Europäische Philosophie der Neuzeit: Die wissenschaftliche Revolution des 17. Jahrhunderts und aktuelle philosophische Probleme
Die mechanistische Weltanschauung
Im späten Renaissancezeitalter beginnt die wissenschaftliche Revolution, die mit der Schaffung des ersten mechanistischen Weltbildes (MWB) am Ende des 17. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erreicht. Natürlich gab es bereits in der Antike bestimmte wissenschaftliche Vorstellungen und Theorien. Doch gemäß der westlichen Kulturparadigmatik — die freilich nicht unumstritten ist — beginnt die wahre Wissenschaft mit der experimentell-mathematischen Naturwissenschaft, die sich in Europa erst im 17. Jahrhundert herausbildet. Daher wird das mechanistische Weltbild als das erste bezeichnet.
Einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung dieses Weltbildes leisteten Persönlichkeiten wie Nikolaus Kopernikus (Heliozentrismus), Giordano Bruno (die Unendlichkeit des Universums), Tycho Brahe (Marsbeobachtungen, astronomische Tabellen), Johannes Kepler (Gesetze der Planetenbewegung), Galileo Galilei (Relativitätsprinzip, Teleskopbeobachtungen), Francis Bacon (empirische Methode), René Descartes (analytische Geometrie und Rationalismus), Isaac Newton (Gesetze der Mechanik und der Gravitation, Differentialrechnung), William Harvey (Blutkreislaufsystem) und einige andere Philosophen und Naturwissenschaftler.
Ein erheblicher Einfluss auf die Väter des ersten MWB ging von der esoterischen Tradition aus, die stark von Alchemie, Astrologie und Magie geprägt war. Ideen des Neopythagoreismus, Neoplatonismus sowie hermetische (wie das Corpus Hermeticum) und kabbalistische (Kabbala) Theorien trugen zum Zerfall des theologisch dominierten Weltbildes bei und förderten die wissenschaftliche Revolution. Laut den renommierten italienischen Philosophiehistorikern D. Reale und D. Aptiseri ist dies ein “unbestreitbarer Fakt“. Es ist jedoch zu beachten, dass, als die aufkommende Wissenschaft sich zunehmend stabilisierte, sie begann, ihre okkult-esoterischen Grundlagen abzulehnen und sich schließlich von ihnen zu distanzieren.
Heute, wenn die esoterische Philosophie von orthodoxer Seite oft ungerechtfertigter Kritik ausgesetzt ist, sollte man sich einer objektiven Untersuchung der tatsächlichen Geschichte der Philosophie zuwenden. In diesem Kontext erscheint die durchaus begründete Ansicht, dass es “unwissenschaftliche Ideen gibt, die sich als fruchtbar für die Wissenschaft erweisen“ und “positiven Einfluss auf ihre Entwicklung ausüben“, sehr wohl nachvollziehbar.
Die Grundlage des ersten MWB bildete die Mechanik. Dies ist durchaus verständlich, da zu jener Zeit noch keine ausgearbeiteten naturwissenschaftlichen Theorien in den Bereichen Chemie, Magnetismus, Biologie oder Kernphysik existierten. Daher strebte Newton danach, “alle anderen Naturphänomene aus den Grundlagen der Mechanik abzuleiten“ (Mathematische Prinzipien der Naturphilosophie). Diese Vorgehensweise führte jedoch zu einer Reihe wesentlicher Mängel des mechanistischen Weltbildes, die von Anfang an vorprogrammiert waren. Zunächst wollen wir jedoch seine wesentlichen Konturen skizzieren.
Die Welt wurde von Gott erschaffen und unterliegt den Gesetzen der Mechanik. Gott, der die Himmelskörper erschuf und die Ursache ihrer Bewegung (den “ersten Stoß“) offenbarte, greift jedoch nicht in den natürlichen Ablauf der Ereignisse ein. Die Natur ist materiell. Materie besitzt innere Trägheit, Ausdehnung, Form und Undurchdringlichkeit. Ihre Wechselwirkungen werden als einfache mechanische Bewegungen verstanden. Mechanische Bewegung ist folglich die Grundform der Bewegung der Materie. Leben und der Mensch werden ebenfalls aus mechanistischer Perspektive erklärt. Es wird angenommen, dass man, wenn man die Anfangsbedingungen kennt, die Positionen und Zustände materieller Körper in der Zukunft mit Hilfe der Gesetze der Mechanik genau berechnen kann.
Dieses Verständnis des Universums weist jedoch drei gravierende Mängel auf.
- Die Ursache der Bewegung wird aus der Natur herausgenommen und Gott zugeschrieben. Auch die Entstehung der Himmelskörper und der gesamten Natur wird mit Gott in Verbindung gebracht.
- Reduktionismus — der Versuch, höhere Formen der Bewegung der Materie auf deren niedrigere Formen zurückzuführen. Einfach gesagt: Die Komplexität wird auf das Einfache reduziert. Daraus ergibt sich ein verzerrtes, vereinfachtes Verständnis von Leben, Bewusstsein, Verstand und den allgemeinen Gesetzen der Bewegung der Materie. Später stellte sich heraus, dass die Gesetze der Mechanik nur einen sehr begrenzten Bereich von Naturphänomenen beschreiben können.
- Die Metaphysik des Verständnisses naturwissenschaftlicher Phänomene, Prozesse und materieller Körper wurde in der mechanistischen Weltanschauung von der Betrachtung ihrer Veränderung, Entwicklung und gegenseitigen Beeinflussung abgetrennt. So wurde beispielsweise die Geschichte der Entwicklung der Himmelskörper nicht in Betracht gezogen. Es wurde angenommen, dass sie seit ihrer göttlichen Schöpfung unverändert geblieben sind, ebenso wie die Gesetze ihrer Bewegung. (In diesem Fall wird der Begriff “Metaphysik“ im Gegensatz zum Begriff “Dialektik“ verwendet.)
Trotz all ihrer Schwächen war die mechanistische Weltanschauung jedoch ein bedeutender Fortschritt für die neue Kultur, da sie erstmals in der europäischen Geschichte den Versuch unternahm, wissenschaftlich fundierte und verlässliche Vorstellungen über die Welt und den Menschen zu entwickeln.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025