros, Ad, 4, G, D, Gb (vol. 226, 37 und PII 260, 27). 224, 2 bei Ah, D fehlt , F, G, Gb. 224, 2 C. 15, Ah, J, V, G, Ob cap. 15, D. 224, 2 Stob. Ecl. L. I, c. 6. $ 4 und Clem. Alex., Strom. L. V, c. 14) /, F, 6, G Stobäus I, p. 168 und Clem. Alex., Vol. 3, 9. 88 Ah, D. 224,9 20 h J. F, G, Gb Republik, (L. X p. 3 224, 13 1 0 Ah, D Aaysow*L, F. 0. Gb. 224, 13 0» e Öaıuova, Tovrov 27 axa Evumsunew Ah, D ö ro S Tovrorv K vuneuneıv I, F,. 224, 15 (L. X, 621.)/, F. G, O fehlt Ah, D. 224, 16 Stobäos /, F. C, Ob Stobäus Ah, D. 224,17 Rn: 3, pi, 8 93 beſonders 376.) Ah, D jehlt 1, F, d, 224, 18 (618), I F, 925 60 12 330), Ah, D. 224, 20 das 7, P, 6, 0 Das Ah, D. 224, 21 ovveoraı 7 avayıns. Ah, D ovveorar£f avayxans. . F. ur 29 Jamblichos Hb Daene N, J, F, G, D, @b (vgl. zu 74, 37). 221, 29 myst. Ah, D mysteriis /, V, G, Gb. 225,4 Fatum.“ h3, A (das Wort sieht am Anfang der Zeile, die ebenso wie die vorangehenden durch ein Anführungszeichen als Bestandteil des Zitats gekennzeichnet ist.), D „gatum." (Bier ist das Anführungszeichen jälschlich in die Zeile mit hineingenommen worden), F, G, Gb. 22 8 dere h3 außerhalb A, /. F, G, 6 225, 30 Gleichniſſen, 23 Gleichniſſe, A, / F. , D, Gb. 226, 13 26 h3, A, 7, G, L. D, Gb 29 F. 226, 13 [3. Aufl. 379—387], 0, 60 (3. Aufl. 379 ff.) 713. Aufl. 379 fg. ] F fehlt D. 226, 19 ſpäter von v3, A, J, G. IL. ſpäter die von F. 226, 20 unſers u, A, /, C. D, Gb unſeres F. 226, 23 [3. Aufl. 363] Hb (3. Aufl. 368) /, F, G, Gb fehlt D. 226, 26 bewunderungswürdige Hb bewund⸗ rungswürdige hd, 4, J, F, G, D, Gb. 228, 23 Zeit, 13 Zeit A J. F, 0, D, Gb. 228, 30 N Ah, D, Gb ber Griechi⸗ ſchen J, F, 228, 31 Apoll en D, Gb Apoll, f, F, G. 220 33 unverſehrt Ak, D unverſehrt, J. F. G „ Gb. 228, 36 Jahrhunderts unter Papſt Ju561
Anmerkungen. lius II., Ak, D, Gb ee unter Papſt Julius II. /. F. 228, 37 wohlerhaltenen 41. D wohl erhal⸗ tenen I, F, G,. Gb. 228, 38 eben fo An, D ebenſo J. F, G, Gb. 229, 13 Hippokrates (de alimento opp. ed. Kühn, Tom. II, p. 20) anwendbar: Ab Hippokrates de alimento (opp.ed. Kühn, Tom. II, p. 20) anwendbar: J, F, 6, 65 Hippokrates anwendbar (Hippoer. de alimento, p. 20) Ah, D. 229, 15 r ouumadea.— h3, A, L. D, Gb ayyınadea nuwra.— F, F, G. 229, 21 Entfernte oder zukunftige, AR, D Entfernte, oder Zukünftige /, F, G, Gb. 229, 21 andern F, G, Gb anderen h3, A,f,D. 229, 35 Behufe 4.½ F, G. D, db Behuf %3. 230, 16 find A3, A, f, G, D, Gb find, F. 230, 17 unſerer J. F., G, Gb unſrer A3, A4, D. 231, 6 en F Bewandniß 13. 4, J. , D, Gb. 231, 26 enge e J. F, G, D, Gb Angeführt e h3, A, I. 232, 11 unſer J. F, G unſrer 13, A, D, Gb. 232) 17 Geiſt, /, F, G, Gb Geiſt h3, 4, D. 232, 27 Anderes h3, 4. G, L, D. Cb Anders 232, 31 Oxon. /, F, D Oxford. h3, 4, G, L. Gb. 233, 28 Dies hd, A, G, D, Gb dies , F. ud meine3A3, 4, C, L, D, Gb meines 234, 17 mich A3, A, G, L, D, Gb mich 7, F. 234, 33; daher /, F, d Daher u * Gb. 234, 35 (Hamlet, Act. I, Sc. 5) /, V, d, db Alt Ah, D. fe 235, 13 mitflingenbe, nd, A, D mitllingende /, F, G, Gb. 235, 18 Ferne, 13, A, D, Gb Ferne f, F, G. 235, 26 [3. Aufl. 37 385. 1H — 3. Aufl. 379 ff. . SE 379 fg. F. — 3. Aufl. 379—387. 6, G. 2 FA zeitliches, 54, 4. , L, D, Gb zeitiges, 236, 26 Umwegen, I, A, D, ob Umwegen 236, 28 Sebenätauf nd, F. G Lebenslauf, 239, 6 Sterne. F, G, Gb Sterne: hd Sterne 241, 6 überall, h4, 4. G, D, Gb überall /, F. 241, 6 als Ah, G, L, Gb als doch J, F, D. aa 1 r pern, J, F, G. D, Gb Körpern 4, A, 241, 17 hatte, hd, A, J. L. V hätte, F, G, Gb. 241,18 Kundgebung, * Kundgebung A, J. F, G, D, Gb. 242, 5 Alles hd, 4, G, L. D, Gb alles J, F. 242, 15 der 2. Aufl. 14, A, J, G, L, D, Gb fehlt F. 242, 18 S. 12—14 3. Aufl. S. 13—15]. G, Gb S. 12—14. hd, A, J, D g. 4. F. 242, 38 Art A, J, F, G, B, Gb Att, h4. 243, 13 mehr A, /, F, G. D, Gb mehr, x4. 243, 14 eplenge h4, A, 1, 6, D, Gb anhinge F 243, 27 langſamern h4, 4, J. d, L. D, Gb langfamen F. 562 244,27 im Traum Spice. 274, D, Gb im Traum /, F. G. * 27 unſerer J. F. G unſrer Spic. 274, 244, 28 fo himmelweit Spie. 274, D, Gb himmelweit f, F, G. 244, 33 unſerer 5. F, G unſrer Spic. 274, „Gb. 2 5 B d, Gb aufdringen⸗ es. D. 245, 6 Wine ne ndenen, Ah, J, F, G unbedeutendſten, D, Gb. 245, 6 den Ah, F, G, D, Gb das J. 245, 7 Stämpel Ah, J, G, D, Gb Stempel F. 245, 15 Schwere, AR, G, D, Gb Schwere J. F. 246, 33 minutiös: hingegen Spic. 435, G, L. Gb n e hingegen D minutiös. Hingegen J. F. 247, 5 Seuptivert), D Hauptwerks) x4, A, 247, 18 hoff, h4 Stoff A, J. F,G, D, Gb. 247, 30 hiebei Ah, f, F, D hiebei eigentlich A, G, L., Gb. 248, 2 Das Ah, J. F, G, Gb das D. 248, 24 äußern, 4. A, G6, D, Gb äußern 249,18 Grade, 14. J. F, G. D, Gb Grade A. 249, 28 als welchem ausſchließlich die 475 als e ausſchließlich der 4, A, J, F. G, P, Gb. 249, 29 und welches Hb und h4, A, , F, @, P, Gb. 249, 36 Verletzungen hf, 4, J, L, D Verletzung F, G, Gb. 250, 21 Lerm F, Lärm ht, 4, f. D, Gb. 251, 17 Serucdjänerv Hb Geruchsnerve A4, 4, J. F, G, D, @b (sonst immer Nerv). 251, 28 Chymus, h4, A, J, D, Gb Chymus F, G. 253, 33 die ſelben 14, A, G, L, D, Gb dieelben J, F. 253, 34 dieſes, h4 dieſes A, f, F. G, D, Gb (Torres pondierend zu 253, 33 es,). 253, 38 beſondern, 14, 4, G, D, Gb befonderen J, F. 254, 32 S. 19 (3. Aufl. 15 19 f.) 6, @b S. 19) 14, 4, J. Diehl 255, 25 Kieſers 3, A, n 5. Gb Kieſer's F, G. 255, 37 ſeyn B;, A, D ſeyn, J. F. C, Ob. 256, 15 unſere /, F, G, Gb unſre h, A, D. 256, 17 gehörigem 7, F, G, Gb gehörigem, A4, 4, D. 257, 20 Funktionen hd, A, J, L. D Funktion F, G, Gb. 257, 33 Maſſe h4, A, D Malte, , F, G, Gb. 258, 19 Bewegungen, h4, A, f, D Bewe⸗ gungen F, G, Gb. 258, 25 iſt F, G, Gb iſt, hd, A, f, D. 258, 37 Weibes: Ah, J. G, L, D, Gb Wei⸗ bes; F. 258, 37 Saul, Ak, D Saul J. F. G. Gb. 259, 38 Heinen, Ah, D Heinen; /, E, G, Ob. 260, 2 Struktur hd, F, G, Gb Structur 4, f. P. 260, 6 Somnambulen /, F, G, Gb Somnambulen, Ad, 4, D. 260, 13 ff. 44, A, 45 15 D, 6b fg. 260, 14 ſehe, 74, 4 „J, G. „L. D, G0 ſahe, F. Varianten. 2 ment Hb Kerner's h4, A, I, F, d, 261, 2 Hesufüst h4, A, J, L, D hinzufügt: 261, 25 e Hb Daguerrotyp A, a 8 85 Theile Hb Theile, hf, A, J, F, G. 261, 29 Lichtftrahten, Hb Lichtſtrahlen ;, 4. „F., 8 261, 30 Kieſers 4 Kieſer's h4, A, J. F, G, B, Gb (vgl. 261, 38; 262, 7; 264, 25 usıo., wo auch hd Kieſers). 262, 3 Stuttgart F, @ Studtgard z“, A, J. D Stuttgard Gb. 262, Fr 1 . einanber Hb durcheinander „A, /. F, G. D, Gb. N 1 ihnen, Ah, J. D, Gb ihnen F, G. 263, 8 Dupotet, 6, Gb Dupotet Ak, 7. F, D. 263, 22 ja A, J, F, G, D, Gb ja, Bd. 264, 5 e n, h4 herrührenden A, /, 264, 25 mithöret. hd, A, J, G, L, D, Gb mithört. F. 556 Ra endlich 4 endlich A, J. F. G. 264, 34 fo viel Af, F, d, Ob ſoviel A, J, L. D. 264, 36 Somnambulismus Senilia 16, G, D, db Somnambulismus f, F. 265, 4 könne; = A. J, I. I G, Gb. 266, 31 ja, Al, B. „05 ja J, F, 266, 35 ed. Bip. /, F, G, Gb Ein, Ah, D. 268, 16 dem A4, A, 1. G „L, D, Gb vom F. 200 21 öfteſten Hb öfterften 4, J. F, G, D, 269, 37 und f. F, G, Gb fehlt Ah, D. 270, 9 andern, Ah, J, F, G, Gb anderen, D . 270, 10 kommt f, F, 0. eb trat Ah, D. 270, 11 Jahr Ah, 5 Pr * Gb Jahre D. 270, 15 „Ach f, F. G, 6b „ach Ah, D. 270, 22 abhieng: AR, 65 D, G abhing: F, G. 270, 24 Wirkung, . F. G, 6b Wirkung An, D. 270, 26 Alles f, F, G, Gb alles Ak, D. 270, 27 Die beiden Grundprobleme der Ethik, S. 6212. Aufl. S. 60]) E 1 1 bei⸗ den . anliene der Ethik, S. 62; A . 60.) J, F, G, G0 (Eibe v p. 62. ) 270, 36 wird, h4, A J. D, Gb wird F, G. 272, 4 bloß 14. 4. „D. 05 blos F. Ban 10 wo möglich hä, 4A, D womöglich, 272, 33 verſtehn Ah, D verſtehen J. E. G, ab. 272, 37 Buch I, gegen Ende. Ah, D Buch I, S. 42 fg. im 20. Bande der Ausgabe in 40 Bänden. /, F Theil 1, Buch I, ©. 75 ff. G, Gb. (Vgl. zu 221, 28.) 273, 11 Herodot f, Y, 0. Gb Herod. Ah, D. 27 12 Probe F, G, ob Feuerprobe Ah, J, 273, 18 kochte. Ar, D loche. J, F, G, Gb. 273, 20 konſultirte: davon 7, F, G, Gb kon; ſultirte. Davon Ah, D. 273, 23 — 1 Id, 4, G, D, ob Vorherſehens 273, 26 Ausfluß "ng, 4, J. L. D Ausfluß aus F, G, Gb. 273, 26 der ſelben h4, A, d, L, D, Gb derſelben / „F. 274,1 Were x4, 4, G, D, Gb unſrer 5, F. . u Mancher hg, A, G, L, D, Gb mancher 274, 11 vermag hf, A, D vermag, J, F, G, Ob. 274, "ie nächtlichen F, G, Gb nächtlichen, ‚f,D 274, 5 Kieſers Hb Kieſer's h4, 4, J, F. 275,3 außen J. F, G, Ob auſſen A, D. 275, 7—8 Banateion, h4 Panakeion 4, 7. F, G, D, 277 13 Schlaſes h4, A, D, Gb Schlafs 7, 275, 15 Grade: I, 4, /, D, Gb Grade, F, G. 275, 18 Szapäry F Sza vary hd, A, J, 0, D, Gb. (van 2 38.) 275, 19 üb. 4, ‚Gb üb: h4 über , F. 276, 4 Ke 4. J, F, G, D, Gb depotencirt, hd. 276, 6 iſt AA, D iſt, f, F, G, db. 276, 23 Erkenntniß, I, 4, G, L, D, 6b Erkenntniß, /, F. 276, 27 ff. 13. Aufl. S. 178 ff.: Eb ff.; 4. D ff. (3. Aufl. 178 ff.); J. G, Gb fg. (3. Aufl. 178 fo); F. 276, 28 [2. Aufl. ©. 1 1 Hb (2. Aufl. G. 32), F, G, Gb fehlt A 276, 29 ff. ha, A. J. d, D, 0 fg. F. 276, 29 (2. Aufl. S. 46 ff. und 63—69 Hb (2. g S. 46 ff. u. 63—69) C, Gb (3. 700. ©. 48 fg. u. 69— 75). F fehlt A, J, D. 276, 37 ER h4, A, D, eb Magnetiſiren /, F, G. 277, 6 daſſelbe, h4, A, e O. Gb. 277, 16 hiemit h4, 1 hiermit 4, J, O, D, Ob. 278, 28 Proceß, A4, A, G, D, Gb Prozeß, 278, 29 Genie, A4, A, G, D, Gb Genie J, F. 278, 32 Baquet J. F, 0. D, 0b Ba⸗ quett 24, A (vgl, 279, 3, 6, 18, wo auch 14, A Baquet). 5 36 Baquets F,. G, D, Gb Baquetts 34. 278 36 Kraft hd, A, G, D, Gb Kraft, J, F. 278, 38 den h4, A, 0, 4 % @b dem f, F. 279, 7 Metalle 34, 4 D, Gb Metalle, I, F. 279, 11 * Ad, d, G, D, Gb entfernteſte I, F. 279, 20 welche, J. F, d welche A, D, Gb. (In h4 ist die zweite Hälfte des Wortes durch einen Tintenfleck verdeckt.) 280, 1 e Hb Strom, 14, 4. d, D, 05 Strom /, F. 280, 4, 8 e Hb Strom he, A, f, F. 280, 17 F 14, A, D Wunderbare, J. F. Ob. 280, 27 in eee nd, A, d, L. D, Gb im gewiſſen J. F. 281, 20 Somnambulen h4, A, f, L Somnambule F, G, 6b. 281, 31 Name zg, A, L, D, Gb Namen 7, F, G. ur Wortes, hf, A, D, Gb Worts, 7. 282,32 Zeit, 34, A, D geit f, F. C, Ob. 283, 5 Ausktrößmung Ab Ausſtrömung h4, AN, F. 0. 283, 10 11 hd, A, f, D ihrer F, G, Gb. 563
Anmerkungen. 288, ya magiſch 4, , F, G, D, Gb magiſch Rn ;30,oeleugnet J. F, G geläugnet R£, 4. D, G. 283,38 Szapary, F Szapary, x4, 4, J, 284, 1 von 4, 4. , L. D, Gb auch von F, G. 284, 3 der hd, A, , G, PD, Gb der F. 284, 16 Standpunkt Ad, A, D, Gb Standpunkte J. F. G. = u jedes h4, A, J. D, Gb eines jeden 284, 23 Schon der A4, A, D Der J. F, G, Gb. 284, 29 Grund /, F, G Grund, hg, A, D, db. 285, 2 es als D die AZ, A, f. F. d, Gb. 285, 3 bloß 4, A, L, D fehlt f, F, G, db. 285, 17 Standpunkt RZ, A, D Standpunkte J. F. G, 6b. 285, 27 iſt: x4. A, f, D, Ob iſt, F. 286, 1 Dogmen F, G, Gb Dogmen, 4, A, D 286,1 Dem, h4, A,L, D dem, J. F, G, Gb. 286, 23 lang, Ad lang A, J, F, 7 D, Gb. 286, 23 . h4, A, f. d, D, Gb Frankceich A im 79 1850 aus ganz kürzlich A 285, 32 e h4, A, D praevalebit, Bech za VNTEQLOXVEL (8 0 ht 80 1. e. L. I. „as, in sola LXX, c. 4, 41), J. F. G. Ob IF. O. Gb haben in statt in sola]. 287,4 eben jo Ah, D ebenfo f, V, 0, Gb. te Arien Ah, 5. F, G, db Geſtal⸗ en 287, 45 jene Pfaffen /, F, @ fie A, D, 65 (Anderung notwendig wegen der vorangehenden Einschaltung 287, 2—8; vgl. auch Textänderung zu 287, 8). 287, 27 Einkünften, F, G, Cb Einkünften h4, 287, 33 hiſtoriſche und geologiſche Ent ⸗ deckungen (3. B. bis Sundfluth) / L. 6, Gb hiſtoriſche (3. B. dis Sündfluth) und geo⸗ logiſche Entdeckungen Spie. 461, D. 287, 35 Alten e IIb A. T. Spie. 461. 7. F. „, D, Gb. 288, Lin öffentlicher AR, P ae öffentlicher zur öffentlichen F, 0, 288, 3 wird: da 4. D wird. Sa I, F, G, 0b. 288,5 Buff, 8 Puff z. B. /. F, G, ub. 288, 6 fchon z. B. Ah, D ſchon 5, V, G, Gb. 8, 15 Schande der engliſchen Na⸗ tion, Ah, D, & Schande der englifchen Nation, J. F. 288, 16 9 Hb Byrons Ah, /, F, 6, D, 38 (Vgl. auch W II, 449, 28 u. 602, 37—3 288, 17 Shakeſpeare, Ah, D, Gb Chalſpeare Shakeſpeare F, 6. 288, 18 Weſtminſterabtei F, 6, Gb Weſt⸗ minſterabbey AR, D Weſtminſterabtey J. 288, 5 Baffentgum Ah, D Pfaffentrug J. F,. C, Gb. 288, 20 Konceſſionen Ah, D Konzeſſionen „E, G, Gb. 2575 27 Byron's 11 Byrons Ah, J, F, G, 288, 34 Officierſtellen Ah, D Offizierſtellen J. F, G. Gb. 288, 35 Officiere AR, D Offiziere , F. G, Ob. 288, 36 Krim F. G, D, Gb Stimm Ah, J. L. 289, 10, 12 Sabbathbreaking, J. F, 6 Sabathbreaking, 4, A, D, Gb. 289, 23 nah u (aus nahe) nahe A, J, F, 0, D, Gb. 290, 20 Zeit F, G, Gb Zeit, Ad, 1. J, D. 290, 22 dürften ht, 4. J, L., D dürfen F. G, Gb. 291, 14 indem, 14. 4, D, Gb indem J. P. C. 43 äußern h4, 4, G, IL. D, Ob äußern 291, 27 innen 14, 4, G, L. D, Ob innen f, F. 292, 10 Statt F, G, Gb ſtatt x4, A, J. D. 292, 17 kann; A7, 4, J, L. D kann: F, G, Gb. 292, 36 Erſ beinen J. P, d, Gb Erſchei⸗ nungen, AJ, A, D. 293, 5 Bd. hd, 2 J,. F, D B. G, Gb. 293, 15 welche, hä, 4. D, Gb welche , F, G. 293, 21 fo, Ag jo 4, J, F, G. D. Gb. 293, 25 innen, AS, A, 4. G. D, d innen F. 293, 27 Geſtalten F. G, Gb Geſtalten, A4, 4, 7, D. 222 35 ſtröhme Mb ſtröme A4, A, /, F, Gb. 280 1 ‚Niefers Hb Kieſer's A4, A, J, F, G, 294, 7 kn, in letzterem Fall, *, 4, L. B. G würde in eigen Fall, / würde in letzterem Fall V. 294, ie rates A, J, L. D wirklich 294, 11 andern Ag, J. F, G anderen A, D, Gb. 294, 22 heftige, Ad, 4, f. 0, D, 0 heftige F. 294, 38 Edinburgh F Edinburgh ud, A. J, d. D, Ob (vgl. W I 475, 8). 295, 1 Oct. F Oct: h4, A, . G, D, Gb. 295, 3 Edit. Hd edit. Ah, J, F, G, D, Gb. 295, 3 1852, Ah, /, F, d, Gb 152, D. 295,7 ſcheinbar, 14, A, G, D, Gb ſcheinbar J. F. 9 16 den engen A4, A, J. L. D den F, „b. 295, 32 gelegenen, hd, A, G, D. 0 gelegenen J, F. 1 ſiniſtern hd, A, G, L. D, Ob finſtern 296, 9 Juſtizbeamteten, Ad, A, /, L. D Juſtizbeamten, F, G, Ob. 296, 10 Skelett A4. 4, G. D, Ob Skelett, /, F. 1 11 ey h4, 4, 6, L. D, G5 Teibaft A 296, 38 hatte, At, F, G, Gb hatte 4, f, D. 297, 31 Geſchehendes h4, A, G, IL, P, Gb Geſchehenes /, . 297, 34 Freundes hd, J, F, G, Gb Freundes, 4, D. 298, 18 hörbar 4 hörbar A, , F. G, D, db. 298, 20 Morgen, Ad Morgen A, f, F. 6, B. Gb. 299, 10 dieſem. x4 dieſen. 4, , F, G. D, Ob. 299, 35 (S. James Richardson, narrative of a mission to Central Africa, London 1853.) 7, F, G, Gb (Richardſons Bericht über eine Sendung nach Central⸗Afrika: in deutſcher Überſetzung 1853.) Ak, D. 299, 38 Cazotte 14, 4, 6, L., D, db Cazotte /, F. 300, 13 feſtſtehenden, Ag, 4, 6, D, Gb feitſtehenden J, F. PV ² / ²˙v K . . . . ) , Varianten. 300, 16 Kieſers Hb Eis 14, 4, f. F, G, D, Gb (vgl. 300, 2 300, 28 151 ff. Hb 181, ff. x4, A, J, G, D, Gb 151, fg. F. 300, 33 Cuelle, hg, 4, D Quelle /, F. G, Gb. 301, 11 allen Ag, 4, . L. D alle 25 0, Gb. 302,5 Kerners H Kerner's h4, 4, J, F, „D, Gb. 302, 7 beſchriebene, h4, A, J, D beſchrie⸗ bene 1 „, Gb. 302, 21 in hohem h4, A, J, L. D im hohen 302,35 wird, A, J, D wird 14, F. 0, 05 305 5 Süefers Hb Kieſer's At, A, J. F. „, 303, 16 Odyſſee hs, A, IE G, Gb 11. 303, DL Schlafe, At, A, D Schlaf, /. F, 201, 4 ſieht *, A, D ſieht, f, F, G, b. 304, 37 laſſen: 34. 4 . G, L, D, Ob laſſen: F. 305, 5, 1, Souitieu 7 Soufleur h4, A, J. G, 115 10 Kieſers Hö Kieſer's Ad, A, J, F, ‚Gb. 305, 21 gieng h4, A, f. G, D, Gb ging F. 305, 37 gehabt; hd, 4,G, D, Gb gehabt: 1 gehab t, F. 306, Ah Akademie, h4, A, D Alademie J, F. 00 15 Review Hb review A4, A, J, F. „ D, Gb (sonst immer E. Review). 200. 20, 26 hieher Ad, F., G, Gb hierher 308, 27 getragene A, f. F, d, D, Gb getragene u. einzige A4. MR: 33 Einer, h4, 4, IL, D einer, 7, F. ‚Gb. 307, 12 kommen; h4 kommen, A, J. F, G, D, Gb. 307, 13 Erzählungen 14, A, J, L, D Erzählung F, G, Gb. 307, 32 hieher, n,. F. G hierher, A, f, D, Gb. 307, 35 von Hb (v. Ah, D fehlt , F, G, Gb. 307, 35 Merck, Hb Mert) Ah, D fehlt J, F. J 0. Gb (vgl. zu W II 256, 24). 307, 35 mbar | 1 „Hb 1852 Hamburg Äh, fehlt , F, G. Gb bi 308, 4 Perſonen 4. J, F, G, D, Gb Perſonen zugleich 14. 308, 9 1 2 Hd in fo fern h4, 4, f, P, @, D, Ob. 309, 8, 10 Kieſers Hd Kieſer's 14. A, J. F. b 309, 10 Archiv, Hb Archiv 14, A, J, F, d, D, Gb (vgl. 309, 8; 314, 35). 309, 18 hält: Ah, D hält; f, F, d, Gb. 309, 20 Spiritual Telegraph, @, Gb Spirian eee Ah, D Spiritualtelegraph, 309, 20 1854, Ah, D 1854 f, P, G, Gb. 309, 22 du G, L, Gb de AR, I, F, D. 309, 24 gheſers Hb Kiefer s nd, A, 7, F, 0. D, 309, 25 bieher h4, hierher A, , F, G. D, eb. 300, 31 Kieſers Ab Kieſer's ht, A, 7. F N D, Cb. 308,38 S. 736. h4, A, L. D, Gb S. 476. „F., G. 309, 38 l 4. G, D, Gb Prof: 4 Profeſſor J, F. 310, 6 Kieſers & Kieſer's A, /, F, G, D, Gb. 310, 6 Archiv, Ab Archiv h4, A, J, F, G, D, Gb (vgl. zu 309, 10). W 1 Hb Kieſer 8 ud. A, J, F, G, 5. G 310, 2 außen 14. A, I, D Außen 7, F, 6. Gb. 311,6 Erſcheinungen Ad, A, /, L, D Erſcheinung V, G. Gb. 855 A RR F, 6, Sb Sinnen 14, 4, „, 311, 12 eee b Auffaſſung (aus Anſichten), A, /, F, G, D, Gb. 311, 16 gieng 24. A, J. G. D. Gb ging F. 311, 751 die ſelbe 74, 4. 6, B, Gb dieſelbe 311, 28 Kants Hb Kant's 14, 4, J, P, G, D, Gb. 311, 32 dieſe */. A, L, IU die /, F, G, Gb. “a, 34 wirkenden 14, 4, J. I, wirkende „ G,. C. 311. 37 S. 15 13 Um. @ h4, A4, J. D E. 16. * 18 Himmel, h4 N A, J. F, 0, „ 0 S. 16 C, C S. 15 312, 19 Hölle, ud, 4, J, B Hölle F, G, Gb. 312, 33 ſahen, Ah, D, Cb ſahen 7. F, G. 315 ei Dilemma, Ah, D, Gb Dilemma 7. * 90 konnten: Ak, J. F, D konnten; G, 314, 19 aus n Ah auseinander Ad, 314, 26 f. 4%, A, D, Gb Jahre J, , C. 315, 36 Cinzeiteiten Hb Einzelnheiten h4, 4. J, F, G, D, Gb (vol. 245, 12; WII 82, 3 315, 37 alsdann, h4, F, G, Ob alsdann 316, 6 Julien, D, Gb Jülien, AR, J, F. 0 (vgl. WII 525575 1 36; E 248, 36). 316, 12 u. ſ. w., 44, J, F. „ , b u. ſ. w. A (Zeilenende). D. 317, 2 Nen J. F, G. Gb Auſſagen A, D (vgl. 316, 29). 317, 3 prototollirt J. F, G. Gb protokolirt 4, A, D. 317, 5 ſtand h4, A, J. D ſtand, F, G, Gb. 317, 12 Protokoll⸗Ausſage J, F, G, Gb Protökol⸗Auſſage nd, d, D. 317, 14 Betrachtung 14, A, J. L, D Be tracht F, 6, Gb. 1 Entſtehns h4, d, G, D, Gb Entſte⸗ ns 318, 6 p. 278 [S. 310 der vorliegenden Ausgabe), Hb p. 278 unten), Ah, D P. 310), /, F p. 278), G, Gb. 318,9 dann Ah, f, F, @ denn D, Gb. 318, 19 Kants 14. A. J. D Kant 's F, 6, Gb. 318, 30 vergl. Sonntag, Sichlimentorum academicorum Fasciculus de Spectris et Ominibus morientium, Altdorfii 1716, P. 11) /, V, G, Gb Sonntag, dissertatio de spectris p. 11; nicht weiter daſelbſt motivirt oder erklärt, j ja eigentlich in anderm Sinn gebraucht. Ah, D e 318, 31 bloße F, G, Gb bloſſe A, . 5 318, 37 bloßes, F, 6, D bloſſes, 4, J. D. 320, 6 Geiſtererſcheinungen hd, 1 5 G, D, Gb Geiſterſcheinungen F. 565
Anmerkungen. 320, 18 geſagt 2. A, J. D gejagt, P, G. Gb. 320, 19 möglich“ hd, A, J. D möglich“, F, G, Cb. 320, 20 ift 4, 4, 0, L, D, Cb iſt /, F. 320, 24 Beſtimmungen AL Beſtimmung A, J, F, d, D, Gb. 320, 30 285—289 [3. Aufl. 195, 309, 322— 3261) Hb 285— 289) A, D 285— 289; 3. Aufl. 195, 309, 322 ff.) 7 285— 289; 3. Aufl. 195, 309, 222 fg.) F 285— 289; 3. Aufl. 195, 309, 322 —326) G, I., G0. 321, 7 ſtellen: Ag, 4, , G, L, D, Gb ſtellen; F. 322, 2 inſofern Ag in ſofern 4, /, F, G. D, Gb. 322,7 außen Ad außen 4, . F. G, D, Gb. 322, 11 welches, AS, A, f. D welches F, G. G5. 322, 15 verſteht. Ad, A, /. F. D, Gb vorſteht. 6. 92 36 unmittelbarer u unmittelbarer A4, J. E, G, D, Gb. 323, 2 eben ſo h4, 4,1, D ebenſo F. G, Gb. 324, 3 Trieb, 4, 7. 6 4 Gb Trieb h4, F. 324,7 Roberto "24, A Ruperto J, F, d. L, D, Gb. 324, 28 Andere 4, A, f, L, D andere , 0. Gb. 324, 37 Somnambulen /. 55 G, Gb Som; nambulen (Alexis) Ah, 325, 2 das ſelbe, Ah, E daſleibe./ F, , Gb. 325, 3 Hellſehns 4, , F, G. Gb Hellſehens D. 325, 16 haben, 4. D hab en h4, J. F, G, Gb. 325, 35 außen /, F. G auſſen A, D, 6b. 326, 1 geſehn N,. 25 3 D, G5 geſehen 7, 0. 326, 5 außen, J. F. G. db auſſen, A, D. a 34 a Per 4,1, D überhaupt F, G, C 525, 20 Gone, h4, A, G. D, Gb Schrif n % F 229 2 bloß, Ah, J. D, Gb aa; F. G. 329, 9 Betrachtungen, h4, d, G. D, Gb Betrachtungen J. F. 333, 27 gewöhnlichen, A, /. F, G, Gb gewöhnlich en D. 335, 17 wird. A, G, L. D, Gb wird. J, F. 336, 3 — Vgl. Clemens Alex. Strom. Ii. 21, p. 362 der Würzburger Ausgabe der opp. polem.) J, F. G, Gb Clemens Alex. Strom. II, 21. p. 362.) Ah, D. 336, 7 vorgeht. A, /, F, D, Gb Berge: 2 336, 28 Byron's, Hb Byrons, A, J, F, G. D Gb 337, 10 Einer Ah, /, F. D einer 0, @b. 337, 10 Anderer /, F. G Andrer Ah, D, Gb. 337, 13 vorhanden: Ah, D, Gb vorhanden, I F. G. 337, 15 ſo: Ah, D fo. f. F, d, Gb. 337, 18 Behagens; Ah, D, Gb Behagens, 337, 20 andere J. F. G. Gb Andere Ah, D. 337, 28 Geſtalten, F, G, 0 Geſtalten 4. D. 338, 5 Gränzen Ah, P, Gb 1 15 6. 328, 8 Voraus Ah, D voraus /, F, G, Gb. 338, 10 rl, W. a. W. u. V. Bd. 2, 8.76 13. Aufl. S. 790) Hb (Vergl. W. a. W. u. V. Bd. 2, p. 73.) Ak, D fehlt f, F,G, Gb. 338, 20 mögen; Ah, f. F. & mögen, D, Gb. 338, 21 angeborenen Hb angebornen Ah, D eiftigen J, F,. G, Gb. 23 unſerer F, G unſrer A, J. D, Gb. 566 338, 28 Klotz ein ſtumpfer Klotz, 4. /. G, L. D, G5 Klotz, F. 339, 24 Tyrrhena A, f. D Thyrrhena F, , Gb. 340, 15 mußt /, F, G. L, D, Gb muß A. 340, 16 Sibyllen, A, L. D Sybillen, , F, G, Gb. 340, 28 Handarbeit, Ah, D Handarbeit J. F. @, Gb. 341, 23 Andere A, L. D andere f, F. G. Gb. 341, 24 wenig A, J, 6, L, D, Gb wenige F. 341, 29 überläßt. A, J. G. L. D, 6b hinter⸗ läßt. F. 341, 34 Dieſes, A, G. D. G5 dieſes, /, F. 342, 7 in oft A, J. L. D' oft in F, G, Gb. 342, 27 ſtehn A, J, 6, D, Gb ſtehen F. 343, 3 Dieſes 4. G, L, D, Gb dieſes f, F. 343,9 viel mehr A. 0, L. D, Ob vielmehr J, F. 343, 12 „er A, /. 6. D, Gb er F. 344, 7 sano (Juvenal. Sat. X, 3500 5 Ch sano, (Juvenal, Sat. x, 356) /, sano, A. 345, 12 zwei Ah, J. F. D wenigſtens zwei 5 4, G, L. Gb. 345, 15 Lebensproceſſe /, F. G, Ob Lebensprozeſſe An, D. 345, 18 1 Ah, D 1, F. d, Gb. 315, 30 fehlt; Ak, D fehlt, /, F, G. Gb. 345, 31 äußern AA, /, F, G, Gb äußeren D. 345, 36 ſehn ge D, Gb ſehen J, F. G. 347,6 — Die A, /, L, D Die F, G. Gb. 347, 26 ärgern, 4, /, D ärgern 1 5 18 Gb. 347, 31 Eine Ah, 7 F, G eine D, G 347. 33 — Wie 4. G, D, ar 318,9 dvoxoka F. C. D, Gb Övoxolıq A, J. 348, 33 angeborenen Hb angebornen A, J. F. C, P, Gb. 349, 13 Beide A, J. L. D beide F, G, Gb. 349, 35 Touriſtenleben Spic. 449, D Touriſtenleben /, F (G, G5). 350, 8 Abwege 4, J. L. D Gienbe R B. Gb. 350, 16 den F, G, Gb dem A, f. L. 351, 3 auch ihnen, Ah, J. F, 0, 5. @b können auch 4. 351, 26 durch . Hb durcheinander, 4. J. F, G, D, Gb. 351, 31 Benfionair, 4, f. L. D, Gb Penſionar, F, G 351, 32 Muße 4, d. L. D, Gb Muße /, F. 352, 6 Langenweile Sen. 137, / Langeweile F, G, D, Gb. 352, 9 da; Sen. 137, d, D, Gb da, / F. 352, 21 Klappern und Trommeln, J. F, D klappern und trommeln, Sen. 137, G, @b. 352, 23 Daher alſo in G, Gb Daher 4. D. 352, 37 andererſeits /, F. „0 andrerſeits Ah, D, Gb. 353,2 Gewohnheit AR, D, Gb Gewohnheit, 353, 2 verfahren Ah, D, Gb verfahren, ,. F. 353, 8 Muße A4. G, I. D, Gb Muße 7. F. 353, 33 431 8. 50 431. 9 A, D, Gb 431, 18.) FE. 353, 35 je mehr A, f. G, L, D, Gb jemehr F. 354, 2 Genuſſes /, F. 0 Genuſſes, A, D, Gb. 354, 32 jo weit f, F. G, Gb ſoweit 4, L, D. 355, 26 die Verſion bei Heeren iſt: Al. D fehlt J. F, G, Gb. Varianten. 355, 27 compotes). Ueberhaupt, in noch kürzeren Ausdrücken, as Ah, D comtes); auch 7, F. G. 356, 33 Aug ee 45 fi F, G, D, Gb angemeſſene 4, L. 356, 37 Zweitens, F. G, Gb Zweitens A (Zeilenende !), J. D (vgl. 356, 34 u. 357, 1). 357, 21 Reiches Spic. 457, @, D, Gb Reichs UF. 357, 22 ende, PER: 457, G, L., Gb Intelligenz J. E. 357, 32 ſolchen ere Spic. 457, G, L, D, Gb ſolchen }, F. 7,38 — Denn Spic. 457, D Denn I, FP, 0. G5. 358, 15 geg /, F. . L. Gb Sia A, D. 358, 21 zugänglich: denn 17 457,6, L. D, Gb zugänglich. Denn J, F. ß 31 Klotz Holz Sen. 143, 6, L., D, Gb lotz 7, F. » 358, 38 ſichtbar, — Sen. 143, C, L. Gb ſicht⸗ bar, f, F, D. 359, 27 führt, A, 7, D, db führt F, G. 359, 30 anſieht; A, L, D anfieht: J, F. G, b. 360, 23 nämlich zur /, F, G, @5 nämlich ein ſolches intellektuelles Leben zur Ah, D. 360, 31 u. Y Du J. F, G, Gb u. ſ. w. 4 (Zeilenende 361, dnn 4A, D gewöhnliche J, F. 201. 17 ſtehn A, f. 0, D, Gb Pd F. au, 22 Genies Hb Genies A, J, F, 0, D, Gb. 361, 24 Thema; A, f, D Thema, F, G, Gb. 362, 26 und AR, J, L. D ober F, d, Gb. 363,6 Goethes Hb Göthe's A, f, D, Gb Goethe's F, G. 363, 6 Talente, Hb Talent, A, J, F, G, D Gb (tgl. W II 441, 27). 363, 7 Talente Ab 1 775 A. J. F. d, D, Gb (vgl. WII. 441, 2 363, 7 iſt, AD iſt A, . F. Q, D, 6b (tgl. W II 441, 27) 363, 13 eg hend, A. D. Gb entiprechend 7, F, G. ar 18 Andererſeits J, F Andrerſeits A, G, 364, 7 kann, und hundert Dinge, an wel⸗ chen fie großes Genüge haben, ihm ſchaal und ungenießbar ſind; wodurch Ah, D kann. Hundert Dinge, an welchen ſie großes Genüge haben, ſind em ae und ungenießbar; wodurch f, F, d, Gb. 364, 24 mit einander Ah, /, F, G, 65 "mit einander D. r 24 Alten Teſtaments: Hö A. T.: Ah,D 5. J. F, G. 364, 26 1 Ak, D novnoa.) J. F. 260 26 Jeſus Sirach Ah, D Jeſ. Sir. /, F. 364, 26 22, 12) Ah, D 22, 12. ER 6, Gb. 364, 26 und: An, D und f, 364, MR dlynna, Ak, D We , F. 364, 28 Koheleth Ah, D 1 155 IE: G. Gb. 364, 28 1, 18). Ah, D 1 18. J, F, G, Gb. 365, 2 ift. An, J F. O, D „05 hat. A, L. 11 10 2 A, f, 8. 7% D, Gb geiige 37 Schopenhauer, Werke V 365, 23 Voraus Hb voraus 4, /, V, G, D, cb (vgl. zu 19, 5). 366, 21 Gin großes Spie. 436, D Das große „F, 0 366, 30 beglückt, J, F, G. Gb beglückt A, D. 366, 32 [2. Aufl. S. 272) Hö (2. Aufl. 272) J. F, G, Ob ſehit A. 367, 5 und nothwendigen: A, /, D und die nothwendigen: F, G, Gb. 367, 16 und Cicero, de finibus, 1, c. 14 und 16.) Ah, D — Cic. de fin. 1, 13.) J, F— Cic. de fin. I, er ) und Cie. de fin, I, 14 und 16.) G e 13 man. — u 52,G,L, D, Gb man. 368, 14 Ruhm. Sen. 52, 6, D, Gb Ruhme. 368, 31 ao Hb 4. J. F. d, D, E bel au W II 28 368, 35 beſtehenden Spic. 468, D beſtehen⸗ dem I, F, G. Gb. 369, 1 Reichthum, Spice. 468, D, Gb Reichthum J, F, G. 369, 1 n Spie. 468, D, Gb aufrichtiger 369, 23 e en. Ah, D heranzu⸗ ſchaffen. — f, F, G, Gb. 369, 23 Leute, A, /,. D Leute F, G, Gb. 370, 26 find: A, 5 G, L. D, 65 ſind, F. 370, 34 Luft; J. F. „ 6. D, Gb Luft, A. 371, 3 Da 4, G, L. D, 6b Dann /, FE. 371, 3 Shakeſpeare F, G, Gb Shakesſpeare 371, 23 Catire, Singegen Ah, D Satire; hingegen J. F. G, Gb. 371, 28 Boswell, AA, d, D, Gb Bos well 0 „F. 371, 28 ann. 1776, aetat. 67.) G, Gb aetatis anno 67.) Ax, Bann. 1776, aetat. 67, in der Ausgabe von 1821 in 5 Bänden. Vol. III, p. 199.) / F. 372, 6 man als 4, J, F. © Gb man eigent20 sul juris als Ah, 372, 7 man eigentlich ee juris, Herr f, F, „b man Herr A, Ah, D. 70 9 und Ey und Dem F., G, Oh und em 372, 21 TFbllanihropiſche F, G, Gb philantropiſche A, J, L, D (vgl. E 244, 4). 373, 34 merken, 4, 4, L merken; F, 0, D, * 375, 11 Menſchen, den man lobt, 4 F. Nec en, den man lobt, Sen. 18. 375, 12 ae Hb Prätenſion A, f, 35 , D, Gb (ebenso 379, 10/11 und 435, 2275. 26 und, J, F. G, D, Gb und A. 376, 8 Glücke A 6, D, Gb Glück F. 376, 36 „unſer Ah, D unfer J, F, d, 13 70 13 Anderer.“ "Ah, D Anderer. J. F. 3 377, 2 leget, Ah, D legt 5, F, G, Gb. 377, 2 erzeiget. Ah, D Fach 5.5 G, Gb. 229,1 17 ftärleften A, /, G, L. D. Gb ftärl380, 6 Galgenſchafott 1 Galgenſchaffot 4. J, F. C, P, 6b (u . 415, 28; WII 209, 2; ferner zu W 1 des, 29; 465, 14; zu W 11 426, 38; 596, 30). 567
Anmerkungen. 380, 8 gieng, A, P, Gb ging, J. F. G. 380, 9 Schafott Hb Schaffot A4. J, F, d, D. Gb (vgl. zu 380, 6). 5 380, 15 die, A, f, L. D die F, 0, Ob. 380, 20 Proceß, 6, Gb Proceß 4. . F. D (Torres pondierend zu 380, 19 Lecomte,). 380, 24 erſehn A, D erſehen J, F, G, Gb. 381, 33 ungeſtörter F. C ungeftöhrter A, J. L, D, Gb. 381, 37 Stolz F. G. Gb Stolz A, l. L. D (vgl. die torres pondierende Sperrung bei 382, 1 Eitelkeit). 382, 9 Anderer, /, F. G Andrer, Ah, D, Gb. 382, 18 beruhen: — A, J. IL. D. Gb beruhen, — F, G. 382, 26 wehen 4, J. G. L. D. 65 ver chrieen F. N 22 mehr, A, L. D mehr J. F. d, 63. 383, 24 gebührender Hb gebürender A,f,F, G, D, Cb (vgl. zu W II 233, 30; 336, 10; 600, 21). 386, 4 ſtehn A, /, G, D, Ob ſtehen F. 386, 26 falſchem J, F, G falſchen 4, L, D. Gb. 387, 3 entrathen, AB, D entrathen „F. O, Gb. 387, 5 bricht Ah, J, F, G bricht, D, Gb. 387, 6 mag, und die Ak, D mag: die /, F. , G5. 387, 7 welche Ah, J. F. D welcher G, Gb. 388, 35 amtlichen Adrers. 114, D, Gb amt« liche J, F, C. . 389, 4 ihn. — Advers. 114, D ihn. J, F. G, Ob. 389, 5 dem ſelben Advers. 114, C demſelben ’ * 7 2 389, 19 find die Amtsehre Advers. 114, D der Amtsehre find die /, F, G, Gb. 389, 23 hat; alſo /, F, G, Gb hat. Alſo Advers. 114, D. £ 389, 32 Sinne Advers. 114, 6, 0b Sinn /. 389, 33 gebührenden Ab gebürenden Advers. 114, J, F, G, D, Gb (vgl. zu 383, 24). 389, 35 Die Serualehre ſcheint mir f, F, , 0b Hingegen ſcheint mir die Sexualehre A, D (Anderung nötig wegen der vorangehenden Einschaltung 388, 32 —389, 34). 390,1 Serualehre A, D Sexualehre J. „0, 6b. 391, 10 Jene, A, 8, L. D, Gb jene, /. F. 391, 20 Farcen D Fargen A, J. F. G, Gb. 392, 15 Staatsräſon, A, /. L. D Staatsraiſon, F, G, Gb. 393, 15 Shakeſpeare, Ab Shakesſpeare, A, J. F, G, D, Gb (vgl. zu 371, 3). 393, 27 eine, /, F, d, D, Gb eine A. 393, 30 Mohammedaner, 7. F, G, D. 0 Mohammedaner 4. 394, 31 er 4, G, IL, Gb er J, F. D. 394, 36 Herſtellungsproceß, F, 6, Gb Her⸗ ſtellungsprozeß, A, J, D (vgl. zu 30, 35). 395, 1 geſchehn A, G, D. Gb geſchehen J, F. 395, 24 Ehrenprincip A, 6, D, Gb Ehrenprinzip /, F. . 396, 4 Kriminalproceſſen, 4, G, D, 65 Kri⸗ minalprozeſſen, /, V. 396, 7 ſchworen, A, /, IL. D beſchworen, F, 0b. 568 396, 20 (Wirklich /, P, G, Gb Wirklich Ak, D. 396, 22 haben.) J. F, G, Gb haben. Ah, D. 396, 22 Kriminalproceſſen Ah, G6. D, Gb Kriminalprozeſſen /, F. 5 396, 24 erwiderte: f, F, G. Ob erwiederte: AR. D. 396, 34 als Tod A, f, G. L. D. Ob als der Tod F od F. 397, 2 Todtſchlag Nb Todſchlag A, /, F. G. D, Gb (vgl. zu 406, 2, 15; 410, 11). 397, 5 jemals ſich Ax, J. F, D ſich jemals A, 398, 12 eklipſirt 7, F eklipcirt A, G, P, Gb. 398, 22 Kontroverſe, F, 6 Controverſe, An, I, D, Gb. 398, 23 den ſelben Ah, G, D, Gb denſelben „F. 399, 3 Einem A, G, L, D, Gb einem J, F. 399, 37—400, 24 nun dieſer bis that,) Adv. 124, D dieſen ſtudirenden Jünglingen, wie wohl ſchon öfter geſchehn, /, F. 400, 20 Schläge, A, J. D Schläge , G, Gb. 400, 22 Europas 15 Europa's A, J. F, G,. D, Gb. 400, 27 Geiſt D jungen Geiſt AR, f, F. 401, 2 Edlen A, J, D. Gb Edeln F, G. 401, 29 n’etait A, f, G, D, Gb n’etalt F. 401, 33 gd, d. h. Mißhandlung, Hb auxıa, d. h. Mißhandlungen, 4, f, F, G. D, Gb. 402, 5 Stobäos (Florileg., ed. Galsford, Vol. I, p.327 —330) J, F, G. Gb Stobaeus in Mlorilegio Vol. I, p. 327 Ah, D. 402, 27 Bip. D bip. A, /. F. C. Gb (vol. 402, 12). 403, 33 Shakeſpeare's F, G, Gb Shakesſpeare's A, / D. 404, 19 wohlgeheizt 4, G, IL, D, Gb wohl ge⸗ heizt /, V. 2 404, 21 hat, 4, /, 0, L. D, Ob hält, V. 404, 24 zu 4, 0, I., D, Gb zu I, F. 405, 34 ſpätern 6, Gb fpäteren f, F. 406, 2 Todtſchlag J, F. G, Gb Todſchlag A, L., D. 406, dg F, G, Gb Todſchlag A, 407,5 Denen A, G, L, D, Gb denen 7, F. 407, 25 ſtämpelt. A, /, G, D, Gb ſtempelt. F. 408, 25 das ihr gebührende A, /. G, L. D, Gb den ihr gebührenden F. 408, 25 welches A, , G. I, P, Cb welchen F. 409, 8 nicht nur Hö nur nicht 4, f, F, G, D, Gb. 409, 35 de A, J, G, L. D, Cb du F. 409, 36 des 4, G, IL, D, Gb de f, F. 410, 11 Todtſchlag F, @ Todſchlag A, f, L. D, Gb. 410, 33 liege, D liege A, J, F, G, Gb. 411, 20 herkommt, Ah, D herkommt, — „F, d, Gb. . 411, 23 beeifern, Ah, D, Gb beeifern . F, G. 411, 26 folgender zu ſeyn. Ak, D folgender: J. F, G, Gb. 411, 26 Stande, Ah, D Stande J. F, G, Gb. 411, 27 Gelde Ah, D, Gb Geld , V, G. 411, 28 andere f, F. G, Gb andre Ah, D. 411, 30 in hohem AA, f, D im hohen F, 9. Gb. . 411, 33 Hülfe Ah, /, F, G Hilfe D. Gb. — — T——ẽ— — Varianten. 411, 34 Militär- AN, C, L, D, Cb Mititair413, 21 im Duell 4h. J. T. P bein duell A, 413, 36 Lüge F, @ Lüge, A, /. D, Gb. 414, 9 ich, F, G, Gb ich A, J. P. 414, 11 Herausforderung, Mb Herausforderung 4, /, E, G, D, Gb (korrespondierend zu 414, 11 ich,). 414, 20 welcher 7, F, G, Gb welche A, D. 415, 21 Regierungen, A, f, D, Gb Regie⸗ rungen F, G. 416, 4 ſtehn Ah, D ſtehen 7, F, G, Ob. 416, 11 Gehalte. — AR, 6, L., D, Gb Ge⸗ halte. /, F. 416, 17 Nation, A, /, D Nation P, G. Gb. 416, 1 bürgerlichen F, G, Gb bürgerlichen, 416, 22 Einer A, L. D einer /, P, G, Gb. 417,4 Werke Hb Werke 4, /, F, G, D, Gb (entſprechend 417, 3 Thaten). 417,7 Von den Thaten bleibt nur das An⸗ denken, f, F, G, Gb daß von den Thaten nur das Andenken bleibt, A, Ah, D (Änderung wegen des vorher eingefügten Zusatzes). 417, 26 titulirt: Ah, D titulirt. /, F, G, Ob. 417, 34 eintritt, Ah, D eintritt /, F, G, Gb. 418, 26 Gerichte A, /, 6. D, Gb Gericht V. 418, 29 ja, A, J, G, D, Gb ja F. 419, 20 hievon 7, F, G6, D, Gb hiervon A. 419, 21 vorübergehn 4. J. G, D, Gb vorüber; gehen F. 419, 23 Augenblickes A, J. L, D Augenblicks F, G, Cb 419, 32 iſt aber A, /, L, D aber iſt F, G, Gb. 420, 8 Jene, 4. G, L. D, db jene, J, F. 420, 18 Genies, A, 0, J, D, Cb Genius, V. 420, 24 fool's F, G, Gb fools A, f, B. 420, 29 ſtumpf. A, L, D ſtumpf, /, F, G, Ob. 420, 36 herausſehn.“ A, /, G, B, Gb herausſehen.“ F. 2 36 Gellerts Hö Gellert's 4, /, F, G, ‚Gb. 422,9 Voraus, Hö voraus, A, /, F, G, D, Ob (vgl. zu 19, 5). 422, 10 Neide A, f, D, Gb Neid F, 0. 423, 27 Aceidenz Hb Accidens A, ½ F, G, D, Gb (vgl. W 1 12, 21; WII 346, 30 u. 8. 70.) 424, 14 Feldherren, F, G, L, Ob , Feldher⸗ ren, 4, J. D. 425, 22 hervorgieng; 4. J, C, D, Gb hervorging . 426, 34 vielſtimmigſte A, /. C, L. D, Gb vielftimmige F. a % 8 käme, A, 7, D hinzukäme, F, 427, 14 daß, Ah, D, Gb daß f, F, G. 427, 15 ſetzen, Ah, D, Gb ſetzen 7, F, G. 427, 16 — Wenn 4. C, L, P, Gb Wenn J, F. 427, 18 geſchehn: A, / 0, D, Gb geſchehen: F. 427, 22 Eintritt A, /. G, D, Gb Eintritte F. 427, 31 ächtes A, C, D, Gb echtes f, F. 428, 20 Ruhm, F, 6 Ruhm A, J. G, Gb. 428, 22 Menſchheit 4. / P Welt E, G, Gb. 428,37 Gränzen A, /. D Grenzen F, G, Gb. 429, 22 nun J. F. G, Gb nun, A, B. 429, 35 Jemand F, 6, Cb jemand A, ,, D. 429, 37 Allen AR, f, D allen F, G, Gb. 430, 1 Art, Ah, D, Gb Art f, F, d. 37 430, 4 (Epist. I, 11, v. 27.) /. F. G, 6b fehlt Ah, D. 20, 13 einzugehn, A, J, D. Gb einzugehen, 431, 27 Die lateiniſche Verſion des Satzes iſt matt: Deutſch ließe er ſich ſchon beſſer geben, etwan: 1b Die lateiniſche Verſion iſt matt: Deutſch ließe er ſich ſchon beſſer geben, etwan: Ah, D Beſſer noch deutſch ließe ſich dieſer Satz etwan ſo wieder⸗ geben: J, V, G, Gb. 433, 3 werden: A, L, D werden; /. F, G, Gb. 433, 4 Italiäniſche A, /, F, D Italieniſche ‚6b. 433, 5 ſuchen, 4. /, D, Gb ſuchen F, 6. 433, 36 gieng, A, /. G, D, Gb ging, F. 434, 14 Gaukelbilder F, G, @b Gauckelbilder A, J, D (vol. WI 462,8; ferner PI 511, 28: Gaukelnde Bilder). 434, 15 Unbeſehn Rö Unbeſehns 4, J, F. G, D, Gb. 434, 36 Wahlverwandtſchaſten, F, G, 05 Wahlverwandſchaften, A, /, D. 435, 2 l’ennemi 4, /, G. D, Gb l’ennemie F. 435, 33 unfere /, F, G, 65 unſre AJ, D. 435, 36 1 Hb Goethe's F, G Göthe's 4, J. D, Gb. 435, 38 Glückſäligteit, 75 Glückſeligt it, 4, F. C. B. Cb... h 436, 4 Rang, A, J, C. D, Gb Rang F. 436, 22 wäre, Ah, D wäre 5, F, , Gb. 436, 24 Zuſtand, Ah, D Buftand f, F, G, Ob. 436, 28 ſeyn. Siehe das Motto zu Sadis Guliſtan, überf. von Graf: 0 ſeyn. Siehe das Motto zum Guliſtan: A, 5 ſeyn, ſowie auch hievon: 7, V, G., Gb. 436, 29 dich Ah, G, D, Gb Di „F. 436, 35 Anwari Soheili. Hd Anwari Soheili. (Siehe das Motto zu Sadis en 5 von Graf.) /, F, G, Gb e „ . 437,5 Jauchzen F, C, P, Gb Jauchſen A, . 437, 27 Gäſte, A, D Gäſte f, F, G, Gb. 437, 28 Empfange; fie find das /, F. G, Gb Empfange, das 4, Ah, D. 438, 20 3) Man /, F, G, Gb Man A, Ah, D (Verschiebung der Ziffer wegen des vorangehenden, in Ah eingeschobenen Absatzes). 438, 29 Ueberhaupt /, F, C, Gb 3) Ueber⸗ haupt A, Ah, D (vgl. zu 438, 20). 438, 33 Wenige A, 6, L, D, Gb wenige J, F. 440, 29 ja, A, f, D, Gb ja 5, G. 441, 16 wann Ah, J, IL. D wenn F, d. Gb. 441, 20 unserer /, F, G unirer Ah, D, Gb. 441, 22 Werth Ah, J, F, G, Gb Wert D. 441, rail, Ah, J, F., G Charakters D, Gb. 5 15 Augenblick Ah, D Augenblicke /, F, 441, 34 Zuſammenhange Ah, D, Gb Zuſammenhang /, F, d. 441. 35 leuchten Ah, O ieuchtet /, F, O, Gb. 442, 15 vorbeiziehn A, J, G, D, Gb vorbei⸗ ziehen F. 442, 35 Geſichter 4.7, G, P, ob Geſichter, F. 443, 24 Goethes Hb Goethe's F, G Göthe's A, J, D, Gb. 444, 6 unſere 7, F unſre 4, 6, D, Gb. 444, 29 unſerer 7. F unſrer A, G, D, Gb. 369
Anmerkungen. 444, 33 ja, A, J, G, D, Gb ja F. 445, 1 äußern 7, F äußeren A, G, D, 65 (vgl. 445, 2 innern). 445, 3 Thüre A, D Thür /, F, G, Gb. 445,9 gehn A, D, Gb gehen 7, F, G. 445, 15 unſerer /, F. & unſrer Ah, D, Gb. 446, 5 an ſehn 7, F, G, Gb anſehn, A, D. 446, 13 ſolle, F, G, Gb ſolle A, /, D. 447, 1 Chamfort's Hb Chamforts Ah, J, F, G, D, Gb (vgl. zu W II 634, 4). 447,8 Denn Ah, D denn 7, F, G, Gb. 447, 35 Lügen Spic. 441, D, Gb Lügen f, FP, G. 448, 3 gut: 4, /, G, P, Ob gut, F. 448, 10 geiſtigen: 4, 7, L. D, 05 geiſtigen, F, G. 448, 26 Selb ſtverleugnung, F Selbſtver⸗ läugnung, A, J, G, P, Ob (vgl. 448, 33, wo Selbſtverleugnung in An, J. F, G, D, Cb; ferner zu W II 695, 27; 696, 2; 707, 30; 718, 2: 721, 34 usw.). 449, 6 bon Ah, f, L, D bons F, G, Gb. 449, 8 im 4, G, L, D. Gb im J, F. 449, 23 Einſamkeit Spice. 463, D, 05 Einſamkeit J, F, G. 449, 28 die Einſamkeit ertragen zu lernen; Spic. 460, G, L, D, Gb bie Einſamkeit ertragen zu lernen; , F 449, 29 Glückes, Spic. 460, G, L Glückes und /, P, D, Gb 449, 30 Allen A, /, G, L, D. Gb Allem F. 449, 31 (Paradox. II.) 7, F. G, Gb (Paradox. p. 254.) Ak, D. 450, 32 holdſälige F, 0 holdſeelige Ah, D, Gb holdſelige f. ö 451, 33 nichts, A, /, D, 6b nichts F, G. 451, 35 hervorbringt; Spic. 468, 6. D, G0 hervorbringt, / F. 451, 35 größter Spice. 468, G, L. D, @b großer J, F. i 451, 36 ſehnen; Spic. 468, 0, D, Gb ſehnen, 451, 37 iſt, Spic. 468, D iſt /, F. G. Cb. 451, 37 andererſeits /, F, P, Gb andrerſeits Spic. 468, G. 452, 11 Langenweile, F, 6 Langenweile 4. 452, 13 eindrängen, 4, J, D eindrängen F, O, Gb 452, 24 beſagt 4, , L. D ſagt F, d. Gb. 452, 32 seuls, A, 7. D seul, FE, G, Gb. 452,32 Labruyère. F, G, Cb Labruvere. 4, . D. 453, 2 unſers Hb unſres Ah, D, Gb unſeres 453, 4 nicht wohl Ah, D nicht J. F,. d, Gb. 453, 4 beſtehn Ah, D, Gb beſtehen /, F, G. 453, 12 Dies 4, L, D dies J. F, G, Gb. 453, 31 dann, 4, /, L, D denn, P, G, Gb. 454, 7 Einſamkeit J. F, 0 Einſamkeit, A, D, Gb. 454, 22 Den ſelben A, G, D, Gb Denſelben 454, 28 smarrita. F smarlta. 4, J, C, D, Gb. 454, 29 In gleichem A, @, L. D. Gb Im gleichen F. FEN 455,2 Sileſius fagt, F. G, Cd Eileſius, ſagt 455, 11 Sadi, / b, 0 Saabi, 4, PD, O (sonst immer Sadi). 570 455, 11 der Perſer, A, J. G. D, Gb fehlt F (vgl. zu 455, 35). 455,15 Alle A, L, O alle J, E, G, Gb. 455, 18 Trivialen F, G, Gb Trixialen, A, J. D. 455, 20 Niveau D niveau Sen. 105, J. F, 0 455, 29 giebt, A, D giebt 1, F. G, @b. 455, 33 gemein; A, J. L. D gemein: F. „ Gb. 455, 35 Sadi A, . D Sadi, der Perſer, F Gabi, d Saadi, d. 455, 35 Guliſtan: Ah, D Guliſtan (S. die Ueberſ. v. Graf p. 65): f, F, G, Gb. (Vgl. 6, 28. 455,37 wohnt Ah, D ift J, F, G. Gb. 456, 14 Entfremdung Ak, D Entfernung 7, 456, 33 ja, A, , D ja F, C, Gb. 456, 34 vereint A, L. D vereinigt J. F. G, Gb. 456, 35 mehr, Hö mehr Ah, D mehr; J. F. 456, 37 Selbſtgenügſamkeit, Ah, D Selbſt⸗ genugſamkeit, J, F, G, Gb. 5 456, 38 abforbirt; von AA, D abſorbirt. Von /, F, d, Gb. 458, 15 Stengel Hb Stängel A, J, F. G, D,. Gb (vgl. 96, 4, ferner WI 517,9; PII 68, 32: 151, 22). 459, 10 o Hb (nach dem Titel Moratins) o sea Ah, f, F, G, D, Gb. u N Spic. 460, F, G, D, Gb und re J. L. 460, 2 erregen; A, J, G, D, Cb erregen, F. 460, 8 privlléglées Sen. 32, D privilègiées J. E. G. Ob. 460, 9 daran nahm, Sen. 32, G, L. D, Gb nahm, /, F. 460, 12 ſaßen. — Sen. 32, G,. L. D, Gb ſaßen. 7, F. 460, 13 Neider, Sen. 32, 6, L. D, Gb Neider, I, F. . 460, 13 Jeden Sen. 32, G, L., D, Gb jeden J. F. 460, 19 Aller Sen. 32. G, L. D, Gb aller, /. F. 460, 21 abgetrennt Sen. 32, G, L. D, Gb getrennt J. F. 460, 23 neutraliſirt: — auch Sen. 32, G, L, D, Gb neutraliſirt. Auch f, F. 460, 24 Einen Sen. 32, G, L, D, Gb einen UF. 460, 35 Schaale F Schale A, /, G, D, Gb. 461, 4 Gefahr: A, . L. D Gefahr: F. G. Ob. 461, 31 Eavrovrıuwgovuevos A, &avrortıuogovusvog f, F, G, L. D, Gb. 462, 17 wir, / F, , Gb wir A, D. 462, 23 Gaukelei H Gauckelei A, J. F, G. D, Gb (vgl. E XLI, 4; ferner zu 434, 14). 462, 26 Dergleichen A, L, D dergleichen /. „G, Gb. 462, 28 Unglücksfälle, A, /. G, D, Gb Unglückfälle, F. 463, 5 in A. J. F, D fehlt d, Gb. 463, 36 überhaupt Ah, J, F, D denn über ⸗ haupt A, 6, L, Gb. 464, 4 ihn F, G, Ob ihn, 4, J. D. 464, 7 Jeder Ah, J, F, D — Jeder G, Gb. 464, 7 Tag iſt ein kleines Leben, Ah, D, Gb Varianten. Tag iſt ein kleines Leben, /, F Tag iſt ein kleines Leben, Sen. 137, G, L. 464, 7 zu welchem das Erwachen die Ge⸗ burt iſt und welches durch den Schlaf, als Tod, beſchloſſen wird. — So iſt denn endlich auch das Einſchlafen ein täglicher Tod und jedes Erwachen eine neue Ge⸗ burt. Ja, um es ganz durchzuführen, könnte man die Unbequemlichkeit und Schwierigkeit des Aufſtehns als die Ge⸗ burtsſchmerzen betrachten. Al, D — jedes Erwachen und Aufftehn eine Heine Geburt, jeder friſche Morgen eine kleine Jugend, und jedes zu Beite gehn [/, F: Gehn] und Einſchlafen ein kleiner Tod. Sen. 137, J, F, G, Gb. au 1 Goethe, L gute A, J, F, d, 464, 21 Goethe. Eb G. A, J, F, d, D, Gb. 464, 25 Voraus Abd voraus 4, J, F. d, D. @b (vgl. zu 19, 5). 465, 15 unſerer /, F, G unfrer Ah, D, Gb. 465, 16 unſere 7, F, 6 unfte Ah, D, Gb. 465, 17 oft auf Ah, D auf 7, F, G. Gb. 465, 18 und Ah, D und werden f. F, d, Gb. 465, 23 nicht A, /, @, L. D, Gb nicht F. 465, 23 wäre?“, Hö wäre?“ 4, /, P, G, D, Gb. 465, 32 bringen, A, /, @, D, Gb bringen F. 465, 35 die 4, /, L. D das F, G, Gb. 466, 5 etwan Hb etwas A, fh, F. G, D. Gb. 467, 3 entziehn F, G, Gb entziehen A, J. P. 467, 5 vis tibi Hb tibi vis A, f, F, C, D, Gb. * 29 Denken: Ah, f, L, D Denken; F, 467, 36 möglich, A, D. Ob möglich J. F. G. 467, 37 Glüde A, Ak, D Glüd J, V, G, Gb. 468, 2 jedoch, /, F. G, Ob jedoch A, D. 468,7 Handarbeit: A, /, L, D Handarbeit; 468, 13 demnach, /, F. C, Oh de mnach A, D 469, 9 Entſchließungen, F. 6 Entſchließun⸗ gen 4, J, D,. Gb. 469, 12 mehr, F, G, Gb mehr 4, f, D. 469, 21 erreicht; A, 7, D, Gb erreicht, F, d. 470, 33 hat. — A, J. G, L, D, Gb hat. F. 470, 15 wankend Ah, J, F, G, D, Gb wanken 4 471, 34 arbeiten, Ah, D arbeiten; J, F, O, Gb. 471,34 Gehirn; Ah, D Gehirn, /, F, G, Gb. 472, 3 Willkür J. F. G, Gb Willkühr Ah, D. 472, 8 keine Ermüdung A, D fein Ermüden /, F, G, Gb. 472, 20 Ueberhaupt f, F, G, Gb und überhaupt A, A, D. 472, 25 eben fo Ah, D ebenſo J, F. G, Gb. 472, 34 einen Ah, J, G, L., D, Gb den F. 473,3 — Man Ah, G, L, D, Gb Man 7, F. 473, 7 afficirt. /, F, G, Gb affizirt. AR, D. 473, 8 Cabanis, /, F, G Cabanis, Ak, D Cabanis, Gb. 474, 2 Händeln Nb Händel AR, /, F, d, D, Ob. 474, 7 welches, F, G welches A, J, D, Gb. 474, 15 bekämpfen: A, G, L, D, Gb bekämpfen; f, F. 474, 37 iſt es am AR, J, F, D iſt am G, L, Gb. 475, 18 eigentlich A, f, L, D eigentlichen F,. @, 0b. 475, 20 verſtändlich, A, 7, D, Gb verftändich; F, d. 475, 23 Geſinnten, /, F. G. D, Gb Geſinnten A. 475, 24 Begabten, / F, G, D, ob Begabten A. 475, 29 alsbald 7, F, G alsbald, A, D, Gb. 475, 37 Zwei, Ah, J, F, G, Gb zwei, D. 476, 2 i eilen, Ak, D entgegeneilen 476, 9 Jeden A, G, L, D, Gb jeden 7, F. 476, 12 entſtehn 4. 6. D, Cb entſtehen J, F. 476, 21 ſeltener /, F. @ feltner Ah, D, Gb. 476, 22 einwirkt: denn Ah, P, Gb einwirkt. Denn J. F. G. 476, 26 ergriffen, Ah, D ergriffen , F. G, Ob. 477, 1 bedarf; A, L, D bedarf: J, F, G, Gb. 477, 22 gerauähaden A. L, D voraus haben „F, G, Gb. 477, 23 Selbſtverleugnung J. F Selbſtver⸗ läugnung 4, G, D, Gb. 478, 8 Klappern J. F klappern 4, 0, P, Gb. 478, 10 dem ſelben Ah, G. L, Gb demſelben „F, D. 478, 19 Einer A, L. D einer 7, F, G, Ob. 479, 4 entgegen ſteht. Ak, D entgegenſteht. 479, 7 kann, Ah, D fann 7, F, C, Gb. a 14 irgendwie Ah, D, Gb irgend wie /, 479, 21 Manchen Ah, /, F, G, Ob Manchem D. 479, 24 wenn gleich Ak, D wenngleich /, V, G, Gb. 479, 24 verhehlen; Ah, /, F, G, Gb verhehlen, D. 479, 27 Vermöge der ſelben Subjektivität find fie denn auch fo leicht AR wie auch jo leicht 4 — Eben ſo leicht ſind ſie aber auch /, F, G, Gb. 479, 28 Daher iſt Ah, /, F, G, D, Gb Daher auch iſt 4, L. 479, 35 Subjektivität Sen. 86, D, Gb Subjektivität /, F, G. 480, 4 L. I. c. 22, 9, /, F, G, Gb vol. 1. Sen. 86, D. 480, 16 Bethörten F, G, Gb Bethörten, A, 480, 05 vertragen: A, L, D vertragen; /, F, 481,5 Ueberlegenheit Sen. 5, 6, L. D, Gb Ueberlegenheit f, F. 481, 13 estima Hb istima A, f, F, G, D, Gb. 481, 17 die zu A, /, L, D die F, d, Gb. 481, 35 daß, A, /, D daß F, G, Gb. 482, 14 ſolcher A, J. F, G, Gb ſolchen D. 482, 18 Shakeſpeare F, G, Gb Shakesſpeare „J D. 482, 38 Schwanz A, /, D Schwanze F, C, b. 1 9 8 Wort des Seneka A, D Dies /, „G, Gb. 483, 5 werden: argumenta morum ex minimis quoque licet capere (ep. 52). 4, D werden: f, F, G, Gb , F haben das Zitat an dieser Stelle offenbar gestrichen, weil es in Ah als Zusatz zu P II $ 118 vorgesehen ist — aber wohl nur deshalb, weil Sch. vergessen hatte, daß es schon im 1. Bande steht. Die Streichung ist umso weniger gerechtfertigt, als der folgende Tezt — 483,14 — nochmals auf das Zitat zwrückverweist.) 483, 16 Anderer, / , G, 05 Andrer, Ak, D. 483, 17 u. ſ. w.; J, F, G u. ſ. w., Al, D, Gb. 483, 19 würde, Ah, D, Gb wird, /, F, G. 483, 25 Umgang, A, J. D, Gb Umgang F, G. 571
Anmerkungen. 483, 35 Bee ener Sen. 16, D gerathener 483, 37 ſteht; Sen. 16, /. F. G, O ſteht, D. 1 en 1 ſelben A, G, L. D, Gb demelbe 484, 26 iin 4,10 L. D, b Verſprechungen F. 485, 1 Niederträchtigkeit oder Dummheit J, F. d Niederträchtigkeit oder Dummheit Spice. 456, D, Gb (Sperrung dient in Spie. nur zur Hervorhebung des Stichworts). 485,8 — Ausnahmen 4, G, L. D, Gb Ausnahmen /, F. 485, 12 Das A, L., D das , E, G. Er 485, 34 recurret. 4 recurret 7, F, , D, Gb. 486, 24 fremden A, /, F, G, 0 fremde D. 186, 26 Eines A, 7, L, D, Gb Eins F. G. 487, 5 Einer A, G, L, D, db einer 6. F. 487, 15 Dies 4. L. D dies I, F, G. 487, 18 es f, F, 6, Gb fie Ah, D. 487, 20 fictam; ficta Ah, D fictam. Ficta J. F, G, Gb. 487, 25 Jeder A, J. L. D jeder F, G, Gb. 487, 30 Andere /, F, D Andre Sen. 6. 0. Gb. 487, 30 en Sen. 6, J, F. G, C bekrittelt, D 0 487, 31 Die, Sen. 6, /, F. G, Gb die, D. 487, 33 Laſſen Sen. 6, 9, D, 6⁵ Laſſen, er 488, 1 damus /, F, G, ⁰ damus, Sen. 6 488, 4 iſt, Sen. 6, G, D. Gb iſt 5 F. 488, 5 Fehler, Sen. 6. G, D, Ob Fehler . F. 488, 6 unſerer / Z, 0. Gb unfter Sen. 6, D. 488, 12 damus 7. F, 0. Gb damus, Sen. 6, D. 488, 31 entziehn 4, J. C, D, db entziehen F. 488, 34 Vorherrſchende 4, 6. L. D, Gb vorherrſchende J. F. 489, 36 unverhohlen f, F unverholen Spie. 461, 6, L, D, Gb. 490, 8 Goethes Hd Goethe's P, G Göthes I, J. D, Gb. 490, 16 bittere Mb * 4, J, F. d, D, Gb. 490, 20 doch A, /, d. L. P. Gb no och F. 490, 24 bitterer J, F, G an A, D, Gb. 490, 25 ja, 4, J. D ja F. G, 490, 29 Andere /, F, G, 5 Inne Ah, D. 490, 34 Gracian: J. F. „ E, 00 Gracian (arte de prudencia p. 164) Ah, D. 490, 36 (S. Oraculo manual, y arte de prudencia, 240 [Obras, Amberes 1702, P. II, p. 287.]) f, F, G, Gb fehlt Ah, D. 491, 25 Sadi /. F, 6 Saadi Ah, P, Gb. 491, 26 (S. . 146 der Ueberſetzung von Graf): /, F. @, Gb (p. 146) Ah, D. 491, 29 — Hingegen A, G, IL, D, Gb Singegen J, F. 492, 15 alierlei A, „, L. PD. Gb allerhand F, 0. 492, 21 bedarf. — Hingegen 4, G, D, Ob bedarf. — hingegen / bedarf, — Hingegen F. 492, 31 Sg Spic. 465, G, L. Gb machen J. E. 492, 31 allemal Spic. 465, G, L, D, Gb fehlt J, F. 492, 34 e Hb Leutſeligkeit Spie. ſalige J, F, G. D, Gb (vgl. 493, 31 feindälige). 493, 13 [2. Aufl. er Hb (2. Aufl. 198): /, F, G, Gb fehlt A, D. 493, 27 ſei, A, /. L. D ſei F, d. Gb. 572 494,2 Meifterftüd. — 4, G, L, D, Gb Meifterftüd. I, F. 494, 27 im Wrattiſchen iſt Originalität 4, /. D im Praktiſchen iſt Originalität 494, 35 leicht; A, L. D leicht, 5, F, G. Gb. 495, 20 allen A, G, D, Gb allem 7, F. 495, 32. Geheimniſſe A, 6, L, D, Gb Ge⸗ heimniß J, F. . 496, 13 können, A, L können: /. F. G, D, G5. 496, 32 mittelbar A, /, L. D, Gb unmittelbar F, G. 497,3 Allen 4, f. G. L. D, Gb allen F. 497, 1519 unſer Hb unferer A, f. F, G, L, D. G 497, 30 Zorn A, J. L, D Zorn, E, C, Gb. 498, 3 ſogar Ak, J, F, G, Gb fehlt P. 498, 8 die ſelben Ah, G, L, D, Gb dieſelben J. F. 498, 9 das felbe: Ah, D, Gb daſſelbe, /, F das ſelbe, 6. L. a ede, 4, I. D begegnet, J, F, 498, 20 giebt A, /, D gibt F, G, Gb. 498, 34 wirf F, 6, Ob wirf A. J. D. 499, 20 vorausſehn A, D vorausſehen J, F,. 499, 25 iſt A, 7, D, Gb iſt, F, G. 500, 3 hiedurch #, F, D hierdurch 4, G, Gb. 500, 13 Lebenslaufes, F, 6, Gb Lebenslauſes 4, , D. 500, 18 fremden e Ak, D fremdem Beiſpiele /, F. G, Gb. 0, 19 erwägen: 4, Ah, D erwägen; /, F. , Gb. 500, 33 Baltaſar @, Gb Baltazar Ak Rultazar J, F, J (vgl. zu W II 242, 6). 500, 38 angeborene J, F. d, Gb angeborue Sen. 10. D. vo 5 Faden, Sen. 10, 6, D, Gb Faden „ 12 (3. 9 94). Hb (3. Aufl. 94.) 502, 15 1 4, J. G, L, PD, Gb vor F. 502, 16 Dies A; G, L. D, Gb dies f, F. 502, 20 kann, A, J. D, Gb kann F. G. 502, 20 Hitze, Hb Hitze A, /, F, G, D, @b (korresp. zu 502, 20 kann, ). 502, 21 Tage F, G, 00 Tage, 4. J, D. 502, 22 trägt: A, /, L. D treibt: F, d, Gb. 502, 24 ausüben A, /, L. D ausüben, F, G, Gb. 503, 29 verſchließen: A, /, G, L, D, Gb ver · ſchließen, F. 504, 1 auswies, 4, /, C, L. D, Gb erwies, F. 504, 3 Shakeſpeare F, G, Gb Shakespeare 4. . D. 504, 17 ift; dieſe AR, D iſt. Dieſe /, F. G, G0 504, 21 demnach AA, D danach J, F, G. Gb. 504, 24 das Element Ah, f, F, D das eigentUde Element A, @, L, Gb. 505,2 Voraus Hb ans A, J. F, G, D, 0⁵ (vgl. zu 19, 5 505, 23 [2. Aufl. © 60 Hb (2. Aufl. S. 60) F, G, Gb fehlt , D. a. 33 willig thun AR, J, F, D thun A,G, L, Go. 505, 37 ertragen, 4, /. G, D, Gb ertragen F. 506, 1 Anderer, /, F. 0 Andrer, Ah, D, Gb. Varianten. 506, 3 viel Ax, D, Gb weit J, F, G. 506, 25 Welt, A D, Gb Welt J. F, G. 507, 19 Natur, A, /, D Natur F, G, Gb. 508, 16 ff. 4, 1, G, D, Gb fg. F. 508, 17 13. Aufl. 449 ff.), 45 (3. Aufl. 449), 16. Aufl. 451), F (3. Aufl. 449 ff.), G, Gb. . 26 Nahrung, A, D Nahrung 7, F. 509, 13 uns; A, 1, C, D. Gb uns, F. 2, 16 Vorgängen, A, /. D Vorgängen F. G, Gb. 509, 17 ſehn alle Dinge und Perſonen, wie Spinoza es ausdrückt, Ah, D ſehn, wie Spinoza es 1 0 alle Din je und Perſonen, /. F. 510, 3 ſälig, 45 elle 63 J. F, G, D, 510, 26 ff. 13. Aufl. 423 ff. Hb ff. (8. Nut. 423) / 18; 155 Aufl. 425) F ff. (3. Aufl. 423 ff.) . 510, 33 S A, G, IL. D, Gb obigen ], F. 511, 11 es heißt 4, L, V heißt es f, F, G, Gb. 512, 7 (3. Aufl. 425 1 1 7% (3. Aufl. 426) f (3. Aufl. 428) F. 512, 15 {3. Aufl. ser 1 (8. Aufl. 486) / (3 Aufl. 483) F, G, Gb fehlt 4, D. 512, 21 Thürc A, /, I, D Thür F, G, Gb. 513,4 alſo, An, G, P, Gb alfo 7, F. 513, 6 hat. — (4), G, L. D, Gb hat. f, F. 513, 15 * Hb Hirngeſpinnſten 4. J, F. C, D, Gb (vgl. zu W II, 91, * 513, 28 ſo 1 1 F. G, I, D, db ſofort ‘A, 513, 32 Moritz / F. B. Moritz 4, G. L. ö. 513,33 Wann Ah, J, F. 0,66 Wenn D. 518, 33 vermeinen F, 6 sermeynen Ah, J. ‚Gb. 0 28 jungen Menſchen * 61, C, L. Gb jungen Menſchen f, F. 814. "30 zurechte zu finden Sen. 61 zu⸗ rechtzufinden J. F zurechtezufin⸗ den C, I, G0 17 Ba Buben D. 514,38 Tod, A, J. 0. b Tod, F. 515, 8 unſere . F. 6, 65 7 Ah, D. 515, 12 Vom f, F, G, Gb Denn vom 4, D (Anderung notwendig wegen der vorangehenden Einschaltung aus Ah.) 515, 12 Standpunkte A, L, U Standpunkt J. F, G, Gb. 516, 4 fpätern A. J. D, Gb ſpäteren F. G. 516, 5 wenigere 7, F, & (noch in e. Teil der 1. und in der 2. Ausgabe), D weniger A, J. G (in der 1. Ausgabe), Gb (vgl. 519, 2 wenigere Spuren). 516, 20 unſers Ah, D, Gb unſeres J, F, d. 516, 22 herantritt: dies Ah. . F heranttitt; dies G, J herantritt. Dies D, Gb. 516, 23 lange, Ah, D lange 7, F, , Gb. 516, 24 eben ſo Ah, D ebenſo /, F, 0. Gb. 516, 24 bergegenmwärtigen; AR, D, 6⁵ vergegenwärtigen, J. F, G. 516, 35 die ſelbe, AR, G, L, D, Ob dieſelbe, 517, 16 ber J. F, C, D, Gb die A, L. 517, 22 andere, /, F, 0. Gb andre, An, D. 519, 6 man. Die Ah, P, 6⁵ man: die /, F., 0. 519, 11 fein Verlauf 4, D ber Lauf der Zeit J. F, C, Gb. 519, = Gee dan deiten Hb Begebenheit 4, BF, Wie 14 B Selbe J, F, o, D, Gb Daſelbe 4 520, 2 find. Ak, D ſind: J. 55 , Gb. 520, 3 er Ah, J. F. , Gb e 520, 9 alt getvorbenemm An, u L, D altgewordenem F, G, 521, 22 hat: 4. D 105 J. F, G, Ob. 27 23 Das Spic. 437, /, G, L, Gb das D. 20 27 wird, Spic. 442, /, D wird F, 522, 29 dieſe 4, C, L. P, db die 7, F. 523, 21 biöweilen Hb ſondern bisweilen Ah, J. E, G, P, 523, 21 höhere; Ah, 5 höhere, /, F, G, Gb. 524, 16 anderer, 7, K, andrer, Ah, D, Gb. 524, en J. F, Andrerſeits Ah, 525,2 Kohelethiſchen J. F. C, db Koheleti⸗ ſchen 4%, D. 525, 10 bw gerochen 4, G, L, Gb los geworden 7, F * 1 Jungssen "An, D, Gb Jüngern 7, 525, 20 Ferner A, D Gewöhnlich , F, G, 6b (Anderung von Sch’s. Wortlaut regen der irrigen Einordnung des Absutzes: 526, 21—527, 15 Erftim jpätern Alter...; vgl. unter Zusätze). 526, 1 derſelben, /, F, G, D, Gb derſelben 1 526, a Horaziſche AR, D horaziſche J, F. 526 34 bald, Ah, J, F, D, Gb 70 0. 527, 2 Grundcharakterzug "Ah, h F, G, Gb Grundcharakter D. 527, 7 Hoheitsſcheins, Ah, D, Gb Hoheitsſcheins J, F, G. 527, 10 70. . F. 6, G zen Ah, D. 527, 27 woptigätig; A, J, L, D, Gb wohl⸗ thätig: F, G. 527, 33 [3. Aufl. 1 35 Ei ‚8. Aufl. 534) J, G, 00 (3. Aufl. 5 527, 35 andern Ah, D 1 J. F, G, Gb. 526 u Oupnekhat, J. F fehlt Spic. 435, 528. 1 1 Wenn Hb Denn, wenn F, D. 528, 20 Der Ah, D der 7, F, C, Gb. 528, 27 Alten en ee u Teſta · mente Ak, D A. T. /, G, 528, 35 dies u 24, G, L bas % , D, 6b. 528, 37 erblaſſen; Sen. 24, G, L erblaſſen, J. F, D, Gb. 529, 2 vive G, IL, Gb vide Ah, J, F, D. 529, 11 1 4, G, D, Gb Beredtſamkeit. /, F. 529, 24 Alle, A, 6, L, D, Gb alle, J, F 529, 33 and F et A, 7. 0, D, Gb. 529, 34 circa 50 ſeitdem AR, D e 60 ſeit⸗ dem 7, F, G, Gb 6 kürzlich 4 . 10 Reſervoir Ah, D réservolt J. F, , Gb. 573
Vergleichende Seitenziffern Die folgende Tabelle gibt unter F die Seitenanfänge der alten Frauenſtädtſchen 35 Ausgabe, unter Hb die Entſprechungen unſerer Ausgabe nach Seite und Zeile. Sie ermöglicht alſo nicht nur die ſofortige Feſtſtellung jedes Zitats in der Schopen⸗ hauer⸗Literatur, das ſich auf die Frauenſtädtſche Ausgabe ſtützt, ſondern auch die Auffindung aller Angaben des Wagnerſchen Regiſters. 163 161,1 202 199,22 241 241,1 280 280,1 319 319,5 164 162,1 203 200,30 242 242,1 281 281,1 320 3205 165 163,1 204 201,30 243 243,1 282 282,1 321 321,6 166 164,1 205 202,30 244 244,1 283 283,1 322 322,6 167 164,28] 206 203,30 245 245,1 284 284,1 323 323,6 F Hb F Hb F Hb F Hb FT Hb 2 168 165,29 | 207 204,30 246 246,1 | 285 285,1 324 324,6 169 166,29 | 208 205,30 | 247 247,1 | 286 286,1 325 325,6 3 31 35 35,1 67 67,3 99 99,6 | 131 129,1 170 167,23 | 209 206,30 | 248 248,1 | 287 286,37 | 326 326,6 4 4,1 36 386,1 68 68,3 | 100 100,7 | 132 130,1 171 168,29 | 210 207,23 | 249 249,1 288 287,31 | 327 327,6 5 51 37 371. 69 69,3 | 101 101,8 | 133 131,1 , 172 169,29 | 211 208,28 | 250 250,1 | 289 289,1 | 328 328,17 6 61 38 38,1 70 70,3 102 102,8 | 134 132,1 j 173 170,29 | 212 209,28 | 251 251,1 | 290 290,1 | 329 331 7 7,1 39 391 71 712 | 103 102,11 | 135 133,1 174 171,29 | 213 211 252 252,1 | 291 291,1 | 330 332 8 81 40 40,1 72 72,1 | 104 103,1 | 136 1341 175 172,29 214 212 253 253,1 | 292 292,1 | 331 333,1 9 9,1 41 41 73 73,1 | 105 103,32 137 135,1 176 173,29 215 213,1 | 254 254,1 293 293,1 | 332 334,1 10 10,1 42 42,1 74 74,1 | 106 104,28 | 138 136,1 177 174.29 | 216 214,1 | 255 2551 | 294 2941 | 333 335,1 11 115 43 43,1 75 75,1 | 107 105,28 | 139 137,1 : 178 175,29 | 217 215,1 | 256 256,1 | 295 295,1 | 331 336,1 12 12,5 44 44,1 76 76,1 | 108 106,34 | 140 138,1 179 176,29 | 218 216,1 | 257 257,1 | 296 296,1 335 337,1 13 135 45 45,1 77 77,1 [ 109 10734 | 141 139,1. 180 177,29 219 217,1 | 258 258,1 | 297 297,1 336 338,1 14 14,5 46 466,1 78 781 | 110 108,34 | 142 140,1 181 178,29 | 220 218,1 | 259 259,1 | 298 298,1 | 337 339,2 15 155 47 47,1 79 79,1 | 111 109,34 | 143 141,1 182 179,29 | 221 219,6 | 260 260,1 | 299 299,1 338 340,2 16 164 48 48,1 80 80,1 | 112 110,34 144 142,1 N 183 180,29 | 222 220,6 | 261 261,1 | 300 200,1 | 339 341,2 17 176 49 49,1 81 81,1 | 113 111,34 145 143,1 184 181,29 223 221,6 | 262 262,1 | 301 301,1 | 340 342,2 18 18,6 50 50,1 82 82,1 | 114 112,34 146 144,1 185 182,29 | 224 222,11 263 263,1 | 302 302,1 | 341 343,1 19 19,6 51 511 83 83,1 | 115 113,34 147 145,1 186 18329 225 223,11 | 264 264,1 303 303,1 | 342 3441 20 20,6 52 52,1 84 84,1116 115,1 | 148 146 187 18429 226 224,11 | 265 265,1 | 304 304,1 | 343 345,1 21 21,6 53 53,1 85 85,1117 115,25 | 149 147 \ 188 185,29 | 227 2258 266 266,1 | 305 805,1 | 344 346,1 22 22,1 54 54,1 86 86,1 118 116,34 150 148 189 186,29 228 226,11 267 267,1 306 306,1. | 345 347,1 23 23,1 55 55,1 87 871 | 119 11734 | 151 149,1 190 187,29 | 229 227,15 | 268 268,1 | 307 307,1 | 345 348,1 24 241 56 56,1 88 881 | 120 118,31 | 152 149,26 191 188,19 | 230 228,15 | 269 269,1 | 308 3085 | 347 349,1 25 25,1 57 57,5 89 89,1 | 121 119,31 | 153 150,38 N 192 189,30 | 231 229,15 | 270 270,1 | 309 3095 348 350,1 26 26,1 58 58,5 90 90,1 122 120,22 154 152,1 193 190,30 | 232 230,15 271 271,1 310 310,5 349 351,1 27 27,1 59 59,5 91 91,1 123 121,30 | 155 153,1 194 191,30 | 233 231,15 | 272 272,1 311 311,5 350 352,3 28 28,1 60 605 92 92,1 124 122,30 | 156 154,1 195 192,30 |} 234 232,22 | 273 273,1 312 312,5 351 353,3 29 29,1 61 614 93 93,1 125 124,1 157 155,1 196 193,26 235 233,22 274 274,1 313 313,5 352 354,3 30 30,1 62 62,4 94 941 126 124,18 | 158 156,1 197 194,29 | 236 234,22 | 275 275,1 314 314,5 353 355,3 31 31,2 63 63,4 95 95,1 127 125,25 159 157,1 5 198 195,25 237 235,22 276 276,1 315 3155 354 356,6 32 32,1 64 64,4 96 96,1 128 126,29 160 158,1 199 196,30 | 238 236,22 277 277,1 316 316,5 355 357,6 33 33 65 65,4 97 97,6 129 12729 161 159,1 200 197,30 239 239 278 278,1 317 317,5 356 358,1 34 34 66 66,3 98 98,6 130 128,29 | 162 160,1 201 198,30 | 240 240 279 279,1 318 318,5 357 359,5 574 x 575
576 Hb 395,1 396,1 397,1 398,1 399,1 400,1 400,20 401,35 402,35 403,21 404,14 405,14 406,3 407,3 408,2 409,1 410,1 411,1 412,1 413,1 414,1 415,1 416,1 -417,1 418,1 419,1 420,1 421,1 422,1 423,1 424,1 425,1 426,1 427,1 428,1 IIb 429,1 430,1 431,1 432,1 433,1 434,1 435,1 436,1 436,36 437,37 438,37 439,36 440,34 441,38 443,1 444,1 445,1 446,1 447,1 448,1 449,1 450,1 451,1 452,1 453,1 454,1 (455,35) 456,1 457,1 458,1 459,1 460,1 461,1 462,1 463,1 F 498 499 500 601 502 503 504 505 506 507 508 509 510 511 512 513 514 515 516 517 518 519 520 521 522 523 524 525 526 527 528 529 530 Hb 498,24 499,26 500,26 501,26 502,26 503,26 504,21 505,25 506,24 507,21 508,1 509,1 5104 511,4 512,4 513,1 514,1 515,1 515,35 516,35 517,35 518,35 519,35 520,35 521,35 522,35 524,1 525,5 (527,2) (526,7) 528,3 529,7 530,5
Zuletzt geändert: 23/10/2026