Der klassische (deutsche) Zeitraum in der Philosophie der Neuzeit
Die Philosophie Schellings
Im 17. bis 19. Jahrhundert gehörte die Philosophie zu den obligatorischen Studienfächern an europäischen Universitäten. Vielleicht war dies der Grund, warum viele talentierte Studenten, nachdem sie sich mit universalen Fragen auseinandergesetzt, die Freuden des Erkenntnisprozesses geschmeckt und die Fruchtbarkeit und Lebendigkeit abstrakten Denkens erkannt hatten, ihre ursprünglichen Pläne änderten. Sie stellten neue philosophische Probleme und entwickelten eigene Konzepte.
In dieser Hinsicht war Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775–1854) keine Ausnahme. Sein Vater, ein gebildeter und kultivierter Mann, war Pastor, Prediger und Lehrer an einem theologischen Seminar. Er bereitete seinen begabten Sohn frühzeitig auf eine akademische Laufbahn vor, sodass Schelling drei Jahre vor dem üblichen Alter an die Universität Tübingen aufgenommen wurde. Nach Abschluss seines Studiums wurde er, ähnlich wie Kant und Fichte, Hauslehrer und setzte zugleich seine philosophischen Studien fort. Seine ersten Werke auf diesem Gebiet erregten die Aufmerksamkeit Goethes, und bald darauf erhielt Schelling eine Berufung an die Universität Jena. Sein philosophisches Ansehen und seine Popularität stiegen rasch und steil an.
Nach einem kurzen Aufenthalt an der Universität Würzburg zog Schelling nach München, wo er zum Mitglied der Akademie der Wissenschaften sowie zum Sekretär der Akademie der Schönen Künste gewählt wurde. Doch zu dieser Zeit änderte sich seine philosophische Position merklich, und mit ihr begann sein Ansehen allmählich zu schwinden. Schelling war tief gekränkt durch den Verlust seines Einflusses und dadurch, dass Hegel, sein Freund und Studienkollege aus der Tübinger Zeit, die Führungsrolle in der Philosophie übernahm. Eine offene Polemik zwischen ihnen endete mit Schellings Niederlage. Auch als er nach Hegels Tod dessen Lehrstuhl an der Berliner Universität übernahm, gelang es ihm nicht, seinen einstigen Einfluss zurückzugewinnen. Schelling verschwand nahezu vollständig vom philosophischen Horizont Deutschlands und verbrachte die letzten zehn Jahre seines Lebens zurückgezogen und fast wie ein Einsiedler.
Wenden wir uns dem philosophischen Werk Schellings zu. Beim Studium der Werke Kants und insbesondere Fichtes kam er zu dem Schluss, dass ein wesentlicher Aspekt des Seins in deren theoretischen Systemen unberücksichtigt blieb – die Natur. Bei Kant war sie in der mysteriösen und unerkennbaren „Ding-an-sich“ aufgegangen, bei Fichte wurde sie durch die natürlichen Neigungen des Menschen eingeschränkt und war nur durch ethisches Wissen erfassbar. Diese Sichtweisen widersprachen jedoch den Erkenntnissen der Naturwissenschaften.
Gestützt auf diese wissenschaftlichen Fortschritte proklamierte Schelling die Existenz nicht nur des subjektiven Ichs, sondern auch der Natur. Die Grundlage der gesamten Welt sah er im Identitätsprinzip von Sein und Denken, zwischen denen es weder ein Führendes noch ein Geführtes, weder ein Ursprüngliches noch ein Abgeleitetes gebe. „Das höchste Prinzip kann weder Subjekt noch Objekt sein, auch nicht beides zugleich, sondern ausschließlich die absolute Identität.“ Diese Identität war für ihn die unbewusste Dimension des Weltgeistes. Das Absolute, erfüllt von Wünschen, bringe die Natur durch unbewusste Verwirklichung hervor, die sich bis zur Selbstbewusstwerdung entwickele.
Schelling sah in der Natur reale, dynamische Widersprüche, die in Form von Gegensätzen auftreten. Diese Gegensätze führen zu einer ordnenden Kraft, die das System der Welt formt – eine Kraft, die die Alten womöglich als „Weltseele“ bezeichneten. Die Gegensätzlichkeit der ursprünglichen Kräfte sei absolut, weshalb alle Prozesse einen gemeinsamen Ursprung haben müssten und es keine besonderen Substanzen wie „elektrische Materie“, „Lichtstoff“ oder „Phlogiston“ geben könne. Jeder natürliche Gegenstand habe die Fähigkeit, bis zu einem bestimmten Punkt zerlegt zu werden, an dem sich der Prozess umkehrt. So realisiere sich ein unendlicher Kreislauf in der Natur.
„Die Natur ist die abgestufte Entwicklung einer einheitlichen absoluten Organisation.“ Auf dieser Grundlage machte Schelling bemerkenswerte Vorhersagen: über die Einheit und Entwicklung der Natur, die elektromagnetische Theorie der Materie, den Ursprung des organischen aus dem anorganischen Leben, die Rolle sinnlicher Wahrnehmung und die Bedeutung psychischer Prozesse im menschlichen Leben.
In seiner Naturphilosophie entwickelte Schelling eine eigene Erkenntnistheorie, die auf der Identität von Sein und Denken basierte. Das ursprüngliche Absolute enthalte ein besonderes Erkenntniswerkzeug – die „intellektuelle Anschauung“, die es dem Geist ermögliche, Gegenstände direkt zu erfassen. Dieses Erfassen sei zugleich ein Schaffen, und dieses Schaffen folge den Prinzipien des Absoluten. Der ideale Charakter des Absoluten bringe ein Streben nach Vollkommenheit in der Natur hervor, deren Vielfalt das Ergebnis dieses Strebens sei.
Die Erkenntnis verlaufe in drei Stufen: Empfindung (als passiver Zustand unter äußerem Einfluss), schöpferische Anschauung (das unbewusste Schaffen in der Natur) und Reflexion (die Bewusstwerdung der Identität von Subjekt und Objekt). Für Schelling war Erkenntnis somit ein mystischer Akt der Erinnerung an den Ursprung im Absoluten Geist.
Auch die Geschichte der Menschheit habe ein Ziel – die Freiheit. Doch da jeder Mensch frei in seinen Handlungen sei, seien die Folgen dieser Handlungen unvorhersehbar. Dennoch unterliege die Gesamtheit der gesellschaftlichen Bewegungen einer verborgenen Notwendigkeit, ähnlich Kants moralischem Gesetz. Entsprechend gliedert Schelling die Geschichte in drei Phasen:
- die Ära des Schicksals mit ihrer Tragik, Unbändigkeit und ihrem Chaos;
- die Ära der Natur, in der durch das Verständnis von Gesetzen ein schöpferischer Ordnungsprozess beginnt;
- die Ära der Vorsehung – die Zukunft der Menschheit, wenn Gott in Erscheinung trete.
Der Mensch, so Schelling, sei ein tätiges Wesen. Sein theoretisches Ich widme sich der Betrachtung der Welt, sein praktisches Ich der Ordnung, sein künstlerisches Ich der Schöpfung. Die Kunst sei die höchste Form des Schaffens, da ihre Werke keinen Zweck verfolgten und jenseits moralischer oder wissenschaftlicher Bewertungen stünden. Künstlerische Werke seien Naturphänomene, „wiedergeboren durch Genies“, die die Fähigkeit hätten, Sinn in unbewusste Erscheinungen zu legen.
So ersetzt Schelling Fichtes aktiven subjektiven Idealismus durch einen kontemplativen, objektiven Idealismus. Allmählich wandte er sich von seiner Naturphilosophie ab und betonte irrationale Motive. Das Selbstwerden der absoluten Identität fand für ihn seine Vollendung in Gott, der in seiner Existenz drei Epochen durchläuft: eine vorweltliche, eine gegenwärtige und eine zukünftige. Dieser Weg sei ein Fortschreiten von der Dunkelheit zum Licht. Im Menschen manifestiere sich dies im Kampf zwischen Gut und Böse. Das Böse sei dabei eine positive Kraft, durch die sich das Selbstinteresse des Menschen ausdrücke und ihn letztlich zum Guten führe. Das Gute sei die Verbindung mit Gott, und Moralität bedeute Religiosität.
Man kann nur die tragische Lebensgeschichte dieses „Dichters der Wissenschaft“ bedauern, dessen philosophischer Tod lange vor seinem natürlichen Ende eintrat.