Medieval Philosophy
Aquinas
Materie und Individuation
Nach Aquin ist Materie das Prinzip der Individuation. Damit meint er offenbar, dass für jede Art von Ding, die mehr als ein Exemplar haben kann, das, was ein bestimmtes Individuum zu diesem Ding macht, seine Zusammensetzung aus dieser Materie im Gegensatz zu einer anderen Materie ist. Anders ausgedrückt: Für jede Art von Ding ist die Eigenschaft, dieses Ding zu sein, notwendigerweise gleichbedeutend mit der Eigenschaft, ein Ding aus dieser Materie zu sein. Zum Beispiel ist dieses Steinsein dasselbe wie das Sein eines Steins aus dieser Materie, da nichts dieses Steinsein haben könnte, ohne aus dieser Materie gemacht zu sein, und kein Stein aus dieser Materie bestehen könnte, ohne dieses eine Stein zu sein. Als Folgerung akzeptierte Aquin, dass zwei Engel unterschiedliche Engelarten seien.
Aber wie ist hier ‚Materie‘ genau zu verstehen? Wie bereits angedeutet, verwendet Aquin den Begriff, um sowohl das Subjekt substantielle Veränderung zu bezeichnen, das keine bestimmte Form wesentlich oder dauerhaft besitzt, als auch um einzelne Stücke einer bestimmten Art von Stoff, die eine Form besitzen. So enthält etwa Bronze eine Form, da sie die Materie einer Statue ist. Bronze selbst ist eine Verbindung von Materie und Form. Da sie Materie hat, kann Bronze nicht als Urmaterie bezeichnet werden. Nur jene Materie, die ohne jede Form oder Entbehrung verstanden wird, aber der Form und Entbehrung unterliegt, wird als Urmaterie bezeichnet. Wenn Aquin sagt, dass ein Ding durch seine Materie individualisiert wird, meint er dann Materie, die selbst aus Materie und substantielle Form besteht, oder jene Materie, die übrig bleibt, wenn alle Formen eines materiellen Dings abstrahiert werden, also das Subjekt substantielle Veränderung?
Man könnte meinen, es sei egal: Wenn ein Bernsteinpapiergewicht durch den Bernstein, aus dem es besteht, individuellerweise bestimmt wird, und dieser Bernstein wiederum durch seine Materie, dann wird das Papiergewicht letztlich durch den Bestandteil individualisiert, der weder Form ist noch Form als Teil besitzt. Dies setzt jedoch voraus, dass, wann immer ein Ding durch seine ‚dicke‘ Materie (die Form enthält) individualisiert wird, diese dicke Materie wiederum durch ihre ‚dünne‘ (formlose) Materie individualisiert wird. Aquin scheint jedoch Aussagen zu treffen, die diesem Gedanken widersprechen. Aquins bevorzugtes Beispiel für die individualisierende Materie einer Substanz sind Fleisch und Knochen oder der Körper dieses Mannes. Fleisch ist eindeutig ‚dicke‘ Materie. Zudem hält Aquin, dass, obwohl das Fleisch eines Menschen immer aus derselben Form besteht, es zu unterschiedlichen Zeiten aus verschiedenen Stücken dünner oder Urmaterie besteht. Er veranschaulicht dies so: Betrachtet man das Fleisch nach seiner Form, bleibt es stets dasselbe, betrachtet man es nach seiner Materie, wird es allmählich zerstört und erneuert. Aquin erklärt, dass bei der Ernährung die dünne Materie des Brotes, das gegessen wird, allmählich zur dünnen Materie des eigenen Fleisches wird und die vorherige dünne Materie ersetzt. Ebenso besteht die dicke Materie des Feuers zu unterschiedlichen Zeiten aus verschiedenen Stücken dünner Materie, da die Materie des Brennholzes zur Materie des Feuers wird.
Wenn ein Mensch durch sein Fleisch und seine Knochen individualisiert wird, und wenn diese nur vorübergehend aus bestimmten Stücken dünner Materie bestehen, scheint der Mensch durch seine dicke Materie, aber nicht durch einzelne Stücke dünner Materie individualisiert zu sein. Die Ansicht, dass alle nicht-arterschöpfenden Dinge durch ihre dicke Materie individualisiert werden, ist auf den ersten Blick plausibler als die Auffassung, dass sie durch ihre dünne Materie individualisiert werden, da die erste Sicht mit der Tatsache kompatibel ist, dass Dinge zusammengesetzt werden und Veränderungen unterliegen. Dennoch bleiben einige Fragen zu Aquins Lehre der Individuation: Wenn dicke Materie das Prinzip der Individuation ist, kann keine individuelle Substanz aus verschiedenen Stücken dicker Materie zu unterschiedlichen Zeiten bestehen, und keine zwei unterschiedlichen Substanzen derselben Art können aus demselben Stück dicker Materie zu unterschiedlichen Zeiten bestehen. Außerdem erscheint es irreführend zu sagen, dass Materie das Prinzip der Individuation ist, wenn der Mensch durch Fleisch und Knochen individuellerweise bestimmt wird, die wesentlich aus einer bestimmten Form bestehen und nur zufällig aus bestimmten Stücken dünner Materie. In diesem Fall hätte die Form eher Anspruch darauf, als Prinzip der Individuation zu gelten.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 01/11/2025