Neopositivismus: M. Schlick, R. Carnap, H. Reichenbach - Wissenschaftliche Theorien und ihre Dynamik - Analytische Philosophie
Gegenwartsphilosophie - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Analytische Philosophie

Wissenschaftliche Theorien und ihre Dynamik

Neopositivismus: M. Schlick, R. Carnap, H. Reichenbach

Die ursprüngliche Orientierung der analytischen Philosophie am wissenschaftlichen Wissen führte zwangsläufig zu einem gesteigerten Interesse am Status wissenschaftlicher Theorien. In dieser Hinsicht waren Moore, Frege, Russell und Wittgenstein eher wortkarg. In ihren Arbeiten erhielt die Problematik wissenschaftlicher Theorien, wenn überhaupt, nur eine erste Bearbeitung. Den Neopositivisten hingegen kam sie zentrale Bedeutung zu.

Der sogenannte Neopositivismus (Neupositivismus) stellt eine weitere glänzende Etappe in der Entwicklung der analytischen Philosophie dar. Beginnend mit dem Jahr 1922, dem Gründungsjahr des sogenannten Wiener Kreises, und bis in die 1960er Jahre hinein war der Neopositivismus ein grundlegendes Element der gesamten analytischen Philosophie. Er ergänzte nicht nur die logizistischen Grundlagen, die vor allem von Frege und Russell entwickelt wurden, sondern opponierte ihnen in gewissem Maße auch. Während die Gründer der analytischen Philosophie Logiker waren, waren die Hauptvertreter des Neopositivismus – Maurice Schlick (1882–1932), Hans Reichenbach (1891–1953) und insbesondere Rudolf Carnap (1891–1970) – ursprünglich Physiker mit fundierter Ausbildung. Reichenbach erhielt seine Professur auf Empfehlung von Albert Einstein. Carnap begann und beendete seine wissenschaftliche Karriere mit physikalischen Arbeiten, etwa „Raum“ (1922) und „Philosophische Grundlagen der Physik“ (1966). Schlick, der aus Kiel nach Wien berufen wurde, übernahm einen Lehrstuhl, der zuvor von Ernst Mach und dem bedeutenden Physiker Ludwig Boltzmann geleitet worden war, deren physikalisch-philosophische Tradition er fortführte und bis zu seinem tragischen Tod geistiger Führer des Wiener Kreises blieb.

Von den Neopositivisten waren zwei Neuerungen zu erwarten. Einerseits mussten sie die Philosophie in den Kontext physikalischer Theorien einordnen. Andererseits sollten sie den Inhalt der Physik selbst klären. Dies geschah auch: Als Physiker konnten sie sich mit der Position der Logiker in der Philosophie nicht zufriedengeben. Sie respektierten Frege und Russell, wollten die Philosophie jedoch nicht auf logische Sprachanalysen reduzieren. Ihr Interesse galt stärker dem Empirismus, der für die meisten Physiker typisch war. Daraus ergibt sich, dass es unzulässig ist, Neopositivismus mit dem logischen Positivismus gleichzusetzen. Neopositivismus ist eine empirisch orientierte analytische Philosophie. Dabei ist empirische Orientierung nicht mit Empirismus zu verwechseln. Empirizismus und Empirismus sind verschiedene Dinge: Anders als der Empirismus zielt der Empirizismus weniger auf die Absolutsetzung des Experiments zulasten der theoretischen Reflexion, sondern auf ein tiefes Verständnis dieser Sphäre. Die Harmonie zwischen Theorie und Experiment ist leicht zugunsten des Experiments verschoben, aber nicht entscheidend. Theoretische und empirische Wissensebenen stehen nicht im Widerspruch, sondern werden miteinander in Beziehung gesetzt.

Zu Beginn ihrer Tätigkeit zeigten die Neopositivisten Respekt gegenüber Wittgenstein, ihr Interesse an ihm ließ jedoch nach. Wittgenstein war für sie relevant, weil er die logischen Konstruktionen von Frege und Russell eng mit der Korrespondenztheorie der Wahrheit verknüpfte. Für Physiker wie die führenden Neopositivisten war die Frage der Wahrheit prioritär, doch Wittgenstein war ihnen in physikbezogenen Fragestellungen nicht ebenbürtig.

Die Neopositivisten waren überzeugt, einen wesentlichen Beitrag zu dem philosophischen Wandel zu leisten, dessen Zeugen und Teilnehmer sie waren. Sie sahen dessen Kern in der Umwandlung der Philosophie in eine wissenschaftliche Disziplin. „Der Wandel wurde durch die Logik angestoßen und gerade dadurch möglich“, bemerkte Schlick, „doch im Kern geht es um etwas Tieferes: um die Natur der Logik selbst.“ Streng genommen stellten alle bedeutenden Neopositivisten die Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und wissenschaftlicher Philosophie in den Mittelpunkt ihrer Forschung. Was ist echte Wissenschaft? Was ist echte Philosophie? Ihnen wurde oft Wissenschaftsgläubigkeit vorgeworfen, also die Absolutsetzung der Wissenschaft und Reduktion der Philosophie auf sie. Dies ist ein Missverständnis. Schlick betrachtete Philosophie nicht zufällig als „Alpha und Omega allen wissenschaftlichen Wissens“. Es ging nicht um Ablehnung der Philosophie, sondern um ihre Transformation in eine wissenschaftliche Unternehmung, die beliebige Spekulationen, gleichgesetzt mit Metaphysik, ausschloss. Jede Simulation authentischen philosophischen Wissens wurde rigoros abgelehnt.

Das Ziel der Neopositivisten war die Transformation der gesamten Philosophie. Sie strebten nach einer einheitlichen Wissenschaft – weniger war für sie nicht akzeptabel. Der Inhalt des von Carnap, Reichenbach und Neurath verfassten Manifests des Wiener Kreises (1929) „Wissenschaftliche Weltauffassung“ zeigt, dass die Führer dieser neuen Richtung den Stand zahlreicher problematischer Wissensbereiche berücksichtigten, darunter die Grundlagen der Arithmetik, Physik, Geometrie sowie Biologie, Psychologie und soziale Wissenschaften. Dominierend war jedoch das Interesse an den Naturwissenschaften, insbesondere der Physik. Der Status der Physik unterscheidet sich jedoch wesentlich vom Status der Logik.

Vertreter jeder Wissenschaft stimmen zu, dass sie die Gesetze der Logik nicht verletzen dürfen. Aber insbesondere in den Geisteswissenschaften wird kaum jemand gleichermaßen zustimmen, dass man sich an der Physik orientieren sollte. Mit dieser Bemerkung soll betont werden, dass die Neopositivisten, um ihre Vision einer einheitlichen Wissenschaft zu realisieren, ihre physikalische Kompetenz in allgemeinphilosophischer Form darstellen mussten. Die Berechtigung einer solchen Aktion war keineswegs selbstverständlich. Welche Probleme stellten die Neopositivisten der philosophischen Gemeinschaft als vorrangig dar? Diese seien im Folgenden aufgeführt.

Probleme Autoren Grundlage der Problemstellung
Basisbestandteile des Wissens M. Schlick Im Widerstand gegen die Metaphysik musste ein fester Halt in Form von Basisbestandteilen des Wissens gefunden werden
Problem der Wahrheit und Verifizierbarkeit M. Schlick Ohne Lösung der Wahrheitsfrage kann die Simulation von Theorien nicht bewältigt werden
Unterscheidung analytischer und synthetischer Sätze R. Carnap Bei der Analyse des Wissenschaftsinstituts muss die Spezifik heterogener Wissensformen berücksichtigt werden
Logik des induktiven Verfahrens R. Carnap Der Sinn des induktiven Verfahrens muss wissenschaftlich verstanden werden
Festlegung von Korrespondenzregeln zwischen Theorie und Experiment R. Carnap, H. Reichenbach Korrespondenzregeln sollen theoretisches und experimentelles Wissen vereinigen
Bestimmung der Willkürlichkeitspunkte von Theorien H. Reichenbach Es geht um das Verständnis des tatsächlichen wissenschaftlichen Status des Konventionalismus
Kausalität als Modalität H. Reichenbach Das Problem der Kausalität muss wissenschaftlich verstanden werden

Der Wunsch, Philosophie auf wissenschaftliche Gleise zu setzen, führte die Neopositivisten zur Suche nach Wissenselementen, die von allen Wissenschaftlern als verlässlich anerkannt wurden – als Basisbestandteile. Zunächst herrschte der Einfluss von Ernst Mach, dem geistigen Vater des Wiener Kreises, vor. Mach war erster Leiter des Lehrstuhls für induktive Wissenschaften, den Schlick in der Blütezeit des Neopositivismus übernahm. Mach betrachtete Empfindungen als Basisbestandteile des Wissens. Dieser Gedankengang wurde von den Neopositivisten überprüft, insbesondere von Carnap in seinem frühen Werk „Der logische Aufbau der Welt“ (1928). Ausgehend von psychisch Gegebenem rekonstruierte er mittels Sätzen die Logik der Welt. Dieses Projekt führte zu keinem nennenswerten Erfolg und entsprach nicht der zentralen Intention der analytischen Philosophie, die Befreiung von unkritischem Psychologismus.

Als Carnap den Fehler seines Ansatzes erkannte, wandte er sich der logisch-syntaktischen Analyse der Sprache zu. Es dauerte einige Jahre, bis er vom logischen Syntaxansatz zur logischen Semantik überging. Warum versuchte Carnap mehr als zehn Jahre lang, den syntaktischen Ansatz durchzuführen? Zwei Gründe: Erstens orientierte er sich an der Logik, die er als syntaktisch betrachtete. Zweitens war die logische Semantik in den frühen 1930er Jahren noch in den Anfängen. Carnap verfügte streng genommen nur über die logische Syntax. Alles andere erschien ihm unsicher. Auf der Grundlage der logischen Syntax befürwortete Carnap die Kohärenztheorie der Wahrheit: Ein Satz ist wahr, wenn er mit anderen Sätzen übereinstimmt; die protokollarischen Sätze, also die Aufzeichnungen experimenteller Daten, wurden als grundlegend angesehen.

Im Gegensatz zu Carnap konzentrierte Schlick seine Aufmerksamkeit weniger auf logische Feinheiten beim Aufbau der Wissenschaften, sondern auf das Verhältnis theoretischer Sätze zu protokollarischen Sätzen, die er ebenfalls als Basisbestandteile betrachtete. Es galt, das echte Fundament der Verlässlichkeit wissenschaftlichen Wissens zu finden. Die logische Einbettung der Wissenschaft hatte auch auf ihn Wirkung: Er verstand, dass bei der Bestimmung der wissenschaftlichen Wahrheit Sätze mit Sätzen verglichen werden müssen. Doch dieses Verhältnis allein liefert kein Kriterium für die zuverlässigsten Sätze. Solche Sätze müssen jedoch existieren. Schlick erkannte, dass allen theoretischen Sätzen ein hypothetischer Charakter anhaftet. Die Lösung sah er darin, wissenschaftliche Sätze zu rangieren, sodass nicht mehr behauptet werden konnte, alle Sätze seien gleichwertig. Zweitens sah er, dass bei der Rangierung der Sätze der Zustand der Realität berücksichtigt werden muss. „Das Problem der Basis verwandelt sich automatisch in das Problem des unzweifelhaften Treffpunkts von Erkenntnis und Realität.“ Am nächsten an der Realität liegen die Basisbestandteile. Dieser Treffpunkt entsteht, wenn theoretische Sätze überprüft oder verifiziert werden – sie werden bestätigt oder widerlegt. Schlick erkannte, dass die Wissensdynamik allen wissenschaftlichen Sätzen, auch den Basisbestandteilen, ihre Prägung verleiht. Dennoch bleibt die Notwendigkeit der Begegnung von Wissenschaft und Realität bestehen. Daraus folgt: Basisbestandteile bilden das Fundament der Erkenntnis. Schlick gilt zu Recht als führender Verifikationist unter den herausragenden Neopositivisten. Der Schlüssel zur Bestimmung der Wahrheit eines Satzes ist das Verifikationsprinzip: Ein Satz ist wahr, wenn er mit den Basisbestandteilen übereinstimmt.

Nachdem Carnap die Relevanz des Verifikationsprinzips anerkannt hatte, wandte er sich der Semantik zu – sowohl der logischen als auch der physikalischen. Einerseits folgte er der physikalischen Semantik von Schlick, andererseits der logischen Semantik von Tarski. Besonders aufmerksam widmete er sich nun a) der Frage der Unterscheidung analytischer und synthetischer Sätze, b) der Entwicklung theoretischer Sätze mittels des induktiven Verfahrens, und c) den Regeln für den Übergang von theoretischen Sätzen zu Sätzen, die experimentelle Daten festhalten.

Die Frage nach dem Status analytischer und synthetischer Sätze war für Analytiker von zentraler Bedeutung. Sie erkannten, dass der wissenschaftliche Kontext der Philosophie nicht allein durch Logik erschöpft wird, und mussten daher den Status von Sätzen nicht nur in der Logik, sondern auch in anderen Wissenschaften berücksichtigen. In diesem Zusammenhang wurde die Unterscheidung aller wissenschaftlichen Sätze in analytische und synthetische Sätze eingeführt. Ein analytischer Satz ist per Definition eine Aussage, die aufgrund der Bedeutung ihrer Bestandteile wahr ist. Beispiel: „Alle unverheirateten Männer sind nicht verheiratet.“ Ein Satz gilt als a priori, wenn seine Wahrheit ohne Rückgriff auf Erfahrung festgestellt werden kann; andernfalls ist er a posteriori. Ein Satz ist logisch, wenn er ausschließlich aus logischen Begriffen besteht, und synthetisch, wenn seine Wahrheit nur durch Bezug auf Erfahrung bestimmt werden kann. Beispiel für einen synthetischen Satz: „Auf dem Tisch liegen zwei Äpfel“ (es könnten auch mehr oder weniger sein).

Analytische Philosophen sehen in Kant einen Vorläufer der Diskussion über analytische und synthetische Sätze, da er die Sätze der Wissenschaft als a priori synthetisch ansah. Diese Position ist jedoch nicht einwandfrei: Kant meinte, jede Wissenschaft, einschließlich Mathematik und Physik, bestehe aus a priori synthetischen Sätzen. Die Prinzipien der Wissenschaft seien a priori, andere wissenschaftliche Aussagen, die zu den Prinzipien hinzukommen, ebenfalls a priori synthetisch. Analytische Philosophen gehen die Frage anders an: Ihnen geht es weniger um die Unterschiedlichkeit des Wissens innerhalb einer Wissenschaft, sondern um die Differenz zwischen Wissenschaften. Logik und Mathematik gelten als analytische Disziplinen, Physik hingegen als synthetisches Wissen.

Es ist zu beachten, dass der häufige Gebrauch der Begriffe „analytischer Satz“ und „synthetischer Satz“ zu Missverständnissen führen kann. Leser philosophischer Texte könnten den Eindruck gewinnen, dass es sich hierbei um grundlegende philosophische Verallgemeinerungen handelt. Im Sinne der analytischen Philosophie sollte jedoch sorgfältig vermieden werden, Begriffe zu verwenden, die nicht klar an konkrete Wissenschaften gebunden sind. Aussagen über analytische Sätze bleiben rätselhaft, bis klar wird, dass es sich im Wesentlichen um Aussagen der Logik und Mathematik handelt.

Eine weitere Neuerung Carnaps war die Einbeziehung des induktiven Verfahrens in den logisch-wissenschaftlichen Kontext. Darunter verstand er die Methode des Übergangs von singulären Aussagen zu allgemeinen (wissenschaftlich-theoretischen) Aussagen. Das induktive Verfahren wurde systematisch von den englischen Philosophen F. Bacon (17. Jh.) und J. S. Mill (19. Jh.) entwickelt. Doch selbst Mill gelang es nicht, eine induktive Logik zu entwickeln – eine Leistung, die Carnap realisierte. In der induktiven Logik folgt die Schlussfolgerung aus den Prämissen nicht notwendigerweise, wie bei deduktiven Schlüssen, sondern nur mit gewisser Wahrscheinlichkeit. Induktive Logik „drückt das logische Verhältnis zwischen dem Satz, der das Zeugnis formuliert, und dem Satz, der die Hypothese formuliert, aus.“ Carnap widersprach denen, die meinten, Induktion könne nicht logisch dargestellt werden (wie M. Schlick und besonders K. Popper). Wer diesen Standpunkt vertritt, reduziert den wissenschaftlichen Entdeckungsprozess auf psychologische Vermutungen. Ein konsequenter Logizist kann dies nicht akzeptieren: In der Wissenschaft darf nichts geschehen, was der Logik entzogen ist.

Nach Carnap ist ein Aufstieg von singulären zu universellen theoretischen Sätzen möglich. Bei Verifikation besteht die Aufgabe darin, Regeln für die Korrespondenz zwischen diesen Satzarten festzulegen. Korrespondenzregeln verbinden theoretische Begriffe mit empirischen, messbaren Begriffen. Carnap folgte in diesem Punkt der Auffassung des englischen Philosophen F. Ramsey, dass eine Zuordnung zwischen theoretischen und beobachtbaren Begriffen möglich ist. Dieser Prozess erfolgt schrittweise: Theoretische Begriffe wie Temperatur oder Druck werden durch Variablen ersetzt; mittels Allquantoren und Existenzquantoren wird eine Verbindung zwischen Variablen hergestellt; Variablen werden durch individuelle Konstanten ersetzt, die als Beobachtungsbegriffe gelten. „Ramseys bemerkenswerte Intuition erkannte, dass der Inhalt der Beobachtungen alles enthält, was notwendig ist, damit die Theorie als Theorie funktioniert, d.h. bekannte Fakten erklärt und unbekannte Fakten vorhersagt.“ Verschiedene Neopositivisten wie H. Reichenbach, W. Craig und C. Hempel entwickelten unterschiedliche Konzepte zur Korrespondenz zwischen theoretischen und beobachtbaren Begriffen. In allen Fällen wurde betont, dass theoretische Begriffe keinen metaphysischen Rest hinterlassen. Nach Schlick bilden letztlich Beobachtungssätze, also Sätze über Messergebnisse, das Fundament der Erkenntnis.

Moderne Autoren sprechen weniger von Korrespondenzregeln als von der Notwendigkeit, Theorien im Hinblick auf die untersuchten Phänomene zu interpretieren. Eine interpretierte Theorie ist ein Modell der Phänomene, dargestellt durch eine Menge von Sätzen, deren Wahrheit oder Falschheit auf Grundlage der Messdaten überprüft wird. Die Struktur der Wissenschaft gestaltet sich somit folgendermaßen:

Struktur der Wissenschaft

Einen wichtigen Beitrag zum Verständnis des Verhältnisses von theoretischer und experimenteller Erkenntnis leistete H. Reichenbach. Mit seiner herausragenden physikalischen Kompetenz identifizierte er problematische Aspekte physikalischer Theorien, die zuvor unbekannt waren. Philosophisch besonders relevant war seine Einführung der metrischen koordinativen Definition in die Wissenschaft. Reichenbachs Hauptidee bestand darin, dass empirische Beziehungen untrennbar mit bestimmten Definitionen verbunden sind, insbesondere mit der Wahl von Maßeinheiten wie Meter und Sekunde.

Bei der Längenmessung wird ein Standardmeter angenommen. Die Messung setzt voraus, dass ein Meter an jedem Ort gleich ist. Dies nennt Reichenbach die Bedingung der Kongruenz: Werden an zwei Orten Meterstäbe verwendet, stimmen sie beim Vergleich überein. Ohne Kongruenzbedingung ist Messung unmöglich. Die Annahme setzt ein starres Körperkonzept voraus – ein Körper, der nicht durch die im Experiment festgestellten Differenzialkräfte beeinflusst wird. Reichenbach führte zudem das Konzept universeller Kräfte ein: Diese wirken gleichmäßig auf alle Materialien, haben keine isolierenden Barrieren und werden experimentell nicht registriert.

Reichenbach analysierte sorgfältig das Verhältnis von Geometrie und Physik. In Einsteins Allgemeiner Relativitätstheorie wird nicht-euklidische Geometrie verwendet. Es gab Vorschläge, u. a. von Poincaré, euklidische Geometrie zu verwenden, was Vorteile bringen könnte, da sie einfacher ist. Konventionalisten argumentieren, dass die Wahl der Geometrie dem Forscher obliegt. Reichenbach stimmte zu, zeigte jedoch, dass diese Wahl nicht beliebig ist. Die Wahl der euklidischen Geometrie führt zum „Gespenst“ universeller Kräfte. Für die Allgemeine Relativitätstheorie ergeben sich somit zwei grundsätzlich unterschiedliche Situationen:

A: euklidische Geometrie + Physik + universelle Kräfte
B: nicht-euklidische Geometrie + Physik

Reichenbach schlug vor, die universellen Kräfte zu eliminieren. Dann wird der Status der physikalischen Geometrie nicht beliebig, sondern durch Messergebnisse bestimmt. Er gelangte zu dem bedeutenden Schluss: „Die Befreiung von der Willkürlichkeit der Beschreibung der Natur erfolgt nicht durch naive absolute Verneinung, sondern nur durch Anerkennung und Bestimmung der Willkürpunkte. Der einzige Weg zu objektiver Erkenntnis führt über das Bewusstsein der Rolle der Subjektivität in unseren Forschungsmethoden.“ Ebenso unzureichend ist es, Willkürpunkte anzuerkennen, ohne die philosophischen Grundlagen wissenschaftlicher Theorien zu analysieren.

Die Analysen Reichenbachs zum Verhältnis von Geometrie und Physik zeigen, dass bestehende Willkürpunkte eliminiert werden können. Die Situation bezüglich der Gleichzeitigkeit in der Speziellen Relativitätstheorie ist jedoch widersprüchlicher. Reichenbach zeigte, dass auch hier ein Element der Willkür verbleibt. Durch seine Kausaltheorie der Zeit versuchte er, die Gleichzeitigkeit auf physikalische Kausalzusammenhänge zurückzuführen, doch eine eindeutige Definition der Gleichzeitigkeit gelang ihm nicht. Somit bleibt in der Theorie, hier speziell in der Speziellen Relativitätstheorie, ein Rest von Willkür. Physikalische Messungen allein können diesen nicht eindeutig ausschließen. Die Relevanz des Problems ist unbestritten: Theorienanalyse sollte die Willkürpunkte identifizieren und ihren Status bestimmen – ein Weg, die Oberflächlichkeit bei der Bewertung wissenschaftlicher Theorien zu überwinden.

Aus Sicht des neopositivistischen Ideals ist Reichenbachs Forschung exemplarisch: philosophische Gründlichkeit verbindet sich mit außergewöhnlicher physikalischer Kompetenz. Leitgedanke aller herausragenden Neopositivisten war, dass Gegenstände wissenschaftlich bearbeitet werden müssen, um konzeptionelle Oberflächlichkeit zu überwinden. Dies gelang nicht immer vollständig, schmälert aber nicht das Projekt.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 27/09/2025