Intellektualismus
In einem umfassenderen Sinne (Psychologie, Logik, Metaphysik, Ethik, Ästhetik)
Der scholastische Intellektualismus zeigt sich in aller Deutlichkeit nicht nur in den Verzweigungen der Psychologie, sondern ebenso in der Logik, Metaphysik, Ästhetik und Moral. Die Abstraktion, als die grundlegende Funktion des Intellekts, begründet die Geistigkeit der Seele, da ein Wesen, das in der Lage ist, Gedanken hervorzubringen, deren Inhalt sich den Fesseln der Materie entzieht, über die Materie selbst erhaben ist. Diese Abstraktion rechtfertigt das natürliche Bündnis von Seele und Leib, denn die normale Funktion des Körpers ist untrennbar mit dem Akt des Denkens verbunden. Sie liefert zudem ein Argument für das neue Bündnis von Seele und Leib in der Auferstehung, da der Körper ein notwendiges Werkzeug der intellektuellen Tätigkeit darstellt.
Muss man überhaupt erwähnen, dass jede Theorie der Wissenschaft oder wissenschaftlichen Logik ohne Intellektualismus unbegreiflich wäre? Wissenschaftliche Urteile sind notwendige Urteile, Gesetze, die ohne Abstraktion und Verallgemeinerung gar nicht erforderlich wären. Auf Abstraktion gründet die Theorie des Syllogismus, der Wert der ersten Prinzipien, der Definitionen, der Divergenzen und alles, was zum Schöpfungsprozess gehört. Lange vor Henri Poincaré erklärten die Scholastiker: “Die Wissenschaft muss intellektuell sein, sonst wird sie aufhören zu existieren.“
Die Wahrnehmung eines Kunstwerks und seiner Schönheit ist ebenfalls ein Akt des Intellekts. Schönheit muss strahlend sein, claritas pulchri, und auf eindrucksvolle Weise die innere Ordnung offenbaren, die sie lenkt. Sie spricht die Erkenntnisfähigkeit an, vor allem aber den Intellekt.
Was für die Wahrnehmung eines Kunstwerks gilt, trifft ebenso auf dessen Schöpfung zu. Die künstlerischen Fähigkeiten des Menschen, mit denen Tischler und Bildhauer ihre Werke vollenden, bestehen im richtigen Gebrauch der Vernunft; nur die Vernunft führt Absichten zur Vollendung. Ars nihil aliud est quam ratio recta aliquorum operum faciendorum (“Die Kunst ist nichts anderes als die rechte Vernunft im Tun“). Die “Tugenden der Kunst“, virtus artis, sind — sowohl für den bescheidenen Handwerker als auch für den talentierten Künstler — eher eine Vollkommenheit des Geistes als das Verständnis für Kunstfertigkeiten oder physische Geschicklichkeit.
Diese höchste Kraft der Vernunft erreicht ihren Gipfel in der Sphäre der Moral. Die Vernunft lehrt uns unsere Pflichten und lenkt unser Gewissen. Sie verleiht dem Schicksal und dem Glück eine wesentliche Bedeutung. Glücklich sein heißt vor allem, zu wissen, denn das Glück besteht in der höchsten Aktivität unserer höchsten physischen Kraft, also im Verständnis. Selbst in diesem Leben ist Wissen ein großer Trost. Das vollkommene Glück oder die höchste Tugend, die dem Menschen bestimmt ist — und einzig dies ist Gegenstand der Philosophie — wird ein “Glück der Abstraktion“ sein, und die Tugend, gegründet auf dem abstrakten Wissen der Gesetze und Wesensarten der durchdachten Welt, im Erkennen und in der Liebe des Schöpfers zu seinen Geschöpfen.
Die Überlegenheit der Vernunft zeigt sich ebenso in der Metaphysik, wo sie durch die wesentliche Ordnung der Dinge verdeutlicht wird, die sich gänzlich auf den Göttlichen Verstand gründet. Sie wird sichtbar in der Unveränderlichkeit sowohl der Natur- als auch der Sittengesetze, die Gott nicht ändern kann, ohne dem Ewigen Verstand zu widersprechen und damit sich selbst aufzuheben. Nein, der Wille, auch der Göttliche Wille, kann die Natur der Wahrheit nicht ändern; und Wahrheit kann nicht der Wahrheit widersprechen, genauso wenig wie ein Kreis einem Quadrat ähneln kann.
Schließlich tritt diese Überlegenheit der Vernunft auch in der politischen Theorie zutage, wo die Regierung als eine intuitive Herrschaft verstanden wird, deren Gesetzen jedes Despotische ausgeschlossen sein muss, und wo das Wahlsystem legitimiert wird, weil es die geistige Gymnastik fördert.