Die Entstehung der westlichen Philosophie und ihre kulturell-historischen Typen
Antike Philosophie: Kosmozentrismus
Das Konzept der Essenz (Substanz) bei Aristoteles
Die Essenz ist das Einzelne, das Selbstständigkeit besitzt, im Gegensatz zu seinen Zuständen und Beziehungen, die veränderlich sind und von Zeit, Ort, Verbindungen mit anderen Wesen etc. abhängen. Nur die Essenz kann im Begriff ausgedrückt werden und ist Gegenstand strengen Wissens — der Wissenschaft. Aristoteles strebte danach, die Essenz der Dinge durch ihre Gattungsbegriffe zu erkennen, weshalb bei ihm die Beziehung des Allgemeinen zum Besonderen im Mittelpunkt steht. Er schuf das erste logische System der Geschichte — die Syllogistik, deren Hauptaufgabe er darin sah, Regeln aufzustellen, die es ermöglichen, verlässliche Schlussfolgerungen aus bestimmten Prämissen zu ziehen. Das Zentrum der aristotelischen Logik bildet die Lehre von den Schlüsse und Beweisen, die auf den Beziehungen des Allgemeinen und Besonderen basieren. Die von Aristoteles geschaffene Logik diente über Jahrhunderte hinweg als das Hauptinstrument wissenschaftlicher Beweisführung.
Die Frage, was Sein ist, schlug Aristoteles vor, durch die Analyse von Aussagen über das Sein zu betrachten — hier wird die Verbindung zwischen der Theorie des Syllogismus und Aristoteles’ Auffassung von Sein deutlich. “Aussage“ ist im Griechischen “Kategorie“. Laut Aristoteles beziehen sich alle Aussagen der Sprache in irgendeiner Weise auf das Sein, doch am nächsten zum Sein steht die aristotelische Kategorie der Essenz (deshalb wird sie in der Regel mit dem Sein gleichgesetzt). Alle anderen Kategorien — Qualitäten, Quantitäten, Beziehungen, Orte, Zeiten, Handlungen, Leiden, Zustände, Besitz — stehen in Beziehung zum Sein durch die Kategorie der Essenz. Die Essenz beantwortet die Frage: “Was ist das Ding?“ Indem wir die Essenz (Substanz) eines Dinges enthüllen, geben wir ihm eine Definition und erhalten das Konzept des Dinges. Die anderen neun Kategorien beantworten die Frage: “Welche Eigenschaften hat das Ding?“ — und bestimmen die Merkmale, Eigenschaften und Attribute des Dings. Über die Essenz jedoch sprechen alle Kategorien, aber sie selbst spricht über nichts: Sie ist etwas Selbstständiges, das für sich existiert, ohne Bezug auf etwas anderes. Für Aristoteles’ Logik ist es charakteristisch, dass er glaubt, die Essenz sei primärer als alle verschiedenen Beziehungen.
Ein wichtiger Aspekt von Aristoteles’ Theorie der Essenz ist, dass er unter Sein, und daher auch unter der ihm nahen Essenz, ein einzelnes Objekt (Individuum) versteht. Doch die Essenz selbst ist keineswegs etwas, das mit den Sinnen wahrgenommen werden kann: Mit den Sinnen nehmen wir nur die Eigenschaften eines bestimmten Objektes wahr, während die Essenz selbst der unteilbare, unsichtbare Träger all dieser Eigenschaften ist — das, was das Objekt “dieses“ macht und ihm verhindert, sich mit anderen zu vermischen. Wie wir sehen, bleibt die Charakterisierung des Seins als Einheit, Unteilbarkeit und Beständigkeit (Unveränderlichkeit) bei Aristoteles von größter Bedeutung; dabei sind sowohl die primären Essenzen wie “dieser Mensch“ als auch die sekundären Essenzen wie “Mensch“ und “lebendes Wesen“ unteilbar.
Diese Auffassung stößt jedoch auf gewisse Schwierigkeiten. Denn nach der anfänglichen Überlegung ist die Essenz das Prinzip der Beständigkeit und Unveränderlichkeit, weshalb sie das Objekt wahren Wissens — der Wissenschaft — sein kann. Gleichzeitig jedoch kann der “dieser“ Individuum in seiner “diesheit“ gerade nicht Gegenstand universellen und notwendigen Wissens sein. Andererseits ist das allgemeine Konzept “Mensch“ ein Objekt des Wissens, doch zugleich hat “der Mensch überhaupt“ kein eigenständiges Dasein; es ist nur ein abstrakter Begriff.
Hier stellt sich das Problem: Das Einzelne existiert wirklich, aber in seiner Einzelheit ist es kein Gegenstand der Wissenschaft; das Allgemeine jedoch ist Gegenstand des wissenschaftlichen Wissens, doch es ist unklar, was sein Status als Sein ist — denn Aristoteles lehnte die Lehre von Platon ab, nach der das Allgemeine (die Idee) eine reale Existenz hat. Dieses Problem wurde nicht nur in der antiken, sondern auch in der mittelalterlichen und neuzeitlichen Philosophie diskutiert. Über Jahrhunderte stritten die Philosophen darüber, was wirklich existiert — das Einzelne oder das Allgemeine? Auf diese Streitfrage werden wir noch zurückkommen, wenn wir die mittelalterliche Philosophie betrachten.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025