Die Dialektik als philosophisches System
Allgemeine Charakteristik des Inhalts der Dialektik
In den vorhergehenden Kapiteln wurde gezeigt, wie das Streben der Philosophie nach einer äußerst allgemeinen Konzeptualisierung des Wissens über die Welt in verschiedenen, auch entgegengesetzten, Versionen ihrer Entstehung und Beschaffenheit realisiert wurde. Indem wir die Welt durch das Studium der Philosophie weiter erkennen, müssen wir nun eine Vorstellung davon gewinnen, wie in dem philosophischen Wissen die Tatsache der Existenz von Zusammenhängen zwischen den Erscheinungen der Welt reflektiert wurde und ferner die Entwicklung als jenen Zustand verstehen, in dem die Welt und ihre Erscheinungen sich ständig befinden.
Warum entwickelt sich die Welt? Wie vollzieht sich ihre Entwicklung? Existiert eine Gerichtetheit in ihren Veränderungen? Diese Fragen sind einerseits in der Philosophie konzeptuell durch die Dialektik und Metaphysik gelöst worden; andererseits sind sie problematisch für die Philosophie und stehen im Zentrum ihrer Forschungen. Das Hauptaugenmerk in diesem Kapitel wird der konzeptuellen Lösung der genannten Fragen und ihrem philosophischen Sinn gewidmet.
Im modernen Verständnis ist die Dialektik eine philosophische Theorie der Entwicklung von Natur, Gesellschaft, Denken und die auf dieser Theorie basierende Methode der Erkenntnis und Umgestaltung der Welt.
Der Inhalt der Dialektik bildete sich über einen langen Zeitraum der geistigen Entwicklung der Menschheit. In der Antike wurden durch die Bemühungen von Denkern in Indien, China und Griechenland die ideellen Grundlagen der Dialektik gelegt. Nach ihrer Entstehung wandelte sich die Entwicklung der Dialektik für lange Zeit in eine Konkretisierung ihrer Ideen. Erst im XIX. Jahrhundert erhielt die Dialektik im philosophischen System Hegels (in den vom Denker entdeckten Gesetzen) eine neue (theoretische) Basis für ihre Entwicklung. In dem gleichen Jahrhundert wurde im Anschluss an die Hegelsche Dialektik das System der Marxistischen Dialektik geschaffen. Geht man somit von den wesentlichsten Veränderungen im Inhalt der Dialektik aus, so lassen sich drei ihrer historischen Formen unterscheiden: die spontane Dialektik der Alten, die Dialektik Hegels und die Marxistische Dialektik. Der Wechsel der historischen Formen der Dialektik vollzog sich derart, dass jede nachfolgende Form alles Wertvolle in sich aufnahm, was die vorhergehende enthielt, manchmal geschah dies in "aufgehobener" Form, wie im Falle der Schaffung der Marxistischen Dialektik.
Die Gedankenströmung der Alten umfasste eine große Anzahl der unterschiedlichsten philosophischen Fragen. Indem sie die Welt intellektuell darstellten, erkannten die ersten Philosophen die allgemeine Veränderlichkeit des Seienden. Sie verstanden sie sowohl als die Umwandlung des Welturprungs in die Vielfalt seiner Erscheinungen als auch als die Umwandlung einzelner Seinsformen ineinander.
Viele altgriechische Philosophen waren Dialektiker. Sokrates führte den Begriff "Dialektik" in den kulturellen Umlauf ein, in der Bedeutung der Kunst der Entdeckung der Wahrheit im Streitgespräch. Er selbst beherrschte diese Kunst in Vollendung. Zenon von Elea nannte Aristoteles den "Erfinder der Dialektik", wobei er eine Reihe von dialektischen Problemen meinte, die dieser aufwarf: die Widersprüchlichkeit des Begriffs der Bewegung (die bekannten Aporien Zenons) und die Widersprüchlichkeit einzelner Seinsformen.
In der philosophischen Gedankenwelt des antiken Griechenlands wurde die Idee der Veränderlichkeit am klarsten von Heraklit ausgesprochen. In den bis zu uns gelangten Fragmenten seiner Schriften fällt eine Reihe von dialektischen Aussagen auf: "Man kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen", "Nichts ist beständig... dasselbe: Lust ist Unlust, Wissen ist Nichtwissen, Großes ist Kleines... alles wechselt im Spiel des Äons", "...alles entsteht durch Feindschaft und Wechselseitigkeit." Die Verweisinformationen sind nicht inhaltlich notwendig und werden daher entfernt.
Im Unterschied zu den genannten Philosophen war Heraklit mit der Begründung der Idee der dialektischen Entwicklung der Welt im Ganzen beschäftigt. Deshalb erinnerte sich der deutsche Philosoph Hegel, als er an der theoretischen Systematisierung der dialektischen Weltanschauung arbeitete, nicht nur an den ephesischen Denker, sondern schätzte auch den Grad der Ausarbeitung dialektischer Ideen durch ihn hoch ein. "Es gibt keinen einzigen Satz Heraklits", schrieb Hegel, "den ich nicht in meine 'Logik' aufgenommen hätte."
Die Entwicklung der Welt beschreibend, ging Hegel von der objektiv-idealistischen Idee aus, dass die Entwicklung der Welt das Ergebnis der Schöpfung des Geistes (des absoluten Verstandes, Gottes) sei. Deshalb waren die von ihm entdeckten dialektischen Gesetze im Wesentlichen Gesetze der Entwicklung des Geistes. Dementsprechend erhielt auch die von Hegel geschaffene Dialektik einen idealistischen Charakter. K. Marx bewertete die dialektische Konstruktion Hegels mit den Worten: "Die Mystifikation, welche die Dialektik in den Händen Hegels erlitt, verhinderte keineswegs, dass er sie als erster in umfassender und bewusster Weise darstellte. Bei Hegel steht die Dialektik auf dem Kopf. Man muss sie auf die Füße stellen, um den rationellen Kern innerhalb der mystischen Hülle zu entdecken." Die Verweisinformationen sind nicht inhaltlich notwendig und werden daher entfernt.
Die Aufgabe, "die Dialektik auf die Füße zu stellen", bedeutete einen komplexen Prozess der Überarbeitung der Hegelschen Ideen, in dessen Ergebnis die materialistische Weltanschauung dialektisch werden sollte.
Einige Denker beurteilten die Möglichkeit einer Synthese von Dialektik und Materialismus skeptisch. N. A. Berdjajew schrieb beispielsweise, dass Dialektik und Materialismus unvereinbar seien, wie Wasser und Öl. Ein anderer russischer Philosoph, S. N. Bulgakow, meinte, dass die von Marx geschaffene ideelle Formation keinerlei Bezug zur Dialektik habe. Er nahm an, dass ebenso wie ein Grad auf der Thermometerskala lediglich den gemeinsamen Namen mit einem Grad auf der geographischen Karte teile, auch die Dialektik von Marx mit der wahren Dialektik lediglich der Name verbinde. Wenn man jedoch das von K. Marx und F. Engels entwickelte Konzept der Entwicklung ohne weltanschauliche Vorlieben beurteilt, so ist sein dialektischer Charakter unzweifelhaft, da der Hauptinhalt der materialistischen Dialektik die Erklärung ist, warum sich Materie bewegt, wie sie sich entwickelt, und ob ihre Veränderungen eine Gerichtetheit besitzen.
Die Hauptaufgabe, die die Schöpfer der materialistischen Dialektik zu lösen hatten, war es, aufzuzeigen, woher die Materie die unerschöpfliche Energie der ewigen Selbstbewegung nimmt, und wie die Entwicklung der Materie zur Entstehung und Entwicklung des Geistes führt. Die von K. Marx und F. Engels geschaffene philosophische Theorie der Entwicklung war hauptsächlich auf die Lösung dieser Aufgabe ausgerichtet.
Die Theorie der materialistischen Dialektik hat zwei sich gegenseitig ergänzende Ebenen der Erklärung von Entwicklung: 1) die ideelle Ebene; 2) die eigentlich theoretische Ebene.
Die erste Ebene bilden die Prinzipien, welche die dialektisch-materialistische Art des Weltverständnisses bestimmen. Prinzipien der Dialektik sind äußerst allgemeine Ideen, die die konzeptuellen Grundlagen der Dialektik ausdrücken. Indem sie miteinander in Einklang stehen, ermöglichen sie eine logisch widerspruchsfreie Beschreibung der Entwicklung.
Die zweite Ebene der Entwicklungstheorie bilden die Gesetze der materialistischen Dialektik. In den Gesetzen finden die objektiven, allgemeinsten, wiederkehrenden, stabilen, notwendigen, wesentlichen Zusammenhänge ihren Niederschlag, welche die Struktur der Entwicklung der Welt charakterisieren. In der Dialektik werden zwei Gruppen von Gesetzen unterschieden. Zur ersten Gruppe gehören Gesetze, die die Struktur der Entwicklung auf der Ebene der Beschreibung des Mechanismus der Entwicklung selbst aufzeigen (der Quelle, die diesen Mechanismus "startet", des Charakters der Wirkung des Mechanismus und der Gerichtetheit, die er der Entwicklung durch seine Arbeit verleiht). Gesetze, die zur ersten Gruppe gehören, werden aufgrund ihrer Wichtigkeit für die Erklärung der Anfänge der Entwicklung als Grundgesetze bezeichnet. Davon gibt es drei: 1) das Gesetz der Einheit und des Kampfes (der Durchdringung) der Gegensätze, das die Quelle der Entwicklung aufzeigt; 2) das Gesetz des wechselseitigen Übergangs von quantitativen und qualitativen Veränderungen, das es ermöglicht zu zeigen, wie die Entwicklung vor sich geht, und dadurch ihren Charakter zu verdeutlichen; 3) das Gesetz der Negation der Negation, auf dessen Grundlage die Gerichtetheit der Entwicklung erklärt werden kann.
Zur zweiten Gruppe gehören Gesetze, die jenen Teil der Entwicklungsstruktur erklären, der das Vorhandensein allgemeiner entgegengesetzter Seiten in ihr bedingt: Möglichkeit und Wirklichkeit, Notwendigkeit und Zufälligkeit, Inhalt und Form und Ähnliches. Diese Gesetze erklären das Wesen der Wechselwirkung der entgegengesetzten Seiten der sich entwickelnden Welt und erhalten Namen entsprechend den in ihnen widergespiegelten konkreten Zusammenhängen: Gesetz der Wechselbeziehung von Möglichkeit und Wirklichkeit; Gesetz der Wechselbeziehung von Erscheinung und Wesen; Gesetz der Wechselbeziehung von Form und Inhalt und Ähnliches. Indem man die Bedeutung dieser Gesetze mit den Gesetzen der ersten Gruppe in Beziehung setzt, werden sie gewöhnlich als Nicht-Grundgesetze der Dialektik bezeichnet.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 14/10/2025