Die Schule des Pythagoras: Alles ist Zahl - Die Vorsokratiker
Antike Philosophie. Kurzer Kurs - 2024 Inhalt

Die Vorsokratiker

Die Schule des Pythagoras: Alles ist Zahl

Der Pythagoreismus im weitesten Sinne ist eine Sammlung unterschiedlicher Lehren, die sich vom 6. bis zum 1. Jahrhundert v. Chr. erstreckten und durch eine gemeinsame Idee verbunden sind, die auf den Vorstellungen des Pythagoras beruht. Im engeren Sinne bezeichnet man mit dem Begriff den Pythagoreischen Bund, den Pythagoras Ende des 6. Jahrhunderts v. Chr. gründete und der zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. unterging.

Über das Leben des Gründers des Pythagoreismus, Pythagoras (ca. 570—ca. 496 v. Chr.), sind nur sehr wenige zuverlässige Quellen erhalten. Geboren wurde Pythagoras auf der Insel Samos in Ionien. Als er die Tyrannis des Polykrates auf Samos kommen sah, reiste er nach Milet, wo er von Thales verschiedene Lehren erfuhr, die er später in seinem eigenen Denken aufgriff. Diese betrafen unter anderem den Wert der Zeit, die Enthaltsamkeit von Wein und Fleisch, die Mäßigung in den genussvollen und feineren Speisen, die Pflege eines kurzen Schlafs, das Streben nach Klarheit der Seele und die Erhaltung von Gesundheit und körperlicher Kraft. Wenig später war er auch Schüler von Anaximander, der ihm die Grundlagen der Astronomie und die Lehre vom Unbegrenzten vermittelte, sowie von Anaximenes, der das Luftprinzip als Ursprung des Universums postulierte. Auf Anraten von Thales begab sich Pythagoras nach Ägypten, um mit den Priestern dieses Landes in Kontakt zu treten.

In Ägypten widmete sich Pythagoras der Beobachtung des Sternenhimmels, der Geometrie und der Entschlüsselung der geheimen Lehren der Götter. Doch nach der Eroberung Ägyptens durch die Perser wurde er nach Babylon verschleppt, wo er 24 Jahre im Gefängnis verbrachte. Nach seiner Rückkehr in die Heimat verließ er jedoch bald Samos und Ionien aufgrund von Konflikten mit dem Tyrannen Polykrates und ließ sich in Süditalien, in der Stadt Kroton, nieder. Dort gewann er schnell das Vertrauen der Einwohner. Besonders beeindruckten sie seine edle Erscheinung, sein Auftreten, seine Grazie und Würde sowie seine Weisheit, die ihn als einen vielgereisten, mit natürlichen Talenten gesegneten Mann auszeichneten.

Zunächst sprach Pythagoras vor allem auf den Straßen und in den Tempeln der Stadt. Seine langen, schönen Reden fesselten die älteren Ratsmitglieder, und auf deren Bitte hin wandte er sich auch mit jugendlichen Ermahnungen an die Jüngeren und mit lehrreichen Worten an Kinder und Frauen. Bald darauf war sein Ruf so groß, dass er zahlreiche Schüler gewann, darunter nicht nur Männer, sondern auch Frauen. “Er übertraf alle in Ruhm, so dass alle Jungen davon träumten, seine Schüler zu werden, und die älteren, die lieber beobachteten, wie ihre Kinder bei ihm lernten, als sich um die Hausangelegenheiten zu kümmern.“

Pythagoras' Name war schon zu seinen Lebzeiten von Legenden umwoben. Dies förderte er selbst, indem er seine göttliche Herkunft betonte. Er erklärte, dass er die letzte Inkarnation des Pythagoras sei. Vor seiner Geburt als Pythagoras war er zunächst der Sohn des Gottes Hermes, dann wurde er zu Euphorbos, Hermotimos, und später zu Pyrrhos von Delos. Pythagoras versicherte, sich an all seine früheren Leben zu erinnern, da er von Hermes gefragt worden war, was er sich wünsche — abgesehen von der Unsterblichkeit — und darum bat, dass er sowohl zu Lebzeiten als auch nach dem Tod das Gedächtnis an sein früheres Leben bewahren möge.

Eine andere Legende besagt, dass Pythagoras’ Mutter mit dem Geist Apollons vereint war, der ihrem Mann, Mnesarchus, mitteilte, dass er während ihrer Schwangerschaft nicht mit seiner Frau schlafen solle. Als Pythagoras’ Eltern aus geschäftlichen Gründen Delphi besuchten, das als Wohnsitz Apollons galt, prophezeite die Pythia, dass sie einen Sohn gebären würden, der durch seine Weisheit, Taten und Schönheit in den Jahrhunderten berühmt werden würde. Sie nannten ihn Pythagoras, was “der von der Pythia Vorhergesagte“ bedeutet. Aristoteles berichtet, dass die Krotonier Pythagoras “Apollon von Hyperborea“ nannten, und seine Schüler bewahrten strengstes Geheimnis über die drei Klassen aller vernunftbegabten Lebewesen: “Gott, Mensch und ein Wesen ähnlich Pythagoras.“

Es hieß, dass eines von Pythagoras' Oberschenkeln aus Gold war. Dies zeigte er denen, die an seiner göttlichen Herkunft zweifelten, als Beweis. So soll er, während er in einem Theater saß, aufgestanden und seinen Oberschenkel entblößt haben, um den Anwesenden zu zeigen, dass er golden war.

Viele weitere wunderbare Erzählungen rankten sich um Pythagoras. So wird berichtet, dass er eine giftige Schlange, die ihn gebissen hatte, mit ihrem eigenen Biss tötete, oder dass er in der Lage war, Adler und Bären mit nur einer Berührung oder durch die Macht seiner Stimme zu zähmen. Man sagte auch, dass er in der Lage sei, Worte auf der Oberfläche des Mondes zu schreiben.

Unter seinen Anhängern genoss Pythagoras unumschränkte Autorität. Er wurde verehrt als Gesandter von Zeus, als Prophet, der seinen Anhängern die göttliche Wahrheit brachte. Das Sprichwort “Er hat es selbst gesagt!“ drückte seinen Einfluss aus.

In der griechischen Vorstellung war Pythagoras jedoch nicht nur ein Wunderheiler und Asket, sondern auch ein großer Mathematiker, Weiser und Philosoph, der den Pythagoreischen Bund gründete.

Der Pythagoreische Bund, den Pythagoras als religiös-politischen Orden ins Leben rief, war der Ursprung der pythagoreischen Philosophie. Diese Philosophie hatte ihre Wurzeln im Orphismus, einer religiösen Lehre, die auf dem Mythos von Orpheus und dem dazugehörigen Kult beruhte.

Der Mythos erzählt von einem Musiker und Sänger, der in Thrakien lebte und als Sohn einer Priesterin Apollons galt. Seine Musik beeindruckte alle zutiefst, und Frauen behaupteten, in seinen Augen vereine sich das starke Licht der Sonne mit dem sanften Schein des Mondes. Eines Tages verschwand er jedoch und kehrte erst nach zwanzig Jahren nach Hause zurück. Es stellte sich heraus, dass er in Ägypten war und dort in die Mysterien der Priester eingeweiht wurde. Nachdem er alle Prüfungen bestanden hatte, erhielt er den Namen Orpheus, was “der heilende Lichtbringer“ bedeutet.

Eine der tragischsten Geschichten der griechischen Mythologie ist die von der Liebe zwischen Orpheus und Eurydike. Nachdem Eurydike durch einen Schlangenbiss (oder laut einer anderen Version durch einen tödlichen Zaubertrank von Bacchantes) gestorben war, begab sich Orpheus in das Reich der Toten, um sie zurückzuholen. Plato berichtet, dass er es schaffte, lebendig in das Totenreich einzutreten und wieder hinauszukommen. Der Herrscher der Unterwelt, Hades, der von Orpheus’ Musik verzaubert war, gestattete ihm, Eurydike zu entlassen, allerdings unter der Bedingung, dass er sich während des Rückwegs nicht umdrehen dürfe, um zu sehen, ob sie ihm folge. Doch Orpheus konnte der Versuchung nicht widerstehen, blickte zurück und verlor Eurydike endgültig. Mit einem Schrei verschwand sie erneut im Totenreich.

Eines Nachts erschien Eurydike im Traum von Orpheus und sprach: Wenn er sie befreien und wieder in der erleuchteten Sphäre der Götter finden wolle, müsse er Griechenland retten und ihm das Licht schenken.

Im 8. bis 6. Jahrhundert v. Chr. breiteten sich die orgiastischen Mysterien des thrakischen Kultes des Dionysos (Bacchus) mit seiner Raserei der Bacchanalien wie ein Virus in ganz Griechenland aus. Orpheus jedoch, durch sein Wissen und seine Begeisterung, verwandelte diesen Kult, dessen ursprünglicher Charakter von Angst und Blutvergießen geprägt war, und etablierte die Vorherrschaft des sonnigen Apollon in Delphi, wodurch er Griechenland das Licht brachte. Er erneuerte die delphischen und eleusinischen Mysterien.

Die Eleusinischen Mysterien verbanden sich mit Vorstellungen vom Leben nach dem Tod und der Möglichkeit, ewiges Leben zu erlangen. Die delphischen (dionysischen) Mysterien jedoch vereinten nun das apollonische und dionysische Prinzip. Das apollonische Prinzip ist von Ordnung, dem Streben nach Harmonie und Maß geprägt. Dem dionysischen Prinzip hingegen sind Wandel, das Streben nach Neuem und ein unerschöpflicher Enthusiasmus eigen. Der Sieg Apollons in Delphi bedeutete eine Veränderung seiner eigenen Natur, die nun das dionysische dynamische Spannungsfeld, den Enthusiasmus und die Gabe ekstatischer Inspirationen in sich aufnahm. Die beiden Götter ergänzten sich gegenseitig.

An die Stelle des Kultes des Dionysos, der die Personifikation der physischen Trunkenheit war, trat der Kult des Orpheus als Gründer der delphischen Mysterien. Diese stellten die Personifikation der geistigen “Trunkenheit“, der geistigen Befreiung, der Reinigung der Seele und der göttlichen Einheit des menschlichen Geistes dar.

Das Bild Orpheus selbst verwandelte sich in die mythische Verkörperung der geheimen Lehre. Nach dieser Lehre erschufen Liebe und Zeit das Universum aus einem Ei. Der Gott Zagreus bei den Thrakern, die immer näher an die Griechen rückten, verwandelte sich allmählich in Dionysos. Die Orphiker sahen in ihm eine universelle Kraft — die Sonne, die im Zentrum des Universums steht und um die sich die Planeten bewegen. Die Anziehungskraft der Sonne betrachteten sie als die Quelle der allgemeinen Verbindung und Harmonie, während die Sonnenstrahlen die Ursache der Bewegung aller Teilchen des Universums waren.

Im Menschen, so die Orphiker, vereinten sich göttliche und irdische Natur. Der Sohn der Persephone und des Zeus, Zagreus (Dionysos), wurde von den Titanen, die die eifersüchtige Hera gesandt hatte, zerfleischt und von ihnen gegessen. Athena, die sich eilends auf die Schreie stürzte, konnte das Herz des Kindes retten — die eigentliche Essenz des Gottes. Sie brachte es zu Zeus. Zeus ließ das Herz seines Sohnes von der sterblichen Frau Semele verschlucken, damit sie das Kind austrage. Doch Semele starb durch die Intrigen Heras, und Zeus musste den Fötus selbst in seinem Oberschenkel austragen. Zeus bestrafte die Titanen für ihr Verbrechen, indem er sie mit Blitzen verbrannte. Aus der Asche der Titanen, die Dionysos verschlungen hatten, entstanden die Menschen.

Der Mythos von Dionysos Zagreus symbolisierte die doppelte Natur des Menschen: die göttliche (dionysische) und die böse, titanische.

Der Lebensweg des Orphikers war ein Weg der spirituellen Erhebung, ein stetiges Voranschreiten zum Ziel der Unsterblichkeit. Für alle Alten war Dionysos, als der sterbende und wiederauferstehende Gott, das Symbol des ewigen Lebens. Laut Plutarch folgten auf den Tod und die Zerstörung von Dionysos “Wiederherstellung des Lebens und Wiedergeburt.“

Das Ideal des glückseligen Unsterbens entstand bei den Orphikern aus der strengen Unterscheidung von Körper und Seele. Der Körper wurde als Grab der Seele betrachtet. Außerdem lebt und stirbt der Körper nur in der irdischen Welt, während die Seele nach dem Tod weiterlebt, jedoch im jenseitigen Reich — in der Unterwelt, im Hades. Nachdem die Seele im Reich der Toten die Vergeltung für ihr Leben auf Erden erhalten hat, kann sie aus den Toren des Hades austreten und, in einem neuen Körper wiedergeboren, in das irdische Leben zurückkehren — sich erneut in die körperliche Gefangenschaft begeben. In einem der orphischen Hymnen heißt es, dass Hermes, der Führer der Seelen in die Unterwelt, die Seelen zu einem neuen Leben erweckt.

Wie wir sehen, ist für die Orphiker die Seele dem Körper vorgeordnet und stirbt nicht mit ihm. Sie ist in den Kreislauf neuer körperlicher Verkörperungen eingebunden, verweilt aber nur temporär in einem bestimmten Körper. Die Seele ist zum Kreislauf der Reinkarnationen in späteren Körpern verurteilt. Warum? Die Antwort finden wir im Mythos von Dionysos' Zerfleischung durch die Titanen. Aus diesem Mythos geht die Idee der ererbten Schuld hervor, die oft als Erbsünde bezeichnet wird. Das Heil der Seele besteht darin, sie von neuen Verkörperungen zu befreien, also von der Welt der Körper endgültig zu lösen.

Der Weg zur Erlösung der Seele sahen die Orphiker in einer besonderen Lebensweise. Das orphische Leben war ein Leben der Abgeschiedenheit, basierend auf Vegetarismus und dem Verzicht auf körperliche Genüsse. Ein solches Leben ermöglicht die Sühne für die von den Titanen begangene Sünde. Das beharrliche Streben der Orphiker war es, in ihrem eigenen Herzen den Titanismus zu bekämpfen und sich aus dem leidvollen Kreis der Reinkarnationen zu befreien, von ihrem körperlichen Ursprung loszulösen. Und dann “wird aus dem Menschen ein Gott geboren, denn du bist aus dem Göttlichen hervorgegangen“ und es ist dein Schicksal “zu den Göttern zurückzukehren.“

Jahrhunderte später erhielt die Lehre von der Einbindung der göttlichen und unsterblichen Seele in den Kreislauf ihrer Reinkarnationen den Namen Metempsychose.

Die Metempsychose war das Gemeinsame zwischen dem Orphismus und der pythagoreischen Schule. Pythagoras glaubte an die Seelenwanderung. Wie die Orphiker gründete er seine Lehre von der Seelenwanderung auf der Gegenüberstellung von Körper und Seele. Gleichzeitig lehrte er, dass alle lebenden Wesen als miteinander verwandte Geschöpfe betrachtet werden sollten. Man sagte, Pythagoras habe Predigten vor Tieren gehalten.

Aus der Homogenität der Seele aller Lebewesen ergab sich, dass jede Seele in jedem Körper verweilen könne. Ein Zeitgenosse Pythagoras, Xenophanes, schrieb über ihn:

“Er ging, so sagt man, einmal und sah, wie ein Welpe geprügelt wurde.
Vom Mitleid ergriffen sprach er diese Worte:
‚Halt! Hör auf, ihn zu schlagen! In dem armen Tier, das du quälst,
erkenne ich die Seele eines gestorbenen Freundes,
dem Schrei lauschen, erkenne ich sie.’“

Pythagoras erklärte wiederholt, dass er die Seelen seiner Bekannten und Freunde aus deren früheren Leben in neuen Körpern wiedererkennen könne. Ihm wurde auch die Fähigkeit zugeschrieben, sich an seine eigenen vergangenen Leben zu erinnern.

Die Lehre von der Seelenwanderung verband Pythagoras mit der Lehre vom ewigen Kreislauf der Weltexistenz. Den Kreislauf der Reinkarnation der Seele betrachtete er nur als Teil des kosmischen Ordnung.

Die Wanderung der Seele ist dem periodischen Wiederkehr des Universums in seinen ursprünglichen Zustand ähnlich. Der Sinn des Weltgeschehens liegt im ewigen Vergeltungsakt für das einst begangene Übel. Die Seele erhielt ihren materiellen Hülle als Folge der Erbsünde und ist daher gezwungen, nach dem Tod des Körpers in eine andere Hülle überzutreten, um diese zu sühnen. Je sündiger ein Mensch war, desto niedriger wird die Form des Tieres, in das seine Seele nach dem Tod des Körpers übergeht.

Nach den Orphikern sah auch Pythagoras das Ziel des Lebens darin, die Seele vom Körper zu befreien und sie aus dem Kreislauf der Wiederverkörperungen zu erlösen. Dies geschieht durch den pythagoreischen Lebensweg, der sich durch eine Abneigung gegen sinnliche Vergnügungen und das Streben nach der Erhebung des Lebens auszeichnet — und dies wird durch eine strenge Disziplin der Sitten verwirklicht.

Die Satzung des Pythagoreischen Bundes war voll von allerlei Verboten, von denen viele recht seltsam erscheinen. So verhängte Pythagoras ein Verbot des Bohnengenusses. Er erklärte dies damit, dass das Essen von Bohnen dem Menschen einen Teil seiner Seele entziehe, der sich in Gas verwandle und den Körper verlasse. Es wurde auch geglaubt, dass in Bohnen die Seelen der Verstorbenen enthalten seien, und ihr Verzehr einem unzulässigen Tanz auf den Gräbern der Vorfahren gleichkomme.

Pythagoras erließ zahlreiche Regeln für unterschiedliche Aspekte des Lebens seiner Schüler. Eine dieser Regeln war das Enthaltsamkeit von sexuellen Aktivitäten. Er erklärte dies mit der Auffassung, dass der Mensch beim Ausstoßen von Körperflüssigkeiten, die seiner Meinung nach ein Teil seiner Seele sind, damit einen Teil seiner Kräfte aufgäbe. Daher riet er, sexuelle Bedürfnisse im Winter zu befriedigen, während im Sommer völlige Enthaltsamkeit eingehalten werden sollte.

Ein unverrückbares Gebot der Pythagoreer war der Verzicht auf den Verzehr von Tieren. Pythagoras selbst enthielt sich nicht nur des Fleischgenusses, sondern mied auch Fleischhauer und Jäger. Er behauptete, dass derjenige, der Tote isst, sowohl den Körper als auch den Geist verunreinige. Es ist jedoch bekannt, dass es immer Ausnahmen von Regeln gibt. Die Pythagoreer, ausgehend davon, dass die Seelen der Verstorbenen nicht in die Körper von Opfertieren übergehen, und dass Hühner, Ziegen und Schweine unbelebt sind, konnten ohne Bedenken das Fleisch dieser Tiere verzehren.

Pythagoras verurteilte den Konsum von Alkohol, unflätige Sprache und jedes andere unkluge Verhalten. Er lehrte seine Anhänger, ihre eigenen Leidenschaften zu überwinden. Denn nur derjenige, der seine eigene Natur in Harmonie gebracht hat, ist in der Lage, die göttliche Harmonie widerzuspiegeln. Durch intellektuelle und spirituelle Disziplin erwacht die Seele zur Erkenntnis und aktualisiert damit ihre göttliche Natur.

Die Satzung des Pythagoreischen Bundes legte die Bedingungen für den Eintritt und den Lebensstil seiner Mitglieder fest. Aufgenommen wurden freie Bürger, sowohl Männer als auch Frauen. Wenn sie zu Pythagoras kamen und den Wunsch äußerten, bei ihm zu lernen, stimmte er nicht sofort zu, sondern erklärte, dass das Eigentum seiner Schüler gemeinschaftlich sein müsse. Dank dieser Forderung wurde im antiken Griechenland das Sprichwort “Bei Freunden ist alles gemeinsam“ populär.

Nachdem sie ihr Eigentum in die Gemeinschaftskasse eingezahlt hatten, durften die Pythagoreer zunächst nur die Reden Pythagoras hören, ihn jedoch erst nach jahrelangen Prüfungen ihrer intellektuellen und moralischen Qualitäten sehen. Darüber hinaus legten sie ein Schweigegebot ab und versprachen, die Geheimnisse der Lehre nicht zu offenbaren. Wie Diogenes Laertios berichtete, erregte die streng geheim gehaltene Lehre der Pythagoreer großes Staunen. Über viele Generationen hinweg gelangten keine Aufzeichnungen der Pythagoreer in die Hände der Öffentlichkeit. Daher hielten viele es für selbstverständlich, dass Pythagoras nichts aufgeschrieben hatte und nur mündlich unterrichtete. Diogenes Laertios widersprach dieser Auffassung und behauptete, dass Pythagoras drei Schriften verfasst habe: “Über Erziehung“, “Über den Staat“ und “Über die Natur“, die erstmals vom Zeitgenossen des Sokrates, dem Pythagoreer Philolaos, veröffentlicht wurden.

Die Pythagoreer standen vor Sonnenaufgang auf. Nach dem Aufwachen führten sie Gedächtnisübungen durch, bevor sie an den Meeresstrand gingen, um den Sonnenaufgang zu begrüßen. Dann gedachten sie ihrer bevorstehenden Aufgaben, machten Gymnastik und arbeiteten. Abends nahmen sie gemeinsam ein Bad, danach aßen alle zusammen und brachten den Göttern Trankopfer dar. Anschließend folgte das gemeinsame Lesen. Vor dem Schlafengehen hielt sich jeder Pythagoreer eine Bilanz über den vergangenen Tag, was er getan hatte und welche Pflichten noch unerfüllt geblieben waren.

Die Mitglieder des Pythagoreischen Bundes teilten sich in Akusmatiker und Mathematiker. Die Akusmatiker befanden sich in der ersten Stufe der Ausbildung, die fünf Jahre dauerte. Von ihnen wurde bedingungsloses Gehorsam gegenüber den Älteren, das unerschütterliche Vertrauen in alle Lehren und ein langes Schweigen erwartet. Die jüngeren Schüler durften Pythagoras nicht sehen. Wenn er jedoch mit ihnen sprach, verbarg er sich hinter einem Vorhang. Die Akusmatiker studierten und lernten mündliche Vorschriften (Akusmen) auswendig. Diese waren drei Arten und beantworteten entsprechend drei Fragen: “Was ist das?“, “Was ist das Wichtigste?“ und “Was ist zu tun, was zu lassen?“ Zum Beispiel lautete die Antwort auf die Frage: “Was sind die Inseln der Seligen?“ “Sonne und Mond“, und auf die Frage: “Was ist das Schönste?“ “Harmonie“. Den Akusmatikern war eine strenge Befolgung dieser Vorschriften auferlegt.

Die Akusmatiker, die alle Prüfungen bestanden hatten, stiegen in der Ausbildung auf und wurden Mathematiker, das heißt, in die wissenschaftliche und philosophische Lehre Pythagoras’ eingeweiht. Er traf sich persönlich mit ihnen und enthüllte den älteren Schülern die Geheimnisse der Mathematik und des Universums, da sie ihre Treue zum Lehrer bewiesen hatten, indem sie sich vom Fleisch, vom Sex und von Besitz enthielten.

Pythagoras widmete der Mathematik viel Aufmerksamkeit und nahm ihre Grundlagen von den Ägyptern, Chaldäern und Phöniziern auf, da die Ägypter seit Urzeiten Geometrie betrieben, die Phönizier mit Zahlen und Berechnungen arbeiteten, und die Chaldäer astronomische Theorien entwickelten. Pythagoras selbst formulierte einige grundlegende mathematische und geometrische Theoreme, wie das über die Winkelsumme im Dreieck oder das, dass das Quadrat der Hypotenuse gleich der Summe der Quadrate der Katheten ist.

Unter dem Einfluss der Mathematik wurden die religiös-ethischen Ideen Pythagoras’ im Laufe der Zeit zu einer eigenständigen philosophischen Lehre der Pythagoreer, die einen bedeutenden Beitrag zur Entwicklung des wissenschaftlichen Wissens und der philosophischen Methodologie leisteten, indem sie das Problem der Zahl aufwarfen. Der pythagoreische Lebensweg entsprang einer Weltauffassung, in der Ordnung und Harmonie herrschen. Pythagoras war der erste, der die geordnete und harmonische Welt den “Kosmos“ nannte.

Nach den Pythagoreern bildet die Zahl den kosmischen Ordnung. Sie glaubten, dass Zahlen mehr Ähnlichkeiten mit den Dingen der Natur haben als Feuer, Luft und andere physische Elemente. Die Zahl ist das, was immer und unveränderlich in ganz verschiedenen Dingen präsent ist und sie zu einer Einheit verbindet. Alle Dinge ähneln der Zahl, und alles im Universum kann in Zahlenverhältnissen ausgedrückt werden. Auf dieser Grundlage nannten die Pythagoreer die Zahl den Ursprung der Welt, das Fundament der Ordnung und der Erkennbarkeit des Seienden.

Die Grundlage aller Zahlen war die Eins, die Monade. Der Eins folgte ihr Gegenteil — die unbestimmte Zweiheit (Diade), die nach Diogenes Laertios der Eins so gegenübersteht wie Materie der schöpferischen Ursache. Aus der Eins und der unbestimmten Zweiheit entspringen alle anderen Zahlen. Die grundlegenden Zahlen waren Eins, Zwei, Drei und Vier. Diese Zahlen gaben die Pythagoreer eine geometrische Interpretation. Der Eins entsprach der Punkt; der Zwei der Linie, die durch zwei Punkte bestimmt wird; der Drei der Fläche, die durch drei Linien begrenzt ist; der Vier der räumlichen Figur als einfachster Körper, der durch vier Flächen begrenzt wird.

Geometrische Figuren waren zugleich auch körperliche Gestalten. Sie wurden mit den natürlichen Elementen verglichen, so etwa das Feuer mit der Pyramide, die Erde mit dem Würfel, die Luft mit dem Oktaeder und das Wasser mit dem Ikosaeder. Im Grunde vollzogen die Pythagoreer eine geometrische Deutung der physischen Objekte, wodurch sie der modernen mathematischen Physik in gewisser Weise vorgreisten.

In der pythagoreischen Philosophie war die Lehre von den Zahlen eng mit der Lehre von den Gegensätzen und der Harmonie verbunden. Aristoteles zufolge teilten die Pythagoreer alle Zahlen in gerade und ungerade ein. Nur die Eins ist weder gerade noch ungerade: Wird sie zu einer geraden Zahl hinzugefügt, entsteht eine ungerade Zahl, und wird sie zu einer ungeraden Zahl hinzugefügt, so wird sie gerade. Die Eins ist somit sowohl Teil der geraden als auch der ungeraden Zahlen.

Die Spaltung beginnt mit der Zahl Zwei, weshalb diese Zahl als unvollkommen gilt. Ungerade Zahlen sind perfekter als gerade, denn in der Zahl Drei verschmilzt die Eins mit der Zwei und stellt die erste Versöhnung der Gegensätze dar.

Die Trennung der Zahlen, denen jeweils ein bestimmtes Ding zugeordnet war, in gerade und ungerade regte die Pythagoreer zu der Überlegung an, dass alles Existierende aus widersprüchlicher Natur besteht. Sie postulierten, dass die Welt aus zehn Prinzipien besteht, die jeweils in Gegensätze zerfallen: Grenze und Unbegrenztes, gerade und ungerade, Eins und Viele, rechts und links, männlich und weiblich, ruhend und beweglich, gerade und krumm, Licht und Dunkel, Gut und Böse, Quadrat und unregelmäßiges Rechteck.

Für Pythagoras hatte das Gegenteil von Grenze und Unbegrenztem, oder des Endlichen und Unendlichen, besondere Bedeutung. Um die Entstehung und Struktur des Universums zu erklären, ging er davon aus, dass die Welt aus der Wechselwirkung von Feuer und Luft besteht. Die Entstehung des Universums ist das Resultat der Begrenzung der unendlichen leeren Luft durch das Feuer. Pythagoras betrachtete das Feuer als das Prinzip der Begrenzung, das den einzelnen Dingen ihren Ursprung verleiht.

In der Kosmogonie des Pythagoras bildet das Feuer das Zentrum des Universums, erhält die Ordnung aufrecht und zieht die benachbarten Teile des unendlichen Raumes an. Rund um das zentrale Feuer rotieren die kugelförmige Erde, die sich um ihre eigene Achse dreht, und andere Himmelskörper. Durch ihre Rotation um das Zentrum erzeugen sie eine Reihe von Tönen, deren Kombination die Harmonie bildet.

Harmonie ist die Vereinigung, die Mischung der Gegensätze. Für die Pythagoreer war Harmonie das höchste Gesetz des Weltalls. Ohne Harmonie könnte die Welt nicht existieren, denn sie hält die Gegensätze von Grenze und Unbegrenztem, Feuer und Luft in einem Gleichgewicht.

Die Pythagoreer entwickelten eine Lehre von der Harmonie der Himmelsphären. Sie behaupteten, dass die Planeten, wenn sie durch den Äther ziehen, Töne verschiedener Höhen erzeugen, abhängig von ihrer Größe, Geschwindigkeit und Entfernung von der Erde. Doch der Mensch hört diese Töne nicht. Nur Pythagoras, der einzige der Sterblichen, konnte die Harmonie der Himmelsphären in ihrer ewigen Bewegung hören. Diese Bewegung erzeugt Harmonie des Klangs, weil die ununterbrochene Regelmäßigkeit dieser Bewegungen durch die Zahlen bestimmt wird, deren Proportionalität die Harmonie ausmacht.

In der Auffassung der Pythagoreer kann das Universum, das durch Zahlen und die gegensätzlichen Prinzipien erschaffen wird, die durch Harmonie versöhnt werden, nur als Kosmos verstanden werden — als vollkommen und geordnet. Sie begannen, das Universum selbst als Zahl und Harmonie zu erkennen.

Anfänglich jedoch, sowohl Pythagoras als auch die frühen Pythagoreer, betrachteten Zahlen als lebendige, wirksame materielle Körper, die bestimmte Eigenschaften besaßen, bestimmte räumliche Formen hatten, voneinander durch Leere getrennt und sinnlich wahrnehmbar waren. Man konnte sie hören wie musikalische Töne. Ähnlich den ionischen Naturphilosophen erkannten auch die Pythagoreer die materielle Grundlage allen Seins an. Deshalb rechnete Aristoteles die Pythagoreer, wie auch die Ionier, zu den “Hylikern“.

Mit der Zeit jedoch nahm der Pythagoreismus eine zunehmend idealistische Wendung. Die Zahl als Wesen und Grundlage aller Dinge, des gesamten Existierenden, verwandelte sich in eine eigenständige ideale Entität, die sich von den Dingen unterschied und ihnen entgegenstand. Die Zahl wurde als Urbild der Dinge verstanden. Diese Auffassung von der Zahl leitete den Weg zur Entstehung der idealistischen Philosophie in der Antike.

Die Hervorhebung der Zahl führte zu ihrer Absolutsetzung und zur Mystik der Zahlen. In der pythagoreischen Lehre wurde Gott als Eins (1) bezeichnet; Gott, manifestiert in seinen beiden Prinzipien (männlich und weiblich), als Zwei (2); die Welt, manifestiert als göttliche, natürliche und menschliche Welt, als Drei (3). Die Zahl Vier (4) schloss das Geheimnis der Dekade (10) in sich, die, wie oben erwähnt, aus der Addition der ersten vier Zahlen gebildet wird. Die Dekade ist die heilige Zahl, da alle anderen Zahlen nur Wiederholungen der ersten zehn sind.

Die Zahlen Eins, Zwei, Drei, Vier wurden ebenfalls als heilig betrachtet, da durch ihre Addition oder Multiplikation alle anderen Zahlen gebildet werden können. Die Zahl Sieben symbolisierte die Zahl der großen Eingeweihten und war ebenfalls heilig.

Da alles in der Welt den Zahlen untergeordnet ist, bedeutet es, die Welt zu erkennen, die Zahlen zu erkennen, die sie beherrschen. Einer der bekanntesten Pythagoreer, Philolaos (ca. 470 — ca. 385 v. Chr.), behauptete, dass nur das, was quantitativen Messungen zugänglich ist, Gegenstand des Wissens sein könne.

Im Wesentlichen stellten die Pythagoreer die Frage nach der Bedeutung der quantitativen Seite der Welt, wobei sie jedoch nur diese eine Dimension ihres Verständnisses hervorhoben.

Das Ziel des Pythagoreischen Bundes, als religiös-ethischer Orden, sah sein Gründer in der Reinigung von Seele und Gesellschaft.

Die Pythagoreer waren die ersten in der antiken Philosophie, die die Seele zum Gegenstand philosophischer Reflexion machten. Diogenes Laertius berichtete, dass sie die Seele des Menschen in drei Teile unterteilten: “Bewusstsein, Intellekt und Emotionen. Bewusstsein und Emotionen finden sich auch bei anderen Tieren, doch der Intellekt ist nur dem Menschen eigen. Der Bereich der Seele reicht vom Herzen bis zum Gehirn. Die emotionale Seite ist im Herzen, der Intellekt und das Bewusstsein befinden sich im Gehirn… Der intellektuelle Teil der Seele ist unsterblich, die anderen sind sterblich… Die Fesseln der Seele sind Venen, Arterien und Adern; wenn sie diese überwindet und in Einklang mit sich selbst kommt, wird sie von Gedanken und Taten gefesselt. Nachdem sie [aus dem Körper ausgestoßen] ist, wandert sie über die Erde im Äther… Reine Seelen werden zum höchsten [Äther?] geführt, während unreine Seelen nicht dorthin gelangen dürfen, weder zu den Reinen noch zu einander… Der ganze Äther ist voll von Seelen…“

Der Mensch soll nicht für den Körper, sondern für die Seele leben. Das Leben für die Seele besteht darin, die Seele von der Sünde zu reinigen, für die sie mit ihrem Aufenthalt im Körper büßt. Die Reinigung ist der Weg, der es der Seele ermöglicht, sich von den endlosen Reinkarnationen zu befreien und zu “höchstem Äther“ emporzuwirken. Im Gegensatz zu den Orphikern, die glaubten, dass die Reinigung der Seele durch religiös-mystische Riten gefördert wird, sahen die Pythagoreer das zuverlässigste Mittel zur Reinigung der Seele in der Beschäftigung mit Wissenschaften. Zwar kann Reinheit auch durch “Bäder und Besprengungen sowie durch den Kontakt mit Leichnamen, Gebärenden und allem Unreinen sowie durch Abstinenz von Kadavern, Fleisch, Drachenfisch und Schwalben, Eiern und Eiablagen, Bohnen und allem anderen, was von denjenigen, die Rituale in Tempeln vollziehen, verboten wird“ erreicht werden. Im Pythagoreismus jedoch, wie wir sehen, vereinten sich wissenschaftlich-philosophische Überlegungen mit volkstümlichen Glaubensvorstellungen.

Pythagoras hielt es für notwendig, dass die Menschen glücklich werden, wenn ihre Seele gut wird. Daher ist das Wichtigste im menschlichen Leben, die Seele zum Guten zu neigen. Tugend, jedes Wohl, Gesundheit, Gott und Harmonie — das ist der Kern des Guten, und das gesamte Universum ist nach den Gesetzen musikalischer Harmonie erschaffen. Deshalb verbanden die Pythagoreer die Praxis der Seelenreinigung mit Musik.

Sie untersuchten Musik und musikalische Harmonie. Sie legten die Grundlagen der Musiktheorie und entdeckten, dass die Tonhöhe in strenger Abhängigkeit von der Länge der Saite steht. Es wird erzählt, dass Pythagoras während eines Spaziergangs in eine der Schmieden von Kroton schaute und Versuche mit Hämmern unterschiedlicher Gewichte anstellte, um das Geheimnis der musikalischen Intervalle zu entschlüsseln. Er schloss, dass die Natur musikalischer Intervalle untrennbar mit Zahlenwerten verbunden ist, da diese Intervalle quantitative Werte haben.

Die gesellschaftlichen Beziehungen betrachtete Pythagoras aus moralisch-religiöser Perspektive. Aus der Erkenntnis, dass das Gute Ordnung, Form und Maß innewohnen, entwickelte Pythagoras die Lehre von der Ordnung im gesellschaftlichen Leben, indem er die Proportionalität und Harmonie dem gesellschaftlichen Chaos und der Anarchie gegenüberstellte. Denn jede Unbestimmtheit, jedes Chaos verstand er als das Böse. Er glaubte, dass die Ordnung in der Gesellschaft durch Aristokratie des Geistes und der Tugend gewährleistet wird. Den äußeren Wohlstand des Lebens maß er nur geringe Bedeutung bei und hielt es für notwendig, dass gesellschaftliche Aktivitäten auf die Förderung der Wissenschaften gerichtet sind.

Der Pythagoreische Bund bestand vor allem aus Vertretern der Aristokratie, in deren Händen die Verwaltung der Stadt Kroton lag. In den meisten griechischen Kolonien war inzwischen jedoch die demokratische Regierungsform etabliert, und immer mehr Anhänger dieser Form fanden sich auch in Kroton. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts v. Chr. wurde die Schule Pythagoras zerstört, und er selbst, der zwanzig Jahre in Kroton verbracht hatte, sah sich gezwungen, mit seinen Anhängern nach Metapont zu ziehen. Dort kam er in einem Konflikt mit seinen Gegnern ums Leben, vermutlich im Alter von etwa achtzig bis neunzig Jahren.

Es gibt verschiedene Versionen seines Todes. Nach einer Version versteckte sich Pythagoras nach der Zerstörung seiner Schule und verhungerte schließlich. Eine andere Version besagt, dass er starb, während er seine Schüler bei einem Brand rettete. Nach einer dritten Version hingegen formten seine Anhänger eine Brücke aus ihren eigenen Körpern, um ihren Lehrer im brennenden Haus zu retten. Allein gelassen, verfiel Pythagoras der Traurigkeit und beging Selbstmord. Eine vierte Version erzählt, dass Pythagoras vor einem verärgerten Gegner floh, aber vor einem Feld mit Bohnen Halt machte. Er erklärte, dass er eher sterben würde, als einen einzigen heiligen Bohnstrauch zu betreten, und ließ sich das Leben nehmen. Nach einer weiteren Version starb Pythagoras an einem Herzversagen, da er seine Anstrengungen für die Menschheit unterschätzte.

Trotz des traurigen Endes von Pythagoras und seiner Schule setzte der Pythagoreismus seinen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Wissenschaft und Philosophie fort. Die Größe Pythagoras’ und seiner Anhänger bestand in der Etablierung mathematischer Beziehungen in der Astronomie, Musik, Skulptur und Architektur. Das Interesse an Symmetrie, Harmonie und Zahlenproportionen führte sie zur Beschäftigung mit der “Goldenen Schnitt“, also der Bestimmung richtiger quantitativer Beziehungen zwischen den Teilen von Gebäuden oder Skulpturen.

Mit Pythagoras, wie der bekannte zeitgenössische westliche Philosoph Bertrand Russell betonte, beginnt die gesamte Konzeption der ewigen Welt, die dem Intellekt zugänglich und den Sinnen unzugänglich ist. Wäre er nicht gewesen, so hätten die Christen nie von Christus als dem Wort gelehrt; ohne ihn hätten Theologen nie nach logischen Beweisen für die Existenz Gottes und das Unsterblichkeits des Menschen gesucht. Bei Pythagoras ist all dies bereits in verborgener Form enthalten.

Einen tiefgreifenden Einfluss auf die Entwicklung der antiken Philosophie übte die Idee von Pythagoras aus, den Unterschied zwischen dem Grenzen (Form) und dem Grenzenlosen (Materie) und deren Manifestationen — entsprechend der Seele und dem Körper — zu erkennen. Die Form macht jede Sache zu einer Sache, indem sie sie von anderen Dingen abgrenzt. Damit unterscheidet sie sich grundlegend von der Materie, die von den ionischen Philosophen als grenzenloser, nicht formulierter Ursprung der Dinge gedacht wurde. Die Pythagoreer untermauerten die gegenteilige Auffassung der ionischen Denker über Ursprung und Struktur der Welt, indem sie das Urprinzip des gesamten Seins als etwas vollkommen körperloses bestimmten.