Weltphilosophie am Übergang der Epochen (XX. - Anfang XXI. Jahrhundert): Überblick über Ideen, Strömungen und Entwicklungstendenzen
Panorama der westlichen Philosophie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
Illusionen des Scientismus
Die westliche Philosophie zeichnete sich immer, besonders in der Neuzeit, durch den Kult des Verstandes aus. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden große Hoffnungen auf den wissenschaftlichen Verstand gesetzt. Doch die sozial-politische und wissenschaftliche Realität des 19. Jahrhunderts untergrub diese Hoffnungen erheblich. Die Entwicklung der Wissenschaft hatte wenig Einfluss auf die Verbesserung des gesellschaftlichen Lebens. Und auch in den Naturwissenschaften ließen sich bei weitem nicht alle Probleme auf Basis klassischer Theorien lösen. Eine natürliche Reaktion darauf war das Aufkommen irrationaler Strömungen.
Die Situation begann sich mit der Entwicklung der wissenschaftlich-technischen Revolution im 20. Jahrhundert scharf zu verändern. Etwa in den 50er-60er Jahren trat der Rationalismus erneut in den Vordergrund. Ein neuer Kult entstand — der Kult des wissenschaftlich-technischen Verstandes. Philosophen, Wissenschaftler, Ingenieure und Politiker glaubten, dass mit Hilfe neuer wissenschaftlicher und technischer Errungenschaften alle Probleme der modernen Gesellschaft und des einzelnen Menschen gelöst werden könnten. Diese Überzeugungen wurden als “Scientismus“ (von lat. scientia — “Wissenschaft“) oder “Technizismus“ bezeichnet. Zu seinen bekanntesten Ideologen gehörten: W. Rostow, D. Bell, A. Toffler, E. Masuda, J. Nesbitt und andere.
Ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts begannen die Scientisten, die Idee einer “Gesellschaft des allgemeinen Wohlstands“ aktiv zu entwickeln. Der Aufbau dieser Gesellschaft sollte auf Technokratie (der Herrschaft von Wissenschafts- und Technikexperten), der Erhöhung des wissenschaftlich-technischen Wissens der Bevölkerung, der Einführung neuer Maschinen, Mechanismen und Systeme sowie der Verbesserung des Managements basieren. Ein großes Augenmerk galt der Entwicklung der Informationstechnologien. Nicht zufällig wurde die neue postindustrielle Entwicklungsstufe der Gesellschaft als “Informationstechnologie-Phase“ bezeichnet.
Natürlich wurde keine “Gesellschaft des allgemeinen Wohlstands“ erreicht. Warum? Der wesentliche Fehler der Scientisten bestand darin, dass sie beim Versuch, die Gesellschaft zu verbessern, das Individuum — das Element dieser Gesellschaft — vernachlässigten. Alle technischen Systeme sind lediglich Mittel, die der Mensch zur Verwirklichung seiner Ziele nutzt. Wenn der Mensch jedoch geistlos ist und seine Ziele egoistisch sind, werden die beispiellosen technischen Möglichkeiten auf die Erreichung dieser egoistischen Ziele eines geistlosen Menschen gerichtet. Die Scientisten vergaßen, dass Probleme der menschlichen Beziehungen nicht mit technischen Mitteln gelöst werden können. Diese Probleme befinden sich auf einer anderen Ebene — auf der Ebene der Ethik und der geistigen Kultur. Aber diese Konzepte waren für Bell, Toffler und Masuda überflüssig.
Am Ende des 20. Jahrhunderts wurde offensichtlich, dass hochentwickelte Informationstechnologien die westliche Gesellschaft weder vor Korruption, noch vor ökologischen Problemen, Drogenmissbrauch und Kriminalität, noch vor schweren Verstößen gegen das Völkerrecht (wie der NATO-Aggression gegen Jugoslawien 1999 oder der US-amerikanischen Aggression gegen den Irak 2004) bewahren konnten.
Die Illusionen des Scientismus wurden scharf von westlichen Geisteswissenschaftlern kritisiert, die sich antiscientistischen Überzeugungen anschlossen. Zu ihnen gehörten viele bekannte Schriftsteller: H. Wells, A. Frank, J. London, K. Vonnegut, R. Bradbury, O. Huxley, G. Orwell. In ihren dystopischen Werken zeichneten sie düstere Bilder einer möglichen Zukunft oder Gegenwart, in denen der Mensch seine Freiheit verliert und von totalitärer Technik und Macht unterdrückt wird. Ein besonders bekanntes Werk in diesem Kontext ist George Orwells “1984“. Der Schriftsteller warnte davor, dass hochentwickelte technische Systeme einem totalitären Regime dienen könnten. Und dann würde, wie in seiner Ozeanien, ein “Großer Bruder“ allein über die Gesellschaft herrschen und den Menschen zu einer gehorsamen lebenden Maschine machen.
Schon lange zuvor stellte die mystische Philosophie eine Opposition zum Scientismus, Technizismus und der Technokratie dar. Daniil Andrejew schrieb, dass die Macht nur einer ethischen Instanz — einem Rat der spirituellen Weisen — gehören könne, niemals jedoch Politikern, Wissenschaftlern oder Ingenieuren. Helena Roerich wies darauf hin, dass der technische Entwicklungsweg der Zivilisation ein Abweichen von der kosmischen Evolution des Geistes sei. Nicht Maschinen und Mechanismen, sondern unerschöpfliche innere Kräfte, die im Inneren des menschlichen Geistes verborgen sind, würden dem Menschen das Überleben und die weitere Entwicklung ermöglichen. Anhänger der esoterischen Philosophie maßen der Erweiterung des menschlichen Bewusstseins und der Stärkung der geistigen Kultur der Gesellschaft eine besondere Bedeutung bei.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025