Ontologische Hermeneutik von H. G. Gadamer - Hermeneutik - Kontinentale Philosophie
Gegenwartsphilosophie - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Kontinentale Philosophie

Hermeneutik

Ontologische Hermeneutik von H. G. Gadamer

In den vorhergehenden beiden Kapiteln wurde die existenzielle Philosophie behandelt. Dabei hielten wir es für notwendig, Heideggers fundamentale Ontologie in einem eigenen Kapitel herauszustellen. Das von Heidegger vorgeschlagene Entwicklungsprogramm der Philosophie unterscheidet sich deutlich von den Projekten Jaspers, Sartres und Merleau-Pontys. Es sei darauf hingewiesen, dass es den Zustand der zeitgenössischen kontinentalen Philosophie wesentlich stärker prägt als andere existenzielle Projekte. Natürlich gab es zahlreiche Philosophen, auch unter Heideggers Schülern, die versuchten, seine Ideen weiterzuentwickeln. Am erfolgreichsten gelang dies seinem Schüler Hans-Georg Gadamer (1900–2002), dem Begründer der modernen Hermeneutik, die oft als ontologische Hermeneutik bezeichnet wird. Er transformierte Heideggers fundamentale Ontologie in eine Hermeneutik. Dennoch betonte Gadamer mehrfach, dass für ihn die hermeneutischen Ideen seines Lehrers von entscheidender Bedeutung waren, und sie verdienen eine besondere Betrachtung.

Heidegger beschrieb sein Interesse an der Hermeneutik ausführlich: „Der Titel ‚Hermeneutik‘ war mir aus meinen theologischen Studien vertraut. Besonders beschäftigte mich die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem Wort der Heiligen Schrift und der theologischen spekulativen Gedankenwelt. Dies war, wenn man so will, dasselbe Verhältnis, nämlich zwischen Sprache und Sein, jedoch verborgen und mir nicht zugänglich, sodass ich vergeblich auf vielen Umwegen nach einem Leitfaden suchte.“ Im Zuge seiner theologischen Studien beschäftigte sich Heidegger mit den Arbeiten von F. Schleiermacher, Philosoph und protestantischer Theologe. Daneben interessierten ihn auch die Schriften von W. Dilthey, Vertreter der Lebensphilosophie.

Schleiermacher betrachtete die Hermeneutik im Kontext des Verhältnisses von Sein und Sprache, was mit Heideggers Ansichten harmonierte. Dilthey verband Hermeneutik mit dem Status aller Geisteswissenschaften, ein Status, der auch Heidegger wichtig war. So fand Heidegger in den Philosophien Schleiermachers und Diltheys Parallelen zu seinen eigenen Ideen. Diese Nähe war jedoch relativ: Schleiermacher gehörte zur Schule des deutschen Romantizismus, Dilthey war Vertreter der Lebensphilosophie. Beide legten großen Wert auf das Subjektive, was für Heidegger nicht akzeptabel war. Offensichtlich musste er der Hermeneutik in seinem revolutionären Vorstoß einen neuen Klang verleihen, stets unter Rückgriff auf die Intuitionen der ersten Philosophen.

Für die Griechen galt Hermeneutik als Kunst der Textinterpretation. Hermes – der Götterbote – „bringt die Botschaft des Schicksals“. Heidegger war nicht zufrieden damit, Hermeneutik lediglich als Textinterpretation zu verstehen. Er deutete bereits das Schicksal der Menschen, das nur einen halben Schritt vom Sein selbst entfernt ist. Nach Heidegger handelt es sich um „ein Spiel des Denkens, das verpflichtender ist als wissenschaftliche Strenge“. Nach Platon klärte hermeneutisches Wissen, was sich offenbarte oder gesagt wurde, während philosophisches Wissen sich mit der Wahrheit von Aussagen befasst. Ausgehend von dieser Unterscheidung bevorzugte Heidegger das hermeneutische Wissen und reduzierte im Wesentlichen die gesamte Philosophie darauf. In „Sein und Zeit“ zeigt er den Hauptgedanken seines Denkens: Das Sein zeigt sich selbst; das Sich-Zeigende ist phänomenologisch; es zeigt sich im Wort und ist daher hermeneutisch. „Die Phänomenologie der Anwesenheit ist Hermeneutik im ursprünglichen Sinn des Wortes, d. h. eine Tätigkeit der Auslegung.“ Phänomenologie und Hermeneutik sind nicht Arbeit des Bewusstseins, keine Synthese von Erfahrungen oder ein komplexer Prozess gedanklicher Interpretation, sondern Ausdruck des Seins, Offenbarung des Verborgenen, Ereignis der Wahrheit, das im Wort hermeneutisch wird. Hermeneutik ist die Kunst, das Sein in Sprache auszudrücken.

Heidegger entwickelte somit ein neues, ontologisches Verständnis der Hermeneutik. Im reifen Schaffensabschnitt verwendete er jedoch die Begriffe „Hermeneutik“ und „hermeneutisch“ kaum noch. Die Hermeneutik war für ihn nur eine Station auf dem Weg zur Klärung der Natur des Seins. Streng genommen benötigt die fundamentale Ontologie keine Kategorien von Phänomenologie und Hermeneutik. Nach der Analyse Heideggers ist es sinnvoll, zu Gadamers Neuerungen überzugehen.

Gadamer traf Heidegger und wurde 1923 sein Schüler. Doch erst 37 Jahre später erschien sein Hauptwerk „Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik“. Vieles verband ihn mit Heidegger, insbesondere das Interesse an der griechischen Philosophie und die Unzufriedenheit mit wissenschaftlicher Methodik. Anders als sein Lehrer, der Gadamers Perspektiven als Philosoph etwas nachsichtig einschätzte, beanspruchte Gadamer nicht, die Philosophie zu revolutionieren oder zu zerstören. Dennoch verfügte er über zahlreiche Ideen, die das von Heidegger sorgfältig bearbeitete Feld mit neuen Kulturen bereichern konnten. Es ist nicht zufällig, dass Gadamer Heideggers fundamentale Ontologie in eine Hermeneutik transformierte, die seinen Namen trägt.

Wie Heidegger betrachtete Gadamer die griechische Philosophie als Maßstab für die europäische Kultur. Während Heidegger sich auf die Intuitionen der Vorsokratiker, wie Parmenides, stützte, nahm Gadamer Platon und Aristoteles als Vorbilder. Besonders schätzte er Platons Dialektik und Aristoteles’ Lehre von der praktischen Anwendung von Wissen. Ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zu Heidegger war Gadamers Vermeidung der Absolutsetzung des philosophischen Anfangs. Für ihn hatte der Anfang historischen Charakter: „Wir befinden uns immer innerhalb einer Überlieferung“, in der Geschichte, und dürfen daher nicht zu sehr auf den Anfang fokussieren. Es reicht nicht, den Anfang nur zu reaktivieren; wichtiger ist, seine Geschichte fortzuführen. Daher müssen wir uns als organischer Teil in die Tradition einfügen. Das Ganze kann nur in seiner Gesamtheit bestehen.

Im Wesentlichen setzte Gadamer Heideggers Sein durch die philosophische Tradition in Beziehung. Mit diesem Schritt nahm er der Heideggerschen Philosophie den Schleier des Geheimnisvollen. Das Verständnis von Tradition setzt eine effektive Einbindung des Menschen in ihre Geschichte voraus. Da es sich um philosophische Tradition handelt, kann dies nur durch Sprache geschehen. Wir beginnen mit der Sprache, denn sie ist Bedingung des Philosophierens, zugleich befreien wir uns aber von ihren Fesseln. Tradition wird nicht im Alleingang geschaffen, sondern gemeinschaftlich. Deshalb ist der dialogische Aspekt zentral: „Einen Dialog umfassend zu pflegen, dem Andersdenkenden Raum zu geben, seine Worte aufzunehmen – darin liegt die Seele der Hermeneutik.“ Gadamer bewunderte stets Platons Dialektik mit ihrer Frage-Antwort-Methode und Hegels Philosophie, der es gelang, der Dialektik einen global-evolutionären Charakter zu verleihen. Durch Dialektik wird das Subjekt nicht nur in die Tradition eingebunden, sondern erweitert zugleich deren Horizonte. Menschen verstehen einander, wenn sich ihre Horizonte überschneiden; die Horizonte erweitern sich durch die praktische Nutzung von Wissen. Indem er das Herz des Philosophierens in der Dialektik von Frage und Antwort erkannte – „Wer denken will, muss fragen“ – kritisierte Gadamer konsequent die wissenschaftliche Methodologie, die er für zu sehr an begrifflichem Wissen orientiert hielt, dem konkrete und situative Dimensionen fehlen.

Gadamer wählte als Maßstab der Philosophie die Kunst. In diesem Punkt unterscheidet er sich wesentlich von Heidegger, der der künstlerischen, insbesondere poetischen, Reflexion nur dann Bedeutung beimisst, wenn sie genau seiner Philosophie entspricht. Gadamer philosophierte jedoch grundsätzlich anders als Heidegger. Er behauptete nicht, der Erfinder einer neuen Philosophie zu sein, nach deren Maßstab alles neu zu denken sei, einschließlich griechischer Philosophie und Kunst. Nach Gadamer begann die philosophische Tradition mit ihren beiden zentralen Dimensionen – griechische Philosophie und Kunst – tief in der menschlichen Geschichte zu entstehen, und über viele Jahrhunderte hinweg gewann sie durch ständige Transformation an Lebenskraft. Niemand kann sie umwerfen und neu erschaffen. Das Einzige, was möglich ist, besteht darin, die Tradition fortzuführen und sich so der philosophischen Wahrheit anzunähern. Wahrheit erlangt, wer sich auf historische Kommunikation einlässt, die dialogischen Charakter besitzt.

Kunst (ebenso wie Philosophie) „schafft etwas Vorbildliches, anstatt lediglich den Regeln Entsprechendes zu produzieren. Dabei lässt sich die Definition von Kunst als Schöpfung eines Genies nicht von der Kongenialität des Wahrnehmenden trennen. Beides ist ein freies Spiel.“ Kunst ist zudem Symbol, und zwar in zweifacher Hinsicht: Erstens, insofern das Symbol als Teil des Seins in dieses als Ganzes einbezogen ist – das Teil repräsentiert das Ganze; zweitens, insofern das Symbol das Sein unmittelbar durch seine Einzigartigkeit ausdrückt, nicht begrifflich. Schließlich ist Kunst auch ein Fest, als Repräsentation der Gemeinschaft der Menschen in ihrer unmittelbaren und vollendeten Form. Durch das Konzept des Festes verband Gadamer seine Philosophie mit der Ethik, denn Ethik ist die freudvolle Gemeinschaft der Menschen. Außerhalb der historischen Tradition ist Ethik unmöglich. Gadamer gelang es somit, nach eigener Auffassung, die gesamte Philosophie in einem einheitlichen Schlüssel zu strukturieren – von ihren Anfängen, der Ontologie, bis hin zur Ethik. Dies geschah jedoch nicht im Namen der Ontologie, wie bei Heidegger, sondern der Hermeneutik.

Sowohl Heidegger als auch Gadamer beschäftigten sich mit der Frage nach der Möglichkeit, den Menschen in der Welt zu verorten, jedoch auf unterschiedliche Weise. Heidegger sprach vom Seienden, das ontisch gegeben ist, aus sich selbst, sich nur aus dem Verborgenen zeigend, wodurch es zur Sprache wird. Gadamer sprach von der Tradition, die prinzipiell nichts anderes sein kann als Form der sprachlichen Gemeinschaft der Menschen. Er betonte stets die Nähe seiner Hermeneutik zur Philosophie Heideggers. Fügt man hinzu, dass die leitenden Ideen für die hermeneutische Wende wiederum von Heidegger geliefert wurden, wird klar, warum eine scharfe Trennung von fundamentaler Ontologie und Hermeneutik nicht immer gelingt. Oft werden die Namen Heidegger und Gadamer als Hermeneutiker nebeneinandergestellt. Unserer Ansicht nach ist diese Gleichsetzung unhaltbar. Heidegger ist kein Hermeneutiker, Gadamer kein fundamentaler Ontologe. Sie sind die Gründer und Gestalter zweier unterschiedlicher philosophischer Richtungen, zwischen denen eine gewisse Kontinuität, aber keine Identität besteht.

In den vorangegangenen Absätzen wurde eine Rekonstruktion von Gadamers Hermeneutik vorgenommen. Um deren Inhalt zu erfassen, erscheint es sinnvoll, die zentralen Konzepte seines Philosophierens in einer Kette darzustellen: Tradition, verstanden als sprachliches Phänomen, und Einbindung der Menschen in ihre Geschichte – Dialektik von Frage und Antwort – Dialog und Zuhören – hermeneutischer Zirkel als Definition von Teil und Ganzem – Symbolisierung des Ganzen, Darstellung nicht durch Begriffe, sondern als Einzigartiges – Kunst als Maßstab der Philosophie – Erweiterung hermeneutischer Erfahrung – Ausweitung hermeneutischer Horizonte – Verstehen als Überschneidung hermeneutischer Horizonte – Einheit von Wort und Tat – Sicherung des Triumphs des gemeinsamen Handelns.

Selbstverständlich haben wir nur das konzeptionelle Gerüst von Gadamers Hermeneutik dargestellt. Es könnte auch anders strukturiert werden, doch die wesentlichen Punkte bleiben vermutlich dieselben. Interessanterweise hielt Gadamer, offenbar völlig ohne Eitelkeit, sein philosophisches Werk dennoch für makellos. Ihm schien stets, dass buchstäblich alle Errungenschaften der Philosophie organisch in seine Hermeneutik einbezogen werden könnten. Dies stellt eine deutliche Übertreibung der Vorzüge seiner Theorie dar. An dieser Stelle sei jedoch hervorgehoben, dass Gadamers Hermeneutik, gemessen an philosophischen Maßstäben, äußerst solide konstruiert ist. Gerade diese Qualität verleitete Gadamer zu der Versuchung, die Hermeneutik als Höhepunkt der Philosophie zu betrachten.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 27/09/2025