Transzendentalismus und Apriorismus - Spezifika des Klassischen Typs der Historiosophischen Reflexion
Nichtklassische Geschichtsphilosophie des 20. Jahrhunderts - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Spezifika des Klassischen Typs der Historiosophischen Reflexion

Transzendentalismus und Apriorismus

Konstitutiv für historiosophische Konzepte des klassischen Typs – sei es die traditionelle christliche Eschatologie oder die historiosophischen Entwürfe der Philosophen der Neuzeit wie Herder, Vico, Hegel, Comte oder Marx – ist die Figur des „transzendentalen Signifikats“. Dieses „transzendentale Signifikat“ stellt den „Sinnkern“ dar, der sich durch den realen historischen Prozess ausdrückt.

In der christlichen Historiosophie übernahm die Idee Gottes die Funktion des transzendentalen Signifikats. Der historische Prozess erschien hier als Verwirklichung der „Vorsehung Gottes“ und wurde teleologisch wie auch theologisch gedeutet. In der Neuzeit hingegen trat an die Stelle der Gottesidee die Idee einer „historischen Gesetzmäßigkeit“, die Annahme einer gesetzesförmigen Logik geschichtlicher Evolution. Die Vorstellung eines gesetzmäßigen Charakters der geschichtlichen Entwicklung impliziert das Vorhandensein einer verborgenen „Logik“ innerhalb der empirischen Geschichte. Diese konnte sich etwa als die „List der Vernunft“ (Hegel), als Dialektik von „Produktivkräften“ und „Produktionsverhältnissen“ (Marx) oder in anderer Form manifestieren. Doch, wie B. G. Sokolov treffend bemerkt, ändert der Übergang vom Szenario des „Gesetzes Gottes“ zu jenem des „Naturgesetzes“ oder des „Gesetzes der Evolution“ nichts an den wesentlichen konstitutiven Momenten der klassischen Philosophie der Geschichte.

Es ist wichtig, die grundsätzliche typologische Nähe und die strukturelle Homogenität der beiden Hauptversionen metaphysischer Geschichtsphilosophie zu betonen: der linear-stadialen (Christentum, Hegel, Marx, Jaspers, Fukuyama) und der „zyklischen“ (Danilewski, Spengler, Toynbee). In der Forschungsliteratur wird in der Regel der Akzent auf die Unterschiede und selbst auf die Unvereinbarkeit dieser beiden Zugänge zur Beschreibung und Erklärung des historischen Prozesses gelegt. Man darf jedoch nicht übersehen, dass auch den zyklischen („zivilisatorischen“) Deutungen des historischen Prozesses apriorische Schemata zugrunde liegen, die strukturell und typologisch identisch mit jenen sind, welche die linearen Konzepte fundieren.

So fungiert in der Geschichtsphilosophie Oswald Spenglers die kulturelle Tradition als „transzendentales Signifikat“. Kultur durchläuft nach Spengler – wie jeder Organismus – bestimmte, notwendige und unabänderliche Lebensphasen: Frühling, Sommer, Herbst und Winter. In Arnold Toynbees Theorie der „lokalen Zivilisationen“ wiederum vollzieht sich die Entwicklung jeder Zivilisation nach der Logik von „Herausforderung und Antwort“.

Sowohl in den linearen als auch in den zyklischen Versionen der klassischen Geschichtsphilosophie werden reale historische Ereignisse mithilfe eines apriorischen Schemas erklärt und geordnet, das außer- oder überhistorischen Ursprungs ist. Wie W. P. Filatov hervorhebt, sind die Autoren historiosophischer Entwürfe – so groß auch ihre historische Intuition und ihre Gelehrsamkeit sein mögen – gezwungen, einen erheblichen Teil des historischen Materials durch ihre apriorischen Schemata zu interpretieren. Daraus ergibt sich der unvermeidliche Schematismus klassischer historiosophischer Systeme, der selbst durch gesteigerte Aufmerksamkeit für die historische Konkretheit nicht überwunden werden kann.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 01/10/2025