Sozialismus und Faschismus
Faschismus und Wirtschaft
Wie bereits zuvor, griffen wir auf ein einfaches sozial-psychologisches Modell zurück, um eine Art Kohärenz der faschistischen Ideologie herzustellen. Ein weiterer Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Faschismus bestand darin, dass die Faschisten bestimmte Unterstützung von den unteren Schichten des Bürgertums erhielten (insbesondere von jenen, die unter anderem die "Proletarisierung" fürchteten), aber letztlich auch von den höheren Finanzkreisen, die den Kommunismus fürchteten und die Tendenz zeigten, rechte Parteien wie die Faschisten nach ihrer Machtergreifung zu unterstützen.
Die frühen Anhänger des Faschismus (zum Beispiel in Deutschland) vertraten jedoch oft anti-kapitalistische Positionen. Dies widerspricht nicht der Vorstellung, dass der Faschismus eine der Folgen (neben anderen möglichen Folgen) einer systemischen Krise des Kapitalismus ist. Doch dieses Faktum schwächt die Ansicht ab, dass die Faschisten ideologisch und im Geist Kapitalisten waren. Es gibt keinen Grund, Faschismus und Kapitalismus gleichzusetzen. Eine solche Gleichsetzung tritt auf, wenn einige behaupten, dass der Faschismus gleichzeitig mit dem Kapitalismus entstanden sei und heute weiterhin in den USA und Westeuropa existiere. Solche Behauptungen sind genauso problematisch wie die Überlegungen, den Faschismus als Ausdruck ewiger und außergeschichtlicher Formen des menschlichen Übels zu begreifen. Ebenso unzureichend ist es, den Faschismus als, unter anderem, eine vom Staat gesteuerte Reaktion auf die akute Krise des traditionellen Kapitalismus zu definieren. Ein so definierter Faschismus ist auf den Zeitraum zwischen den beiden Weltkriegen beschränkt oder wird an eine Gesellschaft gebunden, die sich in der gleichen ökonomischen Lage befindet wie die europäischen Länder zwischen den Weltkriegen. In diesem Zusammenhang wird der Faschismus mit einem Kapitalismus in Chaoszuständen gleichgesetzt und diesem der organisierte Kapitalismus gegenübergestellt. Ebenso wird der Faschismus mit einem Kapitalismus, der in hohem Maße national geprägt ist, gleichgesetzt und vom modernen internationalen Kapitalismus unterschieden.
Wenn wir die historisch bestimmten Merkmale des Faschismus ignorieren, denken wir nicht-historisch. Infolgedessen gelangen wir zu einer so weiten Konzeption des Faschismus, dass sie leicht fruchtlos wird. Doch wenn man eine so weite Interpretation verwendet, spricht man nicht mehr von dem, was die meisten Menschen unter Faschismus verstehen.
An dieser Stelle berühren wir äußerst wichtige Fragen: Was sind soziale Phänomene in Wirklichkeit? Welche Existenzformen nehmen sie an? Ist ein soziales Phänomen wie der Faschismus ein einzigartiges Ereignis, das nur im Lichte komplexer sozial-historischer Bedingungen verstanden werden kann? Oder ist ein soziales Phänomen, sagen wir, der Faschismus, relativ klar, unveränderlich (ähnlich wie psychische Eigenschaften wie Aggressivität und Verachtung für Schwache) und in verschiedenen Kontexten reproduzierbar? Nach der ersten Sichtweise ist es sinnlos zu fragen, ob Platon ein Faschist war oder ob die Sowjetunion und kommunistisches Albanien faschistische Staaten waren. Nach der zweiten Sichtweise kann man solche Fragen stellen. Die Suche nach Antworten darauf wird zu einer empirischen Untersuchung. Verschiedene Ansichten darüber, was soziale Phänomene in Wirklichkeit sind, sind also eng mit unterschiedlichen Vorstellungen darüber verknüpft, was soziale Forschung leisten kann und leisten sollte.
Der führende Ideologe des italienischen Faschismus war der bekannte Philosoph Giovanni Gentile (1875—1944), der zeitweise Minister in Mussolinis Regierung war. Gentile war ein Anhänger des neohegelschen Benedetto Croce (1866—1952), der den Staat als höchsten Prinzip betrachtete. Auf die Philosophie des italienischen Faschismus hatte auch der Italiener Vilfredo Pareto (1848—1923) Einfluss, der behauptete, dass alle bekannten Gesellschaften von elitäreren Gruppen regiert werden. Eine Elite kann durch eine andere ersetzt werden, doch niemand kann bestreiten, dass die Herrschenden zur Elite gehören. Sowohl in der Demokratie als auch in der Diktatur werden die Massen von der Elite geführt. Somit sind für die Massen alle Regierungsformen gleich. Paretos Theorie richtet sich sowohl gegen das parlamentarische Regierungssystem mit Wahlen und repräsentativen Machtorganen als auch gegen die leninistische Partei mit ihrem demokratischen Zentralismus. Diese Theorie war ein Teil der faschistischen Denkweise. Wenn immer eine Elite an der Macht ist, dann soll diese eine national oder sozial integrierte Gruppe sein. Die Gesellschaft muss hierarchisch geordnet sein, und an ihrer Spitze muss ein Führer oder ein Rat besonders kompetenter Menschen stehen.
Wenn man versucht, die Verbindung zwischen den Krisenbewältigungsmaßnahmen des modernen Kapitalismus und denen des Faschismus vor dem Zweiten Weltkrieg zu betonen, so findet man in gewissem Sinne Ähnlichkeiten.
Doch wie es keinen Grund gibt, den Faschismus mit dem Kapitalismus gleichzusetzen, so gibt es auch keinen Grund, Faschismus mit Kommunismus gleichzusetzen, wie es einige Autoren tun. Indem sie Faschismus und Kommunismus gleichsetzen, meinen diese Autoren, dass beide Systeme einparteiisch sind, parlamentarische Regierungsformen ablehnen, umfassende Kontrolle über das Individuum ausüben und solche Menschenrechte wie die Freiheit des Gewissens, die Meinungsfreiheit, die Redefreiheit und dergleichen vernachlässigen. Dieser Vergleich ist in gewissem Maße richtig. Tatsächlich sind sowohl faschistische als auch kommunistische Regierungsformen totalitär.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025