Kontinentale Philosophie
Hermeneutik
Die Stellung der Hermeneutik in der modernen Philosophie
Gadamers ontologische Hermeneutik wird von Vertretern verschiedener philosophischer Richtungen unterschiedlich bewertet. Die Bandbreite dieser Meinungen ist sehr aufschlussreich. Ihre Analyse ermöglicht es, die Natur der Hermeneutik genauer zu bestimmen.
Die Hermeneutik von E. Betti
Der italienische Philosoph Emilio Betti (1890–1968) ist Autor zweier grundlegender Werke: „Allgemeine Theorie der Interpretation“ (1955) und „Hermeneutik als allgemeine Methodik der Geisteswissenschaften“ (1962). Letzteres erschien in deutscher Sprache mit dem offenen Ziel, die hermeneutische Vorrangstellung von Gadamers Theorie infrage zu stellen. Betti setzte die romantisch-idealistische Linie von F. Schleiermacher und W. Dilthey fort, die seiner Meinung nach von Gadamer nicht überwunden, sondern verzerrt worden sei. Betti plädierte für eine klare Trennung zwischen dem erkennbaren Objekt und dem erkennenden Subjekt. Das Objekt ist autonom und besitzt eine Bedeutung, die ihm sein Schöpfer verlieh. Alle seine Bestandteile sowie Teil und Ganzes sind kohärent miteinander (hierbei handelt es sich um den sogenannten hermeneutischen Zirkel). Der Interpret hingegen geht von seiner eigenen Lebenserfahrung aus, erreicht das Verständnis des Autors jedoch nur, wenn ihm Kongenialität gelingt. Heidegger und Gadamer neigten laut Betti zu unklaren hermeneutischen Formulierungen. Außerdem erkennen beide eine sogenannte Vorwegnahme des Sinns an, was dem Einbringen von Bedeutung ins Objekt gleichkommt, obwohl diese aus dem Objekt extrahiert werden sollte. Auf Bettis Kritik antwortete Gadamer, indem er ihn des unüberwundenen Psychologismus und der Reduktion der Hermeneutik auf Methodik bezichtigte, was ihrer Natur nicht entspricht.
Aus unserer Sicht erlaubt die Bewertung des jahrhundertelangen Weges der Weltphilosophie die Herausarbeitung von Argumenten, die die Überlegenheit der ontologischen Hermeneutik über die traditionelle (psychologische) Hermeneutik belegen. Es ist daher nicht überraschend, dass die überwiegende Mehrheit der Autoren Gadamer, nicht Betti, als die bedeutendste hermeneutische Figur des 20. Jahrhunderts ansieht. Dennoch muss anerkannt werden, dass Gadamers Distanzierung von der Methodik der Wissenschaften seine philosophische Position nicht stärkt und ihre mangelnde Konkretheit verdeutlicht.
Kritische Hermeneutik
Vertreter der Frankfurter Schule, J. Habermas und K.-O. Apel, denken ihre philosophischen Konstruktionen nicht ohne Gadamers Hermeneutik, die ihnen erlaubt, die Grundzüge der modernen Sprachphilosophie aufzuzeigen. Dennoch halten sie die ontologische Hermeneutik für problematisch: Erstens werde der kritischen Funktion der Sprache zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt, zweitens werde die Selbstreflexion des Subjekts vernachlässigt, und drittens werde die Aktualität sowohl der Wissenschaft im Allgemeinen als auch insbesondere der Sozialwissenschaften nicht ausreichend berücksichtigt. Sowohl Habermas als auch Apel waren detailliert über die ontologische Hermeneutik informiert. Auf Gadamers Empfehlung hin wurde Habermas 1961 an die Universität Heidelberg versetzt, wo er während seines dreijährigen Aufenthalts die Hermeneutik gründlich studierte. Apels erste Dissertation widmete sich Heideggers Werk, das er recht wohlwollend bewertete. Wie dem auch sei, die Frankfurter Schule stellte der ontologischen Hermeneutik ihre kritische Philosophie gegenüber, die im nächsten Abschnitt behandelt wird. In diesem Zusammenhang spricht man gelegentlich sogar von kritischer Hermeneutik. Dies ist jedoch nur zulässig, wenn man berücksichtigt, dass ihre kritische Alternative, im Gegensatz zur ontologischen Hermeneutik, ein Moment der Philosophie der Kritischen Theorie darstellt und keine eigenständige philosophische Richtung ist.
Gadamers Reaktion auf die Kritik seiner jüngeren Kollegen war recht scharf. Er warf ihnen vor, den Stil seiner Analyse nicht verstanden zu haben, der nicht in der Negation wissenschaftlicher Komponenten besteht, sondern in der Bestimmung ihrer Grenzen. Gadamer meinte, Apel und Habermas wollten „in der Wissenschaft unkritisch und subjektiv handeln“. Unkritisch, weil der Philosophie der Maßstab der Wissenschaft vorausgesetzt wird, gegen den keine Kritik erlaubt ist; subjektiv, weil die Selbstreflexion des Subjekts in den Vordergrund tritt. Gadamers Einwände wurden kaum ernsthaft aufgegriffen. Die Vielzahl kritischer Bemerkungen Gadamers zur Wissenschaft lässt sich nur schwer als wenigstens relative Anerkennung ihrer Berechtigung interpretieren.
Das Argument der Frankfurter, wonach der Hermeneutik ein kritischer Impuls fehle, ist schwer zu entkräften. Gadamer betonte, dass seine Gegner die praktische Anwendung von Wissen nicht berücksichtigten, in deren Verlauf sich gerade herausstellt, was akzeptabel und was inakzeptabel ist. Auf den ersten Blick ist dieses Argument stichhaltig, bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch seine Unzulänglichkeit. Um das Verhältnis von Tradition, deren Verständnis und Praxis zu erfassen, müssen konkrete Theorien miteinander verglichen werden. Dazu äußerte sich Gadamer im Wesentlichen nicht. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Tradition lassen sich nicht ohne detaillierte Analyse der Beziehung zwischen verschiedenen Theorien und deren Rangordnung verstehen. Erst dann kann festgestellt werden, welche Theorie in welchem Umfang akzeptabel ist.
Symbolische Hermeneutik von P. Ricœur
Außerhalb Deutschlands war das hermeneutische Erbe besonders in Frankreich von Bedeutung, vor allem verbunden mit Paul Ricœur (1913–2005). Es sei gleich angemerkt, dass der Einfluss der ontologischen Hermeneutik auf ihn gering war. Er ging seinen eigenen Weg, dessen Hauptmerkmal die Entwicklung einer hermeneutischen Variante von Husserls Phänomenologie war. Die radikale Ablehnung Husserls durch Heidegger und Gadamer war für Ricœur nicht akzeptabel. Außerdem unterscheidet er sich in mindestens zwei Punkten deutlich von Gadamer. Erstens legte er großen Wert auf die symbolische Analyse. Der Zugang zu Texten, fremdem Bewusstsein oder Tradition wird durch Symbole vermittelt, einschließlich der sprachlichen Symbole. Die Besonderheit der Symbole liegt in ihrer doppelten Bedeutung, die stets Konflikte der Interpretation erzeugt. Der späte Ricœur war der Ansicht, dass Verstehen vor allem durch Texte vermittelt wird. „Vor der Hermeneutik steht die doppelte Aufgabe: die innere Dynamik des Textes zu rekonstruieren und die Fähigkeit des Werkes wiederherzustellen, sich nach außen in einer Vorstellung von Welt zu projizieren, in der ich leben könnte.“ Ricœur wollte eine Hermeneutik entwickeln, die, indem sie Zugang zu allen Kulturbereichen erhält, weder die Genauigkeit der Wissenschaft noch die Metaphorik der Kunst vernachlässigt. Gleichzeitig hielt er sich von der Wissenschaft deutlich mehr Distanz, als von ihr nahestehenden kulturellen Bereichen, etwa der Theologie.
Gadamers Hermeneutik stieß in Frankreich auf eher kühle Aufnahme. Erst 1976 erschien eine Übersetzung seines Buches „Wahrheit und Methode“, jedoch in gekürzter Form. Geschätzt wurde hier nicht Gadamer, sondern Heidegger, insbesondere wegen seiner Idee der Destruktion. 1981 fand in Paris ein Treffen deutscher und französischer Philosophen statt, das durch die Auseinandersetzung zwischen Gadamer und dem Begründer des Dekonstruktivismus, J. Derrida, geprägt war. Auf den ersten Blick schien es dafür keinen Grund zu geben. Beide legten in ihrer Philosophie großen Wert auf Sprache und beschäftigten sich mit einem ähnlichen Problemkreis, den Heidegger initiiert hatte. Dennoch zeigte sich, dass Gadamer und Derrida in vielerlei Hinsicht auseinanderlagen.
Gadamer betrachtete die Textanalyse als hermeneutische Aktivität, die auf Verständigung zwischen Autor und Leser abzielt. Im Falle von Gadamers Ansatz würde der Dekonstruktivismus mit seinem Fokus auf Texten grundsätzlich ins Leere laufen. Derrida konnte dem natürlich nicht zustimmen. Die Teilnehmer des Treffens waren gespannt auf seine Reaktion auf Gadamers Vortrag, der auf einen Dialog mit dem Franzosen hoffte. Doch dieser Dialog fand nicht statt. Derrida stellte in betont höflicher Form drei kurze Fragen, die im Wesentlichen rhetorischen Charakter hatten. Ihr Sinn bestand darin, die Unmöglichkeit der Begründung der Rechtmäßigkeit von Verstehen und Einverständnis selbst aufzuzeigen. Das Subjekt kann anstelle von Verstehen und Zustimmung Unverständnis und Ablehnung wählen. Zudem hängt die Bedeutung eines Textes nicht nur von den Einstellungen der Interpretierenden ab. Der Dialog zwischen den Begründern der ontologischen Hermeneutik und des Dekonstruktivismus fand somit nicht statt. In beiden Richtungen ist die Bearbeitung ethischer Fragen unzureichend, was einen echten Dialog unmöglich macht.
Hermeneutik und analytische Philosophie
Lange Zeit hielten Vertreter der analytischen Philosophie die Hermeneutik für unwürdig ihrer Aufmerksamkeit. Die Situation änderte sich vor allem durch R. Rortys Neopragmatismus. In Anlehnung an Gadamer stellte er das Bildungserlebnis in den Mittelpunkt der Philosophie, nicht die Erkenntnistheorie. Hermeneutik „ist Ausdruck der Hoffnung, dass der kulturelle Raum, der nach dem Ende der Epistemologie verbleibt, nicht ausgefüllt wird, dass unsere Kultur eine solche wird, in der die Forderungen nach Gegensätzlichkeit und Zurückhaltung nicht mehr spürbar sind. Die Vorstellung, es existiere ein ständiges neutrales Gerüst, dessen ‚Struktur‘ von der Philosophie ausgedrückt werden kann, impliziert, dass Objekte dem Verstand widerstehen oder dass die Regeln, die die Forschung hemmt, für alle Diskurse, zumindest für jeden Diskurs zu einem bestimmten Thema, allgemein gelten. Der Kern der Epistemologie beruht somit auf der Annahme, dass alle Beiträge zu einem Diskurs vergleichbar sind. Hermeneutik ist weitgehend der Kampf gegen diese Annahme.“ Der Philosoph übernimmt die Rolle des Vermittlers zwischen verschiedenen Kulturen. Die neue Hermeneutik benötigt keine Erkenntnistheorie. Rorty eröffnete der analytischen Philosophie hermeneutische Perspektiven. Ihre Notwendigkeit wurde mit wachsender Aufmerksamkeit für das Phänomen Sprache und dessen Pragmatik gestärkt. Beide Themen stehen nicht nur in Gadamers Hermeneutik, sondern auch in den Arbeiten vieler amerikanischer Autoren im Mittelpunkt. Sie streben zunehmend eine Konvergenz von Hermeneutik und analytischer Philosophie an, besonders deutlich in den Arbeiten von J. McDowell und D. Davidson. Dabei entwickeln amerikanische Autoren die hermeneutischen Ideen meist unabhängig von Gadamer.
Interpretationismus von H. Lenk und G. Abel
Ein angrenzendes Gebiet zur Hermeneutik ist der sogenannte Interpretationismus. Eine der markantesten Varianten ist in den Arbeiten der deutschen Philosophen H. Lenk und G. Abel zu finden. Beide sehen sich nicht als Hermeneuten, betrachten Verstehen jedoch als Interpretation. Sie halten die ontologische Hermeneutik für zu eng, da sie sich auf Sprache beschränkt und Erkenntnis und menschliches Handeln ausklammert. Beide streben an, das Potenzial der deutschen Philosophie mit den Errungenschaften der analytischen Philosophie, insbesondere des amerikanischen Pragmatismus, zu verbinden. Abel orientiert sich dabei an der Philosophie Nietzsches, von der er ein Kenner ist. Nietzsche hatte erklärt: „Es gibt keine moralischen Tatsachen, nur moralische Interpretation dieser Tatsachen.“ In diesem Geiste betonte Abel wiederholt: „Alles ist Interpretation.“ Lenk ergänzt, dass Interpretation den Zugang zu Erkenntnis, Sprache und Praxis öffnet, diese aber nicht darauf reduziert.
Lenk stützt sich auf Kants kreatives Erbe, insbesondere auf dessen Konzept der transzendentalen Schemata. Seine Hauptlinie lautet: Als pragmatisches Wesen kann der Mensch nur bestehen, wenn er seine kreative Vorstellungskraft einsetzt. Dadurch entwickelt er Interpretationsmuster, also Schemata, die sich im Verlauf seines Lebens modifizieren. Der pragmatische Verstand ist zugleich erkennend; der Mensch konstruiert die Bedingungen seiner Erkenntnis. Aufgrund dessen charakterisiert Lenk seinen Interpretationismus oft als transzendental, da er die Herkunft der Erkenntnisprinzipien und deren konstruktive Umsetzung erklärt.
Sowohl Abel als auch Lenk heben unterschiedliche Ebenen der Interpretation hervor. Abel betrachtet sie in den Bereichen Denken, Sprache und Handeln. Lenk unterscheidet sechs Stufen der Interpretation: 1) praktisch unveränderliche (meist primitive), 2) gewohnheitsmäßige, 3) kulturell und sozial bedingte, 4) bewusst für Klassifikation und Beschreibung gebildete, 5) theoretisch begründete „verstehende“, 6) erkenntnistheoretische (methodologische) Stufen.
Derzeit befindet sich der Interpretationismus im Kampf um Anerkennung als eigenständige philosophische Richtung.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Hermeneutik wesentliche Aspekte der modernen Weltphilosophie repräsentiert. Daher ist ihre Divergenz für alle Hauptströmungen der Philosophie wünschenswert. Ob sie ihre Eigenständigkeit als eigene philosophische Richtung bewahren oder von benachbarten Strömungen absorbiert wird, wird die Zukunft zeigen. Gadamer gelang es, die zentralen hermeneutischen Ideen am eindrucksvollsten darzustellen. Doch seine Hermeneutik ist nur eine Phase in der Entwicklung der Philosophie, die leider erhebliche Mängel aufweist. Die Hauptmängel der ontologischen Hermeneutik sind das distanzierte Verhältnis zur Wissenschaft und die unzureichende Analyse der Natur sprachlicher Konstruktionen. Der erste Mangel wurde weitgehend von späteren Vertretern der Frankfurter Schule überwunden, der zweite von den Poststrukturalisten. Diese philosophischen Richtungen werden in den folgenden Kapiteln behandelt.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 27/09/2025