Unsichtbare Natur, sichtbarer Geist - Einleitung. Psychedelisches Werden
Rekursivität und Kontingenz - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Einleitung. Psychedelisches Werden

Unsichtbare Natur, sichtbarer Geist

Wo beginnt die Rekursion? Die Suche nach einem Anfang ist die Suche nach einer ersten Ursache. Doch in einer zyklischen Schleife erscheint der Anfang nur als ein zeitlicher Punkt, nicht notwendigerweise als Ursache. Die Ursache ist vielmehr die Totalität der Schleife. Der unbewegte Beweger greift nicht von außen in die Bewegung ein, die Ursache ist vielmehr immanent. Wahrscheinlich in diesem Sinne können wir das verstehen, was Spinoza mit seinem Deus sive Natura meinte.

Spricht man jedoch von der Erkenntnis, so ist es gerade das „Ich denke“, das selbst eine Schleife bildet, vergleichbar dem praktischen Vernunftgebrauch und dem ästhetischen Urteil. Folglich gibt es in Wirklichkeit keinen Anfang und auch keinen Grund, da jeder Urgrund sich als Ungrund oder Abgrund erweist, und jeder Anfang nur das Ende eines anderen Anfangs ist. Der erste Beweger zieht keine Feder wie bei einem Uhrwerk auf. Das Bild des ersten Bewegers ist eine Phantasie der mechanizistischen Epoche, die von linearer Kausalität ausging. Deshalb führt die Suche nach einer ersten Ursache unausweichlich zu einer göttlichen Figur: der Anfang enthält bereits das Ende. Doch innerhalb des mechanistischen Ansatzes hört Gott auf, sowohl wirkende als auch Zweckursache zu sein, wie er es seit Aristoteles war; er erscheint nur noch als wirkende Ursache.

In Giordano Brunos Naturphilosophie, ebenso wie im Spinozismus oder im sogenannten Pantheismus, ist Gott immanent: kein überweltliches Wesen, sondern ein inneres Prinzip der Bewegung. Der Glaube richtet sich nicht allein auf die Transzendenz, sondern auch auf die Immanenz. Erinnern wir uns an Zarathustras Worte an die Bauern, als er vom Berge herabstieg: „... bleibt der Erde treu und glaubt nicht denen, die euch von überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es, ob sie es wissen oder nicht.“ Die Verkündigung vom Tode Gottes bedeutet zugleich die Verkündigung vom Ende eines außerweltlichen Bewegers und die Suche nach der Immanenz des Willens als Macht.

Rekursivität ist ein Begriff der Immanenz. Sie behauptet eine nicht-mechanische Existenz, indem sie die formale und finale Ursache, den telos, hervorhebt. Sie widerspricht der Theorie des intelligenten Entwurfs und bekräftigt dennoch die finale Ursache als Ursache aller Ursachen. So entsteht eine Art natürliche Theologie, da das Ziel zwar unerkennbar, aber dennoch wirksam ist. Dies ist auch der Ausgangspunkt für Kants Begriff des teleologischen Urteils. In der Kritik der Urteilskraft formuliert Kant eine neue Bedingung des Philosophierens, welche Rationalismus und Empirismus ablöst: die reflektierende Urteilskraft, die auf dem Begriff des Organismus gründet.

Rückblickend lässt sich sagen: Das ästhetische Urteil in der ersten Hälfte der Kritik der Urteilskraft – über das Schöne und Erhabene – entspricht der teleologischen Urteilskraft im zweiten Teil. Kant schlägt im ersten Teil einen heuristischen Zugang vor, der nicht durch apriorische Regeln bestimmt wird, sondern seine eigenen Regeln dynamisch hervorbringt. Zweck – sei er schön oder erhaben – wird von der Einbildungskraft bewegt und durch eine Zweckmäßigkeit ohne Zweck bestimmt. Negative Bestimmungen des Schönen – wie „Zweckmäßigkeit ohne Zweck“ oder „interesseloses Wohlgefallen“ – sind unbestimmt, weil das Schöne nicht unmittelbar gegeben ist und auch nicht durch empirische Induktion gewonnen werden kann.

Das ästhetische Urteil ist dem teleologischen ähnlich, insofern der Zweck der Natur ein Ideal der Selbstorganisation ist, das den Prozess ermöglicht, ohne ihn durch vorgegebene Regeln einzuschränken. Es bleibt offen für Kontingenz. Das ästhetische Urteil benutzt die Negativität, um dem Zweck der Natur Apriorität zu verleihen, der wiederum einem höheren Zweck dient: dem moralischen. Im Organismus entdecken wir neue Beziehungen zwischen Teil und Ganzem, eine neue Form der Bewegung: die Rekursion. Sie übersteigt den Mechanismus und zeigt uns den „verborgenen Plan“ der Natur – eine Zweckmäßigkeit, die als Ideal auftritt. Angesichts dieser Bedingung müssen Denken und Handeln organisch werden, denn einfache mechanische Kausalverhältnisse reichen nicht mehr aus, um Wissenschaft oder Philosophie zu begründen.

Jeder Akt ist rekursiv, insofern er stets auf sich selbst verweist und sich selbst bewertet. Im Mechanismus wirkt nur das bestimmende Urteil, das auf linearer Kausalität beruht. Doch eigentlich gibt es hier gar kein Urteil, sondern bloß einen Befehl. Ein wahrer Akt setzt reflektierende Urteilskraft voraus, die nicht in einem bloßen Vollzug aufgeht, sondern ein Werturteil einschließt – eine Annäherung an das Ganze durch Reflexion. Der kategorische Imperativ ist ethisch, weil er rekursiv ist; andernfalls könnte er nicht das „Allgemeine“ erreichen, das wir moralischen Zweck nennen.

Doch welche immanente Kraft trägt diese Rekursivität? Die Natur als Zweck zu erkennen heißt zugleich, den Geist als Zweck zu erkennen. Dies gelingt nur, wenn Geist und Natur identifiziert werden. Verschiedene Formen der Rekursion finden wir bei Fichte, Schelling und Hegel. Bei Fichte ist das Ich der Ausgangspunkt, das durch die Begegnung mit dem Nicht-Ich, dem Anstoß, gezwungen wird, zu sich selbst zurückzukehren. In dieser rekursiven Bewegung enthüllt sich die Realität selbst. Das Verhältnis von Ich und Nicht-Ich bildet das Grundprinzip seiner Philosophie.

Bei Schelling begegnen wir einer ähnlichen Form, jedoch ohne die strikte Gegensetzung von Natur und Geist. Vielmehr erscheinen beide als analoge Strukturen und Operationen, was sein bekanntes Diktum ausdrückt: „Der Geist ist unsichtbare Natur, und die Natur ist sichtbarer Geist.“ Diese Analogie gründet in der Kreisförmigkeit, vergleichbar der antiken Weltseele Platons. Das kreisförmige Bewegungsgesetz zeigt die unendliche Produktivität von Natur und Geist. Es stößt jedoch auf Widerstände, auf Kontingenzen, die zu Hemmungen führen. Durch diese Hemmung aktualisiert sich die produktive Kraft in ihren Produkten: der Übergang von natura naturans zu natura naturata. Die Gegensätze von Subjekt und Objekt, Natur und Geist, lösen sich auf, da die Natur selbst Subjekt wird – und damit das Identische von Natur und Geist hervorbringt.

Hegels Reflexionslogik ist eine andere: Sie ist die Logik der doppelten Negation, die Dialektik. Der Geist erkennt die Natur als sein Anderes, um sie ins Ganze einzubeziehen. Kontingenz in der mechanischen Logik bedeutet eine Störung der Maschine, die zum Zusammenbruch führen kann, weil es an Rückkopplungen fehlt. Doch Kontingenz ist mehr als Zufall; sie muss neu bestimmt werden als Möglichkeit, die über die offensichtlichen Optionen hinausgeht, eine „seltsame Möglichkeit“, die die Notwendigkeit der Gesetze selbst bedroht – selbst des Wahrscheinlichkeitsgesetzes (Poincaré).

In der rekursiven Logik hingegen wird Kontingenz zur Notwendigkeit: Ohne sie gäbe es kein Außen, keine äußere Finalität. Die Zweckmäßigkeit wird hier nicht durch lineare Kausalität gesichert, sondern durch eine Bewegung, die zu sich selbst zurückkehrt, um sich zu bestimmen. Form entsteht im Widerstreit mit der Kontingenz, nicht um sie auszuschließen, sondern um sie als Notwendigkeit einzubeziehen.

Die Romantik überträgt diese Rekursivität auch auf das Anorganische. Denn, wie Schelling – und vor ihm Platon und Plotin, und nach ihm Hutton und Lovelock – betont: Wir alle sind Teil der Natur, des allgemeinen Organismus. Ernst Bloch bemerkte treffend, dass für die Romantiker jeder Stein ein lebendiges Wesen ist. Nicht nur, weil er einen Geist besitze, sondern weil er unendliche Kraft in sich trage. Er ist unendliche Kraft, eingeschrieben in die Endlichkeit der einzelnen Wesen. Man stelle sich den Stein nicht als starres Ding vor, sondern als Resultat eines rekursiven, ins Unendliche reichenden Prozesses.

Das rekursive Prinzip wirkt nicht nur in der Natur, sondern auch in der Geschichte. Geschichte in hegelschem Sinne ist die Verwirklichung des Absoluten im dialektischen Prozess. Kontingenz ist darin notwendig, nicht nur, weil sie in der Natur allgegenwärtig ist, sondern auch, weil sie die Prüfung darstellt, die die Vernunft bestehen muss, um fortzuschreiten. Für Hegel bedeutet der „Tod des Natürlichen“ das Opfer der Natur zugunsten der Logik. Gerade im Versuch, die Kontingenz durch die Kontingenz zu überwinden, gelangen wir zur Frage der Systematisierung.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 04/10/2025