Die Entstehung der westlichen Philosophie und ihre kulturell-historischen Typen
Mittelalterliche Philosophie: Theozentrismus
Natur und Mensch als Schöpfung Gottes
Nach christlichem Dogma hat Gott die Welt aus dem Nichts erschaffen, durch einen Akt seines Willens und aufgrund seiner Allmacht. Dieses göttliche Allmacht bewahrt und erhält das Dasein der Welt in jedem Augenblick. Ein solches Weltbild wird als Kreationismus bezeichnet, abgeleitet vom lateinischen Wort creatio, das "Schöpfung" oder "Erschaffung" bedeutet.
Das Dogma der Schöpfung verlagert den Schwerpunkt vom natürlichen auf das übernatürliche Prinzip. Im Gegensatz zu den antiken Göttern, die der Natur gleichsam verwandt waren, steht der christliche Gott über der Natur, jenseits von ihr, und ist daher ein transzendenter Gott — ähnlich dem Einen bei Platon und den Neuplatonikern. Das aktive schöpferische Prinzip wird aus der Natur, aus dem Kosmos, herausgehoben und auf Gott übertragen; deshalb ist der Kosmos in der mittelalterlichen Philosophie kein selbstgenügsames und ewiges Sein mehr, kein lebendiges und beseeltes Ganzes, wie es viele griechische Philosophen annahmen.
Ein weiteres wichtiges Merkmal des Kreationismus ist die Überwindung des für die antike Philosophie charakteristischen Dualismus gegensätzlicher Prinzipien — des aktiven und des passiven: von Ideen oder Formen einerseits und Materie andererseits. An die Stelle des Dualismus tritt das monistische Prinzip: Es gibt nur einen absoluten Ursprung — Gott; alles andere ist seine Schöpfung. Die Grenze zwischen Gott und seiner Schöpfung ist unüberwindbar: Es handelt sich um zwei Wirklichkeiten von unterschiedlichem ontologischem Rang.
Streng genommen besitzt nur Gott wahres Sein. Ihm werden jene Attribute zugeschrieben, die die antiken Philosophen dem Sein selbst zuschrieben. Gott ist ewig, unveränderlich, sich selbst gleich, von nichts abhängig und die Quelle allen Seienden. Der christliche Philosoph der Spätantike, Augustinus von Hippo (354—430), bezeichnet Gott daher als das höchste Sein, die höchste Substanz, die höchste (nicht-materielle) Form und das höchste Gut. In dieser Identifikation Gottes mit dem Sein folgt Augustinus den Heiligen Schriften. Im Alten Testament offenbart Gott dem Menschen: “Ich bin der Ich bin.“ Im Unterschied zu Gott besitzt die geschaffene Welt keine eigenständige Existenz, da sie nicht aus sich selbst heraus, sondern durch den Anderen besteht. Daraus resultieren die Unbeständigkeit, Veränderlichkeit und Vergänglichkeit aller Dinge, die wir in der Welt antreffen. Der christliche Gott ist zwar an sich nicht erkennbar, offenbart sich jedoch dem Menschen. Diese Offenbarung ist in den heiligen Texten der Bibel enthalten, deren Auslegung der zentrale Weg zur Gotteserkenntnis ist.
Das Wissen um das ungeschaffene göttliche Sein (oder Übersein) kann daher nur auf übernatürliche Weise erlangt werden, und der Schlüssel zu dieser Erkenntnis ist der Glaube — eine Fähigkeit der Seele, die der antiken heidnischen Welt unbekannt war. Was den geschaffenen (kreatürlichen) Kosmos betrifft, so ist dieser — wenngleich nicht vollständig — durch die Vernunft erkennbar. Über das Maß dieser Erkennbarkeit haben mittelalterliche Denker jedoch lange und ausführlich debattiert.
Das mittelalterliche Verständnis des Seins findet seinen prägnanten Ausdruck in der lateinischen Formel: ens et bonum convertuntur (Sein und Gutsein sind austauschbar). Da Gott das höchste Sein und das höchste Gut ist, ist auch alles, was er erschaffen hat, in dem Maße gut und vollkommen, wie es das Siegel des Seins in sich trägt. Daraus ergibt sich der Grundsatz, dass das Böse in sich selbst Nichtsein ist — es ist keine positive Wirklichkeit, keine Essenz. So ist der Teufel aus der Perspektive des mittelalterlichen Denkens Nichtsein, das sich als Sein tarnt. Das Böse lebt vom Guten und auf Kosten des Guten; daher regiert letztlich das Gute die Welt, während das Böse — so sehr es das Gute auch mindern mag — nicht in der Lage ist, es zu vernichten. In dieser Lehre kommt der optimistische Grundton des mittelalterlichen Weltbildes zum Ausdruck, der es von den Stimmungen der späten hellenistischen Philosophie, insbesondere des Stoizismus und Epikureismus, unterscheidet.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025