Größe und Fall von M. Heidegger - Fundamentale Ontologie Bei M. Heidegger - Kontinentale Philosophie
Gegenwartsphilosophie - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Kontinentale Philosophie

Fundamentale Ontologie Bei M. Heidegger

Größe und Fall von M. Heidegger

Im vorherigen Abschnitt wurden die grundlegenden Konzepte (Existenziale) von Heideggers Philosophie vorgestellt. Es war nicht das Ziel, eine vollständige Liste zu geben, sondern den philosophischen Entwurf in einer solchen Gesamtheit zu präsentieren, dass seine Tragfähigkeit oder auch seine Unzulänglichkeit erkennbar wird. In diesem Zusammenhang muss man wohl anerkennen, dass Heideggers Projekt gelungen ist. Dafür sprechen sowohl sein 400-seitiges Hauptwerk „Sein und Zeit“ als auch zahlreiche Folgearbeiten und der enorme Einfluss, den er auf viele herausragende Philosophen der Gegenwart ausübte, darunter J.-P. Sartre, E. Lévinas, J. Derrida, H. Arendt und E. Tugendhat. Zugleich ist festzuhalten, dass Heideggers Philosophie von vielen Philosophen kategorisch abgelehnt wurde, insbesondere von Vertretern der analytischen Philosophie, wie R. Carnap, sowie der Frankfurter Schule, etwa T. Adorno und J. Habermas.

Viele analytische Philosophen neigen auch heute noch dazu, Heideggers Philosophie nicht ernst zu nehmen. Der Grund liegt auf der Hand: Heideggers scharf kritische Haltung gegenüber Wissenschaft und technischem Fortschritt, die seiner Ansicht nach den Menschen in eine Krise gebracht haben. Gerade wegen der Wissenschaft und Technik, „die der Philosophie hinterherhinken“, sei der moderne Mensch zur „Zivilisations-Affenform“ geworden. Heidegger glaubte, die Metaphysik endgültig überwunden zu haben. Für die Analytiker jedoch ist er, da er gegen die Wissenschaft auftrat, selbst in grobe Metaphysik verfallen. Vertreter der Frankfurter Schule kritisierten Heidegger besonders scharf aufgrund seiner politischen Position, einschließlich seiner Nähe zum Nationalsozialismus. Kritiker warfen ihm wiederholt vor, die Beziehung von Wesen und Erscheinung durch die Unterscheidung von Sein und Seinsverfassung parodiert zu haben, insbesondere durch die Darstellung des Daseins als Sein-zum-Tode. Letztlich habe Heidegger die tatsächliche Natur des Menschen und der Gesellschaft übersehen und faktisch eine nihilistische Position eingenommen. Kritiker behaupten, dass er nicht in der Lage war, ein Programm zur Umgestaltung der Gesellschaft vorzuschlagen, die er als spontanes Lebenserlebnis verstand, und dass seine Mitgliedschaft in der NSDAP kein Zufall war.

Heideggers nationalsozialistische Vergangenheit stärkt seine philosophische Position naturgemäß nicht. 1933, vor seiner Amtsübernahme als Rektor der Universität Freiburg, trat Heidegger der NSDAP bei. Zehn Monate später verließ er das Rektorat, blieb jedoch Mitglied der Partei bis zu ihrem Verbot. Nach dem Krieg erkannte Heidegger seine Schuld nicht an. Seine enge Freundin, die herausragende Philosophin H. Arendt, erklärte sein Verhalten mit Schwäche des Charakters. Dieses Argument wurde jedoch kaum anerkannt. K. Jaspers, ebenfalls ein bedeutender Philosoph und langjähriger Freund Heideggers, warf ihm „Unreinheit der Seele“ vor. Viele Missverständnisse hängen mit Heideggers Verhältnis zu seinem Lehrer E. Husserl zusammen, dem er sein Werk „Sein und Zeit“ in „Ehrerbietung und Freundschaft“ widmete. Bei der Neuauflage 1941 fehlte jedoch diese Widmung. Heidegger selbst behauptete, dass ihn und Husserl nur philosophische Differenzen trennten. Kritiker von Heideggers NS-Vergangenheit betonen, dass er den Holocaust nie verurteilte und unter hochrangigen Nazis Autorität genoss.

Selbstverständlich interessierte Philosophen immer die Frage, ob Heideggers NS-Vergangenheit in Zusammenhang mit seiner Philosophie steht. Manche bestanden auf einer solchen Abhängigkeit, andere lehnten sie ab. Seltene Äußerungen Heideggers zum Nationalsozialismus lassen vermuten, dass er zur ersten Position tendierte, doch belegen kann er sie nie. Streng genommen ist dies auch seinen Kritikern nicht gelungen. Wenn man anerkennt, dass Heideggers Philosophie kein aktuelles Potenzial zur Kritik des Nationalismus enthält, muss man erneut an ihrer Tragfähigkeit zweifeln.

Unserer Ansicht nach lag Heideggers Hauptfehler in seiner kindlichen Haltung gegenüber der Wissenschaft. Er schlug nicht nur eine Revision des Wissenschaftsbegriffs vor, wie seine Anhänger behaupten, sondern lehnte ihn ab. Dies schmälerte den Wert seines eigenen philosophischen Projekts erheblich. Heidegger war überzeugt, und viele Philosophen glauben ihm, dass er tatsächlich einen Ersatz für die Wissenschaft gefunden habe. Doch sobald er mit realen Problemen konfrontiert wurde – wir denken an den deutschen Faschismus –, offenbarte sich die Unsicherheit und Schwäche seiner Philosophie. Der Denker, der auf die Notwendigkeit bestand, der Philosophie maximale Lebenswahrheit und Konkretheit zu verleihen, zeigte sich angesichts historischer Verbrechen philosophisch und praktisch hilflos. Was ist die Wurzel all dieser Schwierigkeiten? Sie liegt in Heideggers Verständnis des Seins, das er mit solcher Begeisterung als philosophische Oberherrschaft über die Dinge, einschließlich des Menschen, proklamierte. Die Welt ist höchst vielfältig. Wenn dies für einen Philosophen unerheblich ist, versucht er, universelle Seiende zu erfinden, die angeblich alle Besonderheiten verkörpern. Es lässt sich beliebig behaupten, was das fantasierende Denken wünscht, aber niemand hat gezeigt, dass das Allgemeine das Einzelseiende in der Form enthält, wie Heidegger es annahm. Er betrachtete das Sein als aufeinanderfolgende Zustandsänderungen der Dinge, deren Sinn die Zeitlichkeit ist.

Um Heideggers entscheidenden Fehler zu verdeutlichen, betrachten wir die Natur- und Sozialwissenschaften. In jeder von ihnen repräsentieren evolutionäre Gesetze die Veränderlichkeit konkreter Merkmale, etwa Preisschwankungen in der Wirtschaft, Zinssätze, Geldmenge, deren integrale quantitative Maße die Dauer ist. Und hier tritt Heidegger auf und behauptet, die Wissenschaft habe das Sein, die Veränderlichkeit überhaupt und die Zeitlichkeit übersehen. Aber existiert Veränderlichkeit außerhalb konkreter Merkmale? Nein. Existiert Zeitlichkeit außerhalb konkreter Dauer? Auch nicht. Braucht man das Existenzial Nichts, um Veränderlichkeit zu verstehen? Nein, das Konzept der Veränderlichkeit von Merkmalen reicht. Wer hier irrt, sind nicht die Wissenschaftler, sondern Heidegger. Ihre Fehler können begründet kritisiert werden, doch es ist unhaltbar, zu behaupten, dass Wissenschaftler keinen Zugang zum Wesen, zur Zeitlichkeit oder zum Nichts haben. Wenn jedoch Heidegger bereits in den Grundlagen seiner Theorie einen gravierenden Fehler machte, warum ist seine Lehre dennoch so populär? Warum zählt er zu den herausragenden Philosophen des 20. Jahrhunderts? Soll man Heideggers Autorität rigoros entkräften?

Die Antworten liegen zunächst darin, dass Heideggers metaphysische Denkweise vielen Philosophen nahe ist, die auf klassischen Werken aufwuchsen, wenig wissenschaftlich orientiert sind und von der Entwicklung einer universellen Theorie träumen, die alle Aspekte der Wirklichkeit erfasst. Zweitens gelang es ihm, problematische Aspekte menschlichen Lebens, Schwierigkeiten der Verständigung, Harmonisierung mit Natur und Technik auszudrücken. Drittens trat er als Innovator im Verständnis der Sprache und ihres einzigartigen Potenzials hervor. Nach Husserl ist Sprache sekundär gegenüber der Mentalität. Nach Heidegger ist diese Theorie unzureichend widerlegt. Er gilt als Mitinitiator der linguistischen Wende in der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Viertens, und das ist wohl das Wichtigste, erschien Heidegger in seinen Werken als kompromissloser Revolutionär, der die traditionelle Philosophie umstürzte.

Heideggers schöpferisches Erbe wurde gerade aufgrund der innovativen Merkmale seiner Lehre rezipiert. Einige Forscher versuchten, seine Philosophie des Seins weiterzuentwickeln. Besonders erfolgreich war hierbei sein Schüler H. G. Gadamer, Begründer der neuen Hermeneutik, dem ein eigenes Kapitel gewidmet wird. Der französische Existenzialist J.-P. Sartre wurde ebenfalls stark von Heidegger beeinflusst, interpretierte das Sein jedoch eher subjektiv. In der Linie der Dekonstruktion war Heideggers Werk für den französischen Philosophen J. Derrida und den amerikanischen Neopragmatiker R. Rorty besonders bedeutsam. Versuche, Heideggers fundamentale Ontologie für Psychiatrie (L. Binswanger), Psychologie (F. Bütendiek), Literaturwissenschaft (E. Steiger), Pädagogik (T. Ballauf) oder Theologie (K. Ranner) zu nutzen, scheiterten stets am unauflöslichen Konflikt mit wissenschaftlichem Material. Nicht zufällig ist Heideggers Philosophie in gut entwickelten Wissenschaften wie Mathematik oder Ökonomie wenig geschätzt.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 27/09/2025