Westliche Postklassische Philosophie (19. – 20. Jahrhundert)
„Zurück zu Kant“: Die Neokantianer
Wie bereits erwähnt, gab es in der westlichen Philosophie des 19. und 20. Jahrhunderts neben der kritischen und synthetischen Entwicklungslinie auch eine weitere: die Linie der Verteidigung und Wiederbelebung der klassischen Philosophie. Hierzu zählen die Anhänger dreier großer Strömungen: des Neotomismus, des Neokantianismus und des Neohegelianismus.
Der Neokantianismus entsteht in der deutschen akademischen Philosophie der 50er und 60er Jahre des 19. Jahrhunderts. Eine Reihe von Philosophen und Wissenschaftlern (wie H. Helmholtz, K. Fischer sowie die Franzosen V. Cousin, J. Lachelier, C. Renouvier u. a.) begannen zunehmend, sich mit dem theoretischen Erbe Kants auseinanderzusetzen und seine Philosophie zu verteidigen. Eine einigende Rolle spielte der Slogan, den der junge Philosoph Otto Liebmann in seinem Werk formulierte: “Es muss zum Kantschen zurückgekehrt werden!“ Wenig später (in den 70er Jahren) nahm die neokantianische Bewegung Gestalt an und spaltete sich in zwei Schulen: die marburgische und die freiburgische (badische) Schule.
Der Begründer der marburgischen Schule ist Hermann Cohen (1842—1919). Die bedeutendsten Vertreter dieser Richtung sind Paul Natorp (1854—1924) und Ernst Cassirer (1874—1945). Diese Philosophen setzten sich für die Wiederbelebung und Weiterentwicklung der zentralen Positionen von Kants Lehre ein. Ihr Hauptverdienst liegt darin, dass sie die kritische Philosophie und insbesondere das logische Durchdringen des Erlebens als Kants entscheidenden Beitrag ansahen. Ihr zentrales Anliegen war die Entwicklung der Erkenntnistheorie und des strengen wissenschaftlichen Verfahrens. Dieses erhielt den Namen “transzendentale Methode“ und basierte auf der kreativen Arbeit der “Schöpfung von Objekten jeder Art“ (Natorp).
Das Hauptobjekt der Kritik der Marburger Schule ist Kants Lehre von der “Dingheit an sich“. Auch Kants Theorie der Sinnlichkeit (die transzendentale Ästhetik) wurde von ihnen neu bewertet. Cassirer korrigierte die frühe neokantianische Erkenntnistheorie und stellte den “Symbol“ und verschiedene Typen “symbolischer Funktionen“ (Sprache, Mythos, Religion, Kunst, Erkenntnis) in den Mittelpunkt des Erkenntnisprozesses. Dies führte dazu, dass sich sein wissenschaftliches Interesse über die reine Erkenntnistheorie hinaus zur Kulturphilosophie ausdehnte.
In der Sozialphilosophie vertraten die Marburger eher sozialistische oder liberal-demokratische Auffassungen. Cohen entwickelte eine Theorie des ethischen Sozialismus. Jedoch betrachteten sie den Sozialismus nicht als ein erreichbares Ziel, sondern als eine Idee, die das gesellschaftliche Streben lenkt, ohne je vollständig erreicht zu werden.
Die führenden Vertreter der Freiburger Schule sind Wilhelm Windelband (1848—1915) und sein Schüler Heinrich Rickert (1863—1936). Auch sie versuchten, Kants Lehre kritisch zu überdenken, doch im Unterschied zu den Marburgern konzentrierten sie sich stärker auf die “Kritik der Urteilskraft“ als auf die “Kritik der reinen Vernunft“. Die zentralen Begriffe der Freiburger Schule sind “Bedeutung“ und “Wert“ (während die Marburger von “Logik“ und “Zahl“ ausgingen). Daher stellt der Freiburger Neokantianismus überwiegend eine Lehre von den Werten dar.
Natürlich beschränkten sich weder Windelband noch Rickert völlig auf die axiomatische Problematik. Sie entwickelten eine eigene Klassifikation von Wissenschaften. Windelband lehnte die Trennung der Wissenschaften in solche über die Natur und solche über den Geist ab. Grundlage der Klassifikation sollte nicht der Gegenstand, sondern die Methode sein, die die Wissenschaften anwenden. Diese Methoden unterteilte er in zwei Kategorien: Die eine ist die nomothetische (die grundlegende), welche sich mit allgemeinen Gesetzen befasst, und die andere ist die ideografische (die sich mit der Erforschung des Einzelnen, des Besonderen befasst). Letztere ist vor allem für die Geschichtswissenschaft typisch.
Rickert baute diese Sichtweise weiter aus. Seine Erkenntnistheorie mündete in eine Werttheorie, da sie nicht das Sein erforschte, sondern die Frage nach dem Sinn aufwarf. Für ihn standen die Wirklichkeit und die Welt der Werte in Gegensatz zueinander.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025