Westliche Postklassische Philosophie (19. – 20. Jahrhundert)
Die Entdeckung des Unbewussten: Freud und die Psychoanalyse
Der Begründer der Psychoanalyse, der Neurologe, Psychiater und Psychologe Sigmund Freud (1856—1939), wurde in eine große Familie eines Wollhändlers aus Mähren (Österreich-Ungarn) geboren. Schon früh zeigte er außergewöhnliche Fähigkeiten und eine Liebe zum Lesen. Er absolvierte die Universität Wien mit einem medizinischen Abschluss und begann seine Studien mit der Untersuchung des menschlichen Gehirns und der Nervenkrankheiten. Später, unter dem Einfluss des bekannten Arztes Charcot und aufgrund materieller Probleme, wandte er sich der Hysterie zu. Dieser Schritt markiert den Beginn von Freuds intensiver Forschung. Besonders beschäftigte ihn der Einfluss des Hypnotismus, was ihm half, seine eigene therapeutische Methode zu entwickeln — die Methode der “freien Assoziationen“. Freud distanzierte sich von rein physiologischen Erklärungen psychischer Prozesse. Mit seiner Forschung über Neurosen und psychische Abweichungen entwickelte er die Theorie der Psychoanalyse, die mit der Zeit auch einen philosophischen Status erlangte.
Zu seinen Hauptwerken zählen: “Die Traumdeutung“ (1899), “Totem und Tabu“ (1913), “Jenseits des Lustprinzips“ (1919), “Massenpsychologie und Ich-Analyse“ (1921), “Das Ich und das Es“ (1923), “Klinische Fälle“ (1924) und “Die Zukunft einer Illusion“ (1927).
Freuds größte philosophische Errungenschaft war die “Entdeckung“ der unbewussten Sphäre der menschlichen Psyche. Die klassische Philosophie beschäftigte sich hauptsächlich mit dem Bewusstsein. Das Unbewusste (oder Unterbewusstsein) war zwar den westlichen Philosophen bekannt, blieb jedoch lange Zeit im Schatten. Freud stellte es ins Zentrum seiner Theorie, was für die westliche Psychologie eine Neuerung darstellte. Für die östliche Philosophie (wie im Buddhismus oder in der Yoga-Lehre) hingegen war die Auseinandersetzung mit dem Über- und Unterbewusstsein traditionell. Daher muss Freuds Entdeckung relativ betrachtet werden.
Indem Freud das Unbewusste erforschte — in Träumen, Fehlleistungen, Versprechern, Vergesslichkeit und dem Einfluss von Hypnose — entwickelte er ein Modell der psychischen Struktur der Persönlichkeit. Diese gliedert sich in drei Ebenen: “Es“, “Ich“ und “Über-Ich“.
— Die erste (unterste) Ebene wird mit dem Begriff “Es“ (Id) bezeichnet. Es ist die unterste Sphäre des Unbewussten — ein “kochender Kessel“ unbewusster Triebe und Instinkte. Zu den wichtigsten gehören: der Lebenstrieb (Eros), das Streben nach Selbsterhaltung und Fortpflanzung, was im sexuellen Drang (Libido) kulminiert, sowie der Todestrieb (Thanatos), eine aggressive Kraft, deren Zweck Freud in der Ausbalancierung der Reize sieht, die der Lebenstrieb erzeugt. “Es“ folgt dem Lustprinzip, das besonders für Tiere und kleine Kinder kennzeichnend ist.
— Die zweite Ebene wird durch das Konzept des “Ich“ (Ego) beschrieben. Dies ist die Sphäre des Bewusstseins — ein kleines Flämmchen in einem riesigen, dunklen Keller des Unbewussten. Das “Ich“ bildet sich als “Abdruck“ der äußeren Realität und ist dabei abhängig von den Trieben und Instinkten des “Es“. Obwohl Freud der Meinung ist, dass das Bewusstsein (das “Ich“) eine gewisse Autonomie besitzt und durch das Realitätsprinzip geleitet wird (d.h. es kann auf die Befriedigung von Wünschen verzichten), glaubt er dennoch, dass das “Es“ der wahre, verborgene Motor des “Ichs“ ist, was das Bewusstsein oft nicht wahrnimmt.
— Die dritte Ebene der Psyche ist das “Über-Ich“ (Super-Ego). Es stellt die höchste Sphäre des Unbewussten dar, die sich durch Erziehungsverbote, soziale und moralische Normen bildet. Das “Über-Ich“ ist die Quelle der moralischen Prinzipien des Menschen, die im Bewusstsein etwa als Gewissen erscheinen.
Die menschliche Psyche ist also ein Schauplatz ständiger Kämpfe zwischen höheren und niedrigeren unbewussten Kräften. Wenn das “Es“ siegt, verliert der Mensch seine kulturelle und moralische Gestalt, da das “Ich“ sich unterordnet und ständig versucht, die unbewussten Triebe des “Es“ zu realisieren. Wenn jedoch das “Über-Ich“ dominiert, werden Triebe und Instinkte eingeschränkt. In diesem Fall triumphiert das “Ich“ über das “Es“. Dies stellt den normalen Zustand der Psyche dar. Freud meint, der Mensch sollte bestrebt sein, die Kontrolle des “Ichs“ über das “Es“ zu erweitern.
Jedoch lauert hier eine ernsthafte Gefahr. Wird das Gleichgewicht zwischen unbewussten Trieben und sozio-moralischen Normen gestört, beginnen “in die Enge getriebene“ Instinkte “Rache zu üben“. Ein innerer Konflikt entbrennt, der zu Neurosen oder psychischen Zusammenbrüchen führt. Freud sieht die Quelle dieses Konflikts im Unbewussten. Die Wiederherstellung des gestörten Gleichgewichts ist das Hauptziel der Psychoanalyse. Wie sieht deren prinzipielle Vorgehensweise aus?
Zunächst einmal muss die Ursache des psychologischen Konflikts ermittelt werden, die tief im Unbewussten verborgen liegt. Daher ist Psychoanalyse die Analyse des Unbewussten. Diese erfolgt durch Hypnose oder die Methode der freien Assoziationen, bei der durch Träume, Fehlleistungen, unwillkürliche Handlungen, Vergesslichkeit usw. eine destruktive psychische Kraft aufgedeckt wird, deren Existenz der Patient meist nicht einmal ahnt (da sie außerhalb des Bewusstseinsbereichs liegt). Zweitens, um die Wirkung dieser Kraft (des faktischen psychischen Störfaktors) zu beseitigen, muss sie vom “Es“ ins “Ich“ überführt werden. Hierbei kommt dem Psychoanalytiker eine wichtige Rolle zu: Er hilft dem Patienten, zu erkennen, was ihn quält (die Technik des Übertragens). Indem der Patient die traumatische Situation erneut erfährt und bewusst durchlebt, wird die destruktive unbewusste Kraft beseitigt.
Eine entscheidende Rolle bei der Bildung der menschlichen Psyche und der Entstehung von Neurosen räumt Freud dem sexuellen Trieb (Libido) zu. Bereits im frühen Kindesalter, so seine Auffassung, entwickelt das Kind spontane, unbewusste erotische Bestrebungen. Diese richten sich zunächst auf das nächstgelegene Objekt — die Mutter. Doch nach und nach unterdrückt das “Über-Ich“ diesen Trieb. So entsteht der “Ödipuskomplex“, der die Psyche des Menschen während seines gesamten Lebens beeinflusst. Diese Lehre Freuds ist in vielerlei Hinsicht umstritten. Freuds Anhänger (wie Jung, Adler, Fromm u. a.) kritisierten ihn für die übermäßige Betonung der Rolle des psychosexuellen Triebs. In der Tat lässt Freud zu Unrecht andere mächtige Kräfte und Faktoren, die das psychische Leben des Menschen beeinflussen, unbeachtet.
Freud versuchte, seine rein medizinische Theorie des Psychoanalyse auf den Bereich der sozio-kulturellen Lebenswelt des Menschen auszudehnen (Mythologie, Religion, Kunst u. a.). Die Grundidee bleibt dieselbe: der Einfluss unbewusster Triebe. Der zentrale Begriff lautet “Sublimation“, also die Umleitung der psychischen Energie von Instinkten in den Bereich der Tätigkeit — sei es künstlerischer, religiöser oder wissenschaftlicher Art. Aus dieser Perspektive erscheint die gesamte Kultur als Produkt der Sublimation.
Freuds Ideen, die anfangs mit Skepsis und sogar Feindseligkeit aufgenommen wurden, fanden mit der Zeit ihre Anhänger und leidenschaftlichen Befürworter. Allmählich bildete sich der Psychoanalyse als weitreichende Bewegung, vor allem unter Ärzten, Psychotherapeuten und Psychologen, die die psychoanalytische Methode Freuds übernahmen. Doch die Gleichsetzung von Freudianismus und Psychoanalyse (als wissenschaftlich-philosophische Richtung) ist nicht ganz gerechtfertigt. Psychoanalyse ist eine allgemeine Strömung, die die Theorien von Freud, den Neofreudianern, A. Adler, C. G. Jung, J. Lacan und anderen Forschern vereint.
Freuds Schüler Alfred Adler (1870—1937) überdachte die Theorie seines Lehrers und entwickelte die “Individualpsychologie“. Er sieht die Hauptkraft der psychischen Welt des Menschen nicht im sexuellen Trieb, sondern im “Willen zur Macht“. Die Persönlichkeit, so sagt er, entwickelt sich zwischen zwei Polen: auf der einen Seite der “Minderwertigkeitskomplex“ als Folge früherer Misserfolge, auf der anderen Seite das Streben nach Selbstverwirklichung. Neurose ist das Resultat eines übermäßigen Erlebens der eigenen Minderwertigkeit.
Der Mitstreiter und Popularisierer der Freudschen Theorie, der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung (1875—1961), begann ebenfalls, die Grundprinzipien des Psychoanalysebegründers neu zu überdenken. Ihn störte Freuds Verständnis des Unbewussten und die überhöhte Bedeutung der Libido als sexuellen Trieb. Die Libido, so Jung, ist ein allgemeines Ausdrucksmedium für das Unbewusste und das Bewusstsein der Persönlichkeit. Es ist ein gewisser Fluss psychischer Energie, der entweder Hindernisse überwindet oder zurückweicht, was zu Neurosen führt. Das zentrale Konzept von Jung ist das “kollektive Unbewusste“ und seine Bilder (Archetypen). Es bildet die Grundlage der individuellen Psyche, da es sich im Verlauf der menschlichen Geschichte entwickelt und durch Erbe weitergegeben wird.
Der österreichische Psychologe Wilhelm Reich (1897—1957) versuchte, auf der Grundlage einer Synthese von Marxismus und Freudianismus seine eigene Theorie der Entstehung von Neurosen zu entwickeln. Seiner Ansicht nach wird destruktive psychische Energie nicht vom Menschen selbst erzeugt, sondern von der Gesellschaft, die die Verwirklichung der natürlichen Instinkte des Menschen behindert. Daher sei eine sexuelle Revolution notwendig. Hätte Reich das Ende des 20. Jahrhunderts erlebt, hätte er möglicherweise erkannt, dass die sogenannte sexuelle Revolution (und wenn man es beim Namen nennt: der moralische Verfall) im Westen einen ganzen Komplex von Problemen hervorgerufen hat. Das Hauptproblem ist die geistige Degeneration des Menschen, dessen Verhalten immer mehr von tierischen Instinkten anstelle von Verstand und Moral gelenkt wird. Es ist daher wenig verwunderlich, dass solche Gesellschaften immer häufiger Menschen hervorbringen, die moralisch kaum von wilden Tieren zu unterscheiden sind.
Am Ende der 1930er Jahre entsteht der Neofreudianismus (E. Fromm, K. Horney, H. Sullivan). Die Vertreter dieses Ansatzes entfernten sich von der Vorstellung des Unbewussten und entwickelten vor allem die sozio-kulturellen Aspekte des Freudianismus weiter.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025