Das Problem von Seele und Körper - Mittelalterliche Philosophie: Theozentrismus - Die Entstehung der westlichen Philosophie und ihre kulturell-historischen Typen
Einführung in die Philosophie - 2024 Inhalt

Die Entstehung der westlichen Philosophie und ihre kulturell-historischen Typen

Mittelalterliche Philosophie: Theozentrismus

Das Problem von Seele und Körper

Nach der christlichen Lehre verkörperte sich der Sohn Gottes, der Logos, oder Jesus Christus, im Menschen, um durch seinen Tod am Kreuz die Sünden der Menschheit zu sühnen und so den Menschen das Heil zu bringen.

Die Idee der Inkarnation war nicht nur der antiken heidnischen Kultur fremd, sondern auch anderen monotheistischen Religionen — dem Judentum und dem Islam. Vor dem Christentum herrschte überall die Vorstellung von einem grundlegenden Unterschied und der Unvereinbarkeit des Göttlichen und des Menschlichen, weshalb der Gedanke an die Möglichkeit einer Vereinigung dieser beiden Prinzipien nicht aufkam. Und auch im Christentum, wo Gott aufgrund seiner Transzendenz über die Welt erhaben gedacht wird, also viel radikaler von der Natur getrennt ist als die griechischen Götter, erscheint die Menschwerdung Gottes als ein äußerst paradoxes Ereignis. Es ist kein Zufall, dass in der Religion der Offenbarung, wie das Christentum eine ist, der Glaube über das Wissen gestellt wird: Paradoxe, die für den Verstand unbegreiflich sind, müssen im Glauben akzeptiert werden.

Ein weiterer Dogma, das die christliche Anthropologie prägte, war das Dogma der leiblichen Auferstehung. Im Gegensatz zu früheren heidnischen Glaubensvorstellungen von der Unsterblichkeit der menschlichen Seele, die nach dem Tod des Körpers in andere Körper übergeht (denken wir an Platon), war das mittelalterliche Bewusstsein überzeugt, dass der Mensch — wenn die Zeiten erfüllt sind — vollständig, in seinem leiblichen Zustand auferstehen wird. Denn gemäß der christlichen Lehre kann die Seele nicht ohne den Körper existieren. Die Dogmen der Inkarnation und der leiblichen Auferstehung sind eng miteinander verknüpft. Diese Dogmen bildeten die Grundlage für das mittelalterliche Verständnis des Verhältnisses von Seele und Körper.

Der erste Philosoph, der versuchte, die christlichen Dogmen zu systematisieren und auf ihrer Grundlage eine Lehre vom Menschen zu entwickeln, war Origenes (ca. 185 — ca. 255). Origenes betrachtete den Menschen als zusammengesetzt aus Geist, Seele und Körper. Der Geist gehört nicht dem Menschen selbst, sondern wird ihm von Gott “geschenkt“ (denken wir an Aristoteles' Lehre vom aktiven Verstand) und ist immer auf das Gute und die Wahrheit ausgerichtet. Die Seele jedoch stellt gewissermaßen unser eigenes Ich dar, sie ist das Prinzip der Individualität in uns. Und da, wie wir wissen, der freie Wille ein wesentliches Merkmal der menschlichen Existenz ist, so wählt nach Origenes die Seele zwischen Gut und Böse. Von Natur aus sollte die Seele dem Geist und der Körper der Seele gehorchen. Doch aufgrund der Zweigeteiltheit der Seele hat oft der niedere Teil der Seele die Oberhand über den höheren, was den Menschen dazu verleitet, den Trieben und Leidenschaften zu folgen. Je mehr dies zur Gewohnheit wird, desto mehr wird der Mensch zu einem sündigen Wesen, das die von Gott geschaffene natürliche Ordnung umkehrt: Er unterwirft das Höhere dem Niederen, und so tritt das Böse in die Welt. Daraus folgt, dass das Böse nicht von Gott oder der Natur kommt, auch nicht vom Körper, sondern vom Menschen — genauer gesagt von einem Missbrauch der Freiheit, diesem göttlichen Geschenk.

Es stellt sich die Frage: Wenn der Körper in der mittelalterlichen Philosophie und Theologie nicht an sich das Prinzip des Bösen ist, woher kommt dann der bekannte mittelalterliche Asketismus, der besonders im Mönchtum charakteristisch ist? Gibt es hier nicht ein Widerspruch? Und was unterscheidet den mittelalterlichen monastischen Asketismus von den Arten des Asketismus, die in den philosophischen Schulen der Antike, besonders bei den Stoikern, vorkommen? Denn die Aufforderung zur Enthaltsamkeit und Mäßigung ist ein gemeinsames Motiv der praktisch-ethischen Philosophie der Griechen.

Der Asketismus des Mittelalters zielt nicht auf den Verzicht auf das Fleisch an sich (nicht zufällig galt im Mittelalter Selbstmord als Todsünde, was die christliche Ethik insbesondere von der stoischen unterscheidet), sondern auf die Zähmung des Fleisches, um es dem höheren, geistigen Prinzip zu unterwerfen.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 12/01/2025