Die geschichtsphilosophische Konzeption von R. G. Collingwood: Zwischen Naturalismus und Historismus - Nichtklassische Geschichtsphilosophie des 20. Jahrhunderts: Grundlegende Strategien und Problemfelder
Nichtklassische Geschichtsphilosophie des 20. Jahrhunderts - Sykalo Yevhen 2025 Inhalt

Nichtklassische Geschichtsphilosophie des 20. Jahrhunderts: Grundlegende Strategien und Problemfelder

Die geschichtsphilosophische Konzeption von R. G. Collingwood: Zwischen Naturalismus und Historismus

In der Forschungsliteratur wird Collingwood oft dem gleichen philosophischen Strom wie Croce (Neohegelianismus) zugerechnet. Dies beruht auf bestimmten Gründen; jedoch bestehen neben den Gemeinsamkeiten auch wesentliche Unterschiede in den Denkweisen der beiden Philosophen.

Die Gemeinsamkeiten in der Auffassung von Geschichte bei Croce und Collingwood lassen sich in den folgenden Thesen zusammenfassen:

  • Jede Geschichte ist zeitgenössische Geschichte; die historische Vergangenheit ist nur insoweit zugänglich, als sie „im Jetzt lebt“.
  • Jede Geschichte ist Geschichte des Denkens; der historische Prozess stellt die Reproduktion vergangener Gedanken im Bewusstsein des Historikers dar.
  • Das Umschreiben der Geschichte und die Neubewertung der Vergangenheit im Lichte der Gegenwart sind wesentliche Merkmale der historischen Denkweise, wodurch Historiographie ein prinzipiell unendlicher, nie abgeschlossener Prozess ist.

Ein zentrales Problem in Collingwoods geschichtsphilosophischer Konzeption ist das Verhältnis von Geschichte und Natur als Bereiche des Seins. Dieses Problem ist eng mit der Unterscheidung zwischen historischem und naturwissenschaftlichem Erkenntnisweg verbunden. Collingwood strebt dabei an, zwei Extreme zu vermeiden: den Naturalismus und den Historismus. Erstgenanntes vertreten positivistische und evolutionistische Philosophen der Geschichte, Letzteres Croce und Gentile. Naturalistische Konzepte zeichnen sich durch eine außerhistorische (naturwissenschaftliche) Sicht auf die Geschichte aus, während der Historismus die historische Sicht auf die Natur betont.

Collingwoods Ausgangsthese ist die Einheit des historischen Seins und des historischen Bewusstseins. Es gibt nach Collingwood keinen Unterschied zwischen Geschichte als „realem“ Prozess und historischem Wissen als „Abbild“ dieses Prozesses im Bewusstsein des Historikers. Der historische Prozess ist von Anfang an ein Denkprozess: „Es existiert keine besondere Art von Prozess – historischer Prozess – und keinen eigenen Weg zu seiner Erkenntnis – historischem Denken. Der historische Prozess ist von sich aus ein Denkprozess, und er existiert nur insofern, als das daran beteiligte Bewusstsein sich seiner als Teil bewusst ist.“

In seiner Geschichtsauffassung wendet sich Collingwood gegen sowohl idealistische (hegelsche) als auch naturalistische Versionen der Geschichtsphilosophie. Der Gedanke ist nicht Grundlage des historischen Prozesses, und der historische Prozess kann nicht als objektive Voraussetzung historischen Wissens betrachtet werden. „‘Historischer Prozess‘ und ‚historisches Wissen‘ sind relative Begriffe; das eine existiert nicht ohne das andere.“ Aus der Einheit von Geschichte als Prozess und historischem Wissen folgt die Erkenntnis, dass jede Geschichte zeitgenössische Geschichte ist. Geschichte ist „die Reproduktion vergangener Gedanken im Bewusstsein des Historikers“, weshalb das historische Verständnis immer die Einbeziehung der Vergangenheit in den Kontext gegenwärtigen Denkens bedeutet. Die historische Vergangenheit ist niemals „tote Last“ oder bloß Ansammlung sinnloser Überreste, sondern lebendiges Erbe. Der Historiker kann und muss kritisch gegenüber diesem Erbe sein, wobei die Voraussetzung für Kritik die Einbettung der historischen Elemente in den gegenwärtigen Kontext ist.

Historische Erkenntnis ist prinzipiell unvollständig. „Jede Generation interessiert sich (und kann daher historisch studieren) für die Aspekte der Vergangenheit, die für ihre Vorfahren bloß tote Relikte waren.“ Die prinzipielle Unvollständigkeit der Historiographie hängt jedoch nicht nur mit thematischen Verschiebungen zusammen, sondern auch mit Veränderungen in der Methodologie. Daher „muss jede neue Generation die Geschichte auf ihre Weise neu schreiben; jeder neue Historiker ist nicht zufrieden damit, nur neue Antworten auf alte Fragen zu geben, sondern muss auch die Fragen selbst überprüfen.“ Geschichte als Einheit von historischem Sein und historischem Wissen ist „ein Strom, in den man nicht zweimal eintreten kann“.

In der Frage des Verhältnisses von Geschichte und Natur weicht Collingwoods Weg jedoch von Croce ab. Collingwood sieht Croces Versuch, die Natur in der Geschichte aufzulösen und alles menschliche Wissen als historisches Wissen zu präsentieren, als methodologischen Fehler an, vergleichbar mit dem Fehler der Materialisten, historische Realität aus außerhistorischer Substanz ableiten zu wollen. Dieser Fehler wird als methodologischer Reduktionismus bezeichnet. Collingwood hält es für notwendig, „den eigenen Bereich historischen Wissens zu bestimmen“ und widerspricht jenen, die durch die Behauptung der Historizität aller Dinge alles Wissen ins historische Wissen auflösen wollen.

In der nichtklassischen Philosophie lassen sich zwei Ansätze zur Abgrenzung von Natur und Geschichte und entsprechend von naturwissenschaftlicher und historischer Erkenntnis unterscheiden: ein ontologischer Ansatz bei Dilthey und ein methodologischer Ansatz im badischen Neukantianismus (Windelband, Rickert). Erstgenannter trennt Erkenntnisarten aufgrund der ontologischen Struktur der Bereiche „Geschichte“ und „Natur“, letzterer verbindet den Unterschied mit der Methodologie des erkennenden Subjekts. Bei Collingwood erhält die Unterscheidung zwischen „Geschichte“ und „Natur“ ontologischen Charakter; sie erfolgt auf der Ebene philosophischer Reflexion.

Ein erster Schritt zur Erkenntnis der ontologischen Grenze zwischen „Naturwelt“ und „Geschichts­welt“ ist die Unterscheidung der Begriffe „Veränderung“ (Prozess) und „Geschichte“. Geschichte impliziert Veränderung und Werden, aber nicht jede Veränderung ist Geschichte: „Die ganze Natur ist Welt des ‚Prozesses‘ oder ‚Werdens‘. Doch das ist nicht identisch mit Historizität, denn Veränderung und Geschichte sind nicht dasselbe.“ Evolutionistische Konzepte von Bergson und Whitehead, inspiriert durch die Evolution, vermischen Natur- und historische Prozesse, wodurch die ontologischen Grenzen verschwimmen. Collingwoods These lautet: Jede Geschichte ist Entwicklung und Werden, aber nicht jede Entwicklung ist Geschichte. Das Subjekt historischen Geschehens muss in der Lage sein, die Vergangenheit zu verstehen und zu aktualisieren, um sie als Ressource der Gegenwart zu nutzen.

Ein weiterer Schritt ist die Klärung des Verhältnisses von „Geschichte“ und „Zeit“. Geschichte ist ohne Zeit unmöglich, sie ist jedoch nicht identisch mit Zeit. Collingwood illustriert dies am Beispiel von Archäologie (historische Wissenschaft) und Geologie (Naturwissenschaft). Der Archäologe interpretiert Quellen, Artefakte und Spuren menschlicher Tätigkeit, wobei er die Artefakte als Mittel zum Verständnis vergangener Denkweisen untersucht. Der Geologe hingegen arbeitet naturwissenschaftlich, seine Objekte sind keine Artefakte mit menschlichen Intentionen. Historische Ereignisse besitzen eine innere und äußere Seite, während Naturprozesse eine solche Differenzierung nicht aufweisen. Historisches Wissen übersetzt das Äußere ins Innere, und die Einheit beider Seiten drückt sich in der Kategorie der Handlung aus. Jede historische Handlung ist eine Abfolge von Handlungen, die einen Plan des historischen Akteurs implizieren. Die Rekonstruktion dieses Plans ist die Hauptaufgabe des Historikers, die zugleich einfacher und schwieriger ist als die des Naturwissenschaftlers: Einfacher, weil er das Innere des Ereignisses zu verstehen sucht; schwieriger, weil er nicht die Naturgesetze der Ereignisse ermitteln muss.

Für Collingwood ist die Vergangenheit Erfahrung: „Für den Historiker sind die Handlungen, deren Geschichte er erforscht, nicht bloße Beobachtungsdaten, sondern lebendige Erfahrung, die er in seinem eigenen Geist durchleben muss.“ Erfahrung ist hier nicht sinnliche Wahrnehmung, sondern eine Form der Aneignung, in der Theorie und Praxis, Wissen und Handlung untrennbar verbunden sind. Historisches Wissen ist stets Selbstwissen: Es offenbart dem Historiker die Möglichkeiten seines eigenen Geistes. Historische Erfahrung ist Erfahrung der Selbstkenntnis.

Die Interpretation der Vergangenheit als Erfahrung hebt den Unterschied zwischen Natur und Geschichte hervor: In der Natur stirbt die Vergangenheit, in der Geschichte lebt sie fort. Historische Vergangenheit ist nur insoweit zugänglich, als sie „lebendig“ ist. Collingwood kritisiert die Historisten, die den historischen Erkenntnisweg absolut setzen und Geschichte und Natur vermischen, sowie die Naturalisten, die Naturprozesse und historische Prozesse gleichsetzen. Ein interessantes Beispiel ist Spenglers kulturhistorische Monade, die Elemente historistischer und naturalistischer Ansätze verbindet. Collingwood sieht in ihr die naturalistische Tendenz, die vergangene Natur mit historischer Vergangenheit gleichsetzt. Tatsächlich ist antike Mathematik für uns verständlich und bildet die Grundlage der modernen Mathematik. Sie ist kein totes Erbe, sondern lebendige Vergangenheit, auf die wir als aktuelle Ressource zugreifen.

Das Hauptunterscheidungsmerkmal zwischen Croces und Collingwoods geschichtsphilosophischen Konzeptionen liegt im Verhältnis von Geschichte und Natur. Croce entwickelt eine monistische Ontologie, in der Realität mit historischer Realität identisch ist, und historisches Wissen mit Wissen überhaupt. Unterschiede zwischen historischer und natürlicher Realität sind bei Croce relativ. Collingwood hingegen geht von ontologischen Unterschieden zwischen Geschichte und Natur, zwischen Evolution der Natur („Naturgeschichte“) und menschlicher Geschichte als Geschichte des Denkens aus. Diese ontologische Verschiedenheit begründet methodologische Unterschiede zwischen historischen und naturwissenschaftlichen Erkenntniswegen.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 01/10/2025