Rekursivität in psychischer und kollektiver Individuation - Das organisierende Anorganische
Rekursivität und Kontingenz - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Das organisierende Anorganische

Rekursivität in psychischer und kollektiver Individuation

Die allgemeine Allagmatik ist das Denken, das in Simondons Theorie der Individuation eine zentrale Rolle spielt. Die Umkehrung von Operation in Struktur und Struktur in Operation erfordert eine Genese, an der beide beteiligt sind. Individuation ist ein rekursiver Prozess, dessen Dynamik durch Reziprozität (in den Beziehungen zwischen Teilen) und Holismus (auf der Ebene des Ganzen) gekennzeichnet ist.

Hier wollen wir folgende Fragen aufwerfen: Welche Rolle spielt die Technik in diesem allagmatischen Denken? Wie verhält sich Kontingenz zur Technik? „Individuation im Lichte der Begriffe von Form und Information“ ist der Versuch, die Frage des Seins und Werdens im Licht einer neuen Epistemologie, vorgeschlagen durch die Kybernetik, neu zu betrachten. Doch handelt es sich hierbei noch nicht um eine organologische Abhandlung, sondern um Philosophie der Natur; das Verhältnis von Maschinen und Mensch sowie von Maschinen und Welt wird hier noch nicht untersucht.

Wir nehmen an, dass das eigentliche organologische Denken von Simondon nicht in „Individuation“ entwickelt wurde, sondern in „Über die Existenzweise technischer Objekte“, während es in der ersten Schrift, seiner Hauptdissertation, kaum sichtbar ist, da Technik dort noch nicht Gegenstand seiner Theorie der Individuation war (physische Substanz, Lebewesen und psychische Existenz). Dieses Denken ist in zweierlei Hinsicht organologisch. Erstens wird Technik als apriori verstanden, die a posteriori wird: etwa ist das Gedächtnis empirisch und damit a posteriori; sobald jedoch eine Erinnerung gespeichert ist, wird sie apriori, da sie nun zur Bedingung neuer Erfahrungen wird. Zweitens existiert zwischen Individuum und Kollektiv ein organisches Ganzes, sodass sie untrennbar sind, wie Fisch und Wasser; diese organische Beziehung von Teil und Ganzem ist Bedingung für die Theorie der Individuation.

Wir wollen nun die Rolle der Rekursivität im allagmatischen Denken Simondons bestimmen, deren Hauptbeispiel die Individuation ist. Die Individuation des Menschen lässt sich als Operation (Kommunikation und Wechselwirkung) zwischen zwei Realitäten oder Strukturen – Psyche und Kollektiv – unter Einwirkung einer spezifischen Problematik verstehen. Die Lösung der Problematik sollte als Ende oder Telos betrachtet werden.

Simondon weist darauf hin, dass sowohl Psychologismus als auch Soziologismus einen grundlegenden Fehler begehen, indem sie versuchen, diese beiden Realitäten zu substanzialisieren und als Gegensätze aufeinanderprallen zu lassen. Eine Analyse, die an einem dieser Pole beginnt, stößt auf ihre Grenzen. Diese Tendenz zur Substanziierung rührt aus dem Wunsch, die menschliche Essenz zu verstehen. Psychologismus nimmt an, dass das Soziale Projektion der inneren Aktivität des Individuums sei, berücksichtigt jedoch nicht die Widersprüche innerhalb des Individuums. Soziologismus hingegen sieht von außen das Individuum als Produkt, berücksichtigt aber nicht dessen Aktivität.

Für Simondon sind individuelles und soziales Sein keine substanziellen Realitäten, sondern Ansammlungen von Beziehungen. Individuation ist gleichzeitig psychisch und kollektiv, das heißt, das Psychische kann nicht vom Kollektiven getrennt werden, da es immer schon transindividuell ist. Dieses transindividuelle Verhältnis eines Lebewesens zeigt sich in der Interaktion von Wahrnehmung und Handlung, wobei die Problematik meist durch affektive Intervention gelöst wird. Das Psychische greift ein, wenn die Affektivität die Problematik nicht lösen kann und ihre zentrale Rolle abgeben muss.

Psychische Problematik kann auf der „infraindividuellen Ebene“ keine Lösung finden, da „das psychische Leben vom Voreinzelnen zum Kollektiven geht“. Um dies zu verdeutlichen, betrachten wir Einsamkeit: Sie ist keine Trennung von allen Beziehungen zur Welt, sondern transindividuell, da sie stets nach dem Äußeren sucht, ohne das sie bloße Isolation wäre. „Der wahre Individuum ist der, der die Einsamkeit durchlebt hat; jenseits der Einsamkeit erkennt er die Existenz transindividueller Beziehungen.“

Simondon illustriert dies mit dem Beispiel des Seiltänzers aus Nietzsches „Also sprach Zarathustra“, den die Menge nach seinem Sturz liegen ließ. Zarathustra, der an ihm hängt, beschließt, den Leichnam zu begraben. Simondon schreibt: „Aus dieser Einsamkeit, wenn Zarathustra vor dem verstorbenen Freund steht, beginnt die Prüfung der Transindividualität.“ Begegnung oder das außergewöhnliche Ereignis markiert den Beginn der Entdeckung transindividueller Beziehungen, die zur neuen Individualität führen.

Diese Transindividualität besteht aus zwei Polen: Interiorität und Exteriorität, zusammengesetzt durch rekursive Bewegung – Interiorisierung des Äußeren und Exteriorisierung des Inneren. Wie beim Gedächtnis wird das A-posteriori apriori, nicht im strengen transzendentalen Sinn, sondern als Bedingung oder Selektionskriterium. Physische und kollektive Individuation erfolgen durch diese Rekursivität; so wird deutlich, dass das Kollektive nicht vom Psychischen getrennt werden kann und umgekehrt.

Das rekursive Modell drückt psychische und kollektive Individuation besser aus als der Kristallisationsprozess, den Simondon zur Beschreibung physischer Individuation verwendet. Die Analogie zur Kristallisation ist begrenzt, da physische Objekte wie Kristalle oder übersättigte Lösungen weniger Potenz besitzen, während Handlung oder Bewegung eine zentrale Rolle in psychischer und kollektiver Individuation spielt. Anders als eine Lösung sucht das psychische Wesen ständig nach Informationen, die notwendig sind, um Entropie zu erhalten oder zu verringern, ein Überschuss, eine Ekstasis im Sinne Heideggers.

Die Elemente der Kristallisation bleiben jedoch bedeutend: das Voreinzelne (die Realität, in der Individuation stattfindet), die Spannung innerhalb des individuierenden Systems (Desimilarisierung) und Metastabilität (Indikator für Problemlösung). Das Voreinzelne ist eine unerschöpfliche Realität, die stets Hintergrund der Individuation bleibt, analog zur natura naturans Schellings, die unendliche Produktivkraft der Natur bezeichnet. Individuation impliziert stets das Voreinzelne, das als Potentialität im Individuum existiert.

Simondon identifiziert das Voreinzelne mit den Begriffen der ionischen Philosophen, insbesondere mit Anaximanders άπειρον. Das Voreinzelne ist keine Ursache, sondern Potential oder Ressource, durch die die Trajektorie von Ursache zu Wirkung aktualisiert wird. So führt eine übersättigte Lösung, geladen mit Potential, nicht direkt zur Kristallisation; diese erfolgt vielmehr durch ein kontingentes Ereignis, etwa Erhitzen. Das Voreinzelne ist mehr als Einheit und Identität – es ist ein verborgener Überschuss.

Information, rekursiv und kontingent, ist Bedingung der Individuation, unterscheidet sich von Energie und Materie und trägt Bedeutung, die Systeme nicht ignorieren können. Ein technisches Objekt trägt Information, wenn es transindividuelle Beziehungen zwischen psychischen Individuen ermöglicht. Bücher, die weitergegeben werden, bilden so ein Kollektiv. Verwendet man sie zweckentfremdet, verlieren sie Information und transindividuelle Beziehung.

Simondon schreibt: „Das technische Objekt, in seiner Essenz genommen, wie es der menschliche Subjekt erfunden, gedacht, gewollt und akzeptiert hat, wird zur Stütze und zum Symbol der Beziehung, die wir transindividuell nennen möchten.“ Technische Objekte tragen somit zur Individuation bei, indem sie zwischenmenschliche Beziehungen modellieren und die transindividuellen Fähigkeiten vieler Subjekte koppeln.

Dieses organologische Denken, das psychische und kollektive Individuation umfasst, zeigt, dass die Evolution technischer Objekte das Theater der Individuation kontinuierlich verändert und neu gestaltet. Kybernetik führte durch Feedback und Information neue kognitive und soziale Organisationsformen ein. Simondon verknüpft technische Elemente, Individuen und Ensembles mit historischen Epochen: Optimismus des 18. Jahrhunderts, Automatisierung des 19. Jahrhunderts und Informationsmaschinen des 20. Jahrhunderts, die transindividuelle Organisation und die Lösung von Entfremdung adressieren. Diese Forschungsweise und der Umgang mit Technik nennt Simondon Mechanologie.

Organologisches Denken, das Simondon im Individuationsprozess aufzeigt, liefert einen theoretischen Rahmen zur Erforschung der Beziehungen von Mensch und Maschine, der in gewissem Maße bereits den von Bergson und Canguilhem übertrifft. Anders als diese beiden Denker wollte Simondon weniger Philosophie der Biologie als eine Philosophie der Individuation in Verbindung mit Technik entwickeln. Diese Verbindung bleibt jedoch weitgehend implizit, da die Rolle technischer Objekte im psychischen und kollektiven Individuationsprozess noch nicht vollständig durchdacht ist, und der Dialog mit der Kybernetik weiterer Entwicklung bedarf.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 04/10/2025