Die Entstehung der westlichen Philosophie und ihre kulturell-historischen Typen
Mittelalterliche Philosophie: Theozentrismus
Wenn die griechische Philosophie aus den sozialen und kulturellen Bedingungen der antiken Sklavenhaltergesellschaft erwuchs, so ist das philosophische Denken des Mittelalters der Epoche des Feudalismus (5.—15. Jahrhundert) zuzurechnen. Doch wäre es verfehlt anzunehmen, der Übergang von der einen zur anderen Gesellschaftsordnung habe sich gewissermaßen abrupt vollzogen. Tatsächlich war der Prozess der Herausbildung einer neuen Gesellschaftsform überaus langwierig. Obwohl der Beginn des Mittelalters häufig mit dem Untergang des Weströmischen Reiches im Jahr 476 in Verbindung gebracht wird, bleibt diese Datierung weitgehend symbolisch. Die Eroberung Roms konnte nicht über Nacht die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse, die Lebensweise oder die religiösen Überzeugungen und philosophischen Lehren jener Zeit grundlegend verändern. Vielmehr sollte die Entstehung der mittelalterlichen Kultur, eines neuen Glaubens und Denkens, mit den ersten vier Jahrhunderten unserer Zeitrechnung datiert werden.
In diesen Jahrhunderten konkurrierten die philosophischen Schulen der Stoiker, Epikureer und Neuplatoniker, die auf heidnischem Boden gewachsen waren, mit den aufkommenden Zentren eines neuen Glaubens und einer neuen Denkweise, welche später die Grundlage der mittelalterlichen Theologie und Philosophie bildeten. Dabei suchte das christliche Denken oft, die Errungenschaften der antiken Philosophie, insbesondere des Neuplatonismus und Stoizismus, in sich aufzunehmen und sie in einen neuen, ihnen fremden Kontext zu integrieren.
Die griechische Philosophie war, wie wir gesehen haben, eng mit dem polytheistischen Heidentum verbunden und trug bei aller Vielfalt der vertretenen Lehren letztlich einen kosmologischen Charakter. Denn das alles umfassende Ganze, dem alles Seiende, einschließlich des Menschen, angehörte, war die Natur.
Das philosophische Denken des Mittelalters hingegen wurzelt in den monotheistischen Religionen. Zu diesen gehören Judentum, Christentum und Islam, und mit ihnen ist die Entwicklung sowohl der europäischen als auch der arabischen mittelalterlichen Philosophie verbunden. Das mittelalterliche Denken ist seinem Wesen nach theozentrisch: Nicht die Natur, sondern Gott ist die Realität, die alles Seiende bestimmt.
Dem christlichen Monotheismus liegen zwei zentrale Prinzipien zugrunde, die dem religiös-mythologischen Bewusstsein und dem philosophischen Denken der heidnischen Welt fremd sind: die Idee der Schöpfung und die Idee der Offenbarung. Beide sind eng miteinander verbunden, da sie einen persönlichen, einheitlichen Gott voraussetzen. Die Idee der Schöpfung bildet die Grundlage der mittelalterlichen Ontologie (der Lehre vom Sein), während die Idee der Offenbarung das Fundament der Erkenntnislehre darstellt. Hieraus ergibt sich die umfassende Abhängigkeit der mittelalterlichen Philosophie von der Theologie und die Abhängigkeit aller mittelalterlichen Institutionen von der Kirche.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025