Grundlagen der Lehre der Stoiker
Stoische Kategorien
Es ist nun an der Zeit, zu den stoischen Kategorien überzugehen. Vorab sei gesagt, dass unsere Interpretation der stoischen Kategorien sich etwas von derjenigen in [Ristl969] unterscheidet; später werden wir die Unterschiede detaillierter darlegen. Alle stoischen Kategorien betreffen ausschließlich Existenzen; auf andere Dinge lassen sich die Kategorien nur analog anwenden, wenn überhaupt. Es gibt insgesamt vier stoische Kategorien: (i) Substrat, (ii) Eigenschaft, (iii) Zustand und (iv) Verhältnis. Nach unserem Ansatz gehört das, was in eine Kategorie fällt, nicht in eine andere. Da Zustand und Verhältnis Arten von Eigenschaften sind, werden sie in separate Kategorien ausgegliedert, sodass Zustand kein Verhältnis sein kann und ein Verhältnis kein Zustand.
Betrachten wir die Kategorien im Detail:
(i) Substrat (το ὑποκείμενον) oder Essenz (οὐσία)
Das griechische „το ὑποκείμενον“ wird ins Lateinische meist als „substantia“ oder „substratum“ übersetzt, woraus die Begriffe „Substanz“ und „Substrat“ entstehen. Substrat ist das, was allem Materiellen zugrunde liegt, verstanden als das, was aus sich selbst existiert und nicht in einem anderen Ding. Die erste Kategorie bezeichnet die stoische, zunächst qualitätslose Urmaterie, die auch „primäres Substrat“ genannt werden kann. Zeno soll gesagt haben: „Das Substrat ist die Urmaterie (ttōat] ilg|) aller existierenden Dinge“.
Streng genommen ist diese stoische Urmaterie nicht völlig qualitätslos, da sie sich in Teile teilen lässt, was impliziert, dass eine minimale Qualität vorhanden ist. Sie ist jedoch unveränderlich in ihrer Wesensart und kann nur in Teile zerlegt werden, um neue einzelne Dinge zu erzeugen.
(ii) Eigenschaft (το ποιόν)
„το ποιόν“ wird als „Qualität“ oder „Eigenschaft“ übersetzt und bezeichnet das, was ein Ding „wie?“ bestimmt. In unserer Interpretation entspricht dies der nicht trennbaren Akzidenz. Wenn diese in einem Substrat existiert, wird „το ποιόν“ als eigenständiges, materielles Substrat betrachtet, zusammen mit dem bereits erwähnten Substrat. Jede stoische Eigenschaft ist demnach eine „Verknüpfung von Eigenschaften“ und enthält potenziell kausale Kraft und Wirkung, auch wenn die Stoiker diesen Gedanken nicht explizit ausformulierten. Man kann diese zweite Kategorie als „qualitätsgebendes Substrat“ verstehen, das die inneren Eigenschaften eines materiellen Dings vermittelt.
(iii) Zustand (τὶς ἔχον)
Wörtlich bedeutet „τὶς ἔχον“ etwa „in einem bestimmten Zustand befindlich“. Diese Kategorie beschreibt die Frage: „In welchem Zustand befindet sich der Existent?“ Beispiele: wach oder schlafend, gehend oder stehend, fröhlich oder traurig, gebeugt oder aufgerichtet, ein Apfel reif oder unreif. Zustände umfassen also Eigenschaften-Zustände und -Lagen, die den trennbaren Akzidenzien entsprechen. Sie sind intrinsische Eigenschaften und bilden eine materielle Grundlage, unterscheiden sich jedoch vom Substrat der zweiten Kategorie. Jede stoische Zustandskategorie ist ebenfalls eine einfache Verknüpfung von Eigenschaften mit kausaler Kraft und Wirkung.
(iv) Verhältnis (τις ὡς τὶς ἔχον)
Wörtlich bedeutet „τις ὡς τὶς ἔχον“ etwa „in Bezug auf etwas befindlich“. Diese Kategorie beantwortet die Frage: „In welchem Verhältnis steht ein Existent zu einem anderen?“ Beispiele: Vater-Sohn-Beziehung, Teil-Ganzes-Beziehung, Zugehörigkeit zu einem Ganzen. Es ist wichtig, zwischen einem Verhältnis selbst und den Eigenschaften des Verhältnisses als dessen Aspekten zu unterscheiden. Die Eigenschaften des Verhältnisses treten immer paarweise auf und sind Aspekte, keine Teile, des Verhältnisses. Verhältnisse sind extrinsische Eigenschaften und wirken sekundär oder tertiär auf das Substrat, da sie an andere Dinge gebunden sind und nicht intrinsisch sind.
Zusammenfassend gilt: Alle vier Kategorien beziehen sich auf Existenzen, also objektiv existierende materielle Dinge, unabhängig von Geist und Bewusstsein. Eigenschaften (Kategorien ii–iv) sind ebenfalls materielle Objekte, die eigenständig existieren. Substrat (Kategorie i) ist die stoische Urmaterie; die Eigenschaften (Kategorien ii–iv) bilden eine zweite Art von stoischer Materie oder Urmaterie, die die individuellen Eigenschaften materieller Dinge vermittelt.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 01/10/2025