Philosophie der Geschichte als regionale Ontologie in der hermeneutischen Phänomenologie Martin Heideggers - Nichtklassische Geschichtsphilosophie des 20. Jahrhunderts: Grundlegende Strategien und Problemfelder
Nichtklassische Geschichtsphilosophie des 20. Jahrhunderts - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Nichtklassische Geschichtsphilosophie des 20. Jahrhunderts: Grundlegende Strategien und Problemfelder

Philosophie der Geschichte als regionale Ontologie in der hermeneutischen Phänomenologie Martin Heideggers

Die fundamentale Bedeutung der existenziellen Analyse Martin Heideggers für die nichtklassische Philosophie der Geschichte ergibt sich aus seiner ambivalenten Haltung zur philosophischen (metaphysischen) Tradition: Einerseits entwickelt Heidegger eine nichtmetaphysische Ontologie, andererseits verwirft er die in der metaphysischen Tradition verwurzelten Deutungen fundamentaler Phänomene (wie „Verstehen“, „Geschichte“, „Sprache“) nicht als „unzutreffend“, sondern gibt ihnen eine existenziell-ontologische Begründung und reflektiert sie im Rahmen der fundamentalen Ontologie neu.

1. Der Begriff der Historizität bei Heidegger

Im Zentrum von Heideggers Aufmerksamkeit stehen vorscientifische, vor-theoretische Formen des zeitlichen menschlichen Daseins. Heidegger nähert sich dem Phänomen der Historizität nicht durch die Analyse historischer Narrative („Geschichte der Historiker“), sondern durch die Explikation der „Seinsverfassung“ (Seinsverfassung) des Daseins. Die fundamentale Struktur der „Historizität“ bleibt prinzipiell verborgen – nicht nur der Geschichtswissenschaft, sondern auch der klassischen Philosophie der Geschichte.

Der Begriff „Historizität“ (Geschichtlichkeit) wurde erstmals von Hegel in den „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“ verwendet. In breitere Verwendung gelangte er nach den Arbeiten von Dilthey. In Diltheys Philosophie bezeichnete der Begriff das prinzipielle Unterscheidungsmerkmal des Menschen („Geist“, „Kultur“) vom natürlichen Sein. In späteren Versionen der nichtklassischen Philosophie wurde Historizität vor allem als historische Veränderlichkeit und Fähigkeit zur Entwicklung verstanden. Eine prägende Tendenz der nichtklassischen Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts war die Historisierung jener Bereiche und Aspekte des Seins, die in der klassischen Philosophie als nicht- oder überhistorisch galten.

Die im 20. Jahrhundert etablierte Deutung der Historizität verbindet dieses Phänomen eindeutig mit Zeit und zeitlicher Veränderlichkeit. Diese Merkmale beziehen sich sowohl auf das Dasein des Menschen „in der Geschichte“ als auch auf die Ergebnisse historischen Wissens (Kenntnis der Vergangenheit). W. N. Syrow schlägt vor, zwischen ontologischen und erkenntnistheoretischen Aspekten der Historizität zu unterscheiden: „Der ontologische Aspekt charakterisiert die Historizität des menschlichen Daseins selbst und betont die Wandelbarkeit, Instabilität, Zufälligkeit und Offenheit alles dessen, was mit dem Menschen und seinen Tätigkeiten verbunden ist.“ Der erkenntnistheoretische Aspekt hingegen „charakterisiert die Historizität unseres Wissens und Erkenntnis und betont, dass seine wahre Natur darin besteht, dazu bestimmt zu sein, eine bestimmte historische Situation zu bedienen. Daher ist es zuverlässig (vollständig, abgeschlossen, begründet), solange die Menschheit sich in genau dieser Situation befindet.“

Die existenzielle Analyse Heideggers legt die Grundlage für ein prinzipiell anderes, nichtmetaphysisches Verständnis des Phänomens Historizität. Entscheidendes in Heideggers Deutung der Historizität ist nicht die Veränderlichkeit des Seins „in der Zeit“, sondern die Ereignishaftigkeit des menschlichen Daseins und seine ursprüngliche Bezogenheit auf Tradition.

Heidegger zufolge ist Dasein immer ausdrücklich oder implizit „sein vergangenes Selbst“, aber diese Vergangenheit folgt dem Menschen nicht einfach nach; Dasein ist seine Vergangenheit „auf die Weise seines Seins“. Die Vergangenheit des Daseins existiert nicht nur in der Gegenwart als Spuren oder „Relikte“, sondern geschieht stets aus der Zukunft.

Eine Schlüsselrolle in Heideggers Analyse des Daseins spielt die Unterscheidung zwischen ursprünglicher (existenzieller) Historizität (Geschichtlichkeit des Daseins) und abgeleiteter „Weltgeschichte“ (Welt-Geschichte). Die existenzielle Analyse der Historizität des Daseins in „Sein und Zeit“ beginnt mit der Frage, was dem Seienden einen spezifisch historischen Charakter verleiht. Heidegger illustriert dies anhand von im Museum aufbewahrten Artefakten: Diese Artefakte existieren weiterhin in unserer Welt und sind in gewissem Sinne gegenwärtig, doch wir unterscheiden sie natürlich von allem anderen Seienden, das nicht historisch ist, zum Beispiel von Museumspodesten. Die ersten sind historisches Sein, die zweiten nicht. Was macht sie historisch? Heideggers Antwort lautet: „Es ist die Welt, innerhalb derer sie, der Zusammengehörigkeit von Werkzeugen (Zeugzusammenhang gehörig) angehörend, als Hilfsmittel begegneten und vom im-Dasein-anwesenden genutzt wurden.“ So eröffnet Heidegger im Rahmen der phänomenologischen Analyse des innerweltlichen Seienden die Dimension der ursprünglichen Historizität. Innerweltliches Seiendes (Handliches und Vorhandenes) wird historisch durch seine Zugehörigkeit zur Welt des existierenden Daseins.

Heidegger betont, dass das geläufige Konzept der „Weltgeschichte“ (Weltgeschichte) aus der Orientierung auf sekundär-historisches (sekundär Geschichtliches), innerweltliches Seiendes entsteht. Diese Orientierung auf das Sekundär-Historische und damit das Auslassen der Dimension des primär Historischen (primär Geschichtliche) des Daseins bestimmt den Charakter und die Problematik der klassischen Philosophie der Geschichte als Theorie des historischen Prozesses.

Historisch („welt-geschichtlich“) ist jenes Seiendes, das sich als der Welt zugehörig zeigt, die „nicht mehr existiert“. Was bedeutet jedoch dieses „Nicht-mehr-Sein“ der Welt? „Welt“ im Kontext von Heideggers existenzieller Analyse ist nicht eine Gesamtheit des Seienden, sondern eine Seinsweise des Daseins, ein Existenzial, der Horizont menschlichen Verstehens. „Welt“, schreibt Heidegger, „ist nur nach der Art des existierenden Daseins, das faktisch als Dasein-in-der-Welt ist.“ Die Frage nach dem „Nicht-mehr-Sein der Welt“ verweist somit auf das Seiende (Dasein), das stets als „sein Vergangenes“ existiert. Daraus folgt, dass der historische Charakter noch vorhandener Altertümer auf der „Vergangenheit“ der Präsenz basiert, deren Welt sie angehörte. Ursprünglich (und eigentlich) historisch ist das Dasein. Nur durch die ursprüngliche Historizität des Daseins erhält das innerweltliche Seiendes seinen historischen Charakter.

V. V. Bibichin zeigt, dass das innerweltliche Seiendes nicht nur historisch „werden“ kann (also sich in einer historischen Dimension öffnen), sondern auch aufhören kann, historisch zu sein. Wenn historische Artefakte (z. B. antikes Geschirr) aus dem Museum entfernt und in den Alltag eingebracht werden, verlieren sie ihren historischen Charakter. „Sie sind andere? Nein, sie werden ganz unsere, verschmelzen mit unserem Alltag und werden auf dem Gasherd benutzt. Das heißt, sie verschwinden als historische Dinge! Das neue Generation wird denken, dass diese Töpfe von den Vorfahren gemacht wurden … Was bleibt dann von der Vergangenheit? Nur eines: die Welt. Diese Welt gibt es nicht mehr.“ Aber die Welt ist das Existenzial der Präsenz des Daseins. „Sie existiert nur in der Existenz der Präsenz. Die Existenz war nicht anders, weil das Geschirr anders gemacht wurde, sondern weil die Beziehung zum Sein eine andere war.“

Diese Beispiele zeigen, dass Heideggers existenzielle Analyse eine prinzipiell neue Betrachtung von Geschichte und Historizität ermöglicht. Geschichte im ursprünglichen existenziell-ontologischen Sinne ist nicht Dasein-in-der-Zeit, und Historizität ist nicht gleichbedeutend mit zeitlicher Veränderlichkeit. Heidegger führt das Problem der Geschichte und Historizität über die Subjekt-Objekt-Opposition hinaus: Geschichte ist weder ein Zusammenhang von sich zeitlich verändernden Objekten noch eine „frei schwebende“ Abfolge von Erlebnissen der Subjekte. Die Historizität des Daseins besagt, dass historisch ist nicht der von der Welt freie Subjekt, sondern das Seiendes, das als Dasein-in-der-Welt existiert. Das Ereignis der Geschichte ist ein Ereignis des Daseins-in-der-Welt. Heidegger stellt seine eigene Analyse der Historizität allen vorangegangenen geschichtsphilosophischen Konstruktionen gegenüber, die entweder vom „Subjekt“ oder vom „Objekt“ ausgegangen sind. Darin zeigt sich der radikal nichtmetaphysische, postmetaphysische Charakter von Heideggers existenzieller Analyse.

2. Geschichte als „Seinsregion“

Die „Historizität“ ist eine ursprüngliche Eigenschaft menschlichen Daseins und konstituiert die „Geschichte“ als Seinsregion (Seinsregion), die sich von der Seinsregion der „Natur“ unterscheidet. In Heideggers hermeneutischer Phänomenologie werden die Grundlagen gelegt, um traditionelle philosophische Disziplinen – einschließlich der Philosophie der Geschichte – als regionale Ontologien neu zu denken.

Im Kontext der hermeneutischen Phänomenologie Heideggers gewinnt die Frage nach dem Verhältnis der Begriffe „Seinsregion“ und „Themenbereich der Wissenschaft“ (Themenbereich Wissenschaft) entscheidende Bedeutung. Die Relevanz dieser Frage erschöpft sich nicht in ihrer Rolle für das „Selbstverständnis“ der hermeneutischen Phänomenologie. Die Klärung des Verhältnisses dieser Begriffe ermöglicht einen neuen Blick auf das Problem der Beziehung zwischen Philosophie und den Einzelwissenschaften („positiven“ Wissenschaften).

Im Horizont der hermeneutischen Phänomenologie erscheint die Philosophie als Ontologie, als ontologische Wissenschaft, als Wissenschaft vom Sein. Philosophie stellt eine theoretisch-begriffliche Interpretation des Seins, seiner Struktur und seiner Möglichkeiten dar. Sie ist ontologisch und nicht-positivistisch, da sie sich nicht auf Seiendes bezieht und das Seiende nicht untersucht. Die Bearbeitung der „Seinsfrage“ und damit der Ontologie kann nur durch die Befragung des Seienden erfolgen, das nicht einfach „ist“ („existiert“ oder „liegt im Sein vor“), sondern fähig ist, sein Sein zu verstehen und auf seine Seinsverfassung hin zu befragen. So wird Dasein („Anwesenheit des Menschen“) zum Thema von Heideggers vorrangigem Interesse.

Heidegger betont wiederholt, dass Dasein keinen separaten oder abgegrenzten Bereich des Seienden darstellt, der neben anderen Regionen Gegenstand philosophischer Reflexion ist. Dasein ist kein isolierter Seinsbereich, sondern der „Raum“ (Dimension), in dem bestimmte Seinsregionen konstituiert werden und Sinn erhalten. Die existenzielle Analyse des Daseins kann daher nicht als eine der philosophischen Disziplinen („philosophische Anthropologie“) neben anderen („Philosophie der Natur“, „Axiologie“, „Sozialphilosophie“ usw.) verstanden werden. Sie stellt vielmehr eine fundamentale Ontologie dar, die sich mit ursprünglichen, nicht-regionalen Phänomenen befasst.

Der Begriff der „regionalen Ontologie“ wurde erstmals von Husserl in den „Ideen zu einer reinen Phänomenologie“ umfassend verwendet. Nach Husserl unterliegt jede konkrete empirische Gegenständlichkeit mit all ihren materiellen Entitäten der entsprechenden höchsten materiellen Gattung, der „Region“ empirischer Gegenstände. Der reinen Essenz der Region entspricht die eidetische Wissenschaft der Region, also die Ontologie der Region. Eine regionale Ontologie definiert sich als eidetische (a priori) Wissenschaft, deren Gegenstand apriorische Begriffe sind, die der jeweiligen konkret-wissenschaftlichen Disziplin zugrunde liegen. Jede empirische (positive) Wissenschaft besitzt somit einen wesentlichen theoretischen Fundament in der Eidetik der entsprechenden Ontologie.

In Husserls Phänomenologie erfüllt die regionale Ontologie einerseits eine begründende Funktion für die empirische Wissenschaft, andererseits hat sie eine unterstützende, „dienende“ Rolle. Diese Hilfsfunktion ergibt sich daraus, dass die Differenzierung der Gegenstandsbereiche und Disziplinen bereits in der Wissenschaft besteht. Zwischen Husserls regionaler Ontologie und dem Begriff der „disziplinären Ontologie“, wie er in der zeitgenössischen Wissenschaftsphilosophie verwendet wird, besteht kein wesentlicher Unterschied.

Die Interpretation der regionalen Ontologie als Ontologie einer Disziplin lässt die spontan entstandenen disziplinären Grenzen zwischen den verschiedenen Bereichen der Realität unberührt. Die Frage nach den Grundlagen der Abgrenzung verschiedener Regionen und Ontologien kann hier nicht einmal gestellt werden. Eine andere Auffassung bietet jedoch Heideggers hermeneutische Phänomenologie. Entscheidend ist hier die konzeptuelle Unterscheidung der Begriffe „Seinsregion“ (ontologische Region) und „Gegenstandsbereich der Wissenschaft“. Diese Unterscheidung, die weder der klassischen europäischen Philosophie noch Husserls reflexiver Phänomenologie bekannt war, prägt wesentlich die Spezifik und Problematik von Heideggers Philosophie und der hermeneutischen Phänomenologie insgesamt.

Heidegger unterscheidet das Seiende (Seiende) vom Gegenstand (Gegenstand). In „Grundprobleme der Phänomenologie“ fragt er, ob jedes Seiendes immer und ursprünglich ein „Gegenstand“ ist. „Müssen Naturerscheinungen ein Gegenstand sein, um das zu sein, was sie sind?“ Im Horizont der hermeneutischen Phänomenologie lautet die Antwort: nein. Seiendes kann auf einen „Gegenstand“ reduziert werden, wie es in der Wissenschaft und Philosophie der Neuzeit geschieht, insbesondere in Descartes’ Philosophie, doch das Seiende ist in seinem eigenen Sein ursprünglich kein Objekt. Das „Gegenständliche“ ist nie ursprünglich, es ist immer das Vergegenständlichte. Die Vergegenständlichung des Seienden, die Reduktion auf den Gegenstand, ist eine der bestimmenden Intentionen der neuzeitlichen Wissenschaft und Metaphysik.

Der Gegenstandsbereich des Seienden und die positive Wissenschaft sind strikt aufeinander bezogen: Der Gegenstandsbereich ist immer der Untersuchungsbereich einer bestimmten positiven Wissenschaft, und jede positive Wissenschaft befasst sich mit einem bestimmten Bereich des vergegenständlichten Seienden. Die Vergegenständlichung ist konstitutiv für die positiven Wissenschaften und ihre ontologische Voraussetzung. Der Entwurf der Seinsverfassung des Seienden, das Gegenstand der Wissenschaft werden soll, bildet das apriorische Projekt der Wissenschaft. Heidegger betont, dass die Seinsverfassung des vergegenständlichten Bereichs für die positive Wissenschaft prinzipiell unzugänglich ist, da das Sein nicht Seiendes ist und daher einen völlig anderen Erkenntnisweg erfordert. Jede Wissenschaft setzt apriorisches Wissen und Verständnis über das Sein des Seienden voraus, auch wenn die positive Erfahrung des Seienden darüber nichts weiß.

Die Seinsverfassung eines bestimmten Gegenstandsbereichs ist nur durch eine ganz andere Wissenschaft zugänglich – durch die Philosophie als Wissenschaft vom Sein. Anders ausgedrückt: Was in jeder Wissenschaft bereits vorausgesetzt wird, ist die regionale Ontologie, die die Seinsstruktur einer Region des Seienden expliziert und entwickelt, die durch Vergegenständlichung zum Gegenstandsbereich des Seienden wird, der von der positiven Wissenschaft untersucht wird.

Die konstitutive Vergegenständlichung der Wissenschaften wird dadurch möglich, dass das Sein des vergegenständlichten Seienden nicht auf seine Gegenständlichkeit gegenüber dem Subjekt reduziert werden kann. Seiendes (z. B. die Natur) muss in seiner spezifischen Seinsweise existieren, noch bevor es wissenschaftlich vergegenständlicht wird. In „Wissenschaft und Besinnung“ expliziert Heidegger die „Seinsregion“ und die „regionale Ontologie“ als notwendige Voraussetzung für konkrete wissenschaftliche Erkenntnis: „Die Theorie geht niemals an der von vornherein vorhandenen Natur vorbei, … sie kommt niemals ohne die Natur aus.“

Analog verhält es sich mit einer anderen Seinsregion – der Geschichte. Die Historiographie befasst sich mit einem bestimmten Gegenstandsbereich, dem historischen Seienden. Doch „Geschichte entsteht keineswegs erst durch historiographische Betrachtung“. Das Historische benötigt für seine Historizität keine Historiographie. Ereignisse müssen nicht in die Historiographie eingebunden werden. Entscheidend ist, dass hinter der theoretischen Geschichte die Geschichte der Ereignisse als notwendig hervorragt. Diese „Notwendigkeit“ ist kein Gegenstandsbereich des Seienden, sondern eine Seinsregion mit eigener ontologischer Struktur und eigenen Seinsparametern, noch bevor sie vergegenständlicht wird, noch bevor sie wissenschaftlich thematisiert wird.

Heidegger betont, dass das „Notwendige“ im Wesen jeder Wissenschaft liegt. In verschiedenen Wissenschaften ist dies „Natur“, „Mensch“, „historische Ereignisse“, „Sprache“ und andere Seinsregionen. Die Gegenständlichkeit – in der sich z. B. Natur, Mensch, historische Ereignisse oder Sprache manifestieren – bleibt immer nur eine Art ihrer Anwesenheit. Das Sein von Natur, Mensch, Geschichte und Sprache erschöpft sich nicht in ihrer Gegenständlichkeit für die Wissenschaft und das erkennende Subjekt. Eine Seinsregion kann durchaus keine Gegenstandsbereich einer Wissenschaft sein und bleibt dennoch eine Seinsregion mit spezifischer Seinsstruktur und -konfiguration.

Was bildet jedoch die Grundlage für die Abgrenzung von Seinsregionen im Kontext von Heideggers fundamentaler Ontologie? Diese Frage ist von prinzipieller Bedeutung. Wie A. B. Patkul bemerkt, „hat das Problem der Differenzierung von Regionen direkten Bezug zur inneren Architektonik des philosophischen Wissens, zur Ordnung seiner Themen und zur Frage der Möglichkeit einer sinnvollen Beziehung zwischen Philosophie und nicht-philosophischen Wissenschaften“. Die Antwort auf diese Frage muss die Grundlage für die Konstitution philosophischer Disziplinen legen, die als regionale Ontologien neu gedacht werden.

Ein Leitgedanke bei der Untersuchung dieser Frage ist Heideggers These von der Vielfältigkeit möglicher Modifikationen des Seins (Modifikationen des Seins). In „Grundprobleme der Phänomenologie“ formuliert er dies wie folgt: „Jedes Seiendes hat eine bestimmte Art zu sein. Die Frage ist, ob diese ‚Seinsart‘ bei jedem Seienden denselben Charakter hat – wie es die antike Ontologie annahm und wie die nachfolgende Philosophie im Wesentlichen bis heute zu behaupten gezwungen ist – oder ob die einzelnen Seinsarten sich unterscheiden.“

Nach Heidegger unterscheidet sich Seiendes nicht nur durch sein „Was“ (Inhalt), sondern auch durch seine Seinsart. Gerade die Differenz der Seinsarten ist das eigentliche Thema der fundamentalen Ontologie. Das Sein des Seienden (innerweltlich, nicht-anwesendheitsmäßig) kann dabei nicht losgelöst vom Sein des Daseins, vom Sein-in-der-Welt, betrachtet werden. Die Seinsart des Seienden ist immer zugleich ein Modus des Seins-in-der-Welt des Daseins. Seiendes als Seiendes erschließt sich immer in einem bestimmten Modus der Existenz des Daseins.

Patkul zeigt, dass „die Differenz der Seinsarten für Heidegger die erste Grundlage für die Differenzierung von Regionen darstellt, die für ihn gerade als Regionen des Seienden fungieren“. Grundlage der Unterscheidung von Regionen ist also die Differenz der Seinsarten (Modi) des Seienden. Diese Differenzierung hat apriorischen Charakter und ist Aufgabe der fundamentalen Ontologie, nicht der speziellen positiven Wissenschaften. R. Dostal bemerkt dazu: „Es ist unklar, ob Heidegger selbst regionale Ontologien entwickeln wollte, doch klar ist, dass er seine Aufgabe in Bezug auf mögliche regionale Ontologien als fundamentale Ontologie verstand.“

Die Frage nach dem Verhältnis von „Seinsregion des Seienden“ und „Gegenstandsbereich der Wissenschaft“ behandelt Heidegger auch in „Prolegomena zur Geschichte des Zeitbegriffs“. Er weist darauf hin: „Es ist uns vertraut, Geschichte und Natur durch die Brille der sie erforschenden Wissenschaften zu betrachten. Doch es ist noch nicht entschieden, ob ein bestimmter Gegenstandsbereich uns notwendigerweise auch das Feld der Realität liefert, aus dem erstmals die Themen der Wissenschaften gewonnen werden.“ Das „Feld der Realität“ („Seinsregion“) ist somit nur ein möglicher Gegenstand der entsprechenden positiven Wissenschaft. „Geschichte“ und „Natur“ sind demnach nicht primär Gegenstandsbereiche der Wissenschaft, sondern ursprünglich Seinsregionen.

Das Wesentliche, das dem wissenschaftlichen Studium verborgen bleibt, ist die Seinsart und die Seinsstrukturen der entsprechenden Seinsregion. Ein zentrales Ergebnis dieser Betrachtung ist, dass die Philosophie im Horizont der hermeneutischen Phänomenologie sich nicht mit der spontan entstandenen Differenzierung der Gegenstandsbereiche begnügen kann, wie sie in den positiven Wissenschaften angenommen wird. Die Abgrenzung von Seinsregionen und die daraus resultierenden regionalen Ontologien kann also nicht an die bereits existierende Differenzierung der Fächer und Disziplinen in der modernen Wissenschaft gebunden werden.

Der Ausdruck „vorscientific experience“ („donausischer Erfahrung“) beschreibt das eigentliche Thema der regionalen Ontologie und kann philosophisch zweifach interpretiert werden. Zum einen betont er den Aspekt der Vorläufigkeit: Vorscientific Experience ist das, was die eigentliche wissenschaftliche Thematisierung des Seienden vorbereitet. Zum Beispiel kann der vorscientific, vor-theoretische Erfahrungsschatz der Geschichte – wie er im Alltag, in Mythologie oder künstlerischer Praxis vorkommt – von Beginn an in Bezug auf die Bedingungen der Möglichkeit wissenschaftlicher Historiographie betrachtet werden. In gewissem Sinne ist dies zutreffend. Im Kontext der hermeneutischen Phänomenologie reduziert sich „vorscientific experience“ jedoch nicht apriorisch auf Erfahrung, die der Wissenschaft vorausgeht. Vielmehr betont der Ausdruck ihren ursprünglichen Charakter: Sie bereitet nicht nur die wissenschaftliche Thematisierung vor, sondern fundiert sie. Die Wissenschaft wird so nicht mehr als „Wahrheit“ des vorscientific experience verstanden, sondern als ihre derivative Modifikation.

Die Philosophie der Geschichte als regionale Ontologie, die sich mit der vorscientific Erfahrung der Geschichte beschäftigt, ist von vornherein nicht einfach eine Reflexion über die Grundlagen der Historiographie. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Philosophie der Geschichte und Historiographie parallel verlaufen und sich nicht überschneiden. Strebt die Historiographie ein tieferes Verständnis ihres Gegenstands an, muss sie sich auf die Erfahrung der Besinnung auf die Essenz und Historizität der Geschichte im Horizont der regionalen Ontologie des Historischen beziehen.

Im Kontext der hermeneutischen Phänomenologie Heideggers fällt die Seinsregion nicht mit dem Gegenstandsbereich einer bestimmten positiven Wissenschaft zusammen. Eine Seinsregion ist nur ein möglicher Gegenstandsbereich der Wissenschaft. „Geschichte“ als Seinsregion und „Geschichte“ als Gegenstand der Historiographie sind ontologisch nicht dasselbe. Historiographie ist lediglich eine Form oder ein Modus der Thematisierung und Repräsentation der Geschichte oder der historischen Vergangenheit. Der Historiker kann alles Seiendes, das als „historisch“ markiert ist, untersuchen, jedoch nur in einem bestimmten Aspekt, im Horizont eines apriorischen Projekts, wie es die wissenschaftliche Historiographie darstellt.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 01/10/2025