Philosophische Kultur des Alten Ostens
Besonderheiten der altindischen und altchinesischen Philosophie
Seit über einem Jahrhundert wird über die Kulturen des Alten Ostens diskutiert, wobei zwei extreme Positionen vertreten werden.
Die eine Ansicht besagt, dass Indien und China keine echte Philosophie hervorgebracht hätten, dass sie sozusagen nicht „herangereift“ seien. Daher solle man in ihrem Fall von einer Vorstufe der Philosophie oder einem religiös-philosophischen Weltbild sprechen. Die andere Ansicht behauptet das Gegenteil: Indien und China hätten der Welt eine Über-Philosophie offenbart, die der Westen bislang nicht zu erreichen vermochte.
Das Nebeneinander dieser gegensätzlichen Positionen lässt sich darauf zurückführen, dass in beiden Fällen die westlich-europäische Philosophie als Maßstab herangezogen wird – als Modell, dem andere Traditionen entweder nachzueifern oder von dem sie sich abzuheben haben. Weil das Denken Indiens und Chinas nicht in dieses „Prokrustesbett“ passt, wird es je nach persönlicher Einstellung des Forschers zur europäischen Philosophie entweder als „Vor-Philosophie“ oder als „Über-Philosophie“ bezeichnet.
Gerade wegen der Unvereinbarkeit des indischen und chinesischen Philosophierens mit der europäischen Tradition wurden beide Kulturen willkürlich unter dem Begriff „Osten“ zusammengefasst und dem „Westen“ gegenübergestellt. Tatsächlich jedoch sollte man von drei eigenständigen Quellen der weltphilosophischen Gedanken sprechen: dem Westen, Indien und China. Zwischen Indien und China bestehen deutlich weniger Gemeinsamkeiten als zwischen dem Westen und Indien, die durch eine gemeinsame indoeuropäische Ursprungsheimat und Sprachfamilie verbunden sind. Indien wurde mit China vor allem durch den Buddhismus geistig verknüpft, der erst im 2. Jahrhundert n. Chr. nach China gelangte.
Viele zeitgenössische Historiker der Philosophie bezeichnen das antike Griechenland, das alte Indien und das alte China als drei sehr unterschiedliche, aber in ihrem geistigen Rang gleichwertige Gesprächspartner.
Die Frage nach der Entstehung der indischen und chinesischen Philosophie und ihrer Beziehung zu den bildhaften Begriffen der Mythologie ist jedoch nicht weniger komplex.
L.S. Wasiljew, ein Experte für die Ursprünge der altchinesischen Zivilisation, des Staates und des Weltbildes, hat ein allgemeines Modell des Übergangs vom mythischen Weltverständnis zum philosophischen Denken entwickelt. Dieses Modell umfasst vier Varianten des Übergangs:
- den alttestamentlichen,
- den indisch-arischen,
- den antiken und
- den chinesischen.
Für den alttestamentlichen Übergang zur Philosophie ist die Verdrängung der Vielzahl mythologischer Gottheiten durch den einen Gott-Absoluten charakteristisch. Der indisch-arische Übergang verbindet mythologische Gottheiten mit einem rational begriffenen Einen. Der antike Übergang zeichnet sich durch das Streben nach einem ganzheitlichen, rationalistischen Weltbild aus, in dem kein Platz für göttliche Willkür bleibt. In China hingegen wurde das mythische Bewusstsein stark von der rigorosen Ritualistik („chinesische Zeremonien“) verdrängt.
Die Philosophie Chinas hat jedoch nie die Verbindung zwischen Überlieferung und wissenschaftlicher Theorie, Mythos und Logos vollständig abgebrochen. Sie entsteht aus dem Mythos und bleibt mit ihm verbunden, anders als die Philosophie des antiken Griechenlands. Die „Lebenskraft“ des chinesischen Mythos liegt darin, dass er über Jahrhunderte hinweg als notwendiger Rahmen diente – als künstlerischer und erkenntnistheoretischer Horizont, in dem sich die chinesische nationale Psychologie und Philosophie entfalteten. Daher sind auch die chinesische Medizin und selbst die Kampfkünste tief von philosophischen Begriffen durchdrungen, während die Philosophie von anschaulichen Bildern und Assoziationen geprägt ist. Ein Beispiel dafür ist die philosophisch-ästhetische Kategorie der „Reinheit“, die nur in China anzutreffen ist.
Die bloße Existenz einer entwickelten, philosophisch geprägten Mythologie reicht jedoch nicht aus, um Philosophie hervorzubringen. Philosophie wird erst dann zu Philosophie, wenn sie eine eigene, vom Mythos und von der Wissenschaft unabhängige Methode und Sprache der Welterkenntnis entwickelt.
Im Alten Osten beginnt die Philosophie als Kommentar: in China zu den Texten des I Ging („Buch der Wandlungen“), in Indien zu den Veden (den Upanishaden). Die vagen, vieldeutigen alten Texte und Hymnen boten Raum für unterschiedlichste Interpretationen. Gerade der Kommentar war in Indien und China die primäre philosophische Methode der Welterfassung und förderte die Herausbildung einer originären philosophischen Sprache.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025