Analytische Philosophie
Grundlagen der analytischen Philosophie
Die Philosophie des gesunden Menschenverstandes von G. E. Moore
Die analytische Strömung in der Philosophie, die heute vor allem mit dem Ansehen angelsächsischer Autoren verbunden ist, kennt zumindest in zweifacher Hinsicht keine Rivalen. Erstens übertrifft sie die europäische Kontinentalphilosophie durch die Vielzahl an Autoren und Publikationen. Zweitens steht sie der Wissenschaft deutlich näher als ihre kontinentalen Gegenspieler. Gerade dieser zweite Umstand ist von wesentlicher Bedeutung, weshalb wir unsere Analyse der philosophischen Systeme mit der analytischen Philosophie beginnen. Gewiss ließe sich eine solche Analyse auch mit jeder anderen Philosophie eröffnen. Doch nach unserer Überzeugung sollte man sich – schon um Zeit zu sparen und um Irrwege in schlecht durchdachten Lehren zu vermeiden – möglichst nahe an der Wissenschaft halten. Ihr Ansehen ist keineswegs zufällig. Dies gilt es zu berücksichtigen, ohne diesem Umstand freilich eine selbstgenügsame Bedeutung zuzuschreiben. Die moderne Wissenschaft weist zahlreiche Mängel auf, doch selbst unter diesen Bedingungen ist es besser, sie als Verbündete der Philosophie zu betrachten, als sie als Konkurrentin zu sehen. An inhaltlicher Substanz übertrifft sie bei weitem ihre Rivalinnen aus der Mythologie und Theologie. Darin liegen die vorläufigen Gründe, sich in erster Linie der analytischen Philosophie zuzuwenden.
Am Beginn der analytischen Philosophie, die gleichsam das Zwillingskind des 20. Jahrhunderts ist, standen die Engländer George Edward Moore und Bertrand Russell sowie der sich ihnen anschließende Österreicher Ludwig Wittgenstein. Alle drei gelten als Säulen der sogenannten Cambridge-Schule der analytischen Philosophie. Ihre philosophischen Entdeckungen waren grundlegend für deren Entwicklung.
Norman Malcolm, der – wie er selbst sagte – „lange über die Natur paradoxaler philosophischer Behauptungen und über die Versuchungen, die sie hervorrufen, nachgedacht hat, um das Gewicht von Moores Bedeutung als Philosoph zu erhellen“, kam zu folgendem Schluss: „Die große historische Rolle Moores besteht darin, dass er als erster Philosoph empfand, dass eine philosophische Aussage, die die Alltagssprache verletzt, falsch ist, und dass er folglich die Alltagssprache gegen ihre philosophischen Störer verteidigte.“ Malcolm überhöhte freilich die Bedeutung der Alltagssprache und vernachlässigte den Wert der Wissenschaftssprache. Daher gelang es ihm nicht, die eigentliche Bedeutung von Moores Philosophie zu erfassen. Ihr Hauptverdienst liegt unseres Erachtens darin, dass Moore die sprachliche Relativität der Philosophie begriff. Es ist trivial zu sagen, dass Philosophie ohne Sprache nicht möglich ist. Nicht trivial aber ist das Verständnis, dass Philosophie selbst Sprache ist und dass alle philosophischen Urteile außerhalb dieses Kontextes hinfällig sind.
Moore trat mit seiner Verteidigung der Realität der Außenwelt gegen die Idealisten auf. Sein Hauptargument bestand darin, dass Idealisten die Tragfähigkeit der Alltagssprache – etwa in Aussagen wie „Ich weiß, dass p“ – nicht erklären können. Hätten die Idealisten, ausgehend von der philosophischen Sprache, zur Wissenschaftssprache und von dort zur Alltagssprache übergegangen, wobei sie auch deren Vorzüge anerkannt hätten, dann wäre die Kritik an ihnen kaum stichhaltig gewesen. Aber gerade das taten sie nicht. Dieser Mangel betrifft nicht nur etwa den Hegelschen Idealismus, sondern auch den marxistischen Materialismus. Beide Systeme berücksichtigen in ihren Grundbehauptungen – etwa von der Primatstellung des Geistes oder der Materie – nicht die sprachliche Relativität der Philosophie. Sie lassen die Sprache die Philosophie lediglich begleiten, doch sie wird nicht in deren Kontext einbezogen. Für den analytischen Philosophen ist die Sprache nicht exogen, sondern endogen zur Philosophie.
Dieses Prinzip wird selbst von analytischen Philosophen, die sich als Materialisten verstehen, nicht immer berücksichtigt. Der Unterschied liegt in der ungleichen Bewertung des Status der Sprache innerhalb einer philosophischen Theorie. Der grundlegende Satz der analytischen Philosophie lautet: Philosophie ist Sprache.
Dabei kann die sprachliche Relativität der Philosophie unterschiedlich verstanden werden. In der Theorie der sprachlichen Relativität, die gewöhnlich mit den Namen Edward Sapir und Benjamin Lee Whorf verbunden wird, fragt man, inwieweit die Eigenschaften der untersuchten Objekte von der Sprache abhängen. Der Analytiker behauptet lediglich, dass er ohne Sprache den Status der Objekte nicht bestimmen könne. Der linguistische Relativist hingegen insistiert darauf, dass dieser Status selbst von der Sprache abhängt. Doch Wasser ist H2O, unabhängig von der Sprache, die diesen in der Chemie festgestellten Sachverhalt ausdrückt.
Moores Grundhaltung bestand darin, komplexe Aussagen auf einfache, evidente Sätze zurückzuführen. Dieser Gedanke geht auf Jeremy Bentham (1748–1832) zurück, der meinte, man könne auf diese Weise verschiedene „Fiktionen“, auch juristischer Art, beseitigen. Nicht zufällig wurde Bentham zum Begründer des sogenannten Rechtspositivismus. Für seine faktische Orientierung ist der Positivismus oft scharf kritisiert worden. Gewiss ist Faktizismus nicht frei von problematischen Extremen, doch für die analytische Philosophie ist die Tendenz charakteristisch, selbst die komplexesten Aussagen unbedingt auf eine faktische Basis zurückzuführen.
Nicholas Rescher stellt unter die Ideen, die die angloamerikanische Philosophie inspirieren, an zweiter Stelle Moores Einsicht, dass das Gute unbestimmbar sei. Denn der Begriff „gut“ ist in der Ethik elementar und kann nicht auf Definitionen wie „gut ist, was dem Glück dient“ reduziert werden. Moore und Rescher haben recht: Jede Theorie enthält elementare, undefinierbare Grundbegriffe. In der Physik ist es die „Masse“, in der Ökonomie der „Wert“. Wenn Physiker die Masse als Maß der Trägheit bestimmen oder Ökonomen den Wert als Arbeitsgerinnung oder subjektiven Nutzen deuten, begehen sie gerade den Fehler, den Moore kritisierte. In jeder Theorie sind elementare und von ihnen abgeleitete Begriffe zu unterscheiden. Die elementaren sind nicht definierbar, doch ihr Gehalt klärt sich im Prozess der Entfaltung der Theorie.
Über Moores Ethik hat Rescher indes nur wenig gesagt. Dabei ist gerade mit Moores ethischen Arbeiten ein interessanter Fall verbunden. Moore wollte die Ethik auf eine wissenschaftliche Grundlage stellen – doch dies gelang ihm nicht. Achtzehn Jahre nach Erscheinen von Moores Principia Ethica (1903) erklärte Ludwig Wittgenstein in seinem Tractatus logico-philosophicus (1921), dass ethische Sätze, da auf sie der Wahrheitsbegriff nicht anwendbar sei und sie nicht durch Fakten überprüft werden könnten, überhaupt unmöglich seien. Dieses Ergebnis widersprach Moores Theorie, und Moore konnte es nicht widerlegen. Zwischen Moore und Wittgenstein bestand stets ein gewisses Unverständnis, das nie überwunden wurde.
Für uns ist wesentlich, dass die Principia Ethica wissenschaftlich-philosophisch keineswegs ein Musterwerk darstellen. Moore und mit ihm zahlreiche Anhänger der sogenannten Metaethik begingen einen erstaunlichen, ja groben Fehler. Sie bezeichneten die sprachliche Analyse der common-sense-Ethik als Metaethik. Doch zum einen ist die Theorie des gesunden Menschenverstandes keine wissenschaftliche Theorie. Zum anderen erreicht die Metaethik in diesem Verständnis nicht den Kontext einer Theorie und ist daher ebenfalls unwissenschaftlich. Der Fall Moore zeigt, dass die analytische Philosophie einen Ansatz verfolgt, der nicht in allen Teilen unproblematisch ist. Der logisch-linguistische Analyseansatz ist nicht davor gefeit, die Institution Wissenschaft unkritisch zu vernachlässigen. Statt den Unterschied zwischen einer wissenschaftlichen Ethik und ihren alltagsnahen Konkurrentinnen herauszuarbeiten, verlieh Moore der common-sense-Ethik lediglich einen gewissen analytischen Glanz.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 27/09/2025