Philosophie der Technologie und der Technischen Wissenschaften
Technikbilder in der Kultur
Im 20. Jahrhundert wird die Technik Gegenstand der Untersuchung verschiedenster Disziplinen – technischer, naturwissenschaftlicher und sozialwissenschaftlicher Art – sowohl allgemeiner als auch spezieller Art.
Alle technischen Disziplinen – sowohl spezielle als auch allgemeine – konzentrieren sich auf einzelne Typen oder Aspekte der Technik, auf bestimmte „Schnittebenen“.
Viele Naturwissenschaften betrachten die Technik aus ihrer spezifischen naturwissenschaftlichen (zum Beispiel physikalischen) Perspektive. Sie interessieren sich für Technik als Verkörperung naturgesetzlicher Prinzipien, für ihre Interaktion mit der Natur nach diesen Gesetzen und für deren Nutzung in der Technik. Zudem wären moderne naturwissenschaftliche Experimente ohne technische Geräte unmöglich.
Aufgrund der Durchdringung aller Lebensbereiche der modernen Gesellschaft wenden sich viele Sozialwissenschaften, vor allem Soziologie und Psychologie, der speziellen Analyse technischer Entwicklungen zu. Sie betrachten Technik im gesellschaftlichen Kontext und untersuchen ihren Einfluss auf den Menschen.
Die historische Entwicklung der Technik ist traditionell Gegenstand der Technikgeschichte als eigenständiger geisteswissenschaftlicher Disziplin. Historisch-technische Studien sind jedoch in der Regel auf einzelne Branchen oder Entwicklungsstadien spezialisiert und berücksichtigen nicht die allgemeinen Trends und Perspektiven der modernen Technikentwicklung.
Die Philosophie der Technik fasst die Erkenntnisse verschiedener Disziplinen zusammen. Sie untersucht erstens das Phänomen Technik insgesamt, zweitens nicht nur ihre immanente Entwicklung, sondern auch ihre Stellung in der gesellschaftlichen Entwicklung und berücksichtigt drittens einen breiten historischen Rahmen.
Unabhängig davon, von welchem Zeitpunkt an man den Beginn der Wissenschaft zählt, lässt sich über die Technik feststellen, dass sie zusammen mit dem Auftreten des Homo sapiens entstand und lange Zeit unabhängig von jeglicher Wissenschaft entwickelt wurde. Dies bedeutet natürlich nicht, dass zuvor in der Technik keine wissenschaftlichen Kenntnisse angewendet wurden. Erstens war die Wissenschaft selbst noch nicht als sozialer Institution etabliert, und zweitens war sie nicht darauf ausgerichtet, ihre Erkenntnisse gezielt in der Technik anzuwenden.
In verschiedenen Kulturen (traditionellen und technogenen) verstand der Mensch sein Handeln als auf unterschiedliche Ziele gerichtet, woraus sich unterschiedliche Technikbilder entwickelten – ein adaptives und ein aggressives: 1) Technik konnte als Mittel zur Aufrechterhaltung der bestehenden Ordnung und zur Harmonie von Gesellschaft und Natur gesehen werden; 2) Technik als Mittel zur Beherrschung der Reichtümer der Natur und zur Anpassung der Umwelt an menschliche Bedürfnisse.
1) Traditionelle Kultur
Die Welt erscheint als etwas, das durch wiederholte rituelle Handlungen ständig erhalten werden muss. Technik erlangt daher nicht nur einen pragmatisch-instrumentellen Sinn, sondern auch einen übernatürlichen, spirituellen. Ihre Funktionsweise wird durch Alltagswissen und mythologische Vorstellungen von der Welt gestützt. Solche Technikbilder finden sich im alten Indien und China, in der europäischen Antike und der kanonischen mittelalterlichen Kultur. Die Urheberschaft von Erfindungen und Innovationen wurde Gott oder Autoritäten zugeschrieben. Aus Angst vor Konkurrenz lehnten mittelalterliche Zünfte Neuerungen ab, und Erfindungen selbst wurden als etwas Abstoßendes betrachtet, das ihre Privilegien und die Weltordnung bedrohte.
2) Technogene, projektorientierte Kultur
Hier entwickelt der Mensch das Bewusstsein als Schöpfer, der seinen Kosmos aus gegebenen natürlichen Materialien gestaltet. In der Renaissance stimulierte das Streben, den göttlichen Plan zu erkennen, das Wissen, das nun auf praktische Anwendung ausgerichtet war. Wissen nahm in allgemeiner Form die Gestalt eines Projekts an – eines Handlungsplans des Menschen entsprechend den erkannten Naturgesetzen. Wissen wird produktive Kraft, die Natur zur Werkstatt des Handwerkers-Technikers. Der Mensch erkennt sich als Herr der Natur und beansprucht das exklusive Recht, nach eigenem Ermessen über sie zu verfügen. Daraus erwächst die Ideologie der Technokratie.
Diese Technikbilder bestimmten auch die verschiedenen gesellschaftlichen Bewertungen von ihrem Platz und ihrer Rolle. Die Epoche der Entstehung der Technik und ihrer ersten großen Erfolge war eine Epoche des Optimismus gegenüber der Technik. Der Mensch kennt noch keine Ängste, geschweige denn Furcht vor der Technik, vielmehr sieht er in ihr das mächtigste und zugleich einzige Mittel seiner Erhebung. Das Verhältnis zur Technik ändert sich prinzipiell im Mittelalter mit der Dominanz der Kirche und des religiösen Bewusstseins. Technische Schöpfung gilt als Gotteslästerung, denn alles, was den Menschen erhebt, erniedrigt Gott. Deshalb waren unter den Opfern der Inquisition so viele Erfinder, die der Allianz mit „unreiner Macht“ beschuldigt wurden.
Die optimistische Technikgläubigkeit kehrt mit dem Zeitalter der Aufklärung zurück. Technischer Fortschritt erscheint den Philosophen als kontinuierlich wirkender und zentraler Faktor zur Verbesserung und grundlegenden Umgestaltung der Gesellschaft. Bereits in Francis Bacons „Neue Atlantis“ (1624) ist Technik in allen sozialen Utopien als materielle Basis der gewünschten Gesellschaft präsent.
Ein Bruch langfristigen technologischen Optimismus tritt in O. Spenglers „Der Untergang des Abendlandes“ hervor, wo die Zivilisation mit ihrem technischen Fortschritt als zerstörerische Phase der Kulturentwicklung dargestellt wird. Doch diese Ängste waren fast vergessen. Dies ist verständlich, da innerhalb einer Generation Radio, Automatisierung, Computer- und Atomtechnik weit in Produktion, Alltag, Wissenschaft und Bildung eingedrungen waren.
Seit den 1970er Jahren weicht diese Euphorie zunehmend einem technologischen Pessimismus. Die Technik wird lautstark als jener „böse Dämon“ dargestellt, der dem Menschen unkontrollierbar ist und ihn unweigerlich vernichten wird. So entstanden zwei Strömungen im Verständnis der Beziehung zwischen Technik und Gesellschaft – der Technokratismus (technischer Optimismus) und der Antitechnokratismus (technischer Pessimismus) mit ihren zahlreichen Varianten, die sich zu unterschiedlichen historischen Zeiten mal verstärkten, mal abschwächten.
Es fällt auf, dass sowohl technologischer Optimismus als auch technologischer Pessimismus ein gemeinsames philosophisches Fundament haben – den Technizismus. Dabei erscheinen die Beziehungen zwischen Gesellschaft und Technik verfremdet, Technik wird als Kraft betrachtet, die der Gesellschaft nicht unterliegt, ja sogar über ihr Schicksal entscheidet. In der philosophischen Konzeption des Technizismus wird die relative Autonomie des Phänomens Technik und seiner Entwicklungsgesetze überhöht und absolut gesetzt. Dies gilt auch für die Position der sozialen Neutralität der Technik, bei der Technik als System materieller Mittel menschlicher Tätigkeit verstanden wird, gleichgültig gegenüber sozialen Interessen.
Technik kann jedoch keine neutrale Haltung gegenüber sozialen Interessen einnehmen, da sie als Handlungsmittel niemals „für sich selbst“ existiert, sondern stets in die sozialen Bedingungen eingebettet ist, unter denen sie funktioniert. In der Technik materialisieren sich nicht nur bestimmte Naturgesetze, sondern auch diverse gesellschaftliche Ziele. Im Prozess des technischen Schaffens, der Entwicklung und Funktion der Technik verwirklichen Menschen nicht nur ihr natürliches Verhältnis zur Natur, sondern auch gesellschaftliche Beziehungen. Daher werden bei der Schaffung technischer Geräte nicht nur die technologischen Ziele des unmittelbaren Herstellers, sondern auch die sozialökonomischen, politischen, ästhetischen, moralischen und ökologischen Ziele der Gesellschaft objektiviert. Die Verbindung der Technik mit diesen Zielen manifestiert sich unterschiedlich. Die sozialen Ziele der Tätigkeit, die in der Technik realisiert werden, prägen die historische Form ihrer Schaffung und Nutzung. Da in der Technik qualitativ verschiedene Gesetze – Natur- und Gesellschaftsgesetze – realisiert werden, hat Technik einen dualen Charakter und birgt das Potenzial für Widersprüche sowohl zwischen Technik und Natur als auch zwischen Technik und Gesellschaft.
Die relative Autonomie der Technik zeigt sich wie folgt:
- In der modernen Literatur wird die relative Autonomie der Technik als „Gegencharakter“ oder dualer Charakter der Technik bezeichnet. Technik erscheint überall als Ergebnis der Begegnung menschlichen Geistes mit der Natur. Daher kann das Wesen der Technik weder im Subjekt (menschlicher Geist) noch im Objekt (Natur) isoliert lokalisiert werden; sie manifestiert sich als Beziehung zwischen beiden und besitzt sowohl „menschliche“ als auch „natürliche“ Eigenschaften. Bei der Verfolgung ihrer menschlichen Ziele kann der Erfinder nicht immer die zusätzlichen Natur-Eigenschaften vorhersagen, die seine Erfindung entfalten kann. Diese Eigenschaften stammen entweder aus der ursprünglichen Natur oder aus den Schäden, die der Mensch ihr zugefügt hat.
- Die geschaffene und eingeführte Technik wirkt aktiv auf die Gesellschaft zurück nach dem Prinzip des multiplizierten Effekts, d. h. sie zeigt unerwartete soziale Eigenschaften, die nicht im Ziel des Erfinders lagen. Auffällige Beispiele sind das Automobil und das Fernsehen, die heute wichtige konstituierende Elemente der Gesellschaft darstellen – das eine vor allem in wirtschaftlicher und sozialer, das andere in geistiger und politischer Hinsicht. Das Auto, ursprünglich als Fortbewegungsmittel konzipiert, wurde zugleich zum Mittel zur Befriedigung relativer Bedürfnisse, deren Erfüllung dem Menschen Überlegenheitsgefühle verschafft. Ein großer Teil der Wirtschaft arbeitet zugunsten dieser ungesunden Bedürfnisse, was in weniger entwickelten Ländern oft auf Kosten wichtigerer Bedürfnisse geschieht. Das Auto wird zu einem der Hauptgründe für Umweltverschlechterung und zu einem wichtigen kriminalitätsfördernden Faktor. Paradoxerweise behindert die Automobilisierung die Mobilität in Großstädten und verschlechtert den Gesundheitszustand der Bevölkerung. Ähnlich lässt sich der soziale Rückwirkungseffekt des Fernsehens bewerten: Ursprünglich zur Befriedigung kommunikativer (v. a. kultureller) Bedürfnisse gedacht, dient es heute auch der Manipulation des Massenbewusstseins zu politischen, moralischen und anderen Zwecken und beeinträchtigt das psychophysische Wohlbefinden.
- Es zeigte sich, dass das Funktionieren und die Weiterentwicklung der Technik neue Technik erfordert – Technik multipliziert sich gewissermaßen selbst. Die durch jahrhundertelanges menschliches Schaffen entstandene Technosphäre kann von ihren Schöpfern (der Gesellschaft) optimiert werden, nicht durch Ignorieren oder Stillstand, sondern durch riesige technische Maßnahmen. Technische Mängel können nur durch Technik überwunden werden.
Dennoch bleibt die Autonomie der Technik und der technischen Entwicklung relativ, da sie entscheidend vom Einfluss der ökonomischen Subsysteme der Gesellschaft und des Soziums insgesamt abhängt. Letztlich bestimmen die gesellschaftlichen Beziehungen – auch die Einstellung der Menschen zur Technik – in welchen ökonomischen, politischen oder moralischen Zielen Innovationen eingesetzt werden, welches Tempo die Entwicklung bestimmter technischer Bereiche nimmt und wie ihre Errungenschaften in die Praxis umgesetzt werden. Im Grunde ist die Beziehung zwischen Gesellschaft und Technik in diesem Sinne prinzipiell identisch mit der Beziehung zwischen Gesellschaft und jedem anderen Systembestandteil. Technik ist sowohl Basis als auch Produkt der Zivilisation, und wie wir sie nutzen, hängt von unserer Kultur ab.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 20/09/2025