Die historische Schule – Savigny und Ranke - Entstehung der Geisteswissenschaften
Hauptpunkte und Persönlichkeiten in der Geschichte der Weltphilosophie - 2024 Inhalt

Entstehung der Geisteswissenschaften

Die historische Schule – Savigny und Ranke

Wie bereits erwähnt, war Herder ein Pionier der “Historisierung“ der Geisteswissenschaften. Neben der sogenannten historischen Schule der Geschichtsschreibung betraf die radikale Historisierung auch andere Geisteswissenschaften. Sie fand ihren Ausdruck auch in der Theologie (insbesondere in der sogenannten höheren Kritik der Bibel, vertreten durch David Friedrich Strauss, 1808—1874, und sein Werk Das Leben Jesu von 1835—1836), der Rechtswissenschaft (Savigny) und der Geschichtsschreibung (Ranke).

Darüber hinaus trug die historische Schule zur “Scientifizierung“ der Geisteswissenschaften bei. Die historisch-kritische Methode, mit ihrem Fokus auf Quellenkritik und einer Orientierung an den Fakten, korrigierte die Empathie Herder und die für den Romantismus typische Betonung des Zeitgeistes und des nationalen Geistes. “Die Dinge selbst“ rückten wieder in den Vordergrund.

Ähnlich wie Herder und die Romantiker vertraten Friedrich Karl von Savigny (1779—1861) und Leopold von Ranke (1795—1886) die Ansicht, dass Geschichte durch organische Entwicklung geprägt sei und dass radikale Eingriffe in die Geschichte deren natürlichen Verlauf behindern. Im 19. Jahrhundert wurde diese Idee zu einem Argument für politische Stabilität und ein konservatives Reformunvermögen. Dies ist besonders deutlich am Beispiel der historischen Schule in der Rechtswissenschaft. Nach den Napoleonischen Kriegen entstand in Deutschland eine nationale Bewegung gegen den französischen Rationalismus und die Konzeption des Naturrechts sowie des napoleonischen Zivilgesetzbuchs (Code Civil). Die demokratischen und egalitären Elemente der damaligen Rechtsdenkens, die auf der Idee des Naturrechts basierten, wurden durch den antirationalistischen nationalen Historizismus ersetzt, der tief in der rein deutschen historischen und rechtlichen Tradition verwurzelt war.

Savigny vergleicht die organische Entwicklung des Rechts mit den Veränderungen der Sprache. Dieser Vergleich setzt klare Grenzen für legislative Tätigkeiten. Recht, Sprache, Traditionen und Gebräuche sind Ausdruck der Seele des deutschen Volkes. Daher muss das Recht, wie auch die Sprache, dem Charakter des Volkes (Volksmäßig) entsprechen. Der wissenschaftliche Ansatz des Rechts muss historisch-genetisch sein und sowohl Empathie als auch Quellenkritik einbeziehen.

So betrachtet Savigny das Recht und alle anderen kulturellen Phänomene als Ausdruck des nationalen Geistes. Der nationale Geist durchdringt alle Lebensformen und erschafft die nationale Individualität. Es besteht eine organische Verbindung zwischen Recht und Volkstümlichkeit. Das geltende Recht ist somit traditionelles Recht. Der wahre Gesetzgeber drückt den nationalen Geist aus und verkörpert ihn. Savigny betrachtete Rechtskodifikationen und Verfassungen, die auf der Idee der Menschenrechte basieren (wie zum Beispiel das Allgemeine Landrecht für die Preußischen Staaten von 1794), als untypisch deutsch und unhistorisch. Aus seiner Sicht hatten Brauch und Tradition Vorrang vor Vernunft. Diese Ansicht wurde später von Karl Marx in seiner Kritik der historischen Schule der Rechtswissenschaften angegriffen. Marx argumentierte, dass Savigny die Unvernunft und Ungerechtigkeit der Gegenwart mit der Unvernunft und Ungerechtigkeit der Vergangenheit legitimiert. Auch Hegels kritisches Argument sollte hier erwähnt werden: Die historische Schule der Rechtswissenschaften stellt die Verbindungen zwischen Vernunft und Wirklichkeit falsch dar. Das bestehende positive Recht ist nicht immer vernünftig und gerecht.

Solche Formen konservativ-restaurativer Historisierung waren jedoch kein rein deutsches Phänomen. Ähnliche Tendenzen finden sich auch im Konservatismus von Burke sowie in der französisch-katholischen (klerikalen) Philosophie der Restauration (L. Bonald, J. de Maistre).

Für Ranke besteht das Ziel der Geschichtsschreibung in der objektiven Rekonstruktion der Vergangenheit “so, wie sie wirklich war“. Im Mittelpunkt seiner Aufmerksamkeit steht die politische Geschichte. Ranke interessierte sich wenig für die historische Rolle ökonomischer und sozialer Faktoren. Das Ziel historischer Forschung liegt vor allem darin, die Vergangenheit auf Grundlage ihrer eigenen Voraussetzungen zu verstehen und nicht in der Entstehung und den Hintergründen der Gegenwart. Daher erfordert die Geschichtsschreibung eine besonders positive Haltung gegenüber der Vergangenheit. Der Historiker sollte zudem subjektive und voreingenommene Interpretationen vermeiden. Dies wird ihm durch die historisch-kritische Methode und verbesserte Formen der Quellenkritik ermöglicht. Ranke war sich jedoch bewusst, dass Historiker nie passive Registrar von objektiven Fakten sind; sie beginnen ihre Arbeit stets mit Annahmen. Ohne Philosophie — womöglich meinte Ranke hier formative Hypothesen oder Ideen — würde die Geschichte ein Chaos von Fakten darstellen.

Obwohl Ranke die hegelsche Philosophie der Geschichte als spekulativ und aprioristisch ablehnt, sieht er wie Hegel in einzelnen Phänomenen etwas Allgemeines. In jedem Zustand und in jedem historischen Phänomen findet der Historiker Züge der Ewigkeit, die von Gott ausgehen.

Ähnlich wie Herder und die Romantiker betont Ranke in seiner Polemik gegen den Rationalismus und die optimistische Sicht auf den Fortschritt die Bedeutung der Individualität. Wenn der Fortschrittsthese ein ursächlicher oder teleologischer Determinismus zugrunde liegt, wird die Freiheit des Menschen aufgehoben. Historische Entwicklung jedoch setzt “Stadien der Freiheit“ voraus. Wer Historiker werden will, muss in der Lage sein, historische Ereignisse bis zu den individuellen Handlungen zurückzuverfolgen, die sie hervorgebracht haben. Nur das Verständnis der Handlung ermöglicht es, Ereignisse als historische Ereignisse zu begreifen. Darüber hinaus ist für Ranke die These des Fortschritts unvereinbar mit dem Prinzip der Gleichwertigkeit aller Epochen und Nationen (nach ihm “sind alle in gleicher Nähe zu Gott“). Die Vielfalt an sich ist Ausdruck der Großzügigkeit Gottes. Aus der Sicht der Ewigkeit (der Sicht Gottes) sind alle Generationen und Epochen gleichwertig.

Man könnte sagen, dass mit dem Aufkommen Rankes die historische Forschung sich von den Fesseln philosophischer Systematisierung (wie bei Hegel) befreit hat. Die Institutionalisierung der Geschichtsschreibung als strenge empirische Disziplin geht vor allem auf Ranke und seine Schule zurück.





Über den Autor

Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.

Quellen und Methodik

Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.

Zuletzt geändert: 12/01/2025