G. Hegel und K. Marx - Von der Kritischen Theorie zur Kommunikativen Rationalität - Kontinentale Philosophie
Gegenwartsphilosophie - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Kontinentale Philosophie

Von der Kritischen Theorie zur Kommunikativen Rationalität

G. Hegel und K. Marx

Jede Epoche hat ihre Genies. In diesem Buch liegt der Fokus auf der Philosophie des 20. Jahrhunderts, weshalb die Lehren von Philosophen genau dieses Jahrhunderts ausführlich behandelt werden. Dennoch greifen wir immer wieder auf herausragende Philosophen früherer Jahrhunderte zurück. Insbesondere wurden wiederholt die Ideen Descartes’, des Genies der Philosophie des 17. Jahrhunderts, betrachtet. Ihm wird meist der ehrwürdige Titel des Begründers der Philosophie der Neuzeit zugeschrieben. Diese Philosophie, begonnen mit den Theorien von Descartes, Locke und Leibniz, wurde durch die Lehren von Hume und Kant fortgeführt und fand schließlich ihren Abschluss in den Werken von Hegel, Kierkegaard, Marx und Nietzsche. Diese vier Autoren sind sowohl historisch als auch ideengeschichtlich am engsten mit den Philosophen des vergangenen Jahrhunderts verbunden.

Bereits mehrfach wurde betont, dass Kierkegaard eine Schlüsselrolle für die Mehrheit der Existenzialisten spielt, Nietzsche hingegen der bevorzugte Autor der Poststrukturalisten ist. Hegel und Marx sind besonders bedeutsam für Philosophen, deren Theorien in diesem Kapitel behandelt werden, insbesondere für Vertreter der Frankfurter Schule. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, ihre zentralen philosophischen Ideen zu betrachten. Es sei zudem auf die bekannte Nähe der Lehren von Hegel und Marx hingewiesen. Kierkegaard verabscheute die Philosophie Hegels, Nietzsche stand allen seinen drei Vorgängern eindeutig feindlich gegenüber. Nur Marx stützte sich bewusst auf die Ideen seines Vorgängers, nämlich Hegels. Deshalb werden in diesem Abschnitt die Ideen beider Autoren behandelt – Hegels ebenso wie Marx’.

Georg Hegel (1770–1831) ist bekannt als Begründer des absoluten Idealismus. Unzufrieden mit dem subjektiven Idealismus Descartes’ und Kants, übte Hegel scharfe Kritik an der Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt. Er bestand auf ihrer Identität, tat dies jedoch, was wesentlich ist, im Namen des Geistes, der seine Potenziale in der totalen Dialektik der Ideen entfaltet. Diese Dialektik selbst erschien als Synthese der Widersprüche. Sie durchbrechen Einheit, doch letztlich sind alle Ausdruck desselben Ideenkomplexes. Die Reihenfolge von Hegels Ideen ist kein offenes System; im Gegenteil, sie schließt sich auf bestimmte Weise, nämlich im Kreis philosophischer Kategorien, die den absoluten, auf sich selbst bezogenen Geist verkörpern. Hegel hatte die Möglichkeit, die Kategorie des Widerspruchs über die Einheit zu stellen. In diesem Fall hätte die Entwicklung der Welt keinen Endpunkt in einer bestimmten Gesellschaftsordnung gehabt. Hegel bevorzugte jedoch, die Kategorie der Einheit über alles zu stellen, wie sie sich in der preußischen Ordnung seiner Zeit verkörperte. Marx erkannte in konsequenter Fortführung Hegels Ende der Geschichte in der kommunistischen Formation.

Forschende, die sich intensiv mit Hegels Werk beschäftigten, entschlüsselten die Natur des absoluten Geistes mühelos: Es ist das Denken der Menschen, auf den Rang eines Demiurgen der Geschichte erhoben. Aber Denken ist ein Produkt des Kopfes. Heidegger spottete über Hegel: Er „sagt selbst, dass Denken im Sinne seines Systems bedeutet, den Kopf auf den Boden zu stellen und zu gehen“. Marx bemerkte: „Bei Hegel steht die Dialektik auf dem Kopf. Man muss sie auf die Füße stellen, um das rationale Korn unter der mystischen Hülle zu erkennen.“ „Das Ideelle ist nichts anderes als das Materielle, in den menschlichen Kopf verpflanzt und dort verwandelt.“ Hegels Philosophie wurde unterschiedlich interpretiert, doch wenn dies von großen Philosophen geschah, erkannten sie meist bestimmte Verdienste. Marx schätzte in Hegels Theorie das revolutionäre Potenzial, Heidegger das Augenmerk auf das Phänomen des Seins, Gadamer die Dialektik von Frage und Antwort. Gemeinsam strebten alle drei an, die Weltgeschichte in einer global-evolutionären Perspektive darzustellen. Kritisiert wurde Hegel wegen Ignoranz gegenüber der menschlichen Existenz (Kierkegaard), wegen der Reduktion der Philosophie zur Dienerin des Staates (Schopenhauer), wegen Idealismus (Marx und Engels) und der Identifikation von Sein und Denken (Heidegger). Die Hegelsche Philosophie war keineswegs ohne Mängel; der gravierendste besteht vermutlich in dem Versuch, seine Dialektik gewaltsam den Teilwissenschaften aufzuzwingen. Er wollte die transdisziplinären Verbindungen der Philosophie und ihren Platz im System der Wissenschaften berücksichtigen, was ihm jedoch weitgehend misslang. Auch Hegels dialektische Logik wurde vielfach kritisiert; im stillen Wettstreit mit der mathematischen Logik ging sie oft als Verliererin hervor. Man kann folgern: Hegels dialektische Logik ist ein Schema, nach dem der Verlauf der Weltgeschichte im Einklang aller Erscheinungen interpretiert wird. Als solches Schema hat sie sowohl Stärken als auch Schwächen.

Karl Marx (1818–1883) erkannte Hegel bewusst als seinen Lehrer in der Dialektik an. In einem Brief an J. Dietzgen vom 9. Mai 1868, nach der Veröffentlichung des ersten Bandes seines Hauptwerks „Das Kapital“, schrieb Marx: „Wenn ich die ökonomische Last abwerfe, werde ich die ‚Dialektik‘ schreiben. Die wahren Gesetze der Dialektik sind bereits bei Hegel vorhanden – allerdings in mystischer Form. Es gilt, sie von dieser Form zu befreien.“ Nach Marx’ Tod versuchte Engels vergeblich, den von Marx versprochenen Aufsatz über den rationalen Inhalt von Hegels Methode zu finden. Jahrzehntelange Forschung legt nahe, dass Marx, nach seiner Umstellung vom Philosophen zum professionellen Politökonom, seine ursprüngliche wissenschaftliche Spezialisierung weniger streng verfolgte. Die Kontinuität von Marx’ und Hegels Ideen bedeutet jedoch keineswegs Identität. Marx strebte eine revolutionäre Wende in der Philosophie ebenso an wie Hegel, war jedoch Materialist und ein weltbekannter Verfechter revolutionärer Praxis.

Wir beabsichtigen nicht, Marx’ Werk ausführlich darzustellen. Stattdessen gehen wir direkt auf die Neuerungen ein, die seinen Ruf als Philosoph begründen. Selbst eine einfache Auflistung ist eindrucksvoll:

  • Materialistisches Verständnis der Geschichte als Wechsel der gesellschaftlich-ökonomischen Formationen.
  • Materialistisch interpretierte Methode vom Abstrakten zum Konkreten.
  • Lehre von der abstrakten Arbeit.
  • Lehre von der Entfremdung der Arbeit.
  • Lehre vom Mehrwert.
  • Kritik des Kapitalismus.
  • Schlussfolgerung über die Unvermeidlichkeit der sozialistischen Revolution.
  • Lehre von der Diktatur des Proletariats und ihrem anschließenden Absterben.
  • Verständnis der Theorie als Abbild der Realität in begrifflicher Form.
  • These von der Einheit von Theorie und revolutionärer Praxis als Kriterium ihrer Wahrheit.

Jede dieser Thesen könnte dutzende Seiten füllen. Im Rahmen des gewählten Genres beschränken wir uns auf einen Überblick und markieren Perspektiven für die folgenden Abschnitte. Dabei rückt die Frage nach dem Status der Theorie in den Vordergrund. Dies ist ein komplexes Thema, das in den Jahrhunderten vor dem 20. selten im Zentrum philosophischer Forschung stand. Die bemerkenswerteste Ausnahme bildet Kants Philosophie. Sein Augenmerk lag auf der Möglichkeit der Wissenschaften, vor allem Mathematik und Physik, nicht jedoch auf den Sozialwissenschaften. Es ist daher kaum verwunderlich, dass die Frage nach der Spezifität der Sozialwissenschaften im 20. Jahrhundert von herausragender Aktualität ist.

Es ist zu beachten, dass Kant die Grundlagen theoretischen Wissens detaillierter behandelte als Hegel und Marx. Dies hing in hohem Maße mit den Anforderungen der Mathematik und Physik zusammen. Marx’ zentrale Innovation, die abstrakte Arbeit, ist in modernen ökonomischen Theorien wie Neoklassik und Neokeynesianismus nicht präsent. Ökonomen verzichteten darauf, weil sie ohne sie effektivere Theorien entwickeln konnten. Dies zeigt, dass ökonomische Praxis die Abstraktion zwingt, die Realität der abstrakten Arbeit zu leugnen und damit die duale Natur der Arbeit im Produkt.

Der Leser mag unzufrieden sein, dass wir die Geschichte der ökonomischen Theorie als Beleg heranziehen. Dennoch ist der Hinweis auf den Status moderner ökonomischer Theorien bedeutsam. Zudem, um Zweiflern entgegenzukommen, sei ergänzt: Marx’ Hauptproblem als Theoretiker bestand darin, dass er den Wertbegriff nicht vollständig beherrschte. In den Sozialwissenschaften werden Werte nicht auf materielle Dinge reduziert. Freiheit der Rede existiert nicht als Ding, sondern als Wert, den Menschen einander zuschreiben. Ähnliches gilt für ökonomische Phänomene: Waren werden Werte zugeschrieben. Marx versuchte jedoch, soziale Realitäten in den Produkten der Arbeit selbst zu erkennen. Daher kam er zu dem Schluss, dass Substanz aller Produktionsverhältnisse die abstrakte Arbeit ist, also Arbeit, die in bestimmten Eigenschaften reduziert, aber dennoch in ihrem materiellen Dasein real ist. Dies bildet die Grundlage seines zentralen Fehlers. Doch selbst dieser Fehler mindert nicht seine Verdienste, insbesondere die Notwendigkeit der Kritik der bürgerlichen Gesellschaft, die Marx brillant durchführte. Wege zur Vertiefung dieser Errungenschaften werden in den folgenden Abschnitten behandelt.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 27/09/2025