Der klassische (deutsche) Zeitraum in der Philosophie der Neuzeit
Der Höhepunkt des deutschen Idealismus: Hegel
In diesem Menschen deutete zunächst nichts auf ein Genie hin. Er führte ein gewöhnliches Leben. Georg Wilhelm Friedrich Hegel wurde 1770 in Stuttgart geboren, in eine Beamtenfamilie, die von strengen Sitten, Ordnung und Frömmigkeit geprägt war. Wie es der Brauch verlangte, trat er in das Tübinger Stift ein, wo er Philosophie und Theologie studierte. Nach Abschluss seines Studiums erhielt er folgende Beurteilung: „... Begabt mit guten Fähigkeiten und einem vorbildlichen Charakter; etwas ungestüm; verfügt über keine große Redekunst; ist sehr bewandert in Theologie und Philologie, aber völlig gleichgültig gegenüber der Philosophie.“
Seine engsten Freunde in Tübingen waren Friedrich Schelling und Friedrich Hölderlin. Schelling, fünf Jahre jünger als Hegel, war bereits mit 23 Jahren ein angesehener Philosoph, Autor anerkannter Werke und Professor. Hölderlin, der außergewöhnliche deutsche Dichter, brachte dem Publikum seines Heimatlandes den Reichtum der antiken Kultur nahe und weckte in Hegel eine tiefe Liebe zur altgriechischen Literatur und zu dieser eigenwilligen Denktradition. Zeit seines Lebens dankte Hegel seinen Freunden für die seelische Anregung, die sie in ihm hervorgerufen hatten.
Die antike Literatur und Philosophie vermittelten Hegel eine Vorstellung von der menschlichen Natur und vom Geist, die in einer Welt voller Freiheit, Lebensfreude und emotionaler Höhenflüge existieren. Die antike Philosophie blieb für ihn zeitlebens eine universelle Quelle der Weisheit. Darüber hinaus hatte die Französische Revolution einen enormen Einfluss auf Hegels philosophische Entwicklung. Den Tag des Sturms auf die Bastille ehrte er bis zu seinem Lebensende und fand stets eine Gelegenheit, ihn zu feiern. Die revolutionären Ereignisse führten ihn zu der Erkenntnis, dass theoretisches Schaffen und die Freiheit darin von zentraler Bedeutung sind.
Auf der Suche nach Antworten wandte sich Hegel den Werken Kants und Fichtes zu und erkannte die Bedeutung philosophischer Erkenntnis für das menschliche Dasein: „Philosophen beweisen ... die Würde, Völker werden sie empfinden, und dann werden sie nicht mehr nach ihrem in den Schmutz getretenen Recht verlangen, sondern es sich einfach zurückholen.“ Sein oberstes Ideal wurde „Freiheit durch Vernunft“.
Über Jahre hinweg setzte Hegel sein Selbststudium fort und verdiente seinen Lebensunterhalt als Hauslehrer, Journalist und Gymnasialdirektor. Auch in der akademischen Welt suchte er seinen Platz und lehrte sechs Jahre an der Universität Jena, die durch Fichte und Schelling eine führende Rolle in der philosophischen Wissenschaft einnahm. Doch Hegels philosophischer Stern ging erst auf, als er um die fünfzig Jahre alt war und an der Universität Heidelberg Vorlesungen hielt. Er begann mit nur vier Zuhörern. Einer von ihnen, Iwan Kirejewski, schrieb: „Er spricht unerträglich, hustet bei fast jedem Wort, verschluckt die Hälfte der Laute und bringt mit zitternder, weinerlicher Stimme kaum den letzten Satz heraus.“
Zwei Jahre später erhielt Hegel auf Einladung der preußischen Regierung den Lehrstuhl für Philosophie an der Universität Berlin. Mit dieser Stadt verband sich das letzte Drittel seines Lebens. Sein Ansehen und sein Einfluss wuchsen, und seine Ideen ergriffen immer weitere Kreise von Philosophen, Politikern, Wissenschaftlern und Bürgern. Ludwig Feuerbach schrieb nach dem Studium bei Hegel: „Ich brauche keine Fantastereien und Träumereien, ich will lernen! Mir geht es nicht um Glauben, sondern um Denken! Durch Hegel erkannte ich mich selbst und die Welt. Er wurde zu meinem zweiten Vater, und Berlin zu meiner geistigen Heimat.“ Doch Hegel ließ sich von seinen Erfolgen nicht blenden: „Es ist ebenso töricht zu glauben, dass eine Philosophie über die Grenzen ihrer eigenen Zeit hinausgehen könnte, wie es töricht ist zu meinen, dass ein Individuum seine Epoche überspringen könnte.“ So wurde er in Berlin nicht zufällig als Staatsphilosoph Preußens anerkannt.
Hegel starb 1831 während einer Choleraepidemie. Er wünschte, neben dem Grab Fichtes beigesetzt zu werden.
Sein und Denken
Der stürmische Geist dieser historischen Epoche fand seinen Niederschlag in tiefgründigen theoretischen Konstruktionen und praktischen Ereignissen. Ideen von Konsolidierung, Weltherrschaft und universeller Erkenntnis lagen in der Luft. Humboldt, Beethoven, Napoleon und Hegel waren Persönlichkeiten, die versuchten, diese Vorstellungen in Politik, Naturwissenschaft, Musik und Philosophie auszudrücken oder zu verwirklichen.
Hegel widmete nahezu die Hälfte seines Lebens dem Versuch, die Welt in ihrer ganzen Fülle und Vielfalt als einen einheitlichen, miteinander verbundenen und sich entwickelnden Prozess zu begreifen. Er konnte sich weder auf Kants gespaltenes und nur unvollständig erkennbares Sein, noch auf Fichtes subjektiv-idealistisches Weltbild oder gar auf Schellings absolut identisches Sein und Denken stützen. Stattdessen begründete Hegel sein System auf dem Prinzip der Identität von Sein und Denken. Dies sei der ursprüngliche Zustand des Daseins, der nicht nur durch Einheit, sondern auch durch Differenz gekennzeichnet sei. Diese Differenz beruht auf dem Denken, da es sowohl einen Gegenstand des Denkens als auch das Denken selbst gibt – das Objektive und das Subjektive. Das Denken „entfremdet“ das Sein von sich selbst und ist zugleich in der Lage, die ganze Vielfalt der veränderlichen Welt, die Natur, den Menschen und dessen Vernunft zu erfassen. Es erscheint als Weltgeist, als absolute Idee.
Die absolute Idee ist autonom von Mensch, Geschichte und Natur. Sie ist ein Prozess der Selbsterkenntnis in jedem geschaffenen Ding und Phänomen – ein unendlicher Wandel, der einen ebenso unendlichen Erkenntnisprozess hervorbringt. Erkenntnis ist für Hegel kein individuelles oder gesellschaftliches Phänomen, sondern ein unpersönlicher Vorgang – ein „Phänomen“. Kein Zufall, dass Hegels erstes bedeutendes Werk, das seine Philosophie einleitet, den Titel Phänomenologie des Geistes trägt.
Die Erkenntnis vollzieht sich in Stufen. Zuerst steht das gegenständliche Bewusstsein, das sich auf Objekte außerhalb des Menschen richtet. Die zweite Stufe ist die Selbsterkenntnis, bei der das Subjekt sich selbst zum Gegenstand macht. Auf der letzten Stufe wird die Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt überwunden; beide treten in Einheit als absoluter Geist auf. Einer der zentralen Grundsätze Hegels lautet: „Alles Wirkliche ist vernünftig, und alles Vernünftige ist wirklich.“
Hegel betrachtete den Geist als beweglich und entwicklungsfähig – ein zweiter fundamentaler Grundsatz seines Systems. Auf Basis des absoluten Geistes, der alle konkreten Daseinsformen in sich begreift und erkennt, sei es laut Hegel möglich, ein allumfassendes philosophisches System zu schaffen. Dieses sollte entsprechend den drei Stufen der Erkenntnis die Logik, die Philosophie der Natur und die Philosophie des Geistes umfassen.
Die Idee der Entwicklung
Entwicklung ist universell, und ihre Gesetze können vor allem durch die Logik erforscht werden. Denn die Logik beschäftigt sich mit den Gesetzen des Denkens, welche zugleich die Gesetze des Seins sind – gemäß dem Prinzip der Identität von Sein und Denken. Diese Gesetze prägen die Wirklichkeit.
In Hegels System sind die Grundbegriffe der Logik primär, apriorisch und unabhängig von Natur, Geschichte und Denken. Ihre Entwicklung erzeugt alles Weitere. Hegels Werk Die Wissenschaft der Logik widmet sich der Erforschung dieser logischen Kategorien, also jener Begriffe, die die allgemeinen und wesentlichen Verbindungen der Aspekte im Wandel jeglicher Objekte reflektieren.
Der Kern von Hegels Methode zur Entwicklung logischer Begriffe lässt sich folgendermaßen beschreiben: Es gibt Ausgangskategorien, die jeweils als These auftreten. Diese These wird oft automatisch, gewohnheitsmäßig und unreflektiert verwendet. Ihr Inhalt bleibt verborgen – sie ist zugleich bekannt und unbekannt. Die Entwicklung der These erfolgt durch ihre innere Teilung, indem sie ihre Gegensätzlichkeit, die Antithese, hervorbringt. Das Ausbalancieren und Neutralisieren von These und Antithese führt zu ihrer Vereinigung, dem Syntheseprozess. Die Synthese wiederum wird zur neuen These, jedoch auf einer höheren Entwicklungsstufe, da sie durch die positiven Errungenschaften der Überwindung früherer Positionen bereichert ist. Hegel betont: „Der Widerspruch ist die Wurzel aller Bewegung und Lebensfülle; nur insofern etwas in sich Widerspruch enthält, bewegt es sich, hat es Impuls und Tätigkeit.“
Die Logik besteht aus drei Hauptteilen: der Lehre vom Sein, der Lehre von der Essenz und der Lehre vom Begriff. Das Selbstbewegende des Seins führt zur Essenz, die als dessen Antithese erscheint, und deren Synthese bringt den Begriff hervor.
Alles beginnt mit der abstrakten, leeren Kategorie des reinen Seins. Dieses Sein erschöpft sich im Sinn des bloßen „Ist“. Die Unbestimmtheit des reinen Seins ist gleichbedeutend mit dem Nichts. Die Einheit der Gegensätze Sein und Nichts wird in der Kategorie des Werdens ausgedrückt. Das Werden ist die erste einigermaßen konkrete Kategorie im Erkenntnisprozess und somit der Ausgangspunkt. Der Übergang vom Sein zum Nichts stellt das Vergehen dar, der vom Nichts zum Sein das Entstehen. Das Werden ist zudem die einfachste Form der Bewegung, des Übergangs vom Nichtwissen zum Wissen.
Das erste Resultat des Werdens ist das Dasein, das im Gegensatz zum reinen Sein eine Bestimmtheit besitzt. Durch seine Entwicklung geht es in die Qualität über. Deren Veränderung erzeugt Quantität, die durch Qualität bereichert wird, sich jedoch unabhängig davon verändern kann. Die Widersprüche zwischen Qualität und Quantität lösen sich in der Maß-Kategorie auf, die ihre Einheit synthetisiert. Denn quantitative Veränderungen können in qualitative umschlagen und umgekehrt, sobald ein bestimmter Schwellenwert erreicht wird. Der Übergang von einer Maß-Kategorie zur nächsten setzt eine Grundlage für die Veränderung voraus. Hegel sieht diese Grundlage in der Essenz.
Die Kategorie der Essenz stellt eine höhere Stufe der Erkenntnis dar als das Sein. Sie wendet sich zugleich den tiefen inneren Gesetzmäßigkeiten zu. Nach Hegels Auffassung ist das zentrale Merkmal eines jeden Phänomens und Prozesses dessen innerer Widerspruch. In allem bestehen entgegengesetzte Tendenzen und Seiten, die ohne einander nicht existieren können, sich aber gegenseitig ausschließen, also Gegensätze sind. Identität und Unterschied, Notwendigkeit und Zufälligkeit, Grund und Folge, Form und Inhalt, Inneres und Äußeres – all dies sind keine autonomen Merkmale, sondern ineinander übergehende Eigenschaften. Aus diesem Grund „darf der Widerspruch nicht als eine Anomalie verstanden werden, die nur vereinzelt vorkommt: Er ist ... das Prinzip jeder Selbstbewegung ... Etwas ist daher nur insofern lebendig, als es Widerspruch in sich enthält.“
Die Notwendigkeit, mit der sich Sein und Essenz entwickeln, wird im Begriff erkannt. Diese erkannte Notwendigkeit eröffnet dem Subjekt die Freiheit, die jedoch zunächst nur theoretisch, in Gedanken und im Begriff existiert.
In diesem Abschnitt der Logik zeigt Hegel, dass das Allgemeine im Einzelnen enthalten ist und sich durch dieses manifestiert, dass höhere Denkformen aus niederen hervorgehen und dass jede Erkenntnis nur dann als wahr gelten kann, wenn sie die verschiedenen, auch widersprüchlichen Seiten der realen Welt in sich vereint. Die Idee erscheint als unbedingte Einheit von Begriff und Gegenstand und entfaltet sich als Prozess. Dieser Prozess ist unabhängig von Zeit und Raum. Das selbstentwickelnde, inhaltslose Sein wird durch die inhaltliche Konkretheit bereichert, die im Begriff erfasst wird. Dieser Prozess findet seinen Abschluss in der vollkommenen Selbsterkenntnis der Idee. Die absolute Idee entfremdet das ursprüngliche Sein, erzeugt den gesamten Reichtum der Welt und begreift ihn in einer ihr selbst entsprechenden Fülle. „Wir sind nun zurückgekehrt zum Begriff der Idee, mit dem wir begonnen haben. Doch diese Rückkehr ist zugleich ein Fortschritt. Wir begannen mit dem Sein, dem abstrakten Sein. An diesem Punkt unseres Weges, den wir nun betreten haben, haben wir die Idee als Sein. Doch diese Idee, die Sein besitzt, ist Natur.“
Die Philosophie der Natur
Die Natur, so Hegel, ist die Antithese, das Anderssein der Idee. Sie erscheint wie eine Sammlung verfestigter Begriffe auf bestimmten Stufen der Existenz des Absoluten Geistes.
Getreu seiner Methode unterscheidet Hegel drei Stufen: Mechanik, Physik und Organik. Die Verbindung zwischen ihnen gleicht der Beziehung von These, Antithese und Synthese in der Logik. Während diese Beziehung dort real und ein tatsächlicher Prozess ist, ähnelt sie in der Natur eher einer Kopie oder Illustration des Originals. Es handelt sich nicht um die Entwicklung selbst, sondern um deren Abdruck.
Die absolute Idee geht der Natur voraus; die Welt wird erschaffen, und ihre Ewigkeit manifestiert sich in der Bewahrung nach der Schöpfung. Hegel beginnt mit der Organisation der Formen des Naturdaseins, wie Raum und Zeit, wobei die Natur in der Zeit ewige Wiederholungen, Kreisläufe und Rückkehrbewegungen vollzieht.
Die inhaltliche Fülle von Raum und Zeit ist mit Materie und Bewegung verbunden, die untrennbar miteinander existieren. All diese Komplexität wird durch eine innere, die Natur belebende Kraft synthetisiert.
In der Physik versucht Hegel, einzelne Naturphänomene zu charakterisieren, ihre Verbindungen aufzudecken und hierarchische Sequenzen zu beschreiben. Allerdings finden sich in diesem Teil seines Werkes viele Übertreibungen, Absurditäten und unbewiesene Behauptungen. So stellt er sich das Licht als die einfachste Form des Gedankens vor, den Klang als mechanische Beseeltheit und Magnetismus als Gedanke in der Natur mit einer dreigliedrigen Struktur: zwei Polen und einem neutralen Punkt.
Der dritte Teil der Naturphilosophie befasst sich mit den Problemen des Lebens. Hier unternimmt Hegel den Versuch, den Übergang von unbelebter Natur zu lebendigen Formen – Pflanzen, Tieren, Menschen – darzustellen. Allerdings entstehen die verschiedenen Naturformen bei Hegel nicht nacheinander, sondern werden gewissermaßen vom Absoluten Geist in einer bestimmten Reihenfolge auf die „Lebensschnur“ aufgereiht.
Der Versuch, eine Naturphilosophie zu schaffen, entsprang weniger dem Interesse an der Natur als vielmehr den Anforderungen des von Hegel entwickelten Systems. Die Natur erhält ihre Einheit durch die Idee, die bestrebt ist, diese Phase so schnell wie möglich zu durchlaufen und zu sich selbst zurückzukehren.
Die Philosophie des Geistes
Der dritte Abschnitt von Hegels Philosophie stellt die abschließende Stufe der Entwicklung des Absoluten Geistes dar, in der dieser das Konzept eines denkenden natürlichen Wesens – des Menschen – erreicht. Auch hier begegnet uns die Triade der Entwicklung.
Zunächst manifestiert sich der subjektive Geist, der sich vor allem durch die menschliche Seele zeigt, welche untrennbar mit dem Körper verbunden ist (Anthropologie). Dieses Verhältnis bildet die Grundlage für rassische, nationale und altersbedingte Unterschiede, liefert das Material zur Beurteilung von Charakteren und Temperamenten der Menschen sowie ihrer Unterscheidung von den Tieren. Zudem lassen sich anhand dieser Beziehung Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand oder auf Missstände im menschlichen Organismus ziehen.
Der Antithese der Anthropologie entspricht die Phänomenologie, die Lehre vom Geist, der von der Körperlichkeit getrennt ist. Der Synthese aus körpergebundenem und körperfreiem Geist begegnen wir in der Psychologie, in der der Geist sowohl praktisch als auch theoretisch die äußere Welt seinem Willen unterwirft.
So lässt sich sagen, dass der Gegensatz des subjektiven Bewusstseins, der individuellen Psyche des Menschen, im objektiven Geist zu finden ist, im kollektiven Bewusstsein der Gesellschaft. Der Ausgangspunkt des objektiven Geistes liegt in der Lehre vom abstrakten, formalen Recht. Das Recht steht im Gegensatz zur Willkür und wird, Hegel zufolge, als das unmittelbare Sein der Freiheit verstanden. Es sichert die Freiheit der Persönlichkeit, indem es die Idee der Unverletzlichkeit des Privateigentums garantiert. Denn der Mensch erkennt seine eigene Stärke und seine Möglichkeiten, indem er seinen Willen in etwas einbringt. Wird dieses Streben erfolgreich, so wird er Eigentümer. Dieses private Eigentum, das den Umfang der Willensfreiheit des Individuums demonstriert, muss jedoch von anderen anerkannt werden.
Dem Recht, als einer Sphäre äußerer Gesetze, steht die Moral entgegen – das Reich des inneren Gebots und des freien Willens. Die Moral verkörpert die Überzeugungen des Menschen.
Die höchste Stufe der Entwicklung des objektiven Geistes stellt die Sittlichkeit dar, in der Persönliches und Gesellschaftliches verschmelzen. Die Sittlichkeit durchläuft in ihrer Entwicklung drei Stufen: Familie, bürgerliche Gesellschaft und Staat. Nach Hegel ist nicht der Einzelne, sondern die Gesellschaft das primäre bestimmende Prinzip der menschlichen Geschichte. Die Familie repräsentiert die natürliche, ursprüngliche Einheit der Menschen. Doch da die Familie die Individualität nivelliert, wird sie durch die bürgerliche Gesellschaft negiert, welche das Zusammenspiel unabhängiger Individuen darstellt, die in bestimmten sozioökonomischen Beziehungen zueinander stehen.
In der bürgerlichen Gesellschaft ist jeder für sich selbst Zweck, während alle anderen für ihn nichts sind. Doch ohne Übereinkunft mit anderen kann er seine Ziele nicht verwirklichen, weshalb die anderen zu Mitteln für seine Zwecke werden. Diese Gegensätze und ihre Verflechtungen formen die komplexe Struktur der bürgerlichen Gesellschaft, in der Hegel eine gleichermaßen überwältigende Fülle und Überfluss wie auch Armut und moralischen Verfall erkennt. Dabei betont Hegel die Bedeutung der ökonomischen Beziehungen in der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft, die er in Analogie zu den moralischen Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft betrachtet.
Der objektive Geist erreicht, die Stufe der bürgerlichen Gesellschaft überwindend, seine höchste Form – den Staat. Der Staat ist die Verwirklichung der sittlichen Idee, der sittliche Geist, das "Schreiten Gottes in der Welt."
Menschen können die gesellschaftlich-politische Ordnung nicht willkürlich gestalten, da der Staat das Ergebnis gesetzmäßiger Entwicklung ist. Die beste Form des Staates sieht Hegel in der konstitutionellen Monarchie, da diese den würdigsten Mitgliedern der Gesellschaft erlaubt, ihren verdienten Platz einzunehmen. Hegel schlug vor, den Stand der Menschen nach Vermögen und Machtumfang zu klassifizieren. Die höchste "natürliche Sittlichkeit" schreibt er dem Adel zu, gefolgt vom "nach Freiheit strebenden" Bürgertum, und schließlich der "formlosen Masse" der Arbeitenden. An der Spitze dieser gesellschaftlichen Pyramide steht die Bürokratie, deren Aufgabe es ist, die allgemeinen Interessen der Gesellschaft zu wahren.
Ein idealer Staat wie die konstitutionelle Monarchie wäre ein Garant der Sittlichkeit, selbst wenn er seine Ziele durch militärische Mittel erreicht. Denn, so Hegel, der Krieg bewahrt die Völker vor dem moralischen Verfall, der unvermeidlich durch einen "ewigen Frieden" eintreten würde.
Philosophie der Geschichte
Wenn in der Natur Veränderungen durch unendliche Wiederholungen geschehen, so ist die menschliche Geschichte zu Vollkommenheit und Fortschritt fähig.
Hegel war überzeugt, dass in der Geschichte Gesetzmäßigkeit herrscht, dass sie durch die Verbindung von Vergangenheit und Zukunft im gegenwärtigen Moment gekennzeichnet ist. Die Weltgeschichte erscheint als ein einheitliches Ganzes, in dem keine zufälligen Stufen und Etappen existieren. Insgesamt ist der Prozess der Geschichte geistig, und die Absolute Idee herrscht darin, wobei sie im Menschen das Mittel zur eigenen Erkenntnis erlangt. Das Kriterium des Fortschritts der Weltgeschichte ist das Erkennen des Notwendigen, das heißt, der Grad der Freiheit.
Die Komplexität der Geschichte hängt mit der Vielfalt menschlicher Tätigkeiten zusammen, mit der Vielzahl der Interessen, der Vielgestaltigkeit der Ziele, dem Reichtum an Geschmäckern, der Macht der Leidenschaften und den Besonderheiten der gegebenen Verhältnisse. „Die Weltgeschichte ist keine Arena des Glücks. Glückliche Perioden erscheinen in ihr als leere Blätter, weil sie Perioden der Harmonie sind, in denen der Gegensatz fehlt.“
Wenn also die Idee den Kern der Geschichte bildet, so tritt die Leidenschaft als ihr leitender Faden hervor. Deshalb werden die Taten der Menschen oft unbewusst vollzogen. Große Persönlichkeiten spielen in der Geschichte eine bedeutende Rolle, weil sie den Geist ihrer Zeit, den „Volksgeist“, verkörpern. Für jede historische Gemeinschaft von Menschen sind ein besonderes Kulturniveau, ein bestimmter Zustand des Daseins, das herrschende Staatswesen, die dominierende Form der Religion und andere Parameter charakteristisch. Doch für jede Epoche gibt es ein historisches Volk, das über alle anderen herrscht, da es der Träger der Ziele des Weltgeistes seiner Zeit ist. Die übrigen Völker haben sich entweder erschöpft oder noch nicht hinreichend entwickelt und müssen daher geringere Rechte besitzen.
Daher unterteilt Hegel die Weltgeschichte in drei Epochen: die östliche, die antike und die germanische. Die Geschichte, die im Osten begann, ist mit der völligen Unfreiheit der Menschen verbunden (so schläft in China der Verstand noch, in Indien träumt er erst, in Babylonien und Ägypten beginnt der Geist sich zu fühlen). In dieser Periode erkennt nur der eine Mensch - der Staatsoberhaupt - sich selbst. Im antiken Zeitraum ist das Bewusstsein von Freiheit bereits einigen Gruppen von Menschen eigen. Diejenigen, die ihre Freiheit nicht erkennen können, verbleiben in Sklaverei. In diesem Zusammenhang wird die Tyrannei östlicher Art durch demokratische Regimes abgelöst. Die höchste und letzte Stufe dieses Prozesses ist die „christlich-germanische Welt“, in der alle Menschen ihre Freiheit gemäß den christlichen Prinzipien erkennen. Die preußische konstitutionelle Monarchie wird von Hegel als die optimale Form der gesellschaftlichen Ordnung betrachtet, und „Europa ist das unbedingte Ende der Weltgeschichte...“.
In den Übergangsperioden der Geschichte findet ein tiefgehendes Drama der Völker statt, die den Unterschied zwischen Ideal und Wirklichkeit erkannt haben und zu neuen Idealen übergehen.
Die Weltgeschichte, die ihren Inhalt im Weltgeist hat, ist noch nicht das Endziel der Entwicklung. Über dem ganzen System erhebt sich, durchdringend, der Absolute Geist. Seine erste Ursprungsform, in der sich die ethischen Beziehungen konkretisieren, ist die Kunst. Kunst erscheint als der schöne Ausdruck, in dem Form und Inhalt harmonisch miteinander koexistieren. Dieses Ideal zeigt sich aus verschiedenen Perspektiven in den unterschiedlichen Genreformen. Die höchste dieser Formen ist die deutsche Poesie.
Das Antithesis, der Gegensatz zum Bild des Absoluten Geistes, wird im religiösen Vorstellungsbild gegeben. Die romantische Kunst ermöglicht es dem Geist, von der Kunst in den Bereich der Religion überzutreten. In der Geschichte entwickeln sich religiöse Vorstellungen bis zu ihrer absoluten Spitze – dem Christentum.
Der ästhetische Bildbegriff und das religiöse Vorstellungsbild werden in den philosophischen Begriffen synthetisiert. Die Einheit des subjektiven und objektiven Geistes in der Religion wird durch das Fühlen und in der Philosophie durch das Denken erreicht. Daher ist es nur die Philosophie, die das Absolute denken und erkennen kann. Doch sie tut dies im Rahmen bestimmter historischer Epochen, wobei die Philosophie bei bestimmten Völkern als abschließendes Produkt ihrer Kultur gebildet wird und in ihrer vollen Entfaltung am Ende der Geschichte dieses Volkes erscheint. Die Philosophie ist somit das Resultat der kulturellen Entwicklung. Sie ist stets widersprüchlich, da sie den Bruch zwischen den Bestrebungen und den realen Lebensformen ausdrückt. Keine Philosophie kann den Anspruch erheben, die absolute Wahrheit zu kennen, keine ist endgültig, sondern tritt als untergeordneter Moment in nachfolgende Systeme ein.
Der Geist jedoch hat nach Hegel seinen schwierigen Weg der Selbst-Erkenntnis abgeschlossen und seine höchsten Positionen erreicht, und sein System stellt die Gesamtheit aller Erkenntnisformen dar. Der Denker neigt dazu, seine Philosophie als den Gipfel und das Ende der philosophischen Gedanken zu betrachten, als Ausdruck der erreichten absoluten Wahrheit.
Der Versuch, alle Errungenschaften des menschlichen Geistes in einem System zu vereinigen, wurde nach der antiken Philosophie erstmals von Hegel verwirklicht. Gerade weil dieser Versuch erfolgreich war, begann die Menschheit schließlich zu begreifen, dass Systeme vergänglich sind und Methoden fruchtbar. Und auch wenn dieser Schluss nicht von Hegel selbst gezogen wurde, so ermöglichte sein Werk es doch, die Vorstellung von der Vollständigkeit und Abgeschlossenheit der Welt im Wissen um ihre Erkenntnis von ihrem toten Punkt zu lösen.
„… Die Ewigkeit in den Diamanten richten, In das Metall der weltumfassenden, absoluten, Unbewegten Wahrheit, in die trügerische Hoffnung, Alles auf einmal zu lösen. Der kühnste Traum war vergeblich. Kann denn die Sonne nicht das Eis schmelzen und warten, bis es ihre Bewegung hemmt, das blinde Festhalten des Frostes?“
Über den Autor
Dieser Artikel wurde von Sykalo Yevhen zusammengestellt und redigiert — Bildungsplattform-Manager mit über 12 Jahren Erfahrung in der Entwicklung methodischer Online-Projekte im Bereich Philosophie und Geisteswissenschaften.
Quellen und Methodik
Der Inhalt basiert auf akademischen Quellen in mehreren Sprachen — darunter ukrainische, russische und englische Universitätslehrbücher sowie wissenschaftliche Ausgaben zur Geschichte der Philosophie. Die Texte wurden aus den Originalquellen ins Deutsche übertragen und redaktionell bearbeitet. Alle Artikel werden vor der Veröffentlichung inhaltlich und didaktisch geprüft.
Zuletzt geändert: 12/01/2025