Eine pluralistische Konzeption des Universums
Dynamische Aspekte; die zentrale Lehre von Akt und Potenz
Doch ein solches Bild der Welt ist unmöglich, denn nichts ist jemals unbeweglich. Die Realität ist in Veränderung und Evolution eingebunden. Chemische Körper befinden sich auf allen Stufen ihres Daseins — ob flüssig, gasförmig oder fest — in einem Zustand des ständigen Wandels. Lebewesen verändern sich; unser Erdball als Ganzes ist unablässig in doppelter Bewegung; die Sonne, umgeben von ihren Planeten, unterliegt dem Gesetz der Veränderung, und dasselbe gilt für die Sterne, die über die Weiten des Raums verstreut sind. Substanz und Akzidenz — alles ist im Werden begriffen. Die Eiche entspringt aus der Eichel, sie wächst hoch und mächtig heran, ihre Lebensvorgänge wandeln sich unaufhörlich, bis der Baum schließlich vergeht. Um die volle Bedeutung der Metaphysik zu erfassen, müssen die Wesen in den brodelnden Kessel der Veränderung geworfen werden.
So muss die statische Sichtweise, oder das Universum im Zustand des Ruhens betrachtet, durch eine dynamische Perspektive ergänzt werden, das Universum im Zustand des Werdens. An dieser Stelle tritt das nächste scholastische Konzept in Erscheinung, nämlich die wohlbekannte Lehre von Akt und Potenz, die meiner Meinung nach den Schlussstein im Gewölbe der metaphysischen Struktur bildet. Diese Lehre ist eine allgemeine Analyse dessen, was Veränderung bedeutet. Die Scholastik entnahm sie Aristoteles, verlieh ihr jedoch eine Breite und Tiefe, die dem griechischen Philosophen unbekannt waren. Was ist Veränderung, jegliche Veränderung? Sie ist ein realer Übergang von einem Zustand in einen anderen. Es wird also festgestellt, dass, wenn ein Wesen von Zustand A in Zustand B übergeht, es in Zustand A bereits den Keim seiner zukünftigen Bestimmung in B in sich tragen muss. Es besitzt die Kraft, die Potenz, B zu werden, noch bevor es dies tatsächlich wird. Dies fordert das Prinzip des zureichenden Grundes — ein absolutes Prinzip, dem sich alles, was existiert, unterordnen muss, um überhaupt zu sein. Das Vorhandensein einer solchen Art von Potenz zu leugnen, hieße, den Übergang von einem Zustand in einen anderen und die Evolution der Realität zu verneinen. Was wir Veränderung nennen, wäre dann eine Serie augenblicklicher Erscheinungen und Verschwindungen substantieller Entitäten ohne innere Verbindung, jede mit unendlich kleiner Dauer. Die Eiche ist potenziell in der Eichel enthalten; gäbe es keine Potenz, wie könnte sie dann daraus hervorgehen? Andererseits liegt die Eiche nicht potenziell in einem von den Meereswellen gerollten Kieselstein, der der Eichel äußerlich ähnelt.
Der Akt oder die Aktualität (actus) in der aristotelischen Scholastik ist die jeweils vollendete Summe der Perfektion. Die Potenz (potentia) in der Scholastik ist die Fähigkeit, zu dieser Perfektion zu werden. Sie ist Unvollkommenheit und Nichtsein, wenn man so will, aber nicht bloßes Nichts, denn das Nichtsein, betrachtet im bereits existierenden Gegenstand, ist von einem Keim der künftigen Verwirklichung erfüllt.
Die Verbindung von Akt und Potenz durchdringt also die Realität bis in ihre innersten Tiefen. Sie erklärt alle großen Konzepte der Metaphysik. Insbesondere erläutert sie jene zwei großen Lehren, in denen wir das Wechselspiel von Akt und Potenz verfolgen — nämlich die Lehre von Substanz und Akzidenz sowie die Lehre von Materie und Form.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025