Aristoteles’ Lehre von der Seele: Der passive und der aktive Verstand - Antike Philosophie: Kosmozentrismus - Die Entstehung der westlichen Philosophie und ihre kulturell-historischen Typen
Einführung in die Philosophie - 2024 Inhalt

Die Entstehung der westlichen Philosophie und ihre kulturell-historischen Typen

Antike Philosophie: Kosmozentrismus

Aristoteles’ Lehre von der Seele: Der passive und der aktive Verstand

Aristoteles bringt gewisse Korrekturen in Platons Lehre von der Seele ein. Indem er die Seele als das Prinzip des Lebens betrachtet, entwickelt er eine Typologie der verschiedenen “Stufen“ der Seele und unterscheidet zwischen der pflanzlichen, der tierischen und der vernunftbegabten Seele. Die niedrigste Seele, die pflanzliche, ist verantwortlich für die Funktionen der Ernährung, des Wachstums und der Fortpflanzung, die allen belebten Wesen gemeinsam sind. Die tierische Seele umfasst zusätzlich die Fähigkeit zu fühlen und damit auch den Wunsch, das Angenehme zu erreichen und das Unangenehme zu meiden. Die vernunftbegabte Seele, die nur der Mensch unter allen Tieren besitzt, ist zusätzlich zu den genannten Funktionen, die der Mensch mit Pflanzen und Tieren teilt, mit der höchsten Fähigkeit ausgestattet: dem Vernunftschluss und dem Denken. Aristoteles teilt nicht Platons Auffassung, dass das niederere, körperliche Prinzip (und damit die pflanzlichen und tierischen Seelen) die Quelle des Übels sei. Aristoteles betrachtet Materie und Körper als neutrale Substanz, die die Grundlage für höhere Lebensformen bildet. Der Verstand jedoch, so Aristoteles, ist unabhängig vom Körper. Als ewig und unveränderlich ist er allein in der Lage, das ewige Sein zu begreifen, und bildet die Essenz der höchsten Form, die vollkommen frei von Materie ist — der ewige Bewegungsursache, die reines Denken ist und alles in der Welt bewegt und belebt. Diesen höchsten Verstand nennt Aristoteles den aktiven, schöpferischen Verstand und unterscheidet ihn vom passiven Verstand, der nur empfängt. Der passive Verstand ist vor allem dem Menschen eigen, während der aktive Verstand nur in sehr geringem Maße in ihm vorhanden ist. Um das Problem zu lösen, das sich bei Platon im Zusammenhang mit der Lehre von den “drei Seelen“ ergibt und durch den Versuch, die Möglichkeit der Unsterblichkeit der individuellen Seele zu erklären, kommt Aristoteles zu dem Schluss, dass nur der Verstand des Menschen unsterblich ist: Nach dem Tod des Körpers vereint er sich mit dem universellen Verstand.

Mit Aristoteles endet die klassische Periode in der Entwicklung der griechischen Philosophie. Mit dem inneren Zerfall der griechischen Poleis schwächt sich auch ihre Unabhängigkeit. In der Epoche des Hellenismus (vom 4. Jahrhundert v. Chr. bis zum 5. Jahrhundert n. Chr.), zunächst durch die makedonische Eroberung und später durch die Unterwerfung der griechischen Städte durch Rom, verändert sich die weltanschauliche Ausrichtung der Philosophie: Ihr Interesse richtet sich zunehmend auf das Leben des einzelnen Menschen. Ansätze, die diesen Übergang vorwegnehmen, sind bereits in der Ethik des Aristoteles erkennbar. Besonders charakteristisch in dieser Hinsicht sind die ethischen Lehren der Stoiker und Epikureer. Die soziale Ethik von Platon und Aristoteles weicht der individuellen Ethik, was das reale Leben des Menschen in der späten Antike widerspiegelt — des Bewohners eines großen Reiches, der nicht mehr in engen Bindungen mit seiner sozialen Gemeinschaft steht und nicht mehr wie früher aktiv am politischen Leben seiner kleinen Stadtstaaten teilnehmen kann.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 12/01/2025