Vorsokratische Philosophie mit einem Überblick über indische und chinesische Lehren
Heraklit und Parmenides
Heraklit und Parmenides gehören der zweiten Generation der griechischen Philosophen an. Der erste Philosoph, Thales, so könnte man sagen, “öffnete seine geistigen Augen“ und erkannte die Physis, die Natur. In diesem Sinne standen Parmenides und Heraklit nicht nur die Physis, sondern auch die Theorien der ersten Philosophen vor ihren geistigen Augen. Wie wir gesehen haben, entstand im Zusammenhang mit der Frage nach dem konstanten Element aller Veränderungen zunächst ein interner Dialog zwischen Thales und Anaximander. Parmenides und Heraklit hingegen begaben sich in einen Streit über die grundlegenden Annahmen, die ihre Vorgänger teilten.
Die Philosophen der ersten Generation nahmen an, dass Veränderung existiert. Für sie war dies eine Voraussetzung, eine Annahme. Aus dieser Annahme fragten sie sich, was das konstante Element aller Veränderungen sei. Die Philosophen der zweiten Generation zweifelten jedoch an dieser Annahme und stellten die Frage, ob Veränderung überhaupt existiert. Ihre Vertreter machten die Annahme, die das erste Philosophen-Genus voraussetzte, zum Gegenstand einer kritischen Reflexion. Parmenides und Heraklit gaben darauf klar gegensätzliche Antworten. Heraklit behauptete, dass alles in einem Zustand ständigen Wandels oder Bewegens sei. Parmenides hingegen glaubte, dass nichts im Zustand der Veränderung sei! Wenn man diese Antworten wörtlich nimmt, erscheinen sie zunächst sinnlos. Doch wie bei Thales’ Antwort, entspricht das wörtliche Verständnis nicht dem, was diese Philosophen wirklich sagten.
Heraklit stammte aus dem benachbarten Hafen von Ephesos, der, wie Milet, eine wichtige maritim geprägte Stadt war. Er lebte etwa um 500 v. Chr., also rund 80 Jahre nach Thales. Es gibt mehrere Geschichten über Heraklit, aber es ist unwahrscheinlich, dass sie historisch fundiert sind. Dennoch lässt sich sein Bild anhand der erhaltenen Fragmente rekonstruieren. Heraklit erscheint als ein verschlossener, scharf sarkastischer Philosoph, der von seinen Zeitgenossen oft missverstanden wurde und deswegen eine niedrige Meinung über deren geistige Fähigkeiten hatte. Deshalb sagte er, dass menschliche Meinungen und Sichtweisen “wie Kinderspielzeuge“ seien. Wer ihn nicht verstand, verglich er mit “Tauben, die abwesend sind, wenn sie anwesend sind“. Darüber hinaus zog er es vor, die allgemeine Meinung mit “Eseln zu vergleichen, die lieber Stroh als Gold bevorzugen.“
Das Missverständnis über Heraklits Lehre erklärt sich wahrscheinlich nicht nur durch die falschen Urteile der Mehrheit. Als Philosoph wurde ihm der Beiname “Der Dunkle“ gegeben. Oft drückte er seine Gedanken mit unklaren und vieldeutigen Metaphern aus. Im Gegensatz zu den milesischen Naturphilosophen, die versuchten, sich von mythologischen Ausdrucksweisen fernzuhalten, neigte Heraklit dazu, mythologische Stilelemente zu verwenden. Er besaß nicht die wissenschaftliche Präzision der Milesier und arbeitete nicht mit klar definierten, logischen Begriffen, wie es Parmenides und die Eleaten taten. Heraklit stützte sich auf Intuition und Vision — seine Rede glich den Worten eines Orakels. Vielleicht dachte er an sich selbst, als er sagte, dass “der Gott, der in Delphi prophezeit, nicht verkündet und nicht verbirgt, sondern Zeichen setzt.“
Soweit wir wissen, bewahrte Heraklit seine Schriften im Tempel der Artemis in Ephesos auf. Relativ viele Fragmente sind von ihm erhalten. Es wird angenommen, dass 126 Fragmente authentisch ihm zugeordnet werden können, während die Autorenschaft von 13 weiteren Fragmente in Zweifel gezogen wird.
In Heraklits Fragmenten werden auch andere Philosophen erwähnt. Dies weist darauf hin, dass Philosophen nicht nur die äußeren Erscheinungen der Welt betrachteten, sondern auch eine Stellung zu den Gedanken und Problemen ihrer Vorgänger bezogen. So entsteht und wird die philosophische Tradition durch die Auseinandersetzungen und Kommentierungen der Werke anderer Philosophen lebendig.
Die Aussage “Alles ist in einem Zustand unaufhörlicher Veränderung“ wird jedoch logisch widersprüchlich, wenn man folgendes bedenkt: Wir können die Aussage “Alles ist in einem Zustand der Veränderung“ nur mit Hilfe von Sprache formulieren. Sprache dient in diesem Zusammenhang als Mittel, auf Objekte hinzuweisen und diese als existierend zu erkennen, die mindestens für eine gewisse Zeitdauer bestehen. Damit setzt die Verständlichkeit dieser Aussage die Unveränderlichkeit der Objekte voraus, was jedoch der Aussage widerspricht. Doch Heraklit sagt tatsächlich nicht, dass alles in einem Zustand ständiger Veränderung ist. Vielmehr erklärt er, dass:
- Alles in einem Zustand der ständigen Veränderung ist.
- Diese Veränderung jedoch nach einem unveränderlichen Gesetz (Logos) erfolgt.
- Dieses Gesetz umfasst das Wechselspiel von Gegensätzen.
- Das Wechselspiel der Gegensätze als Ganzes führt zu Harmonie.
Man kann Heraklit folgendermaßen interpretieren: Alles befindet sich in einem Zustand fortwährender Veränderung, die dem Gesetz der Wechselwirkung entgegengesetzter Kräfte folgt. So ist beispielsweise auch unser eigenes Haus ein Objekt, das — wie alles andere — einem fortwährenden Wandel unterliegt. Diese Veränderungen entstehen durch das Wechselspiel von gegensätzlichen Kräften. Ein Teil dieser Kräfte ist für den Aufbau des Hauses verantwortlich, während die gegensätzlichen Kräfte den Zerfall bewirken. Doch über viele Jahre hinweg überwiegen die konstruktiven Kräfte und das Haus bleibt bestehen. Der Kräfteausgleich unterliegt jedoch ebenfalls der Veränderung und irgendwann beginnen die zerstörerischen Kräfte die Oberhand zu gewinnen. Schließlich wird das Haus durch die Schwerkraft und den Zerfall zerstört.
Anders gesagt, Heraklit leugnet nicht, dass Dinge für eine gewisse Zeitdauer bestehen können. Doch der grundlegende Prinzip aller vergänglichen Dinge ist das Wechselspiel zwischen den entsprechenden Kräften, deren Balance sich gemäß einem Gesetz, dem Logos, verändert. Daher ist die wahre Substanz der sich verändernden Dinge nicht eine stoffliche Ursubstanz, sondern der Logos!
Für Heraklit ist der Logos das verborgene, allgemeine Einheitsprinzip in der Vielfalt. Die Identität — das ist das, was in allen Unterschieden logisch vorausgesetzt wird.
Obwohl uns mehr Fragmente aus Heraklits Erbe bekannt sind als von den Miletiern, ist seine Interpretation nicht viel leichter, da er sich in poetischen Bildern ausdrückte. Wenn er beispielsweise vom Feuer spricht (griech. πυρ), bleibt unklar, ob das Feuer für ihn, wie für die Miletischen Philosophen, “Urgrund“ war oder ob er das Wort “Feuer“ als Metapher für den Wandel gebrauchte (der alles verzehrende Feuer). Beide Interpretationen sind möglich.
In einem Fragment [D: 90] sagt Heraklit, dass “alles in Feuer verwandelt wird und Feuer in alles, so wie Waren gegen Gold getauscht werden und Gold gegen Waren.“ Wenn wir das Feuer als Urgrund interpretieren, lässt sich eine Verbindung zwischen Naturphilosophie und Wirtschaft herstellen. In der Tat wird das Konzept des Urgrundes als allgemein verbindliches Element, durch das sich alle Dinge verändern, hier mit dem Begriff des Geldes, des Goldes, als allgemeinem Tauschmittel aller Waren, verknüpft, wobei verschiedene Waren aufgrund des gleichen Maßstabes miteinander verglichen werden.
Einige Gelehrte interpretieren Heraklit politisch als Befürworter des Krieges. Grundlage dafür ist das Fragment [D: 53]: “Der Krieg ist der Vater aller Dinge und König über alles.“ Eine genauere Lektüre deutet jedoch auf Heraklits Vorstellung der fundamentalen Spannung in der Natur zwischen alternativen Kräften hin. Der Krieg, der Konflikt (griech. πόλεμος, daher “Polemik“) sind Ausdrücke dieser kosmologischen Spannung, die “der Vater“ aller Dinge ist, anders gesagt, das grundlegende Prinzip von allem.
Heraklit spricht auch von einer Welt, die im kosmischen Brand verglüht und in regelmäßigen Abständen wiederersteht. Auf diesen Zyklus von fortwährend auflodernenden Feuern und neuen Welten gehen später die Stoiker ein.
Die alternative Position zu Heraklit nimmt Parmenides ein. Dies bedeutet jedoch nicht, dass für ihn die Aussage “Nichts befindet sich in einem Zustand der Veränderung“ unumstößlich ist. Parmenides behauptet, dass Veränderung logisch unmöglich ist. Wie für Heraklit bildet auch für Parmenides das “Logische“ den Ausgangspunkt. Seine Argumentation lässt sich wohl folgendermaßen rekonstruieren:
A) 1) Was existiert — existiert.
Was nicht existiert — existiert nicht. 2) Was existiert — kann gedacht werden. Was nicht existiert — kann nicht gedacht werden.
B) Die Idee der Veränderung setzt voraus, dass etwas beginnt zu existieren und etwas aufhört zu existieren. Zum Beispiel wird der Apfel von grün zu rot. Die grüne Farbe verschwindet, wird “nicht-existierend“. Diese Überlegungen zeigen, dass Veränderung das Nichtsein impliziert, das nicht gedacht werden kann. Deshalb sind wir nicht in der Lage, Veränderung im Denken auszudrücken. Folglich ist Veränderung logisch unmöglich.
Natürlich wusste Parmenides ebenso gut wie wir, dass unsere Sinnesorgane eine Vielzahl von Veränderungen bezeugen. Doch vor ihm stand die Dilemma-Frage: Worauf sollten wir uns stützen? Der Verstand sagt, dass Veränderung logisch unmöglich ist, die Sinne jedoch bezeugen, dass Veränderung existiert. Auf was soll man sich verlassen? Der Grieche Parmenides behauptet zu Recht, dass wir dem Verstand glauben sollen. Der Verstand hat recht, und die Sinne betrügen uns.
Schon zu Lebzeiten Parmenides versuchten seine Gegner, diesen Schluss zu widerlegen. Man erzählt, dass ein Gegner versuchte, den Unsinn dieses Schlusssatzes folgendermaßen zu zeigen. Während er ein ähnliches Argument wie das in B) vortrug, stand dieser Gegner auf und begann zu gehen!
Aber, wie zuvor, lassen Sie uns die Konsequenzen der parmenidischen Aussage betrachten. Zum ersten Mal in der intellektuellen Geschichte vertraute ein Mensch vollständig dem Verlauf und den Ergebnissen des logischen Denkens, so sehr, dass selbst sinnliche Wahrnehmungen, die diesen Ergebnissen widersprechen, ihn nicht erschüttern konnten. Aus dieser Sicht ist Parmenides der erste radikale Rationalist! In diesem Sinne ist es weniger wichtig, ob seine Argumentation formal korrekt war oder nicht.
Indem Parmenides vorschlug, Überlegungen auf rationale Argumentation zu stützen, wurde er zum ersten Denker, der einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung des logischen Denkens leistete.
Leben. Parmenides war ein Zeitgenosse von Heraklit. Seine philosophische Blütezeit fiel in das 5. Jahrhundert v. Chr. Er lebte in der griechischen Kolonie Elea in Süditalien. Man nimmt an, dass Parmenides in seiner Heimatstadt ein hochgeschätzter Bürger war, der aktiv am öffentlichen und politischen Leben teilnahm, insbesondere bei der Gesetzgebung.
Ein Schüler Parmenides war Zenon von Elea, der versuchte, die Lehre von der logischen Unmöglichkeit der Veränderung zu verteidigen. Er versuchte zu beweisen, dass Lehren, die die Möglichkeit der Veränderung behaupten, zu logischen Paradoxa führen. Ein solches Paradoxon wird durch die Erzählung von Achilles und der Schildkröte veranschaulicht.
Achilles und die Schildkröte nehmen an einem Wettrennen teil. Sie starten zur gleichen Zeit (t0), doch die Schildkröte befindet sich etwas vor Achilles. Nehmen wir an, Achilles läuft 50-mal schneller als die Schildkröte. Wenn Achilles zu einem Zeitpunkt t den Punkt erreicht, an dem die Schildkröte bei t0 war, ist die Schildkröte schon ein Stück weiter, und zwar um 1/50 des von Achilles in der Zeit zwischen t0 und t zurückgelegten Abstands. Wenn Achilles also zu einem späteren Zeitpunkt t2 den Punkt erreicht, an dem die Schildkröte bei t1 war, ist sie wieder um 1/50 des Abstands weitergewandert und so weiter. Das Abstand, um den die Schildkröte vor Achilles bleibt, wird immer kleiner. Dennoch wird sie immer vor ihm bleiben, weil sie immer weiterkommt, während Achilles den Punkt erreicht, an dem die Schildkröte zuvor war. Daher wird Achilles die Schildkröte niemals einholen oder überholen.
Dieses Paradoxon ist typisch für das griechische Denken, das das Konzept der momentanen Geschwindigkeit an einem Punkt nicht zuließ, also der Geschwindigkeit eines Körpers in einem unendlich kleinen Moment der Zeit an einem einzigen Punkt im Raum.
Es heißt, Parmenides sei mit den Pythagoreern vertraut gewesen, die ähnliche philosophische Ansichten wie sein Rationalismus teilten.
Werke. Fast vollständig ist das philosophische Gedicht Parmenides überliefert. Wir haben auch Informationen über ihn aus zweiter Hand, so schrieb Platon einen Dialog mit dem Titel “Parmenides“.
Lehre Parmenides’ endet mit der Etablierung einer unüberwindbaren Grenze zwischen Verstand und Sinnen. Sie lässt sich schematisch folgendermaßen darstellen:
Verstand / Sinne = Sein / Nichtsein = Ruhe / Veränderung = Ein / Viel
Mit anderen Worten, der Verstand begreift das Reale als etwas Ruhendes (und Einziges). Die Sinne liefern uns nur das Irreale, das sich in Veränderung (und Vielheit) befindet. Eine solche Trennung oder Dualismus ist auch einigen anderen griechischen Philosophen eigen, etwa Platon. Doch im Gegensatz zu anderen Dualisten ignoriert Parmenides die Sinne und die sinnlichen Objekte offenbar in einem Maße, dass er alles “unterhalb der Linie“ für nicht real hält. Es gibt keine sinnlichen Objekte! Wenn diese Interpretation zutrifft, können wir Parmenides mit fast absoluter Sicherheit als Vertreter des Monismus betrachten. Nach dieser Lehre ist alles Existierende ein einziges (Einheitliches) und nicht vieles, und diese Realität kann nur mit dem Verstand erfasst werden.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025