Jenseits von Mechanizismus und Vitalismus - Einleitung. Psychedelisches Werden
Rekursivität und Kontingenz - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Einleitung. Psychedelisches Werden

Jenseits von Mechanizismus und Vitalismus

Wir wollen zeigen, dass die Entwicklung dieser organischen Bedingung des Philosophierens im 20. Jahrhundert zur Entstehung des Organizismus und der Organologie führte. Wir werden betrachten, wie der biologische Organizismus entstand und wie sein Gegenstück, der mechanische Organizismus, bekannt auch als Kybernetik, Gestalt annahm. Eines der Ziele dieses Buches ist es, beide Richtungen miteinander zu vergleichen, ihre innere Verbindung wie auch ihre inneren Widersprüche aufzuzeigen.

Zunächst einmal ist der Organizismus eine Denkrichtung, die ihren Platz zwischen Mechanizismus und Vitalismus gefunden hat. Das klassische Beispiel für den Gegensatz von Mechanizismus und Vitalismus ist das wissenschaftliche Drama zwischen Wilhelm Roux und seinem Schüler Hans Driesch. Roux nahm das Froschei im Stadium der Zweizelligkeit und zerstörte eine der beiden Zellen mit einer glühenden Nadel. Wie erwartet, entwickelte sich die verbleibende Zelle zwar weiter, bildete jedoch nur die Hälfte einer Kaulquappe. 1891 wiederholte Driesch den Versuch an den Zellen des Seeigels, jedoch ohne eine Zelle zu zerstören – er trennte sie lediglich. Zu seiner Überraschung stellte er fest, dass sich jede Zelle zu einem vollständigen Seeigel entwickelte. Damit widerlegte er den mechanistischen Ansatz von Roux, demzufolge nur eine Hälfte entstehen könne, wenn man mit einer Hälfte beginnt. Driesch entdeckte hingegen, dass eine Hälfte ein Ganzes hervorbringen kann – dass es also im Organismus eine besondere Lebenskraft geben müsse, die sich nicht rein mechanisch erklären lässt.

Dieses kontingente Ereignis – kontingent in dem Sinn, dass Driesch eigentlich die Bestätigung von Roux’ These erwartete und nicht mit einem solchen Ergebnis rechnete – charakterisiert den Gegensatz zwischen dem Entwicklungsmechanismus Roux’ und dem Vitalismus Drieschs. Der erste wurde als Variante des Reduktionismus diskreditiert, der zweite kritisiert, weil er sich auf mystische Kräfte wie den élan vital Henri Bergsons oder die Entelechie Drieschs stützte. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bildete sich jedoch eine dritte Gruppe heraus: die Organizisten. Sie vertraten die Ansicht, dass der Organismus eine Form von Organisation darstellt, die weder auf mechanische Gesetze noch auf eine geheimnisvolle Lebenskraft reduzierbar ist. Ausdruck fand diese Sichtweise im Diktum des Philosophen Joseph Woodger: „Die Zelle ist nicht der Name für ein Ding, sondern für einen Organisationstyp“, der in den Kategorien der Embryologie und Biochemie verstanden werden müsse.

Organizisten wie auch Kybernetiker gehen davon aus, dass der Gegensatz von Mechanizismus und Vitalismus bereits überwunden ist. Beide teilen die Allgemeine Systemtheorie Ludwig von Bertalanffys. Kybernetiker haben allerdings einen eigenen Zugang zur Überwindung dieser Opposition: sie sind fasziniert von den Begriffen der Rückkopplung (Norbert Wiener), des Wiedereintritts (George Spencer-Brown) und der Rekursion (Heinz von Foerster). Diese Konzepte eröffnen eine neue Epistemologie ebenso wie neue maschinelle Operationen. In seiner Kybernetik von 1948 stellte Wiener das traditionelle Gegensatzpaar von mechanischer reversibler Zeit Newtons und biologischer irreversibler Zeit Bergsons in Frage. Denn nach seiner Auffassung haben kybernetische Maschinen, verstanden als Rückkopplungssysteme, diese Gegensätze bereits überwunden. Zum gleichen Ergebnis gelangte auch die statistische Mechanik von Maxwell, Boltzmann und Gibbs, die die Kluft zwischen Makro- und Mikrozuständen der Physik überwand. In diesem Buch verstehen wir Rückkopplung zusammen mit Selbstreferenz als ein anderes Wort für Rekursion.

Die neue kognitive Struktur, die Wiener vorschlug, wurde von Gilbert Simondon hoch geschätzt, der darin eine neue Epistemologie erkannte, welche den kartesianischen Mechanizismus ablöste. Ähnlich äußerte sich Hans Jonas, der in der Kybernetik die „Überwindung des Dualismus, den der klassische Materialismus stillschweigend bewahrt hatte“ sah: Zum ersten Mal seit der aristotelischen Tradition sei eine einheitliche Lehre möglich, die die Wirklichkeit angemessen darstellen könne. Doch anders als Jonas, der die Beschränktheit der kybernetischen Teleologie sah, betonte Simondon, dass das Rückkopplungssystem sich durch eine „aktive Anpassung an spontane Zielgerichtetheit“ auszeichne. Diese spontane Zielgerichtetheit ist nur möglich, weil die Maschine auf Kontingenz reagieren kann und dadurch Kontingenz im Rahmen dieser Operationen einen Sinn erhält.

Ein Verstärker, der ein Eingangssignal – sei es Rauschen oder Melodie – lediglich verstärkt, erkennt in der Kontingenz keinen Sinn. Wird der Verstärker jedoch so konstruiert, dass er Rauschen herausfiltert, erscheint dieses als Kontingenz, als Gegensatz zum Sinn, und erhält so eine negative Bedeutung. Wenn der Verstärker zusätzlich mit einem Algorithmus des maschinellen Lernens ausgestattet wird, kann der Algorithmus dem Rauschen eine Funktion zuweisen. Mit anderen Worten: Kontingenz erhält eine positive Bedeutung, die man, Deleuze und den Stoikern folgend, eine Quasi-Ursache nennen könnte.

Die kybernetischen Maschinen führen einen neuen Begriff ein, der die Operation bewerten und steuern lässt: den Begriff der Information. Nach Wiener ist Information ein Maß für den Organisationsgrad. Organisation bedeutet in diesem Zusammenhang die Fähigkeit, Kontingenzen rekursiv in sich selbst zu integrieren. Daraus folgt, dass es keinen Widerspruch gibt zwischen Wieners Begriff der Information und dem Informationsbegriff Claude Shannons. Bei Shannon bedeutet Information „Überraschung“: Ein Eingangssignal enthält umso mehr Information, je weniger es erwartet wurde. Auf den ersten Blick scheint dies das Gegenteil von Wieners Auffassung zu sein, bei dem Information ein Maß für Organisation ist. Tatsächlich handelt es sich um zwei Seiten derselben Kategorie.

Information ist eine neue Kategorie, die es in der Antike noch nicht gab. Nach Wiener ist sie weder Materie noch Energie. Mehr noch: Materie und Energie werden in der neuen Theorie der Individuation zu fundamentalen Bestandteilen. Daher stellt sich die Frage, ob Information mit einer der aristotelischen Ursachen – der formalen, materiellen, wirkenden oder finalen – gleichgesetzt werden kann. Sicherlich trägt Information sowohl zur wirkenden als auch zur finalen Ursache bei und kann aus der formalen und materiellen Ursache abgeleitet werden; dennoch lässt sie sich auf keine dieser Ursachen reduzieren.

Dies ist ein weiteres wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen der Informations- und der thermodynamischen Maschine, da die Informationsmaschine feinere Abstufungen und eine höhere Präzision der Steuerung erlaubt als die Energie. Simondon griff den Begriff der Information auf und weitete ihn zu einem umfassenderen Begriff aus, der über die Statistik hinausging. Seine Innovation bestand darin, die Bedeutung dieser neuen Kategorie zu erkennen, die sich weder auf Materie noch auf Energie reduzieren lässt. Sein Zugang erforderte, die Information in ein allgemeineres Konzept zu verwandeln: das der Bedeutung. Wenn ein Eingangssignal für ein System eine Bedeutung erzeugt, trägt es Information. In diesem Sinn steht Simondons Informationsbegriff dem von Gregory Bateson nahe, der Information als „eine Differenz, die eine Differenz macht“ definierte. Bateson war ein Denker der Rekursion; in seiner späten Phase sprach er von einer „rekursiven Epistemologie“ und einer „ökologischen Epistemologie“.

Information als „eine Differenz, die eine Differenz macht“ ist operationell und selbstreferenziell. Information ist das, was eine Operation auslöst und ermöglicht, die Simondon Individuation nennt. Doch nicht jede Information – und nicht Information allein – führt zur Individuation, da sie nur eine von mehreren Bedingungen neben Materie und Energie darstellt. Aber das bedeutet zugleich, dass Energie und Materie für sich genommen die Individuation nicht erklären können. Ohne Information wäre eine moderne Theorie der Individuation unmöglich. Frühere Theorien der Individuation spiegelten die jeweilige Epistemologie ihrer Epoche wider: In den Zeiten Newtons und Leibniz’ wäre die zentrale Kategorie die Kraft gewesen – ebenso später bei Kant und Schelling. Jede neue epistemologische Konstellation eröffnet einen neuen Zugang zur Betrachtung der Individuation. Die von der Kybernetik erschlossene Information spielt eine Schlüsselrolle in Simondons Lehre von der Individuation. Bedeutung in Simondons Theorie der Individuation steht unter dem Einfluss der Kontingenz: In einem bestimmten System kann Signal A eine andere Wirkung haben als Signal B; das erste mag als Rauschen erscheinen und ignoriert werden, während das zweite Sinn gewinnt – abhängig von der semantischen Struktur des Systems.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 04/10/2025