Allgemeine Probleme der Wissenschaftsphilosophie
Wissenschaft und Philosophie im System der menschlichen Kultur
Philosophische Grundlagen der Wissenschaft
In den fundamentalen Forschungsbereichen beschäftigt sich die fortgeschrittene Wissenschaft in der Regel mit Objekten, die weder in der Produktion noch in alltäglichen Erfahrungen vollständig erschlossen sind. Für den gesunden Menschenverstand können diese Objekte unverständlich erscheinen. Wissen über sie und die Methoden zu seiner Gewinnung können erheblich von den Normen und Vorstellungen der jeweiligen historischen Epoche abweichen. Daher bedürfen wissenschaftliche Weltbilder sowie Ideale und normative Strukturen der Wissenschaft nicht nur während ihrer Entstehung, sondern auch in späteren Phasen der Umgestaltung einer Abstimmung mit der vorherrschenden Weltanschauung.
Die Philosophie schafft neue Ontologien und Vorstellungen von Methode, die für die Veränderung normativer Strukturen der Wissenschaft und des wissenschaftlichen Weltbildes relevant sind. Es kann geschehen, dass ein Forscher bei der Entwicklung neuer Vorstellungen bestimmte philosophische Ideen und Prinzipien verwendet, während diese Vorstellungen später einer anderen philosophischen Interpretation unterliegen. Die philosophischen Grundlagen der Wissenschaft sind nicht mit dem gesamten philosophischen Wissensschatz gleichzusetzen. Aus dem breiten Feld philosophischer Problematik und Lösungsansätze nutzt die Wissenschaft nur bestimmte Ideen und Prinzipien als Begründungsstrukturen. Dazu gehören insbesondere das Prinzip der Einheit der Welt und das Prinzip des Determinismus.
Die philosophischen Grundlagen der Wissenschaft umfassen zwei miteinander verknüpfte Subsysteme:
- Ontologische Kategorien: Diese werden verwendet, um objektive und subjektive Realität zu beschreiben, z. B. „Ding“, „Eigenschaft“, „Beziehung“, „Bewusstsein“, „Prozess“, „Zustand“, „Kausalität“, „Notwendigkeit“, „Zufall“, „Raum“, „Zeit“.
- Erkenntnistheoretische Kategorien: Diese werden in Erkenntnisverfahren genutzt, z. B. „Wahrheit“, „Methode“, „Wissen“, „Beschreibung“, „Erklärung“, „Beweis“, „Theorie“, „Fakt“.
Die Bildung und Transformation philosophischer Grundlagen der Wissenschaft erfordert nicht nur philosophische, sondern auch spezielle wissenschaftliche Kompetenz des Forschers. Heutzutage wird dieser besondere Bereich der Forschungsaktivität als Philosophie und Methodologie der Wissenschaft bezeichnet. In der Geschichte der philosophischen Gedankenentwicklung ist die Herausbildung dieses Bereichs mit dem Positivismus des 19. Jahrhunderts verbunden, der den Bereich wissenschaftlichen Wissens (praktisch Nützliches – Positives) von dem der metaphysischen Entitäten und Begriffe abgrenzte und Wissenschaft und Philosophie einander gegenüberstellte.
Die Problematik der kategorialen, weltanschaulichen Grundlagen der Wissenschaft trat jedoch im Postpositivismus und in der analytischen Philosophie erneut in den Vordergrund, insbesondere im Zusammenhang mit Fragen der metatheoretischen Begründung und des wissenschaftlichen Realismus.
§5. Evolution der Wissenschaft als Erkenntnisaktivität und soziale System in der Geschichte der europäischen Kultur
Die Menschen beschäftigen sich seit Urzeiten mit der Erkenntnis der Welt. Wissenschaft als soziale Form der Erkenntnis existiert jedoch nicht in jeder Gesellschaft. Viele primitive Kulturen kommen ohne Wissenschaft aus. Erst in einer hinreichend entwickelten Kultur wird sie zu einem eigenständigen, besonderen Tätigkeitsbereich. Dabei erfährt die Wissenschaft im Laufe ihrer historischen Evolution erhebliche Veränderungen, bevor sie ihre heutige Gestalt annimmt.
Auch die Vorstellungen von Wissenschaft, charakteristisch für die jeweilige Epoche („Bild der Wissenschaft“), verändern sich. Viele Disziplinen, die in der Vergangenheit als Wissenschaft galten, gehören aus heutiger Sicht nicht mehr dazu (z. B. Alchemie oder Handlesekunst). Gleichzeitig assimilieren moderne Wissenschaften Elemente wahren Wissens aus den Lehren der Vergangenheit.
Es existieren zwei Sichtweisen zum Entstehen der Wissenschaft. Die einen gehen davon aus, dass sie bereits in prähistorischer Zeit entstand, als die ersten Kenntnisse über die Umwelt beim frühen Menschen auftauchten. Die anderen vertreten die Ansicht, dass Wissenschaft erst im 16.–17. Jahrhundert entstand, als experimentelle und mathematische Methoden zur Untersuchung der Natur systematisch angewandt wurden.
Nach der ersten Sichtweise entstanden Physik, Chemie, Biologie, Medizin und technische Wissenschaften bereits, als der Mensch die elementarsten Kenntnisse über die Lebensbedingungen erwarb; Astronomie machte ihre ersten Schritte, sobald Menschen den Himmel beobachteten; Mathematik entstand, als Menschen zu zählen lernten. In diesem Fall wäre Wissenschaft eine der ältesten Tätigkeiten der Menschheit, fast von Beginn der menschlichen Existenz an.
Nach der zweiten Sichtweise gab es vor dem 16.–17. Jahrhundert keine Wissenschaft. Doch wie sind dann die Kenntnisse der altbabylonischen Priester zu bewerten, die über viele Jahrhunderte auf Tontafeln astronomische Beobachtungen festhielten und darauf basierend Mondfinsternisse und andere Himmelsereignisse mit komplexen Berechnungen vorhersagten? Oder die euklidische Geometrie, die bis heute in Schulen in etwa der Form gelehrt wird, wie sie Euklid im 4.–3. Jahrhundert v. Chr. darlegte? Würde man all diese Errungenschaften der Vergangenheit außerhalb der Wissenschaftsgeschichte einordnen, müsste die Entstehung der Wissenschaft im 16.–17. Jahrhundert als Wunder betrachtet werden. Beide Sichtweisen sind Extrempositionen, die unterschiedliche Ansätze zur Erklärung des Phänomens Wissenschaft absolut setzen.
Betrachtet man die Wissenschaftsgeschichte als Geschichte der Entstehung von Ideen und Begriffen, lassen sich vier Hauptperioden unterscheiden:
- 1. Jahrtausend v. Chr. – 16. Jahrhundert: Dieser Zeitraum kann als Periode der Vorwissenschaft bezeichnet werden. Neben alltäglichem, praktischem Wissen entstehen erste philosophische Vorstellungen über die Natur (Naturphilosophie), die allgemeine, abstrakte spekulative Theorien darstellen. Ansätze wissenschaftlichen Wissens entstehen innerhalb der Naturphilosophie als ihre Elemente. Rationalität und Systematik sind die Hauptmerkmale der Philosophie. Systematik bestimmt den Inhalt der Philosophie, das Streben nach Einheit und Substanz der Welt, während Rationalität ihre Form und ihr Niveau definiert. Zudem strebt die Philosophie nach Beweisbarkeit.
- In den Schriften von Aristoteles lassen sich Ansätze der Physik, Zoologie, Embryologie, Mineralogie und Geographie erkennen. Im 3.–2. Jahrhundert v. Chr. gewinnen innerhalb des philosophischen Wissens die statische Mechanik, Hydrostatik und geometrische Optik (insbesondere die Wissenschaft der Spiegel – Katoptrik) relativ eigenständige Bedeutung. In diesen Disziplinen werden einzelne Beobachtungen und praktische Daten zusammengefasst, experimentelle Methoden werden jedoch noch nicht eingesetzt, und viele theoretische Aussagen basieren auf unüberprüfbaren Spekulationen.
- Bis zur Entstehung der theoretischen Naturwissenschaft als eigenständiges und selbstwertvolles Wissensgebiet fehlte nur noch ein Schritt: die Verbindung mathematischer Beschreibung und systematischer Theorienaufstellung mit experimenteller Forschung. Diesen letzten Schritt konnte die antike Wissenschaft jedoch nicht vollziehen. Die in diesem Zeitraum entstehenden Disziplinen wurden weiterhin als Teil des philosophischen Wissens betrachtet. Bemerkenswert ist, dass Newton selbst Ende des 17. Jahrhunderts seine physikalischen Grundlagen unter dem Titel „Mathematische Grundlagen der Naturphilosophie“ veröffentlichte.
- Wissenschaft als eigenständiger Tätigkeitsbereich, getrennt von der Philosophie, existierte demnach noch nicht: Sie entwickelte sich vorwiegend innerhalb der Philosophie, parallel zu anderen Wissensquellen wie Alltagspraxis und Handwerkskunst. Dies kann als „embryonale“ Phase der Wissenschaftsentwicklung verstanden werden, die ihrer Entstehung als besondere Kulturform vorausging.
- In der nächsten historischen Phase, dem Mittelalter, spielten Universitäten eine entscheidende Rolle für die Herausbildung der Wissenschaft. Das Wort „Universität“ stammt vom lateinischen „universitas“ – „Gesamtheit“. Ursprünglich bezeichnete es in der europäischen Geschichte höhere Schulen (über den klösterlichen und kirchlichen Schulen) bestehend aus zwei Zünften: der Gesamtheit der Lehrer („universitas magistrorum“) und der Gesamtheit der Schüler („universitas scholarum“).
- Die ersten Universitäten – Bologna und Oxford – wurden im 11. und 12. Jahrhundert gegründet. Vertreter der Oxford-Schule, Roger Bacon (1214–1294) und William von Ockham (1285–1349), vertraten die Auffassung, dass Erkenntnis auf Experiment und Mathematik beruhen müsse und Begriffe, die nicht überprüfbar sind, aus der Wissenschaft entfernt werden sollten. Dennoch lässt sich der mittelalterliche Denkstil insgesamt als Theozentrismus charakterisieren: Alle zentralen Begriffe des mittelalterlichen Denkens beziehen sich auf Gott und werden durch ihn bestimmt.
- In der intellektuellen Umgebung der klösterlichen Schulen und Universitäten reiften die Voraussetzungen für eine neue Epoche im Denken der Menschheit.
Bei den alten Griechen wurde die Kontemplation über die Tätigkeit gestellt (ausgenommen die staatliche Tätigkeit). Daraus folgte, dass die Kontemplation (griechisch: „theoria“) den Menschen an das Ewige, an das Wesen der Natur heranführt, während die Tätigkeit ihn in die vergängliche, eitle Welt der „Meinungen“ einbindet. Im Mittelalter verändert sich das Verhältnis zur Tätigkeit etwas. Das Christentum betrachtet Arbeit als eine Art Sühne für die Sünden und hält körperliche Arbeit nicht länger für knechtisch. Doch die höchste Form der Tätigkeit ist hier diejenige, die zur Rettung der Seele führt, was der Kontemplation sehr nahekommt: Gebet, Gottesdienstritual, das Lesen heiliger Schriften. Erst in der Renaissance erlangt schöpferische Tätigkeit eine sakrale (göttliche) Dimension. Der Ingenieur und der Künstler sind nun nicht mehr nur „Handwerker“ oder „Techniker“, wie in der Antike oder im Mittelalter, sondern schöpferische Gestalter.
Das Interesse an der Naturforschung nimmt insbesondere gegen Ende des 15.–16. Jahrhunderts zu, da die mittelalterliche Auffassung der Natur als unselbstständiger Anfang revidiert wird. In der Renaissance wird der weltanschauliche Grundsatz des Naturverständnisses vom Pantheismus geprägt. Übersetzt bedeutet „Pantheismus“ „Allgottheit“. Der christliche Gott verliert hier seinen transzendenten Charakter; er verschmilzt quasi mit der Natur, die ihrerseits vergöttlicht wird. Naturphilosophen der Renaissance sehen in der Natur ein lebendiges Ganzes, durchdrungen von magischen Kräften, die sich sowohl in lebenden Wesen als auch in unbelebten Elementen zeigen. So wie die Seele alle Körperfunktionen des Menschen leitet, existiert in jedem Teil der Natur ein beseeltes Prinzip – das Archaion. Um die Kräfte der Natur zu beherrschen, muss dieses Archaion erkannt und in einen magischen Kontakt mit ihm getreten werden, um es zu lenken.
Dieses magisch-alchemistische Naturverständnis berührt die antike Vorstellung der Natur als Ganzes und beseeltes Universum, unterscheidet sich jedoch wesentlich durch seinen aktivistischen Geist, der darauf abzielt, die Natur mit geheimen, okkulten Kräften zu kontrollieren.
16.–17. Jahrhundert – Epoche der wissenschaftlichen Revolution: Sie beginnt mit den Untersuchungen von Kopernikus und Galilei und findet ihren Höhepunkt in den physikalisch-mathematischen Werken von Newton und Leibniz. Symbolträchtig ist, dass Newton ein Jahr nach dem Tod Galileis (8. Januar 1642) geboren wird (4. Januar 1643). Das Leben dieser großen Wissenschaftler markiert eine romantische Phase bahnbrechender Entdeckungen und den scharfen Kampf der Schöpfer neuer wissenschaftlicher Ideen gegen Scholastik und dogmatisches religiöses Denken.
„Hier ist ein entscheidender Punkt zu betonen: Das größte Wunder des menschlichen Geistes – die Physik – beginnt in der Technik. Der junge Galilei besucht keine Universität, er verbringt Tag und Nacht auf venezianischen Werften, zwischen Kränen und Winden. So formt sich sein Geist … Alle Begründer der neuen Wissenschaft erkannten ihre Einheit mit der Technik. Das gilt gleichermaßen für Bacon und Galilei, für Gilbert und Descartes, für Huygens, Hooke und Newton.“
In dieser Zeit werden die Grundlagen der modernen Naturwissenschaft gelegt. Einzelne, verstreute Fakten, die Handwerker, Ärzte und Alchemisten gesammelt haben, werden systematisch analysiert und zusammengefasst. Neue Normen und Ideale für den Aufbau wissenschaftlichen Wissens entstehen, verbunden mit mathematischer Formulierung von Naturgesetzen, experimenteller Überprüfung von Theorien und kritischer Haltung gegenüber religiösen und naturphilosophischen Dogmen ohne empirische Grundlage. Die Wissenschaft entwickelt ihre eigene Methodologie und richtet sich zunehmend auf praktische Problemstellungen aus. Entsprechend rücken in der Philosophie die Fragen der Erkenntnistheorie in den Vordergrund, insbesondere das Verhältnis von Empirismus und Rationalismus.
Der Begründer des Empirismus war der englische Philosoph Francis Bacon (1561–1626). Er betrachtete Wissenschaft als Mittel, nicht als Selbstzweck; ihre Mission bestand darin, die kausalen Zusammenhänge der Natur zu verstehen, um sie zum Wohle der Menschen zu nutzen. Bacon prägte den berühmten Aphorismus: „Wissen ist Macht“, der die praktische Ausrichtung der neuen Wissenschaft widerspiegelt. Wissenschaft soll nicht in Büchern, sondern auf dem Feld, in Werkstätten und Schmieden entdeckt werden. Wissen, das keinen praktischen Nutzen bringt, betrachtete Bacon als überflüssigen Luxus.
Jede Erkenntnis und jede Erfindung muss nach Bacons Auffassung auf Erfahrung beruhen, also vom Studium einzelner Fakten zu allgemeinen Gesetzmäßigkeiten führen. Dieses Verfahren nennt man induktiv. Induktion als Methode wissenschaftlicher Erkenntnis hat jedoch einen erheblichen Nachteil: eine vollständige Induktion ist praktisch unmöglich. Die unvollständige Induktion beruht auf Analogieschlüssen, die immer nur wahrscheinlich sind. Bacon versucht, diese Mängel zu überwinden, und kommt zu dem Schluss, dass die Naturwissenschaft zwei Mittel nutzen sollte: Aufzählung und Ausschluss, wobei dem Ausschluss die größte Bedeutung zukommt. Es sollen möglichst alle Fälle gesammelt werden, in denen ein bestimmtes Phänomen auftritt, und alle Fälle, in denen es nicht auftritt. Wird ein Merkmal gefunden, das stets mit dem Phänomen einhergeht und bei dessen Abwesenheit fehlt, kann dieses Merkmal als „Form“ oder „Natur“ des Phänomens angesehen werden. Mit dieser Methode erkannte Bacon beispielsweise, dass die „Form“ der Wärme die Bewegung winziger Teilchen des Körpers ist.
Bacons Aufruf zur Orientierung an Erfahrung und Experiment wurde zum Leitprinzip für die Gründer der Londoner Gesellschaft für Naturforschung, zu der R. Boyle, R. Hooke, I. Newton und andere gehörten. Die Entwicklung der experimentell-mathematischen Naturwissenschaft im 17. Jahrhundert verlief jedoch nicht genau nach Bacons Plan. Der induktive Ansatz, wie sorgfältig er auch sein mag, kann letztlich kein allumfassendes, notwendiges Wissen liefern, das die Wissenschaft anstrebt. Bacon legte zu viel Gewicht auf empirische Methoden und unterschätzte die Rolle rationaler, insbesondere mathematischer Erkenntnis.
Antike und mittelalterliche Physik, begründet von Aristoteles, war keine mathematische Wissenschaft: Sie stützte sich einerseits auf Metaphysik, andererseits auf Logik. Ein Grund, warum Mathematik bei der Untersuchung von Naturerscheinungen nicht genutzt wurde, war die Annahme, dass Mathematik Bewegung, das Hauptmerkmal natürlicher Prozesse, nicht erfassen könne. Im 17. Jahrhundert führt R. Descartes mit der analytischen Geometrie, deren Grundbegriffe variable Größe und Funktion sind, das Prinzip der Bewegung in die Mathematik ein und macht sie damit zu einem geeigneten Werkzeug für die Untersuchung physikalischer Prozesse. Durch die Arbeiten von Kepler, Galilei und dessen Schülern – Cavalieri und Torricelli – entwickelt sich die neue Methode der Infinitesimalrechnung.
Ein weiteres Problem musste gelöst werden, um die analytische Mechanik zu ermöglichen: Nach antiker und mittelalterlicher Auffassung beschäftigt sich Mathematik mit idealen Objekten, die in der Natur nicht in Reinform existieren; Physik hingegen untersucht reale Objekte, sodass streng quantitative Methoden der Mathematik in der Naturwissenschaft nicht anwendbar waren. Galileo (1564–1642) widmete sich dieser Herausforderung. Er erkannte, dass reale physikalische Objekte mathematisch untersucht werden können, wenn anhand von Experimenten ideale Modelle dieser Objekte konstruiert werden. So führt er beim Studium des Fallgesetzes das Konzept absolut glatter (idealer) Ebenen, absolut runder (idealer) Körper und Bewegungen ohne Widerstand (Bewegung im Vakuum) ein. Durch die Untersuchung idealer Konstrukte mithilfe neuer Mathematik wird der physikalische Gegenstand dem abstrakten Objekt der Mathematik angenähert – eine Voraussetzung für die klassische Mechanik.
Offensichtlich hat das Experiment wenig mit unmittelbarer Beobachtung zu tun, auf die sich die Naturwissenschaften früherer Zeiten vornehmlich stützten. Es ist daher nicht überraschend, dass das Problem der Konstruktion idealer Objekte, die theoretische Grundlage des Experiments, auch in der Philosophie des 17. Jahrhunderts zentral wurde. Dieses Problem bildete den Gegenstand der Forschung der Vertreter der rationalistischen Richtung, allen voran Descartes (1596–1650).
In dem Bemühen, eine strenge Begründung der neuen Naturwissenschaft zu liefern, stellt Descartes die Frage nach der Natur menschlicher Erkenntnis überhaupt. Im Gegensatz zu Bacon betont er die Bedeutung des rationalen Prinzips in der Erkenntnis, da der Mensch nur mittels des Verstandes verlässliches und notwendiges Wissen erlangen kann. Während auf Bacon die Tradition des europäischen Empirismus zurückgeht, die auf Erfahrung beruht, steht Descartes am Beginn der rationalistischen Tradition der Neuzeit.
Descartes formuliert das Prinzip: „…niemals etwas als wahr anzunehmen, was ich nicht mit deutlicher Evidenz erkannt habe… in meinen Urteilen nur das zu berücksichtigen, was meinem Verstand so klar und so deutlich erscheint, dass es keinen Anlass gibt, daran zu zweifeln.“ Evidenz und Anschaulichkeit werden als Kriterium der Wahrheit vorgeschlagen. „Ein Quadrat hat vier Seiten“ – Wissen, das auf solchen Prinzipien beruht, ist notwendigerweise wahr.
Dieses wahre Wissen soll dazu dienen, das praktische Leben zu leiten. Was früher spontan geschah, soll nun Gegenstand eines bewussten und zielgerichteten Willens werden, der vom Verstand geleitet wird. Die neue Wissenschaft soll nach einem einheitlichen Plan und mit einer einheitlichen Methode geschaffen werden. Descartes ist überzeugt, dass die Schaffung einer neuen Denkweise ein stabiles und unerschütterliches Fundament erfordert. Ein solches Fundament muss im Verstand selbst, genauer gesagt in seiner inneren Quelle – im Selbstbewusstsein – gefunden werden. „Ich denke, also bin ich“ (Cogito ergo sum) ist das verlässlichste aller Urteile.
Die Kategorie des Selbstbewusstseins, die in der neuen Philosophie eine zentrale Rolle spielt, war der Antike im Wesentlichen unbekannt; die Bedeutung des Bewusstseins ist ein Produkt der christlichen Zivilisation. Damit das Urteil „Ich denke, also bin ich“ den Ausgangspunkt der Philosophie bilden kann, sind mindestens zwei Voraussetzungen nötig: erstens die aus der Antike stammende Überzeugung von der ontologischen Überlegenheit der verstandesmäßig erfassbaren Welt über die sinnlich erfahrbare, da Descartes vor allem die sinnliche Welt in Zweifel zieht; zweitens das christlich geprägte Bewusstsein vom hohen Wert des „inneren Menschen“, der menschlichen Persönlichkeit, das der Antike fremd war. Descartes begründet die Philosophie der Neuzeit nicht nur auf dem Prinzip des Denkens als objektiven Prozess, wie es der antike Logos war, sondern auf dem subjektiv erlebten und bewussten Denkprozess.
Descartes geht vom Selbstbewusstsein als einer rein subjektiven Gewissheit aus und betrachtet das erkennende Subjekt als Gegenüber des Objekts. Durch diese Gegenüberstellung, die weder in der antiken noch in der mittelalterlichen Philosophie bekannt war, tritt die Erkenntnistheorie (Gnoseologie) im 17. Jahrhundert in den Vordergrund. Descartes’ Idee der „universalen Mathematik“ korrespondiert mit der Idee, eine einheitliche wissenschaftliche Methode zu schaffen, die Erkenntnis in eine organisierte Tätigkeit verwandelt, frei von Zufälligkeiten, von subjektiven Faktoren wie Beobachtungsgabe oder Scharfsinn einerseits, Glück und Umständen andererseits. Die Methode verwandelt wissenschaftliche Erkenntnis von handwerklicher Arbeit in systematische Produktion.
Da Descartes die allgemeine und notwendige Natur mathematischen Wissens aus der Natur des Geistes ableitete, maß er der Deduktion, die auf intuitiv erkennbaren Axiomen beruht, herausragende Bedeutung zu. Nach Descartes soll die Mathematik das Hauptmittel zur Erkenntnis der Natur werden, denn er transformierte das Naturverständnis grundlegend und reduzierte es auf Ausdehnung, Gestalt und Bewegung – die Gegenstände der Mathematik. Vor Descartes wagte es niemand, Natur mit Ausdehnung, also rein quantitativer Größe, gleichzusetzen. Daher schuf Descartes die Vorstellung der Natur als gigantisches mechanisches System, das durch einen göttlichen „Anstoß“ in Bewegung gesetzt wird. Diese theoretische Basis ermöglichte Galilei die Anwendung mathematischer Methoden auf Naturphänomene.
Doch je mehr die Wissenschaft von der neuen Methodologie und dem Geist des Pragmatismus durchdrungen wird, desto weiter entfernt sie sich von der Philosophie, ihrer historischen Heimat. Gegen Ende dieses Zeitraums wird Wissenschaft bereits als ein System von Wissen verstanden, das unabhängig von philosophischen, religiösen oder theologischen Dogmen entwickelt werden kann. Die Wissenschaft formt sich zu einem besonderen, autonomen Tätigkeitsbereich. Professionelle Wissenschaftler treten hervor, ein Universitätssystem entwickelt sich, in dem sie ausgebildet werden. Es entsteht eine wissenschaftliche Gemeinschaft mit spezifischen Formen und Regeln für Tätigkeit, Kommunikation und Informationsaustausch.
Die Idee, nationale Akademien und wissenschaftliche Gesellschaften als Organisationsformen wissenschaftlicher Tätigkeit zu schaffen, stammt von Francis Bacon. In seiner utopischen Erzählung „Nova Atlantis“ (1623–1624) beschreibt Bacon das „Haus Salomon“ – „die edelste, nach unserer Ansicht, Einrichtung der Welt, die dem Land als Leitstern dient“ und „dem Studium der Werke des Herrn gewidmet ist“.
Im 17. Jahrhundert entstehen die ersten wissenschaftlichen Akademien: die Royal Society in London (1660), die Académie des Sciences in Paris (1666), später Akademien in Berlin (1700), Sankt Petersburg (1724), Stockholm (1739) und weiteren europäischen Hauptstädten. Bei der Gründung der größten dieser Akademien, der Royal Society, gehörten ihr 55 Mitglieder an, die Pariser Akademie begann mit 21 Personen. Nach Peters-I-Projekt sollte die Sankt Petersburger Akademie zunächst 11 Mitglieder haben. Bis Anfang des 18. Jahrhunderts gab es in Europa vermutlich bereits mehrere tausend Wissenschaftler, da die Auflagen wissenschaftlicher Zeitschriften mehrere tausend Exemplare erreichten.
Bemerkenswert ist, wie die Gründer der Akademien die Aufgaben der Wissenschaft verstanden. In der Satzung der Royal Society hieß es: „Zweck der Gesellschaft ist die Förderung von Wissen über natürliche Gegenstände und alle nützlichen Künste durch Experimente, ohne sich in Theologie, Metaphysik, Moral, Politik, Grammatik, Rhetorik oder Logik einzumischen.“ Auf dem Wappen der Royal Society stand das Motto: Nullum in verba („Nichts in Worten“).
Peter I. träumte davon, dass die Akademie zu einer „Gesellschaft der Wissenschaften und Künste“ werden sollte, und stellte sich vor, dass darin im Laufe der Zeit folgende Abteilungen entstehen würden: Malerei, Bildhauerei, Gravur, Schlosserei, Tischlerei, Zimmerei, Architektur, Uhrmacherei, optische Instrumente, Mathematik, Medizin sowie „Brunnenwesen und alles, was zur Hydraulik gehört“. Damit wurde die Wissenschaft in den Vorstellungen dieser Zeit von der Beschäftigung mit metaphysischen (philosophischen), logisch-scholastischen und theologischen Problemen abgegrenzt und mit den Künsten und Handwerken verknüpft.
3. XVIII.–XIX. Jahrhundert – klassische Wissenschaft: In diesem Zeitraum entstehen zahlreiche einzelne wissenschaftliche Disziplinen, in denen riesige Mengen an Faktenmaterial gesammelt und systematisiert werden. Es werden fundamentale Theorien in Mathematik, Physik, Chemie, Geologie, Biologie, Psychologie und anderen Wissenschaften entwickelt. Technische Wissenschaften gewinnen zunehmend an Bedeutung für die materielle Produktion. Die soziale Rolle der Wissenschaft wächst, und ihre Entwicklung wird von den Denkern dieser Zeit als wichtige Voraussetzung für den gesellschaftlichen Fortschritt betrachtet.
Zur Mitte des 18. Jahrhunderts beschäftigten sich weltweit etwa 10.000 Menschen mit Wissenschaft; bis zum Ende des 19. Jahrhunderts stieg ihre Zahl auf 100.000. Im 16. Jahrhundert waren mehr als die Hälfte der „gelehrten Menschen“ Kleriker mit kirchlicher Ausbildung. Im 19. Jahrhundert wird die Wissenschaft ein eigenständiger Bereich der gesellschaftlichen Arbeit, der von „weltlichen“ professionellen Wissenschaftlern betrieben wird, die spezielle Fakultäten von Universitäten und Instituten abgeschlossen haben. 1850 erscheinen weltweit bereits etwa 1.000 wissenschaftliche Zeitschriften, 1950 mehr als 10.000. 1825 gründete der deutsche Chemiker Liebig ein wissenschaftliches Labor, das ihm beträchtliche Einnahmen einbrachte, doch dies war damals noch die Ausnahme. Ende des 19. Jahrhunderts sind solche Labore keine Seltenheit mehr. Die Wissenschaft zieht zunehmend die Aufmerksamkeit von Geschäftsleuten und Unternehmern auf sich, die Forschungsarbeiten mit industrieller Relevanz finanzieren.
4. XX. Jahrhundert – postklassische Wissenschaft: Revolutionäre Entdeckungen an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erschütterten die Grundlagen zahlreicher Wissenschaften. 1895 entdeckte W. K. Röntgen bisher unbekannte Strahlen, die später nach ihm benannt wurden. 1896 entdeckte A. A. Becquerel die Radioaktivität, und ein Jahr später entdeckte J. J. Thomson das Elektron. 1900 entwickelte M. Planck die Quantentheorie, und 1905 veröffentlichte A. Einstein die berühmte Abhandlung „Zur Elektrodynamik bewegter Körper“, in der die Relativitätstheorie dargelegt wurde.
Diese Entwicklungen stellten eine echte Revolution in der Wissenschaft dar, die viele grundlegende Vorstellungen der Physiker des 19. Jahrhunderts zerstörte. Sie hielten beispielsweise das Atom für die Grenze der Teilbarkeit der Materie und Materie für undurchdringlich. Es stellte sich heraus, dass dem nicht so ist: Elektron und radioaktive Strahlung wurden entdeckt. Plancks Hypothese der Energiequantisierung widerlegte die Vorstellung von kontinuierlicher elektromagnetischer Strahlung. Einsteins Theorie zwang zu einer grundlegenden Neubewertung von Raum und Zeit. Nach A. Poincaré bedeutete dies eine „allgemeine Zerschlagung der Prinzipien“, aller Vorstellungen von der Welt und aller Grundlagen der klassischen Physik.
In der Mathematik werden die Mengenlehre kritisch analysiert, neue Disziplinen entstehen. In der Biologie entwickelt sich die Genetik. Neue fundamentale Theorien entstehen in Medizin, Psychologie und anderen Humanwissenschaften. Wissenschaftliches Wissen, die Methodologie, Inhalte und Formen der wissenschaftlichen Tätigkeit sowie ihre Normen und Ideale erfahren tiefgreifende Veränderungen.
Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts bringt die Wissenschaft zu neuen revolutionären Umgestaltungen, die in der Literatur oft als wissenschaftlich-technische Revolution bezeichnet werden, und die Wissenschaft wird als postklassisch definiert. Diese Veränderungen hängen damit zusammen, dass die Wissenschaft die Technik in ihrer Entwicklung überholt und ihr konkrete Aufgaben stellt. Nicht nur die Schaffung neuer Technik, sondern auch deren Nutzung ist ohne wissenschaftliche Kenntnisse unmöglich. Besonders bedeutend ist dies in Industriezweigen wie Energie (Atomkraftwerke), Transport (Automobilbau, Luftfahrt), Elektronik (Fernsehen, Telefonie, Computer) und in der Entwicklung moderner Waffentechnologie.
Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ist die Ära der „Big Science“. Der Beruf des Wissenschaftlers wird alltäglich. Menschen, die Wissenschaft betreiben, werden wissenschaftliche Mitarbeiter genannt. Bis Ende des 20. Jahrhunderts gibt es weltweit mindestens 6 Millionen Wissenschaftler, etwa ebenso viele sind in unterstützenden Funktionen tätig (Laboranten, Techniker, Verlagsmitarbeiter usw.). Betrachtet man die Gesamtzahl der Wissenschaftler von der Antike bis zum Ende des 20. Jahrhunderts, so waren 90 % von ihnen Zeitgenossen unserer Epoche. In den entwickelten Ländern machen Wissenschaftler bis zu 10 % der erwerbstätigen Bevölkerung aus; durchschnittlich werden 5 % des Staatshaushalts für die Wissenschaft aufgewendet.
Moderne Wissenschaft als Bereich gesellschaftlicher Arbeit ist ein System mit großer Redundanz. Wissenschaftliche Entdeckungen werden heute in der Regel nicht von einem einzelnen Wissenschaftler, sondern von ganzen Teams gemacht. Alles, was entdeckt wird, wird von Wissenschaftlern in verschiedenen Ländern unabhängig voneinander überprüft. Dies erhöht einerseits die Kosten der Gesellschaft für Wissenschaft, andererseits aber die Verlässlichkeit ihrer Ergebnisse.
Die moderne Wissenschaft ist eine mächtige produktive Kraft, deren Einfluss auf die Gesellschaft kaum überschätzt werden kann. Die moderne Welt verdankt der Wissenschaft ihre Errungenschaften und Dynamik. Wissenschaftliche Wahrheit ist jedoch unabhängig von menschlichen Bedürfnissen. Sie ist leidenschaftslos und unerbittlich. Doch wenn, nach Francis Bacons Aphorismus, Wissen Macht ist, muss diese Macht umso vorsichtiger eingesetzt werden, um der Menschheit keinen Schaden zuzufügen. Die humanistische Orientierung der wissenschaftlichen Forschung sowie die moralische Bewertung ihrer Wege und Folgen gehören zu den drängendsten Problemen unserer Zeit.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 20/09/2025