Das Problem der Einheit der Geschichte in Hegels Philosophie - Das Problem der Einheit der Geschichte in der Klassischen und in der Nichtklassischen Philosophie
Nichtklassische Geschichtsphilosophie des 20. Jahrhunderts - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Das Problem der Einheit der Geschichte in der Klassischen und in der Nichtklassischen Philosophie

Das Problem der Einheit der Geschichte in Hegels Philosophie

In der westeuropäischen Metaphysik, beginnend mit dem 18. Jahrhundert (Vico, die französischen Aufklärer, Herder), führte der Versuch, das Wesen und die Einheit der Geschichte zu begreifen, zur Entstehung zahlreicher Theorien des historischen Prozesses. Unter all diesen Theorien ist die Hegelsche Geschichtsphilosophie diejenige, die sowohl durch ihre Größe als auch durch ihren Einfluss auf das spätere philosophische Denken die bedeutendste wurde.

In der Forschungsliteratur wurde wiederholt betont, dass Hegels Geschichtsphilosophie eine säkularisierte Variante der christlichen Eschatologie darstellt. Juri Perow und Konstantin Sergejew weisen dabei sowohl auf die unbestreitbare Kontinuität zwischen Hegel und dem Christentum als auch auf die wesentlichen Unterschiede hin. Einerseits, so betonen sie, habe Hegel „das Grundschema der christlichen Geschichtsauslegung vollständig übernommen und wiedergegeben: den Anfang (den Sündenfall) und das Ende der Geschichte, dazwischen die Erscheinung Christi als die Wendeachse der Weltgeschichte“. Andererseits jedoch erhält die für die klassische Geschichtsphilosophie zentrale Idee vom Ende der Geschichte bei Hegel eine grundlegend andere Deutung als im Christentum.

Die religiöse Eschatologie gründet sich auf die Vorstellung vom Scheitern der Geschichte, von ihrem Zusammenbruch, von der Unerreichbarkeit positiver Ziele innerhalb der Geschichte. Sie setzt den Durchbruch der irdischen Geschichte und den Übergang in eine übergeschichtliche Dimension voraus. Das Jüngste Gericht stellt hier nicht den logischen Abschluss, sondern die Unterbrechung der Geschichte dar. Bei Hegel hingegen wird das Ende der Geschichte als die vollständige Verwirklichung der Vernunft innerhalb der Geschichte selbst gedacht. Während in der christlichen Eschatologie der göttliche Plan für den Menschen erst durch den Bruch mit der Geschichte endgültig erfüllt wird, erreicht in Hegels Geschichtsphilosophie der Weltgeist sein Ziel innerhalb des geschichtlichen Prozesses. Man kann folgern: Hegels Geschichtsphilosophie modifiziert die christliche Eschatologie zwar wesentlich, doch das von Augustinus vorgeprägte Grundschema der Theorie der Universalgeschichte bleibt erhalten.

Die einzige leitende Idee, die Hegel aus seiner allgemeinen Philosophie in die Geschichtsphilosophie überträgt, ist die Überzeugung, dass die Vernunft in der Welt herrscht und dass daher auch der weltgeschichtliche Prozess vernünftig verläuft. Diese Überzeugung, so betonte Hegel, sei „nicht als Voraussetzung, sondern als Überblick des Ganzen“ zu verstehen. Wie Perow und Sergejew jedoch zu Recht bemerken, verwandelt die Übertragung der Vernunftidee auf die Geschichte diese in Hegels Deutung zwangsläufig in eine „angewandte Logik“. Gerade dieser Aspekt der Hegelschen Geschichtsphilosophie (oft als „Panlogismus“ oder „Logozentrismus“ bezeichnet) wird in der nichtklassischen Philosophie des 20. Jahrhunderts – insbesondere durch Nietzsche, Dilthey, Spengler, Simmel und andere Vertreter der „Lebensphilosophie“ – einer scharfen Kritik unterzogen.

Nach Hegel hat die Geschichte ihr ontologisches Fundament im Denken, in der Vernunft. Die Herrschaft der Vernunft in der Geschichte macht das Begreifen der Einheit der Geschichte, das heißt die Geschichtsphilosophie, überhaupt möglich. Die Weltgeschichte ist erkennbar, weil sie vernünftig ist. Im Unterschied zur kantischen Fassung der Geschichtsphilosophie, die einen apriorischen Charakter hatte, lässt sich Hegels Geschichtsphilosophie jedoch weder als rein apriorisch noch als rein aposteriorisch betrachten. Eine apriorische Geschichtsphilosophie, die auf einer subjektiven Teleologie beruht, sei nach Hegel ebenso unmöglich wie eine rein empirische Konstruktion aus historischen „Fakten“. Diese These bleibt allerdings weitgehend deklarativ: In Wirklichkeit behält Hegels Modell der Weltgeschichte trotz seiner Distanz zur subjektiven Teleologie doch einen apriorischen Charakter, wobei die historischen Fakten lediglich eine illustrative Funktion erfüllen.

Besondere Bedeutung kommt in Hegels Geschichtsphilosophie der Unterscheidung zwischen zwei Ebenen der Geschichte zu, die er mit den Begriffen „historisch“ und „geschichtlich“ bezeichnet. „Historisch“ ist bei Hegel das bloß Faktische, geschichtlich Unwesentliche; „geschichtlich“ dagegen verweist auf das Wesentliche, das Historische in seiner Einheit mit dem Logischen. Überträgt man diese Grundgedanken auf die historische Erkenntnistheorie, so könnte man sagen: Die Geschichtsphilosophie als Deutung der eigentlichen Geschichte (der Geschichte als geschichtlich) ist die Bedingung der Möglichkeit aller besonderen Geschichtsschreibung („reflektierte Geschichte“ in Hegels Terminologie). Geschichte kann nur insofern sinnvoll erfasst und beschrieben werden, als sie vernünftig ist, d. h. der objektiven Teleologie des Weltgeistes entspricht. In Hegels System gewinnen historische Ereignisse ihren Sinn erst durch ihre Beziehung zum Endziel der Geschichte.

Oft wird Hegels Geschichtsphilosophie in der Forschung als Übergang vom neuzeitlichen Substanzialismus zum Historismus interpretiert. Die Revision der Grundlagen des Substanzialismus zeigt sich bei Hegel in der Umwandlung der „Substanz“ in ein „Subjekt“ und in der Abkehr von der Vorstellung einer unveränderlichen, identischen Substanz. In Hegels Geschichtsphilosophie wird die Notwendigkeit der Geschichte als Objektivation des Weltgeistes in historischen Formen durch die Aufgabe seines Selbstwissens begründet. Die Geschichte ist jedoch keine ursprüngliche und selbstgenügsame Realität. Hegels Geschichtskonzept nimmt vielmehr eine Zwischenstellung zwischen dem klassischen Substanzialismus (Spinoza) und den historisch orientierten nichtklassischen Philosophien (wie der Lebensphilosophie Diltheys oder dem Neuhegelianismus Croces) ein.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 01/10/2025