Nichtklassische Geschichtsphilosophie des 20. Jahrhunderts: Grundlegende Strategien und Problemfelder
„Neo-Historismus“ von Hermann Lübbe
Mit dem Namen Hermann Lübbe ist in der zeitgenössischen Philosophie der Geschichte eine radikale Neubewertung des Historismus verbunden. In dem Aufsatz „Historische Identität“ skizziert Lübbe ein neues Konzept von Historizität, das eine Alternative zum in der linguistisch orientierten Philosophie vorherrschenden konstruktivistischen Ansatz zur Geschichte darstellt. Die Frage nach Historismus und Historizität behandelt Lübbe im Kontext der Diskussion über die Identität des Subjekts.
Der Begriff „Geschichte“ wird von Lübbe in einem sehr weiten Sinne verwendet; er dient nicht nur der Charakterisierung sozialer, sondern auch technischer und biologischer Systeme. Geschichte wird als Prozess der Individualisierung von Systemen definiert. Geschichte ist das, wodurch sich ein System von einem anderen unterscheidet und anhand dessen wir Systeme identifizieren und unterscheiden können. Nach Lübbe erfolgt die Identifikation und Selbstidentifikation von Subjekten durch deren Geschichte: „Die Antwort auf die Frage nach der Identität des Subjekts, d. h. die Antwort auf die Frage, wer es ist, lautet: Geschichte.“ In diesem Sinne sind Namen von Personen (sowie Bezeichnungen und Benennungen beliebiger reflexiver Systeme) Namen ihrer Geschichte.
Eine fundamentale Voraussetzung für das Verständnis von Identität als historischer Identität bei Lübbe ist die bereits von Hegel formulierte Auffassung, dass die Einheit des Subjekts (sein Selbst, seine Selbstidentität) kein formales Handlungsvoraussetzung, sondern ein historisches Gebilde ist. Historisch zu sein bedeutet (freiwillig oder unfreiwillig), „sich in seinen Handlungen auf die Summe vergangener Erfahrungen zu stützen, die im Moment der tatsächlichen Handlung nur teilweise realisiert wird“. Dieses Verständnis von Historizität stimmt weitgehend mit dem konservativen „romantischen“ Historismus überein.
Es ist wesentlich, dass Lübbe in seinem Konzept keine prinzipiellen Unterschiede zwischen individueller und kollektiver Form historischer Identität macht. Thesen wie „Subjekte erlangen ihre unverwechselbare Identität unter Gleichgesinnten durch Geschichten“ und „der Zugang zur Identität eröffnet sich durch Geschichte“ beziehen sich gleichermaßen auf Individuen, soziale Gruppen und Organisationen.
Die Identität des Subjekts, da sie immer historische Identität ist, lässt sich nicht auf Projekte oder Handlungen des Subjekts zur Umsetzung eines Projekts reduzieren: „Wie das Subjekt in der Wirklichkeit ist, beruht nicht auf der Beständigkeit seines Strebens, so zu sein.“ Identität ist überhaupt kein Ergebnis von Handlungen oder Willensanstrengungen des Subjekts, sie ist „das Ergebnis der Geschichte“.
Der Grundsatz, dass jede soziokulturelle Identität historisch ist und Ergebnis der Geschichte(n) ist, wird in der konstruktivistisch orientierten Philosophie der Geschichte nicht nur nicht abgelehnt, sondern bildet die Grundlage für sie. Entscheidend ist, was wir unter „Geschichte“ verstehen. Vertreter des Konstruktivismus und des Narrativismus (H. White, P. Venn) weisen zurecht darauf hin, dass jede Geschichte eine von jemandem erzählte Geschichte ist. Jede Erzählung über die Vergangenheit setzt eine Interpretation der Ereignisse voraus, die immer durch unsere Sicht auf die Gegenwart und unsere Projekte für die Zukunft vermittelt wird.
In welchem Sinne wird der Begriff „Geschichte“ im Kontext der Aussage verwendet, dass „die Identität des Subjekts Ergebnis seiner Geschichte ist“? Geht es um Geschichte als „objektiven Entwicklungs- oder Veränderungsprozess in der Zeit“ oder um Geschichte als Summe von Erzählungen/Narrativen? Lübbe neigt eindeutig zur ersten Variante. Doch eine eindeutige Wahl zwischen diesen beiden Bedeutungen und das damit verbundene Gegensatzpaar von „Geschichte“ im Kontext der postmetaphysischen Philosophie der Geschichte erscheint unmöglich.
Die Behauptung der Einheit von Geschichte und Geschichtsschreibung, historischen Seins und historischem Bewusstsein ist das zentrale Motiv der nicht-klassischen Philosophie der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Nur wenn man die Gegenüberstellung von Geschichte als „realem Prozess“ und Geschichte als Narrativ aufgibt, kann man zu einem adäquaten Verständnis des Phänomens historischer Identität gelangen. Eine produktive konzeptuelle Auseinandersetzung mit dem Problem historischer Identität ist nur auf Grundlage der Überwindung des Dilemmas „Realismus – Konstruktivismus“ in der Geschichtsphilosophie möglich.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 01/10/2025