Theoretische Grundlagen der Philosophie: Probleme, Konzepte, Prinzipien
Erkenntnis
Die Struktur des Wissens: Sinnliche und rationale Erkenntnis
Wissen als System
Eine der zentralen Fragen der Erkenntnistheorie lautet: Was ist Wissen, wie ist es aufgebaut und wie entsteht es? Nicht ohne Grund schrieb Goethe:
Was heißt denn wissen? Freund, das ist die Frage.
Darüber sind wir nicht im Reinen.
Die wenigen, die das Wesen der Dinge durchdrangen,
Die allen die Tafeln ihrer Seele enthüllten,
Verbrannte man auf Scheiterhaufen, man kreuzigte sie,
Wie euch bekannt, seit ältester Zeit.
(“Faust“, Teil I, Nacht)
Wenn wir die Besonderheit und Struktur des Wissens zu verstehen versuchen, stoßen wir sofort auf die Vielfalt der Wissensarten. Wir wissen beispielsweise, was ein Automobil ist, was ein Algorithmus ist, wie man ein Steak brät oder warum ein Zahnarzt eine Bohrmaschine braucht. In den ersten beiden Fällen handelt es sich um Wissen über Objekte: ein materielles Objekt, das Automobil, und ein ideales Objekt, die mathematische Funktion. Im dritten Fall geht es um das Wissen über eine Handlung, nämlich die Zubereitung von Speisen. Im vierten Fall sprechen wir über die nützliche Eigenschaft eines Gegenstands. Einen besonderen Typ von Wissen stellen Probleme oder Aufgaben dar, das heißt, Wissen über das Unbekannte. Dieses Wissen wird meist in Form von Fragen oder Anweisungen ausgedrückt.
Wissen ist für den Menschen unerlässlich, um sich in der ihn umgebenden Welt zu orientieren, Ereignisse zu erklären und vorherzusehen, Tätigkeiten zu planen und umzusetzen sowie neues Wissen zu generieren. Wissen ist ein wesentliches Mittel zur Umgestaltung der Wirklichkeit. Es bildet ein dynamisches, sich rasant entwickelndes System, dessen Wachstum in der modernen Welt jedes andere System an Tempo übertrifft.
Die Anwendung von Wissen in der praktischen, umgestaltenden Tätigkeit des Menschen setzt eine besondere Gruppe von Regeln voraus. Diese Regeln zeigen, wie, in welchen Situationen, mit welchen Mitteln und zu welchen Zwecken bestimmtes Wissen eingesetzt werden kann. So sind Kenntnisse über mathematische Funktionen, etwa die logarithmische Funktion, oder über die Eigenschaften von Zement und die Position der Himmelskörper für den Menschen nur dann nützlich, wenn er auch die Regeln für die Berechnung der logarithmischen Funktion kennt, weiß, wie Zementmischungen hergestellt werden, oder in der Lage ist, anhand der Position der Himmelskörper eine Schiffsroute zu bestimmen. Solche Regeln, die angeben, wie auf Grundlage vorhandenen Wissens eine bestimmte Tätigkeit ausgeführt werden kann, nennt man Handlungsregeln.
Wissen ist somit in das System der menschlichen Tätigkeit eingebettet und tritt selbst als besondere Form auf, auf deren Grundlage die Verfahren der Tätigkeit formuliert werden.
Wissen, Reflexion und Information
Wie entsteht und entwickelt sich Wissen, und auf welcher Grundlage vollzieht sich dieser Prozess?
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich im Zuge der rasanten Computerisierung nahezu aller Bereiche produktiver und geistig-kultureller Tätigkeit das Interesse an der Natur und dem Wesen von Information stark intensiviert. Computer dienen der Übertragung, Speicherung, Kodierung, Dekodierung und Umwandlung von Information. Auf ihrer Basis entstehen spezifische Daten- und Wissensbanken, die zur Lösung von Aufgaben genutzt werden, die einst ausschließlich dem Menschen vorbehalten waren. In diesem Zusammenhang werden die Begriffe “Wissen“ und “Information“ oft gleichgesetzt. Gleichzeitig wird Wissen als die höchste Form der Reflexion der Wirklichkeit betrachtet. Da die Spezifik der Reflexion bereits thematisiert wurde, richtet sich der Fokus hier auf die Beziehung zwischen den Begriffen “Information“ und “Wissen“.
Wenn wir sagen, Subjekt A reflektiere Objekt B, meinen wir, dass bestimmte Veränderungen in A bestimmten Veränderungen in B entsprechen und durch diese ausgelöst werden. Spricht man von Information, so handelt es sich in erster Linie um eine besondere Art von Wechselwirkung, durch die die Übertragung von Veränderungen von B nach A im Prozess der Reflexion ermöglicht wird. Diese Übertragung erfolgt über Signalströme, die vom Objekt zum Subjekt fließen und dort auf spezifische Weise umgewandelt werden. Die Komplexität und Form der Information hängen folglich von den qualitativen Merkmalen des Objekts und Subjekts ab, von der Art der Signale, die auf höchster Ebene in Form sprachlicher Zeichensysteme realisiert werden. Spricht man hingegen von Wissen, so bezieht man sich auf die höchste Ebene der Information, die in der menschlichen Gesellschaft operiert.
Dabei umfasst Wissen nicht jede Information, die von B ausgeht und von A wahrgenommen wird, sondern lediglich jene, die vom Subjekt — in diesem Fall dem Menschen — auf besondere Weise transformiert und verarbeitet wurde. Im Verlauf dieser Transformation muss die Information eine symbolische Form annehmen oder sich durch andere, im Gedächtnis gespeicherte Wissensbestände ausdrücken; sie muss Bedeutung und Sinn erhalten. Wissen ist somit stets Information, doch nicht jede Information ist Wissen. Die Umwandlung von Information in Wissen wird durch eine Vielzahl von Gesetzmäßigkeiten bestimmt, die die Tätigkeit des Gehirns und diverser psychischer Prozesse regulieren, sowie durch verschiedene Regeln, die das Wissen in das System gesellschaftlicher Verbindungen und den kulturellen Kontext einer bestimmten Epoche einbinden. Auf diese Weise wird Wissen zum Eigentum der Gesellschaft und nicht nur einzelner Individuen. Doch wie gestaltet sich der Erkenntnisprozess? Welche Stufen oder Etappen durchläuft er, und wie ist seine Struktur beschaffen?
Die meisten philosophischen Systeme der Neuzeit unterteilen den Erkenntnisprozess in zwei grundlegende Stufen: die sinnliche und die rationale Erkenntnis. Die Rolle und Bedeutung dieser Stufen wurden je nach philosophischer Position unterschiedlich gewichtet. Rationalisten wie Descartes, Spinoza, Leibniz, Kant und Hegel maßen der rationalen Erkenntnis entscheidende Bedeutung bei, ohne jedoch die sinnliche Erkenntnis als Bindeglied zwischen Verstand und materieller Welt zu negieren. Vertreter des Empirismus hingegen sahen in der sinnlichen Wahrnehmung die Haupt- und sogar einzige Quelle unseres Wissens. “Im Verstand ist nichts, was nicht zuvor in den Sinnen war“, erklärte Hobbes, und Locke bekräftigte diese Auffassung in noch schärferer Form.
Doch wenn, so argumentierten die Rationalisten, alles Wissen allein auf der Grundlage sinnlicher Wahrnehmung und mithilfe spezifischer Regeln oder Prinzipien gebildet wird, woher stammen dann diese Regeln oder Prinzipien selbst, da sie nicht mit den Sinnen erfasst werden können? Dieser Streit ist bis heute nicht beigelegt. Mit der Entwicklung von Forschung zum “künstlichen Intellekt“ hat er zusätzlich an Brisanz gewonnen.
In der Philosophie der Neuzeit wurde Rationalität in der Regel als eine besondere, universelle und notwendige logische Ordnung verstanden — als eine Gesamtheit spezifischer Regeln, die die Fähigkeit des menschlichen Verstandes bestimmen, die Welt zu erfassen und wahres Wissen zu schaffen. Für Descartes, Spinoza und Leibniz war sie eine angeborene Fähigkeit. Doch woher, so stellt sich die Frage, kommen falsches, unwahres Wissen? Woher rühren unlogische, von allgemein anerkannter Logik nicht gestützte Urteile und Ansichten? Wie können widersprüchliche, der Logik zuwiderlaufende Urteile entstehen — Urteile, die zum Zusammenbruch dessen führen, was als rational und vernünftig gilt?
Die Rationalisten des 17. und 18. Jahrhunderts beantworteten diese Fragen wie folgt: Im menschlichen Geist existiert neben der Vernunft auch eine emotionale und eine willentliche Komponente. Emotionen, die auch als Affekte oder “Leidenschaften der Seele“ bezeichnet werden — Zorn, Freude, Trauer, Fröhlichkeit, Liebe, Hass, Sympathie und Antipathie — können den Menschen dazu bewegen, bewusst oder unbewusst von vernünftigen Argumenten abzusehen, den Anforderungen der Logik zuwiderzuhandeln und die Wahrheit zugunsten des Gefühls zu verfälschen. Die Willenskraft kann, je nach ihren Zielen, die Vernunft und rationale Handlungen unterstützen, aber auch mit ihnen in Konflikt geraten und so irrationales Handeln ermöglichen.
Sind diese Überlegungen zutreffend? Um diese Frage zu beantworten, wollen wir den tatsächlichen Verlauf des Erkenntnisprozesses betrachten.
Sinnliche Erkenntnis und ihre Elemente
Zunächst ist die Erkenntnistätigkeit auf jener Stufe zu betrachten, auf der sie als ein wesentlicher Aspekt unmittelbar in den Prozess der praktischen Nutzung und Umgestaltung materieller Gegenstände oder sozialer Institutionen eingebettet ist, also in die konkrete Auseinandersetzung mit den Erscheinungen der umgebenden Welt. Diese Form der Erkenntnistätigkeit verdient besondere Aufmerksamkeit, da sie den eigentlichen Ausgangspunkt der Erkenntnis bildet. Historisch gesehen stellt sie den ersten Entwicklungsschritt dar: Die Trennung von körperlicher und geistiger Arbeit sowie die Ausdifferenzierung der letzteren zu einer eigenen Tätigkeitsform markieren einen späteren Abschnitt der Geschichte. Voraus ging diesem ein langer Zeitraum, in dem die Erkenntniserfahrung der Menschen im Rahmen einer noch ungeteilten praktischen Gesamtaktivität heranreifte. Zudem ist diese Tätigkeit insofern grundlegend, als sie den Kontakt des Menschen mit der Welt der materiellen Objekte ermöglicht und somit die Voraussetzung für alle weiteren Formen der Erkenntnis darstellt.
Wie also gelangt der Mensch zu Erkenntnissen über die Dinge und Prozesse der Natur sowie über all jene Erscheinungen, die durch menschliche Arbeit, Vernunft und gesellschaftliches Handeln hervorgebracht wurden?
Dies geschieht durch eine besondere Form der Tätigkeit, die als sinnliche Tätigkeit oder sinnliche Erkenntnis bezeichnet wird. Sie ist untrennbar mit der Funktion der Sinnesorgane, des Nervensystems und des Gehirns verbunden, wodurch Empfindung und Wahrnehmung entstehen. Die Empfindung gilt dabei als der einfachste und grundlegendste Bestandteil der sinnlichen Erkenntnis und des menschlichen Bewusstseins überhaupt.
Biologische und psychophysiologische Disziplinen untersuchen die Empfindung als eine spezifische Reaktion des menschlichen Organismus und stellen dabei verschiedene Abhängigkeiten fest: etwa die Beziehung zwischen der Intensität eines Reizes und der Reaktion eines bestimmten Sinnesorgans. Es wurde festgestellt, dass in Bezug auf die “Informationsfähigkeit“ beim Menschen das Sehen und das Tasten an erster Stelle stehen, gefolgt vom Hören, Schmecken und Riechen. Moderne biologische Wissenschaften erforschen die komplexe Struktur der neuronalen Prozesse und die Aktivität des menschlichen Gehirns, wobei aufgezeigt wird, welche Hirnfunktionen für die “Aufnahme“ und “Verarbeitung“ von Empfindungen verantwortlich sind. So befindet sich im Hinterhauptlappen der Großhirnrinde das Zentrum der visuellen Empfindungen, im Scheitellappen das des Tastsinns, im Schäfenlappen das Zentrum der Hörempfindungen. Der hintere Teil der Hirnrinde ist vor allem für die “Verarbeitung“ von Informationen zuständig, während der vordere Teil Signale und Handlungsanweisungen gibt. Die Stirnlappen des Gehirns gewährleisten den Vergleich der Ergebnisse einer Handlung mit ihrem ursprünglichen Plan.
Ein naturwissenschaftlicher Zugang zur Untersuchung von Empfindungen zeichnet sich auch dadurch aus, dass die menschliche Sensibilität, also die Fähigkeit des Menschen, auf Einwirkungen der Außenwelt zu reagieren, in enger Verbindung mit der Evolution der Natur betrachtet wird. Dabei wird gezeigt, dass die Fähigkeit zur Reflexion in unterschiedlichem Maße allen Lebewesen eigen ist und in rudimentärer Form (als Fähigkeit zur Wechselwirkung und Reaktion auf Einwirkungen, zur “Reflexion“ derselben) der gesamten Natur zugeschrieben werden kann. Diese universelle Eigenschaft des natürlichen Seins erlaubt es, die menschliche Empfindung auch im Hinblick auf die Wahrnehmung, Reflexion und Verarbeitung äußerer Signale sowie auf die Informationsübermittlung innerhalb des Organismus zu untersuchen — ein Ansatz, der für die Informationstheorie und insbesondere die Kybernetik charakteristisch ist.
Die Empfindung erscheint als subjektives, ideales Abbild eines Gegenstandes, da sie die Einwirkung des Gegenstandes durch die “Linse“ des menschlichen Bewusstseins reflektiert und bricht. So wird beispielsweise Schmerzempfinden stets durch einen außerhalb des menschlichen Bewusstseins existierenden Gegenstand oder einen objektiven Reiz hervorgerufen. Wir spüren den Schmerz eines Brandes, weil Feuer oder ein glühender Gegenstand auf die Haut einwirkt. Doch weder im Feuer noch im heißen Gegenstand selbst liegt der Schmerz; er ist eine besondere Reaktion unseres Organismus. Schmerz ist eine Empfindung des Menschen, die einen bestimmten Zustand seiner Psyche, seiner Emotionen sowie eine entsprechende Reaktion und Handlung hervorruft.
Von großer Bedeutung ist die Tatsache, dass bereits in der Empfindung die objektive Beziehung zwischen dem empfindenden Subjekt (seinen Organen, Prozessen im Organismus, Gehirn und seiner Psyche) und den konkreten Erscheinungen und Prozessen der Umwelt, mit denen dieses Subjekt praktisch interagiert, zum Ausdruck kommt. Die Empfindung steht somit am Ursprung der Reflexion und Fixierung objektiver Beziehungsgeflechte, in die der Mensch tatsächlich eintritt und eingebunden ist. So erkennen wir, dass ein Gegenstand in einer bestimmten Weise im Raum in Bezug auf das wahrnehmende Subjekt positioniert ist und dass die Empfindung streng von dieser “wechselseitigen“ räumlichen Anordnung abhängt: Qualität, Form und Intensität der visuellen und akustischen Empfindung oder des Geruchssinns hängen von der Nähe oder Ferne des Gegenstandes sowie davon ab, wie und von welcher Seite er dem wahrnehmenden Menschen zugewandt ist. Gleichzeitig hängen die Empfindungen auch vom Zustand der Sinnesorgane und des gesamten Organismus ab (so unterscheiden sich die visuellen Empfindungen eines Farbenblinden von denen eines Normalsichtigen; ebenso unterscheiden sich die Geruchs- und Geschmacksempfindungen eines kranken Menschen von denen eines gesunden).
Trotz dieser komplexen doppelten Abhängigkeit der Empfindung sowohl vom Objekt als auch vom Subjekt hat der Mensch im Laufe der Bewusstseinsentwicklung die Fähigkeit ausgebildet, die von Empfindungen und anderen Komponenten sinnlicher Erfahrung bereitgestellten objektiven Informationen zu bewerten und im Alltag zu nutzen. So beurteilen wir anhand der Intensität einer Empfindung mehr oder weniger eindeutig, wie stark ein Gegenstand erwärmt oder abgekühlt ist, wie weit er von uns entfernt ist, wie intensiv die reale Schallquelle ist und ähnliches.
Philosophische Wahrnehmung
Man kann schlussfolgern, dass die Empfindungen uns die erste und elementarste Form der anschaulichen Darstellung eines Gegenstandes liefern. Was bedeutet es, dass die Empfindungen ein Bild geben? Das Bild ist eine ideale Form der Darstellung eines Gegenstandes oder Phänomens in ihrer unmittelbar wahrnehmbaren, ganzheitlichen Gestalt. Die besondere Eigenschaft der menschlichen sinnlichen Erkenntnis liegt darin, dass einzelne, konkrete Empfindungen, als Bestandteile der sinnlichen Reflexion, in der Realität nicht isoliert voneinander existieren. Sie existieren nicht außerhalb der ganzheitlichen, bildhaften Darstellung eines bestimmten Gegenstandes oder Phänomens. Wenn wir beispielsweise ein Haus betrachten, sehen wir es als Ganzes, obwohl eine einzelne, konkrete visuelle Empfindung uns nur einen Teil des Hauses zeigt, etwa ein Stück des Daches. Dabei sind die visuellen Empfindungen untrennbar mit auditiven Empfindungen verbunden, vorausgesetzt, die Sinnesorgane funktionieren normal. Ein Buch liegt auf dem Tisch; ich sehe es als Ganzes, auch wenn eine konkrete, einzelne Empfindung mir unmittelbar nur einen Teil des Einbands zeigt, wenn das Buch geschlossen ist, oder zwei Seiten, wenn es offen ist.
Die sinnliche Tätigkeit des Menschen führte bereits in den frühen Entwicklungsstadien der menschlichen Gesellschaft zur Entstehung einer Form der ganzheitlichen Wahrnehmung von Gegenständen und zur Festigung und Bewahrung einer besonderen "Fähigkeit" des Bildes: das Objekt als ein Ganzes "darzustellen" und "wiederzugeben". Obwohl wir durch verschiedene Sinnesorgane die räumliche Form, die Farbe, den Klang oder den Geruch eines Gegenstandes empfinden, wirkt zugleich die sinnliche Fähigkeit, Empfindungen zu synthetisieren und sie in eine Wahrnehmung zu verwandeln. Diese Wahrnehmung besitzt eine besondere Eigenschaft: Dank ihr wird der Gegenstand dem Bewusstsein gerade in seiner ganzheitlich-gegenständlichen Form gegeben, also als objektive, vom Bewusstsein unabhängige Ganzheit.
Wahrnehmung ist das ganzheitliche Bild eines materiellen Gegenstandes, vermittelt durch die Beobachtung. Ein einfaches Nachdenken genügt, um zu erkennen, dass Wahrnehmung keineswegs eine mechanische "Summierung" von Empfindungen ist. Wahrnehmung entsteht und existiert als Form eines aktiven Syntheseprozesses der mannigfaltigen Erscheinungsformen eines Gegenstandes, der untrennbar mit anderen Akten der Erkenntnis- und Praxistätigkeit verbunden ist, die einer konkreten Beobachtung vorausgehen. Deshalb ist der Prozess der Wahrnehmung ein aktiver und in gewisser Weise kreativer Prozess. Obwohl wir beispielsweise unmittelbar nur einen Teil eines Hauses sehen können, synthetisiert unsere Wahrnehmung das Haus zu einem ganzheitlichen Bild, das auch jene Teile umfasst, die wir in diesem Moment nicht direkt empfinden. Die Wahrnehmung gibt uns nicht nur eine einzelne Fläche; selbst wenn wir direkt nur diese sehen, steht vor uns das Haus in seiner Räumlichkeit und Ganzheit. Dank der vielfachen Arbeit der Wahrnehmungsmechanismen können wir im Bewusstsein, in unserem Gedächtnis, das ganzheitliche Bild eines Gegenstandes bewahren, auch wenn der Gegenstand uns nicht unmittelbar gegeben ist. In diesem Fall tritt eine noch komplexere Form sinnlicher Erkenntnis in Erscheinung: die Vorstellung.
Im allgemeinen Sprachgebrauch hat das Wort "Gefühl" noch eine weitere Bedeutung: Es bezeichnet Emotionen wie Zorn, Angst, Liebe, Hass, Sympathie, Antipathie, Freude oder Unmut, die für den Menschen besonders wichtig und typisch sind. Emotionen sind eine komplexe und recht vielschichtige Form menschlicher Sinnlichkeit. Sie sind sowohl ihrem Wesen nach als auch in ihrer Ausdrucksform äußerst vielfältig. Deshalb können wir mit Recht sagen, dass jeder Mensch eine große Individualität seiner Emotionen besitzt. Dies liegt daran, dass Emotionen eindeutig von der sinnlichen Organisation des einzelnen Menschen sowie von den Besonderheiten seiner Psyche, seinem Charakter und Temperament abhängen. Dennoch lassen sich in der Welt der menschlichen Emotionen Gesetzmäßigkeiten erkennen, und es können Typen von Persönlichkeiten unterschieden werden, die einen vergleichbar ähnlichen Gefühlsaufbau besitzen. Die Untersuchung solcher Fragen obliegt den psychologischen Disziplinen. Für die Erkenntnistheorie ist es wichtig zu betonen, dass Emotionen, wie alle anderen Elemente der Sinnlichkeit, einerseits Aspekte der objektiven Reflexion realer Zusammenhänge enthalten, in die der Mensch eingebunden ist, und andererseits das objektive Verhältnis des Menschen zur Welt fixieren.
Die Gnoseologie betont somit zunächst die objektive Bedingtheit menschlicher Emotionen und Leidenschaften, wobei in diesem Zusammenhang konkrete Umstände eine besondere Rolle spielen: reale, historische, sozial-gruppenspezifische Faktoren sowie viele andere Gegebenheiten, die mit dem konkreten Kontext menschlicher Kommunikation verbunden sind. Darüber hinaus untersucht die Gnoseologie die Besonderheit des subjektiven Moments, der in den Emotionen enthalten ist. Emotionen können in Form unmittelbarer, sehr schneller und halb unbewusster Reaktionen des Individuums existieren; sie können auch als sehr komplexe sinnliche Gebilde auftreten, die durch den ganzen Reichtum der menschlichen Kultur geprägt und entwickelt wurden — also als wahrhaft menschliche Gefühle. Emotionen sind ein aktiver, klarer Ausdruck der Beziehung des Menschen zu einem bestimmten Phänomen. Eine solche Beziehung enthält immer, ob offen oder verborgen, einen Moment der Bewertung und steht im Zusammenhang mit Begriffen wie "gut", "böse", "gerecht" oder "ungerecht", "schön" und ähnlichen. Solche Begriffe werden in der modernen Literatur oft als Werte oder wertende Begriffe bezeichnet. Es ist offensichtlich, dass Vorstellungen von Gut und Gerechtigkeit nicht rein individuell sind, sondern mit der historischen Epoche und der Zugehörigkeit des Menschen zu einer bestimmten Gruppe verbunden. Wenn wir also die Besonderheiten des subjektiven Aspekts von Emotionen betrachten, erkennen wir ihre Abhängigkeit von Gesellschaft, Geschichte und Kultur. Dies wiederum zeigt erneut das Vorhandensein objektiver Inhalte und objektiver Informationen in den Emotionen.
Somit lassen sich die Hauptbestandteile der sinnlichen Tätigkeit und Erkenntnis wie folgt benennen: Empfindungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen und Emotionen. Wir haben jeden dieser Bestandteile einzeln betrachtet, doch das bedeutet nicht, dass sie im realen Erkenntnisprozess isoliert voneinander existieren oder nacheinander folgen: "zuerst" die Empfindungen, "danach" die Wahrnehmungen usw. In der Praxis ist die sinnliche Erkenntnis ein komplexes, synthetisches Ganzes aus den genannten Elementen und Formen, die zugleich untrennbar mit den Formen des Denkens verbunden sind.
Die Spezifik und Rolle der sinnlichen Erkenntnis des gesellschaftlichen Menschen
Die Prozesse der sinnlichen Wahrnehmung, die auf den ersten Blick sehr einfach erscheinen mögen, sind in Wirklichkeit äußerst komplex. Es ist wahr, dass bei der Betrachtung eines bestimmten Objekts, zum Beispiel dieses Raumes, dieses Tisches, dieses Hauses usw., die Sinnesorgane des Sehens beteiligt sind. Doch sind es nur diese? Wir schauen auf das Objekt, und unser Sehen (wie auch das Hören, Tasten, Riechen) ist eng und untrennbar mit unserer Beziehung zu diesem Objekt verbunden. Wir nehmen es wahr als schön oder hässlich, symmetrisch oder asymmetrisch, angenehm oder unangenehm, nützlich oder schädlich.
Wir hören Musik. Natürlich ist dies ein Faktum, das auf die Funktionsweise des Hörorgans hinweist, denn ohne die “Arbeit“ des Hörsinns ist es unmöglich, Musik wahrzunehmen. Zweifellos sind bestimmte natürliche Veranlagungen (das Vorhandensein oder Fehlen eines natürlichen Gehörs, also die besondere Beschaffenheit der Sinnesorgane) wichtig für die musikalische Wahrnehmung, und noch mehr für die musikalische Schöpfung. Doch haben wir, indem wir über das Funktionieren des Ohrs und des Hörapparats gesprochen haben, noch nichts über den eigentlichen menschlichen Gehalt des Prozesses der sinnlichen Wahrnehmung von Musik gesagt.
Zunächst ist das Wahrnehmungsobjekt selbst, die Musik, ein Resultat menschlicher Tätigkeit, das sich von Epoche zu Epoche, von Volk zu Volk usw. unterscheidet. Zweitens ist auch die Fähigkeit des Menschen, Musik zu wahrzunehmen, das Resultat seiner Eingliederung in den Bereich der Kultur, seiner Zugehörigkeit zur Welt der Kultur und seiner Kommunikation mit anderen Menschen. So ist die Wahrnehmung von Musik durch das Individuum ein wahrhaft menschlicher Prozess, der im Verlauf gemeinschaftlicher menschlicher Tätigkeit entstand und von vielen Voraussetzungen des kulturellen und historischen Erfahrungshorizonts abhängt. Sie ist das Ergebnis und der Schritt einer jahrhundertelangen Entwicklung der menschlichen Kultur.
Wenn wir einen Menschen sehen, seine Handlungen und Taten wahrnehmen oder gesellschaftliche Ereignisse beobachten, wird der Wahrnehmungsmechanismus noch komplizierter. “Schönheit“, “Gerechtigkeit“, “Fortschrittlichkeit“ und viele, viele andere Begriffe, die mit ihnen verbundenen Einstellungen und Haltungen fließen unsichtbar in den Prozess der Beobachtung und Wahrnehmung solcher Objekte ein, in den Prozess ihrer unmittelbar-sinnlichen Erfassung.
Das Funktionieren der Sinnesorgane ist eine notwendige objektive Voraussetzung für Erkenntnis, die insofern von Bedeutung ist, als ohne sie Erkenntnis unmöglich wäre. Solange das Gehirn und die Sinnesorgane einwandfrei funktionieren, bemerken wir ihre Rolle oft nicht. Doch ihre Bedeutung wird offensichtlich, wenn die Sinnesorgane beschädigt sind (besonders bei angeborenen Störungen). Diese Beispiele zeigen die innere Macht des menschlichen Erkenntnisprozesses insgesamt und seine Fähigkeit, die physischen Mängel des menschlichen Körpers zu kompensieren. Denn Menschen, die von Natur aus nicht in der Lage sind zu sehen oder zu hören, können dennoch vollständige menschliche Wesen sein, indem sie die Fähigkeit zur Erkenntnis und rationalen Denkens entwickeln (einschließlich in einigen Fällen der Fähigkeit zur bildhaften Ausdrucksweise und Reproduktion von Gedanken). Hingegen verlieren Individuen, die von Natur aus mit funktionierenden Sinnesorganen ausgestattet sind, aber durch eine außergewöhnliche Verkettung von Umständen von Geburt an vom menschlichen Gemeinschaftsleben isoliert wurden (solche seltenen Fälle sind in der Wissenschaft beschrieben und untersucht worden), praktisch die Fähigkeit zur Erkenntnis.
In der menschlichen sinnlichen Wahrnehmung gibt es noch ein weiteres wichtiges Element, das nur dem Menschen eigen ist und bei Tieren nicht vorkommt. Der Mensch ist in der Lage, mit dem Blick nicht nur das zu erfassen, was er mit eigenen Augen gesehen hat: nahezu ein großer Teil seiner sinnlichen Erfahrung umfasst Bilder, die aus Beschreibungen stammen, die von anderen Menschen gemacht wurden.
In unserer Zeit schnellen Bildungs und Massenkommunikation hat diese für den Menschen typische Fähigkeit, die sinnlichen Erfahrungen anderer Menschen zu nutzen, das gemeinsame menschliche Wissen zu verinnerlichen und weiterzugeben und so die Grenzen der “sichtbaren“ und “gehörten“ Welt zu erweitern, beinahe unbegrenzte Ausmaße angenommen. In diesem Faktum wird die Bedeutung der tatsächlichen Interaktion vieler Menschen für die Bildung der sinnlichen Erfahrung jedes Einzelnen deutlich. Hier wird ebenfalls die universelle Bedeutung der Sprache sichtbar, mit ihrer Fähigkeit, konkrete Bilder durch Wörter zu übermitteln.
Die Bedeutung der Sprache für die Erkenntnis überhaupt, und speziell für die sinnliche Erkenntnis, ist enorm. Es genügt zu sagen, dass der Mensch, dessen Sinnesorgane mit einem materiellen Objekt in Kontakt kommen, bereits die Sprache beherrscht und somit auch die Fähigkeiten im Gebrauch von Begriffen, die zusammen mit den Formen der Sprache das Ergebnis der Akkumulation, Ansammlung und Generalisierung früherer historischer Erfahrungen darstellen.
Die Sprache organisiert und formt in hohem Maße die sinnliche Erkenntnis: Durch die Sprache erfolgt (oft unbewusst, quasi automatisch) die Verbindung einzelner Fakten der sinnlich-empirischen Erfahrung des jeweiligen Menschen mit dem Wissen über die wesentlichen Zusammenhänge und Beziehungen der realen Welt, in der der Mensch lebt und handelt. Jeder Mensch — und das allein durch die Beherrschung der Sprache — stützt sich praktisch im Alltag auf die jahrhundertealte Erfahrung der “Verarbeitung“ jener sinnlichen Daten, die er bei der unmittelbaren Auseinandersetzung mit Gegenständen, Phänomenen, Tatsachen des Lebens erhält. Es geht um die Verarbeitung mittels Begriffen, deren konkrete Inhalte, in sprachlicher Form ausgedrückt, er sich aneignet, indem er in das gesellschaftliche Leben, in das System der bestehenden Kultur seiner Gesellschaft, in das System des vorhandenen Wissens in dieser Gesellschaft integriert wird.
Die Einheit von sinnlicher Wahrnehmung und rationalem Denken in der Erkenntnis
Die sinnliche Wahrnehmung konkreter, einzelner Phänomene, Ereignisse und Tatsachen durch den Menschen hängt von dem Inhalt der Begriffe ab, ebenso davon, in welchem Maße und wie vollständig der jeweilige Mensch den Inhalt dieser Begriffe verinnerlicht hat. Folglich handelt es sich um eine Abhängigkeit der sinnlichen Erfahrung und Wahrnehmung vom Sprachgebrauch, vom begrifflichen Apparat, den der Mensch in seiner praktischen und erkenntnistheoretischen Tätigkeit verwendet. Diese Abhängigkeit ist jedoch keineswegs einseitig.
Der Begriff selbst ist das Ergebnis des historischen Erfahrungshorizonts der Menschheit insgesamt oder des historischen Erlebnisses bestimmter Menschengruppen, sozialer Gemeinschaften. Das Verstehen von Begriffen durch Einzelne oder bestimmte Generationen, die Rolle dieser Begriffe in ihrem Bewusstsein und in ihrem Handeln — all dies hängt in der Tat vom direkten Kontakt der Menschen mit der objektiven Realität ab. Im Verlauf solcher Kontakte erfahren die Begriffe und Ideen wiederholte und vielschichtige Prüfungen, bereichern sich mit Inhalt und erhalten, falls nötig, neue Bedeutungen.
Darüber hinaus sind Begriffe nur dann wirklich bedeutungsvoll, wenn sie mit dem Bewusstsein ihrer praktischen Verwendbarkeit verbunden sind — zur Befriedigung von Bedürfnissen, zur Veränderung und Umgestaltung von Objekten, von Beziehungen in der Natur und Gesellschaft im Verlauf menschlicher, aktiver Tätigkeit. Dabei werden die Begriffe, die Menschen im Prozess des Lernens erwerben, ständig mit der realen Praxis verglichen, überprüft und präzisiert im direkten Umgang mit konkreten Objekten, besonders in jenen Momenten, wenn neue, dringliche Probleme auftreten (was in jeder menschlichen Tätigkeit vorkommt). Dann werden die Begriffe und das Wissen geprüft, bereichert, korrigiert, und in einigen Fällen auch wesentlich im Inhalt verändert, obwohl die Worte der Sprache, die sie ausdrücken, unverändert bleiben können.
“Sinnlichkeit“ und “rationales Denken“ dürfen nicht als angeblich völlig eigenständige, isolierte “Fähigkeiten“ des erkennenden Menschen betrachtet werden. In der tatsächlichen Erkenntnis stehen sie in einer Einheit und Wechselwirkung. Darüber hinaus offenbart sich in ihrer komplexen Wechselwirkung zwei Arten von Tätigkeit: erstens die praktische Tätigkeit im weitesten Sinne des Wortes, und zweitens die Tätigkeit, die speziell auf die Schaffung von Wissen, auf die Produktion von Begriffen gerichtet ist, also die theoretische Tätigkeit als eine besondere Form der geistigen Arbeit. Dabei ist die praktische Tätigkeit, in deren Verlauf der direkte Kontakt der Sinnesorgane mit den Objekten und Phänomenen der Natur und Gesellschaft kontinuierlich entsteht, eng mit dem Denken, mit den Begriffen verbunden, während die theoretische Tätigkeit von sinnlich-bildhaften Elementen durchzogen ist und mit tausend Fäden mit allen Formen praktischer Tätigkeit verknüpft ist. Somit besteht die Problematik von “Sinnlichkeit“ und “Denken“ tatsächlich in der Frage nach der Spezifik und dem widersprüchlichen Zusammenspiel der beiden genannten Tätigkeitsarten und -ebenen.
Der Begriff als grundlegende Form der rationalen Erkenntnis
Bei der Betrachtung der sinnlichen Erkenntnis, also der Erkenntnis, die in die materiell-gegenständliche Tätigkeit eingebunden ist, wurde ihre Abhängigkeit von der Sprache und vom begrifflichen Denken aufgezeigt. Was jedoch sind Begriffe, wie entstehen sie? Die allgemeinste Antwort darauf lautet wie folgt.
Im Verlauf der physischen Einwirkung auf konkrete Gegenstände und Phänomene, bei deren Nutzung und Umwandlung, im Prozess der Schaffung und Veränderung sozialer Beziehungen erwirbt die Menschheit vielfältige Erkenntnisse über diese Beziehungen. Es werden die Beziehungen zwischen verschiedenen Arten und Typen materieller Objekte und Prozesse aufgedeckt, zwischen verschiedenen Eigenschaften von Objekten und so weiter. Die Beziehungen von Dingen, Phänomenen, Prozessen sind vielfältig, und entsprechend unterschiedlich sind die Erkenntnisse über diese Beziehungen. Dies können zum Beispiel Erkenntnisse über die Beziehungen zwischen den Eigenschaften von Eisen, aus dem eine Axt gefertigt wird, und dem Holz, das die Axt spalten kann, sein. Aber auch komplexere Erkenntnisse über die Beziehungen zwischen der Masse und der Beschleunigung eines Körpers, über die Beziehungen zwischen elementaren Teilchen im Atom und dergleichen können dazugehören.
Da Wissen darauf abzielt, die Beziehungen zwischen den Eigenschaften von Dingen, zwischen den Dingen selbst und den Prozessen, in die sie eingebunden sind, zu erkennen, werden diese Beziehungen zu Objekten der Erkenntnis. Aber was bedeutet das für das Verständnis des Erkenntnisprozesses, und insbesondere für das Verständnis der Mechanismen der Entstehung von Begriffen und ihrer Rolle in der Erkenntnis?
Bereits im alltäglichen praktischen Leben haben wir es ständig mit konkreten Einzelobjekten zu tun, die real existieren und direkt mit den Sinnen wahrgenommen werden können, sei es durch Sehen, Hören oder Tasten. Dabei erkennen wir stets die Beziehungen zwischen den Objekten und fixieren auch unsere Einstellung zu ihnen, was zum Beispiel in folgenden einfachen Aussagen sichtbar wird: “Das ist ein Haus“, “Dieses Haus ist schön“, “Die Rose ist rot“ und so weiter. Die Worte “Haus“, “schön“, “rot“ können nicht nur auf das konkrete, einzelne Objekt bezogen werden, auf das wir uns gerade beziehen. Das Wort “Haus“ kann auf alle sehr unterschiedlichen Gebäude angewendet werden, die dem Menschen als Wohnraum dienen. Auch die Wörter “schön“ und “rot“ können auf die verschiedensten Dinge, auf unterschiedliche Klassen von Objekten angewendet werden: Denn schön sind nicht nur Häuser, rot sind nicht nur Rosen.
Diese Worte drücken bereits die Beziehungen zwischen konkreten Dingen und Phänomenen aus und spiegeln sie in einer generalisierten Form wider. Wenn wir sie verwenden, denken wir an bestimmte, allgemeine Eigenschaften, die charakteristischen Merkmale verschiedener Dinge und Phänomene, die in vielen anderen Dimensionen stark voneinander abweichen. Gerade die objektive Allgemeinheit der Eigenschaften wird zum Hauptobjekt der Erkenntnis. Dabei entwickelt sich der Erkenntnisprozess wie folgt: Zunächst stützen wir uns auf die Untersuchung realer, konkreter Dinge als materieller Objekte, deren tatsächliche, objektiv existierende Qualitäten und Merkmale. Gleichzeitig findet jedoch ein aktiver erkenntnistheoretischer Prozess statt: Der Mensch vergleicht absichtlich verschiedene Objekte, die nicht immer unmittelbar aufeinander einwirken. Indem er mit diesen Objekten bestimmte Handlungen vornimmt und dabei ein praktisches Ziel verfolgt, vergleicht er sie und stellt Ähnlichkeiten in einem bestimmten Aspekt fest, wobei er jene Beziehungen und Verbindungen beiseitelässt, die ihn zu diesem Zeitpunkt und in diesem Kontext nicht interessieren. Der Mensch “schneidet“ gewissermaßen die reale Ganzheit des konkreten Objekts mit seinem Denken auseinander, das immer in die verschiedensten Beziehungen zu anderen Dingen und Merkmalen eingebunden ist und daher potenziell eine Vielzahl von Eigenschaften und Merkmalen in sich vereint.
Durch den Einsatz seines Denkens hebt der Mensch solche Beziehungen hervor, die objektiv gesehen in dieser Form und als spezielle Objekte nicht existieren. Doch sie erweisen sich als wichtig für das Leben und Handeln des Menschen und der Menschheit und werden daher zu speziellen Objekten der erkenntnistheoretischen Tätigkeit. Diese Objekte, die der Mensch herausgreift und erkennt, werden in Begriffen, in Wörtern wie “Haus“, “Mensch“, “rot“, “Schönheit“ und dergleichen ausgedrückt und fixiert.
Zum Beispiel sind eine rote Rose und ein rotes Tuch in vielerlei Hinsicht verschieden. Doch wenn der Mensch an ihrer Farbe interessiert ist, abstrahiert er von anderen Eigenschaften dieser Gegenstände. Er vergleicht diese Dinge hinsichtlich ihrer Farbe (wobei er oft auch von den Farbtönen absieht, die ebenfalls sehr unterschiedlich sein können). Die objektiven Beziehungen dieser Objekte, die in der Gemeinsamkeit ihrer Farbe verkörpert sind, werden im Begriff “rot“ festgehalten und reflektiert.
Die Prozesse, durch die allmählich und schrittweise Begriffe entstehen, die die gemeinsamen Eigenschaften der Dinge und Phänomene der umgebenden Welt widerspiegeln, sind Jahrhunderte alt und reichen tief in die Vergangenheit. Bevor das Wissen über bestimmte Beziehungen in einer generalisierten Form vorliegt und dadurch in begrifflicher Ausdrucksform erscheint, müssen Milliarden von Vergleichen, Unterscheidungen, “Zerschneidungen“ im Denken und physische Veränderung der Objekte durchgeführt worden sein. Alle unwesentlichen oder nebensächlichen Aspekte für diese spezielle Beziehung müssen beiseitegelassen werden. Im Prozess menschlicher Tätigkeit muss das Wissen von rein persönlichen, individuellen Momenten befreit werden (von den Gefühlen, Erlebnissen und ausschließlich individuellen Zielen der Subjekte). Das Wissen muss in einer generalisierten Form erscheinen, so dass es die allgemeinen objektiven Beziehungen ausdrückt und zugleich objektive Bedeutung für eine Vielzahl von Menschen erhält. In diesem Fall werden die Ergebnisse praktischer Tätigkeit nicht nur konkrete, neu geschaffene oder veränderte Objekte und Phänomene sein, sondern auch die Begriffe, die im Verlauf dieses Prozesses entstanden sind und zu diesem Zeitpunkt untrennbar damit verbunden sind. Später werden die in der praktischen Tätigkeit entstandenen Begriffe ein wichtiger Bestandteil und eine Form dieser Tätigkeit. In den weiteren Prozessen ihrer Anwendung werden sie durch ständiges Vergleichen mit konkreten Objekten und Beziehungen, die zu diesem Typ gehören, überprüft, präzisiert und verändert.
Das Konzept als grundlegende Form der rationalen Erkenntnis
Wenn wir über den konkreten Menschen oder Gruppen von Menschen sprechen, verwenden wir gewohnheitsmäßig und natürlich das Wort “Mensch“. In den meisten Fällen (bewusster oder weniger bewusst) verbinden wir dieses Wort mit einem Wissen über die gemeinsamen Eigenschaften aller menschlichen Wesen, ihre Unterschiede zu anderen Objekten der Natur, zu Tieren und so weiter. Wenn das Wort in Verbindung mit einem solchen (mehr oder weniger vollständigen, mehr oder weniger differenzierten) Wissen verwendet wird, dann erscheint es als Begriff. Begriffe sind in Wörtern verkörperte Produkte des sozial-historischen Erkenntnisprozesses, die allgemeine, wesentliche Eigenschaften und Beziehungen von Dingen und Phänomenen herausheben und fixieren. Sie fassen zugleich das wichtigste Wissen über die Handlungsweisen mit bestimmten Gruppen von Dingen und Phänomenen zusammen. Ohne Begriffe wäre menschliche Erkenntnis unmöglich. Wenn im langen historischen Prozess der menschlichen Erkenntnis keine allgemeinen Denkformen entwickelt und gefestigt worden wären, müsste jeder Mensch in jeder Generation wieder und wieder jede konkrete Sache, jedes Faktum, jedes Phänomen mit einem eigenen Wort beschreiben, vergleichen und ausdrücken. Durch die Verwendung von Wörtern-Begriffen sammeln und verwenden wir die Ergebnisse jahrhundertelanger praktischer Erfahrung der Menschheit in verkürzter Form.
Bis jetzt haben wir vor allem über Begriffe gesprochen, die die allgemeinen Eigenschaften materieller Objekte fixieren. “Rot“ ist ein Begriff, der eine allgemeine Eigenschaft bestimmter sinnlich wahrnehmbarer Dinge widerspiegelt und deren Unterschied zu anderen, anders gefärbten materiellen Gegenständen beschreibt. Wenn wir nun nicht nur den Unterschied zwischen roten, grünen, gelben und so weiter Dingen festhalten, sondern auch ihre Identität und Ähnlichkeit, dann tritt auf einmal ihre objektive Eigenschaft, so oder so gefärbt zu sein, in den Vordergrund, also die Eigenschaft der Farbe. Neben den Begriffen “rot“, “grün“ bildet sich auch der Begriff “Farbe“ heraus, der noch allgemeiner ist und einen noch weiter gefassten Zusammenhang widerspiegelt. Um diesen zu bilden, muss man offensichtlich bereits die Verbindung und den Unterschied zwischen den konkreten roten Objekten und dem Rot an sich verstehen, also den Unterschied und die Beziehung zwischen dem Einzelnen und dem Allgemeinen. Der Begriff “Farbe“ berücksichtigt nicht nur die allgemeinen Eigenschaften aller gefärbten Dinge, sondern stellt auch die Beziehungen zwischen ihnen und zwischen den Wörtern-Begriffen dar, die die Beziehungen unterschiedlicher Farben fixieren: “rot“, “grün“, “gelb“ und so weiter. Solche Wörter-Begriffe fixieren die allgemeinen Beziehungen zwischen Dingen und Phänomenen, aber sie sind selbst keine konkreten materiellen, sondern ideale, verallgemeinerte Objekte der Erkenntnis; dabei kann der “Grad“ oder die Stufe der Abstraktion von den konkreten materiellen Dingen und deren sinnlich wahrnehmbaren Eigenschaften unterschiedlich sein.
Dennoch muss im Hinblick auf jene Begriffe, die genau in dem unmittelbaren Prozess der materiellen-praktischen Tätigkeit entstehen und verwendet werden, ihre Verbindung zur sinnlichen Erkenntnis, zur Wahrnehmung und zum sinnlich-anschaulichen Abbild der Realität erneut betont werden. Bildhafte Formen der Abbildung von Eigenschaften der Dingwelt enthalten bereits die ersten Stadien und Formen der Verallgemeinerung. Wenn wir zum Beispiel das Bild eines Hundes im Kopf haben, so ist dieses Bild bereits ein recht komplexes Ergebnis sinnlicher Erfahrung — es sind Merkmale verschiedener Hunde, die wir gesehen haben, miteinander synthetisiert. Bildhafte Formen haben auch unsere allgemeineren, abstrakteren und ganzheitlicheren Vorstellungen (über das Heimatland, über eine Stadt, ein Land und so weiter). Durch Begriffe wird der Verallgemeinerungsprozess nicht nur fortgesetzt: die Verbindung des Begriffs mit der Gesamtheit bestimmter, konkreter Gegenstände der entsprechenden Klasse wird mehr und mehr vermittelt. Begriffe wie “Hund“, “Baum“, “Stuhl“ sind im Gegensatz zu den entsprechenden Bildern möglicherweise von den Merkmalen der Konkretheit befreit. Und dennoch ist es nur durch den Begriff (und nicht einfach durch ein Wort, eine bloße Ansammlung von Lauten), dass er als Begriff fungiert, weil wir mit seiner Hilfe immer wieder die entsprechenden Objekte und deren Beziehungen erfassen, verwenden und kennzeichnen (also für andere Menschen anzeigen). Im Begriff (also in dem Wort, das eng mit der Gesamtheit des Wissens verbunden ist) werden bereits solche Erkenntnisse verallgemeinert und fixiert, die es uns ermöglichen, praktisch mit den Gegenständen der entsprechenden Klasse zu handeln. Begriffe liefern sozusagen Regeln, eine verkürzte Skizze der sinnlich-praktischen Handlung. In dieser Hinsicht liegt das Spezifische der Begriffe, die im Verlauf der sinnlich-gegenständlichen Tätigkeit gebildet werden.
Lassen Sie uns besonders auf die Handlungen achten, die im Prozess der Bildung von Begriffen dieser Art vorkommen. Streng miteinander verbundene Handlungen des Abstraktierens, Vergleichens und Zuordnens, das Herausheben jener allgemeinen Eigenschaften, die einer unüberschaubaren Menge von Gegenständen und ganzen Klassen von Gegenständen eigen sind, werden in der Philosophie als Abstraktion bezeichnet, und die Ergebnisse des Wissens, die am Ende gewonnen werden, nennt man Abstraktionen. Beim Abstrahieren geht der Mensch von den objektiven, tatsächlichen Eigenschaften von Objekten und Phänomenen sowie von deren realen Beziehungen zueinander aus; es wird ihre tatsächliche, unabhängig vom Bewusstsein existierende Einheit fixiert. Doch die Tätigkeit des Abstraktierens und Vereinigens, des Synthesebildens, zeugt von der Kraft und Aktivität menschlicher Erkenntnis, vom Entstehen eines besonderen Typs der Tätigkeit, eines besonderen Typs der Erkenntnis, die darauf abzielt, Beziehungen zu fixieren. Es muss immer wieder betont werden, dass das Erkennen von Beziehungen, deren Verbesserung und die Nutzung dieses Wissens in der Praxis ein sehr gewöhnlicher und alltäglicher Vorgang ist. Es ist ein Prozess, den Menschen täglich und stündlich in ihrem Leben durchführen und der zu sehr wichtigen nicht nur materiellen, sondern auch idealen Ergebnissen führt. Wir wirken mit Hilfe eines Gegenstandes auf einen anderen ein, weil wir bereits wissen oder vermuten können, und dann genau wissen, in welchem Verhältnis sie zueinander stehen.
Der Urmensch war prinzipiell denselben Materialien der Natur ausgesetzt wie der moderne Mensch. Zum Beispiel stieß er auf Stücke von Eisen. Aber der Mensch verstand nicht sofort, dass aus dem Material, das in diesen Stücken enthalten war, ein Beil gemacht werden konnte. Erst nach vielen einzelnen, oft zufälligen Handlungen entdeckten die Menschen, dass dieses Material — Eisen — aufgrund seiner besonderen Eigenschaften geeignet war, andere Gegenstände zu bearbeiten. Die Herstellung von Werkzeugen bedeutet also, feste Beziehungen zwischen den für das Werkzeug verwendeten Materialien und einigen anderen Objekten der materiellen Welt zu erkennen und zu begreifen. Der Mensch verwendet diese Materialien zum Bau eines Hauses, weil er bereits das Verhältnis zwischen den für den Bau benötigten Materialien und dem Ergebnis — dem gebauten Haus — kennt.
Das Entdecken und Erkennen dieser Beziehungen wird dem Menschen durch den praktischen Prozess der aktiven Verwendung eines Gegenstands zur Beeinflussung eines anderen erleichtert. Gleichzeitig handelt es sich um einen Prozess der Wiederholung, der Reproduktion bestimmter Handlungen und der Entdeckung von festen, stabilen, wiederkehrenden Beziehungen. Solche Beziehungen werden als wesentliche oder gesetzmäßige objektive Beziehungen und Verbindungen bezeichnet.
Im Verlauf der historischen Entwicklung nimmt die Tätigkeit der Bildung und Verwendung von Begriffen, die ursprünglich in die unmittelbare praktische Tätigkeit eingebunden war und nur in dieser Form existierte, zunehmend komplexere Formen an, bis sie — sehr langsam und allmählich — zu einer eigenständigen Tätigkeit wird.
Nehmen wir als Beispiel den Prozess der Erkenntnis quantitativer Beziehungen. Heute hat dieser Prozess zu bedeutenden wissenschaftlichen und praktischen Ergebnissen geführt: Die Mathematikalisierung des Wissens ist eine der zentralen objektiven Tendenzen der Wissenschaften in der Ära der wissenschaftlich-technischen Revolution. Gleichzeitig haben viele Begriffe und Vorstellungen von quantitativen Beziehungen eine solche Abstraktheit und Abstraktion erlangt, dass sie manchmal als völlig “freie“ und “willkürliche“ Schöpfungen des menschlichen Geistes interpretiert werden. Doch darf nicht vergessen werden, dass das Erkennen quantitativer Beziehungen von jeher in die praktische Tätigkeit des Menschen eingebettet war und bis heute auch weiterhin in dieser Form fortschreitet.
Im Verlauf dieses Prozesses lernten die Menschen schon früh, bestimmte materielle Objekte zu vergleichen und zu messen, dann erkannten sie die Gemeinsamkeit ihrer Handlungen, die auf das Messen und Zählen verschiedener Objekte abzielten, und nach einer Analyse dieser Handlungen stellten sie quantitative Beziehungen zwischen den materiellen Objekten selbst her. In ihrem Bewusstsein bildeten sich Erkenntnisse über quantitative Beziehungen heraus, die eine allgemeine Form annahmen, ein sprachliches Ausdrucksmittel fanden und zu einem wichtigen Faktor für die weitere praktische Tätigkeit wurden. Erst später bildeten sich spezielle Gruppen von Menschen, die das Wissen über quantitative Beziehungen bewahrten und spezielle Fähigkeiten im Umgang mit Zahlen entwickelten. Diese Menschen beschäftigten sich zunächst mit der Vermessung von Landflächen, der Zählung von Gegenständen, die unter den Mitgliedern einer Gemeinschaft oder für Handel und Tausch verteilt werden sollten; erst in einem vergleichsweise späten Entwicklungsstadium trennte sich ein besonderer Tätigkeitstyp ab, dessen unmittelbares und zentrales Objekt die selbst quantitativen und geometrischen Beziehungen wurden, die nun getrennt von den zählbaren und messbaren Objekten betrachtet und studiert wurden. So entstand die Mathematik, die älteste der Wissenschaften. Und auch heute noch existiert die Tätigkeit der Bildung und Verwendung von Begriffen über quantitative Beziehungen in zwei Formen.
Erstens, indem der Mensch die objektiven quantitativen Eigenschaften materieller Körper, Objekte, Prozesse der Natur- und Gesellschaftsentwicklung erkennt, gebraucht er noch immer gewohnt Worte wie “weniger“, “mehr“, “gleich“ und so weiter. Der Mensch verwendet täglich Zahlen. Genau durch das Millionenmal wiederholte Interagieren mit verschiedenen materiellen Objekten hat der Mensch ihre quantitativen Eigenschaften und Beziehungen herausgefiltert, erkannt und sie mit besonderen sprachlichen Zeichen (Ziffern wie 1, 3, 5 ..., Operationen wie “mehr“, “weniger“, “gleich“ usw.) bezeichnet. Und heute verwendet er diese “quantitativen“ Begriffe, nutzt sie praktisch und präzisiert sie weiter.
Was die Mathematik betrifft, so befasst sie sich bereits mit verschiedenen Ergebnissen des menschlichen Erkenntnisprozesses, also mit Wissen. Da sie Wissen und Vorstellungen über quantitative Beziehungen im Prozess einer weiteren, tiefergehenden Erkenntnis dieser Beziehungen verwendet, da sie untersucht, wie Zahlen zueinander in Beziehung stehen, geschieht die Umwandlung “quantitativer Begriffe“, also der verallgemeinerten Erkenntnisse über die Beziehungen von Objekten, in besondere Objekte der Erkenntnis. Durch die Schaffung der Mathematik kann der Mensch direkt mit Zahlen als Objekten seines Wissens arbeiten; er kann durch die Arbeit mit Zahlen neue Formeln ableiten, bestimmte mathematische Gesetzmäßigkeiten entdecken und so neues Wissen erlangen.
Im Bereich der Erkenntnistheorie ist es notwendig, erstens die Bedeutung und Spezifität des Prozesses der Bildung und des Funktionierens von Begriffen zu betonen und zweitens zu berücksichtigen, dass im Verlauf der Geschichte allmählich eine besondere Tätigkeit entsteht, deren Ziel die Bildung und Veränderung von Wissen ist, also die Bildung und Veränderung von Begriffen, Ideen, theoretischen Konzepten. Folglich entsteht im Prozess der gesellschaftlichen Arbeitsteilung ein besonderer Tätigkeitstyp, dessen Hauptziel die Produktion theoretischen Wissens ist (sowie die Bewahrung, Anhäufung, Weitergabe, Verbreitung von Wissen, das Lernen von Wissen). Dies ist die spezielle Tätigkeit zur Schaffung allgemeiner Begriffe, Ideen und Prinzipien, die in der Gesellschaft mehr oder weniger organisiert einen besonderen Prozess bildet.
Kreativität und Intuition
Im Prozess der Erkenntnis spielen neben den rationalen auch die irrationalen Verfahren eine Rolle. Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Verfahren mit der Rationalität unvereinbar oder gar irrational sind. Irrationale Verfahren und Operationen werden von verschiedenen Bereichen des Gehirns auf der Grundlage besonderer biosozialer Gesetzmäßigkeiten hervorgebracht, die unabhängig vom Willen und Bewusstsein des Menschen wirken. Was aber ist das Besondere an den irrationalen Mechanismen der Erkenntnis? Wozu sind sie notwendig und welche Rolle spielen sie im Erkenntnisprozess? Um diese Fragen zu beantworten, müssen wir verstehen, was Intuition und Kreativität sind.
Im realen Leben sehen sich Menschen ständig mit schnell wechselnden Situationen konfrontiert. Deshalb müssen sie neben den Entscheidungen, die auf allgemein akzeptierten Verhaltensnormen beruhen, auch unkonventionelle Entscheidungen treffen. Dieser Prozess wird gewöhnlich als Kreativität bezeichnet.
Platon betrachtete Kreativität als eine göttliche Fähigkeit, die einer besonderen Art des Wahnsinns verwandt ist. Die christliche Tradition sah in der Kreativität den höchsten Ausdruck des Göttlichen im Menschen. Immanuel Kant erkannte in der Kreativität das Kennzeichen des Genies und stellte sie der rationalen Tätigkeit entgegen. Aus Kants Sicht war die rationale Tätigkeit, wie etwa die wissenschaftliche Arbeit, bestenfalls das Werk eines Talents, während wahre Kreativität — zugänglich nur für große Propheten, Philosophen oder Künstler — stets den Genies vorbehalten war. Den Philosophen des Existentialismus kam die Kreativität als eine besondere Eigenschaft des Individuums von großer Bedeutung zu. Vertreter der Tiefenpsychologie wie Sigmund Freud, Carl Gustav Jung, der deutsche Psychiater Ernst Kretschmer und der Autor des Werkes Die Genialen betrachteten die Kreativität vollständig als Sphäre des Unbewussten, übertrieben ihre Unwiederholbarkeit und Unnachahmbarkeit und anerkannten praktisch ihre Unvereinbarkeit mit der rationalen Erkenntnis.
Die Mechanismen der Kreativität sind bislang noch unzureichend erforscht. Dennoch lässt sich mit Sicherheit sagen, dass Kreativität ein Produkt der biosozialen Evolution des Menschen darstellt. Bereits im Verhalten höherer Tiere lassen sich, wenn auch in elementarer Form, kreative Akte beobachten. Ratten fanden nach zahlreichen Versuchen einen Ausweg aus einem äußerst komplizierten Labyrinth. Schimpansen, die in Gebärdensprache unterrichtet wurden, erlernten nicht nur mehrere hundert Worte und grammatische Formen, sondern konstruierten auch in einigen Fällen völlig neue Sätze, wenn sie mit einer neuen Situation konfrontiert wurden, über die sie Informationen an den Menschen übermitteln wollten. Es ist offensichtlich, dass die Fähigkeit zur Kreativität nicht nur in den bio-physikalischen und neurophysiologischen Strukturen des Gehirns verankert ist, sondern auch in seiner “funktionalen Architektur“. Diese stellt ein besonderes System organisierter und miteinander verbundener Operationen dar, die von verschiedenen Teilen des Gehirns ausgeführt werden. Mit ihrer Hilfe werden sinnliche Bilder und Abstraktionen gebildet, symbolische Informationen verarbeitet, Informationen im Gedächtnis gespeichert, Beziehungen zwischen einzelnen Elementen und Speichern hergestellt, gespeicherte Informationen abgerufen, unterschiedliche Bilder und abstrakte Kenntnisse gruppiert und umstrukturiert usw. Da das menschliche Gehirn in seiner biologischen und neurophysiologischen Struktur qualitativ komplexer ist als das Gehirn aller höheren Tiere, ist auch seine “funktionale Architektur“ entsprechend komplexer. Dies ermöglicht eine außergewöhnliche, praktisch nicht abschätzbare Fähigkeit zur Verarbeitung neuer Informationen. Eine besondere Rolle spielt hier das Gedächtnis, also die Speicherung früherer Informationen. Es umfasst das Kurzzeitgedächtnis, das für die kognitive und praktische Tätigkeit ständig genutzt wird, das Kurzzeitgedächtnis, das für kurze Zeiträume zur Lösung oft wiederkehrender, ähnlicher Aufgaben verwendet wird, und das Langzeitgedächtnis, das Informationen speichert, die für die Lösung relativ seltener Probleme über längere Zeiträume hinweg benötigt werden.
In welchem Verhältnis stehen nun die rationalen und kreativen Prozesse in der kognitiven und praktischen Tätigkeit? Die menschliche Tätigkeit ist zielgerichtet. Um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, müssen eine Reihe von Aufgaben und Teilaufgaben gelöst werden. Einige davon können mit typischen rationalen Methoden gelöst werden. Andere erfordern die Schaffung oder Erfindung unkonventioneller, neuer Regeln und Methoden. Dies geschieht, wenn wir mit prinzipiell neuen Situationen konfrontiert werden, die keine genauen Entsprechungen in der Vergangenheit haben. Hier ist Kreativität gefragt. Sie stellt einen Mechanismus der Anpassung des Menschen in einer unendlich vielfältigen und sich ständig verändernden Welt dar, einen Mechanismus, der sein Überleben und seine Entwicklung sichert. Dabei geht es nicht nur um die äußere, objektive Welt, sondern auch um die innere, subjektive Welt des Menschen — die unendliche Vielfalt seiner Erlebnisse, psychischen Zustände, Stimmungen, Emotionen, Fantasien, Willensakte usw. Diese Seite der Sache kann von der Rationalität, die eine riesige, aber dennoch endliche Anzahl von Regeln, Normen, Standards und Maßstäben umfasst, nicht erfasst werden. Deshalb ist Kreativität nicht irrational, das heißt nicht feindlich gegenüber der Rationalität, nicht antirational, wie viele Denker der Vergangenheit annahmen; sie kommt nicht von Gott, wie Platon dachte, und nicht vom Teufel, wie viele mittelalterliche Theologen und Philosophen meinten. Vielmehr fließt Kreativität, ob sie nun bewusst oder unbewusst erfolgt, ohne sich bestimmten Regeln und Standards zu unterwerfen, schließlich auf der Ebene ihrer Ergebnisse mit der rationalen Tätigkeit zusammen und kann in diese integriert werden. Sie kann ein Teil von ihr werden oder in einigen Fällen zur Schaffung neuer rationaler Tätigkeiten führen. Dies gilt sowohl für individuelles als auch kollektives kreatives Schaffen. So wurde die künstlerische Kreativität von Michelangelo, Schostakowitsch, die wissenschaftliche Kreativität von Galileo, Kopernikus, Lobatschewski ein Teil der Kultur und Wissenschaft, obwohl sie in ihrer ursprünglichen Form nicht den etablierten Mustern, Standards und Maßstäben entsprachen.
Jeder Mensch verfügt in gewissem Maße über kreative Fähigkeiten, das heißt, über die Fähigkeit, neue Methoden der Tätigkeit zu entwickeln, neues Wissen zu erlangen, Probleme zu formulieren und das Unbekannte zu erkennen. Jedes Kind, das die für es neue Umwelt erlernt, die Sprache, Normen und Kultur beherrscht, betreibt im Grunde genommen Kreativität. Aber aus der Perspektive der Erwachsenen erlernt es bereits Bekanntes, es bildet sich in bereits Entdecktem und Bewährtem weiter. Daher ist das Neue für das Individuum nicht immer auch neu für die Gesellschaft. Wahre Kreativität in der Kultur, Politik, Wissenschaft und Produktion zeichnet sich durch die prinzipielle Neuheit der Ergebnisse aus, die eine historische Bedeutung erlangen.
Was bildet den Mechanismus der Kreativität, seine treibende Kraft, seine unterscheidenden Merkmale? Der wichtigste dieser Mechanismen ist die Intuition. Die antiken Denker, wie Demokrit und besonders Platon, betrachteten sie als inneres Sehen, eine besondere, höhere Fähigkeit des Geistes. Im Gegensatz zum gewöhnlichen sinnlichen Sehen, das Informationen über vergängliche Erscheinungen liefert, die wenig Bedeutung haben, erlaubt das intellektuelle Schauen, so Platon, das Erkennen der unveränderlichen und ewigen Ideen, die außerhalb des Menschen und unabhängig von ihm existieren. Descartes hielt es für die Intuition, die es uns ermöglicht, die in unserer Seele enthaltenen Ideen klar und deutlich zu erkennen. Aber wie genau die “Intuition“ “beschaffen“ ist, erklärte keiner dieser Denker. Obwohl nachfolgende Generationen europäischer Philosophen die Intuition unterschiedlich interpretierten (so betrachtete Feuerbach sie nicht als Erkenntnis höherer Ideen, sondern als Teil der menschlichen Sinnlichkeit), sind wir noch immer nicht weit fortgeschritten im Verständnis ihrer Natur und ihrer Mechanismen. Aus diesem Grund können Intuition und die damit verbundene Kreativität nicht in einer vollständigen und zufriedenstellenden Weise durch ein System von Regeln beschrieben werden. Dennoch ermöglicht die moderne Psychologie der Kreativität und Neurophysiologie mit Sicherheit die Aussage, dass die Intuition eine Reihe bestimmter Phasen umfasst. Dazu gehören: 1) die unbewusste Ansammlung und Verteilung von Bildern und Abstraktionen im Gedächtnissystem; 2) das unbewusste Kombinieren und Umgestalten der angesammelten Abstraktionen, Bilder und Regeln, um eine bestimmte Aufgabe zu lösen; 3) das klare Bewusstsein für die Aufgabe; 4) das unerwartete Finden einer Lösung (sei es der Beweis einer mathematischen Theorie, die Schaffung eines künstlerischen Bildes oder die Entwicklung einer Konstruktions- oder Kriegslösung), die der formulierten Aufgabe entspricht. Häufig tritt eine solche Lösung zu den unerwartetsten Zeiten ein, wenn die bewusste Tätigkeit des Gehirns auf andere Aufgaben gerichtet ist oder sogar im Schlaf. Es ist bekannt, dass der berühmte Mathematiker Poincaré einen wichtigen mathematischen Beweis während eines Spaziergangs am Ufer eines Sees fand, und dass Pushkin die notwendige poetische Zeile im Traum ersann. Dennoch ist an der kreativen Tätigkeit nichts Geheimnisvolles, und sie unterliegt der wissenschaftlichen Untersuchung. Diese Tätigkeit wird vom Gehirn ausgeführt, aber sie ist nicht identisch mit der Menge an Operationen, die es ausführt. Wissenschaftler entdeckten die sogenannte rechts-links-Asymmetrie des Gehirns. Experimentell wurde nachgewiesen, dass bei höheren Säugetieren die rechten und linken Hemisphären des Gehirns unterschiedliche Funktionen ausführen. Die rechte Hemisphäre verarbeitet und speichert hauptsächlich Informationen, die zu sinnlichen Bildern führen, während die linke Hemisphäre das Abstrahieren übernimmt, Begriffe und Urteile bildet, der Information Sinn und Bedeutung verleiht und rationale, einschließlich logischer, Regeln entwickelt und speichert. Der ganzheitliche Prozess der Erkenntnis erfolgt als Ergebnis der Interaktion von Operationen und Wissen, die von diesen Hemisphären ausgeführt werden. Wenn die Verbindung zwischen ihnen aufgrund von Krankheit, Verletzung oder chirurgischen Eingriffen gestört wird, wird der Erkenntnisprozess unvollständig, ineffektiv oder sogar unmöglich. Die rechts-links-Asymmetrie jedoch entsteht nicht auf neurophysiologischer, sondern auf sozial-psychologischer Basis im Prozess der Erziehung und des Lernens. Sie hängt auch mit der Art der praktischen Tätigkeit zusammen. Bei Kindern wird sie erst im Alter von vier bis fünf Jahren deutlich fixiert, während bei Linkshändern die Funktionen der Hemisphären umgekehrt verteilt sind: Die linke Hemisphäre übernimmt die Funktionen der Sinneswahrnehmung, die rechte die abstrakte rationale Erkenntnis.
Im Prozess der Kreativität und Intuition finden komplexe funktionale Übergänge statt, in denen sich zu einem bestimmten Zeitpunkt die zerstreute Tätigkeit des Umgangs mit abstraktem und sinnlichem Wissen, das jeweils von der linken und rechten Hemisphäre ausgeführt wird, plötzlich vereint, was zum gewünschten Ergebnis führt, zur Erleuchtung, zu einer kreativen Entzündung, die als Entdeckung wahrgenommen wird, als das Aufleuchten dessen, was zuvor im Dunkel der unbewussten Tätigkeit lag. Dies war es, was Boris Pasternak in seinem Gedicht “Nach dem Gewitter“ zum Ausdruck brachte:
“Es sind nicht die Erschütterungen und Umwälzungen,
die den Weg für neues Leben freimachen,
sondern die Offenbarungen, Stürme und Großzügigkeit
einer entzündeten Seele von irgendjemandem.“
Erklärung und Verständnis
Nun können wir uns den wesentlichen kognitiven Verfahren der Erklärung und des Verständnisses zuwenden.
Üblicherweise werden sie als sich überschneidende oder übereinstimmende Prozesse betrachtet. Doch die Analyse menschlicher Erkenntnis, die besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und im gesamten 20. Jahrhundert intensiv betrieben wurde, hat wesentliche Unterschiede zwischen beiden aufgezeigt. Die Neokantianer wie W. Windelband, H. Rickert und andere behaupteten, dass das Wissen der Natur sich grundlegend vom Wissen über die Gesellschaft und den Menschen unterscheide. Phänomene der Natur unterliegen, so ihre Auffassung, objektiven Gesetzen, während die Phänomene der sozialen und kulturellen Welt von den völlig individuellen Eigenschaften der Menschen und den einzigartigen historischen Situationen abhingen. Daher sei die Erkenntnis der Natur eine verallgemeinernde, die der sozialen Phänomene jedoch eine individualisierende. Entsprechend sei für die Naturwissenschaften die Hauptaufgabe, einzelne Fakten unter allgemeine Gesetze zu subsumieren, während für das Wissen über gesellschaftliche Phänomene vor allem das Erfassen der inneren Einstellungen, der Beweggründe des Handelns und der verborgenen Bedeutungen, die das Verhalten der Menschen bestimmen, entscheidend sei. Auf dieser Grundlage erklärte W. Dilthey, dass der grundlegende Erkenntnismethoden der Naturwissenschaften die Erklärung und der der Kultur- und Sozialwissenschaften das Verständnis sei. Ist dies jedoch richtig? Tatsächlich enthält dieser Ansatz sowohl richtige als auch fehlerhafte Elemente. Richtig ist, dass die moderne Naturwissenschaft in erster Linie darauf abzielt, Gesetze für Phänomene zu formulieren und diese Gesetze auf einzelne empirische Erkenntnisse anzuwenden. Falsch ist jedoch, dass die Sozialwissenschaften keine objektiven Gesetze erkennen und keine für die Erklärung sozial-historischer Phänomene und des individuellen Handelns der Menschen nutzen würden. Richtig ist, dass das Verstehen von Ansichten, Überzeugungen, Glaubensvorstellungen und Zielen anderer Menschen eine äußerst komplexe Aufgabe darstellt, insbesondere da viele Menschen sich selbst falsch oder unvollständig verstehen und manchmal absichtlich versuchen, andere in die Irre zu führen. Falsch jedoch ist, dass das Verständnis für Phänomene der Natur nicht anwendbar sei. Jeder, der sich mit Natur- oder Ingenieurwissenschaften beschäftigt hat, weiß, wie schwierig und bedeutungsvoll es ist, ein bestimmtes Phänomen, Gesetz oder Experiment zu verstehen. Daher sind Erklärung und Verständnis zwei sich ergänzende kognitive Prozesse, die sowohl in der Naturwissenschaft als auch in der Sozial- und Technikforschung Anwendung finden.
Die Erkenntnistheorie unterscheidet zwischen strukturellen Erklärungen, die die Frage beantworten, wie ein Objekt beschaffen ist, etwa die Zusammensetzung und Wechselbeziehungen von Elementarteilchen im Atom; funktionalen Erklärungen, die die Frage beantworten, wie ein Objekt wirkt und funktioniert, etwa ein Tier, ein einzelner Mensch oder eine bestimmte Produktionsgemeinschaft; und kausalen Erklärungen, die die Frage beantworten, warum ein Phänomen entstanden ist, warum genau diese Faktoren zu diesem oder jenem Ergebnis geführt haben. Im Prozess der Erklärung greifen wir bereits vorhandenes Wissen auf, um andere Phänomene zu erklären. Der Übergang von allgemeineren Kenntnissen zu spezifischen empirischen Erkenntnissen bildet die Erklärungsmethode. Ein und dasselbe Phänomen kann dabei unterschiedlich erklärt werden, je nachdem, welche Gesetze, Konzepte oder theoretischen Auffassungen der Erklärung zugrunde liegen. So kann die Bewegung der Planeten um die Sonne aus der Perspektive der klassischen Himmelsmechanik durch die Anziehungskraft erklärt werden, während sie aus der Sicht der allgemeinen Relativitätstheorie durch die Krümmung des um die Sonne liegenden Raumes im Gravitationsfeld erklärt wird. Welche dieser Erklärungen die "richtige" ist, entscheidet die Physik. Die philosophische Aufgabe hingegen besteht darin, die Struktur der Erklärung zu erforschen und die Bedingungen zu bestimmen, unter denen sie zutreffendes Wissen über die erklärten Phänomene liefert. Dies führt uns direkt zur Frage nach der Wahrheit des Wissens. Wissen, das als Grundlage für eine Erklärung dient, wird als “erklärendes“ Wissen bezeichnet. Wissen, das durch eine Erklärung vermittelt wird, wird als “erklärtes“ Wissen bezeichnet. Als erklärendes Wissen können nicht nur Gesetze, sondern auch einzelne Fakten fungieren. So kann zum Beispiel der Fakt einer Atomreaktor-Katastrophe als Erklärung für die Erhöhung der Radioaktivität in der Atmosphäre über dem benachbarten Gebiet dienen. Ebenso können als erklärte Phänomene nicht nur Tatsachen, sondern auch weniger allgemeine Gesetze dienen. So kann etwa das bekannte Ohmsche Gesetz aus dem Bereich der elementaren Physik entweder auf der Grundlage des sogenannten Lorentz-Druede-Modells des Elektronengases oder auf der Grundlage noch fundamentaleren Gesetzen der Quantenphysik erklärt werden.
Was also liefert uns der Prozess der Erklärung? Zum einen stellt er tiefere und stabilere Verbindungen zwischen verschiedenen Wissenssystemen her, was es ermöglicht, neues Wissen über Gesetze und einzelne Phänomene der Natur zu integrieren. Zum anderen ermöglicht er die Vorhersage und das Antizipieren zukünftiger Situationen und Prozesse, da die logische Struktur der Erklärung und der Vorhersage grundsätzlich ähnlich ist. Der Unterschied liegt darin, dass sich die Erklärung auf Fakten, Ereignisse, Prozesse oder Gesetzmäßigkeiten bezieht, die bereits in der Vergangenheit existiert haben oder stattgefunden haben, während die Vorhersage das betrifft, was in der Zukunft eintreten wird. Vorhersage und Antizipation sind notwendige Grundlagen für Planung und Gestaltung von sozialen und praktischen Tätigkeiten. Je präziser, tiefer und fundierter unsere Vorhersage zukünftiger Ereignisse ist, desto effizienter können unsere Handlungen sein.
Was unterscheidet nun das Verständnis von der Erklärung? Oft wird gesagt, dass man ein Phänomen verstehen muss, bevor man es erklären kann. Aber genauso oft hört man, dass eine Erklärung als verständlich oder unverständlich bezeichnet wird, dass nur das erklärt werden kann, was verständlich ist, und so weiter. Um dieses Missverständnis zu vermeiden, ist es wichtig zu erkennen, dass wir in jeder Phase unserer kognitiven Tätigkeit mit etwas Unbekanntem konfrontiert sind, von dem wir noch nichts wissen. In solchen Fällen sagen wir, dass ein Phänomen unverständlich ist, dass wir nichts oder fast nichts darüber wissen. Wir können zum Beispiel bestimmte antike Texte nicht verstehen, weil uns die Sprache unbekannt ist oder bestimmte Ausdrücke unklar sind, da wir nicht wissen, welche Bedeutung der Autor ihnen beimaß. Schließlich können wir bestimmte Aspekte eines Arguments oder einer Argumentation nicht verstehen, weil uns die Kultur, die Besonderheiten der Epoche oder die historischen Details der Zeit, in der der Text verfasst wurde, nicht bekannt sind. Der Autor und der Leser können durch viele Jahrhunderte getrennt sein und zu verschiedenen sprachlichen und kulturellen Gruppen gehören. All dies erschwert das Verständnis. Aus der Notwendigkeit, solche Probleme zu lösen, entstand eine besondere Wissenschaft des Verstehens — die Hermeneutik. Ihre führenden Vertreter — F. Schleiermacher, W. Dilthey, H.-G. Gadamer, E. Betti, P. Ricoeur und andere — formulierten die grundlegende Schwierigkeit des Verständnissesprozesses. Um einen schriftlichen oder mündlichen Text zu verstehen, muss man die Bedeutung und den Sinn jedes Wortes, jedes Begriffs, jedes Satzes oder Textausschnitts verstehen, die von den Autoren zugewiesen wurden. Andererseits, um diese Einzelheiten zu begreifen, muss man den Sinn und die Bedeutung des Kontexts verstehen, in dem sie enthalten sind, da der Sinn und die Bedeutung der Teile von dem Ganzen abhängen. Diese komplexe Abhängigkeit wird als “hermeneutischer Zirkel“ bezeichnet. Mit einer solchen Situation stoßen wir nicht nur beim Studium von Texten, sondern auch in der mündlichen Kommunikation auf.
Verstehen ist kein isolierter Akt, sondern ein langwieriger und komplexer Prozess. Wir bewegen uns ständig von einem Verständnisniveau zum nächsten. Dabei finden Verfahren wie Interpretation — das erste Zuordnen von Informationen zu Bedeutung und Sinn; Reinterpretation — das Präzisieren und Verändern von Bedeutung und Sinn; Konvergenz — das Zusammenführen, Verschmelzen zuvor getrennter Bedeutungen und Sinngehalte; Divergenz — das Auseinandernehmen eines einheitlichen Sinns in einzelne Untersinne; Konversion — die qualitativ neue Umgestaltung von Sinn und Bedeutung sowie deren radikale Transformation statt. Verstehen stellt somit die Umsetzung vieler Verfahren und Operationen dar, die eine wiederholte Transformation von Informationen beim Übergang von Unwissen zu Wissen ermöglichen. Die Schaffung von Abstraktionen höheren Niveaus und deren Integration in verschiedene konzeptionelle Schemata stellt eine Art Spiralenbewegung dar, deren Verlauf mit einer Rückkehr zu Altem, der Entwicklung neuer Merkmale, deren quantitativer Akkumulation, qualitativen Transformationen und der ständigen Lösung auftretender semantischer Widersprüche einhergeht.
Der Prozess des Verstehens besteht nicht nur darin, Wissen zu verinnerlichen, das von anderen Menschen oder Epochen bereits entwickelt wurde, sondern auch darin, auf der Grundlage einer Reihe komplexer Transformationen prinzipiell neues Wissen zu konstruieren, das es zuvor noch nicht gab. In solchen Fällen hat das Verständnis einen kreativen Charakter und stellt den Übergang vom intuitiven Denken zur rationalen Erkenntnis dar. Genau so entstanden zum Beispiel die Begriffe des Quarks und der Supersymmetrie in der modernen Physik.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025