Philosophie der Neuzeit: 17. Jahrhundert
Die französische Philosophie des 17. Jahrhunderts
Descartes: Leben und Werk
René Descartes wurde 1596 in eine Adelsfamilie im südfranzösischen Touraine, in dem kleinen Ort La Haye, geboren. Ärzte prophezeiten ihm einen frühen Tod, da seine Mutter wenige Tage nach seiner Geburt an Schwindsucht verstarb und erwartet wurde, dass die Krankheit auch das Leben des Neugeborenen fordern würde. Doch das Schicksal wollte es anders: Der Junge wuchs gesund und kräftig heran. Im Alter von acht Jahren wurde René in die Jesuitenschule von La Flèche geschickt, eine der angesehensten Schulen Frankreichs, die erstmals eine klassenbasierte Einteilung der Schüler einführte – eine damals ungewohnte Neuerung. Dennoch blieb die Unterrichtsmethode, ebenso wie die vermittelten Inhalte, scholastisch und veraltet.
René begeisterte sich früh für die Mathematik und träumte davon, mit ihrer Hilfe die Philosophie grundlegend zu erneuern. 1612 verließ er die Schule mit einem tiefen Gefühl der Unzufriedenheit über die erlangten Kenntnisse, was ihn zu einem eigenständigen Studium der Wissenschaften wie Medizin, Recht, Mathematik und Philosophie antrieb.
1628 zog Descartes in die Niederlande, um dort sein Leben der Vervollkommnung seines Geistes und der Suche nach Wahrheit zu widmen. Die Niederlande des 17. Jahrhunderts waren ein fortschrittliches Zentrum von Bildung und Kultur, das bürgerliche Freiheit und persönliche Sicherheit bot. Hier verbrachte Descartes zwei Jahrzehnte seines Lebens – die fruchtbarste Phase seines wissenschaftlichen Schaffens. Während dieser Zeit entstanden die meisten seiner Werke, darunter Meditationen über die erste Philosophie, Grundlagen der Philosophie und Regeln zur Leitung des Geistes, in denen er zentrale Fragen der Ontologie und Erkenntnistheorie behandelte und die Grundsätze der wissenschaftlichen Methode formulierte.
1649 nahm Descartes die Einladung der schwedischen Königin Christina an, nach Stockholm zu kommen. Doch Schweden erwies sich als ein raues und unwirtliches Land für den Philosophen. Im Februar 1650 erkrankte er schwer an einer Lungenentzündung und verstarb. Da er als Andersgläubiger galt, wurde Descartes auf einem Friedhof für ungetaufte Kinder beigesetzt, ehe seine Gebeine später in seine Heimat überführt wurden.
Auch nach seinem Tod lastete der Schatten der Kontroversen über seinem Namen. 1663 setzte der Papst die Werke Descartes auf den Index der verbotenen Bücher, und acht Jahre später verbot Ludwig XIV. den Unterricht des Kartesianismus im gesamten französischen Königreich.
Die Lehre vom Sein: Substanzen, Attribute und Modi
Einen zentralen Platz im Werk Descartes nimmt die Lehre vom Sein ein. Das Grundkonzept dieser Lehre ist die Substanz. Descartes versteht darunter alles Seiende, das für sein Bestehen nichts außer sich selbst benötigt. Dies können sowohl Ideen als auch physische Objekte sein. Im strengsten Sinne jedoch ist nur Gott eine wahre Substanz – ewig, allgegenwärtig, allmächtig, der Schöpfer aller Dinge und die Quelle allen Guten und Wahren. Das geschaffene Universum kann nur bedingt als Substanz bezeichnet werden.
Descartes unterscheidet zwei Arten von Substanzen im geschaffenen Universum: die geistigen und die materiellen Substanzen. Das Hauptmerkmal der geistigen Substanz ist ihre Unteilbarkeit, während die materielle Substanz durch ihre unendliche Teilbarkeit gekennzeichnet ist. Der grundlegende Attribut geistiger Substanz ist das Denken, jenes der materiellen Substanz die Ausdehnung. Andere Eigenschaften, sogenannte Modi, leiten sich von diesen grundlegenden Attributen ab. So sind beispielsweise Vorstellungskraft, Empfindung und Wille Modi des Denkens, während Figur, Lage und Bewegung Modi der Ausdehnung darstellen.
Im Menschen finden sich nach Descartes zwei von Gott erschaffene und voneinander klar unterscheidbare Substanzen: die ausgedehnte (körperliche) und die denkende (geistige) Substanz. Beide sind gleichberechtigt und unabhängig voneinander, was Descartes’ Dualismus deutlich zeigt. Dieser doppelte Mensch, in zwei Hälften geteilt, ist zwar ein schwaches Wesen, doch vermag er sich durch seinen Verstand zu stärken und zu erheben – und dies gelingt nur durch eine gute Methode.
Während Francis Bacon die Neigung des Geistes zu Irrtümern betonte, versuchte Descartes, jene Ideen zu entdecken, die dem Bewusstsein von Geburt an eigen sind. Diese Ideen, so Descartes, seien nicht aus Erfahrung erworben, sondern der geistigen Substanz inhärent und somit angeboren. Zu den angeborenen Ideen zählen Begriffe wie Sein, Gott, Zahl, Dauer und Körperlichkeit sowie grundlegende Urteile oder Axiome wie „Das Nichts hat keine Eigenschaften“, „Aus nichts wird nichts“, „Es ist unmöglich, zugleich zu sein und nicht zu sein“, „Jede Sache hat eine Ursache“ oder „Das Ganze ist größer als seine Teile“.
Descartes’ Lehre von den angeborenen Ideen ist eine eigenwillige Weiterentwicklung des platonischen Gedankens, dass wahres Wissen eine Erinnerung an das sei, was die Seele in der Welt der Ideen wahrgenommen hat. Nach Descartes ist die Angeborenheit von Ideen lediglich eine embryonale Anlage, die durch den natürlichen Lichtschein des Verstandes erhellt werden muss – eine Fähigkeit, die nur erwachsenen Menschen zugänglich ist. Obwohl Descartes’ Idee der angeborenen Erkenntnisse in jeder Form fehlerhaft war, stellte sie dennoch einen fruchtbaren Ansatz zur Problematisierung dar. Denn jede Generation übernimmt Erfahrungen und Wissen früherer Generationen, von denen ein Teil bereits bei der Geburt als Anlagen, Fähigkeiten oder instinktive Reflexe vorhanden ist. Diese sind zwar im strengen Sinne keine Kenntnisse, können jedoch als eine Form von Information verstanden werden.
Erkenntnis: Ziele und Methode zur Wahrheitserlangung
Das höchste Ziel der Erkenntnis sah Descartes in der Beherrschung der Naturkräfte, der Entdeckung und Entwicklung technischer Mittel sowie in der Vervollkommnung der menschlichen Natur selbst. Den Anfang des Erkenntnisprozesses setzte er in das Zweifeln an der Wahrheit allgemein anerkannter Wissensbestände. Diese Phase des Zweifelns bereitet gleichsam den Boden für die Bildung neuen Wissens. Descartes betonte, dass es möglich und notwendig sei, an allem zu zweifeln: an der Existenz der Außenwelt, des menschlichen Körpers, ja sogar der Wissenschaft.
In einem Punkt jedoch bleibt jede Unsicherheit ausgeschlossen: Das Zweifeln selbst existiert. Wenn ein Mensch zweifelt, so denkt er, und das Denken wiederum setzt das Dasein eines „Ich“ als denkendes Wesen voraus. Hieraus formte sich der berühmte Satz Descartes’: „Ich denke, also bin ich.“
Descartes gilt als Begründer des Rationalismus, der sich bei ihm aus der Beobachtung der logischen Struktur mathematischen Wissens entwickelte. Die Wahrheiten der Mathematik erachtete er als vollkommen gewiss, da sie universelle Gültigkeit und Notwendigkeit besitzen. Aus diesem Grund räumte Descartes der Deduktion, der deduktiven Form des Beweises, eine zentrale Stellung im Erkenntnisprozess ein.
Nach Descartes verwandelt eine methodische Herangehensweise die Erkenntnis in eine organisierte Tätigkeit, die den Forschungsprozess von Zufälligkeiten befreit. Die Methode erhebt die Erkenntnis aus dem Bereich des Handwerks und macht sie zu einer systematischen, planmäßigen Produktion wissenschaftlicher Ergebnisse. So wird der Erkenntnisprozess zu einer Art Fließbandarbeit, die einen kontinuierlichen Charakter besitzt.
In seinem Werk Abhandlung über die Methode betont Descartes, dass der wissenschaftliche Zugang den menschlichen Verstand lenke und ihn auf dem kürzesten Weg zur Wahrheit führe. Dieser Zugang müsse daher bestimmten Regeln folgen. Die grundlegenden Regeln der deduktiven Methode, wie sie Descartes formulierte, lauten:
- Mit einfachen und einleuchtenden Prinzipien beginnen, an deren Wahrheit kein Zweifel besteht.
- Schrittweise durch Deduktion zu komplexeren Aussagen gelangen.
- Dabei keine Verbindungsglieder auslassen, um die Kontinuität der Schlussfolgerungskette zu bewahren.
- Die Wahrheit durch Intuition erkennen, welche die ersten Prinzipien der Erkenntnis offenbart, und durch korrekte Deduktionen, die aus diesen Prinzipien abgeleitet werden können.
- Komplexe Probleme in Teilprobleme zerlegen, um diese gezielt zu lösen.
Die Regeln Descartes’ sowie seine Abhandlung über die Methode hatten einen außerordentlichen Einfluss auf die Philosophie und Wissenschaft der Neuzeit. Auch in der Gegenwart haben sie nichts an Bedeutung verloren. Die Forderung nach „Evidenz“ und „intuitiver Klarheit“ als Ausgangspunkte wissenschaftlicher Theorien gehört zu den grundlegenden Merkmalen moderner Erkenntnis.
Während Francis Bacon im Novum Organum den induktiven Ansatz entwickelte und ihn als zentrale Methode zur Gewinnung praktischen Wissens betrachtete, schuf René Descartes mit seiner Abhandlung über die Methode den deduktiven Zugang. Dieser, so glaubte er, eröffne der Menschheit ungeahnte Möglichkeiten und mache sie zu Herren und Meistern der Natur.
Die Bedeutung Descartes’ in der Geschichte der Philosophie ist enorm. Er schenkte der Deduktion eine neue Aufmerksamkeit und entdeckte in ihr zuvor ungenutzte logische und erkenntnistheoretische Potenziale. Deduktion verstand er als eine Argumentationsweise, die auf absolut sicheren Ausgangspositionen (Axiomen) fußt und aus einer Kette ebenso sicherer logischer Schlussfolgerungen besteht. Die Gewissheit dieser Axiome, so Descartes, wird dem Verstand intuitiv offenbart, ohne dass ein Beweis erforderlich ist – allein aufgrund ihrer Klarheit und Evidenz.
Die Verbindung von Deduktion und Rationalismus, wie sie Descartes konzipierte, versprach der Wissenschaft einen gewaltigen Fortschritt im Verständnis natürlicher Phänomene und Prozesse. Der Rationalismus Descartes’ wurde von den Vertretern der deutschen klassischen Philosophie aufgegriffen und weiterentwickelt. Allen nachfolgenden Generationen hinterließ Descartes ein Vermächtnis: den unerschütterlichen Glauben an die Kraft des menschlichen Geistes und die enge Verbindung von Philosophie und Wissenschaft.
Descartes war und bleibt einer der bedeutendsten fortschrittlichen Denker Frankreichs. Die von ihm aufgeworfenen Probleme inspirierten die Weiterentwicklung philosophischer Positionen, etwa bei Pierre Gassendi und Baruch Spinoza.
Pierre Gassendi: Die Logik des Lebens und der Überzeugungen
Pierre Gassendi wurde im Jahr 1592 in eine arme Bauernfamilie hineingeboren. Trotz dieser bescheidenen Herkunft gelang es ihm, eine umfassende und vielseitige Bildung zu erwerben. Bereits im Alter von 16 Jahren wurde er Professor der Theologie in Digne (1613), später Professor der Philosophie in Aix (1616) und schließlich der Mathematik am Königlichen Kollegium in Paris (1645).
Der Lebensweg Gassendis führte ihn durch das „religiöse Feld“. Er war Priester und Theologieprofessor, ab 1626 Kanoniker und schließlich Propst der Kathedrale in Digne. Im Jahr 1645 zog er nach Paris, wo er die Professur für Mathematik am Königlichen Kollegium übernahm. Die französische Hauptstadt bot ihm die Gelegenheit, mit Gelehrten wie Francis Bacon, Thomas Hobbes, Hugo Grotius und Tommaso Campanella in Kontakt zu treten.
Seine erste philosophische Schrift, Paradoxale Übungen gegen die Aristoteliker, die 1624 anonym veröffentlicht wurde, richtete sich gegen die Scholastiker und die Pseudoaristoteliker. Gassendi hielt den Organon des Aristoteles für ein spekulatives Werk, dessen Bedeutung von den Scholastikern stark überbewertet wurde. Zugleich betrachtete er jedoch die naturwissenschaftlichen Schriften Aristoteles' als weitaus wertvoller.
Aus seinen Werken System der Philosophie Epikurs (1649) und System der Philosophie (1655) tritt uns Gassendi als ein großer Gelehrter und Denker eines theoretischen Kompromisses entgegen – allerdings eines anderen als bei Descartes. Er übernahm vieles aus der Physik Descartes’, widersprach jedoch dessen Konzept des „Ersten Stoßes“, der Verneinung der Leere und der Behauptung einer unendlichen Teilbarkeit. Ebenso wies er die Theorie der angeborenen Ideen entschieden zurück.
Gassendis Kompromiss manifestierte sich in zahlreichen philosophischen Positionen. In der Ontologie etwa durch die Annahme, dass Gott die Atome und die Gesetze ihrer Bewegung erschaffen habe, in der Erkenntnistheorie durch die Idee der doppelten Wahrheit und in der Anthropologie durch die Lehre von zwei Seelen im Menschen: einer sterblichen, sinnlichen Seele und einer unsterblichen, vernunftbegabten Seele. In der Ethik verband er den epikureischen Idealzustand des Glücks – verstanden als Mäßigung und Seelenruhe – mit dem christlichen Prinzip der Seligkeit. In der Kosmologie verteidigte er die Auffassung, dass die Planeten sich um die Sonne bewegten, während diese wiederum die Erde umkreise.
Gassendi belebte die Physik und Ethik Epikurs und Lukrez’ in Frankreich. Bemerkenswert ist, dass dieser Geistliche ein Freund Hobbes’ war und die Ansichten Kopernikus’ und Galileis unterstützte. Er rehabilitierte die sinnliche Erkenntnis und die Induktion, ohne dabei die Deduktion zu vernachlässigen.
Seine philosophischen Überzeugungen legte Gassendi am geschlossensten in seinem Werk System der Philosophie dar, das in drei Teile gegliedert ist: Logik, Physik und Ethik. Im ersten Teil beschreibt er die Merkmale, die wahres Wissen von falschem unterscheiden, und skizziert die Wege zur Wahrheitserkenntnis. Im zweiten Teil vertritt er die Idee der materiellen Einheit der Welt, die aus der Vielfalt bewegter Atome besteht. Im abschließenden Teil betrachtet er das Glück als höchstes Gut und betont die Untrennbarkeit von Glück und bürgerlicher Tugend, die auf „Klugheit“ – dem Maßstab des Guten – gründet.
Gassendi zufolge ist der Raum unendlich, unzerstörbar, unerschaffen, unbeweglich, körperlos und durchlässig; er stellt eine unendliche Möglichkeit der Füllung dar. Die Zeit ist ebenso wie der Raum weder erschaffen noch kann sie vernichtet werden. Innerhalb des Raumes bewegen sich Atome, die einen inneren Drang zur Bewegung besitzen. Obwohl ihre Zahl riesig ist, bleibt sie doch begrenzt. Die Wahrheit wird, so Gassendi, durch zwei Lichtquellen erhellt: Beweisführung und Offenbarung. Die erstere stützt sich auf Erfahrung und Vernunft, welche natürliche Phänomene erleuchten, die letztere auf göttliche Autorität, die das Übernatürliche erhellt.
Politisch befürwortete Gassendi die uneingeschränkte Monarchie als beste Regierungsform, jedoch nur, solange sie nicht in Tyrannei ausartet. Das Hauptprinzip der Gesellschaftslenkung sah er in der Schaffung eines Zustandes, in dem Menschen vor Leid geschützt sind, Nutzen stiften und ein normales Dasein führen können.
Die Widersprüche in Gassendis Überzeugungen spiegeln sein Bemühen wider, sein katholisches Gewissen mit seinem theoretischen Wissen, die materialistische Lehre Epikurs mit der Kirche zu versöhnen. Doch dieser Kompromiss bewahrte ihn weder vor heftigen Angriffen orthodoxer Theologen noch vor der langen Missachtung durch die Geschichtsschreibung der Philosophie.
So hat Gassendi, obwohl er selbst kein innovatives philosophisches System schuf, den Weg ins Neue Zeitalter bereitet. Er erneuerte die antike Lehre Epikurs über die Atome und lenkte die Aufmerksamkeit der Philosophen des 17. Jahrhunderts auf sie. Seine Kritik an Descartes beeinflusste John Locke ebenso wie seine Verteidigung des Sensualismus die Erkenntnistheorie allgemein. Gassendis Naturauffassung war eine der Quellen für die Naturphilosophie Isaac Newtons.
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025