Philosophie der Neuzeit: 17. Jahrhundert
Die englische Philosophie des 17. Jahrhunderts
Francis Bacon: Lebensweg und Anfänge seines Schaffens
Der Beginn der neuen europäischen Philosophie ist untrennbar mit der schillernden Gestalt Francis Bacons verbunden, dessen Gedanken von der großen Kultur der Renaissance geprägt sind und zugleich in die Zukunft weisen. In gewisser Weise kann Bacon als der letzte Denker der Renaissance und zugleich als Wegbereiter der Philosophie der Neuzeit betrachtet werden.
Francis Bacon wurde am 22. Januar 1561 in London geboren, in eine Familie von hoher Stellung am königlichen Hof. Sein Vater, Sir Nicholas Bacon, bekleidete durch seine juristische und politische Tätigkeit das Amt des Lord Keeper of the Great Seal of England, eine Position, die er fast zwanzig Jahre bis zu seinem Tod innehatte. Bacons Mutter, Anne Cooke, war eine hochgebildete Frau, die Altgriechisch und Latein beherrschte, sich für Theologie und Kunst interessierte und mehrere religiöse Werke ins Englische übersetzte. In diesem gebildeten und privilegierten Umfeld wuchs der zukünftige Philosoph und spätere Lordkanzler Englands auf.
Im Jahr 1573 wurde Francis an das Trinity College in Cambridge geschickt, das vor allem junge Männer ausbildete, die eine Laufbahn im Staatsdienst anstrebten. Mit großem Interesse studierte Bacon die Werke von Aristoteles, Platon, Sophokles, Euripides und anderen Denkern, wobei er ihnen mit kritischem Blick begegnete. So empfand er beispielsweise die Philosophie Aristoteles’ als unbefriedigend und fruchtlos, da sie seiner Ansicht nach lediglich für kunstvolle Dispute geeignet sei, jedoch keine neuen Erkenntnisse liefere.
Nach Abschluss seines Studiums reiste Bacon gemeinsam mit seinem Bruder nach Paris, wo er am englischen Botschaftshof tätig war. Während dieser sogenannten Pariser Periode (1577–1579) erhielt er eine exzellente Ausbildung in Politik und Diplomatie und sammelte Erfahrungen im höfischen und religiösen Leben. Bacon besuchte zahlreiche Länder des europäischen Kontinents, darunter Deutschland, Spanien, Polen, Dänemark, Schweden und Italien. Aus diesen Reisen entstanden seine Notizen über den „Zustand Europas“.
Die politische Karriere Bacons erreichte ihren Höhepunkt im Jahr 1620, als er zunächst zum Lord Keeper of the Great Seal und später zum Lordkanzler sowie Statthalter des Staates in Abwesenheit des englischen Königs ernannt wurde. In Anerkennung seines Amtes erhielt er die Titel eines Barons und schließlich eines Viscounts. Doch bereits 1621 erhob das englische Parlament schwere Anklagen gegen Bacon, darunter Korruption, Bestechung und Intrigen. Er wurde für schuldig befunden, inhaftiert und zu einer Geldstrafe von 40.000 Pfund verurteilt. Der Prozess wurde jedoch später annulliert, und Bacon, wieder in Freiheit, zog sich endgültig aus der Politik zurück, um sich bis zu seinem Tod im Jahr 1626 ganz der Wissenschaft und Philosophie zu widmen.
Bacons wissenschaftliches Werk lässt sich in zwei Gruppen unterteilen. Die erste widmet sich der Entwicklung der Wissenschaft und der Analyse wissenschaftlicher Erkenntnis. Hierzu gehören die Schriften im Rahmen seines Projekts der „Großen Erneuerung der Wissenschaften“, von dem nur die zweite, 1620 veröffentlichte und dem induktiven Methodenansatz gewidmete Abhandlung „Novum Organum“ fertiggestellt wurde. Die zweite Gruppe umfasst Werke wie „Moralische, ökonomische und politische Essays“, „Nova Atlantis“, „Die Geschichte Heinrichs VII.“ sowie das unvollendete Werk „Über Prinzipien und Anfänge“.
Das Hauptanliegen von Bacons Philosophie war die Konstruktion einer neuen Methode der Erkenntnis. Ziel der Wissenschaft sei es, der Menschheit zu nützen. Wissenschaft, so Bacon, solle „weder um ihrer selbst willen, noch für gelehrte Dispute, noch zur Verachtung anderer, noch aus Eigennutz und Ruhmsucht, noch zur Machterlangung oder aus anderen niedrigen Beweggründen entwickelt werden, sondern zum Nutzen und Erfolg des Lebens selbst.“ Diese praktische Orientierung der Erkenntnis verdichtete Bacon in seinem berühmten Aphorismus: „Wissen ist Macht.“
„Novum Organum“ und seine zentralen Ideen
Bacons Hauptwerk zur Methodologie der wissenschaftlichen Erkenntnis ist das „Novum Organum“. Darin legt er die Prinzipien einer „neuen Logik“ dar, die den Weg zu neuen Erkenntnissen und einer neuen Wissenschaft ebnen soll. Als zentrale Methode schlägt er die Induktion vor, die auf Erfahrung und Experiment basiert und durch spezifische Methoden der Analyse und Verallgemeinerung sinnlicher Daten ergänzt wird.
Bacon übt scharfe Kritik an der bisherigen, „alten“ Logik Aristoteles’, die auf deduktivem Denken beruht. Diese Logik führe nur zu Verwirrung und hindere daran, die verborgene Sprache der Natur zu entschlüsseln, wodurch die Natur dem Forscher entgleite.
Nach Bacons Auffassung ist die Erfahrung die Grundlage jeder Erkenntnis. Diese müsse gezielt organisiert und einem bestimmten Ziel untergeordnet werden. Ein systematischer und schrittweiser Plan solle von Experimenten zu neuen Experimenten oder zu theoretischen Erkenntnissen führen, die wiederum neue Experimente anregen. Logisch bedeutet dies, dass der Erkenntnisprozess von einzelnen Tatsachen zu allgemeinen Aussagen über Klassen von Gegenständen oder Prozessen führt. Die Induktion, so Bacon, bewahre vor Fehlern sowohl im Denken als auch in der Erkenntnis insgesamt.
Obwohl Aristoteles die Induktion als Methode des Denkens beschrieben hatte, gab er ihr nicht die universelle Bedeutung, die Bacon ihr zuschrieb. Bacon erkannte jedoch auch, dass die Induktion oft unvollständig ist und ihre Schlüsse lediglich wahrscheinlich, nicht aber zwingend sind. Um die Zuverlässigkeit induktiver Schlüsse zu erhöhen, forderte Bacon, möglichst viele Fakten zu sammeln, die sowohl die Schlussfolgerungen bestätigen als auch widerlegen könnten.
Trotz seiner bahnbrechenden Arbeit zur Theorie der Induktion betrachtete Bacon diese nicht als abgeschlossen. Vielmehr hoffte er ernsthaft, dass künftige Generationen von Wissenschaftlern seine Ansätze weiterentwickeln würden.
Die Lehre von den „Idolen“ oder Trugbildern der Erkenntnis
Francis Bacon vertrat die Ansicht, dass das menschliche Bewusstsein nicht in der Lage sei, den Gegenstand seines Studiums vollständig und exakt zu erfassen. Vorurteile, die den Menschen daran hindern, die Wahrheit zu entdecken, stellen ein erhebliches Hindernis für eine vollständige und präzise Erkenntnis dar. Allegorisch bezeichnete er diese Vorurteile als „Idole“ der Gattung, der Höhle, des Marktes und des Theaters. Die ersten beiden Arten von Idolen hielt er für angeboren, während die letzten beiden im Laufe des Lebens erworben würden.
Die erste Art der Irrtümer, die Idole der Gattung, ist allen Menschen eigen, da sie die Natur der erkennbaren Dinge mit der Natur ihres eigenen Geistes vermischen. Zu dieser Art von Irrtümern führen die begrenzten Fähigkeiten der Sinnesorgane, der Wunsch der Menschen, neue Ideen im Lichte früherer Vorstellungen zu deuten, und das Bestreben, die Vorstellungen von der kleinen Welt, in der sie leben, auf die große und allgemeine Welt zu übertragen.
Die zweite Art der Irrtümer, die Idole der Höhle, wurzelt in den individuellen Besonderheiten des Menschen. Neben den Idolen, die allen Menschen gemeinsam sind, besitzt jedes Individuum seine „eigene Höhle“, die das Licht der Natur zusätzlich „schwächt und verzerrt“. Der Inhalt der Idole der Höhle umfasst die Eigenheiten der Erziehung und Psychologie des Menschen, die Spezifika seines sozialen Umfelds sowie die Richtung seiner persönlichen Interessen. Diese Idole sind äußerst vielfältig, da sie die individuellen Unterschiede jedes Einzelnen widerspiegeln. „Der menschliche Verstand ist kein reines Licht; er wird durch Wille und Leidenschaften befleckt. Der Mensch neigt dazu, das für wahr zu halten, was er bevorzugt. Auf zahllose, oft unbemerkte Weisen trüben die Leidenschaften den Verstand.“
Bacons Hinweis auf den Einfluss der emotionalen Sphäre und der mannigfaltigen Interessen des Menschen auf die Objektivität und Vollständigkeit der Erkenntnis ist zweifellos zutreffend. Zwar kann der Einfluss der Idole der Gattung und der Höhle auf den Erkenntnisprozess niemals vollständig überwunden werden, doch lässt er sich durch kollektive Erfahrung, die die individuelle korrigiert, erheblich abschwächen. Hierzu ist es erforderlich, dass jeder Mensch nicht nur die Wirkungsweise der Irrtümer erkennt, sondern auch die Methodik des Erkenntnisprozesses beherrscht.
Die dritte Art der Irrtümer, die Idole des Marktes, entsteht in der Sphäre der „gegenseitigen Kommunikation und des gemeinsamen Gebrauchs der Sprache“. Während des sprachlichen Austauschs glauben Menschen, ihr Verstand herrsche über die Worte. Eine unglückliche und falsche Wahl der Worte schafft jedoch ernsthafte Schwierigkeiten und Hindernisse auf dem Weg zur Wahrheit. In solchen Fällen verdunkeln die Worte den Verstand, verwirren ihn und desorientieren ihn bei der Suche nach der Wahrheit.
Bacons Kritik an den „Idolen des Marktes“ enthält einen rationalen Kern, da sie die relative Eigenständigkeit der Sprache hervorhebt: ihre konservative Tendenz im Verhältnis zum Denken und ihre aktive Beeinflussung desselben. Bacons Verdienst liegt darin, auf die bestehende Verbindung zwischen Sprache, Denken, Erkenntnis und Realität hingewiesen zu haben. Natürlich war es Bacon im 17. Jahrhundert nicht möglich, dieses Problem vollständig zu lösen. Viele Linguisten, Logiker, Kybernetiker, Psychologen und Philosophen beschäftigen sich bis heute mit dieser Frage.
Die vierte und letzte Art der Irrtümer, die Idole des Theaters, wurzelt in Wissenschaft und Philosophie. Sie dringen in das Denken der Menschen ein, indem sie aus verschiedenen philosophischen Lehren übernommen werden, denen aufgrund von Vertrauen oder Ehrfurcht vor wissenschaftlichen Autoritäten Gehör geschenkt wird. Besonders gefährlich in dieser Hinsicht sind traditionelle philosophische Doktrinen und Systeme. Zu den falschen Autoritäten zählt Bacon Pythagoras, Platon und Aristoteles. Besonders entschieden wandte er sich gegen die aristotelische Scholastik. Zu den Idolen des Theaters rechnet Bacon auch blinden Aberglauben und maßlose religiöse Eifer.
Bacon fordert dringend, die Hindernisse (Idole) auf dem Weg zur Erkenntnis zu beseitigen, um die Seele für die Wahrheit empfänglicher zu machen. Das wichtigste Mittel zur Überwindung dieser Trugbilder ist die Rückkehr zur Erfahrung und die Verarbeitung der empirischen Daten mittels wissenschaftlicher Methoden. Anschließend stellt sich die Frage: Welcher Erkenntnismethode ist der Vorzug zu geben, und wie soll sie angewendet werden? Diese Frage beantwortet Bacon allegorisch: Es gibt drei grundlegende Wege der Erkenntnis – den des Spinnen, der Ameisen und der Bienen.
Der „Weg der Spinne“ beschreibt den Versuch, die Wahrheit allein aus dem „reinen“ Bewusstsein zu gewinnen, wobei die Fakten und die Realität vollständig ignoriert werden. Die auf diesem Weg gewonnenen Schlussfolgerungen sind hypothetisch, sie können wahr oder falsch sein. Diese Methode wird von Dogmatikern und Rationalisten angewandt, die wie Spinnen ein Netz aus Gedanken aus ihrem Verstand spinnen.
Der „Weg der Ameise“ verkörpert den engen Empirismus, der sich ausschließlich auf das Sammeln von Fakten konzentriert. Empiriker sammeln mit Eifer und Fleiß einzelne Fakten, sind jedoch unfähig, sie zu verallgemeinern.
Der „Weg der Biene“ verbindet die Stärken der beiden vorhergehenden Methoden und vermeidet deren Schwächen. Damit gelingt der Aufstieg von der Empirie zur Theorie. Doch Angst vor diesem Aufstieg führt auf den falschen „Weg der Ameise“, während übermäßige Eile auf den „Weg der Spinne“ lenkt.
Bacon, der kein Naturwissenschaftler war, bewertete einige Entdeckungen und wissenschaftliche Ideen seiner Zeit mitunter falsch. So unterschätzte er beispielsweise die Rolle der Mathematik und lehnte das heliozentrische System Kopernikus’ ab. Dennoch gilt Bacon als Begründer der experimentellen Wissenschaft, da er ihren neuen Geist erfasste und ihre Bedürfnisse erkannte.
Bacons Lehre hatte enormen Einfluss auf die weitere Entwicklung von Wissenschaft und Philosophie. Sein logisches Verfahren bildete die Grundlage für die Entwicklung der induktiven Logik. Seine Klassifikation der Wissenschaften spielte eine bedeutende Rolle in der Wissenschaftsgeschichte und fand Anwendung bei den französischen Enzyklopädisten.
Thomas Hobbes: Leben und Kampf eines Denkers
Einer der herausragenden Vertreter der englischen Philosophie ist Thomas Hobbes. Geboren wurde er 1588 in der Familie eines Landgeistlichen.
Das Kind kam zu früh zur Welt, schwächlich, und die Ärzte waren einhellig der Meinung, der Säugling würde nicht überleben. Doch in einer Zeit, in der Menschen zu Tausenden starben, gelang es Hobbes, bis zu seinem 92. Lebensjahr zu leben – und wie er lebte! Bis zum 70. Lebensjahr spielte er Tennis, und im Alter von 86 Jahren widmete er sich erfolgreich der Übersetzung der Ilias und Odyssee aus dem Altgriechischen.
Das Leben Hobbes’ spielte sich vor dem Hintergrund bedeutsamer politischer Ereignisse in England ab, die sein philosophisches Denken stark prägten.
Mit zwanzig Jahren schloss Hobbes sein Studium an der Universität Oxford ab, wo die Ausbildung hauptsächlich aus Theologie und antiker Philosophie bestand. Diese Umstände hinterließen bei ihm eine tiefe Unzufriedenheit mit dem erlangten Wissen. Er entwickelte eine Abneigung gegen die scholastischen Vorurteile der Dozenten, die beispielsweise die Geometrie als Zauberei betrachteten.
Einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung von Hobbes’ Weltanschauung hatten seine Reisen auf den europäischen Kontinent: nach Frankreich, Deutschland, Italien, in die Schweiz und andere Länder. So lernte er etwa in Genf zufällig Euklids Elemente der Geometrie kennen. Die überraschende Strenge und Beweiskraft des Satzes des Pythagoras beeindruckten den ehemaligen Oxford-Absolventen tief. In Hobbes erwuchs der Wunsch, den mathematisch-deduktiven Ansatz in der Philosophie anzuwenden.
Besonders prägend für Hobbes’ philosophische Entwicklung war seine dritte Reise nach Europa in den Jahren 1634 bis 1637. Während dieses längsten Aufenthalts hatte er die Gelegenheit, sich gründlich mit den Werken europäischer Philosophen und Wissenschaftler vertraut zu machen. Zudem knüpfte er persönliche Kontakte zu Gassendi und Galileo Galilei. Von dieser Reise kehrte Hobbes als voll ausgebildeter Wissenschaftler nach England zurück.
Unmittelbar vor den revolutionären Ereignissen (1640) verfasste Hobbes sein Werk Elemente des Natur- und Staatsrechts – einen ersten Entwurf seiner Theorie von Recht und Staat. Damit hoffte er, die Revolution abzuwenden, von der er eine Entfesselung religiösen Fanatismus und menschenverachtender Leidenschaften erwartete, die in sozialen Chaos münden würden.
Als Hobbes 1651 von seiner letzten Frankreichreise nach England zurückkehrte, bot ihm Cromwell den Posten des Staatssekretärs an. Der inzwischen 60-jährige Philosoph beschränkte sich jedoch auf die Mitwirkung an einer Reform der höheren Bildung. Seine politische Haltung offenbarte Hobbes deutlicher in seinem Werk Leviathan, das 1651 in London veröffentlicht wurde. Mit dem Namen dieses mythischen Ungeheuers der Bibel bezeichnete Hobbes den Staat, um dessen Machtfülle zu illustrieren – eine Art Gott auf Erden. In diesem Werk plädierte Hobbes für die Akzeptanz der bürgerlichen Revolution, sofern deren Anführer das Volk beruhigten, die Intrigen des Klerus beendeten und eine stabile Herrschaft etablierten.
1679 endete Hobbes’ Lebensweg. Auf seinem Grabstein ließ er folgende Worte anbringen: „Hier liegt wahrhaft der Stein der Weisen.“ Drei Jahre später organisierten die Royalisten Englands an der Universität Oxford eine öffentliche Verbrennung des Leviathan.
Erkenntnistheorie: Methoden und Zeichen
Wie alle Denker des 17. Jahrhunderts widmete Hobbes der Erkenntnistheorie – der Gnoseologie – besondere Aufmerksamkeit.
Dies ist verständlich, denn die praktischen Anforderungen jener Zeit verlangten eine verstärkte Hinwendung zur Wissenschaft und ihren Ergebnissen. Hobbes beschäftigten dieselben Fragen wie Francis Bacon: Wie erlangt man wahres Wissen – durch Sinneserfahrung oder Vernunft, Intuition oder Logik? Welche Methoden sollten im Erkenntnisprozess angewandt werden?
Nach Hobbes besteht das Hauptziel der Erkenntnis darin, die Ursachen eines bestimmten Prozesses zu ergründen. Der Anfangspunkt der Erkenntnis liegt in der Einsicht, dass unserem Denken Wissen über den betreffenden Gegenstand fehlt. Dabei ist der Sprache besondere Aufmerksamkeit zu widmen, da sie nicht nur ein Mittel der Erkenntnis, sondern auch eine Quelle von Irrtum und Täuschung sein kann.
Erkenntnis beginnt mit der Sinneswahrnehmung, die als erster Grundsatz seiner Theorie betrachtet werden muss. Die Produkte der Sinneswahrnehmung nennt Hobbes „Phantome“ oder „Gespenster“. Menschen, die diese Wahrnehmungen – Phantome oder Bilder – empfangen, versehen sie mit Zeichen. Die Rolle der Zeichen im menschlichen Leben ist von enormer Bedeutung. In gewissem Sinne haben Zeichen den Menschen selbst hervorgebracht, weshalb er als ein wesenhaft zeichenoperierendes Geschöpf definiert werden kann.
Hobbes entwickelte eine umfassende Lehre von den Zeichen, in der ihre erkenntnistheoretische Funktion, Struktur und Klassifikation dargelegt werden. Er unterscheidet folgende Arten von Zeichen:
- Signale – Geräusche, die von Tieren zur Kennzeichnung bestimmter Handlungen erzeugt werden;
- Markierungen – vom Menschen erdachte Zeichen zur Darstellung eigener Ziele und Absichten;
- Natürliche Zeichen im eigentlichen Sinne (z. B. Wolken als Zeichen für Regen);
- Willkürliche Zeichen im eigentlichen Sinne (z. B. Wörter natürlicher Sprachen);
- Zeichen als Markierungen – Wörter, die dem Forscher als private Notationen dienen und nicht der Kommunikation von Dingen an andere;
- Zeichen der Zeichen, oder Namen von Namen – Universalien.
Jedes Zeichen, so Hobbes, besteht aus einer Bedeutung, die es in sich birgt, und dem Material, aus dem es besteht. Wörter, bei denen wir nichts außer dem Klang wahrnehmen, sind das, was wir als Absurdität, Unsinn oder Nonsens bezeichnen. Als klassischer Vertreter des Nominalismus des 17. Jahrhunderts behauptete Hobbes, dass nur individuelle Dinge real existieren, während Begriffe lediglich ihre Namen sind. Die allgemeinsten Begriffe sind „Namen von Namen“, die der Mensch im Erkenntnisprozess verwendet.
Im Verlauf der Erkenntnis, so betonte Hobbes, kommen zwei gegensätzliche Methoden zur Anwendung: Induktion und Deduktion. Der Nominalismus prägte Hobbes’ Verständnis dieser Methoden. Er identifizierte Induktion mit Analyse und Deduktion mit Synthese, wobei Analyse und Synthese für ihn einfache mathematische Operationen wie „Subtraktion“ und „Addition“ darstellten. Während die Mechanik häufig logische Deduktion verwendet, neigt die empirische Physik zur Induktion. Innerhalb der Philosophie dominiert die Induktion bei der Erforschung der Natur, während die Deduktion in der Erkenntnis des Staates vorherrscht.
Sozial- und politische Ansichten Hobbes’
Der Ausgangspunkt von Hobbes’ Überlegungen über Gesellschaft und Staat ist die These vom „Naturzustand“, in dem die Neigung der Menschen, sich selbst durch ungezügelte Leidenschaften, eitlen Egoismus und das Recht eines jeden auf alles zu schaden, deutlich zutage tritt. Der Naturzustand der Menschen vor der Bildung einer Gesellschaft war nach Hobbes ein Krieg, nicht irgendeiner, sondern ein Krieg aller gegen alle. In diesem Krieg, so argumentiert er, kann es keine Sieger geben, da jeder von allen bedroht wird. Der Ausweg aus diesem Zustand liegt in der Schaffung einer Gesellschaft.
Um eine Gesellschaft zu gründen, bedarf es der Zustimmung der Menschen, die in einer gemeinsamen Übereinkunft fixiert wird. Die Stabilität dieses Vertrags wird durch die Etablierung einer öffentlichen Macht gewährleistet, deren Aufgabe es ist, alle Mitglieder der Gesellschaft in Schranken zu halten und ihre Handlungen zum Gemeinwohl zu lenken. Diese öffentliche Macht wird mit realer Stärke und der Befugnis ausgestattet, andere zu regieren, basierend auf dem freiwilligen Verzicht der Gesellschaftsmitglieder auf ihre eigenen Rechte, die sie einer repräsentativen Instanz übertragen. Hobbes beschreibt diesen Vorgang mit den Worten: „Ich verzichte auf mein Recht, über mich selbst zu verfügen, und übertrage dieses Recht auf diesen Mann oder auf diese Versammlung von Männern, sofern auch du ihnen dein Recht überträgst und ebenso wie ich sie zu allem ermächtigst und ihre Handlungen als deine eigenen anerkennst. Sobald dies geschieht, wird eine Vielzahl, die so zu einer einzigen Einheit verschmilzt, zur Gemeinschaft, zum Staat. So wurde dieser große Leviathan geboren.“
Der Staat hat wiederum die Aufgabe, die Naturgesetze durch die Gesetze der Gesellschaft zu ersetzen. Dadurch begrenzt er die natürlichen Rechte durch das bürgerliche Recht. Die Bürgerrechte sind somit nichts anderes als natürliche Rechte, die in den Staat eingebracht wurden. Da die Rechte des Menschen im Naturzustand uneingeschränkt waren und später dem Staat übertragen wurden, sind auch die Rechte des Staates uneingeschränkt und verpflichtend und erhalten den Status von Gesetzen.
Hobbes unterscheidet drei Arten von Staatsgewalt: Demokratie, Aristokratie und Monarchie. Nach seiner Auffassung ist die Monarchie die beste Staatsform, da nur sie in der Lage ist, die Überreste des Naturzustands, Streitigkeiten und Unruhen in der Gesellschaft zu beseitigen. Die Forderung nach einer starken, auf Vernunft gegründeten Staatsgewalt diente objektiv den Interessen der aufstrebenden Bourgeoisie. Ein Monarch müsse sich unablässig um das geistige und materielle Wohl seiner Untertanen, um die wirtschaftliche Entwicklung und die Förderung der Moral kümmern.
Die ethisch-philosophischen Ansichten
Hobbes’ ethische Überlegungen stützen sich ebenfalls auf die These vom „Naturzustand der Menschen“. Seiner Meinung nach besitzt der Mensch eine unveränderliche, sinnliche Natur, weshalb die Grundlage der Moral im Naturgesetz liegt – dem Streben nach Selbsterhaltung und der Befriedigung von Bedürfnissen. „Gut“ ist für ihn das, was Begehr und Verlangen weckt, während „Böse“ Gegenstand von Abscheu und Hass ist. Hobbes definiert die ethischen Begriffe nicht an sich (als absolute), sondern in ihrem Bezug zum Menschen (als relative). Die Tugenden und Laster der Menschen hängen vom vernünftigen Verständnis dessen ab, was das Erreichen des Guten fördert oder behindert. Aus diesem Grund stimmen die bürgerlichen Pflichten, die sich aus dem Gesellschaftsvertrag ergeben, inhaltlich mit der moralischen Verpflichtung überein. Folglich werden die Interessen des Staates zum höchsten Maßstab der Moral.
Das theoretische Erbe Hobbes’ ist groß. Seine Ansichten zur Erkenntnistheorie haben bis heute nichts von ihrer Relevanz eingebüßt und wecken bei modernen Epistemologen weiterhin Interesse. Seine Vorstellungen von Staat und Gesellschaft waren ausgesprochen progressiv und beeinflussten zahlreiche Denker des 17. und 18. Jahrhunderts. Von seiner Theorie des Vertrags zur Gründung von Staat und Gesellschaft führt ein direkter Weg zu Rousseaus „Gesellschaftsvertrag“. Hobbes’ Gesellschaftskonzept enthält zahlreiche demokratische Elemente, darunter die Anerkennung der Souveränität des Bürgers, die natürliche Gleichheit aller Menschen, die Sorge um das Wohl des Volkes und die Bewahrung des bürgerlichen Friedens.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025